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        <title>Lesebuch für österreichische Volksschulen : Ausgabe in fünf Theilen / herausgegeben von Dr. Georg Ullich, W. Ernst und Franz Branky. - 2. Theil.</title>
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        * 
J ⸗* 
äst erreich ische Polksschulen. 
Ansgabe in fünf Theilen.) 
2. Theil. 
Hergusgegeben 
von 
W. Ernst und 
* 
15 
2 * 
— 
⸗ 
⸗ 
* 
— 
— —— 
* —— 
453 
Preis, in Leinwaͤndrücken, 28 Kreuzer. 
Im kut Schulbucher Verlage
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        —
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        Lesebuch 
ů A 
r 
österreichische Volksschulen. 
(Ausgabe in fünf Theilen.) 
2. Theil. 
Heraus 
Dr. Georg Ullrich, B 
und Franz Branky. 
* 
verlage 
—— — —— 7 
nwandrücken, 28 Kreuzer. 
Im'k. k. Schulbücher-Verlage. 
Prag. 
1878.
        <pb n="6" />
        Die in einem k. k. Schulbuͤcher-⸗Verlage herausgegebenen Schul—⸗ 
buͤcher dürfen nicht um höhere als die auf dem Titelblatte angegebenen 
Preise verkauft werden.
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        Elternhaus und Schule. 
1. Im Namen Gottes. 
Im Namen Gottes fang ich an, 
mir helfe Gott, der helfen kann! 
Wenn Gott mir hilft, wird alles leicht; 
wo Gott nicht hilft, wird nichts erreicht. 
Drum ist das Beste, was ich kann: 
Im Namen Gottes fang' ich an. 
Alter Spruch. 
2. Morgengebet. 
Vom Schlaf bin ich gesund erwacht, 
dir, lieber Gott, sei Dank gebracht! 
Nimm mich auch heut in deine Hut 
und mache mich recht fromm und gut, 
dass ich, o Gott, den ganzen Tag 
dein liebes Kindlein bleiben mag. 
Dieffenbach. 
3. Gott und die Eltern. 
Zwei Eltern hat ein Menschenkind, doch einen Gott, nicht mehr, 
und wenn gestorben beide sind, am Leben ist noch er. 
Rüuͤckert.
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        4 
4. Gute Eltern. 
Wie verdank' ich Gott die Gabe, 
dass ich gute Eltern habe, 
die für mich vom Morgen 
bis zum Abend sorgen, 
Die mich kleiden, mich ernaͤhren, 
mich das Boͤse meiden lehren, 
mich in meinen Pflichten 
liebreich unterrichten! 
O, ich will sie wieder lieben. 
nie mit Vorsatz sie betrüben, 
will mich stets bestreben, 
gut und fromm zu leben. 
5. Einigkeit. 
Marie war zwei Jahre älter als ihre Schwester 
Berta. Die ältere Schwester wollte der jüngeren des 
Morgens beim Anziehen nie helfen, und darum gab es oft 
Zank und Streit. Da sagte die Mutter eines Morgens: 
„Hoͤrt, Kinder, ich will euch einmal ein Märchen erzählen. 
Aber erst müsst ihr im Zimmer hübsch aufräumen und 
einander dabei helfen.“ 
Da gieng's flink an die Arbeit, und in kurzer Zeit 
war das Zimmer in Ordnung. Darauf erzählte die Mutter: 
„Der Zeigefinger hatte einst einen goldenen Ring angesteckt, 
in welchem ein Edelstein glänzte. Deshalb wurde der 
Finger hochmüthig und wollte dem Daumen und dem 
Mittelfinger nicht mehr schreiben helfen, obgleich alle drei 
die Feder halten müssen. Der geschmückte Zeigefinger hielt 
sich für besser als die andern. Es war aber auch ein wenig 
Faulheit dabei im Spiele. Die andern Finger waren
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        erzürnt und dachten: Du wirst uns doch auch noch einmal 
nöthig haben, und dann helfen wir dir auch nicht. 
Nach einigen Tagen wollte der Zeigefinger eine Blume 
pflücken; aber weil weder der Daumen noch die andern 
Finger behilflich waren, so mussste er die Blume stehen 
lassen. So gieng es ihm auch, wenn er Kirschen vom 
Baume nehmen wollte. Da sah er endlich ein, dass er 
ohne die andern Finger nichts machen konnte, und es war 
ihm nun leid, dass er so hochmüthig gegen seine Mithrüder 
gewesen war.“ 
Nach Curtman. 
6. Sprüche. 
Kinder, die sich nicht vertragen, 
die sich zanken und verklagen, 
haben keine guten Herzen, 
machen ihren Eltern Schmerzen. 
Kinder sollen groß und klein 
unter sich verträglich sein. 
7. Das wackere Kind. 
Ein wack'res Kind vom Schlaf erwacht, sobald das 
Feuer im Ofen kracht, fährt aus dem Bett und waäscht sich 
frisch und stellt sich munter an den Tisch, spricht sein 
Gebet, nimmt dann das Buch und lernt noch einmal 
seinen Spruch. Das macht schon einen heitern Muth, das 
Frühstück schmeckt nun doppelt gut. 
Jetzt ist es für die Schul' bereit, es gehet fort zur 
rechten Zeit, steht auf der Straß' nicht da und dort, geht 
lustig seines Weges fort. Nicht in die Pfütze tritt sein 
Fuß, die Mütze zieht es ab beim Gruß und sitzt dann in 
der Schule drin mit stillem Fleiß und regem Sinn. 
Nach Gull.
        <pb n="10" />
        — 6 — 
8. Der Faule. 
„Heute in die Schule gehen, 
da so schönes Wetter ist? 
Nein! Wozu denn immer 'lernen, 
was man später doch vergisst! 
Doch die Zeit wird lang mir werden, 
und wie bring' ich sie herum? — 
—A 
Hund, du bist mir viel zu dumm! 
And're Hund' in deinem Alter 
können dienen, Schildwach' steh'n, 
können tanzen, apportieren, 
auf Befehl ins Wasser geh'n. 
Ja, du denkst, es geht so weiter, 
wie du's sonst getrieben hast. 
Nein, mein Spitz, jetzt heißt es lernen! 
Hier! Komm her und aufgepasst! 
So — nun stell' dich in die Ecke! — 
Hoch! den Kopf zu mir gericht't! — 
Pfoͤtchen geben! — So! — noch einmal! 
sonst gibt's Schläge! — Willst du nicht? 
Was? du knurrst? du willst nicht lernen? 
Seht mir doch den faulen Wicht! 
Wer nichts lernt, verdienet Straf;, 
kennst du diese Regel nicht?“ 
Horch! — Wer kommt? — — Es ist der Vater! 
Streng ruft er dem Knaben zu: 
„Wer nichts lernt, verdienet Strafe! 
sprich! und was verdienest du?“ 
Reinick.
        <pb n="11" />
        9. Der Weg zur Schule. 
Im Winter, wenn es frieret, im Winter, wenn es 
schneit, dann ist der Weg zur Schule fürwahr nochmal 
so weit. 
Und wenn der Kuckuck rufet, dann ist der Frühling 
da, dann ist der Weg zur Schule fürwahr nochmal so nah. 
Wer aber gerne lernet, dem ist kein Weg zu fern; 
Frühling wie im Winter geh' ich zur Schule gern. 
Hoffmann v. Falersleben. 
im 
10. Drei Kinder auf dem Schulwege. 
Die kleine Emma fiel in einen Schneehaufen, 
als sie im Winter in die Schule gieng. Sie konnte sich 
gar nicht mehr auf die Füße helfen. Da kamen Karl 
und Franz des Weges, die auch in die Schule wollten. 
Franz lachte boshaft und wollte noch mehr Schnee auf 
das Kind werfen. Karl aber sprach: „Thu doch der Emma 
nichts zuleide!“ Dann fasste er das Mädchen am Arme 
und richtete es auf. Er schüttelte ihm auch den Schnee 
von den Kleidern und nahm ihm die Schultasche ab. 
Damit es nicht mehr falle, führte er es an der Hand bis 
zur Schulthüre. 
LI. Sei versöhnlich. 
Franz und Josef giengen in die Schule. Auf dem 
Wege zog Josef eine Schrift hervor und zeigte sie dem 
Franz. Dieser besah die Schrift und sagte: „Ei, Josef! 
da hast du ja viele Fehler gemacht und hast nicht fleißig 
geschrieben.“ Er wollte dem Josef die Fehler zeigen; der 
aber wurde zornig, riss ihm die Schrift aus der Hand
        <pb n="12" />
        — * 
und gab ihm heftige Stöße mit der Faust. Franz stieß 
nicht zurück, sondern gieng ruhig weiter; doch sprach er: 
„Josef, ich werde es dem Herrn Lehrer sagen, dass du 
mich gestoßen hast.“ „Sag' es!“ antwortete Josef. 
Aber als sie nahe an der Schule waren, da zupfte 
Josef den Franz am Armel und sprach: „Du, Franz! 
hoöͤrst du? sage dem Lehrer nichts; ich will dich nimmer 
stoßen, und schlagen will ich dich auch nimmermehr. Hoͤrst 
du, Franz?“ 
Franz kehrte sich zu Josef und sah, dass er betrübt 
und ängstlich war. Josef streckte ihm die Hand entgegen 
und bat um Verzeihung. Da reichte ihm Franz die Hand 
und sprach: „Es ist verziehen und vergessen!“ 
12. Gebet vor der Schule. 
Gott, wir Kinder fleh'n zu dir, 
segne du die Lehre, 
die wir in der Schule hier 
von dem Lehrer hoören; 
lass uns fromm, gehorsam sein, 
unsern Lehrer stets erfreu'n! 
13. Tafel, Stift und Schwamm. 
Die Schiefertafel, der Stift und der Schwamm zankten 
einmal mit einander, wer von ihnen am wichtigsten wäre. 
Die Tafel verachtete die andern und sagte: „Ich bin die 
Herrin, und ihr seid meine Knechte.“ „Das sind wir nicht,“ 
riefen der Schwamm und der Stift zugleich. ,Der Herr 
bin ich,“ sagte der Schieferstift. „Ich schreibe auf die 
Tafel, was ich nur will. Auch bin ich viel gescheiter als 
die alberne Tafel; denn ich kann schreiben, rechnen und 
zeichnen.“ — „Uberhebe dich nicht, du schwacher Stift!“
        <pb n="13" />
        — 
9— 
— 
schrie nun der Schwamm, ich bin mächtiger als ihr beide 
zusammen; denn, wenn auch die ganze Tafel mit dem 
Stifte vollgeschrieben ist, löͤsche ich alles in wenigen 
Augenblicken aus.“ 
Der Streit wurde heftig, und das Schulkind sollte 
ihn entscheiden. Das Schulkind sagte: „Tafel, Stift und 
Schwamm, ihr müsst mir alle drei dienen, ihr seid mir 
einer soviel wert als der andere.“ Dabei nahm es den 
Schwamm und wischte die Tafel ab. Dann ergriff es den 
Stift und schrie:: 
„Seid nicht stolz und zankt euch nicht: 
jedes thue seine Pflicht!“ 
14. Růãthsel. 
Rathe, was ich hab' vernommen: 
Es sind achtzehn Gesellen ins Land gekommen, 
gestaltet schön und säuberlich, 
doch keiner einem andern glich; 
all ohne Fehler und Gebrechen, 
nur konnté keiner ein Woͤrtlein sprechen. 
Und damit man sie sollte versteh'n, 
hatten sie fünf Dolmetscher mit sich geh'n; 
das waren — Leut'. 
Der erst' erstaunt, reißt's Maul auf weit, 
der zweite wie ein Kindlein schreit, 
der dritte wie ein Mäuslein pfiff, 
der vierte wie ein Fuhrmann rief, 
der fünfte wie ein Uhu thut. 
Das waren ihre Künste gut; 
damit erhoben sie ein Geschrei, 
füllt noch die Welt, ist nicht vorbei. 
Aus „Des Knaben Wunderhorn“.
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        19 — 
15. Das A-B-C. 
d, b, c, d, e, f, g, h, i, j k, l, m,en, 
a, b. c, d, e, f, g, h, i, j, k, l, II. II. 
O, p, q, r, s 8, ß, t, u, v, w, x, y, z. 
O, P, q,. FT, s, 6G, k, u, V. W, x, Y, 2. 
A, B, C, D, E, F, G, H, J, K, L, 
A. B, C, D. E, F, G, H, J, J. K, L, 
M, N, O, P, O, R, S, T, u, V, W, 
M. N. O, P, C. R, S, T, U, V, WM, 
X, M B. 
X. V. 2Z.
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        u 
M 
saeeιμιιιιON 
I6. Sprüche. 
Aller Anfang ist schwer. 
Lerne was, so kannst du was! 
bung macht den Meister. 
Mübiggang ist aller Laster Anfang. 
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. 
Jung gewohnt, alt gethan. 
Alte soll man ehren, Junge soll man lehren. 
Den Geschickten hält man wert, den Ungeschickten 
niemand begehrt. 
Zu einem Ohr 
wer so lernt, bri⸗ 
2um andern gleich heraus, — 
im Kopfe mit nach IHaus. 
17. 
ich der Schule. 
ten Lehren 
t nur hören! 
Vater, 
lass uns 
Segne du de 
führ' uüns, 
Lass uns still 
stets nur auf 
Mach'“ sittsar 
segne Kin 
Vort, 
cort! 
gehen, 
nen!“ 
ind wahr., 
18. WV⸗ 
— 
ten gethan? 
Es fiel ein Knäblein in den Bach, 
weil unter ihm das Steglein brach. 
Sein ältester Bruder rief und schrie 
und sank vor Schrecken in die Knie. 
Der and're eilte fort nach Haus 
und rief die Mutter gleich heraus.
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        19 — 
15. Das A-B-C. 
d, b, c, d, e, f, g, h, i, j k, l, m,en, 
a, b. c, d, e, f, g, h, i, j, k, l, II. II. 
O, p, q, r, s 8, ß, t, u, v, w, x, y, z. 
O, P, q,. FT, s, 6G, k, u, V. W, x, Y, 2. 
A, B, C, D, E, F, G, H, J, K, L, 
A. B, C, D. E, F, G, H, J, J. K, L, 
M, N, O, P, O, R, S, T, u, V, W, 
M. N. O, P, C. R, S, T, U, V, WM, 
X, M B. 
X. V. 2Z.
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        1 
sntιαιιαν. 
I6. Sprũüche. 
Aller Anfang ist schwer. 
Lerne was, so kannst du was! 
bung macht den Meister. 
Mübiggang ist aller Laster Anfang. 
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. 
Jung gewohnt, alt gethan. 
Alte soll man ehren, Junge soll man lebren. 
Den Geschickten hält man wert, den Ungeschickten 
niemand begehrt. 
Zu einem Ohr hinein, zum andern gleich heraus, — 
wer so lernt, bhringt nicht viel im Kopfe mit nach Haus. 
17. Gebet nach der Schule. 
Vater, all' die guten Lehren 
lass uns üben, nicht nur hören! 
Segne du des Lehrers Wort, 
führ' uns, leit' uns fort und fort! 
Lass uns still nach Hause gehen, 
stets nur auf das Gute sehen! 
Mach' uns sittsam, fromm und wahr, 
segne deine Kinderschar! 
18. Wer hat am Besten gethan? 
Es fiel ein Knäblein in den Bach, 
weil unter ihm das Steglein brach. 
Sein ältester Bruder rief und schrie 
und sank vor Schrecken in die Knie. 
Der and're eilte fort nach Haus 
und rief die Mutter gleich heraus.
        <pb n="18" />
        120 — 
Der jüngste sprang dem Bruder nach 
und zog ihn muthig aus dem Bach. 
Nun denke nach, und sag' mir an, 
wer wohbl am besten hat gethan. 
Keller. 
IO. Das verlorne Vierkreuzerstück. 
Din kleines Mädchen stand auf der Straße und 
weinte bitterlich. Da gieng ein Herr vorüber. Als er 
das Kind stehen sah, trat er heran und fragte es, warum 
es weine. „Ach,“ sagte das Mädchen, „meine Mutter will 
das Mittagsmahl für den Vater kochen, und dazu sollte 
ich für ein Vierkreuzerstück etwas beim Kaufmann holen, 
und das Geld habe ich verloren!“ Dabei suchte das 
kleine Mädchen immer auf der Erde umnher und weinte. 
Da griff der fremde Mann in die Tasche und sprach: 
„Sei ruhig, mein Kind, hier hast du zehn Kreuzer statt 
des Vierkreuzerstückes; dafür kaufe beim Kaufmann, 
was dir deine Mutter gesagt hat, und die übrigen 
Kreuzer behältst du für dieh.“ Da ward das kleine 
Mädehen wieder ruhig, nahm das Zehnkreuzerstück 
und dankte hötlich. 
Kaum aber war der Fremde einige Schritte fort- 
gegangen, so kam ihm das Kind mit freudigem Gesicht 
nachgesprungen und rief: „Hier, lieber Herr, sind die 
zehn Kreuzer wieder; ich habe mein Vierkreuzerstück 
gefunden!“ 
Da freute sich der Mann, dass das Kind so gut 
und ehrlich war, und wusste nicht, was er sagen sollte. 
Dann aber griff er noch einmal in die Tasche, gab dem 
Kinde éinen blanken Silhergulden und sprach: „Du bist 
ein braves Mädchen! Bleibe immer so ebrlich! Den
        <pb n="19" />
        13 — 
Silhergulden aber lege in deine Sparhüchse, und bringe 
deiner Mutter einen Gruß von dem fremden Manne, der 
ihn dir gegeben und sich über dich gefreut hat!“ 
Lausch. 
20. Am Mittage. 
Lieber Gott, du gibst zu essen 
allen Wesen in der Welt, 
was da springt in Wald und Feld; 
niemals hast du eins vergessen. 
Sorgest auch für mich und schenkest 
heut mir wieder Speis' und Trank. 
Liebsster Vater, habe Dank, 
dass du so an mich gedenkest! 
9— 
e y 
214. Steine Zum Mittagsmahl. 
Bruno spielte einst auf der Straßhe. Da kam ein 
armer, alter Mann auf RKrücken daher. Er hielt seinen 
Hut vor sich hin, und wenn ihm jemand einen Kreuzer 
oder ein Stück Brot hineinwarf, so dankte er freundlich. 
Bruno aber, anstatt Mitleid mit dem Armen zu haben, 
nahm eine Handvoll Steine und warf sie in den Hut des 
Bettlers. Als der alte Mann dabei ruhig blieb, schlug 
ihm der höse Bube gar den Hut aus der Hdand. 
Bruno's Vater hatte das alles mit angesechen. Er 
holte den alten Mann ins Haus, und beim Mittags- 
essen durfte derselbe an Bruno's Platze sitzen, mit 
seinem Löffel essen, auf seinem Teller speisen. Bruno 
aber musste auf dem Boden sitzen und erhielt einen 
Stein anstatt des Essens, weil auch er dem Alten Steine 
statt Brot in den Hut geworfen hatte. Der Knabe
        <pb n="20" />
        14 — 
weinte nun bitterlich. Erst als der arme Mann selbst 
den Vater bat, er möchte Bruno an dem Tische sitzen 
lassen, durfte er neben dem Armen Platz nehmen. Er 
versprach nun unter Thränen, nie wieder einen Armen 
zu beleidigen. 
22. Kindesliebe. 
Dine Mutter lag krank und litt grobe Schmerzen. 
Alle Kinder im Hause waren traurig und nieder- 
geschlagen. Die größeren knieten oft zusammen nieder 
und beteten, dass Gott die Mutter wieder möchte gesund 
werden lassen. Das kleinste Kind stand fast den ganzen 
Tag bei dem Bette der kranken Mutter und fragte 
beständig, wann sie wieder gesund werden und aufstehen 
würde. Einst sah dieses Kind bei dem Bette ein Arznei- 
glas stehen und fragte: „Mutter, was ist in dem Glase ? 
Die Mutter antwortete: „Kind, dies ist etwas gar 
Bitteres, und doch muss ich es trinken, dass ich wieder 
gesund werde.“ „Mutter,“ sagte das gute Kind, „wemn 
es so bitter ist, so will ich es für dich trinten, damit 
du wieder gesund werdest.“ Da lächelte die Mutter; 
denn sie freute sich, dass sie von ihren Kindern so 
herzlieh geliebt werde. 
Staub. 
23. Der Grobvater. 
„Großvater, sag', du bist schon so alt; 
doch munter noch ist dein Gesicht, 
hast in den Armen noch so viel Gewalt, 
und klagest über Krankheit noch nicht; 
bist heit'rer als mancher junge Mann: 
wie geht das zu? wie fiengst du das an?“ —
        <pb n="21" />
        — 15 — 
„Mein liebes Kind, das war nicht schwer. 
Ich trieb mich als Knabe nie wild umher; 
ich ab und trank auch nie zuviel, 
war mähig im Schlaf, bei Lust und Spiel; 
ich scheute mich nicht vor Regen und Wind; 
drum blieb ieh gesund. — Mach's aueh so, mein Kind!“ 
F 
utter sagte zwu Gertrudè und Karl: „Kinder, 
n wir mit der Post zur Großmutter 
ir ααν beizéiten aufstehen, denn ihr 
A, dex agen wartet nicht, und wer nicht 
echten Leit fertig ist, muss zu Hause bleiben.“ 
Die Kleinen jabelten, als sis hörten. Den ganzen 
prachen sie von nichts als von der bevorstehenden 
und seuen sich, schon im voraus auf alle die 
ehkeitez die sie bei der Grobmutter erwarteten. 
Nun aber war Karl ein recht unordentlicher Knabe. 
Spielaer seine Bücher, seine Kleidungsstücke warf 
in allen V abkeln umher, anstatt jedes Ding an den 
gehörigen Ple z zu legen. Wem er in die Schule 
gehen sollte, wusste er gewöhnlich erst Rechentafel und 
Sokreibhuch suchen, versäumteé deshalb öfters die Zeit 
ann wurde vbm Lehrer bestiaft. Wenn er mit dem 
Vater spazleren gehen sollte, dann war gewiss auch 
immer seins RKleidung in unordentlichem Zustande: bald 
hatte er ein Loch im Rocke, bald war die Weste 
beschmutzt Dashalb war der Vater häufig gerwungen, 
ibn zu Hauseszu lassen und allein zu gehen. Weii 
Gertrud nun Karsls Unordentlichkeit kannte, fragte sie 
hn noch am Aboende vor der Reise: „Karl, hast du 
uch alle deine Sachen zurecht gelegt, damit du sie
        <pb n="22" />
        10 — 
morgen gleich sinden kannst ?“ — „Preilich, freilich!“ 
erwiderte er und legte sich zu Bette. 
Am andern Morgen sollte es fortgehen. Schon hörte 
man das Posthorn von weitem, und sie sahen den 
Wagen vor dem Posthause. Die Mutter und Gertrud 
eilten hinzu, und Karl wollte folgen. Da bemerkte die 
Mutter, dass er keine Mütze aufgesetet hatte. „Schnell 
hole die Mütze!“ rief ihm die Mutter zu. Karl rannté ins 
Haus, suchte eine Weile, konnte aber die Mütze nicht 
finden. „Sie ist nicht da!“ rief er, „ich muss ohne sie 
fahren.“ 
Die Mutter aber litt es nicht. „Nein,“ sagte sie, 
„wenn du deine Mütze nicht hast, musst du zu Hause 
bleiben. Ein unordentliches Kind darf ich der Grob- 
mutter nicht bringen, und warten können wir nicht 
mehr.“ 
Damit stiegen sie ein, der Wagen fubr fort, und 
Karl musste die Strafe für seine UDUnordentlichkeit 
ertragen. 
Chr. Schmid. 
25. Halte Ordnung 
Aus dem Bett und nicht gesäumt! Niecht bei hellem 
Tag geträumt! Erst die Arbeit, dann das Spiel! Nach 
der Reise kommt das Ziel! 
Schnell besonnen, nicht geträumt! Nichts vergessen, 
nichts versäumt! Nichts bloß obenhin gemacht! Was 
du thust, darauf gib acht! 
Prisch gethan und nicht gesäumt! Was im Weg 
—— 
Ordnung lerne früh, mein Kind 
Curtman.
        <pb n="23" />
        26. Das Schüchtelchen. 
Die kleine Sophie hatte ihre Mutter schon oft um 
ein Kanarienvögelchen gebeten. Da sagte die Mutter: „Du 
sollst eins bekommen, wenn du immer recht artig, fleißig 
und folgsam sein willst!“ 
Einmal nun kam Sophie aus der Schule nach Hause. 
Die Mutter sagte zu ihr: „Ich will ein wenig aus— 
gehen. Hier auf dem Tische steht ein Schächtelchen. Mache 
es ja nicht auf, rühre es auch nicht an! Wenn ich zurück— 
gekommen bin, werde ich dir eine große Freude machen.“ 
Kaum aber war die Mutter zur Thüre hinaus, so 
hatte Sophie das Schächtelchen schon in der Hand. 
„Es ist so leicht, und im Deckel sind kleine Löcher,“ 
sagte sie; „was mag nur darin sein? Ich will es einmal 
ein wenig öffnen; die Mutter merkt es ja nicht!“ 
Da hob sie den Deckel ab von der Schachtel. Husch! 
schlüpfte ein niedliches Kanarienvögelchen heraus und flog 
nun lustig in der Stube umher. 
Sophie wurde feuerroth vor Angst und wollte den 
Vogel geschwind fangen und wieder in das Schaͤchtelchen 
thun; aber es gelang ihr nicht. In diesem Augenblicke kam 
die Mutter zurück. 
„Du vorwitziges Mädchen,“ sagte sie, „das schöne 
Vögelchen solltest du zum Geschenk erhalten; aber ich wollte 
dich erst prüfen, ob du es auch verdientest. Du hast die 
Prüfung nicht bestanden, und darum werde ich es dem 
Manne zurückgeben, von dem ich es gekauft habe.“ 
B. Spieß. 
27. Gott sieht es. 
Jakob und Anna waren einmal allein zu Hause. 
Da sagte Jakob zu Anna: „Komm, wir wollen im Hause 
Lesebuch in 8 Theilen. n.
        <pb n="24" />
        — 
etwas Gutes zu essen aufsuchen und es uns wohlschmecken 
lassen.“ 
Anna sprach: „Wenn du mich an einen Ort führst, 
wo uns niemand sieht, so will ich mitgehen.“ 
„Nun,“ sagte Jakob, „so komm mit in das Milch— 
kämmerlein, dort wollen wir eine Schüssel voll süßer Milch 
verzehren.“ 
Anna erwiderte: „Dort sieht uns der Nachbar, der 
auf der Gasse Holz spaltet.“ 
„So komm mit in die Küche,“ sagte Jakob wieder, 
„in dem Küchenschranke steht ein Topf voll Honig, in den 
wollen wir unser Brot eintunken.“ 
Anna antwortete: „Dort kann uns die Nachbarin 
sehen, die am Fenster sitzt und spinnt.“ 
„So wollen wir unten im Keller Apfel essen,“ sagte 
endlich Jakob, „dort ist es stockfinster, dass uns gewiss 
niemand sieht.“ 
Anna sprach: „Lieber Jakob, meinst du wirklich, dass 
uns dort niemand sehe? Weißt du nichts von jenem Auge 
da droben, das die Mauern durchdringt und in das Dunkle 
sieht?“ 
Jakob erschrak und sagte: „Du hast recht, liebe 
Schwester, Gott sieht uns auch da, wo kein Menschenauge 
uns sehen kann. Wir wollen darum nirgends etwas 
Böses thun.“ Cht. Schmid. 
28. Versuchung. 
Gar emsig bei den Büchern ein Knabe sitzt im 
Kämmerlein; da lacht herein durchs Fenster der lust'ge, 
blanke Sonnenschein und spricht: „Lieb Kind! du sitzest 
hier? Komm doch heraus und spiel' bei mir!“ — 
Den Knaben stoͤrt es nicht, zum Sonnenschein er 
spricht: „Erst lass mich fertig sein!“
        <pb n="25" />
        Der Knabe schreibet weiter; da kommt ein lustig 
Vögelein, das picket an die Scheiben und schaut so schlau 
zu ihm herein. Es ruft: „Komm mit! Der Wald ist grün, 
der Himmel ist blau, die Blumen blüh'n!“ — 
Den Knaben stoͤrt es nicht, zum Vogel kurz er spricht: 
„Erst lass mich fertig sein!“ 
Der Knabe schreibt und schreibet; da guckt der Apfel— 
baum herein und rauscht mit seinen Blättern und spricht: 
„Wer wird so fleißig sein? Schau meine Apfel! Diese 
Nacht hab' ich für dich sie reif gemacht!“ — 
Den Knaben stört es nicht, zum Apfelbaum er spricht: 
„Erst lass mich fertig sein!“ 
Da endlich ist er fertig; schnell packt er seine Bücher 
ein und läuft hinaus zum Garten. Juchhe! Wie lacht 
der Sonnenschein! Das Bäumchen wirft ihm Apfel zu, der 
Vogel singt und nickt ihm zu. 
Der Knabe springt vor Lust und jauchzt aus voller 
Brust; jetzt kann er lustig sein! 
Reinick. 
29. Räthsel. 
In unserm Wohnort steht ein Haus, da geh'n die 
Kinder ein und aus; da gibt's der Arbeit mancherlei, 
Gebet und Sang fehlt nie dabei. Die Kinder alle lieben 
sich so brüderlich, so schwesterlich; sie hören all auf Gottes 
Wort. Sag' an, wie nennt man diesen Ort? 
Wer kann das rathen, der sag's geschwind! Es ist 
meiner guten Eltern Kind; doch ist es nicht der Bruder 
mein, auch nicht mein liebes Schwesterlein. Nun, in aller 
Welt, wer mag das sein?
        <pb n="26" />
        20* 
30. Ungleiche Wege. 
An einem Frühlingsmorgen stand ein Mann im 
Dorfe auf einem Kreuzwege. Der eine Weg führte zur 
Schule, der andere nach der Wiese. Da hoͤrte er, wie zwei 
Knaben Folgendes mit einander sprachen: 
„Guten Tag, Karl!“ 
Guten Tag, Michel!“ 
„Wo gehst du hin, Karl?“ 
In die Schule. I 
„Ei was! In der Schule ist es nicht schoͤn, da muss 
man sitzen und lernen; draußen auf der Wiese ist's schöner! 
Komm mit, wir wollen dort spielen!“ vWW 
Am Abend, Michel; jetzt geh' ich lernen. Behüt' dich 
Gott! 
„Meinetwegen, geh' du in deine Schule, Karl; ich geh' 
spielen!“ — 
Zwanzig Jahre waren seitdem vorübergegangen, und 
die beiden Knaben hatten ihre Wege im Leben gemacht. 
Es war ein kalter Wintertag. Da stand derselbe Mann im 
Dorfe auf derselben Stelle. Er sah, wie ein blasser, ärmlich 
gekleideter Mensch an die Thür des Schulhauses klopfte, 
und wie der Lehrer diese öffnete. Darauf hoͤrte er folgendes 
Gespräch: 
„Guten Tag, lieber Herr!“ 
Guten Tag, lieber Mann! 
„Ach Herr, erbarmt Euch mein!“ 
Was verlangt Ihr denn von mir? 
„Herr, ich bitte Euch um Arbeit. Ich habe nichts zu 
essen und kein Obdach. Nehmt mich auf!!“! 
Was für Arbeit könnt ihr mir denn leisten? 
„Was ein Taglöhner kann; sonst hab' ich nichts 
gelernt.“
        <pb n="27" />
        8 
Der Lehrer sah den Mann genauer an, seine Gesichts— 
züge schienen ihm bekannt. 
Seid Ihr nicht der Michel aus unserm Dorf? 
fragte er. 
„Ich bin der Michel.“ 
O so komm herein, Michel, draußen ist's kalt. 
Sie giengen beide hinein, und die Thür ward wieder 
geschlossen. Der Bettler wusste in jenem Augenblicke noch 
nicht, wer der freundliche Lehrer war. Wir wissen es. 
Reinick. 
321. Die Kleinen Soldaten. 
Ihr muntern Kinder, eilt herbei, singt unser Läedchen 
mit! Gebt Achtung! Langsam! HEins, zwei, drei! Fallt 
ein in unsern Schritt! 
Aus dem Soldatenspiel, wohei man jetzt noch scherzt 
und lacht, selbst aus dem kleinen „Rins, zwei, drei!“ 
wird einst doch Ernst gemacht. 
Und wer schon jetzt recht gut marschiert, mit seinem 
Holæzgewehr auf unserm Spielplatz exerciert, dem wird's 
hernach nicht schwer. 
Und wer die Trommel schlägt wie ich und hält 
sie blank und rein, der wird, das glaubt mir, sicherlich 
kein schlechter Spielmann sein. 
Und wer das Rechtsum macht wie wir und so 
marschieren kann, den sieht gewiss sein Officier recht 
gern und freundlich an. 
Didrom, dom, dom; didrom, dom, dom; wer wollte 
traurig sein und sich nicht in der Jugend schon am 
Nxercieren freu'n! 
Aus Fliedners Liederbueh.
        <pb n="28" />
        22 — 
29. Das Tünkehen. 
Das Kind hatte mit dem Fünkchen gespielt, obgleich 
seine Mutter es schon oft verboten hatte. Da war das 
Fünkchen fortgeflogen und hatte sich ins Stroh versteckt. 
Aber das Stroh fieng an zu brennen, und es entstand 
eine Flamme, ehe das Kind daran dachte. Da wurde 
—A fort, ohne jemandem 
etwas von der Flamme zu sagen. Und weil niemand 
Wasser darauf schüttete, gieng die Flamme nicht aus, 
sondern breitete sich im ganzen Hause aus. Als sie an 
die Henstervorhünge kam, wurde siè noch gröher, und 
die Betten, worin die Eltern und das Kind nachts 
schliefen, brannten hell auf, und die Tische und die 
Stühle und die Schränke und alles, was der Vater und 
die Mutter hatten, das wurde vom Féeuer gefasst, und die 
Flamme wurde so hoch wie der Rirchthurm. Da schrien 
die Leute vor Schrecken, die Soldaten trommelten, die 
Glocken läuteten; es war fürchterlich zu hören, und die 
Flamme war schrecklich zu sehen. Nun fieng man an 
zu löschen mit Wasser, das man in das Féuer schüttete 
und spritzte; aber es half nicht eher, als bis das Haus 
zusammengebrannt war. Jetzt hatten die Eltern des 
Kindes kein Haus mehr und kein Plätzchen, wo sie 
wohnen und wo sie schlafen konnten, und auch kein 
Geld, um sich ein neues Haus bauen zu lassen und neue 
Betten und Tische und Stühle zu kaufen. Ach, wie 
weinten die armen Eltern! Und das Kind, das mit dem 
Fünkchen gespielt hatte, war schuld daran. 
Curtman.
        <pb n="29" />
        — 
—2 
33. Der Bauméeister mit dem Baukasten. 
Kommt herbei und sehet an, 
was ich alles bauen kann! 
Ohne Winbelmaß und Kelle 
bau' ich Häuser, Scheunen, Ställe, 
Thürme, Schlösser grobß und klein, 
brauche weder Kalk noch Stein. 
Kommt herbei und sehet an, 
was ich alles bauen kann! 
Und an jeglichem Gebäude 
hab' ieh meine grobe Freude. 
Doch wenn meine Freud' ist aus, 
reiß' ich nieder jedes Haus. 
Kommt herbei und sehet an, 
was ich alles bauen kann! 
Und so reibß' ich immer nieder, 
und so bau' ich immer wieder., 
bin zum Bauen gern bereit, 
dem es kostet nichts als Zeit. 
Hoffmann v. Fallersleben. 
34. Was die Kinder am Abend machen. 
Der Winterabend, das ist die Zeit der Arbeit und 
Fröhlichkeit. 
Wenn die andern nähen, stricken und spinnen, dann 
müssen wir Kinder auch was beginnen. Wir dürfen nicht 
müßig sitzen und ruh'n, wir haben auch unser Theil 
zu thun. Wir müssen für morgen uns vorbereiten und 
vollenden unsere Schularbeiten; und sind wir fertig mit 
Lesen und Schreiben, dann können wir unsere Kurzweil
        <pb n="30" />
        24 — 
treiben. Und ist der Abend auch noch so lang, wir kürzen 
ihn mit Spiel und Gesang, und wer dann ein hübsches 
Räthsel kann, der sagt's, und wir fangen zu rathen an. 
Hoffmann von Fallersleben. 
35. Rüthsel. 
Welches Fass hat keinen Reif? 
Welches Pferd hat keinen Schweif? 
Welches Häuschen hat kein Dach? 
Welche Mühle keinen Bach? 
Welcher Kamm ist nicht von Bein? 
Welche Wand ist nicht von Stein? 
Welcher Bock hat keine Haut? 
Welches Glöcklein keinen Laut? 
Welcher Schlüssel sperrt kein Schloss? 
Welchen Karren zieht kein Ross? 
36. Abendlied. 
Die ganze Welt geht jetzt zur Ruh', 
der Abend bricht herein; 
ich schließe meine Auglein zu 
und schlafe froͤhlich ein. 
Maikäferlein fliegt auch nach Haus, 
schließt seine Äuglein zu. 
Glühwürmchen löscht sein Lichtlein aus, 
und alle geh'n zur Ruh.— 
Schon bei dem letzten Abendschein 
war's Voͤglein müd' und matt; 
das steckt jetzt auch das Köpfchen ein 
und setzt sich unters Blatt.
        <pb n="31" />
        — 25 — 
Und war der Tag dann schön und gut, 
so ist auch gut die Nacht, 
und alles schläft und alles ruht — 
nur Gottes Auge wacht. 
Trtaut. 
37. Abendgebet. 
Guter Vater im Himmel du, meine Augen fallen zu, 
will mich in mein Bettchen legen, gib nun du mir deinen 
Segen. Lieber Gott, das bitt' ich dich: bleibe bei mir, hab' 
acht auf mich! 
38. Die Uhr. 
Die Sonne sinkt, 
der Vollmond blinkt; 
nun schließt der Bauer Stall und Scheun', 
denn auf dem Thurme schlägt es neun, 
Und nah und fern 
glänzt Stern an Stern. 
Jetzt wollen wir zu Bette geh'n, 
denn auf dem Thurme schlägt es zehn. 
Wer in dir ruht, 
Gott! schläft so gut; 
dem Kranken auch zum Schlummer helf', 
denn auf dem Thurme schlägt's schon elf. 
Die Fledermaus 
kriecht in ihr Haus, 
die Eulen heulen und die Wölf', 
und auf dem Thurme schlägt es zwölf.
        <pb n="32" />
        — 26 — 
Das Mäuslein schlüpft 
herum und hüpft, 
sonst aber rührt und regt sich kein's, 
und auf dem Thurme schlägt es eins. 
Der Wächter schreit 
schon lange Zeit 
und bläst ins Horn nach jedem Schrei, 
denn auf dem Thurme schlägt es zwei. 
Jetzt fängt der Hahn 
zu krähen an 
und weckt die Bauern frank und frei, 
und auf dem Thurme schlägt es drei. 
Nun macht der Knecht 
den Pflug zurecht 
und spannt daran den starken Stier, 
denn auf dem Thurme schlägt es vier. 
Das Posthorn schallt, 
der Fuhrmann knallt, 
der Handwerksbursch zieht an die Strümpf', 
denn auf dem Thurme schlägt es fünf. 
Die Mutter sagt 
zur muntern Magdc.. 
Flink zu dem Kinde hin und weckss, 
denn auf dem Thurme schlaͤgt es sechs. 
Dann bring den Thee 
und den Kaffe,, 
doch nichts bekommt, wer liegen blieben, 
denn auf dem Thurme schlägt es sieben.
        <pb n="33" />
        — 27 — 
Rasch auf vom Stuhl 
und in die Schul', 
und lernet brav und gebt fein acht, 
denn auf dem Thurme schlägt es acht. 
Guͤll. 
39. Der Teppich. 
Franzäiska war ein liebes, freundliches Kind, und es 
fehlte ihr nur eine Tugend, um ganz die Freude ihrer 
Eltern zu sein — nämlich die Geduld. 
Wenn sie etwas lernen sollte, und es gieng nicht 
sogleich alles nach ihrem Köpfchen, so wurde sie verdrießlich, 
warf die Arbeit von sich und rief: „Ach, das lerne ich in 
meinem Leben nicht!“ 
Wenn sie in den Garten gieng, wo die Obstbäume 
standen, so klagte sie: „Ach, es dauert doch gar zu lange, 
bis die Apfel und Birnen reif werden, ich kann es gar nicht 
erwarten!“ Und oft nahm sie wohl gar eine Stange, schlug 
das unreife Obst ab, verzehrte davon und wurde krank. 
Wenn sie Garn wickeln sollte und die Fäden ein 
wenig verworren waren, so zerrte sie das Garn ungeduldig 
so lange hin und her, bis es erst recht unter einander 
gerieth und sie die Mutter zu Hilfe rufen musste, um 
damit zurecht zu kommen. 
So gieng es ihr in allen Stücken, und die Mutter 
machte sich über diesen Fehler Franziskas viele Sorgen. 
Eines Tages brachte sie ihr ein Stickmuster und 
sagte: „Franziska, in vierzehn Tagen ist des Vaters 
Geburtstag, sticke ihm einen kleinen Teppich nach diesem 
Muster. Gewiss wird sich der Vater sehr darüber freuen.“ 
Franziska zeigte sich sehr bereitwillig und fieng die 
Arbeit an. Weil sie aber nur langsam damit vorrückte, 
verlor sie wie gewoͤhnlich gleich am ersten Tage die Geduld
        <pb n="34" />
        — S5— 
28 — 
und wollte die Arbeit liegen lassen. Da nahm die Mutter 
sie bei der Hand und führte sie zu einem Uhrmacher. Hier 
lagen auf einem Tische eine Menge kleiner Räder und 
Schrauben und Federn und dergleichen mehr. 
„Was willst du damit machen?“ fragte Franziska 
den Uhrmacher. „Eine Uhr soll das werden, liebes Kind,“ 
erwiderte der Mann sehr freundlich. „Ei,“ meinte Franziska, 
„daran kannst du lange arbeiten. Wie willst du nur damit 
fertig werden, alle diese Schrauben und Räderchen zusammen— 
zufügen?“ „Geduld überwindet alle Schwierigkeiten,“ sagte 
der Uhrmacher, „und wenn du ein Stündchen bei mir 
bleiben willst, so sollst du sehen, wie die Uhr fertig wird.“ 
Franziska blieb und sah der Arbeit des fleißigen 
Mannes zu. Er ergriff mit seinen Werkzeugen ein Rädchen 
nach dem andern, eine Schraube nach der andern und 
fügte alles mit Geduld und Ruhe zusammen. Passte dies 
oder jenes nicht, so feilte und versuchte er geduldig so 
lange, bis jedes Ding in Ordnung kam. Nichts übereilte 
er, sondern arbeitete sorgfältig und genau, und siehe da! ehe 
eine Stunde vorüber war, wurde die Uhr aufgezogen und 
gieng tik! tak! tik! tak! wie am Schnürchen. 
346, Siehst du wohl, liebes Kind,“ sprach der Uhrmacher, 
„dass man mit Geduld und Fleiß alles wohl zu Ende 
bringt?“ 
Franziska schwieg, aber sie vergaß die Lehre nicht, 
die sie erhalten hatte. Als sie mit der Mutter wieder nach 
Hause zurückgekehrt war, arbeitete sie fleißig an ihrem 
Teppiche und bemerkte mit Freude, dass er jeden Tag 
weiter vorrückte. Ehe des Vaters Geburtstag kam, war er 
vollendet 
Wie vergnügt war Franziska, als sie sah, wie sehr der 
Vater sich über das Geschenk freute! 
Franz Hoffmann.
        <pb n="35" />
        20 
40. Zum Geburtstage des Vaters. 
Lieber Vater, ich bringe dir 
meinen schönsten Glückwunsch hier; 
will dich immer herzlich lieben; 
hab' dies Verschen selbst geschrieben! 
Moͤchte es dich doch erfreu'n! 
Künftig Jahr soll's besser sein. 
41. Die Christbescherung. 
Was klingelt im Hause so laut? Bst, bst! 
Ich glaube, dass es das Christkind ist! 
Das Christkind war's! Seid, Kinder, nur still 
und hoͤrt, was ich jetzt euch erzählen will! 
Es hat euch gebracht einen Tannenbaum 
voll Püppchen und goldener Apfel mit Schaum, 
voll Zuckerwerk; doch, Kinderchen, denkt, 
hoch oben eine Ruthe hängt! 
Das Christkind hat an alles gedacht 
und Nützliches und Schönes gebracht. 
Da seht ihr Trommeln, Soldaten von Blei, 
auch eine Fahne hängt nebenbei, 
seht Häuser von Pappe mit rothem Dach 
und drin ein zierliches, kleines Gemach; 
seht Schuhe und Kleider und Tücher und Hut, 
gewiss, das steht zu dem Feste gut; 
auch Teller und Toͤpfe vom blankem Zinn 
und Pfefferkuchen und Mandeln darin! 
Hier Peitschen und Wagen, ein Pferdchen gar wild, 
dort zum Zusammensetzen ein Bild, 
hier Schreibebücher; ein Püppchen ganz klein 
wird dort gewiss in der Wiege sein.
        <pb n="36" />
        30 — 
Auch herrliche Bücher sind aufgestellt, 
von tausend Lichtern ist alles erhellt. 
Doch nur von den schönen Sachen bekomm', 
wer artig war, verträglich und fromm! 
Wer folgsam den guten Eltern war 
und fleißig gelernt hat in diesem Jahr, 
wer oft an den lieben Gott gedacht, 
dem hat das Christkind viel Schönes gebracht. 
Unartige Kinder dürfen nicht 'rein 
für sie wird wohl nur die Ruthe sein! — 
Drum wollt ihr am heiligen Abend euch freu'n, 
so rath' ich euch, Kinder, stets artig zu sein! 
12. Wunsch zum neuen Jahre. 
Ein kleines Büblein bin ich, 
drum wünsch' ich kurz, doch innig 
ein glückliches Neujahr! 
Und was euch freut, das weiß ich, 
wenn brav ich bin und fleißig. 
mehr als ich sonst es war. 
Gesundheit, Freude, Frieden 
sei euch von Gott beschieden, 
wie heut, so immerdar! 
—X— —
        <pb n="37" />
        33 — 
Von seinem Gipfel aus über- 
Gegend. Soweit das Auge 
re Felder, die Getreide und 
den der liebe Gott gedeckt 
— für seine 
5 
s 
Der Körper des Menschen, Speise und Crank. 
13. Die Glieder des menschlichen Leibes. 
Die Glieder des menschlichen Leibes wurden einmal 
überdrüssig, einander zu dienen. Die Füße sagten: „Wir 
wollen den Rumpf, den Kopf und die übrigen Glieder 
nicht mehr tragen!“ Die Hände sagten: „Wir mögen nicht 
mehr arbeiten!“ Und der Mund sprach: „Ich müsste wohl 
ein Thor sein, wenn ich immer für den Magen Speise 
kauen wollte, damit er sie nur zu verdauen brauche!“ Die 
Augen fanden es gleichfalls sonderbar, dass sie allein für 
den ganzen Leib die Wache halten und für ihn sehen sollten. 
Und so kündigten alle übrigen Glieder des Leibes einander 
den Dienst auaff. 
Was geschah? — 
Da die Füße nicht mehr gehen, die Hände nicht mehr 
arbeiten, der Mund nicht mehr essen, die Augen nicht mehr 
sehen wollten, wurde der Leib in kurzer Zeit krank und 
mit ihm alle Glieder. Da erkannten dieselben ihre Thorheit 
und gelobten einander fortan Dienstfertigkeit; sie wurden 
nie wieder uneins. 
Nach Campe.
        <pb n="38" />
        — 30 — 
Auch herrliche Bücher sind auf und Einer. 
von tausend Lichtern ist allesd einen Mund; 
Doch nur von den schönen 
wer artig war, verträglich ren und 
Wer folaso Aden Aau tave· 
Du hast zwei Augen und einen Mund; 
mach dir's zueigen: 
Gar manches sollst du sehen und 
manches verschweigen. 
Du hast zwei Hände und einen Mund; 
lern' es ermessen: 
Zwei sind da zur Arbeit und 
einer zum Essen. Rückert. 
45. Der groBbe Tisch. 
Die Mutter hatte den Tisch gedeckt und theilte den 
beiden Kindern, Anna und Hermann, die Speisen zu. 
Die Kinder lieben sich schmecken, was sie erhielten. Sie 
waren fröhlich und voll Erwartung, denn der Vater hatte 
ihnen gesagt: „Kinder, nach dem Mittagsmahle will ich 
euch einen andern Tisch zeigen; der ist so grob und trãgt 
soviel Speise, daes er sür unzãhlige Gãàste ausreicht.“ 
Nachmittags machte sich der Vater mit den Kindern 
auf den Weg, um einen nahen Berg zu besteigen. Als 
sie ins Freie kamen, sahen sie, wie die Bienen von 
Blume zu Blume flogen, um Honig zu saugen. Auf einem 
Baume thaten sich die Spatzen gütlich. In der Lauft 
haschte die Schwalbe eine Mücke uach der andern. Im 
Felde schmauste ein Hase Kohl. Auf der Wiese 
weideten die Schafe. 
Nun gelangten sie in den Wald. Hier fanden sie 
köstliche Erdbeeren und labten sich an denselben. Endlich
        <pb n="39" />
        33 
kamen sie auf den Berg. Von seinem Gipfel aus über- 
plickten sie weithin die Gegend. Soweit das Auge 
reichte, sahen sie fruchthare Felder, die Getreide und 
andere Feldfrüchte trugen. 
„Das ist der grobe Tisch, den der liebe Gott gedeckt 
hat,“ sagte der Vater. „So sorgt der Herr für seine 
Geschöpfe und bereitet ihnen Freude und Woblfahrt.“ 
Nach Lohs e. 
46. Gott sorgt. 
Es ist kein Mäuschen so jung und klein, es hat 
sein liebes Mütterlein; das bringt ihm manches Krümchen 
Brot, damit es nicht leide Hunger und Noth. 
Es ist kein liebes Vögelein im Garten draußen so 
arm und klein, es hat sein warmes Féderkleid; da thut 
ihm Regen und Schnee kein Leid. 
—0 
im Sommer so gering, es findet ein Blümchen, findet 
ein Blatt, davon es isst, wird froh und satt. 
Es ist kein Geschöpf in der weiten Welt, dem nicht 
sein eignes Theil ist bestellt, sein Futter, sein Bett, 
sein kleines Haus, darinnen es fröhlich geht ein und aus. 
Und wer hat das alles so bedacht? Der liebe Gott, 
der alles macht und sieht auf alles väterlich, der sorgt 
auch Tag und Nacht für mich. 
1 
py 
47. Die Nàscherin. 
Margaretens Mutter hatte einst in der Küche 
beide Hände voll Arbeit und rief: „Gretchen, hole mir 
geschwind eine Citrone; da ist der Schlüssel zur Speise- 
kammer!“ 
Als Margareta in die Kammer kam, schaute sie 
dvegierig umber, ob es nichts zu naschen gebe. Da 
Lesebuch in s Theilen. I. 3*
        <pb n="40" />
        34 — 
erblickte sie oben auf einem Breétte den Honigtopf. Sie 
streckte sich, so sehr sie konnte, den Topf zu éerreichen 
und tupfte mit dem Zeigefinger bhinein, um Honig 
zu schlecken. Allein plötzlich zwickte sie etwas gan⸗ 
entsetzlich in den Finger; und als sie schreiend und 
weinend die Hand herauszog, hieng ein grobher Krebs 
daran, der den Finger mit seiner Schere gepackt hatte 
und ihn gar nicht mehr loslassen wollte. 
Die Mutter hatte nämlich den Honig vor ein paar 
Tagen verkauft, und weil der Topf eben léer stand, 
einige Krebse darin aufhewahrt. Gretchen hatte aben 
davon nichts gewusst. Auf ihr Geschrei sprangen alle 
Leute im Hause der Speisekammer zu. Das naschhafte 
Mädehen trug nicht nur einen blutigen Finger davon, 
sondern es schämte sich auch seiner Naschhaftigkeit. 
Nach Chr. Schmid. 
418. Sei bescheiden und genügsam. 
Zur Zeit einer Theuerung lieb ein reicher Mamn die 
ärmsten Kinder der Stadt in sein Haus kommen und 
sagte zu ihnen: „Da steht ein Korb voll Rrot ; jedes 
von euch nehme eins davon! Alle Tage dürft ihr kommen 
und euch ein Brot holen, bis Gott hessere Zeiten schickt.“ 
Die Kinder fielen über den Korb her; jedes wollte 
das schönste und gröhte Brot haben; sie stritten und 
zankten um dasselbhe. Endlich giengen sie fort und 
vergaben sogar zu danken. 
Nur die kleine Hedwig blieb abseits stehen, nahm 
das kleinste Laibchen, das im Korbe blieb, küsste dem 
Manne die Hand und gieng dann still nach Hauseèe. 
Am andern Tage waren die Kinder ebenso unartig, 
und die arme Hedwig bekam diesmal ein Laihchen, das 
kaum halh so groß war als die ührigen Brote. Sie
        <pb n="41" />
        35 
brachte es der kranken Mutter heim. Als diese es 
anschnitt, — da fielen einige Stücke Geld heraus. Die 
Mutter erschraß und sagte: „Gib das Geld den Augen- 
blick zurück; es ist gewiss aus Verschen ins Brot 
gekommen!“ Hedwig geborchte. 
Allein der wohlthätige Mann sprach: „Nein, nein, 
es war kein Verschen, ich habhe das Geld mit Bedacht 
in das kleinste Brot backen lassen, um dich, gutes Kind, 
zu belohnen. Bleibe immer so bescheiden und genügsam. 
dann wird dich Gott auch segnen!“ Chr. Schmid. 
19. Sehen. 
Mit den Augen sieht man. In der Augenhöhle bewegt 
sich der kugelförmige Augapfel. Die beweglichen Augenlider 
schützen das Auge; die Augenbrauen halten den Schweiß 
zurück, der von der Stirn rinnt; die Wimpern fangen den 
Staub auf, damit er nicht ins Auge falle, und ist ein 
Stäubchen in dasselbe gekommen, spülen es die Thränen 
hinweg. 
Im Zimmer sehe ich Tische und Stühle, auf dem 
Geflügelhofe Gänse und Hühner, im Garten Bäume und 
Blumen. Ich kann die Dinge nach Gestalt und Größe 
unterscheiden. Ich sehe, dass das Laub grün und die Rose 
roth ist; ich kann die Farben der Dinge unterscheiden. 
Ich sehe, ob eine Linie krumm oder gerade, lothrecht, 
wagrecht oder schräge ist, ob zwei Linien gleichlaufend sind 
oder nicht; ich kann ihre Richtung angeben.* 
Wo Licht ist, kann ich genau sehen; im Dunkeln 
kann ich die Gegenstände schwer unterscheiden. Manche 
Thiere, die in der Nacht auf Raub ausgehen, sehen auch 
im Dunkeln scharf. Manche Menschen haben ein schwaches 
—8*
        <pb n="42" />
        R32 
309 
— 
Gesicht und können nur durch eine Brille deutlich sehen. 
Wer gar nicht sehen kann, ist blind. Ein blinder Mann 
ist ein armer Mann. 
Wer in der Dämmerung seine Augen anstrengt, verdirbt 
sie; blendendes Sonnenlicht schadet ihnen ebenfalls. 
50. Die beiden Fensterchen. 
Es sind zwei kleine Fensterlein in einem großen 
Haus, da schaut die ganze Welt hinein, da schaut die Welt 
hinaus. 
Ein Maler sitzet immer dort, kennt seine Kunst genau, 
malt alle Dinge fort und fort, weiß, schwarz, roth, grün 
und blau. 
Dies malt er eckig, jenes rund, lang, kurz, wie's ihm 
beliebt; wer kennet all die Farben und die Formen, die 
er gibt? 
Auch was der Hausherr denkt und fleht, malt er ans 
Fenster an, dass jeder, der vorübergeht, es deutlich lesen kann. 
Und freut der Herr im Hause sich, und nimmt der 
Schmerz ihn ein, dann zeigen öfters Perlen sich an beiden 
Fensterlein. 
Ist schöͤnes Wetter, gute Zeit, dann sind sie hell 
und lieb; wemnn's aber fröstelt, stürmt und schneit, dann 
werden sie gar trüb'. 
Und geht des Hauses Herr zur Ruh', nicht braucht 
er dann ein Licht; dann schlägt der Tod die Laden zu, und 
ach! das Fenster bricht. 
Castelli. 
51. Hören. 
Mit den Ohren hoͤren wir. Wir vernehmen den 
Schall, welcher von den Dingen ausgeht. Das Glas klingt,
        <pb n="43" />
        37 — 
wenn man mit dem Messer daranschlägt; das Glas gibt 
einen Ton oder Klang, der gelangt zu unserm Ohre. 
Die Töͤne koönnen angenehm oder unangenehm sein. 
Ernst und feierlich klingen die Töne der Orgel, heiter und 
froh erschallt das Lied der Vögel und der Gesang fröhlicher 
Kinder. Je näher wir dem Orte sind, wo ein Ton entsteht, 
desto stärker und deutlicher hören wir ihn. Die Töne können 
stark oder schwach, hoch oder tief sein; sie können lange 
oder kurze Zeit andauern. Manche Menschen haben ein 
schwaches Gehoͤr, sie höͤren schwer, sie sind schwerhörig. 
Manche können gar nicht hören, sie sind taub. Was man 
hören kann, ist hörbar. 
Wer auf das Befohlene hoͤrt und es thut, der gehorcht. 
Ein gutes Kind gehorcht geschwind. Wer willig und gern 
gehorcht, ist gehorsam. Wer aber auf guten Rath nicht hört, 
für den gilt das Sprichwort: 
„Wer nicht hören will, der muss fühlen.“ 
52. Die beiden Horcher. 
Zwei Knaben aus der Stadt verirrten sich in einem 
großen Walde und blieben dort in einem unansehnlichen, 
einsamen Wirtshause über Nacht. 
Um Mitternacht hörten sie in der nächsten Kammer 
reden. Beide hielten sogleich die Ohren an die hölzerne Wand 
und horchten. Da vernahmen sie deutlich die Worte: „Weib, 
schüure morgen frühe den Kessel! Ich will unsere zwei 
Bürschlein aus der Stadt schlachten.“ 
Die armen Knaben empfanden einen Todesschrecken. „O 
Himmel, dieser Wirt ist ein Menschenfresser!“ sagten sie leise 
zu einander und sprangen beide zum Kammerfenster hinaus, 
um zu entlaufen. Allein zu ihrem neuen Schrecken fanden 
sie das Hofthor verschlossen.
        <pb n="44" />
        Da krochen sie zu den Schweinen in den Stall und 
brachten die Nacht in Todesängsten zu. Am Morgen kam 
der Wirt, machte die Stallthür auf, wetzte das Messer und 
rief: „Nun, ihr Bürschlein, heraus! eure letzte Stunde ist 
gekommen!“ 
Beide Knaben erhoben ein Jammergeschrei und flehten 
auf den Knien, sie doch nicht zu schlachten. 
Der Wirt wunderte sich, die Knaben im Schweinftalle 
zu finden, und fragte, warum sie ihn für einen Menschen— 
fresser hielten. 
Die Knaben sprachen weinend: „Ihr habt ja heute 
Nacht selbst gesagt, dass Ihr uns diesen Morgen schlachten 
wolltet.“ 
Allein der Wirt rief: „O ihr thörichten Kinder! euch 
habe ich nicht gemeint. Ich nannte nur meine zwei 
Schweinlein, weil ich sie in der Stadt gekauft habe, im 
Scherze meine zwei Bürschlein aus der Stadt. So geht's 
aber, wenn man horcht. Da versteht man vieles umrichtig, 
hat andere leicht in falschem Verdachte, macht sich selbst 
unnöthige Sorgen, geräth in Angst und zieht sich manchen 
Verdruss zu.“ 
CEhr. Schmid. 
53. Schmecken, Riechen, Fühlen. 
Mit der Zunge und mit dem Gaumen schmecken 
wir. Der Zucker schmeckt süß, der Essig sauer, die Galle 
bitter, manches Obst herb. Was wohlschmeckend ist, essen 
wir gern. Dem einen schmeckt dies, dem andern jenes; der 
Geschmack ist verschieden. Dem Kranken schmeckt die beste 
Speise nicht. Manchem schmeckt wohl das Essen gut, aber 
die Arbeit nicht. Bittere Arzneien sind unserm Geschmack zu— 
wider, aber sie sind heilsam.
        <pb n="45" />
        49 
Wir riechen mit der Nase. Manche Dinge verbreiten 
einen angenehmen, manche einen unangenehmen Geruch. Der 
Duft der Rosen und Veilchen ist lieblich. Reines Wasser 
hat gar keinen Geruch, es ist geruchlos. Der Hund hat 
einen scharfen Geruch, er wittert das Wild und findet mittels 
seines Geruchsinnes die Spur seines Herrn. 
Wir nehmen das Tuch in die Hand und fühlen, ob 
es fein oder grob ist. Wir halten die Hand an den geheizten 
Ofen und fühlen, dass er warm ist. Man kann es fühlen, 
dass das Eis kalt, der Schwamm weich, der Stein hart, die 
Feder leicht und das Blei schwer ist. Der Arzt fühlt dem 
Kranken den Puls; ich fühle mein Herz schlagen. Man fühlt 
Hunger und Durst, man fühlt Lust und Freude. 
534. Die köstlichsten Gewürze. 
Ein Herr wurde auf einem Spaziergange von einem Platz⸗ 
regen überfallen und flüchtete in die nächste Bauernhütte. 
Die Kinder saßen eben bei Tische, und vor ihnen 
stand eine große Schüssel voll Hafermus. Alle ließen sich's 
recht gut schmecken und sahen so frisch und roth aus wie 
die Rosen. 
„Aber wie ist es doch möglich,“ sagte der Herr zur 
Mutter, „dass man eine so rauhe Speise mit so sichtbarer Lust 
berzehren und dabei so gesund und blühend aussehen kann?“ 
Die Mutter antwortete: „Das kommt von dreierlei 
Gewürzen her, die ich in die Speisen thue. Erstens müssen 
die Kinder an die Arbeit, ehe sie zu Tische kommen; 
denn wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Zweitens 
gebe ich ihnen außer der Tischzeit nichts zu essen, damit sie 
den Hunger mitbringen; Hunger ist der beste Koch. Drittens
        <pb n="46" />
        gewöhne ich sie zur Genügsamkeit; sie müssen essen, 
was sie bekommen. Leckerbissen und Näschereien kennen sie 
nicht. Genäschigkeit bringt Magenleid.“ 
Die köstlichsten Gewürze weit und breit 
sind Arbeit, Hunger und Genügsamkeit. 
Nach Chr. Schmid. 
55. Der Gebrauch der Glieder. 
Soll dein Thun Gott wobhlgefallen, 
so gebiet den Gliedern allen: 
deinem Auge, dass es spähe 
Gutes fern und in der Nahe; 
deinem Obre, dass es höre 
weisen Rath und fromme Lehre; 
deiner Zunge, dass sie bringe 
Dank dem Schöpfer aller Dinge; 
deinen Händen, dass sie spenden, 
das Erworb'ne nicht verschwenden; 
deinen Fühen, dass sie gern 
gehen zu dem Haus des Herrn! 
So gebiet den Gliedern allen, 
soll dein Thun Gott wobhlgefallen. 
Rüäckert. 
56. Gesundheit ist ein groBep Schatæ. 
RKune- gieng über Land und kam ermüdet bei einem 
Wirtshause an, wo er sich einen Krug Bier und ein Stück 
schwarzes Brot geben ließ. Er war unzufrieden, dass er 
seine Reise zu Fuß machen musste und nicht Geld 
genug hatte, sich eine bessere Mahlzeit zu verschaffen. 
Kurze ZLeit darauf langte eine Kutsche an, in der 
ein vornehmer Mann sabh. Derselbe liebß sich ein Stück
        <pb n="47" />
        — 41 — 
kalten Braten und eine Flasche Wein reichen und nahm 
seine Mahblzeit im WVagen ein. 
Kunz sah ihm missgünstig zu und dachte: Wenn 
ich es doch auch so gut hätte! 
Der vornehme Herr merkte das und sagte zu Kun-: 
„Guter Freund, hättet Ihr wohl Lust, mit mir zu tauschen?“ 
„Das versteht sich,“ antwortete dieser, „steigen Sie 
nur heraus und geben Sie mir alles, was Sie haben; 
ich, will Ihnen auch alles geben, was ich habe.“ 
Sogleich befahl der Reiche seinen beiden Bedienten, 
ihn aus dem Wagen zu heben. W'elch traurigen Anblick 
bot derselbe jetzt! Seine Fühße waren gelähmt; er konnte 
nicht stehen, sondern musste sich so lange halten lassen, 
bis man ihm seine Krücken reichte. „Nun,“ fragte er 
jetzt, „nabt Ihr noch Lust, mit mir zu tauschen?“ 
„Nein, wahrlich nicht!“ gab der erschrockene Kun- 
zur Antwort. „Meine gesunden Beine sind mir lieber 
als Ihr ganzer Reichthum. Ich will lieber Schwarzhbrot 
essen und mein eigener Herr sein, als Braten essen und 
mich wie ein kleines Kind führen lassen!“ 
Mit diesen Worten stand er auf und gieng fort. 
„Hast recht!“ rief ihm der Reiche nach. „Lönntest 
du mir deine gesunden Fübße geben, du solltest all meinen 
Reichtium haben! Aber die Gesundhbeit ist ein Schatz, 
der sich nicht mit Gold erkaufen lässt!“ Salzmann. 
57. Sprüche. 
Ein frohes Herz, gesundes Blut 
ist besser als viel Geld und Gut. 
Früh nieder und früh auf 
verlängert den Lebenslauf.
        <pb n="48" />
        — 42 — 
Arbeit, Mäßigkeit und Ruh' 
schließt dem Arzt die Thüre zu. 
Vor Näscherei nimm dich inacht, 
sie hat schon manchem Leid gebracht. 
58. Achte auf deine Gesundheit! 
Mancher denkt nicht daran, was für ein unschätz- 
bares Gut die Gesundheit ist. Viele verderben sich schon 
in ihrer ersten Jugend; viele machen sich aus eigener 
Schuld zu krüppelhasten, elenden Menschen, oder müssen 
frühzeitig sterben, weil sie unachtsam und leichtsinnig 
waren. Willst du dich vor Krankheit und Schmerzen 
bewahren, so beachte Folgendes: 
Schlucke die Speisen nicht gierig hinab, iss nie zu- 
viel; zuviel ist ungesund. Iss kein unreifes Obst; es 
verursacht schmerzhafte Krankheiten. Genieße nichts 
von Beééren, Kräutern oder anderen Gewãchsen, die du 
nicht kennst; manche davon sind giftig. 
UVxrxinke nie, wenn du erhitzt bist. Alle geistigen 
Geétrànke sind für Kinder schädlich. 
Lege die Oberkleider nicht ab, wenn du schwitzest. 
Im Frühlinge und im Herbste, wenn die Tage warm, die 
Nächte kalt sind, habe acht, dass du dich nicht in 
der Frühe oder am Abend erkältest. 
Gehe nicht von der Kälte zum heißen Ofen; bleib 
nie zu lange oder zu nahe an demselben. 
Habe Sorge, dass du dir die Zähne und Augen 
nicht verderbest. Die Zähne nehmen Schaden durch 
sühe Näschereien, oder wenn man mit denselben harte 
Sachen auf-und abbeißt; wenn man mit Nadeln, Messern 
oder Gabeln darin stichelt; wenn der Mund nicht rein
        <pb n="49" />
        — 22 
— 43 — 
gehalten und nicht fleihßhig mit frischem Wasser aus- 
gewaschen wird; wenn man auf heiße Speisen sogleich 
Kaltes trintxt. — Den Augen ist nachtheilig, wemm man 
frei in die Sonne schaut; wenn man liest, während grelles 
Lächt in die Augen fällt, oder wenn es 2zu dunkel ist. 
59. Der TrotzKkopf. 
„Ach Mutter, ach Mutter, ich bin so krank! Wiie 
thut mir doch alles so weh! Mich freut nicht mein 
Pferdchen, mich freut nicht Gesang, mich freut nicht das 
Waten im Schnee.“ — „Komm, lege dich in dein Bettchen 
geschwind! Ich hole den Arzt dir herbei; der wird dir 
bald helfen, mein armes Kind; der gibt dir recht gute 
Arznei.“ — „Nein, Mutter, nein, Mutter, ich mag nicht 
Arznei! Ich weiß schon, sie schmeckt mir nicht gut.“ — 
„O nimm sie; von Schmerzen macht sie dich frei und 
kühlt dir das kochende Blut!“ 
Umsonst war ihr Bitten, umsonst war ihr Fleh'n. 
Kein Tröpfchen nahm Leopold ein. „Ach Söhnchen, 
ach Söhnchen, wie wird dir's ergeh'n! Dein Trotzkopf 
wird bald dich gereu'n.“ Und als nun der Sturmwind 
die Blaãtter verweht, da nahmen die Kräfte ihm ab. 
Nun nahm er Arznei; doch jetzt war's zu spät. Dort 
liegt nun der Trotzkopf im Grab. 
Dinter.
        <pb n="50" />
        Haus, Hof und Garten. 
60. Das Wohnhaus. 
Eine furchtbare Feuersbrunst hatte die meisten Häuser 
eines Dorfes in Asche gelegt. Da gab es großen Jammer 
unter den Leuten, die obdachlos geworden waren. Auch die 
Eltern des kleinen Karl hatten ihr Haus verloren und 
mussten den Tag nach dem Brande in einem Wäldchen zu⸗ 
bringen, wohin sie einen Theil ihrer Habe gerettet hatten. 
Als in der Nacht ein Regen fiel und durch die Aste 
der Bäume drang, klagte Karl unter Thränen: „Jeder Vogel 
hat sein Nest, wo er geborgen ist, nur wir armen Menschen 
sind so schlimm daran.“ 
Die Noth währte aber für Karl nicht lange; sein 
Vater mietete in einem anderen Dorfe ein schönes, neues 
Haus und brachte seine Angehörigen dahin. Es war von 
Stein gebaut und hatte ein Dach von Ziegeln. Mit Freuden 
setzte Karl seinen Fuß über die Schwelle des Hauses, denn 
er dachte: Hier wirst du es noch besser haben als ein 
Vogel in seinem Neste. — Sofort durchwanderte er die 
Räume im Erdgeschosse: das Vorhaus, die Wohnstube, das 
Nebenstübchen, die Küche, die Vorrathskammer und die 
Stallungen. Nachdem er noch einen Blick durch die Keller— 
thür in die unterirdischen Raäume geworfen hatte, eilte er 
über die steinernen Stufen der Stiege in das erste Stockwerk 
hinauf, um auch hier alle Zimmer, Kammern und Gänge
        <pb n="51" />
        150 — 
zu besichtigen. So kam er auch zu einer hoͤlzernen Treppe, 
die ihn auf den Dachboden führte. Dort gab es eine Boden— 
kammer und an dem einen Giebel unter dem First des 
Daches einen Taubenschlag. 
Mun kannte Karl so ziemlich das ganze Haus von 
innen, und es gefiel ihm alles ganz außerordentlich. Als er 
vom Bodenraume wieder in das Erdgeschoss herabgekommen 
war, lief er durch eine Hinterthür ins Freie, um die Runde 
um das Haus zu machen. Munter sprang er durch den 
Küchengarten, dann durch den Obstgarten und gelangte 
aus diesem in den Hof, der das Haus von der Scheuer 
trennte. Als er hier an der frischgetünchten Wand des 
Hauses hinaufblickte, bemerkte er unter dem Dache ein 
Schwalbennest. 
Das gefiel ihm nicht an dem sauberen Hause. „Ihr 
kecken Schwalben sollt uns das schöne Haus nicht beschmutzen!“ 
rief er ärgerlich und hob sogleich einen Stein von der 
Erde, um nach dem Neste zu werfen. Aber der Wurf gieng 
fehl und traf statt des Nestes ein Fenster. Auf das Geklirr 
der zerbrochenen Scheibe kam der Vater herzu. Karl ent⸗ 
schuldigte sich erschrocken, er habe es nicht mit bösem Willen 
gethan, er habe nur das hägssliche Schwalbennest herab⸗ 
werfen wollen. 
„Und das nennst du nicht bösen Willen, wenn du 
armen, unschuldigen Geschöpfen das Wohnhaus zerstören 
willst?“ rief der Vater erzürnt. „Unbarmherziges Kind, die 
traurige Zeit ist kaum vorüber, da wir selbst ohne Obdach 
waren, und nun willst du den armen Vögeln gleiche Noth 
bereiten?“ 
Karl wurde roth vor Scham und sagte weinend zum 
Vater: „Ich hatte nicht bedacht, wie wehe den Vögeln 
durch die Zerstörung des Nestes geschieht. Verzeih mir, 
Vater, meine Unbesonnenheit! Ich werde nie mehr in
        <pb n="52" />
        46 — 
meinem Leben vergessen, dass den Vögeln ihr Nest so lieb 
und wert ist wie uns das Wohnhaus.“ 
Karl hat Wort gehalten und die Vogelnester fortan 
unbeschädigt gelassen. 
61. Die beiden Arbeiter. 
Bin Arbeiter musste bei dem Baue eines Hauses 
Steine zutragen. UVUnter dem Haufen befand sich ein 
grober Stein, der auch fortgeschafft werden musste. 
So oft der Arbeiter an diesen kam, sah er ihn 
unmuthig an, ließb ihn aber immer liegen und trug die 
kleineren weg. Nun beängstigte ihn der Gedanke, dass 
er den groben, schweren Stein auch noch wegschaffen 
müsse. Endlich machte er sich daran; aber da ihn die 
kleinen Lasten schon ermattet hatten, so fehlte es ihm 
an Kraft, die gröbere Last fortzubringen. HEHr musste 
also den groben Stein liegen lassen; der Bauhberr 
machte ihm dafür einen Abzug am Taglohne. 
Ein andeérer Arbeiter, der nach ihm kam, war klüger; 
der trug zuerst den gröhten Stein fort und gieng damn 
an die kleineren. Dabei war er fröhlich, denn er wusste, 
dass er das Schwerste ũberwunden hatte. 
Welchem der beiden Arbeiter willst du gleichen? 
62. Kind und Schwalbe. 
Kind: Schwälbehen, du liebes, nun bist du ja 
wieder von deiner Wand'rung da. Erzähle mir doch, 
wer sagte dir, dass es wieder Frühling würde hier? 
Schwalbe: Der liebe Gott im fernen Land, der 
sagte mir's, der hat mich hergesandt.
        <pb n="53" />
        16 
Und wie sie so weit war hergeflogen, da hat sie sich 
nicht in der Zeit betrogen. Der Schnee schmolz weg, die 
Sonne schien warm, es spielte manch fröhlicher Mücken- 
schwarm; die Schwalbe litt keinen Mangel noch Noth, 
sie fand für sich und die Kinder Brot. 
He 
IJJ 
63. Sorglosigkeit schadet. 
„Hört,“ sagte ein Knecht zu seinem Herrn, „auf 
unserm Dache feblt ein LZiegel; lasst den Dachdecker 
einen neuen einlegen.“ 
Aber der Hausherr sagte: „Ah was! ein Ziegel 
mehr oder weniger, das schadet nicht.“ 
Mit der Zeit jedoch schadete es wohl; der Wind 
fuhr in das Loch im Dache und hob auch noch andere 
Ziegel aus. An der schadhaften Stelle fielen Regen und 
Schnee ein und machten, dass die Balken des Dachstubls 
faulten. Nun musssste der LZimmermamn kommen. 
„Es ist schlimm,“ sagte der Zimmermann, „unter 
hundert Gulden kann ich EHuch den Schaden nicht gut- 
machen.“ 
Als der erste Ziegel fehlte, wär's mit einigen 
Kreuzern abgethan gewesen. Merkt euch: „Sorglosigkeit 
schadeét.“ Runkwit2. 
64. Räthsel. 
Füße hab' ich und kann nicht geh'n, gar vieles muss 
ich tragen; in allen Stuben siehst du mich steh'n. Wer bin 
ich, kannst du es sagen? — 
Bereitet ist es lange Zeit, und wurde doch gemacht erst 
heut. Sehr nützlich ist es seinem Herrn, doch hütet's niemand 
lange gern. —
        <pb n="54" />
        — 48 — 
Ich bleibe dunkel, wenn's auch helle ist; ich bin am 
wärmsten, wenn's am kält'sten ist, und bin am kält'sten, wenn's 
am wärmsten ist. — 
Im Ofen ist sein Aufenthalt, fressen kann's einen ganzen 
Wald, mit Wasser macht man's mausetodt; wen's beißt, der 
leidet Schmerz und Noth. — 
Groß braucht mich der Bauer auf dem Lande, klein 
braucht man mich in jedem Stande; groß lehnt man mich 
gewöhnlich an die Wand, klein legt man gerne mich zur 
rechten Hand. Groß braucht man mich zur Arbeit ganz allein, 
klein muss ich oft der Speiseträger sein. — 
Zwei Löcher hab' ich, zwei Finger brauch' ich. So mach' 
ich Großes und Langes klein und trenne, was nicht beisammen 
soll sein. — 
Wie heißt das Ding dort an der Wand? Es schlägt 
und hat doch keine Hand; es hängt und geht doch fort und 
fort; es geht und kommt nicht von dem Ort. 
65. Die Hausthiere. 
Franz ist bei einem Bauersmann gewesen, der hat ihm 
seinen Hof gezeigt. Hören wir, was Franz erzählt! 
Dicht am Thore stand eine Hütte, in der lag der große 
Haushund. Die Sonne schien ihm ins Gesicht; darum 
blinzte er mit den Augen. Manchmal schnappte er nach den 
Fliegen, die seinen Futtertrog umschwärmten. Bei Tage muss 
er ein wenig schlafen; denn er wacht die ganze Nacht. Der 
Packan ist ein gar treuer Wächter. 
Still auf dem Boden lag die Katze. Plötzlich spitzte sie 
die Ohren und ringelte den Schweif; dann machte sie einen 
Sprung, und richtig hatte sie die Maus erwischt. 
Darauf führte mich der Bauer in den Stall. Da 
standen Kühe, Kälber und Ochsen; wir waren im
        <pb n="55" />
        — 49 — 
Rinderstall. Der Bauer sagte: „Da sind meine Milchkühe, 
und da meine Zugochsen. Draußen auf dem Felde sind die 
Pferde, die ziehen den Pflug. Der Esel, der träge Gesell, 
hat einen Sack Korn in die Mühle tragen müssen. Kommt 
er heim, so soll er einen Leckerbissen haben; ich habe ihm 
Disteln vom Felde mitgebracht. 
Jetzt komm zum zweiten Stalle! Dort sind meine 
Schafe. Aus der weichen Wolle, die sie tragen, wird der 
Tuchmacher feines Tuch weben, und der Schneider soll dir 
einen schönen Rock daraus machen. Die Schafe sind gar 
nützliche Thiere. 
Da im Garten siehst du die genäschige Ziege. Sie 
würde lieber auf den Bergen umhersteigen und im Walde 
ihre Nahrung suchen. Hier muss ich sie mit einem langen 
Stricke an einen Pflock binden. Wenn ich sie frei gehen ließe, 
würde sie meine jungen Obstbäume verderben. 
Hörst du es in dem niedrigen Stalle schnaufen und 
grunzen? Das sind die Mastschweine. Mit ihren Rüsseln 
wühlen sie im Schmutz, und die großen hängenden Ohren 
verdecken beinahe ihre Augen. Sie sehen gar unsauber aus, 
und doch wird uns der Schweinsbraten wohlschmecken. Ihre 
Borsten wird der Bürstenbinder zu Bürsten verwenden.“ 
„Kikeriki!“ rief es lustig. Das war der Haushahn. 
Er stand auf einem Düngerhaufen und streckte den Hals mit 
den glänzenden Federn gar stolz in die Höhe. Damn nickte 
er mit dem Kopfe, auf dem er den rothen Kamm wie eine 
Krone trug. Gern hätte ich ein paar Federn aus seinem 
Schweife gehabt; aber die lässt sich der Hahn nicht nehmen. 
Er hätte mich wohl mit seinem scharfen Sporn geritzt oder 
mit seinem Schnabel gehackt, wenn ich ihm nahe gekommen 
wäre. 
Lesebuch in 5 Theilen. M.
        <pb n="56" />
        — 50 — 
„Gluck, gluck!“ rief ängstlich die alte Henne. Da 
kamen die Küchlein herbei und krochen unter die Flügel 
der Mutter. 
Gänse und Enten, große und kleine, schwammen auf 
dem Teiche umher; sie, tauchten kopfunter ins Wasser und 
reckten ihre Beinchen in die Höhe. Dazu kollerte im Hofe 
der Truthahn und schrie der Pfau. Was für schöne 
Federn sah ich in seinem Schweife, als er das Rad schlug! 
Aber seine Stimme klingt doch gar nicht schön. — 
Auf hoher Säule stand das schmucke Taubenhaus. Friedlich 
flogen die zierlichen Tauben ein und aus. Drinnen im 
Taubenhaus aber girrte und piepte es fein. Ob wohl junge 
Täubchen im Neste waren? 
Als die Sonne untergieng, kamen die Knechte mit 
den Pferden vom Felde. Der Bauer hob mich auf den 
großen Rappen, und auf dem bin ich bis in den Stall 
geritten. 
66. Die Kuh, das Pferd, das Schaf und der Hund. 
Eine Kuh, ein Pferd und ein Schaf standen in einem 
Hofe beisammen und stritten unter einander, wer von 
ihnen dem Menschen nützlicher sei. Die Kuh sprach: „Von 
mir hat er die süße Milch, den wohlschmeckenden Käse und 
die fette Butter.“ — Das Pferd: „Ich ziehe den schweren 
Wagen des Herrn und eile mit leichtem Schritt dahin und 
trage den Reiter mit Windeseile.“ — Das Schaf: „Ich 
gehe nackt und bloß, damit mein Herr bekleidet sei.“ — Da 
kam der Hund zu ihnen. Den blickten sie aber verächtlich 
von der Seite an, als wäre er ein gar unnützes Thier. 
Aber der Herr folgte alsbald hinten nach, rief dem Hunde 
im freundlichsten Tone, streichelte und liebkoste ihn. Da
        <pb n="57" />
        341 
dies die Kuh und ihre Gefährten sahen, murrten sie, und das 
Pferd nahm sich ein Herz zu fragen: „Warum thust du also, 
Gebieter? Verdienen wir nicht mehr deine Liebe, als dieses 
unnütze Thier?“ — Aber der Herr streichelte seinen Hund noch 
zaͤrtlicher und sprach: „Nicht also; dieser bewacht mir Haus 
und Hof und hat mein einziges, geliebtes Söhnchen kühn und 
treu aus den rauschenden Wasserfluten gerettet; wie sollte ich 
nun seiner vergessen koͤnnen?“ 
Zollikofer. 
67. Räthsel. 
Von mir gewinnet deine Mutter 
kostbare Milch und Käs' und Butter. 
Dein Vater nimmt mir alle Jahr' 
mein dichtes, weiches, krauses Haar; 
das gibt dir Hut und Strümpf' und Kleider, 
das nährt den Weber und den Schneider. 
Mein Fleisch gibt euch gesunde Speise; 
mein Fell nützt ihr auf manche Weise; 
mein Fett erleuchtet euch die Nacht; 
aus mir wird Tischlerleim gemacht. 
Könnt ihr errathen, wie ich heiße? 
68. Der Hahn. 
Hört, hört! es kräht der munt're Hahn und kündet uns 
den Morgen an, er mahnt uns durch sein Krähen, fein zeitig 
aufzustehen. 
Er ruft uns zu: „Die Morgenstund', ihr Leute, die hat 
Gold im Mund; steht auf, ihr fleiß'gen Kinder, jetzt lernt 
ihr viel geschwinder.“ 
Drum kräh' nur fort durch Hof und Haus, in einem Nu 
bin ich heraus; magst nun die Faulen wecken, die sich erst 
lange strecken.
        <pb n="58" />
        50 
69. Der treue Hund. 
Ein alter, blinder Bettler wankte müd' und matt einem 
Dorfe zu. Ein Hund, den er an der Schnur hielt, leitete ihn 
auf dem Wege. Noch ehe das Dorf erreicht war, verließ den 
armen, kranken Mann die letzte Kraft, und er sank am Rande 
des Weges zusammen. Der Hund blieb an seiner Seite und 
wartete lange, dass sein Herr sich wieder erhebe. Als das 
aber nicht geschah, wurde er unruhig, bellte und zerrte von 
Zeit zu Zeit den Ruhenden am Gewande, um ihn zum 
Weitergehen zu bewegen. Doch seine Mühe war vergebens; 
der alte Mann regte sich nicht mehr. Nun erhob der Hund 
ein klägliches Geheul. Das hörten die Leute im nächsten 
Bauernhofe und wurden so auf den Mann aufmerksam, der 
hilflos auf der Erde lag. Sie eilten zu dem Unglücklichen 
hin; als sie ihm aber vom Boden aufhelfen wollten, nahmen 
sie wahr, dass hier keine Hilfe mehr möglich sei. Der arme, 
alte Mann war todt.“ 
Die Leiche wurde ins Dorf getragen. Winselnd folgte 
der Hund bis an den Ort, wohin man sie brachte, und blieb 
hier als Wächter bei seinem todten Herrn. Den zweiten Tag 
darauf wurde der Bettler auf dem Dorfkirchhofe begraben. 
Niemand gab dem fremden Greise das letzte Geleite, nur sein 
Hund gieng traurig hinter den vier Männern her, die den 
Sarg nach dem Gottesacker trugen. Als das Grab geschlossen 
war, legte sich der Hund auf demselben nieder. Man ver— 
mochte nicht, ihn vom Kirchhofe zu entfernen ; so oft man 
ihn vom Grabe vertrieb, kehrte er aufs neue dahin zurück. 
Nach einigen Tagen fand man den Hund todt auf dem 
Grabe seines Herrn. 
W. Ernst.
        <pb n="59" />
        — 53 — 
70. Iund und Katæe. 
Zum Herrn kam Hund und RKatze herein, verklagten 
einander mit Heulen und Schrei'n: „und hat mich so 
sehr ins Bein gebissen!“ „„Ond mir hat Kätzchen die 
Nase zerrissen!““ „«Hund hat in der Küche genascht den 
Braten!“ „„Das Kätzchen ist über die Milch gerathen.““ 
Was sagte der Herr zu ihrem Streit? Er suchte den 
Stock, der war nicht weit. „Ihr habt euch beide einander 
nicht lieb, und eins wie das andere ist ein Dieb! Drum 
mögt ihr beide euch nur bekehren, sonst soll der Stock 
euch Besseres lehren!“ 
Wemn sich nun 2wei nicht können vertragen, sich 
streiten und zanken, einander verklagen, so heiht es 
von ihnen noch zur Stund': „Sie leben zusammen wie 
RKatze und Hund!“ 
Gädl. 
71. Die beiden Ziegen. 
Zwei Ziegen begegneten sich anf einem schmalen Stege, 
der über einen reißenden Bach führte; die eine wollte herüber, 
die andere hinüber. 
„Geh mir aus dem Wege!“ sagte die eine. „Das wäre 
mir schoön!“ rief die andere. „Geh du zurück und lass mich 
hinüber, ich war zuerst auf dem Stege!“ 
„Was fällt dir ein!“ versetzte die erste, „ich bin so viel 
zlter als du und sollte dir weichen? Nimmermehr!“ 
Beide bestanden immer hartnäckiger darauf, dass sie ein— 
ander nicht nachgeben wollten; jede wollte zuerst hinüber, 
und so kam es vom Zanke zum Kampfe. Sie hielten ihre 
Hörner vorwärts und rannten zornig gegen einander. Von 
dem heftigen Stoße verloren aber beide das Gleichgewicht; 
sie stürzten mit einander über den schmalen Steg hinab in
        <pb n="60" />
        54 — 
das reißende Wasser, aus welchem sie sich nur mit großer 
Anstrengung ans Ufer retteten. 
So geht's den Eigensinnigen und Hartnäckigen! 
Grimm. 
2. Das Làmmlein. 
Ein junges Lämmlein, weiß wie Schnee, 
gieng einst mit auf die Weide; 
muthwillig sprang es in den Klee 
mit ausgelass'ner Freude. 
Hopp, hopp, gieng's über Stock und Stein 
mit unvorsicht'gen Sprüngen. 
„Kind,“ rief die Mutter, „Kind, halt' ein, 
es möchte dir misslingen!“ 
Allein das Lämmlein hüpfte fort, 
bergauf, bergab, voll Freuden; 
doch endlich musst's am Hügel dort 
für seinen Leichtsinn leiden. 
Am Hügel lag ein grober Stein; 
den wollt' es überspringen. 
Es sprang und fiel und — brach ein Bein. 
Aus war nun Lust und Springen. 
Bertuch. 
23. Das Kaninchen. 
Kaninchen, Karnickelchen! 
Was bist du doch so stumm! 
Du springst nicht, du singst nicht 
und läufst so sacht herum.
        <pb n="61" />
        55 — 
Kaninchen, Karnickelchen! 
Hast Augen groß und blank, 
auch fehlt es dir an Ohren nicht; 
die sind gehörig lang. 
Kaninchen, Karnickelchen! 
Kannst essen, trinken, schlafen; 
doch mit dem Lernen, merk' ich schon, 
machst du dir nichts zu schaffen. 
Kaninchen, Karnickelchen! 
Ich wette was darum, 
trotz grobem Aug' und grohem Ohr, 
du bist ein bisschen dumm! 
Reinick. 
74. Pferd und Sperling. 
Pferdchen, du hast die Krippe voll, 
gibst mir wohl auch einen kleinen Zoll, 
ein einziges Körnlein oder zwei; 
du wirst noch immer satt dabei. 
Nimm, kecker Vogel, nur immer hin, 
genug ist für mich und dich darin. 
Und sie aßen zusammen, die zwei, 
litt keiner Mangel und Noth dabei. 
Und als dann der Sommer kam so warm, 
da kam auch manch böser Fliegenschwarm; 
doch der Sperling fieng hundert auf einmal, 
da hatte das Pferd nicht Noth und Qual. 
Sperling: 
Pferd: 
Hey 
75. Reinheit. 
Auf dem Dach die Flügelein putzet sich die Taube, 
Kätzchen leckt die Pfötchen fein, wäscht sich rein vom Staube.
        <pb n="62" />
        56 — 
Schwalb' und Krähe, Ent' und Gans baden ihr Gefieder; 
wonnig in der Wellen Glanz taucht das Ross die Glieder. 
Was da lebt in Flur und Au, kennt der Reinheit Segen; 
Blümlein baden sich im Thau und der Baum im Regen. 
Überallher tönt der Ruf: „Ohne Fleck und Fehle! 
Kindlein, bleib, wie Gott dich schuf, rein an Leib und Seele!“ 
Löwenstein. 
76. Das Kätzchen und die Stricknadeln. 
Es war einmal eine arme Frau, die gieng in den 
Wald, um Holz zu sammeln. Als sie mit ihrer Bürde auf 
dem Rückwege war, sah sie ein krankes Kätzchen hinter 
einem Zaune liegen, das kläglich schrie. Die arme Frau 
nahm es mitleidig in ihre Schürze und trug es nach Hause. 
Auf dem Wege kamen ihre beiden Kinder ihr entgegen, und 
wie sie sahen, dass die Mutter etwas trug, fragten sie: 
„Mutter, was trägst du?“ und wollten gleich das Kätzchen 
haben; aber die mitleidige Frau gab den Kindern das 
Kätzchen nicht, aus Sorge, sie möchten es quälen, sondern 
sie legte es zu Hause auf alte, weiche Kleider und gab ihm 
Milch zu trinken. Als das Kätzchen sich gelabt hatte und 
wieder gesund war, war es mit einemmale fort und ver— 
schwunden. Nach einiger Zeit gieng die arme Frau wieder 
in den Wald, und als sie mit ihrer Bürde auf dem Rück— 
wege an der Stelle war, wo das kranke Kätzchen gelegen 
hatte, da stand eine ganz vornehme Dame dort, winkte der 
armen Frau und warf ihr fünf Stricknadeln in die Schürze. 
Die Frau wußsste nicht recht, was sie denken sollte, und es 
dünkte ihr diese absonderliche Gabe gar gering; doch nahm 
sie die Stricknadeln und zeigte sie ihren Kindern und legte 
sie des Abends auf den Tisch. Aber als die Frau des 
andern Morgens ihr Lager verließ, siehe, da lag ein Paar
        <pb n="63" />
        57 
neue, fertig gestrickte Strümpfe auf dem Tische. Das wun— 
derte die arme Frau über alle Maßen. Am nächsten Abend 
legte sie ihre Nadeln wieder auf den Tisch, und am Morgen 
darauf lagen neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie, dass zum 
Lohn Fihres Mitleids mit dem kranken Kätzchen ihr diese 
fleißigen Nadeln beschert waren, und ließ dieselben nun jede 
Nacht stricken, bis sie und die Kinder Strümpfe genug 
hatten. Dann verkaufte sie auch Strümpfe und hatte genug 
bis an ihr seliges Ende. 
Bechstein. 
77. Der Star. 
Der alte Jäger Moriz hatte in seiner Stube einen 
abgerichteten Star, der einige Worte sprechen konnte. Wenn 
zum Beispiel der Jäger rief: „Stärlein, wo bist du?“ so 
schrie der Star/ allemal: „Da bin ich!“ 
Des Nachbars kleiner Karl hatte an dem Vogel eine 
ganz besondere Freude und machte ihm öfters einen Besuch. 
Als Karl wieder einmal hinkam, war der Jaͤger eben nicht 
in der Stube. Karl fieng geschwind den Vogel, steckte ihn 
in die Tasche und wollte damit fortschleichen. 
Allein in demselben Augenblicke kam der Jäger zur Thür 
herein. Er dachte dem Knaben eine Freude zu machen und rief 
wie gewöhnlich: „Stärlein, wo bist du?“ — Und der Vogel 
in der Tasche schrie, so laut er konnte: „Da bin ich!“ 
Ein Diebstahl sei so schlau er mag, 
er kommt oft seltsam an den Tag. 
Chr. Schmid. 
78. Die Sperlinge unter dem Hute. 
Ein ziemlich großer Bauernjunge, namens Michel, 
hatte Spatzen gefangen, und weil er nicht wusste, wohin 
damit, so that er sie in seinen Hut und setzte diesen so auf
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        — 58 — 
den Kopf. Man kann denken, was das für ein Getümmel 
auf dem Kopfe war. Nun begegnete ihm ein Fremder, der 
grüßte ihn freundlich und sprach ihn an: „Guter Freund, 
wo geht der Weg hinaus?“ Weil aber der Michel die Spatzen 
auf dem Kopfe hatte, so dachte er: Was geht dich der 
Fremde an? ließ seinen Hut sitzen und gab gar keine Antwort. 
Der Fremde sagte zu sich selbst: „Hier müssen grobe Leute 
wohnen,“ und ließ den Michel weiter gehen. I 
Jetzt begegnete diesem der Bürgermeister, den pflegten 
alle Leute zu grüßen; der Michel that es aber nicht, einmal 
weil er die Spatzen unter dem Hute hatte, und zweitens 
weil er ein Grobian von Haus aus war. Der Bürgermeister 
aber sagte zu dem Gemeindediener, welcher hinter ihm hergieng: 
„Sieh doch einmal, ob dem Burschen dort der Hut an— 
geleimt ist!“ Der Gemeindediener gieng hin und sprach: 
„Hör' einmal, Michel, der Herr Bürgermeister möchte gern 
sehen, wie dein Hut inwendig aussieht. Flugs zieh ihn ab!“ 
Der Michel aber zögerte immer noch und wußste nicht, 
wie er es machen sollte. Da riss ihm der Gemeindediener 
den Hut herunter, und brr! flogen die Spatzen heraus nach 
allen Ecken und Enden. Da mußsste der Bürgermeister 
lachen, und alle Leute lachten mit. Der Michel aber hieß 
von der Stunde an der Spatzenmichel, und wenn einer 
seinen Hut oder seine Kappe vor Fremden nicht abzieht, so 
sagt man noch heutigen Tages: „Der hat gewiss Spatzen 
unter dem Hute.“ Curtman. 
795 Räthsel. 
In den Winkeln an den Mauern 
pflege ich auf Wild zu lauern 
ohne Hund und Schießgewehr. 
Netze spann' ich um mich her, 
und mein Tisch bleibt selten leer.
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        — 59 — 
8s0. Vom Spinnlein und Muchklein. 
Die Spinne hat gespomnen 
den Silberfaden zart und fein. 
Du Mũcklein in der Sonnen, 
nimm wohl inacht die Flügelein! 
Die Spinne hat gewebet 
ihr seid'nes Netz mit kluger Hand, 
wer weib, wie lang noch lebet 
fein Mücklein, das die Fügel spannt. 
Fein Mücklein, horcht, wie denkt es? 
„Durchs Noetz zu fliegen ist ein Spiel.“ 
Frau Spinne aber fängt es 
und speist es auf mit Stumpf und Stiel. 
834a17 
81. Die drei Schmetterlinge. 
Es waren einmal drei Schmetterlinge, ein weißer, ein 
rother und ein gelber, die spielten im Sonnenschein und 
tanzten von einer Blume zu der andern. Und sie wurden 
es gar nicht müde, so gut gefiel es ihnen. Da kam auf 
einmal der Regen und machte sie nass. Als sie das spürten, 
wollten sie schnell nach Hause fliegen, aber die Hausthüre 
war zugeschlossen, und sie konnten den Schlüssel nicht finden. 
So mußsten sie außen stehen bleiben und wurden immer 
nässer. Da flogen sie hin zu der gelb und roth gestreiften 
Tulpe und sagten: „Schöne Tulpe, mache uns ein wenig 
dein Blümchen auf, dass wir hineinschlüpfen und nicht nass 
werden.“ Die Tulpe aber antwortete: „Dem Gelben und 
dem Rothen will ich wohl aufmachen, aber den Weißen 
mag ich nicht.“ Aber die beiden, der Rothe und der Gelbe, 
sagten: „Nein, wenn du unsern Bruder, den Weißen,
        <pb n="66" />
        60 — 
nicht aufnimmst, so wollen wir auch nicht zu dir.“ Es 
regnete aber immer ärger, und sie flogen zu der Lilie und 
sprachen: „Gute Lilie, mach uns dein Blümchen ein wenig 
auf, dass wir nicht nass werden.“ Die Lilie aber antwortete: 
„Den Weißen will ich wohl aufnehmen, denn er sieht 
gerade aus wie ich, aber die andern mag ich nicht.“ Da 
sagte der Weiße: „Nein, wenn du meine Brüder nicht 
aufnimmst, so mag ich auch nicht zu dir. Wir wollen lieber 
zusammen nass werden, als dass einer die anderen im Stiche 
lässt.“ Und sie flogen weiter. 
Allein die Sonne hinter den Wolken hatte gehöoͤrt, 
wie die drei Schmetterlinge so gute Geschwister waren und 
so fest zusammenhielten. Und sie drang durch die Wolken, 
verjagte den Regen und schien wieder hell in den Garten 
und auf die Schmetterlinge. Es dauerte nicht lange, da 
hatte sie ihnen die Flügel getrocknet und ihren Leib 
erwärmt. Und nun tanzten die Schmetterlinge wieder wie 
vorher und spielten, bis es Abend war. Dann flogen sie 
zusammen nach Hause. 
Curtman. 
8S2. Der Kafer. 
Ein kleiner Käfer schwirrte vergnügt ums Bäumchen her, 
allein im Garten irrte ein wilder Bub' umber. * 
Er fieng das arme Thierchen und packt's hei einem Bein 
und bindet's an ein Schnürchen, Mdas arme Käferlein. 
Er spottet seiner Wunden, er freut sich seiner Noth, 
doch ach! in wenig Stunden war's arme Thierlein todt. 
Du schlimmes Kind, was haben die Kafer dir gethan? 
Ach! aus dem bösen Knaben ward bald ein böser Mamn. 
Dinter.
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        — 61 — 
83. Gottes Fürsorge. 
In den meéisten Gärten steht ein RKraut, dessen Blũte 
gar kõstlichen Duft verbreitet; es heißt Res ed a. Dieses 
Kraut wird im Hochsommer von einem Schmetterlinge, 
dem Kohlweißling, besucht; der ist weiß und hat 
einige dunkle Flecken auf den vier Flügeln. Dieser 
Schmetterling klebt seine Hier meist an die untere Blatt- 
seite der Reseda, damit sie vom Thau und Regen nicht 
nass werden. Er legt sie je eins und eins fern von 
einander, dass später die ausgekrochenen Jungen einander 
die Nahrung nicht schmälern. An der Seite des Eies, mit 
der es am Blatte hängt, kriecht das Junge aus. Wenn es 
nun aus seiner Schale schlüpfen will, sindet es den Aus- 
gang versperrt, aber nicht mit Eisen, Stein oder Holz, 
sondern mit sũühem Futter, das ihm so gut schmeckt wie 
den Kindern Rosinen und Mandeln. Und wenn es sich 
durchgenagt hat, reckt es sein Köpfchen zwei- oder 
dreimal in die Höhe und weidet dann fort, bald zur 
Rechten, bald zur Läinken. 
Wenn nun Gott für ein Würmlein also sorget, das 
heute lebt und morgen vielleicht schon dem Vogel zur 
Speise dient, sollte er nicht auch für uns Menschen 
sorgen? 
Nach Stöber. 
84. Die Nuss. 
Emma und Adelheid spielten im Garten. Zufällig 
erblickten beide zu gleicher⸗ Zeit eine Nuss, die vom Baume 
gefallen war. Sie stritten, wer die Nuss bekommen solle. 
denn jedes der Mädchen wollte sie zuerst gesehen haben. 
Da trat ihr älterer Bruder Ludwig hinzu und fagte: 
„Geht beide an das Ende des Gartens, und wenn ich bis 
drei gezählt habe, dann lauft! Wer zuerst bei der Nuss
        <pb n="68" />
        — 62 — 
ankommt, der soll sie haben. Rennet aber nicht gar zu 
sehr, damit ihr nicht fallet; zum Schnellsein hilft Laufen 
allein nicht.“ 
Die Schwestern giengen an das Ende des Gartens und 
Ludwig zählte: „Eins, zwei — drei!“ beide liefen, so schnell 
sie konnten; Emma jedoch sah nicht auf den Boden, sondern 
nur nach der Nuss. Sie lief schneller als Adelheid; aber 
plötzlich strauchelte sie und fiel der Laänge nach auf die Erde. 
Ehe sie wieder aufstehen konnte, war Adelheid bei der Nuss 
angelangt und hielt sie jubelnd in der Hand. 
Emma erhob sich und weinte; aber Ludwig sagte: 
„Warum bist du nicht vorsichtig gewesen? Eile mit Weile! 
sagt ein altes Sprichwort; das merke dir!“ 
85. Ich mag nicht lügen. 
Georg hatte von seinem Vater ein schoͤnes Messer 
zum Geschenk erhalten; seine Freude darüber war groß. 
Eines Tages trat er in den Garten und wollte sich über— 
zeugen, wie scharf das Messer sei. Da stand ein junger 
Kirschbaum, dessen Stamm fingerdick war. Georg nahm sein 
Messer und schnitt das Bäumchen durch. 
Tags darauf kam der Vater in den Garten, und als 
er das schöne Bäumchen am Boden liegen sah, rief er 
unwillig aus: „Wer mir das gethan hat, der soll mir's 
büßen!“ 
Aber wer es gethan hatte, das wussste kein Mensch — 
außer Georg. Als der hörte, wie der Vater zürnte, wurde 
er feuerroth und dachte: Da hab' ich was Schlimmes an— 
gerichtet. Nun wird der Vater kommen und mich fragen. 
Wenn ich sagte, „ich habe es nicht gethan“, so wäre es 
eine Lüge, und lügen mag ich nicht.
        <pb n="69" />
        M 
63 — 
Schnell gieng Georg zum Vater und sprach: „Vater, 
ich habe das Bäumchen abgeschnitten; es war schlecht von 
mir! Verzeih mir!“ 
Da sprach der Vater zum Knaben: „Weil du deinen 
Fehler gestanden hast, so soll dir für diesmal verziehen 
sein.“ 
86. Der Birnbaum. 
Der alte Ruprecht sab im Schatten des groben 
Birnbaumes vor seinem Hause. Seine Enbel aben von 
den Birnen und konnten die sühen Früchte nicht genug 
loben. 
Da sagte der Grobvater: „Jeh muss euch doch 
erzählen, wie der Baum hiehergekommen ist. Vor mehr 
als fünfrig Jahren stand ich an der Stelle, wo jetzt der 
Baum steht, und klagte dem reichen Nachbar meine 
Armut. „Ach,“ sagte ich, „gern wollte ich zufrieden 
sein, wem ich mein Vermögen nur auf hundert Gulden 
bringen könnte.“ 
Der Nachbar, der ein kluger Mann war, sprach: 
„»Das kannst du leicht, wenn du es recht anzufangen 
weißt. Sieh, hier auf dem Plätzchen, wo du stéhst, sind 
mehr als hundert Gulden in dem Boden versteckt. Mache 
nur, dass du sie herausbringst.“ 
lIeh war damals noch ein umverständiger, junger 
Mensch und grub in der folgenden Nacht ein großes 
Loch in den Boden, fand aber zu meinem Verdrusse 
keinen einzigen Gulden. 
Als der Nachhar am Morgen das Loch sah, lachte 
er, dass er sich beide Seiten hielt, und sagte: „O du 
einfältiger Mensch, so war es nicht gemeint! Ich will 
dir aber einen jungen Birnstamm schenken; den setze
        <pb n="70" />
        — 64 — 
in das Loch, das du gemacht hast, und nach einigen 
Jahren werden die Gulden schon zum Vorschein kommen.“ 
Ich setzte den jungen Stamm in die Erde; im 
nächsten Frühjahr pfropfte ihn der Nachbar. Das 
Bäumchen wuchs und wurde mit der Zeit der grobe, 
herrliche Baum, der hier vor euch steht. Die köstlichen 
Früchte, die er nun seit vielen Jahren getragen hat, 
brachten mir schon weit mehr als hundert Gulden ein. 
Ich habe deshalb das Leibsprüchlein des klugen Nachbars 
nicht vergessen. Merkt es euch auch: 
Im kleinsten Raum pflanz' einen Baum 
und pflege sein; er bringt dir's ein.“ 
Onr. Schmid. 
87. Der Kuhhirt. 
Ein Knabe weidete ein Rind auf einem Grasplatze 
neben einem Garten. Als er nun in die Höhe sah nach 
einem Kirschbaum, bemerkte er, dass einige reife Kirschen 
darauf waren; die glänzten ihm röthlich entgegen, und es 
gelüstete ihn, sie zu pflücken. Er ließ das Thier allein und 
kletterte auf den Baum. 
Die Kuh aber, da sie den Hirten nicht sah, gieng 
davon, brach in den Garten und fraß Blumen und Kräuter 
nach ihrem Gelüste. 
Als der Knabe solches sah, sprang er in aller Eile 
von dem Baume, lief hin und schlug das Rind. 
Der Vater hatte das von weitem gesehen. Er eilte 
herbei, sah den Knaben ernst und sprach: „Wem gebürt 
solche Züchtigung, dir oder dem Thiere? Ein Rind weiß 
nicht, was rechts oder links ist. Bist du minder deinem Gelüste 
gefolgt als das Thier, welches du leiten solltest? Und 
nun übest du ein so unbarmherziges Gericht und vergissest 
deiner Vernunft und deines eigenen Vergehens!“ 
Nach Krummacher.
        <pb n="71" />
        835 
88. Das Vogelnest. 
Franz fand in einer Hecke des Gartens ein Vogelnest. 
Da lief er vor Freude zu seinem Vater, nahm ihn mit in 
den Garten und zeigte es ihm. 
„Sieh nur, Vater!“ rief er, „das weiche Nestchen von 
Moos und mit Wolle ausgefüttert, und darin die drei kleinen, 
rothgesprenkelten Eierchen! Ich möchte sie gar zu gern heraus— 
nehmen und damit spielen! Darf ich's, Vater?“ 
„Nein, lieber Franz,“ antwortete der Vater, „lass sie 
aur darin liegen! Du wirst dann noch mehr Freude haben!“ 
Franz gehorchte. 
Nach vierzehn Tagen giengen sie zusammen hin zu dem 
Nestchen. Da lagen anstatt der drei Eier drei kleine, nackte 
Vögelchen darin, die sperrten ihre Schnäbel auf und wollten 
etwas zu fressen haben. 
Schnell kam die Mutter der Kleinen, hatte Würmchen 
im Schnabel und fütterte sie damit. Das machte dem Franz 
viel Vergnügen. 
„Siehst du?“ sagte der Vater, „hattest du das Nestchen 
ausgenommen, so würdest du jetzt diese Freude nicht haben!“ 
Nun besuchte Franz das Nestchen öfter, bis die kleinen 
Vögel endlich flügge wurden und fortflogen. 
Im nächsten Frühling kamen die alten Vögel wieder und 
bauten ihr Nestchen an dem nämlichen Ort, und so hatte der 
Knabe seine Freude noch manches Jahr. 
B. Spieß. 
89. Die Singvögel. 
Ein freundliches Doörfchen war von einem ganzen 
Walde fruchtbarer Bäume umgeben. Die Bäume blühten 
und dufteten im Frühlinge auf das lieblichste; im Herbste 
aber waren alle Zweige reichlich mit Apfeln, Birnen und 
Lesebuch in 8 Theilen. M. *
        <pb n="72" />
        66 — 
Pflaumen beladen. Auf den Asten der Bäume und in den 
Hecken umher nisteten und sangen allerlei muntere Vögel. 
Die Eltern ermahnten ihre Kinder öfter und sagten: „Thut 
doch diesen Vögelchen nichts zuleid und rührt ihre Nester nicht 
an; denn das würde dem lieben Gott, der die Blumen kleidet 
und die Vögel nährt, sehr mißssfallen.“ 
Allein einige boͤse Buben fiengen an, die Nester auszu⸗ 
nehmen und zu zerstören. Die Voögel wurden dadurch verscheucht 
und zogen nach und nach ganz aus der Gegend hinweg. Man 
hörte in den Gärten und auf der Flur kein Vogelein mehr 
singen. Alles war ganz still und traurig. 
Die Bosheit dieser Buben hatte aber noch eine andere 
üble Folge. Die schädlichen Raupen, die sonst von den Voögeln 
hinweggefangen wurden, nahmen überhand und fraßen Blatter 
und Blüten ab. Da standen die Bäume kahl da wie mitten 
im Winter, und die bösen Buben, die sonst köstliches Obst 
im Überfluss zu verzehren hatten, bekamen nicht einen Apfel 
mehr zu essen. 
Nimmst du den Vögeln Nest und Ei 
istss mit Gesang und Obst vorbei. 
Chr. Schmid.
        <pb n="73" />
        Feld und Wald. 
90. Frũuhlingsbotschaft. 
Ruckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald: 
Lasset uns singen, 
tanzen und springen! 
Frühling, Frühling wird es nun bald. 
Kuckuck, Kuckuck làsst nicht sein Schrei'n: 
—X 
Wiesen und Wälder! 
Frühling, Frühling, stelle dich ein! 
Kuckuck, Kuchkuck, trefflicher Held! 
Was du gesungen, 
ist dir gelungen: 
Winter, Winter räumet das Feld! 
Hoffmann v. Fallersleben. 
91. Die Somnenstrahlen. 
Die Sonne war aufgegangen und stand mit ihrer 
schönen, glänzenden Scheibe am Himmel und schickte ihr 
Strahlen aus, um die Schlaͤfer in dem ganzen Lande 
wecken. Da kam ein Strahl zu der Lerche. Die schlupt 
5*
        <pb n="74" />
        68 — 
aus ihrem Neste, flog in die Luft hinauf und sang: „Liri, 
liri, li, schön ist's in der Früh'!“ — Der zweite Strahl kam 
zum Häschen und weckte es auf. Das rieb sich die Augen 
nicht lange, sondern sprang aus dem Walde auf die Wiese 
und suchte sich zartes Gras und saftige Kräuter zu seinem 
Frühstück. — Ein dritter Strahl kam an das Hühnerhaus. 
Da rief der Hahn: „Kikeriki!“ und die Hühner flogen von 
ihrer Stange herab und gackerten in dem Hofe, suchten sich 
Futter und legten Eier in das Nest. — Ein vierter Strahl 
kam an den Taubenschlag zu den Täubchen. Die riefen: 
„Ruckediku! die Thür ist noch zu.“ Und als die Thür 
aufgemacht war, da flogen sie alle in das Feld und liefen 
über den Erbsenacker und lasen sich die runden Körner 
auf. — Ein fünfter Strahl kam zu dem Bienchen. Das kroch 
aus seinem Bienenkorb hervor, wischte sich die Flügel ab 
und summte dann über die Blumen und den blühenden 
Baum hin und trug den Honig nach Hause. — Da kam 
der letzte Strahl an das Bett des Faulenzers und wollte 
ihn wecken. Allein der stand nicht auf, sondern legte sich 
auf die andere Seite und schnarchte, wahrend alle andern 
arbeiteten. 
Curtman. 
32. Frühlingslied. 
Die Luft ist blau, das Thal ist grün, die kleinen 
Maienglocken blüh'n und Schlüsselblumen drunter; der 
Wiesengrund ist schon so bunt und malt sich täglich 
bunter· 
Drum komme, wem der Mai gefällt, und schaue 
froh die schöne Welt und Gottes Vatergũte, die solche 
Pracht hervorgebracht: den Baum und seine Blüte. 
NsItv.
        <pb n="75" />
        — 69 — 
93. Das Maiglöckehen. 
Maienlilie, kannst du sagen, 
warum du musst Glöcklein tragen? 
„König Mai wird kommen heute, 
und ich muss es mit Geläute 
allen Blumen eilig künden 
in den Wäldern, in den Gründen, 
dass sie mögen blühend stehen, 
wenn er wird vorübergeben!“ 
Schults. 
94. Der Distelfink. 
Als der liebe Gott die Voͤglein machte, da gab er 
ihnen Beine zum Hüͤpfen, Flügel zum Fliegen und Schnäbel 
zum Fressen. Und als sie alle fertig waren und um ihn 
her standen, da nahm er einen großen Farbenkasten und 
malte ihnen bunte Federn. Da kam die Taube an die 
Reihe und erhielt einen blauen Hals und röthliche Flügel, 
und der Kanarienvogel wurde so gelb wie eine Eitrone, 
und die Bachstelze wurde grau und bekam einen schwarzen 
Strich und einen weißen Fleck daneben, und alle Vögel 
wurden prächtig gefärbt, wie es sich für jeden schickt. Nur 
einer war übrig geblieben, weil er hinter den andern stand 
und sich nicht vordrängen wollte; das war der Distelfink. 
Als er endlich auch herbeikam, da hatte der liebe Gott alle 
Farben verbraucht, und es war nichts mehr übrig, als die 
leeren Schälchen. Da weinte das arme Voͤgelchen, dass es 
nicht auch ein so buntes Federkleid haben sollte wie die 
andern. Der liebe Gott aber redete ihm zu und sprach: 
„Sei ruhig! es ist noch in jedem Schaͤlchen ein klein wenig 
Farbe zurückgeblieben, das will ich mit dem Pinsel austupfen 
und auf deine Federn streichen.“ Und er that es und malte 
den Distelfink ein bisschen roth und ein bisschen gelb und
        <pb n="76" />
        ein bisschen schwarz und ein bisschen grün, aus allen Schälchen 
ein wenig, so dass er der bunteste unter allen Vögeln wurde 
und dem lieben Gott dankte, dass er ihn so schön gemacht 
hatte. 
Curtman. 
95. Die Biene. 
Da steht das kleine Bienenhaus, die Bienchen ziehen 
ein und aus, die kleinen, muntren Leute. Sie fliegen nach den 
Blumen hin und suchen süßen Honig drin mit rechter Lust 
und Freude. 
Schmeckt's ihnen gut, so summen sie, ist's Blümchen 
leer, so brummen sie und fliegen fort im Jagen; und haben 
sie sich satt geleckt, dann wird noch Honig eingesteckt, soviel 
sie können tragen. 
Sie schleppen ihn zu ihrem Haus und packen ihn dort 
eilig aus und ruhen eine Weile; dann putzen von den 
Flügelein den Staub sie ab gar fein und rein und fliegen 
fort in Eile. 
So geht es wohl den ganzen Tag, bis kühl der Abend 
kommen mag, es sind gar fleiß'ge Leute; und ist ihr Haus 
auch nur von Stroh, so sind sie dennoch immer froh und 
summen stets voll Freude. 
Sie machen kleine Fässlein sich von weißem Wachs gar 
säuberlich, die sie voll Honig tragen ; und kommt der rauhe 
Winter dann, so zapfen sie die Fässlein an und trinken mit 
Behagen. 
Doch wenn der Winter kaum vergeht, die Frühlingsluft 
erst linde weht, und Veilchen blühen wieder, — da kommt 
aus seinem kleinen Haus das Bienchen auch geschwind heraus, 
fliegt emsig auf und nieder. 
Dieffenbach.
        <pb n="77" />
        71 — 
6. Der Frosch. 
Der Frosch sitzt in dem Robhre, 
der dicke, breite Mann, 
und singt sein Abendliedchen, 
so gut er singen kann. — Quak! Quak! 
Er meint, es klingt gar herrlich, 
könnt's niemand so wie er, 
er bläst sich auf gewaltig, 
meint Wunder, was er wär'. — Quak! Quak! 
Mit seinem breiten Maule 
fängt er sich Mücken ein, 
guckt mit den dicken Augen 
froh nach der Sonne Schein. 
Das ist ein ewig Quaken; 
er wird es nimmer mücd', 
so lange noch ein Blümchen 
im Wiesengrund nur blüht. — Quak! Quak! 
Herr Frosch! nur zu gesungen, 
er ist ein bust'ger Mann; 
im Lenz muss alles singen, 
so gut es singen kann! — Quak! Quak! 
Dieffenbach. 
97. Vergissmeinnicht. 
Als der liebe Gott Himmel und Erde geschaffen und 
alles, was auf der Erde ist, da benannte er auch die Pflanzen. 
Und es kamen Blumen von mancherlei Art, die der Herr 
bedeutungsvoll mit Namen nannte. „Aber,“ fügte er hinzu, 
„gedenket des Namens, den euch der Herr, euer Gott, 
gegeben.“
        <pb n="78" />
        72 
Sieh, da kam bald darauf ein Blümlein, angethan mit 
der Farbe des Himmels, bläulich schimmernd und gelb, und 
fragte: „Herr, wie hast du mich genannt? Ich hab' meinen 
Namen vergessen.“ 
Und der Herr sprach: „Vergissmeinnicht!“ — Da schämte 
sich das Blümchen und zog sich zurück an den stillen Bach 
in das dunkle Gebüsch und trauerte. Wenn es aber jemand 
sucht und pflückt, dann ruft es ihm zu: „Vergissmeinnicht!“ 
Cosmar. 
98. Die Blumen. 
Wer hat die Blumen nur erdacht, wer hat sie so schön 
gemacht; gelb und roth und weiß und blau, dass ich meine 
Lust dran schauẽ 
Wer hat im Garten und im Feld sie auf einmal hin⸗ 
gestellt? Erst war's doch so hart und kahl, blüht nun alles 
auf einmal. 
Wer ist's, der ihnen allen schafft in den Wurzeln frischen 
Saft, gießt den Morgenthau hinein, schickt den hellen Sonnen— 
schein? 
Wer ist's, der sie alle ließ duften noch so schön und 
süß, dass die Menschen groß und klein fich in ihren Herzen 
freu'n? 
Wer das ist und wer das kann und nicht müde wird 
daran? — das ist Gott in seiner Kraft, der die lieben Blumen 
schafft. 
Hey. 
9. Der fröhliche Sommer. 
Sommer, 0 Sommer, du fröhliche Zeit! 
Alles ist wieder mit Blumen bestreéut. 
Hüpfende Schäfchen, sie spielen im held, 
freuen sich alle der herrlichen Welt.
        <pb n="79" />
        — 73 — 
FPalter und Lerchen durchfliegen den Raum; 
—— 
glänzende Mücken, die tanzen so fein. 
tanzen im goldigen, sonnigen Schein. 
Danket, o Kinder, o danket dem Herrn, 
danket ihm freudig, o danket ihm gern! 
Reiniok. 
100. Der Sonnenscheinm. 
„Wenn doch nur immer die Sonne schiene!“ sagten 
die Kinder an einem trühen, stürmischen Regentage. Ihr 
Wounsch schien bald in Erfüllung zu gehen; denn mehrere 
Wochen lang erblickte man kein Wölklein am Himmel. 
Die lange Trockenheit richtete aher grohen Schaden auf 
Ackern und Wiesen an. Im Garten verwelkten Blumen 
und Kräuter, und der FHlachs, auf den sich die Mädchen 
so sehr gefreut hatten, wurde kaum sfingerlang. 
„Seht ihr nun,“ sprach die Mutter, „dass der Regen 
ebenso nothwendig ist, als der Somenschein! Lernt 
aber zugleich aus dieser weisen Kinrichtung Gottes die 
heilsame Wahrheit, dass es auch für uns Menschen 
nicht gut wäre, wenn wir lauter heitere, frohe Tage 
hätten. Es müssen auch trübe Tage, Drangsale und 
Leiden von Zeit zu Zeit über euch kommen, damit ihr 
zu guten Menschen heranwachset. 
Nicht nur Sonnenschein und Regen, 
auch Freud' und Leid sind Gottes Segen.“ 
Chr. Schmid. 
IOI. Sonne und Regen. 
Die Sonne sprach: „Ich will scheinen 
so fort und immer fort!“ 
Der Regen sprach: „Ich will fallen 
ohn' End' an jedem Ort!“
        <pb n="80" />
        74 — 
Die Sonne: „Du machst ja alles 
auf Erden gar zu nass!“ 
Der Regen: „Du machst zu trocken, 
wenn du scheinst ohn' Unterlass!“ 
Die Sonne: „Ich mache fruchtbar, 
und alles freut sich mein!“ 
Der Regen: „Ich thu' desgleichen; 
dich mag man nicht allein!“ 
So haben sie lange gestritten; 
doch wurden sie einig zuletzt. 
Sie wollten mit einander wechseln — 
und so ist es denn auch jetzt. 
Enslin. 
102. Raͤthsel. 
Nun, Kinder! könnt ihr rathen 
auf einen Kameraden, 
der, wo ihr geht und wo ihr steht, 
getreulich immer mit euch geht, 
bald lang und schmal, bald kurz und dick, 
doch bei euch jeden Augenblick, — 
solang die Sonn' am Himmel scheint; 
denn nur so, Kinder, ist's gemeint. 
Wo weder Sonne scheint noch Licht, 
ist auch der Kamerade nicht. 
Hagenbach. 
103. Der Bekehrte. 
Grasmücke, sag', was flatterst du 
so um das Nest Vnher? 
Du klagst und zirpest immerzu, 
ist dir das Herz so schwer?
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        — 75 — 
„Mein Kind, o sieh ins Nest hinein, 
dann weißt du meinen Gram. 
Wie kann die Mutter fröhlich sein, 
der man die Kindlein nahm?“ 
Der Knabe nahm die Jungen aus; 
jetzt wird ihm bang und schwer; 
er rennet hurtig fort nach Haus 
und holt sie wieder her. 
„Dran hab' ich wahrlich nicht gedacht; 
verzeih es mir, verzeih! 
Es war nicht recht, was ich gemacht, — 
da hast du alle drei!“ 
Hoffmann v. Fallersleben. 
104. Die Kornähren. 
Ein Landmann gieng mit feinem kleinen Sohne Werner 
auf das Feld hinaus, um zu sehen, ob das Korn bald 
reif sei. 
Sie kamen zu ihrem Acker und sahen, wie einige Halme 
ganz aufrecht standen, andere aber ihre Ahren tief zur Erde 
neigten. Werner sagte: „Es ist doch schade, dass so viele 
Halme fast am Boden liegen. Oder nützen sie vielleicht nichts?“ 
Der Vater pflückte zwei Ähren ab und sprach: „Sieh, 
diese Ahre hier, die sich so bescheiden neigte, ist voll der schönsten 
Korner; diese aber, die sich so stolz in die Höͤhe streckte, ist 
ganz taub und leer.“ 
Trägt einer gar so hoch den Kopf, 
so ist er wohl — ein eitler Tropf. 
Nach Chr. Schmid.
        <pb n="82" />
        78 — 
105. Rüthsel. 
Mit vielen scharfen, spitzen Krallen 
fährt's auf dem Felde kreuz und quer, 
und wenn des Sä'manns Körner fallen, 
gleich ist es hinterher. 
Doch nicht ein Körnlein kann es fressen, 
es scharrt sie alle ein; 
hieraus nun könnt ihr leicht ermessen: 
ein Heer von Spatzen kann's nicht sein. 
106. Wachtellied. 
Horch, wie schallt's dorten so lieblich hervor: „Fürchte 
Gott; fürchte Gott!“ ruft mir die Wachtel ins Ohr. Sitzend 
im Grünen, von Halmen umhüllt, mahnt sie den Horcher 
am Saatengefild: „Liebe Gott! liebe Gott; Er ist so gütig 
und mild!“ 
Wiceder bedeutet ihr hüpfender Schlag: „Lobe Gott! 
lobe Gott! der dich zu lohnen vermag!“ Siehst du die herr— 
lichen Früchte im Feld? sieh sie mit Rührung, Bewohner 
der Welt! „Danke Gott! danke Gott! der dich ernährt und 
erhält!“ 
Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur, — „bitte 
Gott! bitte Gott! dass er verschone die Flur.“ Machen die 
künftigen Tage dir bang, tröstet dich wieder der Wachtelgesang: 
,Traue Gott! traue Gott!“ deutet sein lieblicher Klang. 
Sauter. 
107. Fischlein. 
Fischlein! Fischlein! du armer Wicht, 
schnappe nur ja nach der Angel nicht; 
geht dir so schnell zum Halse hinein, 
reißt dich blutig und macht dir Pein.
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        — 77 — 
Siehst du nicht sitzen den Knaben dort? 
Fischlein, geschwinde schwimme fort! 
Fischlein mocht' es wohl besser wissen, 
schaute nur nach dem fetten Bissen, 
meinte, der Knabe mit seiner Schnur 
wäre hier so zum Scherze nur. 
Da schwamm es herbei, da schnappt' es zu. 
Nun zappelst du, armes Fischlein du! 
9 
108. Ràthsel. 
Ieh weiß ein bunt bemaltes Haus; 
ein Thier mit Hörnern schaut heraus, 
das nimmt bei jedem Schritt und Tritt 
sein Häuslein auf dem Rücken mit; 
doch rührt man an die Hörner sein, 
zieht's langsam sich ins Haus hinein. 
Was für ein Häuschen mag das sein? 
*109. Die Wassermünhle. 
Wenn ihr gut zu Fube seid und nicht so leicht 
müde werdet, wollen wir einmal zu der Mühle gehen, 
die am hellen Bache und an der grünen Wiesé liegt. 
Da steht das Mühlhaus am Wasser, und man hört schon 
von weitem das Geklapper des Mahlkastens und das 
Gebrause der Wasserräder. Das Rad ist viel gröher 
als ein Wagenrad und dreht sich viel langsamer um, 
aber es steht nicht still außer am Sonntage, wenn der 
Müller in die Kirche geht. In dem Mühlhause steht 
unter dem Mahlkasten der Mehlkasten, in den fällt das 
Mehl, wenn es gemahlen ist, und von dem Staube des 
Mehlicastens wird alles weiß, der Müller und die Müllerin 
und der Möhlknecht und, wenn du vorwitzig bist, du
        <pb n="84" />
        — 78 — 
auch. Um den Mehlkasten stehen die Kornsäcke; aus 
diesen nimmt der Müller Korn und schüttet es in den 
großen, hölzernen Trichter, welcher über dem Mahlkasten 
steht. Hier wird es zwischen den Mühlsteinen zu Mehl 
gemahlen. Hierauf schüttet der Müller das Mehl in Säcke, 
ladet diese auf einen Wagen und fährt sie zu dem 
Backer oder zu den Landleuten, die ihm das Getreide 
zur Mühle gebracht haben. Weißt du schon, was der 
Bãäcker mit dem Mehle machte? 
Die Mühlen werden zu mancherlei Dingen gebraucht, 
und darnach erhalten sie wiederum andere Namen. Auf 
den meisten Mühlen wird Korn gemahlen, die nennt man 
Kornmühlen. Auf andern Mühlen wird aus Früchten 
öl gepresst, die nemnt man ölmühlen; auf andern 
werden grobe Baumstämme zu Brettern geschnitten, die 
nennt man Sägemüblen. 
Nach Curtman und Fecher. 
110. Lied von der Mühle. 
Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, 
klipp klapp! 
Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach, 
klipp klapp; 
Er mahlet das Korn zu dem kräftigen Brot, 
und haben wir solches, so hat's keine Noth, 
klipp klapp! 
Schnell laufen die Räder und drehen den Stein, 
klipp klapph— 
und mahlen den Weizen zu Mehl uns so fein, 
klipp klapp; 
und was mit dem Mehle die Mutter dann thut, 
das wissen die Kinder und merken sich's gut, 
klipp klapp!
        <pb n="85" />
        Wenn reichliche Körner das Ackerfeld trägt, 
klipp klapp! 
Die Mühle dann schnell ihre Räder bewegt, 
klipp klapp! 
und der Himmel uns schenket nur immerdar Brot, 
so sind wir geborgen und leiden nicht Noth, 
flipp klapp! 
III. Räthsel. 
Vom Felde kommt's in die Scheune, 
vom Flegel zwischen zwei Steine, 
aus dem Wasser in große Glut; 
dem Hungrigen schmeckt es gut. 
112. Wanderlied. 
Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern! Das 
muss ein schlechter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern 
ein, das Wandern! 
Vom Wasser haben wir's gelernt, vom Wasser! Das 
hat nicht Rast bei Tag und Nacht, ist stets auf Wander— 
schaft bedacht, das Wasser! 
Das seh'n wir auch den Rädern ab, den Rädern! die 
gar nicht gerne stille steh'n, die sich mein' Tag nicht müde 
dreh'n, die Räder! 
Die Steine selbst, so schwer sie sind, die Steine! Sie 
tanzen mit den muntern Reih'n und wollen gar noch schneller 
sein, die Steine! 
O Wandern, Wandern, meine Lust, o Wandern! Herr 
Meister und Frau Meisterin, lasst mich in Frieden weiter 
zieh'n und wandern! 
Wilhelm Müller.
        <pb n="86" />
        — — 
80 — 
113. Die grüne Stadt. 
Ich weiß euch eine schöne Stadt, 
die lauter grüne Häuser hat; 
die Häuser, die sind groß und klein, 
und wer nur will, der darf hinein. 
Die Straßen, die sind freilich krumm, 
sie führen hier und dort herum: 
doch stets gerade fort zu geh'n, — 
wer findet das wohl allzuschoͤn? 
Die Wege, die sind weit und breit 
mit bunten Blumen überstreut; 
das Pflaster, das ist sanft und weich, 
und seine Farb' den Häusern gleich. 
Es wohnen viele Leute dort, 
und alle lieben ihren Ort; 
ganz deutlich sieht man dies daraus, 
dass jeder singt in seinem Haus. 
Die Leute sind da alle klein, 
denn es sind lauter — Vögelein; 
und meine ganze grüne Stadt 
ist, was den Namen „Wald“ sonst hat. 
Ortlepp. 
114. Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. 
Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald in gutem und 
schlechtem Wetter; das hat von unten bis oben nur Nadeln 
gehabt statt Blätter; die Nadeln, die haben gestochen, das 
Bäumlein, das hat gesprochen: „Alle meine Kameraden haben 
schöne Blätter an, und ich habe nur Nadeln, niemand rührt 
mich an; dürft' ich wünschen, wie ich wollt', wünscht' ich mir 
Blätter von lauter Gold.“
        <pb n="87" />
        — 81 — 
Wie's Nacht ist, schläft das Bäumlein ein, und früh 
istss aufgewacht; da hat es goldene Blätter fein, das war 
eine Pracht! Das Bäumlein spricht: „Nun bin ich stolz, 
gold'ne Blätter hat kein Baum im Holz.“ Aber wie es Abend 
ward, gieng der Räuber durch den Wald mit großem Sack 
und großem Bart, der sieht die gold'nen Blätter bald; er steckt 
sie ein, geht eilends fort und lässt das leere Bäumlein dort. 
Das Bäumlein spricht mit Grämen: „Die gold'nen 
Blätter dauern mich; ich muss vor den andern mich schämen, 
sie tragen so schönes Laub an sich; dürft' ich mir wünschen 
noch etwas, so wünscht' ich mir Blätter von hellem Glas.“ 
Da schlief das Bäumlein wieder ein, und früh ist's wieder 
aufgewacht; da hatt' es gläserne Blätter fein, das war eine 
Pracht! Das Bäumlein spricht: „Nun bin ich froh, kein Baum 
im Walde glitzert so.“ Da kam ein großer Wirbelwind mit 
einem argen Wetter, der fährt durch alle Bäume geschwind 
und kommt an die gläsernen Blätter; da lagen die Blätter 
von Glase zerbrochen in dem Grase. 
Das Bäumlein spricht mit Trauern: „Mein Glas liegt 
in dem Staub, die andern Bäume dauern mit ihrem grünen 
Laub. Wenn ich mir noch was wünschen soll, wünsch' ich 
mir grüne Blätter wohl.“ Da schlief das Bäumlein wieder 
ein, und wieder früh ist's aufgewacht; da hat es grüne 
Blaͤtter fein. Das Bäumlein lacht und spricht: „Nun hab' 
ich doch Blätter auch, dass ich mich nicht zu schäͤmen brauch'.“ 
Da kommt mit vollem Euter die alte Geiß gesprungen, sie 
sfucht sich Gras und Kräuter für ihre Jungen; sie sieht 
—D0 fristt es ab mit Stumpf 
und Stiel. 
Da war das Bäumlein wieder leer, es sprach nun 
zu sich selber: „Ich begehre nun keine Blaͤtter mehr, 
deder gruͤner, noch rother, noch gelber. Hätt' ich nur meine 
Lesebuch in v Theilen. M. 6
        <pb n="88" />
        82 
Nadeln, ich wollte sie nicht tadeln!“ Und traurig schlief 
das Bäumlein ein, und traurig ist es aufgewacht; da 
besieht es sich im Sonnenschein und lacht und lacht! Alle 
Bäume lachen's aus, das Bäumlein aber macht sich nichts 
draus. 
Warum hat's Bäumlein denn gelacht? und warum denn 
seine Kameraden? Es hat bekommen in einer Nacht wieder 
alle seine Nadeln, dass jedermann es sehen kann; geh 'naus, 
sieh's selbst, doch rühr's nicht an. Warum denn nicht? 
Weil's sticht. Rückert. 
115. Der Hahn, der Hund und der Fuchs. 
Din Hund und Hahn schlossen Freundschaft 
und wanderten zu8 ανν in die Fremde. Eines Abends 
konnten sie Fec aue reichen und mussten im Walde 
übernachten. Ma val der Hund eine hohle Eiche, worin 
für ihn eine trefflichekammer war. „Hier wollen 
wir bleiben,“ sagte nem Kameraden. „Ich bin 
es ufrieden,“ sagte dee , „aber ich schlafe gern in 
der Höhe.“ Damit fFog einen Ast, wünschte dem 
andern gute Nacht un veh zum Schlafen zurecht. 
Als es Morgen v⸗ e, fieng der Hahn zu 
krähen an; denn er dach“ hald Zeit zum Weiter- 
reisen. — Das Kikeriki h er F'uehs gehört, dessen 
Wohnung nicht weit davon und sehnell war er da, 
um den Hahn zu fangen. Da be aber so hoch sitzen 
sah, dachte er: Den muss urech gute Worte 
herunterlocken; denn klettern ar ich nicht. Das 
Füchslein macht sich ganz höflich el und spricht: 
„Ei, guten Morgen, lieber Herr Vettier Wie kommen 
—ADVVVV 
Aber Sie haben sich da gar keine geschiete Vohnung
        <pb n="89" />
        — 83 — 
gewählt, und wie es scheint, haben Sie auch noch nicht 
gefrühstückt. Wenn es Ihnen gefällig ist, mit in mein Haus 
zu kommen, so werde ich Ihnen mit frischgebackenem 
Brote aufwarten.“ Der Hahn kannte aber den alten 
Schelm, und es fiel ihm nicht ein herunterzusteigen. 
„Di,“ sagte er, „venn Sie ein Vetter von mir sind, so 
werde ich recht gern mit Ihnen frühstücken. Aber ich 
habe noch einen Reisegefährten, der hat die Thür 
zugeschlossen. Wollen Sie so gefällig sein, diesen zu 
wecken, so können wir gleich mit einander gehen.“ Der 
Fuchs, welcher meinte, er könne noch einen 2weiten 
Hahn erwischen, lief schnell nach der Ossfnung, wo der 
Hund lag. Dieser aher war wach, hatte alles angehört, 
was der FPuchs gesprochen, und freute sich, den alten 
Betrüger jetzt strafen zu können. Ehe der Fuchs es sich 
versah, sprang der Hund hervor, packte ihn an der 
Kehle und biss ihn todt. 
Dann rief er seinen HFreund vom Baume herunter 
und sagte: „Wenn du allein gewesen wärest, hatte 
dieser Bösewicht dich umgebracht. Aber lass uns eilen, 
dass wir aus dem Walde kommen.“ 
Curtman. 
116. Der Wiederhall. 
Der kleine Georg wußste noch nichts vom Wiederhalle. 
Einmal schrie er auf der Wiese: „Ho, hopp!“ Sogleich 
rief's im nahen Waäldchen auch: „Ho, hopp!“ Er rief ver— 
wundert: „Wer bist du?“ Die Stimme rief auch: „Wer 
bist du?“ Er schrie: „Du bist ein dummer Junge!“ und — 
„dummer Junge!“ hallte es aus dem Walde zurück. 
Georg ward ärgerlich und rief immer ärgere Schimpf— 
namen in den Wald hinein. Alle hallten getreulich wieder 
82*
        <pb n="90" />
        — 84 — 
zurück. Er suchte hierauf den vermeinten Knaben im ganzen 
Waͤldchen, um sich an ihm zu rächen, konnte aber niemand finden. 
Hierauf lief er nach Hause und klagte der Mutter, 
wie ein böser Bube sich im Walde versteckt und ihn ge— 
schimpft habee. 
Die Mutter sprach: „Diesmal hast du dich selbst an— 
geklagt. Du hast nichts vernommen, als den Wiederhall 
deiner eigenen Worte. Hättest du ein freundliches Wort in 
den Wald hineingerufen, so ware dir auch ein freundliches 
Wort zurückgekommen.“ —8 
Wie du hineinrufst in den Wald, 
so tönt es dir entgegen bald. Ghr. Schmid. 
1I17. Der Greis und der Knabe. 
Den steilen Waldweg wankt hinan mit einer 
schweren Last ein Greis; gar sauer wird's dem armen 
Mann, von seiner Stirne rinnt der Schweiß. 
Ein rüst'ger Knabe springt daher in jugendlichem 
Ungestüm. Der Greis seufæt laut: „Ieh kann nicht mehr!“ 
Da ist der Knabe hinter ihm. 
Es will der Alte, mũd' und matt, sich niederlassen 
in den Sand, als schon der Knab' erfasset hat die Bürde 
mit der kräft'gen Hand. — 
Auf seine Schultern schwingt er sie, und freundlich 
spricht er: „Läebher Mann, das ist für mich ja keine 
Möh'! Ich thu' es gern. Geht nur voran!“ 
Die beiden mit einander zieh'n bis vor des Greises 
Hüttenthür; da legt der Knab' die Bürde hin. Der Alte 
spricht: „Hab' Dank dafür 
Und wenn du einst wirst schwach und alt, Gott 
wird dir helfen auch, mein Sohn.“ — Der Knabe springt 
zurüũek zum Wald; — im Herzen war sein schönster 
Lohn. 
Unslin.
        <pb n="91" />
        85 
d 
1I18. Der Wind. 
Ich bin der Wind und komm' geschwind; ich wehe 
durch den Wald, dass weit es wiederhallt. Bald säusle 
ieh gelind und bin ein sanftes Kind, bald braus' ich 
wie ein Mann, den niemand fesseln kann. Schliebßt Thür 
und Fenster zu, sonst habt ihr keine Rub'; ich bin 
der Wind und komm' geschwind. i Hev. 
119. Das Gewitter. 
Wolken kommen hergezogen, und der Vogel singt 
nicht mehr; Winde sausen hin und her, dunkel wird's 
am Himmeisbogen. 
Rothe Flammen zucken nieder, und der Donner 
rollt und schallt; rauschend über Rlur und Wald strõnen 
Regengüsse nieder. 
Aper wenn's auch blitzt und krachet, stehen wir 
in Gottes Hand, der den Blitz hat hergesandt und das 
gute Kind bewachet. 
120. Der Blitæ. 
Gustavs Mutter war krank und lag am HVieber 
darnieder. Der Arzt hatte der Kranken kühlende HFrüchte 
empfohlen. Daher beschloss Gustav in den Wald zu 
gehen, um seiner Mutter PErdbeeéren 2zu pflücken. E war 
din heißer Sommertag. Emsig suchte der Knabe und 
freute sich sehr, wenn zwischen dem dunkeln Laube 
ein rothes Beerchen ihn anlachte. Wohl presste die Hitze 
seiner Stirne Schweißtropfen aus, allein er achtete es 
nicht und pflückte fort, um seiner Mutter Freude zu 
bereiten. Endlich war das Körbchen voll der schönsten 
Prdbéé eren. Lächelnd blickte der glückliche Knabe auf
        <pb n="92" />
        — 86 — 
seinen Schatz und setzte sich endlich nieder, um im 
Schatten einer VBiche auszuruhen. Aber er hatte sich 
mũde gesucht, und bald verfiel er in Schlaf. 
Da erhob sich am Himmel ein Gewitter, dunkles 
und schweres Gewölk zog herauf, Blitze leuchteten, und 
der Donner tönte immer lauter und lauter. Plötzlich 
brauste der Wind in den Asten der Bäume, Regen 
stürzte hernieder, und der Knabe érwachte. Das 
Gewitter wandelte seine frühere Freude in Schrecken; 
er blieb weinend unter der Hiche sitzen. Da fiel ihm 
ein, dass sein Lehrer gesagt habe, man dürfe bei 
Gewittern nie unter Bäume treten. Hasch sprang daher 
Gustav auf, nahm sein Körbehen und, éeilte fort. Da 
leuchtete ein heftiger Blitz, laut krachte der Donner 
gleich darauf, und erschreckt sah der Knabe sich um. 
Die Hiche, unter der er eben gesessen, hatte der Blitz 
zerschmeéttert. 
Durchnässt Kam Gustav zu Hause an. Die Eltern 
hatten ängstlich auf ihn gewartet und freuten sich sebr, 
als sie ihn unverletzt sahen. Die kranke Mutter erquickte 
sich jetzt und dankte ihrem Gustar. 
Kellper. 
121. Der Regen. 
Ein Kaufmann ritt einst von einem Jahrmarkte nach 
Hause 'und hatte hinter sich ein Felleisen mit vielem Gelde 
aufgepackt. Es regnete heftig, und der gute Mann wurde 
durch und durch nass. Er war daher sehr unwillig über das 
schlechte Wetter. 
Bald kam der Kaufmann in einen dichten Wald und 
sah mit Entsetzen einen Räuber am Wege stehen, der mit 
einer Flinte auf ihn zielte und — abdrückte. Das Zünd— 
hütchen war vom Regen feucht geworden, und die Flinte
        <pb n="93" />
        Rö οäÄàXä.— 
81 — 
gieng nicht los. Der Kaufmann gab dem Pferde den Sporn 
und entkam glücklich der Gefahr. 
Als er in Sicherheit war, sprach er: „Was für ein 
Thor bin ich gewesen, dass ich über das schlechte Wetter 
murrte! Wäre das Wetter schön gewesen, so läge ich jetzt 
todt in meinem Blute. Der Regen, über den ich murrte, 
rettete mir Gut und Leben “ Nach ChriSchmid. 
122. Der Regenbogen. 
Nach einem Gewitter erschien ein lieblicher Regenbogen 
am Himmel. Der kleine Heinrich sah eben zum Fenster 
hinaus und rief voll Freude: „Solch wunderschöne Farben 
hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Dort bei dem 
alten Weidenbaume am Bache reichen sie aus den Wolken 
bis auf die Erde herab. Gewiss tröpfeln alle Blätter des 
Baumes von den schönen Farben. Ich will eilends hingehen 
und meine Muschelschalen in meinem Farbenkästlein damit 
füllen.“ 
Er sprang,' so schnell er konnte, dem Weidenbaume zu; 
allein zu seinem Erstaunen stand der Kleine nun im Regen 
da und ward nichts von einer Farbe gewahr. Ganz durchnässt 
gieng er traurig wieder heim und klagte dem Vater sein 
Missgeschick. 
Dieser laͤchelte und sprach: „Jene Farben lassen sich in 
keine Schale auffassen; die Regentropfen scheinen nur im 
Glanze der Sonne so schön gefärbt. 
Chr. Schmid. 
123. Alle gezählt. 
Weißt du, wie viel Sterne stehen an dem blauen 
Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über 
alle Welt? Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch 
nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.
        <pb n="94" />
        88 — 
Weißt du, wie viel Mücklein spielen in der hellen 
Sonnenglut? wie viel Fischlein auch sich kühlen in der hellen 
Wasserflut? Gott, der Herr, rief sie mit Namen, dass sie all' 
ins Leben kamen, dass sie nun so fröhlich sind. 
Weißt du, wie viel Kinder frühe steh'n aus ihrem 
Bettlein auf, dass sie ohne Sorg' und Mühe froͤhlich sind 
im Tageslauf? Gott im Himmel hat an allen seine Lust, 
sein Wohlgefallen, kennt auch dich und hat dich lieb. 
Hey. 
124. Der Postillon. 
Der Postillon ist ein glüͤcklicher Mann, dass er immer 
so reiten kann! Hell funkeln seine blanken Sporn, und frisch 
erklingt sein lustig Horn; und Berg und Thal ringsum 
erschallt, wenn seine lange Peitsche knallt. O, wär' ich nur 
ein Postillon, gleich ritt' ich im Galopp davon! Trara, trara, 
trara! 
125. Herbst. 
Bunt sind schon die Waälder, 
gelb die Stoppelfelder, 
und der Herbst beginnt; 
rothe Bläãtter fallen, 
graue Nebel wallen, 
kühler weht der Wind. 
Wie die volle Traube 
aus dem Rebenlaube 
purpurfarbig strablt! 
Am Gelànder reifen 
Pfirsiche, mit Streifen 
roth und weiß bemalt. 
Flinke Träger springen, 
und die Mädchen singen, 
alles jubelt fror! 
Bunte Bänder schweben 
zwischen hohen Reben 
auf dem Hut von Strohb. 
Geige tõnt und Höte 
bei der Abendröthe 
und im Mondenglanz; 
junge Winzerinnen 
winken und beginmnen 
deutschen Ringeltanz: 
Salis-Seewis.
        <pb n="95" />
        89, — 
126. Die Weinlese. 
Ein Mädchen aus der Stadt berichtet: 
Gestern hatten meine Geschwister und ich einen recht 
freudigen Tag. Wir waren zu Reblingen in der Weinlese. 
Der Bauersmann, welcher uns die Milch liefert, hatte uns 
eingeladen. 
Voll Freude standen wir am Morgen frühzeitig auf. 
Vor acht Uhr kamen wir in Reblingen an. Die Winzer 
waren schon bereit in den Weingarten zu gehen. Die Frauen 
—VV 
trugen die Butten, und auf einem Wagen wurden Bottiche 
und ein großes Fass hinausgeführt. Im Weinberge vertheilte 
man sich zwischen die Weinstöcke, schnitt die Trauben sorgsam 
ab und legte sie in die Körbe. Wenn ein solcher voll war, 
leerte man ihn in die Butte. Die Männer trugen dann die 
vollen Butten zum Wagen. Daselbst zerstampfte man die 
Trauben mit einem Stoͤßel in den Bottichen und schüttete den 
Maisch ins Fass. 
Mein Bruder und ich halfen auch ein wenig. Trauben 
durften wir essen, soviel wir wollten. Sie waren sehr süß, 
auch tranken wir zu Mittag süßen Most. Der Tag war hell 
und warm. Am Nachmittag gieng's besonders lustig her. Wir 
sangen und jauchzten. In einem Weingarten nebenan wurden 
Pistolen abgeschossen. Um vier Uhr dankten wir den guten 
Leuten für ihre Freundlichkeit und kehrten wieder in die Stadt 
zurück. Die Frau gab mir für die Mutter ein Körbchen voll 
prächtiger Trauben mit. Die Mutter hatte eine große Freude 
daran. Nach Gerold Eberhard. 
127. Der Kürbis und die DBichel. 
Pin Bauersmann lag in dem Schatten einer DViche 
und beétrachtete eine Kürbisranke, die an dem nächsten
        <pb n="96" />
        90 — 
Gartenzaun emporwuchs. Kopfschüttelnd sagte er: „Das 
gefällt mir nicht, dass die schwache Ranke dort s0 
grobe, stattliche Früchte trägt, während der mächtige 
Pichbaum so kleine, armselige hervorbringt. Wenn ich 
die Welt erschaffen hätte, so sollte mir der BHichbaum mit 
lauter grohen, goldgelben, schweren Kürbissen prangen. 
Das wäre eine Pracht!“ 
Kaum hatte der Bauer dieses Worte gesprochen, so 
fiel eine Hichel herah und traf ihn mit der Spitze auf 
die Nase, dass sie blutete. „Ich Thor,“ rief er aus, „da 
hab' ich für meine Naseweisheit einen derben Nasenstüber 
erhalten. Wäre die Frucht des Hichbaumes ein Kürbis 
gewesen, so hätte sie mir die Nase zerquetscht.“ 
Chr. Schmid. 
128. Herbstlied. 
Wo sind die Vöglein hin? — 
Ein Vogel sprach zum andern: 
„Kommt mit, wir wollen wandern 
weithin nach einem wärmern Ort!“ 
Da zogen alle, alle fort. 
Wo sind die Blumen hin? — 
Wo sich die Blumen trafen, 
da sprachen sie: „Kommt schlafen, 
der Frost drückt uns die Augen zu!“ 
und giengen allesammt zur Ruh'. 
Wo sollen wir denn hin? — 
Wir bleiben noch auf Erden, 
bis wir gerufen werden 
zum sanften Schlaf vom bittern Tod; 
wir wachen auf und sind — bei Gott! 
A. Becker
        <pb n="97" />
        — 
129. Die Klage des Hasen. 
Ich armer verfolgter Hase, was soll ich nun anfangen? 
Wohin soll ich mich flüchten? Allenthalben droht mir der 
Tod. Nicht bloß der Jäger und sein Hund stellen mir nach; 
Raubvögel aus der Luft stürzen auf mich herab, Füchse 
aus den Höhlen schleichen mir nach, selbst Katzen und Raben 
wagen sich an meine Jungen, und nichts gewährt mir 
Schutz vor allen diesen Verfolgern. Ich kann nicht auf 
Bäume klettern wie das Eichhorn, nicht in Höhlen schlüpfen 
wie meine Gebrüder, die Kaninchen. Ich habe wohl Zähne 
zum Nagen, und mancher Baum kann von der Schärfe 
derselben reden; aber zum Beißen, zur Vertheidigung fehlt 
mir der Muth. Höre ich ein Geräusch, sogleich muss ich 
meine langen Ohren in die Höhe recken und horchen, wer 
kommt, und kann ich mich nicht in eine Hecke oder Furche 
ducken, so laufe ich lieber, soweit mich meine Beine tragen. 
Es ist wahr, im Laufe holt mich so leicht keiner ein; es 
— V 
Quersprüngen lasse ich es nicht fehlen, um meine Feinde 
irre zu führen; aber was hilft es mir? Ehe ein Jahr 
vergeht, bin ich doch ein Kind des Todes. Es passt mir 
der Jäger auf, wenn ich des Abends aus dem Walde 
komme und meinen Hunger an dem fetten Grase stillen 
will. Da sitzt er in der Dämmerung hinter einer Mauer 
oder einer Hecke, und ehe ich mich's versehe, knallt sein Ge— 
wehr, und ich habe das tödtliche Schrot im Leibe. Habe 
ich noch Leben genug, um nach dem Walde zu fliehen, flugs 
kommt auch noch der Hühnerhund, packt mich unbarm— 
herzig und trägt mich zu seinem grausamen Herrn; quieke 
ich dann in der Todesangst vielleicht ein wenig, so werde 
ich noch ausgelacht. Im Winter verfolgen sie meine Spuren 
im Schnee oder füllen den Wald und das Feld mit hässlichen
        <pb n="98" />
        s 
92 — 
Treibern, welche klappern und schreien, bis wir armen Hasen 
unsern Zufluchtsort verlassen und vor die offenen Gewehre 
der Jäger laufen. Und wär' unser Tod noch ehrenvoll, und 
würden wir ehrlich begraben, wie ein Hund oder ein Pferd! 
Allein unser Los ist, in die Küche zu wandern. Da streift 
uns die Hand einer Köchin den Balg ab, spannt ihn auf 
und trocknet ihn, bis er verhandelt wird. Unser Kopf, unsere 
Beine und Eingeweide werden in einem braunen Pfeffer 
zerkocht, und der Rest, das Beste an uns, wird mit Spick— 
nadeln zerfleischt und dann erst gebraten. Nachdem die Menschen 
unser Fleisch verzehrt haben, werfen sie die Knochen ihren 
Hunden vor. Nein, es ist ein jämmerliches Schicksal, ein Hase 
zu sein! 
Curtman. 
130. Räthsel. 
In der Luft da fliegt es, 
auf der Erde da liegt es, 
auf dem Baume da sitzt es, 
in der Hand da schwitzt es, 
auf dem Ofen zerläuft es. 
Wer gescheit ist, begreift es. 
131. Schlittenfahrt. 
Die Schellen klingen hell und rein, kling, ling. Die 
Peitsche knallet lustig drein, kling, ling. Die Pferdchen zieh'n 
im raschen Lauf, drum setzt euch in den Schlitten auf 
Kling, ling. 
Wie weht so scharf der kalte Wind! Halloh! Wie saust 
der Schlitten hin geschwind! Halloh! Vorüber fliegen Feld 
und Baum so schnell, dass wir sie sehen kaum. Halloh! 
Was springt dort auf vom Schall erschreckt? O je! 
Ein Häschen ist's, lag tief versteckkt im Schnee. Nun läuft
        <pb n="99" />
        —93 — 
es fort, so schnell es kann; es fürchtet wohl den Jägers— 
mann. O je! 
Es singt im Wald kein Vogel mehr so froh, nur Krähen 
krächzen um uns her, kro, kro! Der Winter macht uns wohl— 
gemuth — ob er's wohl auch den Voͤgeln thut so froh? 
Der Baum ist kahl, dem Thier ist kalt. Ja, ja! sie 
denken: Wär' der Frühling bald doch da! — Gäb's nur im 
Lenz noch Schlittenbahn, wir wünschten auch den Lenz heran— 
Ja, ja! Löwenstein. 
132. Das Büblein auf dem Eise 
Gefroren hat es heuer 
noch gar kein festes Eis. 
Das Büblein steht am Weiher 
und spricht so zu sich leis: 
„Ich will es einmal wagen; 
das Eis, es muss doch tragen!“ — 
Wer weiß? 
Das Büblein stampft und hacket 
mit seinem Stiefelein. 
Das Eis auf einmal knacket, 
und krach! schon bricht's hinein. 
Das Büblein platscht und krabbelt 
als wie ein Krebs und zappelt 
mit Schrei'n. 
„O helft, ich muss versinken 
in lauter Eis und Schnee! 
O helft, ich muss ertrinken 
im tiefen, tiefen See!“ 
Wär' nicht ein Mann gekommen, 
der sich ein Herz genommen, 
o weh!
        <pb n="100" />
        Der packt es bei dem Schopfe 
und zieht es dann heraus, 
vom Fuße bis zum Kopfe 
wie eine Wassermaus. 
Das Büblein hat getropfet, 
der Vater hat's geklopfet 
zu Haus. 
Güll. 
133. Die Rettung. 
Ewei Mädchen giengen an einem Wintertage in ein 
benachbartes Dorf, wo die Pathe wohnte. Sie nahmen 
ihre Spinnrochen mit, weil sie dort spinnen wollten. Am 
Abend machten sie sich beizeiten wieder auf den 
Rückweg. Als sie nun auf der Höhe im Tannenwald 
waren, fieng es hesftig an zu schneien und zu stürmen, 
so dass die Kinder gar keinen Weg mehr sahen und 
nicht vorwärts noch rückwärts konnten. Da krochen 
sie am Rande eines Hoblweges in eine kleine Höhle, 
welche der Schnee über ein Tannengebüsch hinweg 
gewölbt hatte; vorher aber steckten sie ihre beiden Spinn- 
rocken in einander, so dass eine Stange daraus wurde; 
dann banden sie ohen ein rothes Schnupftüchlein daran 
und stellten dieses Nothzeichen aus das Dach ihres Schnee- 
häusleins oben auf. Nun kam die Nacht, und das Schnee- 
gestõber wurde immer ärger. Der Eingang zur Höhle, in 
welcher die Kinder sich befanden, war zugeschneit, und 
sie hörten durch den Schnee hindurch den Uhu schreéien 
und den Sturm heulen. O, wie war den armen Kindern 
da angst und bange! Aber der liebe Gott wachte ja über 
ihnen, und sie schliefen endlich betend ein. — 
Als am andern Morgen die Kinder nicht heimkamen, 
da wurde den Eltern angst. Sie schickten einen Boten zur
        <pb n="101" />
        — — 
95 — 
Pathe, und wie dieser wiederkam, gieng alles, was 
laufen konnte, mit Schaufeln in den Wald, um die Kinder 
zu suchen. Da sah man denn das rothe Fähnlein noch 
ein wenig aus dem Schnee hervorschauen, und die Leute 
kannten das Tüchlein und dachten gleieh: Da müssen 
auch die Mädchen sein. In der dunkeln Schneekammer 
drinnen hörten die Kinder das Rufen und antworteten 
darauf; aber heraus konnten sie nicht. Die Mänmner 
schaufelten jetzt den Schnee weg; denmn es war alles 
zugeweht und zugeschneit, und gut war's nur, dass die 
Tannenbäumchen das schwere Dach von Schnee tragen 
mochten; die Kinder wären sonst erstickt. O, wie freute 
sich alles, da die Kinder gerettet waren, und wie dankte 
jeder dem lieben Gott, der so väterlich die Kinder 
beschũützte! Staub. 
134. Das Christbäumchen. 
Die Bäume hatten einmal einen Streit unter einander, 
welcher von ihnen den Vorzug verdiene. Da trat die Eiche 
hervor und sagte: „Seht mich an, ich bin hoch und dick 
und habe viele Aste, und meine Zweige sind reich an 
Blättern und an Früchten.“ „Früchte hast du wohl,“ sagte 
der Pfirsichbaum, „aber es sind nur Früchte für die 
Schweine; die Menschen moͤgen nichts davon wissen. Aber 
ich, ich liefere meine rothbackigen Pfirsiche auf die Tafeln 
der Könige.“ „Das hilft nicht viel,“ sagte der Apfel— 
baum; „von deinen Pfirsichen werden nur wenige Leute 
satt, auch dauern sie nur wenige Wochen, dann werden sie 
faul, und niemand kann sie mehr brauchen. Da bin ich ein 
anderer Baum, ich trage alle Jahre meine Äpfel; die 
brauchen sich nicht zu schämen, wenn sie auf eine vornehme 
Tafel gesetzt werden, aber sie machen auch die Armen satt;
        <pb n="102" />
        — 96 — 
man kann sie den ganzen Winter im Keller aufbewahren, 
oder kann sie im Ofen dörren, oder kann Wein davon 
bereiten. Ich bin der nützlichste Baum.“ „Das bildest du 
dir ein,“ sagte die Tanne. „Mit meinem Holz heizt man die 
Öfen und baut die Häuser, mich schneidet man zu Brettern 
und macht Tische, Stühle, Schränke, ja sogar Kähne und 
Schiffe daraus; dazu bin ich im Winter nicht so kahl wie 
ihr, ich bin das ganze Jahr grün und schön.“ „Das nämliche 
bin ich auch,“ sagte die Fichte, „allein ich habe noch Vorzug. 
Wenn es Weihnachten wird, dann kommt das Christkindchen 
und hängt goldene Nüsse und Apfel an meine Zweige. Und 
über mich freuen sich die Kinder am allermeisten.“ Ist das 
nicht wahr? 
Curtman. 
135. Das Rothkehlechen. 
Din Rothkehlchen kam in der Strenge des 
Winters an das Fenster eines Landmannes, als ob es 
gern hinein möchte. Da öfsnete der Landmann sein 
Henster und nahm das zutrauliche Thierchen freundlich 
in seine Wohnung. Nun pickte es die Brosamen und 
Krümchen auf, die von des Landmannes Tische fielen. 
Auch hielten die Kinder im Hause das Vögelein lieb 
und wert. Aber als nun der Frühling wieder in das 
Land kam und die Gebüsche sich belaubten, da öffnete 
der Landmann sein Fenster, und der kleine Gast entfloh 
in das nahe Wäldchen, baute sein Nest und sang ein 
fröhliches Liedchen. 
Und siehe! als der Winter wiederkehrte, da kam 
das Rothkehlchen abermals in die Wohnung des Land- 
mannes und hatte sein Weibchen mitgebracht. Der 
Landmann und seine Kinder freuten sich sehr, als sie
        <pb n="103" />
        297 
die beiden Thierchen sahen, wie sie aus den klaren 
Auglein zutraulich umberschauten. — Und die Kinder 
sagten: „Die Vögelchen sehen uns an, als ob sie etwas 
sagen wollten.“ Da antwortete der Vater: „Wenn sie 
reden könnten, s0 würden sie sagen: Freundliches 
Zutrauen erweckt Zutrauen, und Läebe erzeuget Gegen- 
liebe.“ Krummacher. 
126. Der Grimm des Winters. 
Der Winter hatte sièhn einmal vorgenommen, alle 
Menschen und alle Thiere auf der PErde auszurotten. 
Deéshalb kam er mit einer s0 grimmigen LKälte, dass alle 
Plüsse und alle Seen mit dickem Eise belegt wurden. 
Das ganze Feld war von tiefem Schnee bedeckt, und 
die Fensterscheiben waren jeden Morgen mit so dicken 
Hisblumen überzogen, dass sie den ganzen Tag nicht 
aufthauen konnten. Allein der Winter hatte sich doch 
ein wenig verrechnet. Zwar gieng es den armen 
Vögeln gar übel, weil sie wegen des hohen Schnéees 
drauben nichts zu fressen fanden; allein sie kamen in 
die Städte und Dörfer, und es streute ihnen gar manches 
mitleidige Kind æeinige Körnchen und Brotkrümchen 
hin, so dass die meisten am Leben blieben. Auch waren 
schon vorher grohe Scharen von Zugvögeln in wärmeére 
Lànder gezogen, wo der Winter nicht viel ausrichten 
kann. Auch die übrigen Thiere erfroren nicht. Der liebe 
Gott hatte ihnen einen dickeren Pelz- wachsen lassen, 
und die Hasen und Rehe scharrten sich einiges Kraut 
und einige Knospen unter dem Sehnee heraus, so dass 
e zwar ein wvenig Hunger litten, aber doch vicht 
umkamen. Die Hausthiere aber standen in warmen 
Ställen, deren Thüren und Fenster mit Stroh verwahrt 
Lesebuch in 5 Theilen. II. J
        <pb n="104" />
        — 98 — 
waren. Und da ihnen alle Tage Heu und Hafer in die 
Krippe gebracht wurde, so hielten sie es aus und 
erfroren nicht. Die Menschen aber hatten sich Ofen 
verfertigt und machten Feuer hinein. Je ärger es der 
Winter mit seinem Froste machte, desto mehr Holz und 
Torf und Steinkohlen brannten sie in den Oöfen. Und 
wenn schon das Trinkwasser in die Wohnstube gebracht 
werden musste, damit es nicht zu einem Eisklumpen 
wurde, und obgleich hier und da einem ein Finger oder 
gar die Nase erfror, so blieben doch die Menschen am 
Leben. Da merkte der Winter, dass er nicht Kraft genug 
besaß, die Thiere zu vertilgen und eéebensowenig die 
Menschen, weil diese Vernunft genug haben, um sich 
vor dem Grimm des Winters zu schützen. Er ließ nach, 
und die Sonne besiegte ihn alle Tage mehr, und bald 
sangen die Vögel wieder, und die Wiesen wurden grün. 
Curtman. 
137. Gott. 
Wo wohnt der liebe Gott? — 
Die ganze Schöpfung ist sein Haus. 
Doch wenn es ihm so wohlgefällt, 
so wählet in der weiten Welt 
er sich die engste Kammer aus. 
Wie ist des Menschen Herz so klein! 
Und doch auch da zieht Gott hinein. 
O halt das deine fromm und rein, 
so wählt er's auch zur Wohnung sein, 
und kommt mit seinen Himmelsfreuden 
und wird nie wieder von dir scheiden! 
5 
—Xä
        <pb n="105" />
        Das Kaiserlied. 
Osterreichische Volkshymne.) 
Gott erhalte, Gott beschütze 
unsern Kaiser, unser Land! 
Mächtig durch des Glaubens Stütze 
führ' er uns mit weiser Hand! 
Lasst uns seiner Väter Krone 
schirmen wider jeden Feind; 
innig bleibt mit Habsburgs Throne 
Österreichs Geschick vereint. 
Fromm und bieder, wahr und offen 
lasst für Recht und Pflicht uns steh'n; 
lasst, wenn's gilt, mit frohem Hoffen 
muthvoll in den Kampf uns geh'n; 
eingedenk der Lorbeerreiser, 
die das Heer so oft sich wand: — 
Gut und Blut für unsern Kaiser, 
Gut und Blut fürs Vaterland! 
Was des Bürgers Fleiß geschaffen, 
schütze treu des Kriegers Kraft; 
mit des Geistes heit'ren Waffen 
siege Kunst und Wissenschaft! 
Segen sei dem Land beschieden 
und sein Ruhm dem Segen gleich: 
Gottes Sonne strahl' in Frieden 
auf ein glücklich Osterreich!
        <pb n="106" />
        — 100 — 
Lasst uns fest zusammenhalten, 
in der Eintracht liegt die Macht; 
mit vereinter Kräfte Walten 
wird das Schwerste leicht vollbracht. 
Lasst uns, eins durch Brüderbande, 
gleichem Ziel entgegengeh'n: 
Heil dem Kaiser, Heil dem Lande, 
Österreich wird ewig steh'n! 
An des Kaisers Seite waltet, 
ihm verwandt durch Stamm und Sinn,. 
reich an Reiz, der nie veraltet, 
unsre holde Kaiserin. 
Was als Glück zuhoͤchst gepriesen, 
strön' auf sie der Himmel aus: 
Heil Franz Josef, Heil Elisen, 
Segen Habsburgs ganzem Haus! 
J. G. Seidl.
        <pb n="107" />
        Inhalt. 
Die mit * bezeichneten Lesestücke sind in gebundener Rede. 
Elternhaus und Schule 
Nr. 
1. *Im Namen Gottes 
2. *»Morgengebet .. 
3. *Gott und die Eltern 
4. »Gute Eltern .. 
5. Einigkeit 
6. *Sprüche.... 
7. »Das wackere Kind 
8. »Der Faule. .. 
9. »Der Weg zur Schule... 
10. Drei Kinder auf dem Schulwege 
11. Sei versöhnlich. 
12. *Gebet vor der Schule. .. 
13. Tafel, Stift und Schwamm. 
4. *Räthsel... 
15. Das A-B⸗C.... 
16. Sprůche W—— 
17. *Gebet nach der Schule .. 
18. *Wer hat am besten gethan?. 
19. Das verlorne Vierkreuzerstück 
20. »Am Mittage...— 
21. Steine zum Mittagsmahl 
22. Kindesliebe . 
23. »Der Großvater 
24. Die Mütze. 
25. *Halte Ordnunge. 
26. Das Schaͤchtelchen 
27. Gott sieht es 
28. »Versuchung. 
29. Räthsel.. 
30. Ungleiche Wege 
Alter Spruch 
Dieffenbach 
Rückert. 
Nach Curtman 
Büll ... 
—VVV 
Hoffmann von Fallersleben 
Aus „Des Knaben Wunderhorn“ 
deller 
ausche. 
Hey 
Staub 
—BX 
Turtman .. 
Spieß... 
Ch. Schmid. 
Reinick . 
Reinick 
Seite 
3 
αιν— 
ν 
ß 
* 
8 
12 
3 
— 
4 
—* 
* 
7 
2 
9 
20
        <pb n="108" />
        102 
Nr. 
31. »Die kleinen Soldaten. ... 
32. Das Fünkchen.... 
33. »Der Baumeister mit dem Baukasten 
34. Was die Kinder am Abend machen 
35. »Räthsel. 
36. *Abendliede. 
37. »Abendgebet 
38. »Die Uhr 
39. Der Teppich 
40. *»Zum Geburtstage des Vaters 
41. »Die Christbescherung... 
12. »Wunsch zum neuen Jahre... 
Aus Fliedners Liederbuch 
Curtman. . ... 
hoffmann v. Fallersleben 
Hoffmann v. Fallersleben 
Traute. 
Hey 
Büll.. 
Franz Hoffmanu 
—A 
Seite 
21 
22 
27 
24 
25 
37 
29 
30 
Der Körper des Menschen, Speise und Trank. 
13. Die Glieder des menschlichen Leibes 
44. »Drei Paar und Einer...... 
45. Der große Tisch ... 
46. *»Gott sorg... 
47. Die Näscherin. .. 
148. Sei bescheiden und genügsam 
49. Sehen... ...... 
530. »Die beiden Fensterchen . 
51. Hören. ... 
52. Die beiden Horcher .. 
53. Schmecken, riechen, fühlen 
34. Die kostlichsten Gewürze . .. 
55. *Gebrauch der Glieder .. 
56. Gesundheit ist ein großer Schatz 
57. Sprüche ....... 
58. Achte auf deine Gesundheit! . 
59. *»Der Trotzkopf..... 
Nach Campe 
Rückert. 
Nach Lohsen 
Hey ... 
Chr. Schmid 
Thr. Schmid 
Castelli 
Chr. Schmid 
Nach Chr. Schmid. 
Rückert .. .. 
Salzmann. 
Dinter 
31 
32 
33 
—Z 
36 
27 
38 
39 
40 
1 
409 
* 
Haus, Hof und Garten 
60. Das Wohnhaus 
61. Die beiden Arbeiter 
62. *Kind und Schwalbe 
63. Sorglosigkeit schadet 
64. *Raͤthsel.... 
65. Die Hausthiere. 
W. Ernst 
Hey. 
Runkwitz 
44 
16 
47 
19
        <pb n="109" />
        103 — 
Nr. 
66. Die Kuh, das Pferd, das Schaf und 
der Hund 
67. *Raäthsel. .. 
68. *Der Hahn .. 
69. Der treue Hund 
70. *Hund und Katze. 
714. Die beiden Ziegen 
72. *»Das Lämmlein 
73. *Das Kaninchen .. 
74. »Pferd nuund Sperling 
75. »Reinheit. 
76. Das Kätzchen und die Stricknadeln 
77. Der Star... 
78. Die Sperlinge unter dem Hute. 
79. »Räthsel... .... 
80. *Vom Spinnlein und Mücklein. 
81. Die drei Schmetterlinge. 
82. »Der Käfer .. ... 
83. Gottes Fürsorge. .. 
84. Die Nuss.... 
85. Ich mag nicht lügen 
86. Der Birnbaum. 
87. Der Kuhhirt. 
88. Das Vogelnest 
89. Die Singvögel 
Zollikofer 
W. Ernst 
Gülle. 
Brimm 
Bertuch 
Reinick 
heye .. 
Löwenstein 
Bechstein. 
Chr. Schmid 
Curtman. 
Büll .. 
Turtmann. 
Dinter. 
Nach Stöber 
Chr. Schmid 
Krummacher 
B. Spieß 
Chr. Schmid 
Seite 
50 
51 
52 
53 
54 
55 
56 
—57 
58 
59 
60 
65 
62 
63 
64 
65 
Feld und Wald. 
90. *Frühlingsbotschaft. 
91. Die Sonnenstrahlen 
92. *Frühlingslied. 
93. »Das Maiglöckchen 
94. Der Distelfink. 
95. *»Die Biene .. 
96. »Der Frosch... 
97. Vergissmeinnicht.. 
98. »Die Blumen. .. 
99. »Der fröhliche Sommer 
100. Der Sonnenschein .. 
101. *Sonne und Regen.. 
102. *»Räthsel... 
n 
Hoffmann von Fallersleben. 
Curtman. 
Hölty .. 
Schults . 
Turtmans. 
Dieffenbach 
Dieffenbach 
Tosmar. 
Hhey . .. 
Reinick.. 
Chr. Schmid 
Enslin. . 
Hagenbach 
67 
68 
69 
—J 
2 
75 
—
        <pb n="110" />
        194 — 
Nr. 
103. »Der Bekehrte 
104. Die Kornähren 
105. *Räthsel .. 
106. *Wachtelliede. 
107. *Fischlein. 
108. »Räthsel. 
109. Die Wassermühlen. 
110. *Lied von der Mühle 
111. »Räthsel.. 
112. *Wanderlied. .. 
113. »Die grüne Stadt. . ... 
114. *Vom Bäumlein, das andere Blätter 
hat gewollt.. 
115. Der Hahn, der Hund und der Fuchs 
116. Der Wiederhall 
117. »Der Greis und der Knabe. .. 
118. *Der Wind..— 
119. »Das Gewitter. 
120. Der Blitz. 
121. Der Regen .. 
122. Der Regenbogen 
123. *Alle gezählt. 
124. »Der Postillon 
125. *Herbst .. 
126. Die Weinlese... .— 
127. Der Kürbis und die Eichel. 
128. *Herbstlie 
129. Die Klage des Hasen .. 
130. »Räthsel. 
131. *Schlittensfahrt.... 
132. »Das Büblein auf dem Eise 
133. Die Rettung. 
134. Das Christbäͤumchen ... 
135. Das Rothkehlchen.... 
136. Der Grimm des Winters. 
137. »Gott .... 
Das Kaiserlied. .. 
A 
* 
3 
*8 
—X 
⸗ 
** — 
424 
Seite 
hoffmann von Fallersleben. .. 74 
eEhr. Schmid 75 
76 
Sauter 
hey 
— 
77 
Lurtman und Fecher 
— 
78 
79 
Wilhelm Müller 
Ortlepp. 
80 
Rückert .. 
Curtman .. 
Chr. Schmid 
Enslin. 
—W 
Hey .— 
Kellner .. . 
Nach Chr. Schmid 
Thr. Schmide. 
dey 
Z 
29 
— 
3 
86 
87 
20 
—A 
Nach Gerold Eberhard 
Chr. Schmid 
A. Becker 
Curtman. 
89 
90 
Löwenstein 
Güll. .. 
Staub . 
Curtman. 
Krummacher. 
Curtman. 
dey 
J. G. Seidl 
92 
93 
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25 
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        Lesebuch 
— 
österreichische Polksschulen. 
Ausgabe in fünf Theilen. 
2. Theil. 
Hergusgegeben 
von 
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Dr. Georg Ullrich, W. Ernst und 
Franz Branky. 
Preis, in Leinwandrücken, 28 Kreuzer. 
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Im kuax. Schulbucher⸗Verlage 
1878 
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        Deutsches Literaturarchiv 
Bibliothek 
[Band] 
BRMRI Inhicht benutzbar] 
lesebuch füur österreichische volkisschulen: AAusqabe in 
fünf Theilen / herausgegeben von Dr. Georq UUrich, 4. 
Ernst und fFranz Branky. -— 2. Theil. Band)] . -1878. — 
104 seiten 
Bestellt am: 
02.04. 2025 
Jiqitalisrerunq, Roarke
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