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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.01/Klebemappe 1921 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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        L 
Wirkung sür die nächsten Abende zugesagt h 
3. U. 
Dr. 8. KrL«A.nsr. 
KuUrmd«Wende dsr Frankfurter Studentischsst. DcÄ 
Reigen der von der Frankfurter ^r.ru-LMenjcMjL veLanftalteLM 
Nußlmck-Mende eröffnete ein von gesanglichen Darbietungen um^. 
rahmter Vsrlrag des Herrn Pros. Dr. H. Lsmmel über de^ 
bisherigen Stand der slawischen Philologie In der Vorknegs-- 
zeit war, wir der Vortragende aussührle. das Fateresse »ür Ruß 
land an. den deutschen Universitäten so gering, daß von einer wissen^ 
chafMch betriebenen Slawistin bei uns eigentlich nicht die Ned^ 
- em^onnlL. Hieraus erklärt es sich, daß wir über dir russischer^ 
Probleme ganz mangelhaft unterrichtet waren und noch heute sind/ 
rührt doch z. V° die einzige und zrckem unzulängliche Darstellung 
russischer LiteraLurgeschichte, über die wir Zur Zeit verfügen, VE 
einem polnischen Gelehrten her. Auch von den hervorragendem 
deutschen Vibliotbeken ist die Pflege riLffi-cher Literatur leides 
völlig vernachlässigt w-srder^ Bezeichnend genug für daZ 'Vcr«^ 
sagen deutscher diesem Geb-tt ist cL^ daß es noch' 
immer, keine russische Grammatik i:r d:utsicher/ 
Sprache gibt- e-ä Zu Lin^.r Lattich gründliche ErsOM 
schung der Slawcnwclt und Vor allem dcZ für uns so wuchtigem 
Rußland kommen, so ist, nach der Ansicht deZ Vor tragend rn.^Zu-- 
nächst die Gründung einiger Lektorate für slawische 
Sprache au deutschen GroßstM-Umvrrsi.äten uuerläsilrch, die, 
in Verbindung mit dm wlffenschastlichcn Unternehmungen, für 
Auslandskunde sicherlich für die Erforschung des Ostens Nützliches 
leisten werden, — Die Lieder vorträgs bestritt Herr Her^ 
mann I. Fleischmann, der mit seinem schönen Bariton Lieder' 
von Tschaikowski und Grelschaninoff zu Gehör brächte. Am Flügel 
saß Herr Willy Salomsn, der gewandt wie immer begleitet^ 
-- Der Vsrtragsfolge, die zum Besten studentischer Woblsahrts^ 
einrichtungen veranstaltet wird, ist ein guter Besuch umso r^ehH 
zu wünschen, als eine Anzahl erstcr künstlerischer Kräfte ihre 
-- Wiederaufbau und Soziattfierrrng. In einer Versamm-' 
lung des Bundes technischer Angestellten und! 
Beamten sprach Architekt Heinrich Kaufmann (Berlin), 
! Mitglied der SoZialisierunMommission, über das Thema „Wie 
! deraufbau und Soziallsierung". Er legte Zunächst die verhäng 
nisvollen wirtschaftlichen und moralischen Folgen des verlorenere 
Kriegs dar. Nur e i n Mittel gebe es, um die von der Mehrung 
der ArbeiLsfreudigkeiL abhängige Produktionssteigerung zu er 
zielen: die SoZialisterung des Kohlenbergbaus und aller anderen 
dazu reifen Betriebe. Der Redner entwickelte in großen Zü 
gen das Programm der in der Sozraltfierungskommission aus 
gearbeiteten Vorschläge Lederer und Rathenau und trat für-den 
erstgenannten Vorschlag ein, der eine sofortige Vollsozialisierun-a 
aller Betriebe des Bergbaus vorsehe. ,Besonders eindringlich 
hob er hervor, daß die in Aussicht genommene SoZialisterung 
weder mit einer Wiedereinführung der Zwangswirtschaft, noch, 
mn einer Vermehrung der fiskalischen Betriebe des Staates 
gleichbedeutend sei; auch wandte er sich gegen den Emmand vie 
ler Großunternehmer, die geplante SoZialisterung lähme die' 
Initiative der Führer und bewirke so den Bankrott der deut 
schen Wirtschaft. Seine Ablehnung des Vorschlages Rathenau, 
dem Zufolge erst nach 30 Jahren die SoZialisterung vollendet 
sein soll, begründete er damit, daß inzwischen die Unternehmer 
Raubbauwirtschaft treiben würden. Am Schluß seines Vor« 
trags teilte der Redner mit, daß her Bund technischer Beamten. 
und Angestellten demnächst einen Vorschlag Zur Lösung der 
Wohnungsfrage herauszubringen gedenke. Geplant sei 
eine Zwangsanleihe, verbunden mit Enteignung von Bau« 
Materialien und bei Vergebung der Arbeiten die Bevorzugung 
der sozialisierten Betriebe. Der Abend schloß mit der ein 
stimmigen Annahme einer Entschließung, in der die Versamm 
lung sich für die sofortige Vollsozialisi^ nach dem Vor 
schlag Lederer ausspricht, das Zögern der Regierung ver 
urteilt und die Bundesleüung ersucht, die schärfsten Mittel zur 
Durchsetzung dieser Forderung anZuwenden. 
d?r ProsiiLutisn. In einem von der Gesellschaft 
Zur Bekämpfung der GeschlechtskvMkheilen veranstalteten Diskus- 
stonsabrnd über das Thema „Bekämpfung der Prostitution durch 
soziale Maßnahmen" hielt Richter Dr.- Bozi aus Bielefeld, der 
Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für soziales Recht, das ein 
leitende Referat. Der Vortragende arbeitete zunächst die moderne, 
ethische Auffassung der Prostitution heraus, die sich immer mehr 
gegen die ältere, dogmatische Anschauung des Prostitutions 
wesens durchzusetzen strebt. Während man früher jeden Geschlechts 
verkehr, der sich nicht innerhalb der staatlich sanktionierten Form 
der Ehe vollzieht, als Protistution bezeichnete, versteht man heute 
unter Prostitution die gegenseitige wahllose Hingabe der 
Geschlechter, und gelangt so zu einer milderen und gerechteren Be 
urteilung vieler außerehelichen Verhältnisse. An dem Beispiel einer 
reichsgerichtlichen Entscheidung zeigte der Vortragende, wie die 
unserem heutigen Empfinden gemäße Auffassung der Prostitution 
zusehends Einfluß auf die Rechtsprechung gewinnt. Aus den neuen 
Ideen, die auf eine Beurteilung der geschlechtlichen Beziehungen 
nicht so sehr ihrer Form als vielmehr ihrem Wesen nach dringen, 
erwächst vor allem die Forderung eines rechtsw irks am rn 
Schutzcs der Mädchen, die sich in ein Verhältnis eingelassen -haben 
Zum Schluß wies Dr. Vozi darauf hin, daß dank dem neuen Straf 
vollzugsverfahren sich immer dann, wenn Strafaussetzung in Frage 
kommt, die Gerichte schon vorher mit den Fürsorgeorganm in Ver 
bindung setzen müssen. Damit dieses sozial segensreiche Verfahren 
nicht der Bürokratisierung anheimfallt. hat der Referent in Biele 
feld eine Frau Zugezogen, dic den Verkehr zwischen Gericht und 
Fürsorgeorganen vermittelt. Er erwartet, daß auf seinen Vors.,.ag 
hm auch an anderen Stellen in ähnlicher Weise vorgegangen w'rd. 
An den VsrtmZ schloß sich eine lebhafte Diskussion an», Mit 
dcr Bekämpfung der Prostitution wird sich auch der schon erwähnt« 
Vortrag brschasUssM, den die NeichstagsäLgrordneLe Dr. Maris Eli 
sabeth Lüders Freitag den 28. Januar 3 Uhr in der Frankfurt 
Woge halten wird. 
-0 udor db) IÜL1HÜUL§ di&amp;gt;r ueu'relttmIiLu !&amp;gt;M080pki^ MLZ' 
Lud&amp;gt;6r-sr UeüiuuA S6LL als, der Vork388br; wdb88OM -es 
iu der ^Li,ur 0Ü168 jsdou ZobomA«^ dLÜ es die leboudi' 
LüSLwMsrüiLuM iMMor irAOnd^le verzerrt ^läerspi^elr. 
— LW OrueLk&amp;lt;Mor -— wL» vermelde die kedautoritz! — 
^drd kokk^utiieb in. den uäeNK^u ^us§ade dorlebli^t: die 
.^LrüllL der xrZlcttsobeu. Voruuntt" ist. 1788, uicbl 1777 er- 
bodione^. 
^uk die der „b^MmlÄkei" belFe^obeueu RmnerkuuMN 
oMior emLUKsben, die- Luro^bürdr, L. 1. &amp;gt;vokl iui ^DsedlnK 
Zu meine Lespreobui^ seines, «den envMnten Ruckes im 
kVrMotou der „^rLri^kurtHr /.oüuu§" (1920 I^r. 546) über 
seine ^orLspchioZdx-Id^ ve^dietet leider der Lur 
VsrkU^ung steirendo U^um. Insofern sied meine doit ge- 
LnZerte LiitL gegeu den ktumawu ldeniisnnrs KnreddLrdw 
rrebwte, mnü ieü sie aueb Keule noek Aukreekl erkLllen. vio 
kür «^eine kbüosopbio ^esenllieiien Lessrdke des voUlromme- 
neu IVdrks und der ^erk^ielssenieinsodLkl dedÄrkten ersl der 
enilerrnlen Lestiinrnun^, um d^s Lu leisten, ^s sie N3en 
der ^.dsient, des Verfassers leisden sollen. sie einer 
dlvkHn LeTnWrnn^ uml Lestirnndkeil ermangeln, bleiben sie 
-'me ibeerknrm, die alle mö^Ueben Oebalre in sieb bergen 
iLLM-, m'.d sind selMeMob. nveb ein ^usdruek zenes Kellen 
abse,bin diesen ideruisriiseb en 8trvbens, das öuekbardl LU 
-überwunden traebte^ 
^-S«^SÄr^, 24-^ 2-k. 0/» L-v 
Rußland - Abmd. Im Mittelpunkt des ersten der von der 
Frankfurter Studentenschaft verunstalteten Rußland-Abende stand 
ein Dortrag von Pros H. L o m m e l, der in großen Zügen die 
bisherigen Leistungen deutscher Wissenschaft für die Erforschung deL 
Ostens bel-andelte. Nachdem der Vortragende einleitend hervor 
gehoben hatte, wie wichtig eS gerade hems für unZ sei, die Seele 
des russischen Volkes kennen Zu lernen, stellte er fest, daß es eine 
wissenschaftliche slawische Philologie in Deutschland so gut wie 
garnicht gibt, eine bedauernswerte Tatsache., die sich wohl in erster 
Linie aus dem mangelnden Interesse der Vorkriegszeit an den 
Kulturproblemen der Slawenwetr erklärt. Dem geringen Verständ 
nis, das die Universitäten seither der Bedeutung slawistischer Stu 
dien enlgegengsbracht haben, entspricht es nur. daß auch die gro 
ßen deutschen Bibliotheken noch nicht im geringsten um eins syste 
matische Pflege russischer Literatur bemüht gewesen sind. Von dem 
Verjagen deutscher Wissenschaft auf diesem Gebiet rührt es her, 
daß wir, was unsere Kenntnis russischer Literatur betrifft, zum 
großen Teil auf die einseitigen und ungenügenden Darstellungen 
hauptsächlich polnischer Gelehrten angewiesen sind. Zum Schluß 
ermähnte Pros Lommel, daß englische und amerikanische Universi 
täten jetzt eine Reihe von Lehrstühlen für slawische Philologie er 
richtet haben, und schlug dir Gründung einiger Lektorate für 
slawische Sprache an deutschen Großstadt-Universitäten vor, 
von deren Zusammenarbeit mit den deutschen wissenschaftlichen 
Auslandsstudien er ersprießliche Ergebnisse erwartet. Emgerahmt 
wurde die Nedx von Gcsangsvorträgen von H I. Fleisch. 
' mann, der Lieder von Tschaikowsky und Gretschaninow sang 
ßür bU folgenden RußlandStudenten- - 
schüft haben erste künstlerische Kräfte ihre Mitwirkung zugesagt.! 
Die Veranstaltungen verdienen umso mehr Förderung, als sie Zum 
Besten studentischer Wohl fahriscinrich tun gen ins Werk gesetzt sind. 
I'IliIvsonIKLO 
m rabeUou vEiMtvr Osuker Ullä Necke lE Sm- 
«wL auk Lo v«MpkH&amp;lt;&amp;gt;8oMzvke Von 
8urokd»rÄt. kr»vLkm-t », Ll., Vbnwr u. Nw- 
ter. 15 Leiten. .« 3. 
kmoUvi-tsr krir»tä0Et« vr. s««« 
Oeseinellte &amp;lt;jes Liitikon niui Ldk&amp;gt;o&amp;lt;!lLn&amp;lt;jwv!tku 
«ur v«y«s 8eÄ«n umkWK«Msit keik« 
E Lu^zinEMidräotzon, dsrF 
^bräkL. ^Vis äer Vei-tssssr kvrvockvbt, ist 
, l b o 11 a r isobe br H b o rs 1c b t, LW seinen V&amp;lt;&amp;gt;r^ 
über SesekioLt« ätzr I&amp;gt;türo«opkiv wrä 
i Ss^'-tkck &amp;lt;jL« von ikm MkASstsIIte Leiienu,. Aew 
kickt äk k-Me äcs 8tvkl« 
cksm^Ikzt, oinew siedersü H»It, uM oötisst ilm üLDi, 
piu!o«»Ki«!k»L S««MtMtvivkIu»s e«S«ck«L ru 
bktbM. Vie vlieäcnmx &amp;lt;jer sroüsn ptiUo^opIiisckM Lpo- 
eben so^ic dw ^uswmbl und ^nord^^nn^ ibrer UanpIvertiDt^r 
^rundet sieb ank ^nsebLunnAen, die der Verfasser in seüre^ 
Luebe „Individuum und ^Vdw als ^'erb" nieder^elest tE 
und sMa^vor^rbi§ LuMpÜLt, seinen BabMen noobnmi^ 
Letonun^ der eignen Position ersebemt ^.^. 
chebtrertiZt, da s^ dvn Aeblüssel runi VeEndnw der 
„8t3MmtÄkeI- üekert^ dm za als Oesvbiebte der kbUoeovk^ 
Luxleiob aueb ^bdosoMe der OEblebte ist. Lm besoLde- 
res verdienst der Tabellen selber erblicke leb darin, dM 
8w die LiAenbedeutunK der Mitteln!terbcben kbilosovbw 
dw m den meisten pbüosopbie^esebmbtlioben vArste-llunAen 
O.dnw^tt Lllrusebr um ibr kleebt verkürz,t würd, 
drin^lrob bervortreten lassen. lieber manebe LrnLeUwü^
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        Frankfurter Angelegenheiten. 
nd jetzige Dozent an der Volks- 
einer reden kann, der mit der 
l den bunt-en Fähnchen der anwe- 
Jugendgruppen geschm we Estrade und sprach, wie nur 
r J agend und für sie lebt. Es hieße 
GedLchEnlSaNSfiZMng FeMusRö LuHM§r 
iM MMgEW§rd§mNMM« 
Der Leitung des KunstgewerbsMustums gebührt Dank dafür, 
daß sie uns durch eine Ausstellung von Arbeiten Frromm-ck L u th- 
mers Linsn Ueberblick über das LZbeuswerk de? vor kurzem ver 
storbenen Direktors der Kunstgewerbcschule gewährt. Man bewun 
dert bei dem Anblick der vielen Skizzen, die alle Wände bedecken 
und zum Teil noch die Glaskästen füllen, die unermüdliche Schaf- 
feMraft des Meisters und erffeut sich an der liebevollen und zarten 
Ausführung der einzelnen Blätter, mag auch ihre Technik mitunter 
ein wenig altväterlich anmuten. Bei den NZisestudien sus 
Frankreich ilM) und Italien E1W8) handelt es sich zumeist um 
die MffpMvische Wiedergabe und AusirahmT von Gebäuden, 
bäudeieilen und Ornamenten. Die Mehrzahl dieser dusligen 
stistMchuungZN, die hie und da matt getuscht oder wohl auch Mös 
getönt sind, stammt aus sbentaliemschen Städtchen, denn GsM rm^- 
FrühreMiffKnee-ArchitekLu? den jungen Luthme? offenbar besonders 
stark anzog. In eine spätere Zeit fallen die zeichnerischen Arbeiten 
sür das von Luthmer hemusgegebens Werk: KDie Bau- und 
Ku nHdenkmL ! er des Regierungsbezirks Wi^s- 
bad e nK Die nebst einer Reihe von Vorstudien Ausgestellten Zahl 
reichen Federzeichnungen zu dieser Arbeit sind nicht nur von^einer 
ihrem BesümmungsAweck anJLpaßten musterhaften Klarheit uno Sorg- 
fall der Technik, sondern es wohnt ihnen such zum Teil großer male 
rische? Nerz mns, so etwa einer Ansicht von Runkst an der Lahn 
oder der Darstellung eines Parklms des Steinschm Gutes in Ras- 
sau.. Daß Luthmer sich auch als Aquarellist LMÜgt hat'^ 
zeugen Blätter aus dem Elsaß und dem Odenwald, unter denereX 
manches stimmungsvolle Blatt befindet. Von seinen spärli^ 
architektonischen Planen sieht rnan das Projekt Zu dem Neubau einest 
Priesterseminars in Limöurg und den ÄUsgesührten Entwurf einer 
Villa m Gem; beide Werke tragen durchaus den Stempel 
ihrer Zeit. Daß Luthmer mehr als der großen Architektur 
der Kleinkunst zuneigte, laßt u. a. der ÄUsMeLtZ Franko 
surte? Ratssilberfch^tz LrZMnen, der von ihm, zum 
Teil in Verbindung mit dem Bildhauer Pros. Hausmann, 
entworfen worden ist. Von den einzelnen Stücken des Schatzes 
kommen die Heiden Leuchter mit ihren fein durchfühlten Formen 
unserem heutigen künstlerischen Empfinden mMeicht noch am meisten 
entgegen. 
Die Zahl der von Luthmer herausgegeoenm und in oen Gms- 
kästen zur Schau gestellten Sammelwerke und Hand« 
büchrr ist überaus grob. Man merkt rs deutlich: ftme Liede 
aalt vor allem der Edelmetallkunst, der er, sei es als ^Gesch-.ch^s- 
forscher, sei cS als schassender Künstler, viele Publikationen w:d^ 
met« z. B. sein bekannte» Werk .Goldschmuck der Renachance- 
und daS bei H. Keller in Frankfurt erschienene Buch über den 
Schatz des Freiherrn Karl von 'Rothschild. Kaum emnr Leck des 
Kunstgewerbes gibt es, den er auber Acht gelassen hätte, und so ver 
danken wir ihm denn von seinen Ornamentkompenvien an d.« zu 
seinen Veröffentlichungen über .Jnncnrüume, Möbel und Krmft- 
werke im Louis Setze- und Empire-Stil" eins Menge ireal.che. 
Bücher au» denen der Lernende reiche Anregungen schöpfen kann. 
Man nimmt aus der gut arrangierten AurstÄtung ferner L&amp;gt;ene 
einen starken Eindruck von dem ehrfurchtgsb^icnden »lech. sem 
fassenden Blick und der echt künstleriM« Gewrsfmhaftrgk.rt d.ereS 
Vtanms mit nach Hause. 
diese Feiertagsrede ihrer ganzen Wärme, ihres ganzen seelischen 
Gehaltes berauben, wollte man sie in dürren Worten wiedergeben. 
Das heiße Streben der heutigen Jugend zur wahren Gemeinschaft 
hin, ihr Wille zum Dienst an der Menschheit fand in den Worten 
Dr. Wilkers beredten Ausdruck, und der von Ergriffenheit durch- 
Zitterte Beifall seiner Hörer durfte ihm bestätigen, daß er aller 
Herzen getroffen hatte, wenn er zum Kampf gegen die Entartungen 
unseres Lebens, gegen die Schundliteratur z° B., aufrief und die 
Jugend zur Verwirklichung des Guten, zu einer Erneuerung von 
innen heraus ermähnte 
Nach der Versammlung strömten sämtliche Teilnehmer Züm 
Römerberg, wo nunmehr ein fröhliches, ungezwungenes Trei 
ben anhub, auf das die alten Häuser sicher mit Wohlgefallen herab- 
blickten. Buben und Mädels in ihren bunten Wandertrachten ver 
unstalteten, zu einzelnen großen Gruppen vereinigt, altdeutsche Rei 
gentänze, mitten hindurch wurden große Plakate getragen, die gegen 
Alkohol, Nikotin usw. predigten und das ganze farbige Gewimmel 
lockte viele Zuschauer herbei, die sich an dem gesitteten Frohmut 
der Jugend erlabten. Ein in der Dämmerung durch die Altstadt 
führender FackelZug, der mit einem Autodafe von Schundlite- 
raürr am Eisernen Steg endete, schloß den Jugendtag ab. 
Frankfurter Iugendtag. 
Der gestrige Sonntag gehörte der Jugend- Sämtliche Ver 
bände des hiesigen Jugendrings, der über sechzig Jugend 
gruppen ohne Unterschied der Parteien, Klassen urid Glaubens 
bekenntnisse umfaßt, hatten sich vereinigt, um dem einmütigen 
Willen der neuen Jugend festlichen Ausdruck zu verleihen und 
gleichzeitig gegen die Auswüchse des heutigen großstädtischen 
Lebens Verwahrung einzulegen. Den Reigen der Veranstal 
tungen eröffnete eine künstlerische Morgenfeier im 
SauLöau° Der große Saal war bis auf den Letzten Platz ge 
füllt, und der Anblick dieser Jugendscharen, die da in bunter 
Eintracht beisammen saßen, war eigentlich das Schönste, was 
geboten wurde, denn er erweckte das beglückende Gefühl, daß 
ein Volk mit solcher Jugend nicht untergehen kann. Der musi 
kalische Teil des Programms wurde von dem Palmengarten- 
Orchester bestritten, das durch die Aufführung des „Meister- 
singer"-Vorspiels sowie eines Präludiums und einer Fuge von 
Bach weihevolle Stimmung in den Herzen der dankbaren Hörer 
hervorrief. In dem Mittelpunkt der Feie? stand eine von 
jugendlichen Kräften der Frankfurter Schauspielschule vorge 
führte Szene aus den „Räubern", deren Spielleitung in Vertre 
tung des verhinderten Herrn EberL Herr Oberregisseur 
Brügmann vom Schauspielhaus übernommen hatte- Schil 
lers herrlicher Ueberschwang bewährte vor diesem Publikum 
wieder seine ewige UnvergängttchkeiL, was nicht zum wenigsten 
dem frischen ZusammenspieL zu danken war, Angehörige der 
Schauspielschule trugen auch unter regem Beifall passend aus 
gewählte Gedichte von Karl Henkell und Karl Bröger vor, und 
in den Pausen erfreute sich die jugendliche Gemeinde selber am 
gemeinsamen Gesang, vor allem des schönen Jugend-Wander- 
iiedes, das Hermann ClarMus der neuen Jugend gewidmet hat. 
! Nach der Feier, die Orgelspi-el beendete, bildeten die TeLL- 
' nehme? in musterhafter Ordnung, ein jeder sich zu seinem 
Fähnlein scharend, einen Zug, der unter Vorantritt jugend 
licher Musiker seinen Weg Zum Goethe» und Schillerdenkmal 
nahm- Dort wurden im Gedenken an die Großen, die Dr. Wrl- 
ker als die Leuchtenden Vorbilder der Jugend pries, Kränze me- 
dergelegt Kein einziger Mißton störte die Frier, alles verlief 
in einem selbstverständlichen Einklang, dpr sowohl von dem ein 
heitlichen Fühlen dieser Jugend wie von dem Vorhandensein 
tüchtiger Führer zeugte. 
Am frühen Nachmittag traf man sich wieder M einer Versamm 
lung in der PauLskirche, die zu einer eindrucksvollen Kund 
gebung für den neuen Jugenbgeist werden sollte. Nach dem ein 
leitenden Orgelspiel trat Dr. Karl Wilk § r, der ehemalige Leiter 
der FürsorgeanstalL Lindenhof 
hochschule Thüringen, vor die 
senden Jugendgruppen gesch 
Gabelung Lex Primen. In ein-er erweiterten Cltsrnver- 
samrnlung der Liebi g-O berealschule war am Dientag Ge- 
w^cuyeit g^oöwn, Näheres über den Plan ciuer Gattung Lee' 
Pnmen zu erfahren, der aufgrund emgehou-der Beratungen des 
tzshrerLokeglmns der Anstalt entstanden ist. Den Hauptmängeln 
der heutigen höheren Schule: der UeberLürdung der Schulen mit 
Wisienöstoff, „der mangelnden Anpassung der Lehrziele an die 
Individualität, der . Schüler ' und der ungenügenden Berücksich 
tigung der weiten Gebiets, auf die sich das Gemeinschaftsleben 
aufbaut, soll durch die Gabelung der Primen in eine sprach- 
i? o hs ch e und erne mathematisch-natur 
wissenschaftliche Abteilung praktisch wirksam begeg 
net werden. Da die Stundenzahl der Nebenfächer in jeder Ab- 
teuung stark eingeschrünit wird, muß der Unterricht unter Ver 
zicht auf einen erheblichen Teil positiven Wissensstoffes mehr 
auf das Grundsätzliche eingestellt werden. Die starken Abstriche 
erlauben ferner, ohne Erhöhung der Gesamtstundenzah! die lang 
entbehrten Fächer PHÜOsophie, StaatsLürgerkunde, Biologie und 
Kunstuuterricht in den Lehrplan Leider Abteilungen aufzuneh- 
men. Der ElteruLeirat hat diesem Plan in einer Sitzung vor, 
Weihnachten ZugcsiimMt. und die gestrige, von mehr als zwei 
hundert Personen besuchte Versammlung nahm eine Ent ¬ 
schließung an, „daß sie mit freudigem Interesse von dem 
durch das Kollegium ausgearbeitsten Gabelungsplan für die' 
beiden Oberklassen Kenntnis genommen hat. Sre ist aufgrund 
längerer Aussprache Zu der Ueberzeugung gekommen, daß seine 
Durchführung einen wesentlichen Fortschritt bedeutet, und hofft, 
daß die staatlichen und städtischen Behörden, die dem Plan bisher 
m dankenswerter Weiss ihr Interesse entgegengebracht haben, 
seine Verwirklichung ab Ostern 1921 ermöglichen werden/
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        Vierter Rußland - Abend. Drr vierte Rußkand-Mend der 
Studentenschaft galt der Erörterung mffischer Wirtschaftsprobleme. 
Pros. Adolf Weber, der über die „Grundlagen der rus- 
&amp;gt;si scheu Wirtschaft" sprach, schilderte zunächst m großen 
Äugen die Entstehung und die wirtschaftliche Lage des rumschen 
Jndusttieproletariais bis zur Stolypinschen Agrarrefonn 1965- 
tzie Beveutung dieser Reform benihte einmal dann, datz sie den 
Anlaß zur Bildung eines industriellen Vollproletanats gab, da 
Ich durch Schaffung bäuerlichen Kleineigentums der Zustrom von 
Arbeitskräften zur Stadt vermehrte und den dort schon vorqaru-e- 
nen Arbeitern der Rückhalt an den alten Feldgemeinschaften ge 
nommen wurde. Zum andern aber bewirkte sie eme intensivere 
Bearbeitung des Bodens, und die hieraus entspringende vermehre 
' Kaufkrast der Bauern ermöglichte ihrerseiis wiederum em An- 
schwellm der russischen Industrie, das berechtigte Hoffnungen auf 
Line große wirtschaftliche Blüte erweckte. Wie andere Industrie 
länder auch, mußten freilich die Russen eine schwere AnpassungS- 
krisis durchwachen, zunehmende Teuerung und Wohnungsnot m 
den Jndustriebezirken hatten Streiks zur Folge, die in den letzten 
Fahren vor dem Krieg eine erschreckende Höye eichten Nach 
e^ner Darlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse.Rußlands wah 
rend d:s KriegS ging der Redner auf die Zustände umer der 
Sowietherrschast ein und kennzeichnete kurz die Verfuge, die von 
hen jetzigen Machthabern zum Wiederaufbau der ganzlrcy zer- 
rüttet-n Wirtschaft unternommen werden. , DrÄ weMtücher als 
eine vorzeitige Industrialisierung ist es, daß Rußland srq zunächst 
i duf b-r Stufe des Ackerbaus konsolidiert, um möglichst schnell 
w'.edcr exportieren zu können. Deutschland hat, so memt 
Weber, was sein Verhältnis zu Rußland betrifft, zur^ Zeit nur 
die eine Aufgabe, sich nicht in die innere Politik dieses Landes 
rinZumischen. Als zweiter Redn-r sprach Pros. A Kraus über 
„Landbau und Landbaugebiete Rußlands An 
einer Reihe von Karten, die im Lichtbild °r- 
Stterte er die Bodenreformen und ine klimatischen Veryaltnrsse .iiitt,- 
lands, um sodann auf die agrarischen BetriebSweffen und die 
Anbaumöglichkeiten einzugehen. Nach seiner Ansicht wird infolge 
der derzeitigen extensiven Boden-wirtschaft m Rußland mit einem 
' tzrvort von Getreide, Flachs usw. sobald nicht zu rechnen sem. 
Wie es schon bei den bisherigen Veranstaltungen der Fall, war, 
so geftllten sich auch an diesem Abend wieder Zu den wissciffchaft- 
l.chen' Verträgen künstlerische Darbietungen. Der gut geschuue 
Frankfurter a eapellL-Chor brächte unter Leitung von 
Gustav März geistliche Lieder von BorinianM und russische 
Psü'sliedcr zu Gehör, in deren eigenartigen Weisen die Seele des 
russischen Volkes sich Ausdruck verschafft. 
IraEmLer Kngeksgsnßeitw. 
Aussprache-AbLnd über §peng!er. 
Daß der von der Abteilung für Geschichte des Deutschen Hoch- 
Hstes ausgehende Gedanke, in Gemeinschaft mit der Historischen 
^Gesellschaft und der hiesigen Ortsgruppe des Preußischen PhiLoLo- 
zgenvereins Zwei Ausspracheabende über SprngLers Werk: e r' 
-RnterganL des Abendlandes" Zu Veranstalter;, einem 
^Bedürfnis enrgegenkommt, bewies am Dienstag der Andmng des 
DuNikunls in der Universität, der stark genug war, um die Verlegung 
per Sitzung in den großen Hörsaal notwendig Zu machen. Nach 
Pm Einleitungsworten von Protz Küntzel hielt Protz Gräntz 
^Lin längeres wohldurchdachtes Referat, in dem er hauptsächlich als 
jBisloge Zu Spenglers Wer? Stellung nahm. Zunächst legte 
per Vortragende die Grundgedanken des bekannten Buches dar, 
um sodann vsm biologischen Standpunkt aus Spenglers Voraus 
sagen Üoer das Schicksal unserer Kultur, seine Auffassung des 
Organismus, sein V-erhältms Zur Idee der Entwicklung und die 
^Ungenügende Berücksichtigung, die bei ihm die vitalistische Richtung 
ßn der modernen Biologie gefunden hat, einer kritischen Betracht 
'tung zu unterziehen. Auf den philosophischen Gehalt des Werkes 
eingehend, zeigte er. Laß Spengler, wohl infolge ein^ Mangels - 
sn Intuition, einen unhaltbaren Relativismus vertritt der die! 
innere übersinnliche Einheit verschiedener Kulturen seinem Blick 
entgeht. Die Ausfühmng.en des Redners gipfelten in der Fest- 
cheLung, dich Spenglers Gedanken im Zeitlichen befangen bleiben/ 
in der Mehnuna der fatalistischen Grundhaltung Spenglers, 
M sich durch eine tiefere Kritik nicht rechtfertigen laßt. 
den schwierigen mathematischen GchM des Werkes dem 
HorerrreLS klarzmeZen. Er rügte, daß Spengler nirgends seinen 
Begriff-der magischen Mathematik zu voller GntMnng bringt, 
feine Behauptung von der unterschiedlichen Wesens-, 
oeschafjenhsit der den verschiedenen Kulturen ungehörigen Mathe- 
maaken letzten Endes nur auf die Untersuchung der antiken und 
der abendländischm Mathematik stützt. Ihm gegenüber hält der 
Referent den Glauben an eine stetige Entwicklung der Mathe« 
matck fest und meist vor allem die ProphezeiunMn Spenglers über 
den - Untergang unserer abendländischm Mathematik zurück. 
Ars Letzter Redner des Abends sprach Pros Rauschen 
bergen der Spenglers Wer? wohl als Dichtung gelten läßt, 
a^er einen miffenschaftlichen Wert nicht ZuZuerkennen vermag. 
Aucy er verurteilte, wie die Vorredner, den Relativismus Spenz 
ers, beleuchtete seinen Schicksalsbegriff kritisch und gab seiner 
UebeTMgung Ausdruck, daß Spm,gler die Bedeutung "der Raffe 
a.s d-s Lragers der Kultur nicht gebührend gewürdigt habe. 
Trotz ihrer vorwiegend ablehnenden Haltung dem Werke ge 
genüber waren aber sämtliche Redner darin einia, daß viele 
Anregungen von ihm auSgehsn nud datz eS manche neue Einblicke 
m d'.e geistigen Zusammenhänge der Weltgeschichte eröffne. Wann 
setzn Aussprache-Abend stailfindet, wird noch bekannt ge- 
Rudolf Steirrers GeisteSwiffeuschast. Die amthTSpo- 
ssphische Be'Wegung^ deren HaupLstützpunkL in Deutsch 
land zur Zeit Stuttgart ist, beginnt auch nach Franks u r L über- 
zugrerfen. Auf SrranLassnng der hisstgen anthLoposophischen Ge 
sellschaft „GoeLhezweig" hielt Herr Arenssn aus Stuttgart in 
der Ge schlechte rstube vier Verträge, die der Einführung in die 
sogenannte ^GListeswissenschafL" Rudolf Steiners dienen sollten 
und offenbar darauf abzielten, der Bewegung auch in unserer 
Stadt weitere Anhänger zu gewinnen- Der starke Besuch, 
dessen sich die Abende erfreuten, zeugte immerhin davon, welch' 
tiefes Bedürfnis nach einer HeilSlehxe, die Erlösung aus 
der Not und der Sinnlosigkeit unserer Zeit verspricht, in den. 
Menschen heute lebt» Man wird freilich sehr bezweifeLn Müssen, 
datz gerade die Lehre Steiners dazu geeignet sei, diesem Bedürf 
nis Sättigung zu verschaffen, und wird sich zu fragen haben, ob 
ihre Ausbreitung nicht im Gegenteil eine Erfahr bedeutet. Es 
ist schon bezeichnend, Last sie ihre Anziehungskraft zumeist auf 
die Scharen der verworrenen und haltlosen Gemüter ausübt. 
Der Redner entwickelte die aus der einschlägigen Literatur be 
kannten anthroposophischen Anschauungen vom physisch-sinnlichen 
Leib- dem Lebensleib, dem EmpfindungsLeib, von der Seelen- 
Wanderung, von den Aufgaben des Ichs zwischen zwei Ver 
körperungen usw.^ wobei er ausdrücklich hervorhob, datz die 
„GeisteswissenschafL" eine strenge Forschung sei, die jeglichen 
MysLiZismus ablehne und sich überall auf den gesunden Men 
schenverstand zu stützen versuche. Indessen vermochte dieser ge 
sunde Menschenverstand doch nicht alle Wege nachzugehen, die 
der „Gcistesforscher" wandelt. Mit Organen., die den gewöhn 
lichen Sterblichen fehlen, gewahrt der Geisteswissenschaftler 
z. B», datz von dem Körper des schlafenden Menschen' sein 
eiaenMcbes Ick» und sein Astralleib sich loslösen und eine Art 
von Doppelwirbel bilden, der sowohl in den Kosmos wie in den 
Körper sich hineinerstreckt, um diesen mit kosmischen Kräften neu 
zu speisen- Vor allem die Mitteilungen, die der Redner über 
das Verhalten des Ichs nach dem Tode machte, waren dazu an 
getan, die Frage nach den Quellen solcher Erkenntnis Laut wer 
den Zu Lassen, und es beruhigte nicht wenig, als man vernahm, 
daß alle diesbezüglichen Aussagen sich auf direkte Wahrnehmun 
gen der vorgeschrittenen Gcistcsforschsr gründen. Besonders der 
frivole Selbstmörder mag es beherzigen, dass fein Ich sich nach &amp;gt; 
dem Tode in einer fatalen Lage befindet, da es sehr darunter 
leider, so „plötzlich aus dem Körper ausaesperrt Zu sein und sich 
erst allmählich, nach vergeblichen Versuchen» wieder in ihn 
hineinzuLommen, von dem susgestanvsnen Schrecken erholt. 
Aus allen möglichen Religionen und Mysterien entnMlmt die 
Anthropsfophik ihre Erkenntnisse. Sie macht von der buddhisti- 
scheu KarmalelM genau so Gebrauch wie von den Ägyptischen i 
Kulten, der Gnosis und der deutschen Mysü?. Was aber einstens &amp;gt; 
erhabene SymKolir war, das macht fw jetzt M einem handfesten 
Gemenge von Aberglauben und Plattheiten Ss sehr auch bis 
deEche MernMert sich «auL ErMNna HrhnL von dem GtzRLMtLK-. 
, Mus-der GrrinL'M-en Lehre wird ihr da» Heil sicher Nicht 
' Zs sei denn, datz SpengLeZ MchL hätte und das WHM 
land'tatsächlich niedergeht. De/
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        Im GngmleU bcflhwo i Ader sich ko 
quent bleibende Jk- 
Möglichkeit, zu seinem vollen Sein zu gelangen, sie binden-' 
ihn bloß, um ihn Zu befreien. Weder vergewaltigt — im aller 
dings unerreichbaren Jdealfall — die Gemeinschaft das Indi 
viduum, noch kann dieses auf Kosten jener sich ausdehnen; 
beide haben ja letzten Endes gar keine von einander unab 
hängige Existenz, sie bestehen vielmehr mit und für einander, 
da seelische Innenwelt sowohl wie kulturell-soziale Außenwelt 
in den gleichen Materiellen Voraussetzungen wurzeln, die dem 
unverbrüchlich geglaubten göttlichen Sinn entfließen. Man 
braucht das Mittelalter nicht romantisch zu vergolden, um zu 
erkennen, Laß aus dem Werke des Thomas von Aquino z. V. 
etwas von. dem Geiste einer solchen Einheitskultur uns ent- 
gegenweht. 
Die in der Gegenwart sich befehdenden Anschauungen über 
die Bedeutung der Autorität sind gleichsam Fragmente dieses 
ELmemschastsideM Es ist vor allem die Neak ion, die heute 
nach dem starken Mann ruft und die Wiedergewinnung einer 
fraglosen, über den Parteien stehenden staatlichen Autorität als 
einziges Mittel der Rettung aus unserem Elend preist. So 
gewiß es nun seine Richtigkeit damit hat, daß jedes Gemein 
wesen starker, zielbewuß'er Leitung bedarf, so wenig kann man 
doch den von den Anhängern des „Autoritätsgedank-sns" ge 
prägten Machtbegriff gelten lassen. Ganz abgesehen da 
von, daß dieser Gedanke heute meistens zur Verbrämung sehr 
realer politischer Ziele dient, er ist auch an sich verwerflich, weil 
er einseitig die Notwendigkeit' des Zwanges betont, ohne die 
Gesinnung der dem Zwange unterworfenen Menschen wesentlich 
mitzuberückW Seine Vorkämpfer werden sozusagen nur 
einen Teil des Urbildes der vollkommenen Gemeinschaft 
gewahr, es bleibt ihnen verborgen, daß Autorität erst dann 
Daseinsberechtigung erlangt, wenn die Seelen sich ihr Zu- 
me gen, wenn sie von einem die Gemeinschaft erfüllenden hohen 
Sinn sicb herleitet. Die Verherrlichung der Macht um ihrer 
selbst willen, wie sie von den Verfechtern des Au-oritätsprinZips 
betrieben wird und betrieben werden muß, weil ihre Sehnsucht 
tto kueto einem historisch überlebten, seelenlos geworden m 
staatlichen Gebilde gilt, führt folgerichtig zur Staatsvergotzung, 
zur Wertminderung individuellen Sems, Zur unerträglichen 
Scheidung von Innenwelt und Gemeinschaftswelt^ Krieg und 
Revolution haben uns d'ese.und noch andere Folaen eines 
rein autoritativen Systems mit so surchtbarer Deutlichkeit ent 
hubt, daß es kaum angebracht erscheint, auf lerne Gefahren 
noch ausdrücklich ^inz"wei''rn 
Ge^krttcher, wrß rsi ^cnein^ng Lei 
Autorität zugunsten der Eigenbedeutung des Einzelmen- 
scheru Der bis auf Luther zurück reichende Mdividualis- 
rrms. Messt verankert m der deuWm LeMAchen Philoso- 
phie, schließt gegenwärtig, wo immer er sich weltanschaulich 
politisch auswirkt, naturgemäß seinen Pakt vorwiegend mit 
den Linksparteien. In taufend Abschaltungen cmftretend, 
von denen der Liberalismus alten Sti^s nur eine schon bei 
nahe überholte Spielart ist, wirft er sich bald ganz allgemein 
zum Verteidiger der oemokratichen Republik gegen den Obrig- 
leilsstaat auf, wacht sich im besonderen bald, bis zur Un 
kenntlichkeit verhüllt, den Genoffenschaftsgedanken zu eigen 
(Natorp) oder setzt sich auch (wie bei G. Landauer Z. B.) für 
einen revolutionären Sozialismus mit anarchistischen Endzie 
len ein, als solcher neuerdings reiche Nahrung aus der russi 
schen Gefühlswelt ziehend; wobei im übrigen nicht vergessen 
werden darf, daß er, als rein geistige Strömung, seinen unkon- 
trollierbaren, dafür aber umso stärkeren Einfluß auf breite 
deutsche Dildungsfchichten ausübt Gerade die jüngsten Polin 
sehen Auswirkungen des deutschen individualistischen Geistes^ 
bedürfen nun einer lSonderen Aufmerksamkeit, weil sie, getra 
gen von dem Willen zur Gemeinschaft, auf den ersten VLick hin 
einer Ueberwindung liberalen Manchestertnms Von innen her 
aus gleickzukommen scheinen. Dieser Geist gibt sich z. B. in 
den verschiedensten deutschen Jugendbewegungen kund, er lebt 
den zablreich emporsprießenden Arbeitsgemeinschaften und 
läßt eine Unmenge von Gesinnungsbünden, von Vereinigungen 
zur inneren Erneuerung usw. erstehen. Man wird sich darüber 
zu verg-ewissern haben, ob der weltanschauliche Unterbau der 
meisten derartigen Gruppen so beschaffen ist, daß das ideale 
Streben, das in ihüen nach Ausdruck ringt, wirklich sein Ziel 
erreichen kann. Fast durchweg beruhen die hier gemeinten Zu- 
sanrmenschlüsse, die wie Pilze aus der Erde schießen und sich 
nur in verhältnismäßig unwesentlichen Pw^rammpunk^n von 
einander unterscheiden, ouf dem Glauben an ein Ich, das auf 
Grund seiner Einsicht und aus freiem Entschluß heraus sich 
mit anderen Jchen harmonisch zur wahren Gemeinschaft ver 
bindet. Der Bestand übermdividueller Mächte wird von den 
Anhängern dieser ganzen Richtung geleugnet und, abgesehen 
bestenfalls von der rein persönlichen Autorität Zufällig g-efun- 
dener charismatischen Führer, gilt ihnen sachlich fest veran 
kerte Autorität, die befiehlt, Gehorsam verlangt und sich den 
Eingriffen Einzelner entzieht, recht eigentlich als das 
teuflische Prinzip Gort lebt nur in den Einzelpersönlichkei 
ten, aus oeren Zusammerk^ng auch einzig der Staat erwächst 
Autontatwe? Zw^ng von leiten des Startes ist durch E^zieb- 
Autorität und Individualismus. 
Von Dr. Siegfried Kraeauer. 
Als im November 1918 der Zusammenbmch einer schon 
langst unterhöhtten Autorität sich vollendete, war Ablehnung 
dieser wie schließlich jeder Autorität überhaupt tief berechtigte 
Notwehr-Handlung des einem unerhörten Druck plötzlich ent 
ronnenen Volks. Inzwischen ist es, aus sattsam bekannten 
Gründen, nicht gelungen, der Auflösung staatlicher Gewalt 
Einhalt zu tun, und die demoralisierenden Folgen des chaoti 
schen Zustands, in dem wir nun schon über zwei Jahre leben, 
wachen sich von Tag zu Tag stärker fühlbar. Dem Chaos ist 
ober um so schwerer zu gebieten, als die zerrüttenden ökonomi 
schen und Politischen Kampfe durch Gegensätze der Welt- 
l nschauungen getragen werden, die so unversöhnlich sind, 
baß noch mcht einmal über die für den Aufbau einer jeden Ge 
meinschaft wesentlichen Vorbedingungen Einstimmigkeit sich er- 
xirlen läßt. Gerade in Bezug auf das heute einer Bewältigung 
besonders bänglich harrende Grundproblem, welche Rolle denn 
Autorität und autoritativer Zwang innerhalb der Gemeinschaft 
Du spielen habe, ein Problem von weltanschaulicher Bedeutung, 
bes^n Lösung part-eipolitflch-ryi Denken sich durchaus entzieht, 
finden sich die geistigen Schichten Deutschlands im großen und 
ganzen in zwei feindliche Lager geteilt. Während die. eine 
Richtung das Heil in einem auf unbedingte Autorität ge 
stützten Regiment erblickt, verwirft die andere Richtung jegliche 
wuto-i^iive Anmaßung als unsittlich und erkennt allein die 
durch Freiwilligkeit ihrer Glider zustande gekommene 
Gemeinschaft an. Es ill für die junge deutsche Demokratie in 
ihrer gegenwärtig so bedrängten Lage Pflicht, zu dieser Frage 
grund-MÜH Stellung zu nehmen. 
In gotterfüllten Zeiten, da noch ein bestimmter hoher Sinn 
alle Gellaltunaen des Daseins dnrchdnngt, weilt man dem 
Urbild der vollkommenen Gemeinschaft näher als in Epochen, 
in denen bloß mel-r die Sehnsucht Einzelner Gen aus der Welt 
gewichenen göttlichen Sinn erreicht. Dem Schoße gemein- 
Amen unerschütterlichen Glaubens entwächst eine Materials 
Einheit? kultur; Gott verUrperr sich in Formen, Ordnungen 
und Machten, durch die sämtliche Angehörige der Gemeinschaft 
innerlich und äußerlich fest miteinander verknüpft werden 
Stets darf die Autorität, als Ausdruck des höch^n Sinnes, 
dcr dem Geilt überhaupt gegeben sein kann unbedingten ^e- 
lorsam fordern. Die auf diesen Sinn sich gründenden Ge 
bräuche, Institutionen, Gliederungen usw. engen den Einzelnen 
Richt NM Gicht ein, sie gewähren ihm mr Gegenteil erst die 
zur G" u 'ck Sdng zu e m wAcher C Im GngmleU bcflhwo i Ader sich konsequent bleibende Jk- 
ziel'&amp;lt;rleistung die Ausgabe echten politischen FührerLums gipselu dividualismus, der den Schwerpunkt rein in das Subjekt ver- 
Jedem Zwang und allen Forderungen sich versagend, durch legt, notwendig den chaotischen Anarchismus heMpf uM 
die das Recht der verschiedenen Persönlichkeiten auf ihr eigenes hereM demrtn mittelbar die Diktatur vor ; gleichviel im übrb 
Innenleben veÄürzt werden Drucke, erblickt der Individualis-Mn, ob ex bloß egoWMe MrLMDMAreAeN maskiert Ob« 
mus in dem Vorhandensein sylchrr Gesinnung, wie überhaupt 
in dem Willen dcr Menschen zum Guten und Wahren, eine 
genüszmLe Bürg-chaft für das Gedeihen der Gemeinschaft. 
Höchstes Ziel ist ihm ein. Staatsgebilde, das aus dem perank 
wormngsvollen Handeln autonomer Individuen gleichsam von 
selber erblüht. 
So hart es klingt: auch dieser Individualismus unserer 
Tage läßt das Urbild der vollkommenen Gemeinschaft zum 
Fragment ve'ckümnurn, er ist im Grunde nichts anderes als 
das genaue Widerspiel der rein autoritativen Aufsasfung. 
Sicherlich verdient ein nur durch äußeren, mechanischen Zwang 
zusammengehaltenes SLaatswesen sittlich geörcmdrMrft Zu 
werden, ja, man müßte es vernichten, wum es sich nicht am 
Ende selber .vernichtete. Aber die individualistischen Träger 
des neuen „Gemeinschaftse«^ vergessen ganz — und 
hierin liegt eine tragische Schuld — daß eine Gemeinschaft sich 
sogar dann nicht rein auf das inwendige Sein ihrer Angehöri 
gen stützen kann, wenn diese seelisch bereits vorgesormt sind, 
o h. wmn ihr Wesen feine Prägung erfahren hat durch einen 
sie alle überwölbenden Si^ zum unantastbaren 
Dogma, zur unbezwüselbaren inneren Autorität wüd, und Zu 
dem genug bestimmte Inhalt» aufwnst, um ihnen die Entfal 
tung in einer eindeutig bestimmten Richtung vorzuschreiLen 
Auch dann noch nämlich bedarf es, aus httr nicht Zu erörtern 
den wLsenZnotMLndigen soziologischen Gründen, stets der 
-äußeren Autorität, die aber nun nicht wehr im Leeren schwebt, 
sondern dem geglaubten Sinn entquillt, was sie rechtfertigt und 
verchrungswürdig. macht. „Kein soziologischer Zusammen 
hang", bemerkt T r o e l t s H einmal (in feinen ^Soz'allehrcH 
der chnstliRsn Kirchen"), Rann dauernd ohne Zwangsmittel 
eristieren. Das ist eine Toi lache des Lebens, und aller Glaube 
an eine ausschließliche Macht der reinen Idee gehört nurwnter 
die spmLualisttschen Illusionen, nicht in das Reich der Wirk 
lichkeit." Was aber selbst für eine einhoitlich fühlende, weil 
an einen bestimmten mc-trrinlLN Sinn gebundene Gemeinschaft 
Z-utrisst, gilt erst recht für ein innerlich zerrissenes Volk, Witz, 
das unfrige es ist. Drß in ihm sämtliche Glieder sich ohm 
autoritativen Zwang freiwillig und reibungslos ineinander 
fügten, wäre möglich nur unter der Voraussetzung einer Präfix 
'bitterten Harmonie, welche die Leibnizsche noch übertrumpfte; 
d h. es ist in Wahrheit unmöglich und auch durch eine indivi 
dualistische Erziehung zur Gemeinschaft nicht zu bewirken.
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        tischer Freiheit von seelischer Gebundenheit in aller Klarheit zu 
erkennen und aus dieser Erkenntnis die nötigen Folgerungen Zu 
ziehen. Niemand Kann heute schon sagen, ob die Sehnsucht noch 
einheitlicher Leben-gestaltung aus religiöser Grundlage, die sich 
gegenwärtig so mächtig wie kaum je zuvor in uns regt, dereinst 
ihre Erfüllung findet. Solange aber das Chaos dauert, solange 
noch kein materialer, feste Formen schenkender Sinn die aus- 
eUrsttderstrebenden Geister bannt, wird eS mtt die dringlichste, 
wenn auch vorruchnrlich negative Ausgabe im neuen Deutschland 
sein, die unhaltbaren Voraussetzungen des individualistischen 
Denkens schonungslos aufzudecken, den wirklichkeitsblinden 
Idealismus, der sich mit einer rein formalen Regelung mensch 
licher Angelegenheiten begnügt, in die Bereiche des realen 
Lebens zurückzuLercken und, durch den HlntveiS auf das Urbild 
der golterMten Gemeinschaft, dem zu Unrecht entwerteten 
Auwritatsbegrisf zur allgemeinen Anerkennung der ihm not 
wendig gebührender! Stellung -u verhelfen. Gelingt es nicht, 
die weltanschauliche Position des Jndividualisnnis zu schwä 
chen, die jeder Eigenbrötelei Vorschub leistet und ihr zudem das 
eure Gewissen verleiht, dann schreitet auch der politische Auf 
lösungsprozeß weiter und weiter vor, und statt einer wahren 
Demokratie uns zu nähern, werden wir die Rückkehr des Obrig 
keitsstaates in dieser oder jener Form, sei eS vrm rechts, sei es 
von links. Zu erwarten haben. 
schast erstrebt. Die Ablehnung stattlicher AuLorLiat durch den 
individuckistisHen Geist in seiner spezifisch deutschen Aus 
prägung offenbart letzten EnrdeZ nur seinen gänzlichen Mangel 
an Fühlungn-ahnse mit der Lebenswirttichkeitt Um nicht das 
Selbstbestimmungsrecht, die- Auwrwlme der Persönlichkeit zu 
gefährden, darf dieser Geist Leine allgenrein verbindlichen 
nmtermlen Ziele setzen, sondern muß den ElnzeUrren scheu 
(bezw. den Grmemschajhen von Einzetmenschen) die Gestalt 
tung ihres Lelnns selber überlasten; indem er sich aber dabei 
beruhigt, lediglich sommle Fsrdemngen «uszustellen, w-ie z. B. 
die Pflege „idealer GemMjchafLKgeflmmng" oder den „Willen 
^uw Geist/ den „Dienst an der Menschheit" und wie alle die 
schön klingenden Worte noch heißen mö^n, entschwindet er irr 
ein Wolkenkuckucksheirn, ohne das konkrete Dasein in seiner 
ganzen Breite wirtlich zu durchdringen. Der alle Obrigkeits« 
staat und sein katastwphel^ Ende sind ja u. a. sicherlich mit 
auf diese verhängnisvolle Weitsremdheit des idealistisch ge 
richteten JndwldUiüisnms Zurückzuführrn. 
Es ist, wie gesagt, für die deutsche Demokratie rmerläß« 
lich, der notwendigen Grundlagen ihrer Existenz inne zu wer 
den- Will man eine Demokratie nicht nur der Form,, sondern 
auch dem Gehalt, der geistigen Verfassung nach, so wird nnm 
heute, in einer Zeit der Zersplitterung und der nwratischen Ver 
seuchung aiss, unweigerlich nach zwei Fronten zu kÄnpfen 
haben: einmal natürlich gegen den reaktionären Kult eines in 
nerlich hohlen Autorttätsgedankens, zum andern gegen den in 
dividualistischen Geist, der in dem Wahne, daß man von den 
Eirnelmenschen aus zur Gemeinschaft gelangen könne, mit der 
falschen auch die richtige Autorität verwirft und aus diese Weise 
gewiß niemals über den kapitalistischen Liberalismus Herr zu 
werden vermag. Dem deutschen Individualismus verdanken 
wir die herrlichsten Erzeugnisse in Kunst und Wissenschaft; das 
hindert aber nicht, daß er als geistige Grundeinstellung für uns, 
gegenwärtig Zumal, eine Gefahr bedeutet, die irgendwie über 
wunden' werden muß- Was Hai denn in England z. B. die De 
mokratie lebensfähig gemacht, wenn nicht die traditionelle Ge 
bundenheit des Lebensstiles und jene selbstverständliche Ueber 
einstimmung in den wesentlichen Fragen des Daseins, die uns 
infolge perspektivischer Täuschung leicht als Beschränktheit er 
scheint und die nur vielleicht schon Zu sehr Zivilisation und 
Oberfläche ist, um noch dem Ideal einer auf den göttlichen Sinn 
bezogenen Seeleneintracht zu entsprechen? Läßt sich nun auch 
ein solcher Sinn nicht künstlich schaffen, eine materiale Einheits 
kultur nicht erzwingen —- dergleichen ist zum guten Teil Schick 
sal, das sich über den Hauptäu der Menschen hmwea vollzieht. 
Irr AmdM des Zrauksurler MseugeNudes. 
GeradZ in -eiuer Zeit, in d-r so wenig bebaut wird wie in der 
rmsrigLN. darf jedes Bauvorhaben die gesteigerte Aufmerksamkeit 
nicht "nur der betemgteu LiU^e, sonoem auch 0er Allgemeinheit 
beanspruchen, zumal wenn es sich um ein MonnmentÄ^'^rk 
Sandelt, das dazu bestimmt ist, einem wichtigen Teil unseres Stadia 
Bildes seinen Stempel aufzudrückem Man w.itz, daß im Novem 
ber 1-91S die Frankfurter Handelskammer acht hieMe 
Architekten M einem Wettbewerb einlud, um Pläne für den Aus 
bau des B ö r s e n g e b ä u d e s Zu ettcmam. dos ihren lo ' br 
gesteigerten Raumbedürsnissen schon langst nicht mehr genügt. Die 
Entscheidung des Preisgerichts über dre Eruwmw o^r auM^r- 
ßrrLen Wettbewerbsteilnehmer, unter denen man leider ma- Gen 
Namen von autem künstlerischem Klang vermissen mußte, fiel da-. 
Mals zugunsten der Architekten G. und K° Schmidt, H. Senf 
und R. Woll wann aus. Die aus einem nochmaligen enteren 
jedoch, die b:s ins einzelne die abgelebten akademischen Formen 
des Mittelbaus wiederholt, kann ich mich nicht einverstanden er°-. 
klären. Sicherlich hat das. Preisgericht recht, wenn es mit den 
Schöpfern des Entwurfs darin übereinstimmt, daß zur Erzielung 
architektonischer Einheit die StilmoLive des Hauptbaus an den 
Fassaden der Seitenflügel irgendwie wiederklingen müssen. Aber 
ist es denn notwendig, daß das in so scbrmatischer Weise geschieht 
wie der Entwurf es vorschlägt? Insbesondere die B^Wendung 
des Motivs der doppelten Säulenstellung an den Fassaden der 
Börsen- und Schillerstraße entspricht unserem heutigen-Stilempfin-, 
den m keiner Weise und die zur Be^rönung der ALLika angeord 
neten Figurenscharen wirken letzten Endes "nur störend. Es ist 
drmgnrd zu hoffen, daß die Verfasser des Entwurfs, die ja auf 
eine freiere und persönliche Durchbildung der Fassaden Wert zu 
. ? legen versprechen, Lei seiner Au§ bmag nicht mehr gar so ängst 
lich an der Schablone kleben bleiben. Auch die Formgebung der 
Verkehrshalle erscheint übrigens noch nicht durchweg ausgereist. 
Das Senfsche Projekt leidet m seiner Grundrißgestaltung 
daran, daß die in der Halle unteraebrachte Haupttreppe sowie der 
Fahrradraum Zu weit von dem Eingang abliegen und die Halle 
selber sich nicht völlig organisch an den Börsensaal und seine 
Westgalerie anschließt. Dagegen ist die Architektur dieses Ent 
wurfs um ein gutes Te'l großzügiger und von modernerem Geiste 
durchweht als die des Schmidtschen Entwurfs, wenn sie sich auch 
vielleicht infolge ihrer Massigkeit, die noch durch die hschgeführ- 
tm Eck-Risalite des aus Sparsamkeitsgründen beibehaltenen 
Erdgeschosses verstärkt wird, mit dem viel reicher gegliederten, auf 
gelösten Mittelbau nicht ganz Zur Einheit verbindet. Man möchte 
aber doch wünschen, daß die aus ihr sprechende Baügesinnung auch 
in dem preisgekrönten Projekt noch etwas mehr Zum Ausdruck käm^ 
Der Entwurf des .Architekten Robert W oll mann ist künst 
lerisch sicher der schwächste der vorliegenden Projekt. Mckon 
er im Einzelnen manches /Güte -undZweckmäßige enthalt' WoL- 
marm-hat sich, wie Ech^ das-Preisgericht bemeE^ins''Grundriß- 
^Eng-dodprch,. dM SitzundssM nicht im 
alten Bau beläßt; auch ist die Anordnung der Haupttreppe in 
dem EinganBvchibül nicht gerade günstig zu nennen. D« Ge 
danke, den vorliegenden NutzcharMsr der in den verschiedenen Le- 
ichoffen untergeSvachten Räume nach außen hin durch eine möa- 
lichst schlichte und sachliche Architektur zur Geltuno zu bringen, ist 
an sich, und besonders in heutiger Zeit, wohl der Beachtung wert 
nur müßten dann die Fassaden doch viel mehr die Architektur und 
den ganzen Rhbthmus des Hauptbaus ausnehmen und weiterführ:», 
als üe es ru dem WollMLMsHm-Errtwurf tun. 
Wettbewerb hervorgegangenen neubearbeiteten Entwürfe dieser 
'Preisträger sind zur Zeit m der westlichen Galerie des Börsen- 
Debäudcs Zu besichtigen. 
- Die Aufgabe, vor die das Bauprogramm der Handelskammer 
-°.e Architekten.stellte, ist überaus schwierig- Der eingeschossige 
Westflügel des BsrsengebäudeZ soll um ein Hauptgeschoß ergötzt 
werden und eine Verkehrshalle in sich aufnehmen, an die sich in den 
verschiedenen Stockwerken die neu zu schaffenden Räumlichkeiten 
sinngemäß angliedern. Bei der Grundrißlösung galt es vor 
allem, die Reue Halle in eine organische Verbindung mit dem 
alten Börsensaal und seiner westlichen Galerie Zu bringen, was, 
Wfslge der Ogeschrägtm rückwärtigen Bauflucht, die ganze Ge- 
MMichkeiL des Architekten erforderte. Vörzusehen war ferner 
der Ausbau auch des ruH der Schillerstraße Zu sich erstreckenden 
Ostflügets, wobei man M daran erinnern mag, daß schon Burnitz 
Zrnd Sommer in ihrem Ursprünglichen Entwurf die Seitenflügel 
zweigeschossig geplant HMem Schließlich kam es darauf an, die 
HMaden der im Innern umgefchaffenen und um ein Geschoß er 
höhten FlügelLautrn der reichen Hochrenaissanee-ArchiLektur des 
Burmtzscheu BäüeK ss anzupaffen, daß ein Ganzes von geschaffe 
ner Wirkung entsteht, daS sich den umgebenden StmßenZügen in 
einer städtebaulich befriedigenden Weise einfügt. 
' Der Zur Ausführung bestimmte Entwurf der Architekten G 
und K. Schmidt bewältigt, zumal im Grundriß, sehr glücklich 
E nicht geringen Schwierigkeiten dieses Bauprogramms. ° Es ist 
lernen Verfassern gelungen, das System der geräumigen, gut pro 
portionierten Verkehrshalle mit dem Pfeiler- und BogenMem 
ms großen BörsensMeL harmonisch zu trEnden; ' auch 
wird sich unter Leu gegebenen Bedingungen kaum eine 
HMEre Anordnung, der zur Halle und zum Hauptemgana gleich 
gunstm gelegenen Haupttreppe, deren Führung freilich dm 
-rnMcseraum m seiner Größe etwas beeinträchtigt, ermöglichen 
M Was die FaßadM Letrifft/w vermag zwar ihre (noch durch ein 
IMßeS Modell Verdeutlichte) Gliederung und FensterverLeiluns Zu 
MrWWuM'.
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        N/L /'s F 
— Der Orient in der Krim. Auf Veranlassung des Orient 
Instituts svrach am Donnerstag Freiherr v. Pöllnitz über eine 
Reiseeindrücke von der Krim. Der Vortragende, der in seiner 
Eigenschaft als deutscher Offizier im Frühjahr 1918 nach der 
Krim gekommen war, gab zunächst einen kurzen Ueberblick über 
die GeMchte der wünschen Halbinsel, aus der sich ihr orientali 
scher Charakter erklärt. Die Tartaren, die sich im frühen 
Mittelalter dort festgesetzt hatten, wurden um die Mitte des 15. 
Jahrhunderts von den Türken unterworfen, und erst unter Katha 
rina II. riß Rußland die Herrschaft über die Krim an sich. Auf 
ein Manifest der Zarin hin wanderten 1782 Deutsche in Scharen 
nach der Krim aus, denen in der Zeit von 1813 bis 1820 ein neuer 
Schwärm folgte. De^ Redner schilderte, teilweise unter Zuhilfe 
nahme seines Kriegstagebuchs, den landschaftlichen Charakter der 
Halbinsel und entwarf ein Bild von der Eigenart ihrer Bewohner. 
Auf seinen militärischen Streifzügen stieß er vielfach auf deutsche 
Kolonien, in deren Dörfern alte heimatliche Traditionen un 
verändert fortleben. Besonders die Bevölkerung der nördlichen 
und mittleren Krim rekrutiert sich im wesentlichen aus Tartaren, 
die mit den Deutschen in gutem Einvernehmen stehen, während 
sie gegen die Russen feindselig gesinnt sind. Der Vortragende, der 
mit ihnen die besten Erfahrungen gemacht hat, beschrieb die Bau 
art ihrer Häuser, deren innere Einrichtung vorteilhaft gegen das 
unscheinbare Äeußere absticht, und berichtete in längeren Aus 
führungen von ihren Sitten. Vor allem rühmte er die Sauberkeit 
und den Ordnungssinn der zumeist vom Tauschhandel lebenden 
tartarischen Bevölkerung, auch hob er die Geschicklichkeit ^er 
Frauen im Sticken und Teppichknüpfen hervor. Der Vortrag 
wurde durch zahlreiche Lichtbilder unterstützt. 
KrarrkfurLer AngekegenHeitm. 
Ernährung der städtischen Bevölkerung. 
Vor den Teilnehmern an dem BorLragsiurs des Land» 
wirtschaftlichen Vereins sprach am Donnerstag Ge 
heimrat Pros. Aerodoe, der Direktor der landwirtjä-astlichen 
Hochschule in Hohenhekn, über die mögliche Besserung der Er- 
nährungsverhaltuisse der städtischen Bevölkerung. Der Redner 
entwarf zunächst ein Bild von dem Stand der Ernährung und 
der Landwirtschaft Deulschlalws vor dem Krieg. Während das 
deutsche Volk um 1800 noch größtenteils vegetarisch lebte und 
sich außer von Brot im wesentlichen von Breisperjen wie Grütze, 
Grics usw. nährte, nahm sein Fleischkonsum nach dem Krieg 
1870/71 so zu, daß er vor Ausbrüch des Weltkriegs den Englands 
sogar überbot. Neben dem Fleisch wurde in steigendem Maße 
die Kartoffel zum Hauptnahrungsmittel, und auch der 
Zuckerkonsum schwoll gewaltig an. Diese Erweiterung des 
Nahrungsspielraums, ermöglicht durch die Entdeckungen Liebigs 
und die Einführung rationellerer landwirtschaftlicher Betriebs 
Methoden, konnte aber nur mit Hilfe des Imports von Chili- 
salpeter und Phosphorsäure aus dem Ausland aufrecht erhalten 
werden, da Deutschlarrd selber lediglich über Kalisalze und Tho 
masschlacke zur Befriedigung seines Bedarfs an Kunstdünger 
verfügte. Hinzu kam zur Deckung unseres ungeheuren Fleisch 
konsums ein Import von Kraftfuttermirteln, der zuletzt jährlich 
rund 10 Millionen Tonnen erreichte. Auch inbezug auf die 
menschlichen Arbeitskräfte waren wir in verhängnisvoller 
Weise vorn Ausland abhängig. Wachsende Landflucht zwang zur 
Zulassung der polnischen Wanderarbeiter, die infolge ihres niedri 
gen stanckurä ok like nicht nur auf dem Land, wo ihre Zahl 
vor Kriegsausbruch etwa 400 000 betrug, sondern mittelbar auch 
in der Industrie als Lohndrücker wirkten. Die schwierigen Er 
nährungsverhältnisse während des Krieges waren außer auf 
den Mangel an jeglicher Zufuhr auch auf den Mangel an männ 
lichen Arbeitskräften zurückzuführen, und keinem Einsichtigen 
konnte es verborgen bleiben, daß der Zusammenbruch unserer 
Ernährung früher oder später kommen mußte. 
Da eine Wiederaufrjchtung des Kraftfutterimports schon aus 
Valutagründen auf lange hinaus nicht möglich ist, fragt es sich, 
welche kurzfristigen Mitte! zur Hebung unserer land 
wirtschaftlichen Produktion anwendbar sind. Bei 
der Erörterung dieser Frage eröffnete der Redner zunächst den 
tröstlichen Ausblick, daß wir dank dem während des Krieges er 
! fundenen Verfahren Zur Stickstoffgewinnung aus der Luft in 
absehbarer Zeit in der Lage sein werden, den von der Land 
wirtschaft benötigten Stickstoff selber herzustellen. Aber auch 
hinsichtlich der Phosphorsäure ist zu hoffen, daß wir uns 
vom Ausland unabhängig machen können. Wir haben nämlich 
i bisher immer mit einem Ueberfchuß an Phosphor gedüngt, weil 
nickt aller Phosphor, sondern nur der leicht lösliche von den 
Pflanzen, zumal von den Halmfrüchten, ausgenommen wird. 
Versuche in Hobenheim haben nun ergeben, daß eine Neben- 
düngung von schwefelsaurem Ammoniak die Auf- 
j nähme auch der schwer löslichen Phosphate durch die Getreide- 
I pflanzen wesentlich erleichtert, und so wird sich denn in Zukunft 
der Bedarf an diesen Phosphaten ganz erheblich verringern. An 
Hand von Zahlen berichtete Geheimrat Aeroboe über die Erfolge 
die er mit dem neuen Düngverfahren in Hohenhcim erzielt hat 
Einschränkung der Phosphate und Steigerung von Stickstoff unk 
Kali 'werden nach feiner Ansicht den Kraftfutter-aufwand auf ein 
Minimum herabdrücken und eine Erhöhung der Eiweißstofse 
wird eine Vermehrung der Milcherträge herbeiführen. Die Um 
stellung der Dungmechoden erfordert freilich auch eine U m - 
stellung der Menschen, und es wird Sache hierfür be 
sonders geeigneter Männer sein, die Bauern, die nicht gerns 
mit alten Gewohnheiten brechen, über die Vorteile des neuen 
Verfahrens auszuklären. 
Der Redner schloß seinen äußerst beifällig ausgenommenen 
Vortrag mit der Ermahnung, überall und in großem Maßstab 
eine Wirtschastsberatung für bäuerliche Be« 
triebe zu gründen, da nur schnelles Handeln uns über di§ 
schlimmen Zeiten himvoghelfen könne. 
ZmMmler Angelegenheiten 
WükLküusftMmlg im Kunstgewerbemuseum. 
Im Kunstgewerbemuseum sind seit Sonntag Plakate aus der 
reichhaltigen Sanunlung von Dr. HerLeL ausgestellt, und Zwar 
werden vornehmlich Schöpfungen der französischen und eng* 
lischm Plakatkunst gezeigt, die zum Teil der ÄnMHsZctt. 
des Plakatwesens entstammen. Die Blatter von Jules Cheret 
aus den Wer Jahren des vorigen Jahrhunderts gehören mit zu 
den ersten Werken der jungen Kunstgattung überhaupt; sie klingen 
an Watteau und Fragonard an, der Schritt zum ergemlichm 
Plakat ist m ihnen noch nicht vollzogen. Ueberraschend Modern 
dagegen wirken die ebenfalls in die Frühzeit fallenden Schöpfun 
gen von Grün. Seine Riviemgestade deuten bereits wrf HoM 
weinsche Kunst vor, pIein°LirMalerei, die strahlende Helligkeit und 
Himmel des Südens hervorzuzaubern weiß, wird in ihnen ganK 
ptakarmäßig ausgewertn. Flammen des Aufruhrs lodern auA 
dem realistischen Revolmiouspwkat Lheophile Sieinlens der 
Menge oüg-egen. Ein anderes Blatt desselben Kühlers, reiM 
flächenhaft und von unnachahmlicher Feinheit der Umrißzeich^ 
nung, stellt Katzen dar, wie Steinlen sie oft und gern midergibt 
Boulevard-Leben, Moutmarn-e-Nächte, Treiben in Eaöarels und 
Bars, verführerischer Reiz der Demi-mondaim wird durch die 
Plakats Toulouse-Lautrecs gebannt. Seme Werke sind 
Erzeugnisse einer spaten, überreifen Kunst, lasterhaft und von 
prickelnder Sinnlichkeit, dabei geistreich in jedem Strich. Auch an 
Proben für Plakarhumor fehlt es nicht. Auf einem sig ¬ 
nierten Blair aus der Zeit des Burenkriegs überreicht der biedere 
Ohm Krüger der köstlich narrillierten Queen ein zierliches Päck 
chen „pilules dum-dum^. Von dem HMn Stand ftanzosischen 
&amp;gt; Augenkultur zeugen übrigens etliche Verkehrs- und Eisenbahn 
Plakate, die freilich noch allzu naturalistisch gehalten sind, um rein 
plakmmäßig zu wirken. Unter den englL s ch/e n Arbeiten ragm 
besonders Zwei Blätter hervor, die, als Plakate wenigstens, sicher 
lich die besten Leistungen der ganzen Ausstellung überhaupt smin 
Sie stammen aus der Hand Zweier Künstler, die sich als ^Bruder 
^Veggarstaff" unterzeichnen. Das eine von ihnen, für ^.Har- 
I pers Magazine^ entworfen, gibt einen Tswer-Wachter in-seiner 
! historischen Tracht wieder. Ein paar ickwarze Linien stehen aus 
§ rotem Grund, sonst nichts; alles ist auf die letzte Formel gebracht 
bis zum äußersten vereinfacht und stilisiert, das Müste wird dem 
Auge Zur selbsttätigen Ergänzung überlassen. In den nächsten 
^Wochen sollen Werke schtteifertscher UNd deutschex 
i Plakatkunst ausgestellt werden. Ar«
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        Zleöer Turmhäuser. 
Vor» Dr. S. Kracauer. 
in ein einziges Gebäude, beziehungsweise in eine kleine Anzahl 
solcher Hochhäuser, verringert den zur Abwicklung des geschäft 
lichen Verkehrs erforderlichen Zeitaufwand in erheblichem Maße 
und trägt dadurch zu einer besseren wirtschaftlichen Verwertung 
kostbarer menschlicher Arbeitskraft bei« Schließlich darf nicht 
vergessen werden, daß Turmbauten eine ganz andere A u s- 
nutzung des teuren Grund und Bodens als die seither üb 
liche gestatten, und daß, natürlich nur unter der Voraussetzung 
wirtschaftlichen Aufschwungs, eine Verzinsung des zu ihrer 
Herstellung verwandten Baukapitals auch bei dm heutigen 
Preisen möglich ^erscheint. 
Aus allen diesen Gründen sind in einer Reihe deutscher 
Großstädte Bestrebungen' zur Errichtung von Bürohochhäusern 
im Gang, denen städtische und staatliche Behörden im allge 
meinen wohlwollend gegenüberstehen. Da die schwebenden 
Projekte, die über das vorbereitende Stadium hinaus zumeist 
wohl noch kaum greifbare Gestalt angenommen haben, die 
Öffentlichkeit mit Recht stark beschäftigen, seien ein paar Ein 
zelheiten über einige von ihnen hier kurz mitgeteilt. 
In Danzig z. B. wurde — wie einem Aufsatz von 
Pros. Kohnke in der Zeitschrift „Der Industriebau" (Leip 
zig, Carl Scholtze, Verlag) Heft XII, 1920 zu entnehmen ist — 
im vorigen Jahr ein Jdeen-Wettbewerb zur Erlangung von 
Plänen Ur ein Lurmartiges Geschäftshaus unter Danziger 
Architekten ausgeschrieben. Bei ihrer schlechten Finanzlage ist 
es der vom Deutschen Reich abgetrennten Stadt nicht möglich, 
das dort herrschende Wohnungselend auf direktem Wege auch 
nur einigermaßen zu lindern. Dagegen rechnet man damit, daß 
Die unHveiwMge Muße, die nun schon Jahre hindurch den 
deutschen Architekten aufgezwungen worden ist, hat die Sehn» 
sucht nach großen Bauaufgaben in ihnen nicht ersticken kön 
nen. Die Unmöglichkeit, wirklich zu bauen, treibt Künstler wie 
Pölzig dazu, expressionistische Kinoarchitektur zu schaffen, 
während Schwärmer wie Taut glückspielende 'Glaspaläste 
und eins utopische Alpenarchitektur erträumen. Schließlich 
aber leisten noch so geniale Rabitz-Phantasien und literarische 
Produktionen dem Architekten kein Genüge; ihn drängt es 
danach, Bauwerke zu ersinnen und aufzurichten, in denen Men 
schen ein- und aus gehen, Werke von Dauer, die nicht einer 
Kuliffenwelt, sondern der Wirklichkeit unseres Lebens ange- 
«hören. Es scheint, als ob der Gedanke der Turmhäuser, 
ver gegenwärtig in Tageszeitungen, Zeitschriften und Fach 
blättern viA erörtert wird, dazu bestimmt sei, unsere Boumnst- 
ler vor «ine ihrer würdige und zugleich vor eine unserer Epoche 
gemäße Aufgabe zu stellen. 
Was bezweckt man mit der Errichtung von „Wolken 
kratzern" oder Turmhäusern? Eine vor wenigen Wochen durch 
die „P. P. N " verbreitet« Nachricht ließ die Meinung ent 
stehen, als handle es sich bei ihnen um besonders hohe Wohn- 
geüäude, durch deren Schaffung man der Wohnungsnot wirk 
sam zu begegnen hoffe. (Vgl. Morgenblatt der „Frankfurter 
Zeitung" vom 7. Febr.) Diese Meinung ist jedoch irrig. Ein ¬ 
mal nämlich hätte die Ausführung solcher Gebäude vermutlich 
gar nicht den erwarteten praktischen Erfolg, zum andern aber 
würde sie einen gewaltigen Rückschritt gegenüber unserer ganzen 
bisherigen Wohnungs- und Siedlungspolitik bedeuten und 
wäre darum aufs schärfste zu bekämpfen. Wo immer man heute 
in Deutschland den Bau von Wolkenkratzern beabsichtigt, -da 
plant man sie vielmehr durchweg als Bürohochhäuser, 
die hauptsächlich den Zwecken von Handel und Industrie 
dienen sollen. Die Vorteile derartiger Turmbauten liegen auf 
'der Hand. Zunächst verspricht man sich von ihnen eine Ent- 
^spannung des Wohnungsmarktes, da gegenwärtig in 
vielen Großstädten eine Unmenge von Büros in früheren Miet- 
, Häusern und Villen untergebracht sind, die nach der Schaffung 
von Hochhäusern ihrer ehemaligen Bestimmung wieder zuge 
führt werden können. Von großer Wichtigkeit ist es ferner, 
daß die Errichtung von Turmbauten eine Konzentration 
&amp;lt; des Geschäftslebens mit sich bringt, die unsere Wirt» 
! schriftliche Entwicklung sicherlich in günstigem Sinne beeinflus- 
WN wird. Die Zusammenlegung möglichst vieler WirorAlme 
Die Bebauung des Aeskhallengeländes. 
l In dN Sitzung des Architekten- und Jngenkeur- 
vereinS am Montag stand die Bebauung des FesthallengelLn- 
Ves auf der Tagesordnung, ein Thema, dessen Erörterung einem 
langgehegten Wunsch der Frankfurter Architektenschaft entsprach. 
AIs erster Redner erläuterte Architekt Roeckle seine aus Grund 
eingehende? Studien des Geländes und seiner VerwendrmgSmZg- 
»Achtecken entstandenen BedauungsvorschlLgs, die in Broschürenform 
erschienen sind und seinerzeit auch in der „Frankfurter Zeitung" 
ihre Würdigung erfahren haben. Architekt Roeckle gab an Hand 
seiner LüMpläne Aufschluß darüber, was ihn zu? Annahme einer 
Konzertsaalgruppe, eines Stadions, FreischwimMbckwS usw. VLD» 
^anlaßt hat und begründete vor allem seine Abweichungen von dem 
Thiersch - ZZmpelschen Entwurf, der andsre Eingänge 
sowie eine andere Ausgestaltung des Platzes vor der Festhalle 
Vorsicht und dieser auch den Konzertbau als Flügel unmittel 
bar an gliedert, was Roeckle vermeidet- Neuerdings hat eS der 
Medner versucht, den städtebaulich so ungünstig geführten Straßen- 
Zügen an der Feschalle leichte Korrekturen zu erteilen, so daß sie in 
direkte Beziehung Zu deren Baumassen gesetzt werden und Platz 
bilder von befriedigender Wirkung entstehen. Im Anschluß an die 
Ausführungen Roeckles jprach Architekt Doggen berge? übe? 
das von ihm entworfene und jetzt in Ausführung begriffene Werk» 
bundhaus, das in dichte Nachbarschaft des ^Hauses Offenbar? 
zu liegen kommt und zur Aufnahme von Qualitätsarbeiten wäh 
rend der Messe wie zur Beherbergung von Kunstausstellungen usw. 
in der übrigen Zeit dienen soll. Er gab einen kurzen Ueberblick 
Wer die Entstehungsgeschichte des vom Werkbund im Verein mit i 
der Messegesellschaft geplanten Baues und erörterte im besonderen s 
seinen aus einem Wettbewerb zwischen sieben Frankfurter Werk- z 
bundarchitekten siegreich hervorgegangenen Entwurf, der zahlreiche 
Progvammschwiertgkecken Zu überwinden hatte. 
Dann ergriff das Wort Geheimrat v. Thiersch, der Erbaue? 
der Fcsthalle, der mit seinem Mitarbeiter Dr. Lömpel auf Ein 
ladung des Architsktenvereins Zur Sitzung aus München erschienen 
war. Er bedauerte es, von dem Bau des Werkbundhauses nichts 
erfahren Zu haben und erklärte in UeLereinstwrmung mit Herrn 
Roeckle (wie auch allen folgenden Rednern), daß die Bebauung des 
westlich von der Festhalls gelegenen Geländes vorerst noch Zukunfts 
musik sei. Auf sein eigenes Projekt zurückkommend, beleuchtete s?! 
dessen praktische und künstlerische Vorzüge gegenüber dem Entwurf 
NoeckleZ, hob hervor, daß man, was das KonZerthauZ an- 
lange, zunächst eimnal die musikalischen Kreise FmnffurtS hören 
müsse und empfahl fü&amp;gt; die weitere Bearbeitung die Herstellung 
von Modellen. Die Diskussion gestaltete sich Z. T. zu einer Aus 
einandersetzung zwischen Architekten und M e f s e g e s e l l-j 
schüft. Der Messeleitung wurde vsrgeworfen, day sie eS ver 
säumt habe, rechtzeitig einen Wettbewerb für die Bebauung zu 
mal des Ostdreiecks auszuschreibem und daß sie jetzt planlos 
ihre provisorischen Hallen an Stellen errichte, die unter 
Umständen in der folgenden Bauetappe schon benötigt werden, 
pst diese Provisorien in den westlichen Teil des Geländes Zu- 
rückzuschieben. Mehrere Architekten betonten, daß zwischen der ersten 
und der zweiten Messe sehr wohl die Zeit dazu gewesen sei, ein 
ungefähres Programm her nächsten Raumbedürfnifle aufzustellen, 
das als Unterlage für einen Wettbewerb hätte dienen können. 
Durch einen einheitlichen Bebauungsplan wäre es 
verhindert worden, einen Ssnderbau wie das Werkbundhauß zu 
errichten, der nun, eben infolge des Mangels an großen Richt 
linien, ohne Rücksicht auf den spateren Gesamtorganismus ent 
steht. Direktor Modlinger von der Messegesellschaft erklärte, 
daß seine Gesellschaft infolge der drängenden Zeit im wesentlichen 
M? provisorische Bauten schaffen könne. Ein Programm 
für einen Wettbewerb ließe sich im Augenblick kaum mrfftellen, 
auch fehle es an Geld, massiv Zu bauen. Im Übrigen werde ja 
jetzt nach einem einheitlichen Plane verfahren. 
Der Vorsitzende, Baurat Dr. KZlls, gab in einnn Schluß 
wort dem Bedauern Ausdruck, daß kein Vertreter des Magistrats 
und der Stadtverordnetenversammlung trotz der an sie ergangenen 
Einladung erschienen sei. — Mehr als die Messegesellschaft trage ver 
Magistrat schuld an den von den Architekten gerügten Versäum 
nissen Auf Anreguna mehrerer Architekten des Vorsitzen 
den selber und GeheimraLS v. Thiersch ermächtigte die Ver- 
smmnlung den Vorstand zur Abfassung einer Eingabeanden 
Magistrat, in welcher der Architekten- und Jngenieurverein zu 
sammen mit der Ortsgruppe des B.D. A. den Magistrat Littet, 
Schritte dafür zu tun, daß das Bauprogramm der beiden Nord 
flügel der Festhalte im Einvernehmen mit den musikalischen Krei 
sen Frankfurts klargestellt und zur Grundlage eines Wettbewerbs 
Unter den Frankfurter Architekten gemacht wird . I&amp;lt;r. ^
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        /VZ 
durch den Bau eines Wolkenkratzers auf einem unweit der 
Hauptverkehrsadern gelegenen Militärfiskalischen Gelände eine 
große Anzahl von Wohnungen frei wird, die zur Zeit für 
Geschäftszwecke usw. eingerichtet sind. Auf das Ergebnis des 
Wettbewerbes kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden 
-- Besonders stark regt sich naturgemäß das Bedürfnis nach 
Wolkenkratzern in Berlin. Im Auftrag der Preußischen 
Akademie des Bauwesens hat sich der bekannte Architekt Pros. 
Bruno Möhring mit der Frage befaßt, wo und unter wel 
chen Voraussetzungen Hochhäuser in Berlin gebaut werden kön 
nen. Wie aus seinem kürzlich vor der Akademie über dieses 
Thema gehaltenen Vortrag, den die Zeitschrift „Stadtbau 
kunst" (Architekturverlag „Der Zirkel", Berlin) veröffentlicht, 
zu ersehen ist, befürwortet Möhring auf Grund eingehenden 
Studiums nordamerikanischer Verhältnisse sehr warm dre Er 
richtung von Turmbauten in Berlin- Einer seiner Vorschläge 
zielt z. B. dahin, das äußerst wertvolle Grundstück nördlich des 
Bahnhofs Friedrichstraße mit einem Bürohochhaus zu bebauen. 
Das von ihm für diesen Platz ausgearbeitrte Projekt, das 
auch, mit einigen andern Hschhausprojekten zusammen, in 
Faktoren gelingen. Zu den wirtschaftlichen Erwägungen haben 
sich vor allem die städtebaulichen zu gesellen, Künstler und 
Techniker, Wirtschaftsführer und Kommunalpolitiker werden 
zusammenarbeiten müssen, um das Werk zu vollbringen, das 
letzten Endes nur der genaue Ausdruck eben des Geistes sein 
wird, der die Menschen bei seiner Ausführung beseelt. In einem 
Aufsatz: „Zum Problem des Wolkenkratzers" (enthalten in den 
beiden letzten Heften der ausgezeichneten Zeitschrift: „Was- 
muths Monatshefte für Baukunst") preist Wilhelm Mächler 
das Turmhaus der Zukunft als den wirtschaftlichen 
Mittelpunkt einer ganz bestimmten und natürlich geglie 
derten Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Nicht allein 
an der Schöpferkraft unserer Baukünstler, sondern auch an dem 
sozialen Gewissen, dem Gemeinschaftswillen unseres gesamten 
Volkes wird es liegen, ob dieser schöne Turmhaus-Gedanke 
bald seine Verwirklichung erfährt. 
KraMfurLer KngekegmHÄM. 
politische Strömungen in der Jugendbewegung. 
In einer Sitzung der Frankfurter Gruppe des Preußrfchen 
Philologenverbands sprach Privatdozent Dr. Marr üoer die po 
litischen Strömungen innerhalb der heutigen ^ugendbeweAmg. 
Der Redner charakterisierte das Wesen der f r ei deut scheu 
Jugend vor dem Krieg, deren Gesinnungs- und Wahrhaftig 
keitsradikalismus, formenflüchtige Geistigkeit, Abneigung gegen 
jede Autorität und jede politische Betätigung auf das inwendige 
Protestantentum des jungen Luther zurückzuführen seien. Das! 
Ssbnen dieser freideutschen Jugend, die nur in einem protestanti 
schen Lande wie Deutschland, nicht aber etwa m Italien, umnk- 
reich, England oder Amerika denkbar ist, gilt der Gemeinschaft. 
Ihre Tragik beruht darin, daß sie die Gemeinschaft vom autonomen 
Ich aus erreichen möchte. Trotz des Gegensatzes der Fretdeut- 
schm mit ihrer Romantik der Weltflucht zu der von Friedrich 
Naumann geführten vorletzten Jugendgeneration sind beide 
doch ihrem innersten Wesen nach Auswirkungen lutherischer Dis 
positionen, und eS ist wichtig, sie als solche zu erkermen. Der 
Krieg bedeutete der Jugend Flucht vor Staat und Gesellschaft, 
er brächte ihr das Erlebnis der Volkheit. Nach dem Krieg wurde 
die metapolitische Haltung der JugendbewAUNgen unmöglich, 
sie mußten sich notwendig, mit den großen Zeitfragen auS-lnander- 
Schon auf dem ersten Führertag in Jena IMS begann die 
Spaltung der freideutschen Jugend in zwei Gruppen,, die ano^ 
' ganischen M e n s chhsitler und die völkische n, zwischen 
denen man noch eine dritte Gruppe, die der e t h l s ch»^ n So z i a- 
listen, annehmen darf, die aber Mon-mf dem Weg zu der völ 
kischen ist. Gemeinsam ist diesen verschiedenen Gruppen derbu^ 
gerlichen Jugendbewegungen außer der Methode des Demens 
und FühlenZ und lutherischer Angst vor Verkörperung die Ab 
lehnung jeglicher Parteipolttik und die Verwerfung der formalen 
Demokratie. Die Völkischen oder Jungdeutschen, dadurch 
den Kreis um Stadtler und seine Zeitschrift „Das Genüssen ver 
treten werden, lassen sich sozusagen als Ruls?nalbotschewistrn be 
zeichnen. Die auf der Volyeit beruhende Nationalität ist ihnen 
s etwas Letztes, sie bejahen den Sozialismus, insmvett er dem Kör 
perschaftsgedanken entspringt (nicht aber als suechanischen MarxiS 
mus) sieben der Diktatur nahe und smd aristokratische Anhänger 
des monarchischen Prinzips, ohne dämm doch reaktronaren 
Parteien einfach verwechselt werden zu dürfen Auch in der pro 
letarischen Jugendbewegung gibt es Reigens völlig 
sinnt« die sich, wenn sie den RLtegedanken verherrlichen, eme or 
ganisch gegliederte Gesellschaft vorzustellen schemen,. welSM Zu- 
kunstsideal.ste mit den Jungdeutschen verbindet. Wie dre Gruppe 
der Völkischen sich an die Rechtsparteien anlehnt, so die der 
Menschheitler an die linkSsozialistisehen Parteien T-er Auhang 
dieser Gruppe ist im Schwinden begrrfM, wahrend ine Volkftchm 
an Zahl zunehmen. Die Menschheitler geben neuerdings d&amp;gt;e Pa 
role vorn Klassenkampf für die Jugend aus und setzen sich sur 
radikale Schulresormen ein. Alles in allem stillte oec Redner inner 
halb der gegenwärtigen Jugend (auch m der proletarischen) wach 
sende Neigung zu einem FüderaüsmuS germam-chen Ur 
sprungs fest. 
Nr. 7 der „Berliner Illustrierten" dieses Jahrgangs abgebildet 
ist. macht einen guten Eindruck. —- Ueber die anscheinend Ziem 
lich weit gediehenen Pläne für Wolkenkratzer in München 
berichtet Reg.-Baumeister Herman Sörgel (in Heft 6 der 
„Woche", 1921). Bei der Ausführung von Turmbauten in 
München wird man die größte Rücksicht auf die Frauentürme 
wie überhaupt auf das historisch gewachsene, künstlerisch so 
vollendete Stadtbild zu nehmen haben. Es ist daher nach Sor 
ge! ratsam, die etwa zu schaffenden Hochhäuser in einem Ab- 
stand von rund einundeinhalb Kilometern von der Frauen 
kirche zu erbauen und sie nicht übertrieben hoch Zu führen. Wie 
Sörgel hervorhebt, braucht z. B. das Münchner Kunstgewerbs 
schon lange ein zentrales Messe- und Geschäftshaus, auch ist 
nach der Fertigstellung der Walchenseekrastwerke im Jahre 
1923 ein Zuzug geschäftlicher und industrieller Betriebe nach 
München zu erwarten, deren gewaltigen Raumbedürfnissen bei 
zeiten genügt werden muß. Dem Sörgelschen Aufsatz sind Ab 
bildungen von Münchner Turmhausprojekten beigegeben, die 
aus der Hand des Münchner Architekten Pros. O. O. Kurz 
stammen; nicht alle dieser Entwürfe scheinen sich dem Geist der 
Stadt glücklich anzupaffen und ihrem einzigartigen baulichen 
Zusammenhang sich organisch einzufügen. Auch die Münchner 
Handelskammer hat sich übrigens bereits mit der Frage der 
Hochhäuser beschäftigt und hält deren Errichtung in München 
für durchführbar. (Vgl. „Münchner Neueste Naschten" Nr. 65 
u. 66). 
Der praktischen und ästhetischen Einwande gegen die Turm 
bauten sind viele, nur wenige jedoch vermögen bei näherer Be 
trachtung stichzuhalten. Eine gründliche Widerlegung haben 
sich schon des öfteren die Bedenken gefallen lassen müssen, die 
z B. gegen die Feuergefährlichkeit der Wolkenkratzer und ge 
gen die angebliche Gefahr des Verrostens ihrer Eisenkonstruk 
tionen erhoben worden sind. Andre Uebelstände freilich, wie 
die Zusammenpressung des Verkehrs im Umkreis der Hochhäu 
ser Zu bestimmten Tageszeiten, die Ueberlastung des Unter 
grunds, die Licht- und Luftbeschränkung können nicht geleug 
net werden. Ihre Erkenntnis mit hat, den oben erwähnten 
Ausführungen Pros. Möhrings zufolge, im Jahre 1916 in 
New Vork zur Schaffung einer Staffelbauordnung (SouLu^ 
Resolution) geführt, die u. a. in den sogenannten Height- 
Distrikts die Höhe der Wolkenkratzer nach der Straßenbreite 
regelt und Überschreitung der Höhengrenzen nur aus Schön 
heitsgründen und in -ganz bestimmten, gesetzlich festgelegten 
Fällen duldet. In den meisten amerikanischen Städten beträgt 
die Maximalhöhe gegenwärtig 61 Meter. Wir werden bei dem 
Bau von Hochhäusern, aus den in Amerika gemachten -rakti-! 
scheu Erfahrungen, nicht zum wenigsten auch in konstruktiver 
Hinsicht, viel zu lemen hckbM 
Die übrigen, mehr. ästhetischen und gefühlsmäßigen Beden 
ken gegen Turmbauten wiegen ungleich leichter. Wo sie nicht 
einfach der Seele des Spießers entwachsen, der an dem, was 
er gewohnt ist, um jeden Preis festhalten möchte, da gehen sie 
Zum Teil von der falschen Voraussetzung aus, als sollten nun 
in Deutschland amerikanische Vorbilder ohne weiteres über 
nommen werden, zum Teil beruhen sie auch auf der verschwom 
menen Vorstellung, in den Wolkenkratzern verkörpere sich jener 
selbe Geist des Materialismus und kapitalistischer Beutegier, 
den es heute mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen gilt. 
Die Häßlichkeit der New Vorker City ist jedermann bekannt. 
Turm artige Ungetüme, die ihr Dasein dem ungezügelten Macht 
willen raubtierhaften Unternehmertums verdanken, stehen dort 
wild und regellos nebeneinander, außen und innen häufig mit 
einer prunkvollen Scheinarchitektur verkleidet, die ihren höchst 
Profanen Zwecken in keiner Weise entspricht. So freilich darf 
in Deutschland nicht gebaut werden und so wird auch bei uns 
nicht gebaut werden, dafür bürgt schon die gute künstlerische 
Erziehung einer Mehrzahl unserer Architekten. Soll das Pro 
blem der Turmbauten in den deutschen Großstädten einer glück 
lichen Lösung entgeyengehen, so kann das allerdings lediglich 
unter sorgfältigster Berücksichtigung einer ganzen Reihe von
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        - einer Solidarität der Arbeiter aller V olker aber werden durch den 
gg 
ifm nicht über das Schicksal Deutschlands entsch 
)-ms Welt davon überzeugen, daß wir noch nicht 
i s^iternrisOe Eine Frankfurter Md- 
bMothek kündigt an. daß sie alle beliebt-n Bücher aus Lager habe 
md ?ähü ihre Nnt^en in naMphender Reihenfolge auf: Couchs 
Mahler, Anny Woche« Karl May (gesperrt gedruckt!), Tolstoi, 
^FriedensverlraS verhöhnt. Wenn wir die unmöglichen Bedingungen 
Mescs Vertrages erfüllen sollen, so muß die Arbeitszeit von acht 
^auf vierzehn Stunden erhöht werden, und das eherne 
(Lohn-gesetz lebt wieder auf, diesmal aber in der Form der Aus 
beutung von Volk zu Volk. Die Anhänger von Kehnes spielen 
jedoch im englischen Parlament keine Rolle, und auch der Ein- 
Muß der sozialistischen Führer ist gering. HinM kommt, um die 
Nachgiebigkeit Englands gegen Frankreich zu erklären, 
(daß es selber mit schweren Problemen zu rmgm hat, nicht zuletzt 
idn Rivalität Amerikas wegen. Auch dieses, das eigentliche Sie- 
sbcrland, muß infolge seims gespannten Verhältnisses Zu Japan 
sund England mit Frankreich rechnen, das so seine Machtstellung 
&amp;lt; der Nebenbuhlerschaft der Angelsachsen untereinander verdankt, 
s Weltgeschichtliche Zusammenhänge allein aber — und hiermit 
schloß der Vortragende seine warme und gehaltvolle Rede — dür- 
ifm nicht über das Schicksal Deutschlands entscheiden. Wir müssen 
reif dafür sind» als 
jSklasm behandelt zu werden. In unbedingter Einigkeit 
M es alles zu ertragen, waS uns noch öevorsteht, und nichts zu 
iversprechen, was wir doch nicht erfüllen können. Auch in unserer 
/Znt wird sich das Wort Tallehvands bewahrheiten, daß man auf 
i den Bajonetten nicht sitzen kann» 
/ Welche Rolle spielt mm Frankreich in der gegenwärtigen 
Durch die Machten täüßMna MMEopas und auch des 
Mtens hat es eine WeltsteLung erlangt, wie sie mächtiger selbst 
c Ludwig XIV. und Napoleon nicht erträumten: freilich nicht durch 
Mn eigenes Verdienst, sondern nur durch das Eingreifen Amerikas. 
Wie französische TemokratiE aber sucht ihre Gewaltherrschaft auf 
idmr Kontinent durch Mittel zu verewigen, die in der Geschichte ge- 
/radezu beispiellos sind. Sie scheuL sich nicht, in ihren afrikanischen 
^Kolonien die allgemeine NHrpflicht einZuführen und ein stehendes 
IHoer von schwarzen Tmppen auf die Beine Zu bringen, das eine 
sgcwMiKr Höhe erreicht. In den anMllächsischm Ländern hat man 
GrE erkarmt. welche Gefahr dk Militarisierung Afri- 
fka Z bedeutet; sie ist ein Ereignis, dem sich höchstens die Mlita- 
.risierung der Germanen drwch das sinkende Nom Zur Seite setzen 
Mtzl. Das deutsche Volk soll auch diese Zwangsmittel noch Sezah- 
/lm und Zugleich in oinsm Zustand wirtschastlicher Verelendung ge- 
UraltLN werden, da Frankreich Deutschlands wirtschaftliche Erholung 
! aus politischen Gründen fürchtet. Döe Besorgnis vor unserem 
^etwaig&amp;lt;n Mederaufkmnm.en ist bei den Franzosen so groß, daß sie 
^selbst VcmunfLsEägungen mißachten, dk gegen ihre Vernicht 
/LungIpolitik im Feld geführt werden können. Sie übersehm es 
ahmn nicht cinnM, daß das Helstentum. zu dem sie uns vex- 
(urteilen, einen soMrevolutionären Ansteckungsherd erzeugt, der auch 
/ihnen gefährlich werden muß und sind blind gegen alle Gründe, 
'die für den Gedanken einer kontinentalen Solidavität sprechen. 
/ Wenn aber eine KonLinentalpolM praktisch unmöglich erscheint, 
Est-eht da nicht am Ende die Aussicht auf die Verwirklichung einer 
^allgemeineren Solidarität aller Völker? In England sind es ein- 
FreihLMerkrcise, Zu denen auch Keyms zu rechnen ist, die eine 
i.k'Ewirtschüftliche Jnteressengenwinschast wünschen- Zum anderen 
/sucht auch die Arbeiterschaft, zum ersten MÄ in der Welt- 
?g-eschichte, ihr JnLMsft an der zukünftigen Weltordnung zum Aus- 
idrrL zu bringen. Gorade ihre Bestrebungen zur Herbeiführung 
Go ki, Zola, Maupostanl, Ejchstrurh Diese Zusammenstellung gibt 
reichlichen Stoss zum Nechocn^n; oas aber umsomehr, als (s sich 
o-ei ihr nicht um eine alphabetische Anordnung handelt. Man mag" 
-ich der Wertschätzung des durch fetten Druck besonders ausg^eich* 
neten Karl May erfreuen, man mag auch erleichtert darüber auft 
atmen, daß durch die betreffende Ankündigung so sicher und kühn 
das beinahe unlösliche Problem entschieden wird: ob nun dis 
Eoruths Mahler der Anny W'the oder umgekehrt diese jener vorzu-. 
vi-ehen se? - aber wa^mn, w tragt man bang und voller Zwei.el. 
kommt die gute Eschfiruth erst gans am Schluß, warum geschieht 
gerade ihr der Schimpf, erst hintin Tolstoi usw arnnrücken. wo doch 
ow Dichterin von We-.ß-'nfel? ar de^ Spitze marschiert? Und hat 
man das Unrecht verwunden, das m solcher Vernachlässigung lrcst, 
'o fragt man erstaunt weile, w-a^ dann in so erlauchter Umgebung 
ügentl'ch das ZwemllMe Gclicdter jener Russen und Franzosen 
zu suchen habe, d e dem göttlichen Kar! May als Trabanten be-* 
chudentlich folgen ^Venrrte Dichter", möchte man chnen Zu 
rufen, „u-u die Eourths^Moble» neNn der Anny Wothe sinnig ihreS 
Drchteramire wollet, do rv^ndet.euch von dannen, denn der Glanz 
jener yohm Berdpn '"'lcrst nhlt ja dock euer eitel Tu-!" Oder 
dienen v-elleicht die Eichstrutb und die Dichterin cms Weißenfels 
nur als Relief, Hin ergründ. Nahmen für Tolstois ..Krenze^sonate", 
Mcmpassnnls entzückende erotische Nonellen usw? Beziehungen 
werden sichtbar, ve-borgene Z'rsammenhänge erschlüßen sich Oder 
nnd am Ende alle diese Dichter rmd Dicht^rinnm gleichem der 
! ^ied'ftal auf dem sich in seiner ^err^chkeii Karl May erheben soll? 
. Man kn^n Tpge laug da «über grübeln . Kr. 
' KmnkfrrrLer AngskegendsLLm. 
s WeWeschichle und Ariedeusverkrag. 
s In der vom Viwgerausschuß Veranstaltern Vortragsreihe sprach 
Mic-stag aöeild im dichtbefttzten Saal des Zoologischen Gartens 
^GchLimsat Pros. OnLen (Heidelberg) über die durch den Frie- 
Idcnsvcrtvag herbL^sührte WAtgestoLtrmg und über die Stellung 
kDeutMands in dieser neuen Welt. Der Redner rief zunächst den 
MderspruH in Erinnere dcr Zwischen WllsvnS vierzehn Punk« 
/ton, auf die hin das deutsche Volk venmuensvoL die Waffen 
wiederMgL hatte, und dem Versailler Vertrag besteht, einem Ver« 
(Lrag, der in dcr ganzen Weltgeschichte nur mit den Ereignissen des 
(dritten punlschen Krk.Z) verglichen werden kann. Der materielle 
)JnhM des FncöensverErags selber Hai bewlts durch Kehnes 
leme vernichtende Kritik erfahren; der Redner ging kurz auf das 
(Buch des mutigen englischen Gelehrten ein, das den Widersinn 
/der uns auferlogten Bedingungen enthüllt und eine Revision des 
MtÄrags fordert.
        <pb n="10" />
        E Z 
einer Vollanstalt für freie und angewandte Kunst aus zu« 
Lauen. 
2. Die räumliche Verlegung dieser Schule nach dem 
Stadel erscheint nicht notwendig und nicht zweckmäßig 
S. Der Schule ist eine direktoriale Spitze zu geben. 
Die Stelle ist vorher öffentlich auZZuschreiben und eine Mit 
wirkung der Lehrerschaft bei ihrer Besetzung vorzusehsn. 
4. Es ist wünschenswert, wenn vom Städel eine freie 
Gemeinschaft bildender Künstler geschaffen wird. 
Die berufenen Meister sollen berechtigt oder verpflichtet werden, 
auch auf den städtischen Schulen ausgebildete Meisterschüler an- 
zunehmen. 
5. Die Interessen der jetzigen Atelierinhaber sind Sei 
der Neugestaltung weitgehenost zu wahren, wobei jedoch die 
künstlerischen Interessen der Allgemeinheit voczugchen haben. 
Hülsen, der, wie er hervorhob, im Einklang mit den übrigen 
Lehrern der Städelschule sprach, die Ansicht, daß der Schule ihr 
Unterbau unabhängig von der Kunstgewerbeschule erhalten werden 
müsse. Man einigte sich schließlich auf folgende Resolution, die 
dem Magistrat, der StadtverordnetemVersammlung und der 
Administration der Städelschule übermittelt werden soll: 
1. Die von der Stadt übernommene Kunstgewerbeschule ist M 
IrankfmLer Angelegenheiten. 
Die RepÄrMsusfrage. ! 
In einer vorn Demokratischen Verein einbemfenen offene 
lichen gu besuchten Versammlung sprach Dienstag abend im 
Börsensaal Pros. v. Schulze-Gaevernitz (Areiburg) Wetz 
die ReparaLionsforderungen unserer Gegner. Der Redner gnö 
Zunächst einen kurzen UeLerblick über die Rechtsfrage. Nach 
dem FriedensverLrag ist die Festsetzung her gesamten Repara-- 
Lionssumme ein einseitiger ALL der ReparationsLoMmission, vor« 
zunehmen bis zum 21. Mai 1921. Das Verlangen der Alliier-t 
ten, unsere Unterschrift unter ihre Forderungen zu erhalten^ 
bedeutet also ein Hinausgehen über den Vertrag, das uns Zur 
Vorsicht verpflichtet. Was ferner die Höhe der uns obliegenden 
Entschädigungen betrifft, so ist sie praktisch durch die Zahtungs- 
fähigbeit Deutschlands bedingt und lediglich insofern begrenzt, 
als Deutschland laut Frredensvertrag seine Schuld innerhalb 
dreißig Jahren zu tilgen hat. Keynes hält es für möglich, daß 
Deutschland 60 Milliarden Goldmark zahlen kann, Baruch - 
der Sachverständige Wilsons, geht bis zu 80 Milliarden, womit 
die höchste Schätzung irgend eines Sachverständigen gegeben isti 
Die bekannten Parrser Forderungen dagegen, die sich außer der 
12proZentigen Steuer auf den deutschen Export auf 226 Milliar^ 
den Goldmark belaufen, würden nach dem Urteil von Keynes 
das Doppelte der h ochsten Ziffer darstellen, die irgend 
eine kompetente Persönlichkeit in England oder in den Vereinig 
ten Staaten jemals zu rechtfertigen suchte. Da es für eine, 
! streng wirtschaftliche Betrachtung überhaupt unmöglich ist, schort 
jetzt die Summe festzustellen, die Deutschland zahlen kann, er 
scheint das zweite Angebot unserer Delegation in London einex 
festen Verpflichtung für dck ersten fünf Jahre bei Offenhaltun^ 
der Gesamtsumme am sachgemäßesten. » 
Durch welche Mittel kann nun Deutschland zahlen? Gold 
werte für Zwecke der Reparationszahlung können sicherlich nur" 
durch Ueberschüsse unserer Handelsbilanz her 
vorgebracht werden. Demgegenüber ift aber festzustellen, daß 
die Nachfriedenspolitik der Alliierten Deutschlands Exportkraft 
in dreifacher Weise schwächt. Einmal erzwingt man "von uns^ 
Rohstoffli-eferungen von Kohle, Holz usw., ohne zu bedeutn,' 
daß unser Vermögen die Arbeitskraft ist, die den Rohstpff ver* 
sdüt; daß wir also die hohen Reparationsforderungen nur» 
verwirklichen können, wenn man unsere Rohstoffeinfuhr erleich 
tert. Zum andern wird unsere Exportkraft und damit unsere Repara- 
! Lionskraft deutscher Waren im alliierten Ausland unterbunden. Irr 
derselben Richtung wirkt auch die Beschlagnahmung von deutschem 
Privateigentum, deutschen Konzessionen und Kapitalbeteiligungen 
in aller Welt. Im Interesse unserer Zahlungsfähigkeit wäre drin 
gend zu fordern, daß mau diese Beschränkungen aufhöbe und den 
Grundsatz der großen britischen Freihändler des gleichen Rechtes 
Aller auf den internationalen Markt zur Anerkennung brächte. 
Drittens und letztens ist die durch die jähen Valutaschwankungenl 
so beeinträchtigte Wiederherstellung der deutschen Finanzen eM 
unerläßliche Vorbedingung der Reparationszahlungen. Ihre Neu«, 
ordnung kann aber nicht durch weitere erhebliche Steuererhöhungen, 
sondern nur durch den Abbau der Inflation erreicht werden, die 
eine Wirkung des Friedensvertrags und der Nachfriedenspolitik der 
Alliierten ist: Erfüllung der hohen Reparationsforderungen setztz 
eine Verminderung der Okkupationskosten und Rückgabe des deut 
schen Auslandsvermögens an Ne früheren Besitzer voraus. Man 
verpflichte ferner die deutsche Regierung zu einem Finanzplan, dep 
das Budget ins Gleichgewicht setzt und die Valuta befestigt. Nur 
ein Deutschland, das im Vollbesitz seiner Produktionskräfte bleibt, 
kann die hohen Entschädigungen Zahlen. Man wird anzuerkenner^ 
haben, daß Frankreich, das unter dem Druck seiner Finanznox 
steht, sofort realisierbare Forderungen braucht. Hierzu verhilst 
ihm freilich nicht eine Politik der Angst und Rache, sondern ledig 
lich eine Politik, die Deutschland wieder kreditfähig macht. Er 
schwerend für uns ist es, daß England imperialistische Ziele in 
Asien hat. die es unter Umständen dadurch zu fördern sucht, daß 
es europäische Interessen an Frankreich preisgibt. Demgegenüber 
stellen wir heute noch einmal unseren guten Willen fest, zu einem' 
praktischen durchführbaren Abkommen zu gelangen, das vor allem 
den finanziellen Bedürfnissen Frankreichs nach sofortiger Zahlung 
gerecht wird. Als der Gläubiger der Alliierten hat Amerika 
ein dringendes Interesse daran, daß der Schuldner seiner Schuld 
ner saniert werde, und vielleicht könnte eines Tages Amerika seinen 
Vorteil darin erblicken, daß es die Forderungen der Alliierten 
gegen Deutschland übernimmt. 
In Deutschlands Fleiß und Können liegen unbe 
grenzte Möglichkeiten, die der Entschuldung Europas dienstbar ge, 
macht werden können. Inzwischen arbeiten moralische Mächte für 
Deutschland und zermürben die Grundlagen des Versailler Frie 
dens, der auf dem Strafgedanken sich aufbaut. Früher oder 
später — so schloß der Redner seinen mit großem Beifall auf 
genommenen Vortrag — wird das Weltgewiffen über veraltete 
Gewaltpolitik hinaus dem großen Gedanken der Zukunft entgegen 
reifen: der Solidarität der Menschheit. 
Die Anregung des Vorsitzenden Dr. H. Mai er, von einer: 
Diskussion abzusehen und ein BegrüßungsLelegramm an den HeL - 
matbund der Oberschlesier zu schicken, fand die ein-; 
wütige' Zustimmung der Versammlung. 
. Kraniitmler AngelegenLeiLen. 
NeugestalluNg der Arankr^rter Kunstschulen. 
Um eine Aussprache über die Frage der Neugestaltung der 
Frankfurter Kunstschulen heröeizusjU)^en, fand Somuag vormittag 
in der Aula der Gewerbeschule eine Versammlung statt. Zu der 
siebzehn Korporationen der Frankfurter Künstlerschaft ein Ein 
ladung hatten ergehen lassen Nach den einleitenden Worten des 
Vorsitzenden, AmLZgerich'tsrat Dr. Levi, der kürz auf die Be 
deutung der Emscheionngen hinwies, die infolge des Ü-eö^ßangs 
der Kunstgewerbeschule an die Stadt in nächster Zeit zu treffen 
sind, nahm Stadtverordneter Direktor Walter in einem längeren 
Referat zu dem für die Entwicklung des Frankfurter Kunstlebens 
so wichtigen Gegenstand Stellung Der Redner betonte Zunächst, 
dgß die Stadt begreiflicherweise nur über wenig Mittel verfüge 
und daß es ihre dringlichste Verpflichtung sei, vor allem für eine 
gediegene fachliche Ausbildung der Massen Zu sorgen. Aus solchen 
Erwägungen heraus hat der Magistrat seit Ostern 1920 die verti 
kalen Fachschulen geschaffen, die Lehrlinge, Gehilfen und Meister 
vereinen. Frankfurt hat vierzehn derartige Schulen, Maschinen- 
fachschule, Hilfsarbeiterfachschule, Buchgewerbeschule,- H aus hab 
tungsschule usw., deren Entwicklung sich in günstigem Sinne voll 
zieht. Auf ihnen als den Grundschulen sollen sich die höheren 
Schulen aufbauen. Für das Maschinenfach und das Baufach 
sind diese staatlichen Schulen vorhanden; die Kunstgewerbeschule 
dagegen muß jetzt von der Stadt übernommen werden/ öa sie lecker 
nicht verstaatlicht worden ist. Es versteht sich aus Gründen der 
Sparsamkeit von selber, daß die Stadt kein Doppelsystem dulden 
kann, und so hat sie bereits einzelne Klassen der Kunstgewerbeschule.' 
z. B. die für Gebrauchsgraphik, auf dem Verwaltungsweg ihrey 
gewerblichen Fachschule angegliedert. Welche Ausgaben hat nun 
die Kunstgewerbeschule zu erfüllen? Vor allem ist an 
ihr eine Klaffe für Raumkunst und Innenarchitektur zu schaffen- 
an die sich Klassen für Stilkhre, Kunstgeschichte, MZeichnen^ 
Ornamentik, Plakatkunst, freie Graphik usw. anzuschließen Haben 
Sie muß zu einer Vollanstalt für freie und angewandte Kunst 
ausgebaut werden, die in Mitteldeutschland die führende Stellung 
einnimmt. Den Gedanken, die so erweiterte Schule ans Städek 
zu verlegen, hat man nach reiflicher UeöerlegunH wieder fallen ges 
lassen, man will sie vielmehr in ihrem bisherigen Gebäude als 
Atelierschule beinhalten. Triftiae Gründe sprechen dafür, eine 
^direktoriale Verwaltung der kollegialen an der neuen Schule vor- 
zuziehen; der Posten des Direktors, dem hauptsächlich die Ver 
waltungsgeschäfte obliegen, soll ausgeschrieben werden. Was die 
Städelschule betrifft, so erscheint es wünschenswert, daß an 
ihr eine freie Gemeinschaft bildender Künstler geschaffen wird, die 
gleichsam den Gesamtaufbau des Frankfurter Kunstschulwesens zu 
krönen hatte. Der Redner empfahl an sie außer einem Architekten, 
zwei Bildhauern und drei Malern auch einen Schriftkünstler zu 
berufen, da gerade Frankfurts Schriftgießereien Weltruf ge 
nießen. Den zu berufenden Meistern wäre die Verpflichtung auf- 
zuerlegen, ein bis zwei hervorragende Schüler in ihren Ateliers 
zu unterweisen. Das Endziel, dem alle Anstrengungen gelten, ist 
sie Erhebung Frankfurts zu einer künstlerischen Metropole; zu 
feiner Erreichung wird es auch nicht wenig beitragen, wenn man 
die Kunstgewerbebibliotheken zu einer Zentralbiblio- 
thek für Kunstgewerbe und Technik ausgestaltet. 
Die Diskussion, in der im allgemeinen die vom Referenten 
entwickelten Pläne Zustimmung fanden, drehte sich im wesentlichen 
um das Verhältnis der Städelschule Zur Kunstgewerbeschule.« 
Während Stadtrat Dr. Rumpf es begrüßte, daß die Stadel? 
schule rein eine Schule für freie Kunst werden solle, vertrat Pros. 
hervorhob, im Einklang mit den übrigen 
e sprach, die Ansicht, daß der Schule ihr
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        2^1 
jV- 
-- Heinrich Vogeler über die Arbeitsschule. Der Maler V o - 
geler aus Worpswede sprach Samstag abend auf Ein 
ladung des Bundes entschiedener Schuldformer über die Arbeits 
schule. Ein Fanatiker der Liebe bekannte sich zu seinem Werk, ein 
Künstler, der Kunst, Besitz und sich selber für eine Idee hingibl 
an deren HeUsoeoeutung für die Menschheit er unerschütterlich 
glaubt, versuchte seinen Zahlreichen Hörern mit den ihn beseelen 
den Ueberzeugungen vertraut zu machen. Als letztes Ziel schwebt 
ihm die partei- und klassenlose Gemeinschaft der in Liebe Min 
ien schaffenden Menschen vor, und er hofft, daß diese Gemein 
schaft der-einst organisch den ProduküonZMüen entwächst. Die 
Arbeitsschule soll Kinder und Erwachsene zu produktiv.r Tätig 
keit vereinen- Durch geeignete körperliche Uebungen ist den Kin 
dern der Zusammenhang zwischen Atmen und Bewegung offenbar 
Zu machen, Spiele und Tänze werden ihnen psychische Befreiung 
bringen. Das Arbeitsleben hat sich im großen uno ganzen aus 
dem Acker der Schule Zu entfalten, alles Lernen und Lehren voll 
zieht sich im steten Zusammenhang mir den jeweiligen Notwendig 
keiten des Tages und im engsten Anschluß an die praktischen 
Forderungen eines naturgebundenen Lebens- Wenn die Kinder 
in der Gemeinschaft und für sie sich betätigen, dann haftet auch 
ihre Seele nicht mehr an selbstsüchtigem Besiw Bogeler erzählte 
von seiner Worpsweder Gründung. Eure Gruppe arbeitsloser 
Landarbeiter fand sich dort zu einer Arbeitsgemeinschaft zu 
sammen, die das Land kultiviert und jedes Geidvnhättnis zwischen 
den Mirwirkenden aufgehoben hat. Eine solche Lebens- und Wirt 
schaftsgemeinschaft ist ihm der eigentliche Nährboden der Arbeit^ 
schule. Gerade unter den heutigen Daseinkbedingungen aber 
erscheint es chm notwendig, dgß die Menschen Zur Narur zurück 
kehren, daß sie das Land besiedeln' und jene PeodmtwusFMen 
schaffen, die nicht nur Erziehungsaustalwn für Kinder, sondern 
auch für Erwachsene bilden und eine Keimzelle der neuen Mensch 
heit sind. In der Debatte erhoben sich ernsthafte Bedenken gegen 
die allgemeine Durchführbarkeit der von Vegeier verlreL nen Be 
strebungen ohne die Zuhilfenahme politischer Mittel und gegen 
M schließlichen Erfolg der Pläne des Kunstler-Idealijten.
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        2T 
LL- ^1« -&amp;lt;^2/ 
--- Der letzte UMemV-ASerch. Die Reihe der von der Studen 
tenschaft veranstalteten Rußland-Wende fand Donnerstag mit 
einer der russischen Dichtung gewidmeten Veranstaltung 
ihren schönen Abschluß. Karl Ebert vom Schauspielhaus las 
aus den Werken Turgenjews, Gogols und Dostojewskis und er 
wies wieder, welch großer Vortragsmeister er ist. Von Turgenjew 
gelangten einige seiner kleineren Prosagedichte Zur Wiedergabe, 
unter denen besonders „Das Dorf" und „Die Tauben" hervor- 
ragten. Wunderbar eindringlich gestaltete Wert jenen berückenden, 
beinahe heidnisch-efftatischen Lobaesang Gogols auf den Dnjepr, 
den großen Dnjepr, der weit die Lande beherrscht und keine andere 
Macht neben sich duldet. Der Fluß verwandelt fich in eine Gott- 
Leit, die Anbetung herscht und majestätisch sich kundgibt. Gogols 
klassische Novelle „Der Mantel" wurde durch Ebert zu einer Offen 
barung. Das Leben des Akaki Akakiewitsch zog vorüber, dieses armes 
gedemütigte Leben, auf das nur einmal ein flüchtiger Lichtglanz 
durch den Mantel fiel und das dann unterging, ohne daß irgend 
jemand nach ihm fragte — nein nicht unterging, sondern noch ein 
mal auferstand und sein spukhaftes Wesen trieb, weil so entsetzlich 
das Leben eines Menschen einfach nicht enden darf. Ebert schöpfte 
den tiefsten Gehalt des Werkes aus, unter der Hülle überlegener 
Ironie quollen Mitleid, Erbitterung, Grausen hervor. Zum Schluß 
las der Künstler noch Dostojewskis Novelle „Der Traum eines 
lächerlichen Menschen", die vom Sündenfall handelt und den Glau 
ben an die Menschen verkündet. Echtester Dostojewski, aber nicht 
zu den besten Schöpfungen gehörig, weil zu reflektierend und welt 
anschaulich. Die Reflationen wurden eingerahmt durch Gesang- 
und Klaviervorträge aus den Werken von Glinka und Tschaikowski, 
um die sich Frl. Kuper und die Herren Dr. Naumarin, Dr. 
Küttnerund Lechno verdient machten. Herr W Salsmon 
wirkte als Begleiter mit. Lr. 
--- Weltbund für FreundschsfLsarbeit der Kirchen. Die Frank- 
Mer Ortsgruppe- der Deutschen Vereinigung des Mltöunds für 
^reundschaftsaröeit.der Kirchen verunstaltete vor einigen Tagen 
eine Versammlung, in der verschiedene Redner Rechenschaft über ois 
Ziele und dre Tätigkeit des Bunds ablegten und zur Mitarbeiter 
schaft ernluden. Die erste Ansprache hielt Pros. Rade (Marburg), 
der ab- die Aufgabe des Bunds die Sammlung der Kirchen durch 
Besinnung, auf den gemeinsamen Besitz bezeichnete. Die Zer 
splitterung der Protestanten im Krieg, die ethische Todfeindschaft 
Zwischen ihnen muß jetzt in langsamer, stiller Arbeit überwunden 
werden. Da die Frage der Schuld am Krieg als eine sittlich-religiöse 
Frage sich fruchtbringend nur auf christlich-kirchlichem Boden er 
örtern läßt, wirb es mit zu den Verpflichtungen des Weltbunds ge 
hören, gerade hier zwischen den Völkern vermittelnd Zu wirken 
und alle Diskussionen über die Schuld in wahrhaft christlichem, 
Geist zu führen. Die Leistung solcher Versöhnunasaroeit wird . 
freilich durch den Chauvinismus innerhalb der christlich-kirchlichen. 
Miss erschwert. Mission des Weltbunds ist es auch, in die Men- 
Wät der fremden Völker einzudringen und ein Verständnis für 
Me Eigenart Zu gewinnen. Verbindungen mit kirchlichen Grup 
pen und religiösen Gesellschaften in England, Amerika, Frankreich 
sind schon wieder angeknüpft. Frl. Lic. Carola Barth gab einen 
Ueberblick über die Entstehung des Weltbunds. Schon 1907, bei 
Gelegenheit der Haager Friedenskonferenz, setzten di^ Bestrebungen 
ein, die späterhin zur Gründung führten. Diese selbst erfolgte am 
2. August 1914 in Konstanz, also zu KAegsbe^nn. Der Bund 
hat die schwere BelastunDprobe durch den Krieg ausgehalten und 
Großes geleistet. In Deutschland arbeitete eine Auskunfis- und 
Hilfsstelle für Ausländer in enger Verbindung mit der gleich 
namigen Stelle in Enghand, deren Protektor der Erzöischos von 
Canterbury war. Die Red nenn rühmte die wanne Hilfsbereit 
schaft der englischen Gruppe für die deutschen und österreichischen 
Gefangenen. Gerade weil die offiziellen Kirchen in Deutschland 
und Frankreich zumal sich vorerst ablehnend gegeneinander verhal 
ten, muß der Weltbund, der sich noch in starker Minderheit befindet, 
auf Vereinbarungen zwischen den ehemaligen Gegnern hmcwbeitem 
Die offiziellen Stellen selber wünschen dieser Pioniertätigkeft freier 
Gemeinschaften und einzelner Persönlichkeiten Erfolg. Prediger 
Theophil Mann legte dar, daß der Weltbund die empirischen 
Kirchen in ihrer Mannigfaltigkeit meint, und daß diese Mannig 
faltigkeit von ihm anerkannt und ihre Einigkeit in Christus von 
ihm geglaubt wird. Zunächst will der Weltbund die Einzelnen 
sammeln und Zum Gewissen ihrer Kirchen machen. Der Charakter 
des Bundes ist nicht eigentlich international, sondern übernational, 
da alle seine Bestrebungen auf der Anerkennung der selbstverständ 
lichen Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft beruhen. An die Vor- 
träge schloß sich eine kurze Diskussion an._- 
DranklurLer Angelegenheiten. 
Bund der Erneuerung wirtschaftlicher Sitte und 
Verantwortung. , 
Am Freitag wurde in der Gcfchlechterstube deS Römer- eine 
Frankfurter Ortsgruppe des Bundes der Erneueruna wirt 
schaftlicher Sitte und Verantwortung gegründet- Eingeleitrt 
wurde der Abend mit einem Vorlrag von Pros. Vselcker, der 
über die Grundlagen unserer Lebenshaltung nach dem Krieg 
sprach. Als Deutschland schon einmal darniederlag, ss begann 
! der Redner, da erstand ihm in Fichte ein Mann, der es unermüd- 
- lich dazu ermähnte, sich nicht müßig dem Schmerz Zu überlasten, 
sondern aus diesem Schmerz die Kraft zmn Entschluß, Zur Tat 
zu ziehen Auch für uns gelten die Worte dessen, der einst durch 
seine Reben die deutsche Ration aufgermteit hat, zuvor aber 
müssen wir in aller Klarheit erkennen, wie nun unsere Lage 
eigentlich beschaffen ist. Aus einem wohlhabenden Volk sind wir 
ein armes Volk geworden, und die Wirkungen des Kriegs wir des 
Verfailler Vertrags werden sich immer deutlicher in unserer gan 
zen Lebenshaltung, m unserer privaten Wirtschaft ausprägen. Vor 
dem Krieg konnten wir Dank unserer materiellen Lage, es uns 
leisten, große Mengen von Luxuswaren wir Gemälde, Films 
Zigaretten, Edelsteine usw. aus dem Ausland zu beziehen. Und 
heute? Wir haben jetzt unsere Handelsflotte verloren, mit Berg 
werken und Waldbestäuden wird Raubbau getrieben, unsers Edel 
metallvorräte sind zussmmengeschmolzen, unsere ^schirren und 
Gebäude abgenutzt. Hinzu kommen die ungeheuren Verluste an 
landwirtschaftlich nutzbarem Boden, an Bodenschätzen wis Kali 
salzen, Eisenerzen und den für unsere Industrie unentbehruchen 
Steinkohlen, hinzu kommen nicht zuletzt die phantastischen Ein- 
schädigungssorderungen der Alliierten. Industrie und Landwirt 
schaft gehen zurück, die Einkünfe aus den Frachten fallen sott, 
wir müssen überhaupt in Zukunft mit einem viel ge 
ringeren Einkommen rechnen. Jedermann müßte hieraus die 
erforderlichen Schlüsse Ziehen. Slau dessen erleben wir das trau 
rige Schauspiel, daß heute Luxuswaren, wie Hüte, Parsümerien 
und Schölünitk^ ja so-aar K'-nderspielzeug m&amp;lt;br denn je einge- 
fühn werden, daß'der Zigarettenbezug aus dem Ausland unheinr- 
lich anschwillt, um von dem Import überflüssiger Genußmmel wie 
Cognak, Südfrüchten usw. gar nicht zu reden. Kein Wunder, das 
vrele Ausländer zu dem irrigen Glauben verführt werden, der 
Reichtum Deutschlands sei unerschöpflich Hier tut Besinnung tut 
Handeln not! Unsere Einfuhr ist auf die notwendig st e n 
Güter Zu beschränken, Luxusbefriedigung schädigt heute das 
gebinwohl. Wir werden uns wieder au die einfachen Eilten un 
serer Großväter zu gewöhnen haben, und znnrr nw.ß jeder Einzelne 
von uns zur Tat schreiten und in seinem Kreise für die Atte Sache 
wirken, denn nur so können wir das köstliche Erbe unseres Deutsch 
tums erhalten. 
Alsdann legte der Vorsitzende Dr. Friedrich 
Raab die Ziele dar, die sich der Bund gestellt 
hat: Nicht nur, um unser Gesicht dem Ausland Menüber 
zu wahren, sondern auch auH Gründen der Gerechtigkeit und der 
persönlichen Würde haben wir unsere Lebensführung so zu gestalten, 
daß äußerste Einfuhrbeschränkung ermöglicht wird, und alles auch 
wirklich aus dem Lande hinausgehl. was ausgeführt werden kann. 
Aber nicht so sehr auf Reden und Plakatekleben kommi es an, viel 
mehr Handel! es sich darum, durch die Tat der im Bunds Vereinten 
ein Beispiel Zu geben, um so den vielen Menschen, die zu einer 
bescheidenen Lebenshaltung gezwungen sind, einen imneren Rück 
halt Zu gewähren. Der Bund will Menschen aller Parteien, 
aller "Konfessionen und aller Berufsschichten 
für feine Ziele gewinnen, was auch in der Zusanimusetzung des 
Ausschusses zum Ausdruck gelangen soll. 
Die Versammlung beschloß hierauf die Grmrdung einer Orts 
gruppe des Bundes der Erneuerung. Der jährliche Beitrag be» 
trägt für Einzelpersonen 5 Mft Studenten 2 Mk., Jugend!'che 
50 Pfg., Korporationen für jedes angefangene Hundert W Mk. 
Der Ausschuß setzt sich vorläufig zusammen aus Geistlichen aller 
Religionsbetennkndsse und Vertretern der verschiedensten B-eruss- 
schichten und politischen Parfum. 
In der Diskussion wurde klar zum Ausdruck gebracht, daß der 
Wirkungsbereich des BurrdeS jenseits des Feldes liegt, in dem 
sich die konfessionellen und parteipolitischen Kämpfe abspiolen. 
Jeder.Einzelne, gleichviel wie er im übrigen denkt, wird von 
dem Bund aufgerufsn, um durch sein persönliches Handln Zeug 
nis dafür abzulegen, daß er für seinen Teil gewillt ist, an der 
Erneuerung unserer wirtschaftlichen Sitte milzuarbeiten und dre 
Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen. Ein sehr 
beherzigenswerter Borschlag lies daraus hinaus, vor allem die 
K a u f lenke und Industriellen für die Cache des Bun 
des zu gewinnen, weil eine würdige Lebensdattuug gerade dieser 
Kreise eine gewaltige Wirkung ausznüben vermag. Zum Schluß 
begrüßte Pros. Ernst Cahn im Auftrag des N h e i n-M a i n r- 
scheu Verbands für Volksbildung dk neugegründete 
Ortsgruppe und erklärte, daß der Verbcurd mit Freuden Zur 
Mir arbeit bereit sei.
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        LZ . ,7^ 
den 
en denno 
HochschullehrerB. 
Weltbund für Freundschastsarbelt der Kirchen. In einer 
Versammlung der hiesigen Ortsgruppe des Weltbunds für Freund- 
schastsarbeit der Kirchen sprach dieser Tage Dr. Siegmund 
Schultze (Berlin) über das Thema: „Was haben die Kirchen 
für den Frieden getan?" Im Vergleich mit der katholischen Kirche, 
die ebenso wie die über alle Länder verbreiteten methodistischen und 
baptistischen Kirchen doch letztlich stets im Sinne christlicher Tradi 
tion für den Frieden gewirkt hat, sind die evangelischen Landeskir 
chen in der Segnung der Kriege oft recht weit gegangen. Erst in 
den letzten Jahrzehnten hat auch bei ihnen eine große Bewegung 
für den Frieden eingesetzt, die, weil aus dem christlichen Bruder- 
schastsgedanken geboren, mit der demokratisch-pazifistischen Be 
wegung nur wenig gemein hat, wenn sie in ihr auch einen Bundes 
genossen erblickt. Der Redner gedachte kurz der verschiedenen Be 
strebungen, die der Gründung des Weltbunds zu Konstanz in den 
ersten Lagen des Weltkriegs vorangingen, vor allem der Zusammen 
kunft im Haag 1907, an die sich BesuchsauLLausche deutscher und 
englischer Geistlicher anschlossen. Während des Kriegs haben die 
Mitglieder des Weltbunds durch die Tat bewiesen, welch tiefes 
Bruderschaftsbewußtsein ihnen innewohnt. In England und in 
. Deutschland wurden, zunächst unabhängig voneinander, Stellen für 
Ausländerfürsorge gegründet, die eine segensreiche Tätigkeit ent 
falteten. Auch in der Gefangenenfürsorge ist, zumal von den Eng 
ländern, viel geleistet worden, und dieses Liebeswerk, das die schwe 
dischen, dänischen, schweizer Kirchen weiter ausbauten, trägt jetzt, 
nach dem Kriege, noch seine Früchte. Die Versuche, die von ein 
flußreichen englischen Anhängern des Weltbunds im Kriege zur 
Anbahnung des Friedens eingeleitet wurden, scheiterten an der 
Haltung der Regierungen. Als dann das deutsche Heer zusammen- 
brach und der Waffenstillstand abgeschlossen werden mußte, konnte 
vom Weltbund nur noch wenig geschehen. Immerhin hat man es 
dem Eintreten der Erzbischöfe von Upsala und Canterbury zu 
danken, daß in den Friedensvertrag der Paragraph hineingekommen 
ist, der den Schutz der religiösen Minderheiten Vor 
sicht. Nach dem Krieg ist der Weltbund als die erste internationale 
Gruppe zusammmgetreten und hat seine Arbeiten wieder ausge 
nommen. Zur Herbeiführung eines wahren Friedens hält es der 
Redner für erforderlich, daß Deutschland sich zwar zu seinem Teil 
der Schuld bekennt, aber doch nicht die alleinige Schuld auf sich 
lädt, wogegen sich schon unser Wahrheitsgefühl empören würde. 
Da die soziale und die internationale Frage aufs engste Zusammen 
hängen, wird ferner die Christenheit in sozialem Sinne wirken 
müssen und den Neuaufbau der Gesellschaft als gemeinsame Auf 
gabe der Kirchen anzusehen haben. 
«Armut und Würde. Auf Einladung der Frauengruppe de 
Demokratischen Vereins sprach gestern abend Frau Elly Heuß - 
(derlin) über das Thema „Armut und Würde im neum 
^rMManv"« Die Rednerin suchte im großen und ganzen die Ge^ 
danken und Leitsätze zu entwickeln, deren Verbreitung und Be 
wahrung sich der Bund d-er Erneuerung wirtschaftlicher Sitte und 
Verantwortung zum Ziel gesteckt hat. Unsere Aufgabe ist es heute 
vor allem, einer neuen Wirtschaftsethik in Deutschland den 
Boden zu bereiten, denn eine Besserung unserer Wirtschaft hängt 
aujs engste mit der Hebung der allgemeinen Moral zusammen. Um 
dieses Ziel zu erreichen, kommt es zunächst darauf an, daß das 
deutsche Volk sich seiner Armut voll bewußt wird und mit Tra 
ditionen bricht, die, noch aus der Zeit des Wohlstands stammend, 
jetzt ihre Daseinsberechtigung verloren haben. Der Bund der Er- 
neuemng setzt sich demgemäß für eins unserer wirklichen Lage 
mtsprechende Lebenshaltung ein und sucht dadurch den sinkenden 
Volksschichten einen Halt zu gewähren. Ferner dürfen wir unsere 
Armut nicht willkürlich vergrößern, wie es ja leider durch die 
massenhafte Einfuhr von Luxuswaren und überflüssigen Genuß 
mitteln noch immer geschieht. Einfuhrverbote der Regierung helfen 
heute, wo die staatliche Autorität untergraben ist, nicht das ge 
ringste, auch eine Lahmlegung des Schmuggels wird sich auf be 
hördlichem Wege nicht herbsisühren lassen. Erst wenn die Allge 
meinheit in richtiger Erkenntnis der Lage gewillt ist. den wirt 
schaftlichen Schädigungen und der wirtschaftlichen Unmoral ein 
Ende zu mach-em können dank ihrer Unterstützung die Erlasse der 
Regierung wirklich Erfolg haben. Es gehört zu den Aufgaben des 
Bundes, in diesem Sinne auf die öffentliche Meinung einzuwir- 
ken. Nach der positiven Seiko hin liegt uns die Förderung der 
Qualitätsarbeit ob, auch werden wir in einer Reihe von Indu 
strien auf eine, möglichste Normalisierung und Typisierung der er 
zeugten Gegenstände hinzuarbeittn haben. Anregungen hierzu sind 
von dem Bunde bereits ausgegangen. Die Mahnung zur Sparsam 
keit darf uns aber nicht dem Geize in die Arme führen; im Gegen 
teil: es ist dringend notwendig, daß uns die Gewohnheit zum 
Geben, besonders aus dem Gebiete der Wohlfahrtspflege, nicht ver 
loren geht, weil wir unser Volk vor jener Armut bewahren müssen, 
die gleichbedeutend mit Verelenduna ist. Gelingt es uns, diese 
äußerste Verelendung hintanzuhalten und tragen wir unsere Armut 
mit Würde, dann vermag sogar Segen ihr zu entfließen. Es ist 
von ihr hauptsächlich eine Stärkung des Familien 
lebens zu erhoffen, dessen Innigkeit uns die Kraft schenken 
wird, der kommenden schweren Zeiten Herr zu werden. Schon 
mehr als einmal hat ja das deutsche Volk den Beweis dafür ge 
liefert, daß es Armut mit Würde verbinden kann. Es wird auch 
dieses Mal dazu fähig sein, wenn die deutsche gebildete Mittel 
schicht die Führung behält und ohne Verbitterung, den breiten 
Massen ein Vorbild, in die neue Zeit hineingeht. An die beifällig 
handen solcher Formen befestigt und gestützt. Zudem sind die 
Menschen nun einmal so wunderlich, an derlei Abzeichen Freude 
»zu empfinden, und eS ist nicht einzusehen, warum man ein jy 
Harn-loses Mittel Mschmähen sollte, wenn es "dem guten Zwecke 
dient. Vr. Lr. (Fn der Tat tst damit zu rechnen, daß in unserem 
dem Volk der Vereine und General-Versammlungen und 
Dtatmen, Abzeichen als äußeres Merkmal der Zugehörigkeit zu 
SEM Bunds beliebt sind und zur Nachahmung reizen. Schon 
AvsnarLu Z hat bei der Gründung des Bundes einem Abzeichen 
Las Wort geredet. Freilich kann es dann passi-ren, daß sich Viele 
durch das Abzeichen freikaufen und sich den Leute! um die Grund 
sätze des Bundes scheren. Man sollte.es nicht ständig tragen, 
sondern nur, wenn man in Gesellschaft geht oder zu Veranstaitun- 
M. der denen das Abzeichen Bekenntnis und Demonstration be 
deutet. Wichtiger als das Abzeichen ist die Arbeit für den Wan - 
bel der^Gesinnung, die Arbeit für die Erkenntnis, daß es 
unsere sittliche Pflicht ist, einfach zu leben, daß wir sie dem 
Vaterlands schuldem Wir haben Männer und Frauen in führen 
den Stellungen nötig, die sich öffentlich dazu bekennen und beispiel 
gebend leben. Es gibt kein besseres Werbemittel als das Bei 
spiel Wenn ein Dutzend Frankfurter und FraEurterinnen, 
deren Nam und Art sie allen sichtbar macht, mit der Rosette des 
' Bundes in Gesellschaft gehen und damit bekunden: Wir lassen zu 
Haufr keinen Cognac servieren und nehmen auch in anderen Häu 
sern keinen, wir rauchen keine Importen, wir parfümieren um? nicht 
wir tragw keimen Frack mehr, usw, dann ist der Bund gynacht 
und wrd Mitglieder in Massen finden. Die Männ-r der K-'jfü- 
gen deutschen Republik leben allerdings längst brmdeLaMSß und 
.brÄuchen sich nicht mehr zu überwinden Sie soll 
Bund der Erneuerung öffentlich werben, die Ho 
indem fie durch das Tragen des Abzeichens den Studenten fagm, 
Es hsute auf den modernsten Hosenschnitt nicht ankommt und 
zvW der sparsamste Deutsche der beste Deutsche ist. D. Red.) 
'kMrneuerrmg.j In Deutschland werden heute Bünde u n 
Bünde gegründet, und man weiß kaum noch, ob ihre Zahl nicht 
bereits die unserer Gesamtbevöllcrung übersteigt. So skeptisch nun 
auch die etwaigen Erfolge solcher Konventikcl und S.'üen im all 
gemeinen zu beurteilen sind, von dem Bund der Srn.-euerung 
wirtschaftlicher Sitte und Verantwortung, der 
im Dienste unserer Wirtschaft möglichste Einfuhrbeschränkung und 
einfache Lebenshaltung fordert, könnte immerhin einige Wirkung 
ausgehen Wir haben an anderer Stelle unseres Blattes darüber 
berichtet, daß auch in Frankfurt jetzt eine Ortsgruppe dieses Bundes 
aufgetan worden ist. Die Tatsache ist erfreulich und cs erhedr sich 
nur die Frage, durä&amp;gt; welche Mittel denn der Bund dazu befähigt 
werde, sinne Ziele wirklich Zu erreichen Nur wenn es dem 
Bund gelingt, die tonangebenden Kreise von Handel und 
Industrie und die Gelehrtenwelt für sich zu gewinnen, 
darf er auf eine Umwandlung unserer Lebensweise in 
dem von ihm anges^ Sinne hoffen. Mit anderen 
Worten: die Vereinfachung unserer gesellschaftlichen Gebräuche 
wie überhaupt unseres ganzen Lebensstiles muß zur M o d e wer 
den. es muß als begehrenswert gelten, in Kreise ausgenommen zu 
werden, deren Gepflogenheiten den Vorschriften des Bundes ent 
sprechen Nickt an die beliebigen Einzelnen, sondern an die ge-r 
fellsck?ftlich Führenden richtet sich darum -in erster Linie der Mahn 
ruf des Bundes Es verhält sich mit diesen geplanten Lebensrefot&amp;gt; 
men genau so wie mir muen Trachten: sli bürg-ern sich auf die 
Dauer nur ein, wenn sie von Schichten angenommen werden dte 
aus irgendeinem Grunde nicht in gesellschaftlichem Ansehen stehen. 
Und wäre es am Ende nicht ratsam, ein Abzeichen zu stiften, 
das auch äußerlich die Zugehörigkeit zum Bunde verräth Inneres 
Wollen verlangt nach sichtbaren Formen und wird durch das Vor 
... . - - . . _ _ 
M -- - -
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        Quantum und Weltkrisis. Am SamStag abend sprach rm 
BolköbilounK^ Karl Heath aus England, der Sekrerär! 
des RareS der Freunde für Internationalen Dienst, über die 
Serwang des QuäkertumS in der Gegenws^ Die von der Re- 
ligwlen Gcjellschafl der Freunde einberusene Versammlung würde 
von einer Engländerin gekettet und der auf Englisch gehaltene 
Lonrag sogleich ins Deutsche übersetzt. Der Redner Legte zunächst 
die bedanken dar, die durch das Quälerrum ihre Verkörperung 
erfahren. Die Quäler sind Feinde der Sklaverei, deS Krregc-, 
der allgemeinen Wehrpflicht, der Frauenhöngkeit; nach der poli 
tischen Seite hin rmdmen sie sich dem aufbauenden Werke sozialer 
Hilfeleistung, um die menschliche Brüderschaft 
zu fördern und die 
ersehnte Einigung der ganzen Menschheit zu erzielen. Schon 
William P e n n, der sich mit den Indianern auf freundschaft 
lichen Fuß ftMe, bewreZ durch seine Staatengründung in Penn- 
shlrmma, daß Liebe im Leben die gröhle Brach; ist und prak 
tische Freundschaft das Praktischste, was eS auf Erden gibt. Man 
versteht r^ach alledem welche Haltung die Quäker gegenüber Ver 
sailles, London, den Sanktionen, der Besetzung ujw. einnehmen 
müssen. Der Krieg und jetzt dieser Frieden bedeutet ihnen ein 
einziges menschliches Mißlingen, rohe Sregergewalt kann 
niemals praktische Ergebnisse zeitigen. Diese AnsäMmng und 
den Gedanken, daß statt des Weges der Macht der eines gemein- 
amen Wirkens für die Menschheit einzuschlagen ist, hat sie Ge. 
eüschaft der Freundschaft längst in einer Botschaft an die eng- 
ischen Quäker zum Ausdruck gebracht, die nicht nur für England, 
andern für dre ganze Welt gilt. Was ist nun in der gegenwär 
tigen europäischen Lage zu tun? Die Quäker möchten alle haß 
erfüllten Verträge und ungerechtfertigten Schadenersatzansprüche 
bei eile schieben, andrerseits treten sie für die freiwillige 
Wiedergutmachung des Unrechts dort ein, wo es 
wirklich geschehen ist, und eß befriedigt sie daher z G. die ErNa 
rung Dr. S mons' in London, daß Deutschland willens sei bei 
der Herstellung der zerstörten Gebiets in Nordsrankreich mitzu- 
wirken. Die Gemeinschaft der Quäker ist aber nur klein, und 
damit der ersehnte Wandel kommt, wird es des Zusammenschlusses 
aller gutgesinnten Individuen und Körperschaften in allen Natio 
nen bedürfen. Unsere Aufgabe ist es — mit diesen von Herzen 
kommenden Worten beschloß der Redner seinen mit warmem Äet- 
Eaujgmssmmenen Vertrag — Münder W^ebMMd Ljß Llr-^ 
meen des Hasses zu zerstören und dafür zu sorgen, daß die Kräfte, 
die zur Wiedergeburt führen, für immer in der We^t regieren. 
Vor Eintritt in die Diskussion, in der u. a. Pros. B l u n L s ch l i 
und Pros. NaLorp (Marburg) das Wort ergriffen, sprach 
Dr. Epstein Herrn Heath und der englischen Gruppe der Quä 
ker den herzlichen Dank der zahlreich erschienenen Zuhörerschaft 
MUs. 
--- ^Indische Krmst.j Im Rahmen der ostasiatischen Vor- 
träge sprach Mittwoch Abend Dr. William Cohn über die Kunst 
Indiens. Der Vorführung der Lichtbilder schickte der Redner 
einige Einleitungsworte voraus, in denen er sein ungeheures 
Thema knapp umriß und indisches Kunstschaffen europäischem 
Empfinden nahezubringen suchte. Während die Literatur Indiens 
schon lange bei uns Eingang gefunden hat — Schlegel, Goethe, 
Schopenhauer, um nur ein paar Namen zu nennen, sind ihr bereits 
mit Verständnis begegnet — ist die indische bildende Kunst bei 
uns bis vor kurzem beinahe einstimmig abgelehnt worden. Wie 
erklärt sich diese Haltung? Nun, dem Europa, das die Gotik fast 
vergessen hatte, galt die Antike als höchstes Vorbild, schön war nur, 
was aus ihrem Geist und dem der Renaissance erwuchs. Die in- 
drsche Kunst ist aber das gerade Gegenteil der Antike, und erst heute 
sind wir so gelost und gewandelt, daß wir uns in ihre Seele ver 
setzen können. Nicht der Mensch, sondern die Gottheit steht 
im Mittelpunkt dieser Kunst, sie beruht nicht auf Naturnachahmung, 
sondern ist Ausdruck und Symbol, unbeherrscht durch Maß und 
strenge Proportion verkörpert sich in ihr eine überschwangliche 
Phantasie, die ins Unendliche strebt. Manche Regungen unserer 
neuesten Kunst beweisen, daß wir uns von der vorwiegend ratio 
nalen Gesinnung der vergangenen Epoche abzuwenden beginnen, 
woher es denn rühren wag, daß wir jetzt für das Verständnis einer 
Kunst reif werden, die einzig dem Preis der Gottheit dient. Die 
eigentümliche Kunst Indiens entwächst den drei Hinduistischen Reli 
gionen des Brahmanismus, das Buddhismus und des Dschainis- 
'mus Dem Brahnranismus, der ältesten Religion Indiens, ent 
nimmt sie ihre immer wiederkehrenden Symbole. Der Vuddhis- ' 
mus macht sich die brahmamschen GötLergestalten: Schiwa, 
Wischnu, Krischna usw. Untertan und gibt der Kunst als neuen! 
Gegenstand die Darstellung des Lebens Buddhas auf. Aus der! 
verhältnismäßig kurzen Dauer deZ Buddhismus ftn Indien (vom 
3. Jahrh, v. Chr. bis zum 8. Jahrh, nach Christus) erklärt sich die 
kleine Zahl buddhistischer Kunstwerke. Erhalten sind uns von 
indischer Kunst hauptsächlich Schöpfungen in Stein und Bronze so 
wie spärliche Ueberreste von Malerei; wir besitzen sol 
cher Denkmäler in Fülle, trotzdem vieles der Zer 
störung anheimgefallen ist. Bei der Betrachtung dieser 
Kunst dürfen wir niemals nach vertrauten europäischen Be 
griffen eine Scheidung zwischen Architektur und Plastik vornehmen, 
sondern müssen uns daran gewöhnen, beide als eine untrennbare 
Einheit aufzufassen. Baukunst und Bildhauerkunst verschmelzen 
völlig miteinander zur Ganzheit eines Denkmals, das reinen Sym- 
bolwerl hat und Lei dem jeder Gedanke an irgend einen Zweck 
zurücktritt. Die älteste Form indischer Baukunst ist der Stupa, 
die kuppelförmig-e Bekrönung heiliger Stellen. Charakteristisch für 
die Kunst Indiens sind besonders die Höhlentempel und die aus 
dem lebenden Felsen herausgehauenen Bauten, die oft eine gewal 
tige Ausdehnung erreichen. Niemals erfüllen Säule und Pfeiler 
irgendwelche tragende Funktionen, sie werden vielmehr zumeist in 
Figursngruppen aufgelöst, die von dem Ueberschwang der indischen 
Seele zeugen. — Unterstützt durch treffliche und klug ausgewählte 
Lichtbilder unternahm der Redner im Anschluß an seinen einlei 
tenden Vertrag eine Wanderung durch die weiten Reiche der indi 
schen Kunst. AnheLend bei den ältesten vorhandenen Denkmälern, 
die aus der Zeit des Königs Asoka stammen, geleitete er an den 
Werken der FelsLaukunst vorüber zu den erhabenen nord- und süo- 
indischen Freibanken, deren unermeßlicher Reichtum an die Ueppig 
keit der Tropenwälder gemahnt. Sehr dankenswert war die Vor 
führung einiger noch wenig bekannter Proben indischer Bildnis 
kunst, deren Realismus gerade in diesem Land der Unwirklichkeit 
besonders verblüfft. Von Bauten im indischen Kolonialgebiet sah 
man u. a. den Stupa zu Borobudur, Lei dem die Kunst schon stellen 
weise in Lloße Virtuosität übergehk Der Vergleich einiger 
Schöpfungen echt indischer Kunst mit solchen der sogen, gräco- 
buddhistischen Kunst ließ erkennen, wie sehr der fremde antike Ein 
fluß das indische Schaffen in seiner Ursprünglichkeit oelähmt bat 
Durch seine verbindenden Worte verstand es der Redner, den Zahl 
reich erschienenen Hörern die Aufnahme des von ihm Gebotenen 
zu erleichtern und sie in der Welt Indiens heimisch zu machen
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        26O 
die Erkenntnis, datz einzig dem Erlösung aus dem Verhängnis - aber durch olle diese Verstümmelungen hindurch leuchtet noch 
der ewigen Wiedergeburt erblüht, der sein inneres Selbst mit, immer m mildem Glanz die Gestalt Buddhas. Wir M-ndländer, 
der Gottheit zu vereinigen vermag. Wenn die Sinne schweigen 
mvd die Außenwelt schwindet, werm kein Unterschied mehr ist' so ichloß der Redner, werden Ehrfurcht vor ihm zu empsindc« 
Zwi sc h en c h em I c h u n d d em Du, i n di esem Zu s t an d d er G o tt--&amp;gt; HEn, aber seine Botschaft wirkt auf uns wi« ein Norkotikum. 
einuns, den das Wort TaLwam afl: des bist Du bezeichnet, ist die Unten wahre Seelenheimai bleibt das Christentum und 
Erlösung von der Wiedergeburt erreicht. Die Ge- iem Srg ist eS auf den wir vertrauen muffen. lr. 
und Gottesdienst. Unter indischem Einfluß ist auf Java der koss 
mische Mensch zum magischen aufgestiegen. Er bannt die Dämo 
nen in Stein, errichtet in Wäldern, die selber Domen gleichen, stürs 
Pagoden und leistet, schließlich in dem Wunderbare von Boro-Budm, 
der breit und gewaltig unter der Wölbung d"s SüdhimmclK sich 
dehnt, das Höchste, dessen er fähig ist. Am Ende seiner Ausfüh 
rungen lenkte der Redner nochmals auf die Gegenwart Zurück. 
Wenn wir auch keine solche Kultur besitzen, so mag uns doch das 
Bewußtsein trösten, daß wir m einem johanneischen Zeitalter 
leben aus- dessen Sckoße sich Neues gebiet. Kr. 
-- Weste Mf BM Md 
der Frankfurter Kunstmesse über Feste 
Erlösung von der Wiedergeburt erreicht. Die Ge 
Heimlehre der brahmamschen Mystik wird durch den Buddhismus i 
zu siner universalen Erlösungslehre umgestaltet. Es wäre' 
durchaus verkehrt ihn als Weltanschauung oder philosophische 
Spekulation auffasstn Zu wollen, er ist vielmehr, obgleich er keinen 
Gott kennt, seinem Wesen nach Religion, liegt doch seinem Stif«^ 
ter nur das eine am Herzen: die Menschen aus dem Leiden heraus i 
Mr DWÄH zu führen. Nur,wer leMnichaMosMird. den Laß 
rst sisre Schöpfung der Arier, die, als sie Indien erobert liatten, ?! 
nach und nach ihre Naturfrische verloren und Zu erschlaffen be-' 
garmen. Die frühe Einsicht, daß dem Opfer keine Erlösungs-^ 
kraft innewohns, verband sich ihnen mit der Idee der Wieder 
geburt, und ihr spekulativer Tiefsinn brächte. ihnen weiterhin 
die Erkenntnis, datz einzig dem Erlösung aus dem Verhängnis - 
In seinem Vorü-G^ 
auf B-ali und Java be 
schwor Dr. Karl With das Bild einer in sich vollendeten Kultur 
herauf, das dem zersetzten geistigen Leben unserer Zeit so recht Äs 
Spiegel zu dienen vermochte. Der Mensch stellt sich Zur Umwett 
-auf verschiedenen Weisen ein. Auf der untersten Stufe befindet sich 
der noch ichlose panische Mensch, der schonungslos der Natur preis- 
gegeben ist und etwa in der Negermaske seiner Dumpfheit Ausdruck 
verleiht. Im. geraden Gegensatz zu ihm hat sich der intellektuelle 
Diensch unserer Tage von der Narur völlig losgerissen, rein auf 
seinen Intellekt bauend und alles xerfressenö, was rund und ganz 
fft Zwischen diese beiden Grundtypen lassen sich noch die drn 
Typen des kosmischen, des magischen und des geist'Zen Menschen 
emreihen Und Zwar bezeichnet der kosmische. Mensch eine Stufe, 
auf der zwischen Ich und Umwelt ein vorzugsweise physisch , be 
dingtes Gleichgewicht entsteht; bei dem magischen Menschen erstreckt 
sich die Harmonie über das Physische hinaus auch auf den Bereich 
des Seelischen, und bei den geistigen, dem gotischen Menschen 
schließlich erscheint jenes Gleichgewicht wiederum zugunsten der 
.gottsuchmden Seele aufgehoben.. Die Balinesen und Javaner ver- 
&amp;gt; körpern den Typus der kosmischen und magischen Menschen. Das 
Wesen solcher Völker, die noch in ungebrochener Einheit mit der 
Natur und der Gottheit leben, muß sich am reinsten in ihren Festen 
darstellen. Festlichkeit: das ist der Ausdruck ihres ganz auf dre 
Götter bezogenen Daseins, Festlichkeit und Kultus wird ihnen 
alles, was in ihnen nach Gestaltung und Darbietung drängt. In 
einer Reihe herrlicher Lichtbilder ließ der Redner zunächst die 
Landschaft Balis und seine Menschen vorüberziehen. Südsee 
schimmerte auf, üppige Vegetation entfaltete sich auf vulkanischem 
Boden. Dazwischen Jünglinge und Mädchen in edler Nacktheit, 
jede ihrer B wegungm kraftvoll und geschmeidig, Frauenkörper von 
vollendeter Schönheit, Greise, die pflanZenhaft hinwelken wie Blät 
ter im Herost. Diese Menschen Leben noch auf kommunistischer 
Grundlage, sie ringen der Natur wundervolle Reisplantagen ab 
und setzen überall einem Chaos, dessen Elementarkräfte animalische 
Weltangst in ihnen erzeugen, Ordnung entgegen. Die Festlichkeit 
des kosmischen Menschen, der ganz in seinem Körper lebt, ist der 
Tanz, die Ekstase. Mädchen tanzen auf der Straße, Verzückung 
steigert sich zum somnambulen Zustand und erreicht ihren Höhe 
punkt in dem Lanzentanz der Jün.qlinge um die TodesgottberL. 
Dankprozesflon Andacht, Leichenbegängnis: alles wird leibliche 
Gebärde und Festlichkeit, in der sich die Keberfülle inneren Lebens 
entladt und sichtbarttch gestaltet. Der magische Mensch überwindet 
die Form der Ekstase, feine Festlichkeit ist die Schöpfung von Bil 
dern, Bauten TEpelm Die Balinesen und Javaner haben 
ZM Wort M KuW; i ist ihnen. Ausdruck 
-- Brähmamsums und Buddhismus. Galten die bisherigen 
Vorfrage überOstasien hauptsächlich der Kunst, so war der Bor-' 
trag von Pros. Heiler (Adarburg) am Freirag abend den gro 
ßen indischen Religionen gewidmet. MÄch der untergehenden 
Antike blickt auch die heutige Menschheit sehnsüchtig nach dem 
Osten aus. Drese Sehnsucht die schon Schopenhauer und Wagner 
erfüllte und jenen in den Beden, diesen in der Lehre Buddhas 
den Gipfel Menschlicher Weisheit erblicken Ließ, führt heute mehr a u s Et, i n se xu e ll er K e u c hh e i r l e bt u n d s i c h v on d em B es itz 
und mehr erlösunDbedürfLige Menschen LndWer Religiosität zu- 
Deutsche und amerikanische Zeitschriften sind dem Buddhismus' A^-^dttatwn a e u r f ze d u e g n t in rich ih t m ige I n nd W iff e e g r . enz Pl g a e n g m en äß d i i g e « W U e e lt b u u n n d g 
gewidmet, ja, in Europa haben sich bereits buddhistische Klöster Mr Erkenntnis der vier heiligen Wohrkeiten. Indem 
a u sge t an . Al an v ers t e ht di e buddhi s ti sc h e R e li g i on a b er n u r / er ober den Unochenzusamm-nhang des Leides durchschaut, weilt 
wenn nran in den alten Brahmamsmus emdringt, aus dem rr. Ouu auher^rlb des Rades und geht in das Nirwana ein. 
heraus sie sich entwickelt hat und mit dem sie das tiefe Gefühl Dttses so dreifach mißverstandene Nirwana, das zu erreichen 
für Las Leiden alles Vergänglichen teilt. Der BrahmaniMmM' dm Buddhas ichon vor dem Tode möglich ist, bedeutet ein posi-, 
rst sisre Schöpfung der Arier, die, als sie Indien erobert liatten, ?! 
m u asconvor em oemgc s,eeue enpos, 
tives HeilsMt, H unbewußte höchste Seligkeit, in der das Kamm! 
er licht. Der Buddhismus teilte das Schicksal aller Masten- 
religronen seine esotertschen Lehren veräußerlichten sich, die Bor-, 
aes'urten Buddhas wurden wie Götter verehrt, das Gebet kehrre 
wieder zurück, an die Stelle des Nirwana trat das Pamdies. 
SÄdiifHes Maschinsnamk. 
Irr einer tzom Reichsbund Deutscher Technik einberufenen Ver-- 
smmnlung bejchästigte man sich mit dem Städtischen Maschinenamt. 
D^e Stadt hat vor kurzem die Schaffung elms wichen ^-nnes, w:e 
es bereits in mehreren Städten emgeführt ist, beschlossen. Dem 
Ämt sollen sämtliche städtischen technischen Betriebe unterstehen, und 
man erwartet von ihm eine rationellere Betrkbsfühmng, die 
Klotze Ersparnisse verspricht. Der Leiter, dessen Stelle ausgejHrie- 
Kur wird, soll laut NiagistraLsbeschluß den Rang eines MagssLriNZ- 
K^urats bekleiden. Dies die Tatsachen. Das Referat des Abends 
hatte Bäumt Or. k. &amp;lt; Küster, der in seinen gleitenden 
Worten betonte, daß die Tätigkeit des Ingenieurs vorwiegend 
wirtschaftlichen Charakter trage, und der Ingenieur sein Zie! einer 
immer weiteren Vervollkommnung unserer Wirtschaft durch die Mittel 
her Technik Zu erreichen habe. Daß diese Wahrheit noch verkannt 
Wird, liegt einerseits an der Vorherrschaft des Worts, also des for- 
wal-juristischon Denkens, andererseits aber an einer gewesen Schwäche 
des Ingenieurs selber, die sich darin zeigt, daß er es so häufig un:er. 
Ußt, aus seiner Arbeit den ganzen Nutzen zu ziehen. Der Redner 
entwickelte die große Wichtigkeit des yon der Stadt Zu grün 
denden und alle städtischen Betriebe vereinheitlichenden Maschinen 
amt Z und legte dar, wie nach seiner Ueberzeugung der Leiter des 
Amtes beschaffen sein müsse. Es ist von ihm wirtschaftlicher Blick 
und Beherrschung aller technischen Mittel zu fordern, und alles in 
'allem muß er eine Persönlichkeit sein, die über abgeschlossene 
Hochschulbildung vermgt und lange Jahre prakti cher Erfahrung 
hinter sich hat. Eine Grundvoraussetzung seines erfolgreichen 
Wirkens bildet es sicherlich, daß der zu Wählende Mitglied 
des Magistrats wird, da er sonst wenig Aussicht hat. 
Wirklich durchzudringen. Die Diskussion, in der u. a. ein Magi- 
strÄsmiLglied und mehrere Stadtverordnete das Wort ergriff.n, 
Drehte sich hauptsächlich um d^e Fragte welche Stellung der zukünf 
tige Leiter des MaschinenamtZ einneymen solle. Die Ansicht der 
überwiegenden Mehrheit ging bah n, daß es nicht genüge, wenn 
'man ihn nur zum Magistra'sbaurat mache, wie die Stadt es jetzt 
will, sondern daß er im Interesse des MÄch'menamls selber Magi? 
swatsmitglied werden müsse. Es kam schließlich, nachdem noch 
Bedenken gegen die Möglichkeit einer sofortigen Wahl des Maschi- 
uenamt-Vosstchers zum Stadtrat geäußert worden waren, zu e ner 
Beschlußfassung, die der Vorsitzende Gerichten wie folgt for 
mulierte: 
Der Reichsbund Deutscher Technik erwartet von der Stadt 
' Verwaltung, daß zur Leitung des städtischen MaschmenanNes 
i ein Maschineningenieur berufen wird, der das Amt 
i im Magistrat vertritt. Ist keine Siadtra stelle dafür zur 
» sügung, so muß bald eine solche geschaffen werden. 
' Ferner gab die Versammlung ihre prinzipielle Zustimmung 
dazu, daß in Frankfurt eine technische Zentral biblis- 
thek geschaffen werde, welche die verschiedenen hier vorhandenen 
BM.othLkcn diese ' r Art vereinigt. - ——'
        <pb n="16" />
        Wiener Werkstätten in Benutzung Genommene Häuschen, das 
seinerzeit zur DeranfHaulichung der Sparbauweise diente.' 
Man hat ihm nach dem Entwurf Pros. Häuslers von den 
Wiener Werkstätten rechts und links zwei Seitenflügel ange^ 
fügt, die sich durch lange, schmatz, sehr apart wirkende Fenster, 
auszeichnen und mit dem Mittelbau gut zusammenNingen. Wer 
durch den HaupterngMig das Meftzgelände betritt, dem fällt 
etwa noch die geschmackvolle Nerasla ins Auge, die von Archiv 
tekt Kaihre in vom Oestewelchifchen Werkbund an der* 
Stirnseite des kleinen der Festhalte angegliederten Vorbaus, der« 
die Ausstellung des WerkSunds enthält, errichtet worden ist. - 
Alle diese Wandlungen und Neubauten legen ein sichtbares, 
Zeugnis dafür ab, daß die Messe-Gesellschaft während des ver«, 
gangenen halben Jahres nicht untätig gewesen ist. Ihr wie! 
der Bauleitung schuldet man Dank dafür, daß sie mit den 
drängenden wirtschaftlichen Bedürfnissen Schritt zu halten ver^ 
möcht häb-sn. Hiermit soll allerdings keineswegs gesagt sein^ 
daß man nun in der Frage der Provisorien wie überhaupt in 
baukünstlerifchsr Hinsicht durchweg mit der Messeleitung über^ 
einstimmen müßte. Es mag jedoch genügen, auf diese Fraaen 
bier gerade Angewiesen Zu haben; Zu ihrer eingehenden Er^ 
örterung wird sich später wohl noch Gelegenheit bieten. 
Das bauliche Gesicht der Messe wird nicht Zuletzt durch die 
vielen Plakate bestimmt, die überall außen wie innen, sich 
vordvangen und die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich Zu 
lenken trachten. So gewiß es berechtigt erscheint, jedes Plakat ein 
zeln zur Geltung zu bringen, so wenig brauchte doch die Durchs 
führung dieses Grundsatzes den einheitlichen künstlerischen Rah^ 
m?n Zu Zerreißen. Mannigfaltigkeit und Buntheit der Plakate 
wirkt umso besser, je geschlossener das architektonische Bild ist, dem 
sich die Fülle der Farben und Motive schließlich einfügt. Man^ 
sollte eS sich offen eingesiehen, daß bei der gegenwärtigen Messe- 
dies? beherrschende künstlerische Einheit noch längst nicht erreicht 
ist und baß wir hierin von Stadien mit reicher künstlerisches 
Tradition wie München Z. B. viel zu lernen haben. Es liegt 
ia nur im eigenen Interesse des Kaufmanns, auch bei seines 
Plakaten auf künstlerische Qualität bedacht Zu sein; und ordnet" 
er sich innerhalb einer Welt von. Plaketten mit seinem eigenen 
Plakat dem Ganzen willig ein, so wird ißm sicherlich der Tri 
but reichlich entgolten, den er derart der Gemeinschaft Zollt. 
Dr. S. Kracauer, 
sSchMerarbett^ der Frankfurt« Kunstgewerbs- 
schule.f Im Kunstgewerbemuseum sind zurzeit SchÄerarbeiten 
der Kunstgewerbeschule zu einer kleinen Ab schluß-Au ssier- 
lung vereinigt, die einen Ueberblick über das wahrend der 
zwei Jahre Geleistete gewähren will. Das Ergebnis stimmt nary- 
denklich und läßt den dringenden Wunsch erstehen daß bei der ge 
planten Umwandlung der Schutz mancherorten recht kräftig dmch- 
gegrrsfen werde, damit in Zukunft die Schule den an sie Au richten 
den künstlerischen Ansprüchen auch wirklich genügt. Ausgezeichnete- 
Arbeiten wM vor allem die Graphik-Klasse von Dein Villa 
auf. Der begabte K. v, Appen zeigt Illustrationen zu Würgers 
„Bohöme" und wirksame Plakate, in denen sich wieder einmal die' 
gute Eignung expressionistischer Stiletzmente gerade für das Plakat 
offenbart. °Von großer Feinheit sind die duftigen, leicht und sicher 
hingesttzten Faröen-Lithographien von Fritz Franke zu Von-' 
sels „Biene Maja" und einem Büchlein „Die Schildbürger" (Frank 
furter Verlagsanstalt), wohl gelungen auch die Bilderbücher von 
Maria Balle, die-außerdem Portratköpfe mit der kalten Nadel' 
meistert, und von Hilde K o ch, die noch durch aparte Glasbilder 
-erfreut. Den stärksten Eindruck hinterlassen wohl die tiefempfun 
denen Radierungen von Awne M üll er - K natz, in gespenstisches 
Helldunkel getauchte aufwühlende Visionen von Grauen und Elend, ' 
die, ohne schon letzte Abgeklärtheit und Selbständigkeit zu bekun 
den, reiche Hoffnungen für die Zukunft der Künstlerin erwecken. —" 
Der von Emil Hölzl geleiteten Klasse für Buchgewerbe, die jetzt 
der städtischen Fachschule angegliedert wird, entstammen gute 
Schriften, Illustrationen und geschriebene Bilderbücher (so eines: 
„Der standhafte Zinksoldat" von Elara Maley). Im Zusam 
menhang hiermit seien gleich die geschmackvollen Schriftproben und 
Ornamentmuster erwähnt, die aus der Vorbereitungsklasse von 
I. F. Riese gezeigt werden. — Dtz Arbeiten der Klasse von^ 
Pros. Cissarz wirken ein wenig enttäuschend. Wenn diesen' 
dekorativen Malereien aber auch, trotz zahmer Ansätze zu expressio 
nistischer Ornamentik die eigentliche Originalität fehlt so halten 
sie sich doch immerhin auf einer respektablen mittleren Höhe, wäh 
rend die architektonischen Leistungen aus der Klasse von Pros/ 
LuLhmer (bezw. dessen Assistenten P. Scheinpflug), so 
wie aus der Klasse von El. Mehs beträchtlich unter Mittelmaß 
bleiben. Der Entwurf zu einem Warenhaus z. B. ist ganz un- 
architektonisch gedacht, von echter Raumkunst verspürt man hier 
überhaupt keinen Hauch. Einige Jnnenraum-Studien mögen zur 
Not passieren. — In der Klasse von Pros. Hausmann werden' 
gute Schmyckanhänger gearbeitet, unter den größeren plastischen 
Werken ragt besonders eine FrauengestalL von Moos hervor. — 
Aus der Kleinplastik-Klasse von Carl Mohr rühren etliche nette 
Ofenkacheln und Dosen her. — Die ornamentalen Entwürfe der- 
technischen Malklasse von H. Bäppler sind zwar von etwas 
schablonenhafter Erfindung, aber tN kecynischer Hinsicht gut gera 
ten. An den akademischen Aquarellstudien aus der von Pros. N e- 
b e l geleiteten Klasse geht man ebenso gleichgültig vorbei wie an 
den Abzeichnungen der Klasse von E. Hub. Or. Xr. 
Imuksmler Zrötzjahrsmrffe. 
M-1L April. 
Das bauliche Gesicht der Mesie. . 
Dem Besucher' der diesjährigen Frühjahrsmesse dränE 
sich sofort die baulichen Veränderungen und Er-^ 
Weiterungen auf, die seit der letzten Messe unter Leitung' 
von Stadtbaumeister Grörich durch die Mesfe-EeseLschast 
vor genommen worden sind. Der zweigeschossige und unter 
kellerte Haupttrakt des Hauses Osfenbach ist bis zum Schnitt 
punkt von Ost- und Südhalle verlängert worden und enthält, 
dort, wo er in diese Hallen eintrifst, ein« geräumig« Treppcn- 
anlage, die für den bequemeren Zugang zu seinem oberen Sloch 
wert sorgt. DA: Trakt wird in seinem Innern, später fertig aus« 
gebaut werden; vorerst sind Holzpfoften und Binder noch ohne- 
Berkleidung, Tiese Erweiterung des Hauses Ossenbach bietet, 
ganz abgesehen von der Befriedigung schnell gewachsener 
Raumbedürsniffe, den großen Vorteil, daß sie die Lücke schließt,- 
die vorher zwischen den einzelnen Hallen bestand. Ohne in? 
Freie treten zu müssen, kann man jetzt von der Festhalle aus 
nach allen möglichen Punkten der Messestadt gelangen. Auch 
die eine Osthalle hat eine Verlängerung erfahren, und zwar' 
dehnt sie sich bis zu den Haupteingängen hin, nach dem Tram 
bahnrondell zu in eine schlicht« Putz-Fassade ausklingend^ 
hinter der einig« Büros untergebracht sind. Diese Halls gprnzt 
nunmehr den Platz vor der Festhalle nach Osten völlig ab und' 
verschasft so dem Auge, das in das etwas verwirrende Bild 
der verschiedenen Baulichkeiten Klarheit zu bringen wünscht/ 
«ine gewisse Beruhigung. Zu einem günstigen PlatzabMuß 
trägt dann an der für sie gewählten Stelle auch die neue Nord-; 
hall« bei, ohne daß freilich ihre in Sparbauweis« errichtete 
Fassade letzte Wnstlerische Ansprüche zu befriedigen vermöchte.- 
Früher erhob sich dies« Halle an demselben Platz, wo. jetzt biet 
Gerüste des Werkbundhauses gen Himmel ragen und schon wei 
tere bauliche Vergrößerungen für die nächste Herbstmesse am-, 
kündigen. Zwischen Nordhalle^ und Festhalle liegt-das von den 
-- Kunstleben und Lebenskunst in Japan. Im Rahmen dE 
ostasiatisHen VorLräge sprach Samstag abend Frau Prost" 
Fischer, die Direktorin des Ostasiatischen Museums in Köln, 
über die Kunst Japans. Dieses Kölner Museum, in dem man 
Zum erstenmal in Europa versucht hat, einen Ueberblick über drei 
gesamte ostasi^ Kunst zu geben, ist die Schöpfung ihres ver-/ 
storvenen Mannes, den die Rednerin auf seinen jahrzehntelangen 
Expeditionen durch China, Japan und Korea begleitete. Der- 
Aufenthalt in Ostasien hat ihr nun vor allem eines offenbart: 
den innigen Zusammenhang Zwischen Kunst und Leben, gerade/ 
in Japan. Schwer bepackte Lastträger ihrer Expedition, so er- &amp;gt; 
zählte die Rednerin, pflücken sich noch große Baumzweige ab uM 
schleppen sie mit, rein aus Freude an ihrer Schönheit; die Kunst/ 
rst dort nicht Luxus wie häufig bei uns sondern Gegenstand der) 
Verehrung urck unmittelbare Notwendigkeit des LÄMs. Der) 
Wille des Japaners Zum Schonen und Gestalteten, der sich über^ 
all in seiner ProfanLunst ausprägst adelt schon seine engste Um-/ 
Welt: das Haus. Dieses ist fast immer ein Eigenhaus, untere 
Umständen von mehreren Generationen bewohnt wird. Aus HrM 
gebaut, steht es der Erdbebengefa.hr wegen "auf Pfählen, rmgsi 
herum zieht sich eine Veranda und seine zum Teil beweglichen/ 
Wände und papierbespannten Schiebetüren können leicht heraus--) 
genommen werden.. Türen und WandschirMe sind mit oft 
lefenm Malereien geschmückt. Reiter stürmen dahin und erwecket^ 
Sehnsucht nach der Ferne, Pinien trauern an stillen Leichen/ 
umflattert von Wildenten, und eine Brücke spannt sich gar über 
sieben Türen. Alles das meist mit spärlichen Pinselstrichen hm»- 
gehaucht, wie denn überhaupt Enthaltsamkeit Lm Gebrauch der/ 
Kunstmittel Stilprinzip japanischer Kunst ist. Die Decke deA 
Hauses ist leicht aus Holz getäfelt, der Fußboden mit strohunter-f 
polsterten Binsenmatten bedeckt. Bettstelle, Stuhl, Tisch usw^ 
die man in europäischen Wohnungen Zu sehen gewohnt ist, fehlem 
im japanischen Haus, da die Landessitte ihrer entraten kann/ 
Wie wenig solche Einfachheit mit Primitivität zu tun hat, wie" 
sehr sie im Gegenteil alter Kultur entfließt, dafür spricht u. a.f 
der Umstand, daß sich in der stabilen Wand jedes Hauses 
Sanktuarium eine BWnifche befindet, in der bald das eine, LaW 
das andere geliebte Bild aufgehängt wird. Die Art der Bilder; 
kommt ihrer Auswechslung zustatten. Sie werden zusammen^ 
gerollt und in schön geschmückten länglichen Kasten gehütet; zieW 
der Japaner sie aber hervor, um sich ihrer Betrachtung hinzu/ 
geben, so verneigt er sich Zunächst ehrfürchtig vor ihnen, 
Beweis mehr dafür, daß ihm die Kunst Gottesdienst ist. Ders 
hohe Stand des japanischen Kunstgewerbes ist jedermann be^ 
konnt. Die ursprünglich von China üderlwMMene Lackkunst hast 
in Japan eine selbständige Ausbildung erfahren und Zur Er^ 
Zeugung einer Fülle von Hausgeräten geführt, die infolge der 
Güte ihrer Herstellungstechnik so gut wie gar nicht durch dem 
Gebrauch leiden. Von dem Lesepult und der Brief-schachtel am 
bis zum Zahnstocher und dem Vogelfutrernäpfchen werden die 
Gegenstände mit Lack überzogen und ausgeschmückt mit Motiven' 
die ihrem Sinn angepaßt sind. Auch Ksrbwaren und schöne 
Geräte aus Metall und Erz finden daneben im Haus Verwett-, 
düng, und die vollendete Feinheit aller dieser profanen Gebilde 
verdeutlicht es immer wieder, wie tief die japanische Kunst iM 
Volk wurzelt. — Die von inniger Liebe zu dieser Kunst getragenes 
Ausführungen der Rednerin wurden durch treffliche Lichtdicht
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        n n d ch i n e s i s ch e K u l 1 u r 
Kr. 
fV)e^&amp;gt;c&amp;gt; 
Lebensgemeinschaft und Zukunft der Liebe. 
Im Volksblldungsheim entwickelte Mittwoch abend Tr E 
Ärnsid di« grundlegenden Gedanken, die in der von ihm LÄei- 
teken Neuwerf-Gemeinschost Sannerz bei Schlüch- 
lsm ihre Ve-ckörperung suchen und finden. Alles Lebendige, so 
^ryrte der Redner «08, gehört zusammen, und alle Menschen sind 
darum berufen «ine Lebensgemeinschaft zu bilden, die ihrer Sekn- 
Erfüllung schenkt. Dieses Leben aber, das die 
Menschen durchdrrngt «t im Kern Bewegung, es guillt am bSchste« 
dorr empor, wo es nch in Arbeit und Tätigkeit umsetzt. Jede wahr 
hafte LebensZemeinschaft muß daher Arbeit leisten, sie muß 
produktive Kräfte zur Entfaltung bringen, wenn sie neues Leben 
wecken will, Da serner Leben immer Uebersiuß ist, besteht seine 
letzte Erfüllung in jener überströmenden Liebe, die aus der Kreudr 
komm^ ^re echte Lebensgemeinschaft verwirklicht fich überall, wo 
Menschen sich lieben und Mkuds aneinander haben, wo Liebe den 
emen Menschen zur Entdeckung des innersten Wesens seiner Men 
schenbruders fuhrt. Drei Arten von Liebe aber gibt es: 
ne, besitzesglenge Sinneslust, den Eros, der Körper und Seele 
^rgretst ü&amp;gt;ch ^tl hat an jeder zwischenmenschlichen 
Liebesbeziehung, und schließlich die Gottesliebe, die -ine Offen- 
barun.q des Transzendenten im Immanenten, des Logos im Misch 
.st, ein jauchendes Ja zum Leben und zur Gottheit selber. Diese 
^"«liebe, die Jesus erschlossen hat, ist das allein Entschei- 
die sie im Herzen tragen und 
yeute^dre Großstadt, um draußen 
^^"^E^tzlotteS zu spüren. Wenn sie nun merken, 
ihr Verlangen nicht zu befriedigen vermag, dann 
werden sie wohl für die Erkenntnis reif, daß einzig die Herstellung 
nndVTnEIeE in dem alle nationalen 
getilgt find, ihrer Licbessehnsucht 
Erfüllung verspricht, sie erkennen weiterhin, daß die aegenwär- 
ihren Forderungen keineswegs Genüg« Astet und 
begeben sich dann entweder m das politische Kampffeld. oder aber- 
mer kam der Redner auf s«in eigenes Werk zu sprechen — sie Se- 
sönl^ « ch" W e g und wirken auf gründ per. 
^"en Kreis einer Lebensgemeinschaft. 
Eme solche »ledtunasgemelnschast besieht in Sannerz. Ihre Me- 
Gmndlage zusammen, sie ver 
richten produktive Arbeit und teilen miteinander die Freude am 
daß derartige Gemeinschaften im Kollektiv 
en kÄ nk^erwMden werden, wenn alle Mm- 
!2,dn,dle sich zu produktiver Arbeit vereinen, in ihrem innersten Her- 
ien das Herz Gottes erleben, wie es Jesus einst erlebt bat — 
Heute, Donnerstag, und nächsten Dienstag abend um 8 Uhr fin- 
^"^öttllungsherm im Anschluß an die Vorträge von Dr. 
^dritte b«!tag und Samstag der zweite und 
UM w mehr wird es ihm glücken, sein Leben in Harmonie mit dem 
Weltgeschehen zu bringen; Verständnis des Tao führt ihn zur frei 
willigen Einordnung in, den Laus der Welt.. Laotse wie C o n- 
fucius haben beide das „Buch der Wandlungen" verehrt und 
aus seinen Lehren die ihren abgeleitet. Jener, der in einer von 
Kriegen Zerrütteten Epoche lebte, setzte das Las dem Naturlauf 
gleich; eine große Müdigkeit, die sich von dem Streite der Menschen 
ganz' in naturhafte Einfachheit zurückzuziehen sehnt, erfüllt iein 
Werk. Sein etwas jüngerer Zeitgenosse Confucius ist im Gegen 
satz zu ihm G e s e l l s ch a s L s b i l d n e r, er erblickt das Gesetz 
des Wandels im geordneten Lauf der Gesellschaft. Seine Lehren 
überdauerten Jahrhunderte des Zerfalls und auf ihrem Plan er 
baute sich später das neue China, das so wenig wie ein Würfel 
je aus dem Gleichgewicht zu bringen war. Der Confucianismus, 
der durch den Ahuenkultus die Gegenwart fast an die Vergangen 
heit zu binden sucht, erstarrte in einem weichlichen Formalismus, 
gegen den sich eine Reaktion erhob, die teils den Schwerpunkt 
egoistisch ganz in das Ich verlegte, teils einem die Bande des 
Bluts überwindenden menschheitsgläubigcn Kollektivismus hul 
digte. M e n g t s e, der dies-e beiden Richtungen bekämpfte, haucht 
dem Confucianismus durch den Gedanken der Selbst? 
erziehung neues Leben ein und sicherte ihm derart 
eine der Lehre Laotses überlegene Wirkung zu. In der 7. Dynastie 
(1. Jahrh, n. Chr ) drang der Buddhismus in China ein. 
Ex wurde begierig eingesogen und eine buddhistische Literatur ent 
stand, die einzigartigen Wert für uns besitzt. Heute ist der Buddhis 
mus in China zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken Der 
Redner beschloß seinen gehaltvollen Vortrag mit der Nczital'on 
einiger chinesischer Gedichte, denen man -entnehmen konnte, wie sich 
die Weisheit der Denker allenthalben ins Leben ergoß und durch 
weg das Fühlen der Menschen bestimmte. — Mittwoch den 20i^ 
April spricht Dr. R. Wilhelm auf Einladung der Männer- 
Ortsgrupps d-cs Vereins für das Deut chtum im Ausland in der 
Loge Carl am Mozartplatz, abends 8 Uhr, über „Europäische 
Imrrkfurier AugeteMchMm 
Nachtfrostgefahr Der Wetterumschlag, der gestern eingesetzt 
hat, droht m Kä!terückM überzugehen. In; Verkauf d:s 
heutigen Tages ist ein stärkerer TeinperaturrückgaNg Zu erwarten, 
der m der Nackt^ei Ausklaren "Zu Frost führen wird 
Die Philosophie Chinas. Daß in dem ostasiati'chen Vor 
tragszyklus auch Gelegenheit geboten wird, die philosophischen An 
schauungen des Ostens kennen Zu lernen, ist besonderen Dankes 
wert, denn immer erblüht ja das Verständnis des Kunstschastens 
einer uns fremden Kultur erst aus dem Verständnis ihrer geistigen 
Grundhaltung. Or. Uc. R. Wü lhelm (Stuttgart), der Mittwoch 
Abend über die Philosophie Chinas sprach, bemühte sich vor allem 
um die Hervorhebung derjenigen Züge chinesischen Denkens, die 
für die Kunst von Bedeutung sind. Die gesamte chinesische Philo 
sophie wurzelt in dem Orakelwesen der Urreliawn. deren Lehrm 
durch das Uihtting, das „Buch der Wandlungen" überliefert 
werden. Dieses Buch, dessen Mber'etzung der Redner zur Zoll 
vorbereitet. ist der Inbegriff chinesischer Lebensweisheit. Im 
Gegensatz zu europäischer Philosophie, die zumeist von dem Be 
griff des reinen Seins ausgeht, macht es den Begriff desWan- 
dels zur Grundlage alles Denkens Der Wandel aber vollzieht 
sich nach dem Gesetz der ewigen Wiederkunft, er gehorcht einem 
unabänderlichen Fatum, das den Lauf der Welt regiert und den 
Namen Tao trägt. Während die christlich-europäi che Kulturweu 
den Gedanken zielstrebiger Bewegung erzeugt, wird das statische 
chinesische Denken durch die in sich geschlossene Kreislinie symboli- 
sierü Auf Sommer folgt Winter, auf die Zeit der Blüte die des 
Untergangs in einem unablässigen, jeder Entwicklung baren Wcch- 
sel. Je mehr sich der Mensch in diesen Sinn der Welt verliest. 
Iravssucier KrUjj«hkLM-s)e. 
10. bis 16. April. ' 
Mävel und ZucehLr. 
Das Bismarck - Messehaus enthält in nU-rr Fülle 
Möoel und E.michluntzsgegensiürlds, w.-e üoerhaupi a.^, was 
zur vollständigen AuLswÜu^g einer Wo^»mng ge^örl ^cnche 
Aussteller haben sich bemüht, den w seyr ver.chrechlerlLn Wo^ 
nungsverhälmiffcn und der ver^ngerLen in un.ecun^ 
verarmten Deutschland Rechnung Zu tragen. Mit Genugtuung 
sei Z. B fesigestellt, daß man aus unrournielte Mädel au-r 
Kiefernholz stößt, d,e nur mit erner Beize von vorzüglichem 
Farbenton versehen sind. Wozu auch immer und ewig Las 
F^nier, das doch häusig nur eipe Vornchmheir vocL-u cht, 
hinter der sich nicht das mindeste vr.birgt^ Unv.UMle Ein 
fachheit des Materials bei gediegener Ausführung re^s entze!« 
neu Stücks wird ob ihrer Ehrlichkeit und Ech heil, gu e Foc.M 
gebung vorausgesetzt, ästhsüjch stets befriedigend wirken, „ot 
mach» erfinLerirch", dieses glückliche.weise sich nicht seiden be« 
währende Wort paßt auch auf eine M5 ^-Abteilung, in der 
die trautige Lage so vieler Familien, die sich oft nur miteinem 
Zimmer behelfen müssen, rveitgenndst berücksichtigt wird M.n 
sitzr auf einet Art von Kanepee und ahnt nicht, daß dieses des 
Nachts in ein behagliches Bett verwandelt werben k^nn, das 
außerdem noch breite Schubkasten zur Aufnahme des Beuzeu^s 
snchölt. De. Eßtisch davor braucht nur Lusgeklappt zu werden, 
unr sich als Waschtisch zu entpuppen, und auch Stühle und 
Schränk machen etliche Verw-andlungskün e durch In welchen 
Zeiten leben wir, daß solches nötig wird! Freilich, nicht überall 
bemerkt man Verständnis für die Erfordernisse der Gegenwart. 
Immer noch werden prunkvolle Büffels und aüeUel Möbel 
stücke gezeigt, mit denen bei unseren beschränk en Wohnungsver- 
hällnifsen heutzutage nur mehr wenig Leute etwas anfar.gen 
können. Alte Gewohnheiten pflanzen sich so infolge der mensch« 
lich-allzumenschuchrn Trägheit fort, se.öst wenn sie schon längst 
sinnlos geworden sind. Leider macht sich nicht sei en statt schlich 
ter Sachlichkeit oft Ungeschmack breit, der sich in überladenen 
Formen und Profilen wie in überflüssigen Zieraten und 
Schnitzereien auf Kosten der Qualität nicht genug zu tun weiß. 
Da beißt es dann wohl, das Publikum verlange dergleichen, aber 
die Aufgabe des weitsich'igen Fabrikanten besteht eben darin, 
auf das Publikum erzieherisch einzuwirken, und wenn er für 
den Entwurf seiner Möbel ernsthafte Künstler zu Rate zieht, so 
wird das ja schließlich nur Zu seinem eigenen Vor'ßil sein Auch 
wird man, in der Möbelindustrie zumal, aus möglichste Typi- 
sierung der verschiedenen Gebrauchsgegenflände bedacht sein 
muffen. Es ist nötig, diese allgemeineren Bemerkungen und 
Bedenken hier zur Sprache Zu bringen, weil, wie der Rund 
gang durch die Ausstellung lehrt, das Bewußtsein von der Wich 
tigkeit einer S'eiaerung unserer Geschmackskullur und. hiermit 
verbunden, der Versachlichung um Möbelstils noch längst 
nich genügend entwickelt ist. Eine Reibe vortrefflicher Einzel 
stücke, unter denen besonders geschmackvolle Korb-, Schilf- und 
Gattenmöbel bervo^a^en, beweisen Zur Genüge, welch guter 
Leistungen unsere Möbelindustrie s' hia ist, wenn sie mit künst 
lerisch geschulten Kräften ZusanimenarbriLet. Dr. Lr.
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        l/5 2.FL 
Aespfeckungen. 
DZd 8LDRLZLLMI' ÄOL' MSltAG^ArL^lLt«. kdÜVM- 
Mlsoks CrmEe-M-iiA nu BÜier 
pIüIoÄopkM. (Ik 1'oM. EVr LritL Osv/E 
Lhi^esische und europäische Kultur. 
Auf Einladung der Ortsgruppen des Vereins für das Deutsch 
tum im Ausland und des protestantischen Misstonsvereins sprach 
Mittwoch abend Dr. lic. N. Wilhelm (Smttgary über das 
Verhältnis der chinesischen zur europäischen Kultur. Zum Unter 
schied von so vielen anderen Kulturen, die infolge des verheeren 
den Einflusses der europäischen Zivilisation schnell zusanrmen- 
gebrochen surd, hat sich bisher, neben dem Islam und der in 
dischen Kultur, die chinesische Kultur als sehr zähe erwiesen. Das 
macht: sie ist im Gegensatz zu den oft recht komplizierten primi 
tiven Kulturen in ihren Grundlagen äußerst einfach, Mangel 
an Aberglaube verleiht ihr Stärke» Co.nfueius, der seine Er- 
knntniskraft ganz auf dre praktischen Fragen menschlichen Zu- 
sammemebens richtete, hat den Bauplan dieser Kultur in seinen 
Hauptzugen entworfen. Ehrfurcht, was das Verhältnis des Men 
schen zur Außenwelt anbetrifft, rmd Gewissenhaftigkeit sich selber 
gegenüber: das sind ihm die Kardinaltugenden, die beiden Brenn 
punkte der Ellipse menschlichen Daseins. Schon im engen Kreis 
der Familie wird Ehrfurcht wie selbstverständlich geübt uns 
erzeugt einen für europäische Begriffe ungewöhnlich innigen Fa- 
milienzusammenhang. Bei der Kindererziehung tritt an die 
Stelle des Zwanges auf Grund konfuzianischer Lehre das leben 
dige Vorbild der sich selbst erziehenden Eltern. Auch der StaaL 
ist nach Confucius nichts arideres als eine erweiterte Familie, 
und je weniger sich eine Regierung fühlbar macht, umsomehr 
nähert sie sich der Vollkommenheit., Die bevorzugten Stände der 
Regierenden und der Reichen sollen, so lehrt der Weise, die stärk 
sten Lasten auf sich nehmen und am meisten arbeiten, damit ihnen 
die erforderliche innerliche Achtung und Verehrung durch die un 
teren Volksschichten gezollt werden kann. 
Diese Kultur nun, deren Idealbild sich immer wieder durch? 
gesetzt hat, unterliegt jetzt unwiderruflich dem tödlichen Gift der 
europäischen Zivilisation. Um ihr Versinken im Bolschewismus 
zu verhindern, wird es darauf ankommen, daß sich alle Träger 
wirklicher Kultur in Europa und China die Hand zu gemein 
samer Arbeit reichen. Deutschland zumal, dem China gro 
ßes Vertrauen entgeaenbringt, hat die Aufgabe, seine kulturellen 
und wirtschaftlichen Beziehungen Zu China wieder anzuLnüpfem 
Suchen wir, ohne unmögliche Machtträume zu nähren, dir Chi 
nesen in ehrlichster Absicht clls Mitftrebends auf, so werden beide 
Volker gut dabei fahren. Ein stilles Wirken in diesem Sinne 
muß umso reichere Früchte für uns tragen, als in absehbarer 
Zeit vermutlich jede Bevorrechtung fremder Nationen m Chkm 
aufhört. 
Der Vorsitzende der hiesigen MannerorLsgruppe des Vereins 
für das Deutschtum im Ausland, Pfr. Meyer, beschloß den 
Abend mit einem warmen Appell an die zahlreichen Zuhörer, der 
heute mehr denn je unentbehrlichen Tätigkeit des Vereins ihre 
Unterstützung zu leihen. 
Frankfurter Angekegenheikm. 
? « Der Einzelne und die Weltnot. In immer mehr Menschen 
Befestig! «ich gegenwärtig die Ueberzeugung, daß die Not unserer 
A'E "ur -durch ein Leben auf religiöser Grundlage zu überwmden 
D. Auch der zweite Vortrag, den Dr. E. Arnold von der Neu- 
MrkSgcmemschaft Sannerz hielt, war von dem Glauben durch 
drungen, daß einzig aus einer religiösen Erneuerung der Menschen, 
Mus einem auf Gott bezogenen und von der Liebe zu ihm ganz 
'erfüllten Dasein das Heil erblühen kann. Was ist denn - so 
fragte der Redner — der letzte Grund der Weltnot, in der wir 
Lrns heut« befinden? Das Hasten am Ich, der Urfreve! Lesitz- 
sienger Vereinzelung, Die christlichen Kochen verleugnen Jesus 
Ar diese Weltschuld bloßgelegt und mit dem Vesitzwillen in jeder 
Norm gebrochen hat. Gewiß ist es unsagbar schwer, ihm nachzu- 
^lgen, denn zwischen unserem Liebeswillen und der harten, kalten 
WlMlchkei! draußen klafft ein kaum zu überbrückender Abgrund; 
Mer trotzdem: alles wird daran liegen, daß wir, statt den niederen 
Uneben uns hinzugeben oder dem so leicht zum Pharisäismus 
-erführenden Wahne zu verfallen, Bändigung der Besitz- und Ge- 
Mechtsgler sei lediglich mit Hilfe der ratio und der rohen Gewalt 
Zu erreichen, Menschen der Freiheit werden, die aus dem Geist 
der Liebe heraus leben und zu schenkendem Dienst bereit sind 
Wo rmnnr eure Ehe, ein Jugendbund oder sonst eine Gemeinschaft 
Entsteht, die, von solchem Geiste angetneben, sich auSwirkt, dort ist 
Km Anbeginn in Gott. Die Not in Deutschland wird sich ver- 
kwßcrn, unsere ehemaligen Gegner werden uns weitere schwere 
Lasten aufbürden Da ist es denn allein der W i! l« z u r a d i« 
kater Armut und die aus dem Ueberfluß herkommende G s t- 
8 es liebe, die uns diese Zeiten überdauern und wahrhaft glück 
lich sein laßt. — Der dritte und letzte Vortrag von Dr. Arnold 
'findet nächsten Montag 8 Uhr im Volksbitdungsheim statt. Am 
Drenstag 7&amp;gt;L Uhr soll ebendaselbst Gelegenheit zu einer Ausspmche 
Löer die Vorträge gegeben werden. 
WelLrevsluLwn und WelLerlisung. In dem letzten seiner, 
drei Vvrlrc ge warf Dr. E. Arnold von der Nruwcrkgememschaff! 
Sannerz die Frage nach dem Zusammenhang der W-cürcvolut'ou - 
nät dcr Wrlterlösung auf. Wenn einst die französische Revolution! 
1789, so führte der Redner aus, aH ihr Ziel die Herstellung der! 
Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit bezeichnete, so hat sie doch- 
jedenfalls nur einer größeren Freiheit dcr Menschen Bahn ge^ 
vrochm, einer Frerheit, die keineswegs gleichbedeutend mit Erlös c 
sung war, sondern bald in ein schrankenloses Manchesterlun aus«- 
artete. Ihr gegenüber legt die socialistische Revolution unserer 
Tage des Schwergewicht auf M Verwirklichung der Gleich-s 
heit, aber auch sie ist von sich aus nickt fähig, dcr Menschheit des! 
Heil .Zu bringen. Gerade wenn man fühlt und weiß, daß die in 
ihren Anfängen steckengevUoLcrn Revolution sich noch weiter aus-/ 
bveitm wird, gerade dann gilt es cmZuschcn, daß die sozialistischtz- 
Glcickbcit noch keineswegs mit wahrer Freiheit und wahrer Vrü- t 
derlichleit gleichbedeutend ist. Dar russische VolschewisEs hak' 
das zur Genüge bewiesen, er lehrt erkennen, daß für di« Herbei-k 
sülMNg der Weltcrlösung eine Verschiebung dcr VsÄ'-schichten durch i 
die Mittel roher Gewalt Letzten Endcs ganz belanglos ist. Ent-Z 
scheidend ist vlelm-ehr einzig und allein, ob der Geist des Mammon), r 
der ein M^rdaeist und ein Widersacher jaÄcr mMni VolkSgerwün«! 
schast ist, durch einen andern, einen neuen Geist erseht werdrnl 
kann. Diesen die niederen Triebe übrrwinder^cn neuen Geist aber! 
hat Jesus un.Z offenbart: cs ist dcr göttliche Geist aufbaucndcxj 
Liebe, dcr die Menschheit M einer inn'g verbundenen' Gemein^' 
schaff Zuscrmmonschweißt. Wer seincr voll ist, der weiß, daß auf^ 
die blutigen WelLrevolutioncn als letzte Umwälzung noch die reli-' 
giöse Erweckung der Menschen Zur Brüderlichkeit folgen, 
muß. Erst wenn die Menschen eine Einheit in Gott sein werdet 
— M der Herstellung dieser Einheit für seinen Teil mitzuwirker^' 
ist jeher bemfen —erst dmm ist die Erlösung der Welt LoMrach^ 
Vou Dr. 
MdwAtzQ, ll. 0. V. Nobr (kau! KieibeeL). VIL, 
373 KottE. 49. 
KpönMrK HntsrALNZ- Ü6G dLt 
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uudsäoutsMtzu HWdunS Vou Vsk- 
trotoru llsr vsiAÄÜM&amp;lt;l6U6u vou rMMZWk 
8oiw, ja KOMr LW ÜW &amp;lt;1^ FuUsull d-eiLW ist srr 
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^voräsu, uuä os BdL Lmiiu uook ^rAuiueuw, äi« WSW 
K6!U6 M6LSH IW&amp;gt; KSkÜÜrt KÄtttz. 
vou &amp;lt;ier LÜMmüt, äaL M LoIeÄW nur &amp;lt;lui^ü äitz xdM- 
80PÜM61M LbÄ-MUMK Luk äLS ckbr 
NöKlwkirtzit LcksuutuW rüvtiA d-SL^. 
LU V611NL.K', uMsrLMUMtz «L äsr 1'U'mu^Or PÜG - 
80PÜ krokHWor IILHr 1 u A', priWLixiMH 
LU siuei' z^äeu von 
püüo-KOpI'E LU liskeru, UM. äÄDU, Luk 6lruu&amp;lt;1 äi-Wtzr LrHrt - 
ruuAsu, 8x6u§l0rL ObäLulLsnsssdiläs kritäMü Lu 
vitzisolbH UmsleUt- uM OrüMliM- 
kslt, clls HkLWsr 6odou iu «IHM tiHbereu ^rdelt-: „Dir; 
UrltEÄlWLs'iumK äW Iu 
, K6WBM U0U6U Luo-Iw ^VLDÜ0!U!U Odltuu^. Ls WL- 
Mallst; äis äsiu UistorMelitzn Luk, una 
tzMkÄlttzt äls HiuMlutzL MLdsrLblltzu uM 
ÜW ÜWSrdLM &amp;lt;1-66 distontzedtzQ sinn spktzlsD. 
uM ä^rum bei ieäHT- KesvdielitHodsu oder ZBsvkiekM- 
x-üüoM)xbiKe!i6ii §ebMrGud 2u bLrüoksIeütLTHu 
6iu&amp;lt;I. 6Üi ds«aM6r0r ^aLtor der- i'reW smM- 
Mid dis ULMH ÜMÜ0 jsuor Llu^Lndo tzwLi'LkvbL, äis- 
MLU, LUMLl V0U QiLtur^i8S6IE«ÜLjMQb6-r 8e1te, FDF6U 8HZLL 
uuu viiMM.I Hi-lSdtes VerÜLudsElu vor^ubiMÄ°tzu IZT 
dsrA-rt über den distorÄckeu O^Z'brmtLud LlLÄieü 
so es Mü weiter, umu Lu dHiM Lu vönstHddv. 
Dsr VerkZLZHr uutHrsol^ldHt l^peu dc^ VMtHäsW: SW- 
WÄ-I dtzu lLLULAlsu CesHtLHÄ^pus, der dW LiuMuH dHM MKH- 
MMU6U OtzMtÄ UUtHI'OI'dUHl, 2UM Ludd^6!l dtzU tHlH0lo§i8Hd0L 
IruIivickuiLlt^pu«, dHr d^m LiuLHlDH McÄ 
HNIHK L^HvL^all HluäeMWktzu dLU26u erLvkt. UZ,tÄ?!M! 
k-HriLHÜt tu de-r OHKödiolitH das telHHlHMSHÜH VBmtMMs- 
P1ÜU21P vor, du, 68 EÜ bei Mr IM v^ontlüdiM UM Hin 
§rHiksu Li-LOdoiuuuKku ÜLudHlt. Lr84 dE 
HMpilÜHHlwII L-HkWrdH mü Hills LÜHr Mö^IlHÜHU 
der dM 8wkk weider eMkllHktzridöu tHlHoIogisebKu 
iutHrpiHtlert ^Qideu Wud, dürkbu die dauu uoeu (uot^HLdM) 
verideibtzudsu V erZMudulsIaeLeu) du red eins 
Nel^pÜMÜc" vorZled-lLA LULU-skMt werden, vviuü die bs- 
selüelilH uülülieii M ^HKeLreütspMoAOpülH 
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prMLipiMtz (iQtzsrsuo^WKvQ 8UÄ KslLNGt Ilas^WiF ZÄ tzMve 
tzwAobtznäsn V^ÄräiMiiZ' ÜO8 KptzNUlsrLQdOL ^V6rk«K. Lr Ledr 
2. D. mit, Iltztzdr Iitzivor, (täL äto Lultkirturtzn KptzQ§lsW 
oedtsu, ^ssiMielrsn KiirLbltdn siM, äio rmm der bWt-sriMÜGL 
Keldtzk tzutriMmsii ^önnis, koMoru KeliHÜL^^ML, 
äis W I^evro LüismlroustruLtzrt- ^erätzn iWÜ biöods^SM eäDdQ 
MVWiSSü! IlSurlKtiLedJN E&amp;gt;tz8LdLtzQ. Xu ätz» VOL KpHSZks? 
vtziDÄ-tzdiLMsw» ^^lDrsn ZLUIt s? vor Lllsm äs» krÄsn 
^Vültzü, üuivli Ü^WU ^uEdaltuDU ^ieb iAptzv^lor LZK 
^atiirLMt von rmiiKwm MEer or^oWt. Im 6o§eMLt^ LA 
äom IIuttzrMEM-k'bil'OLopdtzii oi-LtzUWt ä^r Vtz-rkasser Mtzodro^r- 
üei^ Lnt^üelrluu^^tzsotM, äi-o UrM ^Villen UdtzoFSoränot 8WLl. 
mir in ««Iir dtzsoUrLuLtsm Usötz M; Er ^Ludt vre^mtzdr «L 
äio N6UlieIck&amp;lt;ür EWEr Wdortzn^vreLlMU QLod Zrsi§6' 
K d I to n !Ltolou, äio IoäiMtz!i äur&amp;lt;^ Mo VtzsebEbD' 
ktzittz» äW iiAtMiMMvtzUtziL NatEriLlV v'irL. 
Hör d-osouäGiD ^ort, ä-ss von Hoüt&amp;lt;sr vÜW tziL-^Lktliod-Hi 
Hoälmd^tzich äure.wIruLFtzUtzL IMtztuW desrebt äLkW, älM 
08 vitzlsn, okt ZML MMtzrMvdtzL HsdsrMkktzu äsr NtzchW' 
VÜ«KSW0dL,kMtzdtzQ LGtrZX;dtlM!MVrHWtz Lnk Mtz ihr M(M L!N^r- 
vorktzntz» 6oi&amp;gt;Lsto mElodisolL tzrrt^sK'tzn^t,^ oüM äoad äiBMM 
LrIetziMtWVHrM,brtzQ Hort, VD es OeltunU dLt, Lm 
I)ZKGWLD6tzI^ ÄvLMprooktzn. ^uolr dtzLnn-äst, chsr VoriLSE 
äMd seius immsr^MrtznäH LtzrüHLMbt-iKunss äer LoDLrswD 
^ükliod^tzit ckurob Kb« bLukiM BMUMLÜM Ank ÜW 
vor^isstzvZLriLMiolis ^ItMä om VoWtÄQäniW kür äio Lsr- 
lrurM unä ätz» tz1§6nlHtzkitzn Zrnu ÄbsrrLlLtBr Lrlctzir-N'tnrs, Ü3S 
äio moWttzn Demrer Isläor Iionk^ nooü vormlKSSQ iASSon. 
Mm-oim (AtzäLMtzn kommen krEeL so äouÄWÄ LWv 
^WävML. MÄN 08 ME §6-E»Ä0üt dütttz. 8o äürktE 
otvva äio oriLtzontDistär-sorotisol!. '»vioktißD Linsiokü äaZ ztzäOK 
EtzBodiodtÄtMü ÜW M^sdsnH NLmiiTkLlM'kHit k^lisorL uM von 
n-0tz&amp;gt;v6näZ'tzr Llns-mtl^tzit. ist, LU V6iii§ 8tzIiZ,rk dorLWN6L^)Hlret 
sein; ä68B6EÜtzn ms^ MM 08 dtzÜÄUGrn, äM ätzr V^ÄKssr 
8SM SOrssMtLMN ^IILlMtzN »iokt LN BWtzr KNWNWriLEÜS^ 
nnä LiWeNlHLtznätzL OünrL^tVriskiiL äo8 tziß'tznMmIiQiiGn. ^ELMs 
äer. OoLeümütB in iüroni VtzrüLlLnW M. äem ^ostzn äsr Gs&amp;gt; 
MdiMtsvnüosoxMo 2WAMWGnkLLt. IIsdtzrÜLüpk ärLnAt kiM 
WdWtor ^sküM Auk^ sls Ei IlLorin^ nook niokt äLivL- 
noss dei ätzn IotLl)8n Lm LnMnMoktzn ^orMMorunKtz» ^v§H- 
iLvA. Um so ssOWLiinWr värä man äor von ikm ANMicüM^wL 
„^ViLMNKolinkMMrH" on^o^enFÄrsn MEtzm 
--- Die Idee der Humanität in Goethes Faust. Auf Einladung 
des Friedens-vereins und der Internationalen Frauenliga für Friede 
und Freiheit sprach vor kurzem Pros. Kinkel (Gießen) über 
die Idee der Humanität in Goethes Faust. Der Redner Lerief 
sich einleitend auf Schillers zur Zeit der französischen Revolution 
geschriebene Briefe „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen", 
in denen der Dichter zu dem Schluß komme, daß oie Menschen sich 
auf dem neutralen Boden der Schönheit begegnen muffen, um sich 
als Gleiche in echter Brüderlichkeit zu vereinen. Die Versenkung in 
Goeches Faust lehrt, daß dieses Drama die Verherrlichung tätiger 
Menschenliebe ist. Der erste Teil der Dichtung zeigt uns Faust noch 
ganz im Bann der Welt verstrickt. Aus überschLumendem Jugenddrang 
ergibt er sich der Magie, weil er glaubt, ohne Arbeit der Welt Her-r 
werden zu können, verfällt aber derart mehr und mehr der Macht 
des Bösen. Erst im zweiten Lei! gelangt er nach mannigfachen 
Irrwegen zu der Erkenntnis, daß einzig werktätige Hilfe, die der 
Mensch dem Menschen leistet, die Seele zu retten vermag. Er schickt 
die Magie fort, und in dem Maße, als er fördernder Arbeit hul 
digt, die Quelle jeglicher Humanität ist, weicht das Böse von ihm 
und verliert seine Realität. Gretchen, die tragische Heldin, die der 
Verblendete im ersten Teil nicht zu würdigen wüßte, erscheint zu 
letzt dem Geretteten als Führerm im Himmel wieder. So er 
leben wir in der Faust-Dichtung den Anstieg der Menschheit aus 
primitiven Zuständen in die Reiche von Wissenschaft, Kunst und 
Menschenliebe. An den Beginn des zweiten Teils der Tragödie 
anknüpfend, kehrte der Redner zur Gegenwart zurück. Was dort 
dem verwundeten Faust geschieht, muß auch unS geschehen. Wenn 
selige Geister uns im Tau aus Lethes Flut Laden, wenn wir den 
Haß und alle Feindschaft vergessen lernen, werden wir eine schö 
nere und bessere Welt aufbauen können. — Im Anschluß an den 
Vortrag teilte die Vorsitzende, Frau Thea Wolf, mit, daß vorn 
1. Mai ab mit den pazifistischen Kinderwanderungen be 
gonnen werden soll. 
" MankturLer Angelegenheiten. 
Bebauungsfrage und öffentliche Kunstpflege. 
- In einer Sitzung der Architekten- und Bild* 
Hauergruppe des Rates für künstlerische Ange 
legenheiten beschäftigte man sich vor kurzem mit einigen 
-aktuellen Fragen d^r Frankfurter öffentlichen KunstpfLege, 
deren mehr oder weniger glückliche Erledigung für die künst 
lerische Ausgestaltung unseres Stadtbildes so wichtig ist, daß auf die 
an sie anknüpfenden Erörterungen hier kurz hingewiesen werden 
soll. Es ist bekannt, daß die Oberpostdirektion die Errichtung 
eines neuen Postscheckamts an der Senckenbergstraße m 
dichtester Nachbarschaft des alten Bürgerhospitals plant. Einer 
vom Rat ernannten Sachverständigenkommission waren zu An 
fang des Jahres ein Frankfurter und ein Berliner Pro- 
;ekt der Postbehörde für dieses Gebäude zur Begutachtung vor 
gelegt worden. Sie befriedigten nicht in künstlerischer Be 
ziehung, indessen erhielt der Frankfurter Entwurf den Vorzug. 
Da auf das Gutachten nichts weiter erfolgte, hat in 
zwischen der Bund Deutscher Architekten an das Reichs 
Ministerium des Innern eins Eingabe gerichtet, in der 
vorgeschlagen wird, entweder einen engeren Wettbewerb 
zur Erlangung geeigneter Entwürfe ausz-schrüben oder zur 
Bearbeitung des Projekts einen Künstler aus den Kreisen der 
frei schadenden Architekten hinZuzuziehm, «m Falls orr Wettbe 
werb sich nicht ermöglichen läßt. Eine Antwort steht noch aus. 
» Auch aus die Bebauung des F e st b a l L e n--G e l L n d es 
wünscht die Künstlerschaft mehr Einfluß zu erhalten. Der An:rag 
fordert Ergänzung der für die Messebauten zur Zeit Zuständigen 
Kommission durch Vertreter des Architekten- und Jngenieurvereins, 
&amp;gt;?s Bundes Deutscher Architekten, des Werkbundes und des Rates 
für künstlerische Angelegenheiten. 
Welch mangelhäften Schutz in Frankfurt das Stadtbild genießt, 
'beweist der Fall eines B an Lh au s p r o j ek t es, das anstelle des 
aLzureißenden evangelischen Vereinshauses am Taunustor ausge 
führt werden soll. Das Gebäude ist vier Stockwerke hoch geplan: 
unp wird sich über das bisher bebaute Grundstück hinaus noch auf 
,5 Meter Breite in den Watanenhain hinein erstrecken, was den 
Platz um seine ganze, städtebaulich so ausgezeichnete Wirkung 
bringt. Dre Stadt hat ihre Einwilligung )ur Abtretung dieses 
Streifens bereits erteilt, o^glÄch sich die vorsorglich hinzugezogene 
„Kommission gegen die Verunstaltung" im allgemeinen nicht damit 
einverstanden erklärte. Man will jetzt den Magistrat nochmals um 
L'.e Ausstellung der Pläne des geplanten Gebäudes Litten und 
gleichzeitig in prinzipielle Verhandlungen mit ihm eintreten, die 
auf eine Ergänzung der Kommission durch Mitglieder des Rats 
ünd auf eine Erweiterung ihrer Befugnisse abzielen. 
Als letzter Punkt stand die Frage der Zusammensetzung der 
,Friedh o skommission auf der Tagesordnung. Der be- 
-reits genehmigte Rrorganisations-Entwurf ^sür den künstlerischen 
-Beirat des Friedhossamts steht u. a. die Wahl Zweier Mitglieder des 
Rats in den Beirat vor. Man beschloß, dieser Aufforderung durch 
Me Entsendung eines Architekten und eines Bildhauers in die 
Kommission Zu entsprechen, ohne sich freilich, gestützt auf die bis- 
hcrigm Erfahrungen, Zu verhehlen, daß damit noch nicht allzuviel 
-für die Hebung der Friedhofsmnst getan ist. Eine entscheidende 
Besserung kann vielmehr nur erfolgen, wenn man nach dem Vor- 
b'. d andrer Städte, z. A. Münchens nud Hannovers, auch bei uns 
eine Friedhossordnung einführt, die den zuständigen, das heißt aber 
zugleich den künstlerisch berufenen Stellen genügend Autorität ver 
leiht, um ihnen nun wirklich die einheitlich-planmäßige Ausge 
staltung der Gräberanlagen nach künstlerischen Grundsätzen zu er 
möglichen. 
» Durch die demnächst erfolgende Einberufung einer Versamm 
lung soll allen Leteili.gten Kreisen die Gelegenheit zu einer Aus 
sprache über die bedeutsame Frage geboten werden. Dieser Weg in 
die Öffentlichkeit ist Wohl der richtige, denn an dem Mangel einer 
künstlerischen Tradition bei uns. an der Gleichgültigkeit des breiten 
Publikums gegen die öffentliche Kunstpflege scheitern immer wieder 
dir ernsten Bemühungen unserer Künstlerschaft. Lr.
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        KrankfurLer AngekegeNZeikM. 
Eröffnung der Akademie der Arbeit. 
Heute Vormittag erfolgte im Senckenbergischen Festsaal die 
Eröffnung der Arbeiterakademie. Kultusminister Dr. Becker 
begrüßte im Namen der Staatsregierung das Zustandekommen 
der Akademie und rief ihr ein herzliches Glückauf zu. Es folgten 
Begrüßungsansprachen des Oberbürgermeisters Voigt im Na 
men der Stadt, des UnivsrsitätsrcAors Geheimrat Schön 
flies iin Namen der Universität, des Vertreters der Gewerk 
schaften, Stadtverordneten Thomas, der auch im Namen 
des Bundes sür Volksbildung sprach und eines Vertreters der 
christlichen Gewerkschaften. Sämtliche Redner gaben der Hoff 
nung Ausdruck, daß die Akademie der Arbeit, den Gedanken 
der Solidarität aller Volksschichten fördern möge. Die Eröff 
nungsansprache hielt der Leiter der Anstalt Dr. Eugen R o se n- 
stock. 
IrankfurLer Angelegenheiten. 
--- Traumdeutung und Geisierverkehr bet den NrvMerru Irr 
dem vom Bund für Volksbildung dankenswerter Weise veran-- 
MLeten Vortragszyklus über Gcheimwissenschaften sprach vorige 
Woche Dr. VaLLer über die VorstellungswelL der primi 
tiven Völker, auf deren Anschauungen und Gebräuche Spirr- 
Lismus und Okkultismus unserer Tage ja zum guien 
Teil ZurückZuführen sind. Der primitive Mensch, der von reli 
giöser Ehrfurcht vor einer über ihm stehenden Macht ganz durch 
tränkt ist, wird vornehmlich durch die äußere Form der ErMi- 
nungen gebannt, die sich, so glaubt er, in irgend einem magischen 
Zusammenhang mit den durch sie verkörperten Geisterwesen be 
findet. , Aus seinen Träumen weiß er, daß es so etwas wie eine 
Seele gibt, die unter Umständen ihre Leibeshülle verläßt und 
auch nach dem Tode weiterdauert; sie wird von ihm bald als 
Spiegelbild, bald als Schatten vorgestellt. Auch nimmt der 
primitive Mensch das Vorhandensein eines Seelen st offes 
an, der mit der Lebenskraft des Menschen als identisch gcdacht 
wird und als dessen Hauptsttz gewöhnlich der Kopf gilt- Ferner 
glaubt er an das Mana, d. h. an eine die Welt erfüllende geistige 
Macht, die sich jeder Mensch und jedes Tier unter Umstanden 
aneignen kann. Schließlich lebt er im regen Verkehr mit 
Geistern, die als Seelen der Abgestorbenen oder gewisser 
Tiere, aber auch als Stürme etwa ihr gespenstisches Wesen tret« 
ben. Wie verhält sich nun der primitive Mensch diesen Ee- 
i staltsn seiner Einbildung gegenüber? Er ist davon überzeugt, 
? saß man Macht über sie gewinnen kann- Freilich, wer Zau^ 
berpriester, beZW. Zauberdsktor und damit Zum Beherrstler 
der Gersterscharen werden will, dessen Körper muß zuvor lang» 
wierige Entbehrungen' durchmachM, Askese allein eröffnet irm 
den Zutritt zur MaDr Alles, was in der Welt geschieht^ ist für 
den. primitiven Menschen. eine "Wirkung der Zauberei. Der 
Zauberpriester beeinflußt z. N durch Wunschzauber das Wetter 
oder das Jagdglück, irgendwelche symbolischen Hand ¬ 
lungen an dem Abbild der von Hm zu bannenden Geister vor« 
nimmt. Sind seine Muste nicht erfolggekrönt, so war^eben 
ein mächtigerer Zauberer w der Nähe, der die Beschwörung 
durchkreuzte. Wer einem Menschen Schaden zufügen will, muß 
sich in den Besitz eines Teiles seines Körpers setzen. Um das 
Mana zu verstärken, machen Z. Ä. manche Bölkerstämme Kopf-, 
jagden oder ergeben sich der Menschenfresserei. Krankheiten 
werden natürlich ebenfalls von Geistern hervorgerufen. Zu 
ihrer Heilung versetzt sich der ZmwerdokLor in Trance oder 
saugt auch Wohl am Körper des Patienten; unverkennbar trägt 
Suggestion häufig zur wirklichen Gesundung bei. Der Tod ist 
dem primitiven Menschen unbegreiflich. Er fürchtet sich vor 
der freigewo^denen Seele mnd sucht sie entweder zu versöhnen 
oder durch Anstimmen von Höllenlärm zu verscheuchen. Alle 
diese Vorstellungen, die der Weltangst der Urvolker entspringen, 
leben als Rudimente noch heute in der Wahrsagerei, dem 
Spiritismus und Okkultismus fort. Wer sich, wie es jetzt 
vielfach geschieht, ihnen verschreibt, sinkt damit -auf die Stufe 
der primitiven Menschheit. zurück und büßt die im Verlauf einer 
langen Kulturentwicklung gewonnene geistige Freiheit wie» 
der ein - —-LÜMW 
— i Ausstellung des Offenbacher Ledermufenms.^ WsW ! 
man Led-M, daß das Offmbacher Ledermuseum erst seit fünf Iah-! 
reu besteht, wird man von der Fülle und Kostbarkeit der in ihm 
vereinigten ethnographischen und alten kunstgewerblichen Arbeiten ! 
die m diesem Monat zum ersten Male vollständig der Oeffentlich- 
, keit gezeigt werden, aufs angenehmste überrascht sein. Der Begrün 
der des Museums, Pros. Hugo ELerhardt hat es verstanden, 
Mitten im Krieg und ohne Zuhilfenahme staatlicher und städtischer 
- Mittel eine Sammlung zu schaffen, die schon heute einzigartig in 
Dmtschland ist. Die in den Technischen Lehranstalten 
(Offenbach) untergebrachte Ausstellung enthält Ledererzeugnisse 
aller Zerten und Länder in den mannigfachsten Material 
bearbeitungen, und diese Gegenstände sind mit so viel Geschick zu- 
fammenHetragen und angeordnet worden, daß ihre Betrachtung 
dem Kunstforscher und dem Ethnographen, dem Lederfachmann 
und mcht zuletzt dem unbefangenen Laien einen gleich hohen 
Genuß zu gewahren vermag. Bei der Reichhaltigkeit des Gebo 
tenen können nur einige besonders ins Auae fallende Stücke 
namhaft gemacht werden. In der großen Halle ist eine Schuh 
sammlung zu sehen, die u. a. russisches Schuhwerk in kurio- 
,er Lederintarsia-Technir und Reitstiefel der Haussa-Stenger mit 
rercher Stickerei in farbigen Lederriemchen umfaßt. Von der Kunst 
der primitiven VölkH erhält man hier überhaupt einen 
hohen Begriff. Schilder, Pulverhörner, Zaumzeug der Mandingo- 
neger, Beinfchmuck der HereroS usw. beweisen, daß wir es in der 
Ornamentik nicht sonderlich weiter gebracht haben als diese un- 
zwllcherten afrikanischen Stämme. Aus der großen Schau in der 
Aula sind fOhe Offenbacher Arbeiten und Schöpfungen 
der Bledermeierzeit hervorzuheben, ferner wertvolle Le- 
derernbände darunter ein Kalbslederbändchen des 13. 
Jahrhunderts und zwei ichöne Bände des berühmten -Jakob 
Krause. Bei vielen von ihnen macht sich orientalischer Ein 
fluß stark geltend Es rechen sich an eine nirgends sonstwo in 
dieser Vollständigkeit vorhandene Sammlung von weit über hun- 
der- ^Tiroler und oberbayrischen Ledergürteln, 
. srns Sammlung von Ledertaschen und Taschenbügeln, Brief- 
ta,SM mit Ossenbacher Lithographien (ein Zeichen 
o « er eBe i o l euL M UNgo E desscdu h rc L h S G een w ee b feesld ), e W rs eO Ä ff M enb ? a - r ^ er L Täntia M ke - it 
tchen Lederveachenung usw^ Dazwischen ein internationales Gs- 
^p°uischerLederpreffungen, portu- 
italienischer Koffer und Truhen. Die besten Stück« 
2esesa&amp;lt;ll zur Schau gestellt. Neben schönen 
Hitschen Arbeiten dÄ 14. und 15. Jahrhunderts (gotischen Buch- 
mitchen, Religuienschreinm usw.) bewundert man in diesem 
SchmuSasten von Nicolas 
' Erwähnung nmg auch die umfängliche und 
t2le^AA.U^^ vonFut-
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        Tf- 
2 2.6 
Zu vergegenwärtigen 
nützlich ist, daß aber 
Für die Universität sprach der Rektor GeheimraL Schönflies; 
er sicherte der Akademie jede ihr erwünschte Unterstützung durch die 
Universität zu. 
Stadtverordneter Thomas begrüßte die Akademie im Namen 
des Allgemeinen Deutschen GewerftchastZbundes und schloß, gleich 
zeitig die Wünsche des Frankfurter Bundes f ü r V s l k sLil 
düng ein. Die. neue Akademie solle keim sozialistisch s Partei- - 
schule sein, sondern eine Anstalt, in der Menschen gebildet und Zur! 
Wahrheit geführt werden Wem Auch Thomas drückte den Wunsche 
aus, daß die Akademie sms Versöhnung der Klassengegensätze het^ 
berühren möge. ! 
Nachdem noch ein Vertreter der christlichen Gewerkt 
schafLen das Wort zu einer kurzen Begrüßungsrede ergriffen 
hatte, dankte der Leiter der Akademie, Dr. Rosensto ck, für alle 
Ansprachen und gab der Hoffnung Ausdruck,^aß die Mademie sich 
aus einem Provisorium zu einer dauernden Einrichtung entwickeln 
werde. Er gelobte Unparteilichkeit und Neutralität zu, handle es 
sich doch für die Mademie nicht um eine parteipolitische Ausbil 
dung, sondern um die Durchleuchtung des Lebenshintergrundes 
ihrer Hörer und Mitarbeiter. Die Akademie werde bestrebt sein, in 
dem alten Sinne der umver5ÜLL auf ein einheitliches mit dem 
Ganzen des Lebens eng zusammenhängendes Wissen hinzuarbeiten; 
sie gehe vom Mensche n aus nicht vom Stoff. Am Schluß 
seiner Rede führte Dr Rosenstock aus, daß Angehörige zweier ver 
schiedener Welten, Kopfarbeiter und Handarbeiter, an der Akademie 
zusammenträfen, um sich hier Zu ergänzen und sich als Glieder 
einer Gemeinschaft zu fühlen. 
Nach Schluß der Feier fand eine Besichtigung der Samur- 
lmhg von Darstellungen Zur Geschichte der Ar 
beit statt, die Privatdozent Dr. Lau m veranstaltst hat. Die 
sehr sehenswerte Sammlung führt die Tätigkeit des Menschen 
auf dem Gebiet der Ncchmngssorge, der Kleiderbeschaffung 
und des. Wohnungsbaus von den primitiven Vökern an bis 
Zum MitteLalter in zahlreichen Abbildungen sinnfällig vor 
Augen. Es ist zu hoffen, daß durch die Bereitstellung genügen 
der Mittel der Ausbau der Sammlung zu einem wirtschafts 
historischen Museum ermöglicht wird. 
MOMSM der MMMeWO. 
Me deutsche ArchitekLenschasL ist an der Wahrung und Schöpf 
ung unserer Kulturgüter in so hervorragendem Maße beteiligt, daß 
schon um deffentwiüen der schwere Kampf, den sie gegenwärtig um 
ihre Existenz und ihre öffentlich-rechtliche Anerkennung führt, all* 
gemeine Aufmerksamkeit verdient. Vs- etwa anderthalb Jahren 
hat sie sich unter dem Druck der wirllchaMchen Not in dem B. D. A. 
(Bund Deutscher Arch selten) eine Organisation ge 
schaffen. die möglichst ave ihren KünUerderuf selbständig und un«- 
abhängig ausübenden Architekten deutscher Reichsangehörigkeit zu 
einem standespolitischen und wirtschaftlichen EinheiLSverband ver 
schmelzen will. Diese, jetzt bereits etwa 8000 Mitglieder umfas 
sende berufliche Bertrerunz verfem keineswegs allein wirtschaft 
liche Interessen, sondern bezweckt vm allem die moralische und 
künstlerische Hebung des ganzen Standes und, hiermit verbunden», 
eine Heilung der vies'n Schäden, die auf dem Gebiete des Bau« 
Wesens seit langen Jahrzehnten «ingeriffen sind. Seine Ziele kann^ 
«Mer der Dur» vm weM e? ihm MM, M 
von Mchitekl-enkammern und eine befriedigende Regelung des Ver 
hältnißes Zwischen Pnvatarchiiekteu und Mmöemnten durchzusetzen. 
Diese beiderr Hauptforderungen bilden im Augenöliä Gegenstand 
lebhafteste? Erönemng m allen beteiligten Kreisen; soll die Ocf- 
fsrMchkeit M ihnen Stellung nehmen, so muß sie über ihre Be 
deutung und R mMeue recktzeirlg aufgeklärt werden. 
Der Standes- und Berufsschu^, dessen sich Juristen rmd Medi^ 
Mer schon längst erfreuen, ist den selbständigen Privatarchitekten 
bisher versagt gebliemn. Weder besitzen sie eine behördlich aner 
kannte korpsmtivE Vertretung, die den Beruf nach außen hin Zur 
Geltung bringt, noch ist eine dem Wgemembewußtssm sich eln- 
Mägende UhgrenZuW ihres besonderen Leistungsfeldes möglich, 
druff sich dock) z.. B jeder Bammtemeh-Mr oder Baulechniksr nach 
wie vor ungeMst Archttekt umrm und unter dem Deckmantel 
ÄZK vsgelfteien Titels FunAisnen ausüLeu, bis ihm auf Grund 
seiner Ausbildung zumeist Mmmicht Pckommen. Diese unhaltbaren; 
Zustände schädigen aber? ZM Bauherrn, imd die Allgemein 
heit, womöglich noch mehr Äs den Architekten selber. Um hie?, 
nun wirklich Abhilfe Zu. schaffen, reicht die auf Freiwilligkeit vv-' 
ruhende Selbstschutzdes B. D. A. mcht aus, so gut 
sie sich auch 'Hou :n einzelnen FWa dank ihrer unermüdlichen 
Aufklürungs- und Werbearbeit bewahrr hat. Erforderlich ist viel 
mehr, daß dn Elnrichlungen des MnNs -gleichsam die sta-allichr 
WstemMuna nhalten und der Zusammenschluß aller würdigen 
Berufsgenomn gesetzliche Regelung erstihrü Eine dahinzielende - 
Lösung sieht denn aueb ein Gesetzentwurf des B. D. N. für die! 
Errichtung von Archi rekte'nkc? mmern oder besser: Kauan-^ 
^waltskamme-m vor, übe? d-en ^jeht VoröLsprechungen im Reichs-. 
Ministerium des Innern siatifinden. Laut Entwurf (Abgedruckt 
in M. 8/Z der WscheuMschrift des B D. A. Me Baugilde" vom 
2. März 1921) kann sich, unter Ausschluß des Bauunternehmer-. 
And Spekulanimtums sowie der BGuLeamrLN, ledN mirtsWftlich 
selSstänblge deutsche Architekt Lei gehößiger MsrÄMsr, teckmscher 
und künstlerischer BeruffseiMung die MWlÄW-üfk der Kammrr 
erwerben. BeruftLeMchnung und BsyiPaMöüng^ Wen - Metz- 
M geschützt, PflichtvL.ffetzungen - der KOnmermitZLiedsr ebrenge- 
sichtlich Fsahndet werden. Ferner ist die ^Seitliche Drdnung Irr 
HsMrettberechmmg und das WettLewEmesen..öutch'die Archiv 
Msukmnmrrn geplant, auch wird Kch deren NrMch aus die Bs- 
fruchten wollen, so H 
haben, daß zwar Wff ML und nützlich ist, daß aber 
über dem EmZelwiss n steht, das einen Ueber- 
bli c k üb er d en M ec W M- und des WirtschafLs- 
lebens verschafft. Nuß :s solcher Erkenntnis emsge- 
rüstet, kann man in de , und sich von dem Gefühl 
der VeraMwonlichkek durchdringen lassen. Möge; 
in diesem Geiste hier gearKiN Glückliche Fahrt! 
An die mit g„roßem Beif- a ommene Rede des Ministers 
schloß sich eine BegrüßunAMMache des Oberbürgermeisters 
VoigL, der kurz auf die Entstehungsgeschichte der Mademie ein- 
ging und neben dem damaligen Senalssekretär Dr. Becker den 
Finanzminister Lü bemann als einen der Hauptförderer des 
Unternehmens nannte. Im Namen der Stadt Frankfurt und des 
Kuratoriums der Universität wünschte er der Akademie reiche 
Blüte und Nachfolge im Dienste des sozialen Friedens. 
EL2Z 
Ne WUW m IMWMl «ÄMle ÜN Well. 
Frankfmt, 2. Mai. 
Dir heutige Eröffnung der Akademie der Arbeit legt Zeug 
nis dafür ob, daß äußere Niederlagen es nicht vermocht haben, 
das lebendige Vertrauen auf die Zukunft Deutschlands im un 
teren Volks zu erschüttern. In diesen Tagen, in denen schwer 
ster Druck auf uns lastet, vollzieht sich die Gründung einer An 
stalt, die innerhalb eines neuen Staatswesens neue Wegs der 
Bildung weisen will, die dadurch, daß sie werktätigen Männern 
aus dem Volke das geistige Rüstzeug mitgibt, das sie zur Füh 
rerschaft befähigt, für ihren Teil zur Ueberwindung der 
schroffen Klassengegensätze zwischen Hand- und Kopfarbeitern 
beitragen und jenen Geist der Zusammengehörigkeit erwecken 
möchte, der uns heute dringend not tut. Das Programm der 
Akademie ist bekannt. Sie baut sich auf dem Gedanken der 
Studiengruppen auf, in denen Dozenten und Hörer 
in enger Gemeinschaft zusammenwirken. An dem 
zwei-semestrigsn Kursus nehmen siebzig Hörer teil, unter denen 
sich Gewerkschaftsbeamte, Angestellte verschiedener Verbände 
und Redakteure von Acheiterfachblattern befinden. Zum Leiter 
der Anstalt ist Dr. Eugen Rosen stock berufen worden, der 
sich in den letzten beiden Jahren als Herausgeber der Datmler- 
Werkzeitung einen Ruf erworben hat. Er hat sich in den Herren 
Dr. Schlünz (Hamburg), Dr. Ernst Michel (Ueberlin- 
gen a. B.) und Dr. Sturmfels (Frankfurt a. M.) drei 
hauptamtliche Mitarbeiter gesichert, die eine Wie Gewähr für 
das Gelingen des neuen Werkes bieten. 
Die EröffMNgsfeierlichLeiL vollzog sich am vormittag in dem 
Festsaal der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft in An 
wesenheit von Vertretern der städtischen Behörden, der Universität 
und deS Kultusministeriums. Nach einer kurzen Begrüßungsan 
sprache Dr. Rosenstocks, der die Mademie als den Beginn 
eines Feldzuges bezeichnete, für dessen Gelingen er sich die Unter 
stützung der Anwesenden erbat, ergriff der neue Kultus mini-! 
st er Dr. Becker das Wort. Der Minister gab seiner Genug- 
j tuung darüber Ausdruck, daß es ihm vergönnt sei, als seine erste 
; Amtshandlung außerhalb Berlins die Eröffnung der Akademie, mit 
der er sich innerlich verbunden fühle, im, Namen der Staatsregie- 
nmg vorzunehmen. Durch seine versönliche Anwesenheit wolle er 
kundgeben, daß auch die neue Regierung nicht weniger als die alte, 
gewillt sei, die große Aufgabe der verschiedenartigen Erwachsenen 
bildung in gemeinsamer Arbeit ihrer LHfuhg näherzubringen. Es 
ist eine Art von Stapellauf — so führte der Minister aus — den 
wir heute begehen. Ein Schiff kommt ins Wasser, das vorerst nur 
aus einem äußeren Rumpf besteht, und hiele,Hände haben sich noch 
zu regen, wenn es fertig ausgebaut wekden soll. Für das Ge 
lingen des Wer's müssen sich aber nicht nur der Kapitän und die 
^Ingenieure, sondern alle Mtarbeiter in.voller Verantwortung 
einsetzen Der Dank für das Zustandekommen der Akademie, die 
schon jetzt im Rohbar ein Zeichen der Solidarität ist, ge 
bührt außer der Reichsregierung, der Stadt Frankfurt und der Uni 
versität, dem Hochsmn Mankfurkr Bürger, die das Werk materiell 
unterstützt Habers den des Unternehmens und nicht 
zuletzt den großen GeWerk nisationen, die mit Opfermut 
für die befähigten Mitglied, Kr»-eisen eingetreten sind. Mit 
ihnen zusammen will die ; für denn geistigen Wieder-- 
äufbau kämpfen, der m flch die neue Ma 
Lernte gleich der? VolkZhm etriebsrätekursen mit 
dem Geist der Solidarität , »ß das aber geschehe, 
dafür bürgt schon der 2 eimers, der Lei ihr 
Pate gestanden hat und an? gebührt. Wenn 
wir das Schiff, das^ kneuen Gedanken be-
        <pb n="22" />
        Irankfurter Angelegenheiten. 
Bilder aus der Geschichte der Arbeit. &amp;lt; 
Die bei der Eröffnung der Frankfurter Mademie der Arbeit 
gezeigte Sammlung von Darstellungen aus der Geschichte der 
Arbeit ist für kurze Zeit in das Universitätsgebäude überge 
siedelt. Es verlohnt sich, über diese aus den Beständen des 
wirtschaftshistorischen Instituts von Privatdozent Dr. Laum 
vevanstMete Schau etwas ausführlicher zu berichten, handelt 
es sich bei ihr doch gewissermaßen um den Grundstock zu einen: 
Museum der Arbeit, wie wir es in Deutschland noch 
nicht besitzen. Die Ausstellung vereint ein reiches Bildermate 
rial, das die Tätigkeiten der Menschen auf -dem Gebiet der 
Nahrungsfürsorge, der Kleiderbes chaffung 
und des Wohnungsbaus unmittelbar zur Anschauung 
bringt und damit einen umfassenderen und Lieferen Einblick 
in wirtschaftliche und kulturhistorische Zusammenhänge ge 
wahrt, als die meisten Lehrbücher das Zu tun vermögen. Alan 
sieht etwa einen primitiven Stamm von der Einzelarbeit Zur 
Gemeinschaftsarbeit vmanschreiten, beobachtet, wie bei wach 
sendem Reichtum innerhalb der verschiedensten Kulturkreise die 
Wertschätzung des Handwerks regelmäßig so abnimmt, daß es 
der Darstellung kaum noch für würdig erachtet wird, gewinnt 
einen deutlichen Begriff von der Fähigkeit der alten Aegypter, 
ihre großen Bauaufgaben organisatorisch zu bewältigen usw. 
usw. Von Abbildung Zu Abbildung wandernd, begleitet man 
den arbeitenden Menschen durch die Jahrhunderte, erhält lehr 
reichen Aufschluß über die Entwicklung der einzelnen Gewerbe 
und nimmt vor allem sinnfällig die Beziehungen wahr, die 
zwischen den mannigfachen Aeußerungen einer und derselben 
Kultur jederzeit obwalten. Manche Blätter, z. B. eine große 
Allegorie des Handels und der Gewerbe von I ost Ammen 
aus den: 16. Jahrhundert, locken zu eingehender Betrachtung. 
Es ist geplant, dieser ersten Schau in den kommenden Seme 
stern andere Ausstellungen folgen zu lassen, und Zwar denkt 
man Zunächst daran, die Geschichte der Geldformen und 
des Bankwesens in Abbildungen vorzuführen. Samm 
lungen zur Geschichte des Siedlungswesens, der 
Technik usw. sollen sich anschließen. Die hohe Pädagogische 
Bedeutung dieser systematischen Darbietungen, die auf eine 
Vermittlung abstrakten Wissensstoffes durch die lebendige An 
schauung abzielen, liegt offen igenug zutag. Während man das 
Buchstabenwissen leicht vergißt, prägt sich das Geschaute un- 
verläßlich ein. Wie wichtig wäre es z. B., wenn sich die All 
gemeinheit in dieser Weise über den Einfluß der verschiedenen 
Wirtschaftsformen auf die gesamte Lebenshaltung der Men 
schen unterrichten könnte! Hoffentlich gelingt es, die begönne* 
nen Sammlungen immer mehr zu vervollständigen und die be 
absichtigten Ausstellungen zu einer dauernden "Einrichtung zu 
wachen. Zu begrüßen wäre es übrigens, wenn die sehenswert 
Ausstellung auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht 
würde. 
-- Mus ArchitekLurzeLLschrrsterr^ Die vortreffliche Zeit&amp;gt; 
schüft: Mas muths Monatsheft für Baukunst" be 
schließt ihren V. Jahrgang mit einem Siedlungs-Sonder- 
heft, das abgesehen von ausgeführten Arbeiten bekannter deut 
scher Architekten auch eine holländische und eine schweizer Sied 
lungsanlage enthält. Die zahlreichen Abbildungen werden von 
erläuternden textlichen Angaben begleitet. In den folgenden 
Heften soll u. a. ein Ueberblick über die neuere Baukunst HollandZ 
und Deutsch-Oesterreichs gewährt werden. -- Die Zeitschrift: 
„S t a d L ö a u?u n st alter und neuer Zeit", die seinerzeit 
in einer besonderen, inzwischen eingegangenen Rubrik „Das Früh 
licht" den utopischen Architekturphantasien der Jüngsten Raum ver 
gönnte und stets bestrebt war, Zu den wichtigsten baukünstlerischen 
und städtebaulichen Fragen der Gegenwart wertend Stellung Zu 
nehmen, tritt in ihren zweiten Jahrgang ein. Sie schickt dem ersten 
Heft dieses Jahrganges ein hoffnungsftohes Geleitwort voran,' m 
dem sie betont, daß sie, wie bisher so auch weiterhin, alle Aeuße 
rungen kraftvollen Zukunftswillens auf dem Gebiet der Architektur 
und der Stadtbaukunst sammeln und zugleich aus den.guten Wer 
ken der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart Ziehen wolle. 
EEWK.. _ ... 
— Bauliche Ausgestaltung der Messe. Man schreibt uns: 
„Die Vorbereitungen für die nächste Herbstmesse sind im Gang. 
Statt sich immer weiter mit Provisorien zu begnügen, über deren 
architektonische Ausbildung und zweckmäßige Plazierung man mit 
unter recht verschiedener Meinung sein kann, wäre es endlich an 
der Zeit, daß die Messegesellschaft die einheitliche Lösung 
der Bebauung des Festhallengeländes, zum mindesten des 
Ostdreiecks einschließlich der beiden FeffhallenfliMl, ernsthaft ins 
Auge faßt Das jetzige Konglomerat der Messebauten wirkt künst 
lerisch so unbefriedigend, daß man mit aller Entschiedenheit auf die 
Inangriffnahme eines generellen Bebauungsentwurfs dringen muß, 
ehe es zu spät dazu ist. Nachdem man hinreichend Gelegenheit ge 
habt hat. die Raumbedürfnisse der Messe kennen zu lernen, läßt 
sich nicht gut einsehen, was der Schaffung eines solchen Plans, wie 
ihn die Frankfurter Architektenschaft wiederholt forderte, noch ent- 
gegensteht. Ebensowenig verständlich erscheint es auch, daß man 
dem Antrag einiger maßgebender KünUerorganisationen, M den 
Beratungen über die Messebauten hinzugezogen zu werden, bisher 
nicht stattgegeben hat Im Interesse einer guten baulichen Aus 
gestaltung der Messe wäre es doch jedenfalls zu begrüßen, wenn die 
Messegesellschaft mehr aN bisher mit den berufenen künstle 
rischen Instanzen Hand in^Hand arbeiten wollte. 
Möge der Hinweis auf diese Punkte zur Vermeidung weiterer 
Versäumnisse beitraaen!" 
d« ZwansSinn««- zustrrb^ hat duÄ seine ÄW,Ks^" 
chen Emrichtungen, so Z. B. durch die Spruchämter den 
^gen KMNuem bereits aufs beste vorgearbeitet Ez ös»ste?&amp;gt;t KK 
von seloer, daß er im Verfolg ^ner standeLp-MsSm VE 
d-e ver^rMen B-mftvrgani^ionen tder DlMuntttMm^ 
Äugrftekrra) irgendwie benachteiligen, noch zumal wösscpd d&amp;gt; 
GepklyMheit rn "schrgM WW 
den Gamus machen will. Der Antrag auf Errichtung von Archi" 
t 8 e r k d tEammern kommt de d m ri n n ä g c e h n s d t im zu R h k o i f c fe h n Zwi d ris a c s h s a « stsr c a n t L z o u m r m V e er n - 
, 
"'.rd. damit endliq die sparen Grundvoraussetzungen für die qe° 
deru.lche Entwuklung des Archiiektenstandes wie überhaupt unseres 
ganzen BauwetruS ihre Erfüllung finden 
l'h D - er W B unsch d f er P b rivatarc h h i itekten, zur Erledigun ^ g ö bi k ld fe t nt i . 
g gg 
Problem für jky, dessen Bewältigung vechSNniSmWg unaZHSnai- 
Schalung s«r Architektenkammern ist und dab« 
m dlngnfi genommen werden kann und muß. Wi^t- 
künstlerische Gründe sprechen gleich stark für die 
AM dieser schon seit vielen Jahren erhobenen Forde- 
n.ng de&amp;gt;. Archttektenichast. Ganz abgesehen von der Notlage, in 
5rf.M S»r^e,t dre meisten Privatarchitekten befinden, dürfen auch 
und. -'"UMminm dre ja vermutüch noch auf lange hinaus in 
D-utchlanv die Hauvtkauherren sei» werden, mit wesentlichen Er- 
^Esynen, wenn u- den Entwurf und die Durchführung 
'"EW M dizyer frei schaffender- Künstlern an ¬ 
vertrauen. Abbau »«d BerriM^ng »er Verwaltung wären die 
Folge «ner so.chen Maßnahme Und wie verhalt es tick in Mtu- 
reller^und künstlerischer Hinsicht mit der Berechtigung der von de- 
SEm A Das Bild, das die Mehr- 
,ay&amp;gt;. unserer deutschen ^-adle bietet, zeigt eindringlich grwra wo- 
NZ die Planung und Bearbeitung lLmlli^sr'offrnt- 
ausschliehlich in den Händen emer -monymen 
Burok-aüe liegt, deren naturl-cheS EMtSfeld viel eher die Meoe 
d-e B-rberertm-g für die Erstellung neuer G'Muds 
s'r, Allgememqeü kat saS größte Jntrreffe daran, daß in 
Wichtigen, das Gesicht unserer Swdtr bestimmenden 
PElbvryaben zum Gegenstand eines Wettbewerbs unter erprobten 
gemacht werden, zu denen selbstredend auch die künsi- 
^ Z r- - s D ch .Ä h . erv h oar t ra d g i eesnede A n uff ba-sasm u tnegten i n Aer i cnheirte E kt i enngaz b ue z K ählegn efin k d ^ Der 
. Äoche&amp;lt;.swastsn des lstci.^r bereits zur Kenntnis gebracht Gnl 
des Blattes: „Die Bimgilde* vom 10. Nov/ ISA)) Mir 
rmüw- h«vorgcht, nun in allerletzter Zelt "erfreu- 
dK LlMr ^rtzuM ^eZ UuiemusschuAeZ des 
schüsisrüLs Mr wirtschaftlichen Fsrdsrmm 1?er 
des^A Bundes Krö?/^ 
L' "N. -wünschen der Privatarchitekten insofern entsprich- M 
Hrnzuzrehung zu den öffentlichen Bauaufgaben orunMblich 
N .-f e f- u rwonet /vgl. Zweite M s Morq f e ü n r b ä la u t ß t er d s e te r N F n r s a c n h k r fu ^ r k t u e n r g ^ l- - er u- d n e A n 
g 
ienstM schwer swadrgenL-m NeLmMiakpit d-r 
empfichlr den staatlichen unÄ kmnumnalen 
wT« ^5 me Anglredemrrg von Beiräten aus den am Bau- 
Ben-? SEx Arbeimehmer und freien l 
- WM&amp;gt;» IK^UEwixtfchMratz» SrwM «t« 
Verständnis für die wirtschaftlichen und kulturellen Er^ ss^M.. 
a fü u r f d d e ie m Z G u e k b u i n et ft d e e r r we ö c ff k e t nt u li n c d hen jed K e u n n fa st ll p s fle d g i e e , d A a rc s htt g e u k t t « en H ^c c h f a fn ft un L a ^z m u 
S-°&amp;gt;«
        <pb n="23" />
        Hund entschiedener Schulreform^. 
L 
--- Frankfurt, 17. Mai. 
Der Bpub entschiedener Schulrefsrmer, der 
1918 kurz mach der RevMtion gegründet wurde, hält gegen 
wärtig seine sechste Tagung in Frankfurt ab. Der Bund, dessen 
Mitglieder sich satzungsgemäß Zur Idee des freien Volksstaates 
und zum Geiste sozialer Gemeinschaft bekennen, erstrebt die 
bewußte Einstellung der Einzelpersönlichkeit auf die Allgemein 
heit und sucht im Kampf um die Verwirklichung seiner pädago 
gischen Forderungen an der sittlichen und geistigen Erneuerung 
des gesamten deutschen Erziehungs- und Bildungswesens mit- 
zuarbeitern Die jetzige Tagung soll dazu dienen, die Oeffent- 
lichkeit über die bisherige Tätigkeit und die einzelnen Ziele 
des Bundes sufzuklären. « 
Die heutige Vormittagssitzung im Bürgersaal des Rathauses 
wurde durch den Vorsitzenden Dr. Sander eröffnet, der auf dir 
wachsende Bedeutung des Bundes hinwics und sich kurz über dessen 
organisatorische und propagandistische Maßnahmen verbreitete. 
Stadtschulrat Schüßler begrüßt hierauf die Versammlung im 
Namen des Magistrats und der städtischen Behörden. Er erwähnte, 
daß die Stadt Frank'urt jetzt zwei Reform-Volksschulen ins Leben 
gerufen habe, und bezeichnete es als die Aufgabe des Bundes, 
durch seine Tätigkeit das Schulwesen vor der Verkalkung zu be 
wahren. 
Als erster Redner des Tages sprach Pros. Franz Staudin - 
ger (Darmstadt) über die sozialen Bedingungen und 
Hindernisse der Erziehung. Als Volks Wirtschaftler, so 
betonte er einleitend, fühle er sich vor allem deshalb zu den Bestre 
bungen des Bundes hingezogen, weil dieser die Erziehung auf 
praktische Tätigkeit der ZöglMe gründen wolle. Daß 
schon in der dem einfachsten Einzelzweck geweihten praktischen 
Tätigkeit die ganze Kette von Wirtschaft, Technik, Recht, Ethik, ja 
sogar von Kunst und Religion beschlossen liegt, muß durch geeig 
nete Erziehung ins Bewußtsein erhoben werden. Für die Heran 
bildung der Einzelmenschen Zu gemeinschaftsbewußten Persönlich 
keiten ist aber die Art des jeweiligen menschlichen Zusammenlebens 
von entscheidender Bedeutung. Wir leben heute noch in einer Zeit 
heftigster Kontrahenten- und Konkurrenzkämpfe, während doch 
alles darauf ankommt, daß jene Einhelligkeit, die die Persönlichkeit 
zwischen ihren vielen Trieben und Bejahungen herzustellen hat, 
auch innerhalb der Gemeinschaft erreicht wird. Zur Schaffung 
echter Kulturgemeinschaft ist es erforderlich, den individuellen Han 
delsaustausch in Gemeinschaft'saustausch umzuwandeln, 
der allein den sozialen Frieden verbürgt. Der Redner begrüßte 
die Versuchsschulen und Siedlungsschulen, die auf das von ihm 
hervorgehobene ferne Ziel einer neuen Gemeinschaftsorganisation 
hinarbeiten. 
Ueber das Werden der neuen Schule sprach sodann der 
Bundesvorsitzende Prof. Paul Oestreich (Berlin). Er stellte 
fest, daß Schulreform zugleich Lebensreform bedeutet und kenn 
zeichnete es als das unendlich ferne Ziel all^r Erziehungsreform, 
die heutige Schule, die eine lebensferne Bildungskaserne ist, in j 
eine produktive Lebens st ätte der Jugend überzu- 
führen. Um das Zu erreichen, versucht der Bund zunächst durch ge 
eignete Propaganda die Einsicht in die Gründe der gegenwär 
tigen Menschheitsnot zu wecken und über die Möglichkeit einer 
Rettung auszuklären. Er fordert eine andersartige Ausbildung der 
Lehrerschaft (Oefsnung derHochschulen für sämtliche Lehrer!), 
strebt danach, die Elternschaft für die neue Erziehung Zu gewin 
nen und reicht der Jugendbewegung, insbesondere der des Prole 
tariats, verständnisvoll die Hand. Das Werden der neuen Schule 
selbst soll nicht durch gewaltsamen, zentralisierten Zwang, sondern 
durch elastische Betätigung der lebendigen Kräfte gemäß ihrer 
örtlichen Stärke erwirkt tperden. Wie der Bund z. B. den Abbau 
der Vorschulen, des Berechtigungswesens usw. begrüßt, so unter 
stützt er die Gabelungen m oen Oberklaffen, die Sommerschulen, 
die Errichtung von LundheimeO usw., kurzum alles, was die 
elastische Bewegungsfreiheit der Schüler vergrößert und zur 
Produktionsschule h'marbeitet. 
An Stelle der verhinderten Dr. Anna Siemsen (Düsseldorf) 
sprach Dr. Siegfried Kam er au (Cbarlottenburg) über dieEr- 
ziehungder Geschlechter. Die ungeheure Verwirrung 
unserer Zeit gerade A -sichtlich des Sexualproblems führte der 
Redner auf die heüU übliche durchgängige Verwechslung von 
Erotik und Sexualität zurück; und zwar entspricht nach ihm die 
sexuelle Einstellung ds,. Verstand-skullur der alten Gesellschaft, 
während die erotische Einstellung das Ziel der neuen Gesellschaft 
ist. die die Einheit von Leben und Geist Zu verwirklichen trachtet. 
Die erotische En'wlcktung der Geschlechter vollzieht sich auf Grund 
des biogenetischen Gesetzes in einem. .ganz verschiedenen Rhyth 
mus, und diese Erkenntnis gilt es für die Erziehung von der 
frühesten Kindheit an fruchtbar zu machen. Der Redner stellte Er 
ziehungsleitsätze auf, in denen er u. a. betonte, daß die von dem 
Bund geforderte Koedukation ohne Zwang je nach den be 
sonderen Umständen durchzusühren s-ei, wie die sexuelle Aufklä 
rung sich aus dem organisch m Zusammenleben in der Familie 
ganz von selber ergeben müsse. 
Zu Beginn der Nachmittagssitzung verlas Pros. Oestreich 
eine am Vorabend der Tagung von der Mitgliederversammlun.g 
des Bundes beschlossene Erklärung, die gegen den Reichs 
schulgesetzentwurf Einspruch erhebt. In der Erklärung 
wird u. a. gesagt, dyß die Annahme und Durchführung dieses Ent- 
! Wurfes das deutsche Schulleben in die schlimmsten Zeiten der 
Konfessionellen und bundesstaatlichen Zerrissenheit, zurückwerfen und 
Revolution der Seelen. In der demokratischen 
Jugendgruppe sprach dieser Tage Pfarrer Ernst Klein 
über „Die Revolution der Seelen". In seinen einleitenden 
Worten erinnerte der Redner an die Pfingstgeschichte und an die 
Ereignisse der Reformation, die beide ein Beweis dafür sind, daß 
neue Weltgestaltungen stets nur aus dem Aufruhr der ^oelen heraus 
geboren werden. Auch in unseren Tagen kündigt sich die Geburt 
einer neuen Welt an. Man kenn es heute in Deutschland immer 
wieder beobachten, daß die Menschen durch rein politische Ent 
scheidungen, mögen sie auch von noch so großer Tragweite sein,' 
viel weniger in Spannung gehalten werden, als durch Vorträge 
oder Theaterstücke, die irgendwie die Erlösung der Welt und der 
Menschenseele zum Gegenstand haben. Dieses ehrsurchtgebietende 
Suchen nach neuen Wegen, zu dem es trotz ihrer Sorge ums täg 
liche Brot die Menschen unwiderstehlich drängt, erklärt sich wohl 
mit daraus, daß wir jetzt nach und nach den Krieg und den Ver 
trag von Versailles als das Zu erleben beginnen, was sie eigentlich 
gewesen sind: als die schamlose Selbstenthüllung der Kulturmensch 
heit. Und indem wir jene Ereignisse ihrer wahren Bedeutung nach 
erleben, wissen wir zugleich: eine Kultur, die sich auf so furchtbare 
Weise offenbart, kann nur noch ein „lebender Leichnam" sein sie 
ist schon längst tot, uns aber fällt die Verantwortung zu, aus ihren 
Trümmern eine neue Welt zu bauen. Sehnsucht nach einem 
kommenden besseren Reich bewegt heute viele Millionen Deutscher, 
deren Herz mit religiöser Inbrunst um die Wiedererheöung des 
Vaterlandes fleht, bewegt auch mißgeleitete Kommunisten, denen 
die Revolution nicht die Erfüllung ihres Traumes von der Er- 
weckung des Menschen im Menschen brächte. Was bleibt uns zu 
tun, um die große Wendung herbeizuführen? Wir haben uns vor 
falschen Propheten zu hüten, uns wartend in Bereitschaft zu halten 
und dessen eingedenk zu sein, daß wir nur durch Selbsterkenntnis' 
und Buße reif für die Empfängnis des Neuen werden. Erst wenn 
wir uns in allen Dingen des Lebens zur Wahrheit durch- 
gekämpft haben, beginnt die eigentliche Revolution der Seelen, erst 
dann können wir das Reich Gottes auf Erden erlangen. 
--- Die Notlage der Deutschen in Polen. In einer vom Phi 
lologenverein im Einvernehmen mit der Gesamtlehrerschast und 
den Elternbeiräten veranstalteten VersEmlung sprach Direktor 
Treut (Bromberg) über das Schicksal des Deutschtums und ins 
besondere der deutschen Schulen in Polen. Obgleich der polnische 
Staat an den Minderheiten-Schutzverk deß Versaillrr Friedens 
gebunden ist, der ihn zur liberalen Behandlung der deutschen Mino 
rität verpflichtet, lauft seine ganze Kritik doch darauf hinaus, die 
Provinzen Posen und Westpreußen zu entdeutschen. Durch wirt 
schaftliche und kulturelle Bedrückungen wird die Ausrottung des 
Deutschtums systematisch betrieben. Das schilderte der Redner ein 
dringlich an Maßnahmen gegen Bauernschaft, Großgrundbesitz, 
städtische deutsche Bevölkerung Presse. Daß die deutschen Biblio 
theken und Theater geschloffen werden, und die deutschen Kirchen 
beider Bekenntnisse, besonders aber die katholische, mannigfache Be 
drückungen erfahren, versteht sich beinahe von selber. Und nun die 
deutsche Schule! Nach dem Friedensvertrag wäre der pol 
nische Staat zur Unterhaltung der deutschen Volksschulen und der 
höheren deutschen Schulanstalten verpflichtet gewesen, er hat sich 
aber weder zu dem einen noch zum andern verstanden. Wie heute 
die Dinge liegen, sind die Deutschen in Polen darauf angewiesen, 
durch die Gründung von Priv ätsch ulen für eine deutsche 
Erziehung ihrer Kinder zu sorgen. Dank der Hilfe aus der Heimat 
ist es bereits gelungen, eine Reihe von Privatschulen ins Leben zu 
rufend die, trotz der ihnen durch die Polen bereiteten Schwierig 
keiten den Unterricht notdürftig fortführen. Freilich 
Selbsthilfe ist immer Nothilfe, so schloß der Redner, und Aufgabe 
der Heimat wird es sein, diesem Privatschulwes-en, von dem die 
ganze Erhaltung des Deutschtums in Polen abhängt, alle erforder 
liche moralische und materielle Unterstützung angedeihen zu lassen. 
Im Anschluß an den Vortrag wurde von der Versammlung eine 
Resolution angenommen, derzufolge sich alle hiesigen Lehrerorgani 
sationen und Elternbeiräte zu einem großzügigen Hilfswerk für die! 
deutschen Privatschulen in Polen vereinen. Ein eigens hierfür er- 
nannte^ Ausschuß soll die vorbereitenden Schritte erledigen. 
Der B. T&amp;gt;^A. (Bund deutscher Architekten), der heute bereits 
die Mehrzahl der deutschen 'Baukünstler umfaßt, hält seine dies 
jährige Bund est-agung vom 27. bis 29. Mai in Cassel ab. 
Neben den WirMaftsfragem des Standes der PrivaLarchitekten 
sollen vor allem die kultu r ell enZiele der deutschen Archi- 
lektenschaft zur Erörterung kommen. Zu den Verhandlungsge 
genständen gehören" u. a. ' ^ie Einrichtung von Architektenkam 
mern, das Vermächtnis der Privatarchitekten zu den Baubeamten 
und die künstlerische wie technische Ausbildung der Heranwach 
senden Architekten.
        <pb n="24" />
        u 
d-as Werden der EinheiLs- und Arbeitsschule im'Sinne des Ar- 
Likels 148 und 146,1 hemmen und stören würde. 
Denn sprach Franz HilUer (Berlin) über das Thema 
-„Jugend und Kun st". Die durch die Jugendbewegung zum 
Bewußtsein ihres Eigenwertes gelangte Jugend ersehnt heute 
eine Kunst, die den ganzen Menschen ergreift und Ausdruck 
eines neuen Weltgefühls ist Es fehlt in unserem neuen Volks 
staat nun gewiß nicht an Versuchen die Jugend künstlerisch zu 
erziehen, aber man bringt die Kunst meist von außen an sie 
heran, statt die schöpferischen Kräfte der Jugend selber zu wecken. 
Der Redner entwickelte in längeren Ausführungen ein Erziehungs 
programm, das die Ausbildung der in jedem Kinde vorhandenen 
künstlerischen Anlagen zum Ziele ha* und die Krönung des 
Kunstlebens in Jugendfeiem erblickt, die der Jugend das Er 
lebnis der Gemeinschaft vermitteln sollen 
Frau Ilse Müller-Oestreich (Berlin-Friedman) ver 
breitete sich Zuletzt übw das Thema „Schulreform und 
LeLensreform" Sie gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß 
die Forderung der Schulreform nicht nur eins Forderung an die 
Lehrer und an die Jugend ist, sondern eine Forderung, die sich 
ebenso an die Eltern wmdet und nicht nur an diese, sondern an 
die Volksgenossen überhaupt. Um zur neuen Wirtschaft zu ge 
langen, müssen wir eine „gute" Nachfrage organisieren, die geübt 
wird in dem Bewußtsein der Verantwortung sowohl für den Stoff 
der Ware wie vor allem für die Würde der menschlichen Arbeit. 
Frl. Dr. Olga Essig (Frankfurt) sprach sodann über die 
Berufsschule als Glied der P r o d ukt i o n s s ch u l e. 
Die Rednerin ging davon aus, daß bei der in unserem Maschmen- 
Zeitalter aufs äußerste entwickelten Arbeitsteilung der Mansch 
einseitiger Spezialisierung gezwungen wird. Gerade diese Speziali 
sierung ermöglicht aber eine Verkürzung der Arbeitszeit und ge 
stattet es so dem Einzelnen, mehrere gesellschaftliche Funktionen 
gleichzeitig zu versehen. Eine Reform der heutigen Berufsschule 
hat von der Berufsbildung als Kern- und Ausga mdpuu-t 
einen Weg zur M ens ch enb Nd ung zu suchen, ihre Aufgabe 
liegt in der Synthese beruflicher Schulung mit allseit! Seilst 
Auswirkung. Zur Durchführung dieser Reform wäre das alte Äe 
rechtigunoswesen durch berufliche Eignungsprüfungen zu ersetzen, 
der Schulgcmeinschaft in weitestem Maße Selbstverwaltung zuzn- 
billigen und die heutige Lernschule in eine Arbeitsschule umzuwan- 
deln, die entsprechend der ökonomischen Entwicklungsstufe unserer 
Zeit, sich im Rahmen gemeinwirtschaftlicher Betriebe Zu entfalten 
Frankfurter Angelegenheiten. 
Jahrhundertfeier 
der Städtische» Gemäldegalerie. 
Samstag früh fand k» Verbindung mit der Jahchundert- 
feier des Städelschen KunstinstitutS die Eröffnung des Er- 
weiteru n g SbauS der Gemäldegalerie statt. Durch das 
Vestibül des alten Baus, in dem, von Lorbeerbüschen um 
geben, die Büste Städels Aufstellung gefunden hatte, strömte 
eine festliche M^nge über vaS vertraute schöne Treppenhaus 
den Bildersälen des neuen Gebäudes zu, in deren einem sich 
die EinweihungSfeierltchkeit vollzog. Im Namen der Städel- 
Administration hielt Geheimmt Dr. G S nS als Hausherr die Be 
grüßungsrede. Er dankte der Versammlung, in deren Mit« 
sich auch zahlreiche auswärtige Gönner und Freunde des In 
stituts befanden, für ihr Erscheinen und warf, wie es sich in 
solcher Stunde ziemte, an Hand des unvergeßlichen Städel- 
schen Stiftungsbriefes einen kurzen Rückblick auf die Ge 
schichte des Instituts. Seine Rede wurde zu einer Verherr 
lichung Frankfurter Bürgersinns, dem eS immer wieder zu 
! danken war, daß das Vermächtnis Städels auch in den schrote- 
hätte. Durch den systematischen Wechsel der wirtschaftlichen und 
sozialen Arbeits- und Lerngemeinschaft ließe sich die gl-eichzeitige 
Vorbereitung für verschiedene gesellschaftliche Funktionen erreichen. 
In der Nachmittagssitzunb, erörterte Fritz Gansberg 
(Bremen) in einem Vortrag über kindheitsgemäßen Unterricht 
die Erziehungsaufgaben der Volksschule^ ihrem Verhälr- 
mis Zur höheren Schule. Im Gegensatz zur VolkM) ulpädagogib 
die sich insofern bereits auf dem richtigen Weg befindet, als sie 
den Unterricht dem kindlichen Vorstellpngskreis anzupassen und 
den Wissensstoff möglichst lebensvoll zu gestalten sucht, leidet die 
Pädagogik der höheren Schule vornehmlich an dem Prüfungs- 
- Schulreform und Sch a u u l s re A vo n l l u a t ß ion s . en I n n hie e s in ig e e r n T vo a m au R n » ? n ^ v 
Vau/OAtr^ V S e c r h s u a l m re m fo l r u m ng un sp d ra S ch ch D u i l e re n v s o ta lu g tio a n ben W d ie Pro de s ^ . 
Redner einleitend hervorhob, verbürgt kein EinbeitssckulmeLani«- 
mus, keine „produktive" Erziehung, keine kollegiale Schulver- 
8eNnm-nn Werden volklicher Einheit und menschheitlichrr 
d N arf Z es ivil v is ie a l t m io e n hr z d u w e r r ir G t h s e e c n u h o t a e s f s tli e n c n o h s t e w c r h e a n ft d s s c i k g h u e u l l t i u s U r ch e v e b o r e ll r z g u o a g n e n g n ^ v w o e n rd k en aE io be- 
, 
d^n"Beisvieta'^ des tätigen Glaubens und des'leben-! 
'r-r?' Ee neue dogmenfteie Sittlichkeit aus der ^at 
Die wahrhaft revolutionäre Schulreform muß ver- 
käÄM d1^ d-S Mtagstuns ech-S Die 
i N m o ^ rm v^ e s n /r.,Se/bstregr l emng ^ , lte -v n e , rw w a e lt n z n mg sie u z n u d r - F b r e e t i ä h t e ig it un n g ötig sc e h n a d f e ft 
Wesen, an der abstrakten Uebermittlung des Wissensstoffes und 
an einem übertriebenen Kultus der fremden Sprachen. Will 
der neue Volksstaat mit den Bevorrechtungen brechen und sich 
die Pflege der Volksbildung angelegen sein lassen, so wird er 
nach den Vorschlägen des Redners gut daran tun, wenn er die 
gemeinsame Grundschule auf sechs Jahre erweitert 
und einen LeilweiM Abbau der höheren Schule vor» 
nimmt. 
Den Abschluß der Tagung bildete das Referat von Dr. Sieg« 
fried Kawerau (Charlotrenburg) über die Reform des 
G e s ch i ch t s u n t e r ri ch t s. Aus dem Wesen des alten 
Staates, dessen Hauptaufgabe in dem Schutz der Privatrecht 
lichen Vererbung bestand, ergibt sich auch, wie der Redner des 
näheren ausführte, oas Wesen des bisherigen Geschichtsunter 
richts. Autoritativ übermittelte dieser Urnerricht durch Sug 
gestion das der alten Gesellschaft genehme Geschichtsbild, das 
sich zumeist in der einseitigen Darstellung der Staaten- und 
Kriegsgeschichte erschöpfte. Der neue Geschichtsunterricht in der 
-! kommenden Epoche der Gemeinwirtschaft, der Selbstverwaltung 
'der Schulgemeinde und die produktive Arbeit in ihr zur Voraue- 
i setzung lM, wird demgegenüber die Wirtschafts-, Sozial- und 
. Kulturgeschichte in den Vordergrund Zu rücken haben. Aus 
gehend von dem Kinde und von der es umfangenden Gemein 
schaft muß er eine lebendige Anschauung von dem Werden der 
Gesellschaft erwecken und das Kind zur selbständigen und fach 
lichen Erarbeitung dieses Stosses anleiten. Der Redner skizzierte 
in knappen Umrissen, wie er sich die Erteilung eines solchen 
Geschichtsunterrichts denkt. An Hand der demnächst erscheinen 
den GeschichLstabeUen etwa wäre die Jugend in me geschicht 
lichen Zusammenhänge ca. vom Jahre 1500 ab einzuführen. Die 
Geschichte des Mttelalters hätte sich, ihrer schwierigen soziologi 
schen Struktur wegen, erst später anzuschli-eßen. 
VMS eAWedeuer SHukefsmer. 
II. 
— Frankfurt, 18. Mai. 
Die heutige Vormittagssitzung wurde durch einen Vortrag von 
Karl Goetze (Hamburg) über die produktive Gemein 
schaftsschule eingeleitet. Der Redner entwarf zunächst in 
temperamentvoller Weise eine Schilderung des neuen JugendZsisWC, 
in dessen Erwachen sich die Heraufkunft eines neuen Typus Mensch 
ankündigt. Ziel der Pädagogik muß es sein, diesen sozialistischen 
Menschentypus, der wurzelhaft denkt und fühlt, verständnisvoll her- 
anzubilden. Das kann aber nur geschehen, wenn die neue Schule 
im Gegensatz zur alten den Menschen nicht als Objekt, sondern als 
Subjekt nimmt, wenn sie die Jugend als einen selbständigen Faktor 
anerkennt und die Familie zu tätiger Mitarbeit heranzieht. Der 
Redner berichtete über die von ihm geleitete Arbeitsschule, 
in der die Kinder in enger Verbundenheit mit Eltern und Lehrern 
alle Gegenstände nach Möglichkeit selber erzeugen. Die neue Lebens 
gemeinschaft ist im Werden, so schloß er seine beifällig aufgenom 
menen Ausführungen, wenn wir auf d-em Boden der Arbeit uns 
treffen! 
Zu demselben Ergebnis kam auch August Heyn (Neukölln) in 
einem Referat über die von ihm ins Leben gerufene Garten 
arbeitsschule zu Neukölln. In dieser Schule erhalten die 
Kinder — eL sind ihrer heute schon 3200 an Zahl — praktischen 
Gartenbau- und Werkunterricht, gewinnen Einblicke in die Land 
wirtschaft, das Gewerbe und den Handel und werden Zu tätiger 
Hingabe an die Gemeinschaft erzogen. Eine Reihe von Volks 
schulen sendet zwei Tage in der Woche ihre Schüler dorthin; zu 
dem Unterricht, der sich teils im Garten, teils im Schülraum voll 
zieht, haben auch die Eltern jederzeit ungehindert Zutritt. Von der 
allgemeinen Einbürgerung der Gartenaröeitsschule erwartet der 
Redner die Gesundung unserer Jugend, die Ueberbrückung der 
Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen Kopf- und Handarbei 
ter und eine Förderung des heute so notwendigen Kleingarten- 
und Siedlungswesens. Da die Gründung solcher Schulen nur 
geringe Mittel erfordert, ist sie auch unter den jetzigen Verhält 
nissen möglich. An mehreren Orten hat man sich bereits zu 
ihrer Einführung entschlossen.
        <pb n="25" />
        rigsten Zeiten im Geiste seines Stifters erhalten und aus ge 
baut werden konnte. Der Redner gedachte Leopold Sonne 
manns, der den Frankfurter Museumsverein ins Leben ge 
rufen hatte, gedachte der Stiftung Karl SchaubS und aller 
der Kahlreichen Geschenke, Legate usw., durch deren Hilfe das 
Institut auf seine heutige Höhe gebracht worden ist. Nicht 
vergessen wurden ferner von ihm die Verdienste der künstlerischen 
Leiter der Gemäldegalerie um eine systematische Sammeltätig 
keit. Auch die Beziehungen zur Stadt fanden Erwähnung, 
und der Name AdickeS fiel in dankbarer Erinnerung, schul 
det man seinem Weitblick doch die Zuwendungen aus dem 
Pfungstschen Legat für Ankäufe von Werken lebender 
Meister und Leihgaben aus städtischem Besitz. Wie das Ver- 
i hältnis zur Stadt so hat auch das zur Universität eine gün 
stige Regelung dadurch erfahren, daß die Administration im 
Sinne Städels ihre Räume dem kunstwissenschaftlichen Semi 
nar zur Verfügung stellte. Der Redner ging sodann noch 
auf die Geschichte des NeubauS ein und verband mit seinem 
Dank an die Architekten H. von Hoven und Fr. Hebe - 
rer den an die pflichttreue« Angestellten des Instituts. Zum 
Schlüsse streifte er die heute so aktuelle Frage der Stadel 
schule, die ja Städel bekanntlich besonders am Herzen lag. 
Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich unter Mithilfe der 
ten und Meister an sie zu berufen, die das Frankfurter Kunst 
leben zu reicher Blüte bringen. Mit der Mitteilung, daß hie 
sige Kreise des Handels und der Industrie dem Institut jetzt 
eine Zuwendung gemacht haben, die eine sechsstellige Zahl be 
reits übersteigt, verband Geheimrat Gans den Dank an dir 
hochsinnigen Stifter und legte im Namen der Administration 
das Gelöbnis ab, daß sie im Geiste Städels fortwirken wolle. 
Stadtrat Weckbach üb erbrachte für dem verhinderten 
Oberbürgermeister Voigt die Glückwünsche der Stadt und sprach 
auch gleichzeitig Glückwünsche im Namen des Oberprästdenten 
Dr. Schwanker aus. Er mahnte, daß man über der Notdurft 
des Tages auch in diesen Zeiten nicht die ebenso not 
wendige Kunst vergessen möge und verlieh, an eine Neuerwer 
bung von Spitzweg anknüpfend, der Ueberzeugung Worte, 
daß aus den Leiden der Gegenwart eine schönere Zukunft er 
blüht. —Dir. SwarzenSki begrüßte als Leiter des Museums 
die Versammlung und entwickelte die Grundsätze, nach denen er 
bei der Einrichtung des Erweiterungsbau^ verfahren ist. Die 
neuen Räume schließen sich den alten organisch an und sind 
so gestaltet, daß sie je nach den augenblicklichen Erfordernissen 
verwandt werden können. In der Hauptsache sollen in ihnen 
Werke moderner Kunst des 19. Jahrhunderts bis zur Gegen 
wart gezeigt werden. Bei der Sammlung der Bilder, die jetzt 
zum ersten Male in einem organischen Zusammenhang zur 
Ausstellung gelangen, ist neben ausländischer Kunst auch die 
heimische Frankfurter Kunst stark berücksichtigt worden und 
oberstes Prinzip bei allen Ankäufen war stets die künstlerische 
Qualität der einzelnen Werke. Auch der neue Bau, so 
schloß der Redner, wird hoffentlich der Frankfurter Bürger 
schaft bald vertraut werden und jenen einzigartigen intimen 
Charakter unserer Gemäldegalerie bewahren, der mit daher 
rührt, daß ein großer Teil der Bilder aus Frankfurter Bür 
gerhäusern stammt. 
In Vertretung des Kultusministers übermittelte Geheim 
rat Waetzold die Glückwünsche der preußischen 
Kunstv.rwaltung. Er betonte, daß wir aus dieser 
Stunde der Rückschau Kraft für die Gegenwart schöpfen 
und einen hoffnungsvollen Vorblick in die Zukunft werfen 
müssen. Mit dem Sinnspruch Hölderlins: „Das Schönste 
ist auch das Heiligste", schenkte er dem Festakt Weihe. 
Herr v. Meister, der für den Mu seumS verein 
sprach, machte die Mitteilung, daß der; Verein als Gabe für 
das neue Haus aus einer der berühmtesten Frankfurter Pri- 
vatsamnilungen ein wertvolles Gemälde von Guardi er 
worben habe. In launiger Weise legte er ein gutes Wart 
für den Verein ein, der vermehrter Mittel bedarf, um seine 
künstlerischen Ziele in demselben Maße wie bisher auch ferner 
hin verfolgen zu können. Als weitere Gratulanten 
ergriffen das Wort: Professor Schröder im Na 
men von Rektor und Senat der Universität, Maler 
Jakob Nußbaum, für eine Reihe Frankfurter 
Künstlerorganisationen und Geheimmt Rödiger von der 
dem Städel-Jnstitut nahestehenden Senckenbergischen Stiftung 
namens der Frankfurter wissenschaftlichen Institute. 
Mt kurzen Dankesworten von Geheimrat Dr. Gans 
! nahm der Festaft, dem sich noch ein Rundgong durch die neu« 
(Valerie anschloß, sein Ende. 
l Irankfurter Angelegenheiten. 
, Der Erweiterungsbau des SLädelschen 
! LunsttnsttMs. 
' Die jetzt vollzogene Eröffnung des ErwefterunKbaus der 
^Städtischen Gemäldegalerie bezeichnet ernen der 
Aitber wichtigsten Abschnitte in der Geschichte dieses emzig- 
'artmsn deutschen Kunftinstituts. Der Neubau ist aus einem Wett 
bewerb hervorgsgangen, den die Städel-Adnnnistration Anfang des 
Jahres 1912 ausgeschrieben hatte, um endlich würdige Räume 
Ar ihre Schätze an neuzeitlicher Kunst Zu gewinnen. Das im Juli 
-desselben Jahres zusammengetretene Preisgericht, in dem m o. 
'Theodor Fischer und A. Licht WÄrk faßen, sprach den ersten 
.Preis einstimmig einem Entwurf der Architekten v. Hoden 
und Franz Heb er er zu, der denn auch, in einer aus Spar- 
MmkeiLsgründen etwas veränderten Form, von der Admrmstra- 
Fon zur Ausführung bestimmt wurde. Trotz aller durch den 
-Krieg hervorgerufenen Schwierigkeiten konnte im Mai 1915 
.mit der Bautätigkeit begonnen werden und Mon rw 
'Herbst 1916 stanL der Rdhbau fertig .da. Dann kam 
das Mmveröot und mit ihm eine über zwei Jahre währende 
Unterbrechung. Erst Anfang 1919 , wurden die ArMten wieder 
'ausgenommen und mittlerweile soweit gefördert, daß heute, ab 
gesehen von dem HörsaaL, der Neubau seiner Bestimmung zu 
geführt werden kann. Die Kosten des seinerzeit mit 26 Millionen 
Worveranschlagten Gebäudes sollen sich nach seiner Vollendung auf 
"gegen M Millionen Mark belaufen, auf eine Summe also, die in 
Anbetracht der inzwischen eingetretenen Teuerung gering zu 
nennen ist. . 
! Dies die HauvOaten der BaugeschichLe. Das neue Gebäude 
-ist parallel Zum alten errichtet und hängt mit ihm in der Mitte 
idurch einen kurzen Verbindungsbau Zusammen. Die Schwache, 
'dre eine solche Gruvpierung in städtebaulicher Hinsicht aufwerst, 
wäre sicherlich gemildert worden, wenn man die zum Abschluß 
wer seitlichen Höfe ursprünglich vorgesehenen Säulengänge aus- 
(geführt hätte. Die Raumanordnung selber ist äußerst 
Zweckmäßig und von einer Uebersichtlichkeit, die auch dem flüch 
tigen Besucher sofort sinnfällig einleuchtet. Von dem Podest der 
.vorhandenen Haupttreppe aus, an der Stelle, wo früher das 
&amp;gt;Tischbeinsche Goethebildnis hing, betritt man die Flucht der 
&amp;gt; sieben großen im Obergeschoß befindlichen Bildersäle, denen 
nach Norden zu die seitlich belichteten kleinen und niedrigeren 
^Kabinette vorgelagert sind. Die schwierige Beleuchtungsfrage 
'der'Hauptsäle ist sehr glücklich gelöst. Fünf dieser Säle sind 
'mit Laternenlicht versehen, das jede Blendung ausschlietzt und 
.die Räume lange nicht so der sommerlichen Hitze aussetzt wie die 
ssonst Zumeist verwandten OLerlichte. Ich kenne kaum eme 
.deutsche Gemäldegalerie, deren Säle von einem für die Bild 
wirkung derart günstigen kalten und gleichmäßigen Licht durch 
blutet werden, und sicherlich hat es manche Ueberlegungen ge 
kostet bis man Zu diesem Ergebnis kam. Oberhalb der Seiten- 
kabinette befindet sich eine Dienstwohnung und eine Photogra- 
'phenwerkstatt; zwei weitere in derselben Höhe gelegene kleine 
* Ausstellungsräume rechts und Links des Treppenhauses sind so 
wohl vom alten wie vom neuen Bau aus erreichbar. Der Voll- 
i Müdigkeit halber sei erwähnt, daß die Mitte des Erdgeschosses 
' durch den noch unfertigen, vertieft angeordneten Hörsaal aus- 
r gefüllt wird, dessen mäHtige Vorhalle von dem offenen Hof aus 
«direkt zugänglich ist; außer Depots, Werkstätten und einer wei 
t leren Dienstwohnung sind in diesem Geschoß noch die Verwal- 
Lungsräume und ein Sitzungszimmer unterbracht. 
' Nicht ganz die gleiche Anerkennung wie dem wohldurchdachten 
Grundriß und der 'museumstechnisch überaus geschickten Durchbil- 
j düng der Bildersäle läßt sich der architektonischen Aus 
gestaltung Zollen. Was Zunächst die Fassaden anlangt, so 
'atmen sie Zwar eine der Zweckbestimmung des Baues ent- 
, sprechende schlichte Würde und fügen sich auch dem Sommerscheu 
' Bau, dessen obere Balustrade sie frei fortführen, harmonisch an, 
t bleiben aber hinter ihm an künstlerischer Wirkung zurück. Die 
Formgebung des alten Gebäudes entspringt trotz ihres zeitlich 
. bedingten EklekLizismus einem sicheren Stilgefühl, das die einzel 
&amp;gt; nen Motive .Zur organischen lebensvollen Einheit ZusammenM- 
schmelzen weiß; der Neubau macht demgegenüber, mit wohl in- 
l folge der teilweise ängstlich - akademischen Sonderbchandlung 
! der Details, einen starren, etwas toten, seelenlosen Ein 
druck, und wenn man sich auch der Anwesenheit ieg- 
. licher Ueberladenheit freut, so wünschte man doch, daß 
' ihn der Pulsschlag unserer Zeit mehr durchwogte. Im 
&amp;gt;. Innern ist das Meiste vorzüglich geraten. Schön geformte 
runde Sitzsofas in den HauPLsälen Laden die Besucher ein, auf 
: ihren weit ausladenden Polstern zu rasten und stiller Betrachtung 
s sich hinzugeben. Ueberhaupt fehlt es nicht an originell durch- 
j gebildeten Einzelheiten, die, wie die Geländer der beiden Neben- 
j treppen Z. B., von starker künstlerischer Erfindungskraft zeugen. 
/Hie und da freilich sind die Architekten bei der inneren Ausge- 
i staltung etwas zu spielerisch verfahren. So erscheinen z. B. die 
an den Stürzen einiger Türverkleidungen unorganisch ange 
brachten Zierate überflüssig, und auch die Ornamentierung der 
Decken hätte mitunter sachlicher ausfallen können. Doch immer- 
t hin: die gute Raumdimensionierung läßt über dergleichen Wohl 
auch einmal Hinwegblicken und schließlich bleibt es die Haupt 
suche, daß die Bilder voll zur Geltung kommen. 
( In t^n Gärten wird zur Zeit noch gearbeitet. Sie sollen 
»der Aufstellung moderner Plastik dienen und man sehnt sich 
schon dem Tage entgegen, da in ihnen der wundervolle Stier 
; Meister Boehles, von Heller Luft umspielt, zu sehen ist. 
- I)r. 8. KrLeauei'.
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        .I 
Frankfurter Angel egemmieu. 
Erweiterungsbauten der Hauptpost. ! 
Die Erweiterungsbauten der Hauptpost, deren Pläne der 
Bauabteilung der hiesigen Oberpostdirektion entstammen, sind^ 
jetzt zum großen Teil fertiggestellt, und es lohnt sich wohl,', 
einige Worte über ste zu sagen. In den Jahren 1915/16 wurde/ 
als erster Bauabschnitt der Anbau an den Westflügel er-, 
richtet, der in der Hauptsache einen durch zwei Geschosse ge 
henden Lichthof über die Briefabfertigung enthält. Die' 
Putzfafsaden mit den Sandsteinverblendungen der Fenster sind- 
in schlichtem Stil gehalten, ohne durch künstlerische Formge-s 
bung sonderlich aufzufallen. Als zweiter Bauabschnitt folgte', 
1916/17 die Erhöhung des Ostflügels um ein Stockwerk, 
und ein ausgebautes Dachgeschoß. Die hier geschaffenen 
Räume sind vorerst vom Postscheckamt belegt und sollen später, 
größtenteils zur Aufnahme der Telegraphensäle dienen. Der. 
gleichen Bestimmung wird auch der zur Zeit ebenfalls vom 
Scheckamt beanspruchte Aufbau auf den Rordflügel zuge- ' 
führt werden, der als erste Hälfte des vierten und letzten Bau-« 
abschnitts 1919 begonnen und vor kurzem vollendet wurde. 
Das Interesse der Allgemeinheit lenkt naturgemäß am msi-' 
sten der teilweise dem Publikum zugängliche dritte Bauabschnitt' 
auf sich, dessen Ausführung im wesentlichen in die Jahre' 
1918/19 fällt. Es ist das der Um b au d e s W estslü g el s, 
der auch die Briefausgabe und die Schließfächer für die Brief 
abholer in sich faßt. Zur Vergrößerung der Schalterhallen hat 
man den ganzen Westflügel nach dem großen Posthof zu um 
einen eingeschossigen Anbau erweitert, dem noch eine Lade 
rampe für die Briefpost vorgelagert wird. Die Architektur die 
ses Anbaus und die innere Ausgestaltung der neuen Schalter 
halle lassen wieder einmal recht eindringlich erkennen, wie be 
rechtigt die prinzipielle Stellungnahme der freien Architekten 
schaft gegenüber dem souveränen Schalten und Walten der 
Baubeamten ist. Die.Fassade des Vorbau» mit ihren Ionischen 
Säulen, ihren schablonenhaften Gesimsen und Balustern ist noch 
ganz das übliche hohle Klischee, wie wir es aus der Wilhelmini 
schen Zeit her zur Genüge kennen, und entspricht in ihrer Un-^ 
sachlichkeit in keiner Weise dem Bestimmungszweck der hinter, 
ihr liegenden Räume. Eine kaum minder ungefühlte architek-! 
tonische Behandlung hat auch das mit Recht einfach gehaltene 
Innere erfahren. Hier offen Kritik zu üben, ist dringend er 
forderlich, denn wenn man über dergleichen architektonische Un-, 
zulänglichkeiten immer stillschweigend hinweggleitet, darf man 
nicht erwarten, daß zukünftige Bauten einer befriedigenderen' 
künstlerischen Lösung entgegengehen. R&amp;gt;. 
— Das Postscheckamt. Wie wir bereits berichteten, der 
Rat für künstlerische Angelegenheiten, dem seinerzeit die Pläne 
für das neue Postscheckamt an der Senckenbergstraße 
zur Begutachtung Vorlagen, eine Eingabe an das Reichspost- 
rmnrstermm gerichtet, in dem er etliche Abänderungen an dem 
zur Ausführung bestimmten Entwurf in Vorschlag brächte. Er 
freulicherweise hat das Reichspostministerium daraufhin die 
Pläne einer nochmaligen Prüfung unterzogen und eine Durch 
bildung der Fassaden anaeordnet, die den'Wünschen des Rats 
entgegenkommt. Damit ist ein guter Präzedenzfall für die Zu 
kunft geschaffen. Bon der weiteren Ausgestaltung des nunmehr 
endgültig festgelegten Entwurfs wird es ab hängen, ob in dem 
I neuen Postscheckamt ein würdiges Bauwerk entsteht. 
Vom Schillerplatz., Das Stadtbild arn Schillerplatz hat 
durch den teilweisen Umbau des ehemaligen Pariser Hofs 
-eine wesentliche Verschönerung erfahren. Im Erdgeschoß, im 
Souterrain und im Obergeschoß des Hauses sind jetzt die Räume 
per Commerz- und Privatbank urltergebracht. Dem Architek 
ten Fr. Sander ist es gelungen, die neue Front des Erdge 
schosses so zu gestalten, daß sie die Geschmacklosigkeit der darüber 
Liegenden Stockwerke einigermaßen vergessen' läßt und dem Auge 
neuen Ruhepnnkt gewährt, besten es gerade an dieser Stelle aus 
städtebaulichen Gründen so dringend bedarf. Die Wohl propor 
tionierten Pfeiler, die breite Mache oberhalb der Fenster, dre 
-schlichten Gesimse: das alles verleiht der Fassade den Charakter 
seiner Wan d, die den lebhaften Berkehrsplatz ganz anders ab- 
schließt, als die vielfältig durchbrochenen und mit einem Wust 
sinnloser Ornamente überladenen Ansichten der Häuser rings 
'umher. Der gute Eindruck der Fassade wird verstärkt ourch ihre 
.Ausführung in edlem fränkischen' Muschelkalk und durch die ver 
goldete Beschriftung der unteren Fensterpartien, die als beleben 
des Element die Ruhe der Steinpfeiler in ornamental reiz 
voller Weise unterbricht. Wenn schon einmal statt der viel 
dringlicheren Wohnungen Banken um Banken wie Pilze aus 
der Erde schießen, so ist es wenigstens erfreulich, daß die eine 
chder andere von ihnen m architektonischer Hinsicht einen Gewinn 
Ur das Stadtbild bedeutet. ___ ___ Lr. 
D KmMwter Angelegenheiten. 
f. « J«se»d Md L«H«e Politik. I« ein» von der demokra- 
Asches Studenten- und Jugendzrupp« einberufrnen 
LffmMchen Versammlung sprach Montag abend Pros. Kantors- 
d&amp;gt;tcz (Freiburg) üb« die Haltung der demokratischen Jugend zur 
stußerrn Politik. Der Redner knüpfte an das Wort eines Eng- 
LuderZ an, der meinte, daß ein in seiner Jugend nicht radialer 
Mensch sicherlich kein Herz habe- Nun, nicht nur die Lm». und 
Rechtsradikalen^ haben dieses Herz, auch ine demokratrsche Ju- 
g-»d hat es. Und zwar besteht ihr Radikalismus dann, daß sie 
chit all« Entschiedenheit ablehnt, was aus der von den Deutsch- 
siationalen sehnsüchtig herausbeschworenen undemokranH-n, Ver 
gangenheit noch in unsere Gegenwart hineinragt, glerchwre sie 
auch geaen eine von unreifen Köpfen ausgegovme konnnumstrsche 
Plmntastdkunft Stellung nimmt. Dwrokmtyche 
ihre Jugendlichkeit durch den unbedingten weakstrschen W a h r 
heitssinn, mit dem sie Politik-treibt, was durch ihren 
dptimismus, der ste dazu führt, das Einigende m der Po- 
WE gegenüber dem zersetzenden KlassmkamPf Zu betonen, ^n der 
äußeren Politik verficht sie die altE demokratischen JdE 
Freibeit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die einst die englischen 
Duridaner jenseits des Ozeans zu verwirklichen trachteten. Wird 
Liese Politik richtig verstanden, so müssen sich in ihr Demokraten 
und Sozialdemokraten einträchtig zusammenfinden. Beide Parteien 
sind national in dem Sinne, daß sie den deutschen Renhsgeoamen 
dochlMen und beide stimmen in ihrer Ablehnung natioEstycher 
iGcsmnung üöerün, die, wie der Redner treffend aussuhrte rm 
Grunds undLutiÄ ist und, konsequent durchgedacht, sich selber 
widerlegt. Als Temokratm wollen wir in der Politik wie Kauf 
Leute. großen Stiles handln, d. h. wir wollen nickt nur dem deut 
sch m Interesse allein, sondern auch den Interessen der anderen 
WEer nachfragen und mit ihnen Verständigung suchen. Eme 
-solche Politik, die auf das Recht in der Welt hindrangt, ist weder 
Würdelos, wie die Nationalisten behaupten, noch treulos, chr hohes 
Ideal ist vielmehr dasselbe^ das schon die Männer der Pauls- 
Nrche erfüllte und auch heute die demokratische Jugend wieder v- 
seelen muß: ein freies deutsches V ol k un t er fr ei en 
Völkern! - Trotz zahlreicher Zwischen^ mancher recht 
ßugLndlicher Anfänger der radikalen Links- und Rechtsparteien, 
Handen die Darlegungen des Redners den lebhaften Beifall der 
PersanMung. Eine kurze Diskussion forderte keine neuen Argu- 
^nente zutage. ' -, i: ,'L_ 
Die Volksabstimmungen m DeEsch-OesterreLch. In einer 
vsm Buud derDeutsch-Oe st erreichet einbemftnen Ver- 
sannnluna sprach der Publizist Stefan Großmann über die 
Volksabstimmungen in Deutsch-Oesterreich. In seiner Rede, der 
'ein von Schauspieler Mainzer veMertes Gedicht Hermann 
"KienZls: /Dank an Tirol" als Auftakt voranging, betonte der 
»Vortragende, daß heute jeder Freund des Anschlusses zur höch 
sten Vorsicht mahnen muffe. Wer Oesterreich kannte, was aller 
dings bei dem Gros der deutschen Politiker nicht zutraf, der wußte 
schon in der Vorkriegszeit, daß das alte K. K. Oesterreich dem 
' Untergang geweiht war. In diesem Lands, das 1Z Nationen um 
- faßte, überwogen, sogar innerhalb der Arbeiterbewegung^ die natw- 
'Nalen TendenM und wie überall in Europa, suchten die verschie 
denen Natjouen . sich staatlich zu organisieren. Was ist da natür-, 
'Licher, als daß die Deutsch-Oesterreicher heute von demselben 
'Mansche beseelt sind und sich zum großen deutschen Mutterhaus zu- 
ruckzüfindbn trachtend Nach Ansicht des Redners sind schon 
manche Gelegenheiten versäumt worden, um Zu diesem Ziels zu gr- 
langen Da wir aber einmal das Handeln unterlassen und dem- 
Worts der Si-sgernationen von dem SelbstLestimmungsrecht der' 
Völker törichterweise Glauben geschenkt haben, gilt es jetzt, jn 
Zäher Arbeit für den Anschlußgedanken Zu wirken. Freilich die 
Zage Oesterreichs ist dank der AushungerungZpoMk der Entente 
so verzweifelt, daß es eines Tages Zu furchtbaren Entladungen 
kommen kann. Wer diese Gefahr fleht, der muß immer wieder, 
gerade als Freund des geistig und wirtschaftlich gleich notwendigen 
Anschlusses, darauf Hin-arbeiten, daß jetzt nichts uehereiltes ge 
schieht. Die Jugoslawen haben im Falle von Volksabstimmungen 
in Salzburg und Ste^ermark mit dm Einmarsch gedroht. Wir 
dürfen uns nicht in eins Anschlußfalle hinemlocken lassen, alles 
kommt vielmehr darauf an, daß wir einen günstigen Augenblick ab 
warten und inzwischen langsam und geduldig MN den verschieden- 
P4n Gebieten für jene Vereinigung zwischen Neichsdeutschland und 
AeuLM-OOerreich^ tätig sind, d^ M doch eines Tages kommen. 
&amp;gt; muß. An den mit Beifall ausgenommenen Wortrag schloß sich 
eine kurze Diskussion an, in der Vertreter der Sozialdemo-! 
koaten, des Zentrums, der Deutschen Volkspartei und der Deutsch 
nationalen sich als Anhänger des Anschlußgedankens bekanntem !
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        /V-Z70 
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TsgMg des Lmdes Deutscher ArchikeNen. 
. Zu der diesjährigen vom 27.-29. Mai währenden Tagung 
in der Stadchalle zuCasse l, der dritten Tagung seit 
dem Bestehen deZ Bundes, hatte sich in Anbetracht der wichtigen 
Verhandlungsgegenstände aus allen Teilen des Reichs, auch aus 
dem besetzten Gebiet, eine große Schar von Teilnehmern eingefun 
den. Nach der Eröffnungsansprache des Bunöesvorsitzenden Geh. 
Rats' Prost Cornelius Gürlitt (Dresden) begrüßten Ober 
regierungsrat Coßmann als Vertreter des Regierungs- und 
^berpräsidenten und Oberbürgermeister Scheidemann namens 
der Stadt Cassel die Versammlung: die Worte Leider Redner ließen 
erkennen, welch hohes Interesse die Behörden den kommenden Be 
ratungen entgegenbrachren. 
Auen breiten Raum in der Tchesordnung nahm mit Recht 
dre Aussprache über dre Bemühungen der im L. v. Z. Zusammen 
geschlossenen Architekturenschaft um die Förderung der Bau 
kunst ein. Geh. Rat Prost Germ an Bestelmeher (Berlin) 
verbreitete sich in seinem einleitenden Referat über die Mißstände 
in den Staatsbauverwaltungm, besonders in den preußischen, ent- 
wrckelle die Grundsätze, nach denen bei Vergebung der öffentlichen. 
Bauaufträge zu verfahren sei und verlangte den Abbau der Bau 
verwaltungen, insoweit sie ungeeignete Kräfte beschäftigen. Er 
unterstützte mit Nachdruck die alten Forderungen des A O. , daß 
den Baubeamten die Ausübung außeramtlicher ArchitektsnLLtigkeit 
prinzipiell Zu untersagen sei und ihr behördliches Wirken sich der 
Hauptsache nach au? die Verwaltung Zu erstrecken habe. Der Red ¬ 
ner schloß mit dem Hinweis auf die Reformbedürstigkeit der Aka 
demie des Bauwesens, die der Baukunst wichtige Dienste 
leisten könne, wenn sie wirklich ein Forum hervorragender frei schaf 
fender Architekten bilde, statt wie heute mit zuviel beamteten Ar 
chitekten durchsetzt zu sein. In einer von Prost Straumer 
(Berlin) verlesenen Erklärung des Bundesausschus 
ses zu diesem Gegenstand, die einmütige Zustimmung der Ver 
sammlung fand, heißt es u. a.: „Mit dem Wesen baukünstlerischen 
Schaffens ist es unvereinbar, daß „Verwaltungen" Bauten ent 
werfen und ausführen. Alle deutschen Baukünstler kämpfen im 
ehrlichen Wettbewerb um bautünstlerische Aufträge. Für die Auf 
tragserteilung darf nur die Fähigkeit und Vertrauenswürdigkeit 
des Bewerbers ausschlaggebend sein. Jeder zur Ausführung eines 
Bauwerks verantwortlich berufene Architekt muß von dc" Be 
vormundung durch Verwaltungsstellen befreit werden." Diese 
, Leitsätze sollen allen gleichstrebmden Verbänden (dem Wcrkbund 
z. B.) mit der Aufforderung, sie zu den ihren zu machen, über 
mittelt werdm. Ferner wurde ein Antrag Fabricius (Köln^ 
angenommen, dem Zufolge der L. O. von sämtlichen staatlichen 
und städtischen Behörden den prüfungsfähigen Nachweis der Kosten 
aller behördlichen Bauämter und der durch diese abgerechneten 
Bausummen in den letzten drei Friedensjahren und im vergange 
nen Rechnungsjahr fordert. Nach Erhalt eines solchen Nachweises 
dürfte sich vermutlich herausstellen, daß die Zuziehung von Privat- 
architekten zur Bearbeitung öffentlicher Bauten auch in wirtschaft 
licher Hinsicht im Interesse einer Verminderung der steuerlichen 
Lasten, zu empfehlen ist. — Den Erörterungen über die Neuge 
staltung der baukünstlerischen Ausbildung 
lGeh.-Rat Muthesius, der zu diesem Punkte hätte sprechen sollen, 
war leider am Erscheinen verhindert) lag ein in der BundesZeit- 
schrift „Die Baugilde" veröffentlichter Entwurf zugrunde, der weit 
gehende Reformen Vorsicht. Er verlangt u. a. die Organisierung 
des gesamten Ausbildungswesens mit dem Gebiete der Baukunst 
durch eine einheitliche Zentralstelle, die Zulassung besonders be 
gabter auch ohne Maturmn zur Hochschule, dieEinteilung des Hoch 
schulstudiums in eine schulmäßige Unterstufe und eine hauptsächlich 
ausWghlfächern bestehende Oberstufe, die Reform des Regierungsbau 
meister-Examens, die Errichtung von Meisterateliers für anerkannte 
Privatarchitekten usw. Geh.-Rat Seesselberg (Berlin) be 
tonte, daß sich der Entwurf im wesentlichen mit der im Kultus- 
i Ministerium vorliegenden Denkschrift der Technischen Hochschule 
Charlottenburg vom 24. Januar 1920 decke. Vögel (Kassel) 
! machte den beachtenswerten Vorschlag, die bisherigen Baugewerks 
schulen in Bauhandwerkerschulen zur UebermiLtelung theoretischen 
Wissens an Zimmerer, Maurer usw. und Baufachschulen zur Aus 
bildung der Bautechniker in der niederen Baukunst zu zerlegen. Die 
Versammlung beauftragte nach längerer Debatte den Bundesvor 
stand, die in der „Baugilde" veröffentlichten Aufsätze dem Kultus 
ministerium als Gutachten des 8. v. Z. vorzulegen und auf mög 
lichste Beschleunigung der durchZuführenden Reformen zu dringen, 
— Kunstkritiker Fritz Stahl (Berlin) sprach als Gast über die 
Deutscher Rabbinerverbaud. 
In Frankfurt hat unter Vorsitz des Rabbiners Dr. N 0 bel dir 
Hauptversammlung des „Allgemeinen Rabbinerver- 
Landes in Deutschland" getagt. Sie hat einstimmig fol 
gende Entschlleßung angenommen: 
-'Durch den Krieg und seine Folgeerscheinungen find bei der 
Schicksalswende des Vaterlandes die religiösen, kulturellen und 
Karitativen Schöpfungen des deutschen Judentums schwer in Mit 
leidenschaft gezogen, zum Teil in ihrem Bestände bedroht Der 
Rabbinerverband hält es für eine heilige Pflicht, der deutschen 
Judenhert, trotz der Ungunst der Zeit für ihr« Erhaltung zu wirken. 
Durch die neue Geitaltung der Verhältnisse in Palästina ist 
die Hoffnung gegeben, daß für zahlreiche unserer Glaubensbrüder 
dort eine Heimstätte geschaffen wich. Der Rabbinerverband erklärt 
es für eme heilige Pflicht aller Juden, an diesem Werk Anteil zu 
nehmen und sich an der Aufbringung der Mittel tatkräftig zu be- 
teillgen, in der Voraussetzung, daß der Aufbau im Geiste der Lehre 
des Judentums erfolgt und die aufgebrachten Mittel dem Dienste 
parteipolitischer Zwecke entzogen werben." 
Kranksurier Angelegenheiten. 
Deutsche Gewerbeschau München 1922. 
Am Montag fand im Bürgersaal des Rathauses unter Vorsitz 
von SLadtrat Dr. Landmann eine Sitzung statt, die der Absicht 
diente, die Kreise des Handels, der Industrie und des Handwerks, 
sowie alle künstlerisch;en Kräfte Frankfurts für den Gedanken der 
Deutschen Gewerbeschau München 1922 Zu gewinnen. Pros. 
tScharvogel, der erste Präsident der Gewerbeschau, war aus 
München erschienen, um über Wesen und Ziele der geplanten Aus- 
stelln^ aufzukLären. Was zunächst die wirtschaftliche Bedeutung 
der Ähau anbetrifft, so liegt sie, wie der Redner ausführte, in 
einer Zeit, in der Deutschland Zur Erhaltung seiner Exportfähigkeit 
auf die Herstellung bester Qualitätsarbeit angewiesen ist, 
offen genug Zutage. In politischer Hinsicht kann die Schau, ge 
rade weil sie sich von Politik fernhült, nur versöhnend wirken. 
Außerdem wird sie dadurch, daß sie Arbeiten aller deutschen 
Stämme vereinigt, das Gefühl innerer Zusammengehörigkeit zwi- 
scheu diesen auch über die GrenZpfähle hinaus' verstärken. Jrrdem 
sie echte Handwerksgestnnuug erweckt, schlägt sie Brücken zwischen 
Hand- und Kopfarbeitern, und schafft so einen wertvollen sozialen 
Ausgleich- Nicht Zum wenigsten vertieft sie das künstlerische Ge 
wissen dadurch, daß sie Re Einheit von Entwurf und Ausführung 
Zur Anschauung erhebt und nur guten Arbeiten ihre Pforten öffnet. 
Kulturfördernd wirkt sie insMM, als sie die Schönheit des klein 
sten Gebrauchsgegenstands zecht und den Gebraucher mit ihm in 
innigere Beziehungen als bisher zu bringen sucht. 
Der Redner ging kmZ auf die Organisation der Ge 
werbeschau ein. Er hob hervor, daß fie nach Fachgruppen ange 
ordnet wird und alle gewerblichen Erzeugnisse vorführen will, bei 
denen die geschmaLL ich e Ausbildung von Bedeutung ist. Aus 
der langen Liste der von ihm verlesenen Gegenstände ergab sich, 
daß vom Grabstein an bis zum Christbaumschmuck so ziemlich jedes 
Erzeugnis, dem überhaupt eme Form verliehen werden kann, Be 
rücksichtigung finden wird. In mMHst allen größeren deutschen 
Städten plant man die Gründung von Ortsausschüssen, 
denen u. a. die Vorjurierung der auszustellmden Arbeiten vorbe 
halten bleibt. Sache der Ortsausschüsse wird es auch sein, um 
finanzielle Unterstützung Zu werben, denn trotz aller Zuschüsse vom 
Reich und den Ländern kann die Ausstellung von München allein 
nicht finanziert werden. Man wird sich dessen eingedenk sein müssen, 
baß die Gewerbeschau eine allgemeine deutsche Angelegenheit ist, 
deren günstiger oder ungünstiger Ausfall mit über unsere Stellung 
in der Welt entscheidet. ! 
Als hiesiger Vertrauensmann der Gernerbeschau sprach der Di 
rektor des Kunstgewerbemuseums Pros. R. Schmidt. Er teilte 
mit, daß bereits eine Reihe führender Persönlichkeiten ihre Mitwir 
kung bei dem demnächst Zu kostituierenden Frankfurter 
Ortsausschuß Zugesagt hätte, und gab der Hoffnung auf tat 
kräftige finanzielle Hile Ausdruck, r
        <pb n="28" />
        ch- Sw WL VLLrM ch 
es, hierzu mitteilte, hat sich 
esseamt zu einer Bauausstellung bereit 
erklärt und sich M diesem Ende mit dem L. v. in Verbindung 
gesetzt. 
GroWm Danton. 
In den A^emannia - Lichtspielen gelangte vorige Woche der 
Großfilm „Danton" der W o rn e r - G e s e ll s ch a f t (Berlin) 
vor einem geladenen Publikum zur Aufführung, ein Filmwerk in 
7 Akten, das meisterhafte Szenen aus der französischen Revolution 
bringt. 'Ist der von Jannings dargestellte Danton schon eine 
ausgezeichnete schauspielerische Leistung, so bietet Werner Krauß 
als Robespierre schlechthin Unübertreffliches. Das starre, götzen- 
bafte Gesicht, das in der hohen Krause unbeweglich auf dem Halse 
thront, das langsame steinerne Schreiten, der Blick aus den kleinen, 
kalten Augen: das alles verbreitet ringsum jenes Grauen, wie es 
auch vom' historischen Roöespierre ausgegangen sein muß. Auch 
die Episodenrollen sind von ersten Kräften besetzt. Da tauchen sie 
alle auf, die bekannten Gestalten der Revolution: der trotzige 
General Westermann (von E. v. Mnterstein gespielt), Camille 
DeVmoulens, der Jugendgespiels Robespierres, der in den Straßen 
Spottlieder auf das Revolutionstribunal singt, die kleine Babette, 
ein Mädchen aus dem Volke, das ein noch von der Guillotine ver 
schonter Marquis zu seiner Geliebten macht, die aus Eifersucht 
Verrat begehende Freundin Dantsns — sie tauchen auf und ver 
schwinden zuerst unter der Guillotine und nur einer ragt wie ein 
Fels aus dem Strudel der Revolution hervor: Robespierre. Um 
ihn her die eindrucksvollen Gestalten des St. Just und des öffent 
lichen Anklägers. Aber was wollen die Einzelmenschen und ihre 
Schicksale dem - HaupHelden des Stückes: dem Volke gegenüber 
besagen? Der Filmregisseur hat wahre Wunderdinge verrichtet: 
Man hält den Atem an, wenn die Menge auf einen Wink des 
angeklagten Danton hin vor das Tribunal stürzt und dann wieder 
sich eben so schnell verfluchtet, weil ihr die Ausgabe von Nabnuns- 
mitteln versprochen worden ist. In dunklen Gaffen raunen sie sich 
dunkle Gerüchte Zu, Musenmänner und.Dirnen stürmen vor Daw 
Lons Haus, bezähmt und gebannt durch eine Geste dessen, den sie 
Haffen und vergöttern zugleich, gierig lungern sie in vornehmen Pa 
lästen, wohnen Sensationslüstern den Sitzungen des Tribunals 
bei, tanzen berauscht und ballen sich des Nachts zu großen -Hausen 
Zusammen, die Schrecken in Paris verbreiten. Das ist das Wert 
volle an diesem Film: daß er den Demos zeigt, daß er dieses 
große ungeschlachte Tier in seiner Feigheit und TMmcheiü m 
Arankturter Angelegenheiten. ' 
— Ausspracheabend über Spengler. Der dritte- Aussprache 
abend in der Universität über den .Untergang des Abendlandes' 
war vorwiegend dem historischen Gehalt des Spenglerschen 
Werks gewidmet. Pros. Gelzer zeigte an einer Reihe von Bei 
spielen, auf welch mangelhafter Kenntnis der Tatsachen die Speng- 
lersche Darstellung der antiken Kultur beruht. Weder habe 
es sein« Richtigkeit damit, daß die Antike unhistorisch denke, noch 
treffe etwa die Behauptung zu, daß ihr der autobiographisch« 
Hang des Abendlandes fremd sei, noch entbehre sie der Menschen 
aus. Granit, die Spengler für die faustische Kultur beschlagnahm! 
usw. Zu ähnlich vernichtenden Urteilen kam Pros. Schneider, 
der im wesentlichen die Spsnglersche Auffassung des Mittel 
alters einer Kritik unterzog. Nachdem er sich dagegen gewandt 
hatte, daß die von Spengler übrigens durchaus nicht erstmalig 
benutzte „vergleichende Methode' die allein seligmachende sei,' 
geißelte er mit beißender Ironie die oberflächliche Behandlung, die 
Spengler gerade dem Mittelalter angedeihen läßt. Wie ungründ- 
lich Spengler verfahre, ersehe man z. B. daraus, daß er über dem 
Laterankonzil von 1215 und Odilo von Cluny die viel entschei 
dendere Bedeutung Gregors Vll. und des JnvestiturstriitS hervor- 
zuheben vergesse. Unhaltbar Ivie die Anschauung Spenglers vor, 
^Rmaissance sei auch sein Schema vom apollinischen und sau. 
stttchen Menschen, und letzten Endes führe eine Betrachtungsweise 
wie die seine nur dazu, die Geschichte in ein Prokrustesbett einzu-' 
zwangen, in dem ihre Lebendigkeit verkümmert. Pros Küntzel 
der als Vertreter der neueren Geschichte sprach, suchte zunächst 
Spenglns Anspruch auf unbedingte Originalität zu widerlegen. 
Sem« Vorläufer hat er, wie der Redner darlegte, in Hegel, in 
Schelling, der auch den Geschichtsverlauf durch dichterische In 
tuition zu erfassen sucht«, in Wilhelm von Humboldt, der von dem 
m Ucy geschlossenen Kreislauf bestimmter Kulturen spricht, und 
vor allem in dem Russen Danilewski, dem Vater deS wissenschaft 
lichen PanflawiSmus, dessen geschichtsphilosophische Lehren sich 
von geringen Abweichungen abgesehen, bis inS einzelne mit den 
seinen decken. In seiner übertriebenen Objektivität und Wclt- 
bürgerlichkeit wie in seinem mangelnden Wirklichkeitssinn erscheint 
Spengler nach dem Dafürhalten des Redners als typisch für dar 
deutsche Volksleben. Am Schlüsse seiner Ausführungen, die in dem 
Auiweis der inneren Widersprüche bei Spengler und seines ganzen 
dilettantischen. Verfahrens gipfelten, richtet- Pros. Küntzel an die 
anwesenden rungeren Kommilitonen den Appell, sich durch eine 
sachlich unbegründete Untergangsstimmung in ihrem Schaffens 
drang nicht läbmen zu lassen. 
.Stellung der Baukunst im öffentlichen Leben. Er stellte 
fest, daß die Baukunst lange nicht die gleiche allgemeine Wert 
schätzung wie die anderen Künste genieße, und schob die Schuld 
hieran »um große» Teile den Architekten selber zu. Seine An 
regungen zur Beseitigung dieses betrüblichen Zustandes verdienen 
beherzigt zu werden. Sie laufen darauf hinaus, den Unterricht in 
der Heimatkunde auch auf die Betrachtung guter alter und 
'neuer Bauwerke auSzudehnen, den Museen Baukunstfamm- 
lungen lokaler Art anzugliedern, die sich in irgendwelcher Ver 
bindung mit einer Art von Sprechstelle der im betreffenden Orte 
wohnhaften Architekten befinden, und Baukunstaus 
stellungen zu veranstalten, die so beschaffen find, daß sie das 
Publikum «Mich zu fesseln vermögen. Wie Dr. Siedler 
(Berlin), der Geschäftsführer deS Bunde 
da» Leipzig«, Messeamt zu e 
' Die Beratungen über die öffentliche und politische 
Betätigung deS ö. v. X. im bauwirtschaftlichen und -rechtlichen 
Interesse wurden durch ein Referat des dritten Bundesvorsitzenden 
Wilhelm Kröger (Hannover) eingelsitet, der einen zusammenfas 
senden Bericht über sein seitheriges Wirken im ReichSwirt 
schaftSrat erstattete. Kröger gedachte u. a. des Antrags auf 
Schaffung von Architektenkammern, der in Bälde in dem 
Unterausschuß zur Förderung geistiger Arbeit des ReichSwirt 
schaftSratS zur Sprache kommen soll. Der Antrag wird aus 
.einer Reihe von Gründen wahrscheinlich auf Schwierigkeiten 
,stoßen, und es mag darum, wie mehrere Diskussionsredner her- 
v°f&amp;gt;ben, geraten erscheinen, sich zunächst zu Konzessionen zu ver 
stehen. An dem Wiederaufbau der zerstörten Gebiete 
will auch der v. v. X. nach Möglichkeit mitwirken. Die Ver- 
hammlung begrüßte «S, daß Herr Kröger zu den hierauf bezüglichen 
Verhandlungen nach Baris mit entsandt wird und dankte ihm 
unter stürmischem Beifall für sein« packenden Ausführungen. - 
-vw Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen begreiflicherweise die 
Erörterungen über die Behebung der Wohnungsnot und 
die Wiederbelebung der privaten Bautätigkeit. Nach 
einer lebhaften Aussprache, an der sich vor allem Vloemers 
(Bonn) der Schöpfer der sog. „O-x BloemerS' zur Beseitigung 
der Wohnungsnot und Förderung des Eigenheims m Bonn. H i l - 
l" (Frankfurt Deines (Karlsruhe), Paulsen (Hamburg) 
beteiligten, konstituierte sich aus diesen und noch etlichen bewährten 
Fachmännern unter dem Vorsitz von Walpert (Kassel) ein Aus 
schuß, dessen Beratungen zu der folgenden, van der Versammlung 
einstimmig angenommenen Entschließung führten: 
r» B;md verweist auf die dringende 
dre Wohnungsnot durch entschiedenes Handeln zu 
bekMNMn. Dazu rst die Verwirklichung des ceichsverfassungsgemL- 
tzen Heimstattenrechtes notwendig. Die Bundesversammlung halt 
NL -Leitgedanken ^tzt für Verwirklichungsreif: 1. die Zwangs- 
Mrrfchaft im Bau- und Wohnungswesen läßt sich dauernd nicht 
mrfrrcht erhalten. Der Abbau muß schließlich zu völlig freier 
Wirtschaft führen. Der Abbau darf nicht zu Spekulationsgewin 
nen ausgenutzt werden. Neubauten und Erweiterungsbauten 
müssen alsbald wirtschaftlich dauernd voNommen fveigegeben wer 
den; 2. die Hergabe von Bauzuschüffen ist auf die Dauer undurch 
führbar, jedoch vorläufig unentbehrlich. Mittel, die aus Wohn- 
sbgaben fließen und durch die Zwangsbewirtfchaftung gewonnen 
werden, sind ausschließlich der privaten und genossenschaftlichen 
Bautätigkeit Zuzusühren. Die gesetzliche Neuordnung ist aus Rah 
mengesetze zu beschränken; ihre Durchführung ist den Gemeinden 
und GemeindeveröLnden auszuerlegen. Aufwendungen für Wohn- 
bauten sind in weitestem Maße von Steuern zu befreien; Z. bei der 
Beleihung ist der veränderten volkswirtschaftlichen Lage Rechnung 
Zu tragen; hierfür muß das Schätzungswesen im Reich nach ein 
heitlichen Grundsätzen geregelt werden. Zur Verbilligung des 
Bauens müssen den Baustofferzeuaem genügend Kohlen zugestellt 
werden. Für Baustoffe sind bei den öffentlichen Verkehrsmitteln 
niedrigste Frachtsätze zu gewahren." 
Die Diskussion über die Sozralisierung der Bau 
betriebe ergab, daß man in dieser Frage vorerst eine ab 
wartende neutrale Haltung einzunehmen gewillt ist. Gang ent 
schieden sprach sich Kroger dagegen aus, daß der Architekt sich 
nicht, sozialisieren lasse und als Angestellter in einen solchen 
Betrieb eintrete. Es wurde einem Antrag Paussen statt« 
gegeden, der zur Beobachtung der Vorsch rge und Versuche zur 
Sozialisierung des Bauwesens die Einsetzung eines kündigen 
Ausschusses fordert. — Jnbezug ar^ Hochoaunormung unh 
die Einführung betriebswirtschaftlicher Methoden nach Art des 
Taylorshstems rm Baugewerbe ließ sich keine willige Einigkeit 
erzielen. Zum Unterschied von Kroger z. B. bekannte sich 
Pauls en als Anhänger weitgehendster Rationalisierung des 
Bauwesens. Im allgemeinen hieß man eine in beschranktem 
Maße verfolgende Normung und Typisierung gut. 
Aus den Beratungen zur wirtsch a f t lichen Lage sei er 
wähnt, daß Fabrieius in seinem Referat über die Ver 
gebung der Besatzung sb anten die Forderung erhob. eS 
möchte die Durchführung dieser Bauten den Privatarchite'kten 
anvertraut werden, und weiterhin die Widerstände kennzeichnete, 
die sich hiergegen im Reichsschatzministerium geltend machen. 
Den Abschluß der arbeitsreichen Tagung bildeten Verhand 
lungen über interne Angelegenheiten des Bundes. Der Vor 
schlag des Wahlausschusses, Geh. Rat Com. Gurlitt 
und W. Kröger als ersten und dritten Bundcsvorsitzenden für 
das kommende Jahr wiederZuwählen und an Stelle des ausschei 
denden zweiten Bundesvorsitzenden Pros. Martin Elsässer die Wahl 
Geh. Rats G Bestelmeher in den Vorstand vorZunehmen, 
wurde unter lebbaftem Beifall einstimmig angenommen. Die Ver 
sammlung beschloß, einen Vertr ter der besetzten Gebiete dem 
Vorstand zu kooptieren. Lr. 
TMmcheiü m 
seiner Verächtlichkett und seiner Rrkraft selten eindrucksvoll enthüllt
        <pb n="29" />
        Naturwissenschaftliche SchTeib-Lehrmr Mung. In den 
Räumen des ^Lenographiichen Instituts, Bleichstraße 4, führte 
Handelsschullehrer R. Händler eine Schreib-Lehrausstellung 
vor, die einer erfolgreicheren Gestaltung des Schrerbunterrichts 
dienen soll. Der Lehrweg verwertet die naturwissenschaftlichen 
Gesetze, die der Entwicklung der Schrerbtätigkeit für Verkehrs 
schrift und Maschinenschreiben zugrunde liegen. In einer Reihe 
systematischer Darstellungen wird die richtige Hand- und Fiu- 
gerhaltung aufgewiesen, wie sie sich aus der Rücksichtnahme auf 
die Muskulatur und die anatomische Struktur der Hand erg:bt° 
Ein Unterricht nach diesem Verfahren, das überall auf gewöhn 
lich kaum beobachtete physiologische Gesetzmäßigkeiten zurück- 
greift, dürfte sich nicht nur in den Elementarklassen, sondern 
auch bei Erwachsenen empfehlen, die an irgend einem Hand 
übel leiden oder zum Linksschreiben genötigt sind. Händler 
selbst hat mit seinem Verfahren, das gewissermaßen eine An 
wendung des Taylo^systems auf ein begrenztes Gebiet ist, gute 
Erfolge erzielt; seine auch in Buchform niedergelegten Versuche ; 
und Vorschläge erfreuen sich der Zustimmung bewährter Fach- I 
Sie »enlWedenen Schulrelomer". 
Wer die Tagung des Bundes der entschiedenen 
Schulreform«! in Frankfurt besuchte, der kam zwar nicht 
ganz auf feine Kosten, wenn er sich über das Prograunn des 
Bundes im einzelnen systematisch unterrichten wollte, aber er 
lernte doch — was für die Beurteilung einer geistigen Be 
wegung ungleich wichtiger ist — die verschiedenen Führer des 
Bundes von Angesicht zu Angesicht kennen und empfing aus 
ihren mitunter leider zu allgemein gehaltenen Reiben einen 
lebendigen Gesamieindruck ihres Wesens und Wirkens, wie 
ihn noch so gründliche Lektüre der Propagandaliteratur nicht 
zu vermitteln vermag. Es ist nicht leicht, den Mistigen Mittel 
punkt ausfindig zu machen, von dem aus die Absichten der lei 
tenden Männer des Bundes zu verstehen sind. Wie jede revo 
lutionäre Bewegung, so nimmt auch diese von vielen Seiten 
her Ideen auf, die oft schon seit Jahrzehnten bereit liegen und 
nicht selten einander Widerstreiten; ihre Anhänger verschmähen 
es mit Bewußtsein, sich auf ein sachliches Programm ein für 
alle Mal festzulegen, die gesinnungsmäßig innegehaltene Rich 
tung gilt ihnen mehr als das scharfumrissene Ziel, tätige Sehn 
sucht ist ihnen, wie der Bundesvorsitzende, Paul Oestreich, 
es einmal ausdrückte, bereits Erfüllung. 
Trotz einer gewissen Verschwommenheit im einzelnen lasten 
sich aber doch die den entschiedenen Schulreformern gemein 
samen Bestrebungen in ihren Hauptzügen mit einiger Sicher 
heit kennzeichnen Sämtliche Führer und Freunde des Bundes 
teilen zunächst die Ueberzeugung, daß eine durchgreifende Um 
wandlung des Schulwesens in ihrem Sinn« an die Erneuerung 
des ganzen volM-chen Lebens geknüpft sei; sie bekennen sich zu 
einem von sozialem Geiste erfüllten freien Volksstaat, in dem 
— so fordern manche von ihnen — Gemeinwirtschaft an die 
Stelle individuellen Handelsaustausches zu treten habe. Auf 
gabe der neuen Schul« sei, die Jugend zu einer solchen Ge 
meinschaft zu erziehen. Man will also die bisherige Unter- 
rtchtsanftÄt durch eine Gemeinschaft ersetzen, in der Schüler 
und Lehrer, tunlichst unter Einschluß der Eltern, kamerad- 
'haWch zusammenarbeiten, wobei dem Lehrer zwar die kraft 
üner Persönlichkeit erworbene Rolle eines FührerS, nicht 
aber die Stellung eines autoritativ befehlenden Vorgesetzten zu- 
zufallen hat. Gemäß den Forderungen PestalozziS und Fichtes 
müsse weiterhin die heutige Lernschule imrner mehr der Ar 
beitsschule weichen. Selbsttätigkeit auf allen möglichen Ge 
bieten des wirtschaftlichen und des geistigen Lebens statt bloß 
passiver Aneignung des Lernstoffes soll den Schöpserdrang in 
oen Kindern wecken und ste schon in frühester Jugend zum Han 
deln anleiten. Es versteht sich, daß nur die Einheitsschule 
diesem Erzishungsideal voll entspricht. Ihre Einführung soll 
aber nicht gleichbedeutend mit Nivellierung sein; Pro 
fessor Oestreich setzt sich für eine die Individualität 
und die Gesamtmenschlichkeil der Schüler weitgehend berück 
sichtigende Schule ein und schlägt demgemäß vor, auf die ge 
meinsame Grundschule Mittel- und Oberstufen aufzubauen, die 
alle jetzigen Typen höherer Schulen umfassen und so elastisch 
organisiert sind, daß jede Begabungskombination und jede 
Eigenart in ihnen zu ihrem Recht« gelangt. An allgemeinen 
Gesichtspunkten kam bei der Tagung immer wieder zum Aus 
druck, daß die Schulreformer objektiv übergeordneten Zwang 
und feste Bindung an gegebene Formen zu Gunsten freier 
Selbstbestimmung der Schulgmieinschasten ablehnen, wie sie 
auch kollegiale Selbstverwaltung der Lehrerschaft und Eltern»^ 
Vertretungen fordern. Im einzelnen sei noch hervorgehoben, 
daß die Anhänger des Bundes eine elastisch zu hand 
habende Koedukation zum Ziel haben und auf die Ausbildung 
des Körpers wie überhaupt eines normalen Trieblebens be 
sonderen Wert legen. Was das Verhältnis zur Religion an- 
betrifft, so scheint man in den Kreisen der Schulreformer — 
es ist hier schwierig zu urteilen — der Auffassung zu huldigen, 
daß sich die neue Erziehung vor allem die Pflege ehrfürch 
tiger Gesinnung (vor dem menschlichen Körper vor der Ge- 
NKinschaft usw.) und die Förderung einer Religiosität ange 
legen sein lasten muffe, die aus dem gemeinsamen Leben her 
vorgehen soll. 
Abgesehen von mancher, übrigens durchaus nicht immer neuen 
Einzelforderung, mit der man sich einverstanden erflären kann, 
ist das Eintreten für eine vermehrte Hinwendung zur kon 
kreten Lebenswirklichkeit zu begrüßen. Mit der 
Abkehr von abstraktem Lernwissen wie einem rein fachlich ge 
schulten Teilmenschentum und der gleichzeitigen Erziehung zu 
sinnfälligem Wirken im realen Lebensumkreis beschriftet man 
ja nur den Weg, den Goethe in den „Wanderjahren" und am 
Schluß der Fausitragödie bereits als heilsam erkannt hat. Es 
ist v-ührlich an der Zeit, daß der deutsch-idealistische Geist, der 
allzu lange über den Wolken schwebte, sich zur Erde zurückfinde 
und der Forderung des Tages genug zu tun lerne. Bet der 
Arbeitsschule in Hamburg, einer Schöpfung des SchulratS 
Carl Goehe, und zumal der von August Heynzu Neukölln 
geleiteten Gartenarbeitsschule, die als solche sicherlich für Groß 
stadtkinder ein Segen ist, scheint es sich mn Versuche in dieser 
Richtung zu handeln. 
Die geistige Grundhaltung freilich, von der solch« 
an sich sehr verdienstvolle Versuche getragen sind, gibt zu schwer 
wiegenden Bedenken gegen die Durchführbarkeit des Programms 
der Schulreformer Anlaß, und auch verschiedene Punkte des 
Programms selber nötigen zum Widerspruch. Die Bewegung 
krankt vor allem daran, daß sie der Hauptsache nach in der 
Regierung eines überlebten BildungSwesenS besteht, ohne «in 
neues positives und materialeS Bildungsziel an seine Stelle zu 
setzen. Celbstverantwortung der Jugend und dergleichen sind 
rein formal« Förderungen, die der Ergänzung durch ein be 
stimmt umgrenztes, objektiv gültiges BildungSideal bedürften, 
um die für jede Erziehung unentbehrlichen Wertmaßstäbe an 
die Hand zu geben. Dieser Mangel aber wird zu einem kaum 
aufhebbaren Gebrechen dadurch, daß die Schulreformer Autori ¬ 
tät und Zwang prinzipiell entwerten und in jedem festen Form- f 
gefüge nur eine Erstarrungserscheinung zu erblicken vermögen. 
Wie soll man bei einer derartigen Einstellung von subjektivem 
Gemeinschaftswollen W objektiv sicher gegründeter Gemeinschaft 
gelangen? Aus diesem «ine« StrukturfMer der Bewegung 
erflären sich fast alle ihre übrigen Schwächen. Der Gedanke 
etwa, die Schul« vom Kind auS zu gestalten, ist zwar als 
Reaktion gegen frühere Einseitigkeit«: begreiflich, mutet aber 
denn doch etwas sentimental an und verhüllt nur schlecht die 
Abwesenheit konkreter und übergeordneter BildungSgehalt«. 
Die Jugend kann nicht immer von sich aus wissen, was wert 
voll ist und ihr frommt. Die Theorie der Schulreformer, der»! 
zufolge man dem jungen Menschen von außen nichts auf 
zwingen, sondern möglichst nur das ihm Gemäße seinem Geist 
angliedem dürfe, klingt zwar recht einleuchtend, läßt sich aber 
praktisch nicht durchführrn. Es erscheint zum mindesten frag 
lich, ob es nicht auch in moralischer Hinsicht mehr für sich hat, 
wenn der Lehrer gegebenenfalls durch autoritativ« Weisung 
die Schüler zur Aneignung eines ihnen etwa unliebsamen 
Wissensstoffes bestimmt, statt in ihnen durch Ueberredung den 
oft irrigen Glauben zu erwecken, sie fänden sich zu allem allein 
und aus eigener Kraft durch. Kaum mehr als eine Regierung 
des alten Schulsystems ist auch das Ideal der völlig elastischen 
Schule. Gewiß steckt in ihm ein berechtigter Kern, gleichzeitig 
aber verrät es durch sein« Überschätzung der Sonderbeschaffen- 
heiten des Individuums seine Herkunft aus dem Subjektivis 
mus der Romantik, der gerade auf überpersonale, inhaltlich 
bestimmte Normen angewiesen ist, um nicht gemeinschafts- 
sprengend zu wirken. Wohin würde man gelangen, wenn man 
die Eigenart jedes Menschen großpäppeln wollte? Sicher nicht 
zur ersehnten Gemeinschaft! Daß die Forderungen der Schul- 
reformer teilweise auf utopischen Voraussetzungen beruhen, sei 
nur nebenbei erwähnt. Die Produktionsschul« als Erziehungs-&amp;gt; 
verband der Schüler, Eltem und Lehrer in Ehren, aber wir 
haben weder die einsichtigen Eltern, noch die Fülle genialer 
Lehrer, um diese Arbeitsschule in großem Maßstab« zu verwirk 
lichen, und selbst wenn wir sie hätten, wäre damit noch längst 
nicht jene dauernde Hochspannung der Gesinnung verbürgt, die 
nun einmal zur Erreichung einer rein auf Freiwilligkeit ge 
gründeten Gemeinschaft unerläßlich ist. 
Schließlich ein Wort noch zu der von Dr. Siegfried Kä 
me r a u und anderen angestrebten Reform des Geschichts 
unterrichts. Man will nicht nur die Staats- und Kriegs 
geschichte, sondern auch die Darstellung der großes Männer 
hinter einer sogenannten soziologischen Betrachtungsweise ge 
schichtlicher Zusammenhänge zurücktreten lassen, zu der die 
Kinder etwa von ihrem 14. Lebensjahr« an methodisch äuge-
        <pb n="30" />
        leitet werden sollen. Das historische Geschehen wird vorwie 
gend aus der jeweiligen Gesellschaftsordnung und den Zeit 
kräften erklärt. Da die Kinder in der Gemeinschaft leben, 
können sie, so denkt man sich, das Gehörte ihrem eigenen Er 
fahrungsbereich leicht etngliedern, und da ihnen der Stoff nicht 
nach der früher üblichen autoritativen Methode geboten wird, 
stehe ihnen der Weg zu^iner vorurteilslosen, objektiven und 
selbständigen Erforschung Der Geschichte offen. Diese Anschau 
ungen, in denen sich marxistischer Geist mit einer gewissen 
seichten „AuMrung" mengt, find reichlich dilettantisch und 
geben der Jugend gerade das nicht, dessen sie am dringensten 
bedarf: die gestalthasten Vorbilder. Zudem ist eine derartige 
Sozialgeschichte notwendigerweise genau so einseitig und so 
wenig objektiv wie eine Heroengeschichte, die aber immerhin 
ihrer geringeren Abstraktheit wegen den Bedürfnissen des ju 
gendlichen Alters besser entspricht. Will man schon selbständige 
Individualitäten erziehen, so darf man auch die großen Indi 
viduen aus der Geschichte nickt ausschalten. Daß man mehr 
als bisher die kulturelle Entrvwlung zu berücksichtigen trachtet, 
ist natürlich zu billigen. (Dr. Kawerau hat seine Ideen 
über diesen Gegenstand aus geführt in der Schrift: „Sozio 
logischer Ausbau des Geschichtsunterrichts", Verlag N-eueS 
Vaterland in BeÄin.) 
In Übergangszeiten gleich den unsrigen mag eine Be 
wegung wie die der Schulreformer schon als Bewegung ihr 
Daseinsrecht haben. Man muß sich aber klar darüber sein, 
daß ihre Lösungsversuche mit inneren Mängeln behaftet und 
dämm skeptisch zu beurteilen sind. Es wird schon stimmen, 
was der Bundesvorsttzende während der Tagung sagte, daß sich 
die Aufgabe der Bewegung darin erschöpft, an den Schlaf der 
Welt zu rühren. ___ 8. Lr. 
Spiritistische Phänomene und ihre ErMruZ^. Daß in einer 
Zeit, rn der breite Schichten des Volkes sich dem Spiritismus Zu-' 
wenden, der Frankfurter Bund für VolLsLildung eine VortragK- 
folge über Geheimwissenschaften Veranstalter, ist sehr zu begrüßen, 
vermag doch einzig wissenschaftliche Aufklärung der bedrohlich ge 
wordenen unkritischen Hingabe an den Okkultismus Einhalt Hu 
tmu Die Leiden Vertrage, die Dr. Bappert w dem Rahmen 
dieses Lehrgangs hielt, beschäftigten sich in besonders gründlicher 
Weise mit den verschiedensten spiritistischen Phänomenen und 
brachten Erklärungsversuche für sie bei, die jeden Einsichtigen 
davon überzeugen mußten, daß es sich bei ihnen jedenfalls nicht 
um Erscheinungen von übernatürlicher Art handelt. Zunächst 
ging Dr. Bappert auf die physikalischen Phänomene des 
Spiritismus ein und zwar hauptsächlich auf die sogenarmren 
Mate rialisaiions Phänomene, denen Pros, w 
Schrenck-Notzing ein freilich nicht allzu kritisch gehaltenes Werk 
vor dem Krieg gewidmet hat. Der Redner besprach die Bedingung 
gen, unter denen Schrenck-Notzing experimentierte, und führt« 
&amp;gt; Lichtbilder von sogenannten Materialisationserschemungen vor, 
die von dem Experimentator während der Sitzungen mit Blitzlicht 
ausgenommen waren. Man sah da Gesichtsmasken und stoff- 
ähnliche Gebilde, die sich von dem Medium losgelöst haben sollen, 
niemals aber hat eigentlich, wie der Redner zeigte, Schrenck- 
Notzing den schlüssigen Beweis erbracht, daß es dem Medium an 
jeglicher Gelegenheit fehlte, durch geschickte Manipulationen der 
artige Dinge auf ganz natürliche Weise erscheinen Zu lassen. Da 
gegen besteht mehr als ein Verdachtsmoment, daß tatsächlich solche 
Manipulationen vorgen worden sind, und die Wahrschein ¬ 
lichkeit spricht somit dafür, daß man sie auch in den bisher uner«- 
klärten Füllen angewandt hat- Genau so wenig wie die Ma 
terialisation ist das Tisch rücken auf Geister zurückzuführen. 
In Wahrheit wird das Klopfen durch die Gedanken der Anwesen 
den veranlaßt, deren Erwartungen und Befürchtungen sich mittels 
unwillkürlicher Bewegungen auf den Tisch übertragen und ihn 
etwa zum Rotieren bringen. Solche Bewegungen können eine, 
große Kraft auslösen, wie schon das Beispiel eines Kindes zeigt, 
das eine schwere Glocke in Schwingung Zu setzen veMag. Met 
unter erschallen auch bei solchen Sitzungen Klopf töne, die 
aus dem Tisch selber hervorzukommen scheinen Das ist jedoch 
eine Täuschung, erklärbar aus der falschen Lokalisierung von Ge- 
rauschen, die das Medium mit seiner Zehe leicht hervorrufen kaum. 
! Keinem einzigen dieser Experimente wohnt wirklich Üeberzen- 
gungskraft nme, da sie zumeist auf unkontrollierbaren Voraus 
setzungen beruhen. Um ein Verständnis für die sogenannten, 
intellektuellen oder psychischen Phänomene des Spi« 
ritismus Zu gewinnen, wird man zu berücksichtigen haben, daß 
schon bei Nichtmedien übernormale Leistungen der Sinnesorgane - 
vorliegen können. Gesichts- oder Gehörssinn sind etwa in be 
sonders hohem Maße entwickelt, Eigenschaften, von denen der, 
landläufige Gedankenleser Gebrauch macht. Diese Steigerung der 
Leistungen wird auch durch die Hypnose bewirkt, die manche 
seelische Funktionen einschränkt, um die ganze Kraft auf die Aus 
übung anderer Zu konzentrieren. Derart erklärten M die Meisten 
Mpathischen Phänomene, Hellsehen, MusLelM usw., wie der 
Redner, unterstützt durch Lichtbilder, irr eiWeheuherr AusWrmrgM 
dMegt^ 
Las Msen des politisches IWxers. 
Von Dr. Siegfried Kraeauer. 
Wenn Kriege und Revolutionen ein zerrüttetes, der Auto 
rität bares Gemeinwesen hinterlassen, in dem der Kampf der 
Weltanschauungen weiter schwelt und jeden Augenblick schwere 
innere Unruhen zu entfachen droht, wenn hohlwangiges Elend 
sich in chiliastischen Wahnträumen wiegt und unaufhaltsame 
Korruption die letzten Bande des Vertrauens zerfrißt, dann be 
schwört heißeste Sehnsucht die Gestalt des großen volitischen 
Führers herauf, von dem eine bedrängte Menschheit 
sich einzig Rettung verspricht. Die Phantasie des ganzen 
Volkes schwärmt dem Erwarteten entgegen, noch ehe er leib 
haftig erschienen ist, sie sucht sich über das Wesen dessen, der 
dem Chaos ein Ende bereiten soll, schon im voraus Gewiß 
heit zu verschaffen. Je nach oer Richtung, die in solchen 
Epochen seelischen und politischen Wirrwarrs das Denken der 
Menschen einschlägt, spiegelt aber das Bild, das man von 
dem künftigen Hellsbringer entwirft, bald die Züge des reinen 
Idealisten, bald die des reinen Realisten wieder. Während 
die hochstrebende Hoffnung der einen sich den Erschauer der 
Ideen, den utopischen Menschen zum Führer erkiest, klammert 
die Ohnmacht der andern sich an den nüchternen Kenner der 
Wirklichkeit, der Menschen und Verhältnisse so nimmt, wie sie 
.nun einmal sind und genommen werden wollen. Tieferer 
Einsicht offenbart sich indessen beider Unzulänglichkeit zum Be 
ruf des politischen Führers. 
. Mag es sich nun um die politisch wirksamen Wiedertäufer 
»der um ein« der Gestalten aus unserer jüngsten Vergangenheit 
handeln, das Wesen des reinen politischen Idealisten 
ist immer von gleicher Beschaffenheit. Ueber die mit tauseno 
Mängeln behaftete Gegenwart hinaus schweift sein Blick dem 
Seinsollenden zu, dem allein höhere Notwendigkeit eignet. Je 
unbedingter die Forderungen sind, die er an seine verderbte 
Zeit stellt, um so mehr wird ihm der gegenwärtige Weltzustand 
xu einem bloßen Hemmnis, das überwunden werden muß, m 
einem nichtigen TeusÄsspuk, der zur Unwirklichkeit verblaßt 
neben der Wirklichkeit seiner Visionen. Wer zu diesen Visionen, 
diesen sozialen und politischen Utopien sich ausschwingt, der 
kümmert sich kaum noch um die plumpe Tatsächlichkeit der 
Dinge, ja, er darf sich nicht um sie kümmern, wenn er überhaupt 
des Ideals in seiner Vollkommenheit teilhaftig werden will. 
W« sollte er auch sich ihm anders nähern können als durch den 
kühnen Sprung über das Seiende hinweg? Indem er etwa 
die auf Brüderlichkeit gegründete Gemeinschaft der Freien und 
Gleichen postuliert, verschließt er M M Bedingtheiten WnA- 
! lichen Zusammenlebens gegenüber und dringt ohne Rücksicht 
! aus die Welt, wie sie zur Zeit noch ist, stürmisch der ersehnten 
utopischen Zukunft entgegen. Immerfort in dem Reiche' der 
Ideale verweilend, verliert er aber derart die Wirklichkeit aus 
den Augen, ihre Notwendigkeiten werden von ihm aufgehoben, 
sofern sie der Erfüllung seiner Forderungen im Wege stehen, 
oder diese Forderungen selber verwandeln sich ihm zum min 
desten aus einer endlichen in eine unendliche Aufgabe: kurz 
um, es bleibt ihm stets eine- schattenhafte Wirklichkeit zurück, 
der gestaltender Wille beinahe jede Form verleihen kann. 
Der reine politische Realist seinerseits fühlt sich ganz 
in die Gewalt der bestehenden Verhältnisse verstrickt. Er erkennt, 
daß nicht nur die tote Natur, sondern auch das lebendige Leben 
Gesetzen von unumstößlicher Gültigkeit gehorcht, die schlechter 
dings keine Uebertretung dulden. Statt die Gegebenheiten 
des sozialen und politischen Daseins ohne Prüfung durch ein 
Sollen zu überhöht», fragt er in erster Linie ihrer Notwendig- 
krit nach, statt Ansprüche an die Dinge zu stellen, die ledigli-b 
innerem Drang und subjektiven Bedürfnissen entwachsen, strebt 
er vor allem danach, die objektive Jnsichgeschlossenheit der Welt 
zu begreifen. Die Einsichten, die solches Bemühen zeitigt, 
führen ihn zu der bestimmten Ueberzeugung, daß die Realität 
(das heißt in unserem Falle die politisch-soziale Wirklichkeit) 
den Forderungen des Idealisten vielfach einen Widerstand 
leistet, der in der Beschaffenheit der Realität selber gelegen ist 
Er entdeckt, daß innerhÄb jeder größeren Gemeinschaft Kräfte 
am Werk sind, die im Verein mit den tief eingewurzelten uns 
darum dauernden Triebfedern menschlichen Handelns einen 
steten Fortschritt in der Richtung auf das Ideal zu verhindern, 
und es entschleiern sich ihm alle jene Unzulänglickkeiten unseres 
Daseins, die früher«, theologisch denkend« Jahrhunderte als 
Folge der .Erbsünde' hingenommen haben. Erfüllt von der 
brutalen Macht des Tatsächlichen, hält er es für ein eitles Be 
ginnen, dessen Existenz zu übersehen und die Gesetze, nach 
denen die Welt sich bewegt, Willkürhast umstoßen zu wollen. 
Dadurch aber, daß er ewig bei dem verharrt, was ist und sein 
muß, versperrt er sich schließlich jeglichen Zugang zu dem Reich 
der Ideen; die eherne unangreifbare Wirklichkeit lastet so sehr 
auf ihm, daß «r nicht zu entrinnen vermag, um sie aus dem 
Erlebnis visionär erschauter ZiÄe heraus schöpferisch zu ge 
stalten. 
Aus dem Wesen beider Menschheitsthpen läßt sich ihr Ver 
halten Äs politische Führer erschließen, und historisch« Er 
fahrung bestätigt durchgehends di« so gewonnenen Einsichten. 
Der reine Idealist zerschellt an der Wirklichkeit, wenn er sie 
' Miste«, will. Da er ihr Mir von seinem Ideal her naht, kennt
        <pb n="31" />
        er nicht die Verhältnisse, in die er einzugreifen trachtet, unter 
schätzt ihre Eigenkraft und sucht tastend wie ein Blinder ver 
geblich nach einem Punkt, an dem er seinen Hebel ansetzsn 
kann. Indem sein utopischer Glaube ihn teilweise das schon 
als vorhanden annehmen läßt, was doch erst geschaffen werden 
soll, täuscht er ihn über nicht zu beseitigende Hindernisse hin 
weg, raubt ihm das Verständnis für die Beschaffenheit und 
innere Wucht der ihm feindlichen Mächte und macht ihn in 
stinktlos in bezug auf Menschen und Zustände. Seine edlen 
Absichten verkehren sich ihm unter der Hand in ihr Gegen 
teil und die Massen, die vielleicht einen Augenblick von ihm 
fortgerissen worden sind, verketzern ihn bald, niedergezogen von 
ihrem eigenen Schwergewicht. Er erscheint als Phantast und 
erleidet das Martyrium. 
Der reine Realist hinwiederum versinkt in der Wirk 
lichkeit, während er sie politisch zu gestalten meint. Zwar weiß 
er genau Bescheid um die Struktur der Gesellschaft, um die 
ganze Skala menschlicher Eigenschaften und Charaktere und 
um die verschiedenen das Gemeinwesen durchflutenden gei 
stigen Strömungen, aber es fehlen ihm dre Ideen, denen gemäß ! 
die politischen Verhältnisse umzuwandelu sind. Er besitzt tau 
send Fertigkeiten, .ohne sie recht eigentlich anwenden zu können: 
statt den sozialen Organismus nun wirklich aus einem niederen 
in ein höheren Zustand zu überführen, flickt und bastelt er bloß 
an ihm hemm und alles bleibt im großen und ganzen so, wie es 
vorher schon war. So nützliche Dienste er auch etwa als Ere- 
kutor in einem geordneten Staatswesen leisten mag, an führen 
der Stelle und in Zeiten der Krise muß er notwendigerweise 
versagen. Die Welt des Bestehenden hält ihn bei sich fest, er 
dreht sich letzten Endes immer im Kreise und wird zum Macher, 
' wo er Schöpfer sein sollte. 
Die Grundhaltung des echten politischen Führers hat 
weder mit der Haltung des reinen Idealisten noch mit der des 
-einen Realisten etwas gemein, ebensowenig läßt sie sich leicht 
hin als irgend ein Kompromiß zwischen diesen beiden typischen 
Einstellungen, ja nicht einmal als deren Synthese begreifen 
Am deutlichsten tritt sie zunächst vielleicht im Gleichnis zu 
Tage Wenn der große Führer die Gesellschaft umsormt und 
eine nese Ordnung einrichtet, so beschreitet er damit «inen 
Weg, der das Gemeinwesen einer idealen Verfassung näher 
bringt. Ganz an dem Endpunkt dieses Weges verweilt der 
Idealist, der, da er immer um die fernen höchsten Ziel« um- 
schwärmt, die lang« Strecke bis zu ihnen hin nicht zurücklegen 
kann. Der Realist ist an den Anfangspunkt des Weges ge 
bannt, auch er unfähig dazu, ihn zu durchwandern, weil er 
die Richtung nicht kennt, in der er voran dringen soll. Des 
FührM SeÄe dagegen umspannt Anfang WhHW Zugleich, 
fein eigentümlicher Bereich ist der Weg selber, er ist der Mei - &amp;gt; 
st er deSWegs. Wie bietet sich die Welt ihm dar, wie muß 
sie sich ihm darbieten, damit er zu diesem seinem Beruf tauglich 
wird? 
Nun, wenn er wirklich «in politischer Führer ist, so bleiben 
ihm Zwei Sphären immer verschlossen, wenigstens erlebt er sie 
nicht von dem Mittelpunkt seines Wesens aus. Niemals kristal 
lisiert er aus der Fülle der Geschehnisse das zeitlos« utopische 
Ideal an sich heraus, um, wie der eigentliche Idealist, in Sehn 
sucht nach ihm zu entbrennen und es zur alleinigen Richt 
schnur für sein Handeln zu machen. Niemals auch erscheint 
ihm, wie dem Realisten, die politisch-sozial« Wirklichkeit an 
sich als eine nach strengen Gesetzen zusammenhängend« und in 
sich ruhende Mannigfaltigkeit, die keine idealen Forderungen 
aus sich herausgehen läßt. Sein Grunderlebnis ist vielmehr 
eine ganz bestimmte historische Realität, die in einem ganz be 
stimmten Sinn« gestaltet zu werden verlangt. Gegebenes und 
Gefälltes treten für ihn nicht auseinander, um hinterher erst 
künstlich verbunden zu werden, sondern ste verschmelzen sich ihm 
Hon vornherein zu einer unzertrennlichen Einheit, die er als 
ven Drang einer lebendigen und konkreten Zeitwirklichkeit zu 
einem ebenso konkreten Zeitideal hin erlebt. Wie der Bildhauer 
in dem ungefügten Marmorblock bereits die Umrisse einer Ge 
stalt erschaut, die er gerade nur aus diesem einen Block heraus 
meißeln kann, so spürt der wahre Führer mit jeder Faser seines 
Wesens, welchen besonderen Zielen sein Volk unbewußt zu- 
strebt und welche Kräfte zur Stund« erweckt, bezw. gebändigt 
werden müssen, damit das dumpfe Streben Erfüllung findet. 
An einem absoluten Ideal ist ihm genau so wenig gelegen wie 
' an einem absoluten und unveränderlichen Sein; für ihn gibt 
es nur eine Wirklichkeit, die sich von einem individuellen Sein 
zu einem individuellen Sollen bewegt, und er lebt diesen Prozeß 
mit, er ahnt und meistert seine Richtung. Die Ideale, die er 
gewahr wird, schlummern vorgeformt schon in der durch ihn zu 
gestaltenden Welt, und die Welt, die ihm als vorhanden ent- 
gegentritt, hat schon einen eindeutigen Bezug aus die Ideale. 
Die politische Situation, in die er hineinwächst, ist ihm kein 
Zustand, der sich nach freiem Ermessen umwandeln läßt, oder 
dem man sich einfach unterwerfen muß, sondern sie ist ihm, den 
geheimnisvolle Fäden innig mit dem Gemeinschaftsgeist ver 
binden, der Hinweis auf ein bestimmtes Schicksal, als dessen, 
Vollstrecker «r sich fühlt. Wenn der Strom des Geschehens weiter! 
flutet, ändern sich auch die Schicksalsnotwendigkeiten und neu«^ 
Ziel« tauchen am Horizont auf; sie mit nachtwandlerischer 
Treffsicherheit erspähend, gräbt der Führer diesem Strom bald ! 
«in enges Bett, bald räumt er ihm all« Hindernsse beiseit«, erf 
lenkt ihn oder vertraut sich ihm an, wie der Augenblick es M 
ÄttKN Wahrend der JMinkflos« wähnt, es berge jede 
poliüfche Situation unzählige Möglichkeiten in stch, kommt für 
immermur eins einzige Möglichkeit inSetracht, eben 
dreiemge, deren Verwischung in den von ihm voraus- 
EÄ*" ^chickialsweg Aneintreibt. Weder d« utopische 
Realist vermögen seine Taten wi« über- 
W h a N c M ht d« V g e a c n h zs AK H M a e ltun u g nd v d E i/ z v u ic w k ü n rdi L ae t n -n ^en L -e f r te «in« 
- ^mernfchast nienmis unmittelbar erfahren hat, will schnm- 
auf s«m Ideal zueilen und glaubt darum, daß der 
zuruckwercht, wo er doch bloß einen Anlauf nimmt od^ 
A ein Kompromißler ist, wenn er zur Erreichung noch ins 
»Dmckel gehüllter Ziele unerläßliche Zugeständnisse macht 
.D M ie E se E r numg V ekeer h h ä rt l , t n i d f sere s h ic i hnanuisewmaagls t Übae h rn t denn ^ Bann L k Z reuis d A er 
., 
Sichrer.sich eigentlich bewogt und erschrickt darum über die un- 
oegreiflichen und gewaltigen Forderungen, die er stellt. Dem 
einen allzu sehr an der Wirklichkeit hastend, dem andern sich 
s« erhebend leitet der Führer sein Voll 
^deen, dre, wenn sie auch «in Erzeugnis seines Geistes sind 
so doch aus der Wirklichkeit selber hsrvorgeholt zu sein scheinen' 
sich aus 
der von ihm zu verrichtenden Aufgaben. Der 
! poliüfche Führer großen Stils gleicht darin dem Künstler daß 
formlosen Stoff innerlich erschaute Gestalt 
'EkA- Der Stoff aber, an dem er sich betätigt, ist nicht die 
oder irgend ein« Reihe von Vorstellungen, «r Se- 
steht vreunehr aus Gruppen, Vollern, wie aus Sozkalaebilden 
AI von entscheidender Bedeutung für das 
^erstandnis des Führers, daß man ihn als Bewältig« dieses 
Stosses auffaßt. Aus «in« solchen Auffassung 
er-was seine Beziehungen zu den Men- 
-chen anlangt. nicht wie ein« Privatperson mit Privatpersonen 
A Mnschen, auf die stch sein Ein- 
Mß erstreckt, in irgend welcher Hinsicht immer ein Objekt sind, 
da-, geprägt werden muy, daß er überall dort bewußt bandelt 
wo M ihm meist unbewußt folgen. Der praktische Erzieher' 
'7^ ?« ^^vbudung selbständiger Einzelpersonen obliegt, ent- 
umso besser, je schneller «r guten Gk- 
E „der Hand geben darf. Der politische 
. &amp;lt;pchr-Är mdeffen kann, folang« wir noch von der Berwirk- 
tüchung einer mopischen Gemeinschaft weit entfernt sind sö- 
lmM demnach PMck überhaupt notwendig ist, auf MioMatid« 
I Leitung nimmermehr verzichten, da « ja wesentlich zur For 
mung sozialer Ganzheiten, zur Gründung umfassender Ord 
nungen und nicht zur Erziehung Einzelner berufen ist. Der 
Stoff, in dem «r sich auswirkt, find laut« übermdividiMe Ge- 
! bild«, d. h. die Menschen treten ihm M Atome von Mchsen, als 
Glieder von Parteien und Nationen, als Verfechter mächtiger 
Tendenzen entgegen. Er bewegt stch also in einem Bereich, in 
dem «r es kaum je mit dem ausgeprägten Einzelmenschen als 
solchem zu tun hat, in einem Bereich, den eigentlich nur er kraft 
sein« besonderen Intuitionen bewußt beherrscht. Wenn er nun 
den diese politische und soziale Welt erfüllenden Stoff gestalten 
will, so muß « notwendigerweise auch nach den Mitteln grei 
fen, di« «ine solche Gestaltung allererst ermöglichen. Die Grup 
pen aber, in denen die durch ihn zu formenden geistigen Kräfte 
(srziale Ideen, politische Bestrebungen usw.) ihr« Verkörperung 
finden, entfalten sich gleichsam über die Köpfe der ihnen ange 
hörigen Menschen hinweg nach einer ihnen eigentümlichen Logik. 
Um sie zu lenken, sie entzweien und mit einander versöhnen zu 
können, kommt «s deshalb darauf an, sie so zu beeinflussen, wie 
«S dieser ihnen eingeborenen Logik entspricht; unmöglich ihre 
Bewegungen zu leiten, wenn man die Mensche« rein als für 
sich seiend« Individuen begreift und ausschließlich nach der». 
Grundsätzen zu verfahren trachtet, di« für die Beziehungen 
! Mischen den Einzelgliedem ein« Gemeinschaft maßgebend sind. 
ES ließ« stch am Ende zeigen, daß dem währen, die großen 
Schickfälsziel« verfolgenden Führer, allerdings auch nur ihm, 
mitunter erlaubt, oder besser: geboten ist, was im Verkehr vom 
Ich zum Du als verwerflich gilt. Die besondere Natur fein« 
Aufgabe und seines Stoffes kann ihn etwa zur Anwendung 
des technischen Kunstgriffes der Verstellung, zur Demagogie! 
und zu furchtbarer Härte zwingen, sie kann ihm Handlungen! 
aufnötigen, die niemand außer ihm überhaupt zu verantworten 
und zu ertragen vermag. Er handelt dann ab« nicht so als 
Privatmann gegen Einzelmenschen, sondern als Wegbereiter 
feines Volles gegen die Angehörigen von Gruppen und Vor 
kämpfer von Mächten, die das Beschreiten des Von ihm ringe- 
schlagenen Wegs zu verhindern suchen. 
Ahnt man die Tragödie des politischen Führers? Eben 
dies, daß ihm weniger denn sonst irgend einem Menschen ein 
Privatleben gegönnt ist, macht sei« Schicksal aus. Während 
jedem Anderen Bereiche offen stehen, in denen er reine Mensch 
lichkeit entfalten und ohne Neben- und Hintergedanken frei 
M Ausströmen lasse« darfst es für ihn gerade bezeichnend.
        <pb n="32" />
        Ne alle KMuMr MMHMe. 
Als in der Frühe des 3. Juni 1914 mit dem Abbruch der alten 
Brücke begonnen wurde, konnte niemand ahnm, daß ihr Neubau 
dereinst ein wahres Schmerzenskind für Frankfurt werden sollte. 
Frerlich setzten die Schwierigkeiten nicht erst nach Beginn d-r Bau 
tätigkeit, sondern schon erheblich früher ein, hatte es doch langer 
Jahre erregter Kämvfe bedurft, ehe man sich über das ^ Aus 
führung bestimmte Projekt notdürftig einigte. Wer sich noch der 
Baugeschichte erinnert, weiß, daß die im Winter 1911 gefällte Ent 
scheidung deg Preisgerichts über die Wettbewerbsentwürfe zu"N 
Brücken-Ncuüau von Künstlern, Kunstzelehr^n und Publikum heftig 
Kugefochten wurde, daß daraufhin die Träger des ersten Preises, 
'die Architekten FranZ Heöerer und H. v. Hoden ihr Projekt 
einer- Umarbeitung unterzogen, und schließlich gemeinsam mtt 
dem inzwischen verstorbenen hochbegabten Architekten Leon- 
hardt, dem Träger des zweiten Preises, dessen Lösung allgenün 
vor der ihrigen den Vorzug gefunden hatte, auf veränderter Grund 
lage einen KompromißenLwmf schufen, den die Stadtverordneten- 
VersanmÄu'üg, nachdem noch einige Mängel abgeändert worden 
waren, im Dezember 1913 endgültig genehmigte. Die Kriegszeit 
brächte naturgemäß eine weitgehende Verzögerung der baulichen 
Arbeiten mit sich; hinzu kam die mehrfache Überschwemmung der 
Baugruben durch Hochwasser, die weitere Verschleppungen, heroor- 
rief. Bald nach dem Krieg mußte die Tätigkeit ganz eingestellt 
werden und so ist denn heute erst ein geringer Teil des großen 
Weckes vollendet Die Kaimauern sind hochgeführt, ein paar 
Brückenpfeiler ragen über den Wasserspiegel hervor — das ist 
alles Nur der Gedanke, daß hier trotz der Ungunst der Verhält 
nisse früher oder später eine Brücke ersteht, die sich im Einklang - 
mit dem historischen Stadtbild befindet, und kommenden Geschlech 
tern von dem künstlerischen Verantwortungsbewußtsein uns^r 
Zeit Zeugen wird, vermochte bisher immer über drn melancholisch 
stimmenden Anblick der Notbrücke, des Steingerölls, wie überhaupt 
des ganzen unfertigen,, chaotischen Zustandes in jenem einst so an 
heimelnden Mmnwmkol hinwegzuhelfen. 
Wie es scheint, soll uns auch dieser letzte geringe Trost noch 
Genommen werden» In verschwiegenen Amtsstuben des Tiefbau-, 
Muts hat man dem Vernehmen nach im Einverständnis mit der 
BrückenbwckommM Verschwörung angezettelt, die auf nichts 
Geringeres als auf die Ersetzung des ursprünglich geplanten 
Brücken - Neubaues in rotem Sandstein durch eine Brücke in 
Eisenkonstruktion abzielt. Soviel bereits durchgesickert ist, 
liegen mehrere Projekte vor, von denen eines eine reine Eisenbrücke 
Vorsicht, während ein anderes nur den mittleren Teil der 
Drücke in Eisenkonstruktion anmmmt. Zum großen Teil sind es 
sicherlich finanzielle Swlmerigleiten, die Veranlassung zur Ausar 
beitung dieser neuen Projekte gegeben haben. Die ursprünglich über 
Millionen vorveranschlagte Bausumme der Brücke, zu der 
MriZenZ-der Staat IMMO Mk- hetzusteuern^erjtzrschsn hatten 
soll sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen etwa um das Fünf 
zehnfache erhöhen und zudem: die recht baufällig gewordene Not 
brücke, die schon heute ansehnliche Reparaturkosten verschlingt, kann 
nur noch einige Jahre hindurch erhalten werden. So denken wohl 
die Behörden am ehesten dadurch über den Berg Zu kommen, daß 
sie der Ausführung der Brücke einfach einen Entwurf zugrunde legen, 
der, wenn er auch nicht gerade allen ästhetischen Ansprüchen Genüge 
leistet, so doch Zum wenigsten den Vorzug verhältnismäßiger Bil 
ligkeit hat. 
Ohne sich dem Schwergewicht materieller Notwendigkeiten 
leichthin Zu verschließen, wird man doch dieses geplante 
Attentat auf das Frankfurter Stadtbild im vor 
aus recht kritisch beurteilen müssen. Zunächst befremdet es eini 
germaßen, daß das Liefbauamt, wenn es schon an die Vorberei 
tung einiger den jetzigen Zeitumständen besser angepaßter Pro 
jekte ging, es offenbar nicht für nötig befunden hat, von Anbe 
ginn an die Architekten hinzuzuziehen, die mit der Bearbeitung 
des ursprünglich genehmigten Entwurfs betraut gewesen waren. 
Da man bisher nur um das Vorhandensein dieser in den Schub 
fächern der Behörde ruhenden Projekte weiß, kann man zu ihrem 
Aussehen noch keine Stellung nehmen. Schon jetzt aber mu^ 
gesagt werden, daß die Behörden infolge der Art und Weise, in 
der sie seit Langem künstlerische Fragen behandeln, es sich selber 
zuzuschreiben haben, wenn heute die Öffentlichkeit, und Zumal 
die Künstler-schaft, gegen ihr eigenmächtiges Vorgehen und dessen 
etwaige Ergebnisse berechtigtes Mißtrauen hegt. Wie liegt denn 
der Fall in Wahrheit? Die Weiterführung des Brückenbaues 
nach dem unter so vielen Mühen Zustande gekommenen Projekt 
der Vorkriegszeit Läßt sich der hohen Kosten halber angeblich 
nicht mehr ermöglichen. Das Bauwerk nun, um das es sich hier 
handelt, ist dazu bestimmt, unserem Stadtbild auf Jahrhunderte 
hinaus seinen Stempel aufzudrücken, und erhebt sich, wie man 
weiß, an einer Stätte von historischer Bedeutung, an die sich für 
jeden Frankfurter Bürger, ja für jeden Deutschen ewig denk 
würdige Erinnerungen knüpfen. Hieße es da nicht viel eher den 
Schwierigkeiten ausweichen als versuchen, über sie Herr Zu 
werden, wenn man sich kurzer Hand dazu entschließen 
wollte, den Main dort, wo einst die alte Brücke stand, durch irgend 
welche Eisenkonstruktionen zu überspannen? Der Gedankf daß 
zwischen den ältesten Teilen Frankfurts und Sachsenhausens eine 
Eisenbrücke sich dehnen solle- macht schaudern, würde doch ein 
derartiger Zweckbau erbarmungslos den ganzen wundersamen 
Dust der Schönheit zerstören, den Natur und Leben der Ver 
gangenheit um jenen Ort gewoben haben. Stellt es sich jetzt als 
notwendMD seinerzeit genehmigte Projekt nmzustoßen, 
Gefetzt, daß einzig Persönlichkeiten der hier geschildertes 
Wesensbeschaffenhelt zur Führerschaft, d. h. zur Gestaltung 
der spezifisch politischen Wirklichkeit auserlesen sind, welch» 
Aufgaben fällen dann dem reinen Realisten und dem reine» 
Idealisten zu? Der Schwerpunkt Beid« liegt, wenn man i« 
diesem Zusammenhang die Berufung des utopischen Mensche» 
zur religiösen Tat außer acht läßt, ersichtlich in der Sphäre des 
Erkennens und nicht, wie ein verblendet« WidismuS 
glaubt, in der des politischen Handelns. Die scheinbar einleuch 
tende Theorie, der zufolge dem geistigen Vortrupp eines Lan 
des ohn« weiteres auch die Befähigung zur Leitung d« StaaE» 
geschäste eignet, ist ein Irrwahn, d« sich zumal in Zeiten des 
Umschwunges als verhängnisvoll erweist. Das hat vor allem 
Goethe tief empfunden, dem häufig genug Mangel an politi 
scher Aktivität zum Vorwurf gemacht worden ist. „Ich Hass» 
alle Pfuscherei wie die Sünde*, so äußert er leidenschaftlich 
erregt zu Eckermann, „besonders aber die Pfuscherei in Staats 
angelegenheiten, woraus für Tausende und Millionen nichts 
als Unheil hervorgeht* Faßt man ab« die beiden Type» 
des extremen Idealisten und Realisten ihrer wahren Bedeutung 
für das politische Leben nach als Erkennende auf, so ist ihre, 
wenn auch vielleicht nur der Idee nach mögliche Verschmelzung 
zugleich ihre höchste Aufgipfelung; d. h. sie vollenden sich, wenn 
sie in der Gestatt des Weisen zusammenklingen, des Weisen, 
der das Seinsollen nicht eher verkündet, als bis « di« Bezirks 
des bloß Seienden durchwandert hat. Seine Misston ist «S, die 
Gesetze der Wirklichkeit zu entschleiern und zugleich die Ideale 
aufzuweisen, denen die Menschheit zustreben muß. Wie er in 
Epochen der Verderbnis die Geister aufrüttelt und die Re 
volution vorbereicet, so wirkt er in anderen Epochen auf die 
einmal entflammten Geister dadurch mäßigend ein, daß er 
ihnen die Schranken zeigt, die ihrer Leidenschaft gezogen 
sind. Ihm als dem Denker liegt es ob, den Führer zu be 
raten, bszw. ihn durch die unsichtbaren Kanäle d« öffentlichen 
Meinung mittelbar zu beeinflussen; er erst «zeugt jenen nach 
Verwirklichung begierigen Gemeinschaftsgeist, der sich dem 
Führer entgegendrängt, um von ihm zur politischen Realität 
gestaltet zu werden. Derart ergänzen sich der Weis« und d«! 
Führer, und wenn nur ein jeder von beiden sich in den ihm 
zugewiesenen Bereichen hält, der eine die letzten Ziele er 
schauend und den Weg ersehnend, der anders den Weg be- 
schreitend und ihn meisternd, so ist damit der Sache Gottes t» 
dieser uMM WW jMM. 
daß fast sein ganzes gelebteS Dasein der Erreichung seiner 
Ziele dient und dienen muß. Sein Tun und Reden, seine 
Freundschaften und Feindschaften: alles wird schließlich Mit 
tel zum Zweck, nichts, bis zur geringsten Geste hinab, geschieht 
unbefangen und absichtslos. So verzehrt und verbrennt er 
sich selber — und nicht nur sich selber allein — in Erfüllung 
seiner Aufgabe und nutzt sich zuletzt ab wie nur irgend ein 
Werkzeug, das man fortwirft, weil es stumpf und untauglich 
geworden ist. Und wenn wenigstens das Werk zur Vollkom 
menheit geriete! Wer dieses Werk ist ein lebendiges Gebilde, 
das niemals ganz gemeistert werden kann. Die Schöpfung des 
Künstlers «HM sich ewig in der Form, die ihr Zeug« der 
spröden Materie aufgepreßt hat, die Schöpfung des Führers 
dagegen entwickelt sich nach ihren eigenen Gesehen zu Gestal 
tungen weit«, die oft genug den ursprünglichen Ideen des 
Führers Widerstreiten. Viel schon, wenn er den Fluß des Ge 
schehens hie und da eindämmt und für eine Wegstrecke weit 
seinen Lauf richtet; irgendwann und irgendwo ist er im üb 
rigen stets zur Rolle des Zuschauers verdammt und muß es 
am Ende nicht selten «leben, daß Kräfte sich seines Werks 
bemächtigen, die dessen eigentlichen Sinn verfälschen. Das von 
ihm Geschaffene bleibt imm« Bruchstück, und wie dieses nie 
vollendbare Fragment sich nun auswächst, ob zum Bösen, ob 
zum Guten, das hängt nicht mehr von ihm ab. Das Verhältnis 
des Führers zu den Menschen und zu seinem Werk «zeugt aber 
in seiner Seele eine Einsanckeit von grauenerregender Tief«. 
Da er seine eigentlichen Pläne und heimlichsten Wünsche nicht 
frei offenbaren darf, und da zur Verwirklichung dieser Pläne 
die Menschen gebraucht und verbraucht, statt mit ihnen zusam 
men zu leben, findet er zwar Anhänger, jedoch keine Gefährten, 
eine unsichtbare Scheidewand trennt ihn von denen selbst, die 
ihm am nächsten stehen. Niemand als er allein ermißt dir 
zwingende Notwendigkeit des großen Spiels, das er wagt, die 
andern, die ihm blindlings folgen, vertrauen bestenfalls seinem 
Stern, sie glauben, wo er zweifelt und zweifeln, wo er weiß 
In diesem ungeheueren leeren Raum um ihn her erlebt er seine 
Enttäuschungen — wer ab« ist reicher als er an Enttäuschun 
gen? — und hadert er mit seinem Volk, das sich von ihm ab- 
kehrt und sich gegen die höhere Einsicht feines Erweckers em 
pört. Sobald er vor die Menschen tritt, ist er ganz Oberfläck 
und keiner von ihm» ahnt auch nur den Jubel und das Schlucht &amp;gt; 
zen dessen, der hinter tausend Masken die Verantwortung für 
ihrer MrSchicksslMfstHnimO.».
        <pb n="33" />
        ) 
so w^rd man uns schon öw Llnmöqllchkeit anderer Lösungen als 
der im geheimen q-eplanten beweisen müssen. Dos aber kann — 
und hier eigentliche Haken verborgen auf bürokra ¬ 
tischem Wege garnicht geschehen, weil Behörden ihrer Natur nach 
zumeist weder dazu imstande noch gewillt sind, alle Kräfte gebüh 
rend einzuschähen und heranzuziehen, die in der Bevölkerung 
^etwa auf die glückliche Bewältigung einer solchen Aufgabe hin 
drängen. Wenn diese Aufgabe als das empfunden wird, was sie, 
in der Tat ist: nämlich als ein Bauvorhaben von weit mehr als 
nur Lokaler Bedeutung, das jedermann angeht, den ein wenig 
Verantwortung vor der Zukunft beseelt, dann wird sich am Ende 
zergen, daß auch ein verarmtes, aber feiner Würde bewußtes 
Volk noch genug materielle Hilfsquellen besitzt, um nicht die 
Verschandelung einer seiner ältesten Kulturstätten ohne weiteres 
zuzugeben. Für Staat und Reich erwächst fraglos die unab 
weisbare Verpflichtung, hier helfend einzugreifen, und Opfersinn 
der Bürgerschaft wie aller kunstsinnigen und geldkrästtgen Volks 
schichten mag ein Uebriges tun. Aber auch die Art der Fortsetzung 
des Brückenbaus läßt sich nicht einfach durch irgendwelche Aemter 
! von oben H-Lr dekretieren, sondern verdient sorgfältige Erwägung 
in breitesten Kreisen der Kunst- undSachver ständigen 
Als es sich im alten Florenz um die Aufstellung des David von 
Michelangelo handelte, wurde die ganze Künstlerschaft zu Rate 
gezogen und dann im Sinne ihres Entscheids verfahren. So 
muß es auch heute wieder sein, und zwar gerade bei einem 
Werke wie diesem, dessen Wetterführung auf verschiedene Weisen 
möglich ist und eingehende Berücksichtigung einer Reihe von 
Faktoren erheischt. 
Wie wir hören, wird sich die Frankfurter Künstlerschaft dem 
nächst mit der Angelegenheit befassen- Damit die Erörterungen 
fruchtbringend verlaufen, ist es dringend erforderlich, daß die Be 
hörde ihre Pläne wie überhaupt rhr ganzes Material der 
Öffentlichkeit baldigst zugänglich macht. Erst auf Grund dieser 
Unterlagen kann man zu konkreten Vorschlägen gelangen, die 
einen brauchbaren Weg zur Vollendung des Begonnenen weisen. 
Ar. 
Gletscherpartien Lalab, gefahrloseren Hügeln Zu, die in tollkühner' 
Abfahrt genommen werden. SchneewLlder surchquererrd, die im 
verzaubertem Schweigen starren, nähert, man sich schließlich miedet 
den hemratüchen Hütten. 
Die Wunder des Schneeschuhs. In dem vor kurzem 
öffneten Frankfurter Volkstheater für vslksbil^ 
dende L l ch L s p i e l Z u n st, RotlinLstraße das über einen, 
sehr schönen Raum verfügt, wird zur Zerr ein Film gezeigt, der, 
kaum seinesgleichen haben dürfte. In Bildern von seltener, 
Schönheit enthüllt er dem Beschauer die Wunder des Winter' 
lichen Hochgebirges, die nur dem geübten Alpinisten und Ski-^ 
Läufer unmittMar zuaänqlich sind. Doch ehe wir die kühnen 
Bergfahrer — A sind die besten Skiläufer Deutschlands — auf 
ihrer gefährlichen Wanderung begleiten, machen wir einen regele 
rechten Skikurs mit, in dem die dem Laien ein wenig unheim-s 
lichen Künste des Telemark-- und Christianiaschwungs und vor 
allem des Skisprungs methodisch eingeübt werden. Man be^ 
obachtet Sprünge von 20 M etwa 50 Metern, rasende Abfahrten- 
mühsame Anstiege, elegante Wendungen, und auch an Stürzen 
und seltsamen Bemverrsnkungen fehlt es naturgemäß nicht. Darm, 
sind wir von bequemem Sitzplatz aus Zeugen einer Schweizer. 
HochgebirgsLour bis zu 4200 Meter. .Der Filmoperateur HM dea 
Sonnenuntergang über wallendem Wslkenmeer fest. Nebel schieben' 
sich unaufhörlich zwischen winterlich glänzenden Bergspitzen vor 
und zerteilen sich wieder, drohende Schnee Wächten spannen sich/ 
über dunkle GleLscbergründe, steile Firne heben sich in fmrkelndeA 
Pracht vom stumpfen Himmel ab Die Bergfahrer bahnen sich, 
mühsam ihren Weg über den Gletscher an todbringenden Spalten, 
vorbei, und entledigen sich zuletzt noch ihrer Skier, um zu Fuß) 
das sonst nicht anders zu erklimmende Wegstück Zum Gipfel 
bewältigen. Auf dem Abstieg werden die treuen BEer-Gefährte^ 
wieder angeschnallt, und dann geht es vorsichtig über ZerschründeLs? 
Irmckfurier AngeleMheiten. 
ds Erneuerung. In drr ersten ordentlichen Mit» 
gÜedeMrsoiMMg dcS BnndeS der Erneuerung wirtichafiUcher 
Güternv Verantwortung erstattete Dr. Elster, der Mscha'^Z- 
sührer der Bundeszenttale in Berlin, über die bisherige Tätig 
kett des Bündcß Bericht. Um die Bestrebungen, dre nuf em 
Wirken von Menich zu Mensch abzielen, weiterzulriten, sind zahl», 
reiche Vorträge und öffentliche Kundgebungen veranstaitet worden, 
auch ist man in einer Reihe von Städten bereits zur Gründung von 
ürtSgruppen geschritten. Diese Bemühungen zeitigten schon »Mach 
Erfolge, so unterstützen z. B. die Ministerien durchweg die L.ang- 
keit des Bundes. In der nächsten Zeit wird in Berlin eme.Hen- 
traistcll. kür deutsche Arbeit gegründet, die es M) zur 
Ausgübe macht, den dcuNchsn Markt der oeutschen Arbert zu er 
halten. Wenn diese Zentralstelle auch selbstanoig nsoen dem 
Simmeis WWMe des SchMtzklAZ. 
Das neue Heft der philosophischen Zeitschrift „Logos" (Band 
IX, Heft 3) enthält u. a. nachgelassene Aufzeichnungen Georg 
SimmelS zur Philosophie des Schauspielers. Ohne prinzipiell 
Neues zu bieten, ist diese Abhandlung doch insofern recht auf 
schlußreich als in ihr sämtliche Gedanken anklingen, die Simme! 
in seinem letzten Buche: „LebenSanschauung" rein und unver- 
schenden Zentralbegrifs wurde, mußte es reizen, sich mit einer 
Kunstleistung aukeinanderzusetzen, dk das künstlerisch Gestaltete in 
die Wirklichkeit des Lebens hineinzuziehen scheint und doch auck 
umgekehrt stets wieder dem unmittelbar gclebtcn Leben künstlerische 
Gestalt verleiht. Die Tatsache, daß in dieser Leistung Kunst und 
Wirklichkeit. Leben und Gebilde w absatzlos ineinander übersließrn, 
macht die Erfassung ihrer Eigenart besonders schwierig und ver 
führt viele zu dem Glauben, Schauspielkunst sei eine bloße Nach 
ahmung der Wirklichkeit, oder beschränke sich einfach auf die 
richtige Darstellung der in dem gegebenen Drama schon eindeutig 
vorgezeichneten Charaktere. 
G--gen solche teils naturalistische, teils literarische Mißverständ 
nisse grenzt Simmcl die eigentliche Au'gabe des Schauspielers scharf 
und bestimmt ab: dieser hat das Schauspiel zu versinnlichen, und 
zwar handelt es sich für ihn hierbei nicht um die Versinnlichung 
eines bereits in sich abgeschlossenen Kunstwerks, dem er etwa nur 
noch, als eine mehr äußere Zutat, Leben einzuflößen hätte, sondern 
um die Versinnlichung einer Materie, die er erst dadurch, daß er sie 
kraft feiner inneren Aktivität künstlerisch erlebt, überhaupt zum In 
halt einer sinnlichen Erscheinung macht. In gewisser Weise verhall 
sich dcr Schauspieler seiner Rolle gegenüber aenau so wie der 
Porträtmaler zu seinem Modell. Beid-r Schöpfung ist weder 
reines Abb ld eines vorhandenen Gegenstandes, noch reiner Aus 
druck drr Individualität ihres Zeugers, sie hat viclmebr ibren 
Ort m einem dritten Reich jenseits von Objekt und Subjekt. Da? 
Neb'nemanderbcstehen verschiedener gleichhcfriedig-aber Auf- 
^assungen einer und derselben Rolle beweist nur die Selbständig 
st schauspielerischen Schaffens und bestätigt weitcMn, daß die 
Leistung des SchruspielMZ im JdeMMs ^ie aleiLlam «ur^Gestalt 
Bund bestehen sob, wird ne^och, dank der Personalunion deZ Ge 
schäftsführers, in engste Fühlung mit ihm arbeiten und ihm vor 
' allem, in praktischer Hinsicht reiche Förderung zukommen Läsfen. 
Dr. Elster unterbreitete weiterhin der Versammlung den ihm von 
anderer Seite gemachten Vorschlag, an maßgebende Wirtschafls- 
führer mit^dem Ersuchen herattzutreten, sich schriftlich zu ver 
einfach t^er Lebenshaltung zu verpflichten«; eine solche 
Entschließung aus solchen Kreisen würde sicherlich vorbildlich 
wirken. Mit der Betonung des unpolitischen Charakters des 
Bundes und der Aufforderung, den Schutzzoll in die deutsche Seele 
zu legen, beschloß der Redner seine Ausführungsn. Nach ein 
gehender Diskussion wurden einige von dem Vorstand und dem 
Ausschuß ausgearbeitete Leitsätze die für die Mitglieder des 
Bundes verbindliche Geltung haben sollen, in folgender Fassung 
mit dem Vorbehalt genauerer Redaktion durch den Vorstand an 
genommen: 
Der Verbrauch im Auslande hergestellter GemchmiLLel, wie 
Weins, Biere, Liköre, Zigarren, Zrgaretten, Pfeifentabaks, 
Schokolade, Süßigkeiten und dergleichen, ist Zu unterlassen. Der 
BerbrauH von Genußmitteln, deren Rohstoffe aus dem Aus 
lande stüwmen, ist möglichst smzuschränkem 
Der Verbrauch im Ausland hergestellter GebrauMgegen^ 
stünde, die wenigstens in ähnlicher Art, Güte und Preislage 
Inland hergestellr werden, ist möglichst einZuschrankeru 
^ersprelsweffe ausländische Seifen, Varfmnerien^ Seidenstoffe, 
nchmuckgegenstärwL, Putzwaren, künstliche und natürliche Mu^ 
men, Schuhe usw. 
Der Verbrauch inländischer GenußmiLLel ist von gesunden 
Menschen zu unterlassen, sofern die hierzu verwandten Stoffe 
zur Ernährung von Kindern, Kranken, Erholungsbedürftigen 
und sonst wie Notleidenden dienen und für diele Zwecke nicht 
m hinreichender Menge vorhanden sind, z. B. Schlagsahne. 
. Der Bund und seine Mitglieder sollen darauf hinwirken, 
daß bei öffentlichen Gelegenheiten wie Tagungen, Jubiläen, 
^eremstagungen und dergleichen bei Verabreichung von Spei 
sen und Getränken die durch die wirtschaftliche Notlage ge 
botene Einfachheit herrscht. 
Bei Geselligkeiten im eigenen Kreise ist die Bewirtung auf, 
öas einfachste Matz eiuzuschränken, auch hat man sich dabei jeder 
Verschwendung zu enthalten. 
Der Bund als solcher hat seinen Einfluß dahin geltend Zu 
maoMn, datz ber öffentlichen Festlichkeiten und solchen von Ver- 
unte^ble o Veranstaltungen irgend welcher Art 
-LL NEe jüdische Im Amttma d^r 
AonistW Abend 'Dr? WEHn 
M o s.e v (VeM die Mische. Kolonisation Palästinas-. 
Spltze seiner Ausführungen stellte der Vortragende, der 
PMstrmr aus eigener Erfahrung kennt, die Versicherung daß. die 
unter Sir HcrLert'Samuel alles
        <pb n="34" />
        Mus ArchiiekLurzertschrifL^ „WasmuthsMo- 
kaLsbefLe für Baukunst" führen in dem ersten Doppelheft 
ihres neuen Jahrgangs holländische Baukunst der Gegenwart 
vor. Außer etlichen Arbeiten von Verlage, des ersten Erneue 
rers der holländischen Architektur, werdm Schöpfungen von 
Oud, Lauweriks, van t'Hoff, Margarets Kroph oller 
usw. gezeigt. Alle dieft modernen holländischen Architektm ringen 
-nach nsuzütlichcn Formen, und w nn auch manche ihrer Werke 
in dem Streben nach schmucklose? geometrischer Strenge nicht selten 
zum Widerspruch reizen, so fesseln und erfreuen sie doch sämtlich 
durch ihre Sachlichkeit und innere Aufrichtigkeit Adolf Behne 
bat die Abbildungen mit einem vwständnisvollen Geleitwort ver 
sehen. — Die Halbmonatsschrift „S t a d t b a u ku n st" wirkt 
church ihr reiches Programm anregend. In ihren letzten Heften 
Erachte sie u. a- gute Beispiels für Kriegerehrungen sowie ein 
LurmhausprojeLt für Jerusalem, das neben anderen Funktionen vor 
allem die eines Wafferlurms erfüllen soll. Ferner hat sie mit der 
Ausgabe von Sonderheften begonnen, deren erstes in einer von 
Dr. mg. O. Schubert getroffenen Auswahl Entwürfe Zum 
Wettbewerb um das Deutsch -Hygiene-Museum in Dresden 
enthält. — Die Wiener Zeitschrift „Bau und Wohnungs» 
tun st", die trotz der Ungunst der Verhältnisse in guter Ausstattung 
'erscheint, pflegt außer Architektur und Kunftgswerbs auch Plastik, 
Malerei und die angewandt n Künste. In dem ersten Heft ihres 
38. Jahrgangs gelangen graziöse Inneneinrichtungen des Wieners 
Hans Hloucal und Tänzerinnen-SLudisn Max Polla? s Zur 
Darbietung, zarte Radierungen, in denen sich dieser Künstler als 
-Kennerches Skasamen weiblichen Korpus erweist. 
--- Theater und Mittelstand. Eine Mitgliederversammlung des 
für Theater und Musikkultur nahm fol 
gende Entschllevuna an: .Die Versammlung gibt ihrem lebhaften 
gewordene Relation zwischen der Individualität des Künstlers und 
seinen Gegenständen" ist- Indem dcr Schauspieler aber den ihm 
gegebemn Stoff ganz einschmilzt in das Wesen scmcr eigenen Per 
sönlichkeit, genügt er eben damit auch am besten den Ansprüchen, die 
von der Dichtung aus an ihn ergehen. Seine Kunst erfüllt mit 
einer Formgestaltung das Gesetz der Sache und das Gesetz der 
Person und ist so das vielleicht radikalste Beispiel dessen, was für 
bde Kunst überhaupt gilt. 
Durch diese und ähnliche Bestimmungen gelingt es Simmel, das 
eigentümliche Wesen schauspielerischer Leistung herauszuarbeiten 
und klarzulegen, welches ihre Beziehungen Zu dem Bühnenstück 
sowohl wie zu der Individualität dcs Schauspielers selber sind, 
welches Verhältnis das in ihr eingefangene Leben zu dem Muß 
der LebentwirklichkLit hat usw Da das Denken Simmcls überall 
bei dem Begriff des wertindifferenten Lebens anhcbt, bleibt ihm 
die Erlangung von Wertmaßstäöcn natürlich auch aus dem Gebiet 
der Aesthetik versagt. Wnm also Simmcl etwa unsinnige und un 
befriedigende schauspielerische Auffassungen einer Rolle dadurch er 
klären will, daß er in solchen Fällen das Vorhandensein einer 
Relation Zwischen Schauspieler und Rolle vermißt, so sucht er mit 
dieser Behauptung nur um eine W&amp;lt;rtung herumZukommm, ohne 
doch sein Ziel wirklich Zu erreichen; denn ob eine derartige Relation 
besteht oder nicht, kann ja erst auf Grund vorangcgamMen Wert 
urteils entschieden werden. Wie immer bei Simmel fehlt es 
übrigens nicht an feinen Psychologischen Bemerkungen, von denen 
hier die eine verzeichnet werden mag, daß der schlechte Schauspieler 
nur auf die „dankbaren" Momente hm spielt und lange Streck» n da 
zwischen vernachlässigt, während der künstlerische kraft der Stetig 
keit seimr Darstellung jeden Moment mit der Ganzheit seines We 
sens erfüllt. Dr. S. Kracauer. 
Auch ist lebhaft Klage darüber zu führen, daß die in Betracht 
kommenden Behörden Sei der Vergebung von Vereinsvorstellungen 
einzelnen organisierten Schichten der Frankfurter Bürger 
schaff bevorzugte Preise und Steuerfreiheit ge 
wahren und damit unter den Theaterbesuchern eine soziale und be- 
rufsständischs Sondergruppierung fördern, die auf die Dauer dem 
kulmrellm Leben unserer Stadt nur Schaden bringen kann. Einen 
großen Teil der Schuld an diesen Mßständen muß die Versamm 
lung dem städtischen Theateroezernenten zusprechen, 
der im Gegensatz zu seiner im Vorjahr ausdrücklich erteilten Zu- 
Wge im Stadtverordnetenhaus, eine Frankfurter Thsatergemeinde 
zu unterstützen, nicht nur keinerlei fördernde Schritte zur Erreichung 
orefeS Zieles unternommen hat, sondern sogar sichtbare Abneigung 
gegen das Zustandekommen ei..er derartigen Bewegung zeigte. Die 
Frankfurter Bürgerschaft und ihre Vertreter im Stadtversrdneten- 
hauS werden daher dringend aufgefordert, diesen offensichtlichen 
Mitzständen größere Aufmerksamkeit wie seither zu schenken, da die 
bemängelten Erscheinungen geeignet sind, das theaterliebende 
Publikum zu verärgem und mehr noch wie seither vom Besuch der 
städtischen Theater fernzuhalten/ 
D?" K u n^ff^A-daaMe L Lutz, Stuttgart, sind zwei Heft- 
KMMKKK 
KrmMmLer AngelegenHeiter 
Ausstellung MmdmkuRde. 
In der Universität Zimmer 118, wurde gestern und wird 
heute, Samstag, von 9 bis 1 und von 2 bis. 6 Uhr, eins von Dr.' 
von Gerhardt verunstaltete Ausstellung gezeigt, die den« 
heutigen Stand der Blindenfürsorge veranschaulichen soll. In 
einem Raume ist dort alles vereint, was menschliche Erfindung-' 
kraft an Berftändigungs- und Bildungsmirreln für die Blinden 
geschaffen hat und was von den Blinden selber mit Hilfe dieser- 
Mittel geleistet wird. Am wichtigsten sind naturgemäß die Ap 
parate und Borrichtungen, die dem Erblindeten das Schei 
den ermöglichen. Auf besonders konstruierten Schrifttafeln 
kann er mit Leichtigkeit erhabene Buchstaben in Blindenschrift 
einpunktieren, ein Apparat für Stachelschrift dient feinern Ber- 
! kehr mit Sehenden, eine Tafel von anderem Typus, mit fester 
Lineatur, gestattet dem Kriegsblinden so Zu schreiben, wie er 
es in sehendem Zustand gewohnt war. Zum schnelleren Schrei 
ben werden Schreibmaschinen verwandt; so die Picht- Maschine, 
deren sechs Tasten alle Buchstaben in Punktschrift erzeugen, und 
vor allem die sinnreich erfundene Litania - Maschine, die mir 
einem fortlaufenden Papierstreifen versehen und zur Aufnahme 
von Stenogrammen bestimmt ist. Wo es sich übrigens um den 
Verkehr mit Sehenden handelt, benutzt Der Blinde in der Reael 
wie jeder andere dre gewöhnliche Schreibmaschine, Auch ein 
Apparat für die Verständigung Zwischen Taubblinden ist ausge 
stellt, den eine selber Laubblinde Dame erfunden hat. Bei den 
Bildungsmitteln verführt man überall nach dem Prin 
zip, die zu zeigenden Gegenstände plastisch hervortreten Zu 
lassen. Durch Relieflandkarten etwa oder durch Reliefbilder für 
den Naturgeschichtsunterricht usw ist dafür gesorgsi daß auch die 
Blinden eine möglichst sinnliche Vorstellung von dem Gestalten- 
reichtum der uns umgebenden Erscheinungswelt er 
halten. Besonders zweckmäßig ist wohl "der soge 
nannte Nürnberger Z eichen apparat konstruiert, 
ver in Dem MaLhematikunterricht Verwendung findet. 
Statt der Bleistiftlinien zieht der Schüler Linien mit 
Lachsfaden, deren Fühlbarkeit ihn Zu dem Verständnis der gw- 
metrischen Gebilde hinleitet. Daß es eine plastische Noten*- 
chrifr und alle möglichen Brcrt- und Kartenspiele eigens firr 
Slinde gibt, versteht sich wohl von selber. Die Leistungen der 
Blinden grenzen oft aus Unglaubliche. Die Siemens- 
SchuckerL -Werke haben zur AuAAAmg Photographien ge- 
andt, die Blinde an den Maschinen bei der Arbeit zeMN. Un- 
isr den Handarbeiten fallt vor allem eine gehäkelte Bluse 
ruf, deren Ausführung so vollendet ist, daß man nicht genug 
Üe GeschicklichkeiL und Konzentrationskraft ihrer Verfertigerin^ 
lewundern kann. Daneben findet man Besen, Bürsten, Flecht- 
verk, Christbaumschmuck usw., jedes Stück mit große? Sorgfalt 
gearbeitet. 
Die Ausstellung erweckt den Eindruck, daß alles geschieht- 
um das beklagenswerte Los der Minden zu erleichtern und sts 
an unserer Welt Teil haben zu lassen. Freilich, die Kosten 
selbst der einfachsten Apparats sind mittlerweile fs gestiegen, 
oatz sie immer schwerer erschwinglich werden. So ist der Preis 
für eine Schreibtafel, die früher 12 Mk. kostete, heute auf 
140 Mk. gestiegen. Zu den wichtigsten Verpflichtungen der All 
gemeinheit wird es sicherlich gehören, die Blindenfür 
sorge auch in materielle? Hinsicht zu unterstützen, da sonst die 
Blinden nach und nach der Hilfsmittel beraubt werden, die 
ihnen zum Verkehr untereinander und zur Aufrechterhaltung 
der Verbindung mit der Welt der Seherrden und ihren Kultur 
gütern dienen. .___s,
        <pb n="35" />
        j 
'""--"Die alte MainbrüSe. Wie wir berichtet haben, sind sem 
Vernehmen nach vom städtischen Tiefbauamt unter Umgehung 
der mit der Oberleitung des Brückenneubaus betrauten Archi 
tekten Projekte ausgearbeitet worden, die eine Brücke m Ehen- 
konstruktion vorsehen. Die hiesige Ortsgruppe des Bundes 
deutscher Architekten hat als berufene Vertretung der 
Frankfurter Privatarchitektenschast ein Schreiben an den Magi 
strat gerichtet, in dem sie gegen ein solches Vorgehen rhre 
stimme erhebt und um Aufklärung darüber bittet, wieder 
Magistrat die Arbeiten zum Neubau der alten Brucke, fort- 
zuführen gedenkt. Ferner wird darauf hingewieien, daß zur 
Beratung der Frage, in welcher Werfe Ersparnisse berm 
Brückenbau erzielt werden können, in erster Linie die Architekten 
mitberufen sind, nach deren Planung das gesamte Zur Verwen 
dung bereit liegende Material augefertigt wurde. Der Scymtz 
des Schreibens der Ortsgruppe lautet: „In jedem Falle neot 
es die ÄrchitekLenschast als eine selbstverständliche Forderung cm, 
daß die Architekten Heberer und v. Hoden zu allen Arbei 
ten die das Brückenbauprojekt betreffen, hinzugezogen werden. 
Wir Litten deshalb den verehrlichen Magistrat wetterhm uns 
mitteilen zu wollen, ob er dieser Fordermrg entsprechen WM^ 
Iranksurier Angelegenheiten. 
BervfsberaMng. 
Gestern fand die Eröffnung des Kursus für BeruMeratMg 
statt. Er mußte in letzter Stunde infolge der über Erwarten zahl 
reichen Anmeldungen in den großen Saal des Volks bildungsheims 
verlegt werden. In seiner einleitenden Ansprache wies SLadtrat 
Pros. Ziehen auf die Bedeutung der Tagung hin und gab der 
Verwunderung darüber Ausdruck, daß man sich angesichts der stän 
dig wachsenden Arbeitsteilung nicht schon längst eingehend mit den 
Fragen der Berufsberatung beschäftigt habe. Unter Berufung auf 
den Franzosen Hanotaux stellte er die Forderung auf, daß neben 
dem humanistischen Biwungsideal das Ideal des fachlich gut 
durchgebildetsn „komme mjZe" nicht zu kurz kommen dürfe. Der 
Leiter des städtischen Berufsamts Menn e, der das Thema: „Die 
Grundlagen der Berufsberatung und die Aufgaben der Berufs 
ämter" behandelte, gab in seinen umfangreichen programmatischen 
Darlegungen zunächst einen geschichtlichen UeberkUck über die Ent 
wicklung des Berufsberatungswesens und setzte sodann die Gründe 
auseinander, die allen Fragen dieses Gebiets jetzt zu so großer 
aktueller Bedeutung verhaften haben. Weiterhin erörterte er, wie 
die Berufsberatunmg am Zweckmaäßrigsten vVorMzüggeeyneen habe, und zum 
Schluß. wies er die Grenzen auf, dbiies. ihr naturgemäß gezogen 
sind. Emma Lsswe, die Leiterin der Wteilung für höhere 
FrauerlLemfe beim städtischen Benrfsamt, sprach über dielbcf,onde- 
ren Aufgaben der Berufsberatung für die weibliche Jugend. Wie 
die Rednerm ausführte, sind heute die Frauen dazu gezwungen, 
mehr als je ins Berufsleben hineinzugehen und nach Möglichkeit 
die Hausfrau und den Berufsmsnschen in einer PerforOzu ver 
einen. Me weitere Entwicklung, so meinte die Rednerin, läuft wohl 
darauf hinaus, daß die im Beruf stehenden Frauen durch die Aus 
bildung des Hausbeamtinnenwesens etwas entlastet werden. 
Eine deuMe Rs!onial-Wenburg. 
Bad Nauherm, im Juni. 
Der Verlust unserer Kolonien beschwort die Gefahr herauf, da!ß 
nach und nach ein Stück deutscher Vergangenheit in Vergessenheit 
gerät, das aus mehr als einem Grunde im Gedächtnis des Volks 
fortleöen sollte. Zunächst einmal verdienen die Leistungen 
mancher deutscher Kolonisatoren rein um ihrer selbst willen in 
der Erinnerung festgehalten zu werden; die besten Eigenschaften 
deutschen Wesens prägen sich in ihnen aus, und eine Nation, 
die ihre vorbildhaften Menschen nicht ehrt, beraubt sich ihres wert 
vollsten Besitzes. Auch die Ergebnisse dieser Leistungen nötigen, 
zu steter Vergegenwärtigung, sind sie doch vielfach der Wissen 
schaft und nicht selten dem allgemeinen geistigen Leben der Heimat! 
zugute gekommen Und schließlich: wenn wir die Hoffnung be 
wahren, früher oder später wieder zu Kolonien zu gelangen, dürfen 
wir gewiß die Fülle der Erfahrungen nicht leichthin preisgeben, 
die sich unsere Kolonialdeutschen drüben in Deutsch-Ostafrika, Samoa . 
usw. erworben haben. „Die moralische Grundlage der Erziehung 
besteht darin", sagt irgendwo der russische Religionsphilosoph 
Solovjeff, „den Nachkommen ein lebendiges Interesse an der Zu 
kunft ihrer Vorfahren einzuflößen." 
Erwägungen ähnlicher Art mögen es gewesen sein, die zu dem 
Gedanken der Gründung eines Kolonialmuseums geführt 
haben- Nicht um die Schaffung eines gewöhnlichen Museums, wir 
deren viele in Deutschland vorhanden sind, handelt es sich aber hier 
bei, sondern um die Wiedererrichtung eines Kastells, das vor 
etlichen Jahrzehnten unter deutscher Herrschaft im Innern Deutsch 
Ostafrikas entstanden ist. Der Plan, eine solche „Ehrenburg" als 
Smnbrld unseres ehemaligen Kolonialbesitzes aufzuführen, rührt 
von einem alten Afrikaner, dem Oberstleutnant a D. A Fonck 
her. Ein Verein mit dem Sitz in Bad Rauheim ist zur Förde 
rung des Unternehmens gegründet worden und hat auch bereits 
ein schönes Baugelände auf dem Iohannisberg gewonnen, 
das dre Stadt für den guten Zweck kostenlos hergibt. Man über 
schaut von dort oben das ganze Wetteraugebiet, und gesättigt von 
dem Anblick der heimatlichen Landschaft, schweift die Phantasie 
wohl gerne nach ;enen fernen Gegenden, in denen Deutsche sich eine 
Zwecke Kermat errungen haben. Der zukünftige Bau selber wird 
semem Besümmungszwecke auf mannigfache Weise dienen können 
Emrge Raume werden dem Andenken großer Afrika- und 
ForschungsreLsender (Nachtigals, Peters' usw.) geweiht sein. 
Heldentaten und kulürrelle Leistungen KolonialdeuLscher werden hier 
KE EnnnerungsstatLe Mden; im übrigen M es in der Burg nach 
Moglichkeck alles^Matenal zu vereinigen, das auf unsere Kolonien 
m irgend einer Hinsicht Bezug hat. Eingeborenenhütten sollen den 
Bau umlagern und den Besuchern koloniales Leben und Treiben 
sinnfällig veranschaulichen. 
. Die gegenwärtig in Rauheim gezeigte Ksloniaraus- 
AN?n g die der Sammlungen Foncks bildet, ist 
&amp;lt; der geplanten Ehrenburg. Ein großes 
MyhM M Beste Mpapua, des Urbilds dieser Burg, lenkt natur» i 
gemäß das Hauptaugenmerk auf sich. Das von der deutschen Ver-1 
Wallung erbaute Kastell, das an einer Karawanenstraße südwestlich 
von Daressalam liegt, beherbergte seinerzeit em Krünkenhaus 
sowie Unterkunftsräume für Mannschaften und Offiziere. Zur Be 
schaffung des Baumaterials mußte jeder Eingeborene, der des 
Weges daher zog, einen Stein als Zoll entrichten; auch sonst haben 
Eingeborene bei den baulichen Arbeiten gegen Verpflegung werk 
tätige Hilfe geleistet. Aquarelle des Malers Tuscheck, die freilich 
jedes Reizes ermangeln, und eine Anzahl Photographien gewähren 
eine Vorstellung von dem Lagerleben in dem Bezirksquartier, und 
kartographische Originalskizzen verdeutlichen recht eindringlich, wie 
bei oft monatelang dauernden Expeditionen an der Tilgung der 
weißen Flecken unserer Landkarten gearbeitet worden ist. Fonck 
scheint ein großer Nimrod gewesen zu sein, denn eine Reihe von 
Jagdtrophäen, unter denen auch Löwen- und Leopardenfells nicht 
fehlen, schmücken die Wände. Waffen, Werkzeuge und Hausrat der 
Eingeborenen nehmen selbstverständlich den meisten Raum ein, und 
an so manches Stück knüpft sich eine persönliche Erinnerung. Neben 
einigen der heute in Mode gekommenen Negergotzen, allerdings 
nicht den schönsten Exemplaren ihrer Gattung, sieht man u a. 
auch jene hornartigen Blasinstrumente, au? denen die Eingeborenen 
ihre Signale so schnell weiterzugeben vermögen, daß sie z. B dank 
ihrer Vermittelung den Ausbruch des Krieges früher erfahren 
haben als diL Regierung selber. Kunstvoll gewobene Stoffe, Jagd 
netze, Schöpfgefäße usw. reihen sich an und legen Zeugnis von der 
guten GeschmackskulLur afrikanischer Völkerstämme ab. 
Nicht zu leugnen, daß die Ausstellung ein wenig dürftig ist, so 
instruktives Anschauungsmaterial sie auch im einzelnen enthält. 
Ihre Hauptaufgabe erschöpft sich gewiß darin, zunächst einmal für 
den Gedanken des Kolonialmuseums Stimmung Zu machen, dessen 
ersten Grundstock sie bilden soll. Der Verein hat das Vorkaufs 
recht auf die Foncksche Sammlung erworben und wird sich in An 
betracht seiner vorläufig nur geringen Mittel in den nächsten Jahren 
wohl damit begnügen müssen, diese Sammlung weiter auszubauen, 
wobei er nicht zum wenigsten auf die hilfreiche Unterstützung unserer 
Misstonen zählt. Es bleibe heute noch dahingestellt, ob es aus 
künstlerischen Gründen wünschenswert ist, daß auf dem Johannis-
        <pb n="36" />
        /V-- V? 
Drankkurt a. N. 
Dr. 8. Lraoau«r. 
bera gerade die Beste Mpapua ihre Auferstehung feiert, dre als 
Bauwerk jedenfalls keine hervorragenden Reize aufwerst. Hiervon 
abgesehen, verdient 'aber der Plan eines den Kolonien gewidmeten 
Denkmals, das mehr als ein bloßes Schau- und Paradestuck ist, 
jede moralische und materielle Förderung. Ein solches Museum 
könnte sich aus kleinen Anfängen heraus zu einer Arbeitsstätte ent 
wickeln, die vielerlei koloniale Kenntnisse vermittelt und derart 
nicht nur große Taten der Vergangenheit ehrt, sondern auch prak 
tischen Bedürfnissen der Gegenwart dient. Lr- 
V1« Lk8 KvklMlÄ eil»«! 6säLuk«e ra 
oiTiom L^stom univorseUor Lutspreobungsu. Von Dr. Wil - 
Neliu Nüllsr - Waldaam. Wien^ Wildolni Vrau»- 
mMsr. XVI, 671 Leiten, ./i 48. 
Die vorsokiedonston in äsn letzten dadiron ersoklenenen pküo- 
Lopdiseden Woiko Lengen direkt, odor iudirokl davon, daü oiL 
nenes WoIiLoitalwr beginnt; sie entdnlten Dodorsokaa lies Do^oso- 
nen und ^.dnnnZ' des Lonnnenäen, und dio Drazo uaek dem. Lin». 
vürd in ikuou einäiinAiieder und verL^eiielwr- denn jo ruvor ge 
stellt. ^.uek das Lueti von Dr. NüIIor-Waidaum ist ei» 
Leiokou datür, dak ^vir Lvvisekeii ein Oeste^n nnd ein HoiZem ei»- 
^e^eilt sind. Und dieses Luok ist tur uusoro Leit desondeis ekarak- 
terislisek, weil es, im. OeMnsntL Lu ^eAlieliem Nouismus nnd Z6F- 
liokor v^ertindilkerenten Dek-eusxkilosoxkie, ein dualislisekes Wslv- 
! bild etbisel^reÜAiösen OehrräMs Abt, das L. 1. nrnlte kroblem der 
! Onosis in einer unserem. Denken entsxreobenden Weise ru de^rU- 
' ti^en trabtet. Der Inbnlt des sebr nmknnZreielien Werkes kauL- 
vier nur in ^eni^en Ltieli^orten an^edeutet werden. Die WelL er- 
sebeint in ikm als eine sieb. stukeutörmi§ austatkelude DolFv vo» 
LMLren, deren unterste die- auorAauiseke Natur und deren oberste 
das überemxirisebe lob, die adsoluts Dersönliebksit ist. Die niedere 
LxbLre ^vird immer dureb die nLobstbobere bberv^unden und 
lormt; so bildet etv^ die LpbLro der VeAetLtion den LtoK kür die- 
Lpbüre der auimalisekeu IndividuLtion, mensoblieber Vor«tauä 
wiederum meistert das tierisobe Deben us^. de mebr sieb die be- 
Arenrte mensobliobe Individualität der absoluten DersönliebkM 
näbert, um so mebr weitet sie sieb Lum Kikrokosmos, der alle 8sius- 
Lxbären in sieb einbeFreikt und damit sur Verkörperung des uni 
versellen §ö Mieden Le^uUlseius vird. Das LauptZe^viobt leA nu^ 
oer Verkasser auk die Erkenntnis, „daL die inneren Ltrukturen dsT 
Lpbären bis in die DinLelbeiten binein eins analoge Lesebakken- 
beit baben", daL sie sieb, als Projektionen der absoluten Dsrsöu- 
liobkeit, aukeinander „abbilden" lassen, dedes Oesebeben i» der 
Welt ist derart L^mbol, d. b. es spiegelt eine Ledeutunx vdder, diG 
sieb in den versebiedsnsten Leins-Lpbären verv^irkliebt Der Ver 
snob, die UanniAaltiKkeit dieser Ledeutunxen einLukan^en, r^ürde 
2u einem „LMtem universeller DntspreobunKen" kübren, von der», 
der Verkasser Lruobstüoke in dem ll. Deil seines Werkes entiriekeLb 
Die lVelt ist aber niobt nur Dleiobnis, sie ist auob Lobuld. ^ll^ 
Dissonan-ren in ibr rübren von der „Lrbsünde" ber, die in der Ver- 
einLelun^ des universellen De^uütseins rum mensoblioben lob be 
stellt. LrlösunF von der Erbsünde bringt nur ibre Lübnunx, 
Obristus sie dureb Debernabme der „universellen VerantvrortunA 
vorKeleA bat. 
Nan stobt diesem Luobe mit LvdespältiAen Oeküblen ^eAsnüber. 
Vo sebr man in ibm die ^bkebr von einem klaoben Nonismu» und 
einem rein kormalen &amp;gt;Veltbstreiken, den Willen rur L^ntbess unL 
die reliAös^ DrundstimmunA anerkennen muü, so weniK Kanu ma» 
siob mit der von ibm darAebotenen Dötzunx einverstanden erklären» 
Die Lrakt des Verkassers bat okkendar niobt binZereiobt, die ver- 
sobiedenen von ibm verarbeiteten DedankenxänZe rur ^irkliobsL 
Linbeit LusammenDubieKtzn, und so bildet sein Luob ein Demenz 
von intuitiven Erkenntnissen und ^.usdeutunAen ps^oboloAisober 
latbestände, die rum leil sebr von W einin^er beeinkluüt sind, 
aber auob v^eiterbin auk klotin, Llvedenborx, Lobellin§ us^. Lurüek- 
^eisen. Xeben einLelnen Feistreieben DormulierunFen linden siok. 
viele Darlegungen, die stark rum Widerspruob berauskordern, so n. a» 
der ^.bsobnitt über „übers^mbolik" oder etv^a die Dedanken rur 
Wertung von Völkern und Hassen; r. L. die Beurteilung der duden, 
i s d o e b r ^v E e n r g 2 lä u nd ü e b r er u tr n e d kk d en e . r Obinesen ist an Willkür und OberkläobliebkM 
Krankturter Angelegenheiten. 
Kunst und Jugend. 
Die Gemeinnützige Vereinigung für künstle 
rische Darbi-rtungrn an die Frankfurter Jugend 
hat in vorbildhafter Weise eine Aufgabe gelöst, deren Bewältigung 
gerade unter den heutigen Zeitverhältnissen besonders schwierig 
ist. Ihre Veranstaltungen, die von der Absicht getragen sind, der 
schulpflichtigen Jugend gute und ihrem Verständnis angepaßte 
Kunst gegen geringes Entgelt zu vermitteln, stellen sich immer 
mehr als notwendige Ergänzung des Schulunterrichts heraus, und 
die Anwesenheit von Vertretern der Kultusministerien in Berlin 
und Darmstadt, sowie Abgeordneter der Stadtverwaltungen und 
Jugendpflege-Aemter einer Reihe deutscher Städte bei den Vor 
führungen beweist eindringlich, welche Beachtung man allerorten 
dem Unternehmen schenkt. Etliche Städte sind denn auch bereits 
dem Frankfurter Beispiel gefolgt, nicht Zum wenigsten wohl des 
halb, weil sie durch Veranstaltungen solcher Art die Jugend von 
den Kinos und schmutzigen Literaturerzsugnissen ftmzuhaltm und 
den Sinn für echte künstlerische Leistungen in ihr zu erwecken 
hoffen. Den vielen Künstlern und Lehrkräften, die durch ihre 
bereitwillige Mitwirkung das Gelingen des edlen Erzieherwerks 
ermöglicht haben, gebührt besonderer Dank; der Beifall ihres 
jugendlichen Publikums hat sicherlich das frohe Bewußtsein in ihnen 
erzeugt, daß ihre Kunst gerade in diesem Kreis auf einen frucht 
bareren Boden gefallen ist, als Lei so manchen für Erwachsene be 
stimmten Aufführungen. Gleiche Befriedigung mag auch alle die 
Männer und Frauen erfüllen, die bei der Vorbereitung und Orga 
nisation im Stillen tätig waren; ihre fürsorglichen Bemühungen 
tragen ihren Lohn in sich selber. 
Wie in den vorigen Monaten, so rief auch im Juni wiederum 
das Kasperl-Theater von Frau Liesel Simon lebhaftestes Ent 
zücken bei Mädchen und Knaben hervor. Poccis: „Kasperl als 
Porträtmaler" und „Rumpelstilzchen" von Martha Werth waren 
so recht auf die Fassungskraft der jugendlichen Hörer zugeschnitten, 
die gerne selber in den Gang der Handlung eingriffen, wenn Jose 
Almers als oberbayrisch sprechender Kasperl sie durch seine an 
sie gerichteten Fragen hierzu aufforderte. Die ergötzlichen Puppen 
von Zschoock und die prächtigen Dekorationen Delavi! las 
leisteten auch verwöhnten künstlerischen Ansprüchen Genüge. — Daß 
die jugendliche Gesellschaft an dem heiteren Nachmittag nicht aus 
dem Lachen herauskomme, dafür trugen die Herren Großmann 
und Grüning Sorge. Stürmisches Gelächter entfesselte zumal 
Großmanns pantomimische ^Darstellung eines kleinen Knaben, der 
zum erstenmal ins Theater geht. -- Frau Evelyn Au erb ach er 
zählte den Kindern als gute Märchentante alte deutsche Märchen, 
unter denen auch die reizende Geschichte vom Schwaben, der das 
Leberlein gefressen, nicht fehlte. Lichtbilder bekannter deutscher 
Künstler versinnlichten das Gehörte. — Um die Aufführung von 
! Volksspislen, Volksliedern und -reimen machten sich vor allem Rek 
tor Wehrhahn und Frl. Rau von der Volta-Mittelschule ver 
dient. Kinder sangen und tanzten hier vor Kindern, und diese 
Mädchen im Dirndlkostüm bei Reigen und Spiel waren nicht zuletzt 
auch für den Erwachsenen ein vergnüglicher Anblick. Kapellmeister 
Hart! begleitete am Klavier; es soll ihm nicht vergessen werden, 
daß er einmal Mehlers „Rheinlegendchen" den Kindern vorsang. 
Rezitationen von Frl. Lüngen und Lieder von Frl. Röhrig 
ergänzten das reichhaltige Programm. — Für Jugendliche zwischen 
14 und 18 Jahren war ein Vortragsabend bestimmt, an dem Frl. 
And or und Herr Auerb ach ihre Hörer durch die Widergabe 
von Gedichten und Balladen unserer Klassiker erfreuten. — An dem 
heileren Abend erzählte Herr Au erb ach Geschichten von 
! Finkh, Schüssen, Hansjakob und verstand es vortrefflich, sein Publi- 
- kum für seine geliebten schwäbischen Dichter Zu begeistern. — Auf 
die Hebung - der Geschmackskult . u .. r ... u . nserer Jugend zielten die Licht- 
bildervorträge von Dr. Schürmeyer über den schönen Gegen 
stand im täglichen Leben ab. Der Vortragende Zeigte an Bei 
spielen und Gegenbeispielen, wie man mit den einfachsten Mitteln, 
oft nur durch geschickte Proportionierung, jedem Gegenstand zu 
guter künstlerischer Wirkung verhelfen kann. — Prof. Hülsen 
machte in seinen Vorträgen Kleine und Große mit unserer Vaterstadt 
Frankfurt vertraut. An Hand teilweise von ihm selber aufgenommener 
Lichtbilder erläuterte er ihnen die Hauptsehenswürdigkeiten der Alt 
stadt und suchte in ihnen eln Gefühl für die Schönheit des Römers, 
des Steinernen Hauses usw. Zu wecken, wobei er es nicht unterließ, 
auch auf die stilistischen Eigentümlichkeiten der einzelnen Bauwerke 
einzugehen. — Einen hohen Kunstgenuß gewährte das Kirchen 
konzert, dessen Programm durch das Orgelspiel Carl Heyses und 
durch Gesangsvorträg-e der Frankfurter Madrigal-Vereinigung unter 
Leitung von Margarete Dessoff bestritten wurde. Händelsche 
Musik und Madrigale aus dem 17. Jahrhundert bildeten bei vielen 
Hörern Wohl das erste nachhaltige musikalische Erlebnis. 
Die Veranstaltungen, die mit so schönem Erfolg eingesetzt 
haben, sollen im nächsten Quartal wieder ausgenommen werden. 
Da es sich bei ihnen nicht um irgendwelche Vergnügungen, son 
dern um kun st erzieherisch notwendige Darbietungen für 
Kinder aller Volksschichten handelt, darf man wohl erwarten, daß 
der Magistrat im Interesse der Jugrnobildunq überhaupt ihren! 
Besuch nach jeder Richtung hin möglichst erleichtert
        <pb n="37" />
        lese der Begabungen den Zustrom der Studierenden zur Univcr- 
Mt regelten, dürfe man hoffen, des wirtschaftlichen Elends der 
Die Referate wurden von Frankfurter Persönlichkeiten gehal 
ten. Von dem ersten vorwiegend der Organisation der Berufs- 
oeratung gewidmeten Verbandlungstag, über den wir bereits kurz 
-berichtet hüben, ist noch ern Referat des Leiters des Berufsamtes 
für Akademiker, Dr. Kunze, nachzutragen, der sich über die be 
sonderen Aufgaben der akademischen Berufsämter ver 
breite e. Der Redner betonte, daß der Grund für die wirtschaft 
liche Notlage der Studentenschaft mit in dem Ueberangebot an 
Studierenden zu suchen sei, das die Frucht einer verfehlten, wenn 
auch traditionellen Bildungspolitik ist. Nur wenn die Schulen, die 
viel Schuld an diesem Uebelstand träfe, durch eine richtige Aus- 
Redner schloß damit, daß jeder, der in seinem Beruf Qualitäts 
arbeit leiste, auch im neuen Deutschland sein Brot finden werde. 
Ein Referat des Gewerkschaftssekretärs O Misbach brächte 
eine Reibe wertvoller Vorschläge für die wirksame Unterstützung 
Ler von Schule und Berufsamt zu pflegenden Berufsberatung durch 
die organisierte Arbeitnehmerschaft. Am letzten Tag sprach noch 
Stadtverordneter W. Schütz über Berufsberatung im Lichte des 
Aröeitsschulgedankens; Fachschuldirektor H. Schwitz behandelte 
die Aufgaben d-r Fortbildungsschule Lei der Berufsberatung, wo 
bei er warme Worte der Anerkennung für die Tätiakeit des Ver 
eins „Kinderschuh" und des Vereins „Jugendwobl" im Dienste 
der gemeinsamen Sache fand; als letzter Redner erörterte Pfarrer 
Lücken die Art und Weise, in der die Eltern und Elternbeiräte 
zur Mitwirkung in Schule und Berufsamt erfolgreich herangezo 
gen werden können. 
An die einzelnen Referats schloffen sich Aussprachen,, an, 
die manches gute Ergebnis Zutage forderten. Etliche gemeinsam 
vorgenommene Besichtiaungen boten eine willkommene Ergän- 
Kung der in dem eigentlichen Lehrgang selbst empfangenen An- 
-Mgunsen- 
Akademiker wirklich Herr zu werden. — Am zweiten Verhand- 
llungstag kam die Zusammenarbeit von Schule und Berufs 
amt zur Sprache. Studienrat Dr Schramm bezeichnete es 
M erforderlich, daß die Spezialberatung in Berufsangelegenheiten 
.sich auf die von selten des Schularztes, des Fachvsychologen und 
orr Erzieher erfolgenden Eignungsfeststellungen der Schule Zu 
gründen habe. Die eigentlichen berufskundlichen Unterweisungen 
seien dem Berufsamt Vorbehalten, das dafür jegliche Förderung 
durch die Schule erwarten müsse. An den Vortrag des Rektors 
W. Meyer, der auf die besondere Eignung des mathematisch-- 
.raturwissenschastlichen Unterrichts und des mit ihm eng zu ver 
bindenden Werkunterrichts für berufskundliche Belehrungen hm- 
wies, schloß sich ein sehr beifällig aufgenommenes Referat des 
MiLtelsch^ Möller, des Schriftleiters der „Franr- 
Hurter Sckulzeiwng", das die Notwendigkeit eines größeren Ver 
ständnisses der Schüler füi- soziale Verhältnisse hervorhob und 
die Erweckung jugendlichen Sinnes für Arbeitsvorgang und Ar 
beitstechnik verlangte. Stadtfchulrat Schütz ler ging auf die 
Bedeutung psychologischer Beobachtungen in der Schule ein und 
-empfahl d^e Führung eines systematisch angelegten Beoöachtungs- 
Logens, dessen Eintragungen durch Berufspsychologen auszuwerten 
seien. 
Am dritten Verhandlungstag wurden die Vorträ.ge über die 
psychologischen Grundlagen der Berufsberatung fortgesetzt. Sru- 
dimrat Dr. Wagner berichtete über berufspsychologische Unter 
suchungen in der Oberprima der hiesigen Helmholtz-Oberrealschule 
und verlieh der Ueberzeugung Ausdruck, daß solche Untersuchungen 
d'e wichtigste Vorarbeit für die eigentliche Berufsberatung dar- 
Men. Privatdozent Dr.. Henning sprach eingehend über ex- 
perimentells Eignungsprüfungen, von der er sich die exakte Be 
stimmung auch aller rein geistigen Fähigkeiten des Menschen er 
wartet. ' In einem Referat über die seelische Struktur des Päda 
gogen zeigte Pros. O. Schul he, wie man mit Hilfe Psychologe 
scher Analyse ein Berufsbild entwerfen und derart die Erforder 
nisse zu irgend einem Bemf feststellen könne. Der vierte Ver 
Handlungstag galt vor allem den hygienischen Grundlagen 
der Berufsberatung. Stadrarzt Dr. Fischer-Defoy und 
Stadtarzt Dr. Fürstenheim gelangten auf Grund ihrer Er 
fahrungen zu dem Schluß, daß zur Beurteilung der körperlichen 
und seelischen Eianung eines Menschen für diesen oder jenen Be 
ruf die Hinzuziehung des Arztes zur Berufsberatung unerläß 
lich sei. MagistraLZassefsor Dr. H. Ganß ging auf die fürsorge 
rischen Maßnahmen bei der Berufsberatung erwerbsbeschränkter 
und gefährdeter Jugendlicher ein und legte dar, daß die Ueber 
windung der hier besonders großen Schwierigkeiten eine enge Zu 
sammenarbeit von Jugendfürsorge und Berufsamt erfordere. In 
pädagogischer Hinsicht lehrreich war die Vorführung der Unter 
prima einer Oberrsalftudrenanstalt durch Frau Stumenrat Anne 
H offa, die ihren Schülerinnen den Begriff der Arbeit in seinen 
mannigfachen Bedeutungen nahe zu bringen suchte. Der fünfte 
Verhandlungstag, dem auch die „Akademie der Arbeit" geschlossen 
beiwohnte, zeichnete sich insofern durch besondere Aktualität aus, 
als er die w ir t s ch a ft s p o l it i sch e n Grundlagen der Be- 
rufsb-eratung zur Diskussion stellte. Nachdem Magistratsassessor 
Dr. H. Mater einen Ueberblick über die rechtliche La,ge der 
Lehrlinge geaeben und auf die Notwendigkeit einer BerLMichiigung 
der Wirtschaftstatsachen durch die Bemfsämter hinqewiesen hatte, 
svrach Magistratssyndikus Dr Michel über die Entwicklung der 
Lage des Arbeitsmarkts und die Aussicht in den einzel 
nen Berufen. Der Redner schilderte die einzelnen Phasen, die der 
deutsche Urbeitsmarkt seit Kriepsbeginn durchgemacht hat, und 
betonte, daß es in unserer §egenwÄrtigen wirtschaftlichen Lage vor 
allem Auf die Ausbildung gelernter Arbeiter ankomme, desgleichen 
sei Vorsorge dafür zu treffen, daß nach Möglichkeit Berufe ge 
wählt werden, die auch im Ausland ausgeübt werden können. 
Während die freien Bemfe wohl einer immer weiteren Proletarr.- 
sierung en^gegengingen, erweise sich der kaufmännische Arbeits 
markt, Bergbau, Landwntschaft, Baugewerbe usw., überhaupt die 
Mehrzahl der aewerblichm Berufe, noch als aufnahmefähig. Der 
Irankfurker Angelegenheiten. 
" WirtschafLZftisdLiche SLudentengruppe. Die seit kurzem hier, 
^gründete wirtschaftliche Studentengruppe verunstaltete, wie 
fchon kurz mitge'eilr, am Dienstag in der Universität nne Vcr* 
ammlung. die der Aufklärung über die Ziel; der Peinigung 
üente. Nch den AufsührunMN der drei Redner zu schließen st-U 
die Gruppe der wirtschastsfriedlichm nationalen Gewerkichafts» 
xwLgung nahe, die den marxistischen SoMlismus ablehnt, an dcr 
Aivcttwirtschast ftsthält und das nationale Mannnt stark in o n 
Vordergrund rückt. Gehe'mrat Pros. V o i g t wandle sich gegen 
i'.e Streiks, die in vielen Fällen einer Erpnssung gleichkämen und 
"ührte den alten Leitsatz der bürgerlichen Naüo?.a&amp;gt; Ökonomie ins 
Treffen, daß dn Lohn sich nach Angebot und Nachfrage regle. 
,r. erwarbt die Herstellung des W'.ctscha tssrieders von der Schaf- 
chng paritätischer Koalitionen der Arbeitnehmer und ArLncheber. 
üe dauernd die Konjunktur beobachten und die Lohne mit ihr in 
Einklang bringen. Pros. Giese vcrbc-eittts sich als Jurist über 
)ie ZulässigkeiL und die etwaigen Rechtsfolgen von StreM und 
Aussperrungen und verlieh der Hoffnung Ausdruck, daß Schlich« 
iungZauZschüsse, Arbeitsgemeinschaften und vor allem das im En - 
ftehcn begriffene deutsche Arbeitsrecht auf friedlichem Wege jcm n 
Interessen^ bewirken der für unsere inncrstaaftichL Enr« 
Wicklung notwendig ist. RLichstetzLüögeo^ G e i tz l e r, der 
Vorsitzende der wirtschastssriedlichen nationalen Gewerkscha^'« 
bewegimg, gab einen Ueberblick über die Gefthichöe dieser Be 
wegung, kennzeichnet ihre von den freien und den christlichen Ge 
werkschaften abweichende Haltung und suchte die Vorwürfr zu 
mtkwsten, die man gegen sie von soMldemokrEschrr Seile erhob n 
wt. Er begrüßte die Gründung der Studenrmgruppe. der ühn&amp;lt; 
'.cbe Gruppen auch an anderen Universitäten folgen sollen, und 
orderte die Studen.en auf, d'e wirftchastsftiedlicbcn Gewickscha tm 
mrch tätige MitaröeiUzu unterstützen. — Eine k irische Würdig u g 
)er genannten Gcw'rkschaftsbew'gu ist hier nicht am Plah. I u- 
nerhin muß gesagt werden, daß die Versammlung den Ei- ' ncl 
lr'nwclikß, als ob die Sebafümg derartiger wirtschastssriedstch 
Siudentengruppen in verhüllter Forur viel el-m einer d-?r 
Reaktion als dem wirklichen Ausgleich der Klassend' t. 
Frankfurter Angelegenheiten. 
Berufsberatung. 
, Dsr vom städtischen Berufsamt und dem Bemfsamt für 
Akademiker veranstaltete Frankfurter Lehrgang für Be 
rufsberatung galt dem Austausch der Erfahrungen, die 
^us dem Gebiet der Berufsberatung von Behörden, Schulen, 
Gewerkschaften, wie überhaupt von allen in Betracht kommenden 
preisen bisher gesammelt worden sind. Aus dem ganzen Reich, 
aucb aus Dänemark und Schweden, waren sachkundige Vertreter 
anwesend, die während des Lehrgangs Fühlung miteinander 
nahmen und so eine Art von Arbeitsgemeinschaft bildeten, aus 
Der wertvolle Anregungen für die Zukünftige Gestaltung der 
Perussberatung hervorgingen. 
Srmrkswrtei! Reuvauten. Wo heute tu Frankfurt schaut 
WM&amp;gt;, da hrmdett e» stch »uruetst irm llmbauren für Bankzweck«, 
UMtunter schrey -ruch wohl eru. Industriebau in die Höhe. Findet 
man srch notgedruriHen mit der Tatsache ab, daß Wohnhäuser so 
am wr« garnicht errichtet werden, mld prüft man die in den 
letzten JGHren entstandenen Bauten auf ihre künstlerischen Quali- j 
ta.en hin, so freut n«n sich immerhin, neben manchen belang- l 
»osen Leistungen hier und da- auch einer architektonischen Schop- ' 
stmg M begegnen, die um ihrer guten Gestaltung willen Beach 
tung oerment. Zu solchen künstlerisch wertvollen Bauwerken darf 
man den Erweiterungsbau der Feist-Sektkellerei am Hainer. 
weg rechten, der vor kurzem fertiggestellt worden ist. Der weit 
abgerückte, aber gut von ihr sichtbare neue Be- 
tmebSbau, er,« Schöpfung des Architekten Fr. Voggenberger, 
hangt mit dem um ern volles Geschoß höher gelegenen alten Bau 
komplex durch einen kurzen Querbau zusammen Seine Vorder 
wand rit «n Obergeschsst in eine Reihe schlanker Pfeiler auf. 
gelöH die das zu -tnem flachen Giebel ansteigende Dach tragen. 
Von der hrnter dieser Pfsrlerstellung angeavdneten Vorhalle, die 
sich auf derielben Terrainhöhe wie die schon bestehenden Ge- 
daude befindet, betritt man den großen mit Oberlicht versehenen 
v^wetmebSramn. Der ganze Bau ist durchweg in Eisenbeton 
auSgesuhrt. Wohlcckgewagene Berhältmsse und ungemeine Fein- 
gkedrrgkest der Tragpfeiler, deren Weiße sich von dem dunk 
leren Schlackenbeton der Erdgeschotztvand wirksam abhebt, ver- 
leiyen der Fassade sine Grazie, die den Bestimmungszweck des 
v-eoaudes vortrefflich zum Ausdruck bringt. Der Schmuck ist 
angebracht, sämtliche D-E sind handwerksmäßig durch 
gebildet. Von besonderer Erfindungskraft zeugen die originellen 
und durchaus materralgerecht behandlten Lürsinfaffunqen in 
di f swbSWm
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        oder weniger willkürliche Beschreibungen von Tatsachen, die 
eben die von anthroposophischer Seite so verpönte mechanistische 
Syrien und PsLsstina. Im hiesigen Orient-MMM Macyf 
am Donnerstag PrivaLdoZenL Dr. Georgii uüer die geographische 
und kulturelle Eigenart Syriens und Palästinas. Der ReMer 
kennzeichnete Syrien-Palästina in geographischer Hinsicht als den. 
Knotenpunkt dreier Erdteile; trotz dieser ihrer AufgeschloM 
aber die wichtigste Provinz des kleinen Gebietes, Judäa, doch 
hast isoliert, weil Wüsten ste rings umgeben. Aus der geographischen 
Eigenart ergibt sich das Schicksal des Landes. Es war stets-der 
Tummelplatz der Völker und hat nie auf längere'Zeit einM 
ständigen Staat einheimischer Völker bilden können. Auch heute 
Lei der Lösung der Juden-- und AraLerfrage stellen sich 
wieder dieselben Schwierigkeiten ein, die sich von jeher gezeigt 
haben. Wieder muß ein fremdes, nicht einheimisches Volk die Bor- 
Herrschaft übernehmen. So wird das Land auch jetzt das bleiben, 
was es immer gewesen ist: eine Provinz. Dem politischen Schick 
sal entspricht das kulturelle nur Zum Teil. Zwar gelangen auf^ 
syrischem Boden asiatische, aMkamsche und europäische Kultur zur 
Vermischung, dennoch aber hat das Land, offenbar infolge der geo 
graphischen Isolierung Judäas, seine geistige - Selbständigkeit be 
wahrt und die höchste Form der religiösen Weltanschauung, den 
MonoGeismus, entwickelt, der auf die fremden Kulturen und auf 
die das Land unterjochenden Herrenvölker befruchtend wirkte. 
Ist nach dem ZusammmbTuch der BagdadbchnpoWk unZ Deutschen 
der Orient auch ferner gerückt, so bleibt doch das w i s s e n - 
schaftliche Interesse an ihm umsomehr wach, als der Orient 
die dauernde natürliche Vermittlungsstelle zwischen dem stüro- 
päischcn Westen und dem asiatischen Osten (Indien) bildet, dessen' 
-geistige Anschauungen für uns in der Gegenwart eine erhM 
Lautung gewonnen haben. Die Ausführungen des Redners wurden- 
durch Lichtbilder^nach eigenen. Aufnahmen unterstützt. &amp;gt; _ 
AnLßroPssopHie und Wissenschaft. 
Bemerkungen zur anthropofophischen Hochschultagung in Darm 
stadt, 25. bis 30. Juli. 
Die anthrspofophijche Bewegung, deren Einfluß in den 
letzten Jahren zujeyends gMvach;en ist, nsscht neuerdings den 
Versuch, auch die akademische Jugend in ihren Bann 
zu ziehen; Grund genug, ihre Bestrebungen mit ver- 
dSppelter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Wer in der ver 
gangenen Woche an der Darmstadt er Tagung teil- 
nahm, die auf Veranlassung des „Bundes sür anthro- 
posophische Hochschularbeit" und »-s „Allgemeinen Stu 
dentenausschusses" der DarmstSdter i^chnifchen Hochschule zu 
stande gekommen war, dem bot sich ni? . nur Gelegenheit, einen 
Ueberblick über die bisherigen Leistungen und Ziele der Be 
wegung zu gewinnen, er lernte auch die ganze Art ihrer Pro 
paganda kennen und erfuhr, was vielleicht das Wichtigste ist, 
welchen dinhtünden sie die starke Wirkung verdankt, die sie gegen 
wärtig zweifellos ausübt. Eine zahlreiche Zuhörerschaft, 
unter der die studentische Jugend und das weibliche Element 
überwogen, hatte sich eingefunden, um den Worten Dr. Rudolf 
Steiners und seiner Jünger zu lauschen, die sich in einer 
Reche von Vorträgen über die Bedeutung der anthroposophi- 
fcheN- „Geisteswissenschaft" sür die verschiedenen Wissenschaften, 
Wie überhaupt für so ziemlich sämtliche Gebiete des inneren und 
äußeren Lebens verbreiteten. Nichts kennzeichnete vielleicht 
besser die Erwartungen, die man in anthropoMhifchen Kreisen 
selber an einen Sieg der Anschauungen Dr. Steiners knüpft, 
als der Aus sprach des Schweizer Dichters Albert Steffen, 
daß spätere Heilen dereinst Steiner als den Retter Deutsch 
lands preisen 'werden. Die Berechtigung dieser Ueberzeugung 
ernMast zu prüfen, ist um so notwendiger, als die Anhänger 
Steiners nicht müde werden, sie mit allen Mitteln der Üebec- 
redung in die Herzen empfänglicher Jugend einzuhLmmern, die 
nsch einem ihr Leben erhöhenden Glauben dürstet. 
ch 
Die Grundgedanken der Anthroposophie traten im 
VerlEs der Daynstädter Veranstaltungen mit ziemlicher Klarheit 
zutvge, obwohl von den eigentlichen Geheimnissen der übersinn- 
tichen Welt verhältnismäßig wenig die Rede war. Steiner 
und seine Schar erklärten immer wieder, daß sie nur «uf Goethe 
mifbantrn, wenn sie die mechanistische Naturwiffenschast, die 
Natur zu einem Aggregat von Atomen, einem Zusammen- 
sptsr toter Kräfte entwirMcht hat, durch eine Naturerkenntnis 
ersetzen wollten, die alle dem naiven Menschen unmittelbar sich 
dark-ietenden Erscheinungen als wirklich hinnimmt und sie mit 
Hilfe gewisser Intuitionen ihrer ganzen Qualität nach Zu 
verstehen trachtet Woher aber stammen diese Intuitionen? 
Die Antwort hierauf ist einfach genug. Steiner behauptet, 
man könne durch eine von ihm genau beschriebene seelische 
Disziplinierung Helljeherargane in sich ausbrlden, die zum 
Erwerb exakter Erkenntnisse in den Bereichen der übersinn 
lichen Geisteswelt befähigen. Da außer Steiner bisher leider 
niemand in jene Sphären eingedrungen ist, so muß man ihm 
schon alles glauben, was er etwa über den Astralleib, über die 
Wiederverkörperung der Menschen usw- zu berichten weiß. 
Wohlgemerkt: nicht um „nebulose Mystik" handelt es sich nach 
ihn: bei allsdem, sondern um eine nüchterne „übersinnliche Em 
pirie", die u. a. auch dem anthroposophisch orientierten Erfor 
scher der sinnlichen Welt sämtliche von ihm benötigten Intuitio 
nen gleichsam als „Arbeitshypothesen" liesert. Stets von neuem 
beteuerte Steiner, daß die Anwendung seines Meditationsver 
fahrens, statt zu bloßen Phantastereien zu führen, dem konkreten 
Leben voll zugewandt sei, da es ja dieses Leben auf Grund 
einer wissenschaftlich einwandfreien Erschauung der geistigen 
Realitäten, d. h. also in Wahrheit des göttlichen Weltregiments 
selber, erfasse. 
Es muß schon gesagt werden: die natur wissen sich a f t- 
lichen Vorträge ließen nirgends erkennen, daß die gewaltigen 
Ansprüche Steiners zu Recht bestehen. Weder verspüre man in 
ihnen den Geist Goethescher Naturanschauung, noch zeugten sie 
von irgendwelcher Wifsenschaftlichkeit. Mit vieler Emphase 
wurde z. B. verkündet, daß Wasserstoff, wie sichmus der Zu- 
sammenschau seiner Eigentümlichkeiten ergebe, ganz dem Ein 
fluß des Kosmischen unterworfen sei, während man Sauerstoff 
als Lrbenselement der Erde zu begreifen habe. Ganz offen 
sichtlich sind aber dergleichen Einsichten nichts weiter als mehr
        <pb n="39" />
        NaLurwissenschaft allererst erarbeitet hat. Eine solche „Phäno- 
wenologischL" Betrachtungsweise mag, mit Vorsicht gebraucht, 
immerhin einigen pädagogischen Wert besitzen; schleierhaft aber 
bleibt, wie ste Zu neuen Erkenntnissen verhelfen soll, Zumal 
dann, wenn sie so dilettantisch gehandhabt wird, wie das in 
DarmstM Zumeist der Fall war. In der Wissenschaft war es 
bislang nicht gebräuchlich, neue Methoden propagandistisch au- 
Zupreften, für die nicht zugleich der Beweis vollgültiger Bewäh 
rung erbracht werden konnte; die anthroposophische Bewegung 
darf es M als das zweifelhafte Verdienst annchnen, mit dieser 
seither geübten Zurückhaltung gebrochen zu haben. 
ch i 
ft Leicht liehen stch die Beispiele für anthroposophische „Wissen- 
schaftlichkeit" noch vermehren. So wurde etwa eine Ge 
schichtsauffassung entwickelt, die sich für jeden nicht 
mit Hellsehergaöen ausgestatteten Menschen merkwürdig genug 
anhörte. Man vernahm unter anderem —- das alles sind na 
türlich nur Fragmente anthroposophischer Gesamterkenntnis — 
daß die Aufgabe des ägyptischen Kulturpreises in der Ausbil 
dung der Beoöachtungskraft bestand, Griechen und Römern die 
Ausbildung des Urteilsvermögens oblag, während die Gegen 
wart das begriffliche Denken voll zu entfalten hat. Doch es 
wäre wohl kleinlich, bei derartigen Einzelheiten zu verweilen, 
da ja schließlich das Verständnis der Geschichte, wie jeder an 
deren Wissenschaft auch, auf den in der übersinnlichen Welt ge 
pflückten Erkenntnissen beruht. Was hat es mit diesen Er 
kenntnissen, die Grund- und Schlußstein des anthroposophischen 
Lehrgebäudes sind, nun eigentlich für eine Bewandtnis? 
Dr. Steiner selber führte ein wißbegieriges Publikum 
in^ die Geheimnisse der „Geisteswissenschaft" ein, deutete den 
Pfad an, aus dem wandelnd man einen Einblick in die höheren 
Welten erlangt. Manchem Hörer mag er wie ein Zauberer 
und Wundermann erschienen sein, als er z. B. sein Wissen um 
die Vorgeburten der Menschen verkündete; kritischere Geister 
freilich fühlten sich schon rein durch den Aufwand an äußerem 
Pathos und die Plattheit der Diktion zurückgeschreät. In 
sachlicher Hinsicht bestätigten die Reden duähgehends den Ein 
druck, den man bereits aus den Büchern Steiners empfangen 
hatte, den Eindruck nämlich, daß dieser moderne Magier Er 
kenntnisse als „Wissenschaft" auKgibt, die einfach deshalb nie 
und nimmer Wissenschaft genannt werden dürfen, weil ihre 
Nichtigkeit stch mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden garnicht 
nachweisen läßt. ' Was, ein Geschenk der Gnade, den großen 
Heilsbrmgern der Menschheit auf dem Offenbarungsweg zu 
teil wurde, will Steiner durch eine bestimmte seelische Technik 
unter steter Kontrolle des Bewußtseins zur endgültigen wissen 
schaftlichen Erfahrung erheben. Das heißt aber nicht die 
Naturwissenschaft überwinden, sondern ste mit einer Hybris 
ohnegleichen noch in das Gebiet der übersinnlichen Welt hinein 
ftrisetzen, heißt einen Frevel begehen, der jeden ehrfürchtigen 
und frommen Menschen verletzen muß. Man darf mit Fug und 
Kecht behaupten, daß dieser „Geistesforscher" ein größerer Ma 
terialist ist als die Mehrzahl der von ihm bekämpften Denker 
und Naturwissenschaftler. In seiner Re-inkarnationslehre 
Z-B taucht das biogenetische Gesetz in mythologischem Ge 
wände schamhaft verhüllt wieder auf. Und ist es nicht Ma 
terialismus, wenn etwa das Denken dem Nervensystem, das 
Fühlen dem sogenannten „rhythmischen" System, das Wollen 
Sem Stoffwechselsystem zugeordnet wird, wenn einer der Adep 
ten den Empirismus I. Stuart Mills auf pathologische Ur 
sachen zurücksührt, und ein anderer der Jünger dieses Haeckel 
der übersinnlichen Welt die Entwicklung der architektonischen 
Stile aus den wechselnden Bedürfnissen und den mit ihnen 
jeweilig verbundenen technischen Notwendigkeiten erklärt, d. h. 
mit anderen Worten seiner Deutung jene selbe Zweckästhetik zu 
Grunde legt, die wir bereits seit langem hinter uns haben? 
* 
Immer wieder konnte man in Darmstadt die Beobachtung 
machen, daß die Anhänger der „anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschaft* mit blindem Fanatismus die Lehren 
ihres Herrn und Meisters schwören. Die hellseherischen „Er 
kenntnisse* sind zum Dogma erstarrt und werden in einerWeise, 
die schlechterdinK keinen Widerspruch duldet, scholastisch inter- 
i pretiert. Eine Gemeinde hat sich um Steiner gebildet, die seine 
' von den verschiedensten Seiten her zusammengetragenen Ideen 
als lebendige Einheit erlebt und beflissen ist, ihnen um jeden 
Preis Geltung zu verschaffen. Die Gründe für die Entstehung 
und das schnelle Anschwellen dieser Bewegung liegen tief. Mit 
einem geradezu genialischen Spürsinn hat Steiner die Schäden 
unserer Zeit erkannt und ihnen durch das, was er Anthrovo- 
opme nennt, beizukommen gesucht. Wie er um das Unheil 
weiß, das uns aus der schrankenlosen Hingabe an eine Ich 
und Welt entseelende Naturwissenschoft erwachsen ist, so weiß 
er auch, daß wir durch immer weiter gehende Abstraktion von 
der unmittelbar erfahrenen Wirklichkeit schließlich jedes Ver 
hältnis zu der mit unseren Sinnen wahrgenommenen Erschei- 
nungsfölle verloren haben. Seine Geisteswissenschaft soll uns 
wieder in die konkrete Welt hineinleiten, uns von der Unzu 
länglichkeit eines nur formalen Idealismus erlösen, der im 
vraktischen Leben nirgends als Richtschnur zu dienen vermag, 
und das ganze Dasein rund und voll überwölben. Aus Ge 
sprächen mit Steinerianern ging wiederholt hervor, daß der- 
arnge in der Regel natürlich unbewußt wirkende Gründe sie 
der Änthroposophie zugeführt haben. Metaphysische Bedürf 
nisse und religiöse Sehnsucht finden hier eine Scheinbefriedi 
gung, und die geschickte Aufmachung der ganzen Bewegung. 
tauscht häufig genug darüber hinweg, daß sie imolge ihres &amp;lt;7 
trüben Ursprungs eine wirkliche Befreiung aus echten Zeit 
nöten gar nicht bringen kann. ' 
* 
Warum doch kann sie solche Befreiung nicht bringen? WeL 
sie luNferischem Uebsrmut entstammt, der die Wege der Vor 
sehung erforschen will. Man stelle sich wahre Größe im Zerr 
bild vor, und man hat Rudolf Steiner und seine Lehre. Schon 
mehr als einmal in der Geschichte, zumal in Epochen der Er- 
schMerung, sind Geister seiner Art aufgetaucht, die als Wisser 
aller Geheimnisse vor die Menge traten und doch mit ihrem 
armseligen Menschenverstand weit zurückblieben hinter jenen 
einfältigen, gotterfüllten Mystikern, aus deren „nebulose* Phan 
tasien Steiner so verächtlich herabsieht. Mr können heute nicht 
mehr in alter Weise glauben, so kündet er, und schließt dann 
weiter: also müssen wir durch Züchtung höherer Erkenntnis 
kräfte den Zugang zu jener übersinnlichen Welt erzwingen, aus 
der wir ausgesperrt sind, damit das entsetzliche Vakuum weiche, 
in dem wir leben. Aber eben dieser Schluß ist falsch, er beruht 
auf einer grauenerregenden Ueberschätzung rein menschlicher 
Fähigkeiten und einer völligen Verkennung der eigentlichen 
Quellen religiöser Erkenntniskräste. Steiner zieht nun einmal 
den Fehlschluß und gelangt, von ihm ausgehend, zur Schaffung 
eines Lehrsystrms, das weder Wissenschaft noch Religion ist 
und darum auch nicht, wie einer seiner Apologeten meinte, die 
Brücke zwischen beiden Bereichen schlagen kann. Ein seltsamer 
Zwitter entsteht vielmehr, der bestenfalls im DLmneÄicht eine 
Zeit lang fein Dasein zu fristen vermag und mit Goethescher 
Raturanschauung sicherlich nicht das mindeste mehr zu tun hat. 
Es kennzeichnet das Wesen eines solchen dämonischen Spuk 
gebildes, daß es Wahres und Falsches in unlöslicher Mischung, 
enthält, daß es anzieht und abschreckt zugleich, daß es die 
Seelen zu erhöhen und zu weihen scheint und sie am 
Ende doch nur äfft und wie ein Irrlicht in Sümpfe 
der Verworrenheit lockt. Beinahe unerträglich war, es, 
wie Steiner fortwährend mit annähernd der gleichen 
Prophetengeste von der Sphäre banaler Selbstverständ 
lichkeiten in heilige Bezirke hinüberglitt, ohne der Schranken 
zu achten, die das eine Gebiet vom andern trennen, und wie 
er so einen Nebel um seine Hörer ausbreitete, der gerade 
jene Besonnenheit und Klarheit verscheuchte, um die es ihm 
doch angeblich zu tun ist. Ueberall in der Änthroposophie fin 
det man dieses unheilvolle Durcheinander, dies« beständigen 
Grenzverwischungen, diese höchst bedenkliche Verengung aller 
möglichen Anschauungen zur trügerischen Einheit. Und wie 
es sich bei einem derartigen synkretistischen Brei von selber ver 
steht, paßt das Eiste nicht zum Andern, und das Gewallte ver 
kehrt sich gespenstisch in sein Gegenteil. MystagogischeS Trei 
ben verquickt sich mit materialistischen Gedankengängen, und 
eine Idee wie die der sozialen Dreigliedevung, die doch das 
konkrete Leben umgestalten möchte, erweist sich als abstrakte 
Theorie. Wralleib und Aktiengesellschaft: Goethe, auf den sich die 
Antbrovosophen immer berufen, hätte sich schwerlich damit ein 
verstanden erklärt. Durchweg macht sich der luziferische Charak 
ter der GMeswissenschaft bemerkbar, und zu beklagen bleibt 
nur. daß viele ehrlich strebende Menschen der Versührungskrast 
nicht widerstehen können, die von dieser Phantasmagorie 
ausstrahlt. 
* 
Wer nicht gerade ein Blinder oder ein Hellscher ist, den 
müssen die anthroposophischen Leistungen auf dem Gebiete der 
Kunst über das wahre Wesen der ganzen „Geisteswissen 
schaft* hinlänglich aufllären. In Darmstadt konnte man einen 
kurzen Bortrag Steiners über das von ihm geschaffene 
G 0 etheanum in Darnach hören und hatte überdies Gele 
genheit, das Aeußere und Innere des Baues selber aus einer 
Reihe größerer Abbildungen einigermaßen kennen zu lernen. 
Nach Steiner selbst stellt das Dornacher Gebäude einen ersten 
Versuch dar, auf Grund anthroposophischer Geisteswissenschast 
zu einem neuen (organischen) Stil zu gelangen; nichts an ihm 
sei bloßes Symbol, alles vielmehr aus Erlebnissen von unmittel 
barer Sinnlichkeit heraus geboren. Als ob sich ein neuer Stil 
so mir nichts, dir nichts aus dem Boden stampfen ließe! 
Der Bau ist in Wahrheft die Karikatur eines Stils und 
Stil nur insofern, als in seinem Wahnsinn Methode steckt. 
Seine Formen im ganzen und einzelnen sind von dämonischer 
Barbarei; die teilweise ungezügelte Wildheit der Ornamentik, 
der FensteMldungen usw. erinnert irgendwie an mexikanische 
Götzentempel und läßt jedenfalls die schlimmsten Verirrungen 
des Jugendstils weit hinter sich. Es klingt wie ein Hohn, daß 
dieses Machwerk, das statt tektonischen Feingefühls nur maß 
lose Willkür verrät, den Namen Goethes trägt. Letzten Endes 
ist es das genaue Spiegelbild anthroposophischer Wissenschaft: 
Echtes verzerrt sich in ihm zur Fratze, und das Ganze mutet 
wie eine diabolische Wahngestalt an, die vor wirklicher Schön 
heit zu Rauch und Dunst zerstieben müßte. — Ueber die Rezita- 
tionen Frau Marie Steiners schweigt man höflicherweise am 
besten. Sie trug unter anderem eine Szene aus dem Mysterium: 
„Die Pforte der Einweihung* von Dr. Steiner vor. Indessen, 
so wenig offenbar die Erkenntnis der übersinnlichen Welt zum 
Architekten tauglich macht, ebensowenig scheint sie sonderliche 
Dichterkräfte zu verleihen. . 
* 
Auch der Dämon ist ein Werkzeug Gottes. In dem, was 
er tut, wirken sich neben den verderblichen Kräften die guten 
aus, und es kommt nur daraus an, beide reinlich von einander
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        oani m 
IMUO LolAo äos vorn ^bwei^erisobov InoMieur- unä 
^.robitobtouvoi-eiu 
berausAOZoboneu Arvkeu 8amin6lw6rbo8 
Orell Kükli äer äeru „Lür^erbaus in Luseru 
äen trüber 6r86b1en6nen Länäen würäi 
unä wie es in 
" ist irn Verla 
^ewiäruete aebt 
WettbrÄrrSSersolg. Dir Rheinische /Credit 
reinern textlioben ä^eil einen wertvollen Leitra^ xur 6e° 
sebiebte eines 8ebweiter Kantons lietert. so tübrt V8 in seinen 
l'akeln eine ^n?abl von Lauten vor, äie von äsrn ofesunäen 
Lauwillen unä äern lcünstleriseben 8inn sebweixeriseber 
Lür^erAeseb leebter künäen. 
Lau^I äes Oesarutuuteruebmeus ersobienen. Las auüeroräeut- 
liob reiebe ^bbiläunZsiuaterial, äas neben äenLboto^rapbisn 
Auob ^eometrisebe ^.nsiebten unä ^eiebnerisebe Letailauk- 
nabrnen uinlakt, verteilt gieb ant 95 Latein unä ist unter Lei 
tun» äe8 ^.rebitelrten a rn L b n, eines Kenners äer Lu- 
Lernsr Oegebiebte, an^ekerti^t woräen, von äein aueb äie 
bistorisobe Kinleitun^ unä äer Le^Ieittext 2u äen takeln 
stannnt. Die bauliebe Kntwio^lun^ äer 8taät Ludern selber, 
Zen^saebs, 8ur3668, ^ViIIisen8 unä noeb einer Ileibe anäerer 
Ori8ebakten äe8 Kanton.8 ist in äiegern 8anä vorn 16. labr- 
bunäert an bi8 ins 19. Isbrbunäert binein kest^ebalten; 2U 
äen alten 8tLätplLnen unä Nerian86ben 8tieben treten ^n- 
siobten rnal6ri86ber Oa88en unä ^Vinlrel unä ^Lätebaulieb 
vorbiläbakter plätLö, kerner genaue var8te11unA6n A68ebiebt- 
linb wiebtioser unä bünMeriseli beäeutsainer Lauten, ein- 
sebliekbeb aller ibrer ebarabteristiseber Linrielbeiten. In äen 
stattlioben Lauernbäu8ern xurnal präZt sieb äie seb^eiLerisebe 
LiAenart kräkti^ au8. Herren8it26 unä 8tääti8ebe LürZer- 
bäu8er rnaeben naturZernäk äen 'Wanäel äer 8tils viel rnebr 
rnit als bäuerliebe ^.nvv68ön unä 8inä aueb krernälänäiseben 
Linklü88en leiebter aus^egetLt-, trotx alleäein aber bev^abren 
sie irn Laut äer äabrbunäerte stet8 eine ^e^visse unverlrün- 
steäe Linkaebbeit unä verbbeit, äie von äer LoäenstänäiTkeii 
äes 8eb^vei2ervolire8 reu^t. Va8 trekkliobe V^erlc reibt 8ieb 
HoyEmrer vor etlicher Zeit sechs Architekten Lezw. Bauunter^ 
neymimMn zu einem WctÜPwerb eingeladen, der zur Erlangung 
von 'planen für ein neues Bankgebäude am Ga! luStor dienn 
Mrt Ausnahme der Firma Holzmann u. Co. befanden M uMr 
den zur Konkurrenz Aufgefordertcn nur auswärtige ArcbiMten,- 
was um so mehr zu bedauern war, als ja die Bank'sich in 
Frankfurt niederzulassen beabsichtigt. Erst als einer dcr aus. 
wartigen Teilnehmer absagte, erhi-lten die Frankfurter Archi- 
tekren Aßmann und Senf noch Gelegenheit, sich an dem Wett- 
bcwerb zu beteiligeg. Erfreulicherweise hat der Erfolg dn ckw s 
zugunsten der anfänglich verschmähten Frankfurter Baukünstler 
entschieden. Aste wir hören, wurde von dem in diesen Tagen 
zuiammengetretenen Preisgericht der erste Preis den Architek 
ten Atz.mann und Senf zugesprochen; den zweiten Preis, 
der ebenfalls nach Frankfurt fiel, erhielt Architekt Rückaauer 
von der Firma Holzmann. Die Entwürfe der Architekten Prof 
BMing (Karlsruhe) und Pros. Kreis (Düsseldorf) stehen an 
dritter und vierter Stelle. Auch in dem Preisgericht, in dem 
u. a. der Berliner SladtLaurat Ludwig Hoffmwm Pros G 
Bestelmeyrr (Berlin) und Prof. Grässel (München) saßen, waren 
waS einigermaßen sonderbar berührt, Frankfurter Kirnst'^ 
nicht vertreten. Wie gerade dieser Fall wieder einmal zeiat, 
fehlt eS Äber in der hiesigen Archltektenschaft keineswegs na her 
vorragenden Kräften, und man hätte die Hinzuziehung des einen 
oder anderen Frankfurter Architekten zum Preisgericht schon 
deshalb erwarten müssen, weil es sich um die Entscheidung über 
ein Bauwerk handelte, das in städtebaulicher Hinsicht für Frank 
furt von großer Bedeutung ist. Im künstlerischen Jnicrene 
möcht-« wir die Hoffnung ausdrücken, daß den mit dem ersten 
Preis bedachten Architekten nun auch die weitere Bearbeitung 
ihrer Entwürfe und die Bauleitung des zu errichtenden Ge 
bäudes übertragen wird. 
--- ^Deutsche SLadtbrrukuust.^ Das ausgezeichnete Buch von 
BrrnkMann: »Deutsche Stadtüaukunst in der 
Vergangenheit" (Frankfurter VerLagL-AnstalL 
Frankfurt a. M-, mit 136 ALbiLdungen und 8 Tafeln) ist jetzt in 
zweiter^ b-etrLchLlich erweiterter Auflage erschienen -- ein Beweis 
dafür, daß über die engeren Fachkreise hinaus das Bedürfnis 
erstarkt, ein tieferes Verständnis für die mannigfachen Schön« 
heiten unserer deutschen Städte zu gewinnen» Dem Verfasser ist 
es vorwiegend darum zu tun, durch die Analyse einer Anzahl 
von Stadtbildern und Planzeichnungen Gesetzmäßigkeiten der 
künstlerischen Ausdrucks form im Bau der SLÄte aufzudecksn und 
derart Regeln und Grundsätze ins Bewußtsein zu erheben, die 
für die SLadtbaukunst unserer Tage fruchtbar zu machen sind. 
An Hand sorgfältig ausgewähILLr Beispiele erörtert er die Ab 
wägung der GrößenverMtnisse im Stadtbild, die Bedeutung 
des Baublocks, den Rhythmus des Raumes, die verschiedenen 
Funktionen der Straße und des Platzes und den künstlerisch ein 
heitlichen Organismus des Stadtganzem Nicht nur der Architekt 
und Kunsthistoriker, auch der für Kunsteindrücke empfängliche 
Laie, der Dörfer und Städte offenen Auges durchwandert, wird 
gerne zu diesem Buche greifen, das ihn dazu veranlaßt, sich über 
das Warum seiner ästhetischen Befriedigung bezw. Nichtbefriedi- 
gung Rechenschaft abzulegen, und ihn eine Fülle mehr oder weni 
ger bekannter ^LädLebilder aus allen Zeiten und allen Gegenden 
Deutschlands auf neue Weise sehen lehrt. Er erfährt etwa, wie 
Platzwunde zu behandeln sind, damit sie eine gute künstlerische 
Wirkung auZüben, wird darauf aufmerksam gemacht, daß die 
Beschränkung auf heimatliches Material und die fortlaufende 
Tradition im Technischen für die künstlerische Geschlossenheit, so 
mancher deutscher Städte viel entscheidender ist als etwa Gleich 
heit der architektonischen Stile, erlangt Klarheit über günstige 
Straßenführungen, über die mannigfachen möglichen. Arten des 
Abschlusses einer Straße und der Stellung vonMonumentalgebäu- 
den, über die Rolle, die atmosphärische Helligkeit, Licht, Schatten 
und Farbe im Stadtbild spielen usw. usw. Die. zwanglose Form, 
in der Brinkwann diese Dinge zur Spräche bringt, hat den Vor-1 
zug, Latz sie nirgends der lebendigen Anschauung Gewalt aniut; 
dennoch wäre wohl im Interesse des Gesamtüberblicks eine etwas 
systematischere Darlegung des Ergebnisses der einzelnen Stil 
analysen zu begrüßen gewesen. Die Forderungen^ die der Ver 
fasser für die Stadtbaukunst der Gegenwart aufstellt, darf man 
-getrost unterSchretbem Er wünscht uns wiedeL w^ Bau ¬ 
gesinnung des 18. Jahrhunderts erfüllt, die in Stadtanlagen wie 
Erlangen, Potsdam und dem von Friedrich I. geschaffenen Grossen 
in der Mark ihre Verkörperung gesunder: h§t; von einer Ge 
sinnung also, die das individualistisch sich vordränaende Miet- 
haus von rreuem zum Teil einer zusammenhängenden Wand 
macht urrd mit den sparsamsten Mitteln »dem Gefühl für archi 
tektonische Strenge und für Rhythmus Ausdruck verleiht. Er 
freulich ist auch seine Polemik gegen die »malerischen" Gruppen- 
bauten wie gegen absichtlich unregelmäßige und darum verwor 
rene Straßen- und PLatzgestaktungen. Statt dieses historisierenden 
Naturalismus und statt der Reißbrettarchitektur des 19. Jahr 
hunderts erstrebt Brinkmann vielmehr eine lebendige Regelmäßig? 
keit des Stadtbildes, die von einem klaren, zielbewußten Bau 
gedanken gezeugt wird- und mit irgend einem unbeseelterr 
„Raßerschema" schlechterdings nichts gemein haL 
- - Dr. S. Lr- 
zu scheiden. Sicherlich wird die anthroposophisch« Bewegung 
dem deutschen Geistesleben nicht jenen mächtigen „Impuls" 
erteilen, von dem ihre Anhänger unaufhörlich reden; aber wenn 
man sie auch mit aller Entschiedenheit ablehnen muß, braucht 
man darum doch nicht die positiven Anregungen unLeriMchtigt 
zu lassen, die vereinzelt von ihr ausgehen. Es bann z. B, nur 
nützlich sein, wenn man sich heute ernsthaft mit Goethes Natur 
anschauung zu beschäftigen beginnt und Klarheit zu erlangen 
sucht über die eigentlichen Untergründe der mathematisierenden 
modernen Naturwissenschast. Manche Winke, die Steiner 
etwa in der Pädagogik gibt, sind durchaus zu beachten; andere 
seiner praktischen Einsichten mögen pielleicht für die Medizin 
und Biologie von einiger Bedeutung sein. Zu Sedenken ist frei 
lich, daß nichts, aber mich nichts von dem, was unter Umständen 
bejaht und weiter gefördert werden kann, irgend, etwas 
mit dem Hellsehen gemein hat. Nimmt die akademische 
Jugend, die gegenwärtig zu Steiner kommt, oder sich doch zum 
mindesten in seine Einflußsphäre Legibt, die paar von ihm ver 
mittelten brauchbaren Erkenntnisse auf und läßt im übrigen 
den anihroposophischen Unfug auf sich beruhen, so ist das ge 
wiß kein Schaden. Warnen aber muß man gerade die Jugend 
davor, daß sie sich willig jenem gefährlichen Opiumrausch über 
antwortet, in den der Magier seine Anhänger mit großer Kunst 
cinzulullen weiß. Es sind ja sicherlich nicht die SUechtesten, die 
solcher Versuchung anheimfallen; dumpfer Drang, der Leere zu 
entrinnen, und einen Sinn über sich zu wissen, treibt sie der 
Anthroposophie in die Arme. Sie werden jedoch unbewußt das 
Opfer einer Täuschung, kurzatmige Sehnsucht heißt sie sich in 
ein Truggespinst verwirren, aus dem sie sich so leicht nicht n-hr 
befreien können. Goethe, dessen Namen die Anthroposophen 
bei jeder Gelegenheit lästernd im Munde führen, hat niemals an 
die Grenze gerührt, die Steiner frevelmütig überschreitet, Ehr 
furcht verbot ihm, Geheimnisse enträtseln zu wollen, die dem 
erkennenden Menschen für immer verborgen sind. Mehr als 
je gilt es heute, wo Dämonen und Kobolde umgehen und aus 
Schutt und Asche nichtige Blendwerke aufführen, im Sinne 
Goethes das Unerforschliche still zu verehren. 
Dr. S. Kracaner.
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        E ^Fc-) 
UrbeiLsKememschast der katholischen deutschen Studenten 
verbände. 
Am Montag nachmittag fand eine Versammlung der Arbeits 
gemeinschaft der katholischen deutschen Studentenverbände statt, in 
der verschiedene Redner die Ziele dieser seit kurzem gegründeten 
Arbeitsgemeinschaft entwickelten. Ullrich (Freudenberg) kenn 
zeichnete die von einem einheitlichen Glauben getragene mittel 
alterliche Universttas und stellte ihr die glaubenslose heutige Uni 
versität gegenüber, die in Ermangelung einer geschlossenen Welt 
anschauung den jungen Akademikern nurfthemetisch es Wissen bietet 
und im übrigen die Seele unbefriedigt läßt. Ziel der katholischen 
Akademiker müsse es sein, auf die Verwirklichung der katholischen 
Universität hinzuarbeiten, und jedenfalls dafür zu sorgen, daß statt 
der heute herrschenden Sachkultur wieder eine über den Erwerb 
bloßer Fachkenntninsse hinausführende Persönlichkeitskultur ge 
trieben werde. Kram (Würzburg) erörterte die oen katholischen 
Studentenverbänden gebotene Haltung in den verschiedenen Fragen 
der allgemeinen Hochschulpolitik. Er betonte, daß die katholische 
Studentenschaft unter Vermeidung extremer Handlungen eine or 
ganische Hochschulreform zu erstreben habe, Lei der das alte We 
sen der Hochschule gewahrt bleibe, ermähnte die katholischen Kor 
porationen zu tätiger Mitarbeit auf allen Gebieten studentischer 
Selbstverwaltung und legte ihnen insbesondere die Sorge für 
die Ueberbrückung der Klassengegensätze aus Herz. Zum Schlüsse 
hob er eindringlich die Bedeutung der durch die Arbeitsgemeinschaft 
geschlossenen Einheitsfront hervor. Becker (Hannover) skizzierte 
an Hand dreier Leitsätze die wesentlichsten Aufgaben der Arbeits 
gemeinschaft. Durch Einrichtung studentischer Exerzitien, religiöser 
UnterhalLungsabende, philosophischer Zirkel usw. habe sie zunächst 
und vor allem eine Vertiefung religiösen Lebens und die Pflege 
katholischer Weltanschauung anzustreben. Ferner traten der Re 
ferent wie der Vorredner, mit dem er übrigens auch in der Ab 
lehnung des Gedankens der humanistischen Fakultät übereinstimmte, 
für ein geschlossenes Vorgehen der katholischen Verbindungen in 
allen hochschulpolitischen Fragen ein. Pflicht der Arbeitsgemein 
schaft sei schließlich soziales Wirken auf Grund katholischer WelL-^ 
anschauung, dessen Erfolg freilich nur durch die Arbeit der geeinten 
Verbände gewährleistet werden könne. In der kurzen Diskussion 
drückte der mit Beifall begrüßte Geheimrat Dr. P o r s ch seine 
Sympathie für die durch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft 
hergestellte Einheitsfront der katholischen Akademiker aus ünd 
warnte die katholische Jugend davor, in falscher Romantik Zurück- 
züblicken und nationalistischem Treiben anheimzufallen. 
In der Zeitschrift „Fvamkenland" veröffentlicht Walter Voll 
einen Aufsatz über die Vorgeschichte des Würzburger Re-^ 
sidenzbaues, in dem er die bemerkenswerten Ergebnisse mit- 
L-M, Zu denen er Lei der Durcharbeitung des Schönbowschen Ar 
chivs gekonunen ist. Wenn sich, was anKmehmen ist, seine Schlüsse 
aus den von ihm gefundenen Akten als einwandfrei erweisen 
sollten, stcht fetzt endgültig fest, daß Balthasar Neumann als 
geistiger Schöpfer der Residenzplanung auszuscheiden hat. Während 
man LWer irwner nur auf Grund unsicherer Vermutungen dm 
Anteil Neumanns an dem WüDburMr Schloß Zu -erkennen sucht- 
und ihm bald rmchr, bald weniger Bedeutung ftür dessen Zustande 
kommen Leimaß, zeigt Voll an Hand seines Aktenmaterials, daß 
der Bau in der Hauptsache ein Werk des Mainzer OberLaudirektors 
W-rlschA Mt dem sein Herr, der als Architekt schöpferisch ver 
anlagte MMtzer Kurfürst Lothar Franz von SchönLE 
zusammengearbeilet hat. Die Grundideen dieser beiden kamen 
wahrend der ersten Bauperiode zur AuZfülMng, wenn auck E 
MMMrm wichtigen ULLnderungen, die der Würzburger Bauherr, 
Bnchvf Johann Philipp Franz, wünschte. Erst in späteren Bau- 
pevioden rnachten sich Emflüsft BoffrandH und Hilde- 
öran dts geltend. Von Neumann sagt der Verfasser: „Dsr in der 
ArchiMur noch wenig erfahrene Ingenienrleutnant bleibt neben 
so berühmten Architekten wie-Welsch und Hildebrandt unbeachtet 
und wird wohl hauptsächlich Leim Zeichnm der Risse und Ueber-' 
brmgeu der Bauberichte Verwendung gesunden haben." Die Ent 
deckung VollZ, deren vorläufiger Anzeige die VeröfftEichung des 
gesamten Llltennmterials folgen soll, wird unsers Auffassung des 
ftankrfthsn Barock in tvichtigea Punkte» berichtigen. icr 
kVo« kommenSer Hochkultur-Z Ein kürzlich erschienenes 
Wnch: »Die Ur.Ideen im Zeitgesetz" von Kristina 
„Pfeisser.Raimund (Verlag Englett und Schlaffer, Frank 
furt a M., 1921) setzt die Betrachtungen fort, die von derselben 
.Verfasserin in ihrem vor drei Jahren veröffentlichten Werk: .Briefe 
einer Frau an Walther Rathenau" angcstellt worden sind. Dich ¬ 
terisch gehabene Sprache kündet in diesen .Seherbriefen" Visionen 
einer Hellen, vollkommenen Menschheitszukunft. Die edel gesinnte 
Verfasserin verwahrt sich ausdrücklich dagegen, daß es sich in ihrer 
Vorschau um eine Utopie handle, und man möchte gewiß wünschen, 
-daß sie hiermit recht behalte. Aber bei ihrem hohen Gedankenflug 
verliert sie di« nun einmal vorhandene Wirklichkeit des Lebens mit 
unter völlig auS den Augen und entführt uns darob in Gefilde, 
' in die wir mehr am Tatsächlichen und Gegebenen haftenden Men 
schen ihr nur ungläubig folgen können. Dank ihrer Scherkraft weiß 
sie, daß die griechische Selbstreife im Ego und die römische Staats 
reife im Ethos nunmehr durch eine nordgermanische Hochkultur ab 
gelöst wird, die uns die Menschheitsreife im Eros bringt; die ger 
manische Hausmutter wird in dieser Epoche zum Weldnuttertum 
heranreifen, und Deutschland, das unter der Leitung rein der Idee 
dienender fürstlicher Menschen steht, wird mit dem jungen russischen 
Brudervolk gemeinsam am Bauwerke ihrer Zukunft arbeiten. Jmmer- 
tzrn verschmäht es die Verfasserin nicht, hie und da einmal auch den 
BilS auf näher liegende Dinge zu richten. So meint sie z B 
. daß die Völker, die uns die ReparationSverpflichtungen auferlegk 
habe», sicherlich besser dabei fahren würden, wenn sie eine inter 
nationale Geniegruppe" mit der Befreiung aus ihrer aller 
Finanzelend betrauen wollten. Eine Fülle von Vorschlägen macht 
Verfasserin Mr Erziehung, und daß sie u. a. «ine neue, mehr 
dre Wurde der Frauen bedankende Ehegesetzgebung fordert, v^eb 
N '1,.^ von selber Man glaubt, wenn man in dem Buch 
«L einer Marchenerzahlerm zu lauschen, deren Geschichten nur 
mchtz mit einem: .Es war einmal" sondern mit einem: „Es wird 
einmal beginnen. Diese neue Märchen verraten viel gute Gssin- 
,,mng und fchwarmerischx Liebe zur Menschheit, aber eS muß schon 
gelam werden, die alten Märchen waren unterhaltender und sicher 
M r«M weniger wahrscheinlich. , 
Baukunst für die Gefamtkultur eines Volkes erörtert und dem 
gegenwärtigen Stand unserer Architektur kritisch beleuchtet. Der! 
statt geschriebene Essay weist der Architektur die Führ-errolle untex! 
den Künsten ran, legt die Gründe für ihr Versagen im verflossenen 
Jahrhundert dar und entwickelt die Bedingungen, unter denen 
allein sie. sich wieder zu dem ihr gemäßen Rang aufschwingen 
kann. Die Blüte dieser sozialsten aller Künste, so ungefähr argu 
mentiert der Verfasser, ist nicht so sehr an Einzelleistungen her- 
vo-rm-gendex Architekten M an das Vorhandensein eine. , )h- 
herrschsndm Idee geknüpft; und wenn daß individuall' ^che 
19. Jahrhundert vielerlei verschiedenartige Kräfte emportrieb, so 
muß das 20. Jahrhundert, damit .große Baukunst in ihm mög 
lich werde, die Zusammenstimmung der Kräfte, ihre Vereinheit 
lichung durch eine die Gemeinschaft erfüllende Idee bringen. Das 
Beste gibt der Verfasser, entschieden dort, wo er in markanten 
Umrissen Silhouetten zeitgenössischer Architekten entwirft. Le 
bendige Vertrautheit mit ihren Werken ermöglicht ihm überall 
treffende Kennzeichnung ihres Wesens. LheodorFischer, 
Tessenow, van de Velde, Bikling, Vonat, Pöl- 
zig usw. werden in locker-aphoristischen Betrachtungen charak 
terisiert, aus denen ein feines Verständnis für ihre Eigenart 
spricht. Man kann nur wünschen, daß das lesenswerte Büchlein 
weitere Kreise zur BeschäftiMng mit baukünstlerischen Leistungen. 
anregt und so eine von seinem Verfasser selber ausgestellte Forde 
rung mit verwirklichen hilft. 
Architektonisches. 
i Gleichwie religiöse Sehnsucht heute vielfach über das Abend 
land hinausfchweift und der Heilslehre Buddhas sich Mwendet, 
isv widmet sich auch, dieser Sehnsucht voraneilend oder ihr fol 
gend, unsere Wissenschaft gegenwärtig mehr und wehr der Er 
forschung ostasiaLM Kulturgüter. Im Verlag der „Vereinigung 
'wissenschaftlicher Verleger" ist vor kurzem ein umfangreiches, 
dreibändiges Werk (1 Textband und 2 Tafelbände) über 
„Buddhistische Tempolaulagen in Siam" er 
schienen, das den Zugang zu einem bisher so gut wie unbekann 
ten Gebiete asiatischer Kunst »eröffnet. Sein Verfasser, Pros. Dr. 
Karl Döhring, hat eine Reihe von Jahren in Gram ge 
weilt, und nicht nur ein wundervolles photographisches Abbrl- 
dungsmateriaL nach Hause gebracht, sondern auch eine Fülle zeich- 
strerischer Detailaufnahmen gemacht, die den Wert seines Buches 
beträchtlich erhöhen. An Hand dieses Werkes gewinnt man eine 
^Vorstellung davon, wie der buddhistische Kultus sich in der Bau 
kunst, von der Gesawtanlage des ganzen Tempelkomplexes an 
bis zu der geringsten architektonischen Einzelheit herab, durch 
gängig Lusprägt und erfährt wieder einmal an einem sinnfälli-, 
gen Beispiel, daß große Baukunst überall und zu jeder Zeit an 
;das Vorhandensein eines gemeinschaftsbindenden Glaubens ge 
knüpft ist, der das seelische Verhalten der Menschen regelt und 
! ihrem Leben feste Formen schenkt. Das Harrptkultgebaude der 
^siamesischen Tempel ist der Bot, in ihm wird die Beichte abgelegt 
mnd in ihm finden die wichtigsten religiösen Feiern der Monchs- 
gememde statt. Beinahe jede Abmessung an ihm hat symbolische 
^Bedeutung, nichts ist Willkür, alles bezieht sich vielmehr auf den 
.bohen Sinn, aus dem heraus das Gebäude geboren ist. Der Ver 
fasser beschreibt mit wissenschaftlicher Genauigkeit die verschie 
denen Grundrihthpen solcher Bäts und schildert ihre innere EiN- 
^richtung, wobei er nicht verfehlt, auf die europäischen Einflüsse 
chinzuweisen, die sich bei neueren TempelbauLen bemerkbar 
machen. Ein für unsere abendländische Forschungskraft nicht zu 
bewältigender Reichtum ornamentaler Gestaltungen und figür- 
ftichsr Darstellungen ist über diese Tempel ausgegosssn, und be- 
'denkt man überdres, daß zu dem Spiel der LinienveHchlingungen 
sich noch die Buntheit der Mosaiks oder glasierter Terrakotten 
gesellt, so wird man an die undurchdringlichen Wälder der Tro- 
'pen gemahnt, deren maßlose Ueppigkeit in den Werken der Bau-. 
kunst offenbar fortwuchert, nur daß sie eben hier ihr Unmaß ver 
liert und durch die Kunst gebändigt erscheint. 
Unter , dem Titel ^Aufbau! — Architektur!" ist in 
der von Kasimir Edfchmid berauZgegebenen Schriftensammluna 
„Tribüne der Kunst und Zelt" ein Büchlein von W. Müller- 
.WulSow erschienen, das in fesselnder Weise die Bedeutung der
        <pb n="42" />
        ImMurier Angekegenßeiien. ! 
--- Die Maininsel» Im Anschluß an den Neubau der altert^ 
Mainbrücke war seinerzeit geplant, die Main insel der All-» 
gemeinheit zugänglich zu machen und aus ihr eine Gaststätte zu 
errichten, in der auch die Räume des Frankfurter Rudern 
Vereins Unterkunft finden sollten. Wie wir hären, hat 
neuerdings in den Krisen des Rudervereins crne Bewegung 
eingesetzt, die darauf abzielt, die Insel wieder au sich lieh-' 
lich für die Zwecke des Vereins in Anspruch zu nehmen. 
Unter Mitgliedern des Vereins ist 'ein interner Wettbewerb 
verunstaltet worden, der die Gewinnung von Plänen für ein. 
Vereinshaus auf der Insel Zum Gegenstand hatte. Wir hoffen 
zuversichtlich, daß die Stadt diesem Vorhaben nicht ihre Unter- ' 
stützung leiht. Durch seine Ausführung würde nämlich nichts 
nur die Insel entgegen der ursprünglichen Absicht der Allge 
meinheit entzogen werden, sondern auch das nach langem 
Kampf genehmigte GesaM Zu Fall gebracht, das allen) 
städtebaulichen Anforderungen voll entspricht. 
Arankturter Angelegenheiten. 
Die Bebauung des Taunustsrs. Wie bekannt gegeben 
wurde, sind zur Zeit Pläne für den Neuban des Bankhauses 
der Rheinischen Kreditbank am Taunustor im Polizeipräsi 
dium für die Interessenten aufgelegt. Da es sich um die Be 
bauung eines der schönste Plätze unserer Stadt handelt, muß 
nachdrücklichst gefordert w^den, daß die OeffeNLlichkeit, die in 
einem derartigen Falle der Hauptinteressen ist, Gelegenheit 
erhält, zu den seinerzeit preisgekrönten Entwürfen für das 
Bankgebäude Stellung zu nehmen, ehe die 'endgültige Entschei 
dung getroffen wird. Dem berechtigten Verlangen nach einer 
rechtzeitigen Ausstellung der Projekte wird sich der 
Bauherr umso weniger entziehen können, als diese Ausstellung 
durch das allgemeine Interesse dringend geboten ist. 
Frankfurter Angelegenheiten. 
Die Bauhütte. 
Von soziMemokratischer Seite ist vor kurzem in der Stadt- 
verordneten-Versammlung der Antrag eingebmchL worden, die 
Stadt möge sich an der im Vorjahr gegründeten „Bauhütte 
für Hessen-Nassau, soziale Baugesellschaft" 
mit einem größeren Kapital beteiligen. In der von SLadtv. 
Schneider II, einem der Gesellschafter der „Bauhütte" gegebenen 
Begründung wird eine Million Mark genannt. Gegen diese Be 
teiligung wendet sich das Frankfurter Hand Werks wmt in 
einer längeren Denkschrift, in der u. a. ausgeführt wird, daß die 
„Bauhütte" als eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung an- 
zusehen sei und daher nicht besser und nicht schlechter behandelt 
zu werden verdiene wie jedes andere private Bauunternehmer: 
auch. „Die „Bauhütte" als angeblich soziales Unternehmen", 
so heißt es in den Darlegungen des Handwerksamts, „muß, 
wenn sie wirtschaftlich arbeiten und konkurrenzfähig sein will, 
! genau ss scharf und nach demselben Muster kalkulieren wie ihre 
; Konkurrenz." Ein etwa erzielter Gewinn fließe nicht an die 
k Allgemeinheit zurück, sondern werde genau nach privatkapitali- 
! stischem Muster verteilt. Die Stadtverwaltung als öffentlich 
beauftragter Vergeb er von Baubedarf würde durch Betei 
ligung an der „Bauhütte" oder durch Darlehnsgewährung 
ihre Neutralitätauf geben und jedes Vertrauen auf die 
Unparteilichkeit des städtischen Hochbauamts verlieren» Aus 
diesen und andern in der Denkschrift genannten Gründen zieht 
das Handwerksamt den Schluß, daß eine Beteiligung der Stadt 
im Sine des sozialdemokratischen Antrags nicht erfolgen dürfe. 
Wir möchten hinzufügen, daß in Fachkreisen die Meinungen 
über die Rentabilität der sozialisierten Baubetriebe noch sehr 
auseinandergehen. Auf der letzten Tagung des Bundes 
deutsch er Architekten in Kassel ist von den Bundesmit 
gliedern beschlossen worden, diesen Unternehmungen gegenüber 
vorerst eine neutrale Haltung zu bewahren und eine Kommission 
zu ihrer Beobachtung einzusetzem 
FraukfMer IriedWZ-WMmerb. 1 
Vor einigen Monaten hat die hiesige israelitische Ge 
meinde sechs Frankfurter Architekten Zu .einem Wettbewerb zur 
Erlangung von Plänen für ihren neuen Friedhof eingeladen, desstn 
Ergebnis zur Zeit im Gemeindehaus, Fahrgasse 146, öffentlich aus 
gestellt ist. Das von der Gemeine erworbene Friedhofsgeländr 
liegt gegenüber der Friedberger Warte; es grenzt im Westen an die 
Hamburger Landstraße an und fällt nach dem Taunus Zu in nord 
westlicher Richtung stetig ab. Auf den ersten Blick mag es wohl 
scheinen, daß sich die Anordnung der Gebäude in der Nähe des 
höchfigelegenen Punktes, also dicht bei der Warte, am meisten 
empfohlen hätte. Triftige Gründe indessen, nicht Zuletzt solche städte 
baulicher Art, bewogen dazu, die Projektierung der Gebäude am 
entgegengesetzten Ende des Grundstücks, nach dem Warb ach weg zu, 
vorzuschreiben. Das Bauprogramm und die Eigenart des Ter 
rains boten den Architekten Schwierigkeiten genug. In der Nord 
westecke ^mußten das Verwaltungsgebäude, dM eigentliche Fried 
Hossgebäude mit allen erforderlichechn Nebenräumlichkeitw sowie 
die Gärtnerei untergebracht werden, auch galt es ebendort einen 
kleinen Priesterfriedhof mit eigenem Zugang von der Straße 
dus vorzusehen. , Der schieswinklige Zuschnitt "des Geländes setzte 
der Herstellung einer organischen Verbindung zwischen den verschie 
denen Gebäuden, der harmonischen Einfügung dieser Gebäude in 
den Park und der befriedigenden Austeilung des Friedhofs selber 
Hindernisse in den Weg, deren Ueberwindung die ganze Geschick- 
üchkeit und städtebauliche Erfahrung der Architekten benötigte.' 
- Das Preisgericht, das unter dem Vorsitz des Münchener Stadt 
baudirektors Pros. Hans GrLssel tagte, hat drei Preise von je 
gleicher Höhe den Arbeiten der Architekten Franz Roeckle, Paul 
Paravicmi und Max Seckbach zuerkannt. Dieser Spruch, für den 
offenbar in erster Linie die technischen Sachverständigen verant 
wortlich zeichnen, ist recht angreifbar, denn er bedeutet in Wahrbeit 
weniger eine Entscheidung, denn eine Flucht vor der Entschei 
dung. Die im Protokoll gegebene Begründung der ausweichenden 
Haltung fordert nicht minder Zur Kritik heraus, da sie von einer 
teilweise ungenügenden Durchdringung der einzelnen Entwürfe 
i'nd die Richtigkeit der getroffenen Wahl, oder viel 
mehr: der Scheu vor der Wahl nicht eigentlich zu bekräftigen ver 
mag. Und was soll es gar heißen, wenn am Schluß des Proto 
kolls erklärt wird, d-aß keines der Projekte hinsichtlich der Gesamt- 
lösung für die Ausführung Zu empfehlen seid Daß Wettbewerbs 
entwürfe nur selten baureif sind, versteht sich nahezu von selbst. 
Statt ein solch abfälliges und im übrigen durchaus nicht gerecht 
fertigtes Urteil über die nun einmal ausgezeichneten Entwürfe Zu 
fällen, wäre es viel eher Aufgabe des Preisgerichts gewesen, das 
eine oder andere Projekt auf die Möglichkeit feiner Weiterbear- 
beitung hin zu prüsem 
Unter den eingegangenen Entwürfen stellt der des Architekten 
Roeckle unfeinesMiLarLeUersi-deS Gartenarchitekten KnellZ 
sicherlich die großzügigste Lösung dar. Roeckle hat als der einzige' 
sämtliche Gebäude zu einer zusammenhängenden Gruppe vereinigt, 
die einen schönen fünfeckigen Arkadenhof umschließt. Seitlich an 
dem im Mittelpunkt des Blickfeldes gelegenen, architektonisch beson 
ders betonten Versammlungsraum vorbei gelangt man durch einen 
breiten Durchgang unmittelbar auf die nach oben zu sich verjüngende 
Hauptallee, die den Früdhof in emen schmalen nordöstlichen Teil 
und einen weit ausladenden südwestlichen Teil zerlegt. 
Die sanft geschwungenen Gräberfelder passen sich dem Ge 
falle vortrefflich an, die Gliederung des Friedhofes ist übersichtlich 
^und doch zugleich abwechslungsreich Schieswinklige Weganschnitte 
ffehlen fast ganz und vor allem: Gebäude und Park sind zu einer 
festgefügten Einheit verschmolzen, die in ihrer Notwendigkeit über 
zeugend wirkt Die Mängel des Entwurfs liegen im wesentlichen 
auf verkehrstechmschem Gebiete. Der Hof ist zu klein, ferner steht Zu 
befürchten daß Friedhofsbesucher und" Leichsnkondukte beim Betre 
ten des Friedhofs einander ins Gehege kommen. Der Durchgang j 
zur großen Allee hätte überdies architektonisch mehr hervorgehoben! 
werden müssen. 
Der Entwurf des Architekten Paravieini, an dem Garten-! 
architekt H eicke mitgewirkt hat, verlegt den Friedhofsemgang an! 
die projektierte Weststraße und schaltet zwischen die hier befindlichen ! 
Verwaltungsgebäude und den Hauptgebäudekomplex einen öe ! 
häbigsn, wohlproportionierten Rundplatz ein, von dem sich die große! 
Verkehrsader des Friedhofs abzweigt. Abgesehen von diesem sehr? 
zweckmäßig angeordneten Platz ist gerade die vom Preisgericht ge- - 
lobte Ausschließung des Friedhofszeländes selber weniger gelungen, ! 
da bei ihr Zu geringe Rücksicht auf das vorhandene Gefalle ge- ! 
nommen wird. Der besondere Vorzug des Entwurfs beruht auf 
der charaktervollen, großgedachten Lisenenarchitektur detz Haupt 
gebäudes, wie überhaupt die ganze architektonische Anlage wieder 
einmal von der feinen und jedem Kompromiß abholden Kunst 
Paravieinus beredtes Zeugnis ablegt 
Architekt Max Seckbach hat in Gemeinschaft mit dem Garten 
architekten Stegmüller ein Projekt geschaffen, das stch haupt 
sächlich durch die vorzügliche Grundrißgestaltung des in seinen Ab 
messungen freilich Zu groß geratenen Frirdhofsgebäudes auszeichnet 
Die Architektur hält sich in traditionellen Bahmn. Der'Bark ist mit 
Linen durchgoarbeitet und bringt auch eine Reihe sehr wertvoller 
Anregungen, vermag aber doch nicht unbedingt Zu befriedigen, weil 
zu verschwenderisch angelegte Wege teilweise in architektonisch un- 
LeLönLe Punkte ausmünden. Eine hübsche Idee der Verfasser war 
es, das Portal des jetzigen Friedhofs aus Pietätsgründen am Ein 
gang des von ihnen geplanten neuen Friedhofs wieder anzuordnen. 
Wenn schon drei gleiche Preise ausgeteilt wurden, bätre 
man . auch noch einem vierten Preis statt dem bloß lobenden Er-
        <pb n="43" />
        wähnung dem Entwurf des Architekten Fritz Epstein (Mit-- 
arbeiter: Gartenarchitekt W. Hirsch, Wiesbaden) Zusprechen 
sollen. Dieses Projekt, das hinsichtlich der Friedhossanlage 
einige Verwandtschaft mit Lern Roekleschen Projekt zeigt, ist 
trotz seiner stellenweisen Unreife und mangelnden Ausge- 
glichenheit doch im ganzen 'Line MLte, sehr begabte Arbeit, der 
eine brauchbare Gesamtives zugrunde liegt. — Ueber die bei ¬ 
den sonst noch ausgestellten Entwürfe ist eigentlich kein Wort! 
weiter zu verlieren. Der eine scheint ein Friedhofsgebäudes 
mit einem Sportrestaurant und ein Gräberfeld mit einem 
wohlassortierten Warenlager schlechter Grabsteine zu verwech 
seln, und der andere erhebt sich kaum über die Leistung Lines 
Hochschülers, der gerade etliche'Semester hi -e? sich hat. , 
/H-s 
^7. 
Zranktmtsr Angelegenheiten. 
Kundgebung der kaufmännischen und technischen 
AngesieMen. 
Zu der Donnerstag abend im Hippodrom vorn Gewerk 
schaftsbund der Angestellten (G. d. A.) und dem 
Allgemeinen freien Angestelltenbund (Afa) 
verunstalteten Demonstrationsversammlung hatte sich eine nach 
vielen Tausenden zählende Menschenmenge eingeftmden. Da 
der Saal nicht alle Teilnehmer fassen konnte, mußte eine 
Parallelversammlung im Freien abgehalten werden. Die Kund 
gebung galt dem Protest gegen die „Katastrophen^ des 
Arbeitgeöerkartells und sollte den einmütigen Willen der in den 
Angestelltengewerkschaften zusammengefchlossenen Arbeitnehmer 
Zum Streik zum Ausdruck bringen. 
Schawer vom Zentralverband des Afabundes berichtete in 
kurzen Umrissen über die bisher mit dem Arbeitgeberkartell ge 
pflogenen Verhandlungen, die bekanntlich zu keiner Einigung ge 
führt haben. Der Schlichtungsausschuß der über die Gehaltsforde 
rungen der Angestellten für die Monate August und September 
Zu entscheiden hatte« fällte« wie man weiß, einen Schiedsspruch, 
dem sich die Angestelltenorganisationen unterwarfen, während ihn 
die Arbeitgeber Mehrtten. Wie der Redner ausführts, besteht 
Grund zur Annahme, daß das Arbeitgeberkartell mit dieser Ab 
lehnung in Wahrheit eine Verlängerung des seitherigen Einheits 
tarifs erstrebt, den die Angestelltenverbände vom 1. Oktober ab 
durch einen Gruppentarif (für Einzelhandel, Großhandel, Indu 
strie und chemische Industrie) zu ersetzen wünschen. 
Daß dem. in der Tat so sei, suchte der folgende Redner Geßner 
vom G. d. A. durch seine Schilderung der vor dem Demobil- 
machungskowmissar geführten Verhandlungen Zu erweisen, in denen 
die Arbeitgeber auf eine Bindung auch für den Oktober hindrüngten. 
Der Redner übte Kritik an dem Vermittlungsvorschlag des^De- 
mobilmachungskomwissars, der ein Unterangebot gegenüber dem 
Spruch des Schlichtungsausschusses darstelle und auch wegen der 
durch ihn hinausgeschobenen Forderung auf Abschluß von Grup- 
pentarifen für die Angestellten unannehmbar sei. Die Gedulds 
probe der Angestellten habe nun ihr Ende erreicht, und es müsse 
zum Streik geschritten werden. In den kommenden Tagen sollen? 
nach der Anweisung des Redners in den einzelnen Betrieben 
die Abstimmungen stattfinden und falls sich eine 
Mehrheit von 73 Prozent für den Sirei? i 
ausspricht, wird am nächsten Dienstagfrüh die Arbeits 
niederlegung erfolgen. 
Haueisen vom Werkmeisterverband und Myrrhe (Ber 
lin) vom Bundesvorstand des G. d. A. bekräftigten noch in kurzen 
Ansprachen die Darlegungen der Vorredner und ermähnten ein 
dringlich zur Solidarität, die allein den Erfolg verbürge. Nach 
dem Knese vom Transportarbeiterverband die Sympathie seines 
Verbands für die Sache der Angestellten zum Ausdruck gebracht 
hatte, erklärte der Versammlungsleiter Jordan, daß auch die 
hiesigen G e w e r k s ch a f L s o r g a n i s a t i o n e n zur Unter 
stützung des Streiks bereit seien und verlas eine Resolution, 
die einmütig Annahme durch die Versammlung fand. In der Re 
solution heißt es u. a.: 
Das Frankfurter Arbeitgeberkartell trägt allein die Verant 
wortung, wenn die Angestellten, durch die Not gezwungen, zu 
den äußersten Mitteln greifen, und dadurch der Wirtschaftsfrieden 
bedroht wird. Die Versammelten kennen keinen anderen Aus 
weg, als durch Arbeitsniederlegung das ArÜeitgebertum zu einer 
vernünftigen Haltung Zu zwingen und ersuchen die Leitung der 
Angestelltengewerkschaften, alle Schritte eüMleiten, um den 
Streik mit allem Nachdruck erfolgreich durchzuführen. 
Nach Schluß der Versammlung vereinigten sich die Teil 
nehmer zu einem mächtigen D em o n str a r i o n s z u g durch 
die Straßen der Stadt. ___ 
" Gr°S-Fr-n!furt. Der große Frankfurter VergnügungZLau am 
Myenheuner Tor, dessen Direktion bekanntlich auch die Leitung des 
&amp;lt; ScoumanniheaterS übernommen bat, ist in den letzten Monaten einer 
.burMreifenden inneren Umwandlung unterzogen worden, die sich auf 
.nahezu alle Räumlichkeiten erstreckt. Nach des Umbau des sogs- 
^anntm Brettls an der Sencksnbergstraße zu einem Musikcafe ist 
.nunmehr das Zillertal seiner Gebirgslandschaften völlig entkleidet 
AM em vornehm« Tanzpala st geworden.' In äußerst kurzer 
Frist hat hier die Berliner Theaterfirma Hugo Baruch &amp; E o. 
wahre Zauberkünste vollbracht. Der neugeschaffene ovale Raum j 
wird ringsum von einer Galerie umzogen, von der aus man be-' 
quem das Treiben im großen ParkeLLsaals beobachten kann. Die 
Beleuchtung ist sehr geschickt und apart ungeordnet. Hinter einem 
niedrigen durchbrochenen Fries in der Höhe des Deckengesimses ver 
birgt sich eine indirekt wirkende farbige Beleuchtung, die wohl 
tuendes mattes Licht im Raume verbreitet, und von der Mitte der 
kuppelartig gewölbten Decke selbst entsenden Scheinwerfer ihr 
grelles Licht auf die Tanzenden. Die weißen und goldgelben Töne 
der oberen Saalhälfte klingen gut mit dem Rot der damast- 
bespamtten Wände unterhalb der Balköne zusammen und erzeugen 
eine festlich-heitere Stimmung. An die Hauptgalerie schließt sich 
ein kleiner, geschmackvoll ausgestatteter orientalischer Raum an, 
dessen Wände Heinz Geilfus (Nauhsim) mit lustigen Bildern 
belebt hat. — Das frühere Eafä an der Blechstraße wurde von 
Prof. Cissarz zu einem vornehmen Weinrestaurant um- 
gestattet, das zwar in seiner architektonischen Gesamtwirkung nicht 
jedermann einleuchten wird, aber vortreffliche kunstgewerbliche 
Einzelleistungen an Beleuchtungskörpern, Tischen, WanL- 
dekorationen usw. aufweist. Im ganzen darf man wohl sagen, daß 
&amp;gt; sich die großzügige Innenausstattung vorteilhaft gegen die Außen 
! architektur abhebt und sicherlich ihre Anziehungskraft, zumal auf 
j das Fremdenpuölikum, nicht verfehlen wird. __ 
^0^6 
— Bom Osthafen. Wer das Osthasengebiet aufsucht, kann sich 
leicht davon überzeugen, daß die leider immer noch sehr geringe 
Bautätigkeit sich nicht nur auf Banken erstreckt, wie es wohl heute 
leicht den Anschein hat. So sind hier z. B. Erd- und Baggerarbeiten 
zur Erweiterung eines HafenbassinZ im vollen Gang. Auch die 
Bebauung des noch brach liegenden Jndustriegeländes schreitet 
mehr und mehr wor, ein Beweis dafür, daß das Wirtschafts 
leben, allen Schwierigkeiten zum Trotz, sich auf die Dauer nicht 
einschnüren läßt. Das jüngste Zeugnis wirtschaftlichen Ausdeh 
nungsdranges ist das nach dem Main Zu gelegene Gelände der 
Rhein stahl - Handelsgesellschaft, das im Mai vori 
gen Jahres begonnen und kürzlich seiner Bestimmung übergeben 
wurde. Man kann es nur begrüßen, daß hier wieder einmal, im 
Sinne des Werkbundes, versucht worden ist, einen reinen Zweckbau 
künstlerisch gut zu lösen. Das Reichere des von dem Düsseldorfer 
Architekten Pros. Fahrenkamp entworfenen und von der Frankfur 
ter Baufirma SchmidL-Knatz und A. Henß ausgeführten Verwal- 
Lungsbaus zeichnet sich durch eine maßvolle Pfeilergliederung aus, 
die kaum minder befriedigend wie die gediegene Sachlichkeit der Hel 
len Büroräume wirkt. Vielleicht ist es nicht unnötig, darauf hinzu- 
weiftn, daß alle Einrichtungen, insbesondere die freundlichen Woh 
nungen der Hausangestellten im Obergeschoß, von dem Geist sozialer 
Fürsorge getragen sind. Zur Aufnahme der verschiedenen Eisen 
erzeugnisse der RheinsLahlwaren dienen zwei mächtige Hallen und 
em großer, übersichtlich ungeordneter Lagerplatz. An dem ganzen 
unternehmen tritt deutlich die natürliche Bestimmung des Ost 
hafens hervor, die großenteils in der Vermittlung des Verkehrs 
Mischen dem^Industriegebiet und Süddeutschland besteht. 
4- 
Das Haus Wsrkbund. 
- Das Haus WerkLund verdankt seine Entstehung der Zu 
sammenarbeit des Deutschen Werkbundes mit der Meffeleitung, 
'die beide von der AbOA beseelt waren, in Frankfurt ein Aus- 
stLÄungsgebäude Zu . fen, in dem nur hochwertige kunstge- 
wsrbuHe Leistunge-^ geboten werden sollen. Die 
'Bedeutung einest Mauses, das einem solchen Bestim 
mungsZweck dient, läßt sich gar nicht hoch genug einschätzer^ 
und wundern mag man sich lediglich darüber, daß der ihm 
'zugrunde liegende Gedanke erst so spat seine Verwirklichung 
gefunden hat. Ist es noch nötig, der vielen Hoffnungen -aus 
drücklich zu gedenken, die sich am dieses Haus Werkbund knüp 
fen? Bor allem darf man wohl annehmen, daß die in ihm 
nun endlich ermöglichte Vereinigung von Qualitätsarbeiten, 
deren Güte durch eine besondere Jury verbürgt wird, zur 
'Förderung des Sinnes für die bei uns allzusehr vernach 
lässigte Geschmeckskultur betträgt. Die mannigfachen schönen 
Gegenstände, denen hier eins freundliche Stätte bereitet ist, 
werden nicht nur, mittelbar oder unmittelbar, auf das kau 
fende Publikum eine erzieherische Wirkung ausüöen, sondern
        <pb n="44" />
        Die MöSesmsffe 
lWorwser Gewerbeichau.H Anläßlich der diesjährigen 
Hauptversammlung des hessischen Landes-Gewerbeverems findet zur 
Zeit in WorM eine Gewerbeschau statt, die vorwiegend Hand- 
Merkliche Erzeugnisse umfaßt und den erfreulichen Beweis dafür 
erbringt, daß auch in diesem Teil des besetzten Gebietes lebendige 
KM^ gM Werk W, UM an dex Wedergesundung des deutschen 
Wie im Frühjahr so ist auch diesesmal die MZbslmeffe wie« 
der im Bism-Lrckr, Messehaus untergebracht» Wer etwa 
von der Schau im Werkbundhaus hierher kommt, der wird den' 
Unterschied in der Ceschmackskultur stark empfinden. Immer, 
noch begegnet Man Büffets, Betten usw., die mit sinnlosem 
Ornamenten überladen sind, immer noch behaupten sich 
Zum überwiegenden Teil abgelebte Formen und prunkvolle' 
Schnitzereien, die weder an sich schon sind, noch unseren ver» 
änderten Lebensumständen irgendwie Rechnung tragen. Wenn' 
man im Gespräch mit dem einen oder anderen Aussteller der 
artige Bedenken Zur Sprache bringt, so heißt es gewöhnlich/- 
man rnüffs sich dem Geschmack des Publikums anpaffen und 
danach trachten, nur solche Waren zu erzeugen, von denen man 
sicher weiß, daß sie gekauft werden. Diese Ansicht mag ja, 
durchaus richtig sein, entspringt aber auch mit der Bequemlich-- 
kmt. Freilich, ein ALbringen von der gewohnten Heerstraße er 
fordert Initiative und ist vielleicht nicht ganz einfach; es wäre 
jedoch in mehr als einem Betracht wlchlig, daß man sich endlich 
Zu einer Absage an den alten Kitsch entschlösse und sich auf die. 
Verfertigung schlichter und gediegener Möbsltypen verlegte, die 
sich rein durch die Schönheit ihrer Formen auszeichnen. Geht 
der Mööelhändler mit gutem Beispiel voran, so folgt das Pu 
blikum ihm gerne, nach. Wir sind jedenfalls überzeugt davon, 
daß der Bruch mit dem üblichen Clichse und die geschmackliche 
Verbefferung wie Vereinfachung der einzelnen Modelle ein Ex 
periment ist, das sich reichlich lohnen wird. 
Natürlich fehlt es bei der Fülle der ausgestellten Möbel nicht 
an erfreulichen Typen. Hie und da findet man gute Schlaf- 
zimmerschräme oder wohl auch eins Küchsneiurichtung aus 
weiß gestrichenem Tannenholz, die sich durchaus sehen lassen 
kann. ' Neben wohlgsformten Ledersesseln und schönen Garten 
möbeln fallen Rauchtische mit einer-Messing-Tischplatte in ge 
triebener Arbeit angsnehm auf. Der Verkauf soll, wie man 
hört, im allgemeinen sehr befriedigend sein. Lr. 
an den schlichten Wan'oputz ungezwungen anschließt. In den 
Ausstellungsräumen selber erfreuen sich eigentlich nur dieStützen- 
köpfe im Obergeschoß einer besonderen Ausbildung. Die Zarten 
Töne der verschiedenen Saalwände, die bald in Rosa, bald in 
einem leichten Blau oder Grün gehalten sind, verbreiten eine hei 
tere Stimmung und klingen mit der dunkleren Färbung der 
Kwände großenteils gut zusammen. Den Saal im Som 
tsrrain, der sür alle möglichen Zwecks (so etwa für Vorträge, 
.Mannequin - Vorführungen, künstlerische Darbietungen usw.) 
vorgesehen ist, Hütte man sich freilich reicher ausg^tattet ge 
wünscht. Er hinterläßt einen etwas nüchternen Eindruck und 
bW -sich ..überhaupt' nicht -völlig auf der Höbe der übrigen 
Räume. Im ganzen aber ist das Haus Werköund doch eine 
bedeutsame.architektonische Leistung und sicherlich die geeignete 
Stätte für vorbildliche Ausstellungen, von denen, wie man 
mit Zuversicht erwarten darf, künstlerische und kulturelle An 
regungen in Fülle ausgeh'M werden. 
—, ___ ___ Dr. S. Kmesuer. 
Wirtschaftslebens für ihren Teil mitzuwirken. Gerade in kleine 
ren Städten, Zumal natürlich in solchen der Besatzunaswne sMen 
periodische Ausstellungen dieser Art unberechenbaren Nutzen, bieten 
sie doch der aus dem näheren und weiteren Umkreis veroerjummm 
den Bevölkerung u. a. bequeme Gelegenheit, die verschiedensten 
Produkte deutschen Gewerbefleißes kennen zu lernen und aus ihrer 
Betrachtung mannigfache Anregungen zu schöpfen. Beim Durch 
wandern der hübsch arrangierten und auch in ihrem technischen Teil 
reich beschickten Gewerbeschau nimmt man mit Genugtuung wahr, 
daß die Oberleitung es verstanden hat, die einzelnen Aussteller im 
Sinne der Werkbundbestrebungen zu beeinflussen und Geschmack 
losigkeiten säst ganz zu unterdrücken. Nur wer weiß, wie schwer es 
ist, üblen Traditionen den Garaus zu machen, wird diese erziehe 
rischen Versuche nach Gebühr würdigen können. Manche Zimmer 
einrichtungen z. B. sind tatsächlich künstlerisch gut durchgebildet 
und dabei von jener heute besonders erwünschten Einfachheit, zu 
der Zurückkehren, sich leider Handwerksmeister und Publikum immer 
noch selten genug entschließen. Anerkennenswerte Leistungen weist 
übrigens auch die kleine Sonderschau auf, die Arbeiten der Ge 
werbeschüler vereinigt. Von der richtigen Ueberzeugung getragen, 
daß das gute Beispiel am meisten erzieht, hat die Ausstellungs 
leitung den an das Gebäude angrenzenden Hof durch Wormser 
Architekten in einem kleinen Friedhof umwandeln lassen, der 
entschieden den Clou der Gewerbeschau bildet und ihr kurzfristiges 
Dasein hoffentlich überdauert. Die nach einheitlichen Prinzipien 
durchgeführte Anlage lehrt, wie man bei sparsamem Gebrauch 
gärtnerischer und architektonischer Mittel reizvolle Wirkungen er 
zielen kann. Vorbildlich ist vor allem die Bepflanzung der Grab 
stätten und die geschickte Anordnung der Reihengräber, die von 
einem Laubengang umfriedet werden. Unter den im allgemeinen 
wohl gelungenen Grabmälern zeichnen sich die schmiedeeisernen 
Grabkreuz^durch ^^Originalität ihrer Erfindung aus. Xr. 
euch eine immer größere Zahl von Firmen zur Erzeugung 
künstlerisch einwandfreier Waren anspornen. Und damit' ist 
, nicht Zuletzt in rein praktischer Hinsicht viel erreicht, denn 
mehr als je gilt es ja für uns heute, sollen wir dem Ausland 
gegenüber konkurrenzfähig bleiben, Dings Zu produzieren, die 
sich dank ihres inneren Wertes und ihrer geschmacklichen Vor- 
ireMchkeit auf dem Weltmarkt Zu behaupten wissen. 
Das Haus Werkbund ist das Ergebnis eines engeren 
Wettbewerbs, den die Arbeitsgemeinschaft des Deutschen 
Werkbundes für den MiLtelrhein im Vorjahre unter 
sieben dem Werköund ungehörigen Frankfurter Architekten ver- 
anstaltet hat. Das Gebäude sollte sich nach Lage und Aus 
dehnung dem von Architekt Roeckle entworfenen generellen Be 
bauungsplan einordnen und durch seine äußere Erscheinung die 
in ihm verkörperte Jde-s sinnfällig zum Ausdruck hßingen. 
Die Lösung der den Architekten gestellten Aufgabe wäre we 
sentlich erleichtert worden, wenn die auf diesem Teil des 
AusstsLungsgeländes bereits befindlichen Meßhäuser einen ein 
heitlichen Gesamicharakter aufgewiesm hätten. Da diese Ein 
heit aber fehlte, konnte sich auch der Bau ihr nicht gut ein 
fügen, sondern mußte von vornherein als verhältnismäßig selb 
ständiges Eiaengebilde geplant werden, dem nun.die zukünf 
tigen Massivbauten in seiner Nachbarschaft sich irgendwie cm- 
Zugliedern haben. Als Sieger aus der Konkurrenz ging Archi 
tekt Fritz Poggenberger hervor; sein Entwurf ist mit 
gewissen Abänderungen in der kurzen Frist von dreiviertel Jah 
ren Zur Ausführung gelangt. 
Das Haus Werkbund stellt einen einfachen langgezogenen 
R^. -sckZlörpsr dar, dessen Aeußeres leise an einen onen- 
tauschen Bazar erinnert. Die durch ein flaches, von der Straße 
aus nicht sichtbares Dach abgeschlossene Fassade entbehrt ber- 
nahs jeglicher Gliederung. Auf dem Untergeschoß, das bis 
zur Kämpferhöhe der Rundbogen aus dunkelgrünem Schlacken- 
heton besteht, erhebt sich der wuchtige termkottafarbige Oberbau, 
besten Fläche durch schmale, nur gering vorspringende Putz- 
streisen in rautenförmige Felder aufgeteilt wird. Das Ganze 
ist zweifelsohne eine eigenartige Schöpfung, die einem neuen 
Gedanken auf neue Weise Gestalt verleiht und eine bauliche 
Kultur verrät, wie man sie nicht häufig antrifft. Die 
Eintönigkeit der großen Fassadenfläche wird durch die charak 
tervolle Fensteranordnung und die ausgezeichnete Durchbildung 
sämtlicher architektonischen Einzelheiten beträchtlich gemildert. 
Für eine Belebung der Wand sorgen vor allem die schönen 
erkerartigen Schaufenster, die den Vorübergehenden sofort an 
die Bestimmung des Werkbundhauses gemahnen, ferner die 
dew-G'ven Beleuchtungskörper und schließlich die originellen 
freien Endigungen an den Gebäudescken. In dem Bogenfeld 
zwischen den beiden Portalen soll später noch eine Plastik Auf 
-Peilung finden, die sich von dem finsteren Grau des Schlacken 
betons sicherlich wirksam abheben wird. 
Der Grundriß des Gebäudes darf als mustergültig bezeich 
net werden. An eine geräumige Eingangshalle schließen sich 
im Erdgeschoß drei miteinander Zusammenhängende Ausstel 
lungsräume an, deren Größenverhältnisse sorgsam abgewogen 
lud. Zwei Treppen, gegen die höchstens das Bedenken gel 
tend gemacht werben kann, daß sie sich bei starkem Verkehr viel 
leicht als Zu schmal erweisen, führen von der Halle aus in das 
Obergeschoß, das vier weitere, teilweise mit Oberlicht versehene 
Säle von verschiedenen Dimensionen enthält. Die Treppen 
sehen sich auch nach dem Souterrain zu fort, in dem der wohl 
proportionierte, seitlich belichtete Saal mit kleiner Bühne und 
allen erforderlichen Nebenräumlichkeiten sehr zweckmäßig unter 
gebracht ist. 
Die innere Einrichtung entspricht durchaus den vielerlei 
Bedürfnissen, denen das Werkbundhaus im Lauf der Zeit ge 
recht werden muß. So sind etwa die Säle an der Rückwans 
mit Fenstern in normaler Höhe ausgestattet. die einer guten 
Belichtung kunstgewerblicher Gegenstände dienen. In allen 
den Fällen, in denen nur Licht von oben her benötigt wird, 
können diese Fenster sofort durch passende Läden derart ver 
kleidet werden, daß eine lückenlose Wand entsteht. Als aus- 
stellungsLechnischer Sachverständiger hat im Auftrag des Werk 
bundes der Münchener Architekt Mossner mitgewirkt, dem 
u. a. die praktische Anordnung der Kojen Zu danken ist. Die 
Kojenwände sind aus gebeiztem Tannenholz und jederzeit leicht 
herausnehmbar. Abgesehen von den das Gebälk tragenden 
Pfeilern steht also in diesen Räumen gleichsam nichts fest, ihre 
Einrichtung läßt sich vielmehr ohne Schwierigkeit stets so um- 
wandeln, wie es der jeweilige Zweck gerade erfordert. Die 
gegenwärtige Ausstellung beweist das ja schon zur Genüge. 
Bei der künstlerischen Ausgestaltung des Innern ist der 
Architekt von dem richtigen Gedanken ausgegangen, daß die 
von ihm geschaffenen Räume in erster Linie einen unausfälli- 
gen, neutralen Rühmen und Hintergrund für die in ihnen' 
gezeigten Gegenstände abgsöen sollen. Wenn trotz der von ihm 
geübten weisen -Zurückhaltung die Jnnenfluchten im allge 
meinen den gleichen, nahezu mondänen Charakter wie die 
Fassade aufweisen, so rührt das vor allem von ihrer nuüerial- 
gerechten Behaiidlung und der aparten Durchbildung der archi 
tektonisch ausgeMchneten Punkte her. Die Eingangshalle 
Z. B. wirkt fast allein durch die um der Lichtzufuhr willen arm 
geordneten bogenartigen Durchbrechungen der Treppenhaus 
wand und etwa durch die Vetongewände der Saaltüren; hin 
Zu gesellt sich, um die vornehme Wirkung zu verstärken, "der 
Bodenbelag aus schönen Solnhofener Marmorplatten, der sich.
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        Dr. 8. L r a 6 a o 6 r. 
a. N. 
MLLÄ A&amp;gt;'k»iZ!SLt. Votersooliootzoo 200! Erodiern dtzS 
selionkorisekoo willens io ReliKioo ood Ltüik. Von k'elix 
V/ 6 I t 8 6 M NöoeUoo, Xort VWIkk. 155 8eitoo. 12. 
Vom Lodoo oioor diiretz doo dootsevoo Id6a1i8onis doMmmton 
Nvsiik au8 ootoroiioiot, 68 KViix iV 6 11 8 e U io diosom Nax Vrod 
Kovödoiotoo Loeve, Kolitzioii (imd LtüL) aok den seUöpkorisoUoiL 
^Villen 20 tzrüodoo, und bbiuüüt sied üierdol uiu ^uüö8uuss dor ^.oti- 
oooiieoo, die siev woo mau (voll iu die 860^6 vorletzt und 
8oiuo .VdsolotUoit io deo 8troiu lodoodi^so ^Vordoos oiodoxleüt. 
Das Leroxrodloin ^Voltselis läM 8l6Ü 6tiva ^vie kol^t Kor2 aii8drö6k6o: 
Viouot mau, ivi6 dor Ooadootzläudi^e, 6io 6vö^6s ^öttÜ6v68 8bin ao, 
das döeüsts IVirkIioUkoit d68Ü2t, so vird doio 26i11ioli6o ^Voodoo, dtzr 
oiooseiiloMoo Mut, die ootsevoidoodo Lodeutootz tzeruubt; oiau 
dagotzoo, vde dov ^roüioits^IäodiKe-, voo der Vorou886txuoU 
008, daÜ Oott 1o dooi loeoKeMIelieu 8eliopk6rvüll6o sied koo- 
dot, 80 vürd das, v^as l6t2tes sioossodoodHS ^iel ailos V^erdeoZ sein 
sollto, LU 610660 Produkt der Lotiviekluo^ 86lder Aeiooelit. NN 
Hilfe okt Kelir keiner xüäooioooolo tziselior ^oaivsoo suelit der Ver- 
tassor, der auk der 8eile der Vreivoitstzläodissoo slokt, das ^V6860 der 
^eeirselieo Vortzäotze 20 orUoUoo.auk denen die86 beiden rsdigiöseo 
i&amp;gt;i uodbriltootzvo beridien. - Lr lrenn^eiebnet den Olanben als kreie 
KotLuntz, die einer Vertrauens6ot86beidiin KwieUkooiow, wist noeb, 
da6 Lueb der Eintritt fener tzroüen religiösen Lrlodoisso, die rein 
las IVork der Onode 20 sein sobeinen, ao die Nitvdrkno^ des IVil- 
L6N8 Aokoüpkt ist, und bebÄUpttzt K6tz6nüber dein veterininisnius die 
die 86liöpkeri8elie l?reibeit de8 dVillen8 iio Lu8tnnd böebster Vnspun- 
nunss. Vor deni erv übnten ^Vidersxrueb 20 enttzeben, den die Iden- 
.ikixieruotz Oottes nrit dein sebopkeriseben V^erden er2eu^t, siebt er 
sieb Lur Vonobioe eines absoluten, aber un^virblieben ssöttlieben 
Zeins §6L6vunA6n, das dureb die kreie inensebliebe d'at 2ur V^irblieb- 
?v6it erlöst 'werden vüll; LeleKe kür diese Vukkassuntz kindet er bei 
deutseben und füdiseben U^stibern in l^ülle. Lur LrblärunK der ver- 
sebiedenen bistoriseb bedeutsanien religiösen (vrie aueb ^veltansebau- 
Lieben, etbiseben und ästbetisoben) Positionen vürd ^esebiebtliebe 
Lntnüebluntz' als dialebtiseber kro26k dar^estellt, der von irrationalen! 
lieben 2ur rationalen, einbeitlieben lZervältitzuntz des Gebens und !vie-! 
der Lurüeb 2001 b-eben in e^vitzeni Lreislauk drängt — eine Lon- 
strubtion, die sieberlieb niebt unbeeinklukt von der in 8iinniel8 1et2tein 
^Vtzrb: .,b,6bensan86bauun^" niedertzeletzten lbebensinetaxbvsib ist. 
Vrt der Iratzestelluntz und kroblendösuntz IVeltsebs sind dureb- 
Lus Oevüebs einer Aeit, die das leb 2001 Nittelpoobt, und das 
,,b-eben^ oder den seböpkeriseben ^Villen 2uni obersten sVe1tprin2ix 
inaebt. Vreilieb erkennt Meltseb ini 0etzensat2 20 Lertzson und 
»ebärker selbst als 8innnel die Oekabr, die zede Lebauptuntz der 
völligen IniManen2 Olottes mit sieb kübrt, aber indem er ibr 211 
entrinnen strebt, verläüt er das Lereieb der I^bilosopbie und 2iebt 
sieb in das der Nvstik 2urüelr, bei veleber Vermentzuntz 2v^ier 
"LevuLtseinslatzen er am Lnde vuder dem kbilosopben noeb aueb 
dem Alvstiker Olenütze leistet. 
HrankturLer AngeLegenheiLeu. 
SladwerordnetenVersamMlung. 
Der Vorsitzende Dr. Hopf gedenkt zu Beginn der Sitzung mit 
Worten warmer Anteilnahme desOppauer Unglücks und bat um 
debattelose Annahme der Magistratsvorlage, die 50 000 Mk. zur 
Hilfeleistung für die Opfer der Katastrophe vorschlägt. Die Ver 
sammlung, welche die Rede stehend anhört, bewilligt einstimmig diese 
Summe. 
Eine längere Debatte entspinnt sich über die Entschließung des 
Magistrats, den in der Sitzung vom 25. August von der Stadtv er- 
ordneten-Versammlung bewilligten Betrag von 50 000 Mk. zur Un 
terstützung der notleidenden Russen abzulehnen. Nach Ausfüh 
rungen der Stadtv. Plewe (Unabh.) und Heißwolf (Soz.), 
die beide die Versammlung bitten, auf dem früher angenommenen 
Standpunkt zu verharren, gibt auch Stadtv. Dr. Goldschmidt 
(Dem.) seinem Bedauern über den Magistratsbeschluß Ausdruck, der 
ihm der unbegründeten Furcht vor falscher Deutung einer solchen 
Spende im Ausland zu entspringen scheint. Bürgermeister Graf 
rechtfertigt die Haltung des Magistrats damit, daß der Deutsche 
Städtetag eine Aktion zu Gunsten der russischen Bevölkerung abge 
lehnt habe und das Rote Kreuz keine Sammlung verunstalte. Bei 
der Abstimmung kommt es mit großer Mehrheit zur Annahme des 
Antrags Plewe auf Bewilligung von 50 000 Mk.; ferner wird der 
Antrag Goldschmidt, diese Summe dem Roten Kreuz zuzuweisen, 
mit 30 gegen 28 Stimmen angenommen. 
In der Frage, der Milchvers 0 rgung ist der Magistrat Zu 
einer Ablehnung des am 10, Mai angenommenen Antrags gelangt, 
der eine Abgabe der Milch zu gestaffelten Preisen Vorsatz. Stadtv. 
Kirchner (Soz.) greift diesen Beschluß an und ist der Ueber 
zeugung, daß ein Versuch zur Durchführung der Staffelpreise ge 
macht werden müsse. Stadtrat Dr. Schmude entgsgnet, daß eine 
Reihe von Städten von der Staffelung der Preise wegen zu großer 
Verwaltungsschwierigkeiten abgekommen seien, und Bürgermeister 
Graf entwickelt die Grundsätze, nach denen der Magistrat bei der 
Gewährung von Zuschüssen an die Milchewpfänger zu verfahren ge 
denkt. In der Aussprache beschweren stch sämtliche Redner über die 
Verzögerung, die der Magistrat dem Antrag der Versammlung hat 
angedeihen lassen. Die Stadtv. Landgrebe (Lib.)- und Schütz 
(Dem.) weisen außerdem darauf hin, wie wichtig es sei, daß sich der 
Magistrat endlich mit der Frage der M il ch e r f a s s u n g ernsthaft 
befasse, und Stadtv. P l e w e (Unabh.) spricht sich dafür aus, daß die 
Gewährung des Zuschusses an einen höheren Satz als 700 Mk. mo 
natlichen Familieneinommens zu knüpfen sei.-Es gelangt ein Antrag 
Von der Schule der Weisheit 
s Wahrend der letzten SeptemLerwoche hielt in DarmstadL die 
Erhaltung der „Schule der Weisheit" ins Leben ge- 
-Mfene „Gesellschaft für freie Philosophie" ihre 
. Herbsttaaung ab. Im Rahmen dieser Veranstaltung verbreitete 
Ach Graf Hermann Keyserlingan drei Vormittagen ausführ 
lich über das Wesen der von ihm gegründeten Schule; wie er selber 
(gleich zu Beginn hervorhob, beabsichtigte er mit seinen Vorträgen 
oen Hörern eine endgültige Darstellung seines Wollens, seines 
-We geZ und seines Zieles zu geben. Vielleicht ist die Kennzeich 
nung des äußeren BWes der Veranstaltung nicht ganz überflüssig. Die 
-Zusammenkünfte, denen u. a. der frühere Großherzog von Hessen 
M Ehrenvorsitzender der Vereinigung Leiwohnts, glichen einem 
vornehmen GesÄschaftszirkel, in dem dre Damen an Zahl beträcht 
lich überwogen und auch die Jugend beiderlei Geschlechts nicht 
.ganz fehlte. Abblmdung des Tageslichts durch Vorhänge, matte 
Wnstliche Beleuchtung und künstlerisch arrangierter Pflanzenschmuck 
sorgten sür eine gedämpft-festliche Stimmung in dem gut gefüllten 
Saal. Diese ästhetisch sehr befriedigende Aufmachung brächte sicher 
lich den Vorteil mit sich, daß die Teilnehmer an der Matinee all 
tagsentrückt die Worte des Grafen nacherleben konnten; sie ver- 
s,tärkte aber auch das Gefühl, daß man «es .h.ier in erster Linie mit 
einer Art von philosophischem Salonkolleg zu tun hatte. Zur 
'Vertiefung des Eindrucks der Reden war übrigens von jeglicher 
Diskussion Absmnd genommen worden, 
Kirchner zur Annahme, der den Magistrat ersucht, die Grundsätze des 
Wohlfahrtsamts für die Gewährung von Zuschüssen zum Bezüg von 
Milch alsbald vorzulegen 
Die neuen Deckungssteuern. 
Bei der ersten Lesung der neuen Deckungsvorlage, die jetzt zur 
eingehenden Beratung an den Hauptausschuß überwiesen wird, stim 
men die Redner aller Parteien darin überein, daß die Steuerauto 
nomie der Gemeinden durch die Reichsfinanzreform stark eingeschränkt 
ist und daß auf alle Fülle.das Prinzip der Sparsamkeit streng durch 
geführt werden muß. Stadtv- Heiß Wolf (Soz.) charakterisiert 
die neuen Steuern als Konsumentensteuern und wendet sich vor 
allem gegen die Straßenbeleuchtungssteuer, sowie gegen di-e unsozia 
len Gebühren beim Wohnungsamt. Stadtv. Dr. Goldschmidt 
(Dem.) geht einleitend auf die Folgen ein, die sich aus der Reichs 
finanzreform für die gemeindlichen Steuermöglichkeiten ergeben, und 
nimmt sodann im einzelnen zu der Vorlage Stellung. Was die 
Hundesteuer betrifft, so wünscht er Steuerfreiheit der Zuchthunde 
und gegen die Straßenbeleuchtungssteuer sowie gegen die Gebühren 
beim Wohnungsamt äußert er ähnliche Bedenken wie Stadtv. Heiß- 
wolf. Zum Schluß ermähnt er zum Abbau, wo immer dieser mög 
lich ist, und erhebt die Frage, ob die Revisionskommission bereits 
mit ihrer Arbeit begonnen hat. Pros. Trümpler (Dem.) bringt 
verschiedene Einzelanregungen. So schlagt er vor, eine Kommission 
einzusetzen, die prüfen soll, ob die Erhöhung der Hafen- und Lager 
hausgebühren nicht am Ende den Umschlagsverkehr gefährdet, weist 
auf die mögliche Höherbesteuerung der Wanderlager hin und emp 
fiehlt, die Schaufenstersteuer fallen zu lassen. Im Anschluß an die 
folgenden Ausführungen des Stadtv. Nelles (Ztr.), der den Ab 
bau des Lebensmittelamts und der Kohlenstelle anregt, der Stadtv. 
Landgrebe (Lib.), der sich sehr pessimistisch über unsere Be 
steuerungsmöglichkeiten äußert, eine Abstufung der Straßenbeleuch 
tungssteuer vorschlägt und ebenfalls auf Sparsamkeit in der Ver 
waltung drängt, und des Stadtv. Mühlig (Unabh.) erwidert. 
Stadtrat Dr. Langer den verschiedenen Debatterednern. Auch er 
kritisiert das derzeitige Steuersystem des Reichs, zumal die Ein 
kommensteuerveranlagung. Von seinen Mitteilungen verdient Er 
wähnung, daß man nicht nur von einer Besteuerung des Bierkon 
sums nicht absehen will, sondern auch demnächst den Aepfelwein Zu 
besteuern gedenkt. Eine weitere Erhöhung der Wertzuwachssteuer 
empfiehlt stch schon deshalb nicht, weil sie vermutlich von der Auf 
sichtsbehörde ungebahnt würde. Die Plakatsteuer ist vom Magistrat 
zurückgezogen worden, da ein inzwischen erschienenes Musterstatut 
der Besteuerung zu enge Grenzen zieht. Im übrigen schließt sich 
Dr. Langer dem Appell des Stadtv. Goldschmidt an, bei der Be 
ratung keinen Streit um finanzielle Kleinigkeiten zu führen. 
Die Tariferhöhung der Straßenbahn. 
Stadtv. Nelles (Ztr.) berichtet über die Stellungnahme des 
Hauptausschusses Zu der Neuordnung der Straßenbahntarife. Was 
die Monatskarten anbetrifft,, ist der Hauptausschuß der Ansicht, daß 
die vom Magistrat vorgeschlagenen Erhöhungen die Abonnenten 
und Wochenkarteninhaber, die weite Strecken zurückzulegen haben, 
Zu sehr belasten, und beantragt dementsprechende Abänderung der 
Staffelung. In der Debatte kommt es zu neuen Anträgen, denen 
gegenüber sich die Stadtv. Landgrebe (Lib.) und Walter 
(Dem.) für die Annahme der Vorlage des Hauptausschusses aus 
sprechen. Stadtrat Dr. Schmude macht geltend, daß die An 
nahme der Abänderungsvorschläge des Hauptausschusses und der 
einzelnen Redner insgesamt einen Verlust von 4^ Millionen für 
die Stadt bedeuten würde. In der von dem Vorsitzenden Dr. H e rtz 
vorgenommenen Abstimmung wurde der Antrag des Hauptaus 
schusses auf Verdoppelung der Fahrpreise nach 11 Uhr Nachts ab 
gelehnt und statt dessen wie bisher die Erhöhung eines Nachtzuschla 
ges von 25 Pfg. für alle Fahrten ab 9 Uhr gebilligt. Annahme 
findet ferner M des Stadtv. Lenz (Ztr.), 
Demzufolge die Fahrpreise für Kriegsverlehte, Beinamputierte oder 
Beinverstümmelte, desgleichen für beinamputierte oder beinbeschädigte 
Unfall-, Invaliden- oder Angestellten-Rentenempfänger keine Er 
höhung erfahren. Die übrigen Beschlüsse des Hauptausschusses wer 
den unverändert angenommen. 
V '^e-
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        selber, die notwendigen Folgerungen aus seiner Auffassung zu ziehen 
Er weicht der Gestalt aus, weil er keine Gestalt hat, und verkündet 
Volk aus der Zerrissenheit herauszuführen, und daß „individual-psy- 
chologische Einzelbehandlung" erst dann einen guten Sinn erlangt 
und wahrhaft förderlich wirkt, wenn feste GlauLensbande die Ge- 
meinschaft umschlingen, 
liche Beeinfluss 
vertiefen, d. h. s 
auch er zu vergessen, datz reine Gesinnungsvettiefung ohne Hinblick 
auf einen bestimmten Gesinnungsgehalt nicht dazu angetan ist, ein 
Keyserling ging von dem Satze aus, daß es nicht auf den bloßen 
Erksnntnisinhalten ankomme, sondern auf den Be- 
lediglich deshalb die Vergänglichkeit eines jeden festgeformten 
Glaubens, weil ihm ein solcher Glaube fehlt. Nur in unserer Epoche 
darum ohne Um- 
von Name und 
der Graf das 
Zusamwenzufaffen. 
Programm der 
Zuwachs an Erksnntnisinhalten ankomme, sondern auf den Be- 
deutungszusawmenhang, auf das menschliche Sein, dem unsere Er 
kenntnisse jeweils entwachsen. An den sachlichen Zielen eines Men 
schen ist wenig gelegen, Tatbestände an sich find völlig belanglos; 
allein durch den „Sinn^ — ein höchst unfaßlicher, nach Keyserling 
aber für den naiven Menschen leicht verständlicher Begriff — 
den wir ihnen mitzuteilen vermögen, erlangen sie selber 
Sinn und werden recht eigentlich erst geschaffen. Der Graf hob die 
Verwandtschaft dieser seiner Lehre mit der Psychoanalyse hervor, 
die auch jedes psychische Einzelphänomen aus der seelischen Ge- 
samthaltung des Menschen Zu verstehen trachtet. Es ist also hier 
nach verkehrt, gedankliche Aeußerungen wie überhaupt irgendwelche 
Sachverhalte losgelöst von dem geistigen Urgrund, in, dem sie ver 
wurzeln, beurteilen zu wollen; ihre Bedeutung hängt vielmehr ledig 
lich von der größeren oder geringeren Liefe der Seinsschicht ab, aus 
der sie emporgetrieben werden. 
der GlaubenslosigkeiL, die wahrlich keinen Fortschritt, eher vielmehr 
ein Ende darstellt, ist eine relativistische Grundgesinnung wie 
die feine möglich, die es ihm gestattet, gleichsam im leeren Raum um- 
herzuschweifen und beliebige Erscheinungen selbst-los ihrer Eigentüm 
lichkeit nach zu würdigen, und die ihn ganz übersehen läßt, daß dk 
Erreichung eines Lieferen Seinsniveaus so lange nichts besagt, als 
man von dem Inhalt abstrahiert, der auf dieser Seinsstufe ver 
wirklicht werden soll. Gesetzt, es ginge überhaupt an — man ist 
geneigt, das sehr zu bestreiten —in der Schule der Weisheit den 
Buddhisten als Buddhisten, den Katholiken als Katholiken, den 
Bolschewisten als Bolschewisten, jeden in seiner Art zu vertiefen, 
ohne selber einen Weg zu weisen: was wird die Folge sein? Die 
allgemeine Ratlosigkeit bleibt dieselbe und die Frage nach dem 
Wohin, die Keyserling zu Unrecht ablehnt, wird nicht verstummen 
Dadurch, daß er es vermeidet, die nach Antwort Hungernden wir? 
lich zu befriedigen, gibt er übrigens auch zu erkennen, datz er seiner 
Gedankenrichtung nach aus dem gleichen Lager wie die reinen 
Idealisten stammt, die er ob ihres Versagens der Lebenspraxis 
gegenüber so bekämpft. Oder ist es etwa kein lebensfremder Jdealis 
mus, wenn er die „schlechthwmge Selbstbestimmung des Einzelnen" 
fordert und an die Herauflunst der vollkommenen Gemeinschaft durch 
reinen Gesinnungswandel glaubt? Verwandte Anschauungen trifft 
man Z. B., trotzdem Keyserling das vielleicht nicht Wort haben 
will, in der idealistisch eingestellten deutschen Jugendbewegung viel 
fach an. Wie manche der von ihm befehdeten Idealisten scheint 
„Pflege reiner Sinneserfaffung jenseits 
Formn: . in dieser kurzen Formel suchte 
Wesen seiner Darmstädter Weisheitsschule 
Man begreift ohne weiteres, daß das 
Schule ihre Prograwmlsfigkeit sein muß 
bestimmte Forderung schon einer Verleibl 
ficht diese Jüngerschaft lediglich M Rückschritten und todgeweihten 
Smnvettörperungen führt. Wer mrß der Schule scheidet, mag die 
Schule vergessen; selbständig wird er fortan den Sinn nach seiner 
Weise zu verwirklichen haben. 
Mit einiger Zurückhaltung und Mr ganz allgemein sprach der 
Graf von seinen Zielen. Sie verblüffen nicht gerade durch ihre 
Neuheit. Ihm schwebt eine Menschheitsepoche vor, in der 
die einzelnen Individuen sich in Freiheit selbst bestimmen und gleich 
sam alle zu Herren werden. Diese Epoche kann aber erst anheöen 
wenn der in der Schule der Weisheit zu Darmstadt erteilte Impuls 
fsrtwirkt, wenn also die Menschen nach reiner SinneZerfassung 
streben. Ist ein tieferes Seinsniveau erreicht, so wird die soziale 
Frage und das äußere Schicksal von innen heraus überwunden 
werden. Man wird dann Z. B. — staune, oh Leser! — emsehen 
und danach handeln lernen, daß qualitative Unterschiede zwischen 
den Menschen bestehen, daß Besitz verpflichtet und auch die niedrigste 
Arbert, sinnvoll ausgeübt, nicht schändet. 
Aus dieser Wiedergabe der Gedankengänge Keyserlings 
laßt pch nicht allzu schwer ein Urteil über ihre etwaige Tragweite 
bilden. Um Mißverständnisse zu kennzeichnen, denen er aus 
gesetzt ist, erwähnte der Graf einmal, daß viele der ihn erstmalig 
aufsuchenden Schüler die Frage an ihn richteten, welche Lehre er 
denn nun selber eigentlich vertrete; er müsse hierauf immer ent 
gegnen, daß es ihm keineswegs um die Jnnehaltung eines Pro 
gramms, um die Ausbreitung eines so und so beschaffenen Glaubens 
Zu tun wi, sondern daß er im Gegenteil die Grundanschauungen! 
emes leden rmangetastet lassen wolle Diese Antwort auf diese Frage &amp;gt; 
enthüllt die ganze Schwache der Keyserlingschen Position. Tat 
sächlich nämlich macht der Verfasser des Meisetaaebuchs", der sich 
mit geschmeidiger EinfühLungskmfL in das Wesen der ver 
schiedensten Kulturen versenkt, nur aus der Not eine Tugend, wenn 
er die Meinung äußert, daß wir Menschen der Gegenwart weit genug 
fortgeschritten seien, um das Schwergewicht statt auf eine bestimmte 
Gestaltung des Sinnes rein auf die Tiefe des Seinsniveaus legen 
zu dürfen. Mit dem Hinweis darauf daß Christus und Buddha? 
die er öfters als Kronzeugen anführt, nicht durch ihr Sein, sondern 
auch durch ihre Lehre gewirkt haben, daß geschrieben steht: 
„Wer nicht für mich ist, der ist wider mich", wird man dem Grafen 
freilich nicht gut beikommen können, da er ja gerade den Verzicht 
auf die Ausbildung einer solchen Material umgrenzten Lehre für 
einen Fortschritt HM In Wahrheit aber bedeutet seine Enthalt 
samkeit ganz etwas anderes. Sie bedeutet einen empfindlichen 
Mängel an eigenen Glaubensgehalten, der keineswegs durch die Er 
klärung beseitigt wird, daß die besonderen Gehalte gegenüber der 
geistigen Gesamteinstellung unwesentlich seien. Die Einstellung 
des Grafen ist jedenfalls nicht wesentlich genug, als daß auf Grund 
dieser überdies unzutreffenden Erklärung die Banalität vieler seiner 
Weisheiten gerechtfertigt werden könnte Soll der Sinn im Zeit 
lichen erscheinen, so muß er sich, wie Keyserling sagt, einen bestimm 
ten Ausdruck schaffen;, indem Keyserling sich jedoch aus Ohnmacht 
weigert, den Ginn in bestimmter Weise W verkörpern, rmtevWt er es 
As vollkommener das Sem eines Menschen ist, um so 
MMMelLLrer redet aus ihm der ewige Kinn. Dieser Sinn hat sich 
M verschiedenen Zeiten je nach den wechselnden Bedürfnissen und 
Umständen einen anderen Ausdruck geschaffen, wovon etwa die 
Momrigfaltigkett des: Religionen und die ViMett der verKtten 
Symbols zeugt. Bei dem Wandel der historischen Situationen und 
menschlichen Verhältnisse muß sich der eine Sinn, wie Keyserling 
eingehend erörterte, stets in einer Fülle von Gestattm ausdrücken. 
Sein genaues Gegenbild im Zeitlichen ist nicht der abstrakte Allge 
meinbegriff, sondern jede einzelne Gestalt, aus der er hervorleuchtet 
und in der er ergriffen wird. 
* 
Als Erscheinung im Zeitlichen stellt die Schule der Weisheit 
immerhin eine bestimmte Sinnverkörperung dar, und die Frage nach 
ihren mutmaßlichen Wirkungen ist nicht von der Hand Zu weisen. 
Da Keyserling Einzelheiten aus dem internen Schulbetrieb nicht 
berichtet hat, kann man über die bisher erzielten Erfolge auch kein 
Urteil abgeben. Ausdrückliche Erwähnung verdient jedenfalls seine 
Mitteilung, daß Angehörige sämtlicher Bevolkerungsschichtsn m 
die Schule eingetreten sind und ärmere Schüler nach Möglichkeit 
materielle Unterstützung erhaltem Man braucht es durchaus nicht 
zu bezweifeln, daß die Schule den einen oder den anderen Menschen 
auf die richtige Bahn bringt: datz sie aber dem deutschen Geistes 
leben den von Keyserling erhofften mächtigen Impuls erteilt, er 
scheint aus den angeführten Gründen nicht glaubhaft. Nach Ein 
drücken von der Tagung zu schließen, handelt es sich, wo nicht bei 
der Schule selbst, so doch zum mindesten bei der um sie sich an- 
NstMsiErden „Gesellschaft für freie Philosophie" vorwiegend 
AM harmlose, für die Mgem^ nicht sonderlich wichtige Ange 
legenheit der Gesellschaft des Linien reZirrr-s. Und es hat gewiß 
&amp;gt; seinen guten Grund, daß sich gerade Mitglieder dieser Kreise um 
Keyserling sammeln. Hinter seiner aufgeklärten, an das 18. Jahr 
hundert gemahnenden Lebensanschauung, der zufolge die ver 
schiedensten Gestaltungen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, lauert 
nämlich eine gewisse Resignation, eine, man möchte beinahe sagen: 
weiter gesüßte Müdigkeit, wie sie am ehesten noch den kulturell ge 
hobensten aristokratischen Schichten als Endstimmung eignet. Daß 
Keyserling auf sie eine offenbar starke Anziehungskraft ausübt, ist an 
sich erfreulich, da durch seine geistige Beeinflussung möglicherweise 
innere Widerstände gegen soziale Umwandlungen, die nun einmal 
unvermeidlich sind, sanft beseitigt werden. Damit aber, daß 
Keyserling vielleicht solches leistet, wird weder er zu einem 
praeeSptor OerwÄMLe, noch seine Gründung zu einer Pflanz 
stätte neuen Glaubens, wie unsere Zeit sie ersehnt. 
Dr. S. Krakauer. 
Wie alles Zeitliche, so unterliegen aber auch die „Sinnbilder" 
dem unablässigen Wandel. Symbole sterben, Formen und Ge 
stalten verlieren ihren Bedeutungsgehalt. Wenn wir nun wissen, 
daß jede Form vergänglich ist, darf es da noch unsere Aufgabe sein, 
dem Sinn immer und immer wieder einen neuen Leib zu bilden, 
der ja nach kurzem doch dem Tod anheimfällt? Keyserling ver 
neinte es grundsätzlich, daß eine solche Verpflichtung für uns vor- 
liege. Während frühere Völker den Sinn nur im Symbol, im 
religiösen Gewemschaftskultus usw. zu finden vermochten, sind wir 
Menschen der Gegenwart nach ihm dank der Schulung unserer Er- 
kenntniskräste so weit fortgeschritten, daß wir den wechselnden Aus 
druck vom bleibenden Sinn trennen und diesem 
schweif zustreben können. 
Schule ihre Prograwmlsfigkeit sein muß, kommt doch jede 
bestimmte Forderung schon einer Verleiblichung des Sinnes 
gleich, die gerade vermieden werden soll. Angehörige aller 
Berufe, Bekenntnisse und Parteien finden laut dem Bericht Keys^r-! 
lings in der Schule Aufnahme, und niemandem wird in ihr seiner 
Ueberzeugung geraubt oder die Bindung an eine andere ihm nicht 
gemäße Lehre anöefohlen. Mit allem Nachdruck betonte er wiedrr- 
holt, daß ihm die Ausstellung irgendwelcher materieller Leitsätze 
gänzlich femliege, daß er keinen wie immer gearteten inhaltlich um 
grenZten Glauben künden wolle. Jeder Schüler wird vielmehr einer 
individual-psychologischen EinzelbehandlunZ unteHSMl, durch Me 
er einer tieferm Seinsschicht zugeführt werden soll. Daß ein solches 
Verführen gewisse Ähnlichkeiten mit der psycho-analyüfchen Me 
thode Zeigt, gestand der Graf selber Zu, verfehlte jedoch nicht hinzu- 
Mfügen, daß es zum Unterschied von dieser Methode nicht auf die 
Heilung psychisch Ertränkter, sondern auf die Erreichung eines voll 
kommeneren Seinszustandes rÄML. Man hat sich also den Unter 
richt wohl so zu denken, daß m ihm unter VerzichMstung auf sach 
liche Beeinflussung versucht wird, das Niveau des Schülers zu 
vertiefen, d. h. sein Bewußtsein gleichsam von der Wesmsoöerflächs 
nach dem Persönlichkeitszentrum hin zu verpflanzen. Da die Men 
schen, wie Keyserling nicht müde ward Zu versichern, voneinander 
verschieden find, bietet jeder Fall eine neue Aufgabe: immer gilt 
es, mit dem Schüler in seiner eigenen Sprache zu reden, um das 
Organ für den Sinn in ihm Zu erwecken Wie aber kann es ge 
lingen, einen solchen Wandel der geistigen GesamLsinstellung hervor- 
Zurufen? Nur durch suggestive Einwirkung des Seins der Lehrer- 
peryonkchkeit auf das Sem des Schülers. Ausdrücklich verwahrte 
sich allerdings Keyserling gegen die Züchtung einer Nachfolge, wie 
sie dre StrM der -REDEN gestrichen MM, da nach semn An-
        <pb n="47" />
        öis ^6^ 
wohl aufgebracht werden. —- In der Aussprache wurden von Seiten 
der schulreformer Bedenken gegen die Arbeiterakademie und vor 
allem gegen Re Wirtschaftsschulen geäußert. 
Zu erwähnen bleibt noch, daß während der Tagung Zwei 
Resolutionen einstimmig angenommen wurden. Die eine 
erhebt schärfsten Widerspruch gegen die von den Schul« und 
Unanzausschüssrn des Deutschen Städtetages aus 
gearbeiteten Richtlinien Dr Ersparnisse in der SchulverwalLuna, 
die andere protestiert gegen die Verurteilung des Vorkämpfers 
der neuen Schule Gustav Whnekenund forderte baldige Re 
vision des Urteils. 
ArankfurLer Angelegenheiten. 
— Jugend-Hochschulgemeinde. Die im Einverständnis mit 
dem hiesigen Jugendring gegründete Jugend-Hochschulgemeinde, 
die auch die Unterstützung des Bundes für Volksbildung genießt, 
hielt am Montag im Volksbildungsheim ihre Eröffnungsverfamw- 
lung ab. Wie es in dem Programm heißt, will die Gemeinde nicht 
eine Lehranstalt, sondern eine „Erziehungsgemeinschaft im Sinne 
der neuen Jugend" sein. Geplant ist die Schaffung einer Reihe 
kleiner Arbeitsgemeinschaften, die sich zu Kursen über 
Fragen der Weltanschauung, Wissenschaft und Kunst Zusanwren- 
schließen sollen. Die Einführungsreden zweier Mitglieder des Ar 
beitsausschusses zeugten von einer starken Ueberspannung des 
jugendlichen Autonomieideals und erweckten die Befürchtung, daß 
dieses Unternehmen zur Pflegestätte eines unfruchtbaren Dilettan 
tismus werden könnte, den es unter allen Umständen zu vermeiden 
gilt. Dr. H. Marr übte denn auch nicht ohne Sarkasmus Kritik 
an dem Geist, in dem die beiden Reden gehalten waren und sprach 
die Absicht aus, in dem von ihm übernommenen Kurse seine Hörer 
Zu ernsthafter Beschäftigung mit den Fragen der sozialen Pölitik 
anzuleiten. Die übrigen Kursleiter formulierten ebenfalls in kur 
zen Ansprachen ihre Wünsche und Ziele. 
M 
Krankfurter Angelegenheiten. 
Frankfurter Vauftageu. 
In einer Sitzung des Rates für künstlerische 
Angelegenheiten befaßte man sich dieser Tage nnt 
einigen Bauvorhaben, die infolge ihrer städtebaulichen Wichtig 
keit von allgemeinem Interesse sind. Aeschetische und vor allem 
geMlsmäßige Bedenken machten sich gegen die geplante Um 
wandlung des Caf6 Haupt wache in ein BankgebLude gel 
tend, obgleich mitgeteilt wurde, daß die zurzeit mit der S 
verhandelnde Bank das Aeußere der Hauptwache unangeva^ 
lassen will. Nach längerer Debatte gelangte gegen eine starke &amp;gt; 
Minderheit, die eine Benutzung der Hauptmache für Bankzwe 
überhaupt ablehnte, folgend« dem Magistrat zu übermitteln^ 
Entschließung Zur Annahme: 
Der Rat kann der Einrichtung einer Bank in der Hauptwache 
nur dann Anstimmen, wenn das Stadtbild dadurch nicht «schädigt 
wird; er Mt die öffentliche Prüfung der KauplNie 
» unter seiner Heranziehung für erforderlich. 
Auch über das städtische Projekt der Errichtung von Läden 
an der Katharinenpforte fand ein« Aussprache statt. 
Im Hochbauamt hat man bereits die Pläne für dieses Bau 
vorhaben ausgearbeitet und außerdem ein großes Modell an 
gefertigt, das die zukünftige Platzgestaltung an der Katharinen- 
pforte veranschaulichen soll. Wie schon des öfteren wandt« man 
sich auch diesesmal im Rate dagegen, daß das Hochbauamt von 
sich aus Projekte in Angriff nimnkt, die besser auf dem Wege 
deS öffentlichen Wettbewerbs zu lösen sind. Es wurde betont, 
wie wünschenswert es gerade in dem vorliegenden Fall ge 
wesen wäre, verschiedenartige Vorschläge zut Bewältigung der 
städtebaulich wichtigen Aufgabe aus den Kreisen der ganzen 
Künstlerschaft zu erhalten. Man einigte sich schließlich einstim 
mig darauf, die städtischen Behörden davon zu verständigen, 
daß der Rat die Errichtung von Läden an der Katharinen- 
kirche begrüßt, vor ihrer Ausführung aber die Ausstellung 
der Pläne und des Modells fordert, damit die Öffentlichkeit, 
insbesondere die Künstlerschaft, hierzu Stellung nehmen kapn. 
Bet der Beratung über den Neubau des Bankhauses 
Hohenemser am Taunustor, der die Öffentlichkeit 
bereits mehrmals beschäftigte wurde mit Bedauern festgeftellt, 
daß der Wunsch des Rates, der Magistrat möge der Abtretung 
einest Meter breiten Geländestreifens seine Zustimmung Ver 
sagers unberücksichtigt geblieben ist. Was man des näheren 
über die Begleitumstände bei der Vergebung des Bauauftrages 
vernahm, ist so bedenkenerreaend, daß es nicht ganz mit Still- 
Vund MsGedZNZr SHÄtZssmer. 
OffenLach, 7. Oktör. Eine Zu OffenSach abgehMene 
SonderLagung ^Schule und Beruf" des Bundes entschie 
dener Schulreformer, Zu der verschiedene Ministerien (Preußen, 
Sachsen, Thüringen, Hessm) und eine Reihe von Schulder« 
Wallungen Vertreter entsandt hatten, befaßte sich eingehend^ 
mit der Fmge der Berufsbildung In einer Anzahl 
von Vmträgen wurde das Berufspvoülem in seiner ZanZen 
Breite aufgerM und die Möglichkeit erwogen, wie man durch 
eine andere als die bisher übliche berufliche Vor- und Aus 
bildung den Gefahren der immer weiter fortschreitenden Spezia 
lisierung der Arbeit und Mechanisierung des Lebens entgegen 
wirken könne. Aus den meisten Reden klang die Ueberzeugung 
hervor, daß der tiefere Grund für diese bedrohlichen Er 
scheinungen in der Struktur unserer Wirtschaftsordnung Zu 
suchen sei und darum die Umgestaltung der Schulen mit einer 
Umwandlung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände 
Hand in Hand zu gehen habe. Sämtliche Referenten stimmten, 
trotz hie und da verschiedener Ansichten über den zu beschreiten« 
den Weg, weiterhin darin üLerein, daß sie als Ziel der von 
ihnen erstrebten Reformen die Ersetzung des heute vorherr 
schenden Teilmenschentums durch allseitig aus gebildete har 
monische Persönlichkeiten bezeichneten. 
Die Tagung, der am Vorabend ein öffentlicher Vortrag des Ar 
beiterdichters Karl Bröger über die BerufsnoL der Jugend 
vorangegangen war, setzte mit einem Referat Pros. Robert Wil« 
brandts (Tübingen) über die Arö ei ts o rganisation der 
neuen Wirtschaft ein. Um die seelisch verheerenden Folgen der 
Arbeitsteilung soweit als möglich aufzuheben, sind nach seinen Aus 
führungen drei Wege gangbar: der heute bereits betretene Weg der 
Ber^sbeschrankung durch verkürzte Arbeitszeit, der von Marx emp 
fohlene Weg des Berufswechsels, und der Weg der Berufsvereini« 
gung, der bei schärfster Spezialisierung des Arbeitsprozesses die 
Vereinigung verschiedener Teilarbeiten in einer Hand Vorsicht. Die 
Verwirklichung dieses letzten Vorschlags bringt uns nach der Ueber 
zeugung des Referenten dem erahnten Vollmenschentum noch am 
nächsten, ohne daß sie doch die nun einmal notwendige Arbeitsteilung 
Zu nichte macht. Sie hat eine Neuorganisation des gesamten Wirt 
schaftslebens zur Voraussetzung und erfordert eine Berufsschule, 
die den jungen Menschen Zur Ausübung mehrerer nebeneinander zu 
betreibender Berufe anleitet. — In gedrängten Darlegungen ent 
wickelte darauf der Bundesvorsitzende Pros. Paul Oestreich (Ber 
lin) sein bekanntes Refsrmprogramm der elastischen Ein 
heitsschule, nachdrücklich hervorhebend, daß die Berufswahl sich 
aus der inneren Berufung Zu ergeben habe, die in der als Arbeits 
schule gedachten Einheitsschule schon von früh auf sorgfältig zu 
erkunden und Zu schulen ist. Im Anschluß an seine Rede las'Pros. 
Oestreich das Referat des am Erscheinen verhinderten Gewerkschafts 
sekretärs Alexander Knoll (Berlin) über das Problem der Lehr« 
Zeit vor. Die Thesen des Referats gipfeln darin, daß eine Be 
freiung des Lehrlings aus seiner jetzigen Hörigkeit nur dann zu er 
hoffen sei, wenn die Frage des beruflichen Nachwuchses aus einer 
privatwirtschaftlichen zu einer Angelegenheit des Gemeininteresses 
gemacht werde, und der Lehrling in staatlichen bezw. kommunalen 
Lehrwerkstätten seine Ausbildung erfahre. — Die Verkämpferin der 
neuen Berufsschule Dr. Olga Essig (Frankfurt), die sich übrigens 
gleich Au Beginn gegen diesen Vorschlag der Errichtung solcher Lehr 
werkstätten erklärte, übte Kritik an der bestehenden Berufsschule und 
kennzeichnete in großen Umrissen die von ihr als notwendig erach 
teten Reformen. Sollen die Arbeitsmittel nicht zuletzt den Menschen 
erschlagen, so muß die neue Berufsschule im Gegensatz zur alten zu 
nächst für die körperliche Ausbildung des Nachwuchses sorgen. Fer 
ner gilt es in richtiger Würdigung der Wirtschaftsnotwendigkeiten, die 
Berufsschulen nach Möglichkeit in die Betriebe hineinzutragen und 
die Lernenden zum weitgehenden Verständnis der Technik und des 
Arbeitsprozesses zu erziehen. Schließlich — und das ist das Wich 
tigste — wirb man in der Seele des jungen Menschen den Sinn für 
die Kulturgüter unserer Zeit zu erwecken haben. — In der kurzen 
Diskussion wies der Hamburger Stadtschulrat Thomäein etlichen 
Beispielen nach, daß die Berufsschule hie und da bereits eine Wen- 
dungzum Bessern genommen habe. 
Die Nachmittagssitzung wurde durch ein Referat des Berliner 
Dozenten der Staatswifsenschaften Dr. W. HerrLng eröffnet, der 
die Notwendigkeit einer Reform der gesamten Lehrerbildung betonte 
und im besonderen Richtlinien für die Vorbildung der Ve - 
rufsfchullehrer zog. Diese werden, so fordert er, nicht nur 
gründliche technische Kenntnisse zu erwerben haben, sondern be 
dürfen auch durchgreifender sozialwiffenschaftlicher und philosophi 
scher Schulung. Eine solche im Dienste der Gesellschaft verfolgende 
Ausbildung der Berufsschullehrer hat eine Kombination der Hoch 
schulen zur Voraussetzung, wie sie neuerdings die Aumundsche Denk 
schrift vorschlägt. — Als letzter Redner sprach Pros. Hugo SinZ« 
heimer (Frankfurt) über die geistige Fortbildung der Berufs- 
tätigen. Innere und äußere Mächte drängen nach ihm zu einer 
Sozialpolitik desGeistes für Berufstätige, deren Haupt 
aufgabe die Pflege der Volkskultur, die Erweckung echten Berufs 
geistes im Sinne sozialer Verpflichtung und Verantwortlichkeit sein 
wird. Solcher Absicht dienen die geplanten Wirtschaft^ 
schule n, die dem Berufstätigen den Aufstieg.in seinem Beruf er 
möglichen, wollen die Betriebsrätekurse, die dem Arbeiter 
einen Ueberblick über das Ganze der Wirtschaft zu verschaffen 
suchen, und die Akad emie d er Arb eit, die geeignete Menschen 
aus der breiten Masse herauszuziehen und Zu Arbeiterführern her« 
anzubilden hat. Alle diese Veranstaltungen aber benötigen, da reife 
Menschen ihre Teilnehmer sind,- der Freiwilligkeit und Selbstverwal 
tung, der Staat soll sie fördern, nicht leiten. Durch einen Kul « 
turfo n.d könnten die Mittel kürzte aenannten Einrichtun sehr
        <pb n="48" />
        W 
nicht selber dem Zeitlichen anheimfallen soll. — Den Abschluß der 
wissenschaftlichen Sitzungen bildete ein Vortrag von Dr. H. Taub. 
(München), der im einzelnen darlegte, daß die Richtigkeit der 
Stimmen zur „Schule der Weisheit 
en 
Schopenhauerschen Kunst Metaphysik-durch Pfitzners „Pa- 
lestrina" eine überraschende Bestätigung gefunden hat. Lr. 
M 8 - 
Zu dem vielbesprochenen Thema der „Schule der Weisheit" 
des Grafen Keyserling in Darmstadt bringen wir die folgen 
den Auslassungen von Dr. Erich Moffe und Otto Flaks, gefolgt 
von einem Schlußwmt Dr. Siegfried Kracauers, auf desse 
„Von der Schule der Weisheit" (im Ersten Moraenblatt 
Dom 6. Oktober) Bezug genommen worden ist. 
MankfurLer Angelegenheiim 
^^&amp;gt;LsgA«g der Schopenhauer-Gesellschaft. 
Anläßlich der diesjährigen Tagung der Schopenhauer 
Gesellschaft, die ihren Sitz jetzt nach Frankfurt verlegt hat; 
fand eine Reihe von Vorträgen statt, in denen von Vertretern 
der verschiedensten Wissenschaften die Bedeutung der Schopen- 
hauerschen Philosophie auf allen möglichen Gebieten des geisti 
gen Lebens gewürdigt wurde. Zweierlei kam im Verlaus der 
Sitzungen deutlich zur Geltung: einmal, daß wir von den Ein 
zelergebnissen dieser Philosophie wie von dem in ihr stch offen 
barenden Weltbild weit aögerückt sind, zum andern aber, daß 
trotz der so von ihr gewonnenen Distanz die metaphysische Kon 
zeption Schopenhauers auch für uns noch ihre ungebrochene 
Leuchtkraft bewahrt und immer wieder zu neuer Versenkung 
in ihre Tiefen einladet. 
Der Zyklus der VMräge wurde von einem NatuTwiffen-- 
schaftsr eröffnet. Pros, zur Stras"sen (Frankfurt) prüfte 
vom Standp.un.kte. der modernen B_iologie aus eingehend die 
biologischen Lehren Schopenhauers und gelangte zu dem 
Schlüsse, daß die Auffassung des Philosophen von dem Verhal 
ten der Lebewesen, von ihrer individuellen Entwicklung und 
ihrer Stammesentwicklung den heutigen Forschungsergebnissen 
nicht mehr entspricht. Weder können wir an der von Schopen 
hauer behaupteten unbedingten Zielstrebigkeit bei sämtlichen 
ontogerretisAen Prozessen festtzalten, noch gilt für uns 
die durchgängige Zweckmäßigkeit alles Geschaffenen. Trotzdem 
hat, der Hysicht des Redners zufolge, der aus denkökonomischen 
Gründen Anhänger der mechanistischen Richtung in der Biolo 
gie ist, Schopenhauer für die moderne Biologie insofern Bedeu 
tung, als diese Wissenschaft durch den Hinblick auf ihn dazu ver 
anlaßt wird, solange als möglich mit einem Provisors 
PsychoanirLtzse und Schule ver Weisheit. 
Offener Brief an Hermann Grafen Keyserling 
von Dr. Erich Mofss. 
, Verehrter Herr Mas: Ms wir Ihr philosophisches Tagebuch 
N°u 7" trotz tödlicher Reklame, trotz Preises von zweihundert 
Mark (was eigentlich einen Realisten vorauSsetzte) — wuchs doch 
eine tiefe Wärme auf. Neigung und Dankbarkeit.' Denn hier war 
etwas Neues. Geist und ein Mensch. Erlebnis. Plastische Mitt- 
Welt des Orients, für die stets wir Organe. Stumme 
Schwache und Sehnsucht Weil ste farbig und fremd-phantastisch, 
verblich und w-:ch. Während wir harten Europäer ausgelaufen 
--- Tagung der Schopenhauer-Gesevichakt. Im Fcstsaa! der 
Senckenbergischen Waturforschenden Gesellschaft wurde SamS 
tag vormittag unter dem Vorsitz von Justizrat Dr. W urz « 
wann die neunte Generalversammlung der Schopenhauer«' 
Gesellschaft eröffnet. Der Vertreter der Senckenbergischen Ge» 
sellschaft, Landgerichtsdirektor Gaebler, wies in seiner Be 
grüßungsansprache auf den innigen Zusammenhang zwischA, 
Schopu-bGu^ Willenslehre und der modernen Naturphilosophie 
hin. Im Namen des Magistrats gab SLadLrar Pros. Ziehen 
der Freude darüber Ausdruck, daß die Schopenhauer-Gesellschaft 
ihren Sitz nach Frankfurt verlegt habe und bezeichnete diese 
Verlegung als einen Zuwanderungsgewinn für unsere Stadt. 
Pros C ornelius, der in Vertretung des am Erscheinen ver 
hinderten Rektors die Versammlung namens der Universität 
begrüßte, teilte im Verlaus seiner Ansprache mit, daß durch 
eine Stiftung aus den Kreisen der Schopenhauer-Gesellschaft 
das Stuoruw der Schopenhauerschen Philosophie an der Frank 
furter Universität in Zukunft gefördert werde. Nachdem noch 
-Oberlehrer Biernatzki die Glückwünsche des Hamburger 
Volksbundes für KanLische Weltanschauung überbracht hatte, 
dankte der Vorsitzende allen Rednern und leitete Kur eigentlichen 
Tagung über.- Der weitere Vormittag wurde ausgefüllt durch 
VorLräge von Pros, zur Strassen (Frankfurt) und Pros. 
Friedrich L ipsius (Leipzig), über die in Verbindung mit den 
folgenden Vorträgen noch zu berichten sein wird. 
nismus auZKukümmen. — „Gibt es ein JndrNs der Na 
tur?" so lautete die Frage, die Pros. Fr. Lipsi u s (Leipzig) 
aufwarf. Wahrend der Naturforscher, wie der Redner aus- 
führte, ALT Erklärung der Vorgänge innerhalb der anorgani 
schen Welt an stch beinahe metaphysische Wesenheiten nicht an- 
ZunehMen braucht, beweisen ihm doch die menschlichen Bewußt- 
ftinsphLnsmene, daß gewisse äußere Erscheinungen auch ihre 
Innenseite haben. Der Analogieschluß von dieser Erscheinungs 
gruppe auf die Gesamtheit aller Naturerscheinungen, ein Schluß, 
den Schopenhauer in seiner Lehre vom Willen als dem Welt 
grund gezogen hat, erhält seine Berechtigung dadurch, daß man 
die Natur nur als einen kontinuierlichen Zusammenhang den 
ken kann. Der Redner gelangte zu der Folgerung, daß auch in 
dem Bereich des Anorganischen schon das Vorhandensein irgend 
welcher innerer Energien vorausgesetzt werden muß, aus denen 
heraus sich dann allmählich das organische Leben und die 
menschliche Intelligenz entwickelt haben. — AmtZgerichtsrat G. 
Schneider (Bao-Nauheim) ging in längeren Darlegungen 
aust die Erkenntnistheorie Schopenhauers ein, die 
Rolle würdigend, die bei ihm, wie auch bei Deußen und S. von 
Hartmarm, das Subjekt deS .Erkennens spielt. Die inneren 
Widersprüche deS Schopenhauerschen Systems werden nach ihm 
erst durch dm irMszeudentalen Realismus Hartmanns über 
wunden, der das Subjekt des Wvllens mit dem des Willens 
identifiziert. 
Dm Weiten MtzungZtag Leitete der Frankfurter PrivatdoMt 
Dr. H. Haffe mit einem VovwW über Schopenhauers Reli-- 
gionsphilssophie eim In großen U urisseu brächte er die 
Auffassung Schopenhauers von der Religion seinen Hörern nahe. 
Sie Alt dem Philosophen als VMZrmtaphhsik, die eine allegorische 
Deutung der in ihr geahnten WahrlMm durch die ihr übergeord 
nete Philosophie zuläßt,' während sie eimrsmtZ die intellektuellen 
Bedürfnisse der Masse befriedigt, den moralischen Anlagen einen 
Halt gewährt und Trost spendet, wirkt ste andererseits demorali 
sierend, hernmt den Fortschritt und muß, da sie Wahrheit nur im 
Gewand der Lüge bietet, bet zunehmender Bildung der Menschen 
ihm MrchL einbüßen. Am Schlüsse zeigte der Redner, daß Reli 
gion doch nicht mit Volksmetaphysik zusammenfalle, und verlieh der 
Ueberzeugung Ausdruck, daß die speArfisch religiöse WÄLdeutung 
Schopenhau'Ws Heller uns den Weg zu einer neuen, überzeitlichen 
Form der Religion weise. — Dr. C. Gebhard t (Frankfurt) gab 
einen UeberMck über die s oluntaristi scheu Systeme vor 
Schopenhauer, Die Geschichte der Philosophie wird, wie er nach- 
wies, von zwei großen Strömungen durchzogen, deren eins das 
Schwergewicht mehr auf den Willen, und deren andere das Schwer 
gewicht mehr auf den schauenden Intellekt legt. Der Redner Zeich 
nete diese Leiden Geistesbewegungsn nach und arbeitete insbesondere 
die Verbindungslinie heraus, die von Plato über GaLirol, Leo 
Ebreo, Spinoza, den jungen Schiller und die Romantik hinweg Zu 
Schopenhauer führt. Er feierte diesen als den letzten großen 
Mythenbildner, der tu seiner Philosophie das Geheimnis einer ent- 
gotteten Welt Zum furchtbaren Mythos gestaltet hat. — Dr. LH. 
Lessin g (Hannover) machte SchopenhauerZ Verhältnis zur Ge 
schichte zum Gegenstand einer tiefgründigen metaphysischen Er 
örterung. WseheM von einer Würdigung der Geschichtsskepsts 
SchopenhaueTH, seines GsfchichtspessimWnWs und seiner an der Ge 
schichte geübten Erkenntniskritik, kennzeichnete er den Kerngehalt 
seiner Philosophie als eine cm die Vpanishads gemahnende Lchre 
vom unveränderlichen, beharrenden Zeitlosen Wesen des Urgrunds 
der Dinge, von welcher Lehre aus Schopenhauer naturgemäß zu 
einer WAHnMg des in Hegel (und späterhin in Marx und Dar 
win) sich verkörpernden verhängnisvollen abendländischen HistoriZ- 
MHZ gelangen mußte. Die Bedeutung des Philosophen beruht für 
den Redner auf der AeitlosiMit seiner Metaphysik, auf der Ür- 
einstcht, daß der „Wille" als das ewige Grundprinzip der Welt 
nicht in den Fluß des Geschehens eingesenkt werden darf, wenn er 
schweigen Übergängen werden darf. Im Interesse des Stadt 
bildes beklagte man zunächst, daß die Bauherrin unter Nicht 
achtung der Entscheidung des aus ersten deutschen Bcmkünsflern 
gebildeten 'Preisgerichts, das seinerzeit den Entwurf der Archi 
tekten Äßmann und Senf als beste Lösung empfahl, die Trä? 
gerin des zweiten Preises, nämlich die Firma Holzmann, mit 
der Ausführung betraut hat. Schärfster Widerspruch erhob 
sich ferner dagegen, daß die rechtzeitige öffentliche Ausstellung 
der Wettbewerbsentwürfe unterblieben ist. Wenn die Bau 
herrin diese Ausstellung verweigerte, so hätten eben diejenigen 
städtischen Behörden hier ein Machtwort sprachen sollen, von 
deren Genehmigung die Ausführung des Neubaues abhängt. 
Man gewann aus der Aussprache den Eindruck, daß der Lei 
ter des Hochbauamts, als die für die Wege des Stadt 
bildes verantwortliche Persönlichkeit, von einem gewissen 
Mangel an Initiative in der ganzen AngÄegenheit nicht frei 
. zusprechen ist. Nur mit äußerstem Befremden erfuhr man im 
j Rat, daß bie von ihm und der hierfür zuständigen Kommission 
i dorgensmMne Begutachtung der Entwürfe nichtansinsm 
nevtralrn Orts, sondern unbegreiflicherweise in den! 
Räumen der Firma Holzmann stattgefunden hat. 
Erwähnung verdient noch die Mitteilung des Stadtverord 
neten Lion, daß laut eines von der Stadtverordneten-Ve»' 
tzmrnflung genehmigten Magistvatsbefchluffes das von der Messe. 
Gesellschaft zu errichtende Haus der Technik -unter Mit-« 
wirküng von Frankfurter Privatarchitekten erbaut werden soll-.
        <pb n="49" />
        Schlußwort. 
Von Dr. G, Kraeauer. 
RKLrmmruKÄ verbietet mir leider, auf die von Otto Flake 
schienen Einwände gegen meine Beurteilung der Lehre des 
Grafs» Keyserling so ausführlich M antworten, wie es im Dienste 
»Einer Endgültigen Klärung wohl erforderlich wäre. Flakes Auf 
fassung unterscheidet sich offenbar von der meinen grundsätzlich 
dadurch, daß auch Wake wie Keyserling aus der Wille der 
Religionen, Weltanschauungen Usw. den ihnen allen gemein 
samen einen ..Sinn", den unzerstörbaren „Grund" herauszu- 
schUen und gleichsam zu verselbständigen trachtet, während ich 
den »Ginn" nur durch den bestimmten Gehalt hindurch, nur in 
dein Gewcnrd einer bestimmten Erscheinungsform ergreifen Zu 
körnen meine. Gewiß, der Sinn ist nicht der Gehalt selber, 
er ist fenseits, hinter Gehalt und Erscheinung; unsere menschliche 
Beschränkung jedoch besteht eben gerade darin, daß wir nicht 
Ober /Name und Form" hinweg unmittelbar Zu dem Sinn vor- 
Judringen vermögen, sondern den unsagbaren Sinn stets in der 
Hülle der Erscheinung empfangen müssen. Vermessenheit wäre 
es. wenn wir daß Gefäß fortschleudern wollten, in das gebannt 
wenn mäm versucht, nicht nur das Ewige im Erscheinenden festzu 
halten, sondern aus dieser Basis den Menschen eine neue Religio 
sität, einen Ersatz für die Religionen zu gehen, d. h. die abstrakte 
Fixierung des bleibenden Grunds nun wieder in Lehre vom Ver 
boten umzusetzen. Die so gewonnene oder zu gewinnende Lehre ist 
Nelativitätslebre, indem sie alle „Formen" relativiert — ober sie 
ist noch etwas: Lehre von der Distanz gegenüber dem Erscheinen 
den, von den Symbolen und Formen, damit aber Zugleich Lehre 
von der Selbstbehauptung. Bloßer Relativismus führt 
Zur völligen Haltlosigkeit oder der kitschigen ästhetischen (unbetei-^ 
ligten) Betrachtung des Geschehens. 
Hier allerdings muß ich ZugeLen, daß die Straffheit des 
Keyserlingschen Denkens erlahmt, es scheint auch mir, daß er das 
Zentralproblem: Verhältnis von Anschauung und Tun nicht steht 
oder es, vielleicht, umgeht, daher seiner Philosophie das fehlt, was 
jede Relaüv'Msphiloft ergänzend geben muß: Lehre von den 
Impulsen, Ungebrochenheit des Willens trotz der (lähmenden) 
Erkenntnis seines Gegensatzes zum Absoluten oder Seienden. An 
diesem Punkt also müßte die Relativitätslehre in Lehre vom 
Heroischen übergehen, sei es um den Preis des Zynischen oder 
sonst eines Irrationalen — Keyserling bleibt die Aussage über das 
Irrationale schuldig. 
Insofern Dr. Kraeauer diese Mangel fühlt, ist seine knirsche 
Haltung Keyserling gegenüber berechtigt. Er durfte aber nicht über 
sehen, daß Keyserlings Versuch, auf Grund der Lehre vom bleiben 
den Sinn ein neues Verhalten zu den Formen ab^ulerien, bereits 
ein Schritt in Neuland ist. Wenn Keyserling philosophisch gut fun- 
damputierte, würde er hier eine Lehre vom Widerstand Aefern — des 
Widerstandes des Menschen mit Ach entwickelter Intelligenz gegen 
das Abrollen des Geschehens und die ewige Variation der Formen. 
Immerhin gibt er, zwar kein Mei«Physiker, aber ein starker Mk- 
tisch« Philosoph (w«s auch etwas ist), die Anweisungen Ar end 
lich einmal nicht aus dogmatischer Moral, sondern aus Anschmmnz 
kommender Menschlichkeit. Ich finde die Ironien KracaE 
hier unangebracht. Wenn die Keyserlingschen Leyvm auch . 
Milde verdächtig sein Mögen, man muß ihre Reinheit und RemUch- 
keit sehen. Hier ist wirkliche Lehrbarkeit, vorsichtige Führung, drr 
vor die Weisheit, die leicht auch ein Kitschbegriff wird sie 
rügung setzt — in einem indischen Sinn. Wenn irgendwo, dann 
wird hier der Aristokrafismus KeyseMnO positiv und Produkts, 
MM darf ihm nicht mit RessenLnMü nahen. 
Ich fühle, und damit kmmne ich zu einer n«n KmrAmr, s:e 
ich an Krecauers Darstellung vornehmen möchte — ch fühle der 
Kraeauer ein bestimmtes Ressentiment. Natürlich kein niederes, 
aber dasjenige eines fixierten Glaubens, vermutlich sozialer Arr. 
Kraeauer sagt: die Erreichung eines tieferen Seinsmveaus 
(lr^: Vordringen Zum bleibenden Sinn) besage solange nichts, 
als man von Inhalt absieht, der auf dieser Seinsstufe verwirklicht 
werden soll. Ich glaube gezeigt zu haben, daß es sich ber 
Keyserling um den gewiß nicht energisch genug empfundenen 
Versuch handelt, eine religiöse Sphäre zu öffnen, m der es 
vollkommen gleich ist, ob einer in der tätigen Sphäre Bolsche- 
chist oder Konservativer ist, vorausgesetzt, datz er erkennt, oaß 
diese Wertungen auf die praktische Sphäre beschrankt sind. 
Will Kraeauer wirklich sagen, daß der Glaubensinhalt den 
Sinn liefere? Dann ist er Dogmatist und muß sich gefallen 
lassen, datz ein Philosoph ihm erwidert, der Wert des, sagen wir,, 
spinozisttschen Denkens bestehe darin, Gott von moralischen 
Attributen befreit zu haben — hier fange erst Philosophie an. 
Die Lehre von den Wertungen, von den ethischen, politischen, 
gesellschaftlichen Dogmen, von der besten Form, in ser Staat, 
Kirche u. s. w. verwirklicht werden sollen'(sollen: DogmaLismush 
gehört in den Teil, den Keyserling schuldig bleibt. Wie kann 
man trotz des Vordringens in eine Sphäre, in der das Treiben 
der Welt nicht gilt, brauchbar für diese Welt bleiben? Oder: 
wie kann man in zwei Sphären leben? Indem man die eine, 
die religiöse, als Zuflucht betrachtet, in der anderen Tätiger 
unter Tätigen ist. Das wäre die allgemeinste Antwort, sie steht 
nicht bei Keyserling, Kraeauer hat den richtigen Instinkt. 
Jedoch: es genügt nicht, Keyserling, der das Unglück hat, 
Graf zu sein, als Ende einer sterbenden Kultur zu betrachten. 
Er ist mehr, er ist UeLergang, zum mindesten, und ich, für meine 
Person, habe das Mißtrauen gegen Etiketten, die zu nahe liegen, 
als datz man sie schon in Beginn einer Leistung aufklebt. Mau 
muß sbwarten, was die Schule der Weisheit hervorLrmgl, man 
muß sie studieren. Ich entnehme gerade den Angaben Kraeauers, 
daß es verfrüht ist, die Darmstädter Schule als ein Kränzchen 
vsR blassen Aristokraten anzusehen: die Schule öffnet sich 
lichen Bevölkerung ^schichten", sie ist also kein Konventike! mit 
Festessen und HofHeaLerabenden: man tut also besser, ein. Saldo 
zu ziehen als ein Horoskop zu stellen. 
* 
in die LnZerste Peripherie der Realität, verkrustet nur in solcher 
Schale. Darinnen doch etwas blieb: weicher sentimentaler Kern, 
kleines, süchtiges Seelchen, neidvoll hinüberlugend nach jenen 
Gefilden, in denen — nun ja. l 
Dann eröffneten Sie diese „Schule der Weisheit". Wieder mit 
viel — Realismus, wie? Diese Kunde setzte Beklemmung. Denn 
wie GefüMinhalte (Weisheit saaen Sie) formulieren in ein 
System? Mehr: zu einem Lehrstoff. Für eine Schule. Da in 
Klassenzimmer Herzblut verspritzt. Seele, zu Extraktwürfeln kom 
primiert, dem schaudernden Schmer teelöffelweis eingegeben! 
Wir waren alle sehr erschrocken, man muß es gestehen, und nun 
Sie Ihren Vortrag ankündeten vor vierzehn Tagen: Programm, 
'Wille, Weg und Ziel, hielten wir den Atem an und — 
&amp;gt; Also Sie geben gar kein System Das ist immerhin einfach. 
System des Systemlosen. Erlenntnisinhalte als solche wertlos. 
Wesentlich nur Bedeutungsinhalt des Seins. Persönlich-Seelisches. 
Sinneserfassung lebendig jenseits gefrorener Form. „Schlechthinnige 
f!) Selbstbestimmung des Einzelnen". InOividualpsycho^ 
Einzelbehandlung. Kurz: Psychoanalyse. 
Dazu der Lärm? Ein Seelensanatorium? Dieser Bankrott 
erklärung philosophischer Inhalts bedurfte es einer Schule? Deren 
Wr's^t S'-mund Freud in Wien und die Schweizer um Jung 
um) Adler schon seit über simm Dezennium gelehrt? 
DSr C'e machen einen Unterschied: nicht seelisch Krmcke wol- 
km S'e behandeln, sondern — jeden. Zurückfuhren von der seeli 
schen Schichtungen Oberfläche zum Zentrum der Persönlichkeit. W- 
Lau des Unbewußten. Lransparentmachung der Dunkelheiten im 
Innern und damit — Schaffung einer neuen Kultur? Wirklich? 
Das eben ist die Frage, und da es ja darauf nur Ihnen ankam, 
.scheint Sinn Ihrer Weisheitsschule damit überhaupt in Fragte ge 
stellt. Sicher jedenfalls, daß großer LeiNion uns Analytikern tiefste 
! Skepsis bewahren wird, nicht weil vielleicht zu zweifeln an 
Qualitäten Ihrer Person (obwohl psychoanalytische Methode syste 
matisch erlernt sein will und die berüchtigten Stegreifanalysen nach 
den von 'Freud veröffentlichten und auch von uns gemachten Er 
fahrungen nicht unbedenklich), sondern weil richtige Indikation 
hier alles und Analyse an Gesunden Möglichkeit von Gefahren nicht 
ausschließt, die beim Kranken durch Auslöschung seiner Symptome 
und die dadurch gewonnene soziale Steigerung und Brauchbar- 
machung mehr als paralysiert werden. Diese Gefahr ist die Ueber- 
klarheit, die Prodrcktwes lahmt, jene dunklen schöpferischen Triebe 
mit ihrer Wurzel ans Tageslicht reißt und damit ihre Stoßkraft 
unterbindet. Ist diesO nebensächlich, leugnen Sie Existentsein einer 
Gssamtkultur und ihres Sinnes schlechthin, verlegen also den 
Schwerpunkt ins ausschließlich Persönlich-Psychologische, so ist 
damit die völlige Sterilität Ihrer Schüler von vornherein fixiert 
und die edle Ruhe und Stille Ihrer Philosophenschule — die des 
Friedhofs. 
Sprechen wir es aus: Sie wollten Klein-Jndien in Darmstadt 
schaffen. Buddhalehre. Versenkung in sich selbst. Aber Sie, ein 
Europäer, tmWponierten es inZ Europäische: buddhistische MysA 
in intellektuelle Psychologie. Und da sind Ihre Grenzen. 
O 
Zum Thema: Schule der Weisheit. 
Von Otto Flaks. 
Indem ich vorausfchicke, daß ich Keyserling weder persönlich 
noch brieflich kenne, also kein anderes als ein sachliches Interesse 
an seinen Ideen habe, bitte ich um die Erlaubnis, einige Bemer 
kungen über den Bericht machen zu dürfen, den Dr. S. Kraeauer 
in Nr. 742 der „Frankfurter Zeitung" den jüngsten Verträgen des 
Grafen auf der Darmstädter Schule der Weisheit widmet. 
Dr. Kraeauer nennt das, was Keyserling als den „Sinn" 
bezeichnet, einen höchst unfaßlichen Begriff. Wer das Urteil des 
denkenden wie des einfachen Menschen wird in dieser Frage Key 
serling Recht geben: der Sinn ist ein leicht verständlicher Begriff, 
auf den nicht etwa nur der Philosoph, sondern schon jeder irgend 
wie religiös interessierte Mensch stößt. Der Sinn ist der Grund, 
den man hinter dem Erscheinenden sucht, und sekundär das Ver 
hältnis des Menschen zu diesem Grund. 
Glaubt man nicht nur, daß dieser Grund die Erscheinungen in 
die Existenz setzt, sondern auch dafür sorge, daß sie ihm auf die 
rechte Weise dienen und ihm so die Ehre erweisen, dann ergibt 
sich die stets moralisch LseigenschafLete Idee Gott: Gott, liegt 
außerhalb der Welt des Dinge und ist ihr Sinn. Unterdrückt man 
die, mmrM'chem MtriLuLe oder setzt gar Gsft mit der „Substanz" 
gleich, so identifiziert man Grund und Erscheinung und erlangt 
so den Ginn, der die Feststellung der Identität wäre. 
Wir denken heute alle so, spinozistifch Ein Etwas ist da, die 
Welt ist da, das Etwas manifestiert sich als Erscheinung, als 
Form. Die Formen sind Variationen des Daseienden, des 
Seienden. Hier nun fetzt Keyserlings Denken ein: alle Religio 
nen, alle wissenschaftlichen Systeme, alle Weltanschauungen ver 
sagten und versagen, eines aber ist ihnen gemeinsam, daS UnM- 
störbare, Unleugbare; der Grund und, sobald der DLensch ihn 
sucht, der Sinn. Dieser Kern des Religiösen — warum kann er 
nicht im Wechsel der Religionen gerettet und mehr, als neue Reli 
giosität gelehrt werden? Diese neue Religiosität würde heißen: 
die (sinnsuchende) Relation der Kreatur zum Grund, oder das 
ewige Verhältnis. 
Relation und Verhältnis sind nahezu mathematische, nahezu 
abstrakte Begriffe. Es ist aber etwas anderes, ob ich Abstracto an 
Stelle von erlebten Symbolen und leberGer Symbolschaffung setze, 
oder ob ich kraft meines lebenden Gefühls bis zur 
Abstraktion vordringe. In diesem Fall wird das AbstracLum tiefste 
Erkenntnis, die unmittelbar von der inneren Struktur der Dinge 
ausragt. 
In dieser KoiMption nun sehe ich wenigstens die absolut 
starke, einwandfreie, respektheischende Leistung Keyserlings und 
darf sagen, daß mir Dr. Kraeauer trotz seiner vorzüglichen Dar 
stellung des Keyserlingschen Gedankengangs den Mmnftbildenden 
Wert seiner Leistung nicht fühlt. 
Denn es bedeutet eine neue Periode des europäischen Denkens,
        <pb n="50" />
        Arankturter Angelegenheiten. 
Lehrgang über Berufsberatung. Am Donnerstag fand die 
EröffnungsverjaE des von dem Städtischen Berufsamt, dem 
Berufsamt für Akademiker und der Arbeitsgemeinschaft der Eltern- 
Lesväte veranstatteten Lehrgangs für Berufsoeratung statt. Ais 
erster Redner sprach StadtraL M oller über das Frankfurter 
Wirtschaftsleben. Der Ermahnung au. die Eüern, ihre Kinder nach 
Möglichkeit gelernten Berufen zuzuführen und sie in eine ordnungs 
gemäße Lehre zu geben, schloß er die Warnung vor einer Aus 
bildung in solchen Berufen an, die wenig Aussicht auf eine sichere 
Existenz bieten. Während z. B. die Verhältniße in der Metall 
industrie nicht sehr günstig liegen, herrscht rege Nachfrage in den 
Berufsgruppen für den Inlandsbedarf, so im Bau-, Holz-, Be- 
kleidungs-, Bankgewerbe und im Kaufmannsstand. Dr. Kunze, 
der Leiter des Berufsamts für Akademiker, erörterte die gegen 
wärtige Lage der akademischen Berufsberatung. Er 
legte dar, in welcher Weise diese besondere Art der Berufsberatung 
den Studierenden zur Seite steht und sie durch Einrichtungen, die 
der Arbeitsvermittlung und Wohlfahrtspflege dienen, zu unter 
stützen sucht. Hoffentlich werde sich der Staat mehr als bisher der 
jungen Akademiker annehmen. Ueber die Aufgaben des Eltern 
hauses bei der Berufswahl sprach Dr. Po lag, der Vorsitzende 
der Arbeitsgemeinschaft der Elternbeiräte. Sich vornehmlich an die 
Eltern wendend, ermähnte er sie eindringlich dazu, rechtzeitig bei 
dem Berufsamt Auskunft einzuholen. Zum Schlüsse behandelte der 
Leiter der Städtischen Nachrichtenstelle, Redakteur Müller, die 
Frage der Wirtschaftsöeihi! fen zur Aus- und Fortbildung 
der Kinder. Die Notwendigkeit von Wirtschastsbeihilfen sei heute 
auch bei denjenigen Bevölkerungsschichten gegeben, die ihre Kinder 
in die höheren Schulen zu schicken Pflegen, zumal dann, wenn be 
gabten Schülern, die diesen wirtschaftlich schlecht gestellten 
Schichten entstammen, der Besuch der Hochschule ermöglicht werden 
soll. Der Redner beendete seine Ansprache mit dem Appell an 
Reich und Staat, die nötigen Mittel für die Aus- und Fortbildung 
der Jugend im Interesse unserer kulturellen Entwicklung Lereit- 
Iranktmler AngelegenFeiLw. 
Stadtverordneten Versammlung. 
Als erste der auf der Tagesordnung angekimdigten Magistrats 
Vorlagen kam nach kurzen geschäftlichen Mitteilungen d§s Vor 
sitzenden Hopf die Vorlage über die 
Bepselweinsteuer 
zur Beratung. Stadtv. Hene (Dem.) wandte sich gegen diese 
Steuer, die eine ungerechtfertigte Belastung der Bevölkerung und 
der Frankfurter Aepselweinindustrie darstelle und sicherlich nicht den 
vorausgesehenen Betrag einbringe, da der Konsum mit 75 000 K! 
in Frarcksun viel zu hoch eingeschätzt sei. Auch Stadtv. Land- 
grebe (lib.) hob hervor, daß das Erträgnis vermutlich nicht den 
Erwartungen entsprechen werde, und machte vor allem das Beden 
ken gellend, daß die Steuer aus einer unsicheren rechtlichen Grund 
lage ruhe Nach Ausführungen des Stadtv. Lang (Komm ), der 
die Besteuerung des Äepselweiukonsums ablehnte, und des Stadtv. 
Wilhelm (d -natl.), der ebenfalls im Namen seiner Fraktion aus 
einer N-&amp;gt;he von Gründen sich gegen diese Steuer aussprach, stellte 
SLadtrat Dr. Langer fest, daß im Hauptausschuß bereits Stim 
mung für die Annayme der Steuer in Verbindung mit der Bier 
besteuerung vorhanden gewesen sei und der jetzige SLimmungsum- 
schwung daher überraschend anmute. Die rechtliche Zuläffigkeit der 
Steuer sei im übrigen nicht Zu bezweifeln. Die Vorlage, gegen 
deren Annahme sich noch Stadtv. Mühlig (Unabh.) wandle, 
ging an den Hauptausschuß zurück. 
Zu der Vorlage über die NachtzuschlLge dsr Straßenbahn, 
die u. a. eine Erhöhung der Zuschläge nach 9 Uhr mit 50 Psenmg 
Vorsicht, sprach als einziger Redner Stadrv. Lehmann (Soz.), 
der im Namen seiner Parteifreunde die Vorlage ablehnte. Auch 
diese Vorlage ging an den Hauptausschuß zurück. 
Zur Verhandlung kam sodann die Errichtung eines Hauses 
der Technik auf dem Festhallengelände, das über 11 Millionen 
kosten soll, die nur Zum Teil gedeckt sind. Stadtv. Heiß Wolf 
(Soz.) empfahl als Berichterstatter des HaupLausschusses die An 
nahme der Vorlage und erklärte, daß die Stadt für die erste Bau- 
etäppe nichs beizusteuern habe, da die Meffegestllschast die Mittel 
hierfür bereit, gestellt habe. Stadtv. Kirchner (Soz.) begrün 
dete einen Antrag, in dem er die Erwartung ausspricht, daß der 
Magistrat der Stadtverordnetenverfannnlung künftig Vorlagen von 
so großer finanzieller Tragweite rechtzeitig zugehen lasse, und fer 
ner den Magistrat dafür zu sorgen ersucht, daß der Schulbetrieb 
durch die Messe nicht mehr gestört werde. Stadtrat Dr. Schmude 
betonte, daß der Magistrat sich bei der schnellen Einbringung der 
Vorlage in einer Zwangslage befunden habe. Nachdem Bürger 
meister Graf nochmals das Verhalten des Magistrats gerechtfer 
tigt hatte, das sich aus der Notwendigkeit der schnellen Annahme 
eines günstigen Angebots erkläre, wurde dem Beschluß des Haupt 
ausschusses, sowie dem Antrag Kirchner mit großer Mehrheit zuge- 
. 'KraMturier AngelegenUiten. 
« Qnidde über Oberschlesien. In einer von dem FriedenZ- 
berein, dem Verband für internationale Verständigung und der 
Frauenliga für Friede und Freiheit einberufenen Versammlung 
sprach gestern PLof. Quidde über Oberschlesien. Zu Eingang 
seiner Rede führte er aüs, daß durch die Entscheidung der Alliier 
ten Wer Oöerschlesten nicht nur die Erfüllung der Reparations 
forderungen unmöglich gemacht, sondern auch die Weltwirtschaft 
weitgehend gefährdet werde. Verhängnisvoll ist die Entscheidung 
auch insofern, als sie eine deutsche Minderheit unter polnische Herr 
schaft stellt; ihr Schicksal ist viel härter, als das der schon lange 
unter deutscher Herrschaft stehenden polnischen Minderheit. Was 
die Rechtsfrage betrifft, so gelangte der Redner zu dem Schlüsse, 
daß der von den alliierten Mächten auf Deutschland ausgeübte 
Zwang, mit Polen eine wirtschaftliche Vereinbarung zu treffen, 
widrigenfalls ihm Sanktionen drohen, eine Verletzung des 
Sriedensvertrags bedeute; dieser rechtswidrige Zwang be 
weise nur, daß man entgegen dem Vertrag bei der Grenzziehung 
nicht die wirtschaftlichen Zusammenhänge geachtet hat. Wie sollen 
wir uns nun zu der Entscheidung verhalten? Der Redner sprach 
sich mit aller Bestimmtheit gegen die von den Rechsparteien ge 
forderte Nichtanerkennung aus. Er verlangte statt dessen die Ver 
wahrung gegen ihre Rechtswidrigkeit durch Anrufung des von dem 
Völkerbund geschaffenen internationalen Tribunals. Sollte die 
Klage Deutschlands von diesem Tribunal angenommen werden, so 
sei im Sinne der pazifistischen Organisationen eine zweit e_A ö - 
stimmung in Oöerschlesten zu fordern, aus der sich erkennen 
Lasse, ob die oberschleflsche Bevölkerung gemäß den politischen 
Interessen auseinandergehen oder lieber zusammenbleiben wolle. 
Der Gedanke einer nochmaligen Abstimmung entspricht nicht nur 
dem Wunsche der Bevölkerungsmehrheit in Oberschlesten selbst, er 
'ist auch von anderer Seite, z. B. in England, angeregt worden. 
Zum Schlüsse erhob Pros. Quidde die Forderung auf eine allge-^ 
meine Weltabrüstung, die eine Grundvoraussetzung für die Ver 
wirklichung eines wahren Völkerbundes bilde. 
dsr Sinn sich uns offmLM. wenn wir nnS der verhüllenden Gestalt 
»u entledigen suchten, durch die hindurch allein Gott sich uns 
kündet Aus dieser meiner Grundeinstellung heraus kann ich nicht 
wir Flaks daran glauben, daß der von Keyserling beschritten« W«g 
uns religiöses Neuland eröffnet, ich könnt« selbst dann nicht daran 
glauben, ivenn Keyserling jene (ihm übrigens durchaus ungemäße) 
heroische LeberMaltung Sehet«, die als Ergänzung seiner rela 
tivistischen Philosophie von Mode gefordert wird. Was Flaks für 
den Eintritt in eine neue Verlad« des europäischen Denkens Mt, 
erscheint neir im Kern M der AuSklang einer LebenSanschauung, 
in« zum Teil in den idealistischen Systemen der Vergangenheit mit 
größerer philosophischen Prägnanz gelehrt worden ist und gegen die 
sich heute, gerade m den Kreisen wahrhaft religiös empfindender 
Menschen, miS hier nicht zu erörternden Gründen ^iestbevechtigtrr 
Widerstand regt. Neues bringt 5kehferling, abgesehen von der 
etwas ftemdartiFen VernwÄmung, tn die er sein« idealistisch, 
mystischen Gedanken gonge «inkleidet, lediglich insofern, als er die 
Theorie in die Pr&amp;lt;ytz umzusetzen sich bemüht. Aber darf man WÄL- 
lich mit Flak« annehmm, daß diese so weit getriebene Distanzierung 
von ShmboLm und Farnen uns frommt, daß diese geflissentliche 
Abstraktion von bestimmten Inhalten uns reiner Menschlichkeit zu- 
führt? Diel «her will mich bedrucken, daß Keyserling aller Vor 
aussicht nach in seinen Schülern eine gefährliche quietistische Gleich 
gültigkeit gegen das konkrete Leben und sein» konkreten Forderungen 
erzeugt, «ine M'eichzMiMr, die eben das nicht ist, was uns heute 
einzig nottnt, und daß er zwar möglicherweise Duldsameit er- 
wckt, nicht jedoch Duldsamkeit der Stärke, die ÄS edelstr 
Blüte einem hohen Glauben entspringt, sondern Duldsamkeit 
der Schwäche, Milde des Zuschauers, der selber keine Entschei 
dungen wagt. Handelt Keyserling als Erzieher nicht unbewußt 
seiner eigenen Lehre zuwider — und zu einer solchen Annahme 
liegt kein Grund vor — so maß jedenfalls die praktische An 
wendung seiner Theorie mit innerer Notwendigkeit Ergebnisse 
dreier Art zeitigen. Dr. Masse hat hier sicherlich richtig ge 
sehen. — Wo das Ressentiment stecken soll, das Flak« aus mei^ 
nem MMt -WvB^WNy MM. Witz H rM WK GM i 
er etwa ein auf proletarischen Klasseninstinkten beruhendes Groll 
gefühl gegen Grafentitel und dergleichen bei mir voraus, oder 
erscheint ihm meine Schilderung des äußeren Rahmens der 
Tagung als Ausfluß irgendwelcher Vorurteile, die meinen Blick 
für die wahre Bedeutung der Lehre Keyserlings trüben? Ich 
kann Flake hersichern, daß das nicht der Fall ist. Wenn ich bei 
der Beschreibung des Milieus verweilte und den Mitglieder» 
kreis der „Gesellschaft für freie Philosophie* zu charakterisieren 
suchte, so geschah dies in ganz bewußter Absicht zur Kennzeich 
nung, der Art und Weise, in der Keyserlings Wollen sein« Ver 
wirklichung findet, bin ich doch im Gegensatz zu Keyserling der 
Meinung, daß der Leib, den eine Idee sich bildet, stöer der Idee 
selber nicht vernachlässigt werden darf. Mein« von Flake ge 
rügten Ironien waren eine Gegenwehr gegen die Prätensione» 
Keyserlings, die mir durch seine Lehre nicht gerechtfertigt er 
scheinen. Ich wollte weniger ein Horoskop stellen, denn über- 
trieLene Ansprüche, die in den letzten Jahren laut und ver 
nehmlich aller Welt verkündet wurden, in die ihnen gebührenden 
Schranken zurückweisen.
        <pb n="51" />
        Gasprers und Mittelstand. Die' Gäsgesellschaft, die bereits z 
fniher einen namhaften Betrag zur Ermäßigung des Gaspreises für! 
Minderbemittelte aufgebracht hat, soll jetzt, dem Beschluß der Stadt- 
verordneten-Versammlung zufolge, diesen Betrag auf eine Million 
Mark erhöhen und ihn aus Gründen der Zweckmäßigkeit dem Wohl 
fahrtsamt zur Verteilung überweisen. Nicht nur in den Kreisen der 
Arbeiter, sondern mehr vielleicht noch in den notleidenden 
Schichten des Mittelstandes wird sich, so schreibt man 
uns, die Erhöhung des Gaspreises sehr fühlbar machen. Gerade 
bei diesen Schichten aber, also bei Altpensionären, erwerbsunfähi 
gen Wirwen, Kleinrentnern usw. stellen stch vielfach innere Hem 
mungen gegen die M des Wohlfahrtsamts ein, Hem ¬ 
mungen, die zumeist einem Schamgefühl entspringen, das heute 
sicherlich nicht mehr am Platz ist. Solche seelischen Widerstände 
sind zu überw'mden. Wer nachweislich mit der Teuerung nicht 
Schritt halten kann, möge stch ebenfalls durch solche Bedenken nicht 
davon aLhalren lassen, bei dem für jedermann zugänglichen Wohl 
fahrtsamt um die in Aussicht gestellte Rückvergütung einzu- 
kommen. . 
Zu der Vorlage über die Verbesserung des Srraffcnbahn * 
Verkehrs äußerte Stadtv. Landgrebe (lib.) verschiedene 
Wünsche, vor allem die Durchführung der Linie 20 nach RödeLheim 
fordernd. Stadtv. Ulrich (Soz.) begründete zwei Anträge, 
deren einer die Durchführung her Linie 18 nach der Niederwald 
Kolonie verlangt. In der weiteren Debatte wurde besonders über 
den Mechten Vorortverkehr, zumal nach Nödelheim geklagt. Stadt 
rat Dr Schmude wies darauf hin, daß bei der Verbesserung des 
Vorortverkehrs gebührende Rücksicht auf die Wirtschaftlichkeit des 
Betriebs genommen werden müsse. Die Linie 20 solle versuchsweise 
durchgeführt werden. Die Anträge Ulrich gingen an den Haupt- 
und Tiefbauausschuß. 
Die ablehnende Antwort des Magistrats auf dm Beschluß der 
Stadtverordneten - Versammlung, die weibliche Abteilung der 
städtischen Rechtsauskunftsstelle der männlichen Abtei 
lung glerchzustellen, wurde von den Stadtv. Schütz (Dem.) und 
Frau Fürth (Soz.) angegriffen, während Stadtv. Landgrebe 
(lib.) für die Magistratsmaßnähme eintrat. Bei der Abstimmung 
entschied man stch für die Annahme des Antrages Schütz, der die 
Erneuerung des früheren Beschlusses fordert. 
Von den Berichten des Hochbauausschusses verdient ein Antrag 
Erwähnung, der die Errichtung von Laden bauten an der 
Katharinenkirche empfiehlt, wobei dem kirchlichen Charakter 
Rechnung zu tragen sei. Der Antrag wurde genehmigt, desgleichen 
die Anträge des Sozialpolitischen Ausschusses auf Winterbeihilfe 
an Bedürftige. 
Stadtv. Higler (Soz.) beantragte für den Wirtschaftspok- 
Lischen Ausschuß eine Abänderung des Vertrags zwischen 
Stadt und Gasgesellschast, 
die bewirkt, daß vor jeder Erhöhung des Gaspreises die Stadt- 
mrordneten-Versamm ung zu hör^n ist^ Auch forderte er namens 
des Ausschusses von der GasgesellschafMie Ueberweisung von einer 
Million Mark jährlich an das WohlfahMamt zur Verbilligung des 
Gaspreises sür Minderbenrittelte. Stadtv. Ulrich (Soz.) trat 
jür eine Staffelung der Gaspreise ein, während Stadtv. Lang 
(Komm.) eins Erhöhung der Rücklage aus zwei Millionen bean- 
tragie. Nach Ausführungen des Stadtrats Pros. Bleicher, der, 
den Standpunkt der Gasgesellschast vertretend, die Anträge noch 
nicht für spruchreif crk arte und die Erhöhung des Gaspreises durch 
den Hmweis auf die neuerliche Verteuerung der Kohlen rechtfer 
tigte, erhob Swdtv. VouvereL (Dem.) (Einspruch dagegen, daß 
die Gasgesellschast ihren Aufzabenkreis zu weit ausdehne, und da 
durch das Handwerk schädige, und beantragte, daß in den abg^ 
änderten Vertrag eine Bestimmung zum Schutze des Handwerks 
ausgenommen werde. Im Verlaufe der Debatte, in der u. a- 
Stad v. Henä (Dem.) um Annahme der Anträge und Stadtv. 
Dr. Goldsch midt (Dem.) sich gegen die von Stadtv. Hene 
beantragte Erhöhung der Konzessionsgebühr wandle, sowie den 
Antrag auf das Mtbsstimmungsrecht der StadwerordMen-Ver- 
sammlung als Bürokratisierung ablehnte, verteidigte Baurat 
Tillmetz die Haltung der Gasgesellschast. Die Abstnnmung er 
gab die Annahme der Ausschußanträge. Die Anträge Lang und 
Hene wurden abgclehnt, der Antrag Bouveret, bei dem 37:37 
Stimmen standen, durch Stichentscheid des Vorsitzenden Dr. Hertz 
angenommen. 
* Zu vorg rückter Stunde regte noch Stadv. Wagner (Mittelst.) 
in einer Anfrage die Prüfung der Hausbeschädigungen an, die 
durch Bodensenkungen hervorgcrufen werden. Sein An 
trag wurde dem Hochöauausschuß überwirsen. 
Rudolf Steiners ÄmhrspssoptzLe. In einer von der Arbeits 
gemeinschaft der Neuen freireligiösen Gemeinde und vom Monisten- 
öund Einberufenen Versammlung sMch Pros. Drews (Karlsruhe) 
über Steiners Änthroposophie. Der Redner legte zunächst einige der 
Ergebnisse dar, zu denen Steiner kraft Hellsehens im Bereich des 
Übersinnlichen gekommen sein will — so seine Lehre vom 
Astralleib und Aetherleiö, seine Lehre von der Wiederverkörperung, 
vom Karma, von der Fortdauer der individuellen Existenz über den 
Tod hinaus — und zeigte dann in eingehender erkenntniskritischer 
Untersuchung, daß entgegen der Behauptung Steiners unserem er- 
kenEden Bewußtsein die unmittelbare Erschließung der 
übersinnlichenWelt prinzipiell versagt bleibt. Gesetzt aber 
den Fall selbst, der Hellseher nehme etliche der von Steiner angeb 
lich erschauten übersinnlichen Tatbestände wahr, so wäre doch damit, 
wie der Redner ausführte, noch nicht das mindeste über die Objek 
tivität dieser Tatbestände ausgemacht, ebenso gut könnte es sich 
vielmehr bei ihnen um Hallu z i n a t i o n en und ein subjektiv 
bedingtes Spiel der Einbildungskraft handln. Die Erkenntnisse 
Steiners charakterisierte der Vortragende als Resultate eines Den 
kens, das teilweise einen bereits überwundenen grobschlächtigen Ma 
terialismus in das Gebiet der übersinnlichen Welt verpflanzt und 
teilweise sich an der neuplatonischen Mythologie und der anglo- 
indischen Thessophie emporrankt. Auch gegen die von den Anhängern 
Steiners behaupteten moralischen Auswirkungen der anthroposophi- 
schen Lehren brächte er gewichtige Argumente vor. Die Blütenlese von 
Beispielen, die er aus der anthroposophischen GeheimwissenfchafL 
zum besten gab, rechtfertigte hinreichend das von ihm zitierte Wort 
Gundolfs, bemzirfolge diese Geheimwissenschaft im wesentlichen 
em „Hintertreppenklalsch aus der GeisterwelN ist. Zum Schluß er 
klärte der Redner die von ihm beklagte Hinwendung eines Teiles der 
studierenden Jugend zur Änthroposophie aus dem lange unterdrück 
ten und nun gewaltsam herzbrechenden m e t a p h y s i s ch e n B e - 
o ü r r n i s, das an dem heute auf den Universitäten gepflogenen 
Wlssenschaftsbetrieb keine Genüge finde, und kennzeichnete die anthro- 
poftpyrsche Bewegung als eine jener Epidemien, die stch nun einmal 
aussen müssen. Die zu Beginn der Aussprache zu Worte kommen 
den Anhänger der Änthroposophie vermochten die grundsätzlichen 
rm Emwände des Vortragenden gegen die Lehren Steiners 
Jahre „Deutsche Kunst und DekoraLiott".I Mit 
einem hervorragend aus gestatteten Doppelheft eröffnet in 
schwerer Zeit die Darmstädter Kunstzeitschrist „Deutsche Kunst und 
Dekoration" ihren Jubiläumsjahrgang. Der Herausgeber, Hoftat 
Alexander Koch, schildert in einem zusammenfaffenden Vorwort 
dm von ihm beschrittenen Weg. Die Kunst immer mehr in Fühlung 
mit dem praktischen Leben zu bringen: das war der Kerngedanke, 
der ihn bei allen seinen Unternehmungen leitete und dem auch seine 
führende deutsche Kunstzeitschrist entwuchs. Diese ist ihrer Mission 
stets treu geblieben und hat darum selber eine wichtige Rolle in der 
Entwicklung des deutschen Kunstlebens gespielt. Durch Vorführung 
guter Beispiele aus den Gebieten der freien und der angewandten 
Kunst hat ste, ohne sich je allzu ängstlich und schulmeisterlich auf 
einen bestimmten Stil, eine bestimmte Richtung festzulegen, nicht nur 
die Künstler gefördert, sondern auch für die geschmackliche Durch 
bildung des Volkes gesorgt und derart in einem hohen Sinne er- 
I zieherisch gewirkt. Der Herausgeber darf wahrlich mit einem Ge 
fühl der Genugtuung auf seine segensreiche Tätigkeit in dem ver 
flossenen Vierteljahrhundert zurückblicken. Das Jubiläumsheft selber 
enthält eine Fülle wertvoller Abbildungen und Trxtbeiträge. Max 
Osborn folgt dem Werdegang der Zeitschrift und würdigt mit 
klugen Worten ihre Bedeutung für die deutsche Kunst der letzten 
Jahrzehnte, Besonders ausführlich wird der Erweiterung des 
StädelschenMuseumszu Frankfurt gedacht, über die Benno 
Reifenbergin einem gehaltvollen Aufsatz berichtet. Eine An 
zahl der nun in dem Erweiterungsbau untergebrachten Gemälde sind 
abgebildet, und auch die programmatische Eröffnungsansprache des 
Galerieleiters Pros. S w arz e n s k i hat Aufnahme gefunden. Da 
zwischen eingestreut ist eine feinsinnige Betrachtung Wilhelm 
Michels (Darmstadt) über den Zusammenhang der Kunst mit 
der gegenwärtigen Geisteslage, in der zur ASstandnahme von 
Schlagworten und zu schweigender innerer Bereitschaft für eine 
kommende Verfestigung der Welt ermähnt wird. Zahlreiche Ab 
bildungen von Wohnhäusern, deren Entwürfe von Pros. Schultze 
(Naumburg) und Pros. Bruno Vaul stammen, bieten Gelegenheit 
zum Studium gediegener Wohnkultur. Aus dem Gebiete der Klein 
brüst begegnet man u a. Stickereien und Puppen von Lilli und 
Ewald Vetter und Arbeiten der ältesten Volkstedter^ 
Porzellanfabrik (zum Teil nach bizarren rokokoartigen Entwürfen 
Peof. Poelzigs). Besondere Erwähnung verdienen noch die 
trefflichen Bühnenbilder des am Hessischen Landestheater zu 
.Darmstadt wirkenden Bildhauers T. C. Pilartz, die der Bühnen- 
kunst neue Wege zu weisen geeignet sind. Im Anhang beigegebeue* 
Zuschriften führender Künstler und Kunstkenner an den Herausgeber 
spiegeln die Bedeutung der Zeitschrift für das deutsche Kunstleben 
im Urteil der Berufenen wider. Xr.
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        F-s L) 
I 
rezftierte in Frankfurt eigene 
Teil von Dantes „Divina 
Dr. Wilb-lm Leybausen 
Uebertragunom aus dem ersten 
Gommecliö". Die hohe und 
Irankfurter Angelegenheiten. 
AussteÜAng des Instituts für Wirljchastswissenjchast. 
Am Montag fand in Anwesenheit des Rektors und einer 
größeren Anzahl von Gästen in der Universität die Eröffnung 
einer von Privatdozent Dr. Laum verunstalteten Ausstellung 
statt, die an Hand mannigfacher Onginalsrücke und Abbildun 
gen die geschichtliche Entwicklung der Geldformen 
und des Geld Verkehrs verführt. Nach kurzen Be 
grüßungsworten von Prof. Zizek, der anstelle des verhinder 
ten Institutsleiters Prof. Schmidt sprach, dankte Dr. Laum 
für das Entgegenkommen, das er von städtischen und auswär 
tigen Sammlungen wie von privater Seite durch die Gewäh 
rung von Leihgaben gefunden habe; auch wies er auf den 
pädagogischen Wert der Ausstellung hin, der darin be 
stehe, daß dank der getroffenen Auswahl der einzelnen Stücke 
die typische Geschichte des Geldes unmittelbar Zur Anschauung 
erhoben werde. 
T)ie anschließende Führung eröffnete Dr. Vatter vom 
Völkermuseum mit einer lehrreichen Erläuterung des Primi» 
tiven Geldvertehrs, dessen Entwicklung von der Stufe des 
Tauschhandels an bis zum Nutz- und Symbslgeld in mehreren 
Schaukästen gezeigt wird. Dr. Laum schilderte in großen 
Umrissen die Geschichte des antiken Münzwssens, wobei er 
u. a. der Entstehung der griechischen Münze aus dem Wappen 
siegel Erwähnung tat. Ueber das MitLelalter sprach Dr. 
I. Ca h n, der selber reiche Schätze aus dieser Epoche zur Aus 
stellung beigesteuert hat Er hob hervor, daß im Anschluß an 
die Kreuzzüge die GelLentwicklung immer mehr ihren Lauf ge 
nommen habe, gedachte der in Florenz einsetzenden Goldprägung 
und wies schließlich auf das neuzeitliche Geldwesen hin. Die 
einzelnen Phasen dieser Entwicklung sind von ihm teilweise 
durch typische Stücke Frankfurter Herkunft belegt worden. 
Die interessante Ausstellung, die auch eine sehr sehenswerte 
Notgeldsammlung enthalt, bleibt bis zum 15. November 
geöffnet; sie ist in Raum 118 der Universität zu besichtigen. 
gebändigte Kunst des Vortrags- 
meisterZ meißelte den furchtbaren Spruch am Hollcnlor zu monu 
mentaler Wirkung heraus, ließ die Worte Charons gewaltig an 
schwellen und verlieh der Liebesklage Francesoa da Riminis rüh 
rende Mhmut. Die reimlose Uebersetzung selber erhebt sich an vielen 
Stellen zu eigener Schönheit und zeugt jedenfalls von souvc.öner 
Beherrschung des Wor^s. Der reiche Befall am Schluß bewies dem 
Vortragenden dm Dank seiner Zuhörerschaft. Lr. j 
- /V? L ¬ 
--- Neuer isra^Msch« Medhof. Wie seinerzeit mitaE. 
Naren SN unter Frankfurter BauKnstlerü veranMteten M«" 
d«.Amage eines neuen israelitischen FriedhofeZ drei 
'Arch,te«m nnt ,e emem glr«h«n Preis bedacht «ocken. Aus aute« 
vEtet nun, V-S trvh dieser EntscheidMg des Preis» 
.«».au?warnqer Architekt für die AuMSrum 
r-rmm soll. Wir Eten Hoffen^ daß 
.«&amp;gt;8 GE M n,r^ oewchcheitet, sondern N« B-arbrrtung des 
Prsie,iS &amp;lt;mem Fraaffurk« NaukünNcr anvertremt wird 
ImnUmler Angelegenheiten. 
Stadtverordneten Versammlung. 
Nachdem zu Beginn der Sitzung der Vorsitzende Hopf den 
Stadtv. Hofmann (Soz.) in sein Amt eingeführt hatte kam 
ei»? Maglstratsvorlags, die Stellenpläne der 
städtischen Aemter und Dienststellen betreffend, zur Verband, 
lung. S.aknv. K i r ch n e r (Soz.) begründete einen Ant-ag, 
demzufolge d,e Einweisung von Beamten und planmössinsn An." 
gestellten, sofern keine Differenzen bestehen, auch vor endgüln- 
ger Erledigung des Stellenplanes vorzunehmen ist und die er- 
unverzüglich zur Auszahlung zu bringen sind, 
«tadtrat Dr. Saran begrüßte diesen Antrag, worauf die Vor- 
lage^ mit dem Antrag an den Organisationsausschuß verwicierr 
wurde. 
Stadtv. Korff (Dem.) erhob nochmals Einspruch dagegen/ 
daß verschiedene Vororte laut Ministerialerlaß in eine zu nied. 
r ' 8 e O r tsklasse eingewiesen worden sind, und ersuchte 
den Magistrat, gegen diesen Beschluß vorstellig zu werden. Stadt 
rat Dr. L-.aran erklärte, daß der Magistrat sich dieser Auf. 
fasiung anschlicße, da die Z:rrcißung des Einheitlichen Ortsge 
biets eine offenbare Ungerechtigkeit gegen die in den Vorort-n 
ansässigen Beamten bedeute. Er ermähnte die Fraktionen dazu, 
auch im Reichstag die Ausführungsbestimmungen des betreffen 
den Gesetzes durch ihre Abgeordneten bekämpfen zu lassen. 
Behebung der Wohnungsnot. 
Stadtv. Thomas (Soz.) stellte fest, daß die Stadt Frank 
furt auf dem Gebiet des Wohnungsbaues hinter anderen Städ 
ten weit zurückbleibe, und regte an, kapitalkräftige Bürger zur 
! ÄrauAurLer AugelegeAheiLen. . 
Fieber oder Heil in der Jugendbewegung. 
/ Die „Woche der Jugendbewegung" wurde am Sonntag durch 
^ineu Vortrag von Pfarrer Dr. W. SLähliu (Nürnberg) ein- 
/geleitet, der, selber ein Führer der Iugmd, in seinen nahezu zwei- 
Madigen Ausführungen schonungslos die Gründe für die teilweise 
^'Unzulänglichkeit der heutigen deutschen Jugendbewegung aufdeckte 
Mnd durch seine heilsame Kritik bewies, daß ein Wandel zum 
Besseren, noch möglich ist. Die Jugendbewegung gleicht nach ihm 
4mem FieberproZetz m einer oiZ in ihre letzten Tiefen aufgewühlten 
Zeit, der im Kern der Auflehnung gehen unsere mechanisierte 
Zivilisation entspringt. Dieser Prozeß, der uns der Genesung Zu 
fuhren soll, zeitigt aber tatsächlich bedenkliche Fiebererscheinungen, 
Die alles andere denn Genesung versprochen. Zwei Typen stellte der 
-Redner seiner jugendlichen Zuhörerschaft immer wieder warnend 
vor Augen: den sozusagen „verbürgerlichten" Wandervogel, der allzu 
sschnell seinen Kompromiß mit dem Bestehenden schließt, und den 
^„ewigen" Wandervogel, der aus Angst vor der LebsuZwirklichkeiL 
Mm Stadium des Wandervogels niemals zu entwachsen vermag. 
Welche Gefahr diese Typen bedeuten, welche krankhafte Entwicklung 
MerAmpL die Jugendbewegung großenteils nimmt, wurde nun 
vom Redner im einzelnen nachgewiesen. 
Was zunächst den Kampf der Jugend gegen den Materia 
lismus betrifft, so wächst er vielfach aus einem schlecht verhehlten 
Ressentiment hervor oder ist nichts weiter als verantwortungslose 
Mcheu vor der Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Dingen, wie 
sie zumal den Trägern der bürgerlichen Jugendbewegung eignet. 
Treffende Worte der Kritik fand der Redner auch gegen denAnti-- 
/Jntellektualism der Jugend, insofern er seinen Grund 
in bloßer Dercktrügheit und Verblasen er Gefühlssch weigeret hat, gegen 
'die leeren aküvistischeu Gesten, die sich etwa in den Zieljahrbüchern 
Kurt Hitlers bekunden, und gegen das SichMhaLen so mancher 
„Siedler", die lediglich in Gedanken und Zeitschriften siedeln. Alle 
diese Fiebererscheinungen lassen sich nur Mnn überwinden, wenn 
die. Jugend das Kreuz wirklicher Arbeit auf sich nimmt, 
wenn sie jeden ihr irn Berufsleben angewiesenen Platz treulich aus-i 
zu füllen trachtet, ohne hierbei den sie beseelenden Geist zu der-! 
leugnen. Am eingehendsten beschäftigte sich der Redner mit dem - 
.Verhältnis der Jugend zur G emei n 1 ch a s t. Nachdrücklich hob 
er hervor, daß der in den Kreisen der Jugendbewegung bestehende 
Hang zur Formlosigkeit, der das Versagen des Wandervogels ver 
schuldet hat, daß ferner das Vertrauen auf rein persönliche, 
' stimmnngshafte Zuneigung niemals eine wahre Gemeinschaft er 
zeugen, kann. Damit diese entsteht, tut vielmehr ein neuer Wille 
.zur Form not, der in dem Gefühl für den innigen Zusammen- 
"Yanm zwischen Wesen und Erscheinung wurzelt und das wirklich 
ernst M nehmen geneigt ist, was an Sitten., Gebräuchen usw. d^m 
Hemeinfamen Leben entwächst. Die echte Gemeinschaft beruht Echt 
auf subjektiver Willkür, sondern aus objektiver Gebundenheit, sie hat &amp;gt; 
-ihren Schwerpunkt nicht im Ich, sondern außerhalb, jenseits des 
.Ichs, sie fordert von dem einzelnen Dienst und.Achtung vor dem! 
- Volkstänzen. 
&amp;gt; Nachdem der Redner weiterhin die Beziehung der Ge 
schlechter zueinander in der Jugendbewegung einer kehren 
kritischen Würdigung unterzogen hatte, erörterte er noch die der 
- heutigen Jugend eigene Verehrung des nicht durch Zwecke be- 
. stimmten, organisch sich entfaltenden Lehens unb geißelte sowohl 
'die fieberhafte Betriebsamkeit wie auch die zuckt- und ziel 
lose Schwärmerei, die beide häufig aus dieser leicht mißzuver- 
Lebensauffassung hervorgehen. Die Darlegungen hinter ¬ 
' ließen sichtlich einen tiefen Eindruck..
        <pb n="53" />
        /«/L 
Me der ZuZeKhbmekWg. ! 
In Frankfurt hat kürzlich eine von der hiesigen 
„Jugendbücherstube" veranMtete „Woche der Jugendbe 
wegung" stattgefunden, die in mehr als einer Hinsicht lehrreich 
war. Sie bestätigte zunächst, was Einsichtige freilich schon 
seit längerer Zeit wußten: daß nämlich die Jugendbewegung 
ülS Sonderöewegung einen gewissen natürlichen Abschluß 
erreicht hat. War die Jugend früher nur Vorstufe des Alters 
und bloßes Objekt einer ihren Bedürfnissen nicht cngepaßten 
Erzichung gewesen, so wird heute, zum Teil infolge des von ihr 
geführten Kampfes, ihr Anspruch auf Eigengeltung nahezu all 
gemein anerkarmt. Nach der Loslösung von den sie an ihrem 
Eigensein hindernden Mächten erwächst nun für sie die Ver 
pflichtung, das Errungene zu befestigen und sich irgendwie dem 
Ganzen des Lebens wieder einzugliedern. Spürbar 
wird diese Verpflichtung zumal der aus der Jugendbewegung 
hervorgegangenen älteren Generation. Sie fühlt, daß es nicht 
genügt, sich abseits von der nüchternen Lebenswirklich- 
krit eine kleine romantische Oase der Freiheit geschaffen zu 
haben, daß vielmehr gegenwärtig vor allem die Frage nach dem 
Sinn der Freiheit eine Antwort erheischt. Aus dem Stadium 
negativer Abmrhr ist so die Bewegung in ein Stadium getre 
ten, das positiver Meisterung der Wirklichkeit gilt, und hört 
eben damit auf, bloße Jugendbewegung Zu sein. Ueberall, wo sie 
bei ihrem Streben nach Einordnung mit dem konkreten Leben 
in Berührung kommt, stößt sie auf Fragen, die gar nicht Fra 
gen der Jugend allein, sondern solche der ganzen Volks 
gemeinschaft sind. Kein Wunder, daß über dem Ringen mit 
diesen pädagogischen, sozialen, kulturellen, politischen Proble 
men die sich entwickelnde Bewegung ihren ursprünglichen 
Charakter veAoren hat. Dir vielen Spaltungen, die heute 
innerhalb der Jugendbewegung herrschen, entsprechen ungefähr 
den weltanschaulichen Spaltungen und Parieiungen innerhalb 
des gesamten Volkskörpers, woraus Zur Genüge hervorgeht, daß 
das, was heute Jugendbewegung heißt, nicht eigentlich mehr 
ein Drängen und Wollen ist, das lediglich die Jugend als Ju 
gend betrifft sondern ein Kampf geistige Mächte, der unter! 
anderem auch in den Kreisen der Jugend ausgesuchten wird 
und dadurch allerdings seine besondere Färbung erhält. Das 
ist auch lo durchaus in Ordnung, denn die Jugend kann sich 
auf die Dauer nicht vom Volksganzen absperren Wenn sie sich 
aber nsrmalerweise in das. allgemeine Leben einzufügen sucht, 
so versteht es sich wiederum von selber, daß sie dann nicht mehr 
geschloffen als Partei der Jugend aufzutreten vermag. 
Pfarrer Dr Wilhelm Stählin (Nürnberg), dessen 
Vertrag den Auftakt der Woche bildete, führte sogleich durch 
seine scharfe, aber von inniger Liebe zu*- Jugend beseelte 
KrM an den Ausartungen der Jugendbewegung mitten in 
die schwerwiegende ProdLernatik unserer geistigen Gesamt- 
lage hinein. Seine Rede glich einer Zwiesprache des 
Erstellung von Neubauten'zu Zwingen, sowie auch Industrielle 
ßur Schaffung von Arbeiterwohnungen Zu veranlassen. Diese 
Maßnahmen erschienen dem Stadtv. Lang (Komm.) nicht durch« 
greifend genug; er beantragte statt dessen Unterstützung der 
„Bauhütte" durch den Magistrat und fernerhin Kommunaliste- 
rung der Baubetriebe. Stadtv. Bouveret (Dem.) forderte, 
daß die Baukostenzuschüsse nur an ortsansässige Handwerker ver 
geben Werden. Stadtrat Dr. Landmann betonte, daß Frank 
furt iübezug auf die Neubautätigkeit nicht zurückstehe, und hob 
als entscheidende Tatsache hervor, daß die Stadt nur mit den 
Bauzuschüssen arbeiten könne, die Gr von Berlin aus über- 
wiesen werden. Diese Zuschüsse sind nicht so hoch wie die in 
anderen Ländern bercitgrstellten Mittel. Von ihrer Höhe aber, 
die wiederum an die Wohnungsabgabe geknüpft sei, hänge haupt 
sächlich die zukünftige Neubautätigkeit ab. Die beiden Vorlagen, 
betreffend Beihilfen zum Wohnungsbau und Gewährung von 
Prämien füx freigemacht-e Wohnungen, gingen an den Hochbau 
ausschuß. 
Zur Beteiligung der Stadt an dem Rhein-Main 
Donau-Kanal führte Stadtv. Fleischer (Lib.) aus, daß 
die Rentabilität des. Unternehmens genügend gesichert seich 
Stadtv. Plewe (Unabh.) machte verschiedene Bedenken gegen 
das Projekt geltend und beantragte Verweisung der Vorlage 
an den wirtschaftspolitischen Ausschuß. Stadtrat Dr. Land 
mann bob ihm gegenüber den gemeinwirtschaftlichen Charak 
ter des Unternehmens hervor und empfahl Annahme der Vor 
lage. Diese ging an den Haupt- und wirtschaftspolitischen Aus 
schuß zurück. . . 
In einer Debatte über die durch den Magistrat erfolgte Ab 
lehnung des Beschlusses der Stadtverordneten - Versammle 
einen Betrag zu Gunsten der notleidenden Russen zu 
Lewilliarn, gaben die Stadtv. Plewe (Unabh.) und Lang 
(Komm.) der Entrüstung ihrer Fraktionsfreunde über die neuer 
liche Magistratsentscheidung Ausdruck. Oberbürgermeister Voigt 
begründete diese Entscheidung damit, daß die Not in Deuts^ 
land selber die beantragte Unterstützung der Russen unmöglich 
mache. Die Unterstellung des Stadtv. Plewe, daß der Magistrat 
sich von politischen Motiven habe leiten lassen, wies er energisch 
zurück. Gegenüber den Ausführungen des Stadtv. Lang er 
klärte er, daß der Magistrat nur seine verfassungsmäßigen Rechte 
ausgeübt habe. Stadtv. Heißwolf (Soz.) bedauerte eben 
falls den Mamstratsbeschluß und nahm ihn zum Anlaß., auf 
schnelle Durchführung des neuen Gemeindeverfassungsgeletzes 
zu dringen. Pros. Dessauer (Zentr.) schloß sich namens 
seiner Vartei aus menschlichen und politischen Gründen dem 
Bedauern über den Entscheid an und bat um nochmalige Prü 
fung des Antrags. In der Abstimmung wurde em Antrag 
L^ng auf Erneuerung des Beschlusses der SLadtverordneten- 
Versammlung angenommen. Das Mißtrauensvotum fand AL- 
^Die^Vorlage über die Herausgabe eines stLdN 
meindeblattes wurde nach längerer Debatte dem Aemsten- 
Ausschuß überwiesm. 
Die Kartssfelversorgung. 
Stadtv. Frau Fürth (S°z.) begründete einen Antrag ihrer 
Fraktion, den Magistrat zu ersuchen, zur Milderung der Rot der 
minderdMittelten Bevölkerung geergne e Maßnahmen^ zu trchen. 
Der Antrag fordert u. a. Erhöhung der Wmterhechrlfe, Verein 
barungen niit dem Kartosfelgroßhandel, Eindeckung der StM 
den ab'olut notwendigen Lebensmitteln und schärfste Anwendung 
des Wuchergesehes. Stadtv. Lton (lib.) erklärte, daß ferne Frak 
tion mit gewissen Aenderungen den Antrag in seiner Tendenz 
unterstütze. Sein Vorschlag sei, der Magistrat solle ber allen Le 
bensmitteln wie auch beim Heizbedars freie Vereinbarungen treffen 
und die KEsiionierung auf den gesamten LevenSmittelhandet 
ausdchnen. Wie Stadtrat Dr. Schmude betonte, hat sich die! 
Kartosselversorgung in der letzten Zeit erheblich gebessert. Er-! 
schwerend auf die Zufuhr wird freilich der Frastemtrüt und dre 
Vreissteigerung durch die Ausläufer wirken, ^rn ganzen schloß er 
M namens des Magistrats dem Antrag in seinem Gesamttenor an 
und versicherte, den Anregungen entsprechen zu wollen. Nach Aus- 
Mbrunmn des EÜabv. Lang (Komm.), bem Animg mchl 
weit genug geht, hob Stadtv. Goldschmi-t (Dem.) u. a. her 
vor daß das Publikum selber durch seine Angstkäufe einen guten 
Teil der Schuld an dem Empsrschnellen der Preise an der „Valuta 
kartoffel" trage. Die demokratische Fraktion sei mit dem Antrag 
unter dem Vorbehalt einverstanden, daß der Magistrat nicht ohne 
äußerste Not zur Bewirtschaftung von Lebensrnitteln schreite. Die 
unter dem Vorsitz von Stadtv. SZmakowski (Zentr.) vorge- 
uommene Abstimmung ergab einstimmig Annahme des Antrags 
mit den Abänderungsvorschlägen Lwn, für die sich in ihrem Schluß 
wort auch Stadtv. Frau Fürth (SgZ.) erklärte. 
Dem von uns auszugsweise schon veröffentlichten Bericht des 
Hauptausschusses über die Einführung neuer Steuern 
und Gebühren (Berichterstatter Landgrebe) folgte zu 
. später Stunde noch eine Debatte. Stadtv. Lion (lib.) bean- z 
tragte Erhebung darüber, ob Erhöhung der Wertzuwachssteuer bei - 
GrundstücksveMufen an Ausländer möglich ist, und forderte Er 
hebung der Gebühren nach den reinen Mieten. Gegen die erste 
Anregung des Stcdw. Lion sprach sich Stadtv. Dr. Heilörunn 
(Dem.) aus, der im übrigen beantragte, daß bei Verkäufen vor 
dem November s1921 die Steuern nach den alten Sätzen Zu Le- 
mefsen seien. Nach Ausführungen des Stadtv. Wagner (Mit 
telstand). der u. a. eine Erhöhung der Wertzuwachssteuer und die 
Schaufensterswuer ablebnte, befürwortete Stadtrat Dr. Langer 
die S ch a u f e n st e r ste u e r, die Bewilligung der von dem Vor 
redner gerügten Steuern, wandle sich gegen jede Beschränkung der 
vorgeschlagenm Gebühren und kündigte bereits eine neue Steuer 
vorlage an. Die Anträge des Hauptausschusses mit den Anträgen 
Lwn und Heilörunn wurden angenommen, dH Vorlage über die 
S ch a u f e nst e r b est r u e r u n g ging an Best HauptauZschuß. 
--- l„Goctho als Nrbckter und Sammler.Im UMm-« 
einer Vortmgsfolge über Goethe, die zum Besten des F r s «k. 
furter Goethe - Mus eums von dsr Log- „Carl zum Lini»e!'. 
berg" veiansialtet wird, entwarf dieser Tage Geh.-Rat Dr. W. vsn 
Oettingen ein anschauliches Bild von Goethes ArbeitStech Ä 
und Sammlertätigkelt. Seins Rede, die von einem echt hinnsrs« 
Geist durchweht war, geleitete die Hörer durch daS ganze Leben des 
LrchterS. Schon von Anbeginn an, so führte der Vortragende suZ, 
hat Goethe im elterlichen Hause das Arbeiten gelernt und fick über- 
dres an das ihni später unentbehrliche Diktieren gewöhnt. Besonders 
bezeichnend für feine Arbeitsweise war es, das; er bei allem, was 
immer er tat, auk unmittelbare Berührung mit den Dingen ssl'ü ?, 
drang. Als Staatsbeamter etwa regierte er nickt vom grüne« Tb-b 
aus, sondern überzeugte sich durch persönliche Anschauung von dem 
Stand auch noch der kleinsten Angelegenheit. Fleiß. OrdnunMiebe 
und unermüdliche Kleinarbeit ermöglichten es ihm, als Leiter tz-r 
wissenschaftlichen Anstalten und als Theaterdirekwr die ihm unter-' 
stellten Institute auf eine früher nicht erreicht- Höhe zu bringe«, 
-ein- dichterische Arbeitstätigkeit vollzog fich, wie der Rrdn-Z nn 
! einer Reihe von Beispielen nachwres, auf ganz verscknedenc LS- 
-Bald entsprangen seine Werke in sogleich vollkommenem Lust^d 
genialischer Einfalt, bald reiften sie dank, wiederholter DearbertAU« 
der uifprürglichen Entwürfe langfam und wohl auch sprunabatt 
, heran. Die Technik eigener Beobachtung bewährte sich zumal a"k 
!dcm Gebiete der Naturwissenschaften und der Sunstbetrachluna. 
Wohl begreiflich, daß das Sammeln bei Goethe unmittelbar mit 
I seiner besonderen Arbeitsweise verknüpft war. Seine Kunstlamwinu- 
igsn allein umfaßten ungefähr MOOO Gegenstände, die er te'ls an 
Hand von Katalogen bestellte, teils durch Agenten bei NEonEn 
.erwerben ließ. Sammclprinzip war bei ihm nicht die VoLns-ü:" 
reit, sondern Auslese des künstlerisch Wesentlichen. Jedes 
dieser oft vorgezeigren und zum Studium verwandten Sammkww-m 
hatte für ihn, fs hob der Redner am Schlüsse noch hervor nach 
seinen eigenen Wonen eins unersetzliche Bedeutung. ' Nr
        <pb n="54" />
        Döensch erstehe! 
Le. 
deutschen Geistes nüt sich selber, ste galt letzten Endes nicht 
nur der Jugend, sondern einer in unserem Volk verbreiteten 
Denkweise überhaupt. Wohl der wichtigste Teil seiner Dar 
legungen betraf das Verhältnis des Einzelnen zur Gemein 
schaft. Mit allem Mchdruck hob er hervor, daß der in der 
Jugendbewegung noch vielfach herrschende Hang zur Form 
losigkeit und das Vertrauen auf die gute Gesinnung des auto 
nomen Ichs niemals Zu wirkliche Volksgemeinschaft führen 
rönne. Damit dies-e Heraufwachse, bedarf es nach ihm vielmehr 
eines neuen Willens zur Form, der sich zur Anerken 
nung übermdividueller Bindungen und Gestaltungen versteht. 
Echte Gemeinschaft hat ihren Schwerpunkt nicht im Subjekt, 
sondern jenseits des Subjekts, ste fordert von dem Einzelnen 
Dienst und Achtung vor dem Volksganzen. Stähling geißelte 
euch jenen schwärmerischen, gefühlsseligen Idealismus, der 
verantwortungslos die gegebene Wirklichkeit überfliegt. Ein 
dringlich ermähnte er die Jugend dazu, das Kreuz wirk 
licher Arbeit auf sich zu nehmen, und warnte ste in nicht 
Minder klugen Worten vor prinzipieller Ablehnung und Ent 
wertung jeglicher Autorität. Aus seiner Rede llang die ganze 
Sehnsucht des deutschen Geistes nach GeMtwerdung und Bän 
digung heraus. 
Wie wenig überflüssig Hz war, daß SLählin. so manche be 
denkliche Erscheinungen, die sich in der Jugend zeigen, offen 
enthüllte und einsichtsvoll verwarf, bewiesen die Ausführun 
gen von Eberhard Arnold. Seine überschwängliche Lob 
preisung des „Lebens" und jaulender Lebensfreude mutete 
recht unlebendig an, denn ste beschwor nochmals das vec- 
floffne Stadium der Jugendbewegung herauf. Dieser hochge 
spannte Hymnus auf die Jugend, die Leben ersehnt, das bleibt 
und nicht stirbt, die nach mystischer Einheit ihres Innersten 
mit dm Weltkern drängt und über alles Emengende hinweg in 
allumfassender Liebe wahrer Gemeinschaft zustreöt, verriet nicht 
im mindesten, daß auch die Jugend dem Gesetz des schlich 
ten Werktags untersteht und daß auch ihr die An 
erkennung der konkreten, nicht allein vom schöpferischen Ich aus 
gestaltbaren Wirklichkeit zm Pflicht, wird. Wenn man nicht 
wüßte, wie gut es um die Neuwerk-Bewegung bestellt ist, der 
Arnold angehört, aus seiner allzu dithyrambischen, recht eigent 
lich lebensfremden Leöensphilosophie hätte man es nicht er 
kannt. Gewiß, seine Worte waren von Wanne erfüllt, aber 
was vermochten sie einer Jugend zu geben, die nachgerade des 
Rausches der Worte müde Zu werden beginnt? Es zeugte 
nur von dem gesunden Sinn dieser Jugend, daß ste bei aller 
Achtung vor Arnold doch in der Aussprache seine Darlegungen, 
gestützt auf die von Stählin vorgebmchten Argumente, größten 
teils ablehnte. 
Das in der Rede Stählins verhältnismäßig leise angeschla 
gene Motiv, daß das Heil der Jugend an die Eingliederung 
in das Volksganze geknüpft sei, wurde von Wilhelm Stapel 
(Hamburg), einem Führer der „I u n g de u t s e n", breiter 
ausaesponnen. Den festen Halt, der heute von vielen, am 
stärksten vielleicht von der Jugend, gesucht wird, schenkt nach 
ihm daS Gefühl der Zugehörigkeit zur Volkheit. Das Volk ist 
für ihn eine „Idee Gottes"; es bildet gleichsam den letzten 
RMgrund jedweden geistigen Geschehens. Von seinem deutsch 
völkischen Standpunkt aus übte dieser gemütstiefe Lutheraner 
Kritik ander westlichen Demokratie, die ihm nicht recht unserem 
Wesen angemessen dünkt, weil ste zu wenig die natürliche Glie 
derung des Volkes berücksichtige. Was das Verhältnis der 
Teutschen zu den Juden anöettifft, so betonte Stapel Zwar, daß 
zwischen ihnen Verschiedenheiten bestünden, die auf Rassen- 
eipentüwllchkeiLen beruhten, aber er wünscht nicht, daß daraus 
politische Konsequenzen gezogen würden — eine Stellungnahme, 
die ihm, nebenbei bemerkt, von antisemitischer Seite schon den 
Vorwnrs der Lauheit zuaezogen hat. Seine Rede war rm gro 
ßen und ganzen eine einzige Ermahnung an die Jugend, ihre 
Deutschheit intensiver zu empfinden als bisher und durch Auf 
gehen in dem Volk stch gegen entwurzelnde äußere Einflüsse 
gleichsam immun Zu machen. Die Echtheit und Vornehmheit 
der Gesinnung Stapels benimmt den mancherlei Einwänden, 
die gegen seine Gedanken zu erheben sind, den Stachel. Eines 
,muß immerhin gesagt werden: so grundwichtig auch die tief 
innere Verbundenheit mit der Schicksalsgemeinschast des Vol 
kes ist, sie gewährt doch den ersehnten Halt nur dann, wenn 
über dem Volke ein hoher Sinn waltet, der seine Glieder mit 
einander verknüpft Niemand w'rd angesichts unserer Zerris 
senheit leugnen können, daß ein solcher Sinn heute fehlt. Wie 
«aber soll man in dem Volk allein sicher wurzeln ohne den Logos, 
der es in Wahrheit allererst erschafft? 
Die katholische Jugend, für die Pfarrer Weidner 
fFrankfurt) sprach, hat in gewissem Sinn den Logos Zu e.gen, 
sie bleibt darum vor manchen Verirrungen der sreideutschen 
Jugend bewahrt, die einem hemmungslosen Subjektivismus ent 
springen. Weidner gab einen Ueberblick über die katholischen 
Jugendbewegungen, die sich erst im Anschluß an die freideutsche 
BewtMyg zögernd entwickelt haben, und leitete ihre besondere 
Art aus dem Wesen des katholischen Glaubens ab, dem sich die 
Jugend mit neu erwachter Religiosität zuwendet. Seiner weit 
gehenden Uebereinstimmung mit Stählin verlieh er sreuvigen 
Aufdruck, wie er überhaupt die Gemeinsamkeiten betonte, die 
zwischen der katholischen und der übrigen Jugend bestehen. 
Die Unterschiede lassen stch freilich trotz alledem nicht ver 
wischen. Was der Protestant vom Subjekt her sucht und etwa 
im Bekenntnis zum völkischen Jdesl zu finden glaubt, ist dem 
Katholiken als objektive Heilswahrheit gegeben. In dankens 
werter Weise schilderte Weidner auch ausführlich, wie Innerhalb 
der katholischen Bewegung gewisse Probleme (so z. B. das Ver 
hältnis der Geschlechter zueinander oder das Verhältnis Zur 
WutoriM), die sich nun einmal aus dem Zusammenprall 
jugendlicher Bedürfnisse mit der vorhandenen Wirklichkeit aller 
orten ergeben, ihre Lösung finden. Ein feiner Zug von vielen 
Mg Per.verZrichU.et werden: Die QuMomer sind' der Ansicht, 
daß das „Du" erst verdient werden muß, und haben darum be 
schlossen, sich im allgemeinen mit »Ihr" anZureden. 
Mit der Gedankenwelt der Arbeiterjugeno machte 
ein ausgezeichneter Vortrag von Johannes Schult (Ham 
burg) vertraut. Als diese Jugend stch zu Anfang unseres 
Jahrhunderts Zu verselbständigen begann, bemächtigte sich ihrer 
zunächst die behördliche Jugendpflege; die eigentliche koslöfung 
von den übergeordneten Gewalten in Schule und Haus gelang 
in größerem Umfange erst seit der Revolution. Wie Schult 
hervorhob, wurde dieser Kampf um die Anerkennung jugend 
licher Rechte aus triftigen Gründen lange nicht mit der glei 
chen Schärfe wie tm bürgerlichen Lager geführt. Daß die Ge- 
werkschastsorgamsati^ aus den Arbeiterjugendverbänden eine 
Art von Rekrutenschulen zu machen suchten., darf we'.irr nicht 
Wunder nehmen; wie sich aber die katholische Jugend der allzu 
viel organisierenden Kapläne zu erwehren wußte, so verstand es 
auch die Arbeiterjugend, stch von der Bevormundung zu be 
freien, die von den Sekretären und Funktionären ausging In 
vielem geht ste heute mit der bürgerlichen Jugend zusammen: 
ste betreibt körperliche Uebungen (keinen „Sport"!), gibt sich 
der Sehnsucht nach Romantik hm und erlebt auf ihren Wander 
fahrten das Glück nahverbundener Gemeinschaft. Und «den 
noch bedeutet das alles nicht ganz genau dasselbe wie bei der 
übrigen Jugend, es sind Unterschiede vorhanden, die sich nicht 
ohne weiteres ausheben lassen. Die entseelende FabMätigkeiL 
weckt in den jungen Arbeitern Empörung gegen die soziale Un 
gerechtigkeit, Heäunft und Schicksal schmieden aus ihnen be 
geisterte Anhänger des Sozialismus. Das sozialistische Be 
kenntnis aber verknüpft ste eng mit der Partei, macht ste poli 
tisch aktiv und gewährt ihnen einen sachlich gegrün 
deten Zusammenhalt. Und nun beachte man wohl: 
Diese Jungsozialisten find keine Marxisten mehr. 
In ihrem jugendlichen Idealismus lehnen sie stch, wie 
Schult überzeugend nachwies, gegen die selber dem kapitalisti 
schen Geist entwachsene Formel von der „Vergesellschaftung 
der Produktionsmittel" auf und bekämpfen die materialistische 
Weltanschauung. Sozialismus ist ihnen eine Angelegenheit 
des Herzens, er muß im Menscheninnem hevanreisen, dmwt er 
äußere Wirklichkeit werde. 
Wenn derart die Vorträge bezeugten, daß die Bewegungen 
der Jugend annähernd gemäß den das ganze Volk durch 
ziehenden Geistesströnmngen verlaufen, so offenbarten ste doch 
nicht minder die tiefe Sehnsucht nach Ueberbrückung der Gegen 
sätze. Und wie sollte es auch anders sein? Jugend ist Hinweis 
auf die Zukunft, und wer immer in unserer Zeit der Zerklüf 
tung mit der Jugend in Berührung tritt, um auf sie einzuwirken, 
senkt unwillkürlich den Traum künftiger Einheit in ste ein. 
Unterschiede mildem sich bei dieser Berührung, scharfe Konturen 
schleifen sich ab. In allen Reden schwang denn auch ein ver 
söhnlicher Grundton mit, kaum einer der Sprecher unterließ es, 
auf kommende Gemeinsamkeit hinZudrängen. Laßt uns bald 
einmal das ganze Modell zusammenklappen, so ungefähr sagte 
Pfarrer Weidner, nachdem er jede der verschiedenen Jugend-- 
bewegunaen als wertvollen und notwendigen Ausdruck unseres 
Volksgeistes gewürdigt hatte, auf daß endlich der volle deutsche 
--- Christentum und Spengler. Im Vortragszyklus der. deutsch, 
evangelischen VollSvereinigung sprach am Montag Pros. WMy 
Lüttge &amp;lt;Äertin) vor einer stattlichen ÄuhörML-aft über da» 
Christentum in Spenglers „Untergang des Äbeno.anves. ^acy 
kurzer Schilderung jener apokalyptischen Zustimmung, 
seltsamem Gegensatz zur stegeSjicherm Gewrßheü de» DEsmus be 
findet und im übrigen nicht nur von Spengler allein »erwünscht wird 
ging der Redner zunächst auf den K u l t u r b e g r i &amp;gt; s Spenglers 
näher ein. Er begrüßte es. daß dieser, en.geg-n der aus Fram- 
reich stammenden und vom SozialrsmuZ auMgrrfftnen K 
aufchssung der bürgerlichen AuMrung, die wahre Freiheit nur 
in der Befreiung von der Religion erblickt und alles organisieren 
will Kultur als dm Ausdruck schicksalhaft sich enlwickemoen geisti 
gen Lebens begreift, als eine geschichtlich gewordene umsastende 
Einheit, deren Seele gleichsam zur Zeit ihrer höchsten Entfaltung 
die Religion isll Was die Entwicklung der Kultur be.n^t, 
so zerschlägt Spengler:, wie der Redner memt, den modernen 
Götzen des Fortschritts und behauptet statt dessen das Werden und 
Vergehen einer jeden Kultur. Als Gründe für Speng.ers G.au- 
ben an das Ende gerade unserer Kultur hob er die gegenwärtige 
Herrschaft der Technik und der Massen hervor. Zur Kritik 
der Gsschichisphilochphie Spenglers machte der Vortragende gtt- 
tend. daß die Werke der Wissenschaft und Kunst bleibende Werte 
in sich bergen, die den Wandel der Kulturen überdauern, —as 
Gleiche trifft auch für die verschiedenen Religionen zu, es gut zu 
mal «ür das Christentum. Dieses hat, wie der Redner, im Ge 
gensatz zu Spengler betonte, eine Reih- von Kulturen ersaßt und 
innerlich erfüllt/ es hat das im ersten Jahrtausend so gut getan 
wie auch späterhin und ist darum von dem Schicksal der Emzettm- 
turen unabhängig. Für seine Weiterdauer tpncht u. «. der starke 
angelsächsische Protestantismus, die Renaissance des KacholiPS-. 
nms und der Versuch eines internationalen, Zusammenscymnes 
der protestantischen Kirchen Vor allem aber ist die Zukunft des 
Christentums an unsere GraubrnSgewißheit, an den verantwor 
tungsvollen Einsatz unseres eigenm Wesens geknüpft.
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        LsiverfilSl «nd Geifteslebe». 
Von Dr S. Kraeauer. 
Die deutsche Universität ist heute, wie sich nicht gut mehr Leugnen 
laßt, an den Rand des geistigen Lebens der Nation abgerückt. Sie 
hat dem Volke in dieset Zeit der Not so gut wie keinen führenden 
Mann geschenkt, kaum ein großer und fruchtbringender Gedanke ist 
von ihr ausgegangen. Wenn sie auch auf dem Gebiete der exakten 
Naturwissenschaften und auf den verschiedensten Gebieten der 
Spezialforschung und der Technik die unbestrittene Vorherrschaft 
behauptet, in allen den Bereichen, die Fragen der Welt 
anschauung betreffen, versagt sie doch nahezu völlig So 
rühren z. B. die bedeutenderen, über das Fachinteresss hinaus 
rUchenden philosophischen Leistungen unserer Zeit sicherlich mehr 
als in früheren Epochen von Männern her, die außerhalb des 
UniversitätsbeLriebes stehen. Und man kann wahrlich nicht sagen, 
Laß etwa die Auseinandersetzung der Inhaber geisteswissenschast- 
Licher LehrsLühle mit dem Werke Spenglers einen allzu günstigen 
Eindruck von dem gegenwärtigen Stande der UmveMätsphilosophie 
erweckt hätte Natürlich soll nicht verkannt werden, daß auch an 
der Universität Denker von Rang wirken, deren Lehren 
die GeLsteshaltung breiter Schichten in dem einen oder anderen 
Sinne maßgebend beeinflussen. Aber — und das ist entscheidend — 
diese Lehrer und Forscher bestimmen nicht die geistige Verfassung 
der Universität selber, um die, als um einen fragwürdig gewordenen 
Gesamtorgamsmus, es sich hier allein handelt. 
, Die Gründe für das geradezu erschütternde Versagen der 
Universität liessen tief. Man rührt noch nicht einmal an sie, wenn 
ruan sie nur in der Unzulänglichkeit oder rückständigen Gesinnung 
einer Anzahl von Professoren sucht, wenn man sie rein in der 
augenblicklichen Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse und den 
aus ihr sich ergebenden Notwendigkeiten zu finden glaubt, wenn 
man überhaupt der Ansicht ist, es -sei ihnen lediglich durch 
organisatorische Maßnahmen schon erfolgreich zu begegnen. Wer 
so urteilt, dringt gar nicht bis zu ihnen selber vor, sondern bleibt 
bei ihren wkundär-m Auswirk^aen sieben D^e eigenttiche Schuld 
an dem Elend der Universität trägt der Verfall jener Welt 
anschauung, die vor mehr als hundert Jahren die Universität empsr- 
' getrieben und zur überragenden geistigen Einheit zusammen- 
gefchmoLzen hat. Verfolgt man die Entfaltung des deutschen 
in diesem Zeitraums, so wttd maneiner «ewigen 
( ntlastrmg der' Universität geführt. Weder darf man sie dafür 
mrantwortlich machen, daß im Verlaufe der Entwicklung die 
Prinzipien problematisch geworden sind, auf deren Grundlage sie sich 
erhebt, noch kann man ihr, streng genommen. Vorwerken, daß sie 
Licht von sich aus bereits einen Um- und Neubau au? anderen 
und besseren Fundamenten vollzogen bat Da die Universität nickt 
der . alleinige Quell des geistigen Lebens einer Natron, ja nicht 
einmal s^Mmer Ausfluß ist, wird man es jedenfalls schon von- 
vornherein begreiflich finden, daß ihr eigenstes Wesen wie ihre Be 
deutung für das Ganze des Daseins von Umständen abhängen mag, 
an deren Eintritt sie unschuldig ist. 
Als zu Beginn des 19 Jahrhunderts Fichte, Schelling, 
Schlerermacher, Hegel, W. v. Humboldt den heute noch Wtigen 
Typus der Universität schulen, war der nachkantishe deutsche 
Idealismus eine Lebensmachü die zum mindesten die 
ganze Mldrmgsschicht durchdrang. Aus dieser idealistischen 
GeistesrichLung, die, gesättigt von dem Pathos der Be 
freiungskriege, nicht nur als abseitige Philosophie, sondern 
als lebendige Gesinnung in den Menschen Wurzel ' gefaßt 
hatte, erwuchs die Universität als freie, wissenschaftliche An 
stalt; um der Freiheit der Lehre willen mußte sie sich, wie Eduard 
Sprang er in seiner 1913 erschienenen Broschüre: „Wandlungen 
im Wesen der Universität seit-hundert Jahren" hervorhebt, in 
politischer Hinsicht naturgemäß mit einem national gefärbten 
Liberalismus verbinden. So sehr auch die spekulativen Systems in 
jener Blütezeit der idealistischen Philosophie im einzelnen vonein 
ander abwiwen, sie teilten doch den Glauben an den Sieg der auto 
nomen Vernunft und an die höhere Einheit aller wissenschaftlichen 
Bestrebungen. Gewiß war also damals die Universität eine Pflege 
stätte freier Forschung, aber der WissenschafLsbegrifst auf 
dem sie beruhte, verlieh dieser Freiheit einen ganz bestimmten Sinn, 
er strahlte von einer Weltanschauung aus. die einfach deshalb den 
barmonUcken Aufammenklang der vomuZfetzunqSLos betriebenen 
Wissenschaften noch verkünden durste, weil äs iacto ihr Geist selber 
es war/ der alle Forscher gleichmäßig erfüllte und ihr Denken in an 
nähernd dieselben Bahnen zwang. 
Der Werdegang der Universität in der durch den Sieaeszug des 
Materialismus bedingten positiviskischen GeistesepoKe läßt sich an 
Hand der erwähnten Broschüre Sprangers vortrefflich verfolgen. 
Bedeutsamer als die Tatsache, daß sich die Universität immer mehr 
in erne B'ldnngsanstalt für Staatsbeamte verwandelte, ist die 
andere Tatsache, daß die Me'aphvsik sich von den Lehrkanzeln ver 
flüchtigte und die Pflege der exakten Naturwissenschaften so über 
! wucherte, daß die in ihnen herrschenden Denkmethoden sebr zum 
Unheil auch auf die GListeswiffenschasten Übergriffen. Was besagte 
in Wahrheit? ED besagt — und von hier an Liegt 
dieser Gedankengang von der Auffassung Sprangers ab — 
daß der die Einheit der Wissenschaften verbürgende und 
damit dre Universität tragende Weltanschauung - FdeaLis- 
mus mit infolge des Einflusses übermächtiger wirtschaft 
licher Entwicklung aLgedankt hatte Was übrig Sl'eb war 
anarchisches Spezialistentum voraussetzunaslss . zwar, aber eben 
deshalb auch ungeachtet Daß man sich diesen Wandel nicht ein- 
gestchsn wollte, daß man vielmehr hartnäckig an der Meinung fch- 
brelt, der Idealismus von ehedem unterbaue auch weiterhin das 
chaotisch gewordene Wissenschastsgetriebe. gehört zu den Mimmlten, 
heute lang^noch nich^überwundener^Selbsttäuschungen der Vor-- 
Irankturier Angelegenheiten. 
Rat füt künstterlsche Angelegenheiten. 
Gestern fand eine Vollversammlung des Rates für künst 
lerische Angelegenheiten stat:, die durch einen Bericht des Qb- 
rnatrnes Baum über die Tätigkeit des Rates im abgelausenen 
Sommerhal-chahr eingeleitet wurde. Der Referent hob zu Be 
ginn hervor, daß die Erfüllung der Kulturausgaben des Rats 
durch die nützliche Finanzlage der Stadt bsgreifUcherw&amp;lt;ise mehr 
und mehr erschwert wende. Im Verlauf seiner Ausführungen 
teilte er u. a. mit, datz der Rat, nicht immer ganz zu seiner 
Freude die Bildung der Theatergemeinden gefordert habe und 
erwähnte hierbei, daß die Thcaterleitung selbst sich mit der Absicht 
trage, die verschiedenen Gemeinden zu einer einzigen großen 
i Theatecgemeinde Zusammenzufassen, wie dies z. B. m 
/ Leipzig schon mit Erfolg geschahen sei. Hoffentlich gelinge es dann 
endlich auch inbezug auf die Theaterpreise Gleichberech 
tigung von Arbeiterschaft und Mittelstand zu 
erzielen. Was die Pflege des Städte bilds betrifft, so 
'haben die Bemühungen des Rats hie und da einen kleinen Er 
folg gezeitigt. Weder sei jedoch der Rat bisher mit seiner Forde- 
stmg eines Generalbcbauungsplanes durchgedrungen 
chch babe er trotz aller seiner AnstrmMngen die Verschandelung 
de§ schönen Platzes am Taunuslor durch das demnächst dort Zu 
errichtende Dankfmus verhindern können. Der Redner drückte bei 
dieser Gelegenheit den Wunsch aus, es mochten die städtebau 
lichen Fragen in Zukunft mehr vom künstlerischen Standpunkt aus 
angrpackt werden. Im Abschluß an seine Erörterungen, die 
noch die schwebenden Verhandlungen über die Zusammenlegung 
der Kunstschulen und Fragen der Musikpflege berührten, wurde 
nach kurzer Aussprache eine den zuständigen Behörden und vor 
allem dem Polizeipräsidium zu übermittelnde Resolution 
gefaßt, in der dre Versammlung Protest gegen die durch den 
Vankneuöau am Taunustor zweifellos herbeigeführte 
Verunstaltung d^s Siädtebildcs erhebt 
ReLtSanwalt Dr. Eisner berichtete sodann über die Zukünf 
tige Gestaltung der Vergnügung § steuer, die gemäß den 
vom Reichsrat beschlossenen neuen Mantclbestinrmungen erfolgen 
soll. Diele Bestimmungen, die für Frankfurt ab 15. Dezember 
in Kraft treten, sehen gegenüber der bisher in Fransurt üblichen 
Besteuerung gewisse Erleichterungen vor. Veranstaltungen, 
die ausschließlich der Jugendpflege und Volksbildung 
dienen, sind steuerfrei; auch kann bei künstlerisch hochwertigen und 
zugleich volksöildenden Darbietungen Ermäßigung bis Zur Hälfte 
gewährt werden. Der Rat wird im Interesse der Künstler und 
des Publikums dafür Zu sorgen haben, daß die Stadt nun auch 
wirklich die ihr durch die neuen Bestimmungen gezogenen Gren 
zen einhält. Herr Baum beZe'chnet&amp;gt;s cs als einen ^Kultur- 
skandal". daß die Stadt das so schwer bedrängte Hoch stift mit 
32 000 Mark besteuere, und gedachte des Bedauerns weiter Kreist 
über solche Diskreditierung einer Kultureinrichtung. 
A-s letzter Redner erstattete Herr Fronemann über die 
Tätigkeit des Ra^s im Dienste der Jugendpflege Bericht. Nachdem 
er mttgetM hatte, daß der Kampf gegen die Schundlitera 
tur in Zukunft gemeinsam mit dem „Jugendring" geführt werden 
solle, besprach er eine bevorstehende Verfügung, die eine Rege 
lung des Kinobesuchs Jugendlicher durch ein-n Ausschuß im 
JuFendamL Vorstehhund einen anderen Ausschuß Zu positiver Be 
handlung der ganzen Kinosrage ermächtigt. Zum Schluß.wies bö 
Redner auf die erfreulichen Erfolge der Vereinigung: K u n s 
und Jugend hin, deren Veranstaltungen bcrsiis in vielen ar^ 
deren .Städten Nachahmung finden, und erörterte das Programm 
'für das nächste Quartal, das dank der von einem Freund bei 
Jugend gewährten geldlichen Unterstützung auch gute Thcaterau^ 
führmMn durch die städtischen Bühnen in sich begreift. Die Bev 
samMmg betraute dm Referenten mit dcr Abfassung eimr Ne- 
solulion, in der baldiger Erlaß der die Kmofrügr erledigendes 
VerfÜMg gefordert wird. *
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        Von Dr. Siegfried Krasemeru 
Ernst WegaM- Verlag, Leipzigs 1913 
Philosophie" will nun 
Scheler u. a. das eigentümliche Wesen des naturlich-relM 
Aktes sowie das Wesen des ihm Zugeordneten Gegenstands 
gebietes objektiv herausarbeiten und gleichzeitig Gesetze des 
religiös Richtigen und Falschen entwickeln. Wenn die 
schulreform ist un ¬ 
bedingt wertvoll und notwendig, solange man sich mit ihr nicht gegen 
gegenwärtigen geistigen Situation mit einer gewissen Not 
wendigkeit entspringt. 
Zunächst einige Begriffsbestimmungen, die für die folgenden 
Ausführungen unerläßlich sind! Scheler unterscheidet zwischen 
positiver und „natürlicher" Religion und versteht unter dieser 
die naive Gotteserkenntnis, die jeder vernunftbegabte Mensch 
auf Grund des religiösen Aktes zu jeder Zeit erwerben kann 
die Jdes der Universität versündigt und nicht der verkehrten Ansicht 
huldigt, durch Umorgcmisation allein ließen sich Wandlungen er 
zielen, zu denen man erst im Stillen heranreifen muß. Gerade auf 
dem Gebiete des Geistes kann man nur verhältnismäßig wenig 
..machen" Vergegenwärtigt man sich recht, daß in dieser Zeit der 
Vorbereitung die Universität das Schicksal, ein Notbehelf zu sein, 
mit beinahe allen Gshildm des Daseins teilt, hält man sich ferner 
vor Augen, daß ihre Zukunft nicht ausschließlich von den Vorgängen 
innerhalb ihres BaNnbereiches selber, sondern in erster Linie von, 
der Entwicklung unseres gesamten geistigen Lebens ab- 
hängt, so wird man lernen, dsn Kampf für ihre Neugestaltung mit 
dem nötigen Weitblick und ein wenig Geduld zu führen und ange-- 
sichts des zunächst dem Willen Unerreichbaren sich zu bescheiden, 
ohus deshalb in dsr Bemühung UM das Erreichbare irgendwie 
nachzulassen. 
die heutige UmversiW, sondern die „Universität" als solche an und 
möchte letzten Endes an ihre Stelle die als UüiverWtssrsatz gänz 
lich ungeeignete Volkshochschule setzen. 
Folgt nun aus alledem, daß man die Hände m dsn Schoß legen 
soll? Mit Nichten! An konkreter, wahrlich nicht zu Unterschußender 
Kleinarbeit bleibt genug zu tun, und auch H 
VK „Schriften zm'Kulturpolitik". — .Ueber den Nutzen 
der Universitäten für die VoWgesam-Heit und die Möglichkeit ihrer 
Reformation/ Jena, Eugen Diedmchs, 1920, - 
Religion durch die „natürliche Offenbarung", die im 
Gegensatz zu spontaner Erkenntnis die im natürlich-religiosLn 
M erfahrbare SelbstmitLeilung von WesensLatsachen ist, also 
nicht gleich der positiven Offenbarung sich an Sein und Lehre 
bestimmter Personen knüpft. 
Bei der Erörterung des Begriffs der natürlichen Religion 
Zeigen sich nun schon jene verhängnisvollen Unklarheiten, die 
das ganze Buch durchziehen. Einmal nämlich eMpfäWt man 
den Eindruck, als ob Scheler eine allen Menschen gemeinsame 
natürliche Religion annehme, das andere Ma! wird erklärt, daß 
die „natürliche Religion in allen Religionen" von der 
jeweiligen natürlich-geschichtlichen Weltanschauungsform aü-^ 
hänge, d. h. doch wohl innerhalb der verschiedenen Kulturkreise 
verschieden geartet sei. Es leuchtet ein, daß im Zweiten Fall 
von einer allgemeingültigen natürlichen Religion nicht mehr 
die Rede sein bann. 
Setzt man sich über dieses befremdende Schwanken vorerst 
hinweg, so wird man weiter zu fragen haben, in welcher Be 
ziehung die natürliche Gotteserkenntnis Zu den auf meta 
physischem Wege erworbenen Einsichten steht. In systema 
tischen, an sich äußerst verdienstlichen Untersuchungen kritisiert 
Sheler die verschiedenen Bestimmungen, die in der Geschichte 
unseres Denkens hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Philo 
sophie und Religion getroffen worden sind und gelangt selber 
zu einer scharfen Abgrenzung der metaphysischen Vernunft 
erkenntnisse von den im natürlich-religiösen Akt zu gewinnenden 
religiösen Erkenntnissen, einer Abgrenzung, die allerdings auch, 
aus hier nicht zu erörternden Gründen, recht bedenklich erscheint. 
Philosophie und Religion stellen nach ihm zwei durchaus selbst- 
ständige, gleichberechtigte Mbereiche dar, die in keiner Weiss 
aus einander abgeleitet werden dürfen. Die Aufgabe, die 
diesen beiden getrennten Sphären entfließenden Erkenntnisse 
jeweils Zur höheren Einheit zusammenZuwsben, wird der 
„natürlichen Theologie" zugewiesen, die hiermit endlich in 
Aktion tritt. 
kriegszeit. Hatte früher ein naiver, verhältnismäßig lebensnaher 
Idealismus die Einheit der Universität erzeugt, so mußte jetzt ein 
Llutleemr, rein theoretischer Idealismus^ (der freilich dem echten, 
klassischen Idealismus denknotwendig entsprang, aber nicht dieselbe 
LeLensbedeutung besaß) die verloren gegangene Einheit vortäüschen. 
Was einstens tragende Weltanschauung gewesen war, verwandelte 
sich in einen fadenscheinigen ideologischen Ueberbau. 
Aus dem Zerfall ursprünglicher Einheit, der sich natürlich auf 
die ganze BildungswelL erstreckte, den Begriff der Bildung über 
haupt fragwürdig machte und durch eine den Spezialwissenschaften 
nachhirckende Philosophie höchst mangelhaft verschleiert wurde, er 
klärt sich indessen noch nicht hinreichend die gegenwärtig nur mehr 
provinzielle Bedeutung der Universität im Reiche des Geistes. Man 
versteht diese Wendung erst, wenn man in Rücksicht zieht, wie sehr 
sich der Schwerpunkt unseres geistigen Lebens seit der Welt 
katastrophe offenkundig verschoben hat. Im stillen schon längst vor 
bereitet, ist der Aufstand des wieder religiös bedürftigen Menschen 
gegen das seelenlose Maschinenzeitalter und die ihm entsprechende - 
positivistische Wissenschaft erfolgt. Der Idealismus selber, der doch 
die Grundvoraussetzung unserer modernen Universität bildet, wird 
von einer nicht mehr auf die Selbstherrlichkeit der Vernunft ver 
trauenden Menschheit in seiner Bedingtheit und Problematik emp 
funden, der Wert des Wissens an sich wird von einer Jugend, die 
sich vor allem nach Glaubsnserneuerung sehnt, aus einem leider viel 
fach allzu überschwenglichen AnLi-JntellekuLalismuS heraus ange 
zweifelt. Darf man aber erwarten, daß die Universität Bedürfnisse 
befriedigt, die sie gemäß ihrer innersten Natur gar nicht befriedigen 
kann? Daß sie sich ohne weiteres in einem Sinne wandelt, der ihrem 
bisherigen Aufbauprinzip stracks zuwiderläuft? Man begreife end 
lich, daß die heute bewußt oder unbewußt erhobene Forderung 
einer Neubegrenzung leerschwingenden Wissensdranges durch die 
Bannkrast religiösen Glaubens und neuen Menschentums im Kerns 
den idealistischen Wissenschaftsbegriff verneint und derart sich nicht 
nur geg-n einzene an dsr Universität herrschende Uebelstände 
richtet, sondern deren Fundamente selber ins Wanken bringt. Die 
politisch reaktionäre Haltung so vieler Dozenten entspringt sicherlich 
mm guten Teile dem unausgesprochenen Wunsche nach (künstlicher) 
Wiederbssestigung jener Weltanschauung, an die, als an eine un 
erläßliche Bedingung, ihr wissenschaftliches Wirken wie der^ Be 
stand der heutigen Universität geknüpft, ist 
Die Frage steigt allerorten auf. was zu geschehen hat, damit die' 
Universität aufs neue zum Mittelpunkt des geistigen/Lebens 
werde Man sollte vielleicht zunächst besser fragen« ob überhaupt 
in solcher Absicht allzu viel geschehen kann. Der an sich nicht ein- . 
wsndfreie Man einer Gründung von „WeLtanscha u ungs - 
Universitäten" zur Rettung entschwundener Einheit, von 
dem rMrmd des Krieges ein bekannter Professor der Philosophie 
dem Verfasser dieser Zeilen berichtete, ist durch die Zeitereignisse 
wohl überholt. Ashnliches gilt auch für den kürzlich aufgetauchtsn 
Vorschlag einer «H umänist LrÄeKFakultLt", der ja nahezu 
einstimmig Ablehnung gefunden hat. Diese Fakultät wäre bei der 
gegenwärtigen Zerklüftung unseres Geisteslebens schon von Anbe 
ginn an eine Totgeburt gewesen, unfähig dazu, auf Grund brüchiger 
Fundaments das Chaos durch einen neuen Sinn zu üöerhöhen; 
vermutlich hätte sie sich zu einem Tummelplatz für Dozenten mit 
Literarischen Ambitionen erweitert. Die Sehnsucht nach einer Vet- 
lebendigung lebensfremden Mssenschaftsbetriebes, nach einer Ein 
beziehung der Universität in die Gebundenheit volklichen Lebens hat 
auch nicht selten zur fälschlichen Gleichsetzung der Ziele einer 
Volkshochschule mit denen der Universität geführt. Wer 
solche Gleichsetzung annimmt, verkennt indessen völlig, daß er damit 
eins dem Wesen jeder Universität überhaupt widerstreitende 
Forderung ausstellt. Diese muß durch den Logos von oben her 
Einheit und Richtung erhalten, nicht aber vermag sie aus dem 
bloßen Volksleben heraus, also von unten her, Sinn und Be 
grenzung zu finden. Gegenüber einer derartigen, wie immer aus ¬ 
staffierten und maskierten „Lebsnsphilosophie" bleiben die Vertreter 
des reinen, theoretischen Wissenschafisgedankens stets im Recht. Nicht 
minder anfechtbar erscheint schließlch aus den genannten Gründen 
der Reformvorschlag von Richard B e n z?), der eine Auflösung der 
bisherigen Universität in Fachhochschulen u^d größtenteils aus 
privaten Mitteln sich erhaltende Akademien Vorsicht und die geistige 
Führung neuen Anstalten anvertrauen will, bis dsn „Erfordernissen 
wahrer Volkskultur" besser entsprechen. Auch er greift nicht nur 
Das jüngste Werk des Kölner Philosophen Max Scheler: 
^Vom Ewigen im Menschen" (U Band: „Reli ¬ 
giöse Erneuerung", Leipzig, Verlag: Der neue Geist, 
Dr. Peter Uemhsld) umfaßt in seinem kürzlich erschienenen 
ersten Band, der, wie schon sein Untertitel andeutet, der 
religiösen Erneuerung dienen will, eine Reihe von Aufsätzen, 
die bereits in der Kriegszeit veröffentlicht oder als Vorträge 
gehalten worden sind- neu hinzugekomwen ist nur die umfang 
reiche Abhandlung über „Probleme der Religion". Diese An 
lage des Buchs, die ein Nebeneinander verschieden gerichteter 
-Gedankenzüge Zuläßt, macht es einigermaßen schwierig, bis zu 
dem gemeinsamen geistigen Fundament der teils rein philo 
sophischen, teils mehr kulturpolitischen Betrachtungen vsrzu- 
Lringem Bei einem Autor von dem Range SHelers trägt 
aber lediglich eine prinzipielle Auseinandersetzung Frucht, und 
gilt es denn weniger, auf den Inhalt der nach allen Seiten 
hm sich verzweigenden Aufsätze selber einzugehen, als den Ge- 
Lankenkern herausMchälen, dem die wesentlichsten Ergebnisse 
'des Buches entwachsen. - 
In dsr Vorrede'kennzeichnet Scheler die Aufgabe, die er 
sich in dem rslimEsphilchsphisch Hauptteil seines Buches 
gestellt hat. Er will „die ersten Fundamente des systematischen 
Baues einer natürlichen Theologie" freilegen und 
durch ihm. Darbietung gleichsam eine Plattform schaffen, auf 
der die Anhänger verschiedener Bekenntnisse sich begegnen und 
über die positiven GlarMnsgegensätze hinweg Zu einer Einigung 
-gslanFen können. Die natürliche Gstteserkenntnis, so fährt 
er fort, wird diese Aufgabe nur erfüllen, „wenn sie den Kern 
^eZ TuMtmisnMS von^inen zeitgsschW Hüllen befreit 
und mit den Gedankenmitteln der phäuo m enslogischen 
Philosophie neu und tiefer begründet". Man sieht,'der Ver 
fasser hat sich zwei Ziele gesteckt: ein philosophisches und ein 
?vonn nun auch, um das hier gleich vorweg- 
Zunehmen, sein Versuch einer Herausschälung der „natürlichen" 
MauöenS'^Ls und -gebalte fshlgeschlagen ist^ so wird man bei 
Met - berechtigten- Kritik doch stets der Größe dieses Versuchs 
. eümcdenk bleiben muffen und die Kraft der Intuition anMer- 
kenrmn r der Schwer sich in die Welt der religiösen 
Phänomene versenkt. Die IrrtümeriSchelers ergeben sich aus 
seiner ganzen Fragestellung, die ihrerseits wiederum unserer
        <pb n="57" />
        Phänomenologie das alles leisten soll, was Schaler ihr 
zyMtet, müssen ihr wahre Wunderkräfte innewohnen, und 
man wird begierig sein zu erfahren, welche Bewandtnis es 
eigentlich mit ihr hat. Phänomenologie zielt, um es in der 
hier gebotenen Kürze zu sagen, auf die Erschauung geistiger 
„Wesenheiten" ab, ste hat eS demnach nicht mit der Darbietung 
und Erklärung der vorhandenen Wirklichkeit zu tun, vielmehr 
kommt es ihr gerade darauf an, die unvergleichliche „Wrs- 
heii", d. h. eben das Wesen aller möglichen Ge-Äenheiten 
aufzudecken. Zur Erfassung solcher Wesenheiten ist nach 
Scheler vonnöten, daß der Philosoph Liebe zum absoluten Wert 
und Sein hege, daß er sein natürliches Ich verdemüttge uno 
Selbstbeherrschung übe. Ob freilich die Erfüllung dieser (trotz 
Scheler) psychologischen Vorbedingungen eine hinreichende 
Gewähr dafür bietet, daß der ste Erfüllende wirklich an das 
Wesen der Dinge rührt, wird nicht mitgeteilt. Der Vollzug 
des von Scheler geforderten „moralischen Aufschwungs* bildet 
an stch jedenfalls noch kein zulängliches Kriterium für die 
Wahrheit der auf solche Weise zu gewinnenden Erkenntnisse. 
Das Unternehmen der HerauSarbeitung einer natürlichen 
Religion (bezw. einer natürlichen Theologie) darf sicherlich 
dann allein als geglückt bezeichnet werden, wenn die Ergeb 
nisse, zu denen die von Scheler auf metaphysischem und natür 
lich-religiösem Gebiete geübte „Wesensschau" führt, unbedingt 
einwandfrei sind. Wie schon wenige Proben lehren, wider 
sprechen jedoch diese Ergebnisse einander zum Teil und weisen 
im ganzen eine recht fragwürdige Beschaffenheit auf. Während 
Scheler an einer Stelle z. B. darlegt, daß die Gruppen der 
Wesenseinsichten verschiedener Subjekte (Völker, Rassen usw.) 
verschiedenartig sind, und der durchaus relativistischen Auf 
fassung ist, es könnten diese verschiedenen Einsichten und Ideen 
vom Geiste Gottes alle wahr sein, führt er ein wenig später 
aus, daß durch den aus Wesenszusammenhängen sich ergeben 
den Satz von der Erschaffung der Welt durch Gottes Willen 
berühmte andere metaphysische Lehren über Gott und Welt 
streng widerlegt werden, und spricht wieder an anderem Orte 
von den „entsetzlichen Irrungen" Calvins. Woher stammen 
plötzlich diese Wertmaßstäbe, und Wahrheitskriterien? 
Man fragt vergeblich, oder vielmehr: man ahnt bereits die 
Antwort. Vor, ihrer Erteilung allerdings empfiehlt es sich, 
noch etliche hie natürliche Religion wie das Verhältnis der 
Menschen zur Religion überhaupt betreffende Wesensschauun- 
gen näher zu prüfen. Aus dem Inhalt dieser Schonungen wird 
nwn dann mit aller wünschenswerten Klarheit ihren wahren 
Nrivkäng erschließen und ein Urteil über ihre vermeintliche 
Evidestz und Objektivität sich bilden können. Wie z. B. nach 
SMler eine richtige. Wertmetaphysik den Satz festhalten muß, 
daß alles Weltübel in einer konzentrierten Macht des Bösen 
gründet, und zwar, da das „Böse" nur Wesensattribut einer 
Person sein kann, in der Macht einer bösen Person, so ist es 
nach ihm eins (denknotwendige) Wesenstatsache, daß der Theis 
mus den Glauben an den Sündenfall nach sich zieht, daß die 
Erscheinung des Häretikers und der religiöse Singülarismus 
widersinnig (!) ist usw. Vermittels der Phänomenologie 
bringt Scheler es auch mit Leichtigkeit fertig, die Unmöglichkeit 
einer neuen Religion (d. h. in Wahrheit einer anderen Reli 
gion als der katholischen) für uns Menschen der Gegenwart zu 
beweisen. Da heißt es u. a., daß die Intention aller großen 
„domines reliAlosI" auf die Wiederherstellung der Ursprung- 
lichen Religion abziele (wobei freilich unter Umstanden doch 
so etwas wie eine neue Religion entstehen kann); daß der 
Heilige der „wesettsmäßig höchsten denkbaren Form" schon 
seiner Idee nach der „Einzige" sei (welche Feststellung doch 
an sich gewiß nicht die Heraufkunst eines neuen Heiligen aus- 
schließt); daß die Menschheit als Gattung altere, woraus für 
die ältere Menschheit die Verpflichtung erwachse, gläubig an 
dem festzuhalten, was einst seitens der jüngeren Menschheit an 
transzendenten Realitäten erfahren wurde usw. Tretet nur 
in die Kirche ein, so. klingen ungefähr diese Argumentationen, 
denn jedes andere Verhalten ist „wesensunmöglich", be 
ziehungsweise „widersinnig". 
Doch genug der Beispiele — das Geheimnis der Scheler- 
schen Phänomenologie liegt offen am Tag. ES besteht, kurz 
ausgedrückt, darin, daß Scheler bald unter Verzicht auf 
eigene Wertung gleichsam im leeren Raum das Wesen 
eines jeden Dinges zu erfassen trachtet und bald dann wieder 
die Dinge so beschreibt, wie ste von einem ganz bestimmten 
Standpunkt aus, dessen Einnahme naturgemäß ihre 
Wertung zuläßt, sich dem Beschauer darbieten. Je nach Be 
dürfnis ist er einmal Relativist und das andere Mal - 
Katholik. Wenn er doch wenigstens überall seinen Katho 
lizismus offen zugestände! Aber das eben tut er nicht. 
Meistens streicht er vielmehr dort, wo er gerade den Relativis 
mus über Bord wirft, wo er also z. B. behauptet, daß die Ab 
wesenheit einer unfehlbaren „kirchlichen Autorität" in Heils- 
sacbrn in einer von einem allgütigen und allwahrhaftigen Gott 
geschaffenen und gelenkten Welt widersinnig sei, den vorge 
faßten katholischen Standpunkt fort, gibt die von ihm aus ge- 
wortnSNen' Einsichten für Wrsensnotwendigkeiten aus und 
gründet dann auf diese Wesensnotwendigkeiten wiederum den 
Ein Münchhausen, der sich am eigenen Schöpf aus dem 
Wasser zieht! Als Relativist nrulxrö lui billigt er jedem Volk 
eine eigene Art der Gotteserkenntnis zu, huldigt dem Pluralis 
mus usw.; als Katholik läßt er keine andere Art der GottrS- 
erkennts ÄS die katholisch« gelten, die ober beileibe nicht M 
ihrem richtigen Namen genannt werden darf, sondern eben eine 
pure WesenZnotwendigteit ist. Die, Bewunderung, die man 
der GeschiMchkeit zollen muß, mit der dieser in allen Fahr 
wassern der Phänomenologie kundige Lotse zahllose gefährliche 
Klippen umschifft, vermag nicht das Unbehagen auSzulöschen, 
das sich bei solchem irrlichternden, schon rein im Stile übrigens 
sich ausprägenden Zickzäckkurs des kritischen Geistes unfehlbar 
bemächtigt. 
Ueber die Willkür einer ganzen Anzahl sogenannter 
„Wssenöschauungrn" braucht kaum noch ein Wort verloren zu 
werden. Subjektiv bedingte Meinungen verwandeln sich uni«r 
der Hand in objektive Wahrheiten, die im Sein der Gegeben 
heiten selber gründen sollen; gleichviel, ob Scheler hier tiefer, 
dort oberflächlicher als andere sieht, stets muß jedenfalls daS 
Wesen der Dinge daran glauben. Diese -Willkür artet zudem 
nicht selten in leere Scholastik aus, weil Scheler mitunter Sätze, 
die weder unbedingt gelten noch in ihrer Allgemeinheit ein- 
gesehrn werden können (wie z. B. den Satz, daß Erkenntnis 
stets in Liebe fundiert sei, oder den Satz, daß jeder endliche Geist 
entweder an Gott oder an einen Götzen glaube), zu »Wesens 
apiomen" stempelt, und dann ander« Sätze aus ihnen ableitet, 
die man nun, je nach Veranlagung, glauben mag oder nicht. 
Und wie verhält eS sich schließlich mit der Phänomenologie 
der natürlichen Religion? Hat der Relativist Scheler dar 
Wort, so gibt es eine Mannigfaltigkeit natürlicher Religionen. 
Spricht der Katholik Scheler, so ist die natürliche Religion 
nichts weiter als verschämter Katholizismus) beziehungsweise 
Theismus, der jederzeit bequem in den Katholizismus ein 
münden kann. Mit der Schaffung dieses Zwitters von 
natürlicher Religion hat Scheler sich recht eigentlich zwischen 
zwei Stühle gesetzt. Den Katholiken macht er es mit 
ihr nicht recht, weil er durch ste Katholische Anschauungen 
relativiert und die konkreten Heilswahrheiten der KirckM 
in einer Weise phänomenologisch unterbaut, die ihre 
dogmatische Bedeutung äo kuvto aufhebt.') Gewiß, die 
Natürlich« Religion ist kirchliche Lehre, aber eben weil sie 
das ist, können ihre Gehalte nicht vorauSsetzungSloS im 
leeren Raum erkannt werden. Den Nichtkatholiken wiederum 
macht Scheler es nicht recht, weil sie hinter seinen WesenSon- 
schmmnaen sehr bald den verkappten Katholiken herausspüren 
and mißtrauisch werden gegen Erkenntnisse, deren Quelle so 
geflissentlich verborgen gehalten wivd. Es wäre besser ge- 
kvesen, Scheler hätte entweder seinen Standpunkt klar enthüllt. 
oder seine Standpunktlostgkeit wirklich durchgeführt. Wer aber 
wie er Jeden befriedigen will, befriedigt schließlich niemanden. 
, Bleibt di« philosophische Aufgabe ungelöst, so Kann auch die 
pädagogische Absicht nicht erreicht werden. Daß Anhänger 
der verschiedenen Konfessionen sich auf der von Scheler kon 
struierten Brücke einer natürlichen Religion treffen oder gar 
vereinen, ist nach dem Gesagten Kaum zu erwarten. Fraglich 
erscheint auch — und Katholiken selber werden das wohl am! 
^ehesten bestreiten — ob man gerade durch die Pforte oer Phä-' 
nsmenologie zum Katholizismus gelangt, ob gevade Wesens 
schau missionierende Wirkungen auszüüben vermag. Die Phä» 
nsmenologie ist, wie nicht zum wenigsten das Beispiel Sche- 
lers lehrt, gleichsam «in „Mädchen für alles", sie läßt stch vom 
Buddhisten ebenso benutzen wie vom Protestanten oder vom 
Katholiken. Wenn Scheler sie als Vorspann katholischer Welt 
anschauung verwendet und wohl auch mißbraucht, so erweist 
er sich damit als rechter Eklektiker, denn nur der Eklek 
tiker in religiösen Dingen wird derart unter Zuhilfenahme 
phänomenologischer Betrachtung metaphysische Erkenntnisse 
und religiöse Heilswahrheiten zusammenbiegen wollen. 
Das ist ein Verfahren, Lei dem sowohl die naive Gläubig 
keit wie die philosophische Unbefangenheit verloren geht und 
lediglich ein Kunstprodukt übrig bleibt, das bestenfalls dem ge 
bildeten Spätling Genüge leistet. Wer kennt ihn nicht, den 
Intellektuellen von heut«, der, well er eS im Vakuum der 
GlaubenSlostgkeit nicht mehr auShält, aus Grund romantischen 
WiüenSemschiusses irgendwo Unterschlupf sucht? Ihm viel 
leicht wird durch Scheler der Weg hinüber zum Katholizismus 
geebnet. Menschen dieser Art aber, die solchen Schleichweg 
der Schwäche, wenn auch einer sehr begreiflichen Schwäche, 
wandeln sind gewiß nicht die Besten; begehren sie doch vor 
eilig Erfüllung ihrer kurzatmigen Sehnsucht, statt im Vakuum 
tapfer ouszuharren und zu — warten. — Durchaus positiv hat 
man es im übrigen zu werten, daß Scheler auch durch jÄn 
jüngstes Buch wiederum jene dem katholischen Wesen eigene 
kontemplative Geisteshaltung auSzubrriten und zu stärken 
sucht, die ein unerläßliches Gegengewicht gegen leerschwingende 
Betriebsamkeit und gegen einen Aktivismus ist, der in der 
Bewegung an sich schon einen Selbstzweck erblickt. 
Die Unhaltbarkeit der philosophischen Grundpofltion Schelers 
besagt nichts wider die Bedeutung seiner philosophischen Lei-f 
stuvgen innerhalb weiter von ihm durchmessener Drukbereich« 
Dieser mit den -'^uzcndsicn Gaben ausgestattete Geist bewährt 
ÄsPsy ologe ei-en Tiesbltck, wir ihn heule wohl kaum ein 
-Lenker aufweist. Seine in das neue Werk mit ausgenommen« 
Abhandlung über „Reu« und Wiedergeburt" B. ist, von 
ett chen sehr anfechtbaren Stellen abgesehen, «in Meisterwerk
        <pb n="58" />
        rr^ckkurt. 
vr. 8. Lr»o»u«r. 
Beeinträchtigung des Verkehrs auf ein Mindestmaß herabzu- 
drücken, und daß sie darum mit Fug und Recht aus das Ver^ 
ständnis des Publikums für die von ihr zu treffenden Maß 
nahmen zählt. In zwei Fahren hofft man mit den baulichen 
Arbeiten, deren Kosten noch auf über 20 Millionen vorveran 
schlagt werden, Zum Abschluß Zu kommen; der Frankfurter 
Bahnhof wird dann nnt seinen 24 Gleisen dem Leipziger 
Bahnhof nur um 2 Gleise nachstehen. 
Die Ausgestaltung der neuen Kspfbauten geht aus 
den Plänen und dem Modell zur Genüge hervor Diese Kopf 
bauden im Süden und Norden des Querbahnsteigs fassen 
je eine große Eingangshalle mit Fahrkartenschaltern und Hand 
gepäckstellen in sich; Abortanlaoen, Bäder usw. werden in dem 
Kellergeschoß untergebvacht. Die mittlere Eingangshalle er 
! fährt durch die Neubauten endlich die dringend notwendige 
! Entlastung; 'eine Verlegung der PostschalLer wird es erwög- 
1 lichen, daß man von ihr durch drei große Oefsnungen in den 
z Querbahnsteig gelangt. Was die Fassaden angeht, so ist 
"z man glücklicherweise von dem Plan der Vorkriegszeit abge- 
&amp;gt; wichen, die Neubauten in demselben Monumentalstes wie das 
alte Gebäude hochzuführen Man hat sich Zum teil aus Grün- 
Mn der Sparsamkeit dazu entschlossen, das Reichere der Kopf 
bauten in schlichten sachgemäßen Formen zu halten und nur 
die Eingänge zu den dem Querbahnsteig vorgelagerten Hallen 
durch Säulen st ellun gen besonders zu betonen. Archi ¬ 
tektonische Schwierigkeiten bietet der Anschluß der neuen Ge- 
bändeteile an den alten Bau, der dann auch von einigen 
der anwesenden Sachkenner einer kritischen Würdigung unter 
zogen wurde. 
Irauklurier Angelegenheiten. ' 
Die Erweikeruugsbauken des Haupkbahnhofs. 
Die Eisenbahndirektion hatte gestern, verschiede- 
neu Anregungen folgend, Vertreter des Magistrats sowie die 
Mitglieder des Ratz für künstlerische Angelegenheiten und des 
Architekten- und Ingenieur Vereins zu einer Besichtigung der 
P ane für die Erweiterungsbauten des Hauptbahnhofs ein- 
geladeu. Nach einer Begrüßungsansprache des Präsidenten 
Dr. Stapf hob RegierungSbauMt Schenk ausdrücklich 
hervor, daß man die Fachwelt herbeigebeten habe, um noch 
rechtzeitig Vorschläge aus ihren Kreisen für di. Wetterführung 
der Bauten prüfen zu können. Dieses Vorgehen der Eisen 
bahnbehörde ist hoher Anerkennung wert und verdient von 
anderen Behörden in wichtigen Füllen nachgeahmt zu werden. 
An Hand der Pläne und eines großen Modelles, das einen der 
neu zu errichtenden Kopfhäuten darstellt, erläuterten die Re- 
zierungsbauräte Düring und Kl einschmidt die techni 
schen und architektonischen Bauarbeiten der nächsten Zukunft. 
Für. die Oeffentlichkeit wichtig ist vor allem die Mitteilung, 
datz vom 1. Januar ob die Unterkellerung des Quer 
bahnsteigs und eines Teiles der Eingangshallen 
m Angriff genommen werden soll. Die Arbeiten an dieser 
Unlerkellemng, die dem unterirdischen Gepäckver 
kehr zwischen der Gepäckaufgabe und den Zügen dienen wird, 
bringen naturgemäß eine weitgehende Behinderung des reisen 
den Publikums mit sich. Schon jetzt sei darauf aufmerksam ge 
macht, daß die VMdedörde Vorsorge aetrosfen hat, um dle! 
»1« « Von Dr. WiIk 0 1 m U !,. 3 8. 
könn, ^rieclk-Leti Ooken, VIII, Llo Ltzittzn. 28. 
Oa8 vorlltz^eiiätz Luoli stellt den setir ÄvtkttzLö^erten Versneli clär, 
nsit der üblielitzii Le^ulötLeinZps^ edoloKie 211 dreelierk und ver- 
inittels ^liänoirk6iko1oM86li6r Notliode eivi^tzrii^keii s^sttzniÄtiseli in 
den Lereielien des Leeliselken öureektLuklndeii. 8ind im 
elchelien, und nlelit Ist dns Ns^elnsede In .uns." Dieser DeitsatL 
^ird xnr Rielitselinur des Verknssers. 8tatt, ^vie es Ae^öknliek Ze- 
selnelit, von den NevuStseinsnIvten ZusMgelien lenkt er rnnnekst 
sein ^uKeninerk nnk die KAnni^taltiKkelt seeliselier Dedilde, die 
Aelpnnkte soleker ^kte sind, nnd keKreikt dns tzin^elne seelisetie 
Dedilde in ^nnloZie xnin xd^siselien Din^ nls ein in bestinunter 
N^eise konstituiertes ps ekisekes Din deäes vollkoniinene 
ps^enisektz Ding' entkält naeli ilun gleieksAin drei Komponenten: 
einen Oednnken, ein Oeitilil nnd einen Lindrneksvmrt. ^uin Dei- 
8pie1 in dem M^kiselmn Din^: „Der Selimerr über die verüelitUeke 
DesinnnnK eines Nenselien" ist der Selimer^ das „Deknld", die De- 
sinnnn^ der ,,6lednnke" nnd das Vernektlieke der Oesinnun§ der 
„Dindriieksv^ert". Dnreli die DineinkeilnnZ' des DinA'keKvitt's in den 
Dlu6 der^ seeliseken Dkünomen ^evdnnt der Verknssor einen testen 
I^ristnllisnitionspnnkt kür die ^nkkellnntz' der ^^riselien diesen Dküno- 
menen bestekendeü DeLieknnKen. Din 'vvielitiKtzs Lnpitel ist der 
LntKtekunK der xs^eliiseken Dinsse AeEmet. Der Verkasser 
suekt darin die Oesetse der „Ds^ekisierun^ dloü^ule^en, d. k., er 
kemülit sieli 2N neiden, ^vie die DinA^velt nmKtz^vandelt 
oder aneli desorMisiei-r werden müsse, damit sieli aus dem von Lür 
L'eliekerten Naterial die Aans anders geartete nnd geordnete psz^- 
eliiselie DinKvelt nnkdanen könne. Das letzte Lapitel kandelt von 
den Desmünn^en ^iseken dem pli^siselien nnd dem 
eüisolien Deid", unter dem der Verkasser das dem lek 2UM- 
nöri^e Dsveüiselie verstellt. ^Vie er weiter äuskükrt, känZt dieser 
D8veliiseli6 mit dem pli^sisoken Deid desonders en§ dureli die 0r§an- 
empkindunAen Zusammen, deren Deise innerlialb der ps^ekiselien 
8püäre eine un^elieure Bedeutung erlangen. Im übrigen aber v^ird 
der pnvsiselie Deik niekt anders in das Ds^eliiseke einkexo^en als 
u'ssendvmielie sonstigen pü^siselmn Odiekte aneli. 2ur Drliärtun§ 
dieser ü'kese analysiert der Verkasser eine Deike seeliselier Düäno- 
mene, deren Vorliandensein u. a. kelveist, da^ das leli seinen nkv- 
siseüen Deid so-vokl ervmiteim vüe sieli von ikm bis 2u einem Z-e- 
vüssen Drade aklösen kann( einen Delex kür diesen ^lveiten Dali 
kietet eDva die Vo^a-^eelinik). 
, Das Duell von Daas ist als Vorstoß in ein Dekiet 2u ktzArü^en, 
in dem der an Dusserl anknüpkenden pliänomenoIoMeken Dor- 
senun^ noek viel Ueuland 2u erobern bleibt. Nan möebte lvünsebem 
dalä der Verkasser späterbin einmal daxu KelanM, seine Dinveise 
auk die Leniobtun^en und Debereinanderla^erun^en ps^ebiseber Din^- 
komplexe innerbalb eines seelisoben Organismus weiter SMtematisob 
aus^ubauen, lvie daspers das ia in einer anderen 8pbäre bereits an 
gestrebt bat. Din lvenig vermisse ieb in dem Dueb das De^uMseln 
von den &amp;lt;^en26nj, die der pbänomenologiseben Netbode aus er- 
kenntnistbeoretiseben Oründen gezogen sind. 80 sobeint der Ver- 
kasser meb niekt genügend klar darüber ru sein, dak man bei der 
^.mvendung dieser Netbode notgedrungen in eine sebleebte Dnend- 
Imbkeit gerät lind bei dem Mederstieg in die Materials Tone empj- 
riseber Lrkabrungen subjektiv bedingter Ds^ebologie anbeimkällt. Der 
an sieb durebaus zulässige und lvobl aueb sebr brauebbare Degrikk 
des ps^ebissben Dinges bätte sieberlieb seine Dragvüirdigkeit etv^as 
verloren lvenn seine Lonstituierung aus tiekerer erkenntnistbeore- 
tiseber kmsmbt beraus erkolgt vmre. Die das ganxe Dueb dureb- 
2iebendtzn Ableitungen der Lesebakkenbeit unserer Dmvmlt aus biolo- 
aiseben Oründen der ^lveeknlä6igkeit empkindet man übrigens als 
störendes Rudimente . 
«der vorwiegend psychologischen Analyse geistiger Wesenheiten,! 
die zu den wundervollsten Blüten am Stamm« des christlichen s 
Ethos zählen Durch einy^Mg tz« rathyllMN WAtzmO 
aus erfolgend« Entfaltung der Eigentümlichkeiten gewisser gei 
stiger Gestaltungen wirkt Scheler ungemein klärend und führt 
nebenbei bemerkt auch dem katholischen Leben vermutlich mehr 
Kräfte zu als durch seine Konstruktionen auf dem Gebiet der 
natürlichen Religion. Das Vermögen, geistige Mannigfaltig 
keiten zu umspannen und zu zergliedern, befähigt ihn wetterhw 
in hervorragendem Mast« zur Aufdeckung verborgener sozio 
logischer Zusammenhänge, und so darf es denn nicht verwun 
dern, daß die zahlreichen Aussagen über soziologisch notwendige 
Wcchsebeziehungen-zwischen religiösen Bekenntnissen wie einer 
Reihe historischer philosophischer Systeme einerseits und gesell- 
schastlichn Zuständen andererseits zu den wertvollsten Ergeb 
Nissen des Buches gehören. Die kritischen Auslastungen Sche- 
lerg gegen die System« deS formalen Idealismus und gegen die 
Lchleiermachersche Religionsphilosophie, die seinem Trachten 
nach Erfassung des matertalen Seins der Ding« entspringen, 
wird man im allgemeinen besahen können, wenn sie auch infolge 
der Brüchigkeit seiner Krrnonschauungen nicht durchweg ein 
heitlich fundiert und prinzipiell genug sind 
Die Gestalt Scheler», wi« st« aus diesem Werk mit allen 
ihren Schwächen und Borzügen hervorlruchtet. ist in vieler Hin 
sicht charakteristisch für unsere Zeit. Verzweiflung über die Gort- 
cmfremdung paart sich in der Gegenwart mit eine: gegen früher 
ungemein gesteigerten religiösen Bedürftigkeit, Die Mensch 
heit von heute drängt danach, einen Zugan, zum religiösen 
Glauben zu finden und vermag doch im allgemeinen dieses Ziel 
nur mit den Mitteln eines Denkens zu erreichen, da» mehr den 
Wille» zum Glauben als den Glauben selber bekundet. 
Wurzellos, wie wir noch sind, können wir dem Relativismus 
kaum entrinnen und schweifen ruhelos von Erscheinung zu Er? 
scheiuung, von Kultur zu Kultur, uns in Ermangelung eigenen 
Seins in das Sein eines jeden Phänomens versenkend. Auch 
Scheler ist solch ein SchweisendeL Grenzenlose Hinneigung 
zum Wesen des Seienden beseelt ihn, und es liegt wahckich nicht 
an ihm allein, es ist vielmehr mit die Schuld einer des abso 
luten Sinnes ermangelnden Epoche, daß er dieses an sich 
seiende Wesen doch nicht zu ergreifen vermag, daß er hinter dem 
posiiiven Glauben eine natürliche Religion suchen muß, die für 
den rein Erkennenden doch nur als eine im Bereich des Male- 
rialen »»realisierbare Idee besteht. So bleibt seine Phänome- 
noloaie denn alles in allem noch ein Ausfluß relativistischer Gei 
stipkcii. eine Methode, dle ihm dazu dient, unbemerkt stets aufs 
neue das küholisch« Prinzip zu durchbrechen und in unendliche 
Fernen hinauSzugleiten, um dann aus diesen beängstigenden 
Welten ebenso unbemerkt w'eder zurückzuflüchten in die Ge- 
borgenhe'.t des Katholizismus. Aber man verstehe recht: dir 
Prinzipienlosigkeit Scheler» hat ihren letzten Grund in der gei- 
&amp;gt; fügen Lage einer Zeit, die gerade erst zu ahnen beginnt, waS 
alles ihr fehlt, und nun, Ende mehr als schon Anfang, in den 
tausend gebrochenen Mb«« des UHUgangS schillert. 
"V m»n ü«b freilich in manchen kacholischrn Kreisen dti-, 
tegrem-ten Tragweite phänomenologischer Wnlosophir wi« über 
« WreS eiaentlichen Sinne» noch nicht recht bewußt ist. 
D-, O»- «ch--- 
dmg Äer HharwMerMlsM fu« das GMtLLehM s &amp;gt;
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        und 
ELert 
Vortrag 
Geheim- 
dem von 
dtt dank 
den 
der 
aus 
an, 
Frankfurter Angelegenheiten. 
LafGEL-Projette. 
Wie am Dienstag in der §4adwsrovdnetm-VersE 
mitZeteilt wurde, ist die Verpachtung der Hauptmacht an 
die DMMorser Bank noch nicht endgültig entschieden. An 
gesichts der Finanznot der Stadt ist das Verhalten des Magi 
strats in diese? Angelegenheit durchaus begreiflich, so sehr man 
es auch aus Gründen aller Art bedauern mag, daß gerade die 
Hauptsache dsn Bedürfnissen sinn Dank dienstbar gemacht 
werden soll. Beabsichtigt ist dem Vernehmen nach, die Haupt 
wache auf zehn Jahre zu vermieten gegen eine aus fünf Jahre 
vorauszuM jährliche Pachtsumme von 400 WO Mark, 
Weiter verlautet, daß der jetzige Mchter der Hauptwache den 
Rücktritt vom Pachtvertrag an die Bedingung knüpfe, daß 
die Sbadt ihm einen geeigneten Platz zur Errichtung eines 
neuen Laf6Z überlasse. Bisher hatte von sinn derartigen Be 
dingung nichts verlautet Für den Neubau soll, wie man hört, 
der nördliche TeÄ des Gsetheplatzes gegenüber dem 
Theaterplatz in Frage kommen. Dem Anschein nach haben die 
diesbezügtick-en Vorschläge ziemlich greifbare Gestalt angenom 
men, da bereits Einzelheiten über Geschoßhöhe und Formgebung 
des Pavillons in dsr Presse durchgesickert sind. Im Zusam 
menhang mit, diesem Plan gewinnt übrigens auch wieder 'das 
Projekt der Errichtung eines Caf4-Pavi6ons auf dem Roß - 
markt Bedeutung, das nn Sommer schon einmal den Wa* 
Meines AMMon. 
L-2 Morgenfeier im Frankfurter Schauspielhaus^ Die 
Folge der Morgenfeiern aus dem Zyklus „Schicksal der 
Welt" wurde mit einer von Dr Hermann Bürger geleiteten 
Veranstaltung eröffnet, die in die a l L o r i e n La l i s ch e Schöp- 
fungs- und Schicksalsdichtung einsührte. In einem nach GrhaU 
und Form gleich vortrefflichen Vortrag stellte der hiesige Privat- 
dozent Dr. Georg Burckhardt das Wesen des Mythos dar 
und schalle das Weltbild heraus, das den altindischen und assyri- 
schm Epen Zugrunde liegt. Der Mythos so etwa führte er aus, 
ist die Welt-mrschauungs-W ist jene Phantasiereiche Ur- 
dichtung, in der die Weite der Welt von noch ungebrochenen Men 
schen als ein wirklicher gestalteter Zusammenhang begriffen wird. 
Je nach den Vorstellungen über die Weltentstehung lassen sich 
Awei Gruppen von Mythen unterscheiden. Die eine Gruppe nimmt 
eine naturhafte Entwicklung der Welt an, die sie sich z. B. 
aus dem Wetter oder in einem Prozeß der Selbstzeugung ent 
standen denkt; die andere Gruppe erblickt in der Wettwerdung ein 
kulturhaftes Geschehen, der Weltenschöpfer ist für sie dem 
Künstler vergleichbar, der das Chaos bändigt und aus ihm das 
Werk der Welt erschafft. Diese -erhabenen Gedanken verdichten sich 
im Mythos Zu wundersamen G bilden der Phantasie, die nach 
und nach verblassen und in Mlratte Wette Klärungen übergehen, 
aber dennoch ewig ihren Symoolwerl bewahren. Im Anschluß 
an seine einleitenden Worte umriß der Redner sodann den Lief- 
sinnigm Schöpsungsmythos der Veden, der die Liebe als erste 
Denkäußerung des Urdinges bezeichnet, und deutete die spätere 
Entwicklung der indischen WeltsckennLmZ an, die zur Gleich- 
setzung des Mman mit dem BrLman, des innersten Selbstes mit - 
her yirlnümigen W-nteinheit führte. Auch entfaltete er die Grund- 
Frankfurter Angelegenheiten. 
SkaLkverordNeken-Versammlung. 
Nn der Spitze der Tagesordnung stand eine MagistratSvorLage, die 
Erhöhung der Gehälter und Löhne. 
des städtischen Personals. Stadtv. Kirchner (Soz.) stellte fest, 
daß der Magistrat dem Beschluß der Stadlverordneten-Versamrw 
lung vom 4. Oktober, die Teuerungszulage der Angestellten und 
Anwärter unter 21 Jahren zu erhöhen, noch nicht entsprochen habe 
und beantragte nockmals, der Magistrat möge die Teuerungszu 
lage für diese Angestellten und Anwärter unverzüglich auch vor der 
bevorstehenden Neuregelung der Gehälter der Beamten und Ange 
stellten mit rückwirkender Kraft erhöhen und zur Auszahlung 
bringen. - 
Stadlrat Dr. Saran bemerkte, daß eS sich bei der von Stadtv 
Kirchner gemeinten Kategorie von Angestellten um Beamte handle 
die noch in der Ausbildung befindlich sind, und die nicht eigent 
lich Gehalt, sondern lediglich Vergütung empfangen. Die Stadt 
gewähre im übrigen die gleichen Sätze wie Reic^und Staat. Wegcn 
der Schwierigkeit der ganzen Frage ersuchte der Redner um Ver 
weisung der Anfrage an den Organisationsausschuß. 
Seine Darlegungen zur Deckungsvorlage leitete Stadtv, Dr. 
Goldschmidt (Dem) mit allgemeinen Bemerkungen ein. in denen z 
er die erschreckende Höhe der geforderten Mehrausgaben aus die j 
zwangsläufige Entwicklung unseres Wirtschaftslebens zurückführte. ' 
Zur Ausbringung der neuerlich notwendigen Mittel sind aber die 
Städte, wie das Beispiel Berlin lehrt, nachgerade außerstande 
Der Redner bezeichnete es als einen unerträglichen Zustand, daß 
durch die Reichsfmanzreform die Steuerhoheit der Städte nahezu 
völlig aufgehoben und damit die Selbstverwaltung gefährdet werde. 
Ilm den steuerlichen Uebergrifsen des Reiches und der Länder en!- 
gegenzuwirken, ermähnte er zu äusserster Sparsamkeit; Abbau 
aller entbehrlichen Einrichtungen und Verwaltungsstellen, z. B 
der Koblenstelle und dcs Wohnungsamts, tue not. Zum Schluß 
richtete der Redner an die Versammlung das Ersuchen, seinen An 
trag zu unterstützen, der eine Prüfung aller Zur Vsrbilligung der 
Verwaltung geeign-eden Maßnahmen durch das Rechnungs - Rcvi- 
sisr^mt fordert. 
Von sozialdemokratischer Seite sprach noch Stadtv. Heiß- 
wolf iSoz.) zur Vorlage. Er polemisierte gegen die Ausführun 
gen des Vorredners, die aus eine unsozial wirkende Wiederher 
stellung der freien Wirtschaft Hinausliesen, und forderte statt dessen 
Einsparungen durch Sozialisierung hierfür reifer Betriebe- Weiter 
hin brächte er einen Antrag zur Kenntnis, der rn a. die Forderung 
erhebt, daß mit Rückwirkung vom 1. Oktober an die Gehalts? urd 
Gebühren an die Beamten, Lehrer, Angestellten und Anwärter, so 
wie Ruhegehaltsempsänger und Hinterbliebene der Stadt nach der 
von Reich und Staat festgesetzten Besoldungsordnung umgerechnet 
werden. 
Oberbürgermeister Voigt betonte, daß das Reich 
Vorschüsse nur in begrenziem Maße gewähre, fodaß die Stadt 
noch eine aroßc Deckungssumme aufzub ringen habe. Das NevisionZ- 
amt, über dessen bisherige Erfolge er sich ein wenig skeptisch äußerte, 
begaffe sich fortdauernd mit der Prüfung dep Möglichkeit neuer 
Einsparungen. Eine wesentliche Verringerung des Beamtenstandes 
lasse sich aber zur Zeit nicht erzielen. Zur Erhöhung der Ein 
nahmen sei eins stärkere Beteiligung der Städte an der Umsatz- 
und Einkommensteuer dringend erforderlich 
Nach Ausführungen von Stadtv. Frl. Dr. Schulh (Dem.), 
die den Antrag Kirchner unterstützte, den Magistrat um beschleu 
nigte Auszahlung der bewilligten Zuschüsse ersuchte und Besser- 
stellurg dsr mittleren Beamten forderte, verlangte Stadtv L a n d- 
grebe (lib.) im Einklang mit den übrigen Rednern Vereitstel- 
lunD ausreichender Mittel durch das Reich und sprach sich aus 
.Gründ-e--n---.d..e..r S..p..a..r.s..a..m k—eit nicht nur —für A, bbau, son.d..e.rnAbfü-r 
bruch der Kriegswirtschaftsbetrrebe aus. Im Anschluß an längere, 
größtenteils programmatische Darlegungen des Stadtv Plewe 
(Unabb.) wünschte Stadtv. Pros. Des sauer (Zentr.) möglichst 
raschsKlärung -er Lage der Anwärter und erklärte, daß seine Fraktion 
dem Antrag Goldschmidt in der Tendenz zustimme. Natürlich dürfe 
etwa die KohlsnsteLe nicht so radikal beftitrgt werden, daß nun 
der Erwerb billiger Kohlen durch die mittellose Bevölkerung un 
möglich gemacht werde 
Die Magistratsvorlage wurde mit dem Antrag Goldschmidt dem 
Hauptausschuß ühetwiesen. Der AnLmg Heißwolf gelangte 
.zur Annahme- 
Eine Vorlage wegen Beihilfe von 90 000 Mark für die K le i w 
,kinderschulen wurde debattelos genebmigt Es folgte die 
rasche Erledigung einer Reche von Ausschußberichten. Stadtv. 
Wagner (Mittelst.) beklagte sich bet dieser Gelegenheit über die 
durch Bodensenkung hervorgerufenen umfangreichen Hausbe- 
schadigungen. Eine Unterbrechung ergab sich bei der Eingabe, be 
treffend die Aenderung der Gewerbesteuer-Ordnung. 
Stadtv. Bouveret (Dem.) beantragte, unterstützt vom Stadtv. 
Pfeiffer (Lib.), eine sozial gerechtere, die Geldentwertung 
öerücksichtigsnds Staffelung der Gewerbesteuer. In einer kurzen 
Erklärung erwiderte Stadtkämmerer Proj Bleicher, daß man 
sich schon lange mit dieser Angelegenheit befasse. Der Antrag Vou- 
veret ging an den Ausschuß — Ein Ausschußantrag, der die Ge 
bühren für den Wohnungsnachweis festsetzt, wurde mit 33! 
gegen 31 Stimmen angenommen. 
In einer Anfrage ersuchte Stadv. Lion (Lib.) um Auskunft 
über die künftige Verpachtung der 
, Hauptmacht. 
Der Mietpreis, den die Bank etwa biete, spreche als einziger 
Grund für die beabsichtigte Verpachtung der Hauptwache. Trotz 
dieser hohen Pachtsumwe dürfe aber die Stadt ihre Hand nicht zu 
einer solchen Umwandlung geben, gegen die viele triftige Ern- 
wände zu erheben seien. Stadtv. Heißwolf (Soz.) schloß sich die 
sen Aussübru.wsn an und beantragte nochmals Sicherung der Exi 
stenz dsr Angestellten für die nächsten 6 Monate im Falle, daß die 
Hauptwüche an die Bank verpachtet werde. Im Verlaus der wei 
teren Debatte sprach sich Stadtrat Dr Hitler dagegen aus, daß 
Pachtverträge der Stadtverordreten-Versammlung unterbreitet wer 
den. Ein Vertrag mit der Van? sei noch nicht abgeschlos 
sen. Man habe ihr aber die Pflicht auferlegt, das Aeußere und 
Jnne'-e des Gebäudes tunlichst im alten Zustand Zu erhalten. Mit 
Rücksicht auf die Finanzlage der Stadt habe man das Angebot der 
.Bank trotz aller Bedenken nicht schlechthin ablehnen können. ! 
ßüae des mehr kulturhasten babylonischen Mythos dessen! 
Held der merkschaftende Lichtbringer Mardeek ist. Daß den 
Hauptinhalt der babylonischen und assyrischen Dichtungen das 
Rätsel des Todes bildet, geht zumal aus. dem Gilgamesch-Epos 
hervor, in dem die Frage nach dem Sinn des Lebens'aufgeworfen 
wird. Der Redner schloß. mit dem Hinweis darauf, daß dieser 
Mythos die Ueberwindung der Vergänglichkeit durch die ewige 
Fruchtbarkeit dcs LcvenZ selber verkünde. — An 
reihten sich Vorlesungen ausgewählter Stücks aus 
lehre des Veda. aus dem Epos „MahaLharata" und 
G. Burckhardt schön übmtmMum Gilgamssch-Eps^ 
der hohen per Engels 
einm irachbattigm Eindruck hinterliessen. Der Verlauf der M an-' 
dMrger Versendung einladenden Veranstaltung b-nwies,^ 
g ackttcb^ GWauke^ solcher Morgenfeiern ist. Xr.!
        <pb n="60" />
        gegenüber vertraten kann, da er Angestellter oder Untergebener 
des Bauherrn ist. Im Bestreben eines gut geführten Bauunter 
nehmens liegt es auch, als rein geschäftlicher BeLr'eb möglichst 
billig zu arbeiten. Wohl hat auch das Unternehmertum bek 
seinen Bauten nicht gespart. Türmchen und Spitzen und über^ 
reiche Fassaden unserer Mietshäuser beweisen es. Aber em 
rein geschäftlich arbeitender Betrieb kann künstlerische Fragen 
niemals ähnlich ernst nehmen wie der Architekt. Der Archiv 
Lekt ist der gegebene Vermittler zwischen Bauherrn und Un« 
ternehmer. Er schützt den Bauherrn vor unnützen Ausgaben 
und verschafft ihm doch das künstlerisch Wertvolle. Deshalb muß 
der Architekt vor allem frei, selbständig und unab-. 
hangig von Unternehmertum urrd Vorgesetzten sein.- 
Stadtbild und Orksstakut. 
Der Leiter des Hochbauamts, SLadLvaL Schaumann, er 
örterte am Freitag in einer auf seine Veranlassung Unberufe 
nen Versammlung des Rats für künstlerische Angelegenheiten 
den Einfluß der Verwaltungsstellen auf die Gestaltung 
unseres Stadtbilds. Zweck seiner Rede war, die 
Hindernisse aufzuweisen, an denen die Bemühungen der Künst 
lerschaft um eine sorgsamere Pflege des Städtebilds zumeist 
gescheitert sind. Diese Hindernisse hat man nach seinen Aus 
führungen nicht so sehr in Persönlichkeiten als vielmehr in 
bestimmten Gesetzesvmschriften zu suchen. Als unzureichend 
erweist stch vor allem das auf Grund des Gesetzes gegen die 
Verunstaltung 1911 erlassene Frankfurter Orts* 
statu t, das die im Gesetz selber gebotenen Möglichkeiten 
nicht voll ausnützt. Einmal nämlich braucht die Baupolizei 
den ihr laut Ortsstatut beigegebenen Beirat, der seit kurzem 
aus einem von der städtischen Deputation für Kunst, Wissen 
schaft und Volksbildung gewählten Unterausschuß gebildet 
wird, nur dann zu hören, wenn sie ihre Einwilligung ver 
sagen will, nicht aber dann, wenn sie die Ausführung eines 
Bauwerks zu genehmigen gedenkt. Zum andern beziehen stch 
die einen Einspruch gestattenden Bestimmungen lediglich auf 
Veränderungen eines Gebäudes, nicht aber auch auf 
seinen Abbruch. D?m Bezirkskonservator sind zwar in Preu 
ßen, das kein Denkmalschutzgesetz hat, gerade Lnbezug auf Ab» 
brüche gewisse Machtbefugnisse eingeräumt, bei ihrer Anwen 
dung ergeben sich aber im Einzelfalle leicht Schwierigkeiten. 
Alles in allem stellt so das Or-sstatut in seiner heutigen 
Fassung eine stumpfeWaffe dar, die zur wirksamen Unter 
drückung von Verunstaltungen des Stadtbilds nicht recht ge 
eignet ist. Hinzu gesellen stch Hindernisse verwaltungstech- 
nischer Art. Die Ausarbeitung der Fluchtlinienpläne z. B. 
gehört zum Resso-rL des Tiefbauamts. Nur auf internem Weg 
wird die Baupolizei bei der Festlegung von Fluchtlinienplä- 
nen Zugezogen. Diese gehen nach ihrer Bearbeitung an eine 
vorbereitende Kommission, um sodann dem Magistrat und der 
Stadtverordneten-Versammlung zur Genehmigung vorgelegt 
zu werden. Das Hochbauamt als solches übt demnach 
auf ihre Gestaltung keinen entscheidenden Einfluß aus, es hat 
auch bei dem Verkauf und der Abtretung von Grundstücken 
nicht mitzuwirken. 
Die Vorgänge bei dem Bankneubau am Taunustor 
sind nach Sbadtrat Schaumann ein Schulbeispiel für die ge 
schilderten Kompetenzschwierigkeitem Der Beirat gegen die 
Verunstaltung ist zwar in den Vorverhandlungen gehört 
worden, aber nur in unverbindlicher Form. Will die Bau 
polizei jetzt den Baubescheid erteilen, den sie tatsächlich noch 
nicht erteilt hat, so bleibt es ihr unbenommen, dies ohne noch 
malige Anhörung des Beirats zu tun. Im übrigen ist mittler 
weile auf Anordnung des Bezirkskonservators hin der Ab 
bruch des Hauses eingestellt worden; ob freilich die 
Verfügung Rechtskraft besitzt, steht noch dahin. Zusammen 
fassend betonte Stadftat Schaumann, daß die Hauptschuld an 
der unbefriedigenden Lösung städtebaulicher Aufgaben die der 
zeitige Organisation der Verwaltung trage, und drückte den 
Wunsch aus, die in dem Rat vereinigte Künstlerschaft möge auf 
Abänderung dieser Organisation dringen. 
Die lebhafte Aussprache, in der auch Personenwagen 
gestreift wurden, Zeitigte ein gewisses praktisches Ergebnis. 
Man beauftragte eine sogleich gewählte Kommission von drei 
zehn Mitgliedern damit, ein neues Ortsstatut auszu- 
,-rbri'en, das den Anforderungen der Künstlerschaft entspricht. 
Dieses soll dem Magistrat zur Genehmigung unterbreitet 
werden. 
gistrat beschäftigt hat. 
Es wäre Mßig, zu den genannten Bauvorhaben Stellung 
nehmen Zu wollen, ehe über ihre genaue Lage im Stadtbild, über 
i B h e re din a g rc u h n it g e e k n toni i s h c r h e e r V A e u r s w ge ir s k t l a ic lt h u u n n g g u n n ä d he ü re b s er b d e i k e an v n e t rs i c s h t. iede A ne n n - 
g C e e r a k f f a ü 4 n l s lt nt Z im u mu w ß M e i r t d w te e e n l r p d u e v n n e k , rl t a d n a d g ß e e r n d . S as ta T d V ro t e t r z s L d c ü e h c m k w e i n n k d ö e h n n n in e t n s e o rl w ä u ß i n r t d , v d o so i r e v ü a i b e u e l s e r- " r 
eilten Neubauten auf dem Notzmarkt oder Goethe platz nicht 
entschieden genug warnen. Zumal eine Bebauung 
des NoßmarklH erscheint uns aus städtebaulichen Gründrn 
äußerst bedenklich. Unter allen NnrflHmden gift es zu vermeiden, 
d Sac ß hick d s i eal f d ü er r d Zeenrstörung P atvri i f ll fotn daeumsenr W äcehsnteenns P z lä w t zeeifel d loasssed lb eer 
g, 
Platz Mn TaumMor durch den dort Zu errichtenden Bankneu- 
Lau Zum Opfer fällt. Sollten die Projekte überhaupt spruchreif 
werden, so wird man ste jedenfalls sehr ernsthaft auf ihre 
h s i t e ä rb d e t i e re b c a ht u ze li i c tig he die W Kü i n r f k Ä u er n sc g haft bi l n inz Z u u zuz p i r e ü h fe e n n u h n a d be i n h . r U D rt a e ß il 
F zu ord h e er r ü u c n k g sic h ht a iv lt e e n n. ist, wird NE gewiß nicht für eine unbillige 1 
ArankfurLer Angelegenßeiien. 
Architekt und Unternehmer. Auf Einladung des Bun« - ' 
nelius Gut! iLL (Dresden) über das p Verhältnis zwischen . Archiv 
nelius Gut! iLL (Dresden) über das Verhältnis zwischen Archiv 
s te te k h t e u n nd e U in n e t s ern B e a h u m ^ e s r. d D re e i r N S u tä dn n - d ex e gi b n e g te d i a li v g o t n s a in u d s : , da B ß a be u im he E r n r t^ , 
- B A a r u c w h il i l t e e n k d t es un B d auh U er n -r t n er e n in e e h p m rak e tis r c . he D u e nd r A kü rc n h s i t t le e r k is t ch g e ibt Fo d r e m m 
! s u c n h d äft ü lic b h e e rni R m is m ik t o d u ie nd Ba f u ü l h e r it t un u g n , te d r er Au U f n si t c e h rn t e d h e m s e A r rc tr h ä it g e t kte d n as d g e e r - r 
Bau auS. Der Architekt vermittelt also zwischen Bauherrn undi 
Unternehmer; er sorgt vor allem dafür, daß der Bauherr in 
künlerischen und praktischen Fragen gut beraten ist und nimmt 
ihm die Kontrolle der Baum j führung ab. In neuester Zeit 
sind es zumal die Großunternehmer und die staatlichen 
Bauämter, die alle doei Stände in einer Person vereinigen. Ein 
Einzelner kann einen solchen Betrieb nicht mehr leiten, da sich 
die Eigenschaften eines guten Bauherrn, guten Architekten und 
guten Unternehmers nur selten in einer Person zusammen fin 
den. Diese großen Betrübe werden daher sehr leicht bürorati- 
siert, was für die künstlerische Fortentwicklung der Architektur? 
durchaus schädlich sein muß. Zwar war es eimm Fürsten, wir 
August dem Starken, dessen größte Leidenschaft das Gau n war, 
gelungen, die bedeutendsten Künstler seiner Zeit an die Spitze 
seines Vauamtes zu stellen, zwar stand auch Schinkel als bück ster 
Beamter der preußischen Bauverwaltung vor, es hat sich aber 
gezeigt, daß die Kräfte der meisten Architekten nahezu völlig 
durch Verwaltungsausgaben verschlungen werden. Die größtes 
staatlichen Bauten werden heute oft nach der Anciennität und 
nickt nach der Leistung vergeben. Ein guter Beamter ist ob'r 
noch lange kein guter Architekt. Bei den großen bürokratisier« 
ZrmMurter Angelegenheiten. 
StaLtVerordULlen-Versammlung. 
Zu der Magistratsvorlage über den Neubau der Rie 
de r w a l d s ch u l e führte Stadtv. Lion iLib.) aus, daß infolge 
l d o e r r en W w a o h r l de e n ine s s ei fa u ls n c d hen in Plat d z e e s s n a ä n h f e ä r n en glic a h uf v d ie ie l k L o e s id tb e a n r s e e Z s e ch it ich v t e e r " - 
d loren P w j or k d t en se i i, un E d g b in k g ä de f s t n d ä i her A en ff auf die d Leid H ensg h e b schicht t e" 
es rojeesen. re mpe e uassung es ocauams, 
nach der sich aus Gründen der Wirtschaftlichkeit esne eingeschossige 
Bauweise besonders empfehle, uyd machte gegen die vorgeschlagene 
Flachbauweise finanzielle, ästhetische und vor allem hygienische Be 
denken geltend. Sein Antrag lautete dahin, die Flachbauweise ab- 
Zulehnen und das baureife Projekt des Architekten Thyriot auf dem 
Platz inmitten der Kolonie unverzüglich Zu errichten. Stadtrat 
Pros. Ziehen bat um Ueberweisung des Projekts an den Hoch 
bau- und Schulaussthuß Den hygienischen und architektonischen 
a m En a in, s w s d iv äe e nr n daeun B ch a d u ed w se e nS is t e Wadutn z v u s r c ü hL ck io k a e nu h s r sf e pc n rhalocßh, E st r cmh a u Sn n t t a e md r ö s t t vg ü e. tz S t e e nidel n ic a lhi m n e wg n i s ed(eS s r e o i Z n z e u.) r r 
Fraktion den Antrag Lion. Nac . hdem sich Stadtrat Schaumann 
f e ü in r ze A l u n s e f n chu n ß ac b h e z ra uw Lu e n is g en de v r e V rs o u r c l h a t ge ha e tt r e k , lär h t o u b nd St i a h d re tv. Be S re c ch h ti n gu e n i g de im r 
(Dem.) noch nachdrücklich hervor, daß die bei der Flachbauweise 
angeblich einzubringenden Ersparnisse von 2X» Millionen in Wahr 
heit illusorisch seien, und bat, unterstützt von Stadtv. Korfs 
, (Dem.) ebenfalls um Ueöerweisung der Vorlage an die Ausschüsse. 
In der Abstimmung wurde der Antrag Lion mit den Stimmen 
n d o e m r m S e o n zialisten, der Liberalen und teilweise des Zentrums ange- 
Die Berichte des Tiefbau-AuSschusses wurden schnell 
erledigt. Erwähnenswert ist, daß von dem Verkauf der früheren 
Spinnerei Hohemark vorläufig abgesehen werden soll. 
Der Berichterstatter des LebensmiLLelausschusses, Stadtv. Mer - 
tens (Zentr.) teilte auf eine Eingabe hin mit, daß nach der 
Ansicht des Ausschusses die städtische Schweinemästerei nicht 
aufaeboben werden dürfe Stadtv Meier (So;) befürwortete den 
Ausbau der Mästerei, zumal da sie schon jetzt Neberschüsse ergebe. 
Stadtrat Dr. Schmude sprach sich sür Angliederung der Schweine 
mast an die Verwaltung des Gutsvorstandes aus; vielleicht könne 
sie beim Gut Goldstern untergebracht werden. Man ging über die 
Eingabe der Kleintierzüchter hinweg zur Tagesordnung über. j 
Die Vorlage „Verordnung über den Verkehr mit M i l ch", mit j
        <pb n="61" />
        Lulriecken 86M. 
ein weni^ ver° 
. , s-: SchumarmtMter7 Im D cZ ember^Pr o gramm 
nimmt die Leichtathletik einen großen Raum ein. Trampolin 
Akrobaten vollbringen Wunderdinge im Luftraum und scheinen 
den Erdboden nur noch zu berührm, um wieder von ihm empor- 
zuschnellen. Mit leichtbeschwingten ikarischcn Spielen wechsele 
waghalsige Produktionen zweier Künstler, die einen Gleichgewichts 
sinn von seltene? Entwicklung bekunden. Eine dazwischen ein 
gestreute Vorführung Zeigt, in welch verblüffende Lagen ein 
stischer Körper gebracht werden kann. Wohltuende 'Beruhigung 
spenden russische Volkslieder, von einem Männer Quintett gesrm- 
. g-en, die fw einen Augenblick den Hauch der Steppe m den Raum 
tragen. Im übrigen sind alle MngÜaom Nummern der Variete 
kunst hervorragend vertreten mcht zuletzt der Humor in seinen 
verschiedenartigen Ausmünzungm. Sport eute namentlich wir^ 
dor Film interessieren, der den Boxkampf Carpentier-DZmw 
sey in allen seinen Phasen Attgt. 
Kraut Zemaeftt ftai, Zem 6räu§eu 8ied einiFe achtememe 11e- 
mer^uuZen von Leider auf. Vor adem i8i ke^u^tei'en, 
&amp;lt;äak viele LpenZIer-Lritider Oenn äoed Lu sedr an cker Oder- 
kiäede stakten stieiden. Lin ^Verst, 6a8 immerstin eine 8^n- 
tstese unck äie DinZe von einer Zeilen OibtanL au,8 de- 
trabtet, ^virck niostt ckackurost aä ad8urckum ^efüstrt, äak man 
(wie äie ?3ostwi8ÄensestaftIer). Iän8timmi^1eiten stervorstedi, 
äie nur von einem viel -näster an 6er Wirkstestkeit FeleAenen 
Luostprmkt al8 ckem LpenAierZoiien au8 wastrnestmdar 8in-ä, 
oäer 6aü man Ziest (wie diei8on) mit einer lormai-Iogi8esten 
LntsträitunF 668 kteiativismuZ deZnüZt, 6ie 2U 6er eiZenftiesten 
Hederwin6un§ reiativi8tisesten OenirenL garniestt stinre'.estt, 
o6er 6ak man eestiiestiiest (wie 6ie frei6eut8este 1u^en6) 8tim- 
rnun§8mäki§ 8pen§ier8 2ukunft88estau negiert, ostns stier.ür 
viel mestr ai8 eden eine 8timmunr§ ^eitenä maesten ru 
8cömen. Die ^Vur^ein 8penAier8ester stestren un6 Irrtümer 
üie^en viel tiefer; um sie au82urotten un6 8e:n ^Verst als 6as 
Lu deZreifen, wa8 es in ^Vastrsteit ist: als ckas ^oit'o&amp;gt;e Lr- 
L6u§ni8 einer gottlosen 2eit, als 6ie auf 0run6 6er ^ei8ti§en 
8truktur einer solesten 2eit üurestaus stoMequente öewafti- 
ssunZ 6er ^eLestlesttliesten Manni^kalti^lLeit, deckarf es Leston 
äer ^orm eineg metapstMseft orientierten positiven ^Velt- 
dilckes, üeren Dasein allererst 6itz Uö^Iiestkeit an 6ie Dan6 
^idt, 6ie Lat^unZen 8penZler8 aufLulösen un6 2U verniestten. 
^Vo ckas ^Vis8en um üieses ^Veltdi'6 festlt — un6 6ie meisten 
Kritiker ermangeln seiner — 6a erstestt, adZesesten von mestr 
o6er weniger dereestti^ien ^insprüesten ^e^en b'estl^riife 
Kpen^lers, in 6er De^el nur ei ^e neue OesestiesttsklftterunZ, 
6ie 6ann 2ur De§rün6un.A ir^enck eines 6em Verfasser wer 
ten Tukunftsideals 6em DnierZan^spropsteten en^e^en^estalten 
wir6. Deder die Dn^ulänbstestkeit eines §roken Beiles 6er 
KpenFler-Biteratur stillt allenfalls 6ie mensest'iest 8^m- 
paistiseste, wenn auest pstilo8opstisest niestt ins Oewiestt fallende 
Batsaeste ein Liikesten stinwe^, dak diese 8estriften von dem 
Alanden an eine dessere Zukunft und dem ^Villen ru istrer 
Aestaliung ^etragen siM. 
Durest das Urgesteinen des 8pengler8esten Luestes veran- 
LaLt, Otto Diekel in einem "Werke: „D ie ufer - 
stestunA des de n d l a n d e s"H „ew 8!üek inneren 
Lr'edens der Oeflentliostkeit prei8." Der Verfasser erklärt sied 
mit den VoraussetLunAen 8pen§1ers im ^anren einverstanden, 
meint ader im De^ensatx xu istm, dak das ^.dendland rur 
„^uflösun^ des Lndlieden im Dnendliesten durest Werk§6- 
meinsestaft" nei§e, und Aslan^l im üdri^en iru Liemliest freu.d- 
lliesten Voraussagen üder den devorstestenden Astend un 
serer Kultur. Deutsestlands 8esti6ksal liegt naest istm darin 
deisestlossen, dak es siest von den Kesseln römisester (— Ler- 
lüner) Centralisation defreit, das deutseste Lodenreestt sestleu- 
nigst einfüstrt und ein 8tändevaKam6nt sestafkt, das womög- 
Liest in eine monarestiseste 8pit2e einmündet. Dak der Vsr- 
kasser auest in aukenpoiitisester Dinsiestt das Oras waestsen 
dort, verstestt siest von selder. Ds wäre erspriekiiester ge 
wesen, wenn der Verfasser seine Korsestungen üder die De- 
irensweise der Donigdienen weiter detrieden stätte. die istn 
laut seiner Versiesterun^ von lugend auf desestäktigten. 
^.uest Dartmut Dipe? setrt siest in einem Lueste: 
„ältern und eugedurt im Völkerleden, ein 
Beitrag ?u Deutsestlands ^eugedurt"^) mit dem Kulturpessi 
mismus Lpenglers auseinander. Wider das 8penjgler8este 
Kestema stellt er, antike und adendländiseste Kntwieklung ver- 
^leiestend, ein Oegensestema auf, aus dem etwa stervorgesten 
so'l, dak das geset^makige ältern der Kulturen und Kultur- 
epoesten immer wieder durest NeuL-edurten unterdroesten und 
asto-elöst werde, ^n den Beispielen der Bstilosopstie. der 
viesttkunsi und der dildenden Künste wird das im einzelnen 
durestgefüstrt. und der Verfasser glaudt Zeigen ^u können, 
dak die enropäiseke Kultur entgegen 8peno-ler eine Borten!- 
der sich der Lebensrnittel Ausschuß einverstanden erklärt hatte, wurde 
nach kurzer Debatte angenommen. 
Stadtv Nelles (Zentr) berichtete zunächst über die Stellung 
nahme des Hanptansschufscs zum Magistraisantrag wegen der Er 
höhung der Elektrizitätspreise. Diesem Antrag, der eine 
Erhöhung des Lichtstrompreises um 40 Vfg, des Kraststrompreises 
um 30 Vfg Vorsicht, ist im Hauptausschuß zugestimmt worden. 
In der Debatte erklärte Stad'v Dr Goldschmidt (Dem), daß 
seine Fraktion sich aus Erwägungen wirtschaftlicher Art nicht dem 
Antrag Heißwolf und Genossen anschließen könne, der eine gleich 
mäßige Erhöhung um je 30 Pfg. empfiehlt. Befolge man ihn, so 
sehe man sich der Gefahr aus, daß die Industrie den Strom nicht 
mehr dem städtischen Stromnetz entnehme, und halte überdies die 
Industrie, die sich etwa hier neu ansiedeln wolle, von Frankfurt 
fern. Der Redner bat aus genannten Gründen um Annahme der 
Hauptausfchußanträge. In der Abstimmung wurde der Antrag 
Heißwolf angenommen 
Die MaMrotscmftäge wegen Erhöhung der Straßenbahn 
fahrpreise sind bereits mitgeteilt worden. Der Hauptausschuß 
bat ihnen im wesentlichen zug stimmt, nur hinsichtlich der Sonn 
tagszuschläge, der beantragten NechtMchläge auf Fahrscheinhefte 
und der Vr^ise ür Schsllerlisch ein hefte ist er zu 
abweichenden Beschlüssen gekommen. Um jedoch für die dadurch ent- 
st Hendln Ausfälle teilweise Deckung zu schaffen, hat der Haupl- 
ansf-chuß beschlossen, daß die Fahrscheinhefte werktags bis 9 Uhr 
abends und sonn- und feiertags nur bis 1 Uhr m'ttags gültig 
sein sollen. Ferner wurde grundsätzlich beschlossen, auch künftig den 
Breis der Heftfahrscheine so festzusetzen, daß nur der 13. Fahr 
schein des Heftes nicht berechnet wird. In der Abstimmung ge 
langten sämtliche Haup-ausÄußanträge zur Annahme. Stadtv. 
H ei ß w o l f teilte das Ergebnis der Beratungen mit, die im Tief- 
üauausschuß über die Verbesserung des Straßenbahnver 
kehrs nach den Vororten gepflogen worden sind. G'gen 
die Anträge wurden Einwendungen nicht erhoben. 
Stadtv. Nagel (D. N.) begründete einen Antrag, der an den 
Mag'strat die Forderung stellt, für den Ersatz der in evange 
lischen Kirchen beschlagnahmten Glocken Zu sor 
gen. Nach den Darlegungen des Stadtv. Schütz (Dem.) ist die 
Erlatzp-licht der Stadt juristisch Zweifelhaft. Der R-edner empfahl 
darum Verhandlungen der Stadt mit den Kirchengemeinden. Die 
Stadt möge den .bei dcr B-schlagnahMe seiperM erhaltenen Betrag 
herausZ'ben und im übrigen die Gemcinden auf den Weg der 
Selbsthilfe verweisen. Stadtrat Dr. Hiller erklärte, daß eine 
erste kirchliche Autorität die Unterhaltungspflicht der Kirchenglocken 
in einengend^m Sinne, d. h. nur in dem Zur Ausübung des Kul 
tus notwmdigm Umfange interpretiere. Die Siadt denke nicht! 
daran, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen, und sei einem güt 
lichen Einvernehmen mit den Gemeinden durchaus Zugenngi. Ein 
Antrag Korfs (Dem.) auf Ucberweisung des Antrags Nagel an 
den Rochtsausschuß wurde angenommen. 
Prof. Till (D. N.) machte nähere Ausführungen zu seinem 
Antrag, die Anftellungsverhälw'sse des Fahr- und technischen Per 
sonals der Straßen- und Waldbahn betreffend. Durch Gewährung 
des Beamtmrechts werd" die Stetigkeit des Betriebs gefördert. 
Stadüat Dr. Saran betonte, daß der Magistrat zu diesem An- 
ftaa. der smabun^sweise die Schaffung von etwa 2000 Beam^cn- 
jMen erfordere und von weitestgehender finanzieller Tragweite sei, 
eine abschließende Erklärung nicht aügeben könne. Der Antrag ging 
an den Organisationsausschuß. 
spenglerisna. 
03^9)6 8p6»7l§!6r ckark rnit 8öiri6m Lrkoi§ 
Die Literatur üOer „lOnterZanZ ckes 
seluvilit immer mekr au. IVer 8iek mit iür 
-- Sck'dleraufsührung. Schülerinnen und Schüler der Schi!- 
lerschule und des Goethegymnasiums veranstalteten an 
drei Abenden eine Msthrung von MstroyS.,Lump 
bunduS" zu Gunsten der Schulerherme beider Schulen. 
Nicht nur sämtlich« Rollen des Stück?, sondam auch die muslkaMe 
und techmiche Leitung, sowie die Regk waren von Schülern über 
nommen worden, die ihr« Sache nahezu durcyweg zu machten. 
Anerkennung verdient zumal der Regisseur, 
tor" eine längere witzige Programnrrede vorausschickte WaS die 
schauspi'elerischon Leistungen betrifft so wurden vor allem die drei 
i&amp;gt;ardwerks'efcllen f.ott gespielt. Der Darsteller des Schneiders 
Tirn der sich durch groß-Beweglichkeit der Glieder auszeichnete 
ver'üat über eine solche Begabung zum Komiker, daß er bald wohl 
auch auf einer wirklichen Bühne mit Ehren bestehen könnte.
        <pb n="62" />
        Kuvstgewerbe 
kaktbar M mseden i8t. 
Kr. 
D. 
M6N wird. 
r) HngMrrg, vedrüder Keiebel. XL, 820 8. 28. 
2) Pamdarg, W. Oente. Ait 3 l'abeüpn. XX, 14-1 8. 15. 
Aüaeben, Oeorg v. W. 96 8. 15. 
b X riZrube r. V., 6. Braun. 39 8. ^6. 
Lreiburg i. bad^n, dulius Boltxe. 1.—3. ^au8. VI, 129 8. 14. 
-- MoLthe Kls Freimaurers Im Nahmen des Vortrags- 
-Eus den die Lage „Carl Zum LindenLerg" zum Besten des 
Goethemuseums veranstaltet, sprach kürzlich Herr Hemnch 
lD; t ii d t Meister vom Stuhl der Wiesbadener Loge üoer Goethe 
den^nur flüchti-g streifend, erwähnte er, daß Goeche der an den 
domalmen Verirrungen der Freimaurer nur wenig ^^a^en sa , 
1W0 in die Aon Zwei Jahre Ipater sich auflösmde Warmarer 
Loge Amelia eintrat und auch an ihrer Wiedererweckung rm Jahre 
1808 stckr beteiligte. Das Schwergewiast legte der Redner auf, das 
geistige Freimaurertum Goethes, das in seiner LebenshaMmg 
und in seinen Werken gleich deutlich sich kundglbt. Schon s,anzr?r 
v Müller bezeugt, daß Goethe mehr ms irgend em anderer die 
edelste Aufgabe der Freimaurer: die Ausbreitung der 
gefördert habe. Diese Humanität klingt wohl am relMLm sus der 
L b i a e n i e" hervor, die den Triumph wahren Menscysmmns 
non f d f ene L ch ! ter E Toleranz ver d keürnd M et. itz Freei l wmaure M risceh i es t Ger ^ undgchnnung 
doch in diesem Lehrroman die „GeseTscyast dsn Turm dr, ^rer« 
maurer-Ausaabs der Erziehung der EmZelperwnlichEb ubr. 
E wimmL sämtliche Kapitell „Wanderj-chre- vm Anipremnxm 
auf freimaurerische Ideen und auch d-r G-d°nke emes die 
beit umfasienden Weltbundes wird rn rhncn bereits angeschlagen.. 
Am entschiedensten enthüllt sich fteimaurerWe 2eb-nSwn^-rl aber 
im Faust". Dieses Drama IpreZelt 0«ll und .e&amp;gt;m,t.ru,rg der 
Menschheit wieder und bringt das Freimaurer-Ideal von der S^sr- 
„lSsuna durch stete, treue Bemühung unverwllcht zum Kusdru^. 
Fn einer zur Gegenwart überleitenden Schlutzbetracytung, 
die Worte: .Wi " r heißen euch hoffen" des Goetheschen 
teS „Symbolum" anknüpfte, ermähnte der Redner zu tätiger ^.itar- 
! beit am Tempclbsu der MerMheit^m_Smne^Goctyer. b.r. 
wiektun^ 6er antiken sei und Vor3uss3xen über ibre Zukunft 
rnkolge 6er Dnbereebenbarkeiten 6er ^eugeburten stets nur 
rn sebr bedingter lVeise möglieb seien. Die näebs'e „Neu- 
Mburt" sebeint naeb ibm in eine Diebtung ru weisen, 6ie 
&amp;lt;1ur6b Deibels Kied vom deutschen Kaiser gekennLeiebnet 
^vir6. ^Vünsebe verwandeln sieb derart in Konstruktionen, 
Lm6 diese 8ebem3ta lassen sieb stets an 6er Oesebiebte, ge- 
^utüig wie sie nun einmal ist, irgendwie beweisen. 
Von Otto Ne u ra t b ist ein 6er , gestaltenden duzend" ^e- 
widmeter n t i - 8 p e n i e i"^) ersebienen, in dem gute 
kritische Arbeit geleistet vvir6. Der Verfasser sagt mit Deebt, 
^a&amp;gt;k sieb gesebiebtliebe Zukunft niebt s^stematiseb w'ssen- 
sebakt'ieb vorausbestimmen takt, sondern eebw Dropüeiie 
Dir „Drsaebe ibrer eigenen Verwirklichung" werden muk. 
8eine bis in3 Kin^eine geben6e erbarmungslose Kritik an 
Spencers Kulturbegrikk, an 6e88en bebre von 6er Dliasen- 
kolge, von 6em strengen Darallelismus 6er Kultbren usw. 
reicht rum ^eil in 6ie ^ieke un6 ist je6enk3lls vortrekkneb 
6a2u geeignet, ibren Vestimmungs^week 2u erfüllen, 6. b. äie 
von 6em Dntergangswerk ausstromenüe suggestive Krakt 2U 
bebeben. 
Vorwiegend in kritiseber ^bsiebt ist 3ueb 6ie kleine Lro- 
sebüre von Karl 8ebüek: „Zpenglers Oesebiebts- 
? b i I 0 s 0 n b i e" gesebrieben?) Okne wesenttieb neue Ar 
gumente. kür 06er ^egen 8pengler beirubringen, untersuebt 
6er Verfasser in systematischer ^Veise die bistoriseben und 
pbilosopbiseben Orundb^en der 8p6N7lers6ben Oesebiebts- 
ansebauung und verurteilt bei aller Anerkennung des aus ilm 
spreebenden s^ntbetiseben Oeistes mit Deebt ikren unklar 
durebgekübrten einseit^en Liologismus. Der kritischen Le^ 
traebtung reilii sieb die bistorisebe an, in der einige, freilieb 
6twa3 von auken gesebene ^usammenbänge angedeutet wer 
den. die Zwischen der „ps^ebistiseb-biologistiseben" Oescbiebts- 
pbilosopbie 8penglers und den allgemeinen geistigen Strö 
mungen unserer 2eit obwalten. Der Neinung des Verfassers, 
dak der radikale Ausbau des durch 8pengler vertretenen 
Historismus, die ?bilosopbie des Abendlandes xur ^e'tpbilo- 
sopin'e erweitere, wird man sieb niebt anseblieüen können, 
s«ob3ld man einmal den Historismus als 8pätkruebt eines 
geistigen Auflösungsprozesses erkannt bat. 
8ebliekiieb' sei in diesem ^usammenbang noeb einer 
8ebrift: ,.1 ü r m e r und 8 türmer des Oeistes" von 
'lanus 8 ,vIvester gedaebt?) Der Erklärung des Ver- 
fa^ser-s Zufolge sind seine Detraebtun^en unter dem Kindruek 
von 8penglers Dueb und eines Dampbletes von Linker gegen 
die Dniversitätspbilosopbie entstanden. Kr kenn^eiebnei mit 
einem teilweise bitteren 8arkasmu8 diese beiden .,Oeist'er" 
als ebarakteristisebe ^pen unserer 2eü und bält ibrem 
Dilettantentum und ibrer unbereobtigten Deberbeblienkeit^da? 
Idealbild de8 eebten Docenten entgegen. Wie besonders aus 
dem 8ebluüteil der 8ebrift bervorgebt, der von der „Oneniie- 
rung einer ideellen Weltansobauung" bandelt und eiliebe an 
Dlato anklingende allgemeine Oedankengänge entbält leidet 
der Verfasser tief unter der Naklo8i?keit und ^errissenbeit 
unserer Kpoebe. die ledes Oekübl kür die köstlichen Tugenden 
»ebundenerer weiten verloren bat. Tu bedauern bleibt nur. 
dak er seinen Oroll aueb an der Lepublik ausläüt, die doeb 
an sbb gewik niebt für die von ibm beklagten Debelstände 
--- ^Morgenfeier im Gchaufpielhsus.j Die zweite Morgen 
feier aus dem Zyklus »Schicksal der Welt" galt der Welt 
Homers. Profi Walter Otto von der hiesigen Universität 
warf in seinem Vortrag die Fväge auf, woher die unvergängliche 
Wirkung rühre, die das Epos Homers von den Griechen an auf 
alle Völker auSgeübt hat. Die eisige Jugend der homerischen Ge 
ling« erklärt sich Hm vor allem daraus daß in dies«! Gesängen 
&amp;gt;ie tief im allgemeinen VolkSbewuhtMn schlummernden Vor- 
tellunge» und Weltgefühle Gestalt geworden sind. Durch die 
Sammlung der alten Sagen und Mythen hat Homer den Griechen 
recht eigentlich ihre Götter geschenkt; sein Werk bedeutete den 
Griechen das Gleich«, waS uns etwa die Bibel ist; erstrahlte es 
doch einem VoSke, das die Worts des Sängers -für den Ausfluß 
göttlicher Offenbarung hielt und in der Schönheit eine Gewähr 
für die Wahrheit erblickte. Worin besteht nun das Wesen der 
Religion Homers? Sie ist eine Religion der Wirklichkeit, 
in der die verschiedenartigen kultischen Lehren der Vergangenhei 
zur Einheit zusammengeschweißt werden. Ein Reich des Lichts 
steht in ihr einem Reich des Dunkels gegenüber, in ihrem klaren, 
plastischen Gefüge haben nicht Totenbeschwörungen noch der Spuk 
dumpfer Naturgewalten mehr Raum. Die Ursprünge dieser nam 
haftesten aller Religionen liegen in Ionien, geboren ist sie aus 
dem Geist der ritterlichen Gesellschaft JonienZ, vor der die Ge 
sänge Homers zum ersten Male erklungen sind. In einer Schluß 
betrachtung schilderte der Redner in großen Umrissen das Weltbild 
des homerischen Epos und zeigt«, wie in ihm trotz des Glaubens 
mr ein selbst über die Götter noch hinwegschreitendes Schicksal die 
Welt sich zum Kosmos rundet. Karl EÜert las sodann den 
ersten und letzten Gesang «uS der „JlisS*. ES muß wohl 
irge-chwi« in dem Wesen dieses Künstlers begründet sein (und nicht 
nur m der Sprechkultur, die ja bis zu einem gewissen Grade erlern 
bar ist), daß er auS jedem/Dichtwerk das Reinmenschlich« heraus 
Molen und unmittelbar. ergreifend zu bannen versteht. Helden 
und Götter empfingen durch Ihn wundersames Leben, der seelische 
Gehalt, den die Unterredung zwischen Priamos und Achill und 
gar die Totenklage um Hektor in sich birgt, ward durch ibn Mnz 
chenbar. Zum Beschluß vergegenwärtigte Robert Taube M 
Rekung des Odysseus durch Nausikaa in der schönen Uebersetzunä 
von Rudolf Alexander Schröder. - Die Regie lag wie daS erste 
Mal M den Handen So«Dr. H. Bu rger. L,. 
m useu m sind Zurzeit die unter dnn Namen Rudolfinische Drucke 
LMnnten Druckwerke ausgestellt, die von dem Offenbachcr Schrift 
künstler Rudolf Ksch herrühren und bei Wilhelm Gerstuntz 
lOffcnbach) gedruckt und verlegr werden Man erfreut sich der 
tlarLN. fein durchgeb'ldeLen KochHen Frakturschrift, sowie einzo ncr 
Gucker, Lei denen Schriftsatz und Abbildungen gut zusammen? 
klingen. Vor allem dk ^WcihnachtSgsschichLe^ darf man M H'N 
EvZhlgslunFZnm SMpkyngm Kochs rechnen: ftimmungZnoL^ Holz» 
schnitte Vereimnm pch in dics^m B^^huch daß y^nZsntisien 
sevruck! ist, mit der Tchrift (N einem einhL'tltchm 
Weniger -dsfrkdigt ..Das Leben eins? Familie*, eine Folge 
ösn M Schattsnrissm. die Blätter von mherlckMlich^m Werte mt? 
Mb Bei anderen Werken wiederum ist die Schrift gar, M. sehr, 
AM Selbstzweck geworden. Wenige Zellen nur füllen d'ie ganze 
. ZMß und man wird den Eindruck des Gesuchten und Spielerischen 
nicht los. Abgesehen don solchen Entgleisungen stehen aber die 
Leistungen Kochs aus ansehnlicher Höhe; sie sind vorbildhaft zumal 
dort, wo der Künstler der Schrift die dienende Rolle zumeist, die 
ihr nun einmal Zukommt. ^r. 
znj 
MudoLfinische Druckes In dem 
H 
8oodon isi wiederum eine 8eürikt Wer 8ven^er er8ettie- 
nen: .,2 um Dnier^gn^ 6 e 8 ü e n 6 I 3. n d 6 8" von 
Dr. .loii^ou^« c n / 2 1 lKöui^üerL. ftou8 V^rin?. 56 8eüou. 
6). Der Versager 8ue^t N3ett2uwei8en, 63k 8pen^Dr kein 
8keptiker ,md De83im!8t, 8ondern ein Verteidiger 6er 
8pi. und 6er VeideLVr teift mit, 63k 8ieü 8pen»ter mit dem 
Dnteit 668 VerkAKZeT-z 9103 wisse. 8pen^ier Ü3t seÜ)8t sotmn 
erklärt, 6ak er mikver8t3nden worden sei, und ^Venret trä^t 
nun 3U8 dem ersten ft3nde 6es DnterZ3E8werk"8 ^ussvrüeüe 
Zusammen. 6ie erweisen sotten, 63k 6ie 16ee 6es Duettes sei: 
„3uk 6er einen 8eite vom 8ekieks3t d^r 0 o t t k e i t, 8-eü °^e- 
i^s'en wi^en. der 3nderen 8eite 63« Kek»en, s^in^r inner 
sten Kreitteit in Uebereinstimmung mit 6em 8ebieks3i ge- 
wi^. kest 3n^ei1en un6 633 Notwendige voü^'eüen." De^u 
müsse M3n 3tte'-6ino'3 wissen. W38 6ie Oottbeit wotte. „und 
nun ^eigt 8pengter in seiner Kutturenteüre, W38 ibn die 
8ebiek«3l82'ottb6it erleben un6 8eb3uen Üek." ^Ve--l er 3ber 
..3uk 6rnn6 seines neuen bistoriseben iniuitiv-resi^iös-v's'o- 
näneu ftüek^ erseb^ut b3tie . . ., 63^ findet er in 6er brü 
sten Fassung im ebristlieben t^lonotbeismus. in der Idee 
6er Dn3de!" 8omit sei 8neno-Ier 3ts Verteidiger 6er 
Ü^ion, insbesondre 6es Obristentums eukgetret^n, sein ^erk 
ü^Ke religiösen 0Ü3r3kter. lieber 6iese ^ukk^ssun^ wäre 
o6'ebe". ru 83gen. 3ber men kann es nurüek^eften bis ^um 
Krsoüeinen 663 Zweiten Danües, 6er ja 66mnLek8t berauskom-
        <pb n="63" />
        Existenz dieser Literatur, von der wir noch keine wirklich einwand- 
dafür sorgen, daß schon die Jugend Gelegenheit erhält, sich dem 
Drankturter Angelegenheit^ 
Deutsch-Südslawische Gesellschaft. An einem von der Deutsch 
Südslawischen Gesellschaft verunstalteten Vortragsabend sprach Dr. 
Alphons Paquet übe? Slawentum und Deutschtum. 
Dan? der russischen Revolution, in der der Redner den 
unverfälschten Ausdruck der slawischen Seele erblickt, hat stch 
der Begriff des WelLproLetariers Bahn gebrochen, auf des 
sen Grundlage sich nunmehr der Wiederzusammenschluß des ganzen 
russischen Komplexes Zur Einheit vollzieht Letzten Endes strd alle 
selbst helfen, wenn wir den Ruffm helfen. — Prost Lommel ver 
breitete sich sodann über die Bedeutung des slawischen 
Sprach st udiums. In Anbetracht des großen Gewinns, den 
nicht nur die Sprachwissenschaft, sondern auch die FolkloriW, so 
wie die vergleichende und allgemeine Religionswissenschaft aus die 
sen Studien Ziehen können, erscheint es unbegreiflich, daß das Sla 
wentum an den meisten deutschen Hochschulen die Rolls eines 
Aschenbrödels spielt. Zumal da uns politische, wirtschaftliche und 
kulturelle Beziehungen mit den östlichen Völkern verbinden Gleich 
den klassischen Sprachen sind die slawischen ihrer inneren Sprach 
norm nach von unserer Muttersprache sehr verschieden und eignen 
- 
! kurzem, Vs w m ie H w A ü u g p e H t L e c rl h L n , hZ M f. itgl D ie i d e er E.i.f. d e e N s Va R h a n t d s irL f k ü t r wn kü W ns i t t l z eris H c S h L ^ 
A E n r g w ele e ge it n e he r i u te n n g z s u b e a in u er te B n esic d h e t s igu H n a g up d t e b r ah E nh n o tw fs ürf e e ina f e ü l r adm.! 
S W a i m r m er l f u a n h g ren geg n e u b n e , ne d n atz An s r t e e g d u i n e ge v n on s d o e w n eit Te a i l l s nch m m ög s l r ic n h d Z e U r V v e e r r « «! ! 
, werten gedenkt und einer vom Rat gewählten kleineren Kommis«! 
swn zwchumls Einblick ür die En^wurkZarL^n ' 
„NÄs§eWt Wh GeWZleÄZN." 
Vsn Hoftat Univ -Pros. Dr. Beth (Wien). 
' In einer Zeit, da da» Ansehen LsS geistigen LrbenS, das 
heißt des spezifisch menschlichen Lebens tief herabgesetzt 
.erscheint, darf gewiß der Frage nähergetreten werden, ob nicht 
in den Pstegcstät^n geistiger Bildung, in unseren Hochschulen, 
Kräfte zur Hebung jenes Ansehens vorhanden sind, oder ob 
.solche vorhandenen Kräfte, falls ste etwa merklich zurückgegangen 
sein sollten, einer Erneuerung fähig sind. Ich freue mich dcs- 
.h 'lb des Aufsatzes über die Universitäten, den Du Kracauer 
im .Hochschulblatt der Frankfurter Zeitung" vom 17. November 
veröffentlicht hat. D.e Stellung unserer Universitäten in 
unserem Volksleben wird vom Verfasser mit vollem Recht als 
eine schon seit längerer Zeit stark herabgeminderte beurteilt, 
und von belangreichen Gesichtspunkten aus beleuchtet er 
treffend den gegenwärtigen Zustand. Die Absicht, mit der ich 
^soeben die Feder ergriff, ist denn auch nicht, den Ausführungen 
"L^!LMrs entgegenzutreten, sondern sie zu ergänzen. Ich bin 
mit ihm der Ansicht, daß unsere Universitäten auch heute noch 
die Stätten sind und daß ste die Stätten bleiben müssen, wo 
jener Teil unserer hercngewachsenen Jugend, welcher stch 
irgendwie zur geistigen Führerschaft berufen glaubt, die der 
.systematischen Entwicklung des individuellen Geistes und seiner 
höchsten Ideale gewidmeten Jahrs zubringt. Nachdem dieser 
TeÜ unserer Jugend auf den Mittelschulen eine acht- bis neun- 
-jährige Periode der Erwerbung von Wissen durchgemacht hat, 
will er sich hier auf die lange Zeit selbständiger Erarbeitung 
und Verarbeitung von in seiner Lebensstellung verwertbaren 
Kenntnissen vorbereiten, auf jene Stufe geistiger Reise, 
auf der der Einzelne in die Reihe der geistig führenden Per 
sönlichkeiten einlreten kann. Um hierzu befähigt zu werden, 
muß in ihm die Idee der Wissenschaft lebendig werden, die 
5 ee des Zusammenhangs aller Weisheit in einem großen 
.Organismus, in dem jedes Glied mit allen anderen durch den 
allgemeinen organischen Säftestrom wrsenhaft verbunden ist. 
Diese lebensvolle Empfindung vom Wesen und von der 
Bedeutung der Wissenschaft, des wissenschaftlichen Sinnes und 
ArbeitenS zu vermitteln, das ist die Ausgabe der Universitäten. 
Wie immer man auch das Schulwesen im allgemeinen, das 
Aniversitätswesen im besonderen in Zukunft ändern mag und 
wird, auf jeden Fall ist im Auge zu behalten, daß die auf der 
Universität verbrachten Jahre die entscheidenden in der 
"geistigen Entwicklung des Jünglings sind, und zwar deshalb, 
.weil hier nicht Lehrbuchwissen, nicht kompendiarischer Drill, 
nicht parteipolitisch« Zucht, sondern die ganze Breite der 
zur eigenen Auswahl dargebolenen Kennt 
nisse mittels persönlicher Darstellung und persönlichen Ver 
kehrs auf ihn einwirken kann, und weil zugleich — ein ganz 
anderes bestimmtes Ziel — doch neben dieser allgemeinen 
Grundlegung hier auch die Zuspitzung des Studiums aus den 
Bedarf im späteren Beruf stattsindet. Versagen die Universi 
täten in der ersten Hinsicht, so muß auch dieser Teil unserer 
Jugend, ebenso wie bisher die Jugend der anderen Schichten 
der Bevölkerung, ohne die rechte und tiefgreifende Anleitung 
zu der die überlegene Persönlichkeit charakterisierenden Zu- 
sammenschau auf die offene Bühne deS Lebens treten. Dann 
werden auch diese Männer sich vorwiegend unter den zer 
splitternden und widersprechenden Einflüssen von Parteigezän! 
und Volksversammlungen und einer nicht immer edel gewählten 
Literatur für die Zeiten ihrer vollen Selbständigkeit heran- 
-bildrn statt auf dem Fundament einer in heißer geistiger Arbeit 
errungenen Stellung zu den Problemen des Seins. 
Daß di« Folgen «ines derartigen Versagens der Universi- 
jätsjahre — was auch immer ihre Ursache sein mag — für die 
Gesamtheit lelastropiM sind, zeigt die poütischs Entwicklung 
des letzten Halbjahrhunderts. Datz anderseits jede nach Festig- 
ksit strebende Menschengruppe die Notwendigkeit der wissen 
schaftlichen Allgemeinbildung empfindet und zumindest einen 
Ersatz derselben zu beschaffen sucht, ze.gt die Einrichtung, die 
Ausgestaltung und sehr gedeihliche Entfaltung des Vollshoch- 
schu!we,rns; und die sehr begründete Forderung der semi 
naristisch gebildeten Lehrerschaft nach Zulassung zu den Uni- 
verMte.r liegt auf der gleichen Linie der Erkenntnis des Wer 
tes der wissenschastlichen Durchbildung. Beides, sowohl jene 
popularisierenden Zweigstellen wie dieses Verlangen nach Teil- 
nahm« an der Univrrsitälsbildung zeigt, deß auch heute den 
Universitäten selbst ohne weiteres die Führerschaft im Fort 
schritt des geistigen Lebens zuerkannt wird. Demgegenüber 
wird nun aber der Vsrwurf erhoben, datz sie ,in allen den Be 
reiche.!, die Fragen der Weltanschauung oetresfen, nahezu 
völlig versagen". Trifft dies zu, dann erfüllen sie natürlich 
auch keineswegs die zuvor gekennzeichnete Aufgabe, für einen 
mitten im Leben des Volksganzen auSzuübenden geistigen Be 
ruf vorzubilden. Denn zu der hierfür nötigen Charakterbildung 
gepirt das Ausreisen in Weltanschauung unbedingt. 
Die Geschichte des Universilätslebens nimmt ebenso wie die 
Staatsgeschichte einen wellensörmigen Verlau,. Auf Zeiten 
des Hochgcrngs folgt eine Senkung. Nun hat sich die deutsche 
Universität in früheren Zeiten dadurch bewährt, datz zu Zeiten 
politischen Hochstcndes sie selbst auf die Höhe stieg und aus ihr 
die Leitmotive ^ftäftia und rein erklungen, die im -politischen 
' - In ein E er i nvon A udegredrerm d vokarart t irsachgen P Jruog f eensdsgorurpp R e au d neds . der demo- 
fkratischeu Studentenvereinigung einberufenen gut besuchten Ver- 
ffammluug sprach Prost Rade (Marburg) über die Deutsche 
'Jugend und den Geist des neuen Staates. Der 
'Redner kennzeichnet zunächst das Wesen des alten, auf Ordnung 
w ne n u d en A S u t t a o a ri t tä g t eg a e u n fg ü e b b e a r, ut i e n n d O em brig O k r e d it n s u st n a g ate u s nd un A d uto st r e it ll ä te t o ih rg m anis d c e h n 
s d o e l m len. Ge D is a t ß de b r is Fr je e t i z h t ei i t n u d n e d r d F e ü r hr S u e n l g bst d v e e s ra n n e tw ue o n rtu S ng taa e t n s tw d a S c k hse so n 
,ersehnte Willens- und Tatmensch fehlt, Liegt doch am alten, in 
.sich selbst ZusammengeLrochenen Staat, der alles von oben regierte. 
'Dennoch find wir all den Männern Dank schuldig, die seither die 
ungeheure Aufgabe der neuen Staatsbildung unternahmen. 
, Seinen festen Rückhalt hat dieser Staat in der neuen Reichs 
verfassung; sie mit Leben zu erfüllen, wird vor allem Aufgabe der 
.Jugend sein. Pros. Rade wies auf die verschiedenen in der 
^Jugendbewegung herrschenden Strömungen hin und ermähnte 
'die Jugend in eindringlichen Worten dazu, über der politischen 
Gegnerschaft nicht ihre Gemeinsamkeit als Deutsche zu vergessen. 
Statt dem Wahngedanken eines künftigen Rachekriegs stch hinzu 
geben, solle sie mit dem ihr zukommenden gesunden Optimismus 
.W de ir n kli i c n hk d e e i r t A üb n e la rf g ü e hre v n orh u a n n d de z n u en die V s o e l m kss E ta n a d t e m m eh it r a u ll n e d n m K e rä h f r te i n n d d e ie r 
d E r i o n h h e e n i d t en du Z r e c r h k g lü in ft g u e n n g , en d t a g n e n gen w ar e b r e d i e ten d . er G n e e li u n e ge St e a s at ihr b , ess s e ic r h u z n u d r 
.dauernder als der alte sein. 
Richtungen noch nicht bestehe,, lehrte die Aussprache, in der 
u. a. ein deutschnationaler Redner sich in antisemitischen Ver- 
- ' a d n a d c e h r t e ig n uno D e iZ n ru e s r s g t i o n n g s . re P d ro n s e t rn Ra d d ie e se wie D s eu in tsc s h e n in a e L m ion S al c e h n luß P w ro o v r o t k g a le t i i c o h - 
nen zurück und wandte sich nochmals gegen die unverantwortliche 
d K e ri n eg A sh n e ti t s ze em g i e ti w s i m ss u e s r . Kreise wie^ gegen den die Volksseele vergiften- 
innewohnenden religiösen Geistes der Universalität und der Alliebe. 
Was uns Deutsche betrifft, zs vermögen wir weder 
den Begriff des Weltbürgers, wie ihn die westlichen Völker auf 
fassen, noch den des Weltproletariers, wre ihn die unfertigen, 
gärenden slawischen Völker vertreten, uns ohne weiteres zu eigen Zu 
machen, unsere. Aufgabe ist es vielmehr, aus Heiden Begriffen eine 
höhere Synthese Zu schaffen, d. h. den kosmischen Menschen zu 
verwirklichen, der Comenius, Herder, Goethe und nicht zuletz;
        <pb n="64" />
        Leben maßgebend wurden oder schon waren. Als bedeutsamste 
Blütezeit der deutschen Universität schrob' uns jene Zeit vor, 
da eine gleichgerichtete geistige Tendenz zwischen Lehrer und 
Schülern einen Boden der Gemeinsamkeit schuf, auf 
dem.durch alles Uebermitteln von Erkennt..rssen und durch alles 
Forschen und Studieren letztlich immer die gleichen, als höchste 
erkannten Ideale gepflegt oder bestätig» wurden. Die Zeit der 
SchltiermrHrr, Fichte, Hegel, Schrlling, Boeckh war jene, da 
Lehrende und Lernende von einer Marken pg-itisckM und ge 
fühlsmäßigen Tendenz erfüllt gegen den Zwang der letzten Bcr- 
Migenheit bezw er unmittelbaren Gegcnwar sich stemmten, 
da sie im Erschauen neuer Ideale sich bewußt wurden, Träger 
der Zukunft zu sein. Es ist nicht so, daß sich die Universitäten 
damals mit einem national gefärbten Liberalismus verbanden. 
Sie selbst bahnten, tonangebend, mit der sich empörenden Ee- 
wält der neu erfaßten Wahrheit, den Weg dcr Setzung des 
Neuen wider das von oben her Sankt.,. nierte. Wir sind heute, 
in eine anders Bahn eingcwöhnt, bei Verehrung jener Männer 
M Führer und Sprecher der Nation zu sehr geneigt zu ver 
pesten, daß ihr großer Einfluß aus die Jugend nicht zuletzt da 
durch möglich ward, deß sie, unbekümmert um regimentlich« 
Macht,prüche, die Konsequenzen zogen, denen zulieb sie die 
unangenehmsten persönlichen Folgen auf sich nahmen. Kants 
Streit mit der Zensur, Fichtes Vertreibu. . Jakob Grimms' 
und Cervinus' Verbannung und ähnliche Fälle reden eine 
deutliche Sprache 
Eine ähnliche von den Universitäten aus gebende Bewe 
gung haben viele unter den gegenwärtigen Verhältnissen wie 
der erwarbt. Nicht mit Unrecht. Unseren Tagen fehlt eine 
zus^-mm-«schließende Weltanschauung. Unsere Zeit bedarf 
tatsächlich einer durchgreifenden geistigen Führung. Die alten 
LibrnZwrrts scheinen ebenso zerschellt wie die alte staatliche 
V:rf-ssunn Mit diesem Aeußerlichrn fiel den meisten auch 
drr innerliche Halt. Viel wird hin und her gesucht und pro 
bier', mit Spiritismus und Okkultismus, mit SzieniismuS 
und RenbuddhikmuS, mit Thsc^ovhie und Anihroposophie, 
mit kirchlichen Formen und ethischen Gemeinschaften, mit 
Nai'onalismuS und AbendlandS-Unteraangsstimmung. Aber 
man vermißt in dieser bunten Vielgeisterei ein machtvolles 
System geistiger Gesamtanschauung, um das sich 
die Geisteskräfte der Generation konzentrieren und das die 
Universitäten, von d'«n es ouSgshen müßte, ganz in den 
Mittelpunkt aller geistigen Interessen rückt. 
In der Tat, eins ähnlich entscheidende Großtat, wie sie 
einst Fichte und Hegel vollsührten, haben die jüngsten Univer- 
sitätsanwalen nicht zu verzeichne — geschweige deß außerhalb 
de- Un'versi'A-n die befreiende Welt-anschauungSbat zu ver- 
m"'e krmm» d'5? Zu allererst haben wir im 
r a, e'a.er Zeit kommen, in der 
kam s ' L'ssen'ch ft zugemut t wurde, sich in erster 
Linie Boamter zu fühlen und zu benehmen. D'e W'.l- 
brlminischr Aera bat die-en seltsamen Zustand, der sich von 
Preußen «ms weiter verbreitete, zur vollen Unerträglichke't 
gesteigert. Die geistige Unabhängigkeit des zur geistigen Füh 
rerschaft berufenen Dozenten hatte erheblich gelitten. Es ist 
nun schon lange her, daß die akademische Jugend in Treitscht« 
einen letzten Heros verehrte, dessen Offenheit sie bedingungs 
los vertraute. Mit diefem Wandel in drr Stellung der Uni 
versitätslehrer ging die anders Aenderung Hand in 
Hand, daß die Universitäten in ausgesprochenerem.Maße alS 
vordem Erziehungsanstalten für künftige Staatsbeamte 
wurden. Was das in einem Staatswesen bedeutete, wo ssr 
Offizier alles galt und der Zivilist nur insofern etwas, als 
er ein guter Staatsbeamter war, liegt auf der Hand. W ist 
daher nicht zu verwundern, daß in einem Zeitalter, während 
dessen durch eine Unsumme neuer Entdeckungen und dadurch 
hervorgerufener neuer Problemstellungen eine nicht zur Ruhe 
kommende Gärung m dem Teige, der Weltanschauung ent 
senden war, Über dem nahen Ziel der KenntnisvermMung 
und der Staatserziehung das höhere Ziel systsmbildenöer 
WeltanschauungSarüeir ferner rückte. Dazu aber kommt ein 
anderes Moment, das der deutschen Universität der Gegen 
wart einen eigenartigen Stempel ausgedrückt hat. Die prin- 
liche Gründlichkeit, die dem deutschen Gelehrten eigen ist, hat 
hier «inen ergiebige» Boden für das Gedeihen des Spezia 
listentums bereitet. Hierdurch haben die deutschen Uni 
versitäten das Erstaunlichste in der Kleinarbeit geleistet und 
bis Bewunderung der ganzen Welt auf sich gezogen. Natür 
lich aber war das Uebel unvermeidlich, daS solches Spezia 
listentum und sein« ausschließliche Wertschätzung mit sich 
bracht«. Der Speziolist taugt nun einmal nicht für dir Arbeid 
die von hoher Warte m,t überlegener Sicherheit und absoluter 
Klarheit des UeberblickS die schweren praktischen Probleme 
der jeweiligen Lage des Mensche» und des Volkes meistert 
und im Nahmen des universalen Menschheit-- und Welt 
problemS der Lösung zuführt. Derer sind doch nur gar zu 
wenig«, die bei einem ausgesprochenen Spezialistentum zu 
gleich für die systemblldcndr Arbeit fähig sind. Sie sind das 
Dutzend der Genies, die gleichzeitig auf der ganzen Erve 
leben, deren weiterschauender Blick ihnen aber wiederum ganz 
ander« Ziele weisen mag als da- hier in Rede stehende. Die 
vielen anderen aber kommen über ihr Sps-ialsach nicht hinaus, 
wissen auch, daß weitgehende zünftige Geringschätzung ihnen 
droht, falls sie sich von der engen Scholle ihrer Detailstudien 
lösen Schon gegen Schluß ihrer Studentenzeit hatten ste 
engstes „Fachstudium* betrieben, und von da an waren ste 
immer ängstlich beim „Fach" geblieben. 
Nun ist das, was als Ergebnis des Fachstudiums gelehrt 
wird, wirklich strenge Gelehrsamkeit, die ein paar Prozent der 
Hörerschaft auch tatsächlich interessiert. Für die Mehrzahl Us 
Hekuba. Weil sich der Gegenstand solcher Spezialistenvor- 
resungen für den weitaus größeren Teil der Studierenden nicht 
eignet, deshalb hat man ja allen Ernstes vorschlagen wollen,! 
die Professoren sollten ihre Sorge sür die Studierenden daraus! 
beschränken, gute Lehrbücher zu schreiben, und sie sollten die Stu 
dierenden im übrigen sich selbst überlassen. In dieser eben 
mit dem Spezialistentum und mit dem gleichzeitigen Rückgang 
dcr Kathederberedsamkeit aufgelommsnen Grring- 
ichätzung des akademischen Kathedervortvags scheint mir ein 
Krebsschaden für das Ansehen und die Bedeutung dcr Univer 
sitäten zu liegen. Und soweit in jenem Zusammenhang tat 
sächlich der Vortrag an Lebendigkeit und Kraft eingebüßt hat, 
bedeutet dieser Umstand auch einen tiessitzenden Schaden der 
Universitäten selbst. Seit je war der Lehrvortvag das Mittel, 
durch welches der akademische Unterricht seinen bestimmenden 
Einfluß auf die studierende Jugend übte. Wo seine Bedeutung 
verkannt und abgeschwächt wird, da kann die Universität natur 
gemäß nicht jene führende Rolle in der Entwicklung dcS 
Geisteslebens behaupten, die sie vordem innehatte. Der Lehr- 
vortrag ist so sehr das Zentrum des Universitätslebens, daß 
geradezu die Forderung ausgestellt werden soi'te, ungeeignete 
Kathederredner nach Möglichkeit von den Lehr stühlen fern 
zuhalten. Was Schleiermachsr hierüber schrieb, gilt noch jetzt: 
„Der wahre eigentümliche Nutzen, den ein Universitätslehrer 
stiftet, steht immer in geradem Verhältnis mit feiner Fertigkeit 
in dieser Kunst (des KathedervortragS).* Niemals kann in 
einem Lehrbuch geschrieben werden, was an lebendigem Äorl 
in der „Vorlesung" gesagt wird; niemals kann all das Per 
sönliche und Unmittelbare in die Druckschrift gebannt werden 
und, soweit dort niedergelegt, mit gleicher Unmittelbarksit aus 
ihr wirken. Ja das Katheder ist nicht nur der Ort, von dem 
aus der akademisch« Lehrer seine fertige Weisheit künde:, 
sondern oft genug der Ort, an dem er im bewußten Kontakt 
mit seinen Hörern sein Bestes unmittelbar bervorbringst Er 
wäre ein schlechter L^rer, wenn er nicht fortwährend beim 
Lehren lernte, und je fester feine Fühlungnahme mit der HSrrr- 
! schcft geworden ist, desto reicher wird für ihn selbst der Dorn 
der Erkenntnis während seines Lehrens fließen. Stünden auf 
dem Katheder unserer Universitäten durchweg gute, fruchtbarx 
Lehrredner, so würden, glaube ich, die meisten Klagen, die über 
Niedergang und Einflußlosigkeit der Universität geführt 
werden, verstummen. 
Allerdings darf ein Umstand nicht unerwähnt bleiben, bei 
heute die Arbeit der Professoren außerordentlich erschwert. In 
der Großzeit der deutschen Universität vor hundert Jahren 
hatten die Gymnasien tüchtig vorqecrbeitet. Die jungen Leute 
kamen mit einem brennenden Hrißhunger nach Wisf.n'chaft 
auf die Universität. Jene Gymnasien sind nicht mehr, über 
deren große Leistungen sich unsere Jugend oft wehmütig durch 
die Biographien der leuchtenden Geister von dazumal unter 
richtet. Ich will damit nicht sagen, daß die alten Gymnasien 
nicht sehr reformbedürftig waren be-w. geworden sind. Aber 
Gymnastalresormen bestehen nicht darin, daß einfach von Jahr 
zehnt zu Jahrzehnt oder von Jahrfünft zu Jahrfünft dre 
Lehrz'ele verkleinert und die Anforderungen beschnitten wer 
den. Systematisch wurde durch UnterrichtS-„R«sorm* 0.« 
Höhenlage der Geistesbildung reduziert. Man fühlt« sich so 
überbildet, datz man schließlick» auf das nötigste Kleinmatz 
an Bildung verzichtete. Wie können die Universitäten Stät 
ten der Hochbildung bleiben, wenn sie bei ihren Jüngern keine 
allgemeine Mittelbildung mehr vorar-setzen dürfen? Wie 
können die akademischen Lehrer von heut« die studierende 
Jugend in der Weise von ehemals kraftvoll beeinflussen, wenn 
die Voraussetzung der Heranbildung zum Verständnis für die 
intellektuellen und gemütlichen Werte nicht mehr in analoger 
Weise gegeben ist? Der größte Teil derer, die heute die Uni 
versität beziehen, hat noch nie gelernt, selbständige geistige 
Arbeit m verrichten, und wünscht nichts sehnlicher, als daß m 
den HörsSlen mundgerechtes Prüfungswissen verabreicht 
werde. Auf diesem Gebiete muß Wandel geschasst werden, 
wenn die Universität überhaupt ihrer Aufgabe soll gerecht werden 
können.
        <pb n="65" />
        IranKfurler AngelegenZeiLm. 
StüdiverorLneken-Versammlung. 
Zu Beginn der Sitzung teilte Vorsitzender Hopf mit, daß der 
Magistrat dem Beschluß wegen Erhöhung der Preise für elektrische 
Energie und SLiastcnbahnfahrten beigetrcren ist. Ferner gab er den 
Rücktritt von Stadlrat Dr. Rumpf bekannt und sprach ihm den 
Dank der Versammlung für feine verdienstvolle Tätigkeit aus. 
Ein Antrag der soZialdemokratijchen Fraktion, die Veihilse 
an die Alt Veteranen auf 100 Mark Zu erhöhen und sie auch 
aus die noch lebenden Witwen der Altveteranen auLzudehnen, wurde 
ohne Debatte einstimmig angenommen. 
i WLeiprerSerhZhunA 
Stadtv. Heißwslf (Soz.) wandle sich gegen die Erhöhung 
der Mietpreise um 7 0 bis 150 P r o Z. der o'ncdcnsmiete, die für 
die Mietcrschast unerträglich sei Er beantragte, das; bis Zu der ge 
planten reichsgesetzlichen Regelung keine örtliche Erhöhung 
mehr vorgenommen werden jolle. W.e Stadtrat Lutsch betonte, 
! ist räch eingehender Ausschustberalung die Erhöhung Zur Erhaltung 
des Hausbesttzes unvermeidlich, und es geht nicht an, mit ihr bis Zu 
dem Zustandekommen des RAchsnttetSgelctzcs zu warten. Die voc- 
geschlagene Lösung regle endlich die Frage der Reparaturen und 
werde viele Streitigketten zwischen' Mietern und Hausbesitzern aus 
der Welt schassen. Im Aurchluß an Ausführungen des Stadtv. 
Wagner (Mittelst.), der von: Standpunkt des Hausbesitzers aus 
die Notwendigkeit der Erhöhung rechtfertige, sprach sich Stadtv. 
Lang (Komm.) für Ablehnung der Erhöhung aus. Stadtv. 
Landgrebe (Lib.) wies aus die Notlage der Hausbesitzer hin, 
der abgeholfen werden müsse, und erklärte sich, freilich nicht ohm 
Einschränkungen, mit der MagistralsvorLage einverstanden. Die Ab 
stimmung ergab Annahme dcs Antrages Heißwols mit 
32 gegen 20 Stimmen. Ebenfalls Annahme fand ein andrer An 
trag Hcißwlüf auf Rechnung dcr Mictpreiserhöhung für die städti 
schen Zufchußhüuser. Ferner wurde ein Antrag Kirchner (Soz.) 
angenommen, dcr die Mag.stratsvorlage betreffend die Erhöhung 
der Bezüge dcr V e a m t § n a n w ä r 1 e r und der jugendlichen 
Angestellten sofort zu genehmigen bittet. 
Vorsitzender Hops berichtete sodann über die vom Aeltestenaus- 
schuf; vorgeschlügene Entschädigung für Bürgerschafts-Depu- 
tierte, unbesowcte Magistratsmitglieder und Stadtverordnete bei 
nachweisbarem Gehalts- oder Lohnausfalt. Die« Borschläge gelang 
ten nach kurzer Debatte gegen nur 2 Stimmen Zur Annahme. — 
Wie Stadtv. Kirchner (&amp;lt;.oZ.) mitteilte, hat der Aettesten-Aus- 
fchuß dcr Magistratsvorlage wegen der Herausgabe eines städti 
schen A u z e i g e b l a t t e s grundsätzlich zugestimm! und Bor 
schläge für dessen bessele Ausgestaltung gemacht. Stadtv. Pros. 
Lrumpler (Dem.) und Stadtv. Fleischer (Lib.) beantrag 
ten Ueberweisung dcr Borlage an den Finanz- und Hauptausschuß 
zur Nachprüfung ihrer finanziellen Tragweite, während Stadtv. 
Nelles (Zcntt.) für ihre sofortige Genehmigung eintrat. Die! 
Anträge des Acltcsten-Ausschusses wurden angenommen. s 
Stadtv. Stottze (Dem) berichtete über einen Antrag des 
Hochbauansschusses, der die Annahme einer Magistratsvorlage 
wegen Einbaus einer Vadcwasscr^Negenerations in der 
Mäiuierschwimmhalle ! des städtischen Schwimmbads 
empfiehlt. Demgegenüber sprach sich Stadtv. Lion (lib.) als 
Spezialsachmann f^r Ablehnung des MagistraLsatttrags aus Neu- 
bewilligung weiterer Mittel aus und ging auf die Wahl der 
Firmen ein, denen die Einrichtung übertragen werden soll. 
Stadtrat Bernecker begründete nochmals sachgemäß die Vor 
lage, wobei er hcrvorhob, wie unzulässig es sei, daß Stadtverord 
nete, girade als Spczialfachlcute, im Plenum für bestimmte 
Firmen enureleu. Der Ausschußäntrag wurde angenommen. - 
Es folgte die schnelle Erledigung einer Reihe weiterer Hochbau- 
und Tiefbau-Ausschußanträge. Erwähnenswert ist die Annahme 
einer Vorlage wegen Herstellung eines Sportplatzes im 
Ctüdtwald. Auch sie Berichte des Organisationsausschusses er- 
lcdigtcn sich ohne Stockung. 
Stodw. Korff (Dem.) berichtete über die von uns schon 
mitgcteilte Neufassung der Vergnügungssteuer durch 
den Hauptausschuß, eine etwas mildere Handhabung der Steuer 
befürwortend, die von dem Magistrat auch zugesichert worden ist. 
Stadtv. Fleischer (lib.) beantragte, von der Erhebung einer 
Berc für den Besuch des Goethchauses m Zukunft 
abz^.hen. Stadtkummercr Pros. Bleicher erwiderte, daß 
der Magistrat aus Bittigkeitsgründen auf die Einziehung der 
Steiler bereits verzichtet habe. Die Abänderungsanträge des 
Ausschusses wurden angenommen, ein Antrag Nagel, der Steuer 
freiheit religiöser Veranstaltungen Vorsicht, und weiterhin 
empfiehlt, bei Vereinsveranstaltungen, die lediglich der einfachen 
Geselligkeit dienen, Eintrittskarten bis zum Betrag von 2 Mk. 
steuerfrei zu lassen, fand Ablehnung. s 
, Arankturter Anqelegenkciten. 
Die Abwärtsbewegung der neuen Jugend. 
Der Nhein-Mainische Verband hatte am Dienstag in Gemein- 
(Wrst mit der Vereinigung für Erziehungs-wesen und dem Jugend» 
ring den Pater von D u n i n - B s r? o w s k i Zu einem Vortrag 
Mer die Aufwärrsbewegung der neuen Jugend eingeladm. Der 
"Redner, ein gütiger Fürsprecher der Jugend, faßte diese Aufwätts- 
jdeweguW als Drang zuinnererFreiheit auf, die ihm gleich- 
chedeutLnd mit seLdstgewolller Einfügung in die GefttzmäßüMt des 
lelgnen Innern und der den Menschen umfangenden Gemeinschaften 
.ist. Wie sucht nun die Jugend zu solcher richtig verstandenen 
'Freiheit zu gelangen? Zunächst zielt ihre Bewegung auf Ein« 
'fachheir ab, die sich etwa in der Rückkehr Zum Wandern, zum 
Volkslied usw. äußert. Mit dem Drang nach Einfachheit verbindet 
Ach der mach Aufrichtigkeit; Jugend will sich geben können, 
,wre sie ist, und hegt Abscheu vor leeren Formen. Hinzu gesellt sich 
.ihre Sehnsucht nach Harmonie des ganzen Lebens. Wie sie 
Einheit des Körperlichen und Seelischen begehrt, so möchte sie har- 
MOnifch die Gegenwart mit der Zukunft verknüpfen. In diesem 
Verlangen liegt aber der tiefste Grund der Bewegung, besagt es 
Hoch, ürß die Jugend die Erziehung in Schule und H^uZ durch 
Selb st Erziehung zu ergänzen und Zu erleichtern'strebt und 
Ne Erwachsenen um Ehrfurcht vor den Ansichten der Heranreifen 
' den Littet. Eins Jugend, der man das ihr zukommende Maß von 
-Freiheit gewährt, wird von selber Zur Bescheidenheit, zur 
^Achtung vor dem Geziemenden geführt werden und um Nein 
Zeit auf allen Gebieten des äußeren und inneren Lebens ringen. 
Nachdem der Redner einige typische tragische Zusammenstöße 
Mischen der Jugend und den Erwachsenen berührt hatte, wobei 
zLr nicht nur Verständnis der Eltern für die Kinder, sondern umge 
kehrt auch der Kinder für die Eltern forderte, warf er die Frage auf. 
!wie man denn die Aufwartsbewegung der Jugend am besten unter-- 
Aützen könne. Der Erzieher bedarf hierzu vor allem einer Jntui- 
'LLonsgaöG, die es ihm ermöglicht, in; den oft unter vielen 
'.Hüllen sich verbergenden Wesenskern der Jugendlichen einzudrin- 
Äm. Ferner muß er den Kindern dazu helfen, sich so zu geben, 
wie sie sind, und schließlich den Mut haben, besonders fähige junge 
Menschen zur Führerschaft hewnzubilden; d. h. er muß ihnen 
Zeit zu Entgleisungen lassen und jenes Gefühl der Rücksicht auf 
'andere in ihnen einpflanzen, das gerade der Führer so dringend be 
nötigt. An einer Reihe von Beispielen, die er aus der Fülle eigener 
Erfahrung schöpfte, schilderte der Redner das Wesen des echten 
Hrziehers. Je nach der Altersstufe der Jugendlichen und ihrer 
.Eigenart wird dieser sich anders zu Verhauen haben, stets aber 
Mt es für ihn, warten und zuhören m können, zartfühlend die 
Scheu zumal der heranreifenden Jugend vor einer Aussprache zu 
jkLerwinden und durch einen „Handgriff der Güte" zu rechter" Zeit 
bchrängtM jugendlichen Seelen zu Hilfe Zu kommen. Wenn die Ju- 
Send den Berg auswärts stürmt, so mögen wir, die Erwachsenen, 
die wir oben stehen, und leise das Glöcklem läuten mit diesem 
^Gleichnis beschloß Pater von Borkowski seine von Liebe zur Ju- 
Bonld getragene Rebe. 
-- kMe Heilige Geschichte im Film.) Daß eine Darstel 
lung der Passionsgeschichte im Film von vornherein dazu ana-tan 
l,i. triftige Bedenken Zu erwecken, versieht sich eigentlich von selber. 
Wir sind glücklicherweise noch nicht amerikanisiert genug, um solcher 
Vorführungen zur Anfochung unserer Frömmigkeit zu bedürfen; im 
Gegenteil, wir lehnen sie aus Frömmigkeit eher ab, da Wir durch &amp;gt; 
sie, die nicht, wie die Obevammergauer Passionsspiele "etwa, durch! 
Tradition geweiht und an einen bestimmten Ort gebunden sind, 
eme Profanierung heiligster Glaubensgütcr befürchten. Immerhin &amp;gt; 
mag eine Darbietung, die im allgemeinen dem GeM widerstreitet 
M KimMLe. unter gewissen Bedingungen statthaft sein. Daß die 
LuWhmng des italienischen Filmwerks „Christus", 
A n den lchten Lagen vor geladenem Publikum stattfand, in je ¬ 
! nr Hinsicht befriedigte, hieße zu viel behaupten; aber sie erregte 
doch zum mindesten keinen eigentlichen Anstoß und brächte sogar 
emigc «Men (z. B. die Rnb'ümg der Hirten), die sich hem Ge 
müt einprägte». Der Film ist im Heiligen Land und in Aegypten 
ausgenommen worden und seinen Hauptreiz bilden denn auch wohl 
dir in reicher Abwechslung einander folgenden landschaftlichen 
Hintergründe und die oft wunderbaren Impressionen orienta 
lischen Lebens. Zum Lobe der italienischen Darsteller muß gesagt 
werden, daß sie ihre Aufgabe im allgemeinen mit Zurückhaltung ge 
löst haben. Auch die Regie hat Geschmacklosigkeiten nahezu völlig 
vermieden; ja, die Verkörperung der Wunder, wie überhaupt die 
Sichtbarmachung des Ueberirdischen ist ihr wider Erwarten gelun« 
gen. Der Fluß des Geschehens staut sich mitunter, gewiß nicht' 
zum Schaden dcs Ganzen, zu lebenden Bildern, die nach Meister 
werden der italienischen Renaissance gestellt sind. Freilich wird 
man nur für Augenblicke in die Sphäre der hohen Kunst entrückt, 
das Leben flutet weit« und seine einzelnen Szenen sind hie und da 
(wie z, B. beim Kindermord und der Geißelung) von einem Rea- 
ttsmus, dessen Kraßheit wohl nur noch für ein italienisches Publi 
kum erträglich sein mag. Xr
        <pb n="66" />
        --- sELu PLlastiua-Buch.1 Bei der politischen Bedeutung, 
die Palästina mehr und mehr gewinnt, wird gewiß ein Buch will 
kommen sein, das ein anschauliches Bild von dem Land und dem 
Leben seiner Bwoohner verschafft. Das soeben im Verlag Ferdinand 
Ost erLag (Berlin) erschienene Palästina-Buch ist dank der in ihm 
enthaltenen Abbildungen vortrefflich dazu geeignet, den heutigen 
Zustand des heiligen Landes uns nahe zu bringen. Die Folge 
dwler gut auZgewählten 57 Abbildungen gibt eine unmittelbare Vor 
sehung von der Vielgestaltigkeii des Landes, das auf engem Raum 
c'Ie Gegensätze in sich birgt. Man begleitet, die schönen Photo 
graphischen . Aufnahmen durchblätternd, den Lauf des Jordans, 
d r bald durch Gebüsch, bald durch baumleers Steppen sich schlän- 
gelt, dann wieder ruht der Blick auf der breit gelagerten, märchen 
haften Silhouette Jaffas und den verlassenen Ufern des Liberias- 
„Zwecke Heimat." 
Zur Au s w an d eru n g Z-A u s st e Nun g im 
Frankfurter Haus WerkLund. 
Zu den mancherlei Unterlassungssünden, die das alte Deutsch 
land begangen hat, gehört wohl euch die mangelnde Pflege der 
B^iehungsn zwischen den Ausländsdeutschen und dem Mutter 
lands. Die Scharen der Auswanderer, die alljährlich Deutschland 
verließen, um sich in Amerika, Afrika oder den Ländern des Ostens 
eine neue Existenz zu gründen, gingen der Heimat bald verloren, 
man verabsäumte es, eine fortdauernde kulturelle Verbindung mit 
ihnen zu unterhalten. Kein Wunder, daß solche Passivität der 
Heimat die Auswanderer nur allzu häufig dem Lande ihrer Geburt 
entfremdete und in ihnen eine Gleichgültigkeit gegen die deutschen 
Interessen hervsrrief, über die man sich dann bei uns nicht immer 
ganz mit Recht beklagt hat. Mas fehlte, war das Bewußtsein 
innerer Zusammengehörigkeit des deutschen Volkes und des Aus» 
landsdeutschen, mochten diese nun in den eigenen Kolonien oder in 
fremden Staaten leben, war eine zielkrksiige Politik, die ihre vor 
nehmste Verpflichtung in der Rukm'chfunZ unzerreißbarer Fäden 
'zzwflwen dsr Heimat und dm sHgespMerten VolMeilm erblickte. 
Die Anzrichen wehren sich, daß wir aus unseren Feülern zu 
lernen beginnen. Das deutsche Ausland-Institut in 
^Stuttgart, eins von dem deutschen Reichswanderungsamt 
'unabhängig Organisation, bie während des Krieges, hauptsäch 
lich dank der Mmühungen d'K Konsuls Wann er. ins Leben 
gerufen Wochen ist, bot sich di" Ausgabe gesetzt, dm Aus man j 
cherern mit Rat und Tat Zur Sei^e zu stehen und vor allem 
den Zusammenhalt der Deutschen in der alten und der neuen 
Heimat systematisch zu stärken. D-er Erreichung dieses Zieles 
soll unter anderem auch eine von dem Institut gefchafftns A u s- 
w a n d e r u n g s - A u § st e l l u n g dienen, die nun, als die 
erste ihrer Art, ihren Zug dwch die deutschen Großstädte antrrtt. 
Sie wsndrt sich nicht nur an die vielen Tausende, die ihre alte 
Heimat Zu verlassen gedenken, sondern auch an die Zurückblei 
Senden, denen ste Zeigen will, was deutsche Siedler in allen Ge- 
gend-en der Erde »wirtschaftlich und geistig geleistet haben. Zuc 
Zeit ist sie in der: schönen, wehldurchwArmten Räumen des 
Hauses WerkLund unterbracht, ergänzt durch Leihgaben des 
Senckenberg-JnsLiLuts, des VölkermuseumS, des Palmengartens 
und der SLcrdrgärtuerei. Um ihre Organisation und treffliche 
- Unordnung h^ Dr. Lüöbecke vom Frankfurter Meßamt sich 
verdient gemacht. 
.-Bei der nun einmal c.?.4csiLwmtcn dsuflehen Gründlichkeit vsr- 
peAt es sich nahezu von selber, daß die Ausstellung auch die Ge. 
laichte des deutschen ArOwanderumMVcftns in stch einbegreift 
ZM-yeiche PhstsMLphien und Modells veranschaulichen die Lei 
stungen deutscher Kolonisatoren aus der Vergangenheit, und wohl 
die msistM Besucher werden mit em'.M Beschämung entdecken, wie 
WNÜA ps von diesrm Teile der vairMMschm Geschichte wissen. 
Volks-LichLspieLe. Das Weihnachtsprogramm der Volks 
Lichtspiele in der Rotlintstraße enthält u. a. ein Filmwerk „C h r i- 
stü s", in dem die Passionsgeschichte von der Geburt bis zur Auf 
erstehung Christi sich entrollt. Die Schwierigkeiten, die eine Vor- 
Mhrung der heiligen Geschichte im Film begreiflicherweise mit sich 
/bringt, sind hier nicht restlos überwunden; insbesondere der Dar- 
fieLcr der Hauptrolle wirkt infolge seiner Mimik und seines ein 
wenig hastigen Geberdespiels viel zu irdisch, um die Wunder wirk 
lich faßbar zu machen Einige Szenen lassen immerhin das Thea 
ter vergessen und entrücken in eine anders Sphäre; ss die echt 
märchenhafte Anbetung der Hirten und die von Schauern um 
wehte Kreuzigung__ 
soes. Von der Einsamkeit des galiläischen Berglands wird man, 
m das Gewimmel einer orientalischen Basarstraße entführt, das 
Grab Nahels und andere geweihte Stätten tauchen in schnellem 
WeDel auf und zwischen Stadtbilder, in denen schon europäischer 
Einfluß sich geltend macht, drängen die uralten Moscheen, Tore 
und Gassen Jerusalems sich ein. Zugleich gewähren die Aufnahmen 
einen Einblick in das Treiben der Araber und Juden. Jüdische 
Bauern werden bei der Landarbeit gezeigt, und von ihren Nieder- 
lassunigen wendet man sich arabischen Dörfern zu, deren Bewohner 
in ihren malerischen Gewändern vorübergleiten. Den Abbildungen 
ist ein knappes Vorwort von M. Calvary vorangeschickt, das die 
Landschaft Palästinas schildert und der Hoffnung auf ein neues 
jüdisches Gemeinschaftsleben Ausdruck verleiht. IO. 
siöeben den wundervollen Architekturen in den baltischen Ländern, 
die eine Frucht kolonisatorischer Tätigkeit der Ordensritter sind, 
erblickt man die aÜM Niederlassungen in Palästina und den Kar 
paterMgenden und versetzt sich im Geiste, angEgt durch die Be 
trachtung mancher Abbildungen und Dokumente, in die Anfänge 
dsr deutschen Auswanderung nach Nordamerika zurück. Nicht ohne 
omm Anfluz von Rührung liest man einen an diese Zeiten er 
innernden .Brief des öhrenwerten Bürgers Pastoriuß. der im 18 
Jahrhundert Germamown mitbegründen half und in seinem 
Schreiben die Nachfahren ein wenig pathetisch dazu ermähnt, der 
alten Heimat die Meue Zu hatten. Mus nüchterne, dafür aber 
umso lehrreichere Spracht reden die vielen Tabellen, die einen 
systematischen Usberblick über die Entwicklung der Auswanderung 
in den verschiedenen Ländern geben. Daß die auf diesen Gegen 
stand bezügliche historische Literatur vollzählig aufliegt, bedarf 
wohl nur dsr Erwähnung. 
Von der Beschäftigung Mit der Vergangenheit wendet man 
stch, den Rundgang fortsetzend, den dringlichen Fragen der Ge 
genwart zu. Wer immer sich mit AuZwanderungsgedanken 
trägt, wird sicherlich zunächst in Erfahrung bringen wollen, welche 
Beförderungsmöglichkeiten ihm zur Verfügung 
stehen und bei welchen Organisationen er zuverlässige Auskunft 
über das Land seiner Wahl erhält. Ein Besuch der Ausstellung 
verschafft ihm bald die gewünschte Aufklärung. An großen 
Modellen kann man dort den Bau eines modernen Schiffes in 
allen Einzelheiten studieren, und vergleicht man etwa die „Kron 
prinzessin Cäcilie" mit dm: alten Raddampfer „Washington", 
so überzeugt man sich mit Genugtuung davon, wie herrlich weit 
wir es zum mindesten in Dingen der Technik gebracht haben. 
Von besonderem Interesse sind die in Naturgröße Vorgesühr- . 
ten neuen Kabmeneinrichtungen III. Klasse des Norddeutschen 
Lloyd, die fortan zur Aufnahme der früher im Zwischendeck un- 
tergebrachtcn Passagiere dienen sollen; die auf ihre Ausstattung 
verwandte Sorgfalt, die sich bis auf die Anlage der Toiletten 
erstreckt, bekundet das erwachende soziale Gewissen unserer Zeit. 
Eine Fülle von tabellarischen Uebersichten bietet stch dem Rei 
fenden an, um ihn auf den rechten Weg Zu weisen, und Modelle 
der Auswandererheime in den Hafenstädten zeigen ihm schon 
iw voraus, wo er bis Zur Abfahrt Quartier findet. 
Indessen begnügt stch die Ausstellung nicht damit, den zu 
künftigen Kolonisten nur so lange Zu betreuen, bis das Schiff die 
Anker lichtet; sie begleitet ihn auch in die neue Heimat, unterrichtet 
ihn über deren Eigenart und teilt ihm alles Wissenswerte mit, 
dessen er Zur ersten Orientierung auf fremdem Boden bedarf. Eine 
geschmackvoll arrangierte Auswahl tropischer Flora und Fauna 
führt ihm die Umwelt vor Augen, die ihn in südlicheren Himmels 
strichen als den unsrigen empfängt. Eingehend befaßt sich die 
Ausstellung zumal mit Südamerika, das heute wohl das 
wichtigste Auswanderungsgebiet ist. Das Bild, das ste von den 
dortigen Verhältnissen übermittelt, ist nicht gerade verlockend; 
abschreckend wirken vor allem di-e grauenhaften Vl-echbaracken für 
Arbeiter in der Vorstadt von Buenos-AiLes. Auch über Rußland 
und Palästina ist in Weiser Voraussicht reiches Material zusam 
mengebracht worden, und welche Zustände der Auswanderer in 
den holländischen Kolonien arrLn'fft, wird durch eine Sonderschau 
der Niederländischen Handelskammer sinnfällig 
vergegenwärtigt. 
Zuletzt sei noch der mannigfachen p r ak L i sch e mWinke ge 
dacht, die dcn Kolonisten in der Ausstellung mit auf den Weg 
gegeben werden. Merkblätter machen ihn auf die physischen und 
psychischen Vorbedingungen aufmerksam, die er erfüllen muß, 
um sich m anderem Klima und in ungewohnten Lagen zu brwmw- 
ten. Er erfährt, wie er stch am zweckdienlichsten auszurüsten 
hat, lernt im Bilde die scheußlichen Zerstörungen des Mensch 
lichen Körpers kennen, die unter tropischer Sonne etwa von 
Fliegenmaden, Sandslöhen und Hakenwürmern hervorgerufen 
Werden, gewinnt zugleich Einsicht in die Mittel zu ihrer Ver 
hütung und vergewissert sich alles in allem dank des ihm erteil 
ten Anschauungsunterrichtes spielend über die. Vorkehrungen, die 
von ihm in jeder nur erdenklichen Situation zu treffen sind. 
Ein aus Zweigen und Laub angefertigter Pontock, der das Ent 
zücken jugendlicher Karl May-Leser bilden mag, verdeutlicht ihm 
etwa die Schwierigkeit des Reifens durch unkultivierte Gegenden, 
und auch sonst erhält er manche sehr -eindringliche JnsttuU-oncu, 
die ihn stumm davor warnen, die Zivilisierten Länder leichtsinnig 
zu verlassen. Zu dem überreichen Anschauungsmaterial gesellt 
sich stets die einschlägige Fächliteratur. Eine vollständige Samm 
lung der im Ausland erscheinenden deutschen Zeitungen weist 
darauf hin, datz die Kolonisten ein starkes Bedürfnis in sich ver 
spüren, durch Pflege der Muttersprache die geistige Fühlung mit 
der Heimat aufrecht zu erhalten. — So sorgt sich denn die Aus 
stellung wie eine Mutter um das Schicksal des Auswanderers. 
Durch Bild und Schrift bereitet sie ihn auf sein neues Leben 
vor, offenbart ihm alle Gefahren, denen er entgegen geht, und 
§ ermöglicht es ihm derart, allein auf sich selber gestützt in der 
zweiten Heimat sich ZurechiZufinden. Niemand, der ste besucht 
ruird ohne Nutzen in ihr verweilen. Sie belehrt die Kolonisten, 
fesselt die Zuhause Bleibenden und stellt Zwischen den Deutschen 
im In- und Ausland unmerblich jene innere Verbindung her, 
deren wir heute mehr denn je bedürfen. Lr.
        <pb n="67" />
        9 
e! 2 ? tri 
n e r g i e. 
4 
Anlhropssophie und SiudenkenschKsk. 
Seit Ostern dieses Jahres erscheint im Verlag von Blaze? 
u. Bergmann Zü Frankfurt a. M. eine Zeitschrift: „DieUni- 
oers-dtäts - Zeitung", die 'früher unter dem Titel: 
„Frankfurter Universttäts-Zeitung amtliches Organ der 
Frankfurter Studentenschaft gewesen ist, nun aber als selb 
ständiges Blatt neben dem offiziellen hiesigen Studenten- 
schafts-OrgM fortbesteht. Der Herausgeber teilt den Lesern 
mit, daß seine in 16 000 Exemplaren erscheinende Zeitschrift 
sich an die gesamte deutsche Studentenschaft wende, und 
versichert weiterhin, daß ste, ohne Rücksicht auf Parteibekennt 
nis und dogmatisches Programm, ihre Spalten allen denen 
öffnen wolle, die in dem Ringen um die großen Aufgaben 
der studierenden Jugend positive Lösungen anstreben. Die bis 
herigen Nummern befinden sich mit diesen schönen Worten in 
auffälligem Widerspruch, oder, bevorzugen doch zum mindesten 
eine der gegenwärtigen geistigen Strömungenin ungewöhn- 
Imnkfurler Angelegenheiten. 
Skadw§rsrdLleken-VLrsammtvng. 
l In der Schlußsitzung des Jahres befaßte man sich mrheW 
zwei Stunden hindurch mit der Vorlage über die 
° Tariferhöhungen der Straßenbahn. 
Das Ergebnis der Ausschußberatungen, über das Stadtv. 
Neil es (Zentr.) berichtete, ist von uns bereits mitgeteilt worden. 
Stadtv. Lang (Komm.) stellte weugchen'de, durch seinen Partei 
standpunkt begründete Ab ändern ngsan träge und erörterte in ge 
wohnter Weise des längeren die Notwendigkeit einer Umgestaltung 
der Verwaltung. Er mußte es sich gefallen lassen, daß Stadtv. 
Korff (Dem.) seine Anregungen als theoretisch und undurchführ 
bar bezeichnete. Nur insofern stimmte der demokratische Redner 
ihm, zu, als auch er eine ständige schematiche Weitererhöhung der 
Tarife für nicht angängig hält und eine großzügige Gesamt- 
reformderTram Lahn Verwaltung wünscht. In dieskst 
Absicht beantragte er die Einführung kaufmännischer Methoden in 
die Verwaltung der Straßenbahn und eine Vereinfachung des Be 
triebs, die wie folgt erreicht werden soll: 
, „Zum 1. April 1922 ist eine Wanderung dahin durchzuführen, 
' Laß alle Vergünstigungstarife zur Aufhebung 
gelangen und Lediglich der Barverkehr durchgeführt wird. In 
den Frühstunden des Arbeitsbeginnes ist ein ermäßigter Tarif 
- derart Lmzuführen, Laß sowohl EinMarLen. als auch 'Rückfahrt- 
kmrm Mr UuWLhe Mensen; letztere berechtigen Zu beliebiger 
TgHMtmrde M? M^ahrt von der Arbeitsstätte." 
GrAW. Kirchner (Sm.) erklärte sich im Prinzip mit den 
Erhöhungen rinmffmnden, und erhob nur Beschwerde gegen die „zu 
starke MelgENH Der PreNs für die Wochenkarten. Die Anträge 
Korst charakterisierte er als unsoziale Vorschläge, die sich gegen 
dk Miste Gestaltung drr Tarife richteten. Auch Stadtv. Plewe 
(Unsbh.) sprach sich gegen den „Wbau der sozialen Tarife" aus, 
der sich schau m der jetzigen Vorlage geltend mache, befürwortete 
eine V&amp;gt;erMiHung der Wochen- und Monatskarten und beantragte 
^trennte Abstinnnung über die einzelnen Hauptausschußbefchlüsse. 
Im Anschluß an seine Darlegungen, die durch SL-adtrat Dr. 
Schmude eine Berichtigung erfuhren, kritisierte Stadtv. Hipper 
(Zentr.) die zu geringe Erhöhung der Netzkarten. Stadtv. Land- 
greLe (Lib.) verteidigte nochmals die AusschußanträKe und bat, 
von weiteren Abänderungsvorschlägen Abstand zu nehmen. Die 
Erhöhungen seien entgegen den Aeußerungen einiger Ponedner im 
Mittel gleichmäßig durchgcführt. Im übrigen empfahl er weit 
gehende Vereinfachung der Verwaltung, ohne sich den Anträgen 
Korff anzuschließen. 
Stadtv. Merken (Zentr.) begründete einen Antrag seiner 
Fraktion, dem zufolge die E i n k o m m e n s g r e n z e für den 
Bezug von Wochenkarten von jetzt 30 0M Mk. auf 36 000 Mk. er 
höht wecken und der Nachtzuschlag ab 9 Uhr 25 Pfg., ab 11 Uhr 50 
Pfg. betragen soll. Nach weiteren Erklärungen der Stadtv. Plewe, 
Lenz (Unabh.) und Lehmann (Soz.) kam Stadtv. Korff 
(Dem.) noch einmal auf seinen Antrag zurück, sich des im Laufe 
der Verhandlungen verschiedentlich erhobenen Vorwurfs erweh 
rend, daß der zweite Teil dieses Antrages unsozialer Gesinnung 
entspringe. Bei der Abstimmung wurde beschlossen, sämtliche 
Abänderungsvorschläge dem Hauptausfchuß Zu überweisen. Die 
Anträge des Hauptausschusses wurden sämtlich angenom- 
m e n. Desgleichen genehmigte die Versammlung ohne Dis 
kussion die ebenfalls von uns schon bekannt gegebenen Aus 
schußanträge betreffend die Erhöhung der Schlacht- und 
Viehhofgebühren, sowie die Erhöhung der Preise für 
ttch Joyem Maße über ihre Bedeutung hinaus. Die meisten 
von ihnen, wenn nicht alle, enthalten nämlich größere Artikel, 
die Stimmung für die anthroposophische Bewe 
gung zu machen suchen. 'Im Vergleich mit diesen lang 
atmigen propagandistischen Aufsätzen über die anthroposophische 
Hochschultagung W DarmskLt, über die Kongresse im Tor- 
nacher Goetheannm und zu Stuttgart usw. muten die spärlich 
s eingestveuten, nicht anthroposophischen Beiträge wie LüSen- 
büßer an und verhüllen nur schlecht die besondere Vorliebe der 
üsitschrlft fstr „anthropofophisch orientierte Geisteswiffenschnst", 
eine Vorliebe, die sich nebenbei bemerkt, auch im Ämwncen- 
Teil ziemlich stark fühlbar macht. Wenn Herausgeber und 
Schristleitung die anthroposophische Verseuchung der Stuben- 
tenschaft fördem wollen, so ist das schließlich ihre Sache. 
Wenn diese Partsigängerschaft aber unter dem Anschein der 
Neutralität erfolgt und der harmlose, beinahe offiziell klingende 
Titel des Blattes zu ihrer Maskierung verwandt wird, so heißt 
das ein Verfahren einschlagen, gegen das man sich gar nicht 
entschieden genug, wehren kann. Da im übrigen die Studen 
tenschaft in ihrer Gesamtheit den anthroposophischen LiebeS- 
bemühungen bisher noch immer standgehalten hat, darf man mir 
einiger Zuversicht cmnehmen, daß ste sich auch der neuen, ein 
wenig verschämten Werbung nicht ergeben wird. Lir. 
Nach schneller Erledigung einer Reihe von Ausschußberichten 
bat Stadtv. Lorey (Soz.) in einer dringlichen Anfrage den 
Magistrat um Auskunft über die Gründe für die mangel 
hafte Beheizung der Schulen. SLadtrat Schau 
mann erwiderte, daß es bisher an der nötigen Zeit zur An- 
Lernung der ner; eingestellten Heizer gefehlt HM; nach den Weih 
nachtsferien werde dieser Uebelstand behoben sein. 
Zum Schluß der Sitzung hielt der Vorsitzende Hopf eine 
kur^e Ansprache, in der er ernen Rückblick auf die Ereignisse des 
alten Jahres warf. Er stellte mit Genugtuung fest, daß man rn 
diesem Jahre mit 27 Sitzungen ausgekommen sei, und drückte 
den Wunsch aus, l&amp;gt;aß auch im neuen Jahre die Eindämmung 
des Redestroms gelingen werde. Weiterhin gedachte der Redner 
der politischen Ereignisse urch entsandte unter lebhafter Zu 
stimmung der Vertreter aller Fraktionen den deutschen Brü 
dern in den entrissenen Gebieten ObersÄle?iens den Gruß 
der Versammlung. Auf die Oppauer Katastrophe eingehend, 
teilte er mit, Laß aus den in Frankfurt zusammengeflossenen 
Spenden in dem so schwer betroffenen Orte ein Wohlfahrts- 
gebAude errichtet werden solle. An den Hinweis auf die dring 
lichen Verpflichtungen, die das.folgende Jahr Zumal auf den 
Gebieten der Wohlfahrtspflege, des Wohnungs- und Schul 
wesens bringe, schloß er Worte der Hoffnung auf. den Zukünf 
tigen Aufstieg Deutschlands und entließ sodann die Versamm 
lung mit dem Wunsche für ein fröhliches Neujahr. Stadtv. 
Stolhe (Dem.) dankte namens der Versammlung dem Präsi- 
dMM für die unparteiliche Leitung der Verhandlungen.
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2008
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