<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.04/Klebemappe 1924 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>BF00043381</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        „Alles fürs Geld 
Im Mittelpunkt des Stückes, das in 
den 
Meten lauft, steht ein reicher Konservenfabrikant, 
rae. 
Mleiue MitieiLunsierr^ Die im vorigen Dezember in 
^van?ZR von Dr- Karl Klinghardt veranstaltete Schau tür 
kischer Architekturzeichnungen siedelt auf vielseitige 
Anregung hin vom 19. ds. ab für zwei Wochen nach Stuttgart 
über, wo sie in dem von Pros. Pazaurek geleiteten WuEembergi- 
fch^ Lsn/isgewerbe-Museum arlsgestM wird. 
Die von Dr. Ing. Bshrendt hevausgegsbem SiedlungS- 
zei^christ ,.Die Volkswohnung" (Verlag Wilhelm Ernst u. SoLn, 
Berlin) wird seit Beginn des neuen Jahres als Halbmonats- 
scbrP, für Baukunst unter dem Titel: „Der Neubau" mit Er 
weiterung ihres bisherigen Inhalts ssrigeführt. Das gut mrs- 
E&amp;gt;est führt u. a. LMildung-en eines neuen Verw-al- 
tungsqeLauhes von Pir/. Po^lzig vor und bringt vsrWMne 
Beiträge! Mr wichtige Fachtzrobl^ - - 
! „Das närrische Paradies". So nennt sich ein vemücklu-nO 
! reiches Drama, das zurzeit in den Skal s-Z ichtspielen läuft. 
Es spielt in einer füd amerikanischen^ heißblütiger E' 
völkerung und behandelt die SchiKMe eines Erblindeten, 
der eine ferne Tängerin liebt. EinH-prtZanM dre ihn 
wiederum liebt, spiegelt dem sehnsüchtig sich Verzehrenden vor, 
jene angebetete Göttin Zu sein. HermLet ihn daraufhin, naht ihm 
die Knöpfe an der Jacke fest und verschafft ihm sozusagen para 
diesisches Leben. Allein der Betrug kommt heraus, denn ein her 
gereifter Augenarzt heilt den Blinden, und der nun Sehende hat 
nichts Eiligeres Zu trm, als die schwindelhafte Ehe zu lösen und 
nach Indien zu fahren, wo seine Dulcinea weilt. Zum Muck ent 
täuscht ihn deren kaltes Herz, und durch mancherlei Erfahrungen 
bereichert, kehrt schließlich der Reuige in die Arme seiner ver 
stoßenen Frau zurück. Mordergesellen, indische Radschas, Kroko 
dile usw. treten als Begleitfigursn hinzu und steigern die Auf 
regung, in die man durch die unwahrscheinliche Logik der ereignis 
reichen Handlung, schon an sich versetzt wird. — Voran geht ein 
Lustspiel: „Paul fliegt mit Paulig in der Hauptrolle, 
das sehr drollig zeigt, wie eine -alte Jungfer sich einen Mann 
In 86MSM ..M sii, Or i u n ck 
^Virkllek keil" ^eläx N-eE. VUL, 
543 8.) Mdt ädr lenHiiE ?ME0pd 8 ? un 0 8 a u e ü 
eine breit Ln^lSsst-o 8niHrsuestMss ds? jenen 
drei HnckLineirtaidessrlilen od^slienäen LEbunsseri. 
8^rne Lestimnmu^en. 6i&amp;lt;- denen 8i6keit3 nab-s vervvsmrt 
sind, Zotten äarwn. äak und rnMiHkerp der ?ttttosvptt!S 
die ^ukM-de d-er üsseWeI)Ältrsdbssi'ünd-u»ss rmiMt, auod 
dienen Äe des äksiekt, ..der» ^VEtteii rttren Ort im Le- 
reiett der sseltendan ie sn^u^-eisen. L^sonders mn- 
sse^ieZen Zea Luk die eeL^l ders^KsseurdeitetS Mssren- 
Lunss der eigenen ?&amp;lt;Mt-ron von dsW Lrr-MonüttKnw der 
l-ederrspttttosopd': e. 
tragischer Held. Es ist sehr merkwürdig, welche Idealisierung 
dieser Typus, der doch unserem Vaterlande nicht gerade zur 
Zierde gereicht, im Kino erfährt. Der Ausbeuter wird zum 
Ooursss^s-LeQriikomme, seine „Tüchtigkeit" ist nur die natürliche 
Folge unverdorbener ursprünglicher Instinkte, und da überdies 
Mn Verhalten von ungebrochener Gutmütigkeit zeugt, kann man 
ihm überhaupt nicht ernsthaft böse sein. Statt also den skrupel 
losen Emporkömmling zu zeigen, wie er in Wahrheit ist, stellt 
man lieber einen Lustspielhelden auf die Beine, der durch mancher 
lei lächerlich^ aber im Grund edle Züge versöhnlich stimmt. Die 
veschiedensten Gründe mögLN zu solcher Netouchierung treiben, 
sicherlich nicht Zuletzt die Rücksichtnahme auf das Bedürfnis des 
Publikums, sich über Raffke erhaben zu dünken Bliebe dieser 
im ganzen Stuck eine komische Figur, so nähme man das Spiel 
gewiß gerne hin und könnte gegen eine derartige Entgiftung 
der Wirklichkeit nichts triftiges einwenden. Aber es bleibt nicht 
dabei, sondern die Komödie wandelt sich zur Tragödie, und 
das ist freilich ein unverzeihlicher Stilbruch. Denn nun wird 
aus dem Scherz, der nur als Scherz erträglich ist. ein ernster 
Vorgang, der Glaubwürdigkeit beansprucht und darum die schöne 
Irrealität der vorangegangenen Szenen völlig Lügen straft. Der 
Sohn des Konscrvcnfabrikantcn kommt bei einem Automobil 
renn? n als Opfer väterlicher Gefchaftskniffe wirklich und wahr 
haftig ums Leben, und der väterliche Gauner erlebt im Anschluß 
an dieses Vorkommnis wirklich und wahrhaftig eine Bekehrung, 
schlüpft in den nächsten, besten Dostojewsky-Roman hinein und 
klagt sich des Mordes an. Nein, das hätte nicht sein dürfen! 
Was als Groteske angelegt ist. muh auch als Groteske Zu Ende 
geführt werden; ihre Unwahrscheinlrchkeit verlier? ja die Wahr 
scheinlichkeit, wenn sie um irgendwelcher literarischer AnMtionen 
willen Plötzlich sich anmaßt, ein bürgerliches Trauerspiel zu sein. 
Trotz solcher Schwächen, die auch und gerade im Kino 
Schwächen sind, spannt das Stück von Anfang bis zu Ende. Rein 
hold Schünzel, der einen Schieber mit berückender Gemein 
heit darstellt, vollbringt Wunder der Regieleistung. Das Auto 
rennen zumal, ein sehr drolliaes Duell und ein Angsttraum sind, 
technisch meisterhaft durchgeführt. Die Hauptrolle spielt Emil 
Jannings; er folgt allen Windungen der Fabel,'und wirkt 
seine Komik zu Beginn erschütternd, so erschüttert er späterhin 
gaV, ohne komisch zu wirken. ' 
ZLAMß MM UHKSl« RiHdArd LroneZ^ 
I. Länd WrnMM d^x pdiloK. ^issenssdLkteo. Nrsss« 
v. k^lls UeüLeus.) Mdiv^tzüz 6: 0. L. Äokr. XIX, A2 8. 
Xroopr unter LmzutLunK gor In Ze? lelLteu Leiß 
rn« LLssMiovt KWügpvau lLAnuEipw äor 
KMtSMLMer^ ä^n ddutsoveu IdtzLttsLus vsn XLnt bis 
Als baNE HrkAMtzL, m ZL8 VtzrEullM dsx 
kpekulLtlven Denk Motivs uud DsvLerssedMOse LU Widers 
und äsn Nr erbrioMo. dAZ äis NsÄllstWedtz Lp-Ku- 
iLtiau nur w kouseguevter V-Hrko-ssunss dsr XLvrisedHn 
öLnkKL über LLvt sMer drvLu^UegLvxtzv ZM. Dis I&amp;gt;AI&amp;gt; 
LtvNiMK, dw mad im vorlle^ovdon smtHn öLnds von XE 
Ln üds? Xübto bis Lur FebHlIwWeben RLturgdllosoMb 
strsskr, Wt&amp;gt; diswriKgd-krMsov, ö. d. sitz ?sU ü;s krOMme iü, 
Idrer LertUede» Xolxo Auk unä ^erdlnäet 6Lm!K 
l^eNs smtz LrütsMd WürälKunK. Vitzss RritM, 
sied sn äle AusMürUedeu Zes LaMKoksu 8x8? smN 
LubedNbÜ?, melr äarLuk Z.d, Gs äsZ 
VtzuLtzos äer. RAeLkolMr XLvts sedLrk bsrLWLudHdßn, LUM^ 
Anäenr möedrs KM rs'^sN, ZM L^nt sslsiMKAM Ank VMem" 
IVssstz stodmr MdUsdsu seh uLä K«1n HrMZ^eZArrLtz: Gtz 
V^rLuLerunss Er RrkenntiUKKa Im leL erst in 
LMamev, vor Em rw AxersW-s L^els voMMets Durste 
kükruv^ erkLüren dLds. Oio vHrdAnMWVHMv UiLverstZuckF 
niMZ Auk^uaeektzv, Zeusn siuo LK^tA 
vLeüst, rst Vier DieZrt äer Ort. Vm MM vyMMHdlt 
ktzwor smärMAlrME VMsnälun^ Ses 
xsckLMtzvs 'MHsstzo. . : 
VtH TkSW VrlLOLLWOrrK« Von XrAM 
Dr. Lältst I&amp;gt;AnäMLLL.. VsrLr, GsorK LoE^ 
M^LsitHu. 
vro okttzvdLr äew Lreis mn ÜtzsrKtz LKkestHkHLäe VsM 
kassonu vortritt in Lkrem Vueko «mtzn ReLllsmus, äe? 6!« 
LristsnL äer ssm Vtz^üLtLew trALSLHDäHMHL KeKMKiOnä^^ 
dedKuptor unä ä-em LrLsun^MsD älo ^ukMds -etL^ 
Zwsvr ^tzxpn8LLn6s In kreMev n!tz Mvs verlÜLLdrdArHn 
tLUntHLÜontzL" tsMmtt LU ^srätzL- TrotL MHKHnEsder 
^sibduirxtzn von äer äured RusAHrt doKrüMstM xkLoo» 
Mtznolo^lsedtzn öHtrLebtUNMESH 8tMMt sie mit idr äsed N 
äse IVtznäunK Zum OdzeLts bin Msreru, äis sm MuptrnT 
6er rsitsenösLisedtzv kkNosoMe ist. ViHLH reLlistrsske *IeN^ 
äeuL, webt KleieNddätzutHLä ÄbriUHns mit 6er MsüermrivAbMD 
6es ^iKseoZebAktUebtzv Liopirisnurs oäer Hiner RüeLkebr rvM 
nLiveo ^ddiläreLjisWus, ver^LeLelt sie in HuseivArräHrENin^ 
xeu uüt 6e? i6esMt,iWMm kbNoUoxbre, sis bis in äie I^sbaH 
vom Urteil vor^stkLAen Weisen, 1206 deiA sie ÄeliunO 
nekmeu Wgen ätzn von 6ßr MsüMsekE erbodeven ^NMruelr! 
Luk eins rein WisstzusebAkMeb-erkeirnmisMWIssH LrseblleÜuL^ 
6sr IVir^Iiebkeit unä idrer LuZSMmeribLnFe. L.IZ riebtiKS^ 
6tzn „'leilerkeuntoM^en" 6er IVissensebLkr ÄderZeeränete mE 
sie noeb eiodtzssreikencke LrkenutnrWe sebWebmr ibr LovLex^ 
Liouen etWA von der ^rt 6er SoetbesHbHn Mturlebrs 
6ie von dem „OesAMtwensebon LN8Ksbsn und äsn „bHSLmt^' 
Rtzssenstanä" in lotLiinremiooen Lu H?ks.8Wn traebten. --- Vis 
breit Ln^eleKtell, ZorsstLitr^en IIntersuebungM evtbslteÄ 
manebtz riebtiKtzn beider MiLnZen sls (We8 sie Ver* 
kL88erin Wob! Lu sebr in 6en ^nsebLuunKHn äes tzsorKH^ 
Kreises kefAvZen ist) über diese kaum je brnLuKtz 
Lueb versssen sie bei der Kritik des IdeMsWuL, semeL Dektz 
sie denn^loeb niebt dessrerken. Lx,
        <pb n="2" />
        Sag Armlsutter SkaLibiiN. 
künstlerischer Beirat oder Bürokratie. 
2°- Im vorige» Dezember ging folgende Notiz der städti 
schen Nachrichtenstelle durch die Blätter: „Äer Magistrat hat 
Baupolizei beauftragt, bei Anfragen und Bsugesuchen, 
deren Durchführung das Straßen-^ oder Städtebild in de». 
durch das Ortsstatut geschützten Straßen, Plätzen und Stadt 
teilen verunstalten würde, in belangreichen Fällen 
den Betrat für die Erhaltung des Stadtbildes auch dann zu 
hören, wenn die Genehmigung b«rbsichtigt ist/ Um die 
Bedeutung dieser Magistrats-EntscheidMg richtig zu wür 
digen, ist ein Blick auf ihre Vorgeschichte unerläßlich. 
Im Jahrs-1621 beschäftigts sich die Oeffentlichleit wieder 
holt mit dem Projekt eines Bankneubaus am Taunustor, 
das von den Behörden schließlich genehmigt worden war, ob 
wohl seine (nur der Zeitumstände wegen unterbliebene) Er 
richtung zur Zerstörung des architektonisch schönen Platzes 
führen mußte. Aus Maß dieser grundsätzlich wichtigen Frage 
berief im November desselben Jahres der Rat für künst 
lerische Angelegenheiten eine Versammlung ein, in 
der Stadtbaurat Schaumann, der Leiter'des HochbauamiS, 
erklärte, daß es sich im Falls des Taunustors vorwiegend um 
ein Versagen des 1911 erlassenen Frankfurter Orts 
statuts gegen die Verunstaltung des Stadt 
bildes handle, dessen Bestimmungen unzureichend seien. Es 
stelle eine stumpfe Waffe dar, die zur wirksamen Unterdrückung 
von Verschandelungen nicht recht genüge und daher ent 
sprechender Verschärfung bedürfe. 
Äui die Erklärungen Stadtbaurats Schaumann hin 
wurde sogleich eine Fachkommission von dreizehn Mitgi edern 
gewählt, die einen Vorschlag zur AbSndsrung des Orts 
statuts entwerfen sollte. Sie hielt sich bei ihren Arbeiten an 
das vom Ortsstatut längst nicht voll ausgenutzte preußische Ge 
setz des Jahres 1907, das in der ausdrücklichen Absicht gegeben 
war, den Gemeinden weitgehendsten Schutz ihres Stadt 
bildes zu ermöglichet!. Da die Regierung, in Wiesbaden 
regez Interesse an der geplanten Verbesserung nahm, beschleu 
nigte die Kommission die Durchberatung so sehr, daß sie schon 
im Januar 1922 den Entwurf des neuen Ortsstatuts dem 
Magistrat und den staatlichen Behörden übermitteln konnte. 
Wie sah der Entwurf aus? Er paßte das Ortsstatut tu 
drei entscheidenden Punkten dem Sinn des Gesetzes besser an. 
Zunächst forderte er, daß der Beirat zur Erhaltung der 
Eigenart des Stadtbildes auch vor Erteilung der Genshmi- 
gung (nicht nur vor Erteilung der Ablehnung) eines Bau- 
gefucheS zu hören sei, ferner wünschte er eine Ausdehnung des 
Schutzes auf Heil,Kaiserstraße, Mainufer und andere wichtige 
Straßen und Plätze und schließlich schlug er vor, daß der Bei 
rat in Zukunft aus Vertretern der bedeutendsten künstleri 
schen Organisationen Frankfurts gebildet werden möge. Diese 
Neufassung machte nach der Ueberzeugung der Sachverständi 
gen aus dem Ortsstatut endlich ein geeignetes Instrument zur 
Verhinderung grober architektonischer und städtebaulicher 
Obwohl die Behörde auf schnell« Erledigung des Entwurfs 
gedrängt hatte, ruhte nach seiner Uebergabe die Angelegenheit 
ein volles Fahr. Erst im Februar 1923 fand wieder ein« 
Sitzung von Vertretern der maßgebenden Stellen statt, irr deren 
Verlauf der Dezernent der Baupolizei nach anfänglicher M- 
lehnung jeglicher- Aenderung zuletzt seine Bereitwilligkeit aus- 
spmch mit dem Leiter der Baupolizei einen neuen Gegen« 
ent Wurf für des Ortsstatut anzufvrtigen. Dieser Kom 
promißvorschlag. der bald danach vsraelegt wurde, enthÄt 
starke Abschwächungen des ursprünglichen Kommiffionsentwurfs, 
Vor allem räumte er dem Beirat zumeist nur das Recht ein, 
in „belangreichen Fällen* vor Erteilung der Genehmigung 
eines BauKesueW gehört W werden. Eine bedenkliche Ein 
fügung, die seine Hinzuziehung infolge der Dehnbarkeit des 
Begriffs „belangreich* wiederum in Frage stellt«. Mit der 
gewünschten Neuzusanrmensetzung des Beirats zeigte sich der 
Gegenvorschlag einverstanden. Eine Einigung wurde in dieser 
Sitzung nicht erzielt. 
Im Juni 1923 trat der inzwischen neu gewählte Beirat 
zum ersten Wal zusammen und beriet über die beiden Ent 
würfe. Die Abstimmung ergab Annahme des Vorschlages der 
Baupolizei. 
Nun geschah etwas Unerwartetes. Nach einiger Zeit er 
fuhr man nämlich, daß die Baupolizei einen neuen Möntze- 
rungsentwurs einzureichen beabsichtige, der ihren eigenen j» 
der Junisitzung gutgeheißenen Kompromißvorschlag zum großen 
Teil wieder aufhob. Der Beirat nahm hiervon (im November) 
unter Protest Kenntnis und ermächtigte seine» - Vorsitzenden, 
beim Magistrat zu beantragen, daß dieser dem Baupolizei-Ent 
wurf nur in der vom Beirat seinerzeit genehmigten Fassung 
zustimmen möge. 
Die Antwort des Magistrats ist in jener einaanos er 
wähnten Notiz enthalten. Ihr Sinn ist kurz und bündig, der, 
daß. der Magistrat eine Aenderung des Ortsstatuts 
überhaupt ableynt und lediglich aus dem Verorbrunqs- 
wege die Pauschalbestimmung trifft, daß in „belangreichen 
Fällen* der Beirat auch vor Erteilung einer Genehmigung 
hinzuzuziehen sei. Mso: das alte OrtSstatut bleibt weiter in 
Kraft, und ohne die Befugnisse des neuen Beirats immdwie 
statutenmäßig zu verankern, begnügt sich der Magistrat damit. 
eine Verfügung zu erlassen, die nicht einmal den Forderungen 
des in der Junifltzung angenommenen Vorschlags der Bau 
polizei Rechnung trägt. Denn weder gestattet sie die damals 
in bescheidenem Umfange aufrecht erhaltene Vermehrung der 
zu schützenden Straßen und Plätze (Kaiserstraße und Zeck z. B. 
sche.den wieder aus), noch ermöglicht sie es dem Beirat, in 
gewissen früher vorgesehenen Fällen auch dann seine Meinung 
zu äußern, wenn ein „belangreicher* Fall nach Ueberzeugung 
der Baupolizei nicht vorliegt. Ob er vor der Genehmigung 
hinzuzuziehen oder zu übergehen sei: die Entscheidung hierüber 
hängt jetzt stets und überall ganz von dem Gutdünken der Be 
hörde ab. . , 
Dies das Ergebnis zweijähriger Bemühungen. Ein 
wahrhaft klägliches Ergebnis, bei dem sich die auf Erhaltung 
und Pflege unseres Stadtbildes bedachten Kreise ebenso wen-« 
wie die Mitglieder des Beirats selber beruhigen können. Es 
ist gleichbedeutend mit einer nur mäßig eingeschränkten Wie 
derherstellung des »intus quo und verrät ein auffallend ge 
ringes Verständnis der Behörden für die triftigen Grünoe, 
die zu den' Kämpfen um die Statutenänderung führten. 
Warum man, statt diesen Gründen Beachtung zu schenken, 
auf der Rückkehr zum alten Zustand beharrte, ist schlechterdings 
unerfindlich. Sich etwa hinter den wirtschaftlichen Bedenken 
zu verschanzen, daß die Hinzuziehung des Beirats gemäß dem 
Kompromißentwurf Erschwerungen und Verzögerungen bei 
Bauvorhaben befürchten lasse, geht nicht wohl an, hat doch der 
Beirat sich ausdrücklich zu schnellster Erledigung 
sämtlicher Vorlagen verpflichtet. 
Wie heute die Dinge liegen, wächst dem Beirat eine dop 
pelte Aufgabe zu. Einmal wird er seine Funktionen im Rah 
men der Magistrats-Verfügung zunächst weiter zu versehen 
haben, zum andepn aber wird er kein Mittel unversucht lassen 
dürfen, um die Abänderung des Ortsstatuts im Sinne des 
von ihm bereits genehmigten Vorschlags und die statutenmä 
ßige Festlegung seiner Rechte zu erwirken. Es verlautet 
neuerdings, daß der Magistrat in die Baupolizei einen Beam 
ten des Hochbauamts zu beordern gedenke, der dort die künst 
lerische Prüfung der eingehenden Baugesuche vornehmen solle. 
Gegen die Verwirklichung dieses Planes muß nicht zuletzt 
auch der Beirat seine Stimme erheben. Da seine Mitglieder, 
zu denen die angesehensten Frankfurter Baukünstler und 
Kunstsachverständigen zählen, jederzeit sofort zur Verfügung 
stehen, bedarf es keines Ersatzes für ihn; und da er zudem 
seine Tätigkeit kostenlos ausübt, ist noch viel weniger 
ein Bedürfnis vorhanden, an seiner Statt einen bezahlten 
Beamten zu beschäftigen.' Ganz abgesehen davon, daß dies 
ja auch den NotwendiMten des Bsamtm-Wbaus wider 
spräche 
Eine baldige Klärung der durch die Magistrats-Verfügung 
geschaffenen Situation erscheint dringend geboten. Meibt es 
bei der Verfügung, so sind die Anstrengungen der Frankfurter 
Künstlerschaft vergeblich gewesen und die architektonischen 
Werts Frankfurts auch weiterhin dauernder Gefährdung aus- 
gesstzt. Nur die Abänderung des Oitsstatuts kann dem ent 
gegenwirken, sie allein gewährleistet eine planvolle Unter 
drückung verhängnisvoller städtebaulicher Entgleisungen. Die 
Oeffentlichksit, insoweit sie an der guten künstlerischen Ent 
Wicklung des Stadtbildes Anteil nimmt, hat ein Interesse 
daran, daß diese so lange erstrebte Abänderung nun endlich 
erfolge. Tr. 
-7- Der verlsrm^ Schatz. Mt diesem setzt in den U.-T-2 i ch t- 
spiele-n lim senden Film werk hüt fich der Film ein ihm ganz 
WgehsriMs Gebin erobert: das Märchen« Dss -alte A schrn- 
puttel-Märchen, durchstschren mit Motiven von G. T. A. 
HoffMMM und Brentano nimmt hier Gestalt an und wird nun 
nicht etwa in eine Zittrige, eine vsycholygische Angelegenheit ver 
kehrt, sondern bleibt das schlichte, unbedingt glaulchafts Marchem 
Di-e unerhörte Redekunst Dr» Ludwig Bergers hat den Stoff 
ohne Abstrich des Wunders dem Reich der Sichtbarkeit einverleM« 
Er verlegt die Handlung an einen kleinen süddeutschen Mrsten-sf, 
so am Ende des 18« JahrbmlderH; Rskoks-SÄe, PrMtre^ 
Ehren Höfe werden durchvauscht von modisch gekleideten ^iMren, 
die sich sehr schicklich zu bewegen wissen, gleichviel, so in 
Karossen steigen, oder mn Teich und im Park sich ergehen. Zwi 
schen der Residenz und dem Besitztum des Herrn v. AreM (MaZ 
Gülftorff), der zum zweiten Male heiratet, spinnen sich die 
Faden. Seine neue Frau, eine eitle Gräfin, brinA ihm Unglück 
ins Haus. Oh, wie ist Lucie Höflich schön, oh, wie böse ist 
sie, Sie fegt daher mit ihren beiden Töchtern (Madh Chri 
stians und Olga Tscheschowa), die ihr an Herrlichkeit und 
.Prunk nicht nachstehsn, behandelt den Schwächling von Mann 
! aM Bagotteü-e und Hai nur Bälle und glänzende Freier für die 
i Jungfern im Sinn. Marie, Arcslis Tochter aus erster Ehe, 
wird von dem schlimmen Dreiblatt in die Küche verbannt, muh 
Linsen zählen, muß Kühe melken. Aber man liebt sie gleich, das 
gute, blonde AschenMtel von Helga Thomas, und weiß ganz 
sicher: eines Tages wird sie vor aller Welt erhöht. Zunächst frei 
lich triumphiert stiefschwesterliche Weitläufigkeit« Drüben am 
Fürstenhof der melancholische Prinz (Paul Hartmann), ein 
sam wandelnd wie Taffo, glaubt in eine der Damm verliebt Zu 
sein, und sein Papa (Leonhard Haskel), ein richtiger märchen 
hafter Trottel, und seine beiden altjüngferlichen Tanten Waula 
s n r a d - Schl-enther und Emilie Maz) schütteln schon weise 
die perückenbedachten Häupter. Da zudem der strohdumme Adjutant 
(Hermann Thimig) fich mit Erfolg um die andere gräfliche 
Tochter bewirbt, scheint Marie wirklich das N-achsehen zu Hallen-
        <pb n="3" />
        nünftiger Dezentralisation gerichteten Bestrebungen zu einer Unter 
grabung der Verfassung führen. 
Nach kurzer Würdigung des Ermächtigungsgesetzes^ 
SR dem er rügte, daß es die Möglichkeit von Verfassungsänderun 
gen durch dM Kabinett zulafle und insofern wohl Zu weit gehe, 
polemisierte Dr. Luppe noch gegen die Zu lange Ausdehnung des 
Ausnahmezustandes und den Mißbrauch, der mit ihm 
getrieben werde. Auf Grund des Ausnahmezustandes, der doch 
nur der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in Notzeiten 
gilt, sind in letzter Zeit Verordnungen erlassen worden, die als 
etwas leichtfertig erscheinen. Wird er aber derart als Machtmittel 
gebraucht, so bildet er eins ständige Bedrohung der Verfassung, 
gegen die wir uns Mr Wehr setzen müssen. Seine Aufhebung ist 
Zumal jetzt vor den Wahlen'zu fordern, denn Wahlen und 
! Ausnahmezustand gehen in keiner Weift zusammen. Wie notwen- 
- big sein Verschwinden ist, beweist zur Genüge die Tatsache, daß 
ZrüSsLsrags. 
Einsturz und Neubau. 
In der langwierigen und an Unterbrechungen reichen 
Baugeschichte der Alten Brücke stellt der Einsturz der Notbrücke 
eine besonders traurige Episode dar. Schon Zu ihren Lebzeiten 
ist d-iose in den Jahren 1913 bis 1914 ausgeWagem Notbrücke 
ein wahres SchmerZmÄlnd gewesen; ursprünglich nur für drei 
Jahre bestimmt, hat sie den ganzen Krieg überdauern müssen 
und fortgesetzt erkleckliche Kosten für Reparaturen verschlungen. 
Immerhin durste man sich bis Zuletzt der Hoffnung hingeben, 
daß sie die nächsten zwei Jahre auf ihrem Posten ausharren 
werde. Nun hat der Eisgang sein machtvolles Wort gesprochen, 
und nur ein geknicktes Gerippe zeugt von entschwundener Pracht. 
Angesichts' dieses Ereignisses drängt sich von neuem die 
Frage nach dem F o r t g a n gdes B r ü ck e n L a u s auf. Sie 
ist in den letzten Jahren mehr als emmaT aufgeworfen worden, 
denn wiederholt galt es zu Projekten der Behörden Stellung. 
zu nehmen, die an dem. zur Ausführung bestimmten Entwurf 
der Architekten Heberer und v. H ov e n Abstriche vorneh 
men oder ihn gar amsschalten wollten. Zu ihrer Rechtferti 
gung mußte stets der Hinweis auf die finanzielle Notlage der 
Stadt und des Staates herhalten. Gewiß ein triftiges Argu 
ment, das aber in diesem 'besonderen Falle nicht zwingend war. 
Trotz aller finanziellen Schwierigkeiten nämlich wäre man wohl 
doch-zum Ziele gekommen, wenn man die baulichen Arbeiten 
mit größter Intensität gefördert hätte, statt ste endlos lang hin- 
Mschleppsn, und dann — wie konnte und kann je Sparzwang 
zm Begründung und Verteidigung eines künstlerisch nicht ganz 
vollwertigen Bauwerks genügen? Eines.Bauwerks zumal, das 
sich an. einer Stätte von histmüschsr Bedeutung erhebt und auf, 
Jahrhunderte hinaus LmftreM Stadtbild seinen Stempel aus 
drücken soll? 
Der vor über zwei Fahren in behördlichen Amtsstuben aus-! 
geheckte Plan, die Brücke zum Teil in Eisen auszu- 
führen, wurde zum Glück gleich im Keim erstickt. Im Juli des 
vorigen Jahres erfuhr man dann, daß das Tiefbauamt ver-; 
schiedene neue Sparprojekte -erwäge. Drei Möglichkeiten 
wurden von ihm ins Auge gefaßt. Einmal dachte es an eins 
VerschmäLerung des BrückenquerschniLLs, eine Vereinfachung der 
Pfeileworköpfe usw.; zum andern schlug es vor, die in der 
Breite dM 19 Metern projektierte Brücke zunächst nur in der 
geringeren Breite von 14 Metern zu errichten, und schließlich - 
regte es die Schaffung eines weiteren Provisoriums in Gestalt 
einer Fußgängerbrücke von etwa 6 Metern Nutzbreite an. Das 
alles, ohne die Architekten Heberer und v. Hoven als die doch 
eigentlich Berufenen von diesen Planungen überhaupt in Kennt 
nis zu setzen. Wir schrieben damals (vergb Stadt-Matt vom 
18. Juli 1923): „Es zeugt von einer nur schwer faßlichen 
Verkennung des künstlerischen Schaffens, wenn man dem Archi 
tekten die Führung zu entreißen und- ihn Zum Handlanger des 
Statikers zu machen sucht, während doch gerade umgekehrt der 
Techniker seinen Ehrgeiz dar-rinfttzen sollte, den Intentionen 
des Architekten möglichst getreu Folge Zu leisten. Welche Motive 
das Tiefbauamt dazu bestimmlm, immdroelche Pffwe ohne 
Hinzuziehung der Architekten ausZuarb^ wissen wir nicht; 
sicher ist nur, daß damit der Sache nicht gedient wird, und, 
nebenbei bemerkt, durch solche ProMftrunK auch Summen 
verschlungen werden, die vermutlich Zweckmäßiger Zu verwenden 
gewesen wären." , 
Mit dem Einsturz der Notbrücke ist der Brückenbau aus der 
Zeit der Vorprojekte und ProvisoMw^ 
Ja, wenn die Patin nicht wäre und ihr seltsamer Diener, der 
Äfft Ion! Ach, diese Patin, ste gleicht v. Korss ferner Base, von 
der Morgenstern fingt, jener Zauberin aus Odelidelase, „die aus 
Kräuterschaum Plansten blaset Planeten aus Kräuterschaum: 
Frida Richard als Patin blast sie schelmisch und wundersam. 
Sie haust im alten Turin beim Friedhof, und wenn ste Harmonium 
spielt, schaut Aschenputtel ihren Prinzen, wenn sie das Däumchen 
anhaucht, schüttelt es sich und üb-erwirft AschrnMttel mit einem 
Silbergewand, wenn sie dem Prinzen dft SpielVarten nimmt und 
wieder zeigt, erkennt er Mf ihnen Aschenputtel auch im Alltags» 
kleid, wenn ste aus ihren ZauÄerspiegel schlagt, macht ste die Ranke 
der gössen Her" (Gertrud Eysoldt) zunichte, und wA sie einen 
der Gegenspieler fortschasftn, so sperrt .sie ihn einfach in ein 
Einmachglas. Sie ist das gute Prinzip in dieser verworrenen 
Welt, und Wunder über Wunder: st- stellt alles wirklich an seinen. 
rechten Platz. Die stiefmütterliche Torheit erntet zuletzt verdiente 
Sckande, und der Prinz findet am Ende dir Füße, die M den 
verlorenen Schuhen gehören, und wenn Aschenputtel und er nicht 
gestorben sind, so leben ste gewiß auch heute noch. 
Das Ganze ist eine Filmlsistung ersten Ranges, 
die das Mürcken nicht realistisch umdmtet, sondern viel eher um 
gekehrt das Wirkliche in den Bereich des Märchens einbezieht. 
Manche Szenen (etwa die Es dem Kirchhof) prägen sich ihrer ge 
stalteten Phantast!? wegen dauernd ein, und mögen die Kinder 
sich nur an dem Manchmfpiel entzücken, so spüren die Erwachsene 
wohl auch die leift Ironie, die das Spiel nochmals mit einer 
Klammer versiebt. Man wird den Wunsch nicht los, von Dr. 
Berge? noch andere MLvchmstücke W sehen: Hauffs „Zwerg Nase" 
1 B. würde sich gewiß vortrefflich für dft FAmbeartzeitung eig 
nen. Ms von Guido Vagier zusammen gestellte Musikluglei tun 
die unter Anderem Hahdn und Mozart mitverwertet,, trägt übrigens 
viel Mr Msamtwirkung bei. ' rLe. 
antwortung tragt. Das verstieße jedoch wider das demokratische 
Grundprinzip der Weimarer Verfassung und wäre einem unge 
heuren Rückschritt gleich zu erachten. 
Schlimmer noch ist die zweite Forderung der bayrischen Denk 
schrift, die durchsetzen möchte, daß jedes Land seine Verfassung 
selber wählen darf. In Bayern lieft das auf Wiederein 
führung der Monarchie sowie des Zweikammer 
Systems und ein in jeder Hinsicht verschlechtertes Wahlrecht 
hinaus. Um diese Verfassungsänderung in Bayern selber zu er 
wirken, hat die Bayrische Volkspartei ihren bekannten Jmtiativ- 
Antrag eingebracht, der das ersehnte Ziel durch Referendum und 
Zweidrittel-MshrW erreichen will. Der Antrag sowohl Wie die 
Denkschrift bedeuten aber einen glatten V ersass ungs- 
tzruch, und wenn der Reichskanzler jüngst erklärt hat, daß er sich 
i über bis sachliche Haltung der Denkschrift freue, so' wäre es nicht 
; minder Pflicht der Reichsregierung gewesen, die bayrische Regie- 
frung dararrf aufmerksam zu machen, wie gänzlich unverantwortlich 
im gegenwärtigen Zeitpunkt Anträge auf Verfassungsänderung 
sind. Ihre Folge ist nur die Gefährd u.n g der Reichsein- 
h e it, die wir als letztes Gut aus dem Zusammenbruch gerettet 
- haben. Zudrm: selbst wenn sich in Barern eine Mehrheit für 
die Nestituierung der Monarchie ergäbe, so stünden sich doch in 
allen Einzelfmgen — der neunte November hat es gezeigt — die 
weiß-blmre und die schwa^-wLiß-roLs Richtung unversöhnlich 
gegenüber Md die Klrfft zwischen Gruppen und Parteim würde 
- nur noch mehr aufgrMen. * 
In seinen weiteren Darlegungen erörterte der Redner den 
übertriebenen Zentralismus, gegen den sich die bayrischen 
Anträge ebenfalls wenden. An einigen dem Gebiete der Steuer- 
und Schulgefttzgebung entnommenen Beispielen zeigte er, wie ver 
hängnisvoll der Unitarismus gewirkt habe: freilich nicht der Zen 
tralismus des Reichs allein, sondern gleich sehr der der Länder. 
Er bezeichnete es vor allem als notwendig, den Gemeinden 
ihre alte Selbständigkeit wieder zurückzuaeLen und die Entscheidung 
über kulturelle und religiöse Fragen in weitgehendem Maße.den 
einzelnen Ländern selber Zu überlassen. Aber das alles ist ohne 
Verfassungsänderung möglich, es ist zum größten Teil Sache der 
AusWrungstzestimmuugen. Nie und nimmer dürfen die auf ver- 
VKftWWSkSNpf «O MchsMHM. 
FrEhrrt, 21. Januar. 
Ftt' Ämr vsm ReyLblikanischen Reichsbund 
edcherufenen VechMNÄMH rochnete heute abend der Nürn 
berger ObeMM-ermeffter Dr. Luppe rmt den verschiedenen 
Besuchen ab, dÄ Mr AM auf eme AenderuM der Weimarer 
Verfassung - abzielen. 
Zunächst wMdte sich her lebhaft begrüßte Redner entschieden 
gegen die Deutsch r ist Bayerns an die Reichsregierung, 
deren Hauptforderungen, wie er nachwies, ganz dazu angetan sind, 
die Verfassung in ihren Grundvesten zu erschüttern. Wenn die 
bayrische Regierung in dieser Denkschrift völlige Wiederherstellung 
des Bundesrats verlangt, so heißt das nichts anderes, als 
daß für Gesetzgebung und Gesetz ssausführung wieder eins Stelle 
geschaffen werden soll, die dem Reichstag gegenüber keinerlei Ver 
nTä w ßch jetzt alle Parteien gegen seinen Fortbestand 
Zum Schlüsse ermähnte der durch langanhaliefidm Beifall 
bedankte Redner zur einmütigen Bekämpfung aller Versuche einer 
MUirdleAenLen VeMssungMaderunH, da durch Mißachtung der 
Weimarer Verfassung die Einheit und Festigkeit des Reiches 
aufs schwerste gefähichet werde. ' ' - 
Der Diskussion Mb das gewohnte-Auftreten der Kom 
munisten Richtung und Tam Ihrem Hauptredner- Staora. 
Lang, der sich kurioserweift als „kmrnmmistisch-en Republikaner" 
bezeichnete, wmde von verschiedenen Seiten, besonders vm 
Reichstagsadg., H ütt m a n n und von DtS Luppe in seinem 
Schlußwort zu Gemüte geführt, daß die Weimarer Verfassung 
trotz mancher ManMl mifrecht erhalten und verteidigt werden 
müsse, wenn man nicht jenen Elementen Zum Sieg verhelfen 
wolle, die danach strebten, mit der Republik alle Freiheiten'des 
Volkes Zu begraben. Bisher allerdings seien es gerade die Kom- 
rmmisten tM&amp;gt;sftn, die der Reaktion die wirksamsten Vorspann 
dienste leisteten. 
Schließlich nahm die Versammlung eine Resolution an, 
in -der mr Äs auf dem Boden der republikanischen' StaatswMr 
stehenden Vertreter des deutschen Volkes im Reichstage die 
dringende Mahnung gerichtet wird: Die Reichsverfassung gcMN 
die MrLikularistischen Bestrebr.mgcn, deren Verwirklichnr:g die 
Zerschlagung des Reiches bedeuten würden, zu schützen, die Ver 
ordnung des Reichspräsidenten vom W. September 1923, nach 
dem Ne vollziehend Gewalt auf den Reichswehnnimsftr über? 
tragen K, sofort mrsWheben und den Ausnahmezustand M be- 
! seittgsn, sowie in Bayers' THMiMM und Sachsen pelftssnn^- 
j nmßiM Zustände herZustellen.
        <pb n="4" />
        : che i d en de S Lad i um gerückt, und man wird sich jetzt end 
lich War darüber werden müssen, wie man fortzusahren und ab- 
^uschließen gedenkt. Von vornherein l-euchtet wohl ein, daß 
Ls -Lei halber Arbeit nicht länger mehr sein Bewenden haben 
kann; -ein Denkmal wie dieses fordert vielmehr von sich aus 
jedes Opfer, und die Notwendigkeit von Sparmaßnahmen ist 
nicht der einzige, ja, nicht einmal der vorwiegende Gesichtspunkt, 
unter dem man zu seiner Errichtung schreiten darf. 
Alles spricht dafür, daß man die Katastrophe als einen 
Win? des Schicksals nehme, der die schleunige und endgültige 
V-erwiMchung der Brücke anbef-ieW. Die .Fundamente sind 
jetzt sämtlich fertig gestellt, und so handelt es sich nur noch 
darum, den Oberbau hochMführen, der M doch einmal — 
mögen die finanziellen Verhältnisse nun sein, wie sie wollen — ' 
in Angriff genommen werden muß. Was sollte da eine neue 
Zwischenlösung? Sie würde lediglich unproduktive Kosten 
verursachen und dem ersehnten Ziel in keiner Weise näher 
bringen. Zudem erscheint gerade der gegenwärtige 
Zeitpunkt nicht ungünstig für die Tu rch-, 
führung des Unternehmens. Die allgemeine Ar 
beitslosigkeit hat stark Angenommen, und Linderung des Elends 
durch Notstandsarbeiten ist früher oder später unvermeidlich. 
Gibt es aber eine idealere NotstandsarbeiL als eben den 
Brückenbau? Beginnt man bald mit ihm, so dient die Brücke 
der Bevölkerung, noch ehe sie beendet ist. Viele unbeschäftigte 
Kräfte werden dann in die Lage versetzt, eins ersprießliche 
Tätigkeit zu verrichten, statt wie jetzt mit schmalen Unter 
stützungsgeldern untätig sich Minden und durchhungern zu 
müssen. Auch aus sozialen Erwägungen heraus empfiehlt sich 
also -das sachlich Gebotene. 
Wie es scheint, neigt der Magistrat dazu, diesen Erwägungen 
Gehör zu schenken. Dem Vernehmen nach soll er nämlich üs-, 
obsichtigen, den massiven Brücken-Oberbau so« 
schnell wie möglich aus zu führen, und 
verminderten Breite von 14 Metern. Freilich, ein definitiver 
Beschluß liegt noch nicht vor, auch- bleibt -vorderhand ganz un 
gewiß, an welches ProM man sich zu halten gedenkt. Der 
bisher zugrunde gelegte Entwurf der Architekten Heberer und 
v. Hoden, der einen Massivbau mit SandstemveMendung vor- 
sieht, plant die Brücke in einer Breite von 19 Metern. Will 
man nach einem der erwähnten Vorschläge des Tiefbauanlls 
diesen Entwurf zunächst einmal in reduzierter Gestalt ausführen, 
um dann später in besseren Zeiten die fehlenden fünf Meter 
nachträglich anzugliedern? Aber die Architekten haben aus 
drücklich vor einer solchen vorläufigen Lösung 
gewarnt, für die sie eine künstlerische Verantwortung aus 
verschiedenen stichhaltigen Gründen nicht übernehmen könnten. 
Soll an der Breite der Brücke gespart werden, wogegen an sich 
nicht das geringste ein zuwenden ist, so erscheint es viel ratsamer, 
auf den neuen, wesentlich vereinfachten und 
versch m äl erten Brückenentwurf in B eton au s- 
führung zurückzugreifen, den die BrückennrchiLMen in 
zwischen ausgearbeitet haben« Er stellt sich nach ihrer Berech 
nung n icht mrr um rr^rd zwanzig Prozent billige r 
als jenes vom Tifbauamt angeregte Provisorium, sondern 
bringt außerdem den Vorteil mit sich, daß er jederzeit ohne er 
heblichen Kostenaufwand verbreitert werden^ann. Die Schlicht 
heit und charaktervolle Behandlung seiner Formen hat in einem 
Kreis von Sachverständigen bereits große Genugtuung erweckt; 
Zu wünschen wäre, daß -auch die Ossfenilchleit von ihm Kennt 
nis nähme, denn sie gerade darf bei einem Bau von dieser all 
gemeinen Bedeutung nicht Übergängen werden. 
Die Entscheidung liegt nun Leim Magistrat- Wir möchten 
hoffen, daß er auf jede weitere Zwischenlösung verzichtet und 
sich znr baldiaen Ausführung des definitiven Brückenbaus ent 
schließt. Nicht unberechtigt erscheint auch der Wunsch, daß er, 
manches Versäumte wieder gut wachend, sich Kelch von An 
beginn an mit den bewährten ArMenarchitekL-en Heberer und 
v. Hoden in Verbindung letze und ihnen, dir sich viele Jahre 
hindurch aufopfernd in den Dienst des Brücken-Untsrnchmens 
gestellt haben, die baEnstlerische Durcharbeitung des Projekts 
vorbehaltlos aMertraue. Packt nur der Magistrat die gro^e 
Ausnabe groß an, so wird sie auch, das sind wir gewiß, der 
fmnz'ellen Schwierigkeiten ungeachtet zu einem guten Ende ge. 
führt werden. 
M MüsskrM. ! 
— Da die Notbrücke nicht mehr Zu retten ist, sich der' 
Magistrat in den letzten Lagen für ihren Abbruch entschieden. 
Dieser Beschluß ZiM mit nahezu automatischer Noüoendiokeit 
den anderen Entschluß nach sich, den Neubau derMassiv- 
drücke nun mMsiimrck ins Werk zu setzen. AllZu viele Jahre 
schon sind die anliegenden beLttelle durch das immerwährende 
Provisorium wirtschaftlich schwer geschädigt worden. Es geht 
Mechterdmgs nicht am den VeLchr Zwischen ihnen noch län 
ger Zu beeinträchtigen oder gar zu unterbinden und einen Zu 
stand m PerrmMenz Zu erTärem, der nur Äs kurzfristiger Ueber- 
gang einigermaßen erträglich ist. Ganz abgesehen davon, daß 
auch andere Gründe als die vein wirtschaftlichen und Verkehrs 
technischen Zur sthiEÜgsn Errichtung des erAgülti-gen Brücken- 
OherbLus drE^en. 
So gewiß es ist, daß an einen weiter-MV NuMM jetzt nicht 
Gedacht werden darf, so sehr bleibt doch noch Zu erwägen, in 
Wucher Weise das Projekt Zu venvirNichen sei. Die Drücken-! 
bau - Ksmm iss ion hält, wie wir erfahren, unverändert an 
dem offiziell genehmigten Entwurf der Architekten Heberer und 
v. Honen fest, der einen sandstein^ Oberbau in einer 
Breite von 19 Metern Vorsicht. Und zwar will sie den Entwurf 
in Zwei Etagen aus führen. Im ersten Bauabschnitt soll die 
Brücke nur irr einer Breite von 14 Metern -als Fußgänger- 
Lrücks erstehen, nach Westen Zu fertig verblendet, nach Osten Zu 
vorläufig verputzt; erst im folgenden Zweiten Bauabschnitt soll 
dann der Torso Zur vollen Breite ergänzt werden- die für den 
StraßerLahrwerZchr erforderlich ist. 
Ueber die Bedenken, die wir gegen dieses Vorhaben der 
Drückenbau-Kommission bereits geäußert haben (vergl. Stadt 
Matt vom 23. Januar), wird man sich nur hinwgsetzen können^ 
wenn von vornherein eine Gewähr dafür gegeben ist, daß keine 
Zu große Pause zwischen den beiden Bauabschnitten eintritü 
Denn weder gereicht das Fragment einer einseitig ausgebauten 
Brücke dem Stadtbild Zur Zier, noch entspricht eine Hinaus- 
zögerung des Straßenbahnbetriebs dem wirtschaftlichen Inter 
esse der Bürgerschaft. Unerläßliche Bedingung etappen- 
weisen Bauens wäre also die schon vorher verbürgte schnelle 
Folge der Etappen. Wird hier nicht auf Gar untren in 
irgend einer Form gedrungen, so kann es geschehen, daß noch 
die ErM eine Brücke passieren, die einem Gesicht mit zwei ver 
schiedene» Backen gleicht: einer dicken roten gen Westen und 
einer eingefallenen von kränklicher Blässe gen Osten. Kurz, es 
handelt sich darum, ob wieder nur Stückwerk oder endlich ein 
Ganzes geschaffen werden soll, und wir meinen, daß über diesen 
Punkt DSN Anfang E völlige Klarheit herrschen müsse. Im 
Übrigen wird die Brückenbau-Kommission — das ist eine unab- 
weisliche Forderung auch noch Zu prüfen haben, ob nicht Lei 
Linear Vorgehen in Etappen das von den VrmLenarHLLektm 
neu ausgearbeiLete BeLonprsjekL ihrem ursprünglichen 
Projekt arB finanziellen und ästhetischen Gründen vorzuziehen 
sei. Wer die Hauptsache ist und bleibt: daß das Unternehmen 
so schnell wie möglich in Angriff genommen und nun wirklich 
bis Zu Ende durchgesührt werde. 
Die Kernfrage ist natürlich seine F inanZ lermn g. Laut 
Vertrag haben sich Stadt und Staat m die Baukosten der redu 
zierten Brücke von 14 Meter Breite zu teVen; die Kosten für 
das fehlende Stück von 5 Meter Breite, für die Ausschmückung 
und das JnsÄgebäude fallen der Stadt allein zur Last. Geht 
man von der Voraussetzung aus, daß Zur Errichtung des Pro 
visoriums der 14 Meter-Drücke, die eine Bauzeit von 
knapp Zwei Jahren beansprucht, die Smmne von rund 
einer Million Goldmark erforderlich ist, so hätte die StM 
(gleich bM! Staat) zunächst die Acchlung von üM i)00 GsldirmrZ 
zu leisten. Diese finanzielle VerpfLichkmg, die, wie wir glau 
ben, nicht unerträglich ist, wird die Stadt mit um so ruhigerem 
Gewissen auf sich nehmen können, Äs die V-omurKichung der 
Brücke in den angver^enden Stadtteilen und darüber hm aus 
eine wirtschaftliche Belebung mit sich bringt, die 
ihrerseits wiederum von Nutzen für den allgemeinen Säckel ist. 
Und ebenso hat der Sbmt ein unnnttÄbares Interesse daran, 
den auf ihn entfallenden Anteil voll zu entrichten, da durch 
den Brückenbau zahlreiche Erwerbslose, die sonst aus 
öffentlichen Mitteln zu unterhalten wären- einer produkttveu 
Täti-gEerL ZugssührL werden. 
Immerhin ist es nicht mr? möglich, ß-ndsM mrch wüm 
schenswert, daß noch andere Geldquellen sich auftrm, damit 
keine plötzliche Stockung eintvete und das Weck in absehbarer 
Zeit ganz so Zur MMichksiL reife, wie KünsÄergeist es ersonnen 
hat. Mr deMn mr die Schöpfung eines D rückenfonds 
mrd sind der Ueberzeugung, daß j-eber Franffurter Bürger es 
als Ehrenpflicht betrachten wird, zur Errichtung seiner 
Drücke nach besdsm Vermögen beizusteuern. Seiner Brücke: 
dem; die Brücke gehört jedem, der in Frankfurt heimisch ist, und 
sie gehört ihm doppelt, werm er ihre Ausführung durch persön 
liche Leistung fördert. Welche Geneigtheit Zu solchem UnLer- 
MtzungswerL in der Frankfurter Bürgerschaft besucht, davon 
zeu^ unter Mderen Bsroeisen wahrer AnteÄMchme an der 
Sache ein ums Mgegangenes Schreiben, das wir feiner origi 
nellen und herzlichen Tonart wegen der O^ffeMWoit nicht vor 
enthaLten wollen. Man sammelt^ so schreidt der Eürsender, 
ein in FrankftrrtA Gaststuben gern gesehener und gchorter jäh 
render — ^man stMrmÄt für arme Kinder, für WvM- 
Mr Kirchen usw., warum nicht auch für die neue
        <pb n="5" />
        I / 
' Brücke? Feder FmM'rter wird etwas dazu LeitreMW! Ist ! 
es doch gerade eine MMZe SLadtan-gelegenheit, und 
Ertrag müßte dazu verwendet werden, die Brücke so zu 
bEen, daß sie auch späteren AnGrLrchen gem'^L, also nicht 
sparen. Ich sMst (ein armer Teufel) will Zwanzig 
Mark dagu Höbm Mld als erster^ die SEmlrmg beginnen!" 
Was hier vorg-eWa-Kn wird, ist auf Zwei Weisen zu der-! 
wirklichen. Einmal durch VevanMtNNg einer Brücken-, 
bau-L otterie, die sicherlich auch Eer Frankfurt hinauZ 
AnTang findet. Zum an-dern durch den Aufruf Zu einer 
öffentlichen Sammlung, dem gewiß alle BÄ)ölke-^ 
runWkreise Frankstirts gerne entsprechen. Zumal die der» 
mögerAsn Bürger werden nicht zurückstehen wollen, wenn es 
M, eine PaLronatschast Zu übernehmen, durch die sie 
sich und ihrem Namen ein dauerndsZ Dsrckmal setzen, und auch 
nWncher heute im Ausland lebende Frankfurter, der die Al^ 
Brücke noch von Angesicht zu Angesicht kannte, mag sich bei 
diesem Anlaß der Vatershadt wieder einmal erinnern. Bewähren 
sich Hermatswn und HilMsroitschast, so wird das Ergebnis 
nicht anMMen und eine Brücke dem Strom entsteigen, die 
Aeöch der Alten Brücke allen den Vielen zu eigen ist, 
; die sie Tag für Tag de^hen. Lr« 
L- Meine MLtLerlmrgerr.I Das Januar-Heft der 
^Jnnendekoratisn" wird von einem Aufruf des Heraus- 
aebeW Alexander Koch eingeMet, w dem ex die Mobilisierung 
bes Handwerks Mr Herstellung volkstümlichen und gediegenen 
HauKrats fordert. Zahlreiche Abbildungen veranschaulichen das 
„Schlafgemach einer Dame", eine sehr aparte Leistung des Buda- 
Zaster Architekten Ludwig Kozm a; auch ein geschmackvoll einge 
richtetes Hamburger Hmrs (Architekten Dr. Block mK Hoch- 
W Am KftWWÄeK wrMM 
Vergfahrk im Orient. 
--- Dr. Karl Klinghardt, der im Dienste der türkisch 
deutschen Wiederannäherung sehr rührig ist, plauderte im 
Deutsch - Oesterreichijchen A ! penverein über seme 
touristischen Unternehmungen im Kiliki schon Taurus. 
Der Taurus ist das höchste Randgevirge Kleinasiens und emer 
mächtigen Sperre zu vergleichen die Kleinasien von Syrien trennt« 
Nur wenige Pässe vermitteln den Verkehr; ihr bedeutendster ist die 
kilikische Pforte, die schon von altersher als Militärstraße dlent. 
Erst jetzt ist ihr eine Konkurrenz in der anarolischen Bahn er 
standen, die im Jahre 1918, kurz vor dem Zusammsnbruch der 
palästinensischen Front, von deutschen Ingenieuren auf emer 
Strecke von siebzig Tunnels durch den Taurus geführt wurde. 
Uebrigens blieb vor dem Krieg die Paßstraße zumeist unbenutzt. 
Man zog den Seeweg um Kleinasien vor, da die Landdurchguerung 
mühsame Karawanenrenen erforderlich machte. —Im Jahre 1912 
weilte Dr. Klinghardt als Architekt der Bagdadbahn im Taurus- 
gebirge. Launig erzählte er von den friedlichen Wettkämpfern, dre 
sich damals zw'i chen Ingenieuren und Architekten entspannen. 
Jeder wollte mit den ihm zugewiesenen Arbeiten früher als der 
andere fertig sein, und so nahm man sich nicht selten gegenseitig 
- die Arbeiter wrt, um nur ja das Ziel als erster zu erreichen. 
An das Tal, in dem die Trassierungen sialtsandcn, grenzte der 
Gebirgszug des Bulgar Dagh, dessen Gipfel eme Hohe von 
9500 bis 4000 Metern erreichen. Das Vorhaben Dr. Klinghardts, 
sich in diese Höhen hmaufzuwagen, stieß auf manchen Widerstand 
Auskunft über die Weg- und Schneeverhältnifse war mcht Zu er 
langen, selbst von den Nomaden nicht, die auf der Flucht vor dem 
Wimer rn langen Zügen talwärts nach Adanar oder Aleppo 
wandern. Auch hielt es schwer, Begleiter für das ungewohnte Unter 
nehmen zu finden, und der Bergsteiger mochte zufrieden damit 
sein, daß er schließlich sein Faktotum, einen einarmigen grrechr- 
schen Türken und einen Tschorkessen Zu dem Abenteuer bewegen i 
konnten. Beide begriffen nickt recht, worum es sich eigentlich? 
handelte und leisteten nur zögernd Gefolgschaft. In einem' 
Landauer fuhr man auf die Paßhöhe, von dort ging es zu Pferde 
weiter m's Gebirge. Die Tour selbst gestaltete sich nicht so, wre 
! Dr° Klmbhardt sie beabsichttgt hatte, da er aus Zeitmangel und 
infolge eines Anfalls von Bergkrankheit auf die B steigung der 
höchsten Gipfel verzichten mußte Immerhin erftbte er genug 
Interessantes in dieser Eeger d. die seit 1853 kein Europäer mehr 
betreten hatte. Ein Biwak in 2000 Meter Höbe, Ausblick 
auf das in tiefes Blau getauchte Land, stundenlanger 
Abstieg in steil abfallenden Felswänden: das olles lohnte 
sich sä on. In der Talsohle landete er in einem Gebirgsdor^, n s 
er unvermutet einem deutschen Ingenieur begegnete, der seiner 
Leidenschaft für das Botanisieren wegen bei den Eingeborenen 
nur der „Blumen»Ingenieur" hieß. Alles in allem war die 
ganze Hochgebirgstour ein kurzes Intermezzo, nach dessen Absckluß 
es wieder über die Paßhöhe m einem neuen Bestimmungsort 
ging. — Der mit lebhaftem Beifall omgenommene Berückt wurde 
ergänzt durch zahlreiche Lichtbilder, die den Text sinnfällig 
kommentierten. Kr. 
--- NuMMelplUh deS Lebens. Der Rummel kommt aus 
, Amerika, und das Leben entfaltet sich in Wien Der Film 
nämlich, um den ss sich hier handelt — er wird im Hohen- 
Z oll er n-Theater und in den Skala-Lichtspielen vsr- 
geführt — ist ein amerikanisches Opus, in dem amerikanische Dar 
steller acht Me hindurch sich in Ereignisse verwickeln, die halt nur 
in der lieben alten KaisechM vor sich gehen können. Ss darf 
man doch ungestraft sich an Uniformen ergötzen und mit viel 
Gekühl sich der lieblichen Maiennacht hingegen, die in Amerika 
selber langst nicht ss lieblich ist. Wien als Expsrtplatz für Senti 
Mentalität: ^das seki der Krone den Gipfel auf", würde Kallen- 
berg sagen. Die Fabel ist die übliche und entrollt sich ohne 
Charme. Der Herr hochwoWebsrene Herr Graf (Nsrman 
K erry), Flügeladjutant des Kaisers, verliebt sich in eine um 
schuldige, sehr schöne und sehr edle Maid (Mary Vhilbin) aus 
dem Wurstlprster, heiratet dennoch die ihm zubestimmte Gräfin, 
TckÜ sich darob ungemein schuldig, zieht in den mittlerweile aus 
gebrochenen Krieg, wird schwer verwundet, kehrt als einfacher 
Bürgersmann und Witwer heim und findet im Wurstlprater Ver 
Zeihung und neues eheliches Glück Die rührende Haupthandlung 
wird von nicht minder rührenden Episoden begleitet, vor allem 
gewinnt man Einblick in das Treiben des Künstlervölkchens im 
Wurstlprater. und erlebt zu seiner Genugtuung daß ein daselbst 
anlWoer Orang-Utan einen Schaubuden-VGtzer erwürgt, der 
diesen unnatürlichen Tod reichlich verdient hat. In wirksamem 
Gegensatz Zu den Volksszenen stehen die Auftritte in Grafenge 
mächern und kaiserlichen Prunksälen, die jeden Hofbericht M er 
setzen vermögen. Kaiser Franz Josef L. selbe? durch Anton V E» 
verka naturgetreu verkörpert, greift wiederholt in die Handlung 
ein. Man ReN ihn an Krankenbetten uns bei Audienzen, fa, 
man ist Zeuge des historischen Ereignisses, wie er durch einen 
Federstrich den Krieg eröffnet und die beglaubigten Worte aus- 
spricht, daß ihm nichts erspart geblieben sei. Auch uns bleibt mchM 
erspart, denn vsn dem GranaLeueinschlag, der Dörfer zerstört, 
bis zum ArMmmfschlaq (GrotzEfnahme!), der Hermen entzündet- 
wird in diesem pompösen Rummelstück alles einmal aufgcwubcU 
und umoetrieben. Die Nachtbilder aus dem Wurstlprater und 
einige StraßensZenLU sind übrigens ausgezeichnAt gelungen. 
! - rar,
        <pb n="6" />
        <pb n="7" />
        fe^'LLe^ 
von sich stößt. 
&amp;gt; 
Vei äer dlsudSarbeitun» äes in äramebntai' ^ulMs 
H?8eLi!6N'SN'6n I^UkaZens: „^drikäerOHsekiekts 
6er ? k L! o so p b i e" von Obr. ^ok. Oet 6 r kLorlm, 
Dr. ^a!tber ltoi8eiüI6. VLII, 246 8.) bat ?rok. ? ri 8 ek- 
eisen^Löbler 6a8 Hauptgerviebt äarauk äaL 
6-6,? ^drrk sueb bauts noek äen Ztucflersnäan al8 xs- 
Signetes ttll karrst tat dienen könne. ^Vartvoll sinä &amp;lt;^0 
knappen ^nakysen 6er ^iektixKen pkrlosopk^eksn 
von 6er Antike dis Lur Oe^sowart, äis ckureb 
HinEiss auk 6ie MwkÜAStsn Dsutun^en 6er einzelnen 
pWoLopIüeeden ZMsrno Lr^Lruun^ erkakren. 
Lemerlunge» 
Das Reichskabinett hat, wie schon mitgeteiLL wurde, be 
schlossen, daß der Erholungsurlaub der Beamten 
für 1924 gleichmäßig um sieben Tage gekürzt werden solle. 
Wir nehmen an, daß auch diese Maßregel zu den vielen gehört, 
die aus unerbittlichem Sparzwang erwachsen, und wollen fer 
nerhin gern glauben, daß sie „erwogen" worden ist. Dennoch 
erscheint sie uns als verfehlt, da sie die Grenze des Erträglichen 
überschreitet und Wirkungen haben muß, die ihrem Sinn Zu 
widerlaufen. Wenn die Beamten bereits das schwere Opfer auf 
sich genommen haben, sich mit Gehältern abzufinden, die sie zu 
äußerster, früher ungekannter Einschränkung ihrer Lebenshal 
tung nötigen, so ist dies aus der Einsicht heraus geschehen, daß 
dm Finanzlage des Weiches ein solches Opfer unvermeidlich 
mache . Stillschweigende Erwartung war aber wohl auch, daß 
nun, nach dem Zugeständnis des Menschenmöglichen, der Bogen 
nicht weiter angespannt werde. Der Beschluß des Reichs 
kabinetts mutet aber den Beamten eine Uebersteigerung ihrer 
jetzt ohnehin schon stärker beanspruchten Arbeitskraft zu, die in 
Wahrheit ein Raubbau an Gesundheit und Geistes frische 
ist. Er wird schwerlich die Dienstfreudigkeit heben und den 
Willen zum DurchhuMern stählen. Er führt zu einem rascheren! 
Verbrauch der Kräfte, für deren Ersatz am Ende das Reich 
aufzukommen hat. Eine kurzsichtige Sparpolitik, die nicht allein 
psychologisch daneben greift, sondern auch Kosten erzeugt, denen 
gegenüber die anfänglichen Einsparungen kaum ins Gewicht 
fallen. —- 
fMn Der Film „Die Straß e", der jetzt auch in 
Frankfurt vorgeführt wird, ist eines der wenigen Werks moderner 
Filmregie, in denen ein Gegenstand Gestaltung erfährt, den nur der 
Film so gestalten kann, und Möglichkeiten verwirklicht werden, die 
nur für ihn überhaupt Möglichkeiten sind. Das Herstellungsver 
fahren des Films deutet schon auf das Gegenüber hin, dem er 
zubestimmt ist. Aufnahme stückt er an Aufnahme und setzt aus 
ihnen, die hintereinander ab wirbeln, mechanisch die Welt Zu 
sammen — eine stumme Welt, in der kein Wort vom Menschen Zum 
Menschen geht, sondern die unvollkommene -Rede optisch er Ein-- 
drücke Alleinsprache ist- Je mehr das Dargestellte fich wiedergeben 
laßt in der Folge bloßer Bilder, dem Zusam memgleich Z eilig er Im 
pressionen, umso mehr entspricht es seiner AsMiationstechnik. Was 
also wäre ihm enger verwandt als ein Leben, das sich rein in 
äußerlichen Begebenheiten erschöpft? Ein der Substanz beraub 
tes Leben, leer wie eine Blechbüchse, das statt des innerlichen Zu 
sammenhangs nur noch punktuelle Ereignisse kennt, die kaleidoskop 
artig M immer neuen Bilderserisn sich fügen? Allein die Ober 
fläche ist ihm zugekehrt, und in dem Treiben existenzloser Larven, 
dem Durcheinander des Ätomgemenges findet er ganz sich selber 
wieder. . 
Die Großstadtstraße ist charakteristischer Schauplatz sol 
chen scheinhasten Lebens. Menschen durchkreuzen sie- wie der .Zu 
fall es will, streifen einander und entfernen sich ohne Gruß. Keine 
Begegnung der Seelen hat sta t, keine sinnvolle, dauernde Ver 
knüpfung umklammert und bindet, nichts Tragisches zwischen 
ihnen geschieht, das ja zu seiner Voraussetzung eine konkrete Be 
ziehung und in ihr gegründete wirkliche Entscheidungen hätte — 
nur Figuren stoßen zusammen, Ereignisse twgen sich zu und Sr- 
tMtion Mt M UM M MuMmr; das MH Mus AEnmiK 
fund Folge, ein gespenstisch unwirkliches Beisammen unwirklicher 
Menschen, das die leer fließende Zeit nicht zu erfüllen vermag. Der 
in die zerstückelte Welt verfitzte Einzelne, der etwa ein Bewußt 
sein von sich Mber hat, ist im ihr einsam schlechthin- Für Augen 
blicke nur kann seine Seele sich behaupten und dadurch, daß sie ihr; 
Eigensein fühlt, die Scheinhastigkeit des Kastens um sie her ent-! 
hüllen. Dieses Austreffen der zermürbten Seele auf die entleerte! 
Welt hat, als erster vielleicht, E. A. P 0 e in seiner Novelle „Der! 
Wann in der Menge" exemplarisch gestaltet. Innerlichkeit, die kein 
Echo findet, die ohne, Antwort verwehen muß, weil niemand um 
ihre Frage mehr weiß, ist auch der mnner wiederkehrende Vorwurf 
von Geora K a üs e r s Dramatik 
Die Filmkomposition selber, eine Regieschopfung Karl Grü 
nes, bestätigt lautlos und schauerlich das Leiden der verschnmch- 
tsnden Seele in dem existenzlceren Geschieße. Der Augenblick, der 
lediglich Punkt in der Zeit .ist, wird in ihr Sichtbarkeit, Typen, 
die ganz entwirklicht sind, bewegen sich in ihr schemenhaft durch 
die zerfetzte Welt. Was den einsamen Wanderer in den gefrä-. 
ßigsn Nachtstraßen bedrängt, hrückt der Film in taumelnder AL- 
folM futuristischer Bilder aus, und er darf es so ausdrücken, weil 
das sich verzehrende Innere nur noch fmgmentarischs Vorstellungen 
entläßt. Die Begebenheiten verstricken sich und entknoten fich wic- 
deO und da die Menschen erstorben sind, beteiligen sich auch die 
unbelebten Dings wie selbstverständlich am Spiel. Kalkmauern kün 
den von Mord, Lichtreklame zuckt auf wie flackerndes Auge: das 
Ganze ein wirres Nebeneinander, ein Tohuwabohu verdinglichter 
Seelen und scheinwacher Dinge. Vorsehung in dem Getümmel ist 
die Polizei, die daß bloße Außen umgreift, wirklich in ihm allem 
das Kind, das nicht weiß, daß es ist. Der Film schließt, wie er 
begonnen hat; nächtlicher Spuk zerstiebt anr. nüchternen Morgen, 
und mag das Geschehene auch gewesen sein, so fehlt ihm doch der 
! Bestand, der es zum Seienden macht. Zu sagen bleibt noch, daß 
die schauspielerischen Leistungen vollendet ssind und Blick und Ge 
bärden die zerfallene Welt beherrschen, die das bindende Wort 
Die StrüM^ Der Film: „Die Straße^ der j-tzr rn 
den ll.T. --L ichtspielen zu sehen ist, stellt ^as Zusammen 
Lreftm von schmachtender Seele und existenzlosem Geschiebe laut 
los und schauerlich dar. Der Augenblick, der Lediglich Punkt in 
der Zeit ist, wird in ihm Sichtbarkeit, hie Typen, Zu denen die 
Gssamtmenscheu entsinken, wenn sie ihrer Wirklichkeit verlustig 
Kchen, bewegen sich in ihm gleich Schemen durch die schemenhafte 
Welt- Der Ehermmn (Eugen Klopfer) liegt zu Beginn'auf 
dem Sofa in spießbürgerlicher Stube, die Heimat sein soll, ohne 
es sein Zu können. Während die Frau (Lucie Höflich), die in 
Müßiger Abgeschlossenheit ihr Genüge findet, das Abendessen be 
reitet, schleichen Lichter der Straße durch die Erhänge über die 
Decke, und ein Spiel von Silhouetten entwickelt sich, das den 
Träumer betört. Er blickt auf die Straße, und während die ihm 
folgende Frau nur die Straße ficht, wie sie ist, entschleiert sich 
chm das sinnlose verlockend Durcheinander des tennn-elnden 
Hebens, das freilich genau so wenig Heimat wie die Stube ist, 
«Mr dafür Abenteuer und unausgekosteLe Möglichkeit. Der Film 
wird hier zur Folge futuristischer Gemälde, er drückt aus, was, 
den DchnsuchtMn bedrängt, und er darf es mrDrücken, weil 
nur zerstückelte Bilder noch wie Träume das sich verzehrende 
schon verlorene Innere erfüllen. Der Mann geht, wie ein Nacht 
wandler geht er hin, altväterlich gekleidet mit Baum- 
wollschirm mrd biederm Hut, er wandert von Straße Zu Straße, 
verstört mtd allein inmitten des Gewoges der Passanten und her 
vorbeijagenden Automobile. Und nun kommt eines zum andern, 
der Knoten schürzt sich und entknotet sich wieder, denn alles ist 
ja mrr Schein und bleibt, was es war: ein Nichts. Ein Mäd 
chen, das an der Ecke steht, ist Sinnbild dieser Nichtigkeit, denn 
Mrch das Spiel der Schatten verwandelt es sich plötzlich m den 
Tod, Tot ist alles ringsum, und da die Menschen erstorben 
sind, gesellen fLÄ dn unbelebten Dinge ihnen wie selbstverständ 
lich zm Eine Milkmauer kündet von Mord, und das Aufzucken 
der Achtreklame täuscht das Flackern des Auges vor. Der Mann 
Mrat mr ein Mädchen (And Egeve Nissen), das Mädchen führt 
chn mit fernem Zuhälter (Anton Edthofer) zusammen, dessen 
Freund (Ludwig Trau tner) mit von der Partie ist: ein 
Mann MS d« Provinz (Leonhard HaSkey schließt fich am 
Msn firAt sich un Nachtlokal, der Mann gibt m der Spielwm 
emen ^heck hin, der chm nicht gehört und gewinnt ihn wieder 
und mehr dazn — ist alles nicht wiMch und Tragik fehlt 
am Play —, rmmer mehr erweitert sich Das ^Nebeneinander", 
ohne daß es re zum Ineinander würde. Die darin ausgehen, 
sind tot, und mnsam wie der Blinde (Max Schreck), dre kein 
andres Leben zu finden wissen. Zuletzt ermordet der Zuhälter 
den Mann aus der Provinz und gesteht" nach anfänglichem Leug 
nen dre Tat, weil sein Kind (Sascha) ohne Willen ibm den Weg 
M fernem verlorenen Selbst weist — dies das einzige Geschehen, 
das ohne Granen )er Leere ist und darum aus dem Gefuge der 
Szenen entbleitet. Das Kind, das fich und die Welt nicht 
kannte, ist das Mein WiMch Seiende in diesem Tohuwabohu, 
und ihre Vorsehung ist sehr folgerichtig die Polizei, deren Ord 
nungsdienst das nur mehr äußere Leben völlig umgreift. Das 
Ganze schließt, wie es begonnen hat. Der Ehemann, gereinigt 
vom Mordverdacht, kehrt am frühes Morgen über dre kahle 
Straße zurück, auf der Papierfetzen umherwirbeln, dk der» 
schlafene Frau reicht ihm die austzewärmte Suppe, uns beide 
bücken noch einmal durchs Fenster, ernüchtert er» mit dämmern 
dem Verstehen sie. 
Der Film ist eine Meisterleistung des NeMenrs Karl 
Grüne und seiner Helfer, Zu denen auch Ludwig Reidner 
Wo"- &amp;lt; ^ch schauspielerischen Leistungen sind vollendet, 
BLrck und Gebärden sagen restlos, was auZzudrücken ihnen ob- 
uegt und treten ganz und gar ein für das überflüssige Wort. 
Frlmwerkm dieser Gattung gehort di« Zukunft. me.
        <pb n="8" />
        / I pei^LLS»» 
Kokzapfeks „Uanideal". 
Zur Kritik der Kulturgläubigkrit. 
Von M. Siegfried Kraeauer. 
Dis Weh ,Pan ideal" des Oest-erreich-rs Rudolf 
Mark» Holzapfel, eine Schöpfung der VorkieMeit, ist 
(bei Eugen Diederichs, Jena) in neuer, sehr erweiterter Fas 
sung wieder erstanden. Als Einführung in die beiden mächti 
gen Bände läßt der gleiche Verlag ein« (von Hans Zbinden 
herausgegedene) Sanrmelschrist: „Ein Künder neuer Lebens 
wege* erscheinen, in der etliche sldepten Gehör für die Bot 
schaft des Meisters fordern. Ihre Werbung verpflichtet umso 
mehr zu einer Auseinandersetzung mit dem Werke, als Holz- 
apftl auch in den Kreisen der Jugend einigen Anhang gefun-^ 
dm hat. 
Vorweg genommen sei disSr .PcmideÄ" ist nicht neuest 
Evangelium» sondern alte, im Kern überlebte Lehre. Es 
gehört einer Epoche &amp;lt;m, die abgewirtschastet hat, ist Ausdruck 
einer Geistesholtung, deren UnMlänglichkeit e^ gerade heute 
einzusehen gilt. Dmm«h verbleibt dem Buche eine gewisse 
mitelbars Bedeutung. Wesentliche Züge jener geistigen Ge- 
samtvsrfassung näMch: ihr Vertrauen auf die Organisterbar- 
keit der menschlichen ^sellschast, ihr Geniekult, ihre ganze 
naive KulturglSubigkeit — in ihm enthüllen fls sich 
so drastisch, daß sich ein exemplarischeves (und zugleich bs- 
losienderes) Zeugnis der Seinsstufe, die es hervorgebracht hat, 
nicht wohl denken laßt. Die Erörterung des Werkes stellt darum 
keinswegS seine besonderen Gehalte allein in Frage. 
* 
Kaum erst Jüngling, ist Holzapfel nach Südafrika WS- 
gewandert und hat dann, wie der V-erlagsprsspekt meldet, lange 
Fahre ein bedrängtes Nomadenleben geführt. Gelegenheit ge 
nug, die Mängel menschlicher Einrichtungen gründlich auszu- 
forschen. Zwei Erfahrungen vornehmlich stoßen dem Schwei 
fenden überall zu. Einmal entdeckt er auf seinen Reisen, dM 
die Dogmen der Rektionen und die allgemeinen Moralgebote 
viel zu' weitmaschig und ungeschlacht sind, um die Ansprüche' 
komplizierter Individuen auch nur annähernd zu befriedigen: 
zum andern quält ihn das widervernünftige Gegeneinander d«i 
Menschengruppen, denen «s an rechter Gestalt und rschtm Ge-&amp;lt; 
staltern gebricht. 
Ohne sich lange Lei der zeitttlübenden Prüstmg aufzuhal- 
tm, ob nicht vielleicht diese (oder andere) Nnvollkommenheitsn 
aus irgend einem Grunde für Menschen unausrottbar sindss 
.Mist KolWpM foMH der Mfige» Mnschheit das JdeaMd '' 
. einer künftigen als wsÄ M erreichendes Ziel ihrer Bemühun- 
! 8-u. .Daß er eiuMoffen aufs Ganze Acht, bekundet schon'das' 
! vMherßunKvolle Wort Pan ideal. Es deutet auf eine Ge-p 
! ftüschast Hin, die, um in Holzapfels eigener Sprache zu reden, 
„dr« wesentlichen SeelenkrSste organisch umfassen und einer.,: 
E^msch einheitlichen Schaff« des Einzelnen und der 
MenWyclt entgegenführen könnte*. Aus diesem Projekt er 
wachst, wie es an anderer Stelle heißt, die Ausgabe, „an Stelle 
blinder Förderung aller möglichen einander widerfpvscheichen! 
„EntwiÄungen* solche Wege seelischer Wandlung, geistiger 
„Entwicklung* zu suchen, bis in Wirklichkeit und -HM» den 
Menschheiten Geistesschatz mchven und einer steiMnden Har- i 
MSN«, Vergchtigung und GefühlintensitSt" zuleiten. 
. Ein titanisches Kulturideal mithin, das rein in den dies-! 
fertigen Bezirken seinen letzten Abschluß sucht und findet. WI 
will den Menschengeist durch den Menschengeist befreien und 
eine Welt der allseitig entfalteten Seelen erschaffen, in der alle 
Dissonanzen aufgelöst sind. 
Erforschung der SeelenkrSste soll die Bahn bereiten. 
: Holzapfel gibt beschreibende Analysen der verschiedenen seeli 
schen Vorgänge, sozialen Gefühle und Gesinnungen, die, wie 
er wähnt, unter dem abstunipfenden Einfluß 'schematifchrr 
:MorÄgeiehe bisher vereinseitigt oder falsch gerichtet worden 
MZ. und fordert ihre differenziert« Am-- und Umbildung in 
MnideÄsschchem Sinne. So wünscht er etwa die „dgMMfche^ 
Aivellierungsgestalt des christlichen Gewissens*, die nach seiner 
Ueverzeugung „stuchtbar-e ethische Keime* «n der EntwiÄung 
hindert, dmch ein neues panid-salWschLS Gewissen zu sr- 
Men, das nach „schattierendster Mickflchtnahn» auf die W- 
Itufung der Anlagen und EntwMungen* strebt. Gelenkt von 
freiem Gewissen, ergmndet die Holzapfelsche Psychologie die 
Gesetz« kunMrrfchsn Schaffens, durchstöbert das Seelenleben 
der Heiligen und hebt gar „die -osiitive und negative. Bedeu 
tung des „Gebetes" für die MenschenNvtwicklung" hervor; 
kurzum, sie kundschastst auch noch den geheimsten Schlupfwinkel 
MS und verbreitet in ihm panideaNftisches Licht. Alles im 
Drmste des Gesamtkunftwerks einer Zukunstskulk-r, die mensch- 
lrches S-yopMum auf jedem Gebiet ins Nngemeffene steigern 
mochte. 
. Zu. Vringern und Walkern des sslgcmtischen Reichs ermäch- 
ügt Mn Künder geniale Menschtzeitskünstler", denen 
das neue Gewissen Wägt und die Seelenfsrschung zum Lmt- 
sadm wird Die Aufgaben, die er ihnen stellt, sind nicht ge 
ring, erwartet er doch, „daß wenigstens manche PlaWer und 
! auch ^.schöpferische Kulturgestaltsr, manche 
^«»lgionSfaster und Heilige" — man beachte die heitere Nnbs- 
MmM j. — »auch große Dichter,. .Forscher,. 
Plastiker oder Musiker werden" . Da Holzapfel kei.'r.'Nvc^? 
Lraumer, fondem durchE Mann der Praxis ist, p.mr. - 
schließlich di« Errichkung einer „Akademie der A: - 
- nahmen", die systematisch und in großem Stü d'? r 
lichung dieses Kmturprosramms beweiben soll. ES ynLR 
wohl, wenn man erfährst, daß sie unter anderem junge Genies 
ausfindig zu machen und für ihre ,grötztmSgliHr Vervou- 
komMMW" zu sorgen hat. 
* 
Das Ganz« RH sich wrs eine rmfrsiwillW (nur leider zu 
lang ausgewalzie) Satire auf den zumal im neunZelm:. !: 
Zahrhunürt vorwaltenden Geist, der hier mit seinen Blöß-?:: 
! gewaltig prunkt. Man kann, wmn man so will, die Haupt 
! verklungen dieses der ihm angemessenen Ätuatisn Wtronue- 
. nen Geistes Metten aus seiner L-eugnung menschlicher B&amp;lt; -' 
: dingtheit «nd seinem Trachten Mich Expropriierung Gottes. 
I Gescht- der Mensch befind« sich «ch an seinem richtigen O . k, 
! so weiß er jedenfalls d&amp;lt;S ein«, daß er nicht in sich selber 
! gründet, sondern seine Wurzeln außer sich hat. Er ancr- 
: kennt sein Geschaffensein und seine damit derbm-' 
haste Abhängigkeit, und wie weit immer er die Grenzen des 
durch ihn zu BAvirkenden hiwAuSverlegt, er vergißt doch nie, 
daß ihm überhaupt Grenzen gezogen sind. Diese elementare 
und an sich bloß Negativs Erkenntnis seit ihn zum Mindssteu 
i gsgen die ebenso elementare Irrlehre, di« dem Menschen die 
Fähigkeit zuspricht, aus eigener Kraft der Welt das „Kaiser 
ssiegel" aufWdxücken. Wie sollte er auch, gestützt auf das Wissen. 
um seine Bedingtheit, ein« Lösung menschlicher Wider 
sprüche, eine Aushebung aller UnzulänglWeiteN rein int Be 
zirk des Menschlichen suchen dürfen? Selbst wenn er in d«r 
Negativität jenes Wissens bcharrt, erfaßt «r doch die immer 
währende Tragik seiner Position, die ihm nicht gestattet, smni- 
licher Schwierigkeit^ von sich allein aus Herr zu werden; 
Md tritt er als Christ oder Jude aus dem nur-tWgischen Be- 
: reich hevaus in die Perbimdenheit des GlaubcnS^beWs, da^!- 
! n»g er zwar in der Welt wiÄen, aber er geht nicht oua; ein 
und aus in ihr, er mag der Erlösung gewiß sein, auf Selb st- 
erlösung aber wird er nimmermchr bauen. 
Kultur, das steht fest, bleibt ihm stets auch Wen sK r&amp;gt;- 
werk, das als solches gleich ihm der Bedingtheit und 
ist. Statt also zu wähnen, daß es dem Mensch« gegeben i-k, 
1.willkürlich und nach freiem Ermessen eins ideale, nr.cch'l 
vollkommene Kultur zu verwirklichen, erblickt er PrÄmchr in 
der UnvoMsmmenheit 'menschlicher Zustände lediglich mnv M 
! stätiMNg dafür, daß Kultur weder heute, noch morgen, noch 
überhaupt etwas EndMttgeS, Nbsch-lußhaftes bedeittst. MchW 
hindert ihn daran, sie innerhalb ihr« Grenzen zu bejahen 
so zwischen nihilistischem Kulturpessimismus und schranken 
losem KulturöptimiZnMs -di«. ungefähr« Mitte zu wahren. 
Kultur als letztes Wort und höchsten Wert anzunehmen, ist 
t-em Menschen ein für allcmal versagt. 
Der entfesselte Geist des neunzehnren Jahrhunderts, soweit 
er hier in Betracht kommt, ist ganz und gar von dem 'Streben 
nach Selbsterlösung erfüllt. All sein Denken kreist um 
den Begriff der Kultur, und die HerbÄffHruug des idealen 
irdischen Endzustands wird ihm zur Aufgabe der Aufgaben. 
Da er, seiner BeNugHÄt nicht mehr eingedenk, sich unbedingt, 
setzt, muß Hm ja auch in der Tat. so scheinen, als könne 
menschlicher Wille traft seiner Allmacht jedweden Mangel be 
heben, und Äs sei das Kommen des „Reiches Gottes" d'e Frucht 
rein ÄwevgeschichÄlcher Entwicklung. Solche HOriS straft sich 
indessen selber. Denn dadurch, daß der Mensch sich göttlich« 
Funktionen LrKegt und sich vermißt, den menschlichen Fort 
schritt von sich aus unbegrenzt M fördern, gibt er eben 
die Position preis, in der er der Sache der Weit gerade am 
besten zu dienen vermöchte. Er ist nämlich wahrhaft ihr Diener 
nur, wenn er ihr nicht unmittelbar dient ,sondern sich über sie 
hiiMUZspsnnt zu dem, was mehr ist als sie selber und alle 
Kultur. Diese seiner Bedingtheit gemäße Haftung verweist ihn 
gemA -dorthin, 'wo fein eigentliches Heil liegen mag, und da 
er, sie einnehmend, seiner wesentlichen Bestimmung gerecht wird, 
befähigt sie ihn auch allererst dazu, den entscheidenden Kampf 
mit der Welt auszunehmen. 
Entkleidet er dagegen das Menschliche seiner Fragwürdig- 
keit und -erhebt die Höherentwicklung der Kultur zum Selbst 
zweck, so -vereitelt er von vornherein jene Bemühung um sein 
HM, Äs deren Folge allein sich "unter Umständen die welt 
lichen Behältnisse richtiger ordnen. Daß er das Ideal der 
vollkommenen Kultur in den Mittelpunkt rückt, stÄt seine Krea- 
türliWsit mit ins Kalkül einzubeziehen und der Gnade den 
Hr gebührenden Anteil einzuräumen, ist also seine schwerste 
Verfehlung gegen dieses Ideal. Damit verrät er sozusagen 
Gott an die Wflt und stveicht just die einz'ge Bedingung, unter 
der Kultur überhaupt erreichbar wird. Er macht zum letztem 
Ziel, was nur mögliche Folgeerscheinung eines Trachtens sein 
bann, das nicht der Kultur Mer gilt, sondern über sie hmaus- 
führt zu Gott als ihrem letzten Grunde; kein Wunder, daß das 
Ideal wie-eine morMLS zerfließt, wenn er sich ihm cm- 
zunGern sucht. Wird es zum Gegenstand, s ist es für immer 
verloren; zugänglich bleibt «S denen allein, die es nicht 
be'Äwm. 
"Gleichviel, ob die Lehren des neunzehnten Jahrhunderts 
«in rationalistisch begründetes Humanitätsideal aufstellen, oder 
in «ine wie immer religiös getönte Kulturgestalt einmünden; 
AMM sM, Witz sitz sich ihr Ziel verwirklich-t^eMm -K IN
        <pb n="9" />
        Verfolg eines sich über den Köpfen der Menschen vollziehenden 
Prozesses oder durch den zur Freiheit entbundenen schöpferischen 
Willen, ob erst im Unendlichen, oder schon hier im Endlichen — 
ste sind sich alle darin verwandt, daß sie eine abgeleitete Be 
stimmung zur höchsten emporsteigern. Ohne der Bedingtheit des 
Irdischen nachzusragen, das ihnen mehr oder weniger in sich 
selber befriedet scheint, fordern oder setzen ste skrupellos die 
Vollkommenheit menschlicher Zustände, die doch immer nur ein 
zweites ist — eine Wirkung der Gnade nämlich —, wenn sie 
denn überhaupt heranreifen soll. Freilich darf auf keinen Fall 
der Unterschied an Tiefe und Existenzfülle verwischt werden, 
der etwa zwischen einer eudämonistischen Zivil!sationZphilosophie 
vom Schlage der Spencer fchen und dem heroischen Kuld'"- 
ideal Nietzsches besteht. Während jene, die nur dann ei 
von ihrer Flachheit verliert, wenn man sie mit der traditionS- 
starke r englischen Wirklichkeit Zusammenhalt, die- menschlichen 
Unzulänglichkeiten nicht eben tragisch nimmt, da sie ja doch 
am Ende der Zeit das größte Glück der größten Anzahl winken 
sieht, begreift Nietzsche die Kultur als einen durchaus tragischen 
Vorwurf, der sich nicht wie irgend ein Rechenexempel ohne 
Rest bewältigen läßt. Dieser Hemmung ungeachtet, stellt er 
freilich seinen „Uebermenchen" auf die Beine, der die Gren 
zen des Menschlichen sprengt, weil er die Welt von sich aus 
schöpferisch meistern möchte. Aber der Gigant kann" nicht 
stehen und seine verkrampfte Haltung ist nur ein Umschlag 
jener Skepsis des früheren Nietzsche, die noch ein sehr deutliches, 
wenn auch verzerrtes Wissen um die menschliche Brüchigkeit 
bezeugt. 
Holzapfel übertreibt die ungebrochene Kulturgläu 
bigkeit des neunzehnten Jahrhunderts so grotesk, daß sie 
durch ihn, wie man meinen sollte, eigentlich aä Lbsuräum 
geführt werden müßte. Buch bringt er es zuwege — gewiß ein 
Verdienst —, die in verschiedenen Höhenschichten einlagernden 
Anschauungen dieser Epoche tüchtig ineinander zu wirren und 
derart indirekt auf ihre Zusammengehörigkeit aufmerksam zu 
machen. Er amerikanisiert Nietzsche und zaubert aus angel 
sächsischem Militarismus eine Renaissance-Kultur hervor; so 
tritt doch wenigstens die gemeinsame Wurzel der beiden Be 
griffe „Zivilisation" und „Kultur" zutage, die in unserer Zeit 
vielleicht noch nicht genügend erkannt wird. Keinen Augen-! 
blick kommt dem salkMucke-man der Gedanke, daß Kultur 
überhaupt eine paradoxe Angelegenheit fei; menschliche 
Schöpferkraft feiert bei ihm vielmehr ihre unbedingten und 
erschrecklichen Triumphe, und das Ergebnis ist die ungetrübte 
Apotheose des Menschlichen. Die Verhärtung der Dogmen, di 
Starrheit ethischer Normen: alles Schwierigkeiten, die gerade 
in der menschlichen Bedingtheit gründen und nur in täglichem 
Kampfe immer Meut «nzugreifen sind, ohne auf yMnifats- 
mögen, die &amp;lt;ü- solche doch noch gar keimen Sinn in sich bergen. 
So löst flo da» Wirkliche auf und zerftäubt es zu Schein. Sich 
den verschiedensten Kultur- und FsrtschciWlehren ver- 
schwistsnd, fetzt sie mit Nietzsch« den ungeleiteten Willen 
Mr Macht absolut, nimmt mit Der g son ein« sich schöpferisch 
entwickelnd« Lebenskraft an, die nur nicht weiß, wobm sie sich 
eigentlich entwickln soll, und behandelt, w!« Valhinger in 
seiner .Philosophie des W-OL" es tut, die Msral als bloß« 
Fiktion. 
HohapWs SselenstnMmg U von erfchüt^rnder DÄnali- 
M, aber gerade darin besteht ihr Verdienst. Denn aus der har 
monischen Ehe, die sie mit dem Schetnideal „größtmöglicher 
Vervollkommnung" der Kultur an Haupt und Gliede n ^ngeht, 
erwachsen Früchte, an denen man di« ganze Nichtigkeit der 
psychologisieverchen BetrschiungSweis« zum Greifen deutlich er 
kennen kann. Höchst ungeheuerlich, was diese Forschung in 
der grundlosen Seele ergründet. Sie entdeckt, worauf gewiß 
noch kein Betender verfallen ist, daß Gebete die Willenskraft 
steigern, wenn sie „Vorstellungen vom Mächtigsten und Voll 
kommensten wiederholt und eindrucksvoll festhalten", sie degra 
diert di« Götter und den kategmckschen Imperativ W plumperen 
»der feineren „Substantialisierungen" ter Gewissensstimme und 
behauptet die WhängigSeit der „UnsterbliKeltssehnsucht" von 
intensivsten Lustgefühlen. Urzeugung der Wirklichkeit aus dem 
Schlamm der entwirklichten Ss-l«: das ist recht eigentlich das 
Streben dieser Psychologie. Erst macht sie das Etwas der Un- 
, strrSlWeitSixcheißung zimichds, dann holt sie aus dem Nichts 
der Lustgefühl« jenes Elwas wieder hervor — ein Tas^n- 
WKEertrick, der sich damit erledigt, daß das nun von ihr pwdu- 
Hisrte Etwas garnicht wehr dM früher wsg^Mckert« ist Da 
st« zudem nicbt eirmml als schlicht besckmck^ude Psgchskoai« 
, Besonderer leistet, ist zu befürchten, daß Holzapfels prasumtive 
„MenschheitsküMer" mit ihrer HLf« Wr wenig auSzurichten 
dermöse». 
* 
' Schwer M PMn, Baß dieses Schemen noch rmwchen 
kann. Lockt es durch seine Ueberbetonung des Schöpfe- 
i Äschen, weckt feine Kulturbegeisienmg Gip^kvausch? Wer 
dÄ Lösung, die es bietet, ist nie und nimmer Lösung, ja, 
, eine Lösung in solcher Richtung auch nur zu suchen, führt schon 
sö vom Weg. Denn gegenüber panidealistischer Ausartung der 
, sich unbedingt setzenden Geistes gilt mtt Strmx: Kultur bleibt 
- Mkglich dann eine Möglichkeit, wenn sre rmter der immer- 
f wahrenden Frage ficht, und soll das Schöps-eriche je bejaht 
; werden diirs-n. so ist es nicht minder von Grund auf zu ver 
Minen. — Allein das Bewußtsein von der Grenze des 
Reise gibt, ist nur Nachspiel — Nachspiel und Ausräucherung 
der Psychologie des ausgehenden neunzehnten Jaho. 
Hunderts, die, mannigfach abgewandelt, in Literatur und Philo 
sophie auftritt und derselben niederen Sphäre angehört wie das 
den Kulturb-griff nutzende Denken, mit dem ste zumeist sich ver 
bündet. Weiß der Mensch noch um seine Kreatürlichkeit und 
spannt'er sich — in negativem oder positivem Sinne — über 
sie hinaus zu dem, was ihr schlechthin überlegen ist, so hat er 
Mchsom einen Richtpunkt von höchster Wirklichkeit, denn mchis 
kann je wirklicher sein als Gott, auf den er sich derart w.e 
immer bezicht. Insofern nun die Gewißheiten, die dem Geists 
dann entorgentreirn mögen, aus seiner Verbundenheit mrt 
dieser höchsten Wirklichkeit herrühren, sind sie letzte und äußerste 
Gegebenheiten: ersahvbar wohl, doch n'cht selber wiederum «UÄ 
anderen Gegebenheiten abzuleiten. Es geht darum nicht an, 
theologische Begriffe wie etwa „Unsterblichkeit", „Gnade, 
„Sünde", deren Gehalte sich allenfalls dem in der entschs.oendrn 
Spannung befindlichen Menschen erschließen, als Auswirkungen 
psychischer Vorgänge, als „Erlebnisse" zu begreifen; v.Ä 
eher schon hätte man umgekehrt von ihrer WiMchkcit her^ d» 
sich nicht begründen, sondern lediglich hinnchmen laßt, den Sinn 
der psychischen Vorgänge zu bHHmmen. Der Weg der ricy'MN 
Deutung führt stets von oben nach unten, und auch d.« 
seelischen Phänomen« bedeuten nur etwas im VerhdltmS M 
jenen letzten Gegebenheiten, die der auf die höchste WiMch- 
kert ausgerichietr Mensch erfährt. So ist, um ein BÄsM M 
nennen, Franz v. BaaderS Auffassung des Geimsseus 
als „Cewiß-wissen des Erkmnffeyns von Gott" eine durch 
aus rechtmäßig« Bestimmung des Seelischen. Em DeriMM 
das die dem hrnigeMmrlerMeN's^ , sm) dan-ielenden 
WiMchkLiLsaehalte zu Exponenten mnerpsy^ychen 
macht, ist smnwidrM, da es das UnMeitLare Ef das erst 
zuleitende zurückzuführen sucht. 
Der bei der Psychologie anhebende Geht des neunzehnten 
JalÄunderts, der aus der Verbundenheit mit den! ihn Be 
dingenden entglitten ist, schlägt notgedrungen dle'M, Verthuen 
ein Wie er des Postulat menscylicher HouMntwicklung un- 
ludwklih an die erste Stelle rückt, so versackt er E und mehr 
i-, der unaerichteten Deschre'bung der entspannten Seele, einer 
e-'eele die ihren HSSKsn R'chtpünkt verloren Hai und daher 
unendlich zerstießt. Ein- solch« PMwlogk ab«, der dre 
sckPN Befund-, und zwar di« Befund« einer Er«rch gewor- 
Seele, stw's Letztes sind, geht gen-« den ^ von unten 
-aL oben sie m-cht nur Grundlage der Erklärung, was 
'ÄI der ErKLwng bchüMg ist. Statt die Gewißheiten deS 
sich zur höchsten Wirklichkeit verhaltenden M-niV-n unan^ 
Net selLn u lassen, deutet sie dies« E E L 
erfahrenen Gewißheiten aus 
rischem, rein menschlichem Wege je ganz überwindbar zu 
sein — Holzapfel zweifelt nicht daran, daß sie radikal getilgt, 
werden können. „Größtmögliche Vervollkommnung", so lautet 
seine Devise und ein „Wir schafsens" scheint steter Refrain. 
Ueberall setzt der Unermüdliche seine Hebel an. Da ihn die 
Begrenztheit der meisten Menschen nicht befriedigt, wünscht er 
sie tunlichst in Genies umzuwandeln, und da ihm auch die 
Einseitigkeit der meisten Genies kein Genüge leistet, fordert 
er, daß jedes'eine Art von Lionardo werde. So türmt sich' 
der Wolkenkratzer panidealisüscher Kultur auf, der Forschung, 
Kunst, Ethik und — Religion gleichmäßig und harmonisch 
umgreift. Ja, auch die Religion! Denn für Holzapfel 
versteht es sich von selbst, daß ste der Kultur-Kathedrale einzu- 
verleiben sei, er überhört, hierin durchaus typisch, die kritische 
Frage, die von ihr aus immer wieder an die Kultur gerichtet 
wird, und faßt es nicht, kann es nicht fassen, daß sie nur dann 
wahrhaft Religion ist, wenn sie sich paradox zu dem weltlichen 
Reich verhält, statt ohne Anstand in ihm auf- und unterzu 
gehen. Hiervon abgesehen muß man ihm nachsagen, daß er 
seine Sache gründlich anpackt. Gar sehr gepeinigt von dem 
Gedanken, daß die 'Genies planlos auswachsen, just, wie es 
Gott gefällt, projektiert er einfach seine Genie-Auszucht, die der 
leidigen göttlichen Zufallspolitik ein für allemal ein Ende be 
reitet und das Problem der kommenden All-Kultur erst wirk 
lich spruchreif macht. Es lebe die panidealist.sche Organisa 
tion! Eine Assembler von Lionardos, ein Institut für Ueber- 
menschen: das hätte sich Nietzsche sicherlich nicht träumen lassen. 
Diese fürchterliche Akademie weift irgendwie in die Rich 
tung nach Darmstadt, beschwört den Schatten der Weisheits 
schule herauf. Und als Parodie ist sie nicht einmal so ver 
ächtlich, denn sie karikiert Züge, die in der Tat für das Welt 
bild K e h s e r l i n g 8 bezeichnend sind. Genau wie dem Pan- 
idealisten schwebt diesem ja eine weit- und sphärenumspannende 
Totalkultur (die sogenannie „MenMeitsökumene^vor, die 
weiträumig genug ist. um d", 
gliedern, genau wie der Panid-alift will, cr d'r T.nftncm.::.! 
einsbnen, sämtliche W.deripcu^e u.w 
haupt alles in besten Einklang bringen. Freilich, die größt 
möglichst vervoMommneten Zöglinge der Holzapfelschsn Aka 
demie sind ihm zuletzt doch über. Das bischen Kulturbetrieb 
in eigene Regie nehmend, lassen diese „Menschheitskünstler" 
Gott einen guten Mann sein und führen von ganz alleine dir. 
Menschheit h-rrl'chen Zeiten entgegen. Vorausgesetzt natür 
lich, deß sie nicht das Schicksal jener Baumeister Lecken, tue 
einst den Turm von Babel errichtet haben. 
Auch dir Seelmforschung, deren Ergebnisse Holzapfel 
feinen KulturgeMLern zurbesseren „OrmüiLwNL" dir
        <pb n="10" />
        Slaa! M GeMSluschafk. 
Lm Vortrag Martin Bubers. 
Auf Einladung des Frankfurter republikanischen Sinden- 
tenbundes sprach vor einigen Tagen Dr. Martin Bub er 
über den Bedeutungswandel der Begriffe Staat und Ge 
meinschaft im letzten Dezennium. Seine Betrachtungen, 
Zeugnis einer wesentlichen Haltung, suchten unsere heutige 
Situation ihrer Wirklichkeit nach zu erfassen. Sie verdienen, 
an Mser Stelle kurz wiedergegeben Zu werden, da sie sich 
vornehmlich an die Fugend richteten. 
Zu Kriegsbeginn, so firhrte Buber aus, lebten imr im 
Zeichen der Sta a ts v e r gw tzu n g. Der Staat, der das 
Letzte doch nur vertritt, galt uns als dieses Letzte selber, er 
war die überpersonale Einheit, der die Personen erst ent- 
rMchseu. Das folgende Jahrzehnt übte gleichsam eine uomi- 
naWe^ Funktion aus; das heißt, die Wirklichkeit des 
Allgemeinbegn Staat löste fich allmählich auf und mehr 
mrd mehr erfuhren wir, .daß der Staat als handelndes Wesen 
voller Widersprüche ist, die seine Unzulänglichkeit verraten. 
Darum vermögen wir ihn heute nur noch als einen in sich 
inkongruenten Notbau anzuerkennen, als einen Zwang, der 
gbilligt werden muß- Auch unsere Auffassung derGemein- 
schaft hat sich gewandelt- Setzte man sie vor einem Jahr 
zehnt, nur einen unklaren Begriff von ihr hegend, ohne wei 
teres mit dem schon sehr aufgelockerten allgemeinen Leben 
gleich, so ist man mittlerweile Zu der Ueberzeugung gelangt, 
daß gerade dieses allgemeine Leben das Gemeinschafts l o s e 
ist. Die heutige Jugend lehnt sich gegen seine Leere auf und 
möchte in ihrer Verzweiflung aus ihm in Gemeinschasts- 
Oasen flüchten, die, wie sie wähnt, gestiftet werden können. 
Die ursprüngliche SLaaLsverherrlichung sowohl wie die 
jetzige Einschätzung der Gemeinschaft beruhen beide auf einer 
Verwechslung. Jene war ein illusionärer Glaube, der roman 
- Lisch Staat und Volk identifizierte. Solche Identität traf für 
Die Polis zu und mochte eingeschränkt auch im Mittelalter gel 
ten. Seit aber nach der Reformation die Einzelperson 
sich aus gesondert hat, fallen Staat und Volk auseinander. 
Dieses ist Element, der Staat bestenfalls Gebilde- Wer heute 
noch meint, daß man ihn aufbauen könne wie einen Tempel, 
und fiktive Staatsprojekte ausheckt, ist ein wirklichkeitsferner 
Schwärmer, der, unbelehrt durch Erfahrung, trüben und Dürf 
tigen Sinnes das Unmögliche zu erjagen sucht. Ein repa 
raturbedürftiges Wohnhaus: das ist der Staat, den das 
Schicksal uns zugedacht hab 
Auch die nach Gemeinschaft sich sehnende Jugend zielt zum 
Teil m falscher Richtung. Sie schließt sich eüva zu Sied 
lungen zusammen und glaubt auf solche Weise jene primi 
tiven Gemeinschaften wieder zu erneuern, die den Einzelnen 
schicksalhaft in sich einbezogen. Wer seit es das Faktum der 
Person gibt, ist Rückkehr zur Primitivität eitel Romantik. 
Möglich sind nur noch Bünde: der Liebesbund, der Tatbund, 
der religiöse Kultbund. Und auch sie entstehen nicht dadurch, daß 
man sie will, sondern wachsen lediglich dann herauf, wenn 
die Menschen gleichmäßig auf Gott als die lebendige „Mitte" 
ihres Bundes und jedes Bundes überhaupt bezogen sind. 
Gemeinschaft ist stets Folge, niemals das Ziel, und formt 
sich der Bund, so doch nur auf Zeit. 
Die Erfahrungen, die wir im Verlauf der letzten zehn Jahre 
über Staat und Gemeinschaft gewonnen haben, erleichtern 
uns das Verständnis des mit diesen Worten eigentlich Ge 
meinten. Was zunächst „Gemeinschaft" betrifft, so ist sie nach 
BuLer eine „messianische Kategori e", keine geschicht 
liche. Sie deutet auf die Vollendung der Schöpfung zurEe- 
! n'-flcha^ Kreaturen vor, weist hin auf die Zeit, da Gott 
aues in allem sein wird. Bon dieser ihrer letzten Bedeutung 
her legitimieren sich die konkreten Verwirklichungen der Ge 
meinschaft als Ankündigung uno Vorwegnahme des „Reichs". 
„Staat" im Gegensatz hierzu ist bloßer Status das heißt 
jeweiliger Zustand des Nichtverwirklichtseins der wirklichen 
Gemeinschaft. Seine, tatsächliche, stets wechselnde Beschaffen 
heit bezeichnet den jeweils vorhandenen Grad menschlichen 
Miteinanders und Fürem zeigt an, wieviel Zwangs ¬ 
organisation noch nötig ist. Nach Bubers geistreicher Defini 
tion ist der Staat „KristallisaLion des Negative n" 
und Schicksal die Art, in der er sich von Fall zu Fall kristal 
lisiert. 
Staat und Gemeinschaft, sofern sie sich realisieren, sind 
immer zugleich und ineinander- Upd zwar hängt es durchaus 
von der jeweiligen Struktur der Staatsorganisation ab, in 
wieweit Gemeinschaft .in ihrem Rahmen verwirklicht werden 
kann. Feder Staat ist sozusagen mehr oder weniger gemein- 
schaftshaltig, und man mag, .wenn man will, zwischen ge- 
meinfchaftslM Staaten wie' der antiken Polis und ge 
meinschaftsbannenden wie den modernen zentmlistischen stau 
ten unterscheiden. 
Diese ganze Besinnung erst schützt vor Verwechslungen und 
verleiht dem auf die richtige Staatsgestaltung hinzielenoen 
Willen Realität. Legt mgn sie zugrunde, so erkennt man, daß 
das Staats w^sen sich nur aufbauen kann auf lebendige 
Gemeinden (Werkgemeinschasten, Glaubensgemeinschaf 
ten), die seine Keimzellen sind, und weiter: daß diese Ge 
meinden mnsoZebendiger sind, je größer das Maß ihrer Auto 
nomie ist. Darum gilt es vor allem, die Zentralisie 
rung zurückzu drängen und sie auf das Technisch 
Administrative zu beschränken. Freilich, Dezentralisation 
den Kern von Gemeinschaften ist unwirklich und unwirksam. 
Nur wenn die Gemeinwesen aus den Gemeinden entstehen, 
konstituieren sich wirkliche Völker, dann allein ist auch ein 
wirklicher Völkerbund möglich. 
Töricht wäre es, nun irgend einen abstrakten Plan Zu er 
denken, nach dem man bei der Verwirklichung solchen Bundes 
zu verfahren hätte. Statthaft ist lediglich ein Handeln aus 
der unmittelbar vorliegenden Situation heraus, und nur der 
eine oder andere konkrete Hinweis auf den Weg kann ge 
geben werden. Gewarnt sei vor allein — mit diesen Worten 
wandte sich D?. Buber an die Jugend — vor jeder Flucht 
aus der Wirklichkeit. Es heißt aber fliehen, wenn 
man den Ort verläßt, an den man gestellt ist, und etiva auf 
kleine GemeinschaftZ-JnsM sich zurückzieht. Nein, auszuhar- 
ren gilt es bei den noch bestehenden Gemeinschaften des all 
gemeinen Lebens (der Familie, der Werkgemeinschaft, der 
Ortsgemeinschaft, der Glaubensgemeinschaft), in die man 
hineingeboren wird oder hineinwächst. Sie befinden sich heute 
alle in einer entscheidenden Krisis, und die Realität dieser 
Krisis heischt von dem Einzelnen, daß er sie erfahre und sich 
tätig in ihr ^verhalte. Flucht ist auch -eil: gewisser jugend 
licher Radikalismus, der dadurch, daß er nur ein un- 
biegsames, allzu prinzipielles Entweder-Oder kennt, die Pro 
blematik der konkreten gegenwärtigen Situation in Wahrheit 
überspringt. Gerade auf das verantwortliche Han 
deln in der jeweiligen Situation kommt es aber an; und 
zu sagen bleibt nur noch, daß das Verantwortungsbewußt 
sein dann allein ganz wirklich wird, wenn die Menschen auf 
Gott als die lebendige „Mitte" bezogen sind. 
Soweit die Ausführungen Dr. Bubers. Mögen sie im 
einzelnen manchen Widerspruch erwecken, so ist ihre Gesamt- 
intention doch gewiß unantastbar. Konkretes Ve r h al 
ten in konkreter Situation: das meint Zuletzt ein 
jedes Wort. Nicht ungestört sollte der Hinweis in den Krei 
sen der Jugend verhallen. Lr. 
Em GeschZfkspalM. 
Die kahlen Flächen rechts und links des Schumann 
theaters, die schon seit langem als störende Lücke empfunden 
wurden, sollen nun endlich bebaut werden Eine Industrie - 
Haus-Bauaktiengesellschaft (Technische Oberleitung: 
Baumeister Walter Fischer) hat sich aufgetcm, die hier einen 
Baukomplex schaffen will, der Unterkunft für Geschäftsräume, 
Bureaux und Umernelmungen der verschiedenste Art gewähren 
wird. Die Baumaterialien", mit denen sich das Konsortium recht 
zeitig eingedeckt hat, lagern bereits alle im Osthafen. Finanziert 
wird das ProM aus g e n o s s e n s ch a f L l i ch e r Basis. Das 
heißt, die Mietimereffenten tragen durch Uebernahme von Aktien 
einen Teil der Ausbaükosten. Diese Beteiligung an der Substanz 
hat unter anderem den Vorteil für sie, daß die von ihnen für zehn 
Jahre gemieteten Räume ohne weitere Kosten nach ihren be 
sonderen Wünschen ausgebaut werden können. Wegen der 
Schwierigkeit der Kapitalbeschaffung ist ihnen auch eins Bezahlung 
in Raten ermöglicht worden. 
Der erste Bauabschnitt ist der Neubau an der Taunus 
straße, der eine Frontlänge von rund 71 Metern hat. Er 
! umfaßt einschließlich des Erdgeschosses und des reu weise ausgebau 
ten Dachgeschosses acht Geschosse, die, nach denPlänen zu urteilen, 
wirtschaftlich aufs äußerste cmsgenutzr sind. Die Läden enthalten 
Galerie-Zwilchengeschosse, auch ein Cafe ist vorgesehen. Sämt 
liche Räume sind bereits vermietet. Das Gebäude, das als 
Eisenbetonrahmenbau hochgeführt wird, soll am 1 Oktober bezugs 
fertig sein. Nm die Bauarbeiter: in dem gewünschten Tempo zu 
fördern, werden ungefähr dreihundert A r b e i t e r.einge- 
stellt. Der zweite an der Karlstraße gelegene Bauabschnitt, 
der annähernd dieselbe Größe wie der erste hat, soll spätestens im 
Mai in Angriff genommen werden und am 1. Dezember beendet 
sein. Auch" hier sind die Räume schon fast alle vergeben. — Der 
dritte Bauabschnitt nach der Moselstraße Zu schließt sich 
unmittelbar an dem Zweiten cm. Man beabsichtigt ihn höher als! 
acht Geschosse Zu führen und seinen Hof durch einen niedrigen 
zweigeschossigen Garagenbau zu überdecken, der über fünfzig 
Einzelaaragen und Zwei geräumige Hallen umfassen soll. Me 
Durchführung dieses Sonderprojekts wird eine eigens gegründete 
Betriebsgesellschaft übernehmen. 
In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Errichtung des 
Riesenkomplexes sicherlich ein Gewinn für Frankfurt. Sie eröffnet 
dem Bauhandwerk vielfältige Arbeitsmöglichkeiten und schafft, 
was ebenso wesentlich ist, Räume für Firmen, die bisher notdürftig 
in der Innenstadt untergebracht waren. Man darf also hoffen, 
daß der Neubau auf dem Gebiet des Wohnungsmarktes eine gewisse 
Erleichterung bringt, da eine Anzahl jetzt noch durch Büros belegte 
Wohnungen wieder verfügbar wird. Ueber die Architektur 
läßt sich auf Grund flüchtigen Einblicks in die Pläne nur soviel 
sagen, daß sie sich in ziemlich konventionellen Gleisen Zu bewegen 
scheint. Bei der Bedeutung des Projekts für das Stadtbild halten 
wir es für drLngend geboten, daß dem Beirat zur Erhaltung 
der Eigenart des Stadtbildes Gelegenheit gegeben werde, Stellung 
zu ihm Zu nehmen. Lr.
        <pb n="11" />
        2.2. ) , 8 - 
Aus der Geschichte der ImMMler Zy^su. ! 
— In einer MitGliederversammlumig des Verbands nation-al-- 
beutscher Anden entwarf JustiMt M. Alexander Dietz -einige 
Bilder aus der Geschichte der Frankfurter Juden. 
Außer auf eigene Forschungen stützten sich seine Ausführungen, 
wie er gleich zu Beginn hervorhob, vor allem »auf die Arbeiten von 
Horovitz, Baerwald und Kracauer. 
Die erste Nachricht über das Vorhandensein der Juden in 
Frankfurt stammt aus dem Jahre 1074. Man hört erst wieder 
1241 von ihnen, in dem Jahre der ersten Judenschlacht, die zwei 
hundert Opfer gefordert haben soll. Im Jahre 1349, so melden 
die Quellen, wurden die Juden um zweiten Male aus Frankfurt 
vertrieben. Sie hatten bis dahin im Zentrum der Stadt, in der 
Gegend des heutigen Stadtarchivs, gewohnt. Bis 1360 fehlten 
sie fast völlig nur zwei Grabstätten sind aus jener Zeit vor 
handen. Auch in dem Jahrhundert von 1360 bis 1462 ist ihre 
Zahl seht" gering. Im Jahre 1416 gab es nur drei jüdische Haus« 
Haltungen, die allerdings eine recht zahlreiche Mitgliedschaft auf 
wiesen. 
Im Jahre 1462 erfolgte die Ueberfledlung der Juden ins 
Ghetto an der Stadtmauer. Ihre Verpflanzung in ein Le- 
sk^.^s Viertel batte zwei Seiten. Emmal wuroe sie als schwere 
geschäftliche Schädigung empfunden, Zum andern bot sie aber doch 
kw wMMchkeir Zu ungestörter Entwicklung und Ausdehnung. Von 
1462 bis 1614 stieg die Zahl der Häuser im Ghetto von 14 auf 
215, und die Zahl der Bewohner schwoll auf 2800 an. Sie hielt 
sich fortan ungefähr auf der Höhe von 3000, so daß jedes Haus 
zuletzt ungefähr 15 Bewohner faßte. 
Zunächst wurde die Juden gaffe auf der Nordist-Seite 
bebaut. Ihre Lage war gesundheitlich Zufriedenstellend, auch ge 
noß man nach Süden die Aussicht auf den Main und Sachsen 
Hausen. Schon gegen das Ende des 16° Jahrhunderts erre-Me 
freilich die Bebauung äußerste Dichtigkeit. Die begehrtesten Häuser 
lagen natürlich in der NäHe des Eingangs. —- Die Häuser wur 
den nach Tieren („Adler", „Hahn", „Strauß" usw.) und nach 
Pflanzen („Vuxbaum", „Birnbaum" usw.) genannt; auch andere 
Namen (wie z. B. „Kette", „Leiter") tauchten auf. Ihre Zu- 
sanmrensteüU'Ng verriet nicht selten Humor. So lag etwa neoen dem 
-Paradies" der „Apfel" und bei der „Traube" das „Goldene 
Faß", der ..Becher" und die „Flasche". 
Im allgemeinen waren die Gesundheilsverhält- 
n i in oer Gasse günstig, Dus mochte seinen Grund mit in 
der Mäßigkeit der Juden und der Innchaliung der rituellen 
Vorschriften haben. Schr bezeichnend, daß in den Pestjahren 1634 
bis 1636 ihre Sterblichkeit geringer als die der übrigen Bevölke-! 
WW war; Der M L der StM Frankfurt nahm übrigens den! 
Juden gegenüber -- weniger «aus Menschlichkeit wohl als aus 
SteuerrüMchLen — im großen und ganzen eine freundliche 
Haltung eim Das muß ihm hoch -angerechnet werden. Katho 
liken, die im 17. Jahrhundert Es JmAm einwanoerten und von 
ihm nicht sonderlich entgegenkommend behandelt wurden, führten 
darüber Klage. 
In ihrer Gaffe hatten die Juden eine eigene Verwaltung/ 
Zu deren Einrichtung sie der Rat selber im Jahre 1560 ermunterte. 
Dem Gericht stand der Oberrabbiner vor, auch ein besonderes Erb- 
mch Hypothetemecht wurde EgeLaust So entfaltete sich das 
Ghetto mehr und mehr zu einem kleinen Staat im,Staate. 
Die verbreitete Annahme, daß die Juden nur Schacher betrie 
ben, muß mit Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Sie konnten 
die ihnen verpfändeten Waren verkaufen und waren zumal im 
Tuchhandel Läüg. Am Ende des Mittelalters gab es sogar 
schon jüdische Handelsgesellschaften. Rege war auch 
der Handel mit neuen, von den Frankfurter Schneidern angefer 
tigten Kleidern. Die Bornheimer, Griesheimer usw. kamen gerne 
in die Gaffe und Leckten dort ihren Kleiderbedarf. In manchen 
anderen Erwerbszweigen noch errangen sich die Juden Geltung; 
so findet man sie als Viehhändler, Lederhändler. SeideuhäMer, 
und zumal im Getreidch^ kommen sie empor. Ihre Beteiligung. 
am Geld Handel darf nicht zu früh angesetzt werden; Zur Zeit- 
der Fugger gaben sich ihm nur ganz wenige Juden hin. Gegen - 
Ende des 15, Jahrhunderts zeigen sich übrigens auch Spuren 
öegmnender gewerblicher Tätigkeit; man hörr von FHrbern, 
Glasern, Goldschmieden, Metzgern, Honigkuchenmachern usw. Die 
großen Vermögen sammelten sich erst mit dem Ausgang des 17. 
Jahrhunderts an und überstiegen damals in seltenen Fällen die 
Ziffer von 300 000 Gulden. 
Die sozialen Unterschiede in der Gasse waren beinabe - 
größer als bei der christlichen Bevölkerung. Die Kanus- die 
Sterns, die Baers, Geschlechter, die auch mit Juwelen'h u- 
delten, standen an der Spitze. Sie hatten zahlreiche Dienerschaft 
und entfalteten einen fürstlichen Luxus. Gegen die Vorherrschaft 
der Kanus kam es zu zwei Aufständen. Der erste, der sich bis ins 
Fahr 1686 hinzog, wurde von Abraham zum Drachen entfesselt. 
Da die Stadt des Aufruhrs nicht Herr zu werden vermochte, 
übernahm eine kaiserliche Kommission das SchiedsckMeramO und 
entschied schließlch) zu Gunsten Abrahams. Aber die Kanus 
gingen trotzdem ungeschwächt aus dem Kampf hervor. Erst in den 
Jahren 1750 bis 17R gelang es den Kulps, ihre Macht errd- 
gWig zu brechen. 
Die Frankurter Juden stammen vorwiegend aus dem Rhein 
land (wohin sie von Frankreich her gekommen sein mögen), 
aus Hessen, Franken und Schwaben. Oestliche Einwanderung 
fehlt völlig, auch aus dem Elsaß findet sich merkwürdigerweise 
fast niemand, — Bon den christlichen Familien sind übrigens 
Mens fünf bis sechs seit dem Mitt-lalter in Franffutt ansWa, 
wahrend die ludljch'n zum überwiegenden Teil ihren Stamm 
baum 3ol&amp;gt; brs 4VS Jahre zurückverfolgen können. Lr. 
LZ) ,11. 
sThomas Manns okkulte Erlebnisse»! ThonMZ 
Mann hielt seinen Vortmg über okkulte Erlebnisse nun 
auch in Frankfurt, über den seinerzeit hier ausführlich beichtet 
wurde. Das Faktum ist: er bat einer MMstischen 
Sitzung v. Schrenck- NotzingZ beigewohni und dort mit 
eigen n Augen die Materialisation eines leuchtenden Unter ¬ 
armes und verschiedene telekinetische Phänomene beobachtet. Der 
Rechenschaftsbericht über Liese merkwürdige „untermenW 
Begebenheit gerät ihm zur anmutig minutiösen Erzählung, deren 
Handlung sich nach eigenen Stilgesetzen zu entwickeln scheint. Ver 
ziert mit ironischen Schnörkeln und von entzücken^ unsachlichen 
Reflexionen mannigfach durchbrochen, steigt das Abenteuer aus 
dem Alltag auf, ein wohlgebautes, sehr persönliches Abenteuer, 
das nach langwierigen Vorbereitungen und etlichen retardierenden 
Momenten endlich ins skurril Sonderbare voll einmündet. Die 
Trance des Mediums Willi, die einem GebärakL verglichen wird, 
das Schließen der Handkette die verkrampfte Unterhaltung und b'e 
monotone Melod'^ der Spieldose — jeder Umstand wird an seinem 
Ort verzeichnet, S^uplak und Figuranten treten scharf kontw» 
riett h^or. Da_, Lächerliche und Beschämende der Szene fällt ab, 
wenn fern v^y kontrollierten Medium das Taschentuch sich hebt, 
die Glocke läutet und eine Schreibmaschine anhebt Zu klappern- Ein 
Gefühl der Seekrankheit überschleicht den skeptischen Erzähler, aber 
da hilft nichts: die Existenz des „Scheusäkhen von hinter der 
Welt", das zum Glück zivilisiert genug ist, keinen ernsthaften 
Unfug anzurichten, kann füglich nicht geleugnet werden, Vernunft 
selber befiehlt anzuerkennen, was Vernunft eigentlich abweifen 
müßte. Erklären mögen die Sachverständigen, der Eindruck des 
Bewohners der „sittlichen Oberwelt" ist jedenfalls der, daß es sich 
hür um wenig würdevolle Gaukeleien des organischen 
Lebens handelt, die trüb und ästhetisch verletzend wie alle 
naturhaft elenrentarischen Manifestationen sind. — Das Publikum 
genoß dankbar die kunstreiche Schilderung, die den Zweifel nur 
Lilche, um ihn neu Zu erregen und in Leichter AoaÄske Zierlich 
verklang. kr. 
2. ? 2,. 
Das Innere Afrikas. 
— Dex bekannte Afrika forsche Leo FrobeniuZ hielt in 
dox Universität eiwm Lichtb'^ in dem ex einige Ergeb ¬ 
nisse seiner Forschungsreisen vor Augen führte. Da das I n n e r e' 
Afrrkas erst seit einem halben Jahrhundert erschlossen worden 
ist, stößt man dDrff wie er glelch eingangs erwähnt^ auf unbe 
rührte Verhältnisse und erhält Einblick in Kulturen, die sich 
seit Jahrtausenden unwandelbar fortgeerbt haben. Aus den vor 
geschichtlichen Urkuttmen, deren Struktur noch überall durchdringt, 
erwachsen verschiede sehr stabile historische Gebilde, deren Cha 
rakter je nach der Landschaft wechselt. Da ist zunächst dir 
Wüstenkultur, Z'e man etwa von Mgerren aus erreicht. 
Sie hat ganz das Gepräge des matriarHalffchrn NonLrd'sfNUs: 
die Frau ist Mittelpunkt, verrichtet aLe.ArbmLeU und gM der' 
Sippe den Namen. Der Vortragende Zeigte F-elsbilder, dch auf^- 
fällig an die des alten Aegypten erinnern. Neben anderem Tieren 
ist auf ihnen ein Widder dar gestellt, der offenbar veligöse Ver 
ehrung genoß und eine Vorstufe des Jupiter Ammon gewesen Au 
stin scheinst Die Bilder beweisen, daß in frühen Zeiten eine reiche 
Fauna die Landschaft bevölkerte und geben ein Rocht auf die 
Frage, ob diese ganze Kultur nicht von Westen nach Osten ge 
wandert sei. — Zum Unterschied von ihr ist die Steppen-' 
ku-ltur des Sudan durchaus patriarchEsch. In ihrer niederen 
Form gelangt sie zur Ausbildung burgartiger Gehöfte, die einsam, 
in der Steppe liegen und der Sippe als Unterkunft dienen. Die, 
Neger sind sehr fleißig bei der Feldarbeit und führen den ErLrM 
nach den Märkten ab. Eine viel höhere Kultur macht sich in den 
Städten geltend, die mitunter über 200 000 Bewohner zählen. 
Ausstattung der Wohnhäuser, HLuptlingsg^ Schnmckgerüte 
der vorzüglichsten Form: das alles konnte man in Bildern aus 
Tim buk tu" studieren. Auch die Grabhügel enthalten manche. 
Schätze, die wichtige Schlüsse auf die Gefanttstruktur dieser Kul^^ 
gestatten. Nach den neuesten Forschungen steht fest, daß sie ckA 
arabische Einflüsse nicht zuEckzuführen M — Die Waldkultur, 
im Süden entfaltet sich in völliger Abgeschlossenheit mitunter zu 
! erstaunlicher Höhe. Auf der Flucht vor Verfolgern zogest sich Zle 
Stämme in das Dickicht der UMalder zurück und legten hier ihre 
Siedlungen an. Wo nicht im Kampf mit dem M^lde nur das 
primitive PfahlhauZ gedacht, da erstehen behäbige Häuser, von 
seWbewußt blickenden Negern bewohnst Wie starr bei ihnen' 
das Schmuckbedürfnis isst beweisen die schönen Stoffe und Ge^ 
Me. M 'E, emem unverbildeM GchLMurMYew^m^ Zerrgen? 
Ausführlich gedachte der lebhaft bedankte Redner stets der Toten- 
silttn. wie er überhaupt nicht verabsäumte, auf die knEurwirkende 
ÄstHL deZ Religiösen nachdrücklich hiuZuwevstm Ln. 
2. -»v; k , IZ l I o 
. ; , -l'« 
I -7- sDie Offenbacher KwOHLwerbeschure^ Me von Pros. 
Hugo Eberhard t geleitete OffenLacher KunstgewerbeM-tte ^eigt 
zur" Zeit die Arbeiten einiger ibrer Fach klas se m ' SämMche 
Leistungen erfreuen dadurch, daß sie rmmMelbra aus dem Material 
hervorwachsen und in enger Fühlung mit der Praxis entstehen. 
Das verleiht ihnen einen frischen handwerklichen Zug und bewahrt 
.sie vor den Ausartungen abseitigen Kunsigswerbl-ertums. Schöne 
Erfolg zumal di- Klaffe für künstlerische Frauenarbeit ('Leite 
rin: Frst Steudel) Zu verzeichnen. Schon die Anfänger^nsn 
versuchen sich mit ihren Stickereien gleich am Stoff, und die FM» 
geschrittenen weben Teppiche aus alten LmnpM, häkeln Decken und 
verfertigen Bastarbeiten, die überall mit Ehren besehen können. 
GMeaene Ausführung vereint sich bei diesen Stücken mit einem 
geschulten Geschmack, der auf Mätzchen gerne verzichtet. Ein Lhm
        <pb n="12" />
        Zur Deier 
Der euro- 
Nüneben, 
;FLWuL. Von Dussen X ü bnemann. ü^eil 1: 
päisebs Oedanbe im vorbantiseben Denben. 
Osbar Deeb: X, 558 8. 
Das Lantbuvb Lübne manns, ein VeitrLss 
sebr rn Dnreebt ank Doetbe, 6er v^obi ssemuLt bat, varnm er. 
seine ^.nFebLWNss äer Natur viebt ant Lie Desebiebte sns-l 
Leb nie. Diese ver^ eissert sieb ans bier niebt, Lu er8rtsrnLen' 
Teil von nicht gewöhnlicher Begabung zeugen. Der Gesamtsindmck 
A der, daß in dex Schule ein gesunder Geist herrscht, den die un 
mittelbare Beziehung zum werktätigen Leben in Kraft erhält. — 
Eine Ausstellung der Buchbinder- und Lederarbeiten sowie des 
Buchdrucks wird in Kürze folgen. Lr. 
;Les Lv/eibundertiäbrissen Deburtstasses Lants (am L2. ^pril 
1S2I), bat Äob die ^ukZAbs ssesetZt, das WerL des venbers 
naobsobakiend Zu entkalten und unabbänssiss von der Lennl- 
ispraebe darZuLtellen. Der vorliessende erste ^eii bandelt 
noeb ssarniebt von Laut selber, sondern Zeiebnet die Lnt- 
vüeblunss des emoMiseben Denkens insoweit naeb, als es 
mittelbar oder unmittelbar den kritiseben Idealismus vor 
bereitet. Die breit ansselegten ^nal^stzn beben bei NokrateZ 
an, vür&amp;lt;llss6n einssebend die Platonisobe und die Lristotelisebs 
Debre und leiten naeb einer Lrörterunss der sseistesssesobiebt- 
lieben Ledeutunss des Dbristentums Zur Letraebtunss des 
modernen Denkens über, das ebenfalls in seinen Dauptver- 
körperunsssn bis Zu Dessinss und lderder vorssekübrt Ed. 
Deberall spürt man, LaL der Liossrapb am Werke ist, 
der die saeblieben Notive mit den personbaften verkliedt und 
Las Denkproblem stets in seiner besonderen konkreten Ds- 
staltunss erkaüt. Dieses mit labt sseübte Verkabren bat den 
Vorteil, daä es virssends Zu Ver-Ktzvaltissunssen Zusammen. 
bänAender Dedankenblidunssen kübrt; liesst aueb der Naeb- 
druek ant Jenen Denkmotiven, in denen sieb Lants koper- 
^nikanisebe Wendunss ankündisst, so treten doeb die ^bZv^ei- 
^ssunssen vom Dauptstranss niebt minder plastissb bervor, Üknd 
den metapb^siseben L^stemen von LpinoZa und DeibniZ ^ird 
durebaus ikr Reebt. Dreiliob, die varstellunss bleibt stets 
nur Darstellunss. 8is verZiebtet darauk, von einer eissenen 
kosMon aus in die sseLbrlieben Übeken und 820kFassen der 
Drobleme vorZustoLen, und sselansst darum aueb niebt Zu 
neuen Verknüpkunssen der bistoriseben venkerssebnisse. vis- 
ssr Nanssel an OrissinalitLt und Lrgkt der Durebdrinssunss ist, 
vumn man s» vüll, der Dreis, der kür die ssereebt ab^Lssende 
und immer lmebt binklieLende Lobilderunss der versebieden- 
^sten pbilosopbiseben Niebtunssen sseZablt ^ird. Da das Werk 
Len umkän^lioben 8toü klar und kessebid gestaltet, en^ki-eblt 
es sreb Ziimal als nbilosoxbi8ebes Daus- und Desebueb im 
.ssuten 8inne des Wortes. . Lr. 
licheS Bild bietet die Klaffe für Innenarchitektur (Leiter: F.. 
Holz). Zimmereinrichtungen werden von ihr entworfen, Möbel 
m Originalgröß e einzeln durch detailliert und dann genau und solide 
hergestE. Auch sind aparte Drechsler-arbeiten (Stehlampen, Leuch 
ter usw.) zu sehen, die dem Od-enwälder Drechslergewerbe Zu neuer 
Belebung dienen sollen. Die Graphikklaffe von L. Anders ver 
sorgt Susen-, Schnaps-. Taöakfabriken mit hübschen Packungen, 
entfaltet sich auf dem weiten Gebiet der Signets, übt sich im Holz 
schnitt und fertigt auch wohl Kataloge an. Prägnanz der SLili- 
fi^rung und Vereinfachung der Formen ist hier die Losung. Daß 
Wier der bewährten Leitung Rudolf Kochs treffliche Schriften 
entstehen, braucht kaum ausdrücklich vermerkt zu werden, und ein 
ausgezeichneter „Totentanz" beweist, mit welchem Erfolg BUd- 
hsusr Huösr die plastischen Fähigkeiten seiner Schüler entwickelt. 
In der Deksrationsklaffe M. Lhrolls schließlich findet man 
, 
zuletzt noch verderblicher als das seine ist, weil es eine Morali 
tät für sich in Anspruch nimmt, die es schon längst nicht mehr 
besitzt. Der Hochstapler als Anwalt der Moral und praktischer 
Gesellschaftskritiker: dieses Thema wird von Frank Heller immer 
wieder variiert uw mit so viel Ironie und Esprit durchgeführt, 
daß seine Romane den Vergleich mit denen von Anatole France 
nicht zu scheuen brauchen. 
Freilich: gerade ihres Esprits wegen sind diese Romane nicht 
cnwnilich zu verfilmen, obwohl sie durchaus der Sphäre des 
Ftlms zugehören Das Gewicht Liegt auf Sem Dialog, der nicht 
ins Bildhafte zu übertragen ist, entscheidend sind die Worte, die 
durch keine nur optische Impression ersetzt werden können. Den 
noch ist der Film „Die Finanzendes G r 0 ßherz 0 
ausgezeichnet gelungen; er illustriert Sen Roman erschöpfend 
und holt aus ihm Spannung und Situationskomik rn Fülle 
heraus. Hauptperson ist der von Harry Liedtke liebenswert 
verkörperte Großherzog, Besitzer einer winzigen Insel irgendwo 
im Mittclmeer und riesengroßer Schulden. Rettung aus seinen 
Nöten winkt ihm nur, wenn die schöne und temperamentvolle 
Großfürstin Olga (Mady Christians) ihrem großfürstlichen 
Bruder (R. Scholz) entkommen kann, der sich d-er Fliehenden 
an die Fersen heftet, um ihre Vereinigung mit dem Herzog zu 
verhindern.__Dessen Feind aber, ein gar schllMner Geselle 
--- Die Fmanzen des GrsAerzsgs, Me Fabel beS w. den 
N.-T. - Lichtspielen vorMührren Films rst einem lener 
geistreichen Romane Frank Hellers entnommen, in denen 
Herr Philipp Collim alias Professor Pelotard. seine mehr ols 
Zweifelhafte Rolle spielt. Herr Collin iA werm man sich un 
höflich, ja plump auszudrücken beliebt ein Hochstapler, ein 
Mann also, der sein gesellschaftliches Ansehen dazu benutzt, um 
mitunter Linge zu tun, die den Begriffen der Gesellschaft von 
Anstand und Moral nicht eben entsprechen. Verurteile ihn, 
wer mag! Selbst wenn er seine delikaten Transaktionen weniger 
anmutig verrichtete, bliebe er Wohl doch entschuldbar, denn das 
Besondere in seinem Falle ist dies: daß die Gesellschaft, in der 
er seiner gefährlichen Tätigkeit obliegt, genau so hochstapelt wie 
er selber. Er betrügt nur den Betrüger und entlarvt durch 
DreWruckenfrage. 
Der Rat für künstlerisch« Angelegenheiten 
hat vor einigen Tagen das folgende SKrmbrn an den MaWrat 
gerichtet: - -Der Bund deutscher Architekten und die Ärmik- 
furter Architekten- und Knqenieurvereine sind an unZ nnt 
oer Bitte bomnaetreten beim Magistrat den Antrag M 
stellen, daß die jetz' vorliegenden Projekte zum Nmvau 
bc-r alten M-ainbrncke den interess'erten Kreisen m einer Aus 
stellung zugänglich geneacht werden Mögen. In gw^r WE 
haben wir ouch Herrn Archttekkon Höherer er'Myt, M» ProM 
unseren Vcr^aueusleuten zu unterbrechen. Lvrr «schien ,chr 
b tten, diese Ausstellung veranchssen zu wollen uuü, uns Naeyrrcht 
z-n geben, wann und wo dieselbe stattfinden wird," 
Es wär» zu wünscben, daß der Magistrat zu d^er AuZdeVuna 
seine Einwilligung gäbe Die Kreise der SachverAr^ er- 
besten dadurch Gelegenheit, das RroM der nnt S'nnditern 
verkleideten Brücke, das jetrt ausgefiihrt werden soll, m t dem neuen 
Heberschen Projekt der Betonbrücke zu.vergleichen und tue 
östketifchen und praktischen Vorzug- beider--Entwürfe gegeuemander 
abzuwtiöm. Wir me-nen, daß in dieser wrcht-.gen Frage, mchrs 
verabsäumt werden dürste, was zu einer b-Medigenven Losung zu 
führen vermag. - . 
jllrünäen PiinLixieil einer zeLen Letraebtunsss^ise, Ms Len 
Linearen bistoriLoben LnsammenNLNA aus einem „Drxbäno- 
men", einem vorssekaLten krinLix beiLnZ abLnIeiten uM LU 
verLtoben ^väbnt; man ent^irLIiebt nnL verssewaitisst sie nur, 
v^enn man idren Ablaut Lerssestalt Zu Lsbematisiersn trsebtet. 
brasst man aber ssar, v^ie LlnoblH es tnt, ein ssans lor- 
LLles, viel Zu neitssesPanntes LonZtru^tionsssSiUsse an sie 
beran, so entssleitet Las meiste Znüsenen Len Naseben, unL 
^ss bleibt ein absseblLÜtes ^emLILe, Lein Lie ebaru^teristiLeben 
-Lüsse Lurebaus lebien. Nit so allsstzmeinen Latsssorien v^is 
flMLebt^iiltz" unä „LrlvsunsssLranss" lLLt sieb nun einmul ssS» 
sebiobtliebes Dsben niebt erkassen, ssanr Lbsseseben Lavon, 
ÄLÜ Lolebe LLbniLrisierten Psvebolossisenen Lessrikke (nie nutür- 
ibeb aueb Lie sebon an sieb böobst Lrass^ürLiZen LossrÄS 
.„Lultur" unä „Livilisation") als LtilisierunssSPrinZipien ssersLs 
küer Mäiseben Ossebiebts völlig versessen nnL MüverstLnL- 
Nisse um UiLverstLuLnisss (et^L Lei Leäeutunss Lsras, Les 
Linnes äer Dsalmen usn.) berbeikübron müsse, (^esobients- 
Kvntbesen Lieser ^rt sinä nur Lie „Ziessesalleen" Les Listy- 
»rismus , sie bilden, voll sie einer LbstiLbl^unvLrMeben Lin- 
rstellunss Lem bistoriseben Werden ssesssnüber entstammen, 
^AeLisslieb die Rubenseity der xesebiebtlioben LusammenbLnsse 
; ab und verbebren darum stets den Nebeln Zum Wesen. Dies 
' Zum mindesten sollte msn LllmLnliob einseben lernen und, 
»Lntbaltsambtzit üben, vwnn positives noeb niobt geleistet 
werden bann. Lr. 
Ver «vl8« «sr- MSI^E MN« FE 
AMGrLMLLMÄ- Von Nr 1Hdxieb UuoL1 e. W^o,i 
Rikola-Vsriass. XU, 659 Leiten. , . ! 
Das Lear innkÄrrgreieds Work, dem ooed arm veUero 
LL^äs übe? Ais elesebieMs des ^dendiaodes wissen sollen,- 
Wollt «ins DesebiebtLderraobwnss im Kinne OoetkesLU 
sseben, d. b. es bessreikt das ssssehiebtUebe Deben dm- fronen 
Lullen, DememsedLkten nnä NnLelmenseben als 
b^nssen immer des ssleiebsn IlrPnänomenZ: eine« nie rast end ew 
WoellselsPiels von NaelltMillen r^d Dridsmrsssdi'AOss. In 
seinen enwodeiäensten teilen vor dem Drsebemen der 8pen§^ 
iemoben DnterssLNW-DropbeUe nieäerssosebrieben, nntersebei- 
det «lob äns 8neb von der XonLenüon Kpensslers vorteiNmkt 
Zumal dadmoll, daL es dis Xultnrsn niebt mir euklidrsollsr- 
ULrte von einanäer abt,rennt, sonäern in Liier DMvdQkwiiZ^ 
dÄWblbs „DipbAnomsn" bEtisst ünäet, ^nä lerne? einen; 
rsiissiüser ^rivbLräkte baren NatallsM« ablsbnt, äer eine Dr-, 
nenernnss der Xnlinr nneb ibrem Linmündeü in Ais Dllas^ 
6er LivIUZAtion Mr nnmUMeb erbMr^ ^ns dem Dniodsss-- 
danken erssidA elob da? Lo^troktionssellemer eine „Neiden- 
Zeit" der züSisoben .AnUnr" virä an Ais LMZe sseZteUt, -es. 
Misst nenn idrer ^nWmmss Ane ^eitaMr der Dropbet.en, äemj 
gieb die. LeitFMNne von DZeebiei bis Zn Dsra und Xebemia^ 
cier Lvstomatik Zuliebe als Nnoebe der „Civilisation" ansslis-^ 
Lern mn6; aas ibrem Neboks IBM dann Naekis na ob einer 
sseniWen VorbereitnnssZLeit Ais nene „Nuitnr": das Ollristen-- 
tnm erst eben, ALS nsob Ibm mit Asm ^nktreten des MLnkeMr 
c-insetZt. ^ls 'vesentlmbZteZ Kerbmai der ssemäg Asm ,,IIr-; 
MZnomen" sieb entkaltenden jüdisellsn 8es1o ssiit üim hier-! 
bei deren -sseraäeZn imperiallstiseller, Ueilieb starb versseistiss- 
te? Naebt^ilie, d-er in dem Obao« dieser Leeis ebenso tiek' 
ewvw.rLio vis äae ant 6ie Ver^irbiiebniU äes messiaviseben^ 
Deiebes sseriebtets DrDLnüMbeäürkniK. 8ebiisLIieb Ltslitz 
' Nuebls eine nabe VervAnAwennft Z^lseben äer Füälseben 
nnä 6er abenAiLnAbeben Xnitnr lest, rn Leren Lessrünänvss 
er anLnMbren veiA, äaL ssne beiäen einsnäer erssLnZenäen 
polaren Drnn6.8trebvnssen nnob in Ler abenälLnZiseben Aesls 
von nnssemeMer NLebÄssbeit eeien. — Das niebt umsonst Xarl 
D a m p r eebt sse vnämets Du ob, ein XLebZüssl er -Ser xroLen 
^
        <pb n="13" />
        Küs 
rLo. 
auch trage. Hegt er Zweifel an der Haltbarkeit ihrer Konstruktion 
WWs Is«M. 
In der Vereinig ung für 0 rienta 5 rscheSpra - 
chen plauderte am Dienstag Dr. Lüring, ein genauer Kenner 
malayffcher Verhältnisse, über einige der wichtigsten T i e r e 
Hinrerindiens. Er begann mir dem Tiger, der bei der 
Bevölkerung in dem Rufe der schwarzen Kunst steht. Der Malaye 
Klaubt nämlich, daß manche Tiger, die des Nachts auf Raub aus 
ziehen und Schlafende Überfällen, Menschen sind, denen die Fähig 
keit innewohnt, sich durch einen Zaubertrank in ein Raubtier zu 
verwandeln. Wie jeder Aberglauve, zieht auch dieser aus allen 
möglichen Beobachtungen seine Nahrung Es wird etwa ein Tiger 
angriff abgeschlagen und die Bestie hierbei gehörig gekennzeichnet. 
Am nächsten Morgen kommt vielleicht, wenn der Zufall es will, 
der Nachbar nicht zum Vorschein, oder trägt, weil er sich verletzt 
hat, den Arm in der Schlinge. Der ungezwungene Schluß hieraus 
ist der, daß er der Tiger war. Furchtbare Strafe harrt seiner: er 
wird erstochen oder eingepfählr. Um seinem grausamen Geschick zu 
Die Brückenfrage. Auf das im Stadt-Blatt vom 16. Februar ! 
veröffentlichte Schreiben des Rates für künstlerische An- ! 
gelegenh e i t en an den Magistrat, in dem um eine Ausstellung 
der vorliegenden Brückenprojek^ nachgesucht wurde, ist jetzt, wie 
wir erfahren, eine in der Hauptsache zu stimm ende Antwort 
erfolgt. Der Magistrat teilt dem Rate mit, daß es auch in 
der Absicht der Brückenbau-Kommission liege, die Pläne und das 
Modell des offiziell genehmigten Projektes für den Umbau der 
alten Mainbrücke der Öffentlichkeit nochmals zu 
gänglich zu machen. Zeit und Ort der Ausstellung werde noch j 
bekannt gegeben. 
umer 
Umständen vrerzig bis fünfzig Tiere eingebracht werden, die aber 
zumeist sterben. Man zieht darum neuerdings vor. bereits 
abgerichtete Elefanten aus Indien Zu kaufen. 
Weiterhin gedachte Dr. Lüring noch des Tapirs, von dem 
un Senckenberg ein wunderbares Exemplar zu sehen ist. Der 
Tapir rst völlig harmlos, nur richtet er in den Plantagen großen 
Schaden an. Eme schöne Varietät ist der Schabrackenträ "'er, der 
eine Sattelzeichnung auf dem Rücken hat.— Zu den Dickhäutern 
gehört auch das Schwein. Den mohammedanischen Malayen 
grlr es als unreines Tier. Da es von ihnen nicht verzehrt wird, 
vermehrt es sich stark und dient dem Tiger als Nahrung, der so 
gleichsam mittelbar Schutz genießt. 
Zu den seltenen Tiercn gehört die Bergzi eg e, auf die man 
zuerst aufmerksam wurde, als man in den Bvrratssäcken der 
Zauberer einige Hörner fand, deren Herkunft man nicht kannte. 
Auch eme Varietät der Seekühe findet sich in der Gegend von 
Smgapore. Das Tier hat anderthalb Meter Länge und gleicht 
im übrigen nicht im mindesten einer Kuh. Seine Schnauze ist 
seehundartig, sein Fell braun. Es ähnelt den Robben umsomehr, 
als seine Hinteren Gliedmaßen flosienariig ausgebildet sind. Aus 
den Augen scheidet es eine Flüssigkeit aus, die der Malaye 
„^.ranenöl" nennt und als Liebestrank verwendet. Lr. 
so ist er nicht über sie zu bringen. Gelegentlich werden Elefanten 
rn Hinterindien gefangen. Die Malayensurften Veranstalter: mit 
Hrlfe, ihrer Zwergvolk-Untertanen Treibjagden, bei denen 
, l8u Holzapfels Panideal^ Im Anschluß an den Ar 
' tikel Dr. Siegfried KracauerZ über Holzapftls „Panideal" bringen 
- wir e'ne Aeußerung Klabunds, um unseren Lesern Zu Zeigen, 
daß nicht nur der philosophische Kritiker, sondern auch ein Dichter 
diesem utopischen Kultur-Jdealrsnms fern stehen muß: 
„Der Grundfehler in der Konstruktion des Panideals siegt 
darin, daß es wie das ganze 19. Jahrhundert von einem rein 
rationellen Begriff der Kultur ausgeht. Darwin war sein Pater, 
bis Chemie seine Mutter und der arme Nietzsche hat Lei ihm Pate 
stchen muffen. M. w-, wie der Berliner sa.gt: machen wir! Aber 
eine Kultur wird nicht gemacht, sie wächst, sie wird. Um sie sich 
klar Zu wachsn, machen die Nach-geborenen sich ein „Bild" von 
ihr, sie definieren sie, sie benennen sie „die Antike", „die 
Renaissance", wie man einen Apfel „Borsdorfer Apftl" 
oder einen Holzapfel Holzapfel nennt, um ihn Zu be ¬ 
greifen und von anderen Acpfeln zu unterscheiden. Aber so wenig 
man einen Borsdorfer Apfel erschaffen kann, so weni.a kann man 
„die Antike", „die Renaissance" künstlich, wissenschaftlich hervor» 
bringen. Eine Kultur steigt wie eine Zeder ins Licht. Ein Fakir 
kann seinem Publikum wohl das Wachstum dieser Zeder „vor 
machen", aber er kann sie nicht wachsen lassen. Daß das Panideal 
Genies Züchten will,, das ist nicht nur ein in der chemischen Reiste 
aus geborener, unmöglicher Gedanke: er ist auch Llasvbemisch, 
denn der Mensch vermißt sich hier einer Tat, die nur Gott run 
kann- Warum geht das Panidoal nicht noch einen Schütt weiter, 
der nur konsequent wäre: warum betreibt es nicht die chemische 
Auflösung d"s Menschen in seine Bestandteile, um aus den Ele 
menten den schlechthin vollkommenen Menschen, den neuen Men 
schen den borno novn5, den weisen Menschen, den korno sapiens 
selbstherrlich, sslbstgöM-ch Zu schaffend Warum Lei der Kultur erst 
anfangend Warum nicht aufs Ei zurückgehen? Der Gedanke, 
Genies berd-nwü-e anstuziehen, ist abw auch ein fürchterlicher Ge 
danke. Die Welt hält sich die Wage ja nur durch das G-setz der 
Nolarität: Mann und Weib, Tag und Nacht, Tod und Leben, 
Gott und Teufel halten sie in der Schwebe. Ein Haufen Genres 
ergäbe «ein UeLsrqewrcht, das sie unfeKlbar in eine luciferische Tiefe 
reißen würde Es gibt ein simples Buch von Hamsun- das heißt 
Van. Dem Holzavfelschen Panideal. möchte ich das Hamsunsche - 
Pan-Jd&amp;lt;al gegenüberst-ellen: ein Mensch, der, wie Gott ihn er-! 
schaffen,, neben und mit Blume, Stern, Tier auf der Erde lebt»! 
Ein Menfch^dem^ir Nabelschnur, die ihn mit dex Mutter Natur 
verbindet, noch nichr gerissen ist. Ein Mensch, der nicht in emer 
Schule d^r Weisheit aufgezogen und mit geistigem Hochmut stinkend 
ungefüllt rst. Ein Mensch, der natürlich geworden ist und natürlich 
wird. Ein Mensch, der Gott nicht überMden und die Schöpfung 
nicht korrigieren will wie ein Lehrer in der Klippschule den dum 
men Schüler. Kein Genie in Anführungsstrichen. Ein einfacher, 
von Gott und der Welt erfüllter Mensch. Ein Mensch, der liebt. 
— Klab und." 
entgehen, entflieht er wohl in den Urwald und wird nicht wieder 
gesehen. In Sumatra lebt ein primitiver Bolksstamm, dessen An 
gehörige noch alle für Menswenriger gelten, vermutlich deshalb, 
weil dort bis vor kurzem die Menschenfresserei im Scbwunae war. 
Es g?bt auf der malayischen Halbinsel außerordentlich viel Tiger; 
sie sind sehr fruchtbar und überall hört man ihre Stimme 
Viel gefährlicher als der im Grunde feige Tiger ist der Leo 
pard oder Panther. Besonders häufig kommt derschwarZe 
Panther vor, ein elegantes, schleichendes Tier, das unheimlich 
wirkt, weil es seiner Farbe wegen nahezu unsichtbar ist. Der Scha 
den, den es stiftet, ist ungeheuer. Es beißt den Tieren die Kehle 
durch und faugr ihnen dann das Blut aus; das Fleisch Läßt es 
zumeist liegen. 
Eine besonders launige Charakteristik entwarf der Vortragende 
von dem Elefanten. Recht zu trauen ist diesem Dickhäuter 
auch in gezähmtem Zustande nicht. Zwar nimmt er die Mißhand 
lungen, die er durch seinen Führer erleidet, ruhig an, aber er be 
wahrt sie alle in seinem Gedächtnis auf, und wenn das Matz voll 
ist, trampelt er den Führer einfach nieder. Die Urwälder bergen 
noch viele Elefanten, vorausgesetzt, daß die Kultur sie nicht zurück 
getrieben hat. Der abgeriästete Elefant führt die erstaunlichsten 
Leistungen aus. Mir seinen gewaltigen Hauern hebt er Balken 
empor und schichtet sie — kein indischer Arbeiter vermöchte es 
besser — zu regelmäßigen Haufen an. Auch bei Feldzügen durch 
den Urwald m cht er sich nützlich, indem er Kanonen Zieht und 
Versckanzungen baut. Schließlich verwendet man ihn als Reit 
tier oder läßt ihn Gold- und Silbererze durch den Urwald.trans- 
portieren. Der Führer spricht mit ihm eine besondere Sprache, 
die jedenfalls nicht die malayische ist, oder vortrefflich von ihm 
Verstanden wird. Kein Elefant kann dazu bewogen werden, eine 
drücke zu passiven, ohne vorher ausprsWrt zrr haben, ob sie ihn 
(H. Vallent i n) entfesselt zu allem Unglück mff der Insel noch 
eine Revolution, die das kostbare Leben des gekrönten Hauptes 
und Schuldners unmittelbar bedroht. Wer vermöchte Hilfe Zu 
bringen wenn nicht Herr Collie 3.03.5 Professor Pelotard? 
Alfred Abel spielt ihn so geistvoll und scharmant, daß man 
sich ohne Zaudern eingestehen muß, H^rr Collin sei das gute 
Prinzip in unserer verlotterten Welt. Er erledigt den schmieri 
gen Wucherer (Guido . HerZ selb), entführt die Groß 
fürstin listig ihrem brüderlichen Bedränger, befreit den Groß- 
Herzog aus den Klauen des Gauners und ermöglicht am 
Ende 'die Ehe der gefürsteten Gönner. Daß er aus ihren 
Schwierigkeiten beiläufig einen nicht geringen privaten Nutzen 
zieht — ist jemand, der ihm das verargen wollte? — Der Reiz 
der für den Film geschickt bearbeiteten Handlung wird noch er- 
hrht durch die herrlichen Naturaufnahmen von der dalmatinischen 
Der Schrei um Hilfe. 
— Frankfurt, 21. Februar. 
Der Schweizer Dichter und Schriftsteller Mbert Tal- 
hoff, der in seiner Heimat von der deutschen Not berich 
ten will, hielt heute abend seinen von uns bereits angekürüng- 
ten Vortrag über die Erfahrungen, die er im Lause der letzten 
Ich« in ÄeutschlMd gesammelt iMt- Eine Reihe von Licht 
bildern, ausgenommen von einer Amerikanerin, die das Elend 
hier überwältiate begleitete seine Darlegungen, und führte bei-! 
«ahe eine beredtere Sprache als das Wort selber. 
Man sah die Scharen derer, die sich vor dem Obdachlosenasyl 
Berlin drängen und auf dem nackten Boden dort Unterkunft 
finden- Nahm das Asyl vor dem Krieg und noch bis zum ^ahre 
1916 460 bis 600 Menschen auf, so nächtigen heute 5060 bis 6000 
WohnungsLose in ihm. Man iah weiterhin entkräftete Mütter, dre 
ibre Kinder nicht mehr zu nähren vermögen, sah Angehörige oes 
Mittelstandes, die ein Stück ihres Besitzes nach dem anderen ver- 
kausen, bis sie schließlich vor dem Nichts stehen. Kinderreiche 
Familien, in Baracken Zusammengepfercht, verschämte Arme, dre 
gierig nach dem Futternapf greifen, trauriges Hinexistieren in 
Stuben ohne Hausrat: das alles wurde im Bilde gezeigt Zumal 
Las Kind erel end sprach zum Beschauer. Tuberkulose und 
skrofulöse Erkrankungen unterbinden — die Photographien be 
zeugen es drastisch — das normale Wachstum nicht nur 'n den 
Großstädten, sondern auch auf dem Lande. Auch die Statistik 
kündet dnvon; erfäbrt man doch, daß ein Berliner Waisenknabe 
im Durchschnitt fünf Kilogramm leichter und sieben Zentimeter 
kleiner als ein gleichaltriger Wiener Waisenknabe ist. Am möcht- 
barsten vielleicht gestaltet sich das Schicksal der Säuglinge. Die 
Zahl der Totgeburten ist §ewaltig gestiegen und neuerdings hat 
Man gar, um nur ein Beispiel von vielen Zu nennen, in der Bei? 
Nner Charite beobachtet, daß Säuglinge wegen Unterernährung 
blind zur Welt kommen. 
Bei alledem handelt eS sich, wie Talhoff ausdrücklich bemerkte, 
keineswegs um Ausnahmen, sondern um typische Fälle. Er 
stellte sie so ungeschminkt dar, wie sie in Wirklichkeit sind, und 
wies stets darauf hin, daß die leibliche Bedürftigkeit eine „Seuche 
der Seele" erzeuge, die schlimmer noch als das physische Elend sei. 
Sowohl an Deutschland wie an das Ausland richtete er seine 
Mahnungen. Den Deutschen legte er nahe, über dem Parteikampf 
nicht die Nation und üö^r dem Hader der Konfessionen nicht das 
Christentum Zu vergessen. Auch wandle er sich gegen die Prassen-
        <pb n="14" />
        geleugnet werden. 
den und Schieber, die Unwissenden und Unberührten im eigenen 
Lande, denen die Augen geöffnet werben müßten. Das Aus 
land forderte er-auf, sich solidarisch mit dem deutschen 
Volk zu fühlen, durch dessen Leiden G mitgetroffen werde, und 
die Deutschen nich' nach jenen ungezügelten Elementen M beur 
teilen, die in den Kurorten ihr Wesen treiben. 
Zum Schlüsse erbrachte Talhsff statistische Belege dafür, 
Laß durch den Fortfall der ReichsZuschüsse eine große An 
zahl sozialer Anstalten und Krankenhäuser mit dem Unter 
gang bedroht sei, was die Dringlichkeit der Hilfeleistung noch 
vermehre. Ohne daß er den Ernst der Situation den Zuhörern 
je verhehlte, waren seine Worte doch von einem unerschütter 
lichen Glauben an die Genesung Deutschlands getragen. 
I &amp;gt; Sie MmverasWluggen vou 
Z „Anst mtz Zagend-. 
Werm d« DereiniMng „Kunst und Jugend" in den 
Wachsten Tagen mit eigenen FNm&amp;gt;emnstaltungen h-waus tritt, 
so setzt ste nur den Weg fort, den sie schon geraume Zeit hin 
durch beschreitet. StM durchdrungen von dem Bewußtsein, 
daß dem Film eine außerordentlich HHe pädagogische Bedeu 
tung ZukoMM, hat sie nämlich bereits seit anderthalb Fahren 
in Verbindung mit dem R-at für künstlerische Angelegenheiten 
eine Filmstelle einFerichtetMer bis vor kurzem An wesent 
lichen kritische Aufgaben Magern Man suchte sich einen Ueber- 
Mck über die Filmproduktion zu verschaffen, und führte, unter 
stützt von dem Polizeipräsidium, einen Ordnungsdierch ein, der 
dafür zu sorgen hatte, baß Jugendliche unter 18 Jahren den 
Kinovorstellungen -auch wirklich fernblieben. Ferner übte man 
Zusammen mit dem damals noch im Frankfurter Poligei-Präst- 
dium tätigen Herw v. Treskow eine wirksame Zensur der 
Reklame und der Filmstreifen Ms. . 
Der Gedanke, die Kritik durch positive Leisirmgen zu er 
gänzen, lag nahe. Zunächst beschränkte man sich darauf, die 
JlMMich-en auf empfehlenswerte Veranstaltungen in den 
hiesigen KinoLlMtern aufmerksam Zu machen. Dieser Weg 
erwies sich aber auf die Dauer als ungangbar, da den Vorfüh 
rungen meist ein Beiprogramm Zugesellt war, das sich gerade 
für jugendliche Besucher nicht recht eignen wollte. So ent 
schloß man sich denn dazu, ein besonderes Filmprogramm zu- 
sammenzustellen und die Darbietungen in eigener Regie Zu 
übernehmen. 
Regierungspräsident Hanisch und die Herren SLadtraL 
Meckbach und Schulrat Göbel von der Schuldeputation 
haben den Veranstaltungen erfreulicherweise jede Unter 
stützung Zugesiche t. Wesentlich ist vor allem, daß sie die Vor 
führung der Filme' wähnend der Schulzeit genehmigt 
habem da sie doch mit Recht von der Auffassung ausgehend daß 
die Filme als wichtiges Hilfsmittel für den Unterricht Zu be- 
traMen seien. 
Leiter der neuen FilmMellung „Kunst und Jugend" ist 
der um die Jugendfürsorgr verdiente Herr Frsnemanm 
Er hat sich mit dem Zoologischen Garten zusammengetan und 
gedenkt als'ersten Film den amerikanischen Groß film: „Mit 
Auto und Kamera unter afrikanischem Großwild" M Zeigend 
Glückt das Experiment, so sollen weitere naturwissenschaftliche 
Filme folgen; in Aussicht genmnm'w sind der bekannte 
Derghtsche Vogelfilm und die beiden Expeditionsfilme: „Mit 
Rasmuffen nach dem Nordpol" und „Die Expedition des Her 
zogs von Schweden durch den Kongo". Nicht ohne Interesse 
ist, dch von mehreren Seiten auch die AufAhrung des Filmes 
idericus Rex" gewünscht wird. Wir glauben indessen, daß 
dieser Film unbeschadet seines ästhetischen Wertes nicht auf 
das Programm gehört, da er vorwiegend politische Demon 
strationen ausgelöst hat. Sehr Zu begrüßen dagegen wäre die 
ebenfalls geplante. Nebs nahMe von Filmen der Denlig-Film- 
tzesellschaft, die das Gebiet der Heimats- und Altertumskunde 
pflegt. Ihn Filmte mcchen mit den alten deutschen Städten 
vertmut, und wie sie Würzlnna und Hildesheim lieben lehrm 
oder einem malerischen Winkel in irgend einem chemi 
schen Neste, das Innere eines abseits gelegenen Schlöß 
chens vor Äugen Zaubern, ss mögen sie auch das 
jugendliche Gemüt für die Reize der deutschen Landschaft ge 
winnen und überhaupt die Sinne, die sich dem Gewohnten 
gerne verschließen, vor frübzeitiger Mstump^ung bewähren. 
Nicht verabsäumt sei in diesem Zusammenhang der Hinweis 
«auf die von Dr. Derger inszenierten Märchenfilme der Ufa; 
das kürzlich in Frankfurt gezeiate Filmwerk „Der verlorene 
Schuh", hält den Mörckenton sehr rein inne und empfiehlt 
sich gerade einem jugendlichen Publikum. 
Eine Reihe von Kinothoate n ist für die Vorführungen 
gewonnen worden. Die Darbietungen finden vor allem im 
großen Saal des VoUsbildunasheimeZ und im Schirmann- 
theater statt; auch die Neue Lichtbuhne in der VilbÄerstvahe 
und eine Reihe von Kinos an der Peripherie (so in Nieder md 
und Sbegrad) räumen ibre Säle ein. Von den 25 000 Plätzen, 
die im ganzen Zur Verfügung stehen, haben sich die Schulen 
5!^ MehrZM für die nächste Vorstellung gesichert. 
Die Klaffen kommen geschloffen hin; der sie begleitende Lehrer 
genießt natürlich freien Eintritt. Da die ^dt Steuerftei- 
--- MuSsteRmrg der Fraukfurtsr BthliopSiteu-GeseA. 
schaff In den Erdgeschoßrüunren des Frankfurter KunstgewerSe- &amp;gt; 
Museums wurde &amp;lt;M Sonntag eine von der Frankfurter Biblio- &amp;gt; 
Mlen-Gesellschaft vevanstaltete Ausstellung: „Drucks be ¬ 
rühmter Offizinen von Aldus Manutius bis Bodoni 
eröffnet, die bis auf wenige Ausnahmen den Büchereien der Mit- 
gl'eder entstammt. Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden Paul 
Hirsch hielt Herr Moritz Sond heim eine fesselnde Ansprache, 
in der er das Thema der Ausstellung kurz umriß. Einer ihrer 
Hauptreize, so hob er hervor, besteht unstreitig darin, daß ste 
keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit macht, sondern du-ch 
die in ihr getroffene Auswahl zeigen möchte, wie sich moderne Bib 
liophilen zu den verschiedenen Pressen einstellen. Die Drucker, deren 
Werke vorgesührt werden, gehören dein Zeitraum von 1500 bis nach 
1M0 am. Es handelt sich bei ihnen im wesentlichen um große 
mm Teil weitverzweigte Familien, die in einzelnen Fällen Jahr 
hunderte lang blühen. Der älteste und vornehmste Drucker ist 
Aldus MarMuL M BeMdig« M AMÄV» der M drM' dtz 
heit gewährt, können die zur Deckung der Selbstko^n erhöbe- i 
neu Eintrittsgelder niedrig geboten werden. Sie betragen &amp;gt; 
des Vormittags 40 Pfennig und 50 Pfennig am Nachmittag. 
Gleich der St^dt beze'gen übrigens auch die Filmgesellschaf 
ten ein verständnisvolles Entaegenko-mmen, haben sie sich doch 
Zum Teil bereit e klärt, die Gebühren auf den zebn-en Teil 
des Or'ginalpreises herabzusetzen. Eine weitere Vechilliaung 
soll dadurch erreicht werden, daß m^n mit den ai'sländischen 
Gesellschaften (den schwedischen Z. Vst in direkte Verbindung 
tritt. Geht alles nach Wunsch, so bofft man auch Wohl 
fahrtsvorstellungen, etwa für erwerbslose Jugend 
liche. vemnstalten Zu können. 
Scbon in der Vorbereitung eit hat sich alle^wärts ein leb 
haftes Mtereffs für das neue Unternehmen gehegt. Aus Ok^n- 
bach, Düsseldorst Nürnberg usw., snrd Anfragen einget offen, 
die Auskunft über die Einrichtung der Filmabteilnna begehren. 
Und die Regierunasbebörden mit dem KultusnnnisiMUm an 
«s Justspiel-Pstpomri. In der Neu e n Li chtbühne be 
herrscht Amerika das Feld, beherrscht es ss völlig, daß man 
vor lauter Groteskhumor Zuletzt ganz wirblig wird und dem Hu 
mor verliert. Sämtliche amerikanischen Lieblinge ringen um die 
Palme: Harry Sweet produziert sich als Schutzmann, Harald 
Lloyd gerät unter die Einbrecher. Larry Semon setzt sich 
tändelnd mit den Apachen auseinander, Fix und Fox. die zu 
fixen verschmähen, begnügen sich "mit Faxen, Fattys unge 
heure Leiblrchkeit durchwogt ein Mädchenpensionat, und Charlie 
Chaplin, der Meister der Meister, bäckt höchstemgenhändig mit 
Dynamit. 'Das R^ept ist immer das gleiche: Man bewegt sich 
auf die unwahrscheinlichste Weise durch die Welt, erleidet mir 
Unschuldsmiene dre b's zum äußersten gesteigerte Tücke des Ob 
jekts, benimmt sich töricht und stiftet Schwermut und entpuppt 
sich am Ende doch als die edle Seele, die man nun einmal ist. 
Wesentlich auch dies: daß man stets schlauer oder Zum mindesten 
gewandter ist als das dumme vielköpfige Tier Polizei, das sich 
bei den lächerlichsten Possen sehr ernsthaft quer über den Weg 
logt. Man schwmgt sich über sie hinweg hetzt sie, bis sie atemlos 
wird und tr-oilbt mit ihr die gleichen Tollheiten wie mit den toten 
Dmgen, die überall hindernd mich erstehen. Kisten sind dazu da. 
daß man sie polternd umwirft, Kanallöcher, daß man sich in ste 
verkriecht- Die ganze mechanisierte Welt wird durch Chaplin und 
Genossen in ein komisches, Licht gestellt, ihr Schwergewicht auf- 
g.hoben, ihr Ernst in Spaß verkehrt, ihre Art der Bewegung dr ch 
Uebertreibung aufgewiesen und verhöhnt. Das alles ein wenig 
roh und primitiv, aber s-o ist ja auch die Welt selber, an deren 
Grenze man sich brgibt. Daß die zweistündige amerikanische 
Lektion auf die Dauer etwas monoton wirkt, kann fügkch nicht 
der Spitze, hegen günstige Ergebnisse vorausgesetzt, einmütig 
die Absicht, eine solche FUmZentrale für Jugendliche auch in 
den anderen preußischen Städten Zu schaffen. Uns scheint 
der Erfolg der sorgfältig durchdachten Gründung kaum Zweifel 
haft, und wir empfinden Genugtuung darüber, daß F r a n k- 
furt auf diesem wichtigen Gebiete die Führung über 
nommen hat. 
Die Geschäftsstelle von „Kunst undJllgend" teilt uns mit: 
„Der amerikanische Großfilm „Mit Auto und Kamera 
unter afrikanischem Großwil d", der bei seiner ersten 
Vorführung in Frankfurt im Januar berechtigtes Aufsehen erregte, 
eröffnet den Reigen der periodisch geplanten Darbietungen, die 
Zunächst im Volksbildungsheim und Echumanntheater stattfinden. 
Die Vorstellungen, die in Verbindung mit dem Zoologischen Garten 
(Direktor Dr. Priemel) Veranstalter werden, finden in dieser Woche 
nachmittags von 2/^—6/4 Uhr statt. Geschlossenen Schulen wird der 
Film auf Wunsch/auch morgens vorgesührt. Die begleitenden Vor- 
träge passen sich dtn jugendlichen Hörern an. Der reibungslose und ge 
sicherte Ablauf der Veranstaltungen ist durch gute geschäftliche Orga 
nisation und erprobten Ordnungsdienst gewährleistet. Karten in 
der Geschäftsstelle von „Kunst und Jugend", Steinweg: 5 II." Wei 
terhin wird mitgeteilt, daß die geschlossene Eröffnungsvorstellung, zu 
der die Behörden, die Lehrer, Künstler und JugendpsHger geladen 
sind, am Montag, den 25. ds.. nachmittags 4 Uhr im großen Saale 
des Vslksbildungsheimes stattfindet. Direktor Dr. Priemel 
wird den Vertrag halten, und nach Beendigung der Veranstaltung 
soll sich eine Aussprache über die Darbietung anschließen. Lr.
        <pb n="15" />
        preußischen Städten -cmzvregm. 
r. 
Werke der griechischen Altertums in d-er Ursprache veröffentlicht. 
Da es sein Zweck ist, die lrtewrischen Schütze der AntM M bil 
ligen Preisen zugänglich zu machen, führt dieser Teubner der Hoch- 
rLnaissanoe statt des damals allgemein üblichen Folio und Quart 
für seine zierlich gedruckten Textaus gaben das handliche Oktav- 
fonnat ein. Was die Alben und neben ihnen die Florentiner 
Munta für Italien sind, bedeuten die gelehrten Estienne für Frank 
reich und der Franzose Plantin für die Niederlande. Das 17. 
Jahrhundert beherrschen dieElzevirin Holland, die über Aldus 
hinaus das Format und den Preis der Bücher verringern. Sie 
gründen eine Export-abteilung und wie hie holländischen Meter der 
damaligen Zeit den damaligen KunstmaE erobern, so erringen sie 
die Vormachtstellung auf dem Büchermarkt. Wahrend der Rokoko 
zeit, venn Ende des 17. Jahrhunderts bis zum letzten Viertel des 
18. Jahrhunderts, wird wehr Gewicht auf -die AusschmMung des 
Buches als auf Druck und Satzbild gelegt. Der Klassizismus bringt 
den Umschwung, und Zwar geht die Wiedererweckung der schönen 
-Typen und des schönen Druckes auf John B askerville in Bir 
mingham zurück, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu drucken 
beginnt. In Frankreich wirken nach ihm die Didot, und den 
Höhepunkt der ganzen Periode bildet Bodonrin Parma, der im 
Gegensatz zu seinen Vorgängern das Buch Zu einem Luxusgegen 
stand wacht. Bas 19. Jahrhundert geht achtlos vorbei an der Schön 
heit dieser schmucklosen Empiredrucke, die vielleicht erst heute ganz 
gewürdigt werden. Der wackere Georg Joachim Goschen eifert 
in Deutschland den Didot und Bodoni nach und schenkt uns einen 
Msland, der die schönste Ausgabe unserer klassischen Literatur ist. 
— Ueber die reichbeschickte Ausstellung selber, die sehr wertvolle 
Originalwerke Es den Offizin-en der genannten Drucker enthält, 
wird noch^MsW berichtet werden. IL 
MdkskrorSlleles-verssoMlimg. 
Sitzung vom 36. Februar. 
Zu Beginn der Sitzung überreichte Oberbürgermeister Vorgt 
den von uns bereits im Auszug veröffentlichten 
Haushaltsplan für 1924 
mit einer Rede, in der er das Folgende ausführte: 
^Daß der neue . Haushaltsplan in Goldmark aus 
gestellt werden mußte, bedarf bei den heutigen Anschauungen 
keiner Begründung. Anderen Städten scheint es auch noch der« 
früht Zu sein, einen Etat aufzustellen, sodaß nach meiner Kennt 
nis Frankfurt die erste der deutschen Großstädte 
ist die ihren Etat vorlegt. 
Die Hauptsächlichste Unsicherheit liegt in der Auswirkung der 
dritten Steuernotverordnung, die die Aufhebung des, gesamten 
SchuldLndienstes der Stadtverwaltung sowie die Einführung 
einer Mietzins st euer bringt, aus der ein großer Teil der 
den Städten zum Teil neu auferlegten Lasten gedeckt werden 
soll. Ob die erhofften Ertrage aus der Steuer fließen werden, 
ist ebenso unbestimmt, wie welcher Teil davon auf die Ge 
meinden entfällt und nach welchem Schlüssel die Verteilung 
erfolgt. Auch die Zahlenmäßige Auswirkung der Personalabbau- 
veroronung auf unsere Verwaltung ist noch nicht zu übersetzen. 
Dazu kommt als neues Moment der Unsicherheit die geplante 
Erhöhung der Gehchlfter. I 
° 'D EWlm und Jugend.Z Dis aus manchen Gründen schwier 
rlge Aufgabe, den Film für die Jugendpflege nutzbar zu machen, 
wrrd jetzt in Frankfurt mit einiger Aussicht auf Erfolg in 
Angriff genommen. Bereits der Rhein-Mamische Verband haizs 
.gut geleitete Unterrichts-Filmvorführungen veranstaltet, die aber 
schließlich wegen ungenügender Unterstützung eingestellt werden 
mußten. Dis nunmehr von der Verewigung „Kunst und 
Jugend" eingerichtete neue Filmabteilung ist aus dem 
Kino-Ausschuß des „Rates für künstlerische Angelegenheiten" 
hervorgegangen, der in den letzten Jahren hauvtsäMich eine kri 
tische und beratende Tätigkeit ' ausübte. Sie' will Kritik und 
Zensur durch positive Leistungen ergänzen, und so die öishet qe- 
sammelten Erfahrungen praktisch auswerten.' Wesentlich ist, daß 
daZ Unternehmen von der Schulbehörds gefördert wirb; diese hat 
die Vorführung der Filme w-aLrend her "Schulzeit genehmigt, da 
sie mit Recht von der Auffassung auSgeht, daß die Filme 
als wichtiges Hilfsmittel für den Unterricht zu betrachten stien. 
Zunächst werden verschiedene naturwissenschaftliche Filme darge 
boten. D-en Reigen eröffnet der bekannte amerikanische Großfilm: 
Mit Auto und Kamera unter afrikanischem Großwild", dem die 
ExpefMonSfilme: „Mit Rasmussen nach dem Nordpol" und: „Die 
Expedition des Herzogs von Schweden nach dem Kongo" folgen 
sollen. Geplant ist auch die Uebernahme guter Film- aus dem 
Gebiet der Helmuts- und MertumSkundL, Für die Aufführungen, 
die von den Klaffen geschloffen besucht werden, sind Kinos m den 
verschiedensten Stadtgegenden verpflichtet worden. Dank dem 
Entgegenkommen der Stadt, die Steuerfreiheit gewährt, können die 
mr Deckuno der Selbstkosten erhobenen Eintrittsgeld? r sehr niedrig 
bemessen werden. Auch die Filmgesellschaften übrigens bezeigen 
Verständnis für die besondere Art der Veranstaltungen^ haben sie 
llch doch zum Teil zu beträchtlicher Herabsetzung der Leiha-ch'Nrm 
bereit gefunden Das Ganz? ist wie man sich nicht verhehlt, ün 
Experiment. Gelingt es so hegen di- Regierungsbehörden mit 
dem Kultusministerium an der Spitze d^ Absicht, d'e 
Schaffung solcher Filmzentralen für Jugendliche auch in anderen
        <pb n="16" />
        <pb n="17" />
        Die große Unbekannte. Sie ist eine Prinzessin aus dem 
Lande Hespcrien, die mit dein väterlichen Exkönig unO dem Prinz- 
lichen Vetter des Landes vertrieben worden ist. Bas temperament« 
volle Trio schlägt sich im Haag schlecht und recht durchs Leben: 
der Papa schwerenötert nach älter Gewohnheit fort und fort, die 
Prinzessin tritt als Kunstreiterin auf, und das Vetterlein ein 
drolliger Bajazzo produziert sich als Zauberkünstler im gleichen 
Variete. So bliebe es bis an den jüngsten Lag, wenn nicht oer 
Prinz das große Los gewönne, das er bei der Flucht aus Hespe- 
rion in einem Bande des Konversationslexikons liegen gelassen 
hat. Dieser Zufall setzt die Handlung in Bewegung, und eine 
richtige Operette entwickelt sich, die Staatsaktionen travestiert, 
Todesurteile ins Lächerliche zieht und den Scheimrnst mit lustigen 
Episoden umrcmkt. G Alexander spielt den Prinzen als 
Hans iw Glück, dem alles zuerst mißlingt, damit es ihm nachher 
umso besser glückt, und Ellen Richter, die Darstellerin der 
Prinzessin, vereint spanische Grandezza mit biegsamer Verfüh 
rungskunst. Was beide auf der Suche nach dem Los in Hespe- 
rien erleben, ist garnicht zu sagen. Sie werden erkannt und ver ¬ 
urteilt, sie retten sich wieder, durchstreifen verkleidet das Land, 
finden das Los'und verlieren es von neuem: Kurzum die Verket 
tungen sind unerschöpflich, und um der Situationskomik willen 
geschehen die unwahrscheinlichsten Dinge. Nur nebenbei sei be- 
nnrkt, daß die Prinzessin einen der Aufrührer liebt, was dre Hand- 
lung'noch verwickelt, und daß das Eingreifen des Exministers, 
ernes gar niedlichen Schuftes (Karl Huszar), manche pein 
liche Zwischenfälle zeitigt- Die zweite Abteilung des in den U. 
T -Lichtspielen laufenden MnG, der wundervolle Land 
schaftsausnahmen aus Holland, Spanien, Portugal bringt, folgt 
dgsnäM Mast 
- ^.„f^otographische Ausstellrmg.l Im Frankfurt«! 
SMAeMerbemuseum wird zur Zeit eine Ausstellung zweier 
Leipziger Akademie für gra 
Phische Künste und Buchgewerbe vorzeführt. Die von 
Pros. Goetz geleitete Klaffe für Reproduktionstechnik 
»K «ne bis ins feinste durchgearbeitete große Wiedergabe deS 
Mnheimer Mars und Faksimiles englische Schabkunst- 
Matter, die völlig den Eindruck der Originale erwecken Grstaun- 
lich vor allem die farbigen Lichtdrucke nach einem Stammbuch 
öfs 18- ^Jahrhunderts, Matter von minutiöser Treue, die sogar 
die Rucksert« ihrer Vorlagen peinlich genau nachbilden und In 
nichts mehr an Photographien erinnern. Pros. Eugene Smith 
der Leiter der Klaffe für N atu r ph ot ograph te, bietet eine 
RZe -Mner Arbeiten dar, die eine sehr reizvolle (wenn auch 
Mcht unproblematesche) Verbindung von Technik und zeichne 
rischer Kunst sind. Dadurch, daß der Mater in diesen Blättern 
den Photographen taktvoll unterstützt, entstehen Aufnahmen, die 
das Vorbild «st zu ferner vollen Wirkung bringen und nicht selten 
den erregenden Zweifel wecken, ob er sich um die Wiedergabe 
eines Naturobsekts oder eines Gemäldes handle. Sämtliche Ar 
beiten bekunden den Sinn für zart« Zwischrntön« und model 
lieren noch der Hauch einer Rundung sorgfältig heraus Akten 
im Freie^auf denen d'.« Glanzlichter spielen, reihen sich Porträts 
aus der Münchner Gesellschaft und Künstlerwelt an, unter denen 
mm manche bekannt« Gesichter erblickt. Sehr lehrreich zu be- 
°b?°An, wie bei diesem Jneinandergrelfen des Technischen und 
Künstlerischen di« Wiedergaben einen stark subjektiven Hua er- 
KmS-n, und persönliche Auffassung jede Einzelheit des Bilde» 
prägt. Die Schülmarbsiten, die durchweg Qualttätsleistungen 
Znd- düngen -mß-r den Porträts einig- behutsam abgatönte 
Landschaften und Stilleben von guter illustrativer Wirkung. — 
Me Ausstellung soll von Frankfurt aus noch eine Anzahl deut- 
Mr Stadt« dMwmchW, M sie W .Heimatort zurück- 
Aeber die jüngste Dichtung. 
Das Antiquariat Baer u. Co. hatte am Donnerstag zu 
einem Vortrag Pros Dr. Hans Naumann über die jüngste 
Dichtung geladen. Eine leichte, schwunghafte Plauderei, die 
Verbindungslinien zwischen den Jahrhunderten zog und zeigte, 
wie das Gleiche sich immer wiederholt, ohne Laß die Wiederholung 
darum als Plagiat anzuspvschen wäre Der Redner begann da 
mit, daß er an Hand verschrerdener Analysen nachwies, wie die 
N om av^ik in der Dichtung der Mm zwei Jahrzehnts Merck 
halben Auferstehung feiert Echt romantisch ist etwa Hauptmanns: 
„Und Pippa tanzt", das die Erinnerung an Mörike herauf- 
beschwört, romantisch auch sein „FahrhundertfestspieL", deffen 
ironische SLoffbehanÄung fich aufs engste mit einem erst nach 
seinem Erscheinen aufgefundenen Stücke Rückerts berührt Thomas 
Mann wird man ebenfalls unter die Romantiker zu reihen haben. 
Wie bei der Bettina spM man hinter dem von ihm Gesagten immer 
seine Person hindurch, und der scheinbar leidenschaftslos geschrie 
bene Roman: „Die Buddenbrooks ist romantischer als der Lu- 
dolf Urslen" der Ricardo Huch, die viel eher in ihren großen 
GeschichMomanen nahe an die Romantik rückt. Romantisches 
Weltzefühl und Schellingscher Pantheismus machen sich auch bei 
Mombert und Morgenstern geltend. Besonders ausführlich ver 
weilte der Redner bei Hofmannsthal, den er Zwischen antikisierende 
Primitivität und Romantik einsteWe. Lehrreich war Zumal der 
Vergleich Mischen des Dichters „Lebenslied" und dem „MuM- 
sohn" Goethes, die beide, wie schon ihre Formgebung verrät, von 
dem gleichen Lebensgefühl beseelt find. Antike Stilelemente finden 
fich außer bei Hofmannsthal auch bei Rilke und George, in deren 
Werken nicht zuletzt etwas von der. keuschen Unberührtheit des 
Novalis lebt. 
Den „Sturm und Drang hat bewußt Hastncbever aus 
genommen. Bei ihm setzt sich der einsichtige Kampf gegen den 
Absolutismus als Kampf gegen die Familie fort, sein ganzer 
Rhythmus und der Radikalismus seiner Gesinnung gemahnen un 
willkürlich an die große Geste Schillers. Sturm und Drang atmet 
auch die neue Lyrik Diese Dichter, die alle zwischen zwanzig 
und dreißig Jahre alt find, rütteln an dem Bestehenden und er 
heben das Genie auf den Thron, das Genie, das Ausnahme, 
Kraft, Freiheit und Natur ist. Auf der Suche nach dem Mew 
scheu schlechthin erklären 'sie der Staatsgewalt und der Wissen 
schaft den Krieg, erhöhen den Sünder und verkünden das Evan 
gelium der Bruderliebe. Die Parallelen gehen bis ins einzelne: 
in Werfet lebt der junge Schiller auf und die Tiraden SchubaM 
kehren bei Hasenclever wieder. Auch die empirischen Schicksale 
find ähnlich. Die jungen Wortführer verstummen zumeist bald 
nach ihrem Auftreten und kriechen in anderen Berufen unter. 
Auch die Verwandtschaft mit dem älteren Barock drängt 
sich auf. Um Theodor Däubler zu verstehen, muß man bis Zu 
Hoffmannswaldau und Gryphius zurückgehen. Hier wie dort die 
gleiche Höhenlage der Empfindung, die gleiche Nebeneinandsr- 
setzung der Abstrakte! und Konkreta, der gleiche unaufhörliche Wech 
sel der Bilder. Man denkt auch an Rubens oder an Tintoretto, 
der bisweilen apokalhptisch'e Vorstellungen mit hinreißendem 
äußerech Schwung vereint. Werfels: „Christus am Aeserweg" 
etwa: das ist Tintoretto und Gryphius, mit allen Zeichen der 
Vergänglichkeit Mb Verwesung anMM Bezeichnend genug, 
daß "derselbe Werfet seit Jahrhunderten wieder die ersten Choräle 
schreibt, die lmmoyant dG Thema der VMeitelkeit anschlagen. 
— Dem Redner ward für den fesselnden Uebechlick lebhafte^ Bei 
fall der Hörer zuteil. Tb. ? 
SlZdwersrtz«elM-V§GWMWKg. 
Sitzung vmn 6. Ma^. 
Nach Eröffnung dr Sitzung trat man sogleich in die 
GeusraldebaLir 
zum Haushaltsplan ein. 
Stadtv- Heiß wolf (Soz.) hebt anerkennend Las Bestreben 
hervor, dem Etat, wieder eine feste Grundlage zu geben, betont 
abe:, Latz es richtiger gewesen sei, wenn man statt der verschieoe- 
nen Sonderfonds einen allgemeinen Rücklagefo nds 
geschaffen hätte, aus dem dann die einzelnen Bedürfnisse zu spn- 
sen gewesen wären. Die Praxis müsse Zeigen, ob das Verfahren 
des Magistrats richtig sei. Der Redner übte sodann Kritik an der 
ungleichmäßigen HeränZfthung der Zenfiten. Die Lohn- und Ge 
haltsempfänger müßten das Sieben- bis Zehnfache der früheren 
Einkommensteuer zahlen,, was bei den anderen Zenfiten keineswegs 
der Fall sei. Es müsse darauf gedrungen werden, Laß Jndustrie- 
unL Großkapital die gleiche steuerliche Belastung erführen wie die 
Festbesoldeten. In der Herabsetzung der Grundvermögen- 
teuer erblickte der Redner einen Beweis dafür. Laß der Ma- 
Üstrat die Bedenken gegen diese Steuer an erkenne. Die Gewerbe- 
teuer könne unzweifelhaft ertragreicher gestaltet werden. Die Auf- 
wärtsbewegung der städtischen Betriebe sei befriedigend, 
denn sie Zeuge davon, daß diese Betriebe bei stabiler Wähmng 
wirtschaftlich zu arbeiten vermögen. Sehr entschieden erklärte sich 
der Redner gegen ihre privatkapitalistische Aufziehung; das Bei 
spiel der Gasgesellschaft zeige, welche Gefahren man damit hemuf- 
beschwöre. Auch die Durchführung des Personalabbau 
Gesetzes unterzog er der Kritik; vor allem forderte er, daß bei der 
Kündigung der städtischen Angestellten die Familimverhältniffe zu 
berücksichtigen seien Man habe den Abbau viel zu schnell inZ Wer? 
gesetzt, und die Tatsache, daß 40 Prozent der Bevölkerung an'er- 
stützungsbedürftig sei, gebe sehr zu denken. Von Sparmaß 
nahmen bei der S ch u l Verwaltung müsse genau so abgesehen 
werden wie bei den sozialen Aemtern Die für die Schulkinder 
speisung etwa oder für die Reformschule eingesetzten Zitiern seien 
als Zu gering Zu bezeichnen; desgleichen gelte es den Wiederauf 
bau der Fachschulen energischer zu betreiben. Weiterhin drückte 
der Redner den Wunsch aus, daß auf dem Gebiet des Wohnungs 
wesens mehr als bisher getan werde; die Stadt Wien müsse uns 
in dieser wie überhaupt in sozialer Hinsicht ein Vorbild sein. 
(Bravo!) 
Stadtw Dr. HeilLrunn (Dem) wies zunächst die Finanz- 
bedürmisse der Stadt am. ^er Etat sei zu begrüßen als Versuch, 
wieder zu geordneten Verhältnissen zu kommen. Vor allem gedachte 
der Redner dankend des Stadtkämmerers, der Genugtuung darüber 
empfinden dürfe- daß endlich wieder einmal der S t a t a n f fe st e m 
G r.u n L ruhe. Freilich, Jubelhymnen über unsere Finanzlage 
dürfe man noch keineswegs anstimmen. Der Gemeinde ließe sich 
keineswegs einen Vorwnrf daraus machen, daß sie so spät zur Gold 
rechnung komme. Es sei übrigens sinnlos, die Zahlen des EratS 
von 1924 (71 Millionen Mark) mit den niedrigeren des Etats 
von 1914 (60 Millionen Mark) Zu vergleichen, denn die heutige 
Mark stelle einen viel geringeren Wert dar als die Mark in der 
Blütezeit Deutschlands. Hat man sich dies klargemacht, so muß 
man ohne weite zum Schluß kommen daß der jetzige Ver 
walt u NLs a ppa r atvi e l z u a roß ist. Er ist ein Raub-
        <pb n="18" />
        ac. 
Welt, der jeder Hauch von Seele fehlt. 
§) 1^» n -wrk, /L- 
Die große Unbekannte. Die zweite Abteilung des in den 
U T. - Lichtsp ielen vorgeführten Films überinfft die erste 
noch an Filmgeist, Unwahrscheinlich^ und Situationskomik Das 
Los, das heißbegehrte, um dessentwillen sich der Exprinz und seine 
Kusine, die Expr^rzessin, so vielen Gefahren ausgesetzt haben, ist 
in Hesperien, in den Händen des zur Zwangsarbeit verurteilten 
Ministerinos, zurückgeblieben. Gmnd genug sür den Vnnzen, so 
gleich wieder nach dem ihm verbotenen Lande aufzubrechen; und 
die Prinzessin schließt sich aus vielleicht noch triftigerem Grunde 
an. Denn ihr geliebter Caballero ist dort zum Tode verurteilt' 
worden, weil er ihr zur Flucht verhoftn hat. Die Rettung der 
beiden: des Loses und des Caballero wird nun zur nie versiegen 
den Quelle von Irr- und Wanderfahrten, die gefahrvoll scheinen 
und heiter sind. , Schon die Schwierigkeiten, nach Hesperien zu ge 
langen, sind nur im Film zu besiegen. Der prinzliche Bajazzo 
schleicht sich als Steward in den Dampfer ein, und üie Prinzessin 
zwingt den heimkehrendsn hesperüchen Gesandten dazu, sie als 
seine Frau mitzunehmen, ohne freilich, wie er wohl gern möchte, 
alle Konsequenzen aus dieser Rolle zu ziehen- Wie sich der Prinz 
mit dem Ministertrio des Loses wegen aus ein and ersetzt, und wie 
die Prinzessin schließlich ihren Caballero erwischt, das ist eine 
lange und sehr verwickelte Geschichte, die wieder einmal lehrt, daß 
die Gesetze der Logik im Bereich des Films ihre Geltung ver 
lieren. Der Zufall zerreißt hier das Geflecht der Begründungen 
und treibt die einzelnen Situationen zu selbständiger Wirkung 
heraus. Sie sind oft unwiderstehlich drollig, diese Situationen, 
und man mag sich anstellen, wie man will, man muß lachen und 
nochnAÜs lachen, wenn Minister Cocolores, von seinen beiden 
--Kumpanen gezogen, auf einem Weinfaß durch die Wüste rollt, 
-oder mit Ihnen zusammen in einer Kiste sitzt, die angeblich 
Kanarienvögel enchält. Das Fazit des komplizierten ' Unter 
nehmens ist, daß alle Beteiligten glücklich an und über die Grenze 
gelangen. Prinz und Minister, die sich das Los bis zuletzt streit'g 
machen, sind allerdings gleich sehr betrogen, denn dieses Los er 
weist sich als Niete, und das ist, auch wenn man der Sache auf 
den Grund geht, höchst moralisch. Dafür darf die Prinzessin end 
lich ihren so teuer erworbenen Caballero besitzen, was nicht anders 
zu erwarten war, und ebenfalls moralisch ist. In dieser zweiten 
Abteilung taucht als neuer Spieler nur G. Bafel! auf, der 
den hespe.eschen Gesandten mit Würde Begierde und Feigheit 
ausstattet, und als noch unbekannter Hintergrund dehnt sich vor 
unseren Augen Lissabon mit seinen Palästen und bepalmten 
Aöenuen. Eine Passe: „C h a p l i n als Za y n arz t" geht 
voran. Amerika in Ehren und Chaplin womöglich noch mc^r in 
Ehren —, aber das Uebermaß an amerikanischer Kost, ist nicht 
bekömmlich, und zurück bleibt Langeweile und Versruß. Lum 
das Prinzip der Chaplinaden ist doch immer das gleiche: die 
Demonstration der Wrsenlosigkeit und der verzweifelte Kampf lus 
en'.wirklich!en Menschen mit der mechanisierten Wett. Wwde.holL 
sich nun ewig das alte Spiel, so wird der Witz zuletzt saülos, und- 
man spürt nur noch widerwillig die Roheit dieser ganzen Chaplin- 
Türe lag. Nach ihrer Oeffnung befand man sich endlich im Vor- 
raum, besten (von den Dieben durchwühlte) Schätze alle Er 
wartungen übertrafen. In guten Lichtbildern führte der Redner 
Sinzelstücke vor. Da ficht man zwei Statuen, die am Eingang 
zum eigentlichen Grabraum Wache halten, ferner Gefäße, Truhen, 
Kasten; sämtlich überreich ornamentiert und mit Kostbarkeiten an 
gefüllt. Königliche Wagen sorgen für Beförderungsmöglichkeit 
im Totenreich, mumifiziere Enten mögen als Nahrung dienen. 
Auch an Sitzgelegenheiten ist kein Mangel; neben leichten und ele 
ganten Ruhebetten findet man herrliche Prunkseffel mit Löwen 
füßen, SLlangenschmuck und figürlichen Darstellungen von sym 
bolischem Charakter. Die meisten Zierate find farbia gehalten und 
aus Silber, Gold, Fayence und anderen edlen Materialien ge 
bildet. Von den Vasen herrschen solche aus Alabaster vor. die 
allerdings vielfach bereits dekadente Formen zeigen. Unerschöpf 
lich ist die Menge des Kleinschmucks: der BmstgchLnge, Skarabäen 
usw. usw. 
Das Eindringen in die eigentliche Gmbkammer ist erst vor ».anz 
kurzer.Zeit erfolgt. Man befand sich vor einem großen, aus vier 
Einzelschreinen bestehenden Schrein, her den Zugang zum Sarko 
phag versperrte. Seine sachgerechte Entfernung war mit vielen 
Schwierigkeiten verknüpft. Endlich, am 12. Februar, konnte man 
zur Oeffnung des Sarkophags schreiten. Unter Bahrtüchern fand 
man einen übergoldeten Mumienschrein, der die vollkommene Nach- 
biluna einer menschlichen Gestalt ist. Die Fortsetzung der Aus- 
grabungZarbeiten ist inzwischen, wie bekannt, von her ägyptischen 
Regierung verboten worden Nicht unerwähnt bleiben mag in 
diesem Zusammenhang, daß das Vorgeben EarLerS stets mit Um 
sicht und nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen erfolgte. Jedes 
. arrsgegArbene Stück wurde Z. B. sogleich photographiert, so daß 
! die Leerung einer Truhe oft Wochen in Anspruch nahm. 
Zum Schluß gab-Dr. Vatter noch an Hand vieler Lichtbäder 
einen vorwiegend kulturgeschichtlichen Usberbttck über die Epoche 
der 18. Dynastie. Ausführlich verweilte er vor allem bei dcm 
Schwiegervater Lut-anch-Amons, dem mächtigen König A m e n o- 
vlns IV., der mit beispielloser Energie an Stelle der unzähligen 
ägyptischen Götter die Venchtung eines einzigen Gottes, des 
Sonnengestirns einführte Er verfolgte vor allem den Gott A-non. 
baute sich bei dem heutigen El-Amarna eine neue Residenz und 
veränderte seinen eigenen Namen in Echenatön, .Glanz der 
Sonne". Die neue Religion überlebte freilich ihren Gründer rückt 
lange, und schon der schwache Tut-anch-Amon, der nur sechs Jahre 
regierte, kehrte wieder MM alten Kultus Zurück. Der lebhaft be 
dankte Redner mußte seinen am Montag gehaltenen Vortrag des 
großen Andrangs wegen gestern noch einmal wiederholen. Kr. 
Tut-anch-Amon. 
Der Name deZ alten AeghpterköntgS Tut-anch-Amon, 
von dem vor der Entdeckung seines Grabes nur wenig« wußten, M 
Kit zwei Jahren in aller Leute Mund. Welche Anziehungskraft 
er ausübt, bewies der Andrang zu dem Lichtbilder-Vortrag von 
Dr. Ernst Natter, Kustos am Völkermuftum, der über, die 
Grabfunde berichtete und zuglerch' ein Bild aus der B lu t e- 
zeit des Pharasnenreichs bot. Der Redner, der es ver 
stand, sein äußerst reiches Material klar und übersichtlich auszu- 
breiten, stizzierte zunächst kurz die Geschichte AegyptenI bis zur 
18. Dynastie. Schon im alten Reiche, so hob er hervor, tauchte 
die Idee auf daß es notwendig sei, den menschlichen Körper surch 
Mumifiziernng in seiner Vollkommenheit zu erhalten, den Toten 
vor Beraubung zu schützen, u^) ihm alles ins Grab rmtzugeben, 
was sein Leben hier ausmachte. Da nun selbst die AnordnuW 
von Irrwegen in den Pyramiden Eindringlinge nicht zurüLznhal- 
ten vermochte, begann ein König der 18. Dynastie (Thutmosis I.) 
damit, seine Totengruft in einen; einsamen Felsental am 
thebanischen Westufer anzulegen. Es war dies ein in dre Felsen 
eingebautes Haus mit mehreren Kammern, dessen Eingang zuge 
mauert wurde. Um ihn verborgen zu halten, tötete man gewöhn 
lich die Kriegsgefangenen, die mit der Errichtung der Grabstätte 
betraut waren. In dem sogenannten „Tal der König e" rcwt 
sich Gruft an Gruft; die meisten freilich sind entleert, da, zumal, 
unter der 20. Dynastie, das Gewerbe der Grabrauber blühte, Ihr 
Treiben war so schamlos, daß treue Priester die Ksnigsmunnm 
an einem verborgenen Orte zusammentragen und bewachen muß 
ten um sie vor Schändung zu bewahren. Man entdeckte 
ehrwürdige Versammlung erst vor wenigen Jahrzehnten, ars^mn 
einer in jener Gegend ansässigen Grabrauherfamilie aus die Spur 
kam, die durch Beraubung der Mumien ihren Unterhalt fristete. 
Enthielten diese Gräber aus begreiflichen Gründen nur wemge 
Kostbarkeiten, so birgt das durch Howard Carter aufgefundenr 
Grab von Tut-anch-Amon Schätze, die großartige Zeugen 
ihrer Heit sind. Die Geschichte seiner Entdeckung ist spannend wie 
nur irgend ein Roman. Schon lange hatt? Carter vermutet, daß 
Tut-anch-Amon nicht weit von Ramses VI. ruhe, da man in besten 
Grab Tongefäße mit seinem Namen ausgmb Nach vielen An 
strengungen stieß endlich unter den inzwischen entferntem Ar 
beiterhütten bei dem Ramses-Grab auf eine.Treppe mit 16 L)w,en 
und den vermauerten Eingang. Aus den in den Lehm gepreßten 
Siegeln erkannte er, daß das Grab doch schon, einmal geöffnet 
worden war - allerdings bereits vor 3000 Jahren, seit welcher 
8E keines Menschen Fuß mehr die Stätte betreten hatte, Huner 
.der Tür Zog sich ein zur Erschwerung des Vordringens mu ^Lei- 
nm gefüllter Gans -in, an beym Ende wieder eins verflegeM 
Beisetzung der Freifrau v. Rothschild. Gestern vormittag 
Knd in aller Stille die Beerdigung der Freisvau v. Rothschild 
statt; an der Prunklosen Trauerfeier nahmen auch Familienmit- 
glieder aus Wien, Baris und London teil. Rabbiner Dr. H o ff- 
mann gedachte in schlichten Worten des erfüllten Lebens der Ent 
schlafenen, das sich auf allen Gebieten des Daseins reich und frucht 
bar entfaltet hatte. Er feierte zumal ihre an der Seite des Gatten 
geübte Kunst des Wohltuns, die sich in der Gründung und 
Unterstützung vieler WohltätigkeUs-Anstatt auswirkte und Tau 
senden von Hilfsbedürftigen zum Segen wurde. Auch pries er ihr 
inniges Verhältnis zum Judentum, das von Jugend vn bis ins 
patriarchalische Alter hinein ungetrübt fortbsstandl Zum Schlüsse 
rief er ihr Dankesworte nach im Auftrag des Vorstandes der 
Israelitischen Gemeinde, dem ste vor kurzem erst das alte Roth- 
j schildsche Bankgebäude überließ, und namens aller Anstalten und 
Institute, die sie geschaffen und durch Zuwendungen miterhalten 
hatte. — Weitere Ansprachen unterblieben auf ausdrücklichen 
Wmsch der Verstorbenen, die nach altjüdischem Ritus im unge 
hobelten Holzsarg Leigesetzt wurde. 
-- Ein PalSstma - Film- Am Sonntag wird im Schu - 
m a n n - TdeaLL r ein erst vor kurzE aufgenommener Pa'lä- 
stina - FiIm deS Jüdischen Nation alfonds vorge 
führt werden, der einen trefflichen Einblick in das Leben der jü 
dischen Bevölkerung gewährt. Ein aufblühendes Leben, das sich 
hier entfaltet! Die vielen Zuwanderer, die zumal den östlichen 
Ländern entstammen, machen den Boden wieder fruchtbar, 'er 
richten Siedlungen und erringen sich in täglicher harter Arbeit ihre 
Heimat. Jüdische Bauern brechen die Scholle um, Pflanzen 
Tabak und treiben Geflügelzucht; auch die Mädchen beteiligen 
sich an der Landwirtschaft, sie greifen bei der Mmldelernte oder der 
Orangenernte und überall, wo es not tut, Mg ein. Das schnelle 
Wachstum der Siedlung en im Film zu verfolgen, ist unge- 
wein reizvoll. Auf den mit den Geldern deZ Nationalfonds er 
worbenen Land flächen entstehen weiträumige Zeltlager, die den 
Kolonisten vorerst zur Heimstätte werden. Bald beginnen die 
Bauarbeitern und in nicht allzulange? Zeit reiht sich Haus an Haus. 
Daneben die stete Pflege des Bodens: im Kampf gegen die 
Trockenheit werden Moderne Wasserwerke errichtet und Zahlreiche 
BaumpflanMngen angelegt. Auch die Industrie nimmt einen 
offenbar guten Anfang Die Versorgung der Gegend mit Elek 
trizität wird in großem Maßstab durchMführi und andere In 
dustriezweige bemühen sich, wie Silikat-Fabriken, WeinkeltLreim 
u-sw. zeigen nun die Verarbeitung der Laltdesprodukte. Hinter^ 
gründ bildet stets die eigenartige Landschaft, die von herber und 
fremder Schönheit ist. Man sieht den Jordan mit seinen buschigen 
Ufern, die Ebene Jesreel weitet sich, und am Horizont steigen die 
kahlen GebirgsNnge an. Nicht zuletzt werden die Städte gezeigt 
Jaffa mit dem neuen Stadtteil Tee-Awiw, der künftige Hafen 
Haifa, TiLerias am See, Genezareth und vor allem Jerusa 
lem, dessen historische Stätten in ausgezeichneten Aufnahmen
        <pb n="19" />
        vorüberziehen. Besonderes Gewicht ist hier ebenfaLs auf die 
TLtigkei-t der jüdischen Siedler gMzü Man erlebt das alljähr 
liche Fest der B^umpflanzung mit, wird zum Zeugen des Unter 
richts, der vielfach im Freien stattfindet und sieht auch manche 
NeugründungeT^ wie etwa die KunstgewerbeschuTe oder das erst- 
Gebäude, der Jerusalems Universität. Statistische TaLMn, 
die von dem raschen Fortgang des Werkes der Landesdestedlunß 
berichten, dienen als wiMmmene ErgänzunA des BildermaLerialSv 
— "/AK t ?? ck . r a c. 
, i lf. 
E6 
! vas MsrL opuiLr - i 8 86 Q 8 ekLkrii 6 d G 
! 0 r! tz 8 uQ 6 u" VON Vrnst Nsok mt (dar I. 
Lsrm m d-eipLiZ) in Mvkisr äuredLBxedenHr er- 
Kedibnen, vsrmedrt UW emiM Lapite!, äie noed auk 
^norämrn^ ä^8 Autors kwrusseküAi ^orZev sinä (Xll, 
628 8.). Die ^u?Kät^G äes mit ^sxtaddL'äunAen krOi- 
LuMtzFtKiteien Uanäes er^ireeken 8ied 3uk äas 
MNL6 Oemei 6er 8ued2u 
Zi-6 niedt Lllsm ewseintz pd^sikadLede Ddänomtzne, 8vn- 
äern sued äie Orunäds^iükke äer?d.y8iic äem VertztLnä^- i 
ms ru VrsadliMeu. Darsider dmauZ wSrZen m verKeßre- 
^6nöQ LetrÄediunsseu Zie pdilosopdiKeden VorauKKeMn- 
NaedZ entkattHt, äis kreisiek nur noek dmtOrisedeg 
Interesse veräien-On. vag nn Zie breiten Zediedten sied 
wenöenäB 8uok Muxi von äem NeZürkmg äe§ ^orsekers, 
Zied über mn NoHeA KpOLmIrsie^ ru erd eben nnä 
Mem ZOKädrprodlDM mne MZemeivs Leäeutun§ Ldxu- 
Mrvrnneru 
1' FMMnschiässls. In den Drexel-Lichtspielen wird 
&amp;gt;Lilli", ein Berliner Sittengemälde, vorgesührt. das die Konse 
quenzen fortgesetzter UnnwM enthüllen möchte. Lilli nämlich und 
ihre Freundin huldigen jenem Lebenswandel, der in gewissen Krei 
sen des Berliner Westens üblich ist oder üblich sein soll: das heißt, 
sie machen von ihrem Recht zu flirten einen allzu weitgehenden Ge- 
brauch^ Ist man dann saturiert, so heiratet man, u-m eines ruhige 
ren Daseins zu pflegen. Freilich, Schiffe, die in den Hafen eiAau- 
fen. sind zumeist ein wenig beschädigt, Lilli geht an der Gemein 
heit ihres Mannes zugrunde, der ste nur noch tiefer in den Morast 
herabzieht, und die Freundin rettet sich allein dadurch, daß sie, der 
eigene Kinder versagt sind, mit fremden sich tröstet. Hauptdarsteller 
in diesem Spiel, das sich ausgiebig an der Unmoral weidet, sind Mia 
Pankau und Reinhold SchünZel- — Als zweiten „Schlager" 
steht man, „M anon de Ehe rwaU ein historisches Ausstattungs 
stück aus der Zeit Napoleons, in dem es sehr heroisch und prunkvoll 
zuM. - . - - rue. 
A 2 
Ert/ 
Kskzapfcks „Mnideal". 
Eine Erwiderung. 
Von Dr. Wladimir Astrow. 
8n einer achtspMigen Studie („Frankfurter Zeitung* 
Rr. 109) setzt sich Dr. Siegfried Krakauer mit dem Knast 
Lei Eugen Diederichs erschienenen P a ^ Rudolf 
Maria Holzapfels scharf auseinander. Nicht die Ver 
schiedenheit des Standpunktes und Werturteils aber ist es, die 
Lei einem jeden mit der Schöpfung des großen SeelenforscherS 
einigermaßen Vertrauten gegen die ihr hier zuteil gewordene 
.Kritik entschiedenen Widerspruch hervorrufen muß. Was zu 
einer Entgegnung geradezu verpflichtet, ist die Tatsache, daß 
der Rezensent seiner Darstellung und Beurteilung durchgängig 
Annahmen und Behauptungen zugrunde legt, die im schärfsten 
mnd offensichtlichen Gegensatz zu dem stehen, was im „Panideal" 
selbst ss Dar und bestimmt M nur möglich ausgeführt ist. Ja 
hier werden Holzapfel Meinungen und Theorien unterschoben, 
die er selbst mit größter Entschiedenheit bekämpft und wider 
legt. Einige Beispiels sollen diese merkwürdigen und irrefüh- ° 
«enden Mißverständnisse beleuchten und richtigstellen. 
Dr. Kracauer betrachtet und verurteilt Holzapfels Werk als 
Monumentalsten Ausdruck einer Zeit, einer Geistesverfassung, 
deren wesentliche Züge sind: „ihr Vertrauen auf die Organi- 
fierbarkeit der menschlichen Gesellschaft, ihr Geniekult, ihre ganze 
Naive KulturMubigkeit". Er schreibt wörtlich: „Ein titani 
sches Kulturideal mithin, das rein in diesseitiaen Bezirken 
seinen letzten Abschluß sucht und findet. Es will den Menschen- 
siefft durch den Menschengeist befreien und eins Welt der all- 
Miz entfalteten Seelen schaffen, in der alle Dissonanzen auf- 
Lelöst sind." 
Halten wir. dem die Gedankengängs des „Panideal* ent 
gegen. 
Holzapfel ist nichts weniger als ein rationalistisch oder 
«^schließlich diesseitig orientierter Geist. Das ganze Panideal 
wurzelt in dem BestrsSen .einen Ausweg aus der tragisch un 
haltbaren Lage zu finden, in welche die Seele des 19. Jahr 
hunderts durch das Absterben der alten, allzu primitiven reli 
giösen Inhalte einerseits und die Leere und bloße Negation 
der rationelisM&amp;gt;en Aufklärung andererseits gestürzt worden 
ist. Und AolzaM wendet sich ausdrücklich Mgen den pofl- 
iwisüschen «Standpunkt dem religiösen Problem gegenüber, den 
er als „unglaublich borniert" bezeichnet. Das Panideal ist 
Oen ein Werk von grsßzüMer Kraft und Lußerord-siMKer 
MchkA das i« Äle D«chewoh»hett« Kre stisch« SeeMd 
hereinbraustfftnd das nicht WAW^ K ffn" rWe"M^BtSyeris^n 
GvPsSrichtungm einzureihsn. So nimmt auch Holzapfel nir-- 
gends eine absolute Organisierbarkeit der menWichsn Gesell 
schaft, eine abgeschloffene „VoWsmmenheit menschlicher Zu 
stände" an. Er HM nur dafür, daß die geistige und praktisch 
ssziÄL Organisierungsarbeit, wie ste etwa von der römischen 
Kirche, von Buddha, Konfuzius, Moses und von großen 
Staatengründern vollzogen wurde, in Zukunft mit Hilft besserer 
Mittel der Orientierung, des Gewisiens, der Kunst in viel voll 
kommenerer, wenn auch nie absolut vollkommener Weift fort 
gesetzt und ausgestaltet werden kann. Holzapfel glaubt mithin 
auch nicht an die Möglichkeit einer „Auflösung aller Disso 
nanzen", geschweige denn an eine „ideale, schlechthin vollkom 
mene Kultur". Er HM vielmehr viele wesentliche Unzuläng 
lichkeiten und Begrenztheiten des menschlichen Typus und der 
Einzelnen für unausrottbar. Wohl aber hat ihn seine, in einer 
bislang ungeahnten Weiss durchgeführte, eingehende Erfor 
schung des Wesens, des bisherigen Werdegangs und der Ent 
wicklungsbedingungen der wichtigsten Gefühle, vor allem des 
Gewissens, Schaffens und Ideals, zum entscheidenden Ergeb 
nis geführt, daß viele der heute als unüberwindlich geltenden 
Widersprüche und „Antinomien" nicht in der Natur der Ssele, 
sondern in rückständiger Entfaltzing und Erkenntnis ihren Ur 
sprung haben. Diese vermeidlichen Einftitigkeiten und ent 
wicklungshemmenden Vorurteile aus dem Wege zu räumen, die 
vielfach noch primitiven Denk- und GesühlLweisen durch voll 
kommenere Erkenntnisse und JdeM zu ersetzen, hält Holzapfel 
für möglich und unerläßlich, soll anders hie Menschheit 
aus dem Zustands des ewigen, die wertvollsten Und geistigsten 
Energien vernichtenden, inneren und Süßeren Krieges heraus 
kommen. Freilich mußte Holzapfel dabei den althergebrachten 
Weg verlassen, den die meisten vor ihm beschütten und den ihm 
nun Herr Krakauer von neuem empfiehlt, nämlich: uralte, tra 
ditionelle Glaubensartikel und Dogmen aus Autoritätsgläubig 
keit als unantastbare „Gewißheiten" und „letzte äußerste Ge 
gebenheiten" seinem wissenschaftlichen Forschen und schöpfe 
rischen Reu gestalten zugrunde zu legen. So behauptet Dr. 
Kracauer, es gehe nicht an, „theologische Begriffe" wie „Sünde" 
und „Unsterblichkeit" als „psychische Erlebnisse" zu ersässen und 
i M untersuchen. „Viel eher schon hätte mau von ihrer Wirk 
lichkeit her den Sinn der psychischen Vorgänge zu bestimmen." 
Solche Metkoden haben die mittelalterlichen Scholastiker an 
gewandt. Mit ihrer Hilft hat man schon KopernMz und 
! Galilei zu „widerlegen" versucht. 
Gerade aus ftltenster Kenntnis und Berücksichtigung der 
vielfachen Unvollkommenhei-en und ewigen Schranken des 
Menschen Md Mmschhekt lehrst HÄMfÄ dir laMLufigs
        <pb n="20" />
        f 
darüber aus, daß es gelungen sei, in diesen fünf schweren Jahren' 
das Gemeinwesen im großen und ganzen so zu erhalten, wie 
man es übernommen habe. Es komme darauf an, in stiller Arbeit 
weiter Zu wirken. Weder Ludendorff noch Lenin könnten uns &amp;gt;me 
Rettung bedeuten; es komme vielmehr darauf an, sich praktisch 
und nüchtern auf den Boden der wirtschaftlichen 
Tatsachen Zu stellen, (Lebhaftes Bravo!) 
StaLLv. Dr. Kercher (Air.), der ebenfalls die Aufstel 
lung des GoldetatH anerkannte, brächte vorwiegend E i n - 
zelanlieZen vor. Er wünschte dringend, daß die städtischen 
Elektrizitätswerke ihr VertragZgebiet ausdehnen und forderte auf 
dem Gebiet des Verkehrswesens, zumal den Ausbau deZ Straßem 
bahnnetzes. Ferner sprach er sich Zugunsten bor kleinen Sparer aus 
und empfahl auch Berücksichtigung der Erwerbslosen an. Von 
seinen übrigen Wünschen sei noch hrrvorgehoben, daß er dem Ma 
gistrat eine bessere Behandlung der Stadtverordnetenversammlung 
nahelegte, schleunige Durchführung des Brückenbaues und geeig 
netere Räume für die S ch u lki n d e r sp e i s u n forderte 
usw. Zum Abbau bemerkte der Redner, daß den Nichibeftoffemn 
dre Verpflichtung Zuwachse, den Entlassenen und Bedürftigen tat 
kräftig Zu helfen. 
Stadtn Landgrebe (Lib.) erkannte die rechtzeitige Ein 
bringung des Goldetats mit Befriedigung an. Der Etat verpflichte 
dazu, Einnahmen und Ausgaben aufs genaueste zu errichten; er 
verpflichte ferner, weil die Zuschußwirtschast aufgehort habe, und 
nun die stabile Währung aufrechterhalten werden müsse. Der Etat 
Die Astsrig-Mhue. 
Da wir den Faschingsdienstag noch in den Knochen spürten, 
besuchten wir am Aschermittwoch die Ast o r i a- B üh n e. Haupt 
sächlich aus Pflichtgefühl gegen Me „Naturaeietze Denn, io 
es doch, die Natur macht keine Sprunge, sie kennt nur die langen 
organischen Uebergänge Wie also? Wäre es mcht ^revel ge- 
! Wesen zu plötzlich aus unserem Lebenswandel herauszusprmgen. 
- Wir Zogen es vor. natürlich zu beiden und auf dem Umweg ub^r 
das Kabarett organisch ins Bert ü^ , , .. 
Die Sache begann damit, daß der Conferencier eigentlich mn 
Conferencier ist, waS nicht, wie wir anfänglich vermuteten, auf 
Sinnestäuschung berühre, sondern schlichte Wirklichkert war unv 
bleibt. Nein. Henry Lorenzen ist eigentlich etwas ganz 
anderes als ein Conferencier, aber er kann auch, was er nrcyt rst, 
und zerrt den Klepper Publikum nett und lustig von Nummer Zu 
Nummer fort- Das Amt wächst eben mit dem Vechano und wer - 
den Faschinasdimstag im Blut hat, treibt den Aschermittwoch aus 
den Gliedern. 
Ria Rie ck, die den Reigen eröffnet, stellt mehrere Tänze auf 
die Beine, oder vielmehr: sie stellt nicht, sondern hupft wie ein 
Füllen jung und ungeberdig auf der Weide umher, unser Kater, 
der offenbar an Füllen nicht seine Freude hat, kommt dabei ganz 
auf den Hund und schleicht sich betrübt davon. Man ftM in oer 
! Zoologie nie ganz aus« 
bau zu Lasten unsrer Arbeiter Anoestellten und Beamten. Darum 
ist der Etat ein fiktiver, denn es ist auf die Dauer unm Sqlich 
mit so gedrückten Gehältern zu arbeiten. Der Ve-rnol- 
tunoSovvärat muß unbedingt verkleinert werden; freilich l^n 
das nur »rqanisck qesKeben, nickt gewaltsam, wie man bis 
her vorgeaanasn ist Mr allem wird d'irck eine 
systematische Konzentration der Verwaltung 
manches zu erreichen sein. Gegen Stadtverordneten 
Heißwolf erklärte der Redner, daß seine Ausführungen 
durch die Steuergesetzgebung längst überholt seien. Im Vorjahre 
habe man als einzige ertragreiche Steuer die Gewerbesteuer 
gehabt; man könne wohl sagen, daH die Einnahmen hauptsächlich 
aus Handel, Gewerbe und Industrie zusammengek-m- 
men seien. Was die ErundvermSgenstsuer betreffe, so hab- man 
ihr zuacstimmt, um den Zusammsnbruch d«: städtischen Fin-amen 
zu verhüten. Jetzt werde die Frage ihres Abbaues aktuell. Den 
HauSbesitz heute noch mehr zu belasten, dagegen sprecyen die 
schwerwiegendsten Bedenken. Im übrigen sprach sich der Redner 
für äußuste Vereinfachung des Steuerwesens aus. 
Geoen den Schuldendienst bezeige er eine gewiss? Reserve. Dre 
Stadt Frankfurt habe bisher einen blanken Ehrenschild als Schuld 
ner asbabt, auf den sie ackten müsse. Es erschein« darum dringend 
notwendig, die städ'isch'n Anleihen zu konvertftr-n und 
in ein- einzige Goldanleihe umzuwandcln. Die KriegSwlrtscha,rs- 
ämter seien zu liquidieren, auch das Wohnungsamt. Zur Forde 
rung des Wohnungswesens müsse die Zwangswirtschaft aufge 
hoben werden. Die Ruinierung des Hausbesthes, dem man die 
ihm zukommenden Meten vorenthalten habe, fei ein« unmora 
lische Politik g-wesen Das Bauen scheitere vor allem,-m 
dem mangelnden Kredit Der Redm- schlug vor das städtnche 
Hvpothekenamt zu einer zentralen Vermittlungsstelle 
für die Beschaffung von Bougeldern auszugestalten. 
Wien könn« uns hierin kein Vorbild sein, da es unter ganz an 
deren Bedingungen steht. Bei den sozialen W o h l fa h - - S- 
«in richtun gen, die natürlich zu unterstützen seien, können 
vielleicht durch'fruchtbare Organisation manche Ersparnisse erzielt 
werden Für die Zwecke der Erwerbslwen sei wohl die Schmr-ng 
eines SpezialsondS zu empfehlen, zu dessen Sveisung auck d,e 
g-oßen Betriebe heranqezogen werden könnten. Auf dem Gebiet 
des Gesundheitswesens sei wohl auch an größer? Konzentrinon 
durch Vereinigung von Instituten, Kliniken usw. zu denken- An 
d-r Jugend dürft nick« acspart w-rden, freilich gelte es, unnuhe 
Ausgaben nach Möglichkeit zu vermeiden. Die Bestr-bungen zu- 
Erhaltung und Verschönerung der Altstadt hob der Redner der 
der Erörterung be^ Kultur- und Bildunqswesens besonders rüh 
mend hervor 'Zum Schluß drückte der Redner seine Genugtuung 
Dem Vorhang entsteigt dann gravitätisch der LauLensänger 
Paul Roland, und uns wich Lalladesk Zu Mute. Er ist Wander- 
bursch und Landsknecht in einer Person und beschwört den Geist 
sämtlicher Zecher von den Kavalieren auf Ekböe bis zu Frank 
Wedekind herauf. Wir lassen durch seine bösen Beispiele unsere 
guten Sitten nur allzu willig verderben. 
Woldemar Sacks ist den_ Frankfurter such in diesem Monat 
treu geblieben. Der Flügel ist mit ihm verbunden wie ein Lebe 
wesen dem anderen, sie scherzen zusammen und verstehen sich in 
jeder Lebenslage. Auf freundlichen Zuspruch des Meisters hin ver 
wandelt sich das Zauberinstrument in einen Leierkasten, oder m 
eine menschliche Smgsümme, oder gar in eine Nähmaschine, die 
Melodien an Melodien flickt. Die Leiden Gefährten find noch 
etwas von der vergangenen Nacht mitgenommen, und da ist es kein 
Wunder, daß in eine ungarische Rhapsodie von LiszL mit inem 
Male als „äeus ex Walzerklänge hineingeraten. Sie 
lieben überhaupt den Walzer, die beiden Junggesellen, zumal den 
altmodischen Wiener, und werden ganz sentimental, wenn sie s.Lner 
gedenken. Aber das Gespräch gleitet schnell weiter, un-d bald 
mokiert man sich einträchtig über eine kleine Klavierschülerin. die 
sich beflissen müht, oder über ein verstimmtes Piano, das in irgend 
einer Bierstube zu Leipzig Zlbend für Abend zu neuen Missetaten 
und -tönen aufgereizt wird 
An das Duett schließt sich ein Tanztrio der beiden Don 
Alfonsos und d^r Loni L i st- Das ist nicht Schlesien, sondern 
innerstes Rußland: 'Lieb es werben im Kaukasus, Nationaltracht so 
echt wie Geberde. wildester Rhythmus verkörpert mit flämisch un 
erschütterlicher Miene. Gewiß, so g-eht es in der Steppe zu, und 
man möchte ein Gogol sein, um auszudrücken, was man fühlt. 
Die VortvagZkünsÜeftn Toni v BukovicZ versetzt wieder 
nach Westeuropa in die Gefilde der Großstadt zurück. Sie verfügt 
über das grelle Lachen des Clowns gbeich sehr wie über die 
leichten, um nicht zu sagen frivolen Töne der Dame von Welt. 
Auch das urbayrische Idiom bringt sie ohne Hitlerschen Nach 
geschmack heraus. 
Nach der Pause führt Henry LorenZen sich selber ein und 
zeigt sich endlich, wie er in Wahrheit ist. Er ist aber jedesmal 
der, in den er sich verwandelt. Zunächst ein junger Mann in 
einem Restaurant, der mit der Gabel in den Zähnen stochert, einem 
unsichtbaren Hündchen unsichtbar^ Knochen zuwirft und Kirsch 
kerne, die nicht vorhanden sind, graziös in die Luft spuckt; dann 
ein Chansonnier, ein Tänzer und der Superlativ eines Komikers; 
schließlich ein Zauberkünstler, der etwa seine Finger hinter der 
Handfläche versteckt und Zu dem Bekenntnis Zwing:, daß dieses 
höchst natürliche Ereignis ein Wunder sei. Jeder Zoll ein Vojas, 
' empfindet er ersichtlich selber das größte Vergnügen darüber, daß 
er so drollige Gestikulationen vollbringen kann und darf. 
! In Annemarie Hase ersteht Zille und Groß-Berlin. Sie 
- berichtet der Provinz auf echt Berlinisch von Fräulein Raffke und 
lerzählt^eine Moritat aus der Gegenüber AckersLrgße, Lei der er 
Das Frankfurter Adreßbuch 1924. 
» Das Frankfurter Adreßbuch für ISA ist erschienen wo 
klangt w der Expedition Kronprinzen^. 6, II. rn der Zert von 
9 Ubr vormittags bis 4 Uhr nachmittags zur Ausgabe. Don den 
Vorbestellern kann daS Adreßbuch gegen Aushändrgung der ihnen 
S Ui aaetqlganuansngenin Ä E uS m w pefa i sn k gar t egennoamc h men V ow llz e i red h e u nngEi d neer beschrankte 
Satlgung in Empfang genommen werden. Eine beschrankte 
AnM allerer StMpläne sind zum Preise von 2 pro Stuck 
Zur Ausgabe des neuen Adreßuchs wird uns geschrwben: Das 
Adreßbuch bietet einig« unangenehmeU sb erraschun gen. 
Schon sein obgemagertez Aeußese verrät, daß es an innerer Fülle 
verloren hat. Und in der Tat: schlägt man es auf, so wird man 
gewähr, daß wichtige Kapitel ernfach ausgeschre- 
de n worden sind. Vor allem fehlt das für den Benutzer unent 
behrliche Verzeichnis der Straßen mit sämtlichen GrundsruMn wo 
Bewohnern; an seine Stell- ist eine nur »wer Selten umfassende 
Strahentabells gerückt, mit der man so gut we Mir nMS anfangen 
kaum Auch das sehr zweckmäßige VnzeichmS d-r PostscheMmden 
ist der Einschränkung »um Opser gesoffen. Schließlich hat man — 
und das ist vielleicht dar unbegreiflichste — die Umgebung 
Frankfurts ganz gestrichen, sodaß die 28 Nachbarorte 
im Adreßbuch überhaupt nicht mehr vertreten sind. Die Allgemem- 
-heit hat ein Recht darauf, zu erfahren, welche Grunde zu 
dieser einschneidenden Reduktion geführt haben, die den Erforder 
nissen des Verkehrs geradezu zuwiderläust^ 
den redlichen Bürger kalt überrieselt. Auch RinLelnatzLns „Ge 
seires einer Aftermieterin" wird durch die Monotonie ihres Vsr- 
trags zum Ereignis. , 
Die letzte Steigerung bringt KarMen ELtlinger. der .äugst 
Bekannte und Vertraute, der eigene Produktionen rentiert. Wenn 
man, wie ex behauptet, eine Frau -daran erkennt, daß sie unweiger 
lich die Pointe einer Geschichte verfehlt, so beweist er selber ein 
Mannestum jedenfalls oadmrch daß er stets m§ Schwarze des 
Punktes trifft. Anfänglich noch gleichsam mit Vor- und Zu 
namen behaftet, enthüllt er nach und nach immer reiner üne 
Karlchen-Natur Unverfälschte Frankfurter Klänge entringen sich 
seinem Organ, wenn er die Vawrstadt preist, und wer sreur sich 
nicht innig, daß Schneewittchen in unseren Mauern geboren ist 
und den Vrinzen von Offenbach zum Manne .gewinnt? 
Zum Schlüsse beweisen die Don Alfonsos noch, daß sie nicht 
nur Russisch können, sondern auch mit Step und Shimmy auf 
- vertrautem Fuße tanzen- Dann beginnt die allgemeine Tanzerei 
vielmehr: sie beginnt nicht, denn alles ist müde und Zvtrm^ sich 
! schnell nach Haus. Die Natur fordert, wie es an dieser Stelle 
heißen mag. gebieterisch ihre Reckte, und der übergangene Nscher- 
mittwoch^äßt nicht mit sich spaßen. rme.
        <pb n="21" />
        lichen Zufallsvolitik", um mit den Worten des Herrn Kra- 
ciurer zu sprechen) zu überlassen, selbst aber die Hände in den 
Schoß zu legen. . , . &amp;gt; 
Dis Ziele, welchen das Panideal zustrebt, und welche dem 
Kritiker als „erschreckliche Triumphe der Schöpserkraft", als 
„ungetrübte Apotheose des Menschlichen" erscheinen, tragen 
also im wesentlichen die folgenden Züge: Dis erreichbare 
menschliche Vollendung soll auf die Dergeistigung der religiösen 
Gefühls gerichtet sein und in der Kunst (wie die Schafscns- 
pfhcholcgie Holzapfels eindeutig hervorhebt) auf die stets voll 
kommenere Verherrlichung des überirdischen Schaffens . . . 
Diese Andeutungen genügen wohl, um zu veranschaulichen, 
welche Kluft die Fiktion, die Herr Kracauer bekämpft, von 
drm wirklichen Werke Holzapfels trennt. Im Sw'eoel der 
Panideal-Forschung sah der Kritiker nicht die Welt ihres 
Schöpfers, sondern nur deren Zerrbild. Es ist also nicht zu 
verwundern, daß ihm dieses selbstverfaßte Produkt mißfallen 
mußte. * 
DnpÜk. 
Don Dr. Siegfried Kracauer. 
Herr Dr. Astrow entsendet wider meinen Aufsatz: „Holz 
apfels Panideal" (vergl. Erstes Morgenblatt vom 7. Febr.) 
einen kleinen Geschoßhagel von Argumenten, der nur leider 
sein Ziel verfehlt und darum auch nicht die geringst« 
Schramme hinterläßt. Sein« Einwände entspringen im 
wesentlichen dem Bedürfnis, mich als «inen Don Quichote zu 
entlarven, der den Riesen Panideal zu besiegen wähnt, wäh 
rend er doch in Wahrheit lediglich die klappernden Wind 
mühlen seiner eigenen Phantasie berennt. Welches andere 
Mittel bleibt mir zur Abwehr solchen Verdachts, als den 
Riesen selber nochmals zu zitieren und ihm das Eingeständ 
nis zu entlocken, daß wirklich er es sei, den ich meinte und 
meine? ! 
, Herr Dr. Astrow erNSrt zunächst, daß ich in meinem kri 
tischen Produkte sehr zu Unrecht den Vorwurf hemmungs 
loser Kulturgläubigkeit gegen Holzpfel erhoben habe; 
-weder glaube dieser an eine „Auflösung aller Dissonanzen", 
noch handle «S sich ihm um einen „idealen irdischen Endzu 
stand". Nun es muß schon gesagt werden, daß Holzapfel 
LhrHsM.sU der Ansicht UM MrtMgers ist, sondern gar 
unbekümmert die kommenden „Menschheitskunstwo ke" verherr 
licht und das Leben der panidealistischen Zukunftsgefellschast 
- geradezu als messianisch« Erfüllung preist: 
„Wie ein irdisches Paradies Ware es", so äußert 
er einmal vorausblickend, „zu dem alle Hauplwege unv Neorn-. 
Pfade der Vervollkommnung führen, in dessen Seen alle Ströme 
und Bäche münden; ein Wundergarten, von Himmelsstrahlen 
durchglüht, wo jegliche Gestalt und Eigenschaft allen andr en i 
ihr Bestes leiht, jegliche vom Bestreben geleitet, der irdischen i 
Vollendung zu dienen, um die der Ewigkeiten zu 
Von der Vollkommenheit dieses seines stufenreichen Wunder 
gartens hegt Holzapfel so erhabene Vorstellungen, van ei die 
Konzeptionen seiner Vorgänger schlicht als einseitig verdammt. 
Er bedauert unter anderem, daß der evangelische Jesus „keine 
wesentlich neue Wertdifferenzierung" (!) angestrebt habe und 
faßt die bisherigen Menschheitslehren von Buddha und Plato 
an bis zu Augüstin und Luther summarisch als „Spszialisten! 
der Idealisierung" zusammen. Man wird nach alledem keinen 
Zweifel mehr daran hegen, daß Panideal doch das „Absolute 
und Größtdenkbare" in den irdischen Bereichen fordert und 
des Geistes voll ist, den mein Aufsatz ihm zuspvach. 
Herr Dr. Astrow bestreitet ferner, daß Holzapfel „Genie 
kult" treibe und eine absolute Organisierb arkeit der 
menschlichen Gesellschaft annehme. Auch in diesem Punkte er 
greift Holzapfel selber wider seinen Apologeten für mich Par 
tei. Wie sehr er der Organisierbarkeit des Menschlichen ver- s 
traut, beweist allein schon sein von mir hinlänglich erö terter! 
Vorschlag der Gründung einer „Akademie der Aus 
nahmen", die das irdische Paradies mit Hilfe pauidealisti- 
scher Erkenntnisse herbeiführen soll. Eine Akademie als Vor 
sehung —: dieses Projekt, das auSgeheckt zu haben der Ho'z- 
apfrischen Psychologie nicht eben zum Verdienst« gereicht, ver 
rät eine Organisierungswut, die jede menschliche Grenze längst 
überschritten hat und einer Steigerung schlechterdings nicht 
fähig ist. Nur des Raummangels wegen widerstehe ich der 
! bedrohlichen Versuchung, de» Wademir-Prospekt ganz vorzu- 
- führen. Er bestätigt, daß die Akademie genau das ist, was 
ich „Genie-Aufzucht" nannte, da er einmal die Ausbildung 
von „Geniefindern" (!) vorschreibt und zum andern das Ver 
langen kundgibt, es möchten „genial Veranlagte schon in der 
Kindheit der Akademie zur Obhut und Erziehung übergeben 
werden". Ein monomanischer Geniekult, der sich nicht zu 
letzt darin aushrückt, daß, .Holzapfel Uns pMdealisiische^ 
Utopie einer für alle Menschen gleich erreichbaren abgeschlos 
senen Vollendung ab. Er nimmt vielmehr an, und dres O 
gerade einer der charakteristischsten Züge des Panideals^daß 
dir Skala unterschiedlicher Anlagen und EnMÄungsfäh'.g- 
keiten stets und immerdar große und unaufhebbare Unterschiede 
der DeröMommnung und der Unvollkommenheit aufwersen 
wird. Diesen stufenreichen Aufbau der Menschheit nach 
MSolichkeit von der bisherigen Knechtrmg durch primitiv äußer 
liche, rohe GesichtspuMs zu befreien, ihn im Sinne menschen 
möglicher Vergeistigung und schöpferischer Förderung auszu-- 
gestalten, ist nnt das hohe Ziel des Panidsals. Nirgends also 
handelt es'sich um einen „idealen irdischen Endzustand" oder 
eme ^endgültige urrd SbWußhKstZ VoÜendung"; überM ist 
cs nur das Mögliche, was real angestrebt wird, nie das 
Absolute oder Größtdenkbare. Daher gibt es bei Holzapfel 
auch keinen „GeniÄult", ja, bei aller Hochhattun« und Mv- 
derungsbestrebung bedeutender Geister, sprjcht er sich an zahl 
reichen Stellen des Werkes ausdrücklich gegen einen solchen 
„Kultus" aus. So heißt es dort z. B. wörtlich: „Aber b^ 
trachtet auch das panideaNstische Gewissen einen heiligen und 
schöpferischen Geist als höchsten irdischen Vertreter der Ewig 
keit,' bringt es ihm auch die allergrößte Rücksichtnahme ent 
gegen, so vernachlässigt es darum durchaus nicht die geringeren 
und selbst nicht die "allerunbedeutendsten Seele.. Nicht nur 
die größten und strahlendsten Sterne will es fördern und zum 
Ziele Ohren. Ihm sind alle L-suchten lieb und wichtig, welche 
. die Nacht schellen. Denn mögen sie noch so winzig sein und 
unbemerkt glimmen, sie können demsÄben HimMl dienen, dem 
'auch Sonnen und Monde ihre Arbeit weihen." (Panideal, 
II. 386.) 
Mgt also aus Holzapfels Bestreben, das furchtbare Schick 
sal der Geistigsten und Genialsten nach Möglichkeit zu wan- 
dein, noch keineswegs „Geniekult" oder gar „Genieaufzucht", 
so will Holzapfel auch nicht alle Genies zu LionardoS machen, 
wie Herr Kracauer behauptet. Er nimmt nur an, daß inner 
halb einer höheren Kultur die allergrößten Schöpfer bestrebt 
und imstande sein werden, ihre Artlagen ungleich vielseitiger 
zu entfalten, als es bisher geschehen konnte, und führt einmal 
als Beispiel einer solchen vielseitigen Entfaltung Lion-ardo 
an. — 
Und nun die Hauptsache: Holzapfels Stellung zum reli 
giösen Problem! Nicht nur hat es HolzMel an zahlreichen 
Stellen klar und bestimmt ausgesprochen, daß für ihn die Re 
ligion und ihre Entfaltung das höchste AiÄ des geistigen 
Lebens ist und sein soll. Er hat auch keinen Zweifel darüber 
gelassen, daß er das religiöse Ideal wederan die Schranken 
Menschlicher .Vernunft noch an die GiNnzen irdischer Mllew 
düng gebunden hält. Alle Entwicklung und E-nMt in '--s 
"Menschliche ist für ihn nur Vorstufe und Grundlage zur Er 
kenntnis und Anschauung des über das Menschlich- urs 
.Irdische Hinausragenden. Denn Holzapfel vermag mL:. 
t es Herr Krakauer aller Erfahrung zum Trotz tut, das Streben 
nach „Heil" vom Streben nach Vervollkommnung der gesam 
ten Geisteskultur in willkürlicher Spaltung zu trennen: der 
Fidschi-Insulaner, der Kannibale strebt anders danach als der 
antike Grieche, dieser anders als der moderne-Christ. Nicht 
ein Zurückkehren zu Stufen sucht Holzpfel, die «s unzu 
länglich erwiesen, mit der Vernunft im Kampf stehen und die 
Seele in ewige Zerrissenheit stürzen, sondern ein Fortschrei- 
Lsn zu neuen, höheren, die den Menschengeist nicht roh und 
hemmend beeinflussen, sondern ihn bereichern, erweitern, ver 
edeln und befreien. (Holzapfel hebt im Panideal hervor, daß 
-er in einem zweiten, bald erscheinenden Weck das religiöse 
Problem ausführlich behandelt.) 
Wie sehr das religiöse Leben- im Mittelpunkt all seiner Be 
strebungen steht, ist aus dem Panideal völlig evident und ein 
deutig zu ersehen Hier nur eine Stelle, aus vielen andern 
-herausgegriffen: „Denn die Erde erkennen, den Menschen er 
forschen müssen wir, wenn wir den Himmel anders ergründen, 
dessen Leben anders verstehen wollen als die bisherigen, so 
wild, so »»psychologisch orientierten Geschlechter . . . Und mit 
dem Stamme des Menschheitsbaums empsrwachsend, nach 
Aesten und Zweigen langmd, die.den Sonnen und Sternen 
näher und näher kommen, werden wir mit steigender Ahnung 
das Wunder erfassen, mit ihm gleichsam von Angesicht zu An 
gesicht sprechen." (Panideal, I. 447.) 
MenschheitskünsÄer aber — die Herr Kracauer als „gdt^ 
los" ausgibt — nennt Holzapfel ausdrücklich nur solche Kul 
turgestalter, welche in der höchsten Vollkommenheit der EwiA. 
keit ebenso aufgehen, wie die bedeutendsten rÄigiösen Gestal 
ten der Vergangenheit, und für dis das religiöse Leben den 
Höhepunkt alles Seins und StvebsnS bedeutet. — Holzapfel 
stellt auch nirgends die Beeinflussung menschlichen Schicksals 
durch höhere geistige Kräfte, als ste dem Menschen eigen sind, 
in Frage. Er hält nur dafür) daß ihre Wirksamkeit der wis 
senschaftlichen Forschung sich entzieht und daher ausschließlich 
im religiösen Glauben und nicht in einer. Anwendung auf 
wissenschafuiche Erklärungen ihre Betätigungssphäve hat. Er 
glaubt aber auch nicht, daß der Mensch in seinem Streben 
nach religiöser Erlösung sich lediglich auf die Hilfe der „Gnade", 
auf die Wirkung höherer Geister verlassen soll, wie es Herr 
Kracauer wünscht. Weder Moses noch Christus verlangten 
von den Menschen und Völkern, ihr ganzes Schicksal und ihre 
Mheit M Zukunft nur Gott Mein (der „leidigen gM
        <pb n="22" />
        Sehnsucht auf eine Künstlergeneration richtet, „welche als 
höchstes und würdigstes Thema ihres Schaffens das Seelen 
leben der positiv EnlwMungseinz'gen wählen wird". Diese 
Vergötznng des Genies, die übrigens, trotz dez fortwährenden 
Geredes von Differenzierung, unbedenklich den Religionsstif 
ter mit dem Künstler, den Heiligen mit dem Forscher verkop 
pelt, wird auch durch die wie immer rührende Tatsache nicht 
aus der Welt geschafft, daß dem panidealistischen Gewissen 
„alle Leuchten lieb und wichtig" sind. 
Ueber dasReligiZs« schließlich werden Herr Dr. Astrow 
und ich uns schwerlich einigen. So wenig er meine Aussage 
anzunehmen geneigt ist, daß Religion in der Kuliur nicht auf- 
und untersetzt, ebenso wenig kann ich mit seinen Sätzen 
etwas anfangen, daß Panideal einer „Vergeistigung der reli 
giösen Gefühle" gelte und für Holzapfel „die Religion und 
ihre Entfaltung das höchste Ziel des geistigen Lebens" sei. Die 
Inhaltslosigkeit, um nicht zu sagen Phrasenhaftigkeit dieser 
Sätze und der anderen für Holzapfels Religiosität herange 
zogenen Belege ergibt sich bündig, wenn man sie mit der in 
meiner Kritik behandelten panidealistischen Seelenforschung 
konfrontiert, die dadurch, daß sie die Wirklichkeit des Gebets, 
oder der UnsterblichkeitSsehnsucht ins Psychologische auslöst, in 
eine der Religion genau entgegengesetzte Richtung weist. Herr 
Dr. Astrow hat den Widerspruch garnicht bemerkt, und es ist 
bei solcher Unorieniiertheit nicht weiter verwunderlich, daß er 
die Anerkennung letzter religiöser Gegebenheiten mit AutoritätS- 
gläubigkeit verwechselt und meinen dem Panideal gegenüber 
gewiß sehr notwendigen Hinweis auf die Grenze des Mensch 
lichen einfach als QuietiSmus mißversteht. 
Ich habe also doch wohl nicht eine Fikt'on statt des Werkes 
bekämpft, sondern allenfalls das W e rk selber als Fiktion ent 
hüllt. Damit erledigt sich zugleich die Behauptung Herrn Dr. 
Astrows, der nicht leicht ein Kenner unserer Geistesgeschichte 
beipflichten dürfte: daß Panideal von „außerordentlicher Neu 
heit" sei und in „alte Denkgewohnheiten wie e'n frischer See 
wind" hereinbrause. Neu mag es lediglich insofern sein, als 
es — woran kein Seewind Schuld trägt — jene alten Denk- 
gewolmheiten in bisher ungeahnter Weise durcheinander rüttelt 
und e'ne Fülle barocker Wucherungen treibt, wie sie nur 
End erscheinunsen mitunter eignet. - ! 
MWWMe am Ssigsien. 
i Pros. Aufhaufer von der Universität München sprach 
auf Einladung des Vereins für das Deutschtum im 
Aus land über dre^ Eindrücke, die er auf seiner Weltreise 
von November 1922 bis Ende 1923 empfangen hatte. Er fuhr 
mit d^m Dampfer „Weser", einem der ersten Danwfer des Nord- 
heutschen Lloyd, die eine Kombination von Fracht- und Päfsa- 
gierdampfer sind. Bei feinen Ausführungen, die sich im wesent 
lichen auf den asiatischen Kontinent beschränkten, hob er 
vor allem das Verhalten der verschiedenen Nationen und Länder 
zu den Deutschen hervor- In Aegypten stieß er überall auf 
Sympathie für das deutsche Volk. Die Zollbehörden versicherten 
ihm, wie froh sie seien. Deutsche wieder im Land zu sehen, und 
der Eisenbahnminister, bei dem er persölnchi Audienz erhielt, ge 
währte ihm ohne Anstanh eine- beträchtliche Ermäßigung des 
Fahrpreises. In Ober-Aegypten sprach der Redner auch einfache 
Neger, die von dem Heldenmut des deutschen Volkes stark be 
eindruckt schienen. Die wichtigsten Entscheidungen in Aegypten 
liegen übrigens immer noch in Händen der Engländer. Für 
Deutsche ist es nach wie vor sehr schwierig, eine dauernde Ein 
reise-Erlaubnis nach Aegypten zu erhalten: nur die Schwestern 
dürfen wieder von ihren Anstalten Besitz nehmen. 
Die Deutschen, die früher in Ceylon anwesend waren — 
längst nicht so viele wie in Aegypten —, arbeiteten hauptsächlich 
in den Plantagen- Der Redner traf Singhalesen,'die ihm er 
klärten, daß sie die Deutschen mit offenen Armen aufnehmen 
wollten. In den holländischen Besitzungen Javas haben 
die Deutschen auch "während der KriegsM gearbeitet. Heute halten 
sich einige Tausend dort auf, die sn Regierungsstellen oder auf 
Privatplantagen tätig sind. Da in Holland Arbeitslosigkeit herrscht, 
bat freilich die Regierung wohl oder übel manchen Deutschen die 
Verträge kündigen müssen. Schon aus diesem Grunde ist nicht 
daran Zu denken, daß eine große Blenge Deutscher dort unter 
kommen kann. 
In China ist die KriegZWmrmnq langst verrauscht und eine 
starke Bereitschaft gibt sich kund. Deutsche Zu allen kulturellen Ar 
beiten heranzuzielM. Das Hauptproblem in China ist heute die 
Schule. Man huldigt mvdernen Bestrebungen und ermuntert 
die europäischen und amerikanischen Missionen Zu Gründungen 
von Schulen. Zumal das höhere Schulwesen soll neu organisiert 
werden. Von deutscher Seite sind schon vor dem Krieg verschie 
dene Anstalten geschaffen worden, so die Chinesenschule in 
Schanghai, die hauvtsächlich technische Bildung vermittelte. Alles 
in allem eröffnen sich für uns Deutsche günstige Chancen, auf „die 
freilich Engländer und Amerikaner nicht wenig eifersüchtig sind. 
Auch im Import und Export ist deute in Schanghai, Tientsm 
usw- wieder eine AwZahl von Deutschen tätig» Der Redner kenn» 
Zeichnete dann in rveniger. Andeutungen die hochstehende ethische 
Kultur der Chinesen, verweilte kurz bei der Schilderung des 
Räuber-Unwesens und mancher primitiven Züge, die sich im 
Volke noch lebendig erhalten haben und ging schließlich auf das 
gespannte Verhältnis Zwischen Japan und China ein. Den 
Japanern rühmte er hierbei nach, daß sie das von ihnen inzwischen 
geräumte Tsingtauin ausgezeichnetem Zustand erhalten hätten. 
Die SadL sei sogar von ihnen nach den von den Deutschen hinter 
lassenen Plänen weiter ausgebauL worden, allerdings durchaus im 
Sinne japanischer Kultur 
In Iapa n selber ist die Stellung des Deutschtums aus ver 
schiedenen Gründen schwieriger als in China. Das japanische 
Volk hat eine ganz ausgeprägte Nationalgesinnung. Trotz der 
Industrialisierung hat es ferner in die neue Zeit den Gedanken des 
Kaisertums hinübergerettet, der ein stark konservatives Element 
darstellt. Hinzu tritt die heute besonders gefestigte Ueberzeugung, 
daß die japanische Kultur hoher stehe als die europäische. Japan, 
das sich immer mehr als geistiger Führer in Ostasien fühlt, will 
sich bewußt frei von Europa und Amerika halten; man bringt 
deshalb auch dem PrmZregM einiges Mißtrauen entgegen, 
der in Europa war und manchen Europäerrs Einfluß schenkt. Den 
Handel zumal möchte Japan selbst beherrschen, nicht nur bei stch. 
sondern auch in China, wo es allerdings auf zähen Widerstand 
stößt. Die Deutschen, die in den letzten fünfzig "Jahren in Japan 
lebten, waren zum großen Teil Männer der Wissenschaft. Auch 
heute noch ist dies der Fall. Da die Amerikaner in rege Konkur 
renz mit den Deutschen getreten sind, ist es für diese ungemein 
schwer, sich durchzuschen. Bei den deutschen Gelehrten, die mach 
Japan berufen werden^ handelt es sich "vorwiegend um Mediziner. 
Eine gewisse Zentralisaiion der deutschen Bestrebungen ermöglicht 
der ostastatische Verein in Tokio, der auch den Japanern Gelegen 
heit gibt, sich über Deutschland zu informieren» 
Zum Schlüsse gedachte der Redner noch des Deutschtums in 
Amerika, das dadurch sehr gefährdet sei, daß schon die Kinder 
der Einwanderer sich nicht wehr als Deutsche fühlen. Er zeigte 
sodann eine große Menge von Lichtbildern, die seine, inter 
essanten Darlegungen gut veranschaulichten und in willkommener 
Weise ergänzten. Lr. 
Tiere und Menschen. Im National- Theater wird ein 
wnerikanifcher Film: „Der Herr der Steppe" vorgesührt, 
in dem ein Hengst die Hauptrolle spielt. Die Begebenheiten sind 
primitiv und dienen nur dem einen Zweck, die Fähigkeiten des 
Hengstes ins rechte Licht zu setzen. Was dieses schöne Tier leistet 
ist aber auch wirklich erstaunlich. In der Steppe ist es kraft des 
ihm verliehenen Charisma der selbstverständliche Führer der 
wilden Mustangherde, und in gefangenem Zustand weiß es Freund 
und Feind sehr wohl Zu unterscheiden. Es trampelt, nachdem es 
M mit List befreit hat, seinen Peiniger zu Tode, bem braven 
Cowboy Tom jedoch bewahrt es ein Wohlwollen, das sich später 
noch in Taten auswrrkL. Wieder in die Steppe Zurückgekehrt, weiß 
es sich allen Verfolgungen zu entziehen und nur Tom, dem es sich 
gerne beugt, wird feiner Meister. Es rettet ihn in der Stunde der 
Not und entführt ihn den grimmigen Gegnern, die nach seinem 
Leben trachten. Ein Mädchen, das natürlich Toms Braut wird, 
tritt auch mit Edelmut in Erscheinung. Gibt man die Fabel 
preis, die des Karl May würdig wäre, so bleiben die guten Tier 
aufnahmen und die prachtvollen Szenerien aus dem Nevada- 
Gebirge. Das Beiprogramm bringt noch eine amerikanische 
Groteske: „Dods als Chauffeur", in der Dsdo seine Ver 
wandtschaft mit Chaplin eindrucksvoll bekundet. Ein magere? und 
bekümmerter Bursche, dem das Hantieren mit den Gegenständen 
unsägliche Mühe bereitet. Wer sein Ungeschick ist nur der komische 
Ausdruck für eine ungemeine Behendigkeit, die ihn im letzten 
Augenblick immer wieder aus per Hast der feindlich gesinnten Dinge 
und Menschen errettet. Der Film ist reich an Tricks und ss un 
wahrscheinlich wie nur möglich. rae. 
, 2.6 - 
Als AntimMaristin in Sowjet-Rußland. 
Auf Einladung des Frankfurter Mutterschutzes 
und der Internationalen Frauenliga für Friede 
und Freiheit sprach Montag abend Frau Helene Stöcker 
über ihre Eindrücke in S o w j e t - R u ß l an d, das sie iw Oktober 
und November des vorigen Jahres bereist hatte. Die Vortragende, 
die AntimMaristin ist, erlebte in Rußland den Konflikt, daß sie 
das Ziel einer neuen und besseren Gesellschaftsordnung wohl an« 
erkennen mußte, ohne aber die Methoden durchweg billigen zu 
können, die zu dem Ziele hinführen. Bei allen Vorbehalten, Ne 
sie gegen die Anwendung von Gewalt in Rußland machte, ver 
kannte sie aber nicht, daß auch für den Idealisten die Notwendig 
keit bestehe, mit der Realität zu rechnen und daß überhaupt die 
! Kluft zwischen Politik und Ethik nicht so leicht Zu Überdrücken sei.
        <pb n="23" />
        Ende, aber verzweifelt er an der Oede, wehrte sich in s 
tern die vMüMWLLtLELLlLL.SMe Wi 
r MM- 
nicht 
seien 
anti- 
auch 
ihrer entraten Zu können, daß er Gesellschaftskritik mit innerer! 
Entscheidung verwechselt. So entstehen jene abstrakten Typen, die 
den einen oder anderen Einzelfall auf begrifflicher Grundlage 
maschinell verallgemeinern und ohne Umschweif objektive Geltung 
beanspruchen; das eben macht sie unwahr und beraubt sie ihrer 
MMMndm Bedeutung. Statt von der Tiefe her das flache 
Außen zu erfassen, wechselt Grosz nur seine Stellung an der 
Peripherie, wenn er sich moralisch gebärdet. Er gehört als Pro 
pagandist noch der Welt an, der seine Figuren entstammen. Lr. 
Gründung ekner FlugbeMebsgesellschafi. 
Zu der gestern von uns veröffentlichten Nachricht über die 
Gründung einer FlugL eLriebsgesellschast in Frank 
furt wrd uns ergänzend m'ägeteilt, daß sich die Angelegenheit 
noch in vorbereitendem Stadium befindet. Auf die Eirü 
zelheiten einzugehen, ist begreiflicherweise erst nach Vollzug der 
Gründung möglich; man hofft, daß sie in Bälde erfolgen kann 
und die Schwerigkeiten, die ihr entgegenstehen, sich als besiegbar 
erweisen. Die Mittel sollen von der Stadt und von privater 
Seite gemeinsam aufgebracht werden. Zunächst ist geplant, nur 
eine Line ziu eröffnen, die den Anschluß an das internationale 
Flugliniennetz gewährt. Von größter WichtiHeit wird es natur 
gemäß sein, die Verbindung mit ausländischen Flugver- 
, kehrsgesellschasten herzustellen. Bereits seit Jahren sind Versuche 
! nach dieser Richtung hin im Gang gewesen, und es liegt durchaus 
! in der Natur der Sache, wenn die früher angesponnenen Fäden 
! jetzt wieder ausgenommen werden. Daß ihre Verknüpfung ge« 
kinge, ist umso mehr zu erwarten, als für das Ausland ein 
l Markes wirtschaftliches Interesse an der Einbeziehung 
Frankfurts in das europäische Flugnetz besteht. 
" Wortrag Georg" Grosz.jj Marck, unbekümmert, schnöd: 
dies der Querschnitt durch den Zweiten „Querschnittsend" der 
Frankfurter Galerie Flechtheim, «an dem Georg Grosz einige 
Notizen über Kunst, Zeit, Moral, Politik und fich selber verlas. 
Was er' sagten war immerhin als Kommentar Zu seinem eignen 
Schaffen aufschlußreich. Hat Kunst in dem „Gestank unserer 
Tage^ noch ein LemusrechL? Grosz spricht von ihrer Liquidierung 
und gibt der Photographie und dem Film die Ehre, die Dampsons 
Muskelspiel besser reproduzieren/als es der Künstler je vermag. 
Futuristen und Kubistm schlagen den Kino ebenso wenig wie die 
Maler des Innenlebens, und die Konstruktivisten stehen hinter dem 
Ingenieur zurück. Ernst Zu nehmen allein der Dadaismus, der 
vor dem Nichts ehrlich kapituliert. Dennoch kann Grosz nicht um 
hin. die erstaunliche Tatsache mMerkmMN» daß selbst in dieser 
zerfetzten Welt Kunst nicht ganz verloren gegangen ist, daß eine 
Reihe von Künstlern geradezu monomanisch scheinbar zweckloser 
Arbeit fich widmet- Der Nihilist wird, bezeichnend genug, zum 
Moralisten, wenn er das FrÄtum erklären soll. Künstler, so 
meint er, sind Revolutionäre und ihre Leistungen aus dem Willen 
zu neuer Zukunft geboren. Mese Deutung pro ckoino findet an 
einigen hingesausten autobiographischen Bemerkungen ihre Stütze. 
Vor dem Krieg ist Grosz seiner Aussage zufolge, Idealist und 
misanthropischer Individualist gewesen. Er studiert foKtoristische 
"Zeichnungen und behält Eindrücke von der Straße auf der Netz- 
hrmL zurück. Erkenntnisse: die Menschen sind Schweine; 
Seele gibt's nicht. Im Krieg reist der Haß gegen das 
Militär und die Einsicht, daß Höllenfürsten auch heute 
noch in Menge herumlaufen. Grosz entdeckt, daß er mit 
dieser Beobachtung nicht allein steht und findet das früher ver 
mißte Publikum der Gleichgesinnten. Nach dem Krieg Annahme! 
des kommunistischen Evangeliums und Beschränkung des Haffes 
auf die Ausbeuter und die Institutionen. Das Moralische wird 
Trumpf, dO Schlagwort Bild. Nece bomo. — Die Bekenntnisse ! 
des Künstlers stimmen zu seinem Werk. Gewiß, er denkt die ExL- 
stenzleere des heutigen Menschen mit Auge und Zeichenstift zu 
Ende, aber verzweifelt er an der Oede, wehrte sich in seinen Blät- 
Man dürfe, wenn man die Methoden Rußlands angreife, 
vergessen, daß seine Führer von hohem Idealismus beseelt 
und eine bewunderungswürdige Objektivität entfalteten. 
Die Rednerin hielt sich in Moskau in einem Kreise 
militaristisch gesinnter Anhänger Tolstois auf, Zu dem 
eins Schwiegertochter Tolstois gehört. „Die Freunde der wahren 
Freiheit im Sinne Tolstois", so nennt sich der Bund, der das 
Prinzip der Gewaltlostgkeit vertritt und trotz seines Abweichens 
van der Regierung durchaus optimistisch über die Zukunft denkt. 
Eines der interessantesten Erlebnisse Frau Dr. Stöckers war eine 
Verhandlung gegen Kriegsdienstverweigerer vor dem 
Volksgericht. Zu verantworten hatte fich eine Reihe von „Evan 
gelisten", Mitglieder einer Sekte, die fich auf das Neue Testament 
stützt und darum den Krieg verwirft. Erschwerend kam in Be 
fracht, daß nicht alle dieser Tolstoischen Gestalten gleich strenge 
pazifistische Konsequenzen gezogen hatten. Das Gericht wies die 
Angeklagten ab, denen aber noch das Recht der Berufung Zustand 
Mit Gräfin Tolstoi unternahm die Rednerin auch einen Besuch 
ins Tolstoi « Museum, das alle Andenken an den großen 
Dichter vereint. Sie berichtete einiges Nähere über seine Ehe, 
deren besondere Tragik darin bestanden hatte» daß Tolstois Frau 
von seiner Sendung nur wenig oder garnichts ahnte. So sehr 
man übrigens im neuen Rußland den Dichter und Künstler Tolstoi 
ehrt — für den Ethiker und Denker wünscht man zurzeit keine 
Propaganda zu machen. 
Einen starken Eindruck hinterließ zumal die RevolutionZ- 
feier am 7. November. Auf dem „Rotplatz" vollzog fich 
nach den Ansprachen — für den erkrankten Trotzki war Kameneff 
eingesMmgen -- der Vorbeimarsch der Roten Armee vor den 
dichtgefüllten Tribünen. Es war, als wolle man versuchen, auch 
die Antimilitaristen zum Krieg zu bekehren — wie die Rednerin 
bemerkte. Dann Arbeiterzüge, Sirenenheulen, Flieger, die Prokla- 
Galionen abwarfen, Moskau im Lichterglanz: kurzum, eine höchst 
wirkungsvolle Demonstration. Nachhallender noch eine festliche 
Zusammenkunft in einer Arbeiter - Universität, wo man 
versucht, die fähigsten Köpfe, zumal der Arbeiterjugend, in dreb 
Ns vierjährigen Kursen zu Lehrern heranzubilden. Dies die zu 
künftige Propaganda-Armee für die kommunistischen Ideen. Die 
Darbietungen bei dieser Zusammenkunft galten fast alle revolu 
tionären Ereignissen aus der deutsche n Geschichte, von den 
Bauernkriegen an bis zu den jüngsten Geschehnissen, wie man ja 
überhaupt an deutscher Kultur lebhaftesten Anteil nimmt. Zum 
Schlüsse stimmten die Gruppen der verschiedenen Nationalitäten, 
zunächst getrennt, dann zusammen — und eine jede in ihrer 
Sprache —. die Internationale an. — Die Ausführungen der 
Rednerin wurden mit Beifall bedacht. - i^r. 
Berufsschule für Buch- und kuNsigewerbe. 
s- Den hohen Stand, den die von Direktor Th. Walter ge 
leitete Berufsschule für Buch- un d Kunstgew erbs 
in einzelnen Abteilungen erreicht hat., zeigt die jetzt vWMchMete 
Ausstellung der Sch ü le rarb e ite n an. Die Schule, die 
von ungefähr dreitausend Schülern besucht wird, gliedert ihren 
Unterricht in die Pflichtkurse für die 15- bis 17jährigen Fort- 
bildunospflichtigen, und in die freiwilligen Gesellen- und Meister 
kurse, die' der weiteren Ausbildung dienen. Auch vorbereitende 
Kurse und eigene Abendkurse werden abgehaltem Der Unterrichts 
gang ist so angelegt, daß Lehrlinge in ihm sich viel vollkommener 
heranbilden können/als es die Praxis heute für gewöhnlich zu- 
Ußt. Im übrigen ist d&amp;lt;B System beweglich genug, um von Fall 
zu Fall ein leichtes Eingehen auf Sonderbedürfmsse zu gestatten. 
Die Ausstellung bietet einen Ueberblick über die Gesamtleistung. 
Da sind die Klassen für Buchbinderei (Lehrer Rehbein), die 
sich in den verschiedensten Techniken des BindenZ üben und aus 
gezeichnete Arbeiten aufzuweisen haben. Vorsatzpapiere, Einband 
Schmuck: alles wird in der Schule selber hergestM. Die fertigen 
Bücher werden dann verkauft, und aus dem Erlös neue MMria- 
lien erworben. Auch die anderen Abteilungen verfahren so, und 
tm es an Aufträgen nicht fehlt, kann die Schule fich zum großen , 
Teil ohne städtischen Zuschuß erhalten. Daß sie in geschmacklicher 
Hinsicht einen gewissen Einfluß auf Industrie und Gewerbe aus- 
ZuWsn vermag, beweist der Erfolg der Portefeuille- Arbei 
ten, die, wie es heißt, gerne als Muster verwandt werden sollen. 
In den Buchdruckerkursen (Lehrer Biering) genießt neuer 
dings der Dreifarbendruck Pflege; mit welchem Gelmger^ beweist 
das sorgsam aus geführte Blatt vo n H olbeins „Mann mi t der 
Nelke" Reich gegliedert find die graphischen Kurse» 
Zeichnerisches Studium verbindet sich mit praktischer Uebung, und 
alle typographischen Künste (Lehrer Kühn) werden auf eine gute 
Hohe getrieben Reif werden zur PvMs: das ist auch in der 
Schreiner-Abteilung (LchrweMätte, Lehrer Ziegler) oberster 
Grundsatz. Die Zöglinge arbeiten sich bis M den schwierigsten 
Details durch, und sind sie erst in der Oberstufe angelangt, so 
wird ihnen die Verpflichtung auferlegt, im Laufe des Jahres selber 
ein Werkstück anzufertigen. Die einzelnen Stücke: Schränke, Tische, 
Stühle, Kasten stchen Zur Schau; sie haben ein solides, schreine^ 
gerechtes Aussehen und zeugen von geschmacklichem Simu Neben 
den'Schreinern seien die Wagner und Küfer nicht vergessen. 
Auch eine freiwillige Abteilung für den Karosserie-Bau, 
die sich feit kurzem erst aufgetan hat, legt bereits ihre Proben 
vor. Die gezeigten Arbeiten veranschaulichen den Anstieg und 
WM Freude, tme Ammr mehr Technik MvLchA 
immer mehr die schwierigen Probleme angegriffen und bewältigt 
werden. Damit bei den Schülern der Raumflnn fich entwickle, ist 
ein Kursus in Perspektive (Lehrer Mangold) eingeführt, der 
jedermann Gelegenheit gibt, fich die Darstellungskunst von Innen 
räumen, Straßenfluchtm usw. anzueignen. Erwähnt seien in 
diesem Zusammenhang gleich -die Kurse für Stickerinnen, 
Tapezierer, Dentisten mch Photographen. Man 
fleht überall tüchtige Leistungen, die das Lehrgeschtck der Leiter be 
zeugen. Besondere Begabungen trifft man in der TaMklasse für 
Buch- und Flächenkunst (Lehrer Windisch) an. Linoleum 
schnitte, Silhouetten, Schriften und Plakate werden hier darge- 
Loten, die teilweise über den Durchschnitt weit hinausragem Solche 
Erfolge sind natürlich mit dem Lehrer zu verdanken, der schon die 
Schüler der Unterklasse zu trefflichen Arbeiten anleitet. Auch die 
Tagesklaffe für dekorative Malerei und Kunstge 
werbe (Lehrer Pros. Nebel) zeigt ein recht befriedigendes Niveau» 
Sie treibt PflEzenstudien, me dekorativ ausgewertet werden, übt 
sich im Erfassen der menschlichen Gestalt und zieht Landschaft wie 
Architektur in ihren Bereich. In der Bild Hauer klaffe 
(Lehrer BLumler) wird das Hauptgewicht auf die plastische Ge 
staltung von Ornamenten gelegt, die mehr als figürliche Korw 
Positionen in der Praxis Verwendung finden. Schließlich ein Hin 
weis auf die Vorbereitungskurse, in denen Schüler von 
zehn bis vierzehn Jahren ihre Fähigkeiten entwickeln können. Sie 
erhalten Unterricht in Freihandzeichnen, Zirkeheichnen, Papp- 
arbeiten und Kneten und werden derart schon frühe Wr Ausbildung 
ihrer Gaben angeregt.
        <pb n="24" />
        Von Bergeshöhm und GefSngniszeÄerr. Die Hanbkuntz 
in dem Fllmstück: ^Firnen rausch", das in der Reuetz 
LichtSühne vorgeführt wird, ist so Menkitschig, daß man die 
Seele um des Kitsches willen erträgt. Toni heißt der Me Buch 
der da stirbt, wenn er liebt. Jung noch, treu und unschuldig, 
ernährt er durch seine Bergführertalente Mutter und Geschwister 
un d so gin-ge es wohl fort und fort, käme nicht jene nette Künst* 
Mn ins Dörfchen, die sein Herz bezwingt. Er klettert mit ihr 
aus Pflicht und Neigung in seinen Bergen hemm und stürzt sich 
plötzlich von einem Felsen in den Abgrund, weil alles halt gar so 
hoffnungslos ist. Das erste Mal noch ohne tödliche FMen: A 
zu feinem Glück oder Unglück, läßt sich nicht leichthin sagen, denn 
wäre er 'gleich geblieben, so Wie er nicht ergeben müssen, daß dir 
Angebetete M in einen vornehmen melancholischen ZWoßherm 
verliebt, den seine Frau^ eine Weltdmm, zu Tode peinigt. Dies» 
Frau, denkt Toni in seiner schlichten Kolportage-Phantafie, muß 
beseitigt werden, damit sein gMebtes Fräulein mit ihrem Melan 
choliker sich vereinigen bann. So denkt er und springt zum zweite« 
Mal in die Tiefe, fetzt aber das Flatterweib mit sich reißend, dk 
als Lebende so empfindlich störte Bei Fackelschein findet man bis 
Leiden Leichen. Die Wasser rauschen, und grÄhrt rÄenM daS 
Fräulein Tonis Liebs, die ihr und dem ebenfalls gerührten 
Schloßherrn die Freiheit zum EhebuM schenkt. Die ungerührt» 
FcksenMcht des ZugspitzgebiM ringsum wird in heEchen 
Aufnahmen vergegenwärtigt, wie überhaupt Szenenfolgen und 
B Maus schnitte jede Anerkennung verdienen. — Als Beipro»« 
gramm immer mal wieder eine amerikanische Groteske: »LarrH 
Sernon im fidelen Gefängnis". Die Verbrecher MÜ 
Larry an der Spitze brechen ein und aus, sie fliegen bei aus« 
gehobenem Schwergewicht durch die Lüste und fangen die Gefän^ 
niswärte-r, die wiederum sie verfolgen. Die BeweMM an sich 
wich hier Zum einzigen Sinn. 
Arankfurter Angelegenheiten. 
Eröffnung der Kunstmeffe. 
f Sonntag vormittag wurde, ganz unfeierlich, die Frankfurter 
Kunstmesse im Römer eröffnet, die nach alter Gepflogenheit 
den Auftakt zur HauptmLsse bildet. Auch diesmal hat das 
Meßamt, sewLT kulturelle Verpflichtungen eingedenk, in den 
Römersälen eine Ausstellung Veranstalter, dre ein wunder 
volles Stück deutscher Vergangenheit vor Augen führt. Sie 
umfaßt den Marn und ferne Kunststätten. Ihrem 
verdienstvollen Organisator Dr. Lüb Lecke ist es gelungen, 
das Wirker: früherer Jahrhunderte in jener mlturgesättigten 
Landschaft lebendig Zu vergegenwärtigen. Kulmbach, BamberA 
Würzburg. Wertheim, Aschas fenburg/Hanau haben Werke von 
hohem Kunstwert entsandt, und werden selber an zahlreichen 
alten und neuen Abbildungen dargestellt, die von der selbstver 
ständlichen Schönheit dieser mit der Landschaft innig verwachse 
nen SLavtorgänism Zeugen. Neben den Schöpfungen osr 
Maler, Bildhauer, Architekten sind Gebilde der Kleinkunst und 
handwerkliche Leistungen vertreten; Kostbarkeiten in Fülle, die 
Zum großen Teil der Zeit des Barocks und Rokokos entstammen. 
Die Kunstgesinnung Zu erfahren, oie sich in ihnen allen aus- 
drückt uno auch dem Gebrauchsgegenftand noch ein Gepräge ver 
leiht, mag gerade für den Meßevesu nicht ohne Wert sein. 
Daß die Ausstellung so reich beschickt worden ist, hat man nicht 
zuletzt dem Entgegenkommen der Städte — die bayerischen wer 
den in dieser Hinsicht sehr gerühmt — und der Privatsammler 
zu danken. Erstaunlich, welch umfängliches Material die Samm 
lung Winterhelt in Mltenberg Matze fördert, die sich 
auf 'das gesamte fränkische Kunstschaffen erstreckt. Die Kunst 
messe im Erdgeschoß bietst im ganzen das übliche Bild. Was 
das Arrangement betrifft, so jttcht eine kleine Sonderschau für 
angewandte Kunst durch chre straffe Aufmachung ange 
nehm hervor. Wir werden über die Ausstellung und die Kunst 
messe noch ausführlicher berichten. 
Herr Bildhauer Henning (Berlin) nahm an der Jur 
nicht teil, weil die kaum sebr wesentliche Trennung der Hand 
werks- und Jnduüriserreuaniffs mcht srrena durkb^eMrt werden 
konnte. .
        <pb n="25" />
        Vrokestaulismus und moderner Geist. 
Ein Vortrag Gogartens. 
Vor kurzem sprach Pfarrer Friedrich Gogarten in Frank 
furt über das Wesen des Protestantismus. Der nahezu 
zweistündige Vortrag brächte vorwiegend eine Auseinandersetzung 
mit dem „modernen Geiste", das heißt mit dem nachkantischen 
idealistischen Denken, dessen Bestimmungen Gogarten in 
scharfer Zuspitzung die Bestimmungen des echten, des r e formn- 
tori scheu Protestantismus entgegensetzte- Von der Dialektik des 
in der Denksphäre — oder doch an ihrer Grenze — sich absprelendsn 
Kampfes Mit der idealistischen PHilosophie scheint Gogarten so ganz 
ergriffen, daß auch sein? ins Positive weisenden Aus-agen noch die 
Spuren dieses Kamvfes tragen; wider die idealistische These wird 
hart die Antithese des Protestantismus auffgerichtet, und ein 
prinzipieller Gegensatz — prinzipiell und unversöhnlich, wie Gegen 
sätze lediglich im Bereich des Denkens sind — tut sich zwischen 
beiden Positionen auf. Ob solche konstruktive Entwicklung der pro 
testantischen Position schon auf dem -eigenen Grunde dieser Position 
erfolgt oder nicht am Ende sich noch innerhalb der Sphäre des 
Idealismus selber vollzieht, sei hier nur als Frage aufgeworftn, 
da eine kritische Erörterung der Haltung Gogartens anderer 
Zurüstung bedürfte. Der folgende Bericht beschränkt sich bewußt 
auf eine sachliche Wiedergabe des Vortrags, insoweit er gegen den 
Idealismus sich wandte; die prägnanten Formulierungen uns 
Gegenüberstellungen Gogartens sollen hierbei nach Möglichkeit ge 
treu in das Referat einbezogen werden. 
Der Protestantismus hat auf zwei Arten seinen Frieden mit 
der modernen Welt geschlossen: entweder er zieht sich mit schlechtem 
Gewissen von ihr zurück oder er aeht mit autem Gewissen^ nahezu 
der Idealismus die Wirklichkeit zu gewinnen, wenn er 
das Ich aus der Sphäre der Bedingtheit loslöst und 
in die Sphäre der öindungslosen Freiheil erhebt. Es 
gehört die ganze Blindheit des modernen Geistes dazu, um nicht 
- zu sehen, daß von diesem Persönlichkeitsgedanken nicht die Spur 
bei den Reformatoren zu finden ist. Das Ich nämlich, das sie 
meinen, ist gerade keine Idee, sondern wird wirklich nur dann, 
wenn es auf seine Verabsoluti-erung verzichtet und sich in die 
Bindung durch das Objekt hineinbegibt. Im Gegensatz 
zu dem schlechthin schöpferischen Ich des modernen Individualis 
mus weiß ihr Ich sich von derselben Macht geschaffen, die auch 
das Du geschaffen hat, und die Gegebenheit des Ich und des Du 
wie ihre Unterschiedlichkeit wird von ihnen Gleicherweise anerkannt 
Der „Anspruch des idealistischen Ichs, allein Wirklichkeit zu sein, 
enthüllt sich von hier aus als widergöttliche Üeberheb- 
lichkeit, die sich an Gottes Stelle selber setzen möchte/ 
In seinen folgenden Ausführungen ging Gogarten noch auf 
das die Wirklichkeit konstituierende Jch-Du-Verhältnis näher ein. 
Er wies hierbei in „sehr zugespitzten Prägungen die Auffassung 
ab, daß dieses Verhältnis durch die sittliche Tat bezeichnet 
und begründet werde. Für die sittliche Tat, so führte er aus, die 
ihr Gesetz in sich selber trägt, ist das Ich das erste Wort, und ste 
kennt das Du lediglich als gleichgerichtetes Ich. Damit entschwindet 
ihr das Du unter den Händen, und ein Ich Reibt zurück, das 
feinen Gott nur. in sich hat, das also selber auch entschwindet. 
Wirklich aber wird der Mensch nicht, wenn er l sich auf seinen 
innersten Grund zurückzieht, sondern wenn er dem Du begegnet. 
Diese Scheidung, diese Grenz.? aushalten, statt sie aufheben, heißt 
in der Wirklichkeit stehen, die immer Zweiheit, Ich und Du ch 
Nur wer die Grenze gewahrt und wahrt, kann den Ngmsn Lieb 
für die Wirklichkeit nennen. Mit dieser Liebe ist nicht der Eros 
gemeint, von dem nach Gogarten das Gleiche gilt wie von der 
Mlicken Tat: daß er das Du nicht anerkennt. Zwar w- 'ü er irn 
völlig in ihr auf. Das Dogma von der Identität des Protestantis 
mus mit dem modernen Geist wird heute vielfach verkündet. Man 
läßt mit der Reformation die Neuzeit beginnen oder schiebt, wie 
Troeltsch es tut, den Altprotestantismus dem Mittelalter zu, um 
dafür den Neu protestantismus umso entschiedener mit der 
modernen individualistischen Kultur in Einklang Zu bringen. 
Gogarten verwirft diese These. Oder vielmehr: er stellt fest, 
daß nicht der Protestantismus der Reformatoren, sondern allem 
der Protestantismus der Täufer, Spiritualisten und 
Humani st e n kontinuierlich fortwirke. Die Bedeutung des eigent 
lichen Protestantismus für die moderne Welt ist dagegen nach ihm 
eine lediglich negative; er hat nur die Hemmungen beseitigt, 
die der Katholizismus dem modernen Denken noch entgegensetzte. 
Der Versuch Troeltschs, zwischen dem Protestantismus und dem 
modernen Geist Frieden zu stiften, ist darum in Wahrheit auf Kosten 
des Protestantismus erfolgt. 
Obwohl der protestantische Mensch genau so wie der katholische 
durch den neuzeitlichen Individualismus vergewaltigt wird, darf 
man sich doch der bitteren Erkenntnis nicht verschließen, daß der 
Protestantismus bei dem Aufbau der modernen Welt mittel 
bar stark beteiligt ist. Die Reformatoren haben der Einheit des 
Katholizismus, wie brüchig sie auch schon vorher gewesen sein mag, 
den entscheidenden Stoß versetzt und haben das mit vollem 
Bewußtsein getan, da sie die sakrale Gültigkeit der katho 
lischen Formen und Bindungen als menschliche Willkür empfan 
den. Aber freilich, sie haben die Freiheit nicht um der Freiheit 
an sich willen gesucht, sondern unrechtmäßige Bindungen um der 
rechtmäßigen willen zerreißen wollen. Wenn sie auch den Anspruch 
der mittelalterlichen Kirche, das bürgerliche Leben mit Gewissens 
autorität zu. umgreifen, zurückweisen mußten, so erhielt doch dieses 
bürgerliche Leben durch sie seine wahrlich nicht geringe Bindung 
von der Erkenntnis des Geschaffenseins und der Sündhaftigkeit 
her. Sie überantworteten es dem Diesseits, aber das Diesseits 
hatte für sie eine Grenze, es war ihnen noch Wirklichkeit. Auf 
dem Grunde der reformatorischen Tat erwuchsen in der Folgezeit 
neue kirchliche Kulturen und ihre Mehrheit, die dem Ge 
danken von der Universalität widerspricht, hat Zuletzt dem 
neuprotestantischen Ideal der „Jnnerweltlichkeit" völlig zum 
Sieg verholfen. So ist der Protestantismus allerdings an her Bil 
dung der modernen Welt beteiligt, denn die Entkirchlichung 
der Kultur und- die Entfesselung der Kräfte ist 
durchaus auf ihn zurückzuführen. Nur sind jene Kräfte bis auf den 
heutigen Tag fessellos geblieben, während der echte Protestantis 
mus seinem tiefsten Wesen nach gerade Bindung verlangt. Diese 
Bindung an die Wirklichkeit ist der Protestantismus 
der Welt noch schuldig geblieben. 
Inwiefern ist nun die protestantische Lehre, die Lehre der 
Reformatoren. Wirklichkeit? Sie ist es gar nicht selbst md 
an und für sich, sondern sie weist nur hin auf die Wirklichkeit, 
und lediglich insofern sie auf diese hinweist, ist ste Wahrheit. 
Der reformatorischen Lehre ist es ergangen wie allen Lehren: man 
nahm ste selber für Wirklichkeit, und schon unter den Augen der 
Reformatoren (in der Konkordienformel) begann ihre Erstar 
rung. Ist es demgegenüber nicht ein Verdienst des idealistischen 
Geistes, wenn er jene Erstarrung auflöst, indem er ste historisch 
begreift? Wenn er die protestantische Lehre dadurch in Mythos 
und Symbol verwandelt, daß er sie Zu einer allgemeinen Ver- 
nunstwahrheit umprägt (Troelts-ch) und die „Einigung mit Gott* 
aus Ende seht? Ein wichtiges Element des Protestantismus, dies 
nämlich, daß es in Wahrheit nur die persönliche Entschei 
dung gibt, scheint damit gerettet. 
Indessen die Rettung ist scheinbar, denn tatsächlich weist dich 
idealistische Uebersetzuna der protestantischen Lehre nickt mehr anst 
das Objekt hin, sondern kennt allein das autonome Subjekt. Sie ! 
wäre in ihrer Vollendung Ausdruck des absoluten Subjekts., näm- - 
lich Gottes selber. Während Wirklichkeit der unlösliche Wider 
streit von Ich und Du, von Subjekt und Objekt ist, glaubt 
Dsr MaU M seise ßunststStteu. 
f' Ausstellung der Frankfurter Kunst m-esse. 
Wer, oder vielmehr junger Tradition getreu, hat das Frank- 
surter Meßamt auch dieses Mal in den historischen Römer 
sälen eine Ausstellung veranstaltet, die ein Stück vergangenen 
deutschen Kulturlebens der Gegenwart nahezubringen sucht. Dies 
gerade, daß ste der Messe zeitlich und räumlich angsgliedert ist; 
verleiht ihr eine gewisse erzieherische Bedeutung; zeigt* sie doch 
Gegenstände in Fülle, die einer kulturell gesättigteren Situation 
als" der uusrigen entstammen und darum einen tauglichen Maß 
stab zur Beurteilung des heutigen Kunstschaffens hergeben mögen. 
Er. Lübbecke, der Organisator der Ausstellung, hat sich, wer 
früher schon, ein Legrentes Thema gewählt. Er führt den M a i n 
und seine Kunststätten in Werken und Bildern 
vor, und die dargereichtm Kostproben genügen immerhin, 
um jenen gemeinsamen Grund ahnen zu lassen, aus dem in man 
chen Perioden unserer Geschichte Kirche und Haus, Gemälde und 
Werktags ding erwachsen sind. KulmÜach, Bamberg, Würzburg 
Weckheim, Aschaffenburg, Hanau haben bereitwillig ihre Gaben 
entsandt: Bilder des MiLLelalters und späterer Zeiten, Skulpturen, 
Schöpfungen der Kleinkunst und Stücke von mehr lokaler Eigenart. 
Unbe^nntere Einzelleistungen gesellen sich zu typischen Erzeug 
nissen, und gewiß nicht allen Werken kommt ein gleicher Kunstwerk 
z.u Wer jedes hat irgend eine charakteristische Beziehung zu dem 
Orte, dem es zugehört, und ist eingetan in die Heimatsatmosphüre, 
die das ganze Kunterbunt umwebt. Um die Mannigfaltigkeit fühl- 
Zbar zu machen, seien auf gut Glück einige Namen und Sachen ge 
nannt. Dicht Lei Hans Süß aus Kulmbach, der mit einer klei 
nen Bildfolge austritt, prunkt herrlich der Kulmbacher Gold- und 
Silberschatz, ein Ueberbleibsel aus dem dreißigjährigen Krieg; zu 
der illustren Gesellschaft der Lukas Cranach, Liepolo und 
Michael'Wohlgemut findet sich -etwa Januarius Zick oder 
der Nokokobildhauer Peter W agner, dessen Sohn die Samm 
lung antiker Vasen in Würzburg angelegt hat, die eben 
falls mit anten Eremvlaren vertreten ist: neben Dam - 
wer-Porzellan (aus der Sammlung des Komme rzienrats 
Sckmidt-Prhm zu Aschaffenburg) entfaltet sich Hanauer Majolika, 
und viele Gefäße aus Fayence, Zinn und Glas, die so gar nicht 
kunstgewerblich "anmuten, bezeugen die Handwerkstüchtigkeit und 
achtbare Kunstgeflunung . der fränkischen Bevölkerung. Die 
Städte selber, organische Gebilde, die sich dem Main anschmie 
gen und ganz mit der Landschaft verschmelzen, werden durch 
seltene Stiche und Radierungen veranschaulicht. Treffliche pho 
tographische Aufnahmen vermitteln einen Eindruck von Schlossern, 
Jnnsnraumen, Plätzanlagen und architektonischen Details. Stets 
fügt sich das Einzelne Zum Ganzen, und auch die großarugen 
BauscNpfungen der Schönborns stehen nicht rein für sich. 
Handschrift und Denkweise der bedeutendsten fränkischen Bau 
Meister, ss Neumanns, Dietz enhofers, Küch els, lernt 
Mim aus Originales kennen, deren Studium einen Lesow 
I deren Genuß gewährt. Die Reichhaltigkeit des Materials ist außer j 
den Städten und Museen dem Entgegenkommen der Privatsammler ! 
zu danken; vor allem die Sammlung Winterhelt in Milten- 
berg, die sich auf das gesamte fränkische Kunstschaffen erstreckt, 
hat einen großen Teil Her Leihgaben beigesteuert. Unerfindlich 
bleibt, warum etliche mindere Oelgemälde neueren Datums ein 
bezogen worden sind, die sich vergeblich um den Stimmungsgehalt 
der Mainlandschaft bemühen. Hier wären die Bilder Berufener, 
etwa Fried Sterns- am Platz geweftn, die den eigenen Reiz 
des Flusses und seiner Ufer wirklich erschöpfen. Lr.
        <pb n="26" />
        Mesie-Veglnn. 
OrientülijcheS LirbeSleb«. Durch sieben Akte schlingt sich 
62) 
Mit Asta Nielsen in der Hauptrolle. 
5LQ. 
g-cgen. Harald Lloyd, der in-einer Groteske ouftritr, mag 
weniger Kultur besitzen als ein Lagdader Bazar-Jnhaber, aber 
er ist dafür auch nicht so entsetzlich gründlich und ersetzt die 
ihm fehlende Würde durch eine Frechheit,.die amüsiert. Stets 
erwicht man ihn in klaZrantst und ob er einen HinmerstaÜ um- 
wirfr, oder zu seinem Vergnügen Ohrfeigen erteilt: er handelt 
immer nur aus Versehen, und Vewcgung ohne Maß ist das 
Element, in dem er gedeiht. — Das überreiche Programm ent 
hält außerdem noch eme Sittentragöd'.e: „Gras Sylvains Rache" 
Bsrtüg - e r M,e i c .. r t als träte MM Me Mise 
an. Man hat das Kursbuch befragt, den Fühoer studiert und 
befindet sich nun mitten im Ausbruch. Koffer stehen umher, und 
im Vorblick enthüllt sich schon halb die fremde Gegend, Ob sie 
-.dem Bilde gleichen wird- das man von ihr in sich trägt? 
Vorbereitungen und Hinweise versetzen in SpammnG und 
die Erwartung ist groß. 
In. der Stadt bereits kündigt sich daß Komnrende em. 
! REame--Aushau1cn werden' geMsE" mrv Kandelaber um 
! gürten sich wie im Vorjahre mit dem Halskragen eines Mar- 
! garine wertes. Auch hinter den Schaufenstern vollzieht sich 
manche Umwandlung; man räumt aus und räumt ein und 
trifft alle Anstalten, um sich ins günstigste Licht Zu setzen. Ver 
hältnismäßig weit, vorgerückt sind die Arbeiten am Bahn 
Hofs platz. Ueber den Eingangspforten deß HauptbahnhsfeS 
prangen, weithin sichtbar, die großen Plakate der Frankfurter 
Societäts-Druckerm mit dem ornamental vortrefflichen Verlags» 
Signet; Zur Linken zeigt das „Illustrierte Matt" sich an und M 
Rechten meldet sich die „Frankfurter Zeitung" als das „Blatt 
für Wiederaufbau durch Arbeit und Kultur". Gleich in der 
Nahe, gegenüber dem Schumann-Theater, wächst -die Reklame 
einer Schokoladenfabrik auf, eine angenelyns Neuerscheinung 
unter dm alten Bekannten. ALberhaupt hat man die Empfin 
dung, als mache sich im Rekbamewewn eine ganz leise Wen 
dung zum Besseren bemerkbar; ein Urteil hierüber wird man 
-allerdings erst in einigen Tagen gewinnen können. 
In der Nähe der Messe nimmt das Gewimmel Z-u. 
Die Autos führen vulloewiMige Last und die Trambahnen 
Die Ue heute eröffnet wird, P M im Jet--! 
Heu der Stabilisierung. Wem hat Lshaupim,' tmß sie kewe' 
EMenZberechÄWN-g mehr besitze, wenn der Inflation ein ! 
- Ende gesetzt sei; aber sie denkt nicht daran MsMMMnZuschmwp-i 
fen, sondern blüht trotz oder vielmehr gerade im Schutze der^ 
Rentmmark ruhig weiter. Als Beweis hierfür mag genügen,' 
! daß mindestens Zweitausend AuSsLZllungslustige 
abgewiesen tmrden mußten, unter denen allein tausend 
siK für Ne. Festhalle meldetem Was nicht hirLert^ daß dew- 
nsch ein Teil der Bewerber zugereist ist, um sich irgend eirr 
Plätzchen zu erobern. Nun ist der Raum ss suKMwtzt, daß 
kaum die bekannte SLeckw.M noch Zu Boden fallen k&amp;lt;m7t, und 
dem starken Zudrang entspricht, wie allgeansin beobachtet wird, 
die optimistische SLimunmg der Aussteller. 
Außerordentlich zahlreich sind die Anmeldungen der Ein» 
kaufe r, die dieses Ddal gleich gewaltigen Schwärmen. 
rücken werden wie zur Zeit der bestbrsuchten Messe, der FrÄh^ 
jshrsmesse 1923. Die Besucher rekrutieren sich zuEist mrS 
dem Inland, das ein großes Kaufbedürfnis zu yegen scheut; 
aber auch das Ausland ist befriedigend vertreten. Welches 
! Interesse mmr von behördlicher Seite der Messe entgegen- 
bringt, geht hinreichend deutlich ouS den. angckündißten Ge 
suchen der Mstst st er hervor ' OL ilM Anwesenheit nur d^er 
Messe gilt, bleibe dahinLeswüt; jedenfalls verdient die Tat 
sache verzeichnet zu werden, daß am KwÄ^n Messetag der 
Reichskanzler mit den Ministerpräsident e n zu-- 
samMMtrifft. Auch andere illustre^ Gäste: ss der Hamburger 
Oberbürgermeister Dr. Peter? en und Geh. Rat Dr. von 
Monde! lohn, der Präsident des Industrie» Md Handels- 
t-ages, beehren übrigens die Messe mit ihrer Gegenwart. 
Schließlich ist der Kongresse zu gedsnk-en, die sich in Zu 
nehmendem Maße der Messe angliedern. Die Schuhhändler, 
Optiker und andere Verbände lagen hier, uns der Radio-- 
t a gar gibt der Messe ein besonderes Gepräge. Me diese 
Zurüstungen, Besuche und Veransmätungen deuten darauf 
hin, daß sich die Frankfurter Messe bereiLL sicher einMLürgert 
hat und zu emem^lebenswichtigen Element der deutschen Wirth 
schaft geworden ist. „ Al b s s A r n i z e e n ich r e s n t - d iW afü « r, d d e a r ß vo d n er de O r lM Ä M ef s f^ - 
gy , . 
l«1ung aasge^yneoene archit&amp;lt;ktontIq « W «1 tb« w« rb, 
der am 1. D«M a«»ae.ragtv werden soll. Er bekundet nicht zu 
letzt, vatz sich dre Leitung chrer kulturellen Pflichten dem ihr 
-nannvveerrttrmauutteenn. Gebilde -geeagenüber lb-ewußt iist und läßt nmeue 
Bauten ahnen, über deren Ausführung fveillch erst die- Zu/ 
hmft Etkheiden kann. 
sind mit geheimnisvoll verschnürten Gsgenständen jeden For-- 
rnates besetzt, die von ihren Begleitern sorgfältig behütet wer 
den. Schilder hier und dort erklären breit, daß ihre JMWer 
dM Meffehesuchern Zu mancherlei nützlichen Zwecken zur Der- 
fügung stehen. ButEn erheben sjch im Nobgerüst und Farü- 
' flecke wage??, sich an die unwahrscheinlichsten Orte vor. Gelassen 
liefert der Platz der Republik sich dem Treiben aus. Auch. an 
den Eingängen zur Messe überwach noch der Fährverkehr. 
Vehikel aller Art stauen' sich hier und laden ab, was das Zeug 
hält.-Ein krasses Durcheinander, das Methode hat und sich» 
"zusehends entwirrt. Von den oberen Arkaden der Festhalle grüßen 
schreiend die PavaaeieMn-e der Reklametafem mid auch andere 
&amp;gt; prostone Geräusche menaen sich ein Erhaben über das Stim--! 
' ymrWM, M Mrf HMZ. WeMrmö, der FMaN 
und dem Nadishaus drti N i e s e na n ten nen empor. Sir 
lind der au-dringlichen Nähe nicht hold, und entsenden, wenn 
jchon gesprochen werden muß, ihre Wellen lieber m bis FMk, 
Auf dem Messeglände seA&amp;gt;er und in dm Hüllen 
gähnt MMNist noch ein bares Nichts, das erst HUM Etwas 
W-erden möchte. Man ist geneigt, -an Armb-erei zu glauben/ wenn 
LMN sich vor Augen halt,, daß binnen vierundZwünZig StundeN 
Kauft und Selbeute auf ihre Kosten kommen. werden. Freilich 
sind Viele Heinzelmännchen bei der Arbeit, um die Kisten Zu - 
schmeißen. Das „Haus der Bücher" ist vorerst ein Haus ohm . 
Bücher und auch in der Schuh- und Lederhalle harrt' die 
Mehrzahl der Kojen noch ihrer Füllung. Fragments fast über 
all. Und doch verzweifelt man nicht an der rechtzeitigen Vollen-, 
düng, den die tausend Hände- die anstveichen^ monüeren, aus-» 
packen, dekorieren, CigareLtem entzünden und nach dem Früh 
stück greifen, bieten Trost und Beruhigung. Man weiß: - die 
kahlen Flächen im WeMundhaus find morgen nicht mehr kahl 
fund der Rupfen, der heute in deBFEHalle aus gemessen wird, 
dient morgen als HmMHrund für Textilien ohne Zahl.' Es 
muß doch Frühling werden! 
So wandert man unbeachtet gestoßen und selber 'stoßend, 
zwischen haldenLschül.'en Tragen und beflissenen Menschen von 
Raum Zu Raum und süblr sich sehr überflüssig in dem 
triebe. Ueber den fteien Platz wird man zum „Haus der Tech« 
? nik" getrieben, in d-em man sich vorsichtig vom Fleck tasten 
. muß. Um nicht erdrückt, zerschlagen, oder "gerädert- zu werden, 
Unheimlicher Eiftr ist hier am Werk. Aus den Kisten kriechen 
eiserne UngesHApft henchr, monströse Gebilde.von Phantast!-, 
schern Aussehen türmen sich ruf, dT blitzen und funkeln und' 
sicherlich technisch sehr wohlgeratm sind und über dem allem 
waltet der ungeheure Laufkran seines Amtes, der die Mw 
schmenteile so oehutsa-m an Ort und Stelle befördert, als seien 
es Säuglinge, die Zartester - Schonung bedürfen. Man kommt 
. sich' selber wie ein .Säugling vor und entflieht dem Lands 
Bsbdrignag. 
Ein letzter Mick mit dem Nadiohau s. Dünne Drähte 
baumeln von der Decke hemb und s Z den ihnen ZubMimm^ 
Leu Empfänger. Vorderhand Mt man h noch in der Kunst 
der Hintergründe, aber weAw.nb uzei-chsn. trügen, wird 
man hier rechtzeitig hören können/was auf dem Kontinent sich 
begM. Vor der Halle dehnt sich ein Schalltrichter wie ein 
Lindwurm blinzelnd in dcr Sonne, die der Messe anscheinend 
ihre Gunst bezeigen will. 
E Leid der Grenze, aber er w« die reMse Derschmehunä des 
r ihrer Unterschiedenheit nickt. Wirk ¬ 
lich ist jedoch der Mensck nur dann, wenn er geliebt wird mit^inii 
LreLe, die selber keim Sucht ist, und mit b«r Tat Lezeugt daß er 
^dieft Lrebe als Wirklichkeit erfahren hat. Gott allein ist ihrer 
§ mächtig, er allem ist der in sich Wirkliche ryrer 
Zum Schluß faßte Gogarten seine Ausführungen dahin ru 
fammen, daß mr fogmannten Neu pro t estantismus 
nichts mehr vom echten Protestantismus ^ 
Mblieben seü Dreher erfülle sich erst durch die Bindung an 
kkk?^ort"Er ^tan&amp;gt; wenn sein 
letzres Wort FrerherL heiße. 
62) der LiemLroman: »Die Teppich!nüpserrn von Bag» 
wab^lich ^ein Or^sntexpretz,^^^ ebenfckwenig^Taujend- 
Le^br« Nacht Eine Lieoesgcjchrchre mit Zusatz von Seele 
. .g , 
v * z-ürtei und Indien: mehr kann man billig nicht verengen. Der 
i. ^Q.L?enq.lichL Konsul in Bagdad liebt des TeppichknüpferS Pftege- 
vochL.r, die der K^alliirf öhTeiKß Lbeagebhrt. Wäahrend der Engländer 
Zu irgend einem Maharadscha reist — rn Regierungsgeich-ffren 
wie es heißt — führt der Kalif die Braut heim, die aber seiner 
nicht froh werden mag, da sie nur ihren Konsul ersehnt. End 
lich -- endlich! — lehrt dieser zurück, und war er umerwegs 
schon krank, so wird er noch kränker als er das UnheN erfährt. 
Er sch eicht sich in den Pamst ein, wo ihn der Kauf richtig bemi 
Löte-ü-tSte entdeckt. Schlimmes liegt in der Luft, und der 
Knoten schürzt sich so bedächtig, als sei e? rmt der Zeitlupe aus 
genommen. Orientalische Dolche werden geschwungen, die aber 
zum Glück nicht trMen, und G.ste getraut, die wohlweislich 
nur scheintot machen. So fügt sich denn nach unwahrscheinlich 
vielen retardierenden Momenten im sieb-cuLen Akts alleszum 
Gute Das schwer g iprüfte Liebespaar segolt in den H sen 
der bnrgerlichen Ehe ein, und ein Nachsehen hat nur der Kauf, 
den Allah mit Wahnsinn umnachtet, damit die Historie mora 
lisch schließe. Für den Krebsgang der Handlung sollen o^en- 
bar d e Reize des Orients entschädigen, die der Regisseur öe- 
flisse entsaltet. Hundertmal durchschreiiet der Kalif den in 
Eure komponierien Harem, der sichert.ch türkischer als der 
türkn ite Harem ist, und geradezu die Idee des Harems exem- 
Plifi z rt; und hnmderLma! wandelt der Teppichhandler in 
seine Bazar umher, dessen Teppichprächte niemand ermißt. 
Dazwischen Tänzer innern Eunuchen, Mohren, kurzum, es wim 
melte von Turbanen, und der wc st-östliche Divan ist n.chts da-
        <pb n="27" />
        Zwischen Mittenöerg und Wertheim baut sich hinter bleichender 
Wäsche FreudenLerg auf. Eine in die Längs gezogene Viel 
heit von Farbflecksn in Claude Monet-Manier, von der schnür- 
graben MäLnbrücke mitten durchbohrt. Das riesige Burggemäuer 
oder Sekundaner ergeht sich mit Pinsel und Farbe in Märchen« 
Illustrationen, und auch expressionistische Versuche, die schon das 
Radio mitverwerten, s-ehlen nicht. Die Freiheit, die der Unterricht 
den verschiedenen^ kann nur zum Vorteil ge ¬ 
reichen, dg sie zur rechtzeitigen Entdeckung von Talenten führen 
mag, die frühe Förderung verdienen. Gedächtnisübungen, unter 
denen Skizzen eines offenbar technisch sehr interessierten Schülers 
bervorrag.cn, und architektonische Studien nach der Natur ergänzen 
Bild. - Xr. 
Mamauswäris an Hellen Vorfrühlingstagen. Ohne die ihm 
eigene Fassung zu verlieren, wiederholt der Main, seine dunkleren 
Gründe verbergend, das blafft, reine Blau des uusüdlichen Him^ 
mels, und entfaltet eine bedächtige Heiterkeit, die ihn so gut wie 
die Umgebung kleidet. — Kurzer Aufenthalt in KFingenberg, 
bekannt durch setzn Tonbrrgwerk und seinen Wein- Ein dicker Tor 
turm unterbricht als einzige Zäsur die' endlose Straßenz-eile. Es 
ist der Sonntag der bayrischen Landtagswahlen, und so mengen 
sich in das GloLmgeläute Orchcherklänge eines svAEdLmstta- 
th-chen Lastautos, das die Mainbevölkerung zum Wahlgang er 
muntert. An der. Rathaustüre pl-akat^rt die VEtorländische Ar- 
beitsgemeinsckMst neben den kommumstischen Bilderbogen von 
SMLerzeichruMgM. DcS Wöhler« Realgymnasium 
verunstaltet eine Ausstellung von Schülerzeich nungen, 
die außer den üblichen Durchschnittsleistungen einige recht begabte 
Arbeiten enthält. Man hat den Eindrmst daß Zeichenlehrer Hege 
Mann nicht ängstlich nach der Schablone verfährt, sondern der 
Eigenart der Schüler genügend Spielraum Zu individueller Entfal 
tung läßt. Ein jugendlicher SatiEr zeigt eine Reihe gut gesehe 
ner Zetttypen, ein anderer mehr romantisch veranlagter Tertianer 
Eine Fähre setzt von Groß-Heubach nach Klein-H eub'ach 
über. Sechzehn -Munden.täglich- treibt der Fährmann von Ufer 
Zu Ufer, ein bewegliches Standbild mitten im blauen Fluß. Zwei 
grimmige Löwen oeroachen den Eingang zum Heubacher Park 
Links im Barockschloß residiert der Fürst von Löwenstein angesichts 
des Engelsberges, Zu dessen Wallfahrtskirche Treppen ohne Zähl 
geleiten. Wandert man auf wohlgepflegtsm Parkweg nach Mitten« 
berg, so bleiben Berg und Kloster bald zurück; nur der Main rauscht 
stets gleich nahe hinter Bamngruppem die ihn meist verdecken. 
In Mittenderg ist viel Mittelatter, und zumal der be 
rühmte Marktplatz halt, was die Ansichtskarten versprechen. Schloß, 
BMgwalh Wein und Sandstein verstehen sich von selbst. Hinter 
dem gotischen Rathaus tränt, seines Alters bewußt, das Gasthaus 
zum Riesen, in früheren Jahrhunderten die Herberge von Fürsten, 
heute gediegenes Quartier für Autofahrer, Sommergäste und 
Stammpublikum. Der Herr Professor hat hier seinen Mittagstisch, 
er wird oft mch gern mir Herr Professor angeredet, und man der-- 
ninmt sogleich, daß der Herr Professor am Sonntag keine Kar« 
toffeln ißt. Wahlen und schönes Wetter locken kleinstädtische Ele 
ganz auf die Straße, die zum Glück der noch nicht wahlpflichtig-en 
Jugend von dem musikalischen Auto durchfahren wirb. Alles ist 
zum Empfang der OsterMte bereit; in der Konditorei strömt 
Schlagsahne, soviel Du begehrst, Häuser sind frisch verputzt, und 
die Natur rüstet sich, zu grünen Eine Bahn sweigt nach Amor- 
öach ab, das nicht nur Ausgangspunkt für Odenwaldtouren ist, 
sondern freundlich sich selbst genügt. 
ä..ie or^inelle Illumination die Auf- 
z-ffebeßachcr. Verdeck- angebrachte Reflektoren 
bendstunden die schräg vorspringenden Dach- 
kstulien sich wirkungsvoll von dunklen Himmel 
ten an.dem Fabrikgebäude nehmen im übrigen 
ortgang. Das Erdgeschoß des fertiggestell^n 
Grosz — sichtbares Zeichen dafür, daß im kleinsten Oertchen 
Raum für achtundzwanzig Parteien ist» Die Klingenberger sind 
bedauernswerte 'Opfer. drrMüftausn; empfingen sie früher alljähr 
lich einen Tribut aus dem Gemrindesäckel, so müssen sie setzt wie 
ganz ordinäre Bürger ihre Steuern entrichten. Ein romantischer 
Schluchtweg fülwt zwischen bemoosten Sandstein seifen und noch 
unbelaubten BuchenMnrnen nach dem Bergch-erk; der Boden ist 
feucht und die kostbare rote Materie heftet sich zäh an die Sohlen. 
Zur obligaten Burg grüßt nachbarlich der GiMhahn «des nahen 
Kirchturms herüber, der auf RenaiMnoe-SKiralen in der Früh 
sonne schwimmt. 
Der blaue Main. 
Vorfrühlings-Wanderung 1Z2L 
Um von Lohr nach Aschaffenburg zu gelangen, nimmt sich der 
Main hinreichend Muße. Gemächlich windet er sich zwischen Oden 
wald und SpessarL, Baden und Bayern hindurch, nur bei Mitten- 
berg sich zu einem schMftren Knick entschließend. Ungezügeltes 
Pathos ist nicht sein Fall, und auch die Sucht Zu glänzen, die eitle 
Gier nach überraschenden Aspekten Liegt ihm fern. Still, sehr still 
vielmehr umschleicht er die geschwungenen Waldhügel, begleitet 
die rötlichen Terrassen der Rebenhänge und Zieht an Sandstein 
brüchen von bescheidener Monumentalität vorbei. Die schmalen 
Flachufer zu beiden Seiten bieten Raum für langgestreckte Dörfer 
und Städtchen, deren bunte Hausreihen, Fachwerkwände, Barock 
giebel und Kirchturmspitzen im Wasser gebrochen wiederscheinen. 
Chausseen, mit Bildstöcken und Vstivtafeln reichlich ausgestattet, 
folgen dem Fluß, und auf der Höhe lungern müßig verfallene 
Burgen, die sich nicht recht in die Zeit schicken mögen. Der Main 
selber duldet gelassen den Gegensatz von Ringwall und moderner 
Fabrik, von Nepomuk Brücke und Eisenkonstruktion. Er liebt es 
auszugleichen und das Häßliche schweigend zu mildern, denn er 
hat chon zu viel erfahren, um noch lärmend zu protestieren. 
SlaNvemS8M»-ver?smWlSFg. 
SiHDMZ VSM 16, April.. 
Die. von dem steLvertretenden'Vorsitzendeu Dr. Hertz, ge^ 
Mete Sitzung wurde mit Heu 
ANsschmßAnchmu pmr HaLAhLMpLaR MM 
eWffrml- 
Mr dm H a u p t - A u s schuß lMÜchiei SisdÄ, Korff 
kDem.)» der eine Reihe von AussÄuß-UnträKen zur Vorlesung 
bringt. Ohm Diskuffion angenommen wurde ein Antrag, der für 
eine wettere Ermäßigung d-er F re m d e n ste u e r eintritü 
Ferner fand ein Antrag Annahme, der den Magistrat um eine Prü 
fung darüber ersucht, sb nicht durch z wer v roz entige Er^ 
hsyunmder G runder w erL ssterrc r die schwer zu veram 
logende MertZuwachssteuev fortstMn könne. Desgleichen erfolgte 
die Annabme des Antrags mrf Erhöhung deZ Bauf 0 nds für 
BslkS-strnd Mittelschulen von M)(M auf 300 000 W., 
sowie auf sofortige Bereitstellung einer ersten Rate für den Neubau 
Eimer Vst» lksschule i n Ginnhei m» 
n ungestörtsn 
gels ist jetzt bezogen, und Architekt Voggenberger hat für 
- u !.u üue r/dä in jenem Detail den grasten 
aedanken wiederspiegett. Den FabEhof ziert ein polygonales 
-' das sich bei näherem Zusehen als Benzintank er- 
t. Wenn erst der-andere Flügel steht und die' Fassaden 'ver- 
t sind, werden die architcktoms^ Werte des vorläufig noch 
m.&amp;lt;rtarischen Bauwerks sich auch nach außen hin deutlicher 
daus.^?a8 Hochhaus gegenüber der 
Hoch.mus ist, erregt wahrend oer 
7 7 
^ls sseÜKtsr LaM LLMmslMnüs Mer ckm OB- 
LalNotttG 6er DttiloZopttV !Kt ÄW tt i t 0 8 0 p tt L G V 0 n 
6er UDNLi88LN66 dis L Ä n i" VON k i 0 d L r ä 
kllöni» 8 MLi 6 (NeMn, MMsr äs 6runter 
6s Oo. X, 300 8.). vL8 8uod, äss äsn Zod^arpundt 
Mk 6!d ^roksn 8.y8lNMAti8vdHn W-ä leMWedsn dGisturi- 
MN 668 17. unZ 18. ladrdunäsris Is-rt, sntkaltst GIN- 
^sdsnä äiG ?rodI'SMK6K6diQd'k; 6er 6^r 
HsiimsZanos unä Xani. ^odsi ss aieiodmülZi^ äis 
6^r MZsdisdiliedsn LrsodHinunMsormsn äs« pdttosopdi- 
8edsn vsniesnZ Mis ÜE rein Most Lied ds^Mnä stHn Vs.r- 
dsttun-btzn 6-sr vsndmotivs in Hüsdsiedt Lisdt. Dis 
Denker 668 DederMn^es von 6er HenaiZMnes xur Xsu- 
Leit. 6is 6en Xampk ^6^^ 6;s AriLiotelisods Dederttels- 
run^ dev^'uN in äsn Voräer^unä btslien, v/eräen Lu 
DeÄnn 6er Dntersuedun^en in ein-bm deson6eren Ad- 
sednN LUKÄMmen^ekÄU. Die «eäieMnen Anisen 6er 
ve'isvdieckenen Diedtnn^en unä 8Meme ledrsn 6as Ver- 
KUnäniL 6er di-NioriKeden ^udLMMendänM unck leisten 
als Linküdrun» trelttiede DienZte. Lr.
        <pb n="28" />
        Usnt-l.Nrrsiw'. 
(öbfl UIM 
UeMrl-s,^ 
dort einem 
--- ,ZlngewMrdLe Kunst Mesbaden^» Me kleine Sond-erfchau-, 
dio von der Firma „Angewandte Kunst Wiesbaden" 
während der Kunstmesse im Römer veranstaltet worden ist, 
verdient noch.nachträglich ein besonderes Wort. Vor allem wegen 
der geschmackvollen und einheitlichen Aufmachung, des Raumes, die 
sich sehr Zu ihrem Vorteil von der Dekoration der meisten anderen 
Stände unterschied. Es ist nicht leicht, Photographien . so zu 
hängen, daß die Wände gefüllt erscheinen: durch geschickte Anord 
nung von Querleisten und Nischen rst das kleine Kunststück der 
RaumorganisaLion dennoch bewirkt worden. Die Photographien 
selber veranschaulichten ausgeführte architektonische Entwürfe des 
Unternehmens, die das Streben nach gewählter und repräsentativer 
Leistung bekunden. Inneneinrichtungen überwiegen; daneben 
finden stch - größere Architekturen, Gartenanlagen. Grabmäler und 
kunstgewerbliche Einzeldinge. Was die Firma auf dem Gebiet der 
Werbekunst und Messestände an Arbeiten Zu verzeichnen hat, mochte 
ihre Zwergausstellung im Hause Werkbund zu erkennen geben. UM 
Bei Werthei m trödelt Hie Tauber in den Main, der stch 
um diesen Zuwachs nicht weiter kümmert. Die Ladische Stadt hält, 
wie es heißt, Zu den Koalitionsparteten, während das bayrische 
Kreuzwertheim gegenüber garnicht kreuzbrav ist, sondern 
sich vorwiegend deutsch-völkisch betragen soll. Mag nun das Schloß 
nächst dem Heidelberger die größte Ruine sein oder nicht, es genügt 
jedenfalls heroischen Bedürfnissen. Die Maler wissen, warum sie sich 
hier zusammenballen: da sind mannigfache Durchblicke und Ueber- 
schmidungen, verschwiegene Treppenaufgänge und krumme Gassen- 
furchen. Auch Historiker und Kunstgeschichtler kommen auf ihre 
Kosten. In der aus romanischer Zeit stammenden Pfarrkirche be 
friedigen die Sarkophage der Wertheims, Stolbergs, Löwensteins, 
Manderfcheids den genealogischen Forschertrieb, und die St. Kilians- 
kapelle daneben, eins Kostbarkeit in reiner Hochgotik, birgt seit 
kurzem die beachtliche Sammlung des Wertbeimer Menumvereins. 
Wer nicht den Zwang Zur Besichtigung in sich verspürt,'wird schon 
durch das bloße Bummeln in mittelallerstche Stimmung versetzt. 
WaS das Praktische betrifft, so schmeckt Mainhecht mit Buttersauce 
vortrefflich; die Menschen sind umgänglich wie überall den Fluß 
entlang, und die Preise mäßig. Wie sehr man im weiten Umkreis 
diese und andere Vorzüge Wertheims zu würdigen weiß, verrät die 
Tatsache, daß über die Feiertage die Mehrzahl der Betten bereits 
vergeben ist- 
dicht darüber, in dem eZ einst wenig gemütlich zugeben nroehLe, ist 
zum harmlosen Kindsrspielzeug geworden. Rauchende Dorfleu sbrcken 
flözen stch auf den GraZfläcken hin, erklettern Bastion und Turrn- 
söller, und benutzen ohne jedes historische Interesse die mit Epheu 
übeocankLen Blendarkaden für ihre indianerhaften Zwecke. Ringsum 
Wälder, deren Wege Ausblick verheißen. Auf einer Ban? im Ge 
büsch häkeln drei kleine Schulmädchen und gackern miteinander. 
In der körperlosen Landschaft steht der Fluß, ein gläserner Spiegel, 
dessen Blau die Nachmittagssonne mit Gold untermischt. Graue 
Flöße, ewig sichtbar, gleiten hin, Kähne verWeren sich unmerklich 
und ein winziger Schleppdamper schleppt und surrt. Wieder am 
Ufer, trifft man Leute mit Angelgeräten, die von ihrem kontem 
plativen Tagewerk nicht eben unbefriedigt scheinen. 
t. In knappen geschMsphilosophi- 
reetsrms schließlich nachßuweism, 
erhörten Tiefsinu ist, enthält die Philosophie des Scho 
nett und Erhabenen nnd erörtert das Prinzip der Zweck 
Massigkeit, nuter dern wir die Natur betrachten. — Ueber die 
Fazit: man komme, sehe, liebe. Anderer Orte sind noch viele — 
Triefsnstein etwa, oder RoLhenfels mit der Quickborn- 
Burg —§ lyrische und epische Stimmungen nach Belieben, Aus 
flugsziele von jeder Beschaffenheit. In der Helle des Frühlings 
vermißt man hier nicht SorrenL noch Sizilien, sondern weiß sich 
geborgen an fremdem Gestade, von blauer Unwirklichkeit emge- 
HM. Wandern und Weilen: beides zusammen tut freilich not. 
Jagt man nur hin, so geht man nicht ein in die Zeitlos! gkeit, m 
der Fluß, Ufer, Dörfer verharren, und liegt man nur still mit 
ihnen vor Anker, so erfährt man nicht, daß sie zeitlos sind. 
Dr 8. ArLOLner. 
Lsit null strswüt M ^LLualiM DrMnts 
^MixsL b'rwäeü" dsrLAS, äsr Hiusn dsilLAWG» k^LLikw- 
MAS ÄAS nÜLUtsrnSr VOrLAOkt vLrtreU. Ds« m 
rrtsssisN Barden UbtMtsns uM rmt 
MsLftjAiH 8A6U, äLS mied ?Vrsönlied^'t unä 61« 
ZoUrbid'WHlss Lnuts vbrstMsimsvOÜ ^ArÜUsi MM LA- 
--- sVorLMH Gmil MeeLsrius.Z Der Graphiker 
Pros. Emil Prectorius (München) entwickelte kürzlich auf 
NnMung der Frankfurter Bibliophilen-Gesel!'- 
schart weittragende kunstphilosophische Gedanksngängs, die von 
dem begrenzten Thema der illustrativen Kunst ihren Aus 
tzMg nahmen. Da der Vertrag im Druck erscheinen, wirst wag ein 
kurzer Hinweis aus das Gesagte, genügen. Im Anschluß an einen. 
Zwischen Liedkowposiüon Md Illustration, 
kennzeichnete, der Redner die beiden Typen, die in der Mustratirms- 
kurch wiede-kchrem Der eine, der die Dichtung völlig um- 
Lffdei, rtchrt zu Kompositionen, die sich selbständig neben dem Worte 
behaupten. Der andere, der dem Texte getreulich nachfolgt, wird 
zur Randnctiz, die das Gemeinte locker veLmmicht. Den Gegen 
satz zwischen diesen Typen verallgemeinerte Preetorius stark 
konAuküst zum Gegensatz Zwischen geschloflener und offener Form, 
rsm5rascher und gotischer Kirnst. Im Fo.rMng der Vorlesung ging 
er aus die moderne JLustrEsnskunst ein und verwarf den 
Ueber die Höhe nach Brsnnbach im Taubertafl einer 
CisterzienftrabLei aus dem 12. Jahrhundert. Schloß, Kloster und 
Gasthaus bilden eine harmonische Trias, deren behäbiges Dach- 
geMsbe das Täl-chen verriegelt An der romanischen Abteikirche 
schrauben sich vor den schweren Pfeilern die goldenen Säulen der 
Barockaltars empor, bis Mühsal der Anfänge virtuos überspielend. 
Der anschließende Kreuz-gang, ein wundervolles Geviert mit reichem 
Kapitälschmuck und Grabplatten in den Wänden, ist nach Art des 
Maulbronner angelegt. Die Schweden und der BmueMLetrieb/ 
der wie des ganze Gut Fürstlich Löwenstsinsches Besitztum ist. 
haben manches zerstört, doch wag das zwölfprozentige Starkbier 
immerhin empfohlen sein. Die Ausmaße der Siedlung passen sich 
der Tauber an, die selber das Diminuitiv eines Flusses ist und 
ohne Aufhebens ihre niedlichen Schnörksel durch die Wiesen zieht. 
Ar AM- ÄMurtZLZU i&amp;gt;rLNA 
stsr äsutKeösn Mls ÄstHu innsr- 
Iwü MklF6U äGUtSoftHN NdULoffGL, (öbfl UIM 
ZoülEHr W L'rLrMurt Hl8oül6N8Q68) LüsirLSur: n n L 
urrU äis U-sutZoüs siLk. m äbM er 
Mg Leckeakz-nss Lnuis Mr ckw sm ersoklE-keu 
trnefftet. Der VsrkZLser irsuriLslotinst mEre ZltuuUoL 
Äis S1NSN MLÜM ötör nur W über- 
Mlnäen sei, ÄLS cksutAolw DEM 8Ä 
Wä Usr LskL äer ?orm ALdöqunrue, LLLt, Esen 
Lröe, Mre er nüt UtzQÜt tzeMut, nvetr trruner 
Zu DeiiM als 
KEer in 4sr Not MHenUerL- Die DLrstMunZ, üle 
UtzisZrn^se in MEe ,Fisnäreicürun^" LLutZ Den- 
reu Mfl ist im dWwQ ZiLlE vMMmllslr; 
UMst LMöM 4W Mt -äse 
^0-rWnlWru.LZ AM N-AOÜ W6N M Mnä AL 
ML psrsMmflsA Wort, äLS Lv ä^3 Vsr- 
(rLFW ZrLöüD LnLpM sUMMorLLrtiM Vstrs-LLtMUE, 
Ln cksuSQ öüs eLtZsftsiäVuck-LN krOtzlDMsiMuLMN äer 
VsrZÄNIlZr von DWNArt-ss LL Dis Mi DoliZML nn0l Hume 
hrsUKiLNer MLrLckteriKwrt Meväeu. MÄun &amp;lt;1ta Dxposi- 
8W EZBH WLleieb^ MW .sied smt DsDNL cksr 
dm HA MlsiÄ, MrLd UiLnt'EMS LdKoNAOffA-Ebs 
DömmA Unäst, M« krüdersA VsMAsM m iürM Vvr- 
lLustKLlL snLdMft. Ditz LnULiUrQff äse LritisvMn 
NZAptMörLs Mbor nlr^enäs äsn urZprünL- 
UckiSQ Züm MÄ UM 8Ed VON cksu 
USD äSW UsuKMillLAlZMAZ unä SVN MFeds« 
lossiseUHN dssouADQ LUimötr. Un 
SMM M ckis äss 
ckLKL nwmvdsrlsi ^vUerAN^u. äia 6er KtAnM K6MQ. 
Lr btsstt otML LMiLOken LAEtUsvripQ änn 
t6Q diAtioLLlAGäLNUsu Liants MASrilU-Sr) AM 
Mcksr änn Ns,tsrtL!mrQAZ 6er 
gegenwärjag bei den meisten Graphikern üblichen Brauch, ihre 
Originale Material selber herzuftellen, als ein romantisches 
Kegiuum Die Bedenken gegen solche Uebung entspringen, wie die 
N' B nnoen Zeißten, der Einsicht, daß heute die Be-- 
MLung za&amp;lt;Then Mensch und Natur, Zwischen dem Künstler und. 
' n" ataad abgerissen ist. In knappen geschMsphilosophi- 
daß die. gerade dem Künstler schmerzlich spürbare Substanz- 
e n - ' e e r u n § der Welt sich aus der zunehmendm Bewußtwerdung 
-r..' äre: ^niließ mit dee Fmg-e, ob niM gerade 
das derart aus sich sslösi zurückvMBiesme Bewußtsein, das in "seiner 
Einss-nM- unbedingt anerkannt werden müsse, heute zu dm ent- 
scheidsttHsn HöpftrisHen Leistungen berufen fei.' " !&amp;lt;r. 
K zw a eM n ihbtitltStdcenrt.i.". ^EWke"tt feiert am 22 m A n v r r a il n. d ., e . n 
f n le it t l t s ic b iu e e rM N r at P ur h q i e t s o c i h M ic r h s te s' &amp;gt; 'Olkrit ^ tt M ch ü tu t i ch P e e n rio , d s e ein d e es „A Ä l ö l- - 
l d i cer htt er. P icnhnon l anveosflN fl oenMm i . - ec i h ^/s Hinune ^ i ' s "h ,c it i &amp;gt; n 
lichtt, Pnnplanes fl. nmi-ei ^'"hcit&amp;gt; 
.nihrc &amp;gt;ählte &amp;gt;in»k beichr 
Um.;« nnem der drohen ''ch'"', das 
-.d - c ritik d e r e ^-"5' 
" -k^i nn n ki". ^in ihr 
ciUlv'ckcl! -Nanl, seine öcrilhinkc „kopenrilanische Wen 
düng", voll sieben), Geseyc des veriliinftigen Deuten^ 
und wird nun Zermalmer einer sedenr Metaphysik, die bei 
dogmatischen Behauptungen ihren Ausaang nimmt. Die 
folgende „Kritik der praktischen Vernunft" lehrt, daß 
der Mrmch nicht nur «dem Reich der Notwendigkeit, jon 
dern auch dem der Freiheit angehört, und schält das in; 
„kategorrschen Imperativ" formulierte Sittengesech denn 
er als Bernuuftwesen rrnterstehr, in seiner ganzen Rein- 
gen. Er M durchM VM' Mesnuii- 
der er gerne bingestellt wird ?^^remde Pedant, als 
und ein geistvoller Gesellschafter destl»'l Geiniit 
Bcrbiildiittq niit den Ben?« e-i. d. ircunchchafilicher
        <pb n="29" />
        mal der Lugend srnpkojdsü. sem, dsrVQ AnU-lOlMH^ ; 
tuLliANUZ Änd Mi§uo§ Mr MiMloiLicHMAiLoN SS o^r- 
MUASM M bsZSZMQ 
äm KviuM von ^.uM8t IdSZssr: „IMMS,- 
Musl ALNEK DSktzü ukd pLno 8 QpLrIs" MMt- - 
Mpt, ZtrsoLsr Ke^i-öösr. NIL 1 Md, vn, 333 Zeiten) 
ssL^t sislr dis UÜ^kEiNvorstLndiiH^s VAMsÜLQA 6sr 
lAGdLQ^SQWHlL LLois MM Aei, OdW Ä^L L^tuslls 
^utWNMHndurrMü dsdLolrt LU ssiQ, HOt^ieiWlt dor Vbr- s 
kL88sr dls LrZedrr^Zb der VsrnuuMrLtdcsK von ssinöM 
KLAnäMQkts Wii dSM sr ASMrübor dsr U^rdur- 
Wr SEo sielir „rsAlmtlZsIiS" ^ukkWunK ver- 
LriLL. Dw OarZisHun^ mrnmL ikrsN ^UKALNF 'von ds^ 
pr3,ktlLo!isn VsrnuE und ssIrlisN mit der KsÜMM- 
pdüosopLtltz aL&amp;gt;. NLno^tz IrrLümsr sMisror kdilosop^sn, 
so ^Zi^inMrs ^iZ-O^^Lisoris, Msrdsn ^r!Ll86d iW- 
IsuokLst» Din Lurssr dio^Lpdlsodsr ^driä nnä Db- 
rnsrkunWn Msr L^nis DfHsodiolitjiQiis Mr^un^ kom- 
En ninM- — Der VerkaZssr dringt (edsnialls 
im Verlag 8trsLkbr und Lokrodsr. 114 ZeiLsn) LsQts 
pdilosopLiEllsn UntMurk: „Zum sMi § s 8 k' r 1 s - 
d 6 neu dsrLUZ. DZÄ ^Isms 8ueli LsL ÄUSUiSNA mIL 
LMuLsrunFSn ^srsslisn und imrd von sinsm IZ-nZS^sn 
Vorwort dösioriLLksn In^alLZ emMislLet, 
Dr. N^x p s I, vEnt Ln der Numdoldt-Nook- 
KLlmIe, sloU W 6IN6M KoLiMLlon LLndodon, ^SÜML: 
„N i n k ü Ii runF in dis !critIsens D Ii i 1 o« 
8 o p ti i s K an is" lONLi^oiioobur^ OoLtSrlield u. 
L-pst, 96 ZMsnj sim^s'MüLlrs LU8 den ^riLlseksn 
Lo^nkisn ^Llits MSo^mom dio dsi trLNLxendLnial2N 
odsr äZN Vorrsd^n snLnoWTNBQ s^nd, ^o^ß 
der LL§SlÜFisL LUskMrllHlEL ^rlLuLsrunKSn UsM dm 
LsLNM doM HM ^rLZWSnir dSZZSN LxlstSNLtAMMälLiAULA 
MAN nio^i durotlAUZ SWEKsN VHW3A. ' 
Dis OsdHQ^sLliMt: AnLA DsdsL und 
k s n" (LöLlMdsi-F, NarLunAsobG VsrlLksdruH^srsi, 78 
dis Dr. A. Drüo WAN n, sm LoWFÄZMMA^ 
d-SW zKsuLZe^on VoLs uM Mnsr luMnd" ^dms^ 
sln MHnl§ Hr^SuiBdW DsLWEl psWdLrsr DiLsrLLur- 8Ä 
uMdrmnM dsn ^EBN LsnLs in piMrsek tsMHWids^ 
MsEs und vsrMLMHrt Ltzms DsdAn^sn- ^uk VMS drels» 
LsrZ DdiLi^nULbs dsr VsrnunkLM^ wird vom vsrw- 
dseMN vsrLioNsL, wstt ME dsr VsrkEsr momt, M 
§roRs 8ÄrMlsn^siisL Ns^; dss MsniUs- dm Midi dLM 
dseL dsrüdsr ündsL, ist WUSKAu und ^80^» DsrE 
Ln slnsm Dustt) ds.8 Äsd LL Vm^G MHnds^ kML SM 
soIoLisr NZ.NZM AN VM^hM^Mok^U doppeli ZMM^ 
ins DtzEdL» 
vM Merk von ?. M. «Lrdsls: ,DLS VsK« 
blsm äs8 LsMuLLsSLns Ln d'sr koLick^ 
sQpdLs LLnLs^ Ms«. MLslW VrLUWül^. 
M2 8ÄLsch ist ME s^HLnLWMSOrMgMS Dmsp-- 
smckMss, dm Luk dse DrunÄLM dvr LLnUsedSN DöMW 
W ^SAtWmLsr RÄit^iU üt)sr Amd liMLULEtl^roV 
Mdo^Le-. Dsr VokkAMM sMLM M dem von LZ«^ als 
MLnMt^ dSLDiollNHLsK ZuZLMMSWTmMSN dW Vsr^ 
ÄmMss und dsr MLur, dsZ A pnori ^srmMn und dW 
L Msisriori LMsIMolLSN sinsn MmweiK El 'eins 
iirKOnäwls ontolosslsM ssEaMch Llndslt d^s Dsnirerm 
Nnd Aoms, drs ELr WGWA-ls QSZBNKLU-nd dss ^SKriik- 
liGliE DsnIcHnZ wsrdsL ^ünns, dsm z,LrlHl)6L^ absr 
MMANUlEM SM- 8s wwd als MZMM der ^LEsOli^K 
ktuIo^oMm wisdsr das mMiMW »Irsrlevnm" sinZG- 
Ntir^ das Lant Mdsr nismLls LMle KMtzn LW8SM 
lmmordln ist der VsrkLMZr vorsMNÜF Fsnn§, Dne Lin- 
Lsii moN Mim Lern siE IdSnLtLLZSLstsnW im tzinntzl 
dsr 8ps^u1E^Sü ^AaiiksIZHr ^LnLs Zu mLsliSM Zonders 
LrZ L-rKrBikMiN den irrMonalBn LrLNsn dsA^ DomüÄ 
M ÄWrAniwsMn. Da or miGin nur äsm Doknni Än^S 
MHLÄp1iMiSHlisn 4&amp;lt;MselLSr HrlauN. ml sr m dsr Ds^dlS 
DrsrWn ANMisr^bnusn, dis ^LnL dsm rzs^iltmonAn 
86t^i. Mtz vorANZWodElitsn UZiorlZoliSN Lx^urW 
und dis SMwMALiZH^H ^.nZIv^S der ^MsoliSN KLUVh« 
MdanLE LmiiZ SnilMltsn SE Rsids ZHlMr^Ln^E 
^ormulw runZen. 
„Lekensgul". ! 
! ELn neues deutsches SchulleseTuch. 
Don Dr. S. KraeEr. &amp;gt; 
- Ein im Erscheinen befindliches neues deutsches Lesebuch 
Nr höhere Schulen mit dem Titel „Lebensgut zeigt 
den Gesinnungswandel om den das Allgemein^wußfiem im 
Lause des letzten Jahrzehnts vollzogen hat. Aum Tatsach- 
RHen dies. Das bei Moritz Diesterweg verlegte Wert, ern 
Teil von Diesterwegs „Deutschkunde", umfaßt sechs 
Bände für die Unter- und Mittelstufe, von denen die 
vier bereiE vorliegenden mit Sexta beginnen mw ms 
Untertertia begleiten. Da die Bücher mit Rücksicht aus 
die wirtschaftliche Lage ein knappes Format erhalten mußten, 
ist die Herausgabe von Ergänzungsheften geplant, die den 
besonderen Bedürfnissen der verschiedenen Schulgattungen 
dienen und etwa deutsche Sagen und Märchen oder Sagen 
des klassischen Altertums geschloffen darbieten. Die Bande 
selbst treten in mancherlei Abwandlungen aus. So gliedert dre 
-Heimatausgabe", um den Ansprüchen der einzelnen Land- 
Maftsgebiete zu genügen, dem bleibenden Kern jedes Bandes 
einen Bogen an, der nur Stoffe aus dem engeren heimatlichen 
NvckreiS bringt. Diese Verlagen lassen sich untereinander aus 
wechseln, oder stehen auch in eigenen SammelbSndchen als zu 
sammenhängendes Ganze zur Verfügung. Andere Varianten 
sind für Mädchenschulen und Aufbauschulen vorgesehen. Zu 
bemerken wäre schließlich, daß auf der Oberstufe „Lebensgut - 
«bgelöst werden soll durch Anthologien deutscher Dichtung und! 
«»ei Lesebücher, dis dem kulturellen Leben der Ration und! 
Geisteswerk ihrer Denker gelten?) 
Me GmnMtz«, «ach denen die HevausgsSer verfahren 
Mb, stimmen -an wesentlichen mit den Richtlinien Devetn, die 
tz« preußische Mnrskrial-Erlaß vom 19. DeMmber 1923 sirr 
Laz deutsche Lesebuch zicht. Der Jugend einen Zugang zu 
bewWrter deutscher Bildung zu erschließen, ste nmh 
dem Maße ihres Berständniffes einwachsen zu Wen in dre 
ÄgentümliHen AÄ heran gen deutschen Whlens, Denkens, -Wir 
kens, ist oberstes Leitprinzip bei der Zusammenstellung des 
Swsf-eS geweftn. Diesem Prinzip sucht zunächst der Längs 
schnitt durch das geschiMichs Gesamtfein des Volkes 
zu entsprechen. Mehr als die älteren, noch heute viel 
benutzten Lesebücher — so Hops und Paulsiek oder Liermann- 
Mmar — spürt „Lebensgut" das deutsche Leben dort auf,; 
wo es greifbar und ungetrübt sich entfaltet. Bildern aus der 
Kultur- und Kunstgeschichte, die früher hinter der für die 
Jugend präparierten Helden- und Kriegshistorie allzusehr zu- 
rücktratew ist jetzt der ihnen zukommende Raum gegönnt, und 
überall erhalten statt der rein auf die Sache abzweckendsn 
Schilderung Originalberichts und künstlerisch ausgeformte 
Wiedergaben den Vorrang. Zu dem Aufsatz-Fragment Hof 
mannstals über Prinz Eugen oder einer dichterischen Darstel 
lung aus den Franzosenjahven 1806 und 1813 von Wilhelm 
RaEe gesellen sich etwa Bruchstücke aus der DsNSnZn nnres, 
dem Thomas Platter und einem Platonischen Dialog; Dehio- 
beschreibt dis mittelrüterliche Burg, Herbert Eulenberg plau 
dert über Hans Sachs und ScheffÄ erzählt Frau Hadwigs 
Besuch im Kloster zu St. Gallen. Was dieGegenwart betrifft 
so wird die Aufmerksamkeit in verstärktem Maße auf die 
Schicksale und die soziale Lage der arbeitenden Bevölkerung 
gelenkt. Man erhält als Quartaner Auskunft über Pastor 
' v. Booelschwinghs Schöpfung Bethel und besucht als Unter 
tertianer mft Gerhart Hauptmann den Bahnwärter Thiel. 
Der Querschnitt durch das zeitlose Leben blicht 
gleich viele Schichten ein. Die einzelnen Stücks heben zum 
Unterschied von den Büchern der Vorkriegszeit bei dem nahen 
Alltag an, den das Kind ermißt, erweitern von Band zu Band 
den Kreis der Betrachtung und rücken ganz bewußt das Zu- 
ständliche, Seiende in den Vordergrund. Abstrakte Tonart mei 
dend, hüllen sich die volkskundlichen Belehrungen gerne in daS; 
Gewand von Erzählungen, die das Typische am exenrplarischen &amp;gt; 
Einzelfall« aufweifen. Ein erwünschter Zuwachs find eTiche! 
Beiträge Mer die Sprache, die den jugendlichen Geist zur 
Achtung vor dem Wort «ziehen und ihm Genauigkeit des Aus- 
drrM als moralische Verpflichtung auferlegM mögen. 
Die Wendung zum Konkretem die das neue Werk 
auSzeichnct, gibt sich nicht nur in dem Heraus schälen der Um 
welt kund. Während die Lesebücher alten Stils, dem Ideal 
der formalen „Bildung" gemäß, Prosa und Poesie säuberlich 
trennen und unter arEgiebiger Verwendung von Buchstaben 
und Ziffern die Arten nochmals in Gattungen austeilen, w c 
knüpft „Lebensgut" unbedenklich Gedicht und Erzählung, 
Spruch und Rätsel, um eine Einheit zu fügen, die der empirisch 
verwurzelte Mensch unschwer erfassen kann. Am.- sagt forma 
ler Denkgesinnung darin ab, daß es jene faden Rechenschaftsbe 
richte auSmerzt, die der Drang nach stofflicher Vollständigkeit zur 
Langeweile unzähliger Schülergenerationen zeugte. Statt ihrer 
wird jetzt Goethe für die Darstellung einer Gletscherbesteigung be 
müht, und kein Geringerer als Thomas Mann bannt die Winzig 
keit einer Mäufsjagd. Den» Ziele der Wesensbfldung nähert nicht 
WM MMkMHme. Äcker SekchstreLH-nM q M,. die. der
        <pb n="30" />
        Ministerial-Erlaß mit gutem Grunde fordert. Gelangt doch das 
deutsche^ Wesen, das dem Zwange zeitenchobener Formen nm 
unwillig gehorcht, zu sich selber allein, wenn es Äs individuelles 
Sein und Werden sich entdecken darf. 
Ein Wort noch zu den Autoren. Es ist gewiß richtig so, 
daß die Dichter und Schriftsteller unserer Tag« in stattlicher 
Zahl vertreten find, denn aus der LekAve ihrer Wecke gewinnt 
die Jugend am ehesten jenes lockere und mittelbare Verhältnis 
zur Gegenwart, das die spätere unmittelbare Einstellung auf 
das Heute vorbereitet und trägt. Zur Ergänzung der bereits 
angebrochenen Liste seien auf gut Glück Gorch Fock und Fried 
Stern, Bonseis und Paula Dchmel, Arno Holz und Johannes 
Schlaf herausgegriffen. Im ganzen gehören die zeitge 
nössischen Verfasser den verschiedensten Höhenlagen an, 
aber ihre Verschiedenheit erweitert den geistigen Raum, und 
nM immer ist das Beste für die Jugend gut genug, 
* 
Wenn, dieser Verbesserungen «ich Vorzüge ungeachtet, 
„Lebensgut" kein rundes Gelingen ist, so liegt die Hauptschuld 
nicht so sehr an den Herausgebern als an der Situation, die 
sie mitbedingt. In einem Lande, das achtundzwanzig Parteien 
kennt und mindestens ebenso viele „Weltanschauungen", tu 
einem Volke, das die Fundamente seines Staatswesens «n- 
zweiselt, und so sehr allen Fragen preisgegeben ist, daß es kaum 
erst weiß, was zu erfragen und zu gestalten ist, — wie sollte 
hier und jetzt ein Lesebuch reifen, dl^ seiner Bestimmung wirk 
lich genügte? In der Verlagsanzeige heißt «: „Unser deut-^ 
schesi Lesebuch ist für die höheren Ähulen jeder Art bDimmt, 
die alle im deutschen Bildungsgedanken ihre gemeinsame^ 
Grundlage finden. Diese Einheit sucht es über alle Schranken 
der Stämme und Länder, von Religion und Kirche von Stand, 
Beruf und Politik . . Das aber ist genau der Mangel: dk 
Bearbeiter haben es, soweit man aus dsn Bänden von Sexta 
bis Untertertia ersehen kann, allen Frakionen recht machen 
wollen und darum niemandem ganz recht gemacht. Gewiß, sie 
wählen den Ausgangspunkt gut und treten auch richtige Wegs 
an; doch um nicht anzustsßen an einer der achtundzwanzig Ecken, 
brechen sie nach dem ersten Schritte ab und lasten die folgenden 
ungetan. Diese Genügsamkeit bezeigen sie zumal der deut 
schen Republik gegenüber, deren Existenz in den vier 
Bände,: weder in gutem noch in bösem Sinne je Erwähnung 
sinkst. Mögen die Kriegs-Klischees von Tanera und die Kaiser 
Wilhelm-Anekdoten der älteren Lesebücher gestrichen sein und 
mag auch der Ton des Ganzen sich sehr zu seinem Vorteil von 
dem feindseligen Gebühren der französischen Schulliteratur noch! 
1870 unterscheiden — eine Reminiszenz von Carl Schurz aus 
dem Fahre 1848 oder das Gedicht: „Der Krieg" von Georg 
Hehm bieten für d^ Fehlende känen Ersatz, denn sie stehen 
vereinzelt inmitten teiliWhmÄoser Umgebung. Wußten jene' 
vergangenen Bücher nicht, wie Menschen zu bilde« Mm, so 
wWn die mnmr M der Mldimg nichts anznslMMNp sie 
bleiben im Ansatz stecken und verabsäumen sorgsam das Be- 
" r s zum S t a a t, dessen der Staat zu stiner Erfüllung 
rmd bis Bckdung als ihres irdischen, Haltes bedarf. Das ist nicht 
! ein« Emheit über allen Parteien, sondem eins Einheit außer- 
chalb d« Schranken; nicht ein Ausschalten der Tagespolitik aus 
m )n der Schule geübte Vogel-Strauß- 
Prlitck. Das Dckemna scheint unausweichlich: will man den 
jungen Staat durchbilden, dann halten fich ganze Volksschichten 
ziwuck, und spMt man das veMndende Wort, so muß man 
sich selber kunfllrch Zurückhaltüng auferlegen. Trotz solcher 
Zwangsläufigkeit, die noch das Wachstum auf breitein 
Grurwe verwehrt, trifft die Herausgeber doch der Vorwurf, 
daß sie ihre Behutsamkeit zu weit getrieben haben. Ein Lese 
buch, das offizielle Geltung beansprucht, muß dem Staat« geben, 
des Staates ist; es darf auf keinen Fall bis 
Geswehnlsse verschveigen, die notwendig zu seiner Herauflunst 
stlyEN, Mrd dev döe Grund-züge des Meu-sn voren^ 
HÄten. das heute rechtskräftig besieht. Dia Neuvalität aus Vor 
sicht, der Unterlassungen dieser Art entspringen, hat mit der 
Tugend überragender Einheit nichts Feinem. 
Aus dem Hange zur Enthaltsamkeit erklärt sich! mühelos 
der Almanach-Charakter, in den die Bände zum 
Teil verfallen. Die alten Lesebücher hatten es leichter weil sie 
ihren Stoff formal organisierten und den Weg zum Gesinnungs- 
z«l methodisch zu Ende gingen. „Lebensgut" will rein den Sinn-, 
Zusammenhang hervorkehren, scheut aber davor zurück, eine be-&amp;gt; 
stinnnte Gesinnung nun wirklich ung^rochen durchgu- 
halten. So bleiben die vielen kurzen, häufig wohl allzukurzen 
Leseproben ein Gemälde in Andeutungen, eine Mannigfaltig 
keit ««verschmolzener Elements, und es liegt durchaus an 
der Person des Lehrers, nach welcher Richtung hin dis 
fragmentarischen Ansätze ausgebaut Norden. 
schließlich erwecken manche Einzelheiten .Bedenken 
und Wünsch«. Fehl am Ort« erscheinen jene Prosatexte und Ge 
dichte, in denen eins nur dem Erwachsenen eigentümliche Re 
flexion das jugendliche Leben zu sich heraufhslt und spieMsi 
Nicht als üb jedes Wort zu der Jugend gesprochen sein und 
»m ihr ganz begriffen werden müßte, aber der Monolog des 
WeK, dessen Thema die Kindheit ist, kreist in einer ihr unzu- 
Mnglichen Welt. — Auf die schlecht reproduzierten Schwarz? 
Weiß-Illustrationen nach Originalen von Dürer, Richter, 
Thoma, Mbelohde hatte man entweder gang verzichten oder 
getreuere Wiedergabe' ermöglichen sollen. Späteren Auslagen 
war« auch wohl ein Literatur-Nachweis beizufügen, der dis 
Schüler zu selbständigen: Vordringen von den: einen sde« 
andern Punkte aus befähigt. 
Aus Ganze hin gesehen ist „Lebensgut" ein Prowks 
sorivM, das deutlich verrät, wessen wir ermangeln. Von 
Wecken ßrkner Art heute mehr zu Schöffen, hieße vielleicht ün- 
LiMg ftkN, «ex die VEufiOM des Geleisteten hinWBW 
täuschen, hieß« fich^ der Ve«mtwmNung beiden. Dis Bear 
beiter haben — das ist ihr wesentliches Verdienst — das 
schematische Gerüst der alten Lesebücher abgetragen und sich bei 
ihrer Neuschöpfung den Ansprüchen der Wirklichkeit den Er 
fordernissen echter Bildung bereitwillig geöffnet. Das Begon 
nene über die Anfänge hinauKzuführen oder gar in entschei 
dendem Sinne zu vollenden, haben sie nicht vermocht. Da 
Teile der Allgemeinheit im Stich lassen, wäre Weiterschreiten 
ein Vorauseilen, unverhüllte Aiü und Aufnahme des wer 
denden Staates ein Henmmis der Wirkung gewesen. 
Immerhin ist das von den Bänden ein gebrachte Material 
selbst in halbverarbeitetem Zustand wertvoll genug und einst 
weilen wohl zu nutzen — vorausgesetzt, daß man sich mit dem 
Vorhandenen nicht begnügt, sondern, «s Äs Hinweis und Ver 
sprechen nimmt. Ein Lesebuch, d-K dieses Versprechen cinlöst, 
das dem deutschen Menschen zu einem Gesicht und der deut 
schen Bildung zu einem Körper derhilft, wird allenfalls ent 
stehen können, rvenn die Republik sich die Seele ihrer Bürger 
gewonnen hat. 
Diesterwegs „Deutschkunde" steht unter der Leitung 
von Minrsterialrat Dr. W. Schellberg (Berlin) und Studien 
rat Dr. G. Sprengel (Frankfurt). „LebenSgut" wird 
hermrsgMSen von den StudrenrSLen H. Schmidt-Voi gi und, 
Dc. M. Preitz rmd dem Geh. Studienrat Dr. O. Winneber- 
U«r (sämMch in Frankfurt) in Verbindung mit den Studienräten 
Dü L VEper (Münster) «nd I. Kneip (Köln). Die Heimat- j 
MSMÄe M das Rii«kn-Main-Grht«H Mssrat Studie»-
        <pb n="31" />
        7^1 
und mystischem Ueberbau, macht sie für europäische Organe nahezu 
undurchdringlich. Am unmittelbarsten fühlte man sich noch be- 
denn, 
muß i denn zum Stabile 
schwächeren Publikum behagliche Räume zumeist. 
In zahllosen Bildern entfaltet sich 
Stelle des stöberen Zwischendecks 
dem wirtschaftlich 
. Die Bedienung - 
, &amp;gt;. en^, 
rührt, als der Vortragende erzählte, daß er sich von dem Berufe 
des Maschineningenieurs zur Christian Science losgerungen habe 
und mit sektiererischem Aktivismus alles Schwergewicht auf die 
sofortige und tätige Wandlung der Gemüter legte. An diesen 
wenigen Stellen treten die Züge hervor, denen die Lehre sicherlich 
ihre Wirkung verdankt. Ar-___ 
Amcrikafahrt drs „Albert Ballin". 
getreten, die 
Christliche Wissenschaft. 
-- Vor einer Zahlreichen Zuhörerschaft entwickelte am Diensraq 
Abend Pros. Hermann S. Hering aus Boston Mckss U. S. A. 
die Hauptzüge der von Mary Baker Eddy gelehrten C hristian 
Scienc e. Die über die ganze Welt zerstreuten Anhänger dieser I 
Lehre, die in den Weisungen ihrer Stifterm eine göttliche Offen-r 
rarung verehren, sind der Ueberzeugung, daß nach dem Vorbilde ! 
Chrisir jeder in ihrem Sinne Gläubige die K r a f L des H e ile ns 
erlangen könne, oder doch zum mindesten selber einer Heilung durch 
frein geistige Mittel zugänglich sei. Die „Begründungen", die dech 
- Redner Lny k^^rtun^ ferner-An^o^en verbrachte, ervue^n sehr ' 
Die KmderwajsstLL. Der Film: „Lang lebe der 
König", der jetzt im Schumann-Theater vorgcführt 
wird, dient dem Triumph Iackie C 0 0 gans, der als Erbprinz 
Titty Bit und zuletz'. gar als kleine königliche Majestät figuriert. 
Ja, es ist wirklich so: ein richtiges Hofleben mit Galawagen, Garde 
reitern, Leutnants, gallonierten Dienern, intrigierenden Gräfinnen, 
Fcstsälen und Empfängen gleitet Zur Freude des republikanischen 
Amerikas und nun auch der unseren herrlich vorbei. Inmitten 
des Gepränges, das sich mit ahnungslosem Ernste entfaltet, von 
einem Adjutanten gefolgt, vom Volke geliebt und als zukünftiger 
Träger der Krone auf unvermeidliche Würde hingewiesen -- in 
mitten des Gepränges tritt Amerikas niedlichster Junge auf, dessen 
Kindlichkeit und Naivität jenen Ernst aä aä8uräum führt Wäre 
der Knirps nur ein Küchenjunge oder sonst eine untergeordnete 
Persönlichkeit — wer wollte da ein Aufhebens von ihm machen? 
! Aber er ist der Mittelpunkt, und die Ehrenkompanie fleht stramm 
und große Herren verneigen sich, wenn er angetrippelt kommt. Das 
gibt die Repräsentation nicht nur der Lächerlichkeit preis, sondern 
schenkt ihr zugleich einen neuen Sinn; gilt doch zuletzt das Zere 
moniell weniger dem Kinde, das König wird, als dem heimlichen 
König im Kinde. Und so erreicht das Stück einen doppelten Zweck: 
es parodiert zur Genugtuung des Republikaners abgeschaffte In 
stitutionen und erfüllt zugleich einen Wunschtraum, den auch das 
republikanische Gemüt noch hegt. Oder wandelt nicht in jeder 
Stoatsverfassung jeder Knabe als Erbprinz Titty Bit daher, 
der sein Inkognito gerne gelüstet wissen möchte? 
Von dem Inhalt sei nur so viel verraten, daß er komische und 
schreckliche Verwirrungen in Menge bringt. SLaatsinteressen drohen 
das Liebesglück der Prinzessin zu zerstören, Verschwörer im Dienste 
des feindlichen Königs wollen sich des Erbprinzen bemächtigen — 
kurzum, das ganze Repertoire einer Monarchie wird abgespielt 
und man lernt Zum mindesten das eine, was auch Titty Bit früh 
schon erfährt und orakelt: daß der Beruf des Königs nicht gerade 
der vergnüglichste ist. Doch am Ende wendet stch alles zum Guten, 
denn nach dem Tode des Großvaters durchschreitet der aus ver 
schiedenen Gefahren errettete Pikkolo-König den KrZMngsscml, 
wird von den Getreuen auf den Zu hohen Thron gehoben und übt 
als erste Regierungshandlung höchsteigen einen Kinderschlaf aus. 
fährt man vorbei nach Kuxhaven, von wo drs 
Klängen des Liedes: „Muß i denn, 
hinaus" seine Ausreise antritt. 
nun das Leben an Bord. An 
ist die dritte Klasse 
ttrver^ deren Ornamente an den Dsckenprofilen von grünem Glas 
unterbrochen sind, durch das wahrend der Vorführungen ein 
matter Lichtschimmer dringt. Die ganz« Einrichtung mitsamt dieser 
LLchteffekte wirkt zwar keineswegs sehr künstlerisch, trügt aber 
wohl den Ansprüchen Rechnung- die das Publikum heute an ein 
großstädtisches Vergnügungsetabussement zu stellen pflegt. T4e 
Besucher der Deutschen Kunstbühne finden ferner im selben Hanse 
nicht nur ein rötlich erstrahlendes Foyer vor, das stch nach Schluß 
der Vorstellung in ein W'e inr e st au ran t verwandelt, sondern 
stoßen auch, von Genuß Zu Genuß fortschreitend, auf die Nischen« 
rntimiM eines Gabarits, dessen Ausstattung offensichtlich 
kunstgewerbliche Aspirationen hegt. 
Was die Szenerien betrifft, so haben sich die Amerikaner leidlich 
aus der Affäre gezogen; die Kürassiere wirken einigermaßen echt 
und auch die Adjutanten sind in Europa studiert. Der kleine Jackie 
ist nicht nur im wörtlichen Sinne die Krone vom Ganzen. Wenn 
der Schelm seine fürstlich-: Tante nachahmt, die immer lst ! 
zu ihm sagt, wenn er düvonläust, um auch einmal das Leben des 
Volkes mitzuleben, Rutschbahn Wrt und so Zerzaust wie zerknirscht 
in dem Pal aste erscheint, wenn er zu mannigfachem Zwecke kunst 
reiche Augenaufschläge produziert — er ist unwiderstehlich, wie, 
wann und wo immer er sich zeigt. Einige Klatschversuche be 
wiesen, daß das Entzücken gar die Leinwand vergessen ließ. 
ULM 
deutlich den spirrLua l i st i s ch - m y st i s ch e n Charakter der 
Sekte. Das materielle Dasein, so etwa führte er aus, sei nur Be- 
wußtseinSvorstelluug, Natur nur ein Zustand des GemüLZ. Daher 
komme auch der Materie weder Substanz noch Leben zu, sie müsse 
vielmehr als ein durchaus Abgeleitetes angesehen werden, abgeleitet 
aus der Wahrheit und dem Geiste Gottes, dem allein Substanz 
und Leben eigen. Wenn man diese richtigen Erkenntnisse vom gött 
lichen Leben fasse, werde man dazu befähigt, es wiederzuspiegeln 
und der göttlichen Liebe teilhaftig, die uns zu heilen vermag. 
Und zwar erkläre sich die Heilung aus dem Einfluß des göttlichen 
Gemüts auf das menschliche — sehr zum Unterschied von der hyp 
notischen Heilung, in der nur Mensch auf den Menschen wirke. Die 
göttliche Liebe rufe in dem ihr Anhangenden eine Wandlung des 
Bewußtseins hervor, der die Materie als das Sekundäre und Be 
dingte notwendig Folge leisten müsse 
Dem rein gnostisch gefärbten Spiritualismus, der, anders ein- 
geÜeidet, schon in Indien auftaucht, mit philosophischen Ein- 
wänden Zu begegnen, hieße seinen eigentlichen Sinn verfehlen. 
Er ist weniger philosophische Doktrin denn praktische 
Seele ntechnik und mag als solche bei Gläubigen wohl Er 
folge zu verzeichnen haben. Die angelsächsisch-amerikanische Aus 
prägung der Lehre, dieses ganze Gemenge aus zivilisatorischem 
Optimismus und religiöser Haltung, aus platten Vulgärerkenut- 
nissen und stimmenden Bibelzitatsu, aus moralischer Forderung 
Aus Nm früheren KrPallpaLafd Mr E ferner FKOkuppel 
und den Wfrankfuuter Eintzauten recht primitiv wirkte, ist in der 
knappen Zeit von vier Monaten die „D e utsch^ K u n stbüh - i 
n e" hervorgHWN'gem Architekt Böcher hatte bei dem Umbau 
eine Fülle te^nisch-er Schwierigkeiten Zu überwmden. indessen 
süw die'Notausg^ so günstig angeordnet, daß die Baupolizei 
ohne Anstand die erforderlichen Dispense erteilte. .Von der V 0 r- 
Halle Es, die ganz narr hergerichtet ist, 'gelangt mau von den 
Garderoben und an einem farbig dekorierten E r f r i s H u n g s- 
ro vorbei in den Z us ch an e rr auw, der 1200 Plätze 
fasft Dm weit ausladende Galerie, die unbekümmert um die 
nicht anZZUmerZenden Mittelpfeller den ganzen Raum durchzieht, 
läßt Ke asymmetrische Anlage ein wenig verMen. Wohin mun 
uurSM, entfaltet sich die etwas überladen« Pracht der Stukka- j 
--- Die Hamburg-Amerika-Linie hatte am Sonntag 
M einer Filmvorführung geladen, die ihrem neuen Zweischrauben- 
Turbinendampfer „A lbert Ballt n" galt. Direktor Suttcr 
pries in seinen einleitenden Worten das Pionierlum der deutschen. 
Schiffahrtslinien, die nach dem Kriege unverzagt ihr Werk von 
neuem ausgenommen hätten, und sprach die Hoffnung aus, daß die 
wieder erstehende deutsche Seeschiffahrt der Verständigung zwischen 
den Völkern dienen möge. — Der erläuternde Vortrag des Hapag- 
Vertreters gab zunächst einen Ueberblick über die Entwicklung der 
Hamburg-Amerika-Linie, die vor dem Kriege zur größten der Welt 
herangewachsen war. Ihren gewaltigen Aufstieg verdankte sie dem 
Genie Albert Ballin §, der als Organisator, Finanzmann und 
Schiffahrtspolitiker gleich Hervorragendes leistete. Durch Aus 
nutzung der von ihm angeknüpften Beziehungen gelang der Abschluß 
des Harrimatt-Abkommens, das jetzt den Gemeinschaft der 
deutschen Schiffe mit den amerikanischen ermöglicht. Das Schiff, 
das den Namen Ballins trägt, ist erst seit kurzem für die 
New Dorker Strecke eingestellt. Es hat 22 000 Brutto-Raum-Tonnen. 
und gewährt 1500 Passagieren Unterkunft. Besondere Bequemlich 
keit bietet es durch die reinliche Oelfeuerung und die An 
bringung sogenannter form stabil er Tanks, die jede 
Schling erbewegung aufheben. Der Elektrizität ist eine Fülle von 
Arbeit Angewiesen,- und die Einrichtung drahtloser Telegraphie und 
Telephon!e hält die Verbindung mit anderen Fahrzeugen und den 
Kontinenten ununterbrochen aufrecht. 
Der Film gestattet es auch der ausgemachten Landratte, die 
Seereise von Anfang bis zu Ende mitzuerleben. Man lernt den 
Hamburger Hafen in allen Einzelheiten kennen: seine 
Riesenkrane, Werften, Hellinge, Schwimmdocks. An Blankenesc &amp;lt; 
! erfolgt durch Stewards, und DamenZimmer, Rauchzimmer, Bäder,! 
stehen zur Verfügung. Für Unterhaltung während der zehntägigen 
&amp;gt; Fahrt ist hinreichend gesorgt. Die Kinder spielen Sacklaufen oder 
' ergötzen sich am Kasperle-Theater und die Männer Pflegen ihres 
Skats. Auch über die Verpflegung wird stch so leicht niemand zu 
beklagen haben. Die Ausstattung der ersten Klasse ist vornehm 
und geschmackvoll, ohne in überflüssigen Luxus auszuarten. Eine 
besondere Anziehungskraft übt ersichtlich die kleine Kaffee-Veranda 
' aus, die Platz genug für tanzlustige Paare bietet. Außer dein Kino, 
das von Deck Zu Deck wandert, sei noch die „Kunstmesse" erwähnt, 
eine dauernde Verkaufsausstellung deutscher Qualitätsarbeit auf 
dem Gebiet des Kunstgewerbes. Wegen seiner Bevorzugung durch 
reisende Künstler wird der Dampfer auch wohl das „Künstlerschiff" 
genannt Die Aufnahmen aus New Aork verschaffen eine gute 
Vorstellung von den Wolkenkratzer-Schluchten der Riesenstadt:' sie 
halten Zumal die nächtliche Lichtreklame M. deren ekstatische Aus 
schweifungen in jeder nur erdenklichen Höhe das Gehirn auf phan 
tastisch-barbarische Weise betäuben. Der Eindruck, den diese gigan 
tischen Dimensionen hinterlassen, ist nicht zu verleugnen, doch kehrt 
man, gepeinigt von ihnen, mit dem „Ballin" gerne nach dem alten 
kleinen Kontinent Zurück. n.
        <pb n="32" />
        Den Beschluß machen die Darstellungen, die dem .Heute 
gelten. Zu den Aufnahmen vom Brückenabbruch gesellen sich 
Blätter, die von der kurzen Lebensgefchichte des Notstegs han 
deln. Etwaige Lücken werden durch das reiche Photogra 
phische Material ausgesüllt, das kein Fleckchen unberücksich 
tigt läßt. 
Sie MZWMg der MSesbau-Nereinr. 
Vor dem Umbau der Alten Brücke hat der Brücken 
bau -- Verein in den Rö-wer Hallen eine Ausstellung ver- 
anstaltet, die in Urkunden und Bildern die Geschichte des ehr 
würdigen Bauwerkes von der Frühzeit an bis zur Ge 
genwart widerspiegelt. Eine vollständigere Biographie; 
läßt sich kaum denken; jede Phase des baulichen Zustandes ist 
getreulich festgehalten, jede Einzelheit von Künstleraugen 
bucht. Eine Lobpreisung, die sich durch die Jahrhunderte er" 
strE und sich nicht genug daran tun kann, die Schönheit der 
Brücke immer wieder neu W verkünden. Kein Standpunkt, von 
dem aus sie nicht verewigt worden wäre, keine Stimmung, 
die man nicht der Vergänglichkeit entrissen hätte. Es ist gut 
ss, daß man jetzt noch einmal Gelegenheit hat, ihre Wechsel- 
vollen Schicksale den: Gedächtnis einzuprägen, denn der Ban 
der neuen Brücke wird das Bild der alten mehr und mehr ver 
drängen. 
Die Fülle des von Dr. Lübbecke Zusammengetragenen 
historischen Materials entstammt, von etlichen Beiträgen des 
historischen Museums abgesehen, dem Privatbesitz; zumal die 
FrMofurtensien-Sammlung des Herrn H. Stiebet hat 
viele Blätter hergegeben. Mit pietätvollem Schauer betrachtet 
man die älteste Brückenurkunde aus dem Jahre 1223, in der ein 
Bürger Baldemar sein Haus an der Brücke dem Kloster Arns- 
bürg vermacht, sowie die erste zeichnerische Darstellung in einem 
sogenannten Bedebuch, ein primitives Gekritzel, das um 1400 
anzusetzen ist. Diesen Vorläufern fügen sich die Stiche der ver 
schiedenen Merians an, die mit dem großen Velagerungs" 
plan aus dem Jahre 1552 anheben und das ganze 17. Jahr 
hundert durchziehen. Im folgenden Jahrhundert häufen sich 
die Wiedergaben, und holländische Künstler, so etwa Pieter van 
Liender, sind kaum minder eifrige Brückenchwnisten wie die 
Zehender und Heinrich Schütz. Das Hauptereignis des Jahr^ 
Hunderts ist der Brückenumbau 1739 bis 1749 durch Uffen- 
Ha Her, dessen Originalbericht ebenfalls vorliegt. Das 19. 
Jahrhundert bringt Bilder und Namen, die der Gegenwart 
schon vertrauter sind. Bürger und Carl Morgenstern 
veranschaulichen Zart den Zusammenhang von Brücke, Fluß 
und Ufer, und die impreffionistischien Studien von Peter Vur- 
nitz lösen die festen Konturen in malerische Unbestimmtheit 
auf. Nun folgen die Neueren und Neuesten., den stets gleichen 
Gegenstand unter mannigfachen Aspekten würdigend; Zu er 
wähnen das schöne Schwarzweiß-Matt Wucherers von der 
winterlichen Brücke und die fast allzu monumentale Radierung 
Sepp Franks. 
* Kleine Gruppen führen vom Ganzen der Brücke ins Detail.' 
Sie fasten etwa Abbildungen der Brückentürme Zusammen, 
die am Ende des 18. Jahrhunderts verschwunden sind, Zeigen 
die^ ehemalige Befestigung und widmen sich ausführlicher der 
Bnickenmühle und der Insel. Die Kanonensteppet treten 
gar im Original auf, und auch der lebenden Sachsenhäuser 
Typen wird hinreichend ge^ 
Ausstellung des Brückenbau-Vereins. 
Die Ausstellung des Brückenbau-Vereins, die das wechselnde 
Bild der Alten Brücke von ihrer Frühzeit an bis zur Ge 
genwart veranschaulicht, wurde Sonntag vormittag durch Stadt 
rat Dr. Schulz in den Römerhallen eröffnet. Das von 
Dr. Lübbecke vorzugsweise aus Privatbesitz zusammenge 
tragene Material an Stichen, Kunstblättern und Originalarb eilen 
beweist, daß -die Brücke von jeher als Wahrzeichen Frankfurts 
galt und auf die künstlerische Phantasie immer wieder ihre An 
ziehungskraft ausübte. Die Merlans haben sie in vielen Plänen 
und Stichen, deren ältester aus dem 16. Jahrhundert stammt, 
getreulich festgebaltsn, durchreisende Holländer sie im 18. Jahr 
hundert abgebildet und die Frankfurter selber, so E. Morgen 
stern oder P. Burnitz, durch künstlerische Darstellungen ihr Lob 
verkündet. Jede Phase der Baugeschichte, jede Einzelheit der 
Brücke wird unermüdlich widergespiegelt: eine Verherrlichung, 
&amp;gt; die durch die Jahrhunderte geht, und in solchem Matze nicht oft 
- einem Bauwerk zuteil geworden sein mag. Historisch reizvoll 
sind" zumal -die Blätter, die längst Entschwundenes zeigen; etwa 
die Brückentürme und die Befestigung^ das alte Wasserwerk und 
die frühere Gestaltung der Ufer. Auch die Ereignisse der jüng 
sten Vergangenheit —- der Abbruch in seinen verschiedenen 
Stadien und die Vergänglichkeit des Notstegs wer-oen der 
Bilderchronik einverleM. An den historischen Teil reiht sich die 
Sonderschau des Tiefbauamtes, sie in die nahe Zukunft 
weist. Die Folge der von ihr dargebotenen Projekte schließt 
mit dem zur Ausführung bestimmten Entwürfe der Architekten 
Heber er und v. Hoven ab, der im Modell un) in Per 
spektiven genau vergegenwärtigt wird. Findet die Tätigkeit des 
Brückenbauvereins auch weiterhin die verständnisvolle Unter 
stützung Ser Frankfurter Bürgerschaft, so ist mit dem baldigen 
Beginn der baulichen Arbeiten zu rechnen. Man hofft schon in 
diesem Jahre die drei Oeffnungen über den MMermain zu 
bauen; der übrige Teil der Brücke soll dann im nächsten Jahre 
nach Ablauf der Hochwasserperiode folgen. Ueber die Aus- 
j steLmrg selber werden wir noch ausführlicher berichten. 
Die angegNederte Sonderschau des Tiefbauamts 
' gewährt einen sehr lehrreichen Ueoerblick über die Reihe der 
Umbam- und Neubaupro je kte seit der Mitte des vori 
gen Jahrhunderts. Einige nähere Angaben zu den daraebote- 
nen Entwürfen werden gewiß willkommen sein. 
Da die Brücke kein einheitliches Bauwerk bildet, war ibr 
baulicher Zustand an einzelnen Stellen ein verschiedener. Wie 
man es bei alten Brücken häufig findet, liegen die Fundamente zu 
hoch, weil der Fluß rm Laufe der Zeit sich sein Bett tiefer einaräbt. 
Durm dre starken Hochfluten, die sich im Durchschnitt alle 30 Iabre 
wiederholen, entstehen starke Strömungen, die das Flußbett ein- 
rerßen und unter den Fundamenten Hohlräume erzeugen. JmMoe 
dieser Eingriffe des Wassers sind im Laufe der Hahrhm d rte 
manche Einstürze der Brücke erfolgt, sodaß dauernd Wiedm Er 
stellungen nötig wurden. Von 1825 bis 1859 verausgabte man 
allein für Jnstandsetzungsarberten 23 000 fl., eine in Anbetracht 
des niedrigen Geldstandes der damaligen Zeit sehr große Summe. 
Der Zustand der Brücke wurde späterhin immer schlechter, sodatz 
der Rat der Freien Stadt Frankfurt sich dazu entschied, kein Geld 
mehr für die Brucke aufzuwenden, sondern sie abzureitzen und 
durch ernen Neubau zu ersetzen. In der gesetzgebenden Versamm 
lung des wahres 1866 wurde dieser Neubau auch einstimmig 
beschlossen. Er unterblieb, weil die Brücke kurz darauf in den 
Besitz des preußischen Staates überging, der sich vorerst mit lau 
fenden Unrerhaltungsarbeiten begnügen Zu können glaubte. 
Unterdessen gestalteten sich die Verkehrsverhältnisse am und 
unter der Brucke immer schwieriger. Die großen Rheinschiffe, die 
jert der Eröffnung des Osthafens den Main befubren, konnten. 
Namentlich bei starker Strömung, kaum die Brücke passieren und 
verunglückten nicht selten. Dieser unhaltbare Zustand veranlaßte 
die städtischen Behörden, den Gedanken des Brückenneubaus wieder 
aufzunehmen. Das älteste bekannte Projekt stammt aus dem 
Jahre 1865 aus der Hand des städtischen Inspektors Eckardt. 
Wertere ProMe ließ der Staat, dem die Brücke damals noch 
gehörte, in den Jahren 1891 und 18Z7 mrfftellen. Das letzte sah 
eiserne Bogen wie bei der Obermain- und der Untermainbrücke 
vor. Die späteren Projekte des Tiefbauamts schlugen zunächst 
eine Eisenbrücke vor, versuchten dann, sich mit dem Umbau ein 
Zelner Teile zur Durchleitung der Schiffahrt und des Hochwassers 
und mit einer Verbreiterung des Restes der Brücke zu begnügen, 
und gelangten schließlich zu einem vollständigen Neubauentwurf, 
der sich im Aeußeren möglichst an die Halbkreisbogen der alten 
Brücke hielt. Bei der Prüfung dieses Projektes aus dem Jahre 
1909 stellte sich jedoch heraus, daß infolge zu geringer Breite 
der Oeffnungen zwischen den einzelnen Pfeilern eine Umarbei 
tung notwendig wurde. 
Um ein künstlerisch wertvolles Projekt Zu erhalten, entschlossen 
sich nunmehr endlich die städtischen Behörden Zur Ausschreibung 
eines öffentlichen Wettbewerbes, dessen Hauptergeb 
nisse ebenfalls in der Ausstellung Zugänglich gemacht worden sind. 
Den ersten Preis erhielten die Architekten van Hoven und 
Hoberer, der Zweite Preis fiel an den inzwischen verstorbenen 
Architekt Leonhardt. Da die Entscheidung des Preisgerichts 
in der Öffentlichkeit auf heftigen Wiederstand stieß, beauftragte 
die Stadtverwaltung die Preisträger mit der Ausarbeitung eines 
neuen Projekts, das die Vorzüge der beiden früheren in sich 
vereinigen sollte. Das gemeinsame Werk fand die Zustimmung 
der Behörden und der Bürgerschaft und wurde zur Ausführung 
bestimmt. 
Nachdem sämtliche maßgebenden Instanzen ihre Genehmigung 
erteilt hatten, begann man Ende des Jahres 1913 mit den Bau 
arbeiten. Zunächst wurde die hölzerne Notbrücke, die den Verkehr 
während der Bauzeit ausnehmen sollte, im Winrer 1913/14 errichtet 
und am 3. Juni 1914 die erste Hacke an die Brücke Zum Abbruch 
gelegt. Der bald darauf ausbreckende Krieg behinderte die Fort 
führung der Arbeiten in erheblichen Matze und auch nach dem 
Kriege war eine wesentliche Förderung der Arbeiten nicht möglich. 
Doch gelang es im Laufe der Zeit immerhin, sämtliche neuen Fun 
damente herzustellen. Das letzte Fundament zwischen den beiden 
Schiffahrtsöffnungen konnte erst vor kurzem beendet werden. 
Durch den im Januar erfolgten Einsturz der Not 
brücke ist die Errichtung des Brückenoberbaus Zur dringlichen 
Aufgabe geworden. Da dank der Werbetätigkeit des Brücken 
bau-Vereins und der Opferbereitschaft der Frankfurter Bür 
gerschaft an der Ausbringung der erforderlichen Geldmittel 
heute nicht mehr zu zweifeln ist, wird die Bauvermaltung vor 
aussichtlich schon im nächsten Monat die Bau 
arbeiten wieder aufnehmen können. Es ist beabsichtigt, 
in diesem Jahre noch die drei Oeffnungen über den Müller 
main- zu bauen. Der übrige Teil der Brücke soll dann nach 
Mlauf der nächsten Hochwasserperiode im folgenden Jahre 
erstehen. Sinkt mittlerweile nicht der Zufluß der Gelder, 
so darf man damit rechnen, daß Anfang 1926 die neue Brücke 
dem Verkehr übergeben wird, Lr.
        <pb n="33" />
        sant wie stets. 
rac. 
SS Der Verführer rus Spanien. Das Drama ^Die drei 
Marien und der Herr von Marana", das in der 
NeuenLichLLühne Mu.fi, kommt spanisch und hysterisch daher. 
Es gibt Reinhold Schünzel Gelegenheit, seine VerführungS- 
künste einmal im Gewände eines spanischen Wanden zu erproben, 
was ihm nicht schlechter gelingt als sonst wohl im Frack. Das 
Stück spielt irgendwann Zwischen Mittelalter und Neuzeit und 
irgendwo Zwischen Spanien und Frankreich am Hofe eines Regen 
ten, der das Gut seines herzoglichen Mündels veruntreut und 
mit seiner Geliebten, der einen von dm drei Marien, einem nicht 
eben moralischen Lebenswandel huldigt. Der spanische König läd 
ihm den Herrn von Marana auf den Hals, damit der Lotterwirt 
schaft ein Ende gesetzt werde, aoer dieser Don Juan von Schün- 
Zels Gnaden hat die langen Me hindurch nur die verschiedenen 
Marien im Sinn und gibt mit viel Routine jeder das ihre. An 
Lokalkolorit ist nicht gespart, und das Laster tritt mit Gepränge 
auf. Lya de Putti, Olga dDrg und Anita Berber sorgen dafür, 
daß der spanische Wüstling Abwechslung finde und durch dis 
Hetäre so in Atem gehalten werde wie udrch die seelenvolle Marie 
und das Naturkind gleichen Namens. — W Beiprogramm: „E r" 
alias Harald Lloyd, amerikanisch, grotesk, hurtig, roh und amü 
tm Gr»8stlm.I Auf das Nibelungen- 
^'Estspkel, das sich endlos wie der Lindwurm über die Lein 
ist der Helena- Reißer gefolgt, eine gigantische 
Entfaltung von Schlachten, Bränden und Massen, ein Triumph 
^-„O-T^unst von den Wagsnrennen auf Chthera an bis zum 
troMnschen Pferd. Nicht Kosten sind gescheut noch erste Darsteller 
geschont, um die Geburt des Films aus dem Geiste der Jlias 
A.^^kem und der antikischen Echtheit der Rekonstruktion ent 
spricht durchE die stille Größe und edle Einfalt der mit Licht- 
dmcken ausgestatteten Werbeschrift, die das allzulange Epos zur 
^LMMKrung der Kinobesucher auf wenigen Seiten referiert. Eine 
Wiedererweckung des Mythos also? Seine hoffnungslose Vernicht 
Kmg vielmehr und überdies eine peinliche Flucht des Films vor 
W Mythische Welt bedarf zu ihrer Gestaltung des 
.Wort allein schöpft die Wirklichkeit ganz aus. die 
G«lst bestimmt Jeder Versuch, sich dieser Welt in einer Folge 
bloßer Bilder zu bemächtigen, ist darum von vornherein vergeblich. 
Mehr noch: er versperrt unweigerlich den Zugang zu ihr, da er 
MemSar das Wort entbehrlich macht, daS doch einzig sie erschließt. 
Mit je gewaltigerem Ernst und Pomp die mythischen „Großfilme" 
A^?orlagen nutzen, desto barbarischer die unfreiwillige Travestie. 
5* die alten Epen in die Sichtbarkeit locken, gerät ihnen 
der Mythos zum Kolportage- und Ausstattungsstück, das nicht ein- 
Vunmud ist; statt daß sie Helena den Zeitgenossen nahe brin 
gen, beschworen sie nur den Schatten der „Schönen Helena" her 
auf deren entzückender Cynismus ungleich realer ist als die schöne 
krkL^e ihr«? Schwester vom Film. Zum guten Teil trägt der 
falsche Ehrgnz mancher Filmregisseure an solcher Abirrung Schuld 
In ihrem BedurfnA nach sensationellen Publikumserfolgen ver 
gessen ste, daß der Film lediglich die scheinhafte stumme Außen 
seite der Welt zum Gegenstand hat, daß er sich in der Wiedergabe 
von Handlungen «HM, die genau so zufammengestückt sind wiedie 
Mmaufnahmen selber. Eine Serie von Augenblicksbildern ein 
ÄFgregat prunkhast^ Ereignisse: das ist recht eigentlich seine 
Dre exrstrerende Seele, die nach dem gesprochenen Wort ver 
langt, mag m dieser Welt zwar hie und da aufblitzen, doch ver- 
WW M nimmexmehr ihre Einheit; daher denn such Stoffe, deren' 
Fabel aus einem wirklichen seelischem Vver geistigen Geschehen 
erwächst, der Verfilmung geradezu Widerstreiten. Sie bleiben ins 
Buch gebannt, oder sind dem Theater zubestimmt; der Film aber, 
der sie hervorzicht, schändet He nur. Gewiß fft jedenfalls, daß er 
deß er daran täte, das weite Feld der amerikanischen Grotesken und 
kkr Detektivschlager zu bepflügen, als Heldengesänge und Männer-! 
schlachten auf der Leinwand vor allem Volke zu verkitschen. Lr. j 
Me slmMchs LmgewerlfGle. 
Zum Weggang Pros. UngrrS. 
--- Das SckicksÄ des AbgeSautwerdenS, das dein» Schläge 
nach bürokratischen Grundsätzen erteilt und darum nicht selten 
gerade di« brauchbarsten Kräfte trifft, hat nun auch den 
Gründer und langjährigen Leiter der Frankfurter Staatlichen 
Baugewerkschule, Obecstudiündirektor und Gewerbeschukat 
Pros. Unger, zu vorzeitigem Ausscheiden gezwungen. Der 
W-agang des verdienstvollen Mannes läßt den Rückblick auf 
seine fruchtbare Tätigkeit, zumal auf feine Bedeutung für das 
Preußische Bangewerkschulwesen, nicht minder gerechtfertigt 
erscheinen wie die Würdigung der Frankfurter Anstalt, die ihm 
ihre gedeihliche Entwicklung dankt. 
Im Jahre 1860 in Wien geboren, studierte Pros. Unger 
an der Technischen Hochschule seiner Vaterstadt zu d:r Zeit, 
als die Monumentalbauten der Wiener Ringstraße entstanden. 
Bald nach Abschluß seiner Studien trat er in den Lehrertyrr- 
Land der Wiener StaatSgewerbeschule ein, deren Direktor 
Camillo Sitte seinen Kräften die bestimmte Richtung wies. 
Man kannte Sitte gemeinhin nur als den großen Anreger auf 
dem Gebiete des Städtebaus; er war Mr auch ein hervor 
ragender Schulmann und beeinflußte durch die von ihm ge 
lehrten Methoden nachhaltig die Ausgestaltung des gewerb 
lichen Unterrichts. 
Um 1890 wurde Anger nach Preußen berufen, wo man 
gerade mit dem AufbM des Fachschulwesens begann. Im 
HerW 1891 erjagte die Gründung der ersten Königlichen Bau 
gewerkschule in Posen, der nun jedes Jahr eine oder zwei neue 
Schulen folgten, sodass man es bis 1901 auf 22 Königliche 
Schulen ( einschliesslich der sechs übernommenen städtischen An 
stalten) brächte. An der 1901 einsetzeudm Reorganisation 
und Neuausstellung des Lehrvlaues beteiligte sich Pros. Unger 
an entscheidender Stelle. Nach langjähriger Tätigkeit an der- 
fchiedenen Schulen des deutschen Ostens war er mittlerweile 
zum Direktor der Erfurter Baugewerkschule berufen worden 
und leitete hier die Lehwersuchs, dis als Grundlage für die 
1908 dnrchgesührte Reform der Preussischen Bau 
gewerkschulen dienten. Die sogenannte „Erfurter 
Methode" setzt an die Stelle der früheren zusammenhanglosen 
Einzelübungen eine einheitliche Ausbildung,. die von vorn 
herein den Organismus des Hauses zum Mittelpunkt 
des Unterrichts macht. Auch legt ste nicht mehr das alleinige 
Gewicht auf technisches Können, sondem nimmt sich zugleich 
der künstlerischenEr Ziehung in verstärktem Maße au. 
In Anerkennung feiner Verdienste um die angcstrebten Re 
formen wurde Pros. Unger 1908 zum Direktor der neu zu 
errichtenden Frankfurter Baugewerkschule ermannt, 
der später nur noch die Schulen in Essen und Neukölln folgten. 
Die Gründung der Frankfurter Anstalt war für die Entwick 
lung des preußischen Baugewerkschulwesens in doppelter Hin 
sicht von Bedeutung. Einmal fanden an ihr die Erfurter 
Nnterrichtsergebmfse zum ersten Male volle Anwendung, zum 
andern wurden bei der Planung des Schulgebimdes, das selber 
vls mustergültiges Lehrmittel gedacht war, die Einsichten einer 
fast zwanzigjährigen Praxis verwertet. Sein Ausbau ist zum 
überwiegenden Teil das Werk Direktor Angers. Er besichtigte 
vor Umbruch der EntwurfsoAeiten auf einer ausgedehnten 
Studienreise di« verschiedenen LehrstStten Deutschlands, um 
die dort gesammelten Erfahrungen für Frankfurt zu nutzen. 
Trotzdem sein aus schultechnischsn und städtebaulichen Grün 
den geführter Kampf um die Verlegung des Gebäudes von der 
NibelunMnallse nach der Wilhelmsbrücke leider vergeblich 
blieb, wurde durch sein unablässiges Drängen und Eingreifen 
doch Vorbildliches geleistet. Von dem kleinen Tüvschnapper 
an, der in einfacher Weise die Klasfentüren vor dem Zuschlägen 
bei Zugwind schützt, bis zu den von ihm konstruierten 
Schülerzeichemtifchen „System Frankfurt" und den neuartigen 
Waudschultafeln „System Gewerbeschulrat Pros. Unger" schuf 
oder überwachte er j^ Einzelheit der Ausführung. Gekrönt 
wurde die innere Einrichtung durch die reichhaltige, streng 
systematisch aufgebaute Modellsammlung, die in den 
Fluren frei zugänglich ist, und ein Lehrmittel darstellt, wie es 
in gleicher Vollkommenheit nur wenige Schulen aufweisem 
können. 
Der Unterricht, dessen Rückgrat diese Sammlung bildet 
vergaß über der gründlichen Pflege der Baukonstruktion nicht 
dis Weckung des künstlerischen Sinnes. Die Förderung einer 
schlichten und sachlichen, an die heimatlich« Ueber 
lieferung anknüpfend«n Bauweise war sein Ziel. 
Ihm galt nicht zuletzt «im Nebemleistung, durch di« sich di« 
Schule ein besonderes Verdienst um Frankfurt erwarb. Die 
Schüler wurde n n ämli ch im Lauf d er Jahre dazu an gehalten, 
die architektonisch oder historisch wichtigen Häuser Frankfurts 
und der Umgebung aufzunehmen und zu vermessen; eine im 
Schularchiv aufbewahrte Sammlung wuchs so heran, die für die 
heimische Baugeschichte ungemein wertvoll ist. Men 
diesen Bemühungen Direktor UngerS und der um ihn g«" 
scharten Lehrer gelang «8 nach und nach, den schlimmen Ruf 
zu bessern, den die Dauaewerkschuleir noch in den Neunziger- 
Film und Jugend. 
--- Die der Vereinigung »Kunst und' Fügend" 
jeü etwa drei Monaten angegliederte Filmabteilung 
ist in , eine Arbeitsgemeinschaft mit den Filmabteilung-n 
der süddeutschen Städte eingetreten. Der Zu ¬ 
sammenschluß, der außer der Filmftelle des Rhein-Mainischen Ver 
bands zu Frankfurt die aus städtischen und privaten Mitteln ge 
speisten Abteilungen in Heidelberg, Darmstadt, Karlsruhe, Frei 
bürg, Stuttgart, Nürnberg einbezieht, bezweckt vorwiegend 
den gemeinsamen Ankauf von Lehr- und Kulturfilmen 
und die Errichtung eines Filmarchivs. Außerdem plant man 
die Einführung einer von der Reichsfilmzensur unabhängigen pä 
dagogischen Zensur, die darauf abzielt, den Jugendorganisationen 
besonders geeignete Spiel- und Lehrfilme zu empfehlen. Schließ 
lich gedenkt man das Heidelberger Muster des sog. Kultur 
filmtheaters — einer von der Universität, der Stadt und 
gemeinnützigen Instituten geschaffenen Einrichtung für die Dar 
bietung künstlerischer und belehrender Film« — auch in anderen 
Städten zur Nachahmung zu bringen. Um die Zusammenarbeit zu 
fördern, ist der Anschluß der ganzen Organisation an die Ber 
liner Zentralorganisation: „Deutscher Lichtspielbund" 
vorgesehen., Einzelheiten wurden bereits vor kurzem in Heidelberg 
beraten; die nächste Sitzung soll während des Herbstes in Stutt- 
! Hart stattfindem Der Rat selber hat sich vorzesetzt, in Frank 
furt Ende Oktober — vielleicht anläßlich der Herbstmesse — eine 
Filmtagung zu verunstalten, die einer Erörterung aller den 
Film betreffenden Fragen dienen soll. § - ; ., j , Um.
        <pb n="34" />
        jähren als, Pflanzstätten des Ungeschmacks genossen. Die breite 
OeffentlichkeiL erfuhr von den errungenen Erfolgen zuerst 
durch die große Schülerausstellung bei der Eröffnung des Neu- 
baus im Jahre 1913. Eine zweite Ausstellung anläßlich der 
Tagung des Gewerbefchulverban Pfingsten 1923 mochte ihr 
dann beweisen, daß die Schule trotz der KnLgsnöte ihren hohen 
Rang behauptet hatte. 
Was die äußere Entwicklung betrifft, fo sprechen 
die Zahlen zur Genüge. Die Schule, die 1909 mit fünf Klaffen 
und zehn Lehrkräften begann, umfaßt jetzt 9 Sommerklaffen 
und 13 Wmterklassen mit 28 Lehrern, von denen neuerdings 
außer dem Direktor drei abgebaut worden sind. Die größte 
Schülerzahl, die sich auf 308 beließ, brächte der Winter 1919. 
Im letzten Semester wurde der Hochbau- und Tiefbau-abteilung 
noch ein Kursus für Vermessungstechniker angre- 
gliedert, dessen Teilnehmer sich im April einer besonderen 
Prüfung unterzogen. Ihre Abhaltung war die letzte Amts 
handlung des Direktors. Er schied, wie es seinem stillen und 
zurückhaltenden Wesen entsprach, ohne Feierlichkeit von der 
Anstalt, die untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. 
Nicht auf die Schule allein bieb das Wirken Pros. UngerZ 
beschränkt. Wo immer man in der engeren und weiteren 
Heimat des vielbeschäftigten Mannes bedurfte, stellte er seinen 
Rat und seine Arbeitskraft bereitwillig zur Verfügung, und 
stets war sein uneigennütziges Eintreten ein Gewinn für die 
Sache. Wie er dem Frankfurter Architektenverein 
wiederholt als Vorstandsmitglied angehörte, fo fühE er den 
Vorsitz der Bauberatungs stelle für Hessen-Nassau und 
lieh dem Verein für Förderung des Arbeiter-Woh 
nungswesens tätige Unterstützung. Sicheres Urteil, 
Unabhängigkeit der Gesinnung und organisatorisches Geschick 
machten ihn zu einem Vecha-ndlungsleiter, den; auch der 
Gegner Achtung darbringen mußte. Ein besonderes Augen 
merk richtete er jederzeit — darin wie in so vielem anderen 
der echte Schüler Sittes — auf die Erhaltung des Frank 
furter Stadtbildes. Unermüdlich setzte er sich für 
seine Pflege ein, zuletzt an maßgebender Stelle in dem Kampfe, 
den ein Unterausschuß des Rates für künstlerische 
Angelegenheiten um die Reform des nicht mehr zeit 
gemäßen OrLsstaA gegen d'K Verunstaltung des Stadtbilds 
führte und noch immer führt.- Wir möchten hoffen, daß Frank 
furt den in voller Rüstigkeit aus seinem Amt Scheidenden nicht 
verliere, denn nur schwer und ungern können wir ihn missen. 
ss.L5 
Lantfeier der Universität Frankfurt. 
Am Sonntag tmrmittag fand in der Aula der Universität 
die akademische KanLfeier statt, eröffnet durch den 
feierlichen Einzug des Lehrkörpers und der Chargierten. Die 
Festrede hielt Pros. Hans Cornelius. Er deutete zunächst 
darauf hin, daß zwischen dem Elend, in das unser Volk hinab« 
gestoßen sei, und dem Elend der Philosophie, die man seit einem 
halben Jahrhundert habe verfallen lassen, ein tiefer, innerer 
Zusammenhang obwalte. Nur wenn wir, beseelt von dem 
Streben nach letzter Klarheit, die Philosophie wieder zur Füh- 
rerm erwahlren, könne es gelingen, die Zielsetzungen mensch 
lichen Handelns dem Zufall zu entreißen und uns von neuem 
eucharzuarbeiten. 
Was vermag uns in solcher Krisis Kant zu bedeuten? 
Prost Cornelius erklärte von vornherein, daß man sein Werk 
keineswegs ohne weiteres übernehmen dürfe. Und zwar ver 
lieh er der Ueberzeugung Ausdruck, daß gerade die Bestand 
stücke der Bernunftkritik, die etwa Schopenhauer noch für un 
vergänglich hielt: also die Raum- und Zeitlehre und die Lehre 
vom Ding an sich, heute preiszugeben seien, da sie sich als 
Irrtümer erwiesen hätten. Dennoch: der Kern der Gedanken 
Welt Kants bleibt dem Redner zufolge unerschütterL in Kraft. 
Einmal hat Kant, was die theoretische Seite seiner Grkennt- 
: nisse berifft, uns aus dem „dogmatischen Schlummer" der Leib- 
niz-Wolffscheu SchulphilosoMe geweckt und endgültig den 
Dogmatismus des vorwissenschaftlichen DerrNens vernich 
tet; zum andern hat er erfolgreich die Skepsis Humes be- 
kämpst, der eine -von der Erfahrung unabhuLgige Erkenntnis 
überhaupt bezweifelte. Dieser Skepsis setzte Kant die unum- 
streiLliche Lehre entgegen, daß der Einheit des Bewußtseins Be 
griffe entspringen, die allererst die Bedingung der Möglichkeit 
unserer Erfahrung sind, Begriffe, durch die wir die Erscheinun 
gen formen und den Zusammenhang erzeugen, der als Natur 
uns gegenMertritt. 
Den gewaltigen theoretischen Einsichten Kants reihen stch 
die Ergebnisse der praktischen Philosophie ebenbürtig an. Von 
allen früheren ethischen Lehren unterscheidet stch die seine da 
durch, daß sie an die Stelle bedingter Normen den katego 
rischen Imperativ setzt, der die Verwirklichung des 
Guten rein um seiner selbst willen begehrt. Man verstünde 
ihn nach Pros. Cornelius falsch, wenn man aus ihm bestimmte 
inhaltliche Gebote entwickeln wollte. Er HM die Menschen 
lediglich dazu an, im Einklang mit dem Vernunstgesetz ihre 
Pflicht zu erfüllen und überläßt es im übrigen jedem einzel 
nen, sein eigener Richter zu sein. Eines freilich ist not: daß 
die Bedingungen hergestellt werden, unter denen die Menschen 
überhaupt sittlich handeln Wnnen. Auch hierzu weist Kant den 
Weg in seinem Traktat „Zum ewigen Frieden", der Von den 
Staaten fordert, daß sie ihre gesetzlose Freiheit aufgeben und 
Ü.W AU iener überstaatliöben Gemeinschaft zusam^ 
menschlichen, die schon die SLoa ahnte und Dante in seinem ! 
Epos dichterisch gestaltete. 
Zum Schlüsse pries Pros. Cornelius Kant als den Führer, 
der uns den Kompaß in die Hand gegeben habe und dessen Leh 
ren bleibende Richtschnur des Handelns und Erkennens imen. 
Wolle unser Volk zu neuer Größe hera-nreifen, so muffe es 
den inneren Kampf gegen die falschen Götter des Mam 
mons und der Eitelkeit aufnchwen, die von uns Besitz ergrif 
fen haben, und sich in seinen Entschließungen einzig vom 
rengesetz bestimmen lassen. — Blaserchöre rahmten dre würdige 
Feier ein. 
Das Institut der Elsaß-Lothringer. 
Das wissenschaftliche Institut der ElsaßH 
Lothringer im Reich hielt am 17. und 18. Mai in FrcmH 
furt seine Hauptversammlung ab. Generalsekretär Prost 
Wolfram dankte in sfeeiinnem Jahresbericht den auWMschertz 
Freunden und Gönnern des Instituts, veorbdreirtete sich über das rege 
wissenschaftliche Leben im Vorjahr und erklärte, daß trotz des auÄ 
mancherlei Gründen eingetretenen Rückgangs der Mitglied erzaW 
die Aussichten auf die Zukunft Zu Hoffnungen berechtigten. Die 
Bibliothek sei, nicht zuletzt dank einigen Vermächtnissen, auf 12 000 
Bände angewachsen, und die Herausgabe einer Reihe weiterer mist 
senschaMcher und schöngeMger Publikationen vorgesehen Von! 
Optimismus getragen waren auch die Ausführungen des Zweiten 
Vorsitzenden, Ministerialrats Donnevert, der in Vertretung deH 
Schatzmeisters sprach. Er teilte mit, das das JnsütutsvermüMN 
sich jetzt insgesamt auf etwa 13 000 Goldmark belaufe. Da diq 
„Notgemeinschaft" ihre Zuschüsse nicht nur weiter zahlen, sondern 
sogar erhöhen wolle, und das Ministerium des Innern auch fen 
nerhin das Institut Zu unterstützen beabsichtige, werde im konÄ 
wenden Geschäftsjahre voraussichtlich die Ansammlung eines klei 
nen Fonds möglich fein. Die von der Mitglied-ewersammlung eins 
stimnng angenommEn Wahlvorschläge ergeben die Kooption zweier 
neuer Mitglieder in den Verwaltungsrat. An Stelle des ausschei* 
denden Geh.-Rats Pros. Ehrhardt (Bonn) wurde Zum ersten Von 
sitzenden Pros. Anrich (Tübingen) gewählt, der in einer kurzen 
Ansprache der Toten des vergangenen Jahres gedachte. 
Zwei Vorträge rahmten die Tagung ein. Pros. König gab 
einen gedrängten Ueberblick über die Geschichte des deutschen 
Reichsbodens im Westen, der sich vom Jura bis Zum Meers 
erstreckt. Er ist jetzt politisch von Deutschland völlig abgesprengt; 
Flandern, Luxemburg, Lothringen, das Elsaß und die deutsche 
Schweiz gehören uns nicht mehr an. Aber die Sprachgrenze verq 
läuft heute noch genau so wie zur Zeit der Völkerwanderung, 
' uno mag es den Franzosen auch gelungen sein, in den von ihnen 
eroberten' Gebieten und darüber hinaus dir Sympathien dev 
Oberschicht Zu gewinnen, sie emzutun in die civilisLtiou n-nr^ 
yLkLe, so haben die Massen doch, ihnen selber vielleicht unbe 
wußt, ihr Deutschtum bewahrt. Wobei besonders der Bund zu 
Lsachtm ist, den in den GrsnZlandsn Bölkstum und Kirche jeder 
zeit ewgegangen sind. 
M. den durch Krankheit verhinderten Pros. Spähn sprarrg m 
letzter Stunde Pros. Platzhoff ein, der die Stellung Elsaß 
Lothringens in der europäischen Politik er 
örterte. Die elsaß-lothringische Frage, so hob er hervor, ist stets 
eins europäische gewesen, denn auf dem Besitz des Elsaß, oas 
Frankreich im 17. Jahrhundert eroberte, beruht seine Vorherr 
schaft über den Kontinent. Die andern europäischen Staaten 
haben diese Hegemonie dauern) beseitigen wollen, doch Opferten 
sie das Elsaß und späterhin auch Lochringen fortgesetzt anderen 
Interessen, die ihnen gerade näher lagen. Wie sehr die früheren 
NsiSskE als Äompensationsobjekt betrachtet wurden, beweist 
die Tatsache, dM der erste sie betreffende Vertrag, den nur zwei 
Staaten abschlossen, der Friedensvertrag 1871 war. Da Rutsch 
land in 'der Folgezeit selbst von seinen Verbündeten keine 
Garantien in Bezug auf das zurückgewmmene Gebiet erhielt, war 
es für die Franzosen im Weltkrieg ein Leichtes, von den 
Alliierten Zusicherungen zu erlangen, die ihm den Besitz MM- 
Lochrmgens gewährleisteten. Uns sind die Waffen heute ge 
nommen, und so kann es uns nur durch geistige Waffen ge 
lingen, drs Verbundenheit Zwischen uns und Elsaß-Lothringen 
wieder herzustellen. Wir werden uns ihm aber umso naher 
fühlen, je mehr wir ihm gegenüber die Treue und im Innern 
die Einheit bewahren.
        <pb n="35" />
        zu errichtenden Hallen lediglich Meßzwecken dienen und so 
^ 
neu 
äuge- 
See Avsblm des Iraukfurker NeffegelSudes. 
'st dir seinerzeit 
am End« die 
Et M «lgrn 
läßt. Um dieses unglückselige Erb« aus w§ 
die wrsch^ed«:«» »« ^ M .«e « rn r i M n e g s e fi r b in a g u e te re n n : o H d a e u r s gr O öß ff e e r n e b n a W ch s , tS H n a de u n s 
zu Manifestationen aus Glas, und aus Liesen wurstförmigen oder 
zichackartigen Grundrissen entquellen Gebild« pervers« Nn» 
MchnmK. Unausführbar vieles und ohne jeden Bezug aus die 
bewerb ausgeschrieben, 
G*l2A"°banung f 
Eß auf eine AusMung des GeDndes und eine 
beS vorhandenen bauliche« Konglomerates 
dmum vor einiger Zeit einen - leider 
aduet sein, daß das städtebauliche Bild endlich fich rundet. 
Die 1&amp;lt;8 eingegangenen Entwürfe stehen im Hause Werkbund 
Mr Schau. Das Preisgericht, in dem unter anderem Peter 
Bohrens saß, hat auf die Zuteilung eines ersten Preises ver 
zichtet, und statt dessen sechs Projekte mtt gleichen Preisen bedacht, 
^pkauft., In dem Gutachten heißt es, daß die 
Schwrengkmten der Aufgabe und die ungünstigen Platzverhältniffe 
wohl die Hauptschuld daran trugen, wenn der Wettbewerb nickt 
zu eurem unmittelbar baureifer» Entwurf geführt habe 
«tudümr der Projekte lehrt, daß in der Tat den ArchttEm 
ew-e wahve sysiphusarbert Mgenmtet wird. Da ist als wichtigste 
Verkehrsader der vom Hmlptbahnhof kommende Platz der Republik 
F5- 
M- 
einen deutschen Idee«.Wett- 
der brauchbare Vorschläge für die 
g, g 
treffen verschiedener Alleen, die sich spitzwinklig begegnen. Hinter 
diesem unübersichtlichen Vakuum liegt in einiger Entfernung die 
Festhalle, die von keinem Orte aus als point &amp;lt;l« uue fich anzu- 
bieten vermag. Die Frage ist nun: soll man den Raum zwiMn 
ihr und jenem Vakuum als einen geschlossenen Hof aus 
bilden, oder soll man die rechts und links von ihr vorMziehendeni 
Flügelbauten offen stehen lassen, damit ste selber gewissermaßen 
zur Platzwand werde? Im ersten Falle bleibt ihre Mschss^aWw 
gnädig verhüllt, im Metten Falle ist sie zwar sichtbar» kam aber 
durch die Akzentverlegung auf den westlichen Flügel vergleich-, 
gültigt werden. Erschwerend tritt noch hinP», daß bet der Wstmg 
des Platzabschlusses auch auf das gegenüber gelegene künfüge Hoch 
haus RüGcht genommen werden muß. Mit der Aufgiche, die Ver 
hältnisse vor der Festhalle vernünftig zu regeln, konkurriert und 
kollidiert die andere, von dem neuen Platze aus zweckmäßige Vw-. 
bindungen zu dem westlichen Teil des MessegeländeS zu schaffen 
den das Hcms der Technik eMntrisch begrenzt. Ei lst ein Gebiet 
kür fich, das keinerlei architektonisch einleuchtende Bezichungen zu 
dem Vorraum der Festhalle unterhält. So ist denn schließlich fenw 
Bebauung ein weiteres Problem, das die Behandlung der übrigen 
nicht eben erleichtert. 
Die preisgekrönte» Entwürfe — Me Detsaffer fiM 
«SAt L. Goerz (München), ArchiM Fr. Leykau f fDG 
seLwff), Pros. v. So ehr und Architekt R. WoSmann (Frank 
furt), Baurat Fr. Riedel und Bauart H. M. Schmidt 
(Hamburg), Archite« G. Schaupp in Firma C. L- Stoimrt 
(Frankfurt) und Architekt Fr. Thhriot (Frankfurt) — k« 
rinzelwen zu diskutieren, verbietet sich aus Mei Gründe». Ein 
mal zeichnet sich irffolge der mannigfachen au die Planung »M 
stellten Ansprüche kein ProM so unzweideutig vor den Neben, 
brchlem «K, daß nnm es durchaus an die Spitze verweisen müßte, 
Mn andern K das Programm rM zu vage und weitmaschig als 
daß fich MW seinen Forderungen ein ficherer Maßstab Mr die Be» 
«rteiümg gewinnen ließe. G eröffnet durch seine Unbestimmt, 
heft den Verfassern hiMerterlSi DWglichkeiten, die gegMeimmder 
«KzuiwSgen bei der-innigen Verflochtenheit des AeWetischen mit 
dem Praktischen ein Unding wäre. Da außerdem nirgends sämte 
»ehe Schwierigkeiten zugleich LewMigt find, sondern bald diesttz 
bald jene zurücktritt oder fich vordrängt, ist die Bemühung um 
zweifelsfrei« Wahl ein schier aussichtsloses Beginnen. DaS Preis 
gericht nmß dergleichen gefühlt habm, denn es hat ganz hete» 
rogene Entwurf« prämiiert und mangels einer feste» Haft in den 
Programmvorschriften der bloßen Bildwirkung hie und da mehr 
Beachtung geschenkt, als ste verdiente- Immerhin ergeben fich auK 
dem Vergleich der Entwürfe einig« allgemeine Richtlinien 
für die zukünftige Bebauung. Man erkennt etwa, daß in städte* 
baulicher Hinsicht die offene Platzlösung den Vorzug vor der gs&amp;lt; 
schloffen«« behauptet, und daß es nicht wohl angsP, die nnöe- 
queme FssthM« durch daneben gepflanzte HcchWuser und utopiscke 
Türme Hres Uebergewi'chteZ M bemwbm. Ap die W 
nach diese« Grundsätzen verL^e» wird mm am &amp;lt;W- 
hat W PrstokM gegeben, doH ssiner NiSer- 
h die gewonnenen Ergebnisse sehr wohk zur Gnrnd- 
AuZWHrungS-EntwurM verwandt werden Matten. 
hierzu wä« fveWch die Ausarbeitung eine« ge 
L«»«n Bauprogrammes, LvS feste Grenzen Mt »nd die 
Erfahrungen nutzt, die man dem Wettbewei» vettünckt. Bei seiner 
MrwiMchung sMte man der Preisträger nicht vergessen, die 
M der schwieriMr Aufgabe flch abg«E habe». Bin. 
knüpfen können. Was die angekauften Projekte betrifft — 
ste stammen von Architekt O. B ie l (Berlin und Frankfurt), Archi 
tekt R. Ermisch (Charlottenburg). Pros. O. O. Kurz und 
Architekt M. Wird eranderz (München), Pros. v. Loehr 
und Architekt R. Wollmann (Frankfurt) —, so läßt sich über 
nicht viel anders sagen, als daß sie die Hauptthemen auf mehr 
v«r weniger originelle Weise variieren. Ein paar der anonym 
geblieben en Arbeiten hätte man ihnen getrost zur Seite stellen 
oder gar ebenfalls mit einem Preise belohnen -dürfen. 
samt bild der Ausstellung ist wenig amnutend- 
^Zahlreiche Bewerber haben die schwanke Grundlage des Programms 
zum Vorwand genommen, um allen realen Bedingungen abzusagen 
und auf dem Papier ihre lustigm Phantasien zu verüben/ Sie 
Machen ungültige Anleihen bei namhaften Baukünstlern, bauten 
hemmungslos die exotischen Stilarten aus und tragen ihr« Um 
beschwertheit mit Prätention zu Markt. Der Zeitspiegel ist wahr 
haft erschreckend, denn Anarchie, Willkür und krause Verworrenheit 
, 
stE' Mnauf Grund eines vorWufigen B«&amp;gt; 
^^LMnes d^Architekt«, Roeckle, im Lauf der ketzj^Johre 
eS gerade die PvaWMn BedürfnW mü sich 
A tzankfurter Messe noch in den Anfängen steckte 
m?n «ich sogar mit diesem provi- 
NA» «netnmrderflicken der Hallen und Häuser begnügen. In. 
Triberg, die Hauptzäsur in der endlosen Ku-cyt der 
Tiinmls, ist der Treffpunkt etlicher Gcbirgszüge und Bache; Me 
keffeln es ein, diese dienen praktischen, hhgieMschm und asthetiscysn 
Zwecken Straßen und Häuser helfen sich in der engen Wald 
mulde so gut es geht. Man nimmt Rücksicht aufernander, be- 
scheidet sich, wenn es sein muß, und stellt sich jedsnMs immer 
auf den hügeligen Boden der Tatsachen. Haben auch, wie es sich 
für einen Luftkurort geziemt, die vielen GMHöse, Puchonen und 
Hotels entschie-den das Uebergewicht, so bleibt doch Raum genug 
für die Industrien des Landes. , In der GMerbehalle,. wo ihrW 
Schwarzwaldreise. 
Triberg — Schön Wald — Donaueschingen. 
Die Blüte im Kinztg- und Gutachtal wäre an sich wenig 
bemerkenswert, wenn sie"nicht ihre ernsten Hintergründe hätte. 
Der Schwarz Wald nämlich ist schwarz, sehr schwarz logar,. 
und so Muß sich das ApfeMütenwetß überall die dunkle Folie 
hochstämmiger Fichten gefallen lassen. Das Ganze bleibt darum 
mitnichten eine monotone Schwarzweiß-Angelegenhert Leuchten 
des Junggrün scheinet in der Finsternis, und nützliche RaPs- 
soldcr blitzen gelb und verführerisch von den Hängen heruocr. 
Mitunter "drängt flch auch die lockere Punktmannigsaltrgknt des 
Birkenlaubs ein, die, einem Hellen Raster gleich, in dem ausgs- 
füilten Luftraum steht. 
Langsam bohrt sich der Offerckurger Pcrsonenzug durch die 
nahen Kulissen, die so gescheckt wie die hier beheimateten Kühe 
sind. Hinter Gutach, dem Stammplatz der Maler und VoMiracyten, 
b-Ent man zu spüren, daß er hoch hinaus will, und Hornberg 
bereits würdiat man aus der Vogelperspektive. Von nun an ver 
liert das Dasein jede KontinuW. Man lebt nur noch in den kurzen 
Intervallen zwischen zwei Tunnels und lebt auch da nur halb, 
weil der Zweifel stets nagt ob man nicht rechts oder lnws eme 
wichtige Momentaufnahme Überschläge. Die Wälder decken den Him 
mel zu Seitentäler öffnen und schließen sich auf höchst gewun 
dene Weite und drunten die braune Gutach spritzt ihren Schaum 
durch die' Blüte», Dazwischen kleine Gramtsels-Kmomsn, 
werke, Schwarzwaldhäuser im Postkartenformau Zur Vertiefung 
der Kenntnisse sind ob und zu ReMtionsku'lle 
denen man auf die früher befahrene Strecke herabsteht und sich d°r 
jetzt aebobenen Existenz mit einem gewissen Stolz erfreut. St« rst 
mit den Anstrengungen der zwei Lokomotiven und langwierigen 
Milchverladungen nicht zu teuer erkauft.
        <pb n="36" />
        Verantwortlich : Für den redaktionellen Inhalt: I. V. Dr. S. Kracauer 
reglement uns neues Heil widerfahre. 
c. 
dus vergilbte Postauto, des sich zwischen Schulkindern und Mist 
wagen nach Furtwangen durchschlägt und an scharf konturierten 
Hängen vorüberzischt, die Mündigen Augen ein Labsal sind. 
Der Triberger Wasserfall verdient einen gesonderten Ab 
schnitt. Ob Triberg um seinetwillen, ob er für Triberg.besteht/ 
mag füglich unentschieden bleiben. Gewiß ist, daß die beiden in 
einer Symbiose leben, wie sie sich inniger kaum denken läßt, daß 
sie auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind. Wäre 
er nicht: wer kühlte Triberg im Sommer, spendete Wasserkraft, 
erzeugte die üppige Vegetation und gäbe sich als malerische 
Staffage her? Und wäre Triberg nicht: wer umschmeichelte ihn 
mit Parkwegen, beleuchtet' seine Kasradenkünste bengalisch, 
meißelte Erinnerunastafeln in die Felsen ein und verewigte jede 
seiner Eskapaden auf Ansichtskarten ohne Zahl? Freilich, er steht 
in der Ehe unter dem Pantoffel und bezahlt den Ruhm mit Ge 
fangenschaft. Die freie Bahn, die man seiner Tüchtigkeit zubilligt, 
ist "begrenzt, seine Wildheit unterliegt der Kdntrolle, und abge 
messen sind die Ausschreitungen, die er begehen darf. Tröstlich 
immerhin, daß ihm die Gitter so erspart sind wie den Bestien bei 
Hagenbeck, die hinter unsichtbaren Gräben stolzieren. Zwischen 
Bänken, Gasthäusern, Brücken, um die er sich nicht zu kümmern 
brauchte, kann er scheinbar ungezügelt herab stürzen Und als tosen* 
des Spektakel-Stück älle Welt entzücken. In dem ehrwürdigen 
Naturschutzpark nehmen sich seine Bekundungen auch recht gewal 
tig aus, und wiesen nicht überall Schilder zurecht, man vergäße 
für Augenblicke die Zivilisation. 
Friderims Rex. Die ersten beiden Teile des vielgewürdig- 
Len Films laufen jetzt in der Neuen LichLbühne (Vilöeler- 
gaffe). Was man auch gegen seine Tendenz vorzubringen habe: 
er bewältigt das Technische durchaus. Das Nebeneinander der 
verschiedenen gleichzeitigen Aktionen verwandelt sich in eine film 
gerechte Folge, geschickt eingelegte Großaufnahmen fordern die 
Anteilnahme des Beschauers, und das Heranwachsen der Bilder 
aus dunklem Grund erhöht hie periphere Spannung, die auch 
durch fremdartige Perspektiven wachgehalten wird. Der Inhalt 
ist bekannt: Die Auseinandersetzung von Vater und Sohn, hö- 
frische Jntrigen in Menge, Flötenspiel und Liebssaffaire, 
Exerzieren, Tabagie, Flucht, Kattes Erschießung, Versöhnung 
Rheinsberg, Thronbesteigung des jungen Königs. Von den 
rohen Späßen an bis zum heimlichen Bällvergnngen ist alles 
historisch glaubhaft, und an der Montur der Riefengarde hätte 
gewiß kein Unteroffizier etwas auszusehen. Indessen, so bercit- 
willig man auch die Bemühungen der Darsteller und Militär 
Märsche mit ästhetischem Wohlgefallen hinnimmt, so wenig mag 
man sich dazu bekehren lassen, daß von dem preußischen Exerzier- 
Oberhalb dieses bezwungenen Naturphäno 
mens setzt die gewellte Hochebene an, ein 
Mikrokosmos für sich, den die Landstraße nach 
Schon Wald durchzieht. Sumpfwiesen und 
saatbereite Felder drängen der Morgensonne 
entgegen und verebben im Blau. Eingebettet 
in sie, streichen Waldungen hin, glänzt ein 
Staubecken, vom Winde gezupft. Dicht an der 
Chaussee kleine Bauerngüter, eine Uhren 
fabrik und in kurzen Abständen Wirtshäuser, 
die den Bedürftigen mit Benzin und 
anderen Getränken versehen. Zugänge zu 
den Höhenwegen Zweigen ab, Schwarz ¬ 
waldjugend — blondes Haar und braune Augen — bevölkert das 
Land. Irgendwo um die Ecke liegt frei und hoch Schönwald 
selber, der richtige Sommerfrischlerort, voller renovierter Pen 
sionen und altmodischer Lädchen, überragt von der Kirche und 
einem monströsen Riesenkasten, der jetzt als Erholungsheim für 
Beamte dient. Harmlose Spaziergänger, die sich nur auslüften 
wollen, und gewichtige Touristen, die es nach ernsthaften Zielen 
gelüstet, treiben als bewegliche Punkte rings in der Gegend um 
her. Eine nicht unwesentliche Unterbrechung des Stillebens bildet 
Jn Donau eschin gen schließt die tunnelreiche Episode 
der Schwarzwaldbahn ab. Dafür entspringt hier die Donau der 
kleinen Ursache eines figurengeschmückten Wasfertopfes, dem man 
es keineswegs zutraut, daß er so große Wirkungen aus sich ent 
läßt. Die Bedeutung der Stadt beschränkt sich indessen nicht dar 
auf, Ausgangs-, End- und Durchgangspunkt zu sein. Sie nennt 
sich vielmehr mit Recht ein Solbad und ist der Wohnsitz des Für 
sten zu Fürstenbera. dessen Brauerei einen guten Ruf genießt. &amp;gt;zu 
den Qualitäten des Biers gesellt sich die berühmte altdeutsche Ge 
mäldesammlung, treten die Handschristenschütze der fürstlichen 
Bibliothek, die in dem aus Meßkirch stammenden spätheiteren Ro 
kokogetäfel des Schau-Saals geborgen sind. Parzivaltext . und 
Schwabenspiegel liegen kühl hinter Glas und die frühen Minia 
turen betören durch ihr Gold und ihr Blau, in denen der Blick 
sich unendlich verliert. Lastet man aus den Dämmergewölbsn 
ins Freie, so findet man sich kaum noch in dem Jahrhundert zu- 
recht. Erst die Neustadt wieder trägt Gegenwart heran; sie ist 
nach dem Brand von 1908 errichtet worden und besteht aus einer 
Gemeinschaft ichbewuhter Hausindividuen, die sich betont male 
risch gruppieren. Der Rückweg aus diesem schaufensterreichen Be 
zirk führt an Barockgiebeln und einer klassizistischen Pfeilerfassade 
vorbei in die Zeitenthobenheit des fürstlichen Parks, den hinter 
mcrmorerfülltem Ziergarten die weiß gezuckerte Schloßfront als 
Point äs vue begrenzt. Er verkörpert die Idee des Parks in ihrer 
aanzen Reinheit, und grüben nicht fleißige Männer im Schweiße 
des Angesichts ihr Stückchen Pachtland um, man versänke durch 
aus im Glück der Faulenzerei. Hie und da weiten sich inselgleich 
Baumrondells, die nach vielsilbigen Frauennamen heißen. Schwäne 
aus Andersens Märchen schwimmen auf den Teichen würdig ein 
her, die Schürzen der Kindermädchen blinken durchs Grün, und 
im Laubgang wandelt ein Geistlicher, übers Brevier geneigt. 
Dr. 8. Lraeäuer. 
Produkte vorgosührt werden, herrscht rastloses Pendelgeknbvel wie' 
tn einem Ameisenhaufen!; unzählige Schwarzchalder Uhren, Ät- 
„nd neue, holzgeschnitzte und n-etallene, verrichten enchg chre 
Anzeigepslichten und schlage« die Zeit mit oder ohne MuMe- 
gleitilng toi 
Durch die Wälder, durch die Auen Zieht in einiger Höhe der 
ebene Panoramaweg/ eine Art von viale 6ei ooUi, der dre 
Mulde umkreist und hunderterlei Ausblicke auf das Städtchen ge 
währt. Mein ortskundiger Begleiter kommentiert die lose, anem- 
andergereihten Impressionen mit aller wünschenswerten E-enamg- 
keit. Der Bergsee etwa, an dem wir vorbei wandern, grot rhm 
Gelegenheit, Zu" begeisterten Fußnoten über den Eislauf im be 
sonderen und die Wintersaison im allgemeinen. Semen Andeu 
tungen ist Zu entnehmen, daß man sich hier, dank den vereinten 
Bemühungen der Wegeschaffenden Kurverwaltung und der schnee- 
ipendenden Natur, auf Skiern ebenso angenehm fonöewegen 
kann wie auf Rodelschlitten und daß der Jünger des Bobsports 
nicht wenige sind. Ueber solchen winterlichen Gesprächen gelangen 
wir zur Naturbühne des Vergwaldtheaters, die zwanglose Hin 
weise auf die Sommerereignisse gestattet. Da die Luft sicy seloer 
ohne viel schöne Reden preist, gedenkt mein Chro.nist vorwiegend 
der geplanten Konzert- und Lheaterveranstaltuugen, läßt em Wort 
über die Lesehalle und die Kinos einfließen und erklärt unum 
wunden, daß die ganz- oder halbtägigen Höhenautofahrten Zu den 
leaensreichsion Einrichtungen der Anfang Juni beginnenden Sai 
son gehörten. Während wir den Prisenbach kreuzen, entfallt er 
vor meinem äußeren und inneren Auge das ganze Strahlenbundel 
von Spazierwegen und Ausflügen, auf denen Erholungsbedürftige 
sich erboten, nervös Erschöpfte neue Substanz ansetzen mögen, uno 
an dem Dreikaiserfelsen wird er zum Kritiker der Inflationszeit, 
die den Rückschlag im Vorjahr auf dem Gewissen habe. Aber der 
aumeMsbene Kurhaus-Neubau sei kein aufgehobener, und zum 
Empfang der aus. mancherlei Weltgegenden eintreffenden Som 
mergäste und Radio-Konzerte stehe alles bereit. In diesem Zu 
sammenhang erörtert er auch das trockene Kapitel der Penpons- 
weise, aus dem nur soviel mitgeteilt werde, daß man je nach der 
Wahl des Hotels von etwa 6, 7 oder 9 Mark an ein gepflegtes i 
Dasein führen kann. 
Also Zwischen Prospekten und Aspekten hinwandelnd, landen' 
wir auf dem Hofeck, einem Sattel, von dem aus man erst das 
Doppelgesicht der Landschaft gewahrt. Das Bild nach Westen 
zu trägt die bekannten Züg-e Hier liegt mitten im Hoch chwarz- 
wald das allseitig umstellte Triberg, sich an die Matten lehnend, 
die hinauf nach Schonach Ziehen — ein Waldstrotzendes Ineinander 
der dunklen Kuppen, Falten und Schluchten, ohne Eingang und 
Ausgang. Nach Osten Zu in der Richtung auf St. Georgm, die 
ungehinderte Fernsicht auf die waldürmeren Höhenzüge, die all 
mählich in die „Baar", die Hochebene des Ostschwarzwalds, ein 
schwingen und ihrer Rasse nach schon an die Rauhe Alb gemahnen. 
Die Hellen Flächen, die in dem Licht des Spätnachmittags sich 
Wärmen, sind besät mit den grauen Schindeldächern der „Zinken", 
weiträumiger Gehöfte, deren jed&amp;lt;s in seinem eigenen Feld- und 
Waldbezirk sich selbst durchaus genügt. Auf der Scheide von 
Hell und Dunkel begegnet uns ein Waldhüter, in der Hand einen 
soeben erlegten Schwarzspecht, den er nicht ohne Befriedigung 
vorweist. Er geht nach Kurhaus Teutsche weiter, von wo, ist 
das Wetter nur klar, Kniebis und Hornisgrinde am Horizont 
Zu erspähen sind.
        <pb n="37" />
        marbasse.' 
NLC. 
Ausstellung der »Frankfurter künsklerschüfk 1924«. 
--Die Ausstellung der „Frankfurter Künstlerschaft 1924" im 
Frankfurter Kunst verein wurde Mittwoch vormittag durch 
eine kurze Ansprache von Stadtrat Meckb ach eröffnet. Der 
Redner entbot den Willkommensgruß des leider am Erscheinen 
verhinderten Oberbürgermeisters, in dessen Namen er der Genug 
tuung darüber Ausdruck gab, daß die verschiedenen Künstlergruppen 
sich zu dieser Ausstellung zusammengeschlossen hätten. Hier wie 
überall sei ein gemeinsames Vorgehen die beste Bürg 
schaft für eine gedeihliche Entwicklung. Auf die bedrängte Lage 
der Schaffenden hinweisend, sprach der Redner weiterhin die Er 
wartung aus, daß die Fr.ankfurter Burgerschaft, alter 
Gepflogenheit getreu, auch diesesmal für die Kunst und die 
Künstler etwas übrig habe. Der neue Modus einer Abstim 
mung durch das Publikum sowohl wie durch drei berufene Sach 
verständige wergl. hierzu unsere Mitteilung: „Das Publikum als 
Jury" im Stadt-Blatt vom 4, Juni) werde gewiß dazu beitragen, 
das Interesse an der Ausstellung zu belebenauch könne der Ver 
gleich zwischen den durch die Kenner und die Laien prämiierten 
Werken nur äußerst lehrreich sein. Wir werden über die Aus 
- stellung selber noch an anderer Stelle unseres Blattes berichten. 
Lr. 
Die andere Gattung ist der Gelegen heitsleser, den 
Rousseau ebenfalls an Hand eines amüsanten Beispiels schildert. 
Alle wahren Leser gehören dieser Gattung zu, sie wissen auch die 
Kunst zu üben, nichtzu lesen, wenn ihnen die erforderliche Stim 
mung fehlt. Für sie gilt das Gleiche wie für den Schriftsteller, 
von dem Thomas Mann einmal sagt, daß er der Mann sei, dem 
das Schreiben besonders schwer falle. 
In der Praxis kreuzen sich die Typen, und derselbe Leser mag 
Wohl auch beide zugleich vertreten. So Kant: für gewöhnlich las 
er planmäßig, aber über der Lektüre des „Lmiw" vergaß er seinen 
Mittagsspaziergang, der unter normalen Umständen so pünktlich 
erfolgte, daß man die Uhr danach stellen konnte. 
Den richtigen Leser vorausgesetzt: läßt sich nicht allgemein be 
stimmen, was er in lyrischen Stimmungen, also etwa während 
seiner Ferien, lesen solle? Ganz vage darf man vielleicht sagen, 
daß sich jene Werke, die speziell als stille Lektüre gedacht sind: also 
Romane, Biographien, Briefe, Reisebeschrei 
bung e n usw. besonders gut für die Erholungszeit — natürlich 
nicht für. sie allein — eignen. Wir haben einen großen 
europäischen Roman; genannt seien nur die Namen 
Stendhal, Flaubert, Balzac, Manzoni, Dostojewski usw. 
Alle diese Romanwerke liegen in deutschen Sammlungen vor, die 
eine gute Auswahl treffen, eine Auswahl, die auf die geistigen 
Strömungen der Gegenwart Rücksicht nimmt und den Bedürfnissen 
des heutigen Lesers entgegenkowmt. An die aktiveren Naturen, 
die mehr den Rohstoff schätzen, wenden sich die Reiseschilderungen, 
die Biographien wie überhaupt die persönlichen Kundgebungen, zu 
denen unsere Zeit einen starken Zug besitzt; sie werden auch von 
den bekannten deutschen Buchverlegern gepflegt. Verzeichnet zu 
werden verdient in diesem Zusammenhang, daß die Memoiren der 
galanten Zeit hinter denen der Renaissance und der französischen 
und deutschen Klassik heute stark zurücktreten. Lr.' 
Friderieus Rex, Der zweite Teil des in der Neuen 
Lichtbühne vorgeführten Films illustriert im wesentlichen das 
Elend des Siebenjährigen Krieges bis zu der Schlacht von Leu- 
then, die den Umschwung bringt Eingestreute Episoden geben 
das Zeitkolorit, geleiten an die Höfe von Frankreich und England 
und bemühen sich vor allem, die Gestalt Friederichs in die 
Sichbarkeit zu zwingen. Abgesehen von der hie und da etwas gar 
zu reichlich beigemengren Sentimentalität, die nun einmal in der 
Sphäre des Films gefordert ist, gelingt es auch wirklich, das 
Genie des Königs durch die Schlaglichter anekdotenhafter Si-s 
tüationen zu erhellen; seine Einsamkeit, seine Macht über Men 
schen und widrige Umstände, seine dämonische Beharrlichkeit wer 
den aber umso glaubhafter, als der treffliche Darsteller ihn mit 
Geist und bedeutender Attitüde auszustatten vermag. Ihm zumal 
ist. es zu danken, daß der Film nicht zum Tendenzstück entartet, 
sondern beinahe so etwas wie die notwendige Tragik des genial- 
beroischen Menschen erfahren läßt., Das glückt in diesem be 
sonderen Falle, weil der historische Nimbus, der Rausch volkstüm 
licher Namen und Situationen der nur bildhaften Wiedergabe 
des Seelischen zu Hilfe kommt. Die inneren Schicksale Friederichs 
wirken sich in weltgeschichtlichen Handlungen aus, deren sinn 
fälliger Zusammenhang optisch durchaus zu bewältigen ist, und 
überdies in einer dem Allgemeinbewußtsein vertrauten Weise auf 
jene in ihn eingegangenen Schicksale hindeutet. So kann das 
Seelische mitgenommen werden, ohne daß es von stch aus die 
Handlung erzeugen muß. Leider bildet der Film die guten An 
sätze nicht vollends durch. Er vertraut zu wenig der Logik der 
bloßen Bildimpressionrn und überschüttet mit Texten, die zum 
Teil eine tendenziöse Färbung zeigen- Das Wort „die Preußen 
marschieren" entfesselte wieder den gewohnten stürmischen Beifall. 
Gerade aus dem Film selber aber könnte man lernen, daß Fried 
rich alles andere eher denn ein Gefühlspolitiker war und nichts 
inniger haßte als den Phrasenschwall unverantwortlicher Bra 
Ueber Lesen und Bücher. 
Zur Eröffnung einer Sonderausstellung, der Buchhandlung 
Baer L Co., die derFerien- und Reisezeit gewidmet ist 
und gute Romane, Btographien, Reisebeschreibungen u. s. w. um 
faßt, handelte am Dienstag Dr. Martin'Sommerfeld in 
wrmschönen Ausführungen das Themck vom Lesen und den 
Büchernab. Die Causerie nahm ihren Ausgang von Schopen 
hauers bekannten Jnvektiven gegen den Leser, die den Anlaß zu 
der Frage gaben, ob das Verhältnis zwischen Autor und Publikum 
notwendig ein gespanntes sein muffe. Der Redner antwortete 
verneinend und erklärte, daß die Spannung lediglich eine 
historisch bedingte Erscheinung sei — eine spezifisch euro 
päische Erscheinung, die sich seit der Renaissance, zumal in 
Epochen des Epigonentums, in zunehmendem Maße bemerkbar 
mache. Noch um 1800 begegne man in Deutschland trotz mancher 
Wider ihn geführten Hiebe dem Leser im ganzen mit Achtung, 
wie etwa das Beispiel Jean Pauls beweise. Seit 1830 ändere 
sich die Tonart und die Gepflogenheit, den Leser zu verspotten, 
bilde sich immer mehr heraus; die Rede Nietzsches vom „lesenden 
Müßiggänger" sei für die Wendung bezeichnend. Die Zunahme 
des Kleinkriegs lasse sich besonders gut durch die Entwicklung 
der Vorreden verfolgen. Während die älteren noch den Leser 
sympathisch ansprechen und Betrachtungen mit ihm Pflegen, 
stellen die späteren mehr oder weniger bestimmte Forderungen 
an ihn, bis sie schließlich ganz fortfallen: ein Symptom dafür, 
daß das Band zerrissen ist. 
Es ist offenbar: die Fehdeansage der Autoren gilt dem 
schlechten Leser, dem verkappten Kritiker, der von außen an 
ihre Werke herantritt und sich zum Schulmeister aufwirft. Gegen 
ihn werden im 19. Jahrhundert, entsprechend dem wachsenden 
Hang zur Kritik, stets schärfere Mi^el verwandt, und die Ver- 
leidiger der kritischen Haltung haben ein schweres Spiel. 
Dem schlechten Leser steht der echte gegenüber, von dem der 
Vortragende ein gutes Bild entwarf. Dieser ideale Leser soll 
nach dem Worte von Novalis, der einmal eine „logische Pflickten- 
lehre" des Lesers schreiben wollte, ein „erweiterter Autor" sein. 
Ihm liegt es ob, das Einzelne aufzufassen und das Ganze rm 
Auge Zu behalten, das Werk zu zerschmelzen und gleichzeitig wieder 
aufzubauen. Oder, wie Hebbel charakterisiert: „Jeden bedeuten 
den Schriftsteller sollte man einmal lesen, um so weit zu kommen, 
daß man ihn lesen kann". Die Malerei hat diesen Mit- und 
Nachautor in den Darstellungen der Verkündigung verherrlicht; 
wenigstens darf man mit einigem Rechte behaupten, daß die lesende 
Maria, die als Lesende eine Gott wohlgefällige Handlung voll 
bringt, seine Ehrenrettung sei. Auch als tragikomische Erschei 
nung taucht übrigens der Leser in der bildenden Kunst des 
öfteren auf. 
Es schein ein hoffnungsloses Beginnen, die verwirrende Fülle 
der Wirklichkeit auf Grund der Jdealfälle zu typisieren. Dennoch 
spottet sie nicht durchaus der Gliederungsmöglichkeit, denn zwei 
Grundformen des Lesers kehren in ihr immer wieder. Die erste 
ist die des planmäßigen Lesers. Er liest mit Vorsatz und 
verwendet auf die Lektüre stets eine vorbestimmte Zeit. Rousseau 
erzählt von einem solchen Pedanten, der von Viertelstunde zu 
Viertelstunde sein Pensum wechselte, und es auf diese Weise freilich 
zu einem Meister der Wissenschaften brächte. Trotz seiner Beflissen 
heit wird der Dichter ihn schwerlich als den idealen Leser schätzen. 
_ 7- Dn Geisterseher. Das Textbuch des in derNeuenLi ch t- 
buhne gezeigten WnHückes stammt laut Ankündigung von 
Fried r.von Schiller und Hanns Heinz Ewers; als Bearbeiter 
des Filmmanuskripts selber gesellt sich noch ein weiblicher Autor 
Zu. den beiden illustren Namen. Dieses literarische Komp-ag w n r ie - - 
gefchaft rst dem geistreichen kriminalistischen Fragment Schillers 
nicht eben gut bekommen. Ewers und die besagte Dame — 
oder nur Ewers? nur jene Dame? — haben bei ihrem Raubzug 
dem Romantorso lediglich einige flüchtig aufgeraffte Motive 
entnommen und die Fetzen zu einer verstrickten höfischen Liebes 
intrigue ausgesponnen, die mit den Absichten des Originals 
wenig oder garnichts mehr gemein hat. Die jesuitischen Kabalen 
sind fortgeblieben. Das Maskenfest ist unterdrückt, und als ein 
zige Säule, freilich auch sie schon geborsten, zeugt nur noch der 
„Armenier" von entschwundener Pracht. Er tritt im Film als 
der „Fremde" auf, dessen geheimnisreicher Unfug eine sehr 
mäßige Spannung erweckt. Kurzum, man bat manches getan, 
um die Vorlage zu verschlechtern, und ein Ganzes geschaffen, 
das für den Film viel ungeeigneter ist als das halbfertige Kon 
zept. Wenn dennoch der ^echsakter stellenweise passabel wirkt, 
so ist dies den Aufnahmen zu danken, die Venedig, den Zwinger, 
Potsdam und höfische Interieurs in trefflichen Ausschnitten ver 
gegenwärtigen. — Das Programm wird vervollständigt durch 
eine entzückende amerikanische Groteske, in der „E r" als glück 
licher, oder richtiger: unglücklicher Ehegatte und Vater die 
Szene beherrscht. Die Art, in der „Er" Säuglinge behandelt, 
ist nicht vorbildlich, und auch seine Tapferkeit läßt zu wünschen 
ubrrg. Aber seine Laster sind glänzende Laster, und amüsieren 
mehr als korrekte Tugend.
        <pb n="38" />
        Drandkurt a. N. 
Dr. 8. L r a e a u e r. 
--- Weil und Dreieck.^ Es handelt sich nicht um mathe 
matische Figuren, sondern um zwei neue Zeitschriften, die ihre 
Titel der Geometrie entlehnen. Vorab „Der Keil". Beileibe 
kein gewichtiger Donnerkeil, aber immerhin ein Keil, den eine 
kunstsinnige Gesellschaft gleichen Namens in das Bonner 
Leben hineintreiben will. Der Herausgeber Paul Bourdin 
IBsMl ist zugleich der künstlerische Leiter dieses keilförmigen 
Kreises; und da er für die Gesellschaftsabende ein Programm 
durchzuführen gedenkt, das Zumal die junge Kunst einbezi^hr, 
steht zu hoffen, daß ihm die Quadratur des Zirkels in BMn 
gelinge. Die Hefte, für die auch Roland Marwitz verant 
wortlich zeichnet, erscheinen in zwangloser Folge zu den Ver 
anstaltungen und umspannen, wie das uns vorliegende beweist, 
die Welt von Georg Büchner bis zu Valeska Gert, von Mary 
Wigman bis zu Frank Wedekind. — Ein reiner Ausdruck unserer 
polygonalen Zeit ist „Das Dreieck" (Dithmarschen - Verlag, 
Büsum), das als Monatszeitschrift sur Philosophie, Dichtung 
und Kritik sein kantiges Dasein zu fristen trachtet. Der Trivia 
lität, auf diese erhabene Trias nur symbolisch hinzuweisen, setzt sich 
der Herausgeber Dr. Walter GutkelK (Berlin) nicht gerne aus, 
er nimmt vielmehr den Titel wörtlich und verleiht seinen Heften 
wirklich die dreieckige Form. Warum? „Jawohl, auch aus Re 
klamegründen", wie das Geleitwort bekennt. Die angestrengt 
geistigen Beiträge, die auf sehr hohe Themen zielen, mühen sich 
ohne Erfolg, der Originalität des Formats nachzukommen. Es 
bedurfte wohl des Berliner Ingeniums, um dieses eckige Produkt 
gerade von Büsum aus in die Welt hineinzustoßen. Lr. 
-- I Demokratisches Weltgefühl.jl Aus Einladung^ des 
Republikanischen SLudentenbundes hielt der 
bekannte Berliner Essayist und Kritiker Julius Bab' 
in Frankfurt gestern emen Vertrag, der die Wirksamkeit des 
demokratischen We'ltgefühls im Laufe der Ge 
schichte klar herausarbeitete. Diesem Weltgefühl, das er mit 
Shaw als das Gefühl unbedingter Achtung vor jedem Mit 
menschen definierte, stellte er das aristokratische WelLgefühl 
gegenüber, dessen Tiefe er nicht verkannt wissen will. Die 
Geschichte nun läßt sich nach Bäb als ein ewiger Kampf der 
beiden unwiderleglichen Prinzipien begreifen. Er wurde im 
Altertum Zwischen dem antidemokratischen Orient und Griechen 
und Römern ausgesuchten und endigte mit der Aufsaugung 
embik-republikanischen Geistes durch orientalische Cäsarenver- 
gottung. Erst der Eintritt der Germanen in die Geschichte 
brächte eine Erneuerung der demokratischen Idee; zum vorläu 
figen Siege verhals ihr das erstarkende Christentum, dessen 
Lohfr» von der Gotteskindschaft einer jeden Menschenseele Bab 
als reinsten Ausdruck demokratischer Gesinnung würdigte. Seine! 
weiteren Darlegungen Umrissen auf Grund der Ausgangs 
antithese die Entwicklung des Abendlandes' in den folgenden; 
Jahrhunderten: das allmähliche Abweichen der Kirche von ihrer 
urdemokratischen Form, den Protest der Reformation, die aber 
-durch Luthers Schuld dem Bauernkrieg sich versagte und den 
Triumph des Absolutismus im 18. Jahrhundert. Diese Linie 
freilich wird entscheidend unterbrochen durch die Gottesrepublik 
Oliver Cromwells), deren demokratischen Grundgedanken Quäker 
und Puritaner in Amerika eine bleibende Stätte bereiten. Von 
den angelsächsischen Ländern aus dringt dann die demokratische 
Idee nach Frankreich vor, das durch die Proklamation der Men 
schenrechte Europa endgültig aus dem Schlummer weckt. Im 
19. Jahrhundert greift demokratisches Weltgefühl auch aus die 
Wirtschaft über; aus dem Zwang zur Idee heraus, wandelt sich 
politische Demokratie zu s o Z i a l e r D emok r a Li e, die, wie 
das Beispiel der Fabier in England beweist, mit Marxismus 
und Klassenkampf keineswegs gleichzusetzen ist. — Die Schlutz- 
betrachtungen galten der Gegenwart; leicht zu verstehen, daß 
hier Erkenntnis in Bekenntnis überaina. Trotz aller reaktio 
^Frankfurter RlrWLeNür^Ausstellung^ Die kleine 
Auslese der im Kunstverein gezeigten Architektur-Ent 
würfe bestätigt wieder einmal, daß auch die Architektur heute 
der überindividuellen Bindungen entbehrt. Die Stilbildung ist dem 
Einzelnen überlassen, sie hängt durchaus von der Artung seines 
persönlichen Wesens ab. Soviele Künstler, soviele Richtungen;^ 
selbst die sachlichen Forderungen, die der Vestiwmungszweck des 
Bauwerks auferleat, schränken die freie Setzung der Formgebung 
nicht ein. Manche, wie Bernoully mit seinen Siedlungs 
häusern und Lhyriot mit seinem preisgekrönten Entwurf für 
das Festhallengelände, nutzen noch vorgegebene Stilelemente, ver 
weben sie aber unbefangen zu selbständigen, sicher in sich ruhenden 
Gebilden Heb er er s vereinfachter Entwurf der neuen Frank--, 
furter Brücke, der in dieser Gestalt nicht zur Ausführung gelangt, 
ist eine reine Eisenbeton-Schöpfung, die das amorphe Material 
forrnklar bezwingt und mit schöner Prägnanz das Notwendige gibt. 
Ganz aus der Tradition gebrochen ist Paravicinu der, wie 
sein Wettbewerbsentwurf für den Königsberger Lorsenhof von neuem 
beweist, den Satt im Kubus sucht und findet. Drängt er zur Am- 
türmuna massiger Würfel, so liebt VoggenLerger mehr oaS 
Mondäne, das di« Schwierigkeiten auslockert und umspielt; auch 
seine Villen haben etwas Prickelndes und verraten weltmännischen 
Schliff. Fucker schließlich, ein starkes Talent, das, an den alten 
Aufbauprinzipien kein Genüge mehr findet, dmchdrmgt ferne Ar 
chitekturen mit expressionistischem Geist. Die von rhm Vorgefühle 
Ladeneinrichtung vermag eine gute Wirkung zu erzre^en, Werk yrer 
das Kunstgewerbe an seinem Platz ist. 
nären Umtriebe glaubt Bab die Frage, ob das demokratische 
Prinzip in der Zukunft sich durchsetzen werde, doch unbedingt 
bejahen zu dürfen. Aber in merkwürdiger Befangenheit kenn 
zeichnete er das heutige Rußland als das antidemokratischste 
Land der Welt, da es die absolute Herrschaft einer Klasse über 
das gesamte Volk durchgeführt habe, und stellte ihm das von 
demokratischem Geists beseelte^ Amerika gegenüber, dessen 
Dichter Walt Whitmann er als oen Künder wahrhaft demokra 
tischen Weltgesühls pries. So sehr man auch mitgehen mochte, 
diese-allzu westliche Einstellung stimmte kritisch, denn sie wird 
der Wirklichkeit in tieferen Schichten nicht gerecht. Der Vox- 
Lrag, der. durch manage feine psychologische und historische - 
Bemerkungen fesselte, fand den dankbaren Beifall der Zuhörer.! 
lO. 
&amp;lt;s«,.) -r o , 
/ .^o 
Versuvds. Von K 0 m a n 0 
(luaräini. Bä. 1. NotkenkE am Nam, Ver- 
. IaZ veMLeves Huiekdorniiaus. 92 Zeihen. 
Dies« Zediikt uaräiniA, äie seine krüners, „Vom (leist 
äer lätuiAie", weiter küdrt, variier das Ibema äer litur- 
Lisedeii LiläuiiA in einigen „Veisueiien", äenen anäere noek 
tollen soll-en. V/as in äer Oe^en^ait. 2n äem UtnrZiseiion 
Dienst hinleitet, äas ist naod ivm äas L-nmal in ä-er jungen 
Oeneration siod anmeläenäe VerianAsn, dem nnMäenimten 
Individualismus su entrWnen und in die VfirkIiekLeit ru 
treten, die den Nenseden in LerüevunS Lu den ^ieiov idm 
und mit idm ^irLIiehen DinZen setrt. Dieser ^anLe Nensen 
t'Mt kür Ouardini mit dem iratiioiliseüen Nenseüen Lusammen, 
der unter dem Lreu^e lebt und sied üinsxanut rur Nöttiieüsn 
Dnade. DiturAiseüe Dedun», die sied an Keele und l^id su- 
ssieied riedtet, beanspruedt inn in seiner Oanrdeit, sie stellt 
die Uenseden nieder in die reale Demeinsedakt ein, die sied 
niedt auk nur sudzedtives „Drlednis" gründet, und nötigt sie 
2ur ^.nerdennunss des odjedtiven Dedalts der vin§e, dem ein 
ül'ertriedener Ludzedtivismu« lanFe A-enuss den Oedorsam ver- 
veifert dat. ^.tles in allem dandelt es sied Also um eine dleu- 
l-ereitun^ mensedlienen Leins, um eins ^i-edereroderukNA der 
IVirdlieddeit kür den Uenseden. IVie sied Duardini diese sedon 
beim Linde einse tuende Lultivterun^ des DesamtEsens 
denüt, L-eiKt er dured manede (seiner LedriktenkolAe „Von 
deili§en Leieden" entnommene) Beispiele in 'Wünsedens^erter 
Londretdeit. 
Din^änds^ die sied aukdränAen, ^veist Duardini ssller Lu- ) 
rüed. Dr kennt et^va die romantisede Med^endunA Lum 
mittelalt-erlieden ordo sedr bestimmt ad und betont ausdrüed- 
lied den durchaus positiv einrusedütrenden 2uvmeds an per 
sonalen Werten, der eme Druedt der letzten lladrdunderte sei. 
6-leied entsedieden sendet er sied ^e§en einen starren OdjeL- 
tivismus, der die Ordnung Aan^ Kxiere und damit völlig aus 
dem Lud^edt derausdeho. Medt i^uletrt maedt er auk die 
Oekadr aukmerdsam, die der Ditur§ie drode, Tvenn sie rn 
„religiöser Dulturspielerei" vmrde. 
Drots dieser ^dvedr triktiMr Ded-enken dleiden, ^ie nrir 
sedeinen vüll, Linsprüede sseZen die Haltung Ouardinis niedt 
odne Deent. Ob man den von idm einAesedlaMnsn 'VVeF 
desedreiten Lann und darr, krängt iedenkalls duredaus davon 
ad, vne man unsere deutiM Situation beurteilt und v^elede 
Dolxerun^en man aus idrer Beurteilung kür das eigene Ver- 
daiten isiedt. Drkädrt der um V^irdlieddeit Bemüdte vor allem 
das dokknunxslose Lerdroedensein sümtlieder Dormen und Bin 
dungen in der Oegen^art'und die Zerstreuung der Nensenen 
in He Deere der Leriedungslosigdeit, so vürd er niedt leiedt 
g.lauden mögen, daü das Din^vaedsen in Uturgisedes wun ie^e 
Verdnüpkungen nieder Erstelle, die Ouardini meint. Viel 
eder vnrd er annedmen, dak das ausgesonderte Individuum 
erst riedTg Lum „LiElnen", das deiLt Lu einem ganLbn, 
dingespanrrten Kenseden werden müsse, -venn gemeinsames 
Deden in der Dorm üderdaupt rtziken soll. L^var bedingen sied 
die Oamdeit de« Nenseden und der Oedorsam gegen das 
verpkliedtende OesetL v^eedselseitig; aber es ist doed ein 
anderes, od man in einer 2eit der OesetTlosigkeit müt 
seinen ersten Ledritten bei dem Oesetr beginnt, oder in ^.n- 
»erdennuvg der Situation runäedst su dem Ouellpundt vorLu- 
drinZen traedtet, dem das Oesets entspringt, dens dung- 
Datdoliden, die in dem dadrbued „Direne und 'Mrdlieddeit" 
maLgedend 2u IVorte gelangen, daden den rrveiten V^eg er- 
-rvMlt; sie verweigern sied niedt der Dorm, doed sie geben 
aued niedt von idr aus, sondern ringen um sie als DinLelne 
die idr Dimelsein niedt oder noed niedt ru tilgen wissen. Line 
Lösung bietet der eine ^Veg so wenig wie der Andere Idre 
Vereinigung indessen ist niedt 8aede des VMens, der auk sied 
nedmen muL, was die Situation idm bietet und niedt unbe- 
grenLt über sie dinauswollen dann.
        <pb n="39" />
        st-5^, 
das Ganze, sorglos übereinander geschichtet und von lauter 
bunten Wimpelchen umweht. Alan glaubt flch in ein beweg 
liches Plakat versetzt und zweifelt an seiner Mehr- 
NmenfloncMät. 
j Das leichtfertige Aeußere ist Hülle eines gewichtigen 
Innenlebens, dessen Letzte Bedeutung freilich allein der Fach 
mann auszuschöpfen vermag. Was es an Baubedarf und 
Baustoffen nut irgend gibt, trägt sich hier selber zu Markt, 
berichtet von seinen Fähigkeiten und harrt der Verwendung. 
Soll man Tabellen zusammenstücken, aufzählen und gründlich 
registrierend Aber trefflich ausgestattete Publikationen ver 
zeichnen das Wissenswerte, und Vorträge, die im Verlauf der 
Ausstellung gehalten werden, führen tiefer in die Materie 
hinein. So genüge der Hinweis auf das Wesentliche: daß 
die deutsche Bau-Industrie ihre Produktion &amp;gt;er heutigen WirL- 
Waftslage^ erfinderisch anzupassen sich müht. Neue Mate 
rialien zielen auf Einsparungen ab, neue Verfahrungsartur 
versprechen besonderen Nutzeffekt. Und auch das Alte läßt flch 
mitnichten verdrängen; die Ziegel wehren sich ihrer Existenz 
und die Holzkonstruktionen stellen flch mutig dem Nebenbuhler 
aus Eisen. Ein Kampf der Stoffe und Methoden, der um 
den Zentimeter geht, das Wgeschliffene nochmals abschleift 
und den geringsten Vorteil hartnäckig verwertet. Er beginnt 
noch vor dem Anfang: Baumaschinen zeigen den Interessenten 
ihre komplizierten Glieder, moderne Zeichentische erweisen sich 
als Muster der Präzision. Es folgen die Schwierigkeiten des 
Ausbaus und der Einrichtung, die einzeln und ausgiebig ab 
gehandelt haben. Du erfährst, von welchen Mauern du dich 
zweckdienlich umfangen lassen mußt, wie du dich billig isolierst 
und vor Kälte schützest, auf welchen Fußböden du schreiten 
und in welchen Wannen du baden sollst, wie das Dach am 
besten beschaffen ist, das dir Schutz verleiht nichts 'st rer- 
gessen, vom First bis zur Sohle, vom Rolladen bis zur Lür- 
AiM wird alles dir kund. 
Freilich, dies sind die Elemente nur. Wie ste zur Totalität 
sich fügen, geht aus den wenigen Beispielen der Sied - 
lungsbauten hervor. Die Zeiten haben sich gewandelt, 
die Kapitalien sind dahin. An die Stelle des geräumigen Ein 
samilieubaus, der auf früheren Ausstellungen von W ü/Ha iea- 
heit zeugte, ist darum jetzt das Kleinhaus getreten, das sich 
neuerdings sogar Zum „Kleinsthaus" entwickelt hat. Der 
Superlativ ist nicht schön und zudem etwas übertrieben, da 
es sich keineswegs um eine reine Liliputaner-Angelegenheit 
handelt. Die „Kleinstheit" vielmehr entsteht zum Teil einfach 
dadurch, daß, wie etwa das Häuschen der Stuttgarter Archi 
tekten Trüdinger und E g e zeigt, die Verkehrsfläche voll- 
komrmn^Wohnzwecken ausgenutzt wird; die Küche befindet 
sich hier im Vorraum, von dem aus der Zimmerofen, der eine 
Kochgelegenheit enthält, sich Heizen läßt. Gleich diesem Haus 
typus ist auch der anschließende Pros. Ernst Wagners 
(Stuttgart), den, wie es heißt, die Firma Bosch für ihre 
Arbeiter errichtet, auf Nachwuchs und Selbsthilfe berechnet. 
Geliefert wird nur die rohe Hülle und eine Stube vielleicht; 
den weiteren Ausbau mag dann der Arbeiter nach Bedarf und 
Belieben unternehmen. Daß er aus eigenen Kräften sich ein- 
richlen kann, muß ihn dem Organismus seines Heimes allmäh 
lich verbinden. Die Möglichkeit eines solchen Wachstums aus 
der Keimzelle heraus hängt allerdings unabweislich von der 
Voraussetzung des (bei der Firma Bosch schon vor dem Krieg 
eingeführten) Achtstundentags ab. 
Auch das Haus ist nur Element, es -hat sich dem Zug der 
Straßen undPlätze einzugliedern,derenGestaltung nach stLdt e- 
baulichen Grundsätzen durchgefüHrt werden muß. Die 
Württemberger, die vorwiegend in der Ausstellung vertreten 
sind, scheinen den Blick für diese Ganzheit des Städtebildes 
Zu besitzen. Außer der vorzüglichen Sonderschau des Bundes 
für. Heimatschutz und Denkmalspflege und manchen Architektur 
entwürfen spricht die Tatsache dafür, daß selbst kleine Gemein 
den, wie Zuffenhausen, Ravensburg, Lrossingen, Eßlingen, 
mit Siedlungs- und SLadLerweiLerungsplänen zur Stelle sind, 
und ihr jetziges und zukünftiges Bild im großangelegten Modell 
zu erkennen geben. Nicht alles zwar ist gleich erfreulich. Die 
Stadt Ulm etwa hat zur Bebauung des Münsterplatzes ein 
geradezu selbstmörderisches Projekt ersonnen, dessen Haus 
gruppen mit ihren Torbögen und Erkerchen Romantik im 
schlimmen Sinne sind. Wenn schon gebaut werden muß, dann i 
lieber Eisenbeton als dieser verblühte Seelenkitsch. 
Ueberhaupt macht sich eine starke Unsicherheit fühlbar, wo 
Höheres erstrebt wird als plakathafte Außenseite und zweck- 
volle Gestaltung. Nur die technischen Waren eigentlich sind 
von unfragwürdiger Form. Badeeinrichtung und Tresor wett 
eifern miteinander an Prägnanz, und die knappe Ausdrucks 
weise des Hotelherdes überzeugt gleich sehr wie die sachliche 
Korrektheit "des Büroschranks. Ihre Selbstverständlichkeit er 
mangelt jenen Leistungen, die den Rang von Kunstgebilden 
für sich in Anspruch nehmen. Nicht so, als ob es an guten 
Einzelstucken durchaus fehle, doch das meiste täuscht eine 
Existenz vor, die es garnicht besitzt. Im „Haus des Hand 
werk", das keine sonderlich glüMche Bauschöpfung ist, begeg 
net man solchen zweifelhaften Dingen verhältnismäßig selten; 
desto häufiger in den anderen Hallen, die der Innenein 
richtung gewidmet sind. Die Exzesse der Schnörkelsucht, die 
hier begangen werden, und die kunstgewerbliche Scheinhaftig- 
keit vieler Möbel und Werkstatterzeugniffe beweisen durch ihr 
Stuttgarter Kunst-Sommer. ! 
BMüMstMrM. 
Auf dem alten Stuttgarter Bahnhofs geL äude, das nur 
noch kyrze Zeit verfügbar ist, entfaltet sich die Banans-? 
stellnng, die einen Ueberblick Wer die Leistungen des! 
deutschen Baugewerbes geben und Möglichkeiten neuer Brm^ 
gestaltung vorsühren will. Heiter genug sind diese ..Irrn 
provisationen im Juni" anzuschauen. Die einzige noch übrige 
gebliebene Halle hat sich, frisch aufgetakelt, dachloses Gemäuer 
einer anderen- mit vorgelagerten Pfeiler- und Säulen- 
fragmenterr, gefüllt sich in der Schmach-trolle der Burgruine;! 
Zwischen Monumenten und Rudimenten -- wie es gerade W 
trifft, doch architektonisch irnmer besonnen — die von Baurat 
Keu erleb er (StuttgarH geschickt MnskiNkMen neuen 
! Hallenfluchten, die ihre provisorische Bestimmung ehrlich be-? 
! kennen und langgestreEL wie Windhunds sind. Reklame zieht 
sich, ein Band ohne 'Ende, auf den schrägen Gesimsflächen der 
Bauten und Kojen hin, windet sich die Treppe hinan, die den 
unteren Geländeteil mit dem oberen verbindet, läßt sich weit-? 
läufig in Dreiecksflächen nieder, tut sich als riesiger hölzerner 
Dachbinder auf, schraubt sich, Eiffelturm sn 
dünn und verwegen empor und hockt in Gestalt von Kiosken^ 
Dempelchen und aufregenden Ungebilden, die den Ruhm ihres! 
Materials verkünden, auf den Freiflächen umher. Ver^ 
Mügungsstatten sühnen mit dem Ernst des Bauens aus oder 
verführen zu ihm; eine Tanzdiele geberdet sich mondäner, alA 
ihr zukommt, und in dem Restaurant bann man nicht nur effsu^ 
sondern auch die Holzbauweise erforschen. Vollendete Synthese 
von Genuß und Sachlichkeit die Musterbäcksrei, mit ihrem 
Ofen so groß wie ein Mietshaus, dem lange Stangen FlerW« 
tp&amp;lt;cheG^c Eine VusysLernatischr OrdrmnK 
Die Weinklause. 
r &amp;gt;- Julihitze läßt es sich in der Weinklsuse durchaus 
^iAgelühlte Erdbeerbo-wle, sehr zu empfehlen, sorgt als 
wohltätige Isolierschicht dafür, daß die innere Hitze durch das 
hertze Draußen nicht an ihrer Entfaltung gehindert werde; marr 
trankt un^ trinkt, spießt die Erdbeeren mit einem Zahnstocher 
auf und kommt sich wie eine Thermosflasche vor. Rolf Ronay 
erweist sich arS Conferencier und Wiener von Geblüt. Er 
EÄH "it Nonchalance über die entlegensten Themen,' gibt 
Auftakt und Abgelang, wird unversehens selber zu einer jener 
i Hummern des Programms, die er mit Recht als .gigantische' 
A^K^ungen" zu be-eichnen pflegt, und stellt zwlschcnhincür 
i Mklvz opHl;che Betrachtungen an, die einen sehr unverheirateten 
Eindruck maa&amp;gt;en. Da wir gerade bei der BortragKkunst sind, 
El Nell Marco nicht unerwähnt bleiben, die dämonische 
Leidenschaft per,onifizirrt; sie trifft den Ton der Balladerr 
Klabunds urü&amp;gt; setzte dre „Rouge et noir"-Verse einer Anderen, 
,o grell und düster hin, daß mau darov zum Satanisten werden 
Grays Chansons sind weniger erhaben denir 
PE"ud, '«süß. schon, ,o von einer gewissen Art, daß . . . 
auch die Blicke rLrigens, die sie wirst . . . man muß Bowle 
AEen Erdbeeren stochern. Im gleichen Genre gefüllt sich 
Gretel S ch w a b, die einige neue Schlager ihres Begleiters Fredtz 
Bi a ym o nd friich, keck und verführerisch zur Kenntnis gibt. 
Mit den Darbietungen des Worts wetteifern die der Instm- 
men.e. ^asos Rigo ist ein König unter den Geigern denn er 
kann nicht nur mit dem Bogen, er kann auch mit den' Fingern 
den organisierten Aufruhr der Saiten entfesseln; virtuose 
mk -der Hornhäute, Sache des GcMls und der FinoersM^n. 
Aerne AMegin von der Harfe, Hilde Dittmann, ist weniger 
stürmisch, sanft schwellen di« TSne an und ab, oanz Solo allem 
und mit Zartsinn, wie es sich für eine Harfe gehört. Nun kam» 
Mkn die Benie an die Reihe. Vorap pnA MliieresPi-eie^d 
imgende und tanzende .Hawaiian-Trio mit Miß Milijsa, 
Er reizenden exotischen jungen Dame, deren Wuchs und GeSE 
n,cht nur ihre beiden eLen,o exotischen Partner zu stimulieren ver- 
nwg. ^ch werde von meiner Begleiterin angelegentlich gebeten, ihr 
em.m Zahnstocher für die Erdbeeren zu präparieren. AeKhetisch« 
Kergeruna »oOormaen Fo Sarte und Roh, die einen Wiener 
Walzer stilgerecht celebneren — eS war doch -in- gute alte steif — 
und auch spavilch pch zu bewegen wissen. Olga Smirnova, 
zart, biegsam, grün und silbern gewendet, sei 'Russin, versichert 
der Conferencier. Man braucht nicht -russisch zu können um 
! ste zu bersl-chen, oder vielmchr: das RwsMche verficht sich von 
stwit, wenn mau sie tanzen sieht. Ich muß wieder 'Eldöeererr 
&amp;gt; stochern. Aber dre Spräche der Beine ist ein natürliches Mve^ 
! wofür rch ichlieMch nichts kann. Zuletzt «Wentrischs 
! «teppduett-e von Makel White und T-d BurnK, esil Gekli'r 
und Geklapper im prastimm.o, dessen Rhythmus, ohne Musik-' 
keglenuna zumal, durch feine unerhörte Genauiqkeir bezwingt, 
j?^.,^?wle ,ft l-eer, die Erdbeeren sind aus Pflicht und Neigung! 
Hitze doch"^ "U" mischen sich draußen innere und äußere
        <pb n="40" />
        dessen, was fehlt? 
8 
Zwei typische Nöte, denen die neuen KunsLerasketen "immer 
wieder verfallen, lehren deutlich, daß der Gestaltung jener Zwi 
schendinge Zum Teil die reale GesamtstLuatisn säber Wider 
stand leistet. Einmal führt die Besinnung auf die Wichten 
Grundformen zu einer Art von Substraktionsverfah- 
xen: man zieht von den voll ausgerüsteten Stücken einfach die 
sogenannten Ornamente ab und erklärt den kärglichen Rest zur 
Form schlechthin. Indessen, durch bloße Negation wird das 
Positive noch längst nicht erlangt — O sei denn in umgekehr 
tster Fichtescher Dialektik, die das Ich aus dem Nicht-FH ent 
springen ließe — und an den mond anen Ergebnissen steht man 
sich allzu schnell satt. Zum andern kehrt man zur Form nur 
zurück, um die Form selber sogleich wieder ornamental 
rmWrMM Man HM ihre MöAn zwar ttW W, ArK ober, 
bloßes Dasein schon die Berechtigung der Wsckbundaus- 
stellung ^Die Form". 
MeMNnLaussLellung: „Die Form". 
Der Name „Kunstgewerbe" hat im Lauf des letzten Jahr 
zehnts mit gutem Grund einen üblen Beiklang erhalten. Er r 
trifft jene Gebilde der Werk- und Kleinkunst, die entweder, 
beziehungsloser Eigenbrödelei entstammend, eine unrechtmäßige 
Selbständigkeit stch anmaßen oder das Erzeugnis romantischen 
Fluchtwillens sind, der von verblichenen wirtschaftlichen, kul 
turellen und künstlerischen Traditionen nicht lassen mag. Ge 
meinsam ist ihnen allen, daß sie stch den Bedingungen des 
realen Lebens entziehen und darum innerer Notwendigkeit 
entbehren. 
Angesichts der Ausartungen des mißleiteten „Kunstge- 
weröes" erlangt die von der Württembergischen Ar 
beitsgemeinschaft des Deutschen Werköunds in dessen 
Auftrag durchgeführte Ausstellung: „Die Form" program 
matische Bedeutung. Die These, auf der sie stch aufbaut, stimmt, 
äußerlich' zum mindesten, mit der in Wien einst verfochtenen 
Forderung: „Los vom Ornament" überein, einer Forderung, 
die inzwischen nicht zuletzt deshalb mißachtet worden ist, weil 
die unkontrollierten Ansprüche der Neureichen stch Befriedigung 
erzwängen. Die Veranstalter der Stuttgarter Schau nämlich 
sind der Auffassung, daß der jetzigen Situation nur eine Kunst- - 
Übung entspreche, die unter Verzicht auf schmückende Zutaten ! 
Zunächst danach trachtet, den Gegenständen eine gebotene Form 
zu verleihen. Freiwillige Selbstbeschränkung und Besinnung 
auf das sachlich Geforderte: so lautet die unsentimentale 
Losung, in deren Zeichen die Ausstellung steht. 
Eine Gestaltung der Dinge aus dieser asketischen Gesinnung 
beraus scheint in der Tat der einzige Weg, der gegenwärtig mit 
Anstand beschritten werden kann — freilich ein Weg nicht 
eigentlich, sondern ein Engpaß eher, von dem stch vorab kaum 
auswachen läßt^ wohin er denn führe. Die geistige Wirklichkeit, 
die der Nährboden unseres Erbes an Zierformen war, ist nicht 
mehr, die gesellige Kultur, in deren Mitte die geschmückten 
Dinge gediehen, hat in immer zunehmendem Maße den Zer 
streuungen der Masse das Feld geräumt Hinzu kommt, daß 
auch, rein wirtschaftlich und sozial gesehen, die betont indivi 
duelle Behandlung der Gelwauchsgegenstände stch verbietet; ein 
Volk, das stch das Notwendige erarbeiten muß, bat dieses Not 
wendige zuerst zu gestalten, bevor es seine Kräfte aus die 
schönen UeberWssigMten des privaten Lebens verwenden kann. 
Gebricht es aber an den geistigen und praktischen Voraussetzun 
gen für die ornamentale Ausbildung, des Nutzdings, so ist ein 
Verharren bei ihr Lüge und Schein. Was ^ruher Symbolg-ewalt 
ständen Zu gehorchen ist, und anders als bei Ziergeräten wird 
hier die PAmMe von vornherein in eine feste Bahn gelenkt. 
Als BeifpÄ nur seien die Bosch-Fabrikate herausgegriffen, 
^'utolampen und Zünder, die mit ungemeiner Genauigkeit das 
eheißene auf die letzte Formel bringen^ Auch die Eisew- 
öftn dO Frankfurter ArMtekten Krämer etwa oder die 
schweren Offenbacher Lederkoffer sind Gebilde von gleicher 
Dichte und Konsequenz. Wie sehr die Formsicherheit dieser 
Bedarfsartikel, Zu denen noch Gegenstände der Haushaltrmg 
und andere Stücke treten, mit ihren Grund in dem realen 
Zwang hat, der sie gleichsam vorsormt und dem willigen 
Interpreten auf die richtige Spur verhilst, wird indirekt da 
durch bewiesen, daß überall, wo das Schöne an stch gefordert ist, 
die objektiv ungebundene Gestaltungskraft das von ihr frei 
zu Setzende leicht verfehlt. Die wenigen Vorgefühlen Edel- 
steinfaffungen sind willkürliche Schöpfungen, die der Hast er 
mangeln; mrf diesem Gebiete erscheint es immer noch ratsamer, 
die Formen des vergangenen Lebens zu bewahren, als Neues 
gewaltsam zu züchten, das unserem Leben nicht entspricht. 
Zwischen dem Reiche der DechnA und dem des Win 
Schönen, in der Mtte von Zw^k und Ausdruck, Retorte und 
Schmuck sind die meisten Dinge der Werkkunst zuhause—sofern 
es gerade ein Zuhaufe für fie gibt. Objektivs Erfordernisse 
walten über ihnen, aber auch die Seele will ste mit sich erfüllen. 
Möbel, Tücher, Vasen, Kannen, aus vielerlei Materialien ge 
bildet: ihre Form entquillt verschiedenen Gründen, und selten 
nmg es so schwierig wie heute gewesen fein, die rechte in ihnen 
zu finden. Enthaltsamkeit von jeder künstlichen Zutat soll 
ihnen die Beziehung Zu imserem Leben zurückgewinnen; doch 
ist der Rückgang zur puren Sachlichkeit schon ihre Rettung, ist 
Meldung erlogener Zutat mehr als das ehrliche EmgestE 
besitzen mochte, wird uns zur Attrappe, was in einem wirklichen 
Verhältnis Zwischen den Menschen gründete, behauptet stch 
fort als substanzlose Larve, die vergeblich ihre Bedeutung 
erfragt. 
Nichts anderes ist mit der Losung des Werkbunds gemeint 
(oder darf doch mit ihr gemeint sein), als daß die Gestalt der 
Dinge sich in die Wahrheit setzen solle. Technik und Industrie 
sind die herrschenden Mächte der Gegenwart, und wirtschaft 
liche Notdurft meldet in ihr sehr dringlich ihre Bedürfnisse an. 
Dem Zwang dieser Realitäten muß auch die Bildung der 
Gegenstände Genüge tun, wenn sie sich aufrichtig zu der Welt 
verhalten will, die nun einmal die unfrige ist. Gefordert wird 
aber heute von den Dingen, daß sie sachgemäß konstruiert sind, 
daß sie, sofern es sich um Massenerzeugnisse handelt, die un 
glaubwürdige Geste der Jndividualschöpfung vermeiden, und 
daß sie die in der Zeit wirksamen Kräfte sinnfällig ausdrücken 
und wiederspiegeln. Das ist wenig, doch mehr als das Vor 
gegebene ästhetisch d-arzubietm, wäre ein Trug. Und wird 
die Ablehnung des Ornamentes nur richtig verstanden, so be 
sagt sie eben dies: daß man die Bedingungen endlich an- 
erkenne, denen das Getriebe der Gegenwart unterliegt, und 
durch ihr Überspringen den Gebilden die mögliche Substanz 
nicht vorenthalte. Sie gebietet Bescheidung, damit wir Grund 
fassen, sie begelnt Nacktheit, damit keine Illusionen mBr die 
Ralität verdrillen 
Die AufnHmekomnnssion, der außer dm Geschäftsführer 
Herrn Stotz (Stuttgart) die Herren Geh. Rat Dr. Bruck 
mann (Heilbrorn) und Geh. Rat Pwf. Riemers chmid 
(München) angehörten*), hat diktatorisch ihres Amtes ge 
waltet, und so zeigt die Ausstellung reinlich an, in welcher 
We'se etwa jene Grundsätze heuie verwirklicht werden. Ibre 
Gliederung und ihr Aufbau sckwn, vom Achi^ekLen Pros. G. 
Schneck (Stuttgart) zielbewußt durchgeführt lassen d'e W- 
sicht des Ganzen erkennen: nur das Unerläßliche wird vor 
gewiesen, und alle Gegenstände kommen vor neuwalem H'nt-'v- 
gründ durchaus als Einzelstücke zur Geltung. Da sie in 
nüchterne Helle gesiegt sind. mMen sie un^ckminki sich be 
währen. 
Nicht zu verkennen, daß (ähnlich wie in o.- ..Bauaus 
stellung") die technischen Dame die gemäßeste und 
lauterste Form erhalten haben. Ihr N.stimmn-gszweck erlegt 
von außen her No'wendchkell n auf, d ^en nnsier eben Rm- 
indem man sie Zackt und windet, hinreichend dafür, daß ste sich 
eine Blöße nicht gibt- Wodurch die eigentlich doch angestreots 
Ofienbamng ihrer Reilcheit voreilig verhindert wird. 
Was diese oft fein durchgebildeten Halbheiten weinen — 
Halbheiten, die untief sind, weil sie den Ernst der Sitzratwn 
nicht ganz in Rechnung setzen, und tief wi^erum, weck sie der 
Situation Zum Trotz, die versagte VollgehQlLrMt dock) dar 
stellen wollen —: die Oesterreichs allein haben es erreicht. Dre 
materialgevÄ)ten Arbeite der Wiener Werkstatte und 
des Oesterreichischen Werkbundes sind von erner 
Zartheit und Ausgeglichenheit der Form, wie 1« nur den Nutz 
nießer» einer alten, in das Sinnliche sich himnigenden Km- 
tur qevade noch zugänglich sein mag.. Ein leichter HmrtMüt 
allerdings geht von diesen so süßen wie verderblich 
Gebilden aus; man spurt, daß sie ein spatschones Ende h 
zeichnen, dem keiUe Nachfolge mehr blüht. In Dmitschland W 
der Bruch mit der Wirklichkeit, aus der ste erwachsen, bereits 
allzu fühlbar geworden, als daß ihre naiv-fragile Vollkommen 
heit uns noch beschieden sein könnte. 
Die vielleicht urwollkommenen, aber radikale» LSsruW- 
versuche, die den industriellen und wirtschaftlichen Realitäten 
des entzauberten Lebens angemessen stch verhalten, sind hier 
darum die wesentlichen. Voran die Schöpfungen des Staat 
lichen Bauhauses zu Weimar das den Konstruktivis 
mus zum Prinzip erhebt. Seins Schränke und Schachflglwm 
sind von kubischem Fanatismus besessen, seine Stichle werden 
in unsere maschinelle Welt von einer Logik heraufgezwuwgen, 
die ste zu Ssitenstücken der Hohlplastiken Archipenkos macht. 
die dogmatisch« Stilisierung der Konstruktionselemente 
E zu neuer Romantik verleite, ob der Engpaß sich nicht am 
Ende «ils Sackgasse erweise — wer wollte leichthin es saM? 
Gewiß ist: in dieser Richtung muß gedacht und MIdet 
werden, denn ihr furchtloser Nihilismus zielt aus die Wahr 
heit hin. 
Manche wie Herre, von dem die straften Plakate her 
rühren, oder auch Docker übertrumpfen beinahe GropiuZ an 
FolgerichtiMt, wcs nicht heißen soll, daß ste hi AÄe so 
näher kämen. Im Gegenteil: ihrer Eisenbetonhastrgkert droht 
die Erstarrung, und die zu weit getriebene Konsequenz führt 
sie aus dem Leben heraus, dem nur ein rechtzeitiges W- 
biegen von den wie immer gültigen Prinzipien wieder zu- 
tra gen kann. 
Nachaiebig in diesem Wen Sinne sind Ms Möbelentwürft 
von Pros. Schneck,'die stets neue Kombinationen der typi 
schen KonstrMionsmSKWeiten bringen. Sie hauchen den 
&amp;gt; Notwendigen, das Ae n^erchs MMMW, ÄM W«
        <pb n="41" />
        Dr. 8. Lraoauer. 
niebt ilrren Wbrr. 
Lrankkurt a. N. 
Zum Gedächtnis kuno Aschers. 
Die Feier der Heidelberger Universität. 
Mir» Heidelberg, 23. Juli. 
Die Heidelberger Universität, ehrte den hundertjährigen Todes 
tag Kims Fischers, dessen Namen mit dem ihren unzertrennlich 
verbunden ist, durch einen öffentlichen akademischen 
Festakt, der nachdrücklich ins Bewußtsein erheben sollte, was 
der Gefeierte gewesen: nicht der große Lehrer nur, auch nicht 
allein ein künstlerischer Gestalter hohen Ranges, sondern vor allem 
einer der ersten Geistes Historiker des verflossenen Jahr 
hunderts. Dieser seiner wesentlichen Bedeutung galt die wohl 
gerundete Festrede P&amp;gt;rsf. Ernst H 0 ffmanns, die das Lebens 
werk Fischers, seine Zehnbändige Geschichte der neueren Philo 
sophie, als einheitliche geistige Schöpfung erfaßte und ihren 
Grundgedanken Zu erschließen suchte. 
- Zwei mächtige Einflüsse, so wies der Redner nach, haben auf 
Der l'baatiaer-VLrlL^in^ün bat SMNSN bisbOri-« 
xsn DublibLtlonan Dokuraant-e sLim MUS rm«« 
an^eraibt: äis „I. ebenda trium 80oioru in", diü 
einen üdSr das dk8 drillt, 
den di« IrZdiüon — d«r nennen NNok Dr 
Hnr«6lii — dr«i«n soinSi- LusoiMM. Dem 
von 8. 5. Raindur^er üdSNÄschLtHn lert (140 8«it6n) 
8ind aollt H«prodnMon-6N von O^rnLldsn diottos Ixn- 
die eine dilkominene L«r«i&amp;lt;slionnn^ d«« 
ZonZt soiiön LNK^SstÄtiSten LändoiienH bilden. 
Der Segen der Milliarden. Der in den U.T. -Lichtspielen 
gezeigte Ossi Oswalda-Film: „Das Milliardärsouper" 
ist ein richtiger Wnnschtraum, in dem sich alles so erfüllt wie im 
Märchen. Wer ist die Hauptperson? Natürlich Ossi Oswalda 
als Tochter eines Milliardärs, dessen Eigensinn nur rauhe Schale 
jener Gutmütigkeit ist, die alle amerikanischen Milliardäre zu 
besitzen Pflegen. Der Eigensinn ist die Ursache der Jntrige: Die 
Regierung durchkreuzt die Ausführung eines Lieblingsplanes, und 
so verweigert man ihr die Steuern. Das klingt sehr einfach, aber 
auch inAmerika bleibenSteuerhintcrziehungen nicht ungestraft.Doch 
die Tochter, eine Range, hat Jurisprudenz studiert, und so kennt 
sie nicht nur das Gesetz, sondern auch seine Maschen. Zahlungs 
aufforderungen sind persönlich zu überreichen. Was also heckt die 
kleine Märchenprinzessin aus? Daß der Papa sich den Augen der 
Menschen und Steuerbeamten entzieht. Ein drolliger Krieg 
beginnt, in dem der Steuerbehörde und dem Finanzminister ein 
Schnippchen um das andere geschlagen wird. Und in diesem 
Geplänkel taucht ein lieber, armer Schlucker auf, ein bischen Töl 
pel und Hans im Glück, der zunächst nur das Füßchen der Prin 
zessin verehrt, dann aber nach und nach sich zum Anschauen ihrer 
ganzen Gestalt versteht. Und stehe, die Prinzessin, die doch die 
Auswahl unter Milliardären und höheren Regierungsbeamten 
hat, erklärt ihn gerade zu ihrem Ritter, und je mehr Dummheiten 
er macht, um somehr macht sie ihm den Hof, bis er am Ende weiß, 
daß das Anschauen nicht das Letzte ist. Und es kommt alles so, 
wie es kommen muß. Die Regierung vergleicht sich mit dem alten 
Milliarden-König, und Hans im Glück und die Prinzessin be 
herrschen ihr Reich im Frieden und Seligkeit. Die Aufnahmen 
sind hervorragend und dieser entzückenden Unwahrscheinlichkeit 
durchaus ebenbürtig. Voran geht „Fix und Fax im See 
b a d", ein lustiges Holter-Dipolter der bekannten beiden, alles 
im Badeanzug, sehr erfrischend bei sommerlicher Hitze^ rae. 
LrZLSLLLLtrLLG RLZLÄ Reäv LUr LsstiMNMvA 
der dr6Q26n dsr Lrksiuitnis. Von Ldsrkard 
Orisebaed. Lalle, Nax Liemever. 47 Leiten. 
Die Knr26 ^bkandlunA, die den Inlialt einer iin Vorz'alir 
2N La8el auk Linladun§ der Mant-Lesellseliakt Aelialtenen 
Leds ^iederAidt, ist eine v^ieliti^e Kliilosopliiselie Lelirikt. 
vsr denenser LliilesoMieprokessor Lderliard Orisedaeli 
suelrt in Llir, Luni leil auk Lrund von ^useinandersetLUn^en 
mit seinem Lreunde Lriedried Lo^arten, die OrenLen su er 
mitteln, die dem reinen LrLennen ^eroAen sind, susdt 2U 
reifen, daü das Lrlrennen von sieli aus Leine adselduÜlmkte 
LeStimmung der ^eltLusammenliänsse LU xeden vermag. Ist ? 
das l'Kema aueli nielit weiter neu, so doed die ^.rt seiner 
Le^ÄtiAunA, die krellioli liier nur xerade anFedeutst werden 
Lann. Lrisebsod xelit von dem Le^riZ des in der Lon- 
Lreten NirLUokLsit stellenden Nenselien aus, und all sein 
Lemülmn §ilt dem Laol^eis, daK vnr sokort aus der V7irL- 
lioliLeit lieraustreten, ^vevn vür das ^.dsoluts, auk das lnn- 
xespannt v^ir doeli leben, nun selber in Leklexion setzen 
und rein erkennend Irgend etv^as vekinitives über die ^Velt 
ausLumaeben traebten. 2utzan§ 2um Absoluten, sum .,LeaL 
ssrund" der V/elt, an den -uts reine Lrkennen nlmmmermenr 
Lu rübren vormLK, bat aiQul der Glaube, dessen ^rt die 
Lemeinsebakt konkret lebender Nenseben ist. Las Kruebt- 
bare der Lrisebaebsoben Lmersuebung bestebt darin, daü sie, 
an Land knaMer ^naivsen der ideallstiseben L^stems und 
aueb der LebensfMlosovb-ie Zlmmels, Mdes das Absolute und 
Unbedingte rum Lebenstand erbebende tbeoretiLebe Lrkennr- 
nisstredsn sebark adKienLt von dem allein reebtmaLiMN 
Denken der konkret exMierenden Nenseben und nun von 
bier aus den Ansprueb Zenss tbeoretiseben Leken- ens auk 
LrxreikunK des Absoluten In seine 8«kranken Lurv ekveitzt. 
Daü die Lebrikt das ^esen und den LmkanF des Aemeinten 
konkreten Denkens noeb unLureiebend bestimmt, verringert 
I Viv «meierseele ein und mildem so die theoretische Schroffheit 
ab, von der sie legitim ihren Ausgung nehmen. 
Den Rest überkommenen WHIenS, der ihnen noch anhafket, 
haben Pros. Ernst Lichtblaus „Hausgeräte" abgestveift. 
Sind diese skurrilen Kompositionen, die das bejahte Konstruk 
tive mit dem verlorenen Lächeln eines Pierrots umspielen, auch 
lauter untypische Einzelgebilde, so haben sie doch ihr Recht, 
! denn ihre Einzigkeit ist nicht mit Absonderung zu verwechseln, 
sie ist vielmehr der genaue Ausdruck jener Melancholie, die das 
Wissen um die Realitäten des heuügen LÄens in der ver 
waisten Seele erzeugt. Einsanckeit spricht aus dem subtilen 
Leuchter, der an ein Gekritzel von Klee gemahnt, und die vev- 
schrullte Eleganz einer Stehlampe, dis sich E Bambus, Seide, 
Metallstäben und Stroh zusammensetzt, kommt an hilfloser 
Traurigkeit einem Galgenlied Morgensterns gleich. Nur der 
Zweck und die Elemente sind hier gegeben, sonst nichts; ihre 
bizarre Fügung aber macht kund, daß die von ihnen allein be 
herrschte Welt noch leer ist, sie erschließt indirekt die Abwesen 
heit des Seelischen, indem sie die Sinnlosigkeit darstellt, der ein 
seiner entrateudes Leben verfällt. — Derselben Sphäre gehören 
die Erzeugnisse der Werkstatt „Blaues Haus" zu Berlin 
an, freie FormspiÄereien aus Glas, die durch die pretiöse 
Geste, mit der sie ihre Ueberslüssigkeit betonen, die realen 
Forderungen der Zeit ironisch bestätigen. 
Me in den schönen Sälen des Handelshsses Veranstalter 
Ausstellung soll nach Beendigung als Wanderaus 
stellung die großen Städte des Reichs durchziehen. Der 
Plan ist der Ausführung wert, denn, teilt sich nur die Ge 
sinnung allgemeiner mit, die in der Schau sich auszuprägen 
strebt, so ist für die Heilung jenes Symptoms, das sich „Kunst 
gewerbe" nennt, viel schon getan. Damit die Mahnung zur 
Askese erzieherisch wirke, wird freilich zu merken sein, daß 
sie nicht mehr sein wA als ein Hinweis auf das zunächst Not 
wendige, Enthaltsamkeit von ornamentalem ÜeberWvang 
ist nicht letztes Ziel noch bleibendes Ideal, sie ist nur jetzt - 
und hier geboten, weil das Gebilde sonst die Fühlung mit den 
nüchternen Gegebenheiten des Tages verliert, die ihm Sub 
stanz verleiht. Dis Kunst, die das Gebrauchsding gestaltet — 
und nicht nur sie vielleicht —, darf heute einem Schiff ver 
glichen werden, das in Quarantäne liegt, und der ihr ge 
heißene Rückzug auf dis Form hat lediglich dis Bedeutung 
des Wartens, das auch an anderen Orten den im Negativen 
Stehenden vorläufig ziemt. An die Wendung des realen 
Lebens zur Wirklichkeit ist geknüpft, ob ihre Stummheit der 
einst sich löse« Dr, S. Kracauer!. 
— Eine Tragikomödie. Der in dem National-Theater 
(in der Hohenzollern-Lichtbühne sowohl wie im Scala-Theater) 
vorgesiihrte National-Film: „Sonnabend Nacht", ein 
amerikanisches Opus, erteilt Anschauungsunterricht in Klassen 
unterschieden und macht ernst mit Dingen, die ernsthaft offenvar 
nicht in Erwägung gezogen werden sollten. Der Sachverhalt 
ist kurz der: Ein sehr vermögender junger Herr verliebt sich 
in ein reizendes Wäschevmädel, und seiner Braut, einer ebenso 
vermögenden jungen Dame, passiert dasselbe mit ihrem Chauffer, 
Dergleichen soll Vorkommen. Was nicht so häufig vorkommr, 
ist dies: daß di« beiden Mesalliancen wirklich geschloffen werden. 
Das img moralisch sein. Doch es hat darum nicht wenigen 
peinliche Konsequenzen. Das zur gnädigen Frau avanciert« 
Wäschermädsl benimmt sich sboebing und macht ber Festessen« 
und Hauswafferbällen (ja, eS gibt Hauswasserballe bei ameri 
kanischen Milliardären — der Film bringt alles an den Tag), 
nicht eben eine Wie Figur. Und di« zur Köchin degradiert« 
gnädige Frau fühlt sich im engen Haushalt durchaus fehl am 
Ort, und begeht di« amüsantesten kaux M8 wider die Kon 
ventionen, die in Ehauffeurkreisen üblich sind. Die Dinge ent 
wickeln sich so, wie die Tragikomödie es fordert. Gentleman, und 
Lady halten zwar hartnäckig an ihrer Liebs fest, die so unglück 
lich vom Milieu abgeirrt ist, aber im Verlaus sehr unterhalten 
der 'Szenen findet sich schließlich doch zusammen, was nach gesell 
schaftlicher Gepflogenheit nun einmal zusammengehört. Dis 
bürgerliche Moral wäre etwa, daß man aus seiner Kaste heraus 
nicht heiraten soll. Ob man nun diesen Lehrsatz annimmt oder 
nicht, der Film ist jedenfalls voller Situationskomik und hält, 
der sommerlichen Hitze zum Trotz, bis zum vorauSgewutzten 
glücklichen Ende in angenehmer Spannung. — Das beigegebens 
Lustspiel: „Keiner von beiden" arbeitet mit spaßigen Tricks, dis 
immer wieder zum Lachen reizen, obwohl man sie Dank des 
amerikanischen Imports, in allen Variationen jetzt kennt, ram
        <pb n="42" />
        hält; und ist Höchstleistung auch die Norm, so werden doch, gerade 
aus Gründen der Zweckmäßigkeit, die Kräfte des Durchschnitts- 
mLeiters nichts Mer Gebühr in Ansvruch genommen. Vor allem 
aber: Spezialisierung und Rationalisierung korrigieren ihre etwai 
gen schädlichen Wirkungen dadurch selber, daß das Interesse der 
BetriebswirtschastW das sie hervorruft, zugleich auf hohe 
Entlohnung und Reduktion der Arbeitszeit dringt. Denn: 
Menschlichkeit macht sich bezahlt — so lautet der erprobte Grund 
satz Talors und auch Fords, der längst die fünftägige Arbeits 
woche eingesührt hat. Nicht aus Barmherzigkeit — „7 Kate 
sagt Ford —, aus rein praktischen Erwägungen vielmehr, und 
darum sicher verankert, werden also in dem wissenschaftlich organi 
sierten Betrieb alle Vorkehrungen (Heimstättensiedlungen, Hebung 
der Allgemeinbildung, WerkZeitungen usw.) getroffen, die dem 
Arbeiter in s^ner Freizeit ein menschenwürdiges Dasein ge 
währen, dieselbe rationale Gesinnung, die den Herstellungsprozeß 
atomistert, gelangt offenbar dazu, die irrationalen Forderungen 
der Humanität zu erfüllen, wenn sie nur folgerichtig zu Ende sich 
denkt. Das aber umso mehr, als sie auch in objektive^ Hinsicht 
durch mechanisierte Mmaenherstellung und Vereinheitlichung der. 
GebrauchsgegLnständs, nicht Zuletzt der Häuser und Wohnungs 
einrichtungen, die Lebenshaltung in steigendem Maße verbilligt. 
Herr Borst schloß mit einem Ausblick auf die kommende ganz - z 
Ämro Mcher gewirkt, die beide in der ihm eigentümlichen Leistung 
zu neuer Einheit sich verknüpfen. Er war der Nachfahr' Hegels, 
^»^»Erdmann gewonnen haben mochte, und so mußte er 
FA°s Bewegung erfahren, die sich 
vollzieht. Aber er war auch, vor 
wiegend wohl auf Grund seiner von Haupt und Leo anaereaten 
Phrlologrschen Studien mit dm Traditionen der Klassik gesättigt 
die den einzelnen Individuen ureigene Freiheit maestarü,' 
wilMn^S^^ "ib Freiheit der geisteSgeschichtlichen Ent- 
wiLlung. diese einander scheinbar entgegengesetzten Prinzipien 
der- neueven Philosophie "einen 
beiden Gerechtigkeit widerfahren läßd Das Be- 
: die aus Freiheit schaffende individuelle 
- sattste?" ^e. widmet jedem 
R^d L von Desoartes bis Hegel einen eigenen 
lewerlige System rein aus sich selber Le- 
enEsipH ^sprungspunkt aufspürt, von dem aus es sich 
entfalten laßt. sind diese individuellen Gestalten aber 
ernzrg, hängen sie darum nicht nL" imig 
zusammen. S»e stellen gleichsam Knotenpunkte einer 
Entwicklung dar, bezeichnen die Krisen in der 
Rre Systeme werden gesetzmäßig vor» 
sind auch die Wirkungen, dis diesen 
„Nur eben ihre besondere Leistung selber, 
die Epoche bildet, sottet empirisch-kausaler Ableitung, sie ist ein 
einmaliger Einbruch in die Zeit;, der nicht Ohne Rest aus dem 
Vorangegangenen sich erklären läßt. Die Werke Kuno Fischers 
die von einer so gearteten gMichtsphilosophischen Einsicht ae- 
^as«-- werden, sind durchweg dem neuzEtchen DeL 
wlt Descartes anhsbenden Epoche der abend- 
ländilche» Phrlofophis, die, entgegen dem früheren, religiös ge 
bundenen Denken, von der Autonomie des Erkenntnis-subjekts ihren 
Ausgang nimmt. Fischer umfaßt sie in ihrer Ganzheit und indem 
er die einzelnen Systems würdigt, die ihr angehören und sie be» 
stimmen. Lebt er die eniasn individuellen Akte der Vernunft her- 
als entscheidende Krisen der Gesamtentwicklung anzu- 
wrechen sind. Der Höhepunkt der Epoche, und damit, der Philo- 
N&amp;lt;e überhaupt, weint ihm die Philosophie KantS; und, dem 
Redner zufolge, ist die Darstellung Kants zugleich der Höhepunkt 
lemes eigenen Schaffens, von den Späteren nicht erreicht! ge- 
sckrwerae denn üLertroffen. 
- Nicht zuletzt würdigte Pros. Hoffmann das Menschentum 
Kuno Fischers. Die neue Philosophie, deren Geschichte ex schrieb, 
sie prägte auch sein Wesen, gab ihm Kraft der Gesinnung und 
ermutigte ihn zu Meck Kampfe gegen theologische Traditionen, 
ANE?" rkolge ihm 1853 die venia lexencki entzogen wurde. 
der Persönlichkeit und Gehalt des Werkes hinterließen bei dm 
Mitlebenden einen bedeutenden Einbruch Und die Besten der 
Zeit: Alexander v. Humboldt und David Friedrich Strauß 
erkannten freudig an, daß in ihm ein Geisteshistoriker großen 
Stils erstanden war, der das Ererbte wahrhaft zu besitzen lehrte. 
Die TagNW des Deutschen WerkbundZ. 
LLr Karlsruhe, 24.-26. Juli. 
Während der diesjährigen Werkbund-Tagung, der da? gast^ 
freundliche Karlsruhe den schönen Rahmen schuf, erörtert 
man mit der Leidenschaft der Betroffenen ein Faktum, das gerade 
die im WerkLund zusammen geschlossenen Kreise zu unmittelbarer 
Stellungnahme zwingt: die Tatsache des Am erikanismus, 
dessen Vordringen sich mit Naturgewalt zu vollziehen scheint. Man! 
ging insofern aufs Ganze, als man sogleich die geistige Gesamt-- 
Haltung erfragte, die dem Prozeß der Zunehmenden, Jndustrieali- 
sierung zugeordnet ist. Trotz der Gründlichkeit freilich, mit der 
man den Gegenstand angriff, vermochte die Aussprache nicht auf 
den Grund zu dringen. "Der Werkbund ist- wie. Gch -Nat Bruck 
mann ausdrücklich erklärte, eine durchaus unpolitische Vereinigung, 
und so mußten die ökonomischen und politischen Voraussetzungen, 
auf denen die Rationalisierung des Wirtschaftslebens beruht, rm 
wesentlichen unangetastet bleiben. Immerhin trat - und ^dos 
war Gewinn — die Erscheinung selber von der dre ^earl 
heM wehr M Nchr LMlWi wird, so schroff und. UMwerdeung 
hervor, daß ihre Ansehnlichkeit jede Romantik im Keim schon 
zerstörte. 
Als Parteigänger der von Taylor erdachten und orgamflerten 
wissenschaftlichen Betriebsführung erwies sich ein Führer deut 
scher Wirtschaft, der Direktor der Bosch-Werke Hugo Borst, der 
in seinem Vortrag die Frage aufwarf und — verneinte, ob mecha 
nisierte Industrie-Arbeit im Gegensatz zu freier Arbeit Mensch 
und Kultur gefährde. Seine Argumente waren von einer Sach 
lichkeit und unbeirrten Konsequenz, der niemand sich verschließen 
konnte; ihre Einseitigkeit bestätigte die marxistische Erkenntnis, 
die gewiß richtig ist, wenn sie nur undogmatisch genommen wird: 
daß die ökonomischen Zwangsläufigkeiten die Struktur des Welt 
bildes bedingen. An die Spitze seiner Darlegungen stellte Borst 
die These, daß der Taplorismus uns vor dem Verhungern schütze. 
Am auf dem Weltmarkt uns zu erhalten, sind wir zu äußerster 
WarenverbM genötigt, die wiederum ein-e Intensivierung 
der deutschen Betriebe -- nicht der industriellen allein, sondern 
auch der landwivtschaftlch — erforderlich mache. Das eigent 
liche Bemühen Borsts galt nun dem Nachweis, daß die Mechani 
sierung aller Verrichtungen garnicht ein solches Schreckgespenst 
sei, wie man in Deutschland noch vielfach befürchte. Gewiß, der 
Arbeitsvorgang wird bis ins kleinste geregelt, doch mag diese Ent- 
seelung der Tätigkeit — nach seinen Erfahrungen wenigstens — 
menschlichen Bedürfnissen nicht durchaus Widerstreiten, zumal der 
geistig Regsame Möglichkeiten des Anstiegs in dem Betriebe er 
automatische Maschine, diV den Menschen zum MaMnen- 
beherrscher machen toerdr, und bekannte fich damit als Anhänger 
5!^r . Utopie, die a^ dem Zwang zur Mechanisierung in un- 
dmanischer Gradlimgkeit die Befreiung des MenschmoesM 
yervorg-hen läßi. — 
Man empfand den scharfen Wind, der, wie der Vorsitzende Pros. 
Rremerschmid bemerkte, aus diesem Vortrag anwehtze, ohne 
Laß man gesonnen war, sich von ihm treiben zu lassen. Beschränkte 
Redezeit gestattete nur stichwortartige Erwiderung, die aber den 
amerikamkiLn Perspektiven aus gewichtigen Motiven der Einsicht 
und des Willens sich widersetzte. Der Stetliner Museumsdirektor 
' e tz ler etwa machte geltend, daß neben dem Rhythmus der 
MaschE sich stets der „Rhythmus des Blutes" behaupt-, und darum 
Kunst und. Lebendigkeit, die dem gewiß notwendigen Mechanisie- 
rungsproz-n ,uh verweigerten, mitnichten sinnlos seien oder gar 
vergewaltigt werden dürsten. Ihm zur Seite ging Herr v. P ech- 
Verfasser des in der Frankfurter Societäts-Druckerei 
M erschienenen Buches: „Die Qualitätsarbeit"), der an manchen 
Symptomen aufwies, daß in Mropa, zumal in Deutschland, der 
Peinlichkeit viel zu tief wurzle, als daß man ihn je, 
, Mst bei der Stvase des Verhungerns, in der Arbeit und ihren 
PEktm pr-isgeb^ Herr Tarnow als Vertreter der 
Gewerkschaften erklärte sich mit der Jndustrialisieung nur einver- 
sEden wenn ihren Gefahren für das soziale Widerstandsvermöaen 
durch kräftige Arbeiterorganisationen begegnet werde, und der 
-toaeordnete Wienbeck setzte sich in entschiedener 
Weise für das Handwerk ein, das in ländlichen Bezirken vor allem 
durchaus zu den Lebensnotwsndigksiten gehör«. 
--Ar formvollendete Schlußvortr-g" des badischen Kultus 
ministers Prof Hellpach der aus echt humanistischer Gestn- 
nung heraus den amerikanischen Da^or-umete-Geist begriff und 
bekämpfte, suchte die Rolle zu bestimmen,, die Deutschland als dem 
Lande der Mitte rn der Auseinandersetzung zwischen westlicher 
Zivilisation und östlichem Menschentum angewiesen sei.- Seine 
A reichen, durch historische und soziologische Exkurse unterbauten 
Ausführungen erbrachten eine treffende Kritik der Psychotechnik 
und mündeten in die Erkenntnis ein, daß der Tavlorismus das 
Arbeitsproblem nicht zu lösen vermöge. Er stellt die Arbeit neben 
Mbt sie organisch in das Leben mit einzubeziehen. Was 
ist die Folge? Die Arbeit wird entseelt und entsittlicht, und das 
scheinbar freMgebene Leben weiß nichts mit sich -anZufangen, es 
repr0'dM»ert s ^wiegend im Sport und sinkt auf eine anima- 
ufH? Stufe herab. Dieser für das europäische Bewußtsein un 
erträglichen Tendenz zum anorganischen Zerfall entgegenZuwirken, 
^.vornehmlich die deutsche Aufgabe der nächsten Zukunft sein. 
Die Au.omaüsierung der Maschine kann hier nichts fruchten, da 
ste dem Menschen zwar Handarbeit abnimmt, ohne jedoch seinen! 
Wärterdienst zu beseelen.._Gviindleaend? w/nsniüfbi' sich! 
'schon einsetzt, und dafür sorgt, daß ganze Menschen, nicht Spe- 
zialisten nur, herangebikdet werden. Die von dem Minister em- 
zelsitete Reform deZ badischen Fachschulwesens erfolgt w 
diesem Sinne: sie gewährt den allgemeinen Bildungsfächern breiten 
Raum und erstrebt die Befriedigung des religiösen Bedürfnisses. 
Durch solche Maßnahmen hofft Hellpach den Primat der Sittlichen 
in der FaLrikarbeiL Zu erzielen und die der RMonaWerung 
Unterworfenen zur Mitbeteiligung an der Produktion zu befähigen. 
Freilich, so richtig auch die Einwände des Ministers gegen die 
von Taylor oder Ford behauptete prästabilierte Harmonie zwischen 
Humanität und Rationalismus sind, und so gewiß man prinzi 
piell mit der Erziehung zu beginnen hätte, der Zweifel regt sich 
doch, ob seine positiven Anregungen wirklich zu dem gewünschten 
Ergebnis führen. Zum mindesten bleibt die Frage offen, ob sie 
allein die Anarchie der Wirtschaft aÄZuwenden vermögen. Der 
Versuch aber muß gemacht werden, denn auch der stille Weg hat 
neben anderen fein Recht. 
* 
Das Zweite HaupLLHema der Tagung: Die künstlerische Bedeu 
tung des Spielfilms, ward nur gerade angeschnitten, ohne voll 
herausgeschält, geschweige denn bewältigt zu werden. Man ver 
nahm einen Vortrag, der an Hand einer Reihe von Filmfragmenten 
vergeblich sich mühte, einige.Gesetze der noch ungeschriebenen Dra 
maturgie des Films zu entwickeln. Die wenig klaren Erörterungen 
waren nicht dazu ungetan, eine Klärung der Meinungen herbeizu- 
führen. Merkwürdig genug verhielt man sich im allgemeinen, vielleicht 
aus tiefwur^elnden Vorurteilen heraus, dem Problem des Films 
gegenüber mel befangener und stimmungZmaßiger als dem Faktum 
der Mechanisierung, obwohl doch beide Phänomene: der Amerika- 
nismus und die FilmkomposiLLon durchaus der gleichen Sphäre des 
Oberflächenlebens angehoren. Der Vortrag hatte immerhin das 
Gute, daß man die Frage des Films in ihrer ganzen Schwere er 
faßte und zu dem Beschluß gelangte, ste bald einmal gründlicher 
aufzurollen. —
        <pb n="43" />
        Der mttemkamschH MuMmb. Wer ist damit gemeint, kann I 
nur damit gemeint sein? Da es stch um einen Film handelt, kommt 
Zackte CssFan Mein in Betracht. Er tritt zur ZM in den? 
U. T^LichLspiele auf und übertrumpft entschieden Ludwig s 
Thoma noch, der doch such in seinen LauZbubengeschichten nichts ' 
Geringe leistet. Er ist sehr, sehr Kein in diesem Mkm der Ne- 
KnrerZen. 
In der Sammlung „LrönorZ 
^Ikrod Lröner) sind mebrors Lände neu erselilenen. 
In Liedenter verbesserter ^.ullLZe das „?biloso- 
pbisebe ö i t e r b u o td' von krol. Heinrieb 
8 e b in 1 d t (319- Leiten)^ das in ^nbetraebt seiner 
LürLe ein erstaunlieb reiebes Uuteriül verarbeitet; sein 
^Vert tredieb ist um Allen den Oebieten sebr einZe- 
sebränbt, Ln denen der abtivistiLebe Idealisrnns des Ver° 
iLLsers Leinen unmittelbaren ^NANNA bat. — Lintze 
Lobrilten aus der 2eit des Naterialisinus reiben sieb 
an, die sieb des KeliZiösen von natnralistisoben Vor- 
LussetLunMn aus Lu bernLebti^en sueben. Vorab das 
berübinte ^Verb von O. ll'r. 8trauA. „Der alte 
und der neue 0 lanbe" (241 Leiten), dann L^vei 
Werbe von lbudvvi^ l^euerbaob: seine ^bband- 
lunF „Die Ilnsterbliobbeitskra^e vorn Ltand- 
xunbt der ^.ntbropolo^ie" (154 Leiten) und seine Vor 
lesungen „v L 8 ^v 6 s 6 n der Religion" (VIII, 341 
Leiten). Die verzerrte ^ussassun^ der Religion, die 
inan in diesen bistoriseben Voburnevten findet, erstreobt 
sieb bis in die OeZenwart. 
Der Verlag Ltreober und Lobröder ^u LtuttZart bat 
seine pbilosopbisebe Heibe urn Zwei neue Lände ver- 
rnebrt. Von 6 ust. 1 b e o d. ? eobner, der sobon 
durob inebrere ?ublLationen vertreten ist, wird die 
Lobritt: „Die drei Vlotive und öründe des 
Glaubens" vor^elegt, die das Dabtuin des Klaubens 
pSMboloxisob Lu erklären und aus versebiedenen Drin° 
Lipien Io§iseb abLuleiten suobt (256 Leiten). Die ^rssu- 
rnentationen des von Dr. ^V. Dlatr berausMMbenen 
und nrit DrläuterunZen versebenen Düebleins entstain- 
rnen einer LinstellunZ, die pbilosopbie^esobiebtliobes 
Interesse wobt beanspruoben dark. — Dein religiösen 
Ibeina §ilt auob der andere Land. Der Dieb euer 
Ordinarius u ust U e s sor verbreitet sieb in ibin 
Die übrigen Veranstaltungen dürfen summarisch abgehanbAt 
den, was gewiß nicht heißen soll, daß sie als Auftakt und Zwis 
stücke zu unterschätzen gewesen wären. Den offiziellen Teil der 
gung eröffnete ein geschmacklich gut durchkomponiertes Festessen der 
Stadt Karlsruhe, an das stch Tanz und Kabsrett-DarLietungen von 
Werkbundmitgliedern schlössen. Nützliche und.angenehme Cäsuren: 
die Besichtigung der Großherzoglichen Majolika-Manufaktur, der 
Landeskunstschuke und der sehr instruktiven Weinbrenner-Aus 
stellung. Finale: Fahrt nach Baden-Baden und Besuch der von 
Länger gelassenen neuen Gartenanlagen. Ein abwechslungs 
reiches Programm, das die Teilnehmer in persönliche Fühlung 
'machte und damit allein schon eine wesentliche Bestimmung erfüllte. 
/02 
--- kSüdwestdärtsche Künste Auf der Mathildenhöbe in 
Darmstadt haben sich in diesem Sommer badi s ch e, h e s - 
srsche, Württembergische Künstlergruppsn ein Stelldichein 
gegeben. Um es gleich vorwegzunehmen: die Ausstellung tränt einen 
durchaus provinziellen, beinahe bourgeoisen Charakter. Von den 
Bemühungen neuer Kunst ist hier so gut wie nichts zu spüren und 
wagt sich doch einmal radikalere Gesinnung vor, schrickt sie vor sich 
selber zurück. Landschaften und Porträts, Gemälde und Graphik 
halten zumeist an überkommenen Formen fest, suchen Stimmungen 
zu erwecken, in denen wir nicht mehr leben, und lassen mehr oder 
minder die Meister erkennen, die Vorbild gewesen. Allzuvirles 
bereits verblichen und Spiegel vergangener Wett. Wkd über 
raschende Kunde nicht erwartet und bewegt'man sich willfährig auf 
dem gegebenen Niveau, so trifft man immerhin auf Leistungen, 
die aus irgend einem Grunde zum Verweilen bestimmen. Mau 
fühlt sich flMdaliert durch eine „Brünhilde" 'Hans Thomas, 
dessen Wagner-Erlebnis ihn der eigenen Natur MffreMdet-e, freut 
l stch -er. angenehm LZwMLm Manier D i tt s And WM nW 
. ganz unberührt von der gewiegten Zartheit w V ölkmanns, wie 
paM sie auch« Ist. Das sind die Alten, Bewährten; die Jüngeren ! 
folgen oder tasten nach anderm Weg. -— Von den H e s s e n werden 
SWeben viel gepflegt Hu nennen: MZchtildKraem er, M.j 
W o ff e r b erst A» Pos ch); sicher konturiert, dekorativ und ein 
wenig starr. Gleiche Attribute kommen den Porträts Paul 
Thesings zu, die fest und gehalten sind, ohne daß es in ihnen 
vibrierte. K. DeppertL kaltes DaMenbildnis hat Stil, sein Zyklus 
von Radierungen streift das Literarische noch nicht ab« Mit diesen 
graphischen Blättern Zusammen wären etwa die Temperastudien 
Des OffenbacherA R. Thro ll zu nennen, die, nur nicht entschieden 
AMM mm eine gemäße Formung der ZeitsaLire sich mühen. — 
Won den Württsmbergern strebt der begabte W. Bau- 
mL'ister nach der Schnodigkeit moderner künstlerischer Gestal 
tung. Mehr in die Tiefe gehen Leonhard Schmidt mit einer 
Mt empfundenen, winterlichen Straße . und Bildhauer Dtts 
Alb er, dessen schreitendes Liebespaar trotz des Anklangs an 
Lehwbruck nicht ohne ansprechende Eigenheit ist. Sonst redliche 
Mitte und ReMimszenzen, die von Schonleber bis zu Goya und 
RembranN gar sich erstrecken. — Unter den Badensern merkt 
man auch Schnarrenberger, der einen rotbärtigen MänneEopf 
in den SEnraum düsterer Landschaft setzt. H. Schöp f l i w 
etwas verschrullt, gebärdet stch als moderner Brueghel, und Bab- 
L e rger Zeigt eines jener Alpenbilder, die Hodler inZ Dekorative 
Wersetzem Naiv hinMstricheNe Natur bringt- der Villmger Gra 
phiker G. Schreib er, während die LegMen Radierungen Jo^ 
Fefine Schalters Mzu reflektierte Kompositionen find. Lr. 
in Vinar 5ür sacken Oedlitten vsrsULncliiensn -^eise 
über „st iodios roliZiöso IVoltanLossau- 
u n x" (XI, 214 Leiten), wodei er äen ststilosoption naott 
Nägstebieeit selber LU ^Vorto ^ommon lakt. Das erle I 
ist als stinlüstrun^ zn dio OeäMuenveelt stieß tos Ant , 
xeeiMet. 
O 
Die „0 e 8 amineIteu Leb r i k i e n" stritt 
Uordoestai XuulMÄNns (Berlin, B. Baubsobe 
VerlaMbuelibancklun^, 264 Leiten) sind insolern ein 
^oitdostumont, als sie von 6eni ^Virben eines äeniseben 
Inäen benieliien, der, obne sein Beutsebtuin je Zu ver 
leugnen, das Le liio^sal der Mduüe^ten Ostjudon Zu dem 
seinen Mmaebt bat. Laulmunn, der 1921 als Dromud- 
dreini^sübriMr aus dem Beben selned, entladete sebon 
vor dem XrleM, v^ie der UeruubMber DudwiF 
Ltrauü in der Linleitun^ mitteM, eine LusMboeiiete 
pudliAstisedo Päti^deit, die buuptsüoblieb der Mieder- 
Kb^vinnun^ .südiKeber ^VirMebbeit Aalt. Im lubre 1920 
übernLbm er, naebdem er sieb im Lnie^ dureb dübne - 
?LtrouillenMnM auKMLeiiebnet batte, das ^rlbeiterlür- j 
sor^eLmt der Kdisoben OrMMKM'OMN pentVeMnds, &amp;gt; 
das er in der burZen ibm verbl'iebeMn ^eii Zu einem ! 
Mt lunbLonierenden Institut unKbaute. Von den in dem 
Bunde vereMieten ^ulsätLen seien die Ltudien über das 
M-disebe Volkslied bervorMboben. 
Witz M den Westen gehört, und wenn er »so niedlich uns un- 
dchuldig mit dem treuen Hrmd Molly fernes Weges wandelt, 
würde niemand ihm Zutrauen, daß er die schlimmsten Streiche 
verübt. Aber es läßt sich nicht verhehlen: er ist in der Tat ein 
Ausbund von UnarLWeiP Im Cirkus läßt er den Löwen loZ, 
Zuhause die Ameisen, und überall, wo er stch Zeigt, ist auch das 
Unheil schon da. Man mag ermessen was die Familie zu leiden 
hat, und wie Pein sich mit Liebe milcht. Indessen, die Teufeleien 
sind viel zu entzückend, und das Mkowpagnement der Ungenaust 
schlage ist gar zu treuherzig, als daß man dem winzigen Strick 
nun ernsthaft M zürnen vermöchte. Und so ist das Er^e stets gut 
und Prügellos, wenn auch die Streiche selber dem Zuschauer nur 
gut erscheinen. Nicht genug zu bewundern ist wiederum das schau 
spielerische Talent des Knaben, der über jede Gebärde und jeden 
Ausdruck wie selbstverständlich verfügt. — Ein fünfaktiger Film 
„Zwangs ehe" aus dem amerikanischen Westen geht voraus. 
Die Geschichte ist sehr romantisch, doch immerhin: sie entläßt He- 
tröstet, da eine verloren geglaubte Tochter gefunden wird und 
(unter die Haube kommt. 
t , Zl- tzF--/ - 
Aus den Grödner Dolsmiken. 
Mr Eine kleine Schmalspurbahn, die als HauptnachschuLNnle 
für die österreichischen Kampfstellungen im Jahre ISIS erbau! 
wurde, führt von Klausen in das Grödner Tal hinauf. Haup^ 
fremdenort ist St. Ulrich, heute Ortisei genannt, ein richtiges 
Sommerfrischen-Siädtchsn mit guten Gasthöfen und Pensionen, 
als Ausgangspunkt für Hochtouristen und bequeme ErhrlungS- 
bedürftige gleich sehr geeignet. Das vielgefaltete Hochtm biet^ 
hier eine Fülle von Wandermöglichkeiten, und wohin man sich 
auch wendet, stets treten hinter Almwiesen und Tannenwäldern 
die Dolomiten hervor; Sella, Geislerspitzen, Langkofel, deren 
Wände bald in Heller Glut zu stehen scheinen bald bleich, sich ab 
heben von dunklerem Himmel. Ihnen näher schon liegt das 
gern besuchte St. Cristina (1400 Meter), dem das bereus 
zu Selva (früher Wolkenstein) gehörige Alb ergo Grisr folgst 
eine freundliche Gaststätte, die, wie andere Hotels der Gegend 
auch, sich auf den Wintersport eingerichtet hast S elva selbn, 
(1560 Meter) etwas mondäner im Zuschnitt, wird beherrscht 
durch das Sella-Massiv, das in seiner ganzen Breite das Tal 
nach Süden verriegelt. Ostwärts verengen sich breite Wiesen- 
flächen Zum edelweißreichen Vallunga, das Zwischen steiner 
nen Bastionen aufwärts zieht und nicht nur seiner Lichtkontraste 
wegen an die Land schasst des Engadins gemahnt. Endpunkt der 
Bahn und des Tales ist Plan; hier beginnt die Kriegsstraße 
über das Sellajoch, von dem aus man den schönsten Blick auf dre 
breiten Schneehänge dsr Marmolata genießt. Die Autottnien, die das 
Joch überqueren, gewinnen den Anschluß an die Dolomitenstraße, 
die ostwärts nach Cortina und westwärts nach Karer-See—Bozen 
führt. Eine beliebte Tour von dem Grödner Tal aus ist vor 
allem die leicht Zu erreichende Seiser Alpe mit dem Schiern, der 
weiteste Alpenaussicht gewährt. Schwere Kletterexkursionen mag 
man von der Regensburger Hütte aus oder im Langkofel-Gemel 
unternehmen. — Das Publikum setzt sich im August aus Italie 
nern und Oesterreichern zusammen. Reichsdeutsche findet man nur 
in verschwindender Menge. Ihre geringe Zahl hat seinen Gruno 
mit darin, daß die Auslandsgebühr zu spat aufgehoben wurde 
und man im übrigen der näher gelegenen und früher schwerer er 
reichbaren Schweiz den Vorzug erteilte. — Dre Preqe '« den 
besseren Häusern heben bei etwa 35, Lrre l? Marks an, Mt m 
der Nachsaison mögen billigere Vereinbarungen getroffen wer^n.
        <pb n="44" />
        <pb n="45" />
        g die Chauffeure umher wie Seeleute. 
üün üch 
Es 
in den 
fühlen. 
Empfang in den Dolomiten. 
Boze«, Anfang September. 
kann nicht gut geleugnet werden, daß die Italiener 
ehemals K. K. Oesterreichischen Dolomiten sich heimisch 
Ihre zahllosen Autos nehmen die bedenklichsten Kurven 
reiedende LerüeksiedtixunF kindet. Die ausssereiednete 
Arbeit des ^Viener Lniversitatsprokessors Hans Lidl: 
„^.uFust^n und die Latristik" (Land 10/11, 
462 Zeiten) gewährt einen Lederdliek über die Oedan- 
kenwelt der ersten christlichen ladrdunderte. Zie dedt 
dei dem Le^inn der ideologischen Zpekulation an, Zedt 
auk die däretisede und edristliede (lnosis ein und rüekt 
die Darstellung der Ledren ^.u^ustivs in den Mittel 
punkt. Der IVert des mit dem achten «ladrdundert ad- 
schließenden Luodes destedt in der überall auks V^esent- 
liekste ^eriodteten Odarakteristik der vielen Z^steme 
und Destaden, die jene um die ^usdednunF des Odri- 
stentums ringende Lpoede erfüllen, losepd Lern- 
darts kluges Lued: ,ft)ie pdilosopdisede 
N^stikdes Nittelalters" (Land 14. 291 Zeiten') 
xidt eine spraedlied intensive Darstellung der distori- 
seden Drsedeinun^skormen des mystischen Gedankens, 
die umrankt wird von Hinweisen auf seine antiken und 
Znostiseden Ursprünge und auk seine RachwirkunFön 
in der neueren Ldilosopdie. Vortrefflich ist die Linlei- 
tunA, die über das Verdältnis der ^stik 2ur Leli^ion 
einige klärende ^.ussa^en maedt. Die 2usammen- 
dränAun^ der Ztokkmassen auk en^en Laum küdrt mit 
unter ru aÜM ad^ekürzer Lede. — Das ledendi^ ^e- 
sedriedene Lued von Drok. Oav v. Lroekdorkf über 
Desoartes (Land 16/17, 226 Zeiten) de^reikt die 
Ledren des Denkers aus idren eigenen VoraussetLun^en, 
odne darüder des Leit^esediedtlieden Hintergrundes ru 
vergessen. Die Weiterbildung des Lartesianismus und 
die verwandten Z^steme von Oeulinex und Naledranede 
sind in dis Darstellung mit Bindebogen. -- Liedard 
Hönigswald legt in seinem Werk: „D o d d e s 
und. die ZtaatspdLlo^opdie" (Land 21, 297 
Zeiten) die vielen Denkmotive, die sied in den svsrerna- 
tisoden Oedankengängen des engliseden Ldilosopden 
kreuzen, rein lieb auseinander, schmiegsame Interpre 
tation der analytischen Netdode mit kritiseden Lrörte- 
rungen dureddringend. Line willkommene LrgänLung 
der Lrodlementwieklung dildet der deigegebene be 
dang, der die Ztaatspdilosopdie von der Lenaissanee 
dis rur ^.ukklärung skiWiert. — .,Die kranLÜsisede 
^ukklarungspdiloLopdie" (Land 25, 168 
Zeiten) wird von Oskar Lwa! d in flüssigen ^usküd- 
rungen bedandelt, die das Denken der Lpoede als 
(langes und seine gemeinsamen geistigen (Grundlagen 
klar derausardeiten. Die Darstellung steigt von Oon- 
dillae 2u den Ln^klopädisten an, verfolgt den siegreich 
vordringenden Materialismus und mündet in die Le- 
trachtung Lousseaus ein. — Zedließlich ein Wort noch 
rm dem Laut- Lued Leiningers (Land 27/28, 313 
Zeiten). Ls entwiekelt in allgemeinverständlieder. Weise 
die kritiseden (Grundgedanken Lauts und legt Zugleich 
den Werdegang seines Denkens bloß. Indem die Dar 
stellung nachdrücklich betont, daI Laut von der Bat- 
saeds de« Lmpkindungsmaterials (riedtiger: Lrkadrung) 
ausgegangen ist, grenzt sie idn deutlied von seinen dlaed- 
kolgern ab, die jedes Oegebene Luletxt verklüedtigen. 
^ndänger und Oegner sind medr kursorisch beda^delt; 
unter diesen vermißt man mit einigem Ledauern Lran2 
v. Laader, dessen Lant-Lritik wodl eine Lrorterung ge 
lob nt dätte. Lr. 
6«? pkiiosopkie 
in Hnreldai'LlrUungen. 
Die von Oustav LalLa kHrausxeZbdsue Zarurnlun^ : 
„HsseLiedte äer ?dNo80pkitz in Linse t- 
ckarsteNunFe u", äie des Lrust keindarät in iMn- 
edeu iu Lwan^Ioser Lol^e ersedeint, unterLedeicket sied 
äured äie bei idrer deko^ten Oruuäsätss m 
manoder Kinsiedt von Hen disderiZen pdilo8opdie- 
^esediedtdeden Werken. 8Ie dedt an init einer äem 
^Veitdilck cker Lrinütiven unä der LdüoLopdie des Nor- 
xenIaodeZ Zewidineten ^.dteilunA und dedandelt dann 
in etdoden weiteren ^.dteilun^en die §68ainte adend- 
iLndisode ?diio8Opdie von der Antike dis su dlietssede 
und dem enssliseden Lrnpirisrnus. dede ^dteilun§ urn- 
laN niedrere Lande, die von verschiedenen Verfassern 
derrüdren und jeweils einen lüdrenden Ldiiosopden 
oder eine wesentliode ^eistiM Ltröniun^ in den Nittel- 
pundt rüeden. 6ewik rna^ eine soiede ^erle^un^ in 
Londeruntsrsuedunxen den Medteil daden, dad die 
VerdindunMlinien kedlen, die von einer Lpoede Lur 
anderen leiten, und inanni^laede, olt kaum su ver 
einende ^.ulkassunFen su V/ort ^eiag^en. Oakür oder 
dildet der einselne Land ein abgeschlossenes Oanre, in 
dein ein de^renLtes Oediet nun wirklich einAede^de, 
nur idrn Lu^ewandte ^Vürdi^unA erkädrt. Die Nono- 
Zrapdien vermitteln durchweg die Lr^ednisse eigener 
tzueHenkor8chunA, und odwodl sie sied an didi^er 
Lopularisierun^ niedt Fenü§en lassen, ist die varstel- 
lunF doed so xedalten, daü der gebildete Leser idr un- 
sedwer lolgen kann, ^usküdrliode Anmerkungen und 
ein stets dei§eküFter didlio^rapdiseder ^VeZweiser er- 
leiedtern dem ^Veiterstredenden die seldständi^e Lort- 
setxun§ seiner Ltudien. 
Von den geplanten vierrü^ Länden des Lnterned- 
mens ist dereitg medr als die Üälkte ersedienen. Lin^e 
liefen uns vor, und man erkennt aus idnen mit Oenu^- 
tuunA dak das von der LdilosopdiegeKediedte so ver- 
naedlässiFte N-ttelalter in der Lammlun» din- 
— 
' 
» 
aus düm Land. Vorne auf dem Kühler eines vornehmen Autos 
sitzt ein metallener Bully mit der zierlichsten Halskrause der Welt, 
genaues Nachbild eines Hündchens, das sich in Ermangelung 
hochrassiger Gesellschaft nahebei einsam vergnügt. 
Daß die Gendarmerie nicht fehlt, ist eine pure Selbstverständ 
lichkeit. Die Erscheinung der Carabinieri wirkt pompös, doch sie 
verblaßt neben dem Fascistentrupp, der aus verborgenen Gründen 
mit den Gewehren hantiert. Jeder dieser Jünglinge ist durchaus 
ein römischer Legionär und von dem Bewußtsein getragen, daß 
das Vaterland hier und jetzt zu entscheidenden kriegerischen Taten 
seiner bedarf. 
An gewissen ausgezeichneten Punkten spannen sich Guirlanden 
über die Straße, die der Bewillkommnung und dem Bildabschluß 
dienen. Hinter den Tannenhügeln wächst der Langkofel auf, der 
sich um die Angelegenheit zu seinen Füßen weiter nicht kümmert. 
Zur Bekundung seines Destnteressements hat er mit einem leich 
ten Wolkenschleier sich umhüllt. 
Das Ganze gleicht dem Finale einer veristischen italienischen 
Oper. Das Ensemble in seinen SLilkostümen ist bis auf die 
Heldin vollzählig zur Stelle, Solisten und Statisten erwarten das 
Zeichen zum Einsatz, und alles drängt der großen Schlußapo 
theose zu 
Nun wirklich löst sich der Bann. Das lebende Bild gerät in 
scheinbare Verwirrung, und die Kapelle stimmt eine fröhliche Weise 
an, die sämtliche Mitwirkende zu rhythmischem Händeklatschen be 
geistert. Was ist geschehen, was geschieht? 
Ein blumengeschmücktes Auto kommt angefahren, es hält am 
Platz, der Chauffeur öffnet beflissen und eine perlgraue Dame ent 
steigt, die huldvoll die Zähne zu einem Lächeln entblößt. Die 
englisch aussehende Dame ist dieDuchsssa d ' A o sta, die Ge 
mahlin eines italienischen Generals. Sie hat geruht, den Festakt 
durch ihre Gegenwart zu beehren, und in der Tat: ihre Anwesen 
heit schon verbreitet einen Glanz, der berückt. 
Die folgende Szene ist einer Steigerung kaum noch fähig. Sig- 
nore und Signori verfolgen, ohne an Distinguiertheit einzubüßen, 
jede Bewegung der hohen Dame, die in gemächlichem Tempo 
zwischen Jungfrauen und Honoratioren, Kameras und Gewehren 
entschreitet. Die schwarzhemdigen Legionäre blicken verwegen, die 
grünen Musikanten blasen angestrengt, und manche Einheimische 
werden durch Anrede geehrt. Der Höhepunkt ist erreicht, und das 
italienische Publikum zumal schwimmt in Leutseligkeit, Wonne 
und Kulissenpracht. Der heitere Spektakel fügt sich zuletzt von 
selber Zum hierarchisch geordneten Zug, der im Mittagsdunst nach 
dem asilo infantile entschwebt, das in rotweißgrüyem Fahnen 
schmuck seine Protc^H^ schc^ von weitem begrüßt. 
Signore-und Sü Kri zeHreuen sich nach dem Empfang und 
überlassen die weiten Ereignisse ihrem Verlauf. Auch das Auto 
mit dem künstlichen Lad natürlichen Hündchen rast in der Richtung 
ohne Signal und knattern mit offenem Auspuff daher, voller 
Genuß am eignen Geräusch. Was die Herrschaften betrifft, so 
tragen sie nobles Schuhwerk, das die Schlankheit weiblicher 
Knöchel im besten Lichte zeigt und geringe Neigung zu touristischen 
Unternehmungen verrät. Wozu auch allzu tief sich einlassen mit 
jenen oft barbarischen Naturdingen, die als Hintergrund unver 
gleichlich sind? Den Mantel über die Schultern und in farbigen 
Umhängen entfaltet man sich auf der Hotelterrafse oder schlendert 
gesellig durch die Landschaft, gar nicht blasiert, sondern erfreut 
durch sich selber und anmutig an Gebärde. Die Signore wissen 
sich zu bewegen und bewegen sich wissend; die Signori, bartlos 
zumeist und schmalen Gesichts, sind von charmanter Unsachlichkeit 
und als Kavaliere vollendet schlechthin. 
Darf man sich gar zu einer nationalen Festlichkeit vereinen, 
so ist die Beglückung groß. Gelegenheit zu dergleichen Improvisatio 
nen bietet sich in den neuen Provinzen ungesucht. Die Nation 
errichtet hier Heime für italienische Soldatenkinder, und die schönen 
Gesinnungsmonumente, die in der zuträglichen Luft allenthalben 
gedeihen, verlangen nach würdiger Bestätigung ihres nicht nur 
humanen Zwecks Man findet sie etwa im Grödner Tal, ja, man 
findet, um es genau zu sagen, in St. Cristina eines von ihnen, 
das der Eröffnung eben harrt. Es einzuweihen, ist der Sonntag 
zumal geeignet, und welcher Sonntag käme mehr in Betracht als 
der, an dem die Bevölkerung Kirchweih begeht? 
Man versammelt sich also unter Mittag auf staubiger Land 
straße und wartet, wie es sich ziemt. Da ist zunächst das Volk, in 
seiner Farbenpracht anzuschauen wie eine exotische Vegetation. 
Es spricht sein ladinisches Idiom, dessen Wortgebilde phantastischer 
als die Grödner Dolomiten sind. Die Burschen mit grünen Westen 
und arünen Federn auf dem Hut haben sich zu einer Kapelle for 
miert, die bestickten Jungfrauen umsäumen weiß und geduldig den 
Weg, der zum asilo infantile führt. Dazwischen wandeln in Ge 
sellschaft etlicher Honoratioren drei Geistliche, die Hände bedacht 
sam auf den Rücken gelegt. 
Vor den Hotels, auf Balkönen und Veranden, steht die Menge 
der Zuschauer: Sommergäste und Passanten, die als Menge zu 
bezeichnen, beinahe an Despektierlichkeit grenzt. Man hat ziem 
lichen Auswand an Toilette gemacht, und eine Welle von Parfum 
durunhert die Lust. 
Bedürfte es eines Beweises für die Erlesenheit dieser Assemble, 
d'e ihn Der stattliche Wagenpark hält sich be- 
sc^ im Hintergrund am Rand der Chaussee. In seinem Um-
        <pb n="46" />
        i)- 
Galion. 
Schmale Fassaden, bunt und aneinandergeLebt, die einzige 
Wand aufgelockert durch das Gewirr der Balköne, Gärten davor 
Und der Helle, so gar nicht bedächtige Eifak; dicht darüber die Purg 
und höher nach oas Benediktiner-Kloster Gäben, dessen Nonnen 
dieser Welt so verloren sind, daß sie von ihrem Gipfel aus die 
schöne Welt nimmer schauen dürfen— das ist Kla u s e n, heute 
Chiusa genannt, obgleich es eiliger Jtalianisierung nicht bedurft 
hätte, damit der Fremdling von jenseits des Brenners hier 
Süden bereits fühle- 
Wenige machen Rast in dem Städtchen. Die meisten rauschen 
vorbei/ durch G-eisewagenfenster seine Front allenfalls ! er 
spähend. Oder sie würdigen Klausen lediglich als Ausgangspunkt 
der im Krieg durch die Oesterreichs erbauten Schmalspurbahn 
einem kleinen, angestrengt tätigen Vehikel, von dem man sich mit 
entzückendem Umstand ins Grödner Tal hinaufwinden lassen mag. 
Freundlich vergessen also ist, wer sich zu bleiben entschließe 
Ob er will oder nicht, er gerät ins Schlendern, denn auch die Zeit 
vergißt sich hier, und ein jedes Ziel fällt im Spätnachmittag ab. 
Man trödelt am Ufer hin, gegenüber die lange Wand mit den 
Balkönen, auf denen mitunter, hoch und unnahbar fast, eine 
Mädchenerscheinung sich zeigt. Dann sticht die Mücke mitten ins 
Bild hinein, der flache Schein der Fassaden wird zur Wirklichkeit 
mehOMeM Hausgebilde, und? MZ dM schält 
die eine Gasse sich endlos heraus. In ihrer Schattenenge ver 
steckt sich eine Rokckotür, dringt spitz ein Erker vor, wie sie im 
Jnntal flch finden — geformte Mngwelt ehrwürdigen Alters, 
durch die mit der Selbstverständlichkeit der Lebendigen das.Volk 
sich bewegt. So das liebliche: man plaudert vor den Läden u-ld 
in Torgängen, gebärdet sich ernsthaft üyd politisch nach Burschen 
art und verständigt sich schließlich mit 'den Töchtern des Landes 
M heiterem Unsinn, weil es eben am schönsten so ist. Dazwischen 
ttülienische Uniformen, die Zum Ensemble gehören. 
: Unser deutsches LlderFo, alias Hotel, mag das treppenteiche 
Heißen. Stufengänge führen in halber Höhe der behäbigen eucina 
vorbei, hören im Dümmer irgenvÄs auf und beginnen an anderer 
Stelle von neuem; sind ihre steilen Wege auch nicht berechenbar, 
so münden fis doch .am Ende mit untrüglichem. Instinkt vor Am 
Zimmer ein, das dem Gast jeweils zubesümmt ist. In diesem 
kabyrtnthischen OroaniSmuS herrscht ein patriarchalisches Leben- an 
dessen Spitze die Wirtin und Mutter ihres DHrpelberufes sorg 
fältig waltet. Zwei Kostbarkeiten lernt der Blick bald unter 
scheiden: die große Terrasse über dem Eisak und einen Backfisch, 
däs Löchterlein, das auf den Anruf Hilde zögernd sich naht. 
Man sitzt bei rotem Südtiroler auf der Terrasse, während 
Fluß und Berge dem Abend sich langsam befreunden, man spürt 
di? unabweMiche Wandlung zum Kühlen, Disünkten und Faubt 
sich" selber Figur im erlöschenden Bild. Die Wirtin berichtet von 
d-Lv im Fahre 1921, der das damals in Mt- 
teidenschaft gezogene Haus seine heute Zusammengestückte Existenz 
-.verdanke - Noch- kommt sie.- ihren-' wenig' .srandÄöfen -GhronisLerr- 
Mchten nach — ihr Wort verweht/ man G Figur und allen 
Pflichten fern — da bricht ein Lachen ein, das der Stummhett 
entrückt, und man weiß alsbald: so kann mit ihren Zöpfen Hilde 
nur lachen Und wirklich, Hilde lacht so über den geistlichen Herrn, 
der ihr kleines Aeffchen an seine Finger steckt und damit richtige 
Komödie spielt. Was tut Hilde, wenn sie abends müde M Wie 
macht Hilde ihre Morgentoilette? Das Aeffchen kopiert in allen 
Stücken seine Herrin, die auch in solchem Spiegel naiv sich erkennt. 
Der geistliche Herr ist als Maler von der gleichen Delikatesse. 
Er hat in Hildes Stammbuch ein scmberes Engelköpfchen gezeich 
net, und dieses Stammbuch darf man Blatt für Blatt jetzr besehen. 
Hilde steht dabei, sie setzt flch ohne Zagen und gibt karge Er- 
Uärungen ab über die vielen Freundinnen aus dem Internat zu 
Vrixen, die in dem Buch hier alle verewigt sind. Die kleinen 
Mädchen beteuern italienisch und deutsch in vollendeter kaürgraphL- 
scher Ausführung zarte Empfindungen der Liebe, sie ranken farbige 
Blümchen um Maximen der Lebensweisheit und wahrhaftig, sie 
sind beschlagen genug, um sogar aus Schillers ästhetischen Schriften 
den einen oder anderen bedürfenden Hinweis heranzuzieyen. Man 
wird gebeten sich eir-zutragen, und findet zum Glück ein Plätzchen 
noch frei, auf dem ein wohlgeratener Spruch den Namen des 
Gastes für Kinder und Enkel erhalten mag. 
Das Bild der Landschaft ist nun getilgt, nur der geschwätzigr 
Monolog des EisÄ dringt zur Terrasse empor. Der geistliche Herr 
hat längst sich entfernt, und Hildes Stimme sinkt klein und traurig 
in sich Zurück. Sie klagt über verlassene Abende, die Musik rmd 
Lektüre nicht füllen, sie sehnt sich, ohne daß sie es sagte, nach 
Wechsel, nach Autos und Schals. Objektiv zärtlich streicht Her 
NachLwind um das Geschöpfchen, und wer weiß, was geschäht, riefe 
die Mutter nicht laut inS wohnliche Labyrinth. 
Morgen entführt das emsige Vehikel fauchend von der 
Station. kr. 
--- Hochstapler und Artisten^ Der Film „Kavalie r e" der 
im Hohen zollerntheater und der ^kala-L^ 
bühne läuft, zeigt eine Hochstaplerbande m voller Taügkert. Ist 
die Handlung auch etwas undurchsichtig, so erfahrt man doch 
immerhin, daß jene edlen Gesellen fremder Leute -.Achter verfuh 
ren, Erpressungen ausüben und, wenn es gar nicht anders geht, 
unter Mitnahme des Familienschmucks verschwinden ^rerlich, 
wie stets, gebt die Unmoral zuletzt an der Moral zuschanden, die, 
im Kino wenigstens, die längeren Beine hat. Da ist ein um das 
Lebensglück der Tochter betrogener Vater, da sst weiterhin ein 
lrraver junger Mann, dem die Elenden übel witgespielt haben. 
Beide verbünden flch wider das glänzende Laster, und nach Vieleck 
retardierenden Momenten, erlebt man mcht nur die Genugtuung, 
daß die Tugend siegt, sondern auch die Freude, daß der jungs 
Mann die ihm zubestimmte Gattin findet, für die er beinahe deu 
Tod erlitten hätte. Der glückhaste Ausgang versöhnt mit man 
cherlei Unwahrscheinlichkeiten der Fabel, und das moralische Ends 
mit der Plumpheit der Schwindeleien .— Der zweite Film:? 
„Eine gefährliche Freundschaft", ist eine rührsame Ge 
schichte von einem lieben Mädel, das aus Not zur Ballettra-le 
wird und sich in dieser gefährlichen Stellung aufs anständigste 
behauptet. Die Handlung, die schlimme Klippen der Liebe und 
der Eifersucht umschifft, mündet auch hier in das erwünschte 
Finale ein. Dis Aufnahmen und darstellerischen Leistungen find 
im einzelnen ausgezeichnet. rec. 
EröMung^r^kMstmefle. 
Die Kunstmesss im Römer, die der Landschaft und Kultur 
des Saar! and es gewidmet ist, wurde Sonntag vormittag 
durch Stadimt Dr. Land wann eröffnet. Der Redner hob 
in seinen Begrüßungsworten hervor, daß dieser Ausstellung, 
der ersten des Saarlands, eine besondere Bedeutung eigne, 
sie bezeuge die unlösliche Verwachsenheit der Saar mit dem 
Mutterland und erweise vor aller Welt, daß die Leiden der 
dortigen Bevölkerung deutsche Leiden seien. Auch möge sie 
bestätigen, daß Frankfurt seinem deutschen Beruf die 
Treue wahre; wie es sich der Elsaß-Lothringer angenommen 
habe, so stelle es jetzt die Verbindung mit der Saar her, ein 
gedenk der Mission, die im Westen ihm zukomme. Dr.- 
Lübbecke dankte allen denen, die zum Gelingen der Schau 
beigetragen haben, und gedachte der erfreulichen Tatsache/ 
daß ste dm Grundstock eines in Saarbrücken zu errichtenden 
Saar-Museums bilden solle. Um ste zustande zu 
bringen, Habs man sich an die französische Grubmverwaltung 
wenden müssen, von der ste dann auch beschickt worden sei. 
Wir werden über die Kunstmesse an anderer Stelle noch 
berichten. 
Die kunsimesse im Römer. 
Die Kunst messe, wie alle vorigen von Dw Fr. 
Lübbecke mit bewährtem Geschick verunstaltet, ist diesesmal 
der Landschaft und der Kultur des Saarland es gewidmet. 
Ihre politische Bedeutung liegt auf der Hand und ist von 
Sladtrat Dr. Landmann bei der Eröffnung Hinreichend ge 
würdigt worden: sie soll die innige Verbundenheit der Saar 
mit dem deutschen Mutterland vor aller Welt demonstrieren und 
Zugleich bekunden, daß Frankfurt der vaterländischen Mission 
eingedenk ist, die im Westen ihm zukommt. Was sie der Saar 
-selber bedeutet, mag dis Tatsache erweisen, daß sie den Grund 
stock eines in Saarbrücken zu errichtenden Saa r-M useum § 
bilden wird. 
, Die Ausstellung ist die erste ihrer Art, und sie zustandezu- 
bringen, war darum mit manchen Schwierigkeiten verknüpft. 
Wenn sie dennoch mit lehrreichem Material aufwarten kann, 
fo ist dies dem Entgegenkommen der Stadt Saarbrücken, der 
Saarbrücker Handelskammer und der verschiedenen Staats 
archive (etwa von Wiesbaden und Koblenz) sowie dem Ver 
ständnis Privater zu danken. Von Persönlichkeiten der Saar 
hat vornehmlich Maler Hermann KeuLh (Saarbnicken) sich in 
den Dienst des Unternehmens gestellt. 
Gezeigt wird Zunächst die Landschaft , die ihre unauf 
dringlichen Reize hat. Malerische Ansichten der Städte und Ort 
schaften und charakteristische NatursLimmungen erstehen in man 
nigfachen Photographien, die durchweg von Stadtselretär 
Wentz (Saarbrücken) Herruhren, einem Künstler der Kamera, 
der auch architektonische Details und Interieurs in Menge für 
die Ausstellung ausgenommen hat. Das Bild der Landschaft 
bestimmen zum Teil die Jndustriewerke, die nicht selten mit der 
Natur sehr annehmbar zusammenklingen. 
Das Land ist von jeher der Schauplatz einer ereignisreichen 
Geschichte gewesen. Zahlreiche Kriege haben auf seinem Bo 
den gewütet und die meisten Werke zerstört, die kulturgesätLigte 
Jahrhunderte hier schufen. Immerhin bringt die Ausstellung 
Zeugnisse des Gewesenen zur Genüge bei. Man sieht etwa 
aus romanischer Zeit Abbildungen der gut erhaltenen Kirche 
von Merzig, reich verzierte Kapitale und ein Modell des 
runden Turmes im Kloster Mettlach, eines seltsam klobigen Mo 
numents, das die Gotik mit Strebepfeilern rundum abgestüht 
hat. Von rein gotischen Bauten finden sich die Kirchen St. 
Wendel und Tholey und das Stift St. Arnual bei Saar 
brücken. Die Abgüsse einiger ansehnlicher Grabdenkmäler dieses 
Süfts sind für die Kunstmesse eigens hergestellt worden; da ist 
die Gruft des Grafen Johann III. von Nassau-Saarbrücken 
(1476) und die sanfte Steingestalt der Gräfin Elisabeth von 
Lothringen (1456), die einen französischen Ritterroman unter 
dem Titel „Huge Scheppel" (Hugo Capet) übersetzte, eirr 
miniaturengeschmücktes Prachtvolumen im Besitz der Hamburger 
Staatsbibliothek, das leider nur in der Kopie vorgezeigt wird. 
Im Gang der Kunstgeschichte sollten die Schlösser der R e- 
naissance jetzt folgen, deren das Saarland eine stattliche 
Anzahl besaß. Doch der dreißigjährige Krieg hat ganze Arbeit 
gemacht, so daß kein einziges mehr erhalten ist. Geblieben stnd
        <pb n="47" />
        verbanden. 
Lr. 
Sucht man Ziele und feste Punkte in dem aus Atmosphäre ge 
wobenen Raum, ste finden sich nngesucht. Gardone di sopra schon 
gewinnt an einem Vormittag Gestalt. Zwischen Gärten, ver 
wahrlosten und sorglich gepflegten — Gärten, in denen der Lor 
beer blüht und Pilaster streng geschnittene Schatten werfen — 
an niederen Mauern vorbei, die den Eidechsen als Tummelplatz 
dienen, und über gewundene Sonnenwege gelangt man zu den 
zerstreuten Hausyruppen mit ihren tiefen Höfen und all dem 
treppenreichen Gewtnkel. Gabriele d'A nnunzio bewohnt hier 
eine stattliche Villa, deren lapidare Inschrift dem Besucher Schwei 
gen anbefiehlt, bis die Pforte sich öffne. Da der große Mann in 
seinem Heim zur Zeit poetischen Pflichten stch widmet, schweigt 
man eben und zieht vorüber. Trödelt hinan nach der Kirche S.Michele, 
oder fährt im Motorboot nach der Punta San Vigilio, deren 
Lob Photos und Ansichtskarten mit gutem Grunde verkünden^ 
Verstaubte grau-grüne Oliven und Cypressen mit obligater Bubi 
Frisur begleiten die Strasse, die an dem Vorgebirge vorbei nach 
Garda Zu sich senkt, dunkelblauer Bucht entgegen, die der schmale 
weiße Uferstreif vornehm begrenzt. Auf der Rückfahrt grüßen 
die Jugendstil-Kurven des Kaps von Manerba und Isola di 
Garda mit dem Schloß der Fürstin Borghese, dessen Baustil 
zwischen venetianischem Palazzo und Synagoge die ungefähre Mitte 
wahrt. Lr 
nur die Originalzeichnungen Henrich Hoers, denen man ent 
nehmen mag, daß die Schloßbauten zu Saarbrücken, Ottweiler, 
Philippsbronn, Homburg und Neunkirchen mit ihren an die 
Plassenburg erinnernden Arkadenhöfen allesamt eine großzügige 
Anlage aufwiesen und an Gestalt einander ziemlich glichen. 
Es verdient angemerkt zu werden, daß ihrer in den kultur 
geschichtlichen Kompendien selten Erwähnung getan wird. 
In der Barockzeit dominiert der Baumeister Joachim 
Stengel. Zu seinen Hauptwerken zählt die Protestantische 
Ludwigskirche und das Schloß zu Saarbrücken, das nur bis 
zum zweiten Geschoß noch steht. Ein altes Oelgemälde berich 
tet von seinem Schicksal während der französischen Revolution; 
es wurde damals aus Gründen humaner Gesinnung unter der 
Parole „Friede den Hütten, Krieg den Schlössern" von den 
Franzosen glorreich in Brand gesteckt. 
Auch der Klassizismus schließlich hat seine architektonischen 
Spuren im Saarland hinterlassen. Auf Befehl Friedrich Wil 
Helms IV. errichtete hier SHinke! auf hochragendem Felsen 
m der Klause bei Serrig eine Kapelle, die als Begräbnisstätte 
Königs Johann des Blinden von Böhmen diente. Architekto 
nisch und historisch eine sehr romantische Angelegenheit, die 
durch eine Zeichnung und einen Originalbrief SHinkels in 
der Ausstellung dokumentiert wird. 
Zu den Werken der Baukunst gesellen sich noch etliche andere 
Belege des vergangenen Lebens: eine Gruppe von Grab- 
mäl er n der Barock- und Renaissancezeit, eine Abteilung bür 
g etlicher Porträts von einem gewissen Dryander 
(Saarbrücken), der um 1800 wirkte und außer einheimischen 
Physiognomien auch die jungen französischen Revolutionsgene 
räle in selbstgefälligen Stellungen abkonterfeite, und am Ende 
im Kurfürstsnsaal eine Fülle päpstlicher, kaiserlicher und fran- 
zöstschre Urkunden. Auf diese kunstreich beschriebenen und 
m:t großen Staatssiegeln versehenen Papiere, deren Tert nicht 
immer erquicklich ist, blicken die Bildnisse historischer Persönlich 
keiten herab, unter denen etwa der Begründer der Saarberg 
werke, Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (Mitte des 
18. Jahrhunderts) und der Bürgermeister Heinrich Böcking 
zu nennen wären, der 1814 das Saarland zu Preußen brächte 
Nun ist man mitten in der leidigen Gegenwart. Ueber 
die Wnstlerischen Vorkommnisse in ihr mag man sich durch die 
im Erdgeschoß aufgebaute „Sonderausstellung saar-. 
Zenseils des Brenners. 
Bozen schon, das heute die Bezeichnung Bolzano tragen muß, 
ist in jene Helle getaucht, die von nun an dauernd umfängt. Man 
stürzt aus Dolomitenhöhen herab, vom Karersee etwa, wo man 
genug des Lichtes hatte eines Lichtes jedoch, das nicht als Hülle 
sich um die Dinge legte, sondern mit Kulissen und Horizonten 
spielte, sodass das Raumgefühl sich verwirrte und man körperlos 
über grasgrünen Flächen und Gipfeln in klarer, sicherer Unendlich 
keit zu schweben meinte — durch das Eggental zwischen Fels 
bastionen und Tannenwäldern kommt man hier angetaumelt und 
findet sich mitten in blendender Hitze, die man nur immer lieb 
kosen möchte, um sich der Gegenwart zu versichern. Es ist Spät 
nachmittag, und der Rosengarten löst sich zu einem bloßen Schim 
mer auf, zu irisierenden Arabesken von ungeahnter Erfindung die 
für eine kurze Weile an diese Welt sich verschwenden, ehe auch ste 
dann verblassen» Böschungen und Gassen sangen jetzt ein. Schein 
Waden mit unechten Sgraffitoftiefen schwingen hinter Gärten, 
die noch ein wenig künstlich und schüchtern sind, und durch das 
Gemenge der vielen militärischen Figurinen und Passanten drän 
gen die Autos sich durch. Fremde aller Nationen überwiegen: 
die Italiener und Franzosen reich an Gemeinsamkeiten äußerer 
Haltung, die Deutschen sachlich und ungelenk wie früher mit Ruck 
sack und wallender Feder am Lodenhut, die Engländer gering nur 
dosiert. Zwei Kategorien insgesamt lassen stch unterscheiden — 
solche, die Unterkunft suchen, und solche die schon gefunden haben. 
Jene ringen verzweifelt mit Portiers ohne Gemüt, werden nach 
Gries verschickt und landen schließlich weit draußen am Ende 
der Welt und der Tram, diese lustwandeln bei Schrammlmuflk 
bis in die Nacht hinein auf dem Waltherplatz, den das Denkmal 
des Minnesängers immer noch schmückt. 
Die Peripherie ist italianiflert. die Stadt ist deutsch im Her 
zen. Man schlendert durch den gesättigten, tosenden Tag nach dem 
Obstmarkt, der Goethe schon entzückte, und alle Sinne verstricken 
sich in der Trauben- und Pfirstchpracht. Man ergeht sich in den 
alten Lauben mit ihren gediegenen Läden und kaust hier oder dort, 
durch eine Auslage verlockt. Man steht auf moosbewachsenem 
Pflaster'in einem Renaissancehof, sitzt nachchem Lunch unter Hotel- 
Palmen und fährt auf einen der Berge, die unmerklich vom Him 
mel sich lösen. Es ist zuletzt nicht wichtig, was man tut und daß 
man es tut. Müßig sein und stille und ohne Begehren, es wäre 
genug. 
Die Bahn nach Riva führt durch KriegsgebieL. Hinier Rove- 
reto mehren sich zerschossene Ruinen und durchlöcherte Kirchtürme, 
und statt der üblichen Steinmauern säumen Stacheldrähte die 
Felder ein. Von dem Zerstörten heben die vielen Neubauten stch 
ab, die fast ebenso schlimm wie die Ruinen sind. Es scheint zum 
mindesten zweifelhaft, ob das fascistische Dekret Erfüllung finden 
könne, das die Tilgung aller Kriegsspuren binnen Jahresfrist 
fordert. Erschreckender noch als die menschlichen Verwüstungen' 
sind die der Natur selber, die. hier chaotisch und anorganisch ficht 
gebärdet. Das Hochtal zwi.chen Mori und Arco ist mit Geröll 
und Felsblöcken übersät, als hätten mythische Wesen in dieser' 
Gegend sich Entscheidungskämpfe geliefert. Drohend starren die' 
unwirschen Halden auf die weiche Fläche des Gardasees, der! 
allein dem befreundeten Himmel entgegenglänzt. Seme blaue 
Schönheit wäre zu sündhaft vollkommen vielleicht, wenn nicht 
Natur aufstünde wider Natur, und gewaltige Unfruchtbarkeit die 
Fragwürdigkeit auch des Schönen entlarvte. 
Man hat stch eingeschifst und läßt eine romantisch-heroische 
Landschaft vorübergleiten. Da sind sie alle leibhaftig, die Motive, 
die in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts deutsche 
Maleraugen beglückten: schwindelnde Felsschluchten, verfallenes 
Gemäuer mit bizarr gekrümmten Olivenstämmen, Siaffageftguren, 
so viel man begehrt, und immer der DoppelspieM von Himmel 
und See. Die Bilder jener Maler sind längst verschollen, doch 
das vollendet durchkomponierte Original ist jung und frisch wie 
vordem. Solche Reife der Natur spottet künstlerischer Wieder 
holung überhaupt, und will das Kunstwerk ste einholen, so muß es 
von dem eingeborenen Lichte stch nähren, statt an dem äußeren, 
nicht zu erlangenden sein Genüge zu finden. 
Je weiter man nach Süden dringt, desto weiter rückt man in 
der Kunstgeschichte vor. Die weißen Pfeiler der Zitronenhaine 
leuchten vom Ufer herüber und Zypressen und Pinien man 
glaubt erst allmählich an ihre natürliche Existenz —- stehen in Reih 
und Glied. Es wird böcklinisch, toteninselhaft, und am Ende 
fetzt der Impressionismus stch durch, über den hinaus hier nicht 
zu gelangen ist. Dis Berge treten zurück die Konturen sänf- 
Ligen stch, und die anfängliche Festigkeit des Gefüges lockert stch 
zu einem Miteinander unbeschreiblich zarter Farbwerte, denen es 
an jeder Körpersuöstanz gebricht. Kein Einzelmotiv herrscht mehr 
vor, sondern alles Einzelne geht unter, als sei es garnicht vor 
handen, es zerstiebt, und waS bestehen bleibt, ist eine unbeständige, 
ausgedehnte Seifenblase, für deren Dauer man die ernstesten Be 
fürchtungen hegt. Das spielt und schillert, und gewiß, das platzt 
einmal, denn es ist zu dünn und luftig, um nicht lautlos zu 
vergehen. Nur das massive und schmutzige Schiff, dessen Nichtsein 
schlechterdings unglaubhaft ist, überzeugt von der Konsistenz auch 
des Lichtgebildes, und erst recht das Publikum, gewöhnlicher Mit 
telschlag mit Reiseführern und FlitterwoGengebärden, wie er 
überall zu sehen ist, ohne daß er von der Welt etwas sähe. 
In Gardone endlich wird man seiner ledig. Unmittelbar 
am Wasser entfaltet stch die langgestreckte Pracht der Hotels, deren 
kitschige Erscheinung dem unsoliden südlichen Zauber durchaus 
angemessen ist. Ei siamo e ei. reLteremo. 
In und auf dem Wasser verbringt man die Stunden, um 
deren Länge oder Kürze der Uhrzeiger nur weiß. - Der Kahn 
wiegt sich ziellos auf dem Widerschein leichten Gewölks, das von 
der Sonne modelliert wird, die zum Versinken stch schickt. Nur 
Blau und Rola ringsum, die Hänge hin gehaucht wie in Pastell, 
und eine Lauheit, die wohlig erschlafft. Man vergißt zu fragen 
und einer Antwort bedarf es nicht, - Heiterkeit des SMW, viel 
leicht, doch nicht im Sinne Nietzsches, der diese Heiterkeit miß 
verstand, weil er ste als Befreiung von deutscher Schwere allzu 
naiv unterstrich. Sie ist weder Erlösung noch Lösung, ihr Ge 
heimnis vielmehr ist die Melancholie. Das Glück der schönen 
Sichtbarkeit, der Charme des Sinnlichen: diese romanische 
ssrsmtLs kann nur gelebt und erfahren werden, wenn der Grund 
des Wesens verschlossen und traurig ist. Brüche er auf, er 
sprengte den schmalen und festen Reif, den das Geformte, Heitere 
um die Seele legt. Man muß verzichtet haben und gebrochen 
sein um in der Erscheinung weilen zu dürfen, deren Zärtlichkeit 
ganz nur dem Hoffnungslosen sich gibt. Der Kahn treibt weiter 
inmitten der Farben und Düfte, aber es ist, als vernähme man 
ein Weinen, das dem Tag unhörbar bleibt, den es melancholisch 
sich träumt. 
ländi scher Künstler" unterrichten lassen, auf die an 
dieser Stelle ausdrücklich hingewiesen sei. In der Kunstmesse 
selber begegnet man an Graphik und OelgemÄden nur wenigen 
Proben, die nicht eben glücklich ausgewählt sind. Das Mett- 
lacher Geschirr scheint Zeitgemäße Formen noch zu verschmähen, 
und- aus den Abbildungen einer modernen katholischen Kirche 
in Saarbrücken, die Ewald mit Plastiken schmücken soll, ist Ent 
scheidendes nicht zu ersehen. Am besten schneiden die Indu 
strie w e r k e ab. Die jetzt in französichem Besitz befindlichen' 
Staats gruben, die „Nluss Doraaviales äe 1a 
Karre" haben sich mit vielen Abbildungen eingefunden, die 
Kunde bringen von den mächtigen Neubauten der letzten Jahre. 
Daneben prangen, gleichfalls im Treppenhaus, Ansichten der 
deutschen Völklinger Hütte, deren gewaltige Schlacken- 
pyramiden die ägyptischen Monumente an Höhe gewiß über 
treffen. Eine Bestätigung gegenwärtigen deutschen Wirkens 
im Saargebiet ist Zuletzt auch die Neins Gedächtnisausstellung 
für den zu früh verstorbenen Frankfurter Architekten Fritz 
Voggenberger, den bauliche Aufträge mit der Saar eng
        <pb n="48" />
        /^L7c^ 1 
Boulevard-Mut. Der erste Teil dieses französischen Monstre- 
Films läuft zurzeit in den HLnsa - und den Ariadne - Licht 
spielen. Eine endlose Handlung, die bis jetzt elf Me erreicht, 
und zwar mit verbrauchten Motiven arbeitet, doch von jener Span 
nung ist, wie sie gewissen talentierten Kitschromanen eignet. Mittel 
punkt der komplizierten und figurenreichen Begebenheiten ist ein 
junges, früh verwaistes Mädchen, Margot genannt, das in der 
Provinz erzogen wird, vor den Schrecken des Internats entläuft 
und in dem freundlichen Asyl, das ste findet, ihren verkommenen 
Vater auf einem Einbruch ertappen muß. S^.e läßt Frieden und! 
Behaglichkeit im Stich und folgt dem väterlichen Verbrecher, den' 
st. aus den Fängen der Polizei zu wiederholten Malen entreißt 
und zu einem Wandel seines Lebensstiles zu bekehren scheint. Das 
ist die Hauptaktion, um die sich amüsante Episoden in Fülle grup 
pieren. Man begegnet etwa einer boshaften alten Jungfer, deren 
Ressentiment sich in hämischen. Gebärden äußert, einem Provinz 
Dienstmädchen, das horcht und die Haare sich ondulieren läßt, 
kaum daß ste in Paris angekommen ist, dem Vormund Margots 
ferner, einem gewissen Biscot Meyer, der als „König der Komiker" 
allabendlich Triumphe feiert, ohne daß er darüber seiner Vor 
mundspflichten vergäße, und schließlich der kleinen Schwester 
unserer Heldin und einem anderen Waisenpaar, welches Kinder 
quintett sich &amp;lt; rf das entzückendste 'beträgt, der kleine Junge zu 
mal, der Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle ist, wie gering auch 
bei ihm der Abstattd zwischen diesen Körperpolen sei, anderer Per 
sonen nicht zu gedenken, die ebenfalls in Aktion treten und die 
Szene angenehm erfüllen. Das bück ME M Beginn in Süd« 
frankreich, später in Paris, von dem man leider nur kärgliche 
Straßermusschnitte sieht; die Technik in der Aufnahme-Folge ist 
überhaupt bängst nicht ss eräwickelt wi-e bei den modernen deut 
schen Films, was wohl daran auch Argen maz, daß der Mm 
einige Jahre Zurückdatiert. Aber sind auch die Moden nicht 
Eruier mü, so konimt das ewig Menschliche doch hübsch zum 
Ausdruck in ihm, die französische Sentimentalität gleicht nutz 
Haar der unsern, und man darf hoffen, daß der in acht Tagen 
folgende AllZZang aÜLn Beteiligten zum Segen gereiche, roe. 
KLnstler-Theater. 
,Die Leutchen Kleinstädter" von Kotzebue. 
Das Frankfurter Künstlertheater M Rh-m 
«nd Main, daS unter Direktor Meißner ^.^Ü^che 
Landeswanderbühne seine Tätigkeit ausLibt, dor dem - 
Utt einer längeren Kunstreist im Framfurter Volksb'ldung- 
heim Kotzebues LustsMl: „Die deutsche/ K^°^ 
stSdter" heraus. Wie antiquiert immer die Fabel des Lmaes 
'sei die Komik im einzelnen bleibt unverwüstlich, und sichere 
Theaterrmrtine verleiht dem abgeblatzten, Inhalt eme FM, die 
An nicht ganz in die Vergangenheit zurucksrnken laßt, ^a Wirk 
lich er ersteht hier leibhaftig wieder, rener harmlofe Mikrokos 
mos der kleinen deutschen Stadt von anno d/umÄ, und lachel 
man auch überlegen, fo lächelt man eben doch, wenn alle die 
IvvUchen Figuren und Situationen für kurze Werke lebendig weT- 
dm, die einstens die Physiognomie Krähwinkels be^ 
len und beute in den „Flregenden Blattern EuMs ern ve 
scheidenes Dasein noch fristen: der Dorfpoet, dretr^ 
Weiber, die Klatschbasen und alten Jungfern, die biederen Hono 
ratioren und als sprengende Macht der junge Herr au-'der 
Residenz der das sittsame Töchterlein zur Braut ych riklest- 
Nichts bleibt vergessen, weder der Nachtwächter, noch der Mond, 
die Borniertheit nicht und die Langeweile - em ergötzliches 
Drum und Dran, das der schlafmützigen Welt das Gepräge gabt 
durch die sich die magere Handlung vier Wie lang windet. Der 
als Regisseur verpflichtete Dichter Herbert Kranz, dessen Pro 
log einen guten Auftakt bildete, bemühte sich nnt Ersolg um dre 
s^wierigr Aufgabe, das neue Ensemble zusammenzufchweiß.n. 
Gusti Forst bestimmte als Frau Unter-Steuer-Emnehmenn 
mit ansehnlicher provinzieller Würde das Milieu, in bem fm) 
auch die anderen Damen: Elfriede S th"d er, Gert Ander 
sen, Charlotte Scheier, Käthe Wald au ihrer Rolle ent-, 
svrechend bewegten. Ihnen traten unter Führung von Heinz 
Äudorf, der den Bürgermeister mit der erfororrlimen kray- 
Winkelischen Hochachtbarkeit ausstattete, die Herren Alms Herr- 
Wgnn, Otto Dierichs und Hans Deppe zur Seite Das 
MMKrm LaMiN nLM mit Beifall» 
Werkbundausstellung: „Die Form." 
Von Stuttgart, ihrem Geburtsort, ist die Werkbund-Aus 
stellung „Die Form" nun zunächst in das Frankfurter 
Kunstgewerbemuseum übergesiedelt, von wo aus sie binnen 
Monatsfrist ihre Wanderung durch die deutschen Städte fort- 
sstzen wird. Die Schau ist während ihrer kurzen Lebensdauer 
schon der Gegenstand lebhafter Kontroversen gewesen, ihr 
Grundgedanke zumal: „Form ohne Ornament" hat sich, von 
namhaften Berliner Kritikern etwa, manche Anfeindungen ge 
fallen lassen müssen. Indessen, so sehr man den Rügen dieser 
Krittler Lm einzelnen Lnpflichten mag, der Eindruck, den man 
jetzt von der Ausstellung wieder empfängt, bestätigt aufs neue, 
daß eß mit der These, auf die ste sich gründet, seine Richtig 
keit habe. Faßt man die These so auf, wie sie gemeint ist und 
wie sie sich in gar nicht wenigen der gezeigten Dinge verwirk 
licht, so besagt sie lediglich das eine, daß in einer Epoche stetig 
wachsender Technisierung und Amerikanisierung solchen Dingen 
allein innere Nottvendigkeit und damit künstlerische Berech 
tigung eigne, deren sachgemäße Konstruktion und karge Gestal 
tung ihr aufrichtiges Verhältnis zu den unser Leben nun ein 
mal beherrschenden Realitäten bekundet. Jene These ist der 
Ausdruck einer Gesinnung und mißzuverstehen nur von 
einer Kritik, die nicht begreifen will, daß die schönen Aus 
schweifungen der schmückenden Phantasie eine Kultur voraus 
setzen, die jedenfalls nicht die unsere ist, und aus diesem Grunde 
redlicher Bemühung vorläufig sich versagen. Vorläufig: denn 
ihre Ablehnung entspringt lediglich dem Zwang der gegen 
wärtigen Situation, sie ist keine Forderung, die an sich Geltung 
besäße. 
Die Ausstellung, deren Leitung in den Händen von Lilly 
Reich, Pros. Robert Schmidt und Architekt Ferdinand Krämer 
lag, hat ihren Umfang erheblich verringert. Sie verliert da 
durch, sind auch wertvolle Stücke (so z. B. die Kompositionen 
Pros. Ernst LichMaus) fsrtgefallen, um so weniger an Ent 
schiedenheit, als einige ausgeprägte Arbeiten neu sich hinzu 
gesellen. Solche Abwandlungen bei unverändertem Kern waren 
ursprünglich schon vorgesehen, sie dienen der Hervorkehrung 
künstlerischer Eigenarten, die von Ort zu Ort wechseln mögen, 
und- führen so zu immer anderen Variationen des einen gleichen 
Themas. 
Wir haben seinerzeit in unserem Bericht über die in Stutt 
gart gerade eröffnete Ausstellung (vergl. Erstes Morgenblatt 
vom 10. Juli d. I.) Idee und Leistungen so ausführlich ge 
würdigt, daß weniges nur zu bemerken bleibt. Allgemein wäre 
vielleicht noch hervorzuheben, daß bei der Betrachtung vieler 
Gegenstände die programmatische Absicht, die sie zusammen 
geführt hat, hinter dem unmittelbaren Gefühl zurücktritt, daß 
ihre Gestaltung durchaus unfragwürdig sei — ein Beweis 
mehr für die Gültigkeit dieser Absicht. Die technischen Dinge, 
die begreiflicherweise am sichersten geformt sind, drängen sich 
diesesmal in verstärktem Maße vor; da tauchen als Neuerschei 
nungen etwa Werkstücke des begabten Frankfurter Architekten 
Krämer auf, dessen konstruktive Energie zum großen Teil 
ausgezeichnete, wenn auch hie und da ein wenig grobkörnige 
Die Buchmesse ist dieses Mal in dem oberen Geschoß 
des WeMundhauses untergebracht, das größere Entfaltungs 
möglichkeiten bietet. Ihre Organisation hat sich gegen früher, 
in doppelter Hinsicht geändert. Einmal stellen nicht mehr alte 
Verlage selbst aus, ein Teil von ihnen, der in einem eigenen 
Raum zusammengefaßt ist, hat vielmehr seine Bücher in die 
Obhut der hiesigen Sorttmenter gegeben, die mit der Ver 
tretung betraut sind. Zum andern ist eine Mgsse- Buch 
handlung eingerichtet worden, eine eigene Verkaufsabtei 
lung der Frankfurter Sortimenter, in der alle von den Aus- 
ftellern dargebotenen BÄcher im Einzelverkauf erhältlich sind. 
Diese Neuerung im Rahmen der Messe entspricht den besonderen 
Bedürfnissen des Buchhandels und wird vom Publikum zumal 
angenehm empfunden werden.— Bei der Musterung der Stände 
und Kojen fällt auf, daß manche Stammgäste von ehedem, so 
der Insel-Verlag oder der Karl Wolff-Verlag, den Weg hierher 
nicht mehr gefunden haben. Dafür sind andere eingesprungen, 
denen man ein gutes Beginnen wünscht. Die Erwartungen 
freilich sind trotz des in den Vormittagsstunden schon rege ein 
setzenden Besuchs keineswegs hoch gespannt. Skeptische Stim 
mung herrscht vor, mit einem Anflug von Optimismus gering 
dosiert, und das Klagelied von der Kredit- und Kapitalnot tönt 
hier so wie anderwärts. Nur der Buchhandlung wird eine 
einigermaßen günstige Prognose gestellt. — Zu den überall vor 
handenen Schwierigkeiten gesellt sich im übrigen noch die beson 
dere hinzu, daß die Frankfurter Buchmesse von der Stuttgarter 
und Leipziger heftig befehdet wird. So hat man eine wichtige 
Tagung der Buchhändlev-Gemeinschaft in Stuttgart gerade auf 
den gestrigen Sonntag angesetzt, eine seltsame Koinzidenz, die 
gewiß nichh^rft blosiem Zufall beruht.__
        <pb n="49" />
        wünschen. 
Lr. 
Ausstellung der Offenbacher Lunstgewerbeschule. 
-.7- Die von Direktor Pros. Hugo Eberhardt geleitet: 
Offenbacher Kunstgewerbeschule Veranstalter zur Zeit 
eine kleine Ausstellung zweier Klaffen, die den hohen Stand 
der hier geleisteten Arbeit erkennen läßt. Jgnaz Wiemeler, der 
neugewonnene Lchrer für Buchbinderei und Leder 
technik stellt sich mit eigenen Werken vor, Bucheinbänden in 
Leder und Pergament, deren künstlerische Durchführung aus einer 
bis ins einzelne vollendeten Technik erwachst. Rücken und Buch 
brüche, goldgeschnttteM Stehkanten und Innenkanten, nicht zu 
letzt das sorgfältig ausgcbildete Kapital: das alles schließt sich 
zu einem einheitlichen Gefüge zusammen, und bezeugt ein hand 
werkliches Gewissen, wie man es nicht allzuoft findet. Sicherheit 
des Geschmacks durchkältet die Linienzüge der Ornamentik, der 
ein Mehr von spielerischer Gelöstheit wohl noch zu wünschen wäre. 
Die Arbeiten der Schüler setzen stch, wie es unter solcher Leitune 
zu erwarten ist, verantwortungsvoll mit den technischen Problemen 
auseinander. Sie versuchen stch m den mannigfachen Arten der 
Einbande vom simplen Kleisterpavier an bis zur hohen Schule des 
Pergaments und bringen sehr achtbare Dinge hervor, die jedenfalls 
immer technisch gediegen sind. Güte Ergebnisse zeitigen zumal di 
Anstrengungen der Porteseuillek: Damentaschen, nach moderner 
Art mit Goldschnittlinien geschmückt, Zigarrenetuis in aparter 
Ausführung und Kästchen, die in den verschiedensten Fagons 
ielig werden.' Die Richtigkeit des Gedankens, die Ausbildung der 
Portefeuiller einem Spezialisiere des Buchbindens anzuvertrauen. 
wird durch diese Leistungen bestätigt. — Die von Ernst Enger 
geführte Buchdrucker-Klasse hält gleichfalls ein ansehnliches 
Rechtzeitig zum Beginn der Frankfurter Ausstellung P M 
erster Band der „Bücher der Form" (Deutsch« Verlagsanstalt, 
Stuttgart, Berlin und Leipzig) eine Publikation: „Die 
Formohne Ornament" erschienen, die in über 170 Ab 
bildungen das gesamte Ausstellungs-Material der Oeffentlich- 
keit zugänglich macht. Das Vorwort des Herausgebers Dr. 
Walter Riezler enthält das Bekenntnis zu dem neuen Form 
gedanken, dem die Sammlung gewidmet sein soll. In der fein 
empfundenen Einleitung trifft Dr. Wolfgang Pfleiderer 
nähere Bestimmungen des Begriffs der Form, die zur Klärung 
der Diskussion beitragen mögen, und unterzieht die abgebil 
deten Gegenstände stilkritischer Betrachtung. Lr. 
Ergebnisse zeitigt, oder es findet sich neben einer Fräsmaschine 
von vollendeter Prägnanz ein Rennboot, das durch seine zweck 
mäßige Ueberschlancheit die Idee des Rennens selber darzu- 
stellen scheint. Das meiste des alten Bestandes hält Stich: 
so, um nur einiges Herauszugreifen, die stark geformte Keramik 
des Staatlichen Bauhauses in Weimar (weniger die 
Möbel des Bauhauses und andere Produkte seiner allzu theore 
tischen Formulierungen), die Offenbacher Lederwaren, Ge 
schirre und Beleuchtungskörper da und dort, wie alle jene 
.Dinge, gleichviel welchen Materials, die stch ihrer sachlichen 
Bestimmung ohne Ziererer fügen. Die Möbel, unter denen 
man technisch - einwandfrei gearbeiteten Stücken von kluger 
Mäßigung der Form begegnet, lassen nicht immer vergessen, daß 
das Ornament ihnen fehlt. Überhaupt muß festgestellt werden, 
daß bei den Schmuckgeräten der Wille zur Schlichtheit dem 
Gebilde nicht selten eine gewisse amusische Plumpheit verleiht, 
die gar zu beredt von der Zurückhaltung zeugt, der es ent 
stammt. Die leichte spielerische Behandlung der Gegenstände ist 
Mch am ehesten den Oesterreich«!« gegönnt« 
Aegypten im Film. Der nach einem Roman von Conan 
Dohle bearbeitete englische Film: „Der Wettiauf mit 
dem T 0 d", der in den HiA - Lichspielen läuft, ist mebr 
ein illustrierter Bädeker als ein Wettlauf, denn der run geht 
-nicht allzu, schnell, und Sherlok Holmes hätte gewiß die Bege- 
benhelten rascher abgew-ickett, wenn ihm von seinem Schöpfer das 
Auftreten in diesem Stücke verstattet worden- wäre. Nun, man 
macht es eben etwas langsamer und erhält dafür Gelegenheit, 
das bekannte und unbekannte Aegypten in Gemütsruhe zu 
durchmessen. Die Gesellschaft, in der man reist, ist international, 
-und als ihre Hauptpersonen kämen etwa ein englischer Kapi 
tän, eine bezaubernde Amerikanerin und ein ägyptischer Pririz 
in Betracht, ganz zu schweigen von dem berühmten englischen 
Arzt und dem gleich- sehr berühmten französischen MÄer die 
ebenfalls keine ganA unwichtige Rolle spielen. Der Wettläufer 
ist jener Kapitän, denn die medizinische Diagnose sagt ihm bin 
nen Jahresfrist den gewissen Tod voraus. Um so leichter fällt 
es ihm, sich in die AmerNanerin sterblich zu verlieben und unter 
mannigfachen Mühsalen, die mitten in die Wüste und in be- 
duinische Gefangenschaft führen, den Kampf mit dem prinzlichen 
Nebenbuhler aufzunehmem Muß noch gesagt werden, da-ß die 
Amerikanerin sein heldenhaftes Betragen zu fchätzen weiß und 
trotz der Schrecken, mit denen der verschmähte Liebhaber sie 
bedroht, ihrem Todeskandidaten die Treue hält? Bevor die 
Handlung zu Ende geht, fallen viele wackere Männer im 
Wüstensand; doch man sei nicht gar zu beunruhigt über die 
ägyptischen Plagen, denn die Diagnosen berühmter Aerzte selbst 
stimmen nicht immer, und das Glück ist bekanntlich den Lieben 
den hold. Während ihr Schicksal sich abrollt, genießt nian alle 
Annehmlichkeiten, die sonst nur eine Look-Reise bietet. Man 
sitzt auf der Terrasse von ShepheMs Hotels, schlemmt in 
Sonnenuntergängen, läßt sich in den Bazargassen von Kairo 
mit Anstand begaunern, wird sentimental angesichts der 
Shinx, ohne ihr Räsel Zu lösen, gedenkt in den Grabkammern 
der Pyramiden des Todes, wirst Schatten auf den Kamelen 
-und gondelt mokkaschlürfend mit geschwelltem Segel nilauf ¬ 
s wärts. Ganz Aegypten in einer: Stunde, die Derwische einge 
rechnet es ist genug. Die Aufnahmen sind wundervoll und 
bereichern unsere geographischen Erfahrungen, wenn sie auch 
eine Aegyptenfahrt nicht zu ersetzen vermögen, da man bei dem 
Regen hier die Wüstensonne Mcht spürt. Was die Gruppierung 
die BMausschnitte, Titel und Regieführung betrifft, so steht 
das alles freilich hinter den modernen deutschen Films zurück. 
Voran gebt eine amerikanische Groteske: „Fix und Fax 
als Ehepaar", zwei Prestiffimo-Akte mit ungeahnten 
Tricks, in denen die Menschen sich wie die Dinge benehmen und 
die Dinge selber lebendig scheinen. ' rac. 
Niveau inne. Die Schüler stehen zumeist in der Praxis und ge 
nießen nur zwei Nachmittage wöchentlich des Unterrichts Wie 
ihre Arbeiten beweisen, wird das größte! Gewicht darauf gelegt 
daß ste sämtliche Arten des Druckes beherrschen lernen und der 
geschmackvollen Wirkung des Satzbildes gedenken, für dessen Aus 
gestaltung einige Bücher von Engel selber maßgebend sind. 
Zniüalien und Illustrationen verraten manch ein Talent das 
Pflege verdient. ' 
der Politik "! von der „Rhein. 
Mimischen Vollszeüung" herausgegebenen Schriftenreihe „Voll im 
Werden (Verlag der Carolus-Druckerei, Frankfurt) ist eine neue 
VroHüre: „Vergeistigung der Politik" von Karl 
August Meißinger erschienen, die wesentliche Fragen unserer 
inneren und äußeren Politik der Erörterung unterzieht. Der Ver- 
Uer, dessen Gedanken zur gegenwärtigen Situation in der 
Kanüschen Philosophie ihre Wurzel haben, gibt seinen Forde 
rungen eine Formulierung die auch den politischen Gegner zur 
Besinnung nötigen mag. Unter „Vergeisügung" versteht er das ' 
Zurucktreten der Gewaltpolitik, und so wendet er sich mit triftigen 
Argumenten g^gen die törichte Demagogie der Nationalisten, 
Deutschlands baldigen Eintritt in den V ö lker b u n d befürwor 
tend, der ihm als erste Etappe äuf dem Weg Zu den Vereinigten! 
§^aLen von Europa erscheint. Gleich eindringlich zieht er wider 
den -^ntisemriismus zu Feld, den er in allen seinen Spielarten 
analysiert, um ihn schließlich als eine „Verfälschung des deutsches 
Rationalgedankens" zu entlarven, die eine Abirrung vom wahrem 
Deutschtum bedeutet. Der dem Sozialismus gewidmete Abschnitt, 
schwächer als die übrigen, stellt ein Ziel auf, das auch jüngere 
sozialistische Führer Zu erreichen streben: die Erfüllung der sozia 
listischen Lehre mit der Geistigfeit unserer klassischen deutschen 
Periode. Ernster Versöhnungswille, Sinn für die Empirie und 
redliches demokratisches Empfinden lassen der Schrift Verbreitung
        <pb n="50" />
        <pb n="51" />
        von ihnen Gemeinte jedenfalls aus irgendwelchen „objektiven" 
Kriterien nimmermehr abzuleiten sei. 
* 
Der zweite von Sombart geleitete Verhandlungstag 
galt dem Thema: „Wissenschaft und soziale Struft 
t u r," Sein Hauptereignis, wie das des Kongresses überhaupt, 
war der über zwei Stunden währende Vortrag Max 
Schelers, ein vielverästeltes Ineinander von Betrach 
tungen über die soziologischen Strukturbedingungen der 
abendländischen positiven Wissenschaften, 
das er seiner soeben erschienenen Abhandlung: „Soziologie des 
Wissens" entnahm. Von der These ausgehend, daß es drei 
auf verschiedene nwnschliche Grundtriebe zurückfühvbare 
und darum immer nebeneinander mögliche Formen 
des Wissens gebe: das religiöse, das metaphysische und das 
positiv-wissenschaftliche, das in dem Herrschaftsstreben des 
Menschen über die Natur verankert sei, untersuchte er zunächst 
den Einfluß der Religion auf das Entstehen der moder 
nen Wissenschaft, wobei man Gelegenheit zu bemerken hatte, 
daß Scheler die Kirche heute mit dem ungetrübten Blick des 
kosmopolitisch orientierten Soziologen überschaut. Kosmopoli 
tisch: denn er nennt sie ein« abendländische „Offenbarungs- 
MassenheilSanstalt", die jenen selbständigen metaphysischen 
Geist fast erstickt habe, der in den großen Kulten Asiens sich 
ungehindert in der Herrschaft behaupte. Da nun nach Sche- 
ler die kirchliche Lehre stets nur die mit ihr konkurrieren 
den metaphysischen Schöpfungen unterdrückte, brächte sie mit 
telbar den positiven Wissenschaften die unerhörteste Förderung, 
leitete sie in diese doch alle Denkemrgien hinein, die sich aus 
religiösen Gründen nicht frei metaphysisch betätigen konnten. 
Weder die pragmatistische und die^nMisti,che Theorie, die 
beide die Wissenschaft zur nachträglichen Formulierung prak 
tischer Zwecksetzungen oder ökonomischer Notwendigkeiten 
stempeln, noch die intellektualistische Auffassung, die alles Prak 
tisch-Technische zum Derivat fortschreitender reiner Erkennt 
nis erniedrigt, HM Scheler für hinreichend, um das Aufkom 
men des modernen Wissenschaftsgeistes selber zu erklären. 
Vielmehr, er nimmt an, daß um die Wende des Mittelalters 
durch die Begegnung und Kreuzung zweier Schichten: der 
freien kontemplativen Oberschicht und der arbeitsteiligen, tech 
nisch veranlagten Unterschicht ein neuer Menschen- 
thpus mit einem neuen auf die Natur gerichteten Machttrieb 
erwachsen sei, der von dem Bestreben geleitet war, ein wahres 
wissenschaftliches Weltbild zu finden, aber von vornherein ein 
solches nur, das seinen praktischen Zielen auf das genaueste 
entsprach. In einer Reihe oft feiner psychologischer und geistes- 
geschichtlicher Apercus erläuterte Scheler, in welchen typischen 
Formen diese „Gruppentriebrevolte" sich vollzog und bis zu 
welchem Maße die Reformation ihr entgegenkam. Fhr Ergeb 
nis ist die moderne europäische Naturwissenschaft, deren Kate- 
gMen sich, wie in offenbarer Uebereinstimmung mit Simmel 
nachgewiesen wurde, streng analog zu denen der modernen 
Weltwirtschaft herangebildet haben. 
Zum Schlüsse verkündete Scheler das gnostische Evangelium 
der Zukunft aus dem Geiste der von ihm vorausgeschauten 
„kosmopolitischen Weltphilosophie", deren Konzeption ihn in 
erstaunliche Nähe zu Kahserling rückt. Damit die Menschheit 
das ganze ihr zukommende Maß an Macht gewinne, müsse 
Asien in eine Epoche wissenschaftlich-technischer Leistungen 
treten, und das Abendland, seine bisherige Einseitigkeit er-- 
gänzend, den metaphysisch«» Geist Asiens sich aneignen, der «S 
zumal zur Seelentechnik erziehe. Für die Massenheilsanstalt 
der Kirche blieb in diesem Schelerschen Weltbauprojekt kein 
Raum. 
Eben der Fülle aufhellender Durchblicke wegen mußte die 
Grundhaltung des Vo-trags doppelt bedrücken. Die rein sozio- 
wa sche das heißt aber bier äußerliche Erfassung (richtiger:' 
N:ch^ersassung) des religiösen Phänomens der Kirche, die unbe 
denkliche, an di« Attitüde Spenglers gemahnende Gegenüber 
stellung .es christlich-jüdische- Schöpfermonotheismus und 
der angeblich metaphysischen Geistesgebilde Asiens: diese Kon 
struktionen bekundeten eine Haftlosigkeit, für die das Gerank 
der psychologischen Intuitionen wahrlich nicht zu entschädigen 
vermochte. Ihre spielerisch-unverbundene Aussaat drängte 
vielmehr zu der Frage, ob sie dem existenziellen Ernst ihr Da 
sein verdankten, zu dem gerade jenes stets umschweisende und 
stets Ueberschau haltende Nomadentum verpflichtet wäre, das 
Scheler neuerdings nach Asien zu treiben scheint. 
Der Korreferent Max Adler konnte seinen Vortrag nicht 
in der beabsichtigten Weise zu Ende bringen, da er sich zu 
nächst mit den Ausführungen Schelers befaßte, die er am 
gleichen Tag erst kennen gelernt hatte. Abgesehen von 
manchen Uebereinstimmungen, deren eine er etwa darin er 
blickte, daß auch Scheler die Wissenschaft in Abhängigkeit von 
den technischen Arbeitsbedingungen setze, kennzeichnete er 
kritisch (und mißverstehend) die Trieblehre Schelers als Posi 
tivistische Entgleisung und wandle sich unter Zustimmung 
eines großen Teiles der Versammlung gegen seine Auffassung 
der asiatischen Bekenntnisse wie gegen ihre Uebertragung nach 
Europa. Zu seinem eigentlichen Thema: „Soziologie 
der Erkenntnis" überleitend, deute er aus Zeitmangel 
Der deutsche Soziokognrtag. 
^MW- 28.-30. September, 
likr Heidelberg. 
Der vierte Deutsche Soziologentag wurde mit 
einer Ansprache seines Präsidenten Geh. Ratz TSnnies er 
öffnet, der die Toten des Jahres: Paul Barth, Jerusalem, 
Gothein, Troeltsch, Natorp durch Worte des Gedenkens ehrte. 
Um den weiteren offiziellen Teil gleich vorwegzunehmen, so 
überbrachts Pros. Cosentini (Rom) die Grüße des Inter 
nationalen Instituts für Soziologie zu Rom, das als erstes 
nach dem Krieg die Deutschen zu einer internationalen Tagung, 
dem Turiner Soziologen-Kngreß 1920, eingeladen hatte; er 
teilte mit, daß Geh.-Rat Tönnies vor wenigen Wochen von 
dem Rat des Internationalen Soziologen-Kongreffes zu Genf 
neben Bourgeois zum Vize-Präsidenten ernannt worden sei. 
Der erst am zweiten Verhandlungstag erschienene Staats- 
minifter Hellpach, der die Versammlung namens des badi 
schen Kultusministeriums willkommen hieß, sprach vorwiegend 
als Kollege zu den Kollegen. Er unterstrich die Bedeutung der 
Soziologie, die an der Lösung der soziaren Frage im M.Jahr- 
hundert entscheidend mitzuwirken habe, und beschwor den wäh 
rend der Tagung viel zitierten Namen Max Webers herauf, 
dessen Wirken an dieser Stätte unvergessen sei. 
Das Thema des ersten Verhandlungstages: „Sozio- 
ksOß 8SL sszialtzglitik" Mr insofern nicht ganz 
glücklich gewählt, Äs es zu schwierigen «rkenntnistheoretischen 
Erörterungen nötigte, die in dem Rahmen einer Vortrags- 
stunde kaum zur Entfaltung gelangen konnten. Soziologie (die 
etwa als die Lehre von den Regelhastigkeiten des Lebens 
der vorgesellschafteten Menschen anzusprechen wäre) ist 
eine junge Wissenschaft, über deren Methode und Gegenstand 
Einigkeit noch nicht besteht — worauf auch Alfred Webers 
saloppe Eingangsworte hinzielten, in denen er die Soziologen 
mit einer Horde gegeneinander schreiender Babys verglich. 
Sozialpolitik ihrerseits ist eine historisch gewordene Disziplin, 
die, da ste tief hinein in das praktische Leben sich erstreckt, ein 
vielfältig schillerndes Wesen zeigt, das sich eindeutig nicht um- 
reißen läßt. So durste man vornherein nicht erwarten, daß 
das Verhältnis beider in verschiedenen Ebene» einlagernden 
und ihrer Bestimmung nach nicht fixierten oder gar theoretisch 
überhaupt nicht fixierbaren Wissenszweige eine befriedigende 
Klärung erführe. 
Das Referat Pros. Adolf Günthers (Innsbruck) ent 
täuschte noch die geringen Hoffnungen, die man auf die Bear 
beitung des Problemes setzte. Es erging und verirrt fich in 
methodologischen Distinktionen von äußerster Formalität, die 
weder dem Gesamtbereich der Srtziologie noch dem der Sr^ial- 
politik gerecht zu werden vermochten, sondern sich in weitestem 
Mstond von den Sachzusammenhängen damit begnügten, ^So- 
zialpolitik als Kunstlehre mit Hilfe definitorischer Uebergänge 
aus der formalen Soziologie zu entwickln. — Der Korreferent 
Pros. Ludwig Heyde (Kiel), Herausgeber der »Sozialen 
Praxis", fand ungleich konkretere Formulierungen, weil er sich 
rein als Sozialpolitiker um das Thema bemühte. Seine Er 
örterungen mündeten in die Thesen ein, daß Sozialpolitik und 
Soziologie ihrer verschiedenen ErkenntniSgegenstände wegen 
zu wesentlichen Dellen auSeinanderwiesen und jene die Sozio- 
looie dort allein voraussetze, wo ste etwa die Bestrebungen der 
Selbsthilfe behandle, die zu ihrem Verständnis soziologischer 
Voruntersuchungen bedürften. Die durch wertvolle Beispiele 
aus der Profis belegten Ausführungen arbeiteten leider mit 
allzu weit gespannten theoretischen Definitionen, die in sehr 
merkwürdiger Werfe die Tendenz zu einer sachlich-empirischen 
Abgrenzung der beiden Disziplinen durchkreuzten; auch das 
alte Problem der W-rtfreiheit der Wissenschaft, das sich gerade 
bei Betrachtungen dieser Art aufdrängen mußte, ward ober 
flächlich nur angeschnitten. 
In der wenig ertragreichen Diskussion erinnerte Borkie- 
vich gegenüber den vorwiegend methodologisch gehaltenen 
Darlegungen der Referenten mit Recht daran, daß die be ¬ 
sondere Struktur der Sozialpolitik aus ihrer geschichtlichen 
Genesis begriffen werden müsse, eine Auffassung, der Przy - 
bram sich mit einigen Ergänzungen anschloß. Gold- 
scheid erklärte sodann, daß die Materials Soziologie die 
typischen Zusammenhänge in der Geschichte aufzudecken und der 
Sozialpolitik darzubieten habe, während Max Adler von 
seinem marxistischen Standpunkt aus eine (nach seiner Ueber 
zeugung wertfreie) dynamische Soziologie postulierte, die dazu 
berufen sei, dem soziapolitischen Handeln die letzten Ziele zu 
weisen. Die Debatte bestätigte im ganzen, was man zum vor 
aus schon wissen konnte: daß faktisch die auf ihre wechsel 
seitigen Beziehungen hin geprüften Wissenschaften je nach der 
personhaften Einstellung ihrer Vertreter den ihnen eigenen 
Sinn und ihre Bedeutung Nr einander verändern und das
        <pb n="52" />
        52 
m 2&amp;gt; 
ange- 
14. Versammlung Deutscher Historiker. 
-- Frankfurt, 2. Oktbr. Der Weite Tag des Kongresses 
wurde mit einem Vortrag von Pros. Ruppersberg (Saar 
brücken): „Aus der Geschichte des Saargebiets 
mit besonderer Berücksichtigung seines Ver 
hältnisses zu Frankreich" eröffnet. 
Nachdem der Redner die Bestimmungen des Versaillex Ver 
trags über das Saargebiet ins Gedächtnis zurückgerusen hatte, 
polemisierte er gegen die Darlegungen Tardieus, Clemenceaus, 
Llohd Georges und der ftanzösischen Propagandaliteratur, die 
diese Bestimmungen historisch zu rechtfertigen suchten. Geschicht 
liche Tatsache sei vielmehr, daß das Saargebiet seit mehr als 
tausend Jahren zu Deutschland gehöre. Als die Franken das 
Land in Besitz nahmen, flüchteten die römischen Herren; und der 
fränkische Königshof entstand dort, wo heute die Stadt Saar 
brücken steht. Von den folgenden Ausführungen sei nur soviel 
festg-ehalten, daß trotz verwandtschaftlicher und lehnsherrschaftlicher 
Beziehungen der Grafengeschlechter des Saargebiets zu Frankreich 
der deutsch; Kernbestand stets überwog. Der Redner erörterte 
nach brrzer Uebersicht über die Entwicklung im Mittelalter ein 
gehend die Raubpolitik Ludwigs XIV., die Erzbischof Fenelon 
bereits mit schneidendem Sarkasmus beurteilt hatte, und schilderte 
die Vergewaltigungen, die sich die Saargegend damals gefallen 
lassen mußte- Eine der schlimmsten Erscheinungen waren die 
ftanzösischen Fremdenregimenter, die von den Fürsten Nassau 
Saarbrücken angeworben wurden und sich aus Deutschen rekru 
tierten- Die französische Revolution brächte den Palästen 
Saargebiets Zwar Krieg, doch, den Hütten nicht Frieden; der! 
Bedrückungen wegen, denen sie die Bevölkerung aussrtzte, ent-! 
täuschte sie bald. Der Friede von Campoformio lieferte dann das 
Saargebiet mit dem linken Rheinufer an Frankreich aus. Das 
bedeutete zwar manche Erleichterung (Aufhebung der Feudalrechle 
usw.), die aber durch Aufbürdung schwerer Lasten reichlich para 
lysiert wurden. Die Bevölkerung pries darum den FüMen 
Blücher, der 1814 in Saarbrücken einzog, jubelnd als ihren Be 
freier. Groß waren Schmerz und Empörung, als das Saargebiet 
durch den Frieden von Paris (dank den Bemühungen 
Talleyrands) Frankreich wieder überlassen ward. Nach dem Zu- 
sammenbruch Napoleons hoffte man auf die Wiedervereinigung 
mit Deutschland, die besonders der Saarbrücker Kaufmann Heinrich 
BöckLng eifrig betrieb. Er wurde nach Paris entsandt und er 
wirkte, daß Frankreich im zweiten Frieden von Paris 1815 das 
Saarland an Preußen zurückgeben mußte -- womit sich die fran 
zösische Bevölkerung einverstanden erklärte. In der Folgezeit ent 
wickelte sich das Saargebiet unter preußischer Herrschaft zu großem 
Wohlstand, der freilich aufs neue die Begehrlichkeit der Franzosen 
erweckte._Nach knapper Darstellung der Ereignisse von 1866, 1870 
lution der für Freiheit plädierende Religionsartikel auch 
nommen, so handelte es sich bei ihm doch nur um die bekannte 
independentistische Freiheit, die keineswegs die Katho 
liken mit umschloß ^rnd überhaupt nicht Überschätzt werden darf. 
und des Weltkriegs erklärte der Redner, daß heute im Saargebiet 
alle Klassen der Bevölkerung zusammenstünden und darum die 
dereinstige Wiedervereinigung des Saarlandes mit Deutschland 
zu hoffen sei. 
Pros. Künhel dankte dem Redner für seine Bemühungen 
um die deutsche Sache im Saargebiet, die ihm die Ausweisung 
eingetragen haben, und bezeichnete es als eine Unterlassungssünde, 
daß die deutsche Wissenschaft sich so ungenügend bisher gegen die 
Verfälschungen der ftanzösischen Propaganda zur Wehr gesetzt 
habe. 
Das Weite Referat von Pros. Caspar (Königsberg) 
über „Hermann v. Salza und die Gründung des 
Ordens st aates" galt der Grenzmark im Osten. 
In der bisherigen Literatur, so führte der Redner aus, spielt 
Hermann v. Salzas Persönlichkeit keine wesentliche Rolle, obwohl 
er aus der Ferne das ganze preußische Unternehmen geleitet hat. 
In welche Beziehung hat er den Ordensstaat zu Kaiser uno 
Kurie gesetzt, was hat er gewollt und was hat er erreicht? Das 
erste, was Salza tat, war, daß er sich 12W ein Privileg des 
Kaisers erwarb, vier Jahre, bevor der Orden zu kriegerischen 
Handlungen schritt. In diesem Privileg wurde klar ausgesprochen, 
daß die künftigen Eroberungen im Preußen-land und Kulmerlano 
zu autonomer Landeshoheit über diese Gebiete führen sollten. 
Friedrich II. verfügte aber über die östlichen Marken nicht nur 
kraft der Gewalt, die das Imperium verlieh, sondern auch kraft 
des deutschen Reichsrochts. Das Privileg gab dem Hochmeister 
jedenfalls die volle Garantie für eine landesherrschaftliche Stellung 
und ist wohl auf sein-e eigene Initiative zurückzuführen. Man 
mag ihm entnehmen, was Hermann wollte: die Erreichung auto 
nomer Herrschaft im Osten. Zwei Schwierigkeiten setzten sich ihm 
entgegen, zu denen er schon vor Angriff des Unternehmens Stel 
lung nahm: die Macht des Bischofs Christian, der sich auf die 
Rückendeckung durch die Kurie verließ, und die päpstliche Misstons 
theorie, die eine Unterwerfung der preußischen Bevölke 
rung nicht wünschte. Wie der Redner in scharf ¬ 
sinnigen Konjekturen ftststellte, polemisierte bereits das 
Kaiserprivileg wider diese Theorie. Ein glücklicher Zufall 
brächte Hermann weiter: 1232 geriet Christian in Gefangenschaft 
der heidnischen Preußen. Der Orden rührte für seine Bestemng 
keinen Finger. Dagegen gelang es Hermann, die wichtige päpst- 
lrche Bulle des Jahres 1234 zu erwirken, die dem Orden das 
Kulmerland und das eroberte Preußische Gebiet zu ewigem Lehns- 
Lesitz verlieh. Diese Zueigengabe durch die Kurie war eine große 
Seltenheit, weil sie sich auf ein großes Territorium bezog. Nach 
päpstlicher Auffassung wurde aber das preußische Gebiet lediglich 
als Missions gebiet angesehen, nicht als neuer Preußen 
staat oder als päpstliches Lehnsgut. War das Kaiserprivileg ein 
Programm für die Zukunft, so war die Bulle lediglich eine Ver-' 
fugung über im Entstehen begriffene Verhältnisse. Zum Schlüsse 
würdigte der Redner Hermanns Werk als echtes Gewächs des 
mittelalterlichen Mutterbodens und arbeitete den inneren Wider- 
Much heraus, an dem der Bauplan des Hochmeisters krankte: 
den Widerspruch zwischen dem Anspruch au tautonome Landes 
hoheit und dem Sichbeuaen unter das päpstliche Missionsideal. 
nur die eine Aufgabe einer solchen Erkenntnissoziologie an, 
die nach ihm in der historischen Determinierung des geistigen 
Lehens besteht. Sie habe auf Grund der materialistischen Ge- 
schichtsphilosophie zu erfolgen, die von ihm allerdings 
unstreitig zu einer Kombination marxistischer und kantischer 
Gedanken umgebildet worden ist, und trachte nach einer Zu 
rückführung der geistigen Probleme auf die Bedingtheiten des 
Verbands, dem sie entwachsen. Als ein Ergebnis dieser 
Methode zog er die Unterscheidung zwischen „bürgerlicher" 
und „proletarischer" Wissenschaft heran, die rein soziologisch 
gemeint sei, und darum durch die unpolitischen Ausdrücke: 
stationäre und evolutionäre Wissenschaft treffen 
der gewürdigt werde. Trotz des vorerst ruhigen und sachlichen 
Charakters der folgenden Ausführungen, die bei aller Red 
lichkeit der Gesinnung und UnerhiMchkeit der Konsequenz von 
doktrinärer Beschränktheit (etwa in der Behandlung des 
Problems der Wsrtfreiheit und des evolutionären Prinzips) 
nicht freizusprechen waren, erntete Adler alsbald den 
Zwischenruf „Volksversammlung", der ihn, den schlagbereiten 
Debatteredner, dann freilich mehr und mehr zu persönlichen 
Ausfällen reizte. 
In der anschließenden Diskussion gestand Alfred Weber 
zu, daß er in vielen Dingen Adler näher stehe als Schcler, 
verwahrte sich aber dagegen, daß man Wissenschaftsgestal 
tungen schlechthin die Kennmarke bürgerlich oder proletarisch 
verleihe. Was ihn von den Marxisten scheide, das sei ihr 
Rationalismus, der sie zu Fortschrittlern mache, und ihnen 
von vornherein die Erfassung vieler wesentlicher Probleme 
verwehre. Zu Scheler gekehrt, dessen mannigfache Anregun 
gen er gleich den übrigen Diskussionsrednern durchaus positiv 
würdigte, erklärte er, daß seiner Meinung nach nur ein Teil 
der Wissenschaften an den Bestand der individualistischen Ge 
sellschaft gebunden sei und kontinuierlich sich fortentwickle, 
ein anderer Teil dagegen, die ganzen nicht einfach zweck- 
rational orientierten Geisteswifsenschaften nämlich, genau so 
wie die Methaphysik gemäß den kulturellen Aus- und Ab 
stiegen sich unstet entfalte. Die weitere Debatte, an der sich 
unter anderem die Herren Sulzbach, Robert Michels, 
Gallien, Salz und Goldscheid beteiligten, brächte 
Ergänzungen, Berichtigungen und manche treffende Einzel 
kritik, ohne daß zu den großen Gedankengängen noch Stel 
lung genommen worden wäre. Man fand sich, wie Alfred 
Weber von den Referaten selber bemerkt hatte, Abbreviaturen 
von Weltanschauungen gegenüber, deren Berührungen und 
Überschneidungen bei der beschränkten Redezeit fragmen 
tarisch nur sichtbar zu werden vermochten. 
14. VersMNWg Deutscher Historiker. 
— Frankfurt, 3. Oktbr. Der dritte Versamwlungstag 
wurde mit einem Vortrag Pros. Steinackers (Innsbruck) 
über „Zentralismus und Partikul arismus 
als geschichtliche Mächte" eingeleitet. 
Um die, Bedingtheit seiner Einstellung zu kennzeichnen, er 
klärte der Redner von vornherein, daß er von seinem Erlebnis 
- Oesterreichs aus gehe, in dem zentralisüsche und partikularistische 
Tendenzen einander durchdrungen hätten, ohne sich auszugleichen. 
Seine eigentlichen Ausführungen galten der d e u L s che n F ra g e, 
deren Kern jedenfalls die Spannung Zwischen Zentralis 
mus und Partikularismus ist. Der Historiker Hai sich 
nun angesichts des partikularistischen Streb ens zu fragen, ob 
Deutschland wirklich so viel reicher gegliedert sei als die anderen 
Nationen. Tatsache ist sicherlich: die deutschen Stämme sind in 
der Auflösung begriffen oder doch gewiß nicht mehr unbedingt 
die Träger eigenen Staatsgefühls. Wie es in dieser Hinsicht bei 
uns steht, kann man an dem Beispiel Frankreichs ersehen, 
in dem seit den Tagen Jeanne d'Arcs alle Teile der Nation in 
großen Fragen immer zusMUnenhielten, ohne daß darum sie 
Mannigfaltigkeit Provinzieller Eigenarten, die Individualität der 
Territorien geschwunden wäre, die sich vielleicht noch zu einem 
stärkeren Gegengewicht gegen die Gefahren der Zentralisation ent 
wickeln wird. Nach einem Exkurs über die Geschichte der italienischen 
- Einheit faßte der Redner seine Darlegungen dahin zusanrmen, daß 
! Zentralismus und WrtikutarismuZ Werte seien, die sich bekämpfen 
müßten, wenn ste sich auch bis zu gewissem Grade ergänzen könn 
ten. Entscheidung zwischen ihnen ist erforderlich. Gewiß ist der 
Partikularismus die ursprünglichere Tendenz, doch er hat in der 
neueren Zeit (von der Schweiz abgesehen) politisch versagt und 
muß darum dem Zentralismus das Feld überlassen, der 
außen- und innerpolitisch zur unausweichlichen Notwendigheit ge 
worden ist und sich mit weitgehender Dezentralisation gewiß ver 
einen läßt. Das gilt auch für Deutschland und die Lösung seiner 
großen Schicksalsfragen. 
Es folgte der Vortrag Pros. Hashagens: „Zur Ge 
schichte der Menschenrechte". 
Der Redner ging von einer Kritik an der herrschenden Anschau 
ung (der Jellineks) aus, derzufolge die Gründe für die Erklärung 
der politischen Menschenrechte in Amerika durchaus 
religiöser Natur seien. Wurde aber am Vorabend der Revo-
        <pb n="53" />
        der 
gewästrt. 
ohne zu zagen und bangen. 
rac. 
revs" sollen bald ersesteinen.. 
Xr. 
fall von England auch als Auswirkung naturrechtlich orientierten 
Wollens auffaßten und dementsprechend juristisch formulierten. 
Line Baste von besonderem Wert 
ist der „Düstrer der 0 n s o b l ü s s i g e n" von 
Nos68 ben Naimon (Lrs-tes Duost- Bd. 184a). 
Dieses Werk, das auk die Ausbildung des mrttelalter- 
liosten Denkens von entsesteidendem Binf-uk gewesen 
ist, bat jet^t durest Dr. Molk Werk seine erste eir^- 
lieiiiieste, von wissensobaftbesten Orundsat^en geleitete 
Debertragung srkastren. Der d6ut«6sten Ausgabe liegt 
der von Naimon selbst .anerkannte bebräiseste Bext 
r^ibborrs Zugrunde, der naest dem übereinstimmenden 
Ortest seiner Lennner von Weik klar und genau wie 
dergegeben wird. Die Einleitung, die ein Luest für sieb 
ist, bringt einen Mrik von Naimonis Besten, stellt sein 
Denken in die stistorisoste Bntw'eklung em und er 
örtert in Lusammenstängender Böige sein pstilosopsti- 
sestes L.ysiem. Der Zweite und dritte Band des „Büst- 
Dbilosopbie, die den Ursprung der endbeben Beisier 
in göttliebe Ideen verlegt und einen stark tbeistlsoben 
Linseblag bat, rüekt ibn in maneber Hinsiobi nabe an 
DeibniL, mit dem er selber sieb aueb verwandt küstlte. &amp;gt; 
Dm die Zusammenstellung und Kerausgabe des Ban-"^ 
des, der vor allem die „Orundlinien Lur Dropädeutik 
der pstilosopbiseben LtaatLlestre^ entstält, baben sieb 
Dans Oer! okk und Drok. k. Deiner (Opsala) be- 
müstt; dieser würdigt in längerer Vorrede Dostroms 
Werk und die Bedeutung des Denkers kür das kulturelle 
und poMsobe Beben Lobwedens. Der Oeberset^er 
Larl Dira vervollständigt die mrtgeteisten Lestriften 
du rost einen ausküstrliosten Knbang, der ernen Oeber- 
bliok über das Oan^e der Doslromsosten Dstilosopstie- ° 
Rosita. Der neue Film „Rosita" im Schumann 
Theater, Ernst Lubitschs erste Negieleisnmg in Amerika, 
kommt leider nicht amerikanisch, sonder:- " xmsch daher. Er ist 
ganz offensichtlich um der Schnippigkeit und der Liebreize Mery 
Pickfords willen arrangiert, die in ihm als Straßensängerin 
beginnt und als Gräfin glorreich ihre Laufbahn im sechsten Akt 
beschließt. Ja, solche Schicksale erlebt man in dem in Amerika 
gestellten Sevilla, wenn man jung, frech und hübsch ist und das 
Herz wie Rosita am rechten Fleck trägt. Es muß dann so kommen, 
daß man die Liebe eines Grafen gewinnt — der des gelnbten 
Mädchens wegen ihren Bedränger ersticht und daraufhin Zum 
Tode verurteilt wird — und die Gier eines sinnlich leicht affizier- 
daren Fürsten^ erregt, der um jeden Preis seine Lüste befriedigen 
möchte. Von diesem unbeherrschten Selbstherrscher wird man 
sozusagen von der Straße weg in die fürstlichen Prunkgemächer 
verschleppt, als Hofdame equipiert und mit dem Delinquenten 
verehelicht, damit man des gräflichen Titels teilhaftig werde. Doch 
es lebt guch noch eine Fürstin, die das Spiel ihres Gatten durch 
schaut und dafür zu sorgen weiß, daß die Hinrichtung nicht voll 
streckt werde und der Graf seiner noch unbescholtenen Rosita sich er 
freuen könne Eine Anekdote in historischem Gewand, deren Pointe 
z darin besteht, daß der Fürst gerade infolge seiner Bemühungen um 
! die Beute Zuletzt um ste betrogen wird. Für den Film freilich taugt 
die Handlung wenig, da sie die eigentümlichen Mittel des Films 
nicht beansprucht, der sie nur illustrieren kann. Das geschieht 
denn auch reichlich: Straßenszenen, nächtlicher Karneval, 
rauschende Pracbtkostüme, Dominterieurs und höfische Aktionen 
entfalten sich in Menge zum Entzücken der Amerikaner vermutlich, 
die diese antiquierten europäischen Sitten und Gebräuche mit 
einem Gemisch aus öffentlicher Herablassung und heimlicher Be 
wunderung erfahren mögen - ganz abgesehen davon, daß am 
Ende die Tugend sich herrlich bewährt Indessen, das alles-ist 
Drum und Dran, recht amüsant oft, aber Draperie nur eines Ge 
schehens, das der Verfilmung sich widersetzt. Seine Unange- 
meffenheit an die Leinwand tritt umso deutlicher hervor, als die 
rein technische Durchführung untadelig ist. Grete Hauck tanzte 
zu Beginn den „Rosita-Tango" und tat mir ihren Castagnetten 
das Mögliche, um die richtige spanische Stimmung zu erzeugen, n 
Die Wurzeln Her Menschenrecht- sind nicht in ihr, sondern in ganz 
Profanen Gründen zu suchen. Und zwar hat die Zu Beginn 
des Unabhängigkeitskrieges erlassene Deklaration der Menschen 
rechte einen propagandistischen., praktisch-politischen Cha- 
rakter^ nicht einen grundsätzlichen nur; sie war ein Kampfmittel 
mehr, das den Jndependenten zum Siege verhelfen sollte, sie wan 
delte die Schuldfrage in eine Rechtsfrage um, indem sie stch 
gegen die Engländer durch die Ausstellung positiver Rechts 
sätze verwahrte, und man versteht sie darum dann allein, wenn 
man sie als ein Revolutionsereignis, als ein wesentlich politisches 
Instrument im Kampf gegen die englischen Maßnahmen begreift. 
Damit allein freilich sind die Menschenrechte nicht erklärt. Ihr 
Sinn ist auch ein positiver: sie sollten das Fundament des neuen 
Staatshaues bilden. Und als solches war eine Fassung 
Grundrechte besonders geeignet, die sich auf das Naturrecht 
stützte und so das allgemein Anzuerkennende dem Streit der Kon 
fessionen entzog. Die Wurzeln des NaturrechLS seinerseits aber 
liegen selbstverständlich in Europa, nur eben bleibt es fraglich, 
- ob die Menschenrechte auch genetisch aus seiner europäischen Fas ¬ 
sung hervorgehen. Eher schon war es so, daß die Amerikaner 
das Naturrecht praktisch erlebt hatten, sie glaubten, daß ste es als 
Kolonisten verkörperten, und erst die englische Staatsgewalt schien 
es zu ersticken. Nichts war begreiflicher, als daß ste ihren Ab- 
— Der Tausendsassa. Wer ist es? Harry Piel natürlich, der 
in dem neuen Film des Krtzstal l-Pallastes: „Auf ge- 
jährlichen Spuren" als Liebhaber, Motorrad-Konstrukteur, 
GLilchrer, Chauffeur und in allen möglichen anderen sporüvcn 
Berufen noch excMert. Er ist arm, aü^r ein smarter Junge, und 
so darf es nicht weiter verwundern, daß die übliche Tochter des 
üblichen amerikanischen Millionärs Gefallen an ihm findet. 
Freilich, der Liebe stellen sich HinterM- entgegen, denn dreier 
entzückende Harry gerät in den Verdacht, ein Dieb zu sein. Dreh 
einer fürstlichen Krone gar, und es ist nicht zu leugnen, der Scyrrn 
spricht gegen ihn. Die von Kammerdiener und Kammerzofe ent 
wendete Kostbarkeit nämlich gelangt durch einen jener Zufälle, 
Von denen das Leben strotzt, in seinen Besitz, und dex funge Mann, 
halb reiner Tor, HM Gamin, hat alle Mühe nun, Zwischen den 
richtigen Dieben selber und der Polizei stch durchzuschlag-n, um 
auf ungemein sinnige Art den Schatz seinen Besitzern Zurückzu- 
erstatten. Unterstützt wird er hierin von seinem Hund, einem präch 
tigen Biest, da§ ihm verständnisvoll durch hie sieben We hindurch 
folgt und als ckeU5 ex maobirm stets rettend eingreist. Dies ist 
auch sehr nötig, da Harry auf kühne und gefährliche Weise voll 
bringt, was einfacher vielleicht such zu erwirken Wäre. Aber 
die Frauen lieben den Helden, und so wird er denn handgemein 
mit den Dieben, boxt die Schuldigen nieder, klettert, wenn es 
sein muß, zu hilfreichen Zwecken Faffadm empor und saust auf 
Skiern, im Bob und im Rodel durch das winterliche Hochgebirge, 
was Gelegenheit zur Entfaltung herrlicher LandschafMilder gibt. 
Im Berghotel bei einem zauberhaften Eissch, Zwischen Masken, 
selber eine Maske, entwirrt er dann alle Fäden, kämpft unter dem 
stürmischen Beifall des Küchenpersonals seinen letzten Kampf und 
halt in seinen Armen das kleine Lmencmn dessen Bild er 
bereits lange in seinem Busen trug. Großaufnahmen spiegeln 
hier wie auch sonst in jeder bedeutenden Situation die Gefühle 
der Beteiligten eindringlich wieder. Und da man bereits von An 
fang an weiß, daß die Märe ein glückliches Ende nimmt, folgt 
man mit Behagen und Spannung dem Verlauf der Ereignisse 
und freut sich der vielen und schonen humoristischen Mpisoden, 
«lef PMoLOpwLcbTn ZiWowelr. 
DüZ LuMrlioste 'HsLebS. äaü im iolMN'äaQ 
mmbLMAtsn Wack-b vom Vorla^ Meiner l.n,erp° 
LM) ÜHrLU8A6A6i)6N6N „?lnIo8opIÜ8eden öii-fiotbelr" an- 
ifiro ebenfalls Luüerlmbe Ausammensas- 
KNQK unter einen OberMel reebtkertmen. Diese formale 
Oememsainkeit ist immerhin niobt ^anr nn^e^K, 
MG ckoest von äer LpannvEie äes verle^eriseben Dn- 
EernelimenZ. ckas äureb seine tret fliest en ^usFasten pstilo- 
SopdlSester Ori^inal^verste äas ^nestenstuclium in brei 
tem Dmkanxe ermö^bestt. — Läuarck v Dar t m anns, 
^Uaie^orienlestre" norä m weiter äreibänä^er 
Kukla^e vor^ele^t (Lä. 72a bis 72e). Drob k'ritL lv e r n 
dat kür äw bleuaus^abe äie ei^enstanäi^e Vexkasserstanck- 
sebrikt beran^ero^en unä alle ^.enckei nst^en unä ^usätxe 
vukZenommen, äie von dem Verfasser naest Drsebeinen 
Zes LrErue^e» noeb auf^eLeiestnet Xvoräen smü. 8o 
Zark äie jetN^e Oestalt äes Werkes vostl alZ bnZ^nstm 
An^eseben Meräen 8ebr verckienstvoll ist äie von Dr. 
Zosek MüNer besor^teDeraus^abe der „V orsestule 
der festste tik" von «jean kaut (Dä. 105). lo-^. 
dannes Volke 1t sebiekt eins aoZ^eLeiestnete Linküst- 
run^ voran, in der er das Verstättnis des Diestiers 2ur 
zsert^enöKsisoben Dbilosopstie darstellt und seine ästste- 
tiseben Grundgedanken LULamm^nNängend entfaltet. 
Das Werk selber gipfelt in einer ^eststetik des Homi- 
seben, auk deren Darbietung «lean ?au: äureb seine 
eigenste Begabung sti»gewiesn v^oräen ist. Anmer ¬ 
kungen des Üerausgebers bilden eme willkommene Dr- 
xänZung der einleitenden Betraesttungen. Dem 
kabwediseben k^ationalpstilosopsten Obristopste^ 
5aeob Boström iZi ein eigener Band gewidmet, 
in dem eine Kuswabl e b a r a k i e r i s l i s o b e r 
8 tüeke seiner Dbilosopbie dargeboten wird. 
(Dd. 30). Boström, der in der ersten Dälkie des vorigen 
llabrbunderts wirkte, bat die Bedanken d^s deuisesten 
Idealismus in seiner Weise .verarbeitet. Leine 
Ae spsmsche Tän^rin. Dem Referenten kommt in dieser 
^voch-e o:e Welt spanisch vor, womit keineswegs gesagt sein 
poll, daß er sich nicht in ihr zurecht fände. Erst Mary Pickford als 
Stratzsangerm, nun, in den Lichtbühnen des National- 
theaters, Pola Negri als spanische Tänzerin. Um 
es vorweg zu nehmen: diese tanzt mindestens so gut, wie jene 
fingt. Sie ist ein rassiges, schwarzgelocktes Zigeunermädchen, das - 
rn den historischen Zeiten des leichtsinnigen Könms Philipp aus 
den Karten wahrsagt und das Herz enes spanischen Granden er 
obert, der nach dem Verprassen ererbter Reichtümer ins Elend 
sinkt. Zigeunermädchen sind aber treu und so läßt auch dieses 
Prachtexemplar südlicher Weiblichkeit von dem Geliebten nicht nb, 
obwohl der König sie stürmisch begehrt. Es entwickeln sich Hof- 
rntrigen kompliziertester Art, und der arme Velasquez kommt 
kaum dazu, seine berühmten Bilder zu malen, da die königliche 
Familie vor lauter Kabalen nicht stille hält. In diese Jntrigen 
nun wird auch die Zigeunerin verwoben, sie ist nur Figur in 
einem Brettspiel, Lei dem es um Spanien und Frankreich geht. 
Aber Liebe kümmert sich nicht um Staatsaffären, und man wird 
es jenem inzwischen zum Tode verurteilten Granden nicht ver 
denken, daß er sein Leben zu retten sucht, selbst wenn dabei das 
von Höflingen und Ministern gesponnene' Netz zerreHt Auf 
wundersame Weise vom Tode erstanden, dringt er in das könig 
liche Jagdschloß gerade in dem Augenblicke, in dem der König 
seiner Zigeunerin zu nahe treten will. Doch man sei unbesorgt: 
auch Jsabella taucht -auf ihr SLichwovt hin auf, und am Schluß 
der acht Akte umarmt sich ein glücklich liebendes Paar. Mit dem 
historischen Gewand versöhnen die ausgezeichneten Massenauf 
nahmen, die echten spanischen Karneval und gut gestelltes Madrid, 
aufzutischsn wissen. Die Sonne Spaniens geht in diesem Film 
nicht unter.
        <pb n="54" />
        Jahre hindurch das Ordinariat 
schneller, als er zu hoffen aewagt hatte 
Herilings nach Vr 
sophie berufen wurde. Während bisher seine Untersuchungen vor 
wiegend der griechischen Philosophie gegolten hatten, erfolgte hier 
die entschiedene Wendung zur Gedankenwelt des Mittelalters, zu 
dessen Geisteserzeugnissen der Student schon sich Ungezogen fühlte. 
Diese Wendung geschah in einer Epoche, in der die historische oder 
gar kritische Erfassung der mittelalLerlichen Philosophie noch ganz 
im argen lag, und nur wenige Forscher erst, so Denifle und Ehrle, 
zu den Quellen vorgedrungen waren. Da sich bei der Weite des 
dessen Arbeiten angesichts der Zuwendung unserer Zeit zu den 
Zeugnissen theologischen Denkens eine erhöhte Bedeutung erlangen. 
— 1883 auf Empfchlung 
reslau auf den katholischen Lehrstuhl für Philo- 
Gebiets an synthetische Zusammenfassung vorläufig nicht denken 
ließ — eine GesamtchaEeristik der europäischen Philosophie des 
Mittelalters ward von ihm erst 1909 in Hinneöergs „Kultur der 
Gegenwart" geboten — beschränkte sich Baeumker weise auf Her 
ausgabe von Quellen, Einzelanalysen und monographische Stu 
dien. Als Organ für diese Arbeiten, an denen auch seine Schüler 
flch beteiligten, begründete er 1891 noch in Breslau die „Bei - 
Von Kindern, Affen und jungen Hunden. Ein reiches 
Programm^ das sich wahrend dieser Spielwoche auf den Bühnen des 
NationaltheaLers abwickelt! Das HaupLereignis ist der 
große amerikanische Film: „M y Darling", keine Groteske 
diesesmal, sondern eine naturalistische Handlung, in deren Mit 
telpunkt das kleine, süße Mädchen Peggy steht, das ein Schwester 
chen Jackie Eoogans sein könnte. Zwar, sie verfügt nicht über die 
gleiche Modulationsfähigkeit des Ausdrucks wie ihr berühmter 
Bruder vom Film, auch vermag sie zwischen Lächeln und Schluch 
zen weniger Register Zu ziehen als er, doch ihr Liebreiz ähnelt 
dem seinen und ihre Unschuld und ihre Schelmerei entzück-n nicht 
die Mütter allein. Ein schweres Schicksal hat Baby Peggy zu 
bestehen. Sie wird von der in Neavel sterbenden Mutter nach 
Amerika zum reichen Großvater geschickt, die Amme aber, die sie 
hinbringen soll, bleibt aus Ungeschicklichkeit Zurück, und w gerät 
das arme Wurm aus der einen Hand in die andere. Und es sind 
nicht die saubersten Hände, die sie betreuen — Verbrecher, 
Schmuggler, rohe Patrone vielmehr, die im New Dorker Ghetto 
Hausen und hier ihr schmutziges Gewerbe treiben« Immerhin, 
auch in den Gassen des Lasters Hausen edle Seelen, und Peggy 
macht Lei ihren Irrfahrten nicht stets die schlimmsten Erfahrun 
gen. Das liegt zur Hauptsache allerdings an ihr, denn dem 
— Mas Freiburger Augustmer-Museum.^ Um das bis 
her Zu wenig gekannte und gewürdigte Material der Freiburger 
Museen weiteren Kreisen Zugänglich zu machen, läßt die Direktion 
der städtischen Sammlungen (Leiter: Dr. NoaE) im Freiburger 
Urban-Verlag neuerdings ^Berichte aus dem FreiLur- 
ger A u g affiner - Musen m" in Zwangloser Folge er 
scheinen. Ihrer Hoffnung, daß die Berichte zu einem Sammel 
platz für die Erforschung der Kunst des oberrheinisch 
alemannischen Kulturkreises werden, läßt sich auf Grund 
der vorliegenden Leiden ersten Hefte ein günstiges Prognostikon 
stellen. Die Publikationen nämlich sind mit einer größeren Anzahl 
vorzüglicher Lichtdrucktafeln ausgestattet und enthalten an Text 
beiträgen etliche SpeZialstudien, die ausgewählten Werken des 
Museums gewidmet sind. In dem ersten Heft wird vornehmlich 
die mittelalterliche Holz-skulptur berücksichtigt, das zweite gilt der 
noch während des Oktobers geöffneten Ausstellung: „Mittel 
alterliche Kunst des Oberrheins", die anläßlich der 
IV. Tagung für christliche Kunst veranstaltet worden ist, und in 
der Hauptsache -eine Fülle spätgotischer Skulpturen des gesamten 
alemannischen Gebietes vor Augen führt. 
einer Woche der mit dem früheren Reichskanzler Georg v. HerL- 
ling freundschaftlich verbundene Philosoph Clemens Baeumker, 
dessen großes Verdienst die philosophiegeschichtliche Erschließung 
des mittelalLerlichen Geisteslebens ist» Im Jahre 1853 
zu Paderborn geboren, wirkte der Gelehrte äußerer Gründe wegen 
zunächst fünf Jahre als Gymnasiallehrer in Münster, von wo er — 
^Helene OdilVN.H. Helene G i rar d i - Odils n die 
berühmte „Odilon", plant eine Tournee durch Deutschland, 
die sie auch nach Frau kfu rt führt. Diese Tournee wird sich 
von ihren ehemaligen dadurch unterscheiden, daß sie nun selber 
in Hotels, Cafes und Konditoreien das Publikum aufsucht, statt 
sich von ihm wie früher begehren zu lassen. Die jetzt gelähm e u'w 
erwerbsunfähige Künstlerin. beabsichtigt,- ihr Bild als Nrä-in-s 
LanZ-CeÜL zu verkaufen und noch eins- selkstverfaßte Broschüre 
dazu, die den vergeßlichen Zeitgenossen vielleicht von den Tagen 
des Glanzes erzählt. 
Wander - Kunstausstellung 
für Frankfurts Schuten. 
Die Eröffnung in der Helmholtz-Oberrealschule. 
Mit der nun in kleinem Umfang verwirklichten Wander- 
Kunstausstellung für die Schulen Frankfurts rst 
ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Kunsterziehung getan. 
Die vorderhand etwa siebzig Werke umfassende Ausstellung vereint 
ausschließlich Schöpfungen lebender Frankfurter Künst 
ler: graphische Blätter, Gemälde und Plastik, die der Jugend 
in den Schulen selber dargeboten werden. Von der Helmhoch 
Oberrealschule, der Bismarck-Mittelschule und der Weißfrauen- 
schule, in denen die Werks zunächst zur Schau, gestellt sind, sollen 
sie dann nach mehreren Wochen in andere Schulen ubrrsiedeln. 
Maß im Laufe.der Zeit die ganze Schuljugend ihrer ansichtig 
werden kann. Mit gutem Grunds erwartet man, daß der ver 
traute Umgang mit diese» künstlerischen Leistungen das Anschau 
ungsvermögen der Heranwachsenden bilde und ihnen zu einem 
gewissen Kunstverständnis verhelfe. Die geplante ffachkunvige 
Unterweisung nmg die erste Beziehung zwischen Beschauer und 
Gegenstand anknüpfen und die Lust zu eigener Betrachtung 
W^Bei der Eröffnung, die am Samstag nachmittag, in der 
Helmholtz-Oberrealschule stattfand, wurden die Ab- 
fichteu kundaetan, die Gründer und Förderer des Unternehmens 
mit ihm verbinden. Für den Rat f ür kün stl erifch e An 
gel e g e n h e i t e n, der sich um das Zustandekommen der Aus 
stellung besonders verdient gemacht hat, sprach Herr Baum; er 
betonte zumal, daß der Sinn der Schau darin bestehe, dw 
Künstler zu den Krädern zu führen, da diese zu den Künstlern 
nicht kämen. Schulinspektor Henze dankte namens der Schub. 
Lehörde den Beteiligten sür ihre Mühewaltung und erklärte, day 
praktische Kunsterziehung nur die Sache der Arbeitsschule fordern 
könne, die das Schwergewicht auf die gleichmäßige Ausbildung 
Mer KMte und Fähigkeiten lege. ' 
Zeichenlehrer Schubert entfaltete als Vertreter der Orts- 
arupps der Zeichenlehrer höherer Schulen, der die Anregung zur 
Wanderausstellung zu danken war, einige prinzipiellere Gedan 
ken. Mut zur Verwirklichung dieser Anregung habe eigentlich erst 
die ministerielle Denkschrift über die Neuordnung des 
preußischen Löheren Schulwesens gegeben, die die KunWcher in 
en«en Zusammenhang mit den külturkundlichen Fächern brmgz, 
statt sie, wie bisher, bloß den technischen Disziplinen Mzuwersen. 
Die Bedeutung eines täglichen Verkehrs der Schüler mit den 
Kunstwerken hervorhebend, sprach er die Ueberzeugung aus, der 
man durchaus beipflichten muß: daß gerade moderne Werke, 
nnd zwar solch- vor allem, die von Künstlern der Stadt her- 
TuhWn unb btt DjvAL vor bokannttn Umwelt verkörpern, ven 
Kindern am ehesten den Zugang zu den Schöpfungen der Kunst 
erschließen mögen Was den künftigen Ausbau der Organyatlon 
betrM so befürwortete er eine gelegentliche Heranziehung der 
alters", von denen bereits Wer zwanzig starke Bande und 
Doppelöände erschienen sind; zum Mitherausgeber gewann er vom 
zweiten Bande an G. v» Hertling, der freilich infolge seiner viel 
fältigen Inanspruchnahme nur einen geringen Anteil an den 
eigentlichen Forschungen nehmen konnte. Ostern 1912 wurde 
BaeunZer, der inzwischen zehn Jahre hindurch das Ordinariat 
Windelbands zu Straßburg innegehabt hatte, an sie Stelle des Zum 
bayrischen Ministerpräsidenten ernannten Freundes nach München 
berufen. War es, wie er selber einmal stlgte, seine wesentliche 
Bestrebung, „bei aller Hochachtung und Schätzung der ... in 
Thomas gipftlnden scholastischen Synthese doch überall den 
lebendigen Reichtum und die volle Lebensspannunq zur Geltung 
zu bringen", die für die mittelalterlichen Denkgebiwe bezeichnend 
sind, so erschöpft sich seine Wirksamkeit doch keineswegs in ihrer 
Bettachtung. Nicht nur widmete er der neueren und neuesten Phi 
losophie eine Reihe von Schriften, in denen er etwa den Posttitvis- 
mus ComLes rmd den Irrationalismus BergsonS bekämpfte, 
auch als selbständiger systematischer Denker trat er — am 
prinzipiellsten in dem Werk „Anschauung und Denken" (1918) — 
zumal auf den Gebieten der Logik und Psychologie hervor. Der 
kritische Realismus, dem er in der Erkenntnistheorie huldigte, 
erwuchs aus einer Metaphysik, die durch ihre theistisch-teleologische 
Begründung eine besondere Färbung erhielt. Unvergleichlich 
starker als der eklektische Systematiker Baeumker allerdings wird 
süßen Lächeln des Kindes, chas hilflos sich stoßen Aßt, kann selbst 
der hattgesoitenste Sünder nicht widerstehen. So wird ihr Weg 
durch die nächtlichen GroßstMstraßen, ihr Aufenthalt in Zu 
fallsasylen, zum Segen derer, denen sie begegnet, und ihre 
AlmungslosigkeiL erweckt Verstockte, die sie zuletzt zum Großpapa 
geleiten, der natürlich ein Millionär ist und dem Enkelchen wie 
seinen Rettern gewiß eine schöne Zukunft bereiten wird. Die 
Sentimentalität des Films Zugegeben — in dieser Sphäre ist 
aber Sentimentalität, nicht allzu stark dosiert, kein Uebel, son 
dern gefordert-—, so bringt er doch in ausgezeichneten Aufnahmen 
eine Dickenssche Begebenheit, die durchaus filmgemäß ist: die 
stumme Wanderung einer Seele durch die periphere Welt. Ueble 
Lokale, Zwischendecks, Straßen um Straßen, Autos, vornehme 
Fnterieuers — das alles entrollt flch in schneller Folge und so 
zufällig, wie es nebeneinander ist — und die einzige Verbindung 
zwischen diesen Impressionen, die wir unsere Welt nennen, stellt 
die Seele her, die durch die Vielfalt der Bilder schweift, um zu 
suchen und zu finden — oder nicht zu finden, je nachdem . . . 
Zwei Lustspiele begleiten den amerikanischen Film. Das 
eine eine Geschichte, die ganz in der Tier.wslt spielt und als 
Haupt-akteure den Affen Fingo und eins hündische Schöne beschäf 
tigt- Diese Individuen, zu denen sich auch Exemplare des 
Hühnerhofes gesellen, sind so gut dressiert, daß sie flch wie 
Menschen benehmen, denen Dressur noch zu wünschen wäre. L^s 
andere Lustspiel: „Brownie als Heiratsvermittlers ist amerika 
nischen Ursprungs und reich an Tricks der verschiedensten ArL^ 
Auch in ihm spielt die entscheidende Rolle ein Hund, der es lat- 
sächlich fertig bringt, zwei Liebende planvoll zu vereinen. Die 
Sache ist ein wenig unsinnig, doch fix und nett. Dem Ganzen 
voran geht ein belehrender Film, der ZoologiebeflissenL über die 
Lebensgewohnheiten von Möven und anderen nördlichen Vögeln 
unterrichtet — schön, aber ein bischen langweilig. ruc. 
t LO- bLL.
        <pb n="55" />
        Künstler selber- als lebendiger Interpreten ihrer Werke und setzte 
sich -auch für die Teilnahme der Eltern an der Kunstbe-Lvachtung 
LM, damit in der Familie fruchtbar fortwirke, was in der Schule 
Mgebahnr werde. 
Die Führu n g durch die kleine Ausstellung, die Werke von 
RutzLaum, Lißmann, Enders, dem früher in Frank 
furt ansässigen Maler BaLLerger, Brasch und anderen ent 
hält- Veranstalters Direktor Prost Wichert- Mit einem pädago 
gischen Geschick, das die Erinnerung an LichLwarrs Uebungen 
im Betrachten von Gemälden heraufbeschwor erläuterte er an 
etlichen Beispielen, wie man die Jugend zu den Bildern hinzu 
leiten habe. Da sie, von dem Formalen zunächst abstrahierend, 
im Wesentlichen auf das Gegenständliche dringe, sei man 
schon Lei der »Auswahl darauf bedacht gewesen, problematische 
Werke, die das Dingliche stark Zurücktreten lassen, nach Möglichkeit 
suszuschalten. Die Unterweisung muffe vorwiegend danach 
streben, die Kinder gleichsam durch das Geschaute hindurch in un-1 
mittelbare Beziehung zur ErscheinungswelL zu setzen, und ihnen 
Freuds einflößen an selbständiger schöpferischer Betätigung. 
Prost Wichert wandle diese allgemeinen Grundsätze in seinen 
Demonstrationen sogleich praktisch an und ergänzte sie durch eine 
ReihZ für den Lehrer wichtiger Winke, die sich Lei der Be- 
Grechung der einzelnen Werke von selber ergaben. Besonders 
instruktiv war seine Erröterung verschiedener aus dem „Expressio 
nismus* hervorgegangener Bilder, die bewies, daß auch diese 
scheinbar schwer zu erschließenden Darstellungen eine Sprache er 
halten können, die sie Kindern schon verständlich macht. Lr» 
lZ2&amp;gt;) I I U-UU-. 
— KahareLLsbend Jssum Selim» Gin KaLarettstar ersten 
Ranges, der Sentimentalität mit Schnödigkeit entzückend Zu 
mischen versteht, das Wienerische in allen Gefühlslagen beherrscht 
und über Mannigfaltigkeit des Ausdrucks und der Gesten mit 
selbstsicherer Koketterie verfügt: das ist Josma Selim. Am 
Flügel begleitete sie Dr. Ralph Benatzky, Autor und Kompo 
nist der von ihr vorgetragenen Couplets, die zum Teil wahre Zug 
nummern sind — ein wenig harmlos freilich, aber das mochte an 
der Auswahl liegen, die dem Geschmack eines guten bürgerlichen 
Publikums zu entsprechen suchte und entsprach. Folgte man an 
fangs willig, so ließ man sich bald hinreißen, als die Selim 
zart-vulgär und frech-verschämt Alt-Wien hervorzauberte, wie 
es sich im Paradiesgart'l erging, wo Lanner und Strauß ihre 
Kompositionen vom Blatt weg aufführten, oder wie es, ein Ge 
misch der Nationen und Dialekte, an der Frühjahrsparade teil- 
nahm, und sich den Liebesgfühlen fo hingab, wie der Begeisterung 
über die Kavallerie und den alten Kaiser Franz. Damit zur 
Munterkeit sich auch Ergriffenheit gesellen, las die Künstlerin unter 
den leisen Klängen der für diesen Zweck eigens zurechtgestutzten 
„Mondscheinsonate" Beethovens Brief an die unsterbliche Geliebte, 
und war es nun der Vortrag, der Text oder die Musik oder dies 
alles zusammen— die Traurigkeit überrieselte einem ordentlich, 
und wer weiß, ob nicht Tränen in das Geriesel sich einmengten. 
Von dieser unziemlichen Vertuschung abgesehen, blieb indessen die 
Künstlerin durchaus in ihrer Sphäre und pointierte die Zeit 
gemäßeren Anzüglichkeiten, die sie im zweiten Teil des Abends 
zum Vortrag brächte, in einem gleich hübschen Gewände und mit 
dem gleichen Charme wie jene Wiener Miszellen. Der Beifall 
&amp;gt; steigerte sich zwischen den „Stammbuchversen" und der „billigen 
Annette" zu ansehnlichen Bekundungen, und der Walzer: „Ich 
muß wieder einmal in Grinzing sein", der den Abend beschließen 
sollte, war noch lange nicht das Ende, soviele Zugaben erklatschten 
sich die in Stimmung versetzten Hörer. raa. 
Z-- Tiere, Menschen- Zirku-Mter. Max Linder in feinem 
Mm: „Der Zir? usksntg" vegiett wahrend dieser Woche im 
Schumans-Lhsatrr und in der R e uen LL chtdühns. 
Es ist gut, daß wir ihn wieder haben, den Stammvater Gro- 
LeKk-Komiker, der über mehr Charme verfügt als Chaplin und ihm 
an DraM? der Vcwcgunß nicht nachsieht. Her Amerikaner ist viel 
leicht konsequenter in seinem erfolglosen Kampf wider die Lücke 
des Maschinenobjekts. doch seine geschickte Tolpatschigkeir schlägt 
leicht in Roheit um, wenn sie obenauf kommen will; Linder da. 
gegen, ihm an Hilflosigkeit inmitten der Menschen und Dinge ver- 
lvandß wird mit feineren Mitteln Meister der Lage. Die ganz« 
WcU hm sich gegen ihn verschworen, nicht zuletzt sein eigener Kör 
per — er ist wirklich ein törichter Hans. Aber der Hans hat Glück, 
er strebt zwar lisch Lächerlichen Dingen, doch es geht wie im Mär 
chen, Las Wunder wird Ereignis. Die Clownerie stiert Satur- 
rralien. Das Zwecklose. Ueberflüssige wird verklärt. Das alles er. 
gib! sich in der sichtbaren Welt, enthüllt sich im WerM der 
Situationen und ist darum mit der Technik des Film- nicht nur 
restlos zu bewältigen, sondern stellt ste überdies vor immer neu: 
Möglichkeiten, UeLct ihr Amräge ohne Zahl. Kamen die Anwesen 
den währwd der Produktionen Linder- aus dem Lachen nicht her 
aus, so blieben ste Lei dem Mm: »Tier- sind Menschen" 
still und ernst, obwohl auch er nach Heiterkeit beflissen trachtete. 
Doch diese angebliche Burleske, die zeigen soll, daß in Kleider ge. 
steckte Tiere sich wie Menschen benehmen, hat eine allzu fadenschei 
nige Handlung, verrat allzu demlich die auf die Herrichtung ver- 
roandte Mühe, als daß sie FröNichkert erwecken könnte. Tiere sind 
eben keine Menschen und erregen menschliche Teilnahme v el 
eher, wenn man sie in ihrem tierischen Sein belaßt, stark sie als 
Ladies und Gentlemen zu kostümieren. rne. 
-« Helden deS Sports und der Liebe. In den Drexel- 
Lichtspielen wickelt sich eine Filmkomsok: ,Das Para 
dies im Schnee" nmch einem Ronran von Ruoslf Strotz) ab, 
über der die Sonne von St. Moritz leuchtet. Sie bestrahlt vor 
allem Bruno Kastner, der als Skiläuser sich intensiver oetätigt 
denn als Liebhaber, was seim weniger Mächtige Braut nicht § 
unerheblich kränkt. Indessen, es handelt sich um eine Komödie, 
und !o nimmt trotz Lller,Jrrungen die Sachs einen guten Ver 
lauf. Die Aufnahmen der winterlichen Hochgebirgslandschaft 
wirken prächtig, die jungen Damen in ihren Sportkostümen nehmen 
sich erfreulich aus und die Gekllschafts'zenen sind das Werk einer &amp;gt; 
geschickten Regie. Alles in allem erweckt das Stück die Lust an 
einem Dezemberurlaub nach dem Eugadin. — In der anderen 
Komödie: „Die Flucht in die Ehe" exzelliert Gunnar 
Tolnaes als ein Graf, der zum Scheine heiratet und dann 
gleich der formal Angetrauten bestrebt ist, aus dem abgeschlossenen 
Zweckverband eine wirkliche Ehe Zu machen. Ernste Hindenüffe 
setzen sich der löblichen Absicht in den Weg, die auf drollige Weist 
überwunden werden. Unter den Episodenfiguren ragt der „Onkel" 
strin rückS hervor, ein eigensinniger Kauz, der indessen für 
rarlere Gefühle nicht unempfänglich ist. Der befriedigende Schluß 
hat zur Folge, daß manche unbefriedigt bleiben, denen man wohl 
auch eine nette Frau gewünscht hätte — aber so ist das Leben. 
5LL. 
l&amp;lt;Z5^ , 2,5 
§ -SO? 
j --- sLudwig Mages im Radios In der „Stunde der Frank 
- furter Ztg." sprach gestern abend der in der Schweiz lebende deutsche 
Philosoph Dr° Ludwig Klages, dessen graphologische Arbeiten 
die Handschriftendeutung Zum ersten Mals durch eine Wissenschaft 
von den Charakteren unterbauten, Zu einer unsichtbaren Radio 
Gemeinde über die Zusammenhänge von Handschrift und 
Charakter. Nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick kenn» 
zeichnete er die Handschrift als eine fixierte Probe der Bewe 
gungsweise eines Menscken. in der, wie in der Mimik, das 
Gepräge seines individuellen Wesens Zu scharf umrissenem Ausdruck 
gelange. Diese gesetzmäßigen Abhängigkeiten der bandschnstlichen 
Bewegungsspuren von dem Charakter, dessen Darstellung sie sind, 
habe er selbe? anknüpfend an die Forschungen Piderits und 
Darwins, in seinem Werk: Musdrucksbewegung und Gestaltungs 
kraft" in weitem Umfang aufgehellt. Die mannigfachen Einwänd&amp;lt; 
dis gegen die Möglichkeit eine? solchen Interpretation der Schrift 
erhoben werden, lehnte Klages sämtlich als unbegründet ab. Man 
! behaupte etwa, daß jede Schreibweise an die Vorlage gebunden 
! sei, nach der man schreiben gelernt habe: gewiß, aber diese Tatsache 
müsse Graphologe eben genau so in Rücksicht ziehen, wie er 
darauf zu achten habe, daß durch das SchreibwerkMg und das 
schreibend^ Organ das seelische Ausdrucksbild leichte Abwandstingen 
erfahren könne. Veränderungen dsr Schrift durch den augenblick 
lichen Gemütszustand seien als solche ohne Schwierigkeit zu er» 
kennen und ließen sich überdies durch die Vorlage mehrerer Schrift 
proben paralysieren. Auf den ernstesten Einwand schließlich, der 
die willkürlichen Abänderungen her SchMzüüe öervorhsbt, 
erwiderte KlageS, daß der geschulte Graphologe über Methode« 
verfüge um die erworbenen Schriftcharaktere von den Ursprung, 
lich-n zu unterscheiden, ja. daß er durch die erworbenen Zuge 
gerade Einblick in wichtige EigenschastSgruppen erhalte. Der 
Redner beschloß seine fesselnden Darlegungen mit dem Hinweis 
darauf, daß dis Zeichenmnde der Seele nur Lnsoweü Erwlge 
verspreche, als sie Hand in Hand gehe mit dem Ausbau der 
Charakterologie. , 
135) i Zo 
WWWe der GemeiMO. 
Von Dr. S. Kraetmer« 
Das deuW Denken der Gegenwart hat seit Ferdinand 
Wnnies svergl. dessen grundlegendes Werk: „Gemeinschaft 
und Gesellschaft") den Begriff „Gemeinschaft" zu einer Kate 
gorie erhoben, die es strikte gegen den Begriff „Gesellschaft" 
setzt. Versteht man unter dieser etwa das anorganische Ge 
triebe der entseelten, nur noch zweckbeKimmten Menschen, 
die sich in der durch Kapitalismus und Technik mechamsterten 
Welt bewegen, so wird jene als das organische Miteinander 
der ganzen Menschen gedacht, die sich in die richtige Ordnung 
zu schicken wissen. Gleichviel, wie man mm Gemeinschaft im 
einzelnen vorwiegend bestimme: ob als eine des Glaubens, des 
Blutes, der Sache — sie erscheint jedenfalls stets als das 
genaue Widerspiel der Gesellschaft, deren schlimme Seiten man 
nur fleht. Hier das amorphe Gemenge der Zu Atomen reduzier 
ten Individuen, dort die Hierarchie sinnvoller Beziehungen 
Zwischen voll entfalteten Menschen; hier die Ausschaltung der 
Innerlichkeit, der Mitteilung nicht gewährt ist, dort ein Ge- 
füge, das auf Innerlichkeit beruht und ihre Kundgabe er 
möglicht; hier im Mittelpunkt wirtschaftliche und technische 
Interessen, die eine lediglich äußere Verbindung zwischen den 
Gesellschaft herstellen, dort eine lebendige Mitte, aus 
ver die gesamte Existenz der zu ihr sich verhaltenden Gemein- 
schasts-Gtieder Kraft und Bedeutung zieht. 
So ungefähr werden die Gegensätze heute empfunden und 
zugespitzt. Und die Jugend zumal, gleich radikal in Kritik 
und Sehnsuckr, trachtet nach einem Gemeinschaftsleben, das 
sie aus der Kälte des leeren Raumes hemussühre in eine Ver- 
bundenheiL, die ihr Dasein durchaus umfängt. Auf vielen 
Wegen wird die praktische Verwirklichung des Ideals ange 
strebt: durch GeflnnungsLünde, durch Siedlungen mehr oder 
minder kommunistischen Charakters und durch eine Reihe von 
Versuchen, die an dem einen oder anderen Punkte, in Fabrik 
oder Schule, die Mechanisierung überwunden möchten und häu 
fig durchtränkt sind von sozialistischen Gedanken- Trotz aller 
Avweichungen in der Einzetaufsassung des Gemeinten ist das 
Ziel Loch immer eines nur: die Begrenzung jener gesellschaft 
lichen Mächte, die man neuerdings^ zu Recht oder zu Unrecht,
        <pb n="56" />
        unter dem Namen „Amerikanismus" zusammenzutassen und ab- 
Zuurtellen pflegt, und -eine Gemeinsamkeit der Menschen, die 
sie ihrer Totalität nach einbegreift. 
* 
Einer Grmemfchastsgier, die sich übersteigert und nur noch 
zur Weißglut erhitzte Zwischenmenschliche Beziehungen gelten 
lassen will, wird der Kölner PrivatdoZent Dr. Hetmuth Pleß- 
ncr in seiner Schrift: „Grenzen der Gemeinschaft" 
(Friedrich Cohen, Bonn) zum Warner. Er erhellt seine 
Stimme gegen „romantische ZrvilisatwnW und 
gegen alle radikalen Utopien, die eine gewaltig Einigung der 
Menschen und eine distamlose Lebensgemeinschaft proklamie 
ren. Ertrügt die Seele überhaupt solche Direktheit? so fragt 
er, und seine Antwort lautet: das GesellschafLZwesen 
! mit seiner Kühle und seinem System der Vermittlungen ist 
als Sicherheitsfaktor menschlicher Würde unerläßlich. Nicht 
nur erscheint jede existentielle Gemeinschaft eingebettet in eine z 
„Öffentlichkeit", die man, da sie nun einmal den notwendigen 
Rahmen der Gemeinschaft selber bildet, keineswegs einfache 
aufsaugen darf — schwände sie hin, so versänke nrit ihr die von 
ihr umgrenzte Gemeinschaft diese Oeffentlichkeit vielmehr 
wird auch aus positiven Gründen von der gleichen Seele ge 
fordert, die über sie hinauszuwachsen und mit den anderen 
Seelen eine Symbiose einzugehen drängt. In einer Betrach 
tung über die Dynamik des Psychischen such nachzuwei- 
sen, daß das Seelische seinem Wesen nach Mischen Eröffnung 
und Verhaüenheit, Zwischen Kundgabe, die es entblößt, und 
Einhüllung, die seine Innerlichkeit vor der Fixierung behütet, 
dauernd umgetrieben werde. Ein dialektischer Prozeß, der 
von sich aus den Bestand gesellschaftlicher Verk^ be ¬ 
gehrt, die der Seele als Bekleidung dienen und ihr die nötige 
Verborgenheit gewähren. So rechtfertigen sich gegenüber den 
einseitigen Ansprüchen derer, die ausschließlich Gemein 
schaft fordern, alle die zivilisatorischen Fakten, die dem Ein 
zelnen den Rückzug in seine eigenste Privatsphäre gestatten: 
das Zeremoniell, das ihm Würde verleiht, ohne daß er 
sein Selbst freizulegen brauchte, und das Presti ge, das ihn 
unangreifbar macht. Der Kern des Wesens ist von tiefer Emp 
findlichkeit, und auch das Herz verlangt Distanz. Darum er 
heischt das Innere, soll es erhalten bleiben und stch auswirken 
können, Takt, Zartheit rmd bergende Schale. Keine andere 
Bestimmung aber haben die Formen und Beziehungen in dem 
Bereich der Öffentlichkeit: sie verhelfen Zur Maske, ste sind 
Spielregeln, die auf den Einsatz des realen Ichs verzichten 
und jedem Spielenden zunächst Ächtung zusichern. Seinem 
wfenhaften Sinn nach ist mithin das Zivilisatorische eine Art 
von „Hygiene fystew der Seele", und gerade die auf 
Gemeinschaft Bedachten müßten es mit aufnehmen, statt durch 
seine maßlose und krampfhafte Abweisung die eigenen Forde- 
rangen um ihre Wirklichkeit zu bringen. 
Diese „Kritik des sozialen Radikalismus" verdient Zur Stunde 
ernste Beachtung, da sie sich wider weit verbreitete Stimmungen 
wendet und bloße Schwärmerei an Besinnung gemahnen 
möchte. Ihr Hauptwerk ist gewiß ein praktischer: daß sie 
die vorbehaltlosen Gemeinscha fts fanatik er in dem 
Glauben erschüttert, die Erscheinungen des gesellschaftlichen 
Lebens seien lediglich Symptome des Verfalls, und Zivili 
sation müsse unter allen Umständen getilgt werden, wenn 
Gemeinschaft heraufwachsen solle. Indem ste die positive Be 
deutung äußerer Formalien und öffentlichen Beieinander^ 
für die Bewahrung existentiellen Seins hervorhebt, verhält sie 
sich ungleich wirklicher als jene Unentwegten, die auf das 
rein Geflnnungsmäßige das menschliche Zusammenleben zu 
gründen suchen, und wie sie etwa „Kultur" hart gegen „Zivils 
Wtion" setzen mögen, so auch „Gemeinschaft" zum prin 
zipiellen Widerspiel der „Gesellschaft" machen, die sie nun in 
Bausch und Bogen verdammen. Pleßner leitet seine Ge 
danken über die seelische Dynamik vorwiegend auf empirisch 
psychologischem Wege ab, statt ste in einem entscheidenderen j 
metaM zu unterbauen; indessen tritt darum 
seine Haltung doch hinreichend begründet hervor. Zu wün 
schen wäre eine stärkere Betonung der Aussage gewesen, daß 
die Sphäre der Gesellschaft nur dann zu Recht besteht, wenn 
eine wirkliche Gemeinschaft sie aus sich hervortreibt, daß sie 
aber die GemeinM erstickt, wenn sie. Selbständigkeit 
sich anmaßt und keine Grenzen mehr findet. 
Von den Begriffen „Gemeinschaft" und „Gesellschaft" 
rammt auch der katholische Theoretiker der Sozialpolitik Karl 
Tunk Mann in dem Werk: „Die Kritik der sozialen 
Vernunft" (Trowitzsch u. Sohn, Berlin) seinen Ausgang. 
Än Tönnies und die Ethik Schleiermachers anknüpfend, ent 
wirft er ein System, das die bisherige „mdivivualiftisch- 
idealistische Geisteskultur" durch eine „sozial-idealistische" zu er 
setzen sucht. Seine Bemühungen' gelten dem Nachweis/ daß 
die menschlichen Beziehungen in gemeinschaftlich-uM 
und gesellschaft^ zerfallen —° beide Arten der Br- 
Ziehungen bestehen Lei ihm wie bei Pleßner immer zusammen 
— und alle Aeußerungen unseres Denkens, Fühlens, Handelns 
entweder auf die soziale Grundform der Gemeinschaft oder 
die der GesM Zurückzusühren sind. Wie jene zum sozio 
logischen Fundament der Religion und der Kunst werde, so 
fei diese die Voraussetzung für Wirtschaft, Recht und Wissen 
schaft. Die Theorie, die derart sämtliche objektiven Geistes 
befunde und subjektiven Verhältungsweisen M Phänomene 
zweier verschieden struktuierter, freilich unzertrennlich zu- 
sammengehöriM Beziehungswelten auffaßt, empfängt ihre 
Besonderheit dadurch, daß sie die Gemeinschaft als solche zur 
letzten metaphysischen Entität erhöht. Tugenden und Laster 
lassen sich nach ihr nur inbezug auf das „Mysterium" des Ge 
meinschaftsganzen unterscheiden, das Zur Quelle aller Wirk 
lichkeiten wird. Religion ist auf Grund dieser Theorie 
nicht die Bildnerin der Gemeinschaft, sondern lediglich ihre 
Funktion, ein soziales Phänomen, dessen Entfaltung durchaus 
abhangt von der Vorgegebenheit der GM selber 
als unableitbar hingenommen werden muß. Einer solchen das 
Gemeinschaftsganze verabsolutierenden Lehre entfließt, natur 
gemäß die praktische Forderung, daß man die Fülle der 
LebenserschNnungen in den vorhandenen konkreten Gemein 
schaften verankere, aus denen auch die rein gesellM 
Bildungen zuletzt ihre Legitimität beziehen. D'e religiösen 
Vereinigungen also sind nach- Dunkmanns (gegen den Pro 
testantismus ausfälliger) Formulierung „um des Volkes 
willen da" und nicht das Volk um ihretwillen, die deutschen 
Volrsstämme haben ein Recht auf gemeinschaftliche Selbständige 
keit, wie überhaupt das Ideal des RechLM 
staat ist, und auch die Koalition der Arbeitnehmer wird sich 
Zur Vermeidung utopischer Zielsetzungen den Volksaemein- 
schaften eingliedern müssen, statt wie bisher allein dem gesell 
schaftlichen Prinzip des Internationalismus zu huldigen. 
Verteidigt Pleßner in aktueller Stellungnahme d'e gesell 
schaftlichen Außenforts des sozialen Verbands, so verlegt 
Tunkmärm in defintim abschlußhafter Weise das meta 
physische Schwergewicht auf die Gemeinschaft schlechthin, der 
er den Charakter der Uebedingtheit erteilt. Insoweit er die 
der soziologischen Betrachtung gesteckten Grenzen nicht über 
schreitet, wird man fein Verfahren nur billigen können, Es 
läßt sich in der Tat nicht wohl leugnen, daß die geM GÄ 
bilde und individuellen Haltungen bis zu einem gewissen 
Grade davon abhängen, ob die Menschen in dem 60U8SQ8U8 
der Gemeinschaft leben oder nur in Meckrationalen Formen 
miteinander verkehren. Mit der Art ihrer Verbundenheit 
mag sich auch in mancher Hinsicht die Verfassung ihres Geistes 
wandeln, und Dunkmann ist durchaus im Recht, wenn er, dem 
Beispiele bedeutender Vorgänger folgend, die Rückbeziehung 
aller Denkergebnifse auf das soziale Ganze fordert, von dessen 
Beschaffenheit die ihre noch zeugen mag. Diese Ableitung hat 
darum ihren guten Sinn, weil das Geistige nicht im Leeren 
wurzelt, sondern stets in irgend einem Zusammenhang mit den 
besonderen sozialen Verhältnissen steht, die es aus sich enLZ 
lassen. 
Aber es ist ein anderes, ob man solche Beziehungen berück 
sichtigt, ohne den: Geiste und den Ereignissen des wirklichen 
Lebens die Selbständigkeit Zu rauben, oder ob man die Ge 
meinschaft an sich zur AbsoluLheit erhebt, und ausschließZ 
lich in ihr sämtliche geistigen Gebilde und Vorkommnisse 
gründen zu können wähnt. Indem Dunkmann die soziale 
Kategorie der Gemeinschaft mit der höchsten metaphysischen 
Würde bekleidet, verleiht er dem soziologischen Aspekt eine Be^ 
deutung, die ihm nie und nimmer eignet. Statt sich bei der 
von der Soziologie rechtmäßig zu leistenden Erkenntnis zu be 
scheiden, daß ein jedes Phänomen auch seine soziale Kom 
ponente Habs, macht er das Soziale zum alleinigen Er 
klärungsgrund der Phänomene und erzielt so ein geschlossenes 
Weltbild, dessen Geschlossenheit aber gerade sein Mangel ist. 
Am krassesten uä adsuräuru geführt wird dieser sozialogische 
Naturalismus durch den hoffnungslosen Versuch einer Fnu- 
Vierung des Religiösen in dem Zum „Mysterium" empor^ 
gesteigerten Gemeinschaftsganzen. Während in Wirklichkeit das 
Religiöse sein Recht aus sich selber hat und viel eher die 
Gemeinschaft sanktioniert, als aus einer vorausgesetzten Ge 
meinschaft erst entsteht, erniedrigt Dunkmann es Zum Derivat 
des sozialen Organismus, der von stch aus als Norm und 
.Wertmesser gar nicht zu dienen vermag. Kaum könnte die 
Soziologie- ihre Grenze schlimmer verletzen als hier. An 
einigen der Folgerungen, so der eindeutigen Zuordnung der 
Religion zur Vollsgesamtheit, erkennt man denn auch spür 
bar den verhängnisvollen Ansatz des Systems. 
Am Schlüsse ein kurzer Hinweis auf das kleine, aristreichs 
Buch Hans Pichlers: „Zur Logik der Gcmein- 
schaft" (I. C. V. Mohr, Tübingen). Es erstrebt die Kenn 
zeichnung des Jdeakgefüges einer Welt, in der die Sätze der 
formalen Logik sich vollkommen zu erfüllen vermögen. "Nach 
Pichler fordern sie zu ihrer Sättigung entweder das anarchische 
Gemenge beziehungsloser Elemente, über d'e das Logische 
despoiisch, verfügen kann, oder die harmonische Gemeinschaft, 
deren Glieder zu dem Ganzen in Beziehung sieden und dank 
ihres Sinngehaltes die Ansprüche d-r Logik gleichsam von sich 
aus befriedigen. D'e Untersuchungen gewähren Einblick in 
die logisch« Struktur verschiedener Sozialgebilde, ohne daß 
damit ihre rein theoretische 2lbsicht ins SosiÄoa^che umgebogen 
würde. Immerhin bezeugen ste, wie wesentlich die Kategorie 
der Gemeinschaft für das heutige Denken ist.
        <pb n="57" />
        großen darstellerischen Leistung würdig an. 
c. 
Drachen 
Das Stachel 
— Stachelschwein.^ Hans Reimann hat die 
Meiste mit dem Main vertauscht und Zugleich seinen sächsischen 
Erweiterung eines KunstgewerLe-Hauses. Die Fankfurter 
Firma H. und S. Langenbach hat die Zahl ihrer Aus 
stellungsgeschosse noch um zwei weitere vermehrt, sodaß sie nun 
ihre Inneneinrichtungen auf sieben Stockwerke verteilen kann. 
Auch bei den neuen Räumen ist Wert darauf gelegt worden, daß 
jeder von ihnen mit den in ihm gezeigten Möbelstücken harmonisch 
zusammenklingt. Wände, Dielen, Beleuchtungskörper: das alles 
ist auf die Schauobjekte abgepaßt, um eine leichtere Beurteilung 
ihrer Wirkung im eingerichteten Zimmer zu ermöglichen. Die ver- 
. schiedene Größenabstufung und architektonische Behandlung der 
Gemächer trägt den mannigfachsten Raumansprüchen Rechnung, 
wie auch das in ihm Gebotene selber vom schlichten Typenmöbel 
an bis zum reichverzierten Stilmöbel vielfältigen Zwecken und Ge-! 
schmäckern Rechnung trägt. j 
Die Zehn G bote. Es ist mit diesem anrerikanischen Monstre- 
film, der jetzt in den beiden Lichtfpiclbühnen d?s „National- 
Theaters" vorgeführt wird, eine eigentümliche Sache. Daß 
er Kitsch sei, steht außer Zweifel; aber damit ist er längst nicht er 
ledigt, wie ja überhaupt der Kitsch nicht durchaus absprech-end be 
urteilt werden darf. Dem Ganzen liegt die Idee zugrunde, daß die 
Zehn Gebote überall und immer unverbrüchlich gelten, und alle, die 
gegen sie freveln, scheitern muffen, ob es sich nun um die Kinder 
- Israel handle oder um moderne Sünder aus San Francisko, die 
! von der Religion nichts mehr wissen wollen. In dem ersten, dem 
biblischen Teil wird tatsächlich das Alte Testament verfilmt: 
Moses beschwört die Plagen herauf, führt die Kinder Israel durchs 
Rote Meer, nimmt auf dem Berge Horeb die zehn Gebote entgegen 
und zerschmettert die Tafeln ob den Greueln seines Volkes^ das 
den Tanz um das goldene Kalb vollführt. Zeichen und Wunder 
darzustellen, ist dem amerikanischen Filmregisseur eine Kleinigkeit: 
die Blitze der göttlichen Allmacht veranschaulicht er mit Hilfe der 
Elektrizität und die Teilung des Meeres wird für ihn Zum ein- 
schwein" umgezeugt. Diese borstige Wochenerscheinung serviert 
den: Publikum ein abwechslungsreiches Menü: als Kors-d'oeuvre 
polnisch? Glossen, dann pikante Gerichte, in denen alle möglichen 
Zeitereignisse verarbeitet sind, satirische Saucen und als Speziäl- 
platte ein kräftig gewürzter Stachelschwein-Salat. Das Ganze ein 
Allerlei — freilich kein Leipziger mehr —, das zumal auf Frank 
furter Gaumen abgestimmt ist- da es Zu nicht geringem Teil sich - 
aus lokalen .Ingredienzien zusammensetzt. Indessen kommen auch ' 
die übrigen Weltbürger bei dem Geratsch und Geruddel auf ihre- 
K sten, denn von Frankfurt aus versendet das Stachelschwein seine 
Pfeile nach allen vier Himmelsrichtungen und erspießt so Ziemlich 
jGes Ding, das zwischen Josma Selim und Pallenberg, Zwischen 
m ' „Lustigen Witwe" und „Lohengrin" seines Weges kreucht und 
fl-MG Die Namen der Mitarbeiter und nicht Zuletzt Reimauns 
Name selber bürgen für die literarischen Qualitäten dieser unter 
haltenden Dvachmsaat. 
— Die Schmetterlingsschlacht. Im Nationaltheater j 
(Skala- und Hohenzollernlichtbühne) wird Sudermanns: 
„Schmetterlingsschlacht" vorgeführt — ein naturalisti 
sches Familiengemälde, das zu sehr auf seelischen Konflikten und 
! dem Hin und Her innerer Zuneigungen und Gegensätze beruht, 
! als daß es ganz in die stumme Optik des Films einzu gehen ver 
möchte. Immerhin, es ist alles geschehen, um die Fabel für den 
Film zu erobern, oder richtiger: die Filmregie hat es verstan 
den. die Handlung so ausgezeichnet zu verdolmetschen, daß es 
mitunter den Anschein hat, als sei sie für den Film erdacht. Es 
handelt sich also diesesmal um einen jener seltenen Fälle, in 
denen der Film einen verhältnismäßig glücklichen Bund mit 
einem Werke schließt, das die Sprache zur unerläßlichen Vor 
aussetzung hat. Das ist freilich die Ausnahme. Denn in der 
Regel entstehen aus solchen Verdoppelungen nur Zwittergebilde, i 
die nicht Fisch noch Fleisch, nicht Film noch Theater sind. Außer 
dem Geschick der Regie, die sich in dem raffinierten Wechsel von 
Großaufnahmen und Gesamtszenen besonders bewährt, hat man 
! den Treffer vor allem den Darstellern zu danken. An ihrer Spitze 
Asta Nielsen, die den Backfisch Rost mit einer Unschuld 
spielt, über der ein rührender Schimmer von Wissen liegt. Rein 
hold Schünzels schamlos prunkende Gemeinheit und Adele 
Sandrocks sorgenbeladene Mütterlichkeit reihen sich dieser 
sRlems MitteLlmrgen^ Unter dem Titel: „Rhyth 
mische Musterkunst der Natur" (Verlag „Der. Konfek-. 
twnär", Berlin) bringt "Georg Piek-Patrik ein von Dr. Fr. 
Kahn bearbeitetes Bündchen heraus,, das dem K u n st g e w e r b e 
neue ornamentale Formen erschließen will. Es führt in die Welt 
d e s M ik r o sk o p s ein und zeigt in einer Fülle von Abbildungen 
die wundersamen Gebilde der anorganischen und organischen 
Natur, die dem bloßen Auge nicht zugänglich sind: Kristall 
motive, Zellkerne, Knochengewebe usw. Gewiß ist, daß von diesen 
noch zu wenig verwerteten individuellen Gestaltungen mannigfache 
Anregungen für den Künstler ausgehen mögen; die Art jedoch, 
in der der Verfasser selber die Naturformen zu kunstgewerblichen 
Zwecken stilisiert, ist nicht eben vorbildhaft, sondern kann geradezu 
als Gegenbeispiel dienen. __ Tr. 
— Die Gefahren der Bcrgt^ In den Olympia -- Licht 
spielen wird ein großer B e r g s p o r t f i lm der Fulag-Film- 
Verlrihgesellschüft vorgeführt, der die mannigfachen Fährnisse 
demonstriert, denen der A pinsst im Winter ausg-esetzt ist. Ein 
KiNM für Bergsteiger, eine Mminstruktion, wie man sie besser 
nicht wünschen könnte. Wie beninrmt sich der richtig Hoch 
tourist, wenn er- als simpler Fußgänger Schneetraversen voll 
bringt, wenn er mit Schneereifen die Hänge ab^ftet, oder auf 
Stiern G'psel erzwingt^ Das alles erfahrt man hier und mehr 
noch: m-an wird auch -aus die Folgen aufmerksam gemacht, die aus 
einem ftMhaften Benehmen erwachsen. Erkraxelst Du unnötiger 
weise vereiste Felsen, so stürzest Du abgrundtief, und beachtest Du 
ächneewäch'en nicht, so geschieht Dir ein Gleiches. Katastrophen 
folgen dem Leichtsinn aut dem Fuß und die Moral liegt auf der 
Hand. Merlans diesem Fim Vorsicht in den Bergen nicht lernt, 
der bleibe besser Zu Hause und genieße die Berge im Film. Frei-'' 
lich genießt er sie schöner in Filmen, die nicht so gar sehr be 
lehrend und fach ich wie dieser sind, sondern das Unterrichtende 
in eine Handlung einigten, die der Unterhaltung dient. Das 
ist etwa der Fall in dem Film: „Die Fuchsjag d", der dem - 
päd-azogischen Großsilm voranaehr und eine heitere JagdunLer- 
nehmung ausgelassener Skiläufer zur Darstellung bringt. Mit 
nahme von Schneebrillen der Winterhöhensonne wegen empfohlen! 
rac. 
suchen Trick der gewiß nicht fo schwer Zu bewerkstelligen ist wie 
manche Verwandlungskünste in einer modernen Groteske. Müh. 
seliger als die Eingriffe von oben gestalten sich schon die dekorativen 
Bauten und Massenszenen selber, an denen 2500Menschen in der kali 
fornischen Wüste mitgewirkt haben. Die Regie hat diese Aufgaben 
vortrefflich bewältigt. Die Nutzanwendung aus jenen biblischen 
Vorgängen zieht der zweite Teil, in dem der Sohn einer frommen 
Witwe Zu ihrem Kummer alle zehn Gebote Übertritt. Die Konse 
quenz ist, daß er elend ums Leben kommt, während seine brave 
Frau mit seinem ebenso braven Bruder auf eine Zukunft hoffen 
darf, die sie endlich vereint. Zum Schlüsse wird noch das Evange 
lium der Liebe hereingezsgen, damit neben der Lehre des Alten 
Testaments auch die des Neuen sich wirksam erweise. Harmonium. 
Finis. — Kitsch also, trotz oder gerade wegen der technischen 
Meisterschaft, mtt 5er Urzeit und Gegenwart hier in Beziehung 
gebracht und abgekurbelt werden. Und dennoch mag diese monströse 
Kombination zu einem primitiven Publikum sprechen und nicht 
die schlechteste Wirkung erzielen. Die faustdicke Direktheit, mit der 
das Filmwerk den Dekalog allen Sinnen eintraufelt — sogar die 
Farbenphotographie wird angewandt — hat etwas Zwingendes 
für naive Naturen, und Zumal die Folge der Sensationen steigert 
gewiß das Interesse für die Moral, .zu deren Glorifizierunq die 
Sensationen ja allesamt dienen. Die Gattung des moralischen 
Kitschs, mit dem sich der Kitsch als solcher natürlich keineswegs 
erschöpft, erfährt jedenfalls durch diesen pompösen Film eine wert-! 
volle Bereicherung. rae. j 
11' 
-- ^Vorlesung Ernst Liffauers.I Ernst Lissauer las 
am Sonntag vormittag im Frankfurter Neuen Theater 
aus eigenen Werken. Die B al l a d e n, die er zu Gehör brächte, 
bannen entscheidende Situationen aus dem Leben Goethes, Napo 
leons, Vruckners, Luthers, um durch solche Verdichtung des sym-! 
bolischen Augenblicks die Gestalten selber ihrer ganzen Existenz 
nach fühlbar zu machen. Start wirkte der zu Anfang des Jahres 
1918 entstandene Einakter: „Die Abrechnung", den Lissauer 
eindrucksvoll vermittelte. Vor seinem Tode enthüllt der einstige! 
Feldmarschall Graf Uorck, was ihn feit seiner Entlassung nach dem, 
Vertrag von Tauroggen wieder und wieder peinigte: daß er von 
einem König verleugnet wurde, der es nicht wert war, König- zu sein.! 
Der auch in Wsrnarck lebendige Konflikt zischen der Ergebenheit des! 
treuen Dieners und dem Rebellenium der mächtigen, verantwortungs-' 
bewußten Persönlichkeit findet hier eine dialektisch zugespitzte dra 
matische Gestaltung. Den Beschluß der beifällig aufgenommenen 
Vorlesung bildeten einige breit hinaelagerte Psalmen. Lr.
        <pb n="58" />
        Langeweike. 
Von Dr. S. Kracauer. 
Menschen, die heute überhaupt noch Zeit z'.rr Langeweile 
haben uno sich doch nicht langweilen, sind gewiß genau so 
langweilig wie die andern, die zur Langeweile nicht kom 
rnen. Denn ihr Selbst ist verschollen, dessen Gegenwart sie 
gerade in dieser so betriebsamen Welt dazu nötigen müßte, 
ohne Ziel und nirgendwo lang zu verweilen. 
Den meisten freilich fehlt es an Muße. Sie gehen einem 
D o'erwrrb nach, bei dem sie sich ganz ausgeben, damit «r vas 
Notwendige ihnen einbringe. Um den leidigen Zwang sich 
erträglicher zu gestalten, haben sie eine Arbeitsethik erfunden, 
die ihre Beschäftigung moralisch verbrämt und ihnen immer 
hin eine gewisse moralische Genugtuung verschafft. Daß der 
Stolz, sich als sittliches Wesen zu fühlen, jede Art von Lange 
weile verscheuche, wäre zu viel behauptet; aber die vulgäre 
Langeweile, die der Tagesfron gilt, kommt nicht eigentlich in 
Betracht, da sie weder tödlich ist, noch zu neuem Leben er 
weckt, sondern nur eine Unbefriedigung ausdrückt, die sofort 
verginge, wenn eine angenehmere Tätigkeit als die moralisch 
sanktionierte sich böte. Trotzdem mögen Mecklchen, die ihre 
Pslicht mitunter gähnen macht, weniger langweilig sein als 
solche, die ihre Geschäfte aus Neigung verrichten. Immer 
tiefer werden diese Unglücklichen in das Getriebe hineingr- 
mengt, sie wissen zuletzt nicht mehr, wo der Kopf ihnen steht, 
und jene ausbündige, radikale Langeweile, die sie mit ihrem 
Kopf wieder vereinen könnte, bleibt ihnen ewig fern. 
Nun ermangelt niemand der Muße durchaus. Das Büro 
ist kein Dauerashl und der Sonntag eine Institution. Grund' 
sätzlich hätte also jeder die Gelegenheit, in schönen Feier 
stunden sich zur richtigen Langeweile aufzuraffen. Indessen: 
man will nichts tun, und man wird getan. Die Welt sorgt 
dafür, daß man nicht zu sich gelange, und nimmt man auch 
vielleicht kein Interesse an ihr — sie selber ist viel zu interes 
siert, als daß man die Ruhe fände, sich so ausführlich über 
sie Zu langweilen, wie sie es am Ende verdiente, 
Wie nun aber, wenn man sich nicht verjagen läßt? Dann 
i t Langeweile die einzige Beschäftigung, die sich ziemt, da sie 
eine gewiss« Gewähr dafür bietet, daß n«n sozusagen noch 
über lern Dasein verfügt. Langweilt« man sich nicht, so wäre 
man vermutlich überhaupt nicht vorhanden und also nur ein 
Gegenstand der Langeweile mehr, was zu Amang behauptet 
wurde — man leuchtete über den Dächern auf oder liefe als 
Filmstreifen ab. Ist man aber vorhanden, so muß man sich 
notgedrungen über das abstrakt« Getöse ringsum langweilen, 
das nicht duldet, daß man existiere, und über sich selber, daß 
man in ihm existiert. 
Am besten, man verbringt den sonnigen Nachmittag, wenn 
alles draußen ist, in der Bahnhofshalle oder besser noch: man 
zieht daheim die Vorhänge zu und liefert sich auf dem Sofa 
seiner Langeweile aus. Umwölkt von tmsteMr, tändelt man 
dann mit den Ideen, die so gar sehr aeotbar sind, und bedankt 
die mancherlei Projekte, die sich ohne Grund wichtig nehmen. 
Schließlich begnügt man sich damit, mchts weiter zu tun al« 
bei sich zu sein und nicht zu wissen, was man eigentlich tun 
solle — sympathisch berührt allein durch den gläsernen Heu 
schreck auf der Tischplatte, der nicht springen kann, weil er aus 
Glas besteht, und durch die Unsinnigkeit eines Kektus-Pflänz- 
chenS, das nichts dabei findet, daß «s so schrullig ist. Un 
seriös wie diese Zlerge'chSpfe, hegt man nur noch eine innere 
Unruhe ohne Ziel, «in Begehren, das zurückgestoßen wird, und 
den Ueberdruß an dem, was ist, ohne zu sein. 
Hat man freilich d!« Geduld, jene Geduld, die zur legi 
timen Langeweile gehört, so erfahrt man Beglückungen, die 
nahezu unirdisch sind. Eine Landschaft erscheint, in der bunte 
Pfauen stolzieren, Menschenbilder neigen sich, die voller Seele 
sind, und siehe, auch deine Seele schwillt, und du benennst ver 
zückt das stets Vermißte: die große Passion. Ginge sie 
nieder, die wie ein Komet dir schimmert, ging« sie ein i*: dich, 
in die andern, in di« Welt — ach, die Langeweile hätte ein 
Ende, und alles, was ist, es wäre ... 
Doch die Menschen bleiben ferne Bilder und am Horizont 
verzischt die große Passion. Und in der Langeweile, die nicht 
weichen will, brütet man Bagatellen aus, die so langweilig sind 
wie diese. . 
I F sd - 
^Londerschau de3 SraäMcheu Bauhauses. &amp;gt; - Zing- 
le? s Kabinett in Frankfurt stellt gegenwärtig Erzeugnisse dcs 
O-'ccr Staatlichen B-auban;es aus. Vorwiegend 
Keramik: große Schmuckvasen, Kannen aller Services, 
Luien und Becher. Tie strenge Sachlichkeit der Gebilde vereint sich 
oft Mit kchonbew-egtem Umriß, und der Verzicht auf Ornamentik 
wird ausgeglichen durch lebendigen Farbenfluß. Gewiß: der Wille 
gtt radikaler Stisi-'erung fnbrt bie und da FehlfoiMen herauf, die 
auch technisch nicht einwandfrei sind; und die ArLvitas der Gefäße 
vunrüge nicht selten Milderung — aber diese Mängel treten nur im 
Gef^ge eines künstlerischen Anstandes und einer Gradhe't auf, die 
man um keinen Preis missen mochte, zumal sie in vielen Fällen (wie 
Lei dem Tecgescmrr aus Messing, aparte und einleuchtende Löchri 
gen zu finden weiß. Die Mehrzahl der Dinge ist in typischen Formen 
2 len und recht daZu geeignet, die mancherlei Greuel zu ver 
drängen. die in den Hausbcht'mgen noch ibl- UnwesM traben 
NcL:n diesen Produkten der Dornburger Töpferei wird Kin 
der Spielzeug dargeboten, d^s bunt uns geometrisch ist und 
der kindlichen Phantasie den größten Spielraum gewährt. Reiz 
voller muten — von einigen Experimenten abgesehen ---die Weh 
stes? an. d^ren Bemustrrung so -fein abgewogen ist wi? die 
Skala der Farbentöne Xr. 
Man schlendert des Abends durch die Straßen, gesättigt 
von einer Unerfülltheit, aus der die Fülle zu keimen vermag. 
Da ziehen leuchtende Worte an den Dächern vorüber, und 
schon ist man aus der eigenen Leere in die fremde Re 
klame verbannt. Der Körper schlägt Wurzeln im Asphalt, 
und der Geist, der nicht mehr unser Geist ist, streift mit den 
aufllärenden Lichtbekundungen endlos aus der Nacht in die 
Nacht. Wäre ihm noch ein Verschwinden gegönnt! Aber ! 
wie der Pegasm, der ein Karussel bedient, muß er im Kreise 
sich drehen, darf es nicht müde werden, vom Himmel hoch 
den Ruhm eines Likörs und. das Locher bestenAünf-Pftn- 
rug-Zigc rette zu künden. Irgend ein Zauber treibt ihn mit, 
den tausend Glühbirnen um, aus denen er wieder und wieder ! 
zu gleißenden Sätzen sich formt. 
Kehrt er zufällig einmal zurück, so empfiehlt er sich als 
bald, um in einem Kino vielgestaltig sich abkurbeln zu lassen. 
Er hockt als künstlicher Chinese in einer künstlichen Opium 
kneipe, verwandelt sich in einen dressierten-Hund, der einer 
Filmdiva zuliebe lächerlich kluge Handlungen begeht, ballt sich 
zu einem Unwetter im Hochgebirge zusammen, wird zum Zic- 
kusartisten und zum Löwen zugleich. Wie könnte er sich der 
Metamorphosen erwehren? Die Plakate stürzen in den Hohl- 
raum, den er selber nicht ungern erfüllte, sie zerren ihn vor 
die Leinwand, die so kahl wie ein ausgeräumter Palazzo ist, 
und wenn nun Bilder um Bilder entsteigen, so besteht außer 
ihrer Unbeständigkeit nichts in der Welt. Man vergißt sich 
im Gaffen, und das große dunkle Loch belebt sich mit dem 
Schein eines Lebens, das niemandem gehört und alle verbraucht. 
Auch das Radio zerstäubt die Wesen, noch ehe sie 
einen Funken gefangen haben. Da viele senden zu müssen 
glauben, befindet man sich in einem Zustand dauernder Emp 
fängnis, trächtig stets mit London, dem Eiffel-Turm und Ber 
lin. Wer wollte dem Werben der zierlichen Kopfhörer wider 
stehen? Sie glänzen in den Salons, sie ranken sich selbsttätig 
um die Häupter — und statt eine gebildete Unterhaltung zu 
pflegen, die ja gewiß langweilen mag, wird man zum Turn-- 
meldfeld von Weltgeräuschen, die, ihrer etwaigen objektiven 
Langeweile ungeachtet, nicht einmal das bescheidene Recht auf 
die persönliche Langeweile zugestehen. Stumm und leblos 
sitzt man beisammen, als wanderten die Seelen weit umher; 
aber die Seelen wandern nicht nach ihrem Gefallen, sie werden 
von der Nachrichtenmeute gehetzt, und bald weiß niemand 
s mehr, ob er der Jäger ist oder das Wild Gar im Cas6, hier, 
wo man wie ein Igel zusammenschnurren und seiner Nichtig 
keit inne werden möchte, tilgt ein bedeutender Lautsprecher 
jede Spur der privaten Existenz. Seine Mitteilungen durch 
walten in den Konzertpausen den Raum, und die lauschenden 
Kellner wehren entrüstet das Ansinnen ab, dieses Mimikry 
eines Grammophons beiseite zu schaffen. 
Während man ein solches Antennenschicksal erleidet, rücken 
die fünf Kontinente immer näher heran. Nicht wir sind 
es in Wahrheit, die »u ihnen ausschweifen, ihre Kulturen viel 
mehr nehmen in grenzenlosem Imperialismus von uns Besitz. I 
Es ist, als träumte man einen jener Träume, die der leere ! 
Magen gebiert. Eine winzige Kugel rollt ganz aus der Ferne 
auf dich zu, sie wächst sich zur Großaufnahme aus und braust 
zuletzt über dich her; du kannst sie nicht hemmen, noch ihr ent 
rinnen, gefesselt liegst du da, ein ohnmächtiges Püppchen, das 
von dem Riesenkoloß mitgerissen wird und in seinem Umkreis k 
vergeht. Flucht ist unmöglich. Entwirren sich taktvoll die 
chinesischen Wirren, so bedrängt sicherlich -in amerikanischer! 
Boxermatsch^std das Abendland bleibt immerdar, ob mag 
es ancrkennt oder nicht. Alle welthistorischen Ereignisse dieses 
Erdballs — die gegenwärtigen nicht nur, sondern auch die 
vergangenen, die in ihrer Lebensgier schamlos sind — haben 
lediglich das eine Verlangen: sich ein Stelldichein dort zu 
geben, wo sie uns anwesend vermuten. Die Herrschaft jedoch 
ist in ihrer Wohnung nicht anzutreffen, sie ist verreist und 
unauffindbar, sie hat die leeren Gemächer längst der Kur- 
prisinK part^ überlassen, die sich in ihnen als Herrschaft 
gebärdet.
        <pb n="59" />
        wie durch die Prägnanz ihres Stils, und sicherten ihm die Wir 
kung in die Breite Zu. Auch als akademischer Lehrer erfreute sich 
Riehl großer Beliebtheit, und seine öffentlichen Vorlesungen zogen 
stets eine stattliche Zuhörerschaft an» Wir werden sein Schaffen 
noch ausführlich würdigen. 
sMois Mehl -j-.l Der berühmte Berliner Philosoph Alois 
Riehl, der im April dieses Jahres noch seinen achtzigsten 
Geburtstag.fAern durste, ist in Neubabelsberg gestorben. GeLürt'g 
aus Bvzen, begann er seine akademische Laufbahn in Graz, von 
wo er 1882 als Ordinarius der Philosophie nach Freiburg 
i. Vr. berufen wurde. Nach weiteren Etappen in Kiel und Halls 
wirkte der Verstorbene vom Jahre 1905 an ununterbrochen in 
Berlin Als Einunddreißigjähriger schon trat Riehl mit dem 
ersten Band seines Hauptwerkes: „Der philosophische Kritizismus 
und seine Bebeutung für die positive Wissenschaft hervor das 
seinen Ruf begründete und ihn in die vorderste Reihe der Denker 
rückte, die sich dia Wiedererneueruna des Geistes der wissenschaft 
lichen Philosophie angelegen sein ließen. Das Werk, tws in diesem 
Jahre, noch rechtzeitig, zur Kantfeier, seine dritte Auslage erlebte, 
sucht die kantische Lehre an den Errungenschaften und Methoden 
der positiven Wissenschaft zu bewähren, es bemüht stch um die 
Herausstellung des Rechtes der Philosophie als strenger Wissen 
schaft unter völliger Wahrung der Rechte aller anderen Wissen 
schaften. Von seinem philosophischen Monismus aus, der beson 
ders den empirischen Faktor der Erkenntnis betonte, analy 
sierte Riehl in seiner „Einführung in die Philosophie der Gegen 
wart" die Denkströmungen unserer Zeit, mit denen er sich auch 
in seinem Buche über Nietzsche an einem entscheidenden Purkts 
auseinandersetzte Diese Werke, die neben seinen systematischen 
Untersuchungen (z. B. den „Beiträgen zur Log'k") erwuchsen, 
zeichnen sich durch die Klarheit ihrer Deduktionen nicht minder aus 
m Totensonntag gedenkt Deutsch 
land aller derer, die im Dienste des 
Vaterlandes ihr Leben dahinge 
gen haben. Nun der Weltkrieg langsam, 
langsam zur Erinnerung wird, füllt Be 
geisterung und Schmähung von ihm ab, 
und man lernt ihn als das begreifen, 
was er gewesen ist: als ein großes stum 
mes Schicksal, vor dem die Kleinheit per 
sönlicher Stellungnahme zunichte werden 
muß. Er hat das Antlitz der Welt ver 
wandelt und in das Schicksal jedes ein 
zelnen gegriffen — was besagt diesem Er 
eignis gegenüber Anklage oder Verteidi 
gung, Herabsetzung oder Triumph? Die 
ihm zum Opfer fielen, sind in ein Ge 
schehen verflochten worden, das viel zu 
gewaltig ist. als daß es mit dem Hader 
der Parteien noch irgend etwas zu schaf 
fen hätte. Es eint sie alle, Freund und 
Feind, zur schweigenden Gemeinschaft 
der Toten, und so sollte es auch die 
Lebenden verbinden, denen nur Ehr 
furcht bleibt vor solchen: Geschick. Der 
Sonntag der Toten sei darum nicht nur 
ein Tag der Trauer und des Gedenkens, 
er sei ein Tag der Einkehr sür/die Volks 
genossen, die den Krieg erfahren und durch- 
litten haben. Sind sie würdig seiner, so 
wird er ihnen Frieden und Eintracht be ¬ 
deuten, denn in dem Schatten des Un- 
gemeinen vergeht ein jedes Gezänk. 
Unsere Bilder zeigen einige Male, die 
zum Gedächtnis der Toten erüchtet wer 
den sind. Die Klagende Benno E l - 
kans, ein vielfach überlebensgroßes 
Bildwerk aus schwarzem polierten Oden 
waldgranit in Völklingen a. d. S., 
ist nicht die Mutter nur, die ihrem 
Schmerz keine Linderung weiß, das ganze 
Saarland scheint in dieser Figur 
verkörpert, das Land mit seiner Erde 
und seinen Bewohnern, öas abgetrennt 
von der Heimat nicht leben kann und 
nicht sterben. — Das Denkmal in Er- 
bach ist eine Schöpfung des Bildhauers 
Glenz. Die männliche Gestalt kau n 
gebeugt, als überwöltige sie der Zug des 
Geschehens; doch sie erliegt nicht dem 
Verhängnis, gefaßt erduldet sie das Be- 
schiedene. — Das steinerne Rund, das den 
Gefallenen des Ins-Reg. 168 gewidmet 
ist, hat im Offenbacher Waldpark 
Aufstellung gefunden Diese vor: Hugo 
Ebcrhardt geschaffene Anlage atmet 
Ruhe und Versöhnung, wie ein sanfter 
Klang entsteigt sie der Landschaft und 
schwillt wieder ab. 
Millionen pilgern am Totensonntag zu 
den Gräbern der Gefallenen oder weilen 
im Geiste an den Stätten in fernen 
Landen, wo sie ihre Lieben gebettet wissen. 
Erinnerung und Gelöbnis: das möge der 
Sinn ihrer Feier sein ___ Xr. 
Von Galizien nach Helgoland Der Film »Kaddisch^ 
(Das jüdische Lotengebet), der in den Ufa-Lichtspielen 
Vorgefühl wird,.macht sich das ostjüdische Lokalkolorit Zunutze, um 
Interesse zu erwecken. Er nennt sich Tragödie, weil er schlecht aus- 
geht: die treibende Handlung nämlich ist das Verschwinden des 
blonden Bürgermeister-Töchte^ das vor d&amp;lt;m Hause des Juden 
Rubin gespielt hat. Die verhetzte Volksmenge bält den Juden,des 
Ritualmords für schuldig, und obwohl der gerechte Bürgermeister 
selber dieses Ammenmärchen verpönt, wird doch die Tochter des 
Juden, die gerade Hochzeit gehalten bat, von den Bauern ^nchlaoen. 
Um die dürftige Begebenheit windet sich eine ausgiebige Schilderung 
jüdischer Sitten und Gebräuche: HeiratsvermiMung HvchMsze'es 
monial, Andachtsübung — das alles wird in breiter ZuständlichkciL 
festgenalten und noch ein Uebriaes getan, um die gedrückte Stimmung 
zu veranschaulichen, in der die Verängstigten leben. Sind die Tvven 
auch charakteristisch, so ist doch das Ganze für den Film durchaus 
ungeeignet, denn nur wirkliche künstlerische Gestaltung kann einen 
Vorwurf meistern, der sein Schwergewicht im seelischen Geschehen 
bit Der Film dagegen ist aus .Bewegung gestellt, und vermag das 
Seelische nur insoweit zu bewältigen, als es in. dem bewegten Außen 
stch völlig erschließt. — In seltsamer Verkovvelung mit dimem 
verisüschen Stück wird ein deutscher Sportfilm gezeigt, der jeden 
geistigen Arbeiter ZM regelmäßigen Verrichtung von Freiübungen 
ermuntern sollte. Man siebt eine Schar junger Männer und Mäd- 
chcn die bei paffender Grammopbonmusi? sich rhvthmUch ertüchtigen. 
Ärs gute Beispiel wird hoffentlich einige Nachfolger zeugen, und 
der Film bewährt sich hie" als ausye^ichneteZ ProvagandamiNel. 
— Ein Helgoland er Film vervollständigt das Programm. Er 
ist sehr belehrend, da er das ganze Gebiet der Insel in Fern- und 
Na^ausnabmen m't veinlichcr Gründlichkeit inventarisiert. naa. 
— lBebra ein Dorfes In einem Aufsatz: „Beüra" lvergl. 
ri. Morgenblatt vom 27. OLbr.) hatte Koch-Wawra über diesen 
allbekannten Eisenbahn-Knotenpunkt Aeußerungen getan, die den 
Bebraer Bürgermeister Kraffke zu einer Berichtigung 
drängen. Man wird aus seiner Erwiderung idie Gewißheit schöpfe, 
daß Bebra über die Schmähung, nur ein Dorf zu sein, in der Tat 
erhaben ist. Ganz abgesehen davon, daß ja auch auf Bebra in 
keiner Hinsicht der Vers Morgenst-rnS zutresfe: 
„Nur die Dörfer seitwärts liegen stille, -» , 
Doch getrost, auch dies ist Gottes Wille." 
Die Zuschrift stellt zunächst fest, daß Reisende über Orte, die 
sie zufällig berühren, häufig ein leichtfertiges Urteil sällten, und 
fährt dann fortN „Wenn Herr Dr. Koch unter anderem sagt: 
„Bebra fei keine Stadt, nicht einmal ein Städtchen", so ist ^daS
        <pb n="60" />
        /5ü! M/V- 
Ole Zukunft des Frankfurter Lunftfchulwesens. 
In der gestrigen Sitzung des Rates für künstlerische An* 
gelegenheiten entwickelte Direktor Pros. Wichert das Pro» 
gramm des zukünftigen Frankfurter Kunstschul 
wesens, zu dessen Neugestaltung er seinerzeit nach Frankfurt 
berufen wurde. Seine Darlegungen ließen erkennen, daß das 
große Projekt bereits ois ins Einzelne durchdacht worden ist. Jnij 
Einklang mit den Richtlinien des Kultusministeriums soll eine 
Allgemeine Kunstschule erstehen, für deren einen Teil 
de^ Charakter einer Hochschule zu erstreben sein wird. Sie 
wird sich in fünf Abteilungen gliedern: die Meisterateliers, vre 
Entwurfs- und Fachklassen, die Werkstätten, die allgemeine Ab 
teilung und die Nebenfächer Wie diese Abteilungen auszubauen 
seipr. wie sie in eine organische Verbindung sich bringen lassen 
und wie schließlich die Schule als Ganzes dem kulturellen 
Leben Frankfurts sich einzufügen hat: hierüber machte Pros 
Wichert ausführliche Mitteilungen, die von der Reife des Planes 
und dem starken Verantwortungsbewußtsein der gestellten Auf 
gabe gegenüber zeugten. Zu hoffen bleibt nur, daß auch die 
Schwierigkeit der Raum frage zu überwinden sein wird. — 
Die zahlreich vertretene Künstlerschaft Frankfurts nahm mit voller 
Zustimmung von dem Gesamtprofit Kenntnis.. Lr. 
r-b - /V 1^5/ - 
-- sChinssisch-s aus Frankfurt.? An Äer Fra n k u r k e r 
Universität hält im Wintersemester der bekannte China 
forscher Dr. Richard Wilhelm eine Reihe von Vorlesungen 
über sein Fachgebiet. Er behandelt die ch i n e s i s che P h i o- 
sophie von ihrem Beginn bis zu der klassischen Epoche des 
Laotse, Kungtss und Moti, würdigt die bildenden K.unpe 
in ihrem Zusammenhang mit der chinesischen Kultur und unter 
sucht weiterhin mit seinen Schülern die chmesWen Quellen des 
Lehrgebäudes von Kungt'e. Schließlich führt er in emem veson- 
deren Kursus an die Anfangsgründe der chinesischen Sprache 
ein. Die Weisheit des Ostens wird durch seine Lehrtätigkeit ihre 
in Frankfurt erhalten. 
sDas Frankfurter Kunstschulwesen»j&amp;gt; Die Neugestal 
tung des Frankfurter Kunstschulwesens scheint nun endlich vor der 
Verwirklichung zu stehem Pros. Wichert, der Direkior der 
Frankfurter Kunstgewerbeschule, der von der Stadt seinerzeit zur 
Durchführung der Reformen nach Frank, urt berufen worden ist, 
entwickelte gestern vor der Frankfurter Künstlerschaft das Pro 
gramm der zrckünftigrn Organisation, das eine Allgemeine 
Kunstschule Vorsicht, deren einer Teil den Charakter einer 
Hochschule tragen soll. Seine Darlegungen bezeugten, daß 
das große Projekt bis inS einzelne durchdacht ist, und verrieten 
ein starkes Verantwortungsbewußtsein der gestellten Aufgabe 
gegenüber. Auch gewann man den Eindruck, daß bei dem vor 
handenen guten Willen die Schwierigkeiten mit der Städelschulc 
zu besiegen sind und die Raum frage kein unüberwindbares 
Hindernis bildet. Die Künstlerschaft gab zu erkennen, daß sie 
das Projekt in seiner Geschlossenheit gutheißt und der umsichtigen 
Tatkraft Pros. Wicherts wl- bisher so auch in Zukunft Vertrauen 
entgegenbringt. Wir werden zu seiner Zeit genauere Mitteilungen 
über die Plane machen. Lr. 
Wahlversammlung der Deutschen Volksxarkei. 
Vorlrag von Minister Booütz. 
— Frankfurt, 27 Novbr. In einer Wahlversammlung 
der.Dru schen VolkspaNei verbreitete sich heute abend Kultus 
minister Dr. Boelitz üb^r die preußische Kulturpoli - 
Lik der letzten drei Jahre. Im Anschluß an die volksparteiliche 
Wahlparole: Schwächung des extremen linken und des e^ remcn 
rechten Flügels, die den vergangenen Reichstag aktionsunfähig 
gemacht haben, Fortsetzung der Politik nach außen und nach in .en, 
wie sie von dem Kabinett" S t r e s e m a n n inauguriert worden 
ist, und die von der Volkspartei stets geforderte Hinzuziehung 
der Deutschnationalen Volkspartei zur Regierung kam er auf sein 
eigentliches Thema zu sprechen. Durchführung der in der Reicbs- 
verfassung geforderlen, schon von Fichte ersehnten Einheits 
schule: das sei der Gedanke gewesen, der ihn während sei-er 
Amtstätigkeit immer beseelt habe. Nach einem längeren historischen 
Rückblick auf die Entwicklung des Gedankens der Einheitsschule, 
dessen Verwirklichung zumal durch das Kriegserlebnis und den 
Zusammenbruch gefördert worden sei betonte er, daß die Ein 
heitsschule ein Doppeltes darstelle: Organisationsprin 
zip und Kulturprinzip. Insofern sie jenes ist, waren noch 
manche tote Stränge zu beseitigen, um sie organisatorisch ans'u- 
banen. So sei es am 7- Oktober &amp;lt;rst zum Glück gelungen, für die 
Lehrer urid Lehrerinnen das Matnrum wurMusehen, auch habe 
man für die Frauen (durch die Mädchenschulreform des v rgan- 
genen Jahres) das gleiche Recht aus Bildung erwirkt wie Mr die 
Männer, und schließlich gewähre man hochbegabten Volksschulen 
durch die Aufbauschulen, die bereis die besten Ergebnisse 
gezeitigt H8 ten, die Möglichk it eines ltebergangs von de^- R^s- 
schule zur höheren Schule W^s nun die Einheitsschule K"l- 
turprimip betreffe, so erwachse aus diesem Prinnv gebieterisch 
die Forderung der deutschen Ratio nalerziehung, eine 
Forderung, die gleich ühr gelte für Volksschule, höhere Schale, 
Universität. Der Minister ging hierauf aus die neugeschalsene 
deutsche Oberschule ?in die d^n Schüler mit d-'m gesam 
ten deutschen Kulturgut Lu einem Ausmaß vertraut machen s^lle. 
wie es das humanistische Gymnasium nun einmal nicht vermöge, j 
und eine der besten Bürgschaften unserer Zukunft seü Weiterhin 
wies er auf die Notwendigkeit des religiösen Unterrichts 
hin. Wo die SimulLanschule gewachsen sei, möge sie unangetastet 
erhalten bleiben Wer ebensowenig dürfe an die ksnfessio« 
nelle Schule gerührt werden,, wo sie von alters her bestehe. 
Schließlich verweilte der Redner noch kurz bei dex Notwendigkeit 
künstlerischer Erziehung und der Pflege der Körperkultur und 
erklärte mit Nachdruck, daß zuletzt alles ankomme auf die freu 
dige Bejahung des Staates, auch wenn man seine 
Dokumentationen nicht überall anerksnn-sn könne. — In der Dis 
kussion hob Dr. Edinger hervor, man könne als Demokrgt der 
Rede in so vielen Punkten zustimmen, daß man zu fragen versucht 
sei, warum Minister Boelitz nicht weiter links stehe. Ein ssM- 
dsmokratischer Redner bedauerte, ohne an den Ausführungen 
selber Kritik zu üben, daß der Redner die soziale Frage nicht an- 
aeschnitten'haLe. Direktor Bieber forderte weitergehende D i f- 
ferenzierung der Einheitsschule und begrüßte die deutsche 
Oberschule. Pfarrer Lücken betonte, daß auf das Dogma der 
vlermhrigen Grundschule im Interesse der schwer ringenden 
Elternschaft verzichtet werden müsse. 
Niddy Jmpeksverr im Mm« Der jetzt m der Neuen 
LichLbühne gezeigte Deulig-Mm: „Armes kleines 
Mädchen" ist eines der wenigen Werke, die dem Wesen des 
Films ganz gemäß sind und nur als WmkomposUwnen überhaupt 
bestehen können- Das Andersen-Märchen gibt die einfache Fabel 
hex von der armen Familie, die der Großstadt ausgeliefert ist: Die 
Mutter (Lotte Wagner) sucht vergeblich Brot für ihre kleinen 
Würmer. Der Vater (Fritz Kortner), ein Straßenhändler. 
Zuckt zum Schmierensteher herab, und die älteste Tochter bietet 
abends Streichholzschachteln auf der WLnterstraße an sie LrN mit 
ihren nackten Beinen durch den Schnee^ sie gleitet an einem Tür 
posten nieder und was sollte nun anderes geschehen, als daß sie 
erfriert? Das ist alles: eine rührende Geschichte und ein Märchen 
gar, denn das Sterben ist nur ein Uebergang zum Himmelreich, 
und das Leiden hier wird gekrönt. Diese Handlung wird vom 
Film ganz in Bewegung übersetzt, in eine Folge von Licht und 
Schatten, einen Reigen der Gestalten im Schnee, ein stummes 
Huschen und Jagen auf Treppen und an Brückengeländern, eine 
rhythmische Verdichtung aller Sichtbarkeiten, die ohne die Beglei 
tung dex Worte zu sprechen beginnen. Niddy Jmpekoven, das 
arme kleine Mädchen, wirkt wie eine unendliche Melodie der Ge 
bärden in diesem Tonwer? aus Hell und Dunkel. Verschüchtert 
hockt sie in der Dachkammer, kahl an Geste wie die abgebröckelte 
Mauer, sie wandelt dann, ein frierendes, lebendiges Chaos, durch 
das drohende Berlin, fleht, wie ein Lichtreslex im Nebel, den 
KastanienverkLufer und den Autogast um eine Gabe an, ihre Blicke 
irren hilflos, Zurückgedrängt von den Hauswänden und der Leere 
zwischen den Menschen, hingekauert entzündet sie ein Schwefel 
hölzchen ums andere, und siehe, aus dieser WirÜichkeit der kalten 
Abendstraße ersteht sichtbar und unmeMch die andere Wirklich- ! 
keit °- ein Wcihnachtsbaum erstrahlt, Lebkuchenmänner umtanzen 
eine gebratene Gans, die sich selber tranchiert, und Zuletzt tut eine i 
wunderbare Treppe sich auf, die wächst und schwillt und gradwegs 
in den Himmel führt, und dic kleine Niddy tanzt, wie sie nm 
tanzen kann, die Stufen hinan, die Kleiderfetzen fallen ab und 
schwebend wallt sie hinüber Der arme Körper aber versinkt im 
Schn«7^Da» schwrdtsch, Lustspiel: .Die Insel der Er. 
füllung' mit Gunnar LolnaeS in der Hauptrolle ist ein« 
Art Zähmung der Widerspenstigen. Ein« schlechthin entzückende 
iunge Frau — reizend zumal im SeemannSkostüm — find«! au 
einem jungen Dichter Freude« der schlechte Verse macht, aber thr 
höheren Geistes scheint als ihr Mann. Wie dieser, em zweiter 
Petrucchio, ste bändigt und wieder für sich gewinnt, wi« er den 
schwärmerischen Poeten mehr oder minder roh lächerlich macht, 
das wird in sechs harmlos vergnüglichen Akten sehr lustig demon« 
siliert, und Tolnaez erhält die erwünschte Gelegenheit, sich als 
Segler« Jäger und überlegener Ehegatte beim Publikum in ein 
Lustiges Licht zu setzen. - Ein Vogel film, der sehr aus 
führliche Biographien aller erdenklichen Vögel der nördliche» 
Zone gibt, vervollständigt das Programm. rao.
        <pb n="61" />
        besser nicht wünschen kann. 
ZWbZrMO. 
Versteht man unter Zauberei die Beschwörung von Gei- 
stern,-die Verwandlung von Menschen in schreckliche Tiere, so ist 
W einte achtend, --atz diese schwarze Magie in unseren fortgeschrit 
tenen Zeiten nichts mehr Au suchen hat. Wer wollte m erner 
Epoche der Eisenbetonbrücken und des Rundfunks dem Manns 
mir der spitzen Mütze und dem Zauberstaö noch Glauben schenken, 
wenn er seine Kreise zieht und in ihnen unerklärliche Phänomene 
ProduAert? Nein, er begegnete der Skepsis überall und seine 
Künste vermochten Zivilisierten Menschen nur ein Lächeln Zu ent 
Locken. 
Bestünde die Zauberei auf jenem alten Hokuspokus, sie wäre 
füglich erledigt. Indessen, sie hat sich modernisiert, sie halt mit dem 
Zengeist Schritt- sie ist zur Technik geworden. Obgleich es als 
Widerspruch erscheint, daß das Hexen ohne Hexerei vor sich gehen 
solle, so ist ihm doch nichts übrig geblieben, als der modernen Ün- 
glärKigkeit Rechnung Zu tragen und sich genau so zu vollziehen 
wie "irgend ein industrieller Prozeß. Nur eben mit einer sollen 
Geschwindigkeit, daß man de einzelnen Phasen deZ Prozesses 
nicht verfolgen kann, und lediglich das glorreiche Endergebnis der 
ManLpulaüonen erfährt. Dieses Ergebnis ist wahrhaft wunderbar, 
rind diese Geschwindigkeit ist die moderne Hexerei. Sie rein 
als Technik Zu bezeichnen, wäre frivol; wie jede hohe technische 
Leistung beansprucht sie bereits den Rang der Kunst, und der Name 
Handkunst bezeichnet sie gewiß am genauesten. Wer weiß, 
auch die Circe war lediglich eine Handkünstlerin, und die in sie 
verliebten Genossen des Odyffeus bildeten sich nur ein, als 
Schweine herumzuwühlen. Irgend ein Trick wandelte ihre Phan 
tasie, und das Gegrunze rührte am Ende gar nicht von ihnen selber 
«er. Heute jedenfalls beruht die Zauberei durchaus auf der Ge- 
Mlcklichkeil in der Anwendung ratioM einsichtiger Mittel und der 
Intellekt wundert sich nur über seine eigenen Wunder. 
Au solchen und anderen Betrachtungen gab die Zauber- 
Pr isat-S o L re e Anlaß, die am Mittwoch Abend von der 
Frankfurter Sektion des magischen Zirkels Leip- 
ßig veanstaltet worden war. Man versammelte sich in einem 
ELMen von besche denen Ausmaßen, und daß man den Künstlern 
— I.-Das schöne DaS von Alexander Koch 
herauSgsgedene Werk: »Das schöne Heim" ist jetzt in einer 
zweiten verbesserten Aussage erschienen, die den knapper zusammen- 
g-efaßten Stoff um praktische Winke bereichert. Den Zeitschriften 
und ALbildungSbLnde» der Kochschen Verlagsar.Mt gesellt sich 
dieses Buch als literarisch er Ratgeber bei. Die man- 
nigkachsten Autoren begleiten in ihm das Werden des Eigen» 
Hauses von seinem embryonalen Zustand im Kopf« des Bau 
herrn an bis zu seiner vollendeten räumlichen Existenz. Nichts 
wird hier ausgelassen, kein Stadium Übergängen. An die Er. 
ört«rung des Bauprogramms schließen sich methodische Er 
wägungen über die Gestaltung der einzelnen Räume, Beleuchiungs- 
und Heizungsfragen werden ebenso eingehend gewürdigt wie 
d-e Aufstellung von Kunstwerken im Heim, und auch di« hausfrau 
lichen Dings, die Anlage des Gartens, die Vorkehrungen für 
Körperpflege finden sich in den Kreis der Überlegungen ein 
bezogen. Den Bauluftigen mag das Kompendium gute Dienste 
leiste». Dir Eigentümer eines Heims wag es anleitsn zu seinem 
BM- , Tr. 
-- s„Armes, klemes Mädchen."^ Der Deulig-FiluE 
„Armes, klemes Mädchen", der jetzt in Frankfurt (in der Nmen 
LichtLühne') vorgeführt wird, gehört zu jenen heute noch seltenen 
Kompositionen, in denen das Wesen des Filmes eins reine Ges 
staltung findet. Die Fabel gibt Andersens Märcken von dem 
kleinen Mädchen her, das im Winter auf den Straßen Schwefel 
Hölzer verkauft und zuletzt erfriert, während die Seele empor« 
geleitet wird in lichtere Gefilde- Der Film übersetzt diese HandZ 
lung in Bewegung, in eine Folge von Licht und Schatten, einen 
Reigen dn Gestalten im Schnee, ein stummes Hasten auf Treppen 
und an Brückengeländern, eins rhythmische Verdichtung aller Sicht« 
barkeiten, die ohne Worte Zu sprechen beginnen. Erscheinung um 
Erscheinung gleitet vorbei, das äußere Leben in seiner Mannig« 
fMgkeit stellt gleichsam selber sich dar — ein unaufhörlich flutender 
Strom peripherer Begebenheiten, aus dem e improvisier* die 
Handlung erwächst, ein Gewebe von Au len, das Schicksal, 
Seele. Wunder hindurch Schimmern läßt. Niddy Jmpekoven, 
das kleine Mädchen, ist die klagende Melodie in dieser Polyphonie 
aus Hell und Dunkel. Kahl -an Geste wie die abgebröckelts 
hockt sie in der Dachkammer, ein frierendes Etwas, so wandert sie 
durch das drohende Berlin, flehend wie ein Lichtrefler im Schnee« 
geftöber spricht sie den Kastanienverkäufer und den Autogast an, 
und ihre Wicke irren angstvoll umher, zurückgedrängt von d^n 
HauZwanden und der Leere zwischen den Menschen. Am Ende 
entzündet sie ein- Schwefelholzchen, sich Zu wärmen, und stehe: die 
Wirklichkeit der Wendstraße verwandelt sich unwirklich in die 
andere Wirklichkeit — ein Weihnachtssaum erstrahlt. Lebkuchen« 
männer umtanzen eine knusperige Gans, die sich selber tranck-ieck, 
und dann tut eine wunderbare Tr^pe sich auf. di» gradweas in 
den Himmel führt, und die kleine Niddy tanzt die Stuten hi an, 
dis Kleid ersetzen fallen ab, und schwebend wallt sie hinüber. Deh 
arme Körper aber versinkt im Schnee» Tr. 
auf die Finger sehen konnte, erhöhte noch den Genuß an iärer 
Fertigkeit, die trotz der Kontrolle wieder und wieder erstaunte. 
Es begann mit Bällen, die ein junger Zauberlehrling, Herr 
Gutelli, nach Gutdünken auftauchen und verschwinden ?etz, 
ohne daß man wußte wohin. Ein beruhigendes Intermezzo führte 
dann sozusagen ins natürliche Leben zurück: Herr Elf e'n- 
heimer zeichnete Karikaturen, oder vielmehr, die Karika- 
tuoen flogen von selber auf das Matt, kaum daß er mit der Kohle 
oarüber fuhr. Wußte man auch woher, so wußte man es dock erst 
nachher, da das Ganze schneller als ein Gedanke Zu Ende geriet. 
Zauberkünstler Lamari. der Veranstalter der Sitzung, Le- 
gleitete mit munteren absichtsvollen Reden Wunderwerke der 
Hexerei. Kein Wort fei verloren über Zauberhafte Nichtigkeiten, 
die mir zum Spiel, zur Uebung gewissermaßen unternommen wur 
den: also etwa das Hervoclocksn von Geldstücken aus der Weste 
des ahnungslosen — eine bene'bensw^ e Fähigkeit, 
Leren Besitz jede andere eigentlich unnötig machen sollte oder 
die Verwandlung einer Karte in eine andere. Wesentlicher schon 
ist eine Produktion wie diese: man steckt in einen Lampeuryflnder 
aus Was drei Tücher --- ein rotes in die Mitte und rechte und 
links davon je ein grünes. Dann schlenkert man den Zylinder ein 
Wenig, und siehe, oder stehe nicht — das rote Tuch in der Mitte 
ist sott. Einfach fort. Hexerei. Der Gipfel ist entschieden die 
Verzauberung eines lebendigen Vögelchens, das in einem grünen 
KäNa Vievü. Mich war es ersstent und fröhlich, nun eine Be- 
z wegung, und der Käfig hat sich in Nichts sufgelE 
nicht mehr existente Vögelchen räücht plötzlich Me^ Hut 
einer fremden Dame wieder auf, piepsend, als ob nichts inzwischen 
geschehen sei. Woher, wohin? Es ist entzückend, daß man darüber 
nicht Nachdenken muß, sondern schlicht sich, sagen dsH, daß die 
moderne Magie HanLkunst sich nennt. 
Auch ein Zusä^uex und Dilettant Wrigens mMete sich 
zu den Karten, ein Liebhaber freilich, der es .mir manchem 
greifen, erfahrenen Zauberer es aufnehmsn magr Herr 
Bruno Fürst, dessen Künste schlechterdings nicht SW- 
rchwejgen zu üoergshsn sind. Er Waltet- mit den KartenfpiLten 
unbeschränkt, und Klaubt man, vierzehn Karten sbgcZMr 'Ku 
^aoen, srnL es in Wahrheit siebzehn gewesen, wovon man 
flch Zu. fernem Leidwesen überzeugen muß. Herr Dr^ Fürst 
YcU eben vierzehn in siebzehn verwandeln wollen, und. da er 
pch niemLis irrt, hat man sich selber geirrt. Dar man Hon 
früher rm Kopfrechnen schwach, so traut man m-Zukunft'M 
simpelsten Additionen nicht wehr und Zweifelt ernsthaft Äran, 
ob zwei mal zwei wirklich vier ergebe. Alles d^ 
Hexerer, dre vor lauter Logik die Gesetze der Lotzi! verwirrt. 
Zum Schlüsse trat der Meister der Zauderer auf, Herr 
srch l^eixier, der mir gutem Grunde VoZA. heißen 
- - ' schmerzlich §S zu bekennen: dock er umstrahlte noch 
terne Vorgänger, die ihm denn auch bereirwillig ihre Huldigung 
erwreWN. Ern distinguierLer Herr, der mit nachlässiger'' Elecänz 
R n oe f ch re l vl rche s erwirkte. Leichte Harr-bewegn n gen, einmal so, 
dann wieder so und aus der Leere des Raumes blättert sich 
-m ganzes Kartenspiel aus, legt sich auf den Tisch, wird von 
neuem ergriffen und verliert sich im Leeren. Die Handfläche 
ratzt me Karten nicht, auch auf dem Handrücken sucht man sie ver- 
gebnch, und zwrschen den Fingern sie Zu vermuten, wäre ein 
Wahn. Sre sind vochanden und doch nicht vorhanden.' Basta. 
Dann wird em Beutelchen vorgewies-en, ein schwarzes BeuteMen, 
von dessen Inhaltslosigkeit jeder sich überzeugen magi Nn 
meiner ^hmS: und aus dem Deutelchen kriechen Bananen ber- 
! ausgerechnet vier, es können auch fünf gewesen 
- steht, naye dabei, man verfolgt die lockeren Gebärden,--ober 
bleM daher, dre Bananen, die nicht sein -sollten, sind. Wun. 
urbare und Kwecklose Ereignisse, die s-chr angenehm Lrü-Hren, 
ryV mancher SfM dem Geiste der Technik entstammt. 
Japan und Amerika. Weder um diplomatische Verwicklungen 
noch gar um einen Konflikt Mischen diesen beiden Großmächten 
handelt es sich, sondern um Zwei Filme, einen exotisch-östlichen 
und einen technisch-westlichen, die im Skala- und im Ratio- 
nallheater vorgeführt werden. Jener: „Lotosblume" 
genannt, ist ein NaturfarLenfilm, der in teilweise ausge 
zeichneten farbigen Bilder die rührende Geschichte einer Keilen 
japanischen Madame Butterfly erzählt. Anna May W sn g, unter-- 
stützt von dem Kinde Moran, spielt die Hauptrolle in diesem er 
greifenden Drama, das sich langsam, langsam entfaltet und sehr 
traurig zu Ende geht. Alles verliert diese edle Blume des Ostens - 
an dem Europäer, der sie geliebt und verlassen hat: ihr Herz und Z 
bM Kind, und nun bleibt ch? nichts M der T^. Ein herz-! 
zerbrechendes Schicksal voller Groß- und Wehmut, das freilich 
allzuMeppend sich gestaltet. — Fixer im Tempo ist der Film: 
Maud Rockfellers Wette", ein entzückendes Lustsmel 
aus der amerikanisierten Welt, in dem Lokomotiven und Börsen- 
Manöver entscheidend mitagieren. Stich Kaiser - Tietz, Be 
sitze? einer LokomöLivenfabrik, erweist sich als Techniker von Ge 
blüt. Die spannende Handlung nimmt ein Ende, wie man es sich
        <pb n="62" />
        den Sinn für die Heimat und die 
rLQ. 
Njm Im Schumann - T'h eurer wird der Film 
„Nju" gezeigt, eine dreisAZ« Geschichte mit schlechtem Ausgang 
nach einem Roman von OM Dymow. Nju, die „unvsrsiaiweue 
Krau*, ein undefinierbares Genusch aus Heüda, Nora und Lulu, 
erblickt „ihn" zufällig auf der Straße, liebt ihn aus diesen Blick 
hin aus Langeweile, verläßt ihren Gatten, wird auch von jenem 
anderen Verlassen und ertränk sich zum Schluß. Votta! Die Ge- 
jchrchte ist ein wenig zu konsistent für den Film, aber Regie und 
Technik übersetzen das Epische in die Bildsolge und geben die 
Zwischentöne, soweit eS nur irgend geht. Der Schwerpunkt rühr 
auf den darstellerischen Leistungen. Conrad Veidt als Verführer 
kehrt den blasierten Weltmann heraus, den man mehr ihm glaubt 
als den- Dichter- Die Nju Elisabeth Bergners mit ihren ge 
schwungenen Augenbrauen und der beredten Rückenlinie ist das 
Weib, das weder Dauer noch Treue erfragt, sondern in der gegen 
wärtigen Leidenschaft allein die Erfüllung findet. Erschütternd 
Iannings als Ehegatte: M Beginn naiv besitzend, gut, aber 
etwas zu sehr tölpelhaft und behaglich dann stutzig und daS Un- 
bcgrMiche kaum erlassend, besinnungslos um sich schlagend spater 
und für Augenblicke Barbar und zuletzt, wenn das Innere dürch» 
brickt, Liebe nur, Mitleid, das nicht versteht, und verzweifelte 
Preisgabe seiner selbst angesichts des Unabänderlichen. —- In 
einem Ekctsch: „Der Befehl" stellt sich dann Conrad VeLdr 
als junger Elregatt^ persönlich dem Publikum vor. Schreckliches 
geschieht mir ihm. Er wird von einem rachsüchtigen Arzt in Hyp 
nose versetzt und muß seine eigene Frau mir dem Papicrmcffer er 
dolchen- weil diese den Arzt verschmäh!, ffntz Odemar gibt sich 
das unheimliche Aussehen des Hypnotiseurs und Krl. O»erhoff 
weiß Würde, Liebe und Angst zu vereinen. Conrad Veldt schickt 
sich in das Unvermeidliche und spielt eS ss glaubhaft wie möglich 
Das Publikum hielt mit Beifall nickt Zurück. rac. 
Wohlauf, nsck getrunken ... In den l! k a - L i ch t s p i e 
len zeigt sick ein Film: „Wein, Weib, Gesang", mit dem 
man aber nicht die ein wenig liederlichen Vorstellungen verbinde, 
der Dreiklang gewöhnlich auTZulösen pflegt. Vielmehr: der 
Film beansprucht die Würde eines deutschen Kulturfilms 
und entrollt mit der ganzen Ack^bmckkit und Gemessenheit dieser 
Gattung. Der vsrm» geschickt- historische Teil mginm wir rs Uch 
ur eine gründliche Darstellung der Geichrchre des Weinbaus 
ziemt, bei Nsah und läßt unter anderem einen wenig dionysischen 
Bacchuszug vor der Kopie eines griechischen Tempels cmsnurr* 
schieren. Der Hauptteil verbreitet stch über den deutschen 
Weinbau in allen seinen Zweigen. Theoretisch ZuMchst: man 
beobachtet die Winzer bst der Arbeit, lernt die Reblaus in Groß- 
ausnahme kennen, studiert die Abwehrmittel gegen die Lchadunge 
ulw. 'Geographisch-kulturell sodann: man durchwanden dre 
schönen Weingegenden Deutschlands, erlabt sich, an Würzburg 
schlendert im MoselLaft folgt dem Nheinlauf und mischt stch überall 
geruhsam unter öie Bevölkerung, die ihre Landessitten enualteü 
Da-MBen eingestreut Erinnerungen, die stch an gewisse Orte und 
Weine knüpfen: Du siehst Schiller leibhaftig und begeistert dich 
ten. belauschst den in einer poetischen Laube sitzenden Scheflel bei 
der Abchi una eines Zeckerliedes und nimmst teil *an jenem ge 
waltigen Truu? des Nothenüurger Bürgermeisters Wusch, der die 
Prominenten der Stadt vor dem Todesurteil durch Tillh errettete. 
Kurzum: ein Schweifen durch Zeit und Raum- ein üppiges Ran. 
kenwerk um das Faktum der Reben. Dazu erschallt, von einem 
unsichtbaren Chor vorgetragen, ein alles Volkslied umZ 
andere, kodaß man in eine rechte Trinkstimmung gerät und Meu- 
ni-ni in das nächste Wirlshaiiz enischlüpfen mochte. Im Enrste 
vcivroüorn: es erscheint fraglich, ob der Film ferne Vestrmmung, 
den Sinn für die Heimat und die Freud? an ihren schönen Gaben 
und Gebräuchen zu erwecken, auch wirMch «Ern lärme. Am 
ehesten dam angeian sind die guten Landmasts- und Stadte- 
bilder und die obM-be Auskünfte über die Tatsachen der Wem- 
ft'ltnr, di- eingedickten unterhaltenden Szenen dagegen erscheinen 
manchmal zu abüchtlich und gestellt. Immerhin mag die Kom 
position ihres sachlichen Gehalts wegen zumal den schulen emp 
fohlen werden. 
Wom Wamne des Bösen". 
Ein ftanzöstscher Autor, Marcel Berg er, gleich aner-» 
kannt als Schriftsteller und als Sportsmann — seine epische 
und seine dramatische Produktion sind der Auszeichnung 
ebenso wert erachtet worden wie seine Leistungen auf dem 
Gebiet des Tennisspielens. der Schwimm- und Boxkunst 
hat diesen Nachkriegsroman: „VomBaumedeS Bösen" 
(übersetzt von Hans Adler, Verlag Carl Schusdek, Wien und 
Leipzig) geschrieben, in dem die Geister der Hölle auf die 
Kriegsschuldigen losgelassen werden. Das Buch tragt im 
Original den Titel: 61&amp;lt;zux trsnidleul"; und in der 
Tat: die Götter der bürgerlichen Gesellschaft stehen hier vor 
einem Gericht, dessen Spruch sie erzittern macht, ehe er stch 
an ihnen vollstreckt. 
Auf dem Loersberg in der Schweiz, einem unzugänglichen 
Felsen von 2000 Meter Höhe, dessen Gipfel nur durch eine 
Drahtseilbahn erreichbar ist, erhebt stch eine Burg aus der 
Feudalzeit, die man während des Kriegs restauriert und in 
ein Luxushotel umgewandelt hat. Ein exponierter Vorposten 
der Zivilisation, der im Sommer 1919 erlesenen Besuch aus 
nahezu allen Ländern Europas ernpfängt: den franzö 
sischen Abgeordneten Marius Dartigues, den deutschen 
v. Weißweiler, den österreichischen Diplomaten Baron Ho!« 
beck, den rumänischen Dichterhelden Titto Vertescu, der mit 
Vornamen auch Gabriele heißen und Italien besingen könnte, 
den englischen Minister Sir Cecil Harbour und andere 
Prominente mehr — niemand ist ausgenommen, weder 
Amerika noch die neutrale Schweiz. Man hat den Krieg im 
Rücken, der Groll von gestern beginnt zu weichen, und das 
unverwüstliche Leben regt sich harmlos und leicht. Marius 
flirtet, Titto rauscht auf prangenden Phrasen dahin, der 
amerikanische Oberst unterhandelt wegen Eisenbahnkonzessio 
nen und ein junges französisches Ehepaar freut sich des siche 
ren Glücks- Lultzuts aorttiulo ein.rs vergeßlichen Geschlechts, 
das der anoerichteten Zerstörungen kaum mehr gedenkt und 
nur leben will, leben. 
Einer aber ist, der nicht vergessen kann, weil keine Zukunft 
seiner wartet: Philipp von La Tour-Ahmon, ein Sterbender, 
dem nicht mehr als zwei.Wochen noch öeschieden sind. Vom 
Tod ereilt, blickt er mit einer von der Angst des Wahnsinns 
übersteigerten Hellsichtigkeit nach rückwärts und in die 
Tiefs, durchdringt die Scheinhaftigkeit des um ihn aufflaUern- 
den Lebens und möchte das entschlüpfende, über ihn himveg-i 
drängende seschalten bei der Erkenntnis, daß es gefrevelt habe 
und nicht davonjagen dürfe, als ob die Welt in ihrer Ordnung 
sei. Evelyns, Titto, Marius, der Großfürst und die andern 
alle.: wie kann diese illustre Gesellschaft, die an dem Unter 
gang der Millionen schuldig ist, wie kann ste, so fragt er v.ev- 
Alveifelt im Angesicht des Todes, Lustbarkeiten jetern hier, das 
Dasein uybedenKich auskosden, weiter zeugen, weiter planen, 
ohne von Entsetzen LNgepackt zu sein über stch selber, ohne im 
VerwesurrMestank zu vergehen, der den Schlachtfeldern wieder 
und wieder entsteigt? „Ist nicht unsere ganze bürgerliche Ge 
sellschaft am Rande eines Abgrundes aufgebaut?" Ist ste nicht 
reif für die Vernichtung? 
Die Frage findet ihre Antwort durch ein Geschehen, das 
kolporbagehast wäre, wenn es nicht ein Künstler gestaltet hätte. 
Philipp bewirtet an einem von dem Hotelier verunstalteten Feste 
die Gäste und das Personal mit Chartreuse, der ein Gift bei 
gemischt ist, das die Menschen zum Auspumdern ihrer ver 
borgenen Gedanken zwingt, bevor es ste in die Qualen des 
gewissen Todes schiL Allmählich erst — niemand ahnt noch 
Aas Verhängnis — wird die Convention verlassen und die 
Orgie des Bekennens hebt an. Der Wahnsinnige schreitet von 
Gruppe zu Gruppe, er befragt jeden einzelnen um seinen. An 
teil an der Schuld, und jeder einzelne entlarvt sich ohne Rück 
halt, o^ne Scham, gesteht, als sei es selbstverständlich so, feine 
Mittäterschaft an dem Verbrechen der vergangenen Jahre: 
Li'to mit Rhetorik, der Großfürst im Suff, der Arzt als Mann 
der Wissenschaft, der Dankes sachlich und schnöd. 
Unaufhaltsam enttollt sich nun das Todesbacchanal, kunst 
reich cwsgenmlt wie der Höllensturz eines Rubensschen Kolm- 
salg -mäldes. D^.s w-^nki du ch die Korridore, wühlt sich durch alte 
Fel enaänge vergeblich in die Tiefe, sucht letzte Liebeswonne 
und erlahm^ vor der Umarmung, geifert einander an, läßt sich 
mitleidlos im Stich und verendet je nach individueller Anlage: 
erbärmlich wie Marius, mtt schöner Gebärde wie der große Poet 
oder mit versöhnendem Heroismus wU der alte französische 
General. Der Schrecken wird gemehrt von dem meuternden 
Personal, das wie ein Spuk auT der Unterwelt die Prunk 
gemächer durchfegt. Niemand entrinnt- LeichenknäueL sind 
der Rest. 
Ein Äuch det Panikstimmung und des Hasses — eines 
Hasses, der rnchr beinahe als gegen die Schuld am Kriege gegen 
Schuld der Vergeßlichkeit stch wendet und ein Leben der- 
Sammt, das dE Tods entläuft. Diese Gesellschaft, die durch
        <pb n="63" />
        stei 
pKe. 
Die 
ark für 
überreichen seu 
-Xr» 
geldes) abgeschlagen. 
Schließlich polemisierte Herr Fronemann noch gegen den 
Rh e i n - M a i n r s ch e n Verband für Volksbildung, 
der aus durckffichiigeu Gründen, zumal in der Frage der Film 
veranstaltungen, dem Wirken der Vereinigung Widerstand ge 
leistet habe. 
Aus Vorschlag des Referenten beschloß man, die Tätigkeit 
von „Kunst und Jugend" vorerst e i n Z u st-e I l e n, und eine 
Denkschrift auszuarbeiten, die den Zuständigen Stellen zu 
den Krieg gegangen ist und ihre Spiele jetzt dort wieder auf- 
nimmt, wo sie unterbrochen worden sind, er verneint sie durch 
aus, er rennt in der Wut der unauslöschlichen Erinnerung 
wider sie an und stürzt sie in den Abgrund hinab, an dem sie 
sich angebaut hat, weil das Nich s ihm existenter dünkt als ihre 
nichtige Existenz. Freilich, die starke Wirkung geht nicht eigent 
lich von der Predigt aus, von dem melvenw mori, daZ hier 
ausgerMrt wird, sondern von der artistischen Formung 
des Untergangs, jener Folge der Szenen, die das düstere 
Sterben schildern. Wie das Kommende sich vörberettet, wie 
die Angst wächst und durch hohle Minuten das Grauen schleicht, 
das Auf und Nieder zwischen Erwartung und Bangigkeit, das 
gemeine, das lächerliche und das erhabene Ende — es ist ge 
bannt, es prägt sich ein. 
Der Haß allerdings redet das letzte Wort und was bleibt, 
ist das NichG. Denn wird das Leben getilgt, das gesündigt 
hat, so erstirbt, auch das Leben, das sich entsühnen konnte. Der 
Dichter, der die reuelose bürgerliche Gesellschaft dem Fege 
feuer überliefert, ist so hingegeben dem Haß, der seiner Liebe 
entspring:, daß er die Liebe vergißt, die den Haß zu beschrän 
ken vermochte. Er selber ist nicht minder vergeßlich wie diese 
Gesellschaft, die er richtet und die zuletzt ihn doch ins Unrecht 
scht, weil mit ihrem durch ihn heraufbeschworenen Untergang 
ia zugleich auch die Möglichkeit ihrer Neugeburt schwindet. 
Wie zwingend immer der Protest gegen ein Leben sei, das 
sich an die Oberfläche verliert — und es ist eine Tat, ihn zu 
erheben in einer Umwelt, die lärmend und stets erneut ihre 
eigene Flachheit bejaht — er hat seine Grenze an dem Bestand 
des Lebens selber, das allein die Kräfte der Umkehr enthält. 
Der Haß des Dichters, der die Vision des endgültigen Todes 
aus sich entläßt, gründet in der Liebe zu den wirklichen Men- 
Wen. die er verschüttet wähnt. Aber diese selbe Liebe muß e 
ihm die Hoffnung geben, daß ein Nest des Guten auch in dem 
schuldhaften Leben noch schlummere, und ihn zurück'chaudern 
lassen vor einem Spruch, den zu fallen ihm N'cht gebührt. Sonst 
eben bleibt das Nichts, das er, ja er gerade am wenigsten meint. 
Dr. S. Krakauer. 
„Kunst und Jugend". 
In einer Sitzung des Rates für künstlerische Ange 
legenheiten erstattete am Mittwoch Herr Fronemann 
Bercht über die schwierige Lage der Vereinigung „Kunst 
und Jugend". Diese im Frühjahr 1921 gegründete Ber- 
-einitzung, ein Abzweig des Rates, darf auf eine ersprießliche 
Tätigkeit Zurückblicken. Sie suchte künstlerische Erziehung Zu 
treiben und bei allen ihren, der Jugendpflege geltenden Be 
strebungen den demokratischen Gedärmen in die Praxis umzu- 
setzen. Da die geistige und die materielle Situation günstig war, 
gelang es, die Jugend mannigfachen Veranstaltungen zuzu- 
führen und vor allem: ihr das Theater zu erschließen. Zuletzt 
gesellte sich der Film hinzu, der sich sowohl in der Jugend 
pflege wre in den Schulen als Lehrfilm sein Publikum eroberte. 
Heute setzt zunächst die Wirtschaftslage diesen ge 
meinnützigen Veranstaltungen ein Ziel. Infolge der Geldknapp 
heit müssen Vorführungen im Abonnement fallen gelassen 
werden, und ber den diesjährigen Weihnachtsdarbietungen etwa 
deckt der Verkauf voll Einzelkarten kaum noch die Selbstkosten. 
Trotzdem vorläufig keine Hoffnung auf Besserung besteht, soll 
Ende Januar 1922 eine „K u n st p ä d a g o g i s ch e Woche" 
staLLfinLen- damit wenigstens das Interesse der Oefsentlichkeit 
an den Veranstaltungen rege bleibt- 
Die entscheidenden Schwierigkeiten rühren freilich von 
anderer Seite her. Herr Fvonemann setzte sich mit der Haltung 
der Schulbehörde auseinander, die in den ersten Jahren 
die Leistungen von „Kunst und Jugend" zwar nicht positiv ge 
fördert, doch auch nicht abgelehnt habe, seit Sommer 1924 aber 
in steigendem Maße die Tätigkeit der Vereinigung unterbinde. 
Zur Rechtfertigung der Behörde könnten höchstens die *urzen 
UnLerrichtsperroden des Kommers und die aus dem einen oder 
anderen Grunde erforderlichen Sonderveranstaltunge der 
Schulen dienen. An der hierdurch in den Schulen erzeugten Un 
ruhe trage aber keineswegs, wie eine Resolution des Lehrerin- 
nenvereins aussage, „Kunst und Jugend" die Schuld. Tatsache 
sei vielmehr, daß die Verewigung mit ihren Vorführungen die 
Jugend keineswegs überlastet habe und man es darum aufs 
lebhafteste bedauern müsse, wenn die Behörden sie jetzt der 
^6^) 
LlmsöubLK in Amerika. Der amerikanische Film: „Die 
junge Stad^, der in den Ufa-Lichtspielen gezeigt 
wird, schildert die. Streiche einer hoffnungsvollen Jungens-- 
bände, in der ein generöser Knabe Kraft seines Charisma die 
^erschuft innehat» Er HM mit den Seinen glo^re'.chs TaUm 
suT und rst trotz mancher nicht ebcn pazifistischer Handlungen 
ein prächtiger Bub, der den Hund Dux, seinen Spielkameraden, 
noch inniger liebt als das Mädchen Mary- das a^s Vertreterin 
1 des anderen Geschlechts nicht überall mittun kann. Man zieht 
auf den KrkHSpfad und srquW voruehmLich durch zxredr» 
feUmug 'Mndlicher Exemplare: eines unleidlichen 
sack-s, dessen ^mische Anmaßung aufreizend wirkt- und eineK 
kleinen Gents, dr:r allzu zart und schicklich da^rstslzLsrr. Wio 
die olympischen Gs-ter den Sterblichen, so entsprechen die dazrs 
gehörigen Eltern an Gesinnung und Lernperarmut ihren Splöß- 
lingen durchaus, und strafend- Lobend sanftigend greifen such sie 
in die Ereignisse ein. Kurzum: es entrollen reizende ZauMub.w- 
geschichten, die zumal dem jugendlichen Publikum nachahmenL- 
wert dünken mögem Ein« andere Frage ist- oh die Verpflichtung 
vor dem KurdAkasten schauspLelernd M freien, Lrn Kindes 
Akteuren selber zum Segen gereiche. Voran geht ein ausge 
zeichneter Film der Zeppelin-Gesellschaft, der die Gesitzchre 
bes Flugs über den Atlantik von Anfang brs zum Ende 
illustriert. Lehrreich zumal ist die Vorführung eines Keinen LM* 
Modells, das wie durch Zautsrhünde sich selber zrffmns 
mensetzl und in allen EinAetheiLen dem Mesenschlsf gleicht. Durch 
solche filmgemäße AuftiahM- die den Eatstehüngsprszeß tech- 
nicher MrLZ ^monstrierem wird das Interesse an diesen g§- 
Möglichkeit beraubten- sich fernerhin nützlich zu erweffen. 
Stadt habe die erbetene Subvention von 15 000 Mar 
Theatervorführungen verweigert und die Schulhehörden die 
Verführung des Zeppelin-Films (wogen der Höhe des Eintritts 
MLrSmß im Rski». Vüma MLnSebergr erzählte 
gestern in der »Stunde der Frankfurter Zeitung* Märchen — 
Märchen, die durch ihre VortragZkunst mit einem Male in der 
Wirklichkeit stunden und nicht lae Kinder eigentlich- sondern die 
Erwachsenen betrafen. Das Grim.nsche Märchen: „Der Räuber 
bräutigam*- das einen Lustmord gestaltet, wurde zur Lagerlof- 
schen Legende, die das Ferne in die Gegenwart zwingt und das 
Gegenwärtige in die Zcitlosigke t bannt. Durch die Klano- 
! abfchattungen der Summe, un' die Modellierung der Wieder- 
I holungen, gelang es der Erzählerin, das unheimliche Geschehnis 
so beängstigend nahe zr. rüärn. daß man es in verzauberter 
Atmosphäre bedrück: erfuy» rnd erlöst das befreiende Wort ver 
nahm. Dann ziselierte sie ein chinesisches Märchen aus, ein zar 
tes Capriccio von einem Kaiser und dem Mond, hell, schwebend 
und leicht hingefaucht wrr auf einr Lackschale mit einigen Strichen 
des spitzen PinM. ree. 
sDer Arzt und die Philosophie^ Die Schrift des Fra -tz 
furter Privatdozenten Dr. Richard Koch: „Das Als-Ob im 
LrzLlichen Deuken" (8. Bd. der Schriftenreihe: „Baus 
steme zu einer Philosophie des Als-Ob". Rösl u. Co., München), 
die von der Gesellschaft der Freunde der Philosophie des Als-Oü 
preisgekrönt worden ist, münsucht die Bedeutung der F ikti o n 
Lildung im Sinne Vaihmgers für die Medizin. Da Koch 
sich damit begnügt, die praktische Anwendbarkeit des FMons- 
begriffs innerhalb eines bestimmten Wissensgebietes aufzuweisen, 
&amp;gt; erübrigt sich die kritische Auseinandersetzung mit Vaihinger selber, 
! die Zu zeigen hätte, daß der in seiner „Philosophie des AlsOb^ 
entwickle FMonalismuS erkermtnistheoretisch unhaltbar ist und 
zu den gewalttätigsten Konsequenzen führt. Die Vsrbogenheit die 
ser Lehre hindert indessen nicht, daß die Ansehung vor? Fiktionen, 
also tue bewußte Bildung von Begriffen, tüe der Realität nicht 
entsprechLn, doch hier und dort ein nützlicher Kunstkniff sein mag, 
um zu fruchtbaren Ergebnissen zu gelangen, und Koch zeigt sehr 
einleuchtend, wie gerade das ärztliche Denken au Schritt und Tritt 
solche Fiktionen benötigt. Seine stets durch Beisviele b leatm 
Ausführungen arbeiten die Hauptformen der ärztlichen Fiktionen 
heraus, prüfen die Notwendigkeit ihrer Beibehaltung oder Aus 
lösung und suchen die fiktive Geltung gewisser me^izi^i^er 
Stammbegrfffe und Grundunterscheidungen darzutun. Eine mit 
Empirie, gesättigte M e t h ode nlehre des ärztlichen Verfahrens 
das Ganze, eine wesentliche Bemühung Zur Klärung der typischen 
Denkvorgänge, die der Mediziner zu vollziehen hat. Uebernimmt 
man die Philosophie Vaihintzers in so eingeschränktem Maße, wie 
Koch es tut, dann haben gewiß seine Worte Berechtigung, „daß 
die Legitimierung des Als-Ob-Denkens für den Arzt eine Be 
freiung ist, daß seine Gedanken damit der Wirklichkeit stärker ange 
nähert werden, als es ohne diese Legitimierung möglich wäre." 
Lr-.
        <pb n="64" />
        <pb n="65" />
        <pb n="66" />
        <pb n="67" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
