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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.05/Klebemappe 1926 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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Zur Recklinghauser Sondertagung des Verbands 
katholischer Akademiker. 
(Von unserem Sonderberichterstatter.) 
ILr Recklirrghauserr, 28.—81. Dezember. 
Der Kongreß, zu dem der Verband der Verein« 
katholischer Akademiker nach ReKinghausen geladen 
hatte, sollte laut Programm die gegenwärtige BildungS- 
kris« mit besonderer Rücksichtnahme auf die künftige AuS« 
gestaltung des höheren Schulwesens vom katholischen 
Standpunkt aus beleuchten. Er beleuchtete indessen nur die 
Krisis, in der sich der deutsche Katholizismus befindet; nicht 
einmal die Krisis eigentlich, sondern die Ohnmacht der Position, 
hinter der sich ein guter Teil des Klerus und der Laien heute 
verschanzt. Die Enttäuschung war umso größer, als man der 
Wahl des Tagungsortes inmitten des rheinisch-westfälischen 
Industriegebiets eine symbolische Bedeutung hätte zutrauen 
dürfen. 
Das Gesicht des Kongresses wurde durch die Verfechter des 
Gedankens der kirchlichen Universalkultur geprägi, 
die schon zu Dantes Zeiten keine unbezweifelba« Wirklichkeit 
aewe en ist. Immerhin besaß der Gedanke damals eine Realität, 
die er zum mindesten eben so sehr seiner Verwurzelung in den 
faktischen wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen wie der 
Tatsache dankte, daß die Kirche im Mittelalter die alleinig« 
geistige Bildnerin war. Man mag es ansehen, wie man wU, 
daß inzwischen die menschliche Vernunft sich autonom gesetzt 
s hat und jene stabilen ökonomischen Zustande, denen noch die 
summn des Thomas entsprach, dem Kapitalismus gewichen 
sind; aber gewiß bleibt dennoch, daß mit dieser Veränderung 
/ , r. 
Verlm: 
L^E,'^ Berlin, am 1. Januar. 
Lange vor Silvester schon Hai sich die Erregung an gestapelt, weil 
die Leute recktz-eMg für ihren Betrieb sorgen mchien. Ihr Beruf als 
Berliner Zwingt sie dazu, auch wenn sie einen anderen nicht haben. 
Die Theater.erwecken alte Possen durch die neuen Stars zu 
Premieren — im Staatstheater das „Weiße. Rößl" mit der 
Sträub, die. Bergner in der Muiggrätzer Straße in einem Nestrsy- 
Schwank. Seit vorigem Silvester bereits alles ausverkaust, das 
Publikum ist es sich schuldig; es lebt nur einmal. Mau beginnt 
also mit dem ungefüllteren Variete, an dessen Fassade der riesige 
Weihnachtsbaum immer noch, leuchtet. Er soll auch in Silvester 
Stimmung versehen, die Direktion deutet ihn aus. Jongleure jong 
lieren, Argentinier sind feurig, Japaner schlagen Räder durch die 
Luft bis nach Amerika. Es ist gar nicht wahr, daß sie immer 
lächeln; auch nicht stereotyp. In Leu. -großen Hotels wird, zu 
größeren Preisen weiter gefeiert: das trockene Kuvert zwischen 
dreißig und vierzig Mark. Irgendwo muß umn Eingehen können. 
Den minderen Schichten läuft ein Gruseln über den Rücken/ das 
ihnen die Freude an ihrer w.sttstädtischen . Existenz erhöht. Als 
Familien und paarweis türmen sie sich in den Lokalen, die Paläste 
sind. Eifrig bemühen sie sich um ihr Amüsement, so schwor es 
ihnen auch wird; niemand hielte sie für Berliner- Sie sind einzig 
in der Provinz, in der sie sich allein glauben, weil sie zu klein ist. 
Der Verkehrsturm hat die ganze Nacht hindurch Arbeit, Silvester 
gibt seinem Dasein erst Sinn. Um zwölf Uhr reißen -die Privat 
gesellschaften vom Wedding bis zum .Kurmrsroudamm die Fenster 
auf und beschwören das neue Jahr ohne Unterschied der Dwi- 
dende. Ein junges Mädchen im Bayrischen Viertel versichert, i 
daß man sich auf der Friedrichs jetzt küsse — alle Menschen 
würden Brüder. Man traut ihrer Unschuld nicht um rollt über 
Lichtreklamen dorthin; auf Lichtschuhen, amerikanisch. Fastnachts 
treiben herrscht, von der Leipziger Straße über die Linden hinaus. 
Die Bürger mittleren Geblüts stauen sich kostümiert, um sich an 
ihrer Menge zu ergötzen und unvorsichtige Zylinder zu beglück 
wünschen. Auch die Schutzleute werfen Papierschlangen von den 
Gäulen und erbauen sich an der Ordnung, nicht von ihnen gestiftet. 
Bekümmert gedenkt man der Provinz. Wo ist sie hingeraten? Keiner 
weiß es. Rechts und links der Friedrichstraße die" Straßen sind 
leer. Wie in Neapel, wo nur die ihrem Heiligen geweihte Gasse 
an seinem Namenstag jubiliert. Jede für sich, Das junge Mädchen 
fühlt sich bestätigt, dem Gassenheiligen wird mit innigem Knallen 
gehuldigt. Wieder .zurück zum Bayrischen Viertel, mitten in ein 
Künstlerfest hinein. Fasching auf Vorschuß, über allen Wipfeln 
Boheme. Auch in den Ecken. Das Lokalkolorit; das je nach dem 
Zirkel verschieden ist, bleibt sich überall gleich. Die Autos erleben 
Triumphe, man zerrt sie sich aus den Händen. Oft Platzt ein Reifen 
vor Stolz, aber auch die Untergrundbahn ist da. Gegen fünf Uhr 
wird es populär, lauter Bevölkerung auf dem Potsdamer Platz, 
Jünglinge von Tietz. Josty hat sich zurückgezogen, in den anders 
Cafes döst man sich durch. Eine Königin im Similidiadem tanzt 
mit einem Schlafburschen; sie ist rosa, er asphaltiert. Die Familien 
brechen auf, zufrieden, daß sie sich amüsiert haben und es jetzt nicht 
mehr brauchen. Auf den Straßen werden heiße Würstchen impro 
visiert. Es ist worden spät, selbst die vereinzelten Damen trifft 
man nur noch vereinzelt. Auch der Betrieb muß einmal ausspannen. 
Allein die Lichtreklamen, von allen verlassen, kreisen mit einigen 
Betrunkenen unverdrossen dem Aschernnttwoch entgegen. 
,z. 
dem Gebäude der kirchlichen Gesamtkultur das tragende Fun 
dament entzogen ist. Die Verselbständigung des Weltlichen hat 
den kirchlichen oräo gesprengt, und die Auflösung d«S Stünde- 
Wesens, das ihm die Stütze bot, läßt sich nicht rückgängig machen. 
Es heißt dieZeitge,bundenh«it der universalistischen 
Konzeption des Mittelalters übersehen, wenn man auf katho» 
lischer Seite unbewegt an ihr festzuhalten trachtet, als ob nichts 
mittlerweile geschehen sei. Eine Starrheit, die davon zeugt, 
daß man die Kirche als Heilinftitution mit der Kirche als 
weltlicher Institution zu identifizieren gewillt ist; denn nichts 
anderes kann die Behauptung oder das Postulat des kirch 
lichen Universolismuz besagen. Die theologische Auseinander 
setzung mit dieser religiös fragwürdigen Auffassung, — frag 
würdig darum, weil sie Kirche und Welt unzertrennlich mit 
einander verquickt, — muß den Katholiken überantwortet wer 
den Ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen be 
treffen die Öffentlichkeit. 
Sie traten während des Kongresses sichtbar zutage. In 
der sicheren Hut, in der man sich glaubte, bekümmerte man sich 
überhaupt nicht um die Welt, wie sie heut« ist, sondern forderte 
zumeist ungesäumt, ohne den Gründen und dem Sinn der 
^Wungskrisis nachzufragen, dir Verwirklichung des eigenen 
-öudungSidealS, das man als einziges Heilmittel der Zeitnöte 
hinstellte. Als bestehe die alte Universalkultur fort, aus der 
man nur zu schöpfen brauche, um die Durchsetzung des Ideals 
sogleich zu ermöglichen, als verlange die Welt in ihrer wirt 
schaftlichen Bedrängnis zuerst nach erneuter Einbeziehung in 
den kirchlichen Ueberbau statt nach profaner Meisterung. - 
Der recht eigentlich unkatholische Mangel an Realitätssinn 
rächte sich, sobald man zur Entfaltung des prätendierten M- 
dungsideals schritt. Wo man es etwa mit der Befangenkeit 
jenes Universalismus aufstcllte, erwies es sich dem Kundigeren 
! von vornherein als eine Illusion. Eine Illusion, die nicht 
! selten zu einem Aburtellen über die Welt verführte, das mit 
l „beschränkt" bezeichnet werden muß, wenn der Ausdruck „lieb 
kos" vermieden werden soll; der Pater Momme Nissen, 
ein Freund des Rembrandt-Deutschen, sprach von dem Teuf- 
^lisch-n und Tierischen, das für viele moderne Menschen im 
Zentrum stehe. In jenen anderen Fällen ober, in denen man 
vorwiegend auf die praktische Bedeutung des autschtbonen 
Blldung§id«üS hinzielte, enthüllte es sich unzweideutig als 
Ideologie des gebildeten katholischen Mittelstandes, der 
das Hauptkontingent der Besucher stellte. Er vertrat mit Anteil 
nahme eine Weltanschauung, die ihm zugleich feine sozial« 
Position zu gewährleisten scheint - eine prästabilierte Harmonie. 
Sie wäre ihm wohl zu gönnen, zöge sie ihn nicht unversehens 
m die Nähe der reaktionären Mächte. 
s 
Ein exemplarischer Beleg für den Illusionismus, der die 
soziologische Bedingtheit aller der Welt zugekehrten kirchlichen 
Institutionen verbannt, war die Rede von I ld ef on S H e r- 
wegen, des Abtes von Maria-Laach. Katholische Bildung 
gründet sich nach ihm in der objektiven Rangordnung der Werte 
wie einzig der Katholizismus sie lehre. Sie zur Darstellung zu 
bringen, bedürfe es des Hincinwachsens der Jugend in vas 
Mysterienieben der Kirche und die Bestimmungen des natür 
lichen Seins. Diese benedik inische Anschauung, die aus dem 
Binnenraum der Liturgie bruchloS auf die Welt übergreiien 
mochte, ist aber zuletzt eine fromme Illusion, da sie die ideale 
Kirche für die reale setzt und über der Kontemplation der ewigen 
Werte des Wandels der Welt und des WandÄS der jeweilig für 
sie geltenden Bestimmungen vergißt. Gegen die einseitige 
Naturverherrlichung fand er gute Worte. 
Daß das Bekenntnis zu einem eigenen katholischen BildungS- 
ideal häufig genug seinen Schimmer einer Klassen-Jdeologie 
leiht, erhellte auS oem Vortmg von Prof. Hermann Platz 
(Bonn) über die Beziehungen zwischen katholischer und 
nationaler Bildung darum besonders deutlich, weil Platz 
im übrigen ein verdienter Vorkämpfer des (freilich bei ihm auch 
ideologisch gefärbten) Europa-Gedankens ist. Er kennzeichnete 
vom katholischen Standpunkt aus den Nationalstaat als gott 
gewollt, insofern dieser ein Mindestmaß echter Güter zu ver 
wirklichen habe, und er beschränkte seine Ansprüche auf Sou 
veränität. Aus dieser formal einwandfreien Charakterisierung, 
die noch gar nichts über den zu verwirklichenden Gehalt aus- 
sagt, folgerte Platz in dem beliebten unmerklichen Uebsrgang 
von der formalen Sphäre zur material-konkreten: daß sie nicht 
nur den Nationalstaat als selbstgesetzliche Größe, sondern auch 
als sozialistische Zwangsbeglückung aus schlöffe; ferner: daß 
Internationalismus „Sünde" sei. Bemerkungen, die desto ver 
räterischer sind, je beiläufiger sie fielen, und jedenfalls über die 
Richtung seines „Eros zum Nationalen" nicht im Zweifel 
lassen. Im einzelnen empfahl er die Weckung des Sinnes für 
die deutsche Landschaft; die Betonung des katholischen Ein 
schlags in der deutschen Geschichte; die verstärkte Achtsamkeit 
auf die Prinzipien der Ordnung und der Gliederung gegenüber 
dem Irrationalismus der Jndividualitätsphilosophie. Wirk 
lichkeitsfremd feine Mahnung, durch Orientierung am Lituri- 
gischen zu einer besseren Behandlung der deutschen Sprache zu
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        Nicht an diesen Rednern liegt es, wenn oben geäußert 
werden durste, daß bei der Tagung die Krisis des deutschen 
Katholizismus selber, wenn auch verschleiert, sich kundgetan 
habe. Vielmehr an jenen wenigen anderen, die eine größere 
Aufgeschlossenheit der Welt gegenüber bezeugten und nicht von 
vornherein auf den Boden einer katholischen Gesamtkultur sich 
stellten, die keinen Boden heute hat. 
Ihnen mag der Tübinger Universitätsprofefsor Paul 
Simon beigerechnet werden. Rügte er auch schärfer noch 
und genauer als Switalski die ministeriellen „Richtlinien", so 
erklärte er doch mit hinreichender Deutlichkeit, daß er an diese 
Kritik die Forderung der Konfessionsschule nicht angeknüpft 
wissen wolle. Er schloß mit der Frage, ob der Katholizismus, 
der seit langem keinen schöpferischen Bildungsgedanken in die 
Welt gesetzt habe, aus eigenen Kräften heute eine höhere 
Schule errichten könne. Indem er seine Antwort verschwieg, 
eröffnet« er sie. 
WaS bei ihm zwischen den Zeilen stand, holte der Kölner 
Studenten-Seelsorger Dr. Robert Grosche iw' Andeu 
tungen hervor. Er stellte freimütig als seine Ueberzeugung 
Fadi kiLOlr Lür 80LL0L0KLS. Bine mterKstis 
Kais LsmmiANF. Band 2, LsrksrMs, i?. Brsrm. 
Z6S Leiten. 22 
Das dahrbuek. kür ZoLiologw, ein nach langer 
Vorbereitung von RroL. Ootttrisd 8 a 1 omon (krank- 
kurt) ksrausgegsbener Lammelband, ist, ein inter 
nationales Onternshmen; es vereinigt — rum ersten 
Ual auk diesem Oediete — Abhandlungen einer 
Reihe europäischer und amerikanischer belehrter 
von Rang. Berücksichtigt man die BcLvüerigkeiten» 
die kiek einem solchen Zusammenwirken gerade in 
nerkalb des sociologischen ^Vissensehaktsbereiehs 
und gerade naoh dem Lrieg entgegenstellen mullten, 
so dar! man das &amp;gt;Verk aus einem doppelten brande 
als ein Versprechen bezeichnen. Nickt nur, dnÜ es 
den Verständigungswillen demonstraidv bekundet, es 
ermöglicht auch den BinbUck in die korsekungL- 
weiss und die Diteratur der versckisdenen linder, 
ist also selber ein denkbarer Vorwurk der boÄologie. 
kr.Lt alle Richtungen der besellsehaitswissensehait 
sind in ihm dargeboten: von der erkenntnistkeors- 
tiscben an, die sieb um BsgriZsbestimmung. ^bgren- 
sung und Methode bemüht, bis su den materialen, 
die sieb, historisch oder aktueU-politisek. mit dem 
konkreten 8toK selber belassen; von der mehr 
pkänomsnologiseken Betrachtung bis Tu der induktiv 
verfahrenden, die sich tiek in die LinLelwiLsenschaf- 
ten erstreckt, ^.uck den veltanschauliohsn Aspekten 
ist einiger Raum gegönnt. Der grollte Enteil ent- 
källt auk die Deutschen; Oarl Lrinkmann, 
kranZ Oppsndsimer, Hermann LantoronieL, Lurt 
RrevLig. kerdinend Ion nies, Dudnig 8tein, Robert 
^Vübrandt haben Beiträge gelieiert, Zumeist solche, 
aus denen sich ihre typische Haltung erkennen lallte 
e st erreich vird durch Aax ^dlsr und Bans 
IretM, Ne -Schweiß durch Karl doel, Robert 
Nickels und 8. D. Duprat vertreten. ^.ullerdem ent 
hält das -lahrbuck Untersuchungen bekannter k r a n- 
2ösisob er, amsrikan iseh er, italie ¬ 
nischer Oelskrter; genannt seien nur die biamev 
von Okarles dides, Okristian Oornolisssn. ^Ikred 
Ricekoro. Okarlss Mlvood. — Die Oebrecksn, an 
denen die 8ammlung leidet, ergeben sich zm einem 
I'eil aus der 8ituation der Boaiologie. Mw andern 
sind sie an Umstände lokalerer btatur geknüpft. Da 
die LoÄologie infolge ihrer 8tellung mischen den 
empirischen ^Visssnsohaften und der Region der all 
gemeingültigen Rrksnntnisss eins kMe von Ge 
sichtspunkten Mällt^ deren gegenseitiger Ausgleich 
durch den Nengel an testen Nallstäben der Beur 
teilung erschwert vird, ist des unvermittelte Keben- 
einander der Rrobleme und ihrer Dösungen unauk- 
kebbar. 80viele Abhandlungen, sovisle Terminolo 
gien; ihre Verschiedenheiten in den vorletzten 
8ehiokten sträuben sich gegen die Iranskormierung. 
Bher abLukelken ist der Dückenkaktigkeit der ^us- 
v^akl. die im Dank der lakre rum vollständigen 
Beberblick ergänzt werden mag. Tuck gedenkt der 
Rerausgeber, in Tukunkt Beiträge über gevüsse 
Iksmen durch ^veehselseitigen Austausch aufein 
ander abrustünmen: vomit immerhin eine frucht 
bare Diskussion erö^net vürde. Der demnächst er 
scheinende 2^veite I'eil des ersten Bandes vürd ver 
mutlich schon einen kortsckritt nach dieser Rich 
tung bin aukveisen, R r- 
lisches Wesen auch Weltgeöffnetheit fordere, nicht aber dem 
Fraktionsger st huldigen heiße. 
Hinter dem offiziellen, nach außen gewandten Gesicht einer 
Tagung verbirgt sich mitunter ein zweites, dem die rechten 
Konturen noch fehlen. Es war zum Glück vorhanden, man 
konnte eS fassen. Opposition regte sich nicht nur in den Korri 
dor-Gesprächen, sie trat auch verhalten in einigen Diskussions 
reden als Warnung vor zu großem Optimismus hinsichtlich 
der Konfessionsschule hervor und äußerte sich lauter in dem 
Beifall, der den Zweiflern an der Tragfähigkeit des katholi 
schen Bildungsgedankens gespendet ward. Im Interesse des 
deutschen Katholizismus selber möchte man wünschen, daß die 
Kreise, aus denen die Opposition stammt — so der um Ernst 
Michel oder der bei der Tagung leider unvertretene München- 
Gladbacher, der wirklich Positives leistet — einen stärkeren 
Einfluß erlangten. Geschieht es nicht, so erscheint eine Zu 
nahme der Erstarrung, eine Vergrößerung der Kluft zwischen 
Kirche und Welt, unausweichlich. 
Als Nachtrag noch: dem Kongreß waren Arbeitsge 
meinschaften angegliedert, die erweisen sollten, wie vom 
katholischen Gesichtspunkt aus die verschiedenen Unterrichts 
fächer zu durchdringen seien. 
erziehen; die nur formvolle Prosa Guardinos und die 
verblaßte ästhetizistische des auch zitierten George ermutigen 
nicht zu solchem Versuch. 
Im Mittelpunkt der von zahlreichen Philologen besuchten 
Tagung standen die Vorträge und Aussprachen ü .er die Kon 
fessionsschule. Auf ausdrücklichen Beschluß hin — 
warum diese idealistische Enthaltsamkeit? — wurde von schul- 
poMschen Erörterungen abgesehen; dennoch hielt es nicht 
schwer, aus den grundsätzlichen Darlegungen die praktischen 
Schlüsse zu ziehen. 
Der Gedanke der konfessionellen höheren 
Schule beherrschte den Kongreß. Ihm verliehen von Amts 
wegen, die Bischöfe von Münster und Osnabrück Ausdruck. 
Ihm sprach als einer der Hauptredner der in der katholischen 
Schulorganisation führend tätige Jesuitenpater Dr. Schrö- 
te l e r das Wort. Gestützt auf die üblichen Argumente des 
traditionalistischen katholischen Universalismus verneinte er 
Len durchgreifenden Anspruch des modernen weltlichen Staates 
-auf Bildungsvermittlung, deren er seiner Natur nach nicht 
fähig sei, und wies ihm etwa die Rolle eines Mäzens an, von 
dem man die Bekenntnisschule im höheren Schulwesen und 
die ausgiebige Subventionierung entsprechender Privatschulen 
fordern müsse. Bekenntnisschulen, wie billig, auch für die 
übrigen Weltanschauungsgruppen, denen ein subjektives Recht 
auf sie zustehe, wenn auch nicht das objektive der Kirche. 
Immerhin gewährte der Redner dem Staat einen gewissen 
Spielraum: er dürfe ein Mindestmaß von Bildung verlangen 
und Schulen auch von sich aus gründen. Das Bedenken seiner 
möglichen Gefährdung durch die Privatschulen wurde mit dem 
Hinweis zu entkräften gesucht, daß gerade Unterrichtsfreiheit 
die nationale Einheit fördere; wobei nur zweifelhaft ist — 
oder vielmehr nicht zweifelhaft — welchen nationalen Par 
teien jene Freiheit hier faktisch zu gute käme: kaum zu er 
wähnen nötig, daß Schröteler gegen die Simultanschule 
protestierte. Er tat es im Namen der Bildung, die lediglich 
innerhalb des katholischen Bannbereichs Einheit, Tiefe, Frei 
heit und Stetigkeit erhalte. Auch in diesem Falle wieder eine 
These, die dem realen Zustand den ideologischen unterschiebt 
und allein unter der Voraussetzung des Fortbestands der 
mittelalterlichen Universalkultur sich erwägen ließe. Da in 
dessen die Voraussetzung unzutreffend ist, wird man schon die 
Simultanschule gelten lassen müssen und der Ansicht des Red 
ners, daß die Konfessionsschule das „Morgenrot der Freiheit" 
bedeute, die Zustimmung verweigern. 
Pros. Switalski (Braunsberg), der etwas zurückhal 
tender formulierte, mündete am Ende in das gleiche Ergebnis 
wie Schröteler ein. Er wandte sich vor allem wider den 
neudeutschen Idealismus, der den „Richtlinien" 
des preußischen Kultusministeriums zugrunde liege. Als 
Gegengift gegen die idealistische Verklärung menschlichen 
Schöpfertums befürwortete er die Aufrichtung eines theozen- 
trischen Idealismus, der den sich allseits von Gott abhängig 
fühlenden Menschen in die Mitte rücke. Was die Konfessions 
schulen betrifft, so unterstrich er, daß sie allen profanen An 
forderungen gewachsen sein müßten. 
.hin, daß es ein eindeutiges, programmatisch festzulegendes 
! katholisches Bildungeideal nicht gebe. Der einzelne Katholik 
müsse daher als Einzelner in die profan« Welt hinein 
steigen, um in ihr, ein in paulinischem Sinn erneuerter Mensch, 
zu wirken. Versteife er sich dagegen auf die Behauptung einer 
katholischen Eigenkultur, so schaffe er nur ein neues Gh etto 
um sich her. 
Daß die Sätze GroscheS von offizieller Seite nicht un 
widersprochen blieben, war zu erwarten. Seiner Auffassung 
mit ihrer Spitze gegen die Konfessionsschule — sie ist den 
jüngst in der „Rhein-Mainischen Volkszeitung" erschienenen 
Ausführungen Ernst Michels über den gleichen Gegenstand 
verwandt — schloß sich noch der bekannte Pfarrer Laros 
an. Er fühlte sich zu betonen genötigt, daß wahrhaft katho-
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        XI 
die Ohren verstopfte. 
Kr. 
NE -DOMEN 
Dis Froado am ZeNonsn msusebUebsu Lärpor ^vLKt! 
§iob in der Lpoebo de6 Lrorts Immsr unvorbMtor 
bervor. Ubvtbmisebs i^vmaastL bat Lalsobs krüdorls 
üder^Qäsv. und iedormovn übt sied darin. an den 
ebonmLLMn Lorpororo Portionen ein rsin ästbstisobes 
WoblLotallon 2U 00261^62. Das ^Lrs in Ordnung, 
^622 di6 80 OösiuntSU nicbt Immor nieder — ^vobl 
auk 6-runä irgend einer Lcbopenbauerseben ^estbe- 
tib — Lmcstllob versieborten, dall ibrs UnbelanKen- 
beit, durcbaus unerotrsob smmomt soü Um so sobliM- 
mor — dark mit Usebt einLov/andt werden. Vielleiobt 
sind sis nirblieb erotiseb unmtsrsssiert bei der Lo&amp;gt; 
traebtun« eines sebonen ^btes: aber ist 6er OsKen- 
ZLt2 von Iiüsternbeil die Vor^Iöledsüllmun^, ja die 
be nullte ^ussebaltunL des Lrotlseben? Äan nird äsn 
Vordaebt mcdt ios, dall (liess ^bsstbetib 62s Oebirn 
nur daram bastrierb Tm. anderen Orts eins deckn 
unbslanMners Lrotib 22 ermösUeben... 
Uns liefen 2nei ^Verbe vor, deren Linlübrun^sn 
üdereinstLmmHuä eMären, dall aUe aueb mir Lm ^e- 
rin^sten srotisob anmutenden ^ulnabmen kern^ebalren 
eeiem ^um (fllüeb straken diese die sebleebte Ibeorw 
I^en, die das Kroüscbe mit dem Krod Lexusilen ver« 
neobselt und unter dem Lünstleiäsoben eins niobts- 
süßende Ikoinbeir wlllverstebt. Oenill, die DarsteHuns 
edler ^aebtbsit soll die UeBerds nlcbt necLsn. ^dsr 
nur denn, nenn das Frotisebs mitLSLedeu ist, nird 
die reine Form LrausuLrent; unterdrückt mau es da- 
oewn LsHisseutlied, so bleibt stiem die leere Form 
^rrüeb, eine Obstruktion, deren linsebuld nlebt eben 
scbner ins Oeniebt källt. vaü der ^EunL vom kal- 
seben tbeoretiseben ^.nsatr LSiübrlieb ist, beweist 
Em Seefilm- Die .S a a l b u r g - LichLspi e l s zeigen ! 
einen- schwedischen Film: „F e u e r an B 0 r'd", eine lang 
gedehnte Erzählung, wie man früher sie liebte. Es kommen Kapi- 
1 töne, Steuermänner und Schmuggelei darin vor; verbunden mit 
Eifersucht und Lokalkolorit entsteht daraus die schleichende Hand 
lung. Alles ohne Aktualität, sei denn für die Bevölkerung von 
Küstenstrichen,, die dergleichen um sich sieht. Au st Schritt und Tritt 
ist zu spüren, daß es hier nichr primär um einen Film, sondern 
um eine altmodische Buchnovelle geht, die illustriert erscheint. 
Die Begründungen sind zu umständlichst die Geschehnisse zu inner 
lich und privat. Der, Film aber verlangt Oberfläche, drastische 
Situationen, die sich im Optischen erschöpfen, und schleunigen 
Fortgang.. Diese schwedische Leistung steht hinter den heute schon 
vielfach verwirklichten Forderungen weit zurück, ihre Ereignisse 
sind gleichsam unter der Zeitlupe ausgenommen und vermögen 
darum Nicht eben zu interessieren. — Ungleich wirksamer ist die 
amerikanische Groteske: „Iimmy imExpre ß". eine Improvi 
sation, die Kollisionen mit den Dingen und Verfolgungen im Ex- 
preßzugs-rmpo bringt. Eine Welt der Oberfläche ist hier gegeben, 
die das schwierige VerM des Menschen zu den Dingen komisch 
aufzeigt. Man muß den Amerikanern dankbar se^ sie diese 
dem Mm zubestimmte Sphäre für ihn erobert haben. Auch die 
putsche FilmproduMon^ inzwischen ähnlich filmgemäße Lew 
stungen hervorgebracht. Sie vor allem sollte man verführen; man 
wird dann auch das Publikum finden.. ' . Es. 
Au dem Golf vou Neapel, mitten in der „Unschuld des 
Südens", liegt ^orreut. Es ist hier so unschuldig nicht, wie 
Nietzsche meinte, aber umso südlicher dafür: verführerischer Farben- 
glauz und eine heitere Oberfläche, hinter der es bedrohlich brütet. 
Bei der Ueberfahrt von Neapel kaun mau die Tücken des Meeres 
erproben; reißt es der Zcrrowo nicht auf, so ist es gewiß von 
unten bewegt. Auch die Haifische bummeln in den blauen 
Gewässern. Der Blick umspannt von Sorrent das Rund des 
Golfes. Unermeßlich die Fülle des Lichts und die gerade noch 
faßbare Weite des Horizonts. Eine Natur mit klaren Umrissen 
und so ganz gegenwärtig, daß sie der Sehnsucht keinen Raum läßt, 
sondern das Leben in den Augenblick bannt. Jeder Augenblick ist 
von dem folgenden verschieden. Die Helle, die den Himmel und 
das Meer beherrscht, begrenzt und löst immer neu, ohne Uebergang, 
ohne Vermittlung. Aus dem Tag, nicht aus der Dämmerung fällt 
die Nacht herein. Der geschwungene Küstenstrich wird in ihr eine 
einzige Lichtlinie, die sich zur glimmenden Fläche bei Neapel dehnt 
und als feiner Strich die Cookbahn auf den Vesuv markiert. Alles 
geschieht plötzlich und vollkommen. Es bedarf der Zeit, um die 
mannigfachen Aspekte ausznkosten. Man muß die langen Vor 
mittage baden und am Strand liegen, sonst erfährt man nicht die 
bestimmende Gewalt des Meeres. Man muß die weiße Landstraße 
begehen und im Auto befahren, die über Posrtano nach Amalfi 
führt, sonst wird man die vielen Schluchten und Einschnitte nicht 
gewahr, aus denen die Konturen sich bilden und ihr stets wandel 
bares Leben empfangen. Man muß sich in den Häusergekrösen 
verirren, da man anders ihr schwammartiges Ineinander nicht 
spürt. Sie haben ihre Geschichte, jeder Fleck hat hie seine. Römer, 
Griechen, Normannen und Sarazenen^haben auf diesem Boden 
Blut vergossen und Friedenskünste geübt. Was sie getan und 
gewesen sind, ist nicht nur in Trümmern versiegelt. Es äußert sich 
in den Qualitäten der Natur, lebt in der Sprache fort, prägt 
die Physiognomien und hie Haltung noch immer. Mitunter bricht 
es heraus als heidnisches Unwesen; als Sinn für die Oberfläche 
und das strahlende Außen ist es stets vorhanden. Illuminationen 
und laute Festlichkeiten sind die Regel, alle Feiertage werden 
verwertet. Der Fremde aber, der dieses Leben mitleöt, mag auf 
der Hut sein, daß er sich nicht berücken lasse. Nahe bei Sorrent 
liegen die Sireneninseln, in deren Umkreis selbst Odyffsus sich 
Eishockey im Sportpalast. 
Berlin, Anfang Januar. 
Die Eisfläche ist spiegelglatt und von einem unirdischen Glanz, 
wie nur Kältemaschinen ihn erzeugen. Grenzenlos dehnt sich ihr 
Oval. Rund um sie schichten sich Ränge an, über denen Galerien 
schweben, die in den Himmel.wallen, der eine rötliche Wölbung 
ist. Ränge und Galerien sind eingefrorene Auswandererscküfse mit 
achttausend Passagieren an Bord. Sie hängen über drs Fallreeps, 
stauen sich an den Geländern, recken sich auf den Tischen und 
Stühlen. Harmonien dieser Sphären, von einem Orchester im Welt 
raum geliefert, toben sich aus. 
Die Achttausend blicken auf die Eisfläche, die trotz der Hitze un 
gerührt glänzt. Was hat sie hergetrieben? Was sie bewogen, sich als 
Riesenschlangen vor den Villettschaltern lPtge Stunden zu 
krümmen? 
Ein Nichts. Ein einziges schwarzes Scheibchen, ein abstraktes 
Etwas ohne jede innere Bedeutung. Es könnte der Knopf eines ab 
geschabten Mantels sein, den man demnächst verschenkt. Der Verlust 
des Knopfes hätte keinerlei Folgen. 
Wer vermochte ein Nichts achttausend Menschen zu bannen? 
Es muß ein Zauber sein, ein böser oder ein guter, man weiß 
es nicht. Tatsache ist: kaum wird das Scheibchen behutsam auf die 
Eisfläche gesetzt, so ertönt ein Pfeifen, und zwei Parteien streiten 
sich um seinen Besitz. Sie tragen der Kälte wegen bunte Sweaters 
und suchen mit seltsam geformten Stöcken das unscheinbare Ding 
zu erjagen. Aus Gründen der Schnelligkeit haben sie Schlittschuhs 
angeschnallt; auf einer Wiese ginge es leichter. 
Die Achttausend sind von der Kampfwm gepackt. Sie empfinden 
so wenig Mitleid mit dem Scheibchen, als sei es ein Stier. Dabei 
ist das Scheibchen viel zarter, ein Däumling, in seiner Winzigkeit 
kläglich. Seine Bemühungen, sich dem Kesseltreiben M entziehen, 
sind vergebens. Ob es sich, seine Kleinheit nutzend, unsichtbar 
macht, ob es mit einem Satz durch den Aether fliegt — die Weiß 
roten und die Schwarzweißen sind unerbittlich hinter ihm. her. 
Die Achttausend jubeln: es ist eingefangen- Gefangen in 
einem der beiden mächtigen Tore, ihm Zum Gefängnis bestimmt. 
Das Schicksal hat es gewollt; der Sachverhalt wird aufgeklärt 
werden. Man wird ihm nun seine Ruhe lassen, es zähmten viel 
leicht. 
Schlimmeres begibt sich. Fm Ueber euer der .Rümpfenden setzen 
die Peiniger das Scheibchen von neuem inmitten der glänzenden. 
Leere aus. Achttausend Augenpaare sind auf das Ding gerichtet, 
G möchte vergehen vor Scham. Schläge und Gegenschlägo wieder 
holen sich, die Katzen spielen mit der Maus. Geschrei auf den 
Galerien, die Ränge schwanken, der Himmel stürzt ein. 
Warum die Erregung? Wo doch nachgerade die Gewißheit 
sich befestigt, daß das Scheibchen kein Zauber ist, weder ein guter 
noch ein böser. Es hatte sonst die Achttausend geneckt, WLrrsal 
zwischen den Parteien gestiftet und zuletzt, sich heiter von bannen 
getrollt. Nein, ein Kobold kann es nicht sein, seine Ohnmacht 
liegt an dem Tag. 
Wenn es aber nur ein abstraktes Etwas ohne jede innere Be 
deutung ist: was in aller Welt haben die Weißroten und die 
Schwarzweißen mit ihm zu schaffen? Noch dazu auf einer Kunst 
eisbahn, die fo viele unnötige Schwierigkeiten bereitet? Von den 
Achttausend zu schweigen, die an der Fahrt nicht' einmal unmittel 
bar beteiligt sind. Geschieht das alles, weil Sonntag ist und an 
einem Sonntag etwas geschehen muß? Niemand weiß es. Die 
Harmonien dieser Sphären tönen fort und fort. 
Gesellsck-stedrama. Das in den Alemannia« 
L1ÄNpr e l e n gezeigte ^ilmstück: »Der BastarP" ''sr E 
tener Romanhandlungen, die einem etwa während der WsenbabM 
fahrt dre Zeit vertreiben Man verfolgt sie ohne sonderliche 
Spannung, b.elbt "Ar immerhin gespannt genug, ,yn das Buch 
zu lesen. Es appelliert an die Muttergefühle. Eine Mutter ist 
öem B-uer ibres Kindes verschrieben, der sie betrügt, während ei» 
lw lrebt. Nun verliert sie das Kind bei einem" Schiffs- 
^d'Und die Spannung empfängt ihre Nahrung hauvtkgcblick aus 
: Fdes «Michens und endlichen Findens. Eins Nntcr- 
wird gut gespielt, soaar daS 
Epische ist durch cmen Chinesen vertreten und im Lünterarunk 
leuchtet der Eiffelturm, Erich Kaiser-Tietz 
L d c u hrcw h agc w h i l t in tt g mv i o t n R eM iz an d n i e i S n kÄ seaine d rer G G emeei f n L heit die ^acobint 
gut. — L-as Veiprogrmmn bringt eine Er"-GrotE mnüiant 
-me immer, wenn man Harald Llohd in WMnden ZL 
- VL03-.
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        rumaL cvs 1Uus1,rLti0N8-MLpDo: „L.ün8rLsrrseüs 
Hctaukuakms u"» dib 24 Xunksrtiskdi'uek-ll'LlsIn 
naek ?koto,araokisu Draus Disdlsrs-Drssdsu 
entkalk (Zsrliu. Duion Dsutseks VsrlaasAsssUsekakt. 
In Uauvs 14). Nedsu ausKsrsiekustsu Vildsru 
sskousr ^sidlieksr ^.kts drinsck sis eimss „Lomoosi- 
tiousu" mit ^sstsUtsn Diaursu, die r^ar uiekt 
..srotisek". aber dakür auek Lsiuss^s^s Lüustlsrisek 
v^irksu. In dom Ksstrsbsu, aus dem Medium der 
Ziuuliokksit 2ur Idee auksustsissu. statt disss in 
jenem Zu vSMMn^Z rillen, verksklsu sie nickt nur 
den Zinn der ^Kt-Dardisturm, sondern Llsick sskr den 
der Kkoto^rapkis: die imiuausuts Kacke ist. daü sie 
den ^.nseksln von Ksnroduktiousu minderer OsmÄds 
erlLnMn. — Das anders umlLnMckere Wsrk „D a s 
Ws i d" aus der Lammluns ..Natur und Kultur" (Ber 
lin, Luekverlas dsr Osssllsokakt Zmr VerkreitunK klas- 
siseksr Knust. 6sd. 25), das 120 von Dr. Kstsr 
Dando^ au3L6^LKIle Xuknakmen vorkükrt, ks- 
sekrLnkt kiek käst durek^ss auk die Wiedergabe der 
^kts, okus icünstliek Lu grunniersn. Die mit Oe- 
sekmaek zmsammsnMstellten Kkotogravkisn reifen 
. Dräuen dsr versokiedensn Dänder und Kontinente. de 
natürUeker ikrs Haltung, umso gskaltener dis Natur; 
! die de^uktsn I'anöpositursn atören. Del dsn Vertrs- 
! tsrlnnen ^msrikaF und dsr snortlick srtüektigtev 
! surouLiseksn Nationen vdrkt das Ideal dsr seklanksn 
Duksrükrtkeit sink aus. das naek dem Kaiman 2U einer 
grelleren Dässigkeit der OlisdmaLsn ^eidkt. Unter 
dsn Dxotsn gekükrt dsn kerrlieken Korperge^rLeksen 
auk Zamoa und Dali dsr Kreis. 
ZeklisMek ein Hinweis auk das in vierter ^uk- 
lags erssklensns Werk von Krok 0. K. 8trat2: 
,-D i s K oruerkorin eu in Kunst und Deksn 
dsr Fapansr" (8tutigart, Derdinand Dnks. N. 152 
Dextakd. u. 4 ^alsln. XII. 234 8. 17.50.). Dsr 
jüngst vsrstordsns Oslskrts untsrsuekt in ikm die 
anatomiseksn und stknologiseken Kslunds und keun- 
rsieknst As ^klaJsnng dsr Fanausr von ikrsr kör- 
nsrlieksn Dassinskorm. wertvoll ist das reieks 
! dildun^smatsrial. Dr . 8 . Krasausr . 
— Tom Mx« Der Unvergleichliche, der Befreier der Unschuld, 
der Retter aus alten Nöten, hat sich diesesmal einen Hund bei 
gesellt, der mir ihm in wörtlichem Sinne durchs Feuer geht. 
Schlimm steht es für die beiden aus. Tom steht unter Dtordver- 
dacht, der Hund wird der Tollwut angeklagt. Ein Widersacher, 
ein Zweiter Ahriman, hat sich gegen das durch Tom verkörperte 
gute Prinzip erhoben und sinnt auf Vernichtung. Der Kampf 
spielt sich in unzivilisierten Urwäldern ab, die Tom Gelegenheit 
geben, auf edlen Rossen zu galoppieren; Auto und Eisenbahn 
werden nur sporadisch zu Hilfe genommen. Verfolgungen, Ab 
wendung von Gefahr, körperlicher Mut, Kameradschaft zwischen 
Mensch und Tier: das alles sind Motive, die immer wieder be 
wegen. Ihre Ausnutzung hier geschieht amerikanisch, an der Peri 
pherie, ülrum aber nicht schlechter. Man glaubt einen Karl May- 
Roman aus der Kinderzeit zu rekapitulieren. Das Ganzs evtrellt 
sich in rasendem Tempo, die geschickt eingeschalteten retardierenden 
Momente steigern die Spannung. Eine WaldLrand-Szene vergißt 
sich nicht leicht: durch die Rauchschwaden irren die aufgesch euch Leu 
Raubtiere, höchst naturalistische ohne daß man den Zoologischen 
Garten merkt. Der Film, der sich „Toms Tiger" nennt und 
von den Drexel - und Elite-Lichtspielen gezeigt wird. 
Zahlt zu den besten dieser heldischen Gattung und verdient seinen 
Erfolg. — Der andere Schlager ist die „Tragödie einer 
Frau", eine etwas abrupte Kolportage-Handlung vor Wienör 
und südlichen Hintergründen, nach bewährtem Rezept gekocht. 
Um Hochstapler, ein dirnenhastes Geschöpf, eine etwas törichte, 
aber gute Frau und ein Mann zwischen diesen beiden Damen sind 
die Hauptbestandteile- Sie werden gemischt und treten zu einem 
-chemischen Prozeß Zusammen, der den erwarteten Niederschlag 
Zeitigt. Das Interesse sammelt sich auf dem Spiel Max Landa§ 
und Erika Gläßners. raca. 
„Die Stunde der Frankfurter Zeitung 
Programm für Sonntag, den 24. Januar, 
abends 8 Uür 
„KsKLo 
Die D/Lr-LtQLkt IVeubcrbelsbs^ - 
Von Dr.S.Kracauer 
Lpree/rer.- 
. ^IDir Bibel auf Teutsch — epochal U Im Inseratenteil 
cnier Wochenschrift finden wir die folgende Anpreisung einer neuen 
Bi 5 el - Uebers etzung: 
„Dis Kids! 
in der koZuÜZeksn Dieks ikrss LinuAskaltF 
Dis Diksl 
in dsr rkvtkmiLeksn (Isstalt dss Urtextes 
Dis Videl 
in unsrkörtsr 0?rsus ZsZsn den Wortlaut 
Dis Vibel 
im sdei?tsn Dsui-sok unserer InZs 
Das Werk erscheint m Zwanzig einZelnen Bänden... Druck auf 
echtem englischen Altpapier durch . . . Einbandentwirrf von. . 
Es schauert einem vor der kosmischen Rhythmik dieses edelsten 
Deutsches unserer Tage, dessen Treue gewiß der Echtheit des 
englischen Altpapiers entspricht. Nun endlich wird man die Bibel 
lesen, deren man heute bedarf — ein modernes VerdeuLschungs- 
Unternehmen mit den Liefen Sinngehalten im Einbandentwurf. 
Sie bat uns lang schon gefehlt. - 
-- Aus der Inflationszeit- Der Film: „Bankkrack 
unter den Linden", den die B ie b e r b a u - L i ch t s p i e l e 
Vorfahren, ist gut gemacht. Ein Roman Hugo Bettauers hat 
hergegeben, typische Geschicke sind darin benutzt. Eine 
v "s bläht sich auf, von trüben Existenzen gegründet, und das ds- 
kannte Gesmdel entfaltet sich fieberhaft in Pelzen. Die Milieus 
stUd S/ich'ckt verwertet auch die anständigen Ueberreste der Mensch 
heit fehlen nicht. Man erlebt, daß ein junger Mann der Ver 
suchung erliegt; ein braves Gleichen trauert um ihn, eine Mä-- 
ireste nutzt ihn aus, dieweil er blüht. Das geht solange zum Brun 
nen, bis es kracht. Leider wird der Krach selber nur flüchtig auf 
dre Leinwand geworfen. Umso ausführlicher treten die Folgen 
des Faktums hervor: die Bestrafung der Schieber, daZ Zerrinnen 
der Scheine. Jener junge Mann findet zuletzt zu seinem Glei 
chen zurück, damit das Publikum etwas Tröstliches mit nach Hause 
nehme. Alfred Abel gibt ihm so viel Reiz und Klugheit des Aus 
drucks, daß man seinen Fehltritt kaum begreift, jedenfalls aber ihn 
entschuldigt. Die etwas kitschige Gemeinheit der Frau Bankdirektor 
aus Prenzlau wird durch Margarete Kupfer plastisch herausge 
trieben. Die vielen Ehargenrollen sind fast durchweg ausgezeich 
net besetzt; zumal die Emporkömmlinge/ die dann abstürzen, haben; 
den richtigen Simili-Glanz. Der Film erinnert daran, wie schnell 
man vergißt; so ferngerückt ist die Inflation bereits, daß der 
Alltag von damals historisch anmutet. Freilich, nicht alle DmaS 
werden gleichmäßig von dem Vergessen betroffen. Daß die- 
Ewchernungen der Nachkriegsjahre m besonderem Maße der 
Vergänglichkeit, anheiwgefallen sind, deutet darauf hin, wie sehr 
das pure Außen in ihnen vorgeherrscht hat. Die Handlung 
des Films ist spannend zwar,, doch zu geschlossen und innerlich 
verbunden für die optische Darstellung; es ermangelt den freien- 
Assoziatlonen an Raum. — Das Programm wird durch einem 
entzückenden amerikanischen Film: „Dodo als Jäger" be 
reichert. Diese ernste, tieftraurige Ausgeburt eines Clowns ver 
steht es, sich in ein solches Mißverhältnis zu den Dingen zu setzen, 
daß unaufhörlich die drolligsten Spannungen entstehen. Erfreu ¬ 
lich ist zumal der unheroische Schluß: Dodo wird geprügelt und 
trollt sich davon. Züge des Märchens sind in allen diesen Grotes 
ken enthalten.
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        /.) 
Die Natur, wie sie leibt und lebt, ist auf das Altenteil 
gesetzt. Ihre Landschaften werden von den frei entworfenen 
übertroffen, deren malerische Reize dem Zufall enthoben sind. 
Auch ihre Sonnen lassen zu wünschen übrig; da sie nicht sa 
verläßlich wie die Jupiterlampen funktionieren, sperrt man 
sie in den neuesten amerikanischen Filmateliers aus. Mögen 
sie streiken. 
Immerhin sind Restbestände des Natürlichen anhangs 
weise einmagaziniert. Ueberseeische Fauna, das Neben 
produkt einiger Filmexpeditionen, gedeiht mit den Vertretern 
der einheimischen Tierwelt in einer Grenzprovinz des Ge 
ländes. Ein Teil des in Brasilien Erbeuteten ist dem Zoo 
logischen Garten überwiesen worden, wo es Selbstzweck sein 
darf und die Wissenschaft bereichert. Das Zurückbehaltene 
wirkt als Spezialitäten-Truppe, die mit ihrem Impresario 
reist. Jede Tierart hat ihre Nummer im Programm. Die 
Gold- und Silbersasane mögen in einem Zierpark den Luxus 
amerikanischer Milliardäre illustrieren, der seltene Schwarz, 
kappenreiher weckt die Schauer des Exotischen, Katzen in 
Großaufnahme Wesen in den Salons. Aus Bergers schönem 
Aschenbrödel-Film die Tauben fliegen noch immer empor. Zu 
den Prominenten zählt der Wildeber, der in Jagdfilmen 
startet, und ein Rudel lebendiger Krokodile. Sie spielen 
in dem von Lothar Mendes geleiteten Film: „Die drei 
Kukuksuhren" eine bedeutende Rolle. Das Krokodiljunge 
ist eine Attrappe, in die Hand zu nehmen; aber die voll 
jährigen Ausgeburten selbst sind nicht so gefährlich wie ihre 
leblosen Ebenbilder, vor denen die Affen sich fürchten. Ge 
wächshäuser ergänzen die Sammlung; ihre Vegetation ist der 
passende Hintergrund für Eifersuchtsszenen in den Tropen. 
Die Insassen des Naturschutzgebiets werden von dem 
Expeditionszyologen mit Liebe betreut. Er nennt sie bei 
Namen, Pflegt sie und bildet sie künstlerisch aus. Trotz der Un- 
vollkommenheit, die ihnen als Naturgeschöpfen eignet, sind st? 
die verwöhntesten Gegenstände des Betriebs. Daß sie'springen 
oder fliegen, ohne von einem Mechanismus bewegt zu sein, 
versetzt in Entzücken; daß sie sich fortpstanzen, ohne eines 
sichtbaren Tricks zu bedürfen, erscheint wunderbar. Man hätte 
es hinter diesen primitiven Gebilden nicht vermutet, fast sind 
sie Filmillusionen. 
Die Weltelemente werden in umfänglichen Laboratorien an 
Ort und Stelle gezeugt. Das Verfahren ist prompt. Mun rick- 
messen. Die Gesetze der Metamorphosen sind unerforschlich. 
Was aber auch mit den Dingen geschehe: zuletzt erglänzen sie 
gipsern und werden verramscht. 
Das Willkürregiment beschränkt sich nicht auf die Welt, die 
es gibt. Sie ist eine der vielen Möglichkeiten, die hin und her 
bewegt werden können, und das Spiel bliebe unvollkommen, 
nähme man sie als Fertigfabrikat hin. Darum werden ihre 
Objekte gestreckt und verkürzt, erdichtete Gegenstände unter die 
vorhandenen gestreut, Wundererscheinungen ohne Bedenken 
verwirklicht. Die überlieferten Akte der Zauberei sind ein zages 
Vorspiel des Filmtricks gewesen. Er verfährt mit der 
Natur summarisch, der Kosmos ist ihm ein Schlcuderbällchen. 
Mitunter verleihen sich die auf die Leinwand geworfenen 
Dinge ein so alltägliches Aussehen, als stünden sie aus der 
Straße. Ihre Heraufkunft ist indessen von abnormen Umständen 
begleitet. Lichtmasten, deren Eisenbeton-Existenz man zu tasten 
meint, sind aus Holz und in der Mitte abgebrochen; für den 
Bildausschnitt genügt das Fragment. Ein achtbarer Wolken 
kratzer türmt sich längst nicht so schwindelhaft, wie er dann auf 
tritt. Nur die untere Hälfte ist errichtet, die obere wird durch 
ein Spiegelverfahren aus dem kleinen Modell gewonnen. Die 
Kolosse sind damit widerlegt; mögen ihre Füße tönern sein, 
die höheren Partien sind unsubstantieller.Schein des Scheines, 
der aufgestülpt wird. 
Die beschwörenden Kräfte des Tricks entfalten sich zumal 
in dem Bereich der Uebernatur. Der kommende Riesenfilm 
„Faust", dessen Aufnahmen W. Mu-rnau leitet, benutzt sie 
umfassend. In einer Halle, die früher-Korsaren zur Ausfüh 
rung ihres Räuberlebens diente, weitet sich der Erdenkreis 
«Q rniniAturs. Faust wird den Aether durchstiegen, von 
Prospekt zu Prospekt. Eine hölzerne Gleitbahn, die in Kurven 
sich talwärts zieht, bezeichnet seinen Luftweg. Der Apparat 
rodelt auf ihr hinab und sprüht untr kundiger Führung 
Ansichten von der Reise hervor. Nebel aus Wasserdampf, von 
einer Lokomobile bereitet, umhüllen der Berge schicklich model 
lierte Gipfelriesen, denen Faust entfährt. Zum grausen Sturz 
des Schaums der Flut wird etwas Wasser durch eine Seiten- 
schlucht gespritzt. Die wilden Triebe entschlafen, wenn inst 
Propellerwind Getreide ersäuselt, das unter den schroffen 
Fichtenhöhen Feld und Auen bedeckt. Nach Osten strebt Wolke 
um Wolke, eine Masse gesponnenen Glases, mit geballtem Zug. 
Bei der Landung werden vermutlich grünumgebene Hütten in 
vielkerziger Abendsonneglut schimmern. Auch in dem Tem- 
velhofer Ufa-Betrieb, w» Karl G r une die „Brüder Schellen- 
berg" inszeniert, geht es faustisch /zust Die apokalyptischen 
Reiter fegen dort in halber Höhe des Glasateliers umher, ihre 
.Rosse hängen an Drähten. Darunter droht ein schwarzes 
Riesenflügelpaar, in dem Jannings als Groß teufet Schat 
ten auf Städte wirft; das weiße wird von dem Erzengel 
Michael verwandt. 
Die Herrscher dieser Welt beweisen einen erfreulichen 
Mangel an historischem Sinn, ihre Pietätloflgkeit scheut vor 
Eingriffen nirgends zurück. Sie bauen Kulturen auf und 
zerstören sie wieder nach Bedarf. Ueber ganzen Städten sitzen 
sie zu Gericht und lassen Pech und Schwefel auf sie nieder 
regnen, wenn der Film es verlangt. Nichts hat vor ihnen 
Bestand, die stolzeste Schöpfung ist auf Abbruch errichtet. 
Manche Stücke ereilt die Vernichtung, kaum daß sie prang 
ten. Umgestürzt ist eine Renntribüne, vor der Sportsensationrn 
sich begaben, hingerasft der Wiener Wald, der im „Walzer 
traum" rauscht. Anderes wandelt sich verquert. In eine ält 
liche Gasse sind die Ueberreste moderner Häuser hineinge 
arbeitet worden, niemand stößt sich am Anachronismus. Poli 
tische Interessen verfolgen die Umschichtungen nicht, wie ge 
walttätig immer sie seien. Aus einem bolschewistischen Wach 
lokal ist ein friedlicher Bahnhof in Schweden hervorgegangen, 
der-sich zu einem Tatterfall verändert hat, in dem heute 
Lampen ausbewahrt werden. Noch, ist das Ende nicht zu er 
g 
Die Ufa-Stadt zu Neubabelsberg. 
Don Dr. S. Krakauer. 
Mitten im Grunewald liegt ein abgeschlossener Bezirk, den 
man nur nach mancherlei Prüfungen betreten darf. Er ist eine 
Wüste in der Oase. Die Natürlichkeiten draußen — Bäume 
aus Holz, Seen mit Wasser, Villen, die bewohnbar sind — 
haben innerhalb seiner Grenzen ihr Recht verloren. Zwar, die 
Welt kehrt wieder in ihm, ja, der ganze Makrokosmos scheint 
in dieser neuen Arche Noah eingesammelt: aber die Dinge, die 
sich hier ein Stelldichein geben, gehören nicht der Wirklichkeit 
an. Sie sind Abbilder und Fratzen, die man aus der Zeit ge 
rissen und durcheinander gemischt hat. Unbewegt harren sie, 
vorne voller Bedeutung, hinten das blanke Nichts. Ein böser 
Traum von den Gegenständen, der in das Körperreich ge 
zwungen worden ist. 
Man befindet sich in der Filmstadt der Ufa zu Ne u- 
babelsberg. Sie enthält auf einer Fläche von 350000 
Quadratmetern die Welt aus Papiermache. Alles garantiert 
Unnatur, alles genau wie die Natur. 
s 
Damit die Welt im Film vorüberziehen kann, wird sie zu 
vor in der Filmstadt zerstückt. Ihre Zusammenhänge gelten 
für aufgehoben, ihre Dimensionen verändern sich beliebig, ihre 
mythologischen Gewalten werden zum Spaß. Sie gleicht einem 
Kinderspielzeug, das man in die Pappschachtel steckt. Der Ab 
bau der Weltgehalte ist radikal, und erfolgt er auch nur zum 
Schein, so ist doch der Schein keineswegs nichtig. Die Helden 
der Antike sind bereits in die Schullesebücher gewandert. 
„ Trümmer des Universums lagern in den Requisiten- 
h ä u s e r n, Belegexemplare sämtlicher Zeiten, Völker und 
Stile. Nahe bei japanischen Kirschbäumen, die durch dunkle 
Kulissengänge leuchten, wölbt sich der Monstredrache aus den 
„Nibelungen", seiner diluvialen Schrecken bar, die er auf der 
Leinwand entfaltet. Neben dem Modell eines Geschäftsgebäu 
des, das nur gekurbelt werden muß, um jedes Hochhaus zu 
.schlagen, schichten sich Särge, die selber gestorben sind, weil sie 
keine Toten bergen. Empire-Möbel tauchen dazwischen in 
natürlicher Größe auf, man glaubt ihnen ihre Echtheit nicht. 
Altes und Neues, Kopien und Originale sind zu einem kon 
fusen Gemenge angestapelt wie die Knochen in Katakomben. 
Nur der Requisitenmeister kennt die Regel. 
Auf den Wiesen und Hügeln vereinigt sich das Inventar 
zu Gebilden Architekturen ragen in die Höhe, als seien 
sie zu bewohnen. Aber sie stellen nur das Aeußere ihrer Vorbilder 
dar, wie die Sprache Wortfassaden bewahrt, deren ursprüng 
licher Sinn gewichen ist. Eine friesische Dorfkirche, die von 
weiiem zu schlichter.Frömmigkeit einlädt, ist in der Nähe 
eine Bude auf angestrichener Böschung. Auch die ein 
paar hundert Meter entfernte Kathedrale faßt keine Kirchen- 
chöre, steht doch ihr Dach mit den Wasserspeiern für Auf- 
nahmezweSe gesondert Leiseite. Nebst den Fronten einer 
Vergnügungsstätte und eines Milliardärklubs gehört sie in 
den Film „Metropolit, den Fritz Lang dreht. Zwi 
schen den geistlichen und weltlichen Imitationen hat sich zu 
Zeiten elegante Statisterie nächtlich ausgelebt. Die Unter 
stadt mit ihren Höhlen und Stollen, in denen die Filmfabel 
taufende Arbeiter Hausen läßt, ist bereits dahin: gesprengt, 
verlofsen. Das Wasser stand nicht so hoch, vie es auf den 
Bildstreifen erscheint, aber die brennenden Auszüge sind in 
Originalgröße niedergeknallt. Von dem Elementarereignis 
zeugen noch sorgfältig ausgefeilte Risse in den Kaminen. 
In der Nachbarschaft des Katastrophenherdes dehnt sich Ge 
mäuer: eine Burg mit Kemenaten, Wällen und Gräben. Sie 
gibt in dem bekannten Film: „Die Chronik von GrieshuuZ" 
den Archäologen zu raten. Als im Mittelalter, vor kurzem, 
Reisige sie besetzten, hatte der Regisseur sich quakende Frösche 
verschrieben, Frösche aus Teichen, um die Truppen in Stim 
mung zu halten. Das Gemüt schätzt die Echtheit, wenn es ge 
täuscht werden will. Die Burg zerstiebt mittlerweilen, ihre 
Baumaterialien blicken hervor. Zur Ruine kann sie nicht 
verfallen, Ruinen müssen eigens angefertigi werden. Alle 
Objekte sind hier nur das, was sie gerade vorstellen sollen; 
eine Entwicklung in der Zeit kennen sie nicht.
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        , in 
er- 
Diese Hocken überall, wo Menschen überhaupt sich einnisten 
können: am Boden, auf Gerüsten, keine Perspektive ist sicher vor 
tet die Stücke einzeln her und schasst sie an ihren Platz, wo sie 
geduldig stehen bleiben bis man sie wieder abreißt; Organis 
men, hie sich auf eigene Faust entwickeln wollen, sind sie nicht. 
Tischlereien, Glasereien, Bildhauer-Werkstätten besorgen das 
Nötige. Die Stoffe: Holz Metall, Glas, Ton, sind ohne 
Falsch. Auch richüge Dinge wären aus ihnen zu machen, 
aber vor dem Antlitz des Objektivs gelten die trügerischen 
eben so viel. Es ist objektiv. 
Vorkehrungen sind erforderlich, um die Sachen und Menschen 
zusamMenzubringen. Beharrten sie in der ihnen angestammten 
Verfassung, so wiesen sie auseinander wie MuseumsvariWen 
und ihre Beschauer. Beleuchtung verschmilzt sie; ihr Quell 
ist die ausgedehnte ElektrozentrÄe, dir das ganze Unternehmen 
!wit Energien speist. Die Darsteller werden in dem Friseur 
raum zurechigsstutzt. Er ist kein Arbeitsvaum wie andere, 
sondern ein Atelier, in dem sich Kunstreiches begibt. Aus dem 
Rohstoff des menschlichen Gesichts werden hier Physiogno 
mien geformt, die ihr Geheimnis erst preisgeben, wenn das 
Lampenlicht sie berieselt. Zwischen Schminktischen, angefüllt 
mit Stiften jeder Schattierung, walten Meister ihres Fachs. 
Eine Tabelle zeigt den Helligkeitsgrad an, den die Farben 
beim Photographieren erlangen; sie werden in die Schwarz 
weiß-Skala hineingepreßt, als Farbwert schwinden sie hin. 
Umso verführerischer ist das Vorstudium: die entartete Bunt 
heit der Perrücken in den Vitrinen. An der Wand hängen 
Porträt ähnliche Gesichtsmasken, feuerfest« Gebilde, die nach 
den Hauptakteuren der jeweils in Arbeit befindlichen Filme 
angefertigt sind und ihr persönliches Auftreten in gewissen 
Szenen entbehrlich machen. Andere verwandeln sich in sie, in 
dem sie ihre Masken tragen. Die Vermummten sind starr, 
totengleich gehen sie um. In dem angegliederten Vorsüh- 
rungszimmer kann dts Bildwjirkung der Toilette erprobt 
werden. 
Filme und Menschen sind von dieser Autarkie umfangen, 
ihr Gedeihen wird mit allen Schikanen gefördert. Man Wer- 
prüst und verbessert in einer Versuchswerkstatt die technischen 
Rcproduktions-Methoden, etwa der farbigen Filme, und be-! 
müht sich gleich sehr um die Aufzucht eines Nachwuchses, der 
die verschiedenen Methoden onzuwenden weiß. Eine wirkliche! 
Feuerwehr ist zum Löschen wirklicher Brände bereit, Aerzte 
und Sanitäter halten sich jederzeit zur Verfügung. Zum. 
Glück ereignen sich Unfälle selten, so beliebt sie auch sind. Bei 
den Aufnahmen zu „Metropolis" mußten Hunderte von Kindern 
aus den Fluten sich retten, ein entsetzlicher Anblick im Film; 
der Hergang war so harmlos, daß die nicht mit abgebildeken 
Krankenschwestern das Nachsehen hatten. Einer der Haupt- 
Wittelpunkte ist die Kantine. Zwischen Angestellten, Ar 
beitern, Chauffeuren sitzen hier kostümierte Herrschaften, wie 
dir Ueberveste eines Faschingsfestes anzuschauen. Sie warten. 
eingesetzt, ihre Vereinzelung wirb getilgt, ihre Grimasse ge 
glättet. Aus den Gräbern, die nicht ernst gemeint sind, er 
wachen sie zum Schein des Lebens. 
Nach der Art des Pointillismus wird das Leben gestiftet. 
Es ist ein Getüpfel von Ausnahmen, die an mannigfachen 
Orten entstehen, und zunächst unverbunden bleiben. Ihre Ab 
folge richtet sich nicht nach der des dargestellten Geschehens: 
das Schicksal mag gekurbelt werden, ehe eS sich geknotet hat, 
die Versöhnung früher sich darbieten als der Streit, der um 
ihretwillen entbrannte. Der Sinn der Handlung ist erst im 
fertigen Film souverän; während der Schwangerschaft läßt er 
ihnen. Manchmal steigen sie ihren Opfern nach. Auch das 
kleinste Teilstück wird nur nach schrecklichen Wehen geboren. 
Helfer und Helfershelfer sind beteiligt, unter Gefuchtel schlüpft 
es heraus. 
Obmann istderRegisseur. Erhat auch die schwierige 
Aufgabe, das Bildmaterial, das so schön ungeordnet wie das 
Leben selber ist, zu jener Einheit zu gestalten, die das Leben! 
der Kunst verdankt. In seinem Privat-Vorführungsraum 
schließt er mit den Streifen sich ein und läßt sie wieder und 
wieder entrollen. Sie werden ausgesiebt, ineinander geschoben, 
abgeteilt und beschriftet. Bis zuletzt dem großen Chaos ein 
kleines Ganzes entspringt. Ein Gesellschastsdrama, eine histo 
rische Begebenheit, ein Frausnlos. Meist ist der AnZgang 
gut: Glaswolken brauen und verflüchtigen sich. Die vierte Wand 
wird geglaubt. Alles garantiert Natur. ' . 
Das Geheimnis des Doppelgängers. 
' Die Anthropologische Gesellschaft hatte in 
Vereinigung mit dem Holland-Institut am Dienstag abend zu 
einem Lichtbilder-Vortrag des holländischen Gelehrten Prof. Dr. 
I. F. van Bemmelen über das Phänomen des Doppel 
gängers geladen. Der Begriff des Doppelgängers, so führte 
der Redner aus, findet sich bei allen Völkern, zumeist mit Aber 
glauben gemischt, der auch bei uns noch nach,wirkt: z. B. in der 
Airgst, das eigene Bild Fremden anzuvertrauen. Auch die Lire- 
ratur werdet das Doppelgänger-Motiv aus; nur die Wissenschaft 
scheint es nicht zu kennen. Dennoch ist der Doppelgänger ein 
naturwissenschaftliches Phänomen; kein Zweifel, daß es besteht, 
daß jeder Mnsch davon überzeugt sein kann, auf ihm ähnliche 
Weien zu stoßen. 
Zwei Arten von Aehnlichkeit gibt eS nun. Eine solche 
Artistisches und Amerikanisches. Die Neue Licht 
bühne hat diesesmal ein ausgezeichnetes Programm zusammen 
gestellt. Der Hauptschlager: „Eine Minute vor Zwölfte 
mit Luciano Albertini in der Hauptrolle, enthält eine Fülle 
filmgcmäßer Intentionen. Im wesentlichen Liese, daß es um ein 
pures Nichts Fehl: um ein LoLLerielos — Haupttreffer natür 
lich! —, das angeblich in das Futter eines grauen Zylinders 
geraten ist, der von Kopf zu Kopf wandert und wie eine Steck 
nadel gesucht wird. Zum Schlüsse stellt sich heraus, daß es sich 
gar nicht in ihm befand. Das Fahnden nach dem nichtexistenten 
Gegenstand setzt die ganze Welt in Bewegung. Der Lunapärk, an 
sich schon mit drehbaren Dingen angefüllt, wird noch mehr auf 
den Kopf gestellt, als er es von Natur ist. Es geschieht, was im 
Film zu geschehen hat: die fortwährende Umwälzung der äußeren 
Welt, die verrückte Verrückung ihrer Objekte. Albertini, der Held, 
ist ein liebenswürdiger Junge von jenem schmächtig-schwarzen 
Habitus, der notwendig für sich einnimml. Er strebt nach dem 
Glück mit solcher Grazie, daß es ihm nicht widerstehen kann. 
Eine Figur, mit Märch-enzügen behaftet, wie das Volk sie liebt: 
etwas PojaZ, etwas unverläßlich, die normale Ordnung überall 
durchbrechend, ein netter Revolutionär in der Dingwelt und am 
Ende mit dem verdienten Erfolg gesegnet, der unverdient auf ihn 
niederträufelt. Er benützt die Möglichkeiten, die der Trick bietet, 
um Unerhörtes zu vollbringen. Nach amerikanischem Muster tau 
melt er betrunken über die Dächer in gefährlicher Nähe der Regen 
rinnen. Er läßt sich von einem minimalen Luftballon durch die 
Lüfte tragen und schwingt sich über Marquisen wieder herab. 
Immer glückte es im letzten Augenblick^gerade noch entrinnt er 
sich nicht ergründen. 
Zelle um Zelle will gebildet sein. Die Jnventarstücke 
rücken hier und dort zusammen, eine vom Licht geschminkte 
Umwelt, in der sich Menschliches abspielt. Die rundum ange- 
! strählten Bewegungen werden von den Kurbelkästen verfolgt. 
Wandi schaft fei. Diese Erklärung, die sich dem Redner un- 
gezwumngen dargcbooten hat, ist hervorgegangen aus Untersucheun-- 
gen über seine eigene Familie. 
Zu den ersten Grundsätzen der genealogischen Ver 
erbungslehre gehört der banale Satz, daß jeder Mensch 
einen Vater und eine Mutter hat. Das beißt aber: er ist ebenso 
gut ein Mitglied der mütterlichen wie oer väterlichen Familie. 
Nun hat man theoretisch zwei Eltern, vier Großeltern, acht Ur- 
großeltern usw. in mathematischer Progression. Also in der zehnten 
Ahnen-Generation (besser: ParenLcckion) hat man bereits 1024 
Vorfahren, zu-deren Familien man sämtlich gehört. Unter dieser 
Unzahl von Ahnen kommen natürlich dieselben Leute — infolge 
von Inzucht — möglicherweise vielfach vor. Trotzdem wachsen 
die Zahlen schnell, je höher man in der Reihe der Parentationen 
kommt, und man darf sagen, daß die Menschen unseres Kultur 
gebiets alle untereinander blutsverwandt sind. 
Als weiteren Grundsatz entwickelte der Redner die Lehre, daß 
es Nachkommens-Hiften (« Parentelen) geben müsse, die noch 
nicht abgeschlossen sind. Es ist nun unzweifelhaft, daß sich die 
Nachkommen Karls des Großen heute in allen Lagern 
treffen; die meisten von uns stammen gewiß von ihm ab (freilich 
ebenso gewiß auch von seinem Kammerdiener). 
Die Vorführung der Lichtbilder begann mit dem Bilde 
einer der Urgroßmütter des Redners; er zeigte sie zum Beweis 
der zwischen ihr und ihm herrschenden Aehnlichkeit. Andere Ahnen- 
Lilder folgten. Eines stammt aus dem 18. Jahrhundert (8. Pären- 
ration) und trägt ebenfalls Züge, die auf den Redner hindeuLem 
Auch die Generationen, die von dem Ahn zur Gegenwart leiten, 
sind durch einen glücklichen Zufall in Bildern erhalten. Aus ihrem 
Studium ergibt sich: die Physiognomie stellt eine Einheit dar, 
die sich s p r u n g w e i § vererbt. Es wäre sehr wohl möglich^ daß 
sich in einer anderen Blutlinie des Ahnen aus der 8. Parentalion 
ein Mensch fände, der die gleiche GesichtsLildung empfangen hätte 
wie der Redner. Durch den Rückgang auf die 10. Parentation 
verfeinerte der Vortragende noch die phystognomische Analyse. 
Doppelgängertum beruht auf Blutsver 
wandtschaft: in diese These münden die Forschungen Prof. 
van Bemmelens. Er erhärtete sie durch die Aufdeckung der 
Ahnentafeln seiner eigenen (im Bild gezeiAen) Doppelgänger, die 
in der Tat eine verblüffende Aehnlichkeit mit ihm haben. In 
struktiv die Schilderung der Schwierigkeiten, die mit dem Anstieg 
zu dem gemeinsamen Ahnherrn der vier in Betracht kommenden 
Familien verknüpft waren. — Das dichtgedrängte Auditorium — 
die Zuhörer standen Zum Teil in den Gängen — dankte dem Red 
ner lebhaft für seine Darlegungen, die er mit der Bitte schloß, 
man möge die Photographien der Verwandtschaft in den Fami- 
lienalben mit genauen genealogischen Angaben ver 
sehen, damit unsere Nachkommenschaft daraus Nutzen ziehe. 
Ar. 
Unaufhörlich warten sie auf ihre Szene. Der Szenen 
sind viele, gleich den Steinchen eines Mosaiks werden sie anein 
ander gestückt. Statt die Welt in ihrem zerbröckeltem Zustand 
zu lassen, holt man sie wieder in die Welt zurück. Die aus 
dem Zusammenhang gelösten Dinge werden von neuem in ihn 
eingesetzt, ihre Vereinzelung wirb getilgt, ihre Grimasse ge- 
von Menschen, d-ie offenbar nichts miteinander zu tun haben, und 
eine andere von einzigen „identischen" Zwillingen, „Halblingen", 
wie sie der Vortragende nennt. Wenn aber die Erscheinung der 
täuschenden Aehnlichkeit sich bei beiden Gruppen zeigt, so sollte 
man sich doch fragen, ob ihr Grund nicht auch in jenem Falle 
dem die Menschen scheinbar einander fremd sind, Bluts V
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        zimmer einer Fürstin, seine Visiten 
mütterlichen Hutladen. 
auf der Höhe. 
gerät in ein Familienleben hinein, 
dem Unheil. Einige Situationen, in denen er sich verfängt, ftn-O 
von überzeugender Drolligkeit: sein heimlicher Besuch im Bade- 
die Welt auf eine oft unerträgliche Weise, so bauen sie im Film 
die selbst gemachte Ordnung wieder gehörig ab. 
Unter den Nebenfiguren Zeichnet ein italienischer Geck sich aus. 
Vielleicht ist die Konfusion, die das Lotterielos erzeugt, ein wenig 
Zu ilang ausgesponnen, aber der Reichtum an immer neuen komi 
schen Motiven und die strikte Bewahrung der Äußerlichkeit lassen 
Ermüdung nicht auflommen. — Auch das Beiprogramm hält sich 
ihm so zusetzt, daß ihm die Lust am Heiraten vergeht. In der 
anderen amerikanischen Groteske taumelt Vobby Vernon durch 
die Welt. Er ist ein weniger ausgeprägter Typus als Harald 
Lloyd, doch weiß er mit seiner Alltagsgestalt genug Verwirrung 
anzurichten. Man muß es den Amerikanern lassen: sie haben 
sich in ihren Filmgrotesken eine Form geschaffen, die ein Gegen 
gewicht bildet gegen ihre Wirklichkeit: disziplinieren sie in dieser 
7° Mek» 
aus DeutM 
4M uns nmgs Zuschriften eingetragen, die ihre Veröffentlichung 
«rge». Wrr bitten die Einsender, sich bis zur Besprechung des 
WEes gedulden zu wMn, in der wir uns auch mit ihren Aus- 
stelurngen zu. befassen gedenken,
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        ugend 
öl - 
! C o, der Uhren könig genannt, läßt Uhren der verschiedenste 
? Größe und Konstruktion verschwinden und zaubert sie dann wieder 
an abgelegenen Orten hervor. Das reinste Fundbüro. — 
Zauberhaft sind auch die fliegenden Funken und elektrischen Er 
scheinungen, die Lanti'und Melitta erzeugen. Sie walten 
über den Hochspannungen und verschicken knatternd Lichtkräfte 
durch den Raum. Man kommt mit dem Leben davon. 
In den musischen Künsten exzelliert die Soubrette Eda Har- 
loff, ein pfiffiges Wesen, das sich einfach aufs Kunstpfeifen ver 
legt, wenn es nicht mehr singen mag. — Das Ballett Skaskas 
entfaltet sich mit Spitzenschritt im Farbenrausch. Am besten ein 
zierlich ausgeführter Pizzicato, dünn und genau. rae» 
kf vo« As-sfskL Bit 
Dom vo 6«- Duckt von 8s,- 
loruo, äsizssu scisutalEÜs 
susustsr, VyksMLsD« und 2^üscksOSxistHaLSir äsr vsr- 
sckrsckovstsn Orads bat der Dichter 
^.dolk v. DÄ^ksId «in Medicin bmmisekor 8atL- 
voriod^n TS^Idmst. Das des fldlksr mir dsn 
bskLimwn Orts, der Icidsr msbr und 
roskr sieb. ksrumniLprscksn beginnt, ^ird in iknon 
kinnkälli^ Lu vermitteln Assuekt: sein nndurekdrinS- 
liekes Häussr^eLockt, das sick an dis Bastionen des 
Uonts 8ant ^nxcolo sckmisr^t. seins M§6ndsn und 
seins Bs^obner — seien es nun die einkeimiseken 
Banddebaner, ^lecker und Oamorriston oder die 
Dauer^Lste, die in dem m^tkoloxciscken Bewirk als 
kreivnflis Oekanxens ikr Dasein verbringen. Diner 
der Lolonisten, 6-ilbert Oiavel, dessen Üöklsnkaus 
vür vor kurzem in einem ^.uksatL: „Delsen^akn in 
Bositano" sckMerten (vsrgl. Drstes Normenblatt der 
„Frankfurter Leitung" vom 20. Oktober), vürd von 
Üatrkeld als Hauptgeetalt und Feknt^geist ke- 
sekivoren. Levakrt seine sckivingsnde Brosa auek 
su sskr die OberÜaekevstruktur, die in anderen Oe- 
kilden als diesen vnlkaniseken keimisek ist, und das 
BlotMeks, Dnverbindlieke, in den Augenblick Oe- 
Kannts der ^viseken Neapel und Lalerno brütenden 
Natur nickt su spiegeln vermag, so gibt sie dock 
ein ungekLki-es Dokalkolorit und lockende 'Batsacksn 
in Nenge. Begabten Bsisendsn uürd die Darstellung 
ein Ansporn raun Besucke Bositanos sein, in dessen 
Keller Dnkeimlickkeit, es sckeint, jüngere 
Beben «Künstler beiderlei Oesckleckts in steigendem 
NaÜe ikr Zek^abing und ^scona finden trackten. 
Btlicke Abbildungen dienen der BnterstütMng des 
Bextes. Dr. 
Premiere im Schumann-Theaker. 
Seelöwen, Nymphen, Akrobaten und anderes. 
--- Das große Ereignis sind Kapitän Winstonstauchende 
Nymphen und See! öwen. Der Kapitän: ein ältlicher 
Herr in Marine-Uniform, durch Zeichen und ein wenig Futter 
zufuhr mit seinen Tieren sich verständigend. Ein Hofmeister 
gleichsam, der ihnen den letzten Schliff erteilt ; nicht mehr. Sie 
sind die wohlerzogensten Seelöwen der Welt. Ihr Element ist 
das Wasser, das ein großes, innerlich erleuchtetes Bassin erfüllt. 
Das Bassin liegt in einer romantischen Landschaft, damit es nicht 
so vereinsamt sei. Rechts und links von ihm raFen Ruinen hoch, 
dahinter erglänzt weit hinaus, im Abendsonnenscheine, das Meer. 
Schwimmen können andere Seelöwen auch; diese hier sind 
Künstler, deren Leistungen sich über die trivialen WasserHebräuche 
beträchtlich erheben. Wenn die Vorstellung beginnt, knechen sie 
aus dem Becken heraus und versammeln sich auf dem Platten 
Land, wo sie sich auf kleinen Bankchen gruppieren. Üm sich die 
Zeit zu vertreiben, unterhalten sie sich, in ihrer Muttersprache 
offenbar, die im allgemeinen an Hundegebell erinnert, aber in 
lyrischen Augenblicken zum Schmelz des Vogelgesangs sich läutert. 
Der Kapitän verlangt, daß eines der Tiere sich als Akrobat pro-i 
duziere. Es tut ihm den Gefallen, die Seelöwen lieben ihren 
väterlichen Freund. Der Auserwählte watschelt die Stufen 
zum Bassinrand hinan und wirft ein Bällchen hoch, das er ge 
schickt wieder erschnappt, trägt einen Riesenball durch die Wogen, 
ohne ihn zu benässen. Ein Tausendkünstler; seine Genossen be 
grüßen ihn mit Flosfengeklatsch, sie sind höfliche Leute. Um das 
Letzte an Kunst aus ihnen herauszutreiben, wird die An 
ziehungskraft benutzt, die das weibliche Geschlecht auf die 
Männerwelt nun einmal ausübt. Zwei Wasser ¬ 
nymphen erscheinen, grün und lieblich anzuschauen. 
Auch sie Meisterinnen der Fluten, echtbürtige Nixen, die sich 
märchenhaft unter Wasser bewegen. Das Bassin ist ihr Salon, sie 
lassen sich in ihm nieder und betreibet in ihm mit beneidenswerter 
Atemkunst ihre gepflegten Angelegenheiten. Nun muß einer die 
Seelöwen sehen, wie sie sich in Salonlöwen verwandeln und das 
Treiben der Damen sich zum Vorbild nehmen. Man steigert sich 
wechselseitig in seinen Leistungen. Das Tollste wird ausgeführt, 
als sei es ein Spaß: man schlägt Räder unter dem Wasser, man 
vollbringt den Handstandsprung gar. Zweifel sind möglich, wer 
die überlegenere Gruppe sei. Sie werden dadurch getilgt, daß ein 
Seelöwe eine ertrinkende Nymphe mit dem Tau aus Land zieht. 
Kraft und Intelligenz vereinigen sich zu solchem Tun- Daß auch 
diese im Spiel sei, erhellt aus der Selbstverständlichkeit, mit der 
sie außer der Reihenfolge ihre Spezialitäten wiederholen. 
Nicht leichthin sei behauptet, daß Menschliches sich auf der 
gleichen Höhe halt. Aber die Original AsgardsTruppe 
benimmt sich geradezu seelöwenhast. Männliche und weibliche 
Akrobaten verwenden zwei Schaukelbretter, um durch die Lüfte zu 
schnellen, hoch da droben sich zu begegnen und schließlich in schönen 
Positionen zusammenzutreffen. Manche der Evolutionen gehen so 
mählich und geschickt vonstatten, als seien sie unter der Zeitlupe 
ausgenommen. Ein Mimiker, der geschwinder noch als der geüb 
teste Schnellzeichner arbeitet, ist Ludwig Amann. Er wendet 
sich vom Publikum ab, stülpt sich etwas auf den Kopf, macht sich 
mit ein paar Handgriffen an seiner Kleidung zu schaffen, eins, 
zwei, drei: Hindenbura steht vor seinem Volk. Nach etlichen 
Sekunden spricht Briand von der Tribüne herunter. So wandelt 
es sich von Ebert zu Eckener, von Friedrich dem Großen zu Bis- 
marck. Die ganzen illustrierten Zeitungen werden lebendig. 
Das Publikum klatscht überall: bei der Republik und bei der 
Monarchie, es weiß nicht recht. 
Die Jongleurkunst ist auch gut vertreten. Ein Ritter tritt 
mit seinem Knappen auf, der die Krafrleistnngen des Ge 
bieters drollig verhöhnt Der Hüne läßt schwere Kugeln auf 
seinen Rücken poltern, wirkt mit einem Riesengeschoß und ver 
leiht, was immer er Nützliches unternimmt, dem Gewichtigen den 
Anschein der Bagatellenhaftigkeit — Ein anderer^J ohn Olms 
Ein neuer Ossi Oswald a-FLlm. 
h im an -- d -U e D lt fea a r- u FT f ihlm a e m a ü „ s Dt a e n a t r e s lMä W u e äf i t s d, e cshp d ei a e s nlt m P im ro i t t e dg k e t e i g o er n n s wP w ä e rr s tio e g n et ne a k b Bt , ei ro d l e inn m ", u s dn ic ed h r 
d nH u ica r h c a h t ö se li , c n k tr s id n nenr e la n s A se ulä n t . oßrt,, Er whae s tn ch n ic s k em t inae s n ein lei e tser H azru e is ld ceh e te n w : asA e m i b n rbini j t u gio n en g ne e n s wil M ml. ä it d Wu c n h itl e el n yr 
und einen jungen Mann — wie könnten sie anders als sich lieben — 
„aG u sene d rearldi P rerokt v o i rn" z innacd h ie B Heärn li dne , f w alolens. i e D b iees id eer, noabcw h oeh i nlane d iner V d oenm- 
vivant und sehr aus Fleisch und Blut, ist eine durchaus mythische 
M Pe ä r d s c ö h n e li n chk b e e it t . reff E e i n n d B — lick Os v s o i n Os ih w m a , lda eine sch i e n n t k e t res ih s m ierte Na F i r v a i g tä e t , u d n a d s 
Unschuld in unwahrscheinlicher Fülle —: und das Mädchen wird 
zum Star der Revue. Ein Wink von ihm: und jener nicht zu um- 
g m e i h t en s d o e v ju ie n l ge Ne M tt a ig n k n e , it oh ih n n e d i e m n i ü h b m rig d e a n s W Mä il d l c y he F n r n it o s ch ch lieb a e u r ch wä b re e- , 
d-rL er schwingt Chrmpssttm, Sekonmü eine Wohnung und könnt, 
auf der Stelle heirmen, wenn nicht... Wenn der Autor nW 
gesellschaftskritischs Neigungen hätte. Nein, die Leiden heiraten so 
nicht. Sie wollen nicht der Protektion ihr Glück verdanken. An- 
h w ä ie nge h r eiß R t ou es ffs d a o u c s h , ? ke — hre a n uf sie eig in ene ih r re Sc P h r o o lle v , inz am zu s rü ti c ll k e , n um Her h d ie u r sw — . 
r A e b s e ta r ura d t a iv n e n n w G ä r r ü e nde d n a ? s S D t i ü e ck Sa j c a he er w ns i t r ? d w E i i e n d e er R e e in v g o e l r u e t n io k n t, z a u u m s 
G D l o ü r c f k , d fü ie r b d e e i n de F n il v m on . D ne e u r em Ge e n i e n r z a u l f d a ir n e g k s t n o . r S sc ie hick w t o s l e le in n e n B ic o h t t e , n wä in hre d n a d s 
D di e e r E G lt e e n rn era — ldir e e in k e tor hü k b a sc u h f e t d P a o s in D te or — f, s e i r e e z r u s r ch N e a in c t h p g e ie r b s i ö g n k l e ic i h t , dr u ä n n d ge s n o . 
wäre dann am Ende die Naturschwärmerei dieser edlen 
W au e s l g t e i M st e s v o m e . in M ge o ri r c a h l t : et, m u a n n d k in om B m e t rl o in hne ist P e r s ot s e c k h t ö io ne n r n a i l c s ht an a d u e s r , sw d o ie . 
S D z e e r ne F n i : lm so i d s i t e u im nte S rh c a h l n te e n id d era u L n e d lier b m rin it gt de e n in M s an R n e e ih q e uin e s n . tz G üc e k s e p nd ie e l r t 
i w h rierd E d ff uer k c t hewes i gn d gu fi t l .m Dgeiem ä R ß e . gie hat mit modernen Mitteln gearbeitet, 
„ a P me r Ar o ikna fe nids s ec s hme or AGnr M ofaten o sgk n e t d i e s ms it S PMr c o h sgn ö rat n ym h mB e s i a t n s skte k sh u t r i s eni u nsd s e ". ra . us E Hg r aeuz v epi e tcr r ho f n o lle l e g te: t 
die schwankenden Evolutionen Zweier Betrunkenen, eine Häufung 
von Vorgängen, die ebenso drollig wie unproblematisch sind. 
s H to a n u D a c a l; k s e m s G i u l t i t e e ih g r t l e ie n n g ic t P h i t e n g e g i d g e y e r - n G t M l i i r c i l h t s t , , e. s e o i E n nd s r e e r i i s n z t e e n k s d ö e r t p s a e n r E z lic t n . h s , e G m n e i b m c l h e e t , in z d t w a i e s s i t d i i n G m r e d e n i t e l - 
rechte Stimmung für die Mädchen mit und ohne Protektion versetzt.
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        Von den LichWelbühnen. 
Friedrich der Große im Film. 
— Der Film „Die Mühle von Sanssouc i" ist nun 
auch nach Frankfurt gelangt; die Bieberbau-Lichtspiele 
führen ihn vor. Ein Erzeugnis der deutschen Fox-Produktion, nach 
Motiven eines Lustspiels von Siegfried Philippi gedreht. Die 
zehn Akte find mit guten Kräften und unleugbarem Geschick zu 
sammengestellt. Auf die bekannte Anekdote von dem Müller, der 
gegen den König mit Erfolg an das Kammergericht in Berlin 
appelliert, baut die Fabel sich auf. Die Liebesgeschichten der 
Müllers- und der HofjuwelierZLochtsr gruppieren sich um den Kern. 
Als Staffage das Potsdamer Milieu, die Interviews von 
Sanssoucsi Chargen und Kompanien, die Generalität. Alles, was 
man von Menzel her kennt, naturgetreu hergerichtet. Im Mittel 
punkt der Friedrich Otto Gebührs, porträtähnlich, mit dem 
Airs «LSM 
Kecien unck Susen SÄkns- 
mann. Z. r'er-m. Uüneken, 0. H. Zeck. 
S-M Leiten. 6eö. 16. 
Das m XuklWs orsebionsns Lueb dringt 
neue XulsätLs, äks, naed äom ^Vorts ckes 
Verla886rs, „mittsn dinsin in äas Lrsnnon äsr Ksxwn- 
^ärtixwn cksutsellsn Uinuts" tnürsn. I^oickor orLSMt 
8i6 bei Lüllnsmann Lranä^uncisn; denn noeb im 
Zsntömder 1925 Ltsbt er niekt an, äis „Zittliebs 
liüekständiKÜsit der ^sstliedsn Völüor" dsdaup- 
tsn, dis sieh v^ädrend des Lris^s ^sokksnbnrt dads. 
Dieser Xussorueb, dem sied ädnliede anreiden Hellen, 
stammt niedt aus dem ^Veltreied dentseden Oeistes, 
sondern aus irgend einem Lräd^indel. Der Huell 
anderer XusiassunZen M rEreldaite Idealismus, 
der in den .formalen Dereieden, in denen es niedt 
darauf andommt. von Versvreedun^en triekt, die er 
in den dondreten Din^eMIIen niedt dält. ^Vir sind 
ZoLialisten, so vürd erdlärt; aber: der „Lomalismus 
als Dartei'bedeutet den Dogmatismus einer erstarr 
ten volds^irtsedaktlieden. Deedt^läubi^dsit, die 
längst niedt medr lebendige Religion ist." ^Vir 
sind aued Demokraten im Zinne der Demokratie als 
„sittlieder Idee"; aber: die .Demokratie als Dar- 
tei... bedeutet die DenutMNL der XbstimmunTS- 
masedine kür die kanitalistiseden Av^eeke". 1/Vo also 
steden vür? 'vVas sollen vür tun? Nan kra^t ver 
gebens, es sei denn, dall man sied mit dem- Bekennt 
nis 2ur „sittUeden Idee" be^nü^t; es ist aber keine 
Xnttvort, sondern die Dluedt vor idr — eine 
Dluedt, die xevüll niedt in das .J^tzltreied ckeutseden 
ösistes^ küdrt. — Interessant sind die Xusküdrunxen 
über amerikanisede Verdältnisse, die Xüdnemann 
vMrend der 2ert seiner Xustnuselwrokessur ?u stu 
dieren Dele^endeit datte. Tr. 
lDie neue Mufikgesinnung.I Im Rahmen der von der 
Frankfurter Kammermusikgemeinoe getroffenen Veranstaltungen er 
örterte Karl Holl die Stellung der Musik innerhalb der heutigen 
Gesellschaft. Nicht nur die Musiker werden ihm dankbar dafür 
sein, daß er, über das Inner-ästhetische hinausweisend, die Auf 
merksamkeit auf die es mitbedingende soziale Problematik lenkte, 
der das Musikleben zur Zeit untersteht. Mit treffenden Stich 
worten kennzeichnete er zunächst die historische Entwicklung der 
! musikalischen Produktion, die eine immer stärkere Ablösung der 
Musik von den übersubjektiven Zusammenhängen, eine immer auf 
fälligere Verringerung und Spezialisierung des eigentlichen Musik 
publikums gezeitigt hat. Der Ueberblick führte zu dem Ergebnis, 
daß die Kunstmusik heute zur Mu s ik esoterischer Zirkel, 
hie Volksmusik aber zur gemeinen Schlagermusik geworden 
ist, die einzig von der Passivität des Publikums getragen wird. 
Ein unhaltbarer Zustand, -der nur dann zu tilgen sein wird, wenn 
eine neue M u s i k g e s i n n u n g heraufwächst, die wieder die 
Musik zu dem macht, was sie von Hause aus ist: zu einer Kunst 
äußerung, die aus der Gemeinschaft konrmt und in sie mündet, und 
als Möglichkeit der Empfängnis und des Ausdrucks in jedem 
physiologisch gesunden Menschen bereit liegt. Wie aber ist hier 
Re-medur zu schaffen? Die Antwort auf diese Frage ward nicht 
ohne Optimismus erteilt, wenngleich Holl keineswegs die Größe 
der Gefahr-- erkannte, denen bei der Umwandlung des gegen- 
wärU-^ ^Mndes zu begegnen ist. Gefordert ist vor allem He 
n- bereits angestrebte Neubegründung des musikali - 
U nterr r ch t D Durch seinen Einbau in den Gesamt 
verricht, durch rhythmische Gymnastik und andere Veranstaltungen 
wird danach Zu trachten sein, daß der Unterschied zwischen Müst- 
kalischen und Unmusikalischen mehr und mehr sich verflüchtige und 
die Fähigkeit des Musizierens wieder allgemeiner hervortrete. Be 
troffen von der notwendigen Umstellung, die nicht zuletzt aus 
^wirtschafLlf^ erfolgen muß, wird auch das 
öffentliche Musikleben. Holl prognostizierte den Ätzgas 
der durchschnittlichen Solisten vom Podium, der vielleicht dem 
Mustkbildungswesen zugute komme, und die unausweichliche An- 
padung der Konzertgesellschaften an den neuen Musikwillen. Er 
ist der Oper am wenigsten günstig, und die Frage entsteht, ob 
ihre Aufführungen nicht wieder Festspielcharakter an 
nehmen sollen, eine Aenderung, die zugleich den wirklich leistungs 
fähigen Bühnen einen größeren Aktionsradius verliehe. Nachdem 
der Redner noch kurz die Pflichten angedeutet hatte, die dem Staat 
und den Kommunen angesichts des Kommenden erwachsen, umriß 
er Zum Schlüsse den maßgebenden Anteil der Presse, an der 
Umgestaltung des musikalischen Lebens. Das schöne Bild, das er 
von der Wurde und den Führerqualitäten des idealen Musik 
kritikers, dieses öffentlichen „Sachwalters der Musik" entwarf, 
durfte man auch als eine Zielsetzung seines eigenen "beruflichen 
Wirkens verstehen. i&amp;lt;r 
— „Die rote Maus." Ein Novellenstoff, der Kaschemme und 
Salon verbindet. Man hat dergleichen öfters gesehen, aber die 
Regie ist gut und die Handlung spannt, wenn sie auch nicht ge 
nügend von dem Buch sich ablöst. Aud Egede Nissen entfaltet 
sich als Heldin; ihre Züge wandeln sich vom Schrecken zur Ko 
ketterie, sie beherrscht die Stufen des Ausdrucks. Aus der Gesell 
schaft eines Diebes, der ihr Geliebter ist, reißt sie sich los, reinere 
Sphären zu betreten. Zunächst die des Films. Sie spielt hier, 
was sie früher schien: die Dirne, die auf der Leinwand so häufig 
wie in der Wirklichkeit zu sehen ist. Filmleute kopieren sich selber 
getreu, Jupiterlampen leuchten, die Kulissenwelt wird reproduziert. 
Ihr entsteigt die Heldin, um die Frau des Gerichtspräsidenten zu 
werden. Sie ist glücklich so in der Höhe, herrlich anzuschauen in 
Gesellschaftskostüm, aber ein Alpdruck lastet auf ihr — die Ver 
gangenheit, die sie verschweigt. Der Dieb, ein Gentleman durch 
aus, hat ihren Namen nicht genannt. Er kommt aus dem Gefäng 
nis heraus, er bedrängt sie, gar nicht mehr AsntlemanMe: wird 
er nun reden? Man zittert von M zu Akt, fürchterlich schürzt 
sich der Knoten, schlimm wird es enden. Es endet vortrefflich, 
durch eine Wendung, die im letzten Augenblick erfolgt und psycho 
logisch nicht uninteressant ist. Dem Gerichtspräsidenten wünscht 
man noch eine lange glückliche Ehe, er ist von innerem Adel und 
reich. Die Rollen sind ausgezeichnet besetzt, einige Impressionen 
biotechnisch voll ausgeschöpft, und so wäre denn wieder einmal 
das große Motiv des schlechten Schweigens in dem Bereich der 
kriminellen Ereignisse drastisch entlarvt. — Im Beiprogramm zei 
gen die Alemannia - Lichtspiele noch einen netten ameri 
kanischen Film: „Hochzeit mit Hindernissen". Sind 
diese Bewegungsvorgänge auch bereits Klischee geworden, so steht 
man sie doch wieder gern, denn die Eile, mit der sie voruber- 
schlüpfen, tut gut. Die Deulig-Woche ist mit Aktualitäten 
gemästet. racL. 
Michelangelo als Architekt. 
— In der Berufsschule für Graphik und gestaltende Gewerbe 
sprach Pros. Julius Hülsen zu dem Kreis der Freunde und 
Gönner der Schule über Michelangelo als Architekt. Er 
charakterisierte ihn als eine Erscheinung des Uebergangs, an der 
Wende zweier Zeiten. Zwar redet Michelangelo noch die FormenD 
spräche der Antike, bricht aber als Architekt die Alleinherrschaft^ 
der Säulen und gibt den Massen einen neuen Inhalt. Man 
nennt ihn den „Vater des Barockstils"; und in der Tat, er 
hat seine Heraufkunft am nachhaltigsten beschworen. 
Bei der durch Lichtbilder unterstützten Betrachtung der 
Architekturwerke Michelangelos ging der Redner zunächst auf die 
M e d i c e e rk a p e l l e ein. Sie hätte damals sehr schlicht gelöst 
werden können. Michelangelo aber hat die Sitzfiguren der beiden 
Mediceer architektonisch verklärt, indem er ein Nischenwerk errichtet, 
§ das bereits die Antike verleugnet. .Das Ganze ist nicht im Ein 
klang mit den alten Ordnungen komponiert, sondern frei geschaffen; 
der Bildhauer, nicht der Architekt hat sich durchgerungen. Der 
Schmuck erlangt bei ihm eine selbständige Bedeutung, die Wand 
findet ihre eigene Sprache, durch plastische Mittel ist ihr etwas 
gegeben. Kandelabersäulen, Kränze, Bewegung der Bänder: alles 
ist neu und stimmt wunderbar zusammen; hier ist die Geburtsstätte 
des Barock. 
Der eigentliche Schöpfungsbau des Barock freilich ist die 
Laurentiana. In ihrem Treppenhaus hat Michelangelo die 
Säulen in die Mauer gestellt, der Licht- und Schatteneffekte 
wegen. Alles ist in der Wirkung gleichsam angeheizt. Auch die 
Nischen, die um ihrer selbst willen da sind, und die verkröpften 
Gesimse erteilen den 'Mauern ein neues Leben. 
In Rom erwartete Michelangelo die Aufgabe, den Kapitol- 
platz zu gestalten. Marc Aurel steht hier auf einem niedrigen 
Sockel, an dem man auch das Wesen des Barock studieren kann. 
Der Senatorenpalast zeigt in seiner Frontbehandlung nicht eigent 
lich viel vom barocken Wesen; die Treppenvorbauten freilich holen 
es wieder herein, auch durch die ganze Freiheit, mit der die Bau 
elemente behandelt sind, wird es bestätigt. 
An der Porta Pia hat sich Michelangelo als Bildhauer mit 
malerischem Blick bewährt. Sie ist besät mit merkwürdigen Formen: 
Rahmen sitzen in Rahmen, die Simaprofile sind umgewandelt — 
alles gewaltige Neuerungen, barocken Geistes voll, der die Gewalt 
! der in sich gebunden architektonischen Formen tilgt. 
&amp;gt; Es würde zuweit führen, den Redner durch die ganze Architek- &amp;lt; 
l turwelL Michelangelos zu begleiten. Genug Laß er, vom Beifall! 
der Hörer bedankt, auch für die anderen Schöpfungen an Haut 
der Lichtbilder ein Verständnis zu erwecken suchte. — Ein Musik 
vortrag leitete den Abend ein. Xr.
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        Von Naca. 
n piano gus daibe uns rnain kröl« 
l^ult äs,N8 1s soir rose st grig va^uemsni... 
Verlaine- 
DaS Klavier ist ein privates Geschöpf; es lebt ganz für 
sich tn der Ecke eines Zimmers, das nicht zu ihm paßt. Oel- 
bilder kleben an den Wänden, aus dem Boden strömt Familien- 
geruch empor. Die Leute, die sich hier angesammelt haben, 
nehmen auf die Anwesenheit des Klaviers keine Rücksicht, 
unterhalten sich vielmehr laut über persönliche Dinge. 
Beschäftigen sie sich einmal in den Pausen mit ihm, so legen 
sie ein Oberflächliches Betragen an den Tag, das dazu angetan 
ist, es einzuschüchtern, und die ihm von Natur aus inne 
wohnende Angst vor der Außenwelt nicht unbeträchtlich ver 
stärkt. Tonleitern und andere lächerliche Gemeinplätze sind 
alles, was es in einer solchen Umgebung hervorzubringen 
vermag. Unter der Unmöglichkeit, sich richtig äußern zu 
können, leidet es selber am meisten. 
Ich bin gern allein, denkt das KLavier bei sich. Der Trost, 
den es aus diesem Gedanken zieht,, hilft ihm freilich nicht 
durchaus über das Gefühl des Gekränktseins hinweg- Bezeigten 
sich die Leute etwa aus Zeitmangel gleichgültig ihm gegen- 
Aer, es fände gewiß mehr als eine Entschuldigung für sie; 
ein wenig Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse hat es 
ja auch. Aber sie vernachlässigen geflissentlich sein Aeußeres 
und verlangen Dienste von ihm, zu denen es an sich nicht ver 
pflichtet wäre. Mehrmals bereits ward ihm zugemutet, einen 
Kübel zu tragen — als ob es eine Anrichte oder gar eine 
Müllgrube sei. Unter dem geschlossenen Deckel verging es vor 
Scham. 
Mit den übrigen Einrichtungsgegenständen pflegt das 
Klavier keinen Verkehr. Sie sind HU verschieden von ihm, jeder 
ist gleichsam nur auf einen Ton gestimmt. Dennoch würde es 
natürlich, schon um der Einsamkeit zu entrinnen, bei Gelegen 
heit mit ihnen in engere Beziehung zu treten suchen, müßte es 
nicht fürchten, von ihnen mißverstanden zu werden. Es hat 
seine Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht. Der zu seiner 
Gesellschaft bestimmte Stuhl, der von ihm einmal restlos ins 
Vertrauen gezogen worden war. bat^e als einzige Antwort sich 
um sich selber gedreht. Wenn die Nächsten so sind, bleibt von 
den Fernstehenden nichts zu erwarten. Durch sein Schweigen 
gereizt, haben sich denn auch die Möbelstücke, so uneins sie 
sonst untereinander sind, gegen das Klavier zusammen- 
geschlosfen. Sie erklären seine Absonderung als den Ausfluß 
eines Kastenstolzes, dem die soziale Grundlage ermangle, undi 
drücken es überhaupt in jeder Weise herab. Der runde Eßtisch- 
« 
. 
&amp;gt; 
heftig dagegen, daß jenes schwarzglänzende Instrument nur 
gewissen Leuten sich öffne; die Möbel seien für alle geschaffen. 
Öfters reden die Einrichtungsgegenstände über den Kopf 
ihres Opfers hinweg, als bemerkten sie seine Gegenwart nicht, 
und verhöhnen es nach eigens ersonnenen Methoden. In der 
Nacht quietschen sie hämisch, um es aus seinen Träumen auf- 
zuscheuchen, und am Tag lasten sie sich unaufhörlich verschieben, 
da sie seine Abneigung gegen Geräusche kennen. Besonders 
häufig schimpfen sie über die Musik, auf die sie schon allein 
darum nicht gut zu sprechen sind, well sie beiseite gestellt 
werden, sobald sie ertönt. „Ja, wenn es noch die richtige 
wäre," nörgeln sie, ohne es ernstlich zu meinen, „aber davon 
kann ja in diesem Falle die Rede nicht sein." Sie brüsten sich 
damit, daß sie Aber, wenn auch plumper - zwar, doch zum 
wenigsten ihre Handwerk richtig betreiben, statt wie andere 
ihresgleichen lediglich von Einbildungen Zu leben und im 
Grunde sich ohne Gegenleistung ernähren zu lassen. 
Diese und ähnliche Reden verwunden das Klavier aufs 
tiefste, denn es spürt nur allzusehr, wieviel Wahres an ihnen 
ist. Um sich aus seinen traurigen Gedanken zu retten, spielt 
es am liebsten mit der Vorstellung, ein Flügel Zu sein. Ganz 
in das Bereich der Phantasie zu verweisen ist sie übrigens 
nicht. Wie ihm ein längst dahingegangenes Stamminstrument 
wieder und wieder erzählte, sind aus ihrer Familie in früheren 
Zeiten auch Flügel hervorgegangen. In der Tat unterscheiden 
sich diese von den Klavieren nur durch die äußeren Pro 
portionen, die Gefühle hier und dort sind die gleichen. Ihrer 
Schönheit und Ausdehnung allein haben sie es zu danken, 
daß sie für etwas Höheres angesehen werden und schon von 
Jugend auf eine Erziehung erhalten, die sie zu hervorragenden 
Leistungen befähigt. Man behütet sie vor den feuchten West 
winden, wacht mit Sorgfalt über der Entwicklung ihres 
Innern und bringt sie zeitig in die Öffentlichkeit, damit sie! 
sich an ein sicheres. Auftreten gewöhnen. So geneigt das' 
.Klavier auch ist. jedem das Seine zu gönnen, es erblickt eine' 
'gewisse Ungerechtigkeit darin, daß die Flügel rein um ihrer 
blendenden Gestalt willen, die doch lediglich auf den Zufällen der 
Geburt beruht, einer solchen Bevorzugung sich erfreuen. Wenn 
es sich mit ihnen vergleicht, kann es nicht fasten, daß die 
Möbelstücke, von denen manche immerhin weit herumgekommen 
sein mögen, seine eigene bescheidene Existenz ihm noch neiden. 
Allerdings hat es selber wiederholt den Zeitschriften, die man 
unachtsam auf ihm liegen ließ, rührende Geschichten ent 
nommen, in denen berichtet wurde, daß Klaviere es zu 
großem Ruhme gebracht hätten oder Stifter bräutlichen 
Glückes geworden seien. Das junge Paar habe die Instrumente 
dann in oer guten Stube aufbewahrt, sie mit einer Damast 
decke geschmückt und den Kindern und Kindeskindern als 
lttOtendA BMW M WM MM ULex Mn UM dieses
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        Fabeln, sie dienen der Abfindung, und wer weiß, ob es nicht 
Berechnung gewesen, daß man ihm gerade Zeitschriften 
solchen Inhalts, noch dazu illustrierte, als Bildungsstosf reichte. 
Jedenfalls empfindet das Klavier stets Bitterkeit, wenn 
es an das Dasein von Flügeln denkt. Dabei ist sein Ehrgeiz 
nicht einmal so verwegen, daß es sich gleich in einen Konzert- § 
flüge; versetzte. Nein, es wollte nur ein Zimmerflügel sein, 
ein Flügel von mittelgroßer Statur, der nicht in der Ecke 
stünde, sondern allgemein geachtet inmitten des Raums. Die 
Einrichtungsgegenstände wären ihm gegenüber zur Höflichkeit 
ungehalten, und in seiner Nähe dürften nur Personen ver 
weilen, die seinem Gefühlsleben mit Achtung begegneten. An 
dem Verständnis dieses keinen Kreises wäre ihm sogar in viel 
höherem Maße als an lärmendem Beifall gelegen, denn den 
reichsten Lohn für seine Darbietungen findet der Künstler zu 
! letzt in sich selber. ? 
Hat das Klavier sich erst von der Wirklichkeit entfernt, 
so kennt es, wie nicht geleugnet werden soll, keine Grenzen 
mehr, sondern erwägt in seinem Innern, daß es auch ein 
Konzertflügel sein könnte, ja, behauptet mit volley Morden, 
daß es nur als Konzertflügel den Platz einnähme, der ihm 
v-on rechtswegen gebührte. Es sieht sich feierlich auf dem - 
Podium stehen, erhobenen Deckels, wie es dem Ernst der 
Stunde entspricht. Auserwählte aller Nationen sind beauftragt, 
seine Eingebungen der lauschenden Menge zu künden; nicht 
selten haben ste sich beschwerlichen Reisen unterzogen, um noch 
rechtzeitig zur Stelle zu sein. Das Klavier erinnert sich daran, 
daß, einer Ueberlieferung zufolge, ein Konzertflügel bei solcher^ 
Gelegenheit einmal wirklich geflogen sei, und malt sich die 
Beseligung aus, die jener Flügel damals empfunden haben 
müsse. Befände es sich selber in dieser Lage, es zöge in 
' weiten Spiralen über der Menge dahin, immer höher, zur 
Decke empor, durch die es am Endg. entschwebte. Kein Tönen 
mehr wäre geboten, durch das Kreisen im Saale allein erfüllte 
es sich... 
Die Folge derartiger seelischer Ausschweifungen sind ge 
wöhnlich lang andauernde Erschöpfungszustände, in denen das 
Klavier nicht das Geringste zu arbeiten vermag. Teilnahms- 
los erduldet es die Vorwürse der Leute, die es des Undanks 
Zeihen; es könnte ihnen entgegnen, daß ste an seiner Ver 
wahrlosung mitschuldig seien, aber Mangel an Selbstvertrauen 
verschlägt ihm die Töne. Dieser Mangel wird noch durch das 
merkwürdige Verhalten der Möbelstücke verstärkt. Sie überlassen 
es mehr und mehr seinem Schicksal, statt es wie früher zum 
Gegenstand ihres Spottes zu machen, der doch, so wohlfeil 
immer er war, eine Art von Gemeinsamkeit zwischen ihnen, 
i schuf — eine Wendung, die vermutlich auf höheren Orts er-f 
tMk BMWW MÄHpWM U AMD M DW -Mt 
Langeweile sich erklärt. Für jenen Umstand zeugte der ver 
bissene Eifer, mit dem sie neuerdings ihre täglichen Pflichten 
erledigen, für diesen das rege Interesse, das sie dem kürzlich 
eingetroffenen Radioapparat entgegenbringen. Aus ihren Ge 
sprächen ist zu erraten, daß sie sich zwar über die Unruhe 
ärgern, die das Drahtgestell stiftet, aber dafür nicht genug 
seinen Fleiß und seine Willigkeit zu rühmen wissen, durch die 
es von der schwarzen Holzkiste vorteilhaft absteche. Der Eß 
tisch fängt begierig die Nachrichten aus Uebersee aus, weil er 
die an ihm geführten Unterhaltungen genau verfolgen möchte, 
und der Stuhl dreht sich aus eigenem Antrieb so hoch er nur 
kann, um in steter Verbindung mit den Antennen zu bleiben. 
In seiner Verzweiflung Nagt das Klavier sich an, daß es 
vielleicht nur aus übertriebenem Zartsinn den an es gestellten 
Ansprüchen nicht genüge und überhaupt im ganzen zu einseitige 
nach innen gerichtet sei. Auf Grund dieser Ueberlegung ge 
langt es zu der Erkenntnis, es müsse sich in Zukunft etwas 
veräußerlichen und nach einer Berührung mit dem wirklichen 
Leben trachten. Sein Pflichtbewußtsein als Klavier läßt den 
Entschluß in ihm reifen, mehr als bisher Zerstreuungen auf- 
zusuchen, die ihm noch am ehesten eine solche Berührung ver 
mitteln dürften. Eine Abends rollt es aus dem Zimmer, nicht 
ohne sich vorher vergewissert zu haben, daß man seine Ab 
wesenheit nicht bemerkt. So sehr es auch die Straßen seit 
jenen Tagen verändert findet, in denen noch Wanderklaviere, 
mit farbigen Bändern geziert, ste fröhlich durchzogen, zu der 
oft gehörten pessimistischen Ansicht, daß ihr Wandel notwendig 
eine Verschlimmerung bedeute, kann es sich schlechterdings nicht 
bekennen. Im Gegenteil, es erbaut sich an dem Gedanken, daß 
der scheinbar planlose Autoverkehr sich in Wahrheit nach ganz 
bestimmten Regeln wie von selber vollzieht, und empfindet 
einen gewissen Stolz dabei, gleich den anderen Passanten ein 
Glied in der Kette zu sein. Ueber der Betrachtung dieser 
höheren Ordnung vergißt es seine eigenen Sorgen und 
klimpert leise so vor sich hin. 
Da sich, wie das Klavier wohl weiß, in manchen Ver 
gnügungsstätten heruntergekommene Kameraden aufzuhalten 
pflegen, die hier ein« nicht unbedenkliche Tätigkeit ausüben 
sollen, schreitet «Z nach einem begreiflichen Zögern zum Besuch 
eines Nachtlokals. Von der Bardame seines zugeklappten 
Deckels wegen mit freundlichem Nicken begrüßt, stellt es sich 
gewohnheitsmäßig in einer der Ecken auf, die jedoch in 
diesem Raum eine größere Wertschätzung zu genießen scheinen 
als die Ecken zuhause. Statt der erwarteten Kameraden trifft 
es freilich nur etliche ihm unbekannte Instrumente an, ameri 
kanische Gäste offenbar, di« durch auffallende Bewegungen 
sein Befremden erregen. Nicht daß es ihnen den Sinn für 
Rhythmus absprechen möchte — aber ihre Gefühle sind von 
tGWY durchaus MUMM, KAU !einM Sorjatz, da» 
Heben kennen W lernen, bemüht «s sich indessen, mit ihnen in 
f Verbindung zu treten und auch seinerseits sich zu eröffnen. 
Die Ausführung dieser Absicht wird unverhofft durch das 
Entgegenkommen einer jungen Tarne begünstigt, die schon seit 
geraumem ihr Bein an das seine schmiegt. Das Unterlassen 
eines Widerstandes ermutigt sie zuletzt dazu, auf eine höchst 
leichtfertige Weiss seinen Deckel hochzuheben und «s zärtlich zu 
betasten. Etwas anderes hat das Klavier garnicht bezweckt. 
Entzückt wendet es sich jenen ausländischen Instrumenten zu;. 
gewisse Themen, der Auseinandersetzung wert, schweben ihm 
vor. 
Schlimmes begibt sich: es versagt. Tonleitern und, 
Gemeinplätze nur, dieselben, mit deren Wiedergabe es sich da 
heim Jahre hindurch hatte begnügen müssen, dringen aus 
seinem allzulange der ÄeuHerung entwöhnten Innern hervor.«' 
Am Ende verwirrt es sich in Gestammel, weil es spürt, wie 
falsch gerade hier alles klingt. 
Enttäuscht, auf schlaffe Saiten gestoßen zu sein, zieht sich 
die junge Dame zurück. Peinlicher ist das Verhalten der Ueber- 
seekschen; sie sind über die Dreistigkeit des Klaviers chokiert 
Mb weigern sich, in ihrer Beschäftigung fortzufahren, ehe ihnen 
nicht Genugtuung wird. Die Bardame, verdrossen darüber, 
daß ihr abgewogenes Nicken vorhin auf falscher Voraus 
setzung beruhte, besiehlt die schleunige Entfernung des Kla 
viers. Sofort wird sein Deckel zugeschlagen. Es fliegt auf 
die Straße. 
Immer höher fliegt es empor, in weiten Spiralen kreist es 
Wer der Menge. Während es, verstörten Gemütes, durch die 
Lüste zu entschweben wähnt, transportieren mitleidige Spazier- 
gäikger, die au? einem zerkratzten Schild seine Privatadresse 
.erkundet haben, das verlassene irdische Gehäuse wieder nach 
Hm Zimmer, dessen Einrichtung nicht zu ihm paßt.
        <pb n="13" />
        2^ 
Verliner 
I^icktspielkäuser 
Die Lichtspielhäuser Berlins 
sind nicht Kinos mehr, sondern 
Paläste der Zerstreuung. Das 
dier adgebildcte Ufa-Theater 
Turmstraße in Moabit ist 
als praktischer Zweckbau das 
Muster eines solchen Palastes. 
Eine geräumige Kapenhalle, um 
fangreiche Parken- und Rang- 
foners, deren Größe ausreicht, 
um 1700 Menschen bequem die 
Möglichkeit des Wartens vor 
einer neuen Vorstellung zu 
geben, eine große Konzeriorgel, 
ojsei^s Orchester, vor allem aber 
von ocn Zugängen getrennte 
Abgänge für das Publikum 
sind seine wesentlichen Vorzüge. 
Der vor wenigen Wochen in 
Betrieb genommene Gloria- 
Pala st liegt am Eingang des 
Kurfürstendarnms, dort, wo die 
Lichtreklamen allabendlich auf 
die K aiser-Wilhetm-Gedächtnis- 
kirche ein General-Bombarde 
ment eröffnen, unter dessen An 
prall sie sich zusehends ver 
2, / - - 
kleinert. Wie die Abbildungen 
zeigen, ist in diesem Palast die 
Rückkehr zum Theater voll 
zogen, die — leider — von den 
großen Berliner Lichtspiel 
häusern allgemein angestrebt 
wird. Der Zuschauerraum mit 
samt dem Treppenvestibül und 
den intimen Vorgemächern: das 
alles atmet den Geist eines Resi 
denztheaters aus dem 18. Jahr 
hundert. Das den Rokoko 
Kirchen entlehnte Motiv der in 
die Wand eingebauten Herr 
schaftslogen mehrt noch die 
Exklusivität. Der Widerspruch 
zwischen dem architektonischen 
Gehalt und der Bestimmung 
des festlichen Innern liegt am 
Tag. Man erwartet Mozart zu 
hören und erblickt — von den 
seitlichen Plätzen übrigens ver 
zerrt — amerikanische Film 
grotesken, die aus der stilvollen 
Gehaltenheit Herausbrechen. Der 
Drang nach Theaterwirkung bei 
der Raumgestaltung ist in ästhe 
tischer Hinsicht ein Irrtum, wie 
glänzend immer er sei. l^r
        <pb n="14" />
        Kalender und Almanache. 
--- Die diesjährige Ausstellung der Frankfurter Bibliophilen- 
Gesellschaft: „Kalender u n d A ! m a n a ch e", die wie die 
vorigen im Kunstgewerbemuseum, in den Räumen der 
Linel-Sammlung aufgebaut ist, wurde Sonntag früh vor ge 
ladenen Gästen eröffnet. .Der Direktor des Kunstgewerbemuseums, 
, Prof. Robert Schmidt, dankte in feiner kurzen Begrüßungsan- 
»prache den Spendern der Leihgaben und seinen Helferinnen Frl. 
&amp;gt;Dr. v. Lieres und Frl. Gertrud Oppenheim. Herr 
! Moritz Sondheim leitete sodann mit einer historischen Be 
trachtung zur Bssichnguna der Ausstellung über. Seine Dar ¬ 
. legungen waren so iesselend, daß wir sie möglichst getreu repro- 
! dozieren wollen. 
! Die Geschickte des Kalenders, so führte er aus, ist nicht nur die 
Geschickte der Zeitreä nung, sie ist durch Inhalt und Beiwerk die 
Geickichte unserer Sitten und unserer Kultur Diese kommt von 
der Kircke. Die ersten Kalender sind daher kirchliche Kalender 
immerwährende Kalender, welche die unbeweglichen Feste und die 
Feste der Heiligen enthalten und Tabellen für die Berechnung der 
beweglichen Feste. Solche Heiligenkalender sind die Begleiter aller 
liturgischen Bücher. Sie finden sich als Einleitung zu Missalen 
und Brevieren und auch in den Srundenbüchern' der Laien zm 
Regelung der täglichen Andachten. 
Neben den Kirchenfesten und den religiösen Uebungen 
bis zur Renaissance die Astrologie tief in das tägliche Leben 
der Menschen ein. Sie kennen und verfolgen die Stellung der 
Planeten zueinander und zu den Bädern oes Tierkreises. Sie 
kennen ihren Einfluß auf das Temperament, auf das geistige und 
leibliche Wohl, auf die Wege des Schicksals. Kalender lehren, 
wann die Stellung der Sterne den verschiedenen Handlungen 
günstig oder ungünstig ist, wann die Menschen reisen oder Ge 
schäfte beginnen sollen, wann sie am besten pflanzen und säen. 
Aderlässen, Arznei nehmen, die Haare schneiden usw Sorgten 
die Heiligenkalender für das seelische Wohl, so diese mehr für das 
leibliche. Man nannte sie daher Praktiken oder auch nach 
ihrem wichtigsten Zweck Aderlaß- Kalender 
Schon im 15. Jahrhundert treten die gedruckten Kalender 
sehr zahlreich am. Die Wandkalender, die mit Vorliebe zu 
Neujahr verschenkt wurden, tragen oft den üblichen Glückwunsch: 
Ein selig neu Jahr; man nannie sie von Anfang an „Al 
manache". Diese Almanache des 15. Jahrhunderts sind eine 
Verbindung des Heiligen- und Aderlaß-Kalenders mit einer be 
scheidenen Zugabe von astronomischen Angaben. 
Den gleichzeitig auftauchenden Buckkalendern wurden 
allgemein nützliche Notizen beigefügt: Gesundheitsregeln, Heil 
mittel für Mensch und Vieh, Ratschläge für die Landwirt'chafl und 
besonders wirksame Gebete. Vom. 17. Jahrhundert an kommt an 
Nachrichrenmaterial hinzu: Märkte, Messen, Posten, politische 
Begebenheiten. Kriegs-und Naturereignisse: im 18. Jahrhundert 
reiht sich die Genealogie der Fürstenhäuser und die Uebersicht über 
die hohe Geistlichkeit an. Für die Unterhaltung sorgen Anekdoten, 
Erzählungen, Gedickte. 
So wandelt und erweitert sich der mittelalterliche Kalender 
mehr und mehr zu dem Bauern- und Volkskalender, 
den wir heute noch jährlich erscheinen sehen. Er ist zumal in 
politisch und religiös aufgeregten Zeiten ein geeignetes Werkzeug 
gewesen, um das Volk zu belehren und zu lenken. Männer wie 
Gubitz, Hebel, Horn, Nieritz,Auerbach haben durch 
ihre Kalender auf die breiten Massen gewirkt 
Mit der wachsenden Bildung und stärkeren Differenzierung 
der Volksschichten erwackt das Bedürfnis nach Kalendern für ver-
        <pb n="15" />
        Augenglam, nicht ohne Souveränität. Man hat ihn auf den 
Bürgergeschmack zugeschnitten: etwas zu jugendlich und ein wenig 
zu gütig kommt er mit Stock und Windhunden daher. Ein König 
aus dem Märchen eher denn ein wirklicher, voller Verständnis für &amp;gt; 
die Liebsnöte der kleinen Potsdamer Mädchen, seinen Aerger über 
das Mühlengeklapper bezwingend, gerecht und sympatisch. Ein 
Friedensfürst, der nur bei den Klängen des vom Publikum be-! 
klatschten Hohenfriedberger Marsches noch der großen Schlachten 
von ehedem gedenkt. Die Histörchen sind um ihn herum gemütlich 
angeschichtet: wie er mit Voltaire konversiert, dem Karl Götz die 
treffliche Maske leiht, wie er die Barberina verabschiedet, die Olga 
Tscheschowa schwarz und rassig verkörpert. Die Schattenseiten 
sind linde herausretuschiert, der Mythus hat es nicht schwer, sich 
aus dem Film zu gebären. Wie drollig blickt der Ziethen Johns, 
wie vergnüglich ist der Alte Dessauer Eduard von Winter-^ 
st eins. Auch Freund Keith und die Schwester Wilheünine fügen 
der Harmonie sich ein, und nichts als das Klappern der Wind 
flügel erinnert mehr an die böse Welt. Friedrich Zelnik, 
! Oberspielleiter, hat das bürgerliche Mrstenidyll im ganzen mit 
&amp;gt; Muratesse herausgearbeitet, die vielen Szenen — manche sind 
zu lang — schließen sich richtig ineinander, Blickpunkte und Bild 
ausschnitte haben Form. 
Freilich, man wird der historischen Miniaturen nicht durchaus 
froh. Gerade weil der demokratische Firnis ihnen leuchtend auf 
gesetzt ist, sind sie des propagandistischen Zweckes verdächtig. Auf 
dem Umweg über^ biedermeierische Behaglichkeit möchten sie zurück-! 
locken in Epochen, die alles andere eher als behaglich waren. Sie' 
kehren das Patriarchalische nach außen und verbergen den Absolu- ' 
tismus, dem es zugeordnet ist, sie zeigen Friedrich als eine Art 
von Familienvater und sparen die weniger--erfreulichen Phänomene 
des despotischen Regiments einfach aus. Das Rezept ist klug: 
man nimmt den großen Repräsentanten der Monarchie, schneidet 
die peinlichen Bildstreifen ab und verdichtet die übrig gebliebenen 
gewinnenden Züge zum optischen Epos, das unmerklich die auf 
der Rechten wohlgelittenen Gesinnungen erzeugt. — 
Aber zu Ehren des Films sei es gesagt, daß er auch den 
Rechtsparteien etwas zu lernen gibt oder doch geben könnte. L 
rüst ihnen das alte Kammerger ich t ins Gedächtnis zurück 
dessen Grundsätze Lei den politischen Prozessen der letzten Iahn 
in Vergessenheit geraten zu sein scheinen. Manchen Gerichten man 
zu empfehlen, den Film in corpore aufzusuchen. Oder sollte, was 
in der Monarchie recht ist, in der Republik nicht billig sein? 
raca.
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        — Kairo—Kopenhagen. Der Ellen Richter-Film: „Die 
tolle Herzogin", den die Ufa - Lichtspiele Zeigen, 
ist eine internationale Hochstapleraffäre, wie man so spannend 
noch selten sie sah. Ein Spielsaaldirektor aus Kairo, eine Her 
zogin, ein Lord, ein erpresserischer Graf sind darin verwickelt, um 
von den Staffage-Figuren zu schweigen, die sämtlich dem Reper 
toire der Hotelhallen entstammen. Es geht um einen Geheim 
vertrag, und Liebe wird erheuchelt, um belastende Briefe in die 
Hand zu bekommen. Der Graf wird ermordet, was in Ordnung 
ist; nur waren es eben nicht die Personen, die sich der Tat schul 
dig glaubten. Ein Kriminalinspektor sieht sich endlich dem Mörder 
gegenüber; nur eben verhaftet er ihn nicht, obwohl er den Haft 
befehl in der Tasche hat. Der Mörder beginnt als Abenteurer 
in Kairo und wirkt in Kopenhagen als Chauffeur; nur eben ist 
er keines von Leiden, sondern ein Markgraf gar, dessen Sinn nach 
der Herzogin sieht. Dieser leiht Ellen Richter schwarze Ent 
schlossenheit und ein reifes Temperament, das zum Schluß seine 
Belohnung findet. Mehr zu verraten, hieße die Zuschauer um 
, Heberraschungen bringen, die zahlreich sind. Schöne Städte- 
ansichien bilden als Dreingabe die wechselnden Hintergründe. 
Die Regie hat die Scenen gut gemischt, und auch der Komik, die 
der Handlung die Schwere nimmt, ihr Recht eingeräumt. Die 
Erregung hält bis zum Ende an, der Zickzack-Kurs der'Gescheh- 
nisse vereitelt jede vorschnelle Kombination. Fazit: man sehe den 
- Film sich an, er gewährt die unverächtlichen Genüsse eines gehobe 
nen Detektivromans. — Das Beipro grämn: unterrichtet über die 
besonderen Sensationen des Trabrennsports und bringt in der 
Ufa-Wochenschau die üblichen Neuigkeiten aus aller Welt. 
schiedene Kreise und Berufe. Es entstehen im 18. Jahrhundert 
Sraatskalender, genealogische, historische und literarischeKalender, 
Theater-, Jagd-, Forst- und Garten-Kaender. Verbreitung finden 
vor allem die ! i t e r a r i i ch e n M' N.ujahrsgeschenken werden 
reizvolle Kalender für Da m en h . ..erichtet, zierlich eingebunden, 
mit mo ernen Kupfern und poetischem Inhalt. Eine Mode, die, 
wie alle Moden, aus Frankreich kommr, wo von 176Z an der 
„HImÄNüeK äe5 MU8S8" erscheint, der 1769 in Deutschland von 
Götter und Boje im Musen-Almanach nachgeahmt wird. 
Die Musen-Almanache, die dem deutschen Gemüt be 
sonders gut liegen, lösten ein Problem, das bisher unlösbar 
schien: wie bringt man das Publikum dazu, Geld für Gedichte 
auszugeben? Antwort: man macht Almanache, die den Damen 
geschenkt werden. Künstler, Dichter und Verleger haben dieses 
Verfahren weidlich ausgenutzt. Chodowiecki hat unermüdlich 
Kalenderkupfer gestochen Schiller hat seinen berühmten 
Musen-Almanach c egründet, weil, wie er in einem seiner ersten 
Briefe an Goethe sagt, diese Entreprise für seine ökonomischen 
Zwecke sehr glücklich war und seine Ünabhängi keit sicherte. Die 
Verleger fanden auf diese Weise unverhofften Absatz für Verse, die 
in den verschiedensten Einbänden und in allen Preisen zu Weih 
nachten auf den Büchermarkt kamen. So geschah es, daß 
Hermann und Dorothea" als Kalender mit Mode- 
kupfern erschien, was heute immerhin seltsam anmutet; zumal 
dann, wenn wir hören, daß zu der feinsten Ausgabe in gewirktem 
Seiden-Einband eine Schere und ein Messerchen beigegeben wur 
den, um das Buch von vornherein als Geschenk für den Nähtisch 
zu kennzeichnen. Noch absonderlicher vielleicht mutet es an, daß 
Schillers Geschichte des dreißigjährigen-Krieges drei Jahre hinter 
einander in kleinstem Format als Kalender für Damen erscheint. 
Bei diesen lirerarischen Almanachen tritt der Kalender selbst 
immer mehr Zurück. War „Hermann und Dorothea" 1797 noch als 
richtiger Kalender mit Monatskupfern herausgekommen, so fristet 
in der 1803 erscheinenden Ausgabe von Goethes Fragment: „Die 
natürliche Tochter" der begleitende Kalender nur noch ein 
kümmerliches Dasein auf dem Futteral. Ein Jahr später erscheint 
der „Tell" als Neujahrsgeschenk ganz ohne Kalender. Allmählich 
entwickelt sich so aus dem Musen-Almanach des 18. Jahrhunderts 
das T a s ch en b u ch, in dem im 19 Jahrhundert die Gedichte 
Zimmer mehr von Erzählungen in Prosa, von Novellen und 
Liebesgeschichten verdrängt werden. 
Kalender sind das verbreiterte Zeugnis der Buchdruckerkunst. 
Als Wandschmuck dem Augen stets sichtbar, als Taschenbuch täglich 
durchblättert, sind sie die gegebenen Verbreiter derReklame; 
vor allem der Wandkalender, der eigentlich ein Plakat ist. Die 
mittelalterlichen Almanache mit ihrem astrologisch - mythisch 
symbolischen Inhalt haben sich im 17 und 18. Jahrhundert zu den 
großen Staats- und Ratskalendern mit ihrem allegorischen und 
heraldischen Inhalt umgewandelt Aus diesen StaatsLalendern 
ist dann später der moderne Geschäfrskalender, der 
Reklamekalender, hervorgegangen 
§ Seinen beifällig aufgenommenen Vortrag schloß Herr Sond- 
heim mit dem Dank der Bibliophilen - Gesellschaft an Professor 
Schmidt. Die Ausstellung selber, die sehr reich beschickt worden ist 
und eine Fülle kostbarer Stücke aus allen Epochen enthält, wird 
noch eingehender gewürdigt werden kr. 
/V- 
— ^Jst das Theater noch lebensfähig^ In den Frank 
furter Kamm erspielen entwickelte gestern abend der Ber 
liner Theaterkritiker Dr. Kurt Pinthus seine theoretisch gut 
fundierten und durch praktische Beispiele hinreichend beglaubigten 
Ansichten über die gegenwärtige Krisis des Theaters und 
die Möglichkeiten ihrer Behebung. Vorwiegend an Berlin exem 
plifizierend, legte er mit Recht den Nachdruck auf die Struktur des 
heutigen Publikums: sein Ueberwältigtsein durch den Anprall der 
TaLsächlichkeiten, seine gegen früher unerhört gesteigerte Erregbar 
keit. Eine Situation, die dem Film besonders günstig ist. Der 
Redner grenzte ihn in einer ziemlich eingehenden Analyse treffend 
vom Theater ab, zeigte vor allem, wie der Film dank seiner Tech 
nik, die ihn zur Ueberwindung von Zeit und Raum, zur Dar 
stellung der faktischen und möglichen gegenwärtigen Realitäten be 
fähigt, den Bedürfnissen der Massen entsprechen kann. Das Thea 
ter hat sich ihnen nicht angepaßt. In einer Zeit, aus der ein Lava-. 
ström glühend hervorbricht, spielt es ein veraltetes Repertoire, 
traktiert es Probleme, die abgewirtschaftet haben. Die Kritik des 
Redners, die sich, auch auf die heutigen Intentionen Max Rein 
hardts erstreckte, wies im einzelnen die Unangemeffenheit der szeni 
schen Leistungen an die Grundgefühle der Gegenwart auf — eine 
Unangemeffenheit, die recht, eigentlich den finanziellen Niedergang 
der Theater erklärt Wie kann dem ab geholfen werden? Man habe 
den Mut, so formulierte der Redner, und fordere, daß dieses er 
starrte Theater sterben müsse, damit es in neuer Form auf- 
erstehe. Es gelangt aber nicht dadurch zur Aktualität, daß es sich, 
wie jetzt in Berlin, durch „Reißer" aufzuhelfen sucht, oder gar 
Film und Revue auf die Bühne verpflanzt, sondern lediglich durch 
die Besinnung auf die ihm selber angestammten Möglichkeiten. Im 
Kontrast Zum Film und im Kontakt mit der Zeit 
wird es sich zu entwickeln haben, um wieder den ihm gebührenden 
Rang einzunehmen. Me Richtung dieser Entwicklung deutete der 
Redner durch den Hinweis auf das russische Theater Tai- 
roffs und Mey erhold § an, das mit den Kunstmitteln arbeite, 
die dem Theater allein zugehörten, und in Tempo und Rhythmus 
der gemäße Ausdruck unserer Epoche sei. — Der aufschlußreiche 
Vortrag war leider wenig besucht. 
Die jüdische Gesellschaft. 
— Der Präsident der zionistischen Vereinigung für Deutschland 
Her, Kurt Blumen selch sprach über die Entwicklung 
der jüdischen Gesellschaft in Deutschland. Kein Vortrag 
eigentlich, sondern ein historisch-soziologisches Seminar, das über 
zwei Stunden währte, — eine abendfüllende Länge, die das Auf 
fassungsvermögen des nornialen Hörers überschritt. 
. Hon Blnmenfeld begann seine Skizze mit der Schilderung 
zcner Gejellschaft, in die ein geringer Bruchteil der Juden zur Zeil 
'der Emanzipation einlrat. Es war eine von kämpferischen: 
Rationalismus beseelte Gesellschaft, die von den religiösen Dingen 
ab gewandt lebte und im übrigen nicht die volle G ewißheit ihrer 
selbst hatte. Die wenigen Juden, die zu ihr stießen, wurden als 
Einzelne ausgenommen und anerkannt. Man achtete ihre kritischen 
Fähigkeiten, besuchte die Salons der geistreichen Jüdinnen, die in 
der Kunst des Gespräches excellierten, und gewährte den Juden 
Einfluß in der Polier, deren demol'ratisch-fdrtschritN Gesinnung 
der ihren entgegen kam. 
Der Optimismus, der damals die Juden erfüllte, schwand in 
der Zeit der Restauration. Ihr Out^io'rtnm deutlicher 
zu Tage und eine gewisse Zwiespältigkeit ihr^Z Wesens entwickelte 
sich, deren Prototyp Heine ist. Immerhin kam es nach 1848 zur 
Emgliederung der kleinen aufgestiegenLn Schicht in die Gesellschaft. 
Dre damals herrschenden materialistischen Ideen begünstigten die 
Assimilation. Der Antisemitismus blieb vorerst latent. 
1865 wurde die Judenfrage zum soziologischen Problem. 
Erngehend Zeigte der Redner, welche Folgen das starke Anwachsen 
der jüdischen Akademiker damals hatte. Es bildete sich eine jüdische 
Oberschicht, die in zahlreichen Broschüren einen Teil der Juden 
von sich abstieß, um sich selber gesellschaftlich zu managen. Die 
Oberschicht war zugleich eine solche des Mäzenatentums: noch 
jüdisch zwar, aber bereits ganz entjudet. 
Der seit 1880 immer stärker und offenbarer werdende Antise 
mitismus rief mehr und mehr jüdische Organisationen auf den 
Plan, unter denen der 1893 gegründete C e n t ral - V e r e i n 
eine hervorragende Stellung einnimmt. Ein großer Teil der Juden 
freilich sperrte sich zuerst gegen die durch solche Organisationen 
beton e Absonderung; er ging in die Parteien, um Gleichberech 
tigung zu erwirken, vor allem in die liberale, ohne freilich sein 
Ziel zu erreichen. Die seltsame Bestimmung aller jener Organi 
sationen ist nach dem Urteil des Redners, daß Juden in ihnen 
als Juden für die Aufhebung der Unterschiede zwischen Juden 
und Christen eintraten. Trotz des Optimismus, der sie beherrschte, 
stand die Tatsache fest: daß die Juden infolge des Anschwellens 
jener über die ganze Welt sich erstreckenden antisemitischen 
Welle aus der Gesellschaft, ausgeschlossen waren. Ein Fakmm, 
das dazu führte, daß nach 1900 immer mehr Angehörige der an 
fänglich sich Zurückhaltenden jüdischen Oberschicht in die eigenen 
Organisationen hereinftrömten. Der Zwang dazu hing auch mit den 
wirtschaftlichen Veränderungen Zusammen. Mit der Zu 
nehmenden Vergesellschaftung des Kapitals gewann ^das immobile 
Kapital mehr an Einfluß: Schwer-Jndustrie und Grok-Grundbesitz, 
Mächte alio, denen dir Juden nicht Zugchör'en, stiegen empor. 
Lauter Erscheinungen, die auf die gesellschaftliche Position der 
Juden ungünstig wirkten. 
Gegen den Schluß seines Vortrages charakterisierte der Redner 
noch d-is-SEnug der Juden in der G e g e nwar t, in der Restau 
ration und Reaktion wieder herrschen. Ihre Stellung hat nach ihm 
etwas Unmögliches: werden doch feiner Auffassung Zufolge die 
Juden heute in ein Sonderleben gedrängt, d&amp;lt; sie aber lediglich 
in der Tendenz führen, sich mit den andern w .eines Tages zu 
identifizieren. Sie verhalten sich imitati , mnerhalb ihrer 
separaten Zirkel, die sich, als Anhängsel freilich nur, in der Regel 
auch ein jüdisches Programm Zugelegt haben. 
Mit dieser soziologischen Interpretation der Stellung des deut-' 
scheu Judentums innerhalb der Gesellschaft verband der Redner 
einige kritische Auslassungen: so auch an der „Frankfurter 
Zeitung", der er ein widerspruchsvolles Verhalten den Deutsche^ 
Südtirols und den zionistischen Juden in Deutschland gegenüdv 
vovwarf. Es erübrigt sich, auf diese flüchtig vorgebrachte 
Haltungen einzugehen, da zu diesem Gegenstand bereits das Nötige 
gesagt
        <pb n="17" />
        Der finstere Pessimismus, den der Redner in Lezug auf die 
jüdische Gesellschaft in Deutschland zeigte, diente nur als Folie für 
seine strahlend-optimistische Beurteilung der zionistischen 
Bewegung. Er interpretierte sie als aussichtreichen Versuch, die 
Konstruktion der heutigen Gesellschaft zu sprengen und eine neue 
wirkliche Gemeinschaft zu stiften. Worte vom neuen MyHos uno 
vom Dienst am Leben fielen: sie waren unserem Ermessen nach 
nicht geeignet, die Sache in das rechte Licht zu rücken. Lr.
        <pb n="18" />
        sellschaftliche Wirklichkeit sich gewandelt hat, der es zuge 
ordnet war. * 
zu dem das körperhafte szenische Spiel sich gesellt: Pantomime, 
Ballett. Bis zuletzt die weiße Fläche herabsinkt und die Ereig 
nisse der Raumbühne unmerklich in die zweidimensionalen 
j Illusionen übergehen. 
! Vorführungen wie diese sind heute in Berlin neben den 
echtbürtigen Revuen die entscheidende Attraktion. Die Zer 
streuung gelangt in ihnen zu ihrer Kultur. Sie gelten der 
Masse. 
Die großen Lichtspielhäuser in Berlin sind Paläste der Zer 
streuung; sie als „Kinos" zu bezeichnen, wäre despektierlich. 
Diese reihen sich nur in Alt-Berlin und den Außenstädten noch, 
wo sie das kleine Publikum versorgen; ihre Zahl nimmt ab. 
Mehr als durch sie oder die Sprechtheater gar wird das Gesicht 
Berlins durch jene optischen Feenlokale bestimmt. Die Ufa 
Paläste — vor allem der am Zoo — das von Poelzig er 
richtete Capitol, das Marmorhaus, und wie sie heißen 
mögen, erzielen Tag für Tag Ausverkäufe. Daß die Entwick 
lung in der von ihnen eingeschlagcnen Richtung weitergeht, 
beweist der Neubau des G l o r i a - P a l asts. 
Gepflegter Prunk der Oberfläche ist das Kenn 
zeichen dieser Massen-Theater. Sie sind wie die Hotelhallen 
Kultstätten des Vergnügens, ihr Glanz bezweckt die Erbauung. 
Eröffnet aber auch die Architektur SLimmungs - Kanonaden 
auf die Besucher, so fällt sie doch keineswegs in das barbarische 
Prangen wilhelminischer Profankirchen zurück; des Rhein 
goldes etwa, das glauben machen will, es berge den Wagner- 
schen Nibelungenhort. Sie ist vielmehr zur Form gediehen, die 
stilistische Ausschreitungen meidet. Geschmack hat über den 
Dimensionen gewaltet und im Bunde mit einer hochgezüchteten 
kunstgewerblichen Phantasie die kostbare Ausstattung ge 
schaffen. Der Gloria-Palast gibt sich als Barock-Theater. Die 
Gemeinde, die nach Tausenden zählt, kann zufrieden sein, ihre 
Versammlungsorte sind ein würdiger Aufenthalt. 
Auch die Darbietungen sind von wohlgeratener Großartig 
keit. Vorbei ist die Zeit, in der man einen Film nach dem 
anderen mit entsprechender Musikbegleitung laufen ließ. Die 
Haupttheater zum mindesten haben das amerikanische Prinzip 
der geschlossenen Vorstellungen übernommen, in die sich der 
Film als Terl eines größeren Ganzen einfügt. Wie die Pro 
grammzettel zu Magazinen sich weiten, so die Aufführungen 
zur gegliederten Fülle der Produktionen. Aus dem Kino ist 
ein glänzendes, revueartiges Gebilde herausgekrochen: das 
Gesamtkunstwerkder Effekte. 
Es entlädt sich vor sämtlichen Sinnen mit sämtlichen Mitteln. 
Scheinwerfer schütten ihre Lichter in den Raum, die festliche 
Behänge übersäen oder durch bunte Glasgewächse rieseln. Das 
Orchester behauptet sich als selbständige Macht, seine Leistungen 
werden von den Responsorien der Beleuchtung unterstützt. Jede 
Empfindung erhält ihren klanglichen Ausdruck, ihren Farb 
wert i^Stzettrum^-Mn^MM Kaleidoskop, 
Sie verfehlen zumeist diese Wirkung; die Vorstellungen der 
großen Lichtspielhäuser beweisen es exemplarisch. Denn, rufen 
sie auch Zur Zerstreuung auf, so rauben sie ihr doch sogleich 
wieder dadurch den Sinn, daß sie die Mannigfaltigkeit der 
Effekte, die ihrem Wesen nach von einander isoliert zu werden 
verlangen, zur „künstlerischen" Einheit zusammenschweißen, die 
bunte Reihe der Aeußerlichkeiten in ein gestalLhaftes Ganzes 
pressen möchten. Der architektonische Rahmen schon neigt zur 
Betonung der Wurde, die den oberen Kunstinstituten eignete. 
Er beliebt das Gehobene und Sakrale, als umfinge er Ge 
bilde von ewiger Dauer; noch ein Schritt weiter, und die 
Weihkerzen leuchten. Die Vorführung selber erstrebt das gleiche 
hochgelegene Niveau, sie soll ein wohlabgestimmter Organis 
mus sein, eine ästhetische Totalität wie nur das Kunstwerk. 
Der Film allein wäre des Gebotenen zu wenig; nicht so sehr 
deshalb, weil man noch mehr Zerstreuungen häufen wollte, als 
vielmehr der künstlerischen Abrundung wegen. Das Kino hat 
! sich eine vom Theater unabhängige Geltung erworben; die 
i führenden Lichtspielhäuser sehnen sich wieder nach oew 
! Theater Zurück. 
Ihrer Zielsetzung, die als Symptom auch des Berliner ge 
sellschaftlichen Lebens angesprochen werden darf, wohnen 
reaktionäre Tendenzen inne. Die Gesetze und Formen 
- jener idealistischen Kultur, die nur als Spuk heute noch 
! West, haben in ihnen Avar ihr Recht eingebüßt, aber aus den 
Elementen der Aeußerlichkeit, zu denen sie glücklich vorgedrungen 
Kult der Zerstreuung. 
Ueber die Berliner Lichtspielhäuser. 
Von Dr. S. Kraeauer. 
Man schilt die Berliner Zerstreuungssüchtig; der 
Vorwurf ist kleinbürgerlich. Gewiß ist die Zerstreuungssucht 
hier größer als in der Provinz, aber größer und fühlbarer ist 
auch die Anspannung der arbeitenden Massen — eine wesent 
lich formale Anspannung, die den Tag ausfüllt, ohne ihn zu 
füllen. Das Versäumte soll nachgeholt werden; es kann nur 
in der gleichen Oberflächensphäre erfragt werden, in der man 
aus Zwang sich versäumt hat. Der Form des Betriebs ent 
spricht mit Notwendigkeit die des „Betriebs". 
Ein richtiger Instinkt sorgt dafür, daß das Bedürfnis nach 
ihm befriedigt werde. Jene Zurüstungen der Lichtspielhäuser be 
zwecken das eine nur: das Publikum an die Peripherie Zu 
fesseln, damit es nicht ins Bodenlose versinke. Die Erregungen 
der Sinne folgen sich in ihnen so dicht, daß nicht das schmalste 
Nachdenken sich Zwischen sie einzwängen kann. Schwimm- 
!korken gleich halten die Ausstreuungen der Scheinwerfer 
und die musikalischen Akkompagnements über Wasser. Der 
Hang zur Zerstreuung fordert und findet als Antwort die 
Entfaltung der puren Äußerlichkeit. Daher gerade in Berlin 
das unabweisbare Trachten, alle Darbietungen zu Revuen 
auszugestalten, daher als Parallelerscheinung die Häufung 
des Jllustrationsmaterials in der Tagespresse und den perio 
dischen Publikationen. 
Diese Veräußerlichung hat die Aufrichtigkeit für 
sich. Nicht durch sie wird die Wahrheit gefährdet. Sie ist es 
nur durch die naive Behauptung irreal gewordener Kultur 
werte, durch den unbedenklichen Mißbrauch von Begriffen wie 
Persönlichkeit, Innerlichkeit, Tragik usw., die an sich gewiß 
hohe Sachgehälte bezeichnen, infolge der sozialen Wandlungen 
aber zu einem guten Teile ihres Umfangs des tragenden 
Untergrundes verlustig gegangen sind und, in den meisten 
Fällen, heute einen schlechten Beigeschmack angenommen haben, 
weil ste das Augenmerk von den äußeren Schäden der Gesell 
schuft mehr als billig ablenken auf die Privatperson. In den 
Bereichen der Literatur, des Theaters, der Musik sind solche 
Vecdrängungserscheinungen häufig genug. Sie geben sich das 
Ansehen der hohen Kunst und sind tatsächlich überlebte Ge 
bilde, die vorbeischielen un den aktuellen Nöten der Zeit — ein 
Faktum, das mittelbar dadurch bestätigt wird, daß die ge 
meinte Produktion auch innerkünstlerisch epigonenhaft ist. Das 
Berliner Publikum handelt in einem tiefen Sinne wahrheits 
gemäß, wenn es diese Kunstereignisse mehr und mehr meidet, 
die zudem aus guten Gründen im bloßen Anspruch stecken 
bleiben, und dem Oberflächen^ der Stars, der Filme, 
der Revuen, der Ausstattungsstücke den Vorzug erteilt. Hier, 
im reinen Außen, trifft es sich selber an, die Zerstückelte Folge 
der splendiden Sinneseindrücke bringt seine eigene Wirklich 
keit an den Tag. Wäre sie ihm verborgen, es könnte sie nicht 
angreisen und wandeln; ihr Offenbarwerden in der Zer 
streuung hat eine moralische Bedeutung. 
Freilich dann nur, wenn die Zerstreuung sich nicht Selbst 
zweck ist. Gerade dies: daß die ihrer Sphäre zugehörigen Vor 
führungen ein so äußerliches Gemenge sind wie die Welt der 
Großstadtmasse, daß ste jedes echten sachlichen Zusammen 
hangs entraten, es sei denn des Kittes der Sentimentalität, 
der den Mangel nur verdeckt, um ihn sichtbar Zu machen, daß 
sie genau und unverhohlen die Unordnung der Gesell 
schaft den Tausenden von Augen und Ohren vermitteln — 
dies gerade befähigte sie dazu, jene Spannung hervorzurufen 
und wachzuhalten, die dem notwendigen Umschlag vorangehen 
muß. In den Straßen Berlins überfällt nicht selten für 
Augenblicke die Erkenntnis, das alles Platze unversehens eines 
Tages entzwei. Die Vergnügungen auch, zu denen das 
Publikum drängt, sollten so wirken. 
Auch in der Provinz sammeln sich Massen; aber sie 
werden hier unter einem Druck gehalten, der ihnen nicht er 
laubt, sich geistig in dem Maße zu erfüllen, wie es ihrer Quan 
tität und realen sozialen Bedeutung entspräche. In den In 
dustriezentren, wo ste geschlossen auftreten, sind sie als Arbeiter 
Zu stark beansprucht, um die eigene Lebensform zu verwirk 
lichen. Man spendet ihnen den Abfall und die veralteten Unter 
haltungen der OberkLasse, die selber, so interessiert sie auch an 
der Betonung ihrer sozialen Hochwertigkeit ist, nur geringe 
Bildungsansprüche hat. In den nicht vorwiegend von der Indu 
strie beherrschten größeren Provinzstädten wiederum sind die 
überkommenen Verhältnisse zu mächtig, als daß die Massen 
von sich aus die geistige Struktur zu prägen vermöchten. Die 
bürgerlichen Mittelschichten verharren abgesondert von ihnen, 
als ob die Ausfüllung des Menschenreservoirs nichts besage, 
und können, immer noch, wähnen, daß sie die Hüter höherer 
Bildung seien. Ihr Hochmut, der sich Scheinoasen schasst, 
drückt die Massen herab und macht ihre Vergnügungen schlecht. 
Die vier Millionen Berlins sind nicht zu über 
sehen. Die Notwendigkeit ihrer Zirkulation allein verwandelt 
das Leben der Straße in die unentrinnbare Straße des 
Lebens, ruft Staffagen hervor, die bis in die vier Wände 
dringen. Je mehr sich aber die Menschen als Masse spüren, 
umso eher erlangt die Masse auch auf geistigem Gebiet formende 
Kräfte, deren Finanzierung sich lohnt. Sie bleibt nicht mehr 
sich selbst überlassen, sondern setzt sich in ihrer Verlassenheit 
durch: sie duldet nicht, daß ihr Reste hingeworfen werden, son 
dern fordert, daß man ihr an gedeckten Tischen serviere. Für 
die sogenannten Bildungsschichten ist daneben wenig Raum. 
Sie müssen mitspeisen oder snobistisch abseits sich halten: ihre 
provinzielle Abschneidung jedenfalls hat ein Ende. Durch ihr 
Aufgehen in der Masse entsteht das homogene Well 
st a d t - P u b l i k u m, das vom Bankdirektor bis zum Hand 
lungsgehilfen, von der Diva bis zur Stenotypistin eines 
Sinnes ist. Larmoyante Klagen über diese Wendung zum 
Massengeschmack hin sind verspätet. Denn das VildungsPit, 
dessen Aufnahme die Massen verweigern, ist Zum Teil ein nur 
mehr historischer Besitz geworden, weil die ökonomische und ge-
        <pb n="19" />
        ihnen liegt. 
saa. 
Im goldenen LLebeMfig. Dieser Eichberg-Film der Ale- 
m a n n i a - Lichtspiele Lchandelt die SeelenksnfMe von! 
Menschen, die über Zeit und Meld genug verfügen, solche Konflikte 
zu erleben. Nur in den Oberschichten der Gesellschaft ist dergleichen i 
noch möglich. Man wird darum nicht erstaunt sein, Lee Parry 
als der entzückenden Tochter eines Großindustriellen zu begegnen. 
Um sich vor der Ehe hinreichend zu beschäftigen, geht sie ein Liebes 
verhältnis mit romantischem Aufputz ein, wobei die jungen Leute 
gar viel empfinden. Es trifft sich, daß ihr Geliebter spater ihr 
Mann wird, nicht ohne daß ihr diese Legalisierung der Beziehung 
als ein höchst umomantisches Faktum erscheint. Sie stellt die Poesie 
durch einen außerehelichen Kammersänger wieder her, der ihr zur 
Bühne verhelfen soll. Nur der Extravaganz wegen; im Grund ist 
sie ihrem Gatten treu. Dieser trennt sich von ihr, weil er nicht 
ertragen kann, daß sie in Meißen — gerade in Meißen! — debü 
tiere. Sie tut es auch nicht — aus Lampenfieber, wie es heißt—.son- 
dern fährt mrgesungen zurück und neigt sich dem guten Ende zu.! 
Die Flucht aus dem goldenen Käsig war nur ein Spaß, man hatte 
eben zu viel Zeit und mußte die gelangweilte Seele spazieren 
führen. Der Film besorgt dies grmrdliH, kein Kosen und Schmol 
len bleibt uns erspart. Treffliche Regieeinfälle versöhnen zum Glück 
mit den finanziell ausgiebig fundierten Empfindsamkeiten des 
problematischen Ehepaars, und der komischen Situationen sind eine 
stattliche Zahl. Hans Waßmanns väterliche Poltergestalt ist 
ein Kabinettstück für sich. -- Das NeLenprogwmm bringt eine 
Harald L l o y d - Groteske und die vollgespickte L^uliK-Woche. 
raca. 
Das Feuerroß. 
Dieser Fox-Film, den die Neue LichLLühne jetzt Vor 
fahrt, spiegelt ein Stück amerikanischer Geschichte wieder, das schon 
fast ein Mythos geworden ist. Ein moderner freilick, dessen Götter 
Dampfkräfte sind. Aber auch sie wirken Wunder und werden er 
fleht. Erträumt wird der Schienenweg, der den Westen erschließt; 
nicht als Zivilisatorische Leistung nur, sondern als einendes Werk. 
Der Film zeigt die Vorgeschichte:' ein Mann mit seinem Knaben 
wandert nach Westen; die Hoffnung auf die künftige Pacisic-Bähn 
lebt in ihm. Er wird Von den Indianern erschlagen und hinter 
läßt an dem Sohne einen der Vollstrecker des Traums. Die Ver 
wirklichung wird auf den Beschluß des Kongresses E Schon 
die Szene mit Lincoln, der Würde mit Freundlichkeit des Her 
zens verbindet. Nun entwickelt sich in breit angelegten Bildvor 
gängen das Leben auf der Strecke. Der Regie ist es erstaunlich 
gelungen, den Episoden Gleichniskraft zu geben. Hinter einem 
Arbeitertrupp spürt man die Masse, Konflikte werden zu Aeicken 
großer Parteiunaen^der Schienenstrang, der fich fortschreitend aus 
sich selbst gebiert, ist mehr als nur planmäßig verwandtes Mate 
rial. Von Osten und Westen her zugleich wird er angelegt, jede 
Meile kostet Blut. Denn die Indianer hassen das Feuerroß, das 
in ihre ewigen Jagdgründe schnaubt. Sie berauben die Proviant 
züge und töten, was und wo sie nur können — dem Natisnal- 
heldeu Buffalo Bill zum Trotz, der vorübergehend auch einmal 
sind, möchten sie eine neue bereiten. Die Zerstreuung, die sinn 
voll einzig als Improvisation ist, als Abbild des unbeherrsch 
ten Durcheinanders unserer Welt, wird von ihnen mit Drape 
rien umhängt und zurückg-ezwungen in eine Einheit, die es gar 
nicht mehr gibt. Statt Zum Zerfall sich Zu bekennen, den 
darZustellen ihnen obläge, kleben sie die Stücks nachträglich zu 
sammen und bieten sie als gewachsene Schöpfung an. 
Ein Verfahren, das sich rein künstlerisch rächt. Denn durch 
die Einverwebung in ein geschlossenes Programm wird der 
Film um seine mögliche Wirkung gebracht. Er gilt nicht mehr 
an sich selbst, sondern als Krönung einer Art von Revue, die 
auf , seine eigenen Existenzbedingungen keine Rücksicht nimmt. 
Seine Z w e i di me n si o n a l i t ä L erzeugt den Schein der 
Körperwelt, ohne daß sie einer Ergänzung bedürfte. Werden 
indessen Szenen von realer Körperlichkeit dem Licht-Spiel bei 
gesellt, so sinkt es in die Fläche zurück, und der Trug ist ent 
larvt. Die NachLarschast von Ereignissen, die eine Raumtiefe 
besitzen, zerstört die Räumlichkeit des auf der Leinwand Ge 
zeigten. Der Film fordert von sich aus, daß die von ihm ge 
spiegelte Welt die einzige sei; man sollte ihn jeder dreidimen 
sionalen Umgebung entreißen, sonst versagt er als Illusion. Auch 
das Gemälde verliert seine Macht, wenn es inmitten lebender 
Bilder erscheint. Ganz zu schweigen davon, daß die künstle 
rischen Ambitionen, die zu dem Einbau des Films in die 
Scheintotalität führen, fehl am Platze sind und daher unein- 
gelost bleiben müssen. Was entsteht, ist allenfalls Kunstge- 
werb e. 
Aber die Lichtspieltheater haben dringlichere Aufgaben zu 
erledigen, als um Kunstgewerbliches sich zu bemühen. Ihren 
Beruf — er ist ein ästhetischer nur, insofern er sich im Einklang 
mit dem sozialen befindet — werden sie erst erfüllen, wenn sie 
nicht mehr mit dem Theater liebäugeln und eine vergangene 
Kultur ängstlich zu restituieren trachten, sondern ihre Dar 
bietungen von allen Zutaten befreien, die den Film entrechten, 
und radikal auf eine Zerstreuung abzielen, die den Zerfall ent 
blößt, nicht ihn verhüllt. Sie könnten es in Berlin, wo die 
Massen leben, die nur darum so leicht sich betäuben lassen, weil 
sie der Wahrheit nahe sind. 
— Mem Freunds der Chauffeur. Man möchte mitreisen, von 
der WvNra zu den oberitälienischen Seen, nach Venedig und 
Ragufa zuletzt. Immer in Autos. Zwar in dem des Grafen eben 
nicht. Sein Chauffeur ist schlecht, eine Panne holt es sich nach 
der andern, beeinflußt offenbar von seinem Besitzer, der das böse 
Prinzip verkörpert. Das Zweite Auto dagegen ist ein Ausbund an 
Tugend und Schnelligkeit, fix stets und ordentlich wie die Leiden 
jungen Engländer, die es bedienen. Sie fahren drei Amerikane 
rinnen an den Sonnenkulten entlang: Mutter, Tochter und eine 
befreundete Millionärin. Einer von ihnen spielt den Chauffeur, 
was ihn nicht hindert, sich Zu verlieben und Gegenliebe zu finden. 
Die Mutter halt es mit dem Grafen, der, um ihr Vermögen zu ehe 
lichen, die Gefellschaft über die steÜsten Serpentinen begleitet. Er 
hat der Frau, deren Millionen er begehrt, sein Schloß verkauft, 
das keines ist. Die Törichte erfährt es durch einen italienischen 
Fürsten, der Zur rechten Zeit sich einstellt, um sie aus Liebe zu 
heiraten. Er nicht allein tut diesen Schritt. Die beiden Engländer 
erobern sich durch ihre Autokünsts den Backfisch und die befreundete 
Millionärin, die sonst übrig geblieben wären; nicht ohne, daß der 
eine von ihnen' diese zwei aus den Händen des Grafen gerettet 
hatte, der sie aus finanziellen Gründen nach Montenegro entführte. 
Alles im Auto, über der Bucht von Cattaro. Sie hält ihren Retter 
für den Chauffeur, und erst im letzten Augenblick wird ihr kund, 
daß er ein Lord. Drei Paare feiern beglückt ihre Verlobung. Für 
immer vereint, in DalmaLien. Es verdient angemerkt Zu werden, 
daß der Lordtitel die mit ihm nun verbundenene Amerikanerin 
wenig beeindruckt. „M ein Freund, der Chauffeur": diese 
Benennuna des Geliebten ist ihrem demoTatischen Herzen näher. 
So heißt oaher auch der Film. Immerhin ist es ungewiß, ob sie 
den Chauffeur geheiratet hatte, wenn er kein Lord gewesen wäre. 
Die reizende Komödie wird von den Saalburg-Licht 
spielen vorgeführt, die auch ein gutes Beiprogramm zeigen. 
. raca. 
!austaucht. Die Darstellung dieses Guerilla-Krieges ist über 
raschend geglückt: nichts wirkt unwahr, die Genauigkeit der Meder- 
! gäbe erzeugt vielmehr eine höchst reale Spannung. Sie wird, 
wie es der Film verlangt, durch eine Romanhandlung wachgehal- 
Len, in der jene friedlichen Heroenzeiten ihre Konkretisierung 
finden. Der Junge aus der Vorgeschichte verkörpert das allge 
meine Heldentum in seiner Person. Er vereitelt böswillige An 
schläge und tötet aus legitimen Gründen sowohl den Verlobten 
seiner ehemaligen Spielgefährtin, die er liebt, wie den Mörder 
des Vaters. Private Wildwest-Ereignisse, die aber so geschickt in 
das Milieu hineinkompaniert find, daß durch sie auch die Hinter 
gründe lebendig werden. Diese sind farbig gehalten. Drei Auf 
seher: ein Deutscher, ein Engländer, ein Ire bilden ein wackeres 
Kleeblatt von drastischer Komik, das immer wieder zum Ruhe 
punkt wird. Ausgezeichnet eine wirksam aufgebauts Rausszene, 
charakteristisch als Sittenschilderung die Amtierüng des Friedens 
richters, der zugleich Barwirt ist und Ehen so kategorisch schließt 
wie scheidet. UeLerall wird das Historische unmittelbar ins Op 
tische übersetzt, es fehlen die Leerstellen, die man in deutschen Ge- 
schichtsfilmen oft findet, deren historische Treue darum nichts 
größer sein mag. Die Krönung ist das Zusammentreffen der 
I Schienmstrange am Schluß. Feierlich wird der letzte Schwellen- 
nagel eingeschlagen; er ist aus Gold, Kalifornien hat ihn gestiftet. 
Die greifbare Realität dieser simplen Handlung erschüttert, weil 
sie einen Hinweis auf die allgemeine Bedeutung des letzten 
Schwellennagels enthält. Es will viel heißen, daß der Film, von 
Tomen Schwächen abgesehen, den Mythos im Bürgerrsck Zur 
glaubhaften Bildchronik hat gestalten können. Die Amerikaner 
beweisen damit, daß nicht nur das groteske Gegenspiel der Reali«' 
tät, sondern auch die unmittelbare Wiedergabe des Geschehens
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        7. c&amp;gt; &amp;gt; 
3 6 g 
— Der rosa Diamant. Dieser in den SaalLurg - Li ch r- 
spielen vorgeführte Film führt Renia Desni aus der Apachen 
kneipe auf die TheaterLühne — ein nicht eben ungewöhMicher 
Entwicklungsgang Helferin eines schweren Jungen zuerst, wandelt 
sie später Toiletten und Mimik und erobert als Star das Herz 
ihres Direktors. Wilhelm Dieterleals jener zweifelhafte Bursche 
bedrängt zwar noch öfter mit Großstadtgesten ihren Weg, doch 
ohne ernsthaft ihre Laufbahn Zu gefährden. Die Handlung bewegt 
sich, allzu gemächlich für den Film, durch die üblichen Welten von 
i dem Laster zum Glanz; Episoden und etliche charakteristische Typen 
bemühen sich um die Unterhaltung, wenn sie gerade stockt. Die 
Regie von Rochus Gliese hat hie und da ein paar hübsche Ein 
fälle. — Sonst läuft noch ein ausgezeichneter Film: „Eheglück" 
aus der Kulturfilmabteilung der Ufa; ein sentimentales Tieridyll, 
plumper als die amerikanischen Erzeugnisse dieser Gattung. Ein 
Schwarzweiß-Film aus der Reihe der Aesopsabeln, nicht so gut 
diesesmal wie andere der gleichen Art, ergänzt das Programm. 
raca.- 
MüsteLer Plunder das Ganze; "verwunderlich mur^Saß ihn die 
Motten noch nicht gefressen haben. Der nette Hans B rau sH- 
we 1Ler, der einen jungen Fuchs spielt, ist leider etwas zu dick 
geworden. — Entzückend ist der vorangeschickte Monty Bank 
Film, in dem Monty als Preisboxer excelliert. , raea. 
— Der kraffe Fuchs. Es ist. nicht wahr, es kann dergleichen 
nicht mehr geben. Oder sollte Walter Bloem über die Wirklich 
keit unterrichtet sein? Der nach seinem Roman gedrehte Film — 
die Aleman ria-Licht spiele zeigen ihn — versetzt jeden 
falls in ein Studentenleben, dem man mit der Wirklichkeit zugleich 
die Möglichkeit abzustreiten geneigt ist; oder wenn es schon wirk 
lich ist. so ist es doch gewiß nicht möglich. In der lieblichen kleinen 
Stadt, wo die schneeweißen Professoren mit ihren verlobungs- 
srohen Töchtern leben und die Töchter ehrsamer Handwerker mit 
den erhabenen CorpsstudenLen, gehen die Unwahrscheinlichkeiten vor 
sich. Eingerahmt sind sie von den Commentereignissen: der Fuchs 
rezeption, der Kneipe, der Mensur, die genau wie in einem Lehr 
film vorgoführt werden und einem Professor, Altem Herrn des 
Corps, Gelegenheit- zu anmutig-^ über die er ¬ 
zieherischen Aufgaben der Corps gewähren. Wer nicht die stolze 
Zuversicht des Professors ist unwahrscheinlich, vielmehr die Hal 
tung der jungen Leute bei ihren Zeremoniell, das Liebesleben und 
die gediegene Falschheit her Gefühle. Ein Verhältnis hat Folgen: 
Das Mädchen verschweigt sie ihrem Studenten und geht, von der 
'degradierten.Hebbel-Figur ihres Vaters aus dem Hause gejagt, 
flugs in den Tod. Der betreffende Student — leichtsinnig zwar, 
doch nicht schlecht — hat inzwischen auf ein anderes Mädchen seine 
Augen geworfen: dessen Bruder, Philosoph und Tugendbold, stürzt 
sich auf jenen, ohne nur zu fragen, ob seiner Schwester überhaupt 
etwas geschehen sei. Es ist ihr nichts geschehen; aber der Student 
will sterben wegen der mit dem Tod Abgegangenen und läßt sich 
von dem Philosophen im Pistolen-Duell erschießen, nicht ohne 
rührende Briefe — leichtsinnig, doch nicht schlecht — hinterlegt zu 
lassen. Am Schluß Ausbahrung der Leiche. Wessen? Des Mädchens? 
Nein, des Studenten/Der gebeugte Vater, umrankt von dem Corps, 
das in- Trauerwichs sich präsentiert, vergießt seine Zähren. Man 
führt ihm als Liebe seines Sohnes das Mädchen zu, dem nichts 
geschehen ist. Dennoch weint es sehr. Der geschossen habende Philo 
soph taucht gär nicht mehr aust niemand weiß, was mit ihm zu 
beginnen sei- Das Pseudo-Corpsleben spinnt sich weiter. Ein un- 
Sie Entwicklung der Kalender und Almanache. 
KunstgeschichLliches. — Astronomisches. — Kulturhistorisches. 
Die Frankfurter B i b L i o p h i L e n - G e s e l l s ch a i 1 
hatte zu einem Vortrags-Abend in ihrer Ausstellung „Kalender 
und Almanache" g-claden, der Gelegenheit geben sollte, sich ge 
nauer über die Ausstellung zu un.errichten, als es der Besucher 
lonst in der Regel wohl kann. Fräulein Dr. v. Lieres eröffnete 
den Abend mit einigen k u n st g e s ch i ch t l i ch e n Längsschnitten. 
Zuerst gab sie einen Abriß des Druckverfahrens. Die 
Drucke des 15. Jahrhunderts sind auch in den Werken kleiner Form 
monumental, ohne maschinelle Gleichgültigkeit, schön im Wechsel 
von Rot- uno Schwa^zdruck. Das unbeirrbare Gefühl für das 
Druckbild erhält sich, wie e'wa der Ovßeuheimer Kalender beweist, 
im ganzen 16. Jahrhundert, das mit drucktechnischen Mitteln alles 
Zu erreichen vermag. Im 17- und 18. Jahrhundert findet man nur 
wenig Höhepunkte. Um so erfreulicher sind dae Ergebnisse der letzten 
Zehn Jahre, die schöne Typen mit Anmut, Kraft und Klarheit 
der Schrift zu vereinigen wissen. 
u Was das Ornament betrifft^ Zeigt das früheste Stück 
der Sammlung, ein sü-dfranzösischer Psalter aus dem 13. Jahr 
hundert, ein Tier. Gebetbücher des 15. Jahrhunderts enthalten 
Rankenwerk. Italienische Frührenaissance-Motive treten zuerst in 
einem venezianischen Kalender 1483 auf; auch französischer 
Renaissance mit Konsolen, Pilastern, Sockeln usw. begegnet man 
im 15 Jahrhundert- Vor allem lohnt es, das Werden des 
Rokoko Ornaments aus dem Barock an Hand der Frankfu rl e r 
Rats-Kalender.Zu verfolgen, die so schön sind, daß man 
schlechterdings nicht begreifen kann, warum bisher ihre Veröffent 
lichung unterblieben ist. Von 1700 bis 1720 zeigen sie Wappen 
schilde, die auf schwere.Kartuschen aufgelegt sind. Um 1720-wird 
das deutsche Rollschweifwerk erreicht, ein ganz ausgebildeles Spät 
barock. Erst 1750 tritt das RokokoSrnament auf, das sich in den 
sechziger Jahren Zum vollausgebildeten Rokoko entwickelt. Es geht 
in Deutschland unmittelbar aus dem Barock hervor, während, 
französische Rokoko-Ormmment stark beeinflußt von dem Klafft- 
Mn HochgeLirgsfiLm. 
Der Ufa-Film „Der Wilderer", der in den Ufa 
Lichtspielen (Steinweg) vorgeführt wird, ist ein Volksstück 
in gutem Sinn, auch für die Jugend geeignet. Es spielt sich im 
Hochgebirge ab, und die große Natur gelangt ausgiebig zu ihrem 
Recht. Das Nebelmeer braut über den Tälern, Gletscher sind stete 
Nachbarschaft, Felswände ringsum angestaut. Vorzügliche Auf 
nahmen aus allen Blickpunkten versetzen in diese Welt der Gemsen 
und Murmeltiere und verlohnen schon allein den Besuch. Die 
Natur aber ist sich nicht selber überlassen, sondern Hintergrund 
eines Dramas aus der Ganghofer-Welt. Man schelte die Hand 
lung nicht, so primitiv sie ist; sie belebt die Naturbilder, deren 
stumme Folge sonst leicht ermüdet. Der bloße Lehr- und An- 
schauungssilm ist dieser Gefahr immer ausgesetzt, und wenn die 
Kulturfilmabteilung der Ufa mehr und mehr dazu schreitet, statt 
der reinen Belehrung menschliche Tätigkeit in den Mittelpunkt zu 
rücken, so befolgt sie einen durchaus richtigen Grundsatz. Ein 
junger Jäger ist der Held des Hochgebirgsfilms. Daß er schießen 
kann wie Old Shatterhand, versteht sich dorr selbst. Er holt auch 
Adlerküken aus dem Nest heraus. Die Sache ist nicht 
eben harmlos. Was wäre er ohne den Wilderer, der die 
schönsten Zwölfender zur Strecke bringt? Ihn zu erwischen, 
ist ihm Beruf. Aber ein Knoten ist geschürzt, wenn auch 
nur einfach. Jener Wilderer ist der Vater des Mädchens, 
das der Jäger liebt; sie wiederum wird von einem Intriganten 
begehrt, der augenrollend als böser Dämon die Szenen durchmißt. 
Der Widerstreit in und außerhalb der Brust wird dadurch 
gesteigert, daß der Wilderer im Grund edel ist, wie die 
Wilderer in Volksstücken gewöhnlich. Den Katastrophen der Natur 
entsprechen menschliche, und überall geschehen Rettungen. Im 
HochgewLLter erfüllt der Mger seine Pflicht, keimender Lrebe voll; 
aus der Hochwassergefahr rettet der Wilderer den GeisüuLen, 
der Jäger dann beide; das ganze Personal schließlich rettet den 
Intriganten und das Mädchen, die verschüttet sind. Oberhalb 
dieser Tätigen waltet als himmlisches Prinzip und Gnaden- 
spender der Graf, dem das Hochgebirge gehört- Er bringt die 
verworrenen Angelegenheiten in die rechte Ordnung, und ihm 
wird es zu danken sein, wenn der Zum Förster aufgerückte Jäger 
mit seiner Frau Adlerjunge zeugt. Das Naturzubehör ist so 
reichhaltig wie nur möglich. Die ganze Alpentierwelt tritt auf, 
von dem Jägerdackel bis zu den Geweihträgern — eine prächtige 
Belebung. Dazu hat der Zeitraffer Wolkenbildungen erjagt und 
der Aufnehmer Schuhplattlerszenen aufgespießt. Me Darstellung 
ist — von dem Intriganten abgesehen — zurückhaltend und leistet 
an Klettern ein Erkleckliches. — Ein Tierfilm, wie er nicht sein 
soll, ist der Film: „Kikeri" des Beiprogramms. Alberne 
Verse begleiten eine alberne Fabel aus dem Hühnerhof. Tiere 
zu vermenschlichen ist ein abwegiges Verfahren, besonders wenn 
es so geistlos geschieht wie hier- Das Geftügel wirkt beträchtlich 
menschlicher, wenn man es in seinem TieiZustand beläßt. 
racs.
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        MtLerschastskülender", ein wildes Prachtstück aus dem Jahre 1770 
dem Todesjahr des Rokoko. Nun kommt „Oours sei^e" das mit 
'^ 
bracht. 
XI X X X 1^ u 
röntgenhafter Blick dringt unter die Haut und prüft 
die Menschen auf Herz und Nieren. Die Körper der 
Kranken sind seine eigentlichen Privatgemächer; in 
sie zurückgezogen, vergißt er die Außenwelt, an 
die ihn nur noch der Wall der Assistenten und 
Schwestern erinnert. Die Maler sind überall daheim, 
ausgenommen in ihrer Wohnung. Sie ist ihnen ein 
Gegenstand oder eine Galerie. Jenes, weil sie voller 
Schatten- und Lichtwirkungen ist; dieses, weil sie 
Wände enthält, die mit Bildern und Skizzen bedeckt 
werden können. Es ist nicht einzusehen, warum die 
Maler sich in ihrer Häuslichkeit anders verhalten 
sollten als auf Plätzen oder in der Natur. Be- 
trachte^ sind ^überall, und ein Reflex hat für sie 
Beweisführung ab, die Taschentuchwimpel sind hoch 
gezogen, weil der Gerichtssaal- unsichtbar ihn umgibt. 
Selbst in seinen Träumen erringt er dialektische Siege. 
Auch zu Hause verläßt ihn die Korrektheit nicht, in deren 
Schein er sich hüllt; eine imaginäre Gesellschaft ist bei 
ihm stets zu Besuch. Der Chirurg hat sein Heim in den 
Hör- und Operationssälen aufgeschlagen. Jedenfalls ist 
er an diesen Stätten häufiger zu erreichen als zu Hause, 
wo er immer fortgerufen werden kann. Unbewaffnet tritt 
er überhaupt nicht auf; führt er kein Messer mit sich, so 
sichert er sich zum mindesten durch ein Hörrohr, um gegen 
die inneren Organe jederzeit gerüstet zu sein. Angriffs- 
lustig hat er den Gummihandschuh übergestülpt, der 
Arbeitskittel dünkt ihm wohnlicher als der Smoking. Sein 
„Der Irrgarten der Leidenschaft." Ein Irrgarten ist es ge 
rade nicht, der in diesem Film sich auftut. Oder kann man sich in 
der Seele einer Revuetänzerin verlaufen, die ihren armen Bräu 
tigam einem Fürsten opfert, dessen Mailreffe sie wird? Ihre Freun 
din ist dafür ein Muster des Anstands, und irrt sie sich auch zu 
nächst in dem Mann, der ihr erkoren, so begeht sie doch gewiß 
keine Verirrung. Im Gegenteil, die Tugend wird belohnt, und 
sie kriegt am Ende den Bräutigam der andern, die ihrer Unmoral 
wegen ins Unglück gerät. Begebenheiten, die öfters geschehen und 
Uotz ihrer Verzierung mit oberitalienischer Landschaft und einem 
Stück gestellten Afrikas viel zu schleppend aufgezogen sind. Durch 
gutes Spiel und einige hübsche Episoden wird immerhin das 
Niveau einigermaßen gehalten. — Das Beiprogramm der Saal 
burg-Lichtspiels bringt noch zwei Grotesken, deren eine 
das rechte amerikanische Tempo hat. 
Aismus des „Negence-SLiles" ist. Gute Beispiele: Ein immer 
währender Kalender" in gedämpften Tönen und der „Rheinncke 
" 
Eigentlich sind sie gar nicht zu Hause, die berühmten Männer, sie sind viel zu 
berühmt, um ein Gesicht zu tragen, das in die vier Wände paßt. Am heimischsten 
zeigt sich noch der Astronom, der am fernsten weilt. Im Vergleich mit der Oeffent- 
lichkeit des Weltalls verschwindet ihm die der Straße; und da er, um in jene zu 
gelangen, die Studierstube nicht verlassen muß, kann er die Miene friedlicher 
Abgeschiedenheit wahren. Auf seinem Stuhle sitzend, pflegt er mit der Venus 
Verkehr, ein Blick durchs Fernrohr versetzt ihn ans Ufer der Marskanüle. Der 
Verteidiger hingegen hält auch im Boudoir seine Plädoyers. Ist er allein, so 
prozessiert er gegen Unbekannt; die leblosen Möbel sind ihm ein Forum. Sein 
Scheitel ist ein Argument wider den Staatsanwalt, das Lächeln schließt die 
v^8 ckHIjSMMDL von SIMM, MKUtt 
Am Kinde gesündigt. Dieser Fox-Film, den die Drexel-- 
Lichtspiele zeigen, gehört Zu den realistischen, amerikanischen 
! Filmwerken, die das Gegenstück der Grotesken sind. Eine primitive 
, Handlung, reich an Sentimentalitäten wird darin eingefangen: 
i das Schicksal einer Mutter, die ihren ältestem Sohn zu sehr ver 
wöhnt, und gerade durch ihn enlauscht werden muß. Weil ihm 
ihr Herz zugewandt ist, verlassen die anderen Kinder sie..Zuletzt 
sind sie es natürlich, die der Verarmten und Hilflosen sich an 
nehmen und auch den endlich geläuterten Aeltesten ihr wieder 
Zufuhren. Getragen wird diese Familiengeschichte durch chaE/Sch 
der Mary Carr. Sie beißt im Text, geschmacklos genüg, die 
„beste Mutter-Darstellerin , aber sie hebt in der Tat als Mütter 
die triviale Begebenheit in die Sphäre der Kunst. Zärtlichkeit, 
Milde und Würde: diese Worte, die selten nur rechtmäßig 
wenden sind, hier wird Wirklichkeit ihnen zuteil. Gestaltet ist, zu 
mal der Rebergang ins Alter, der Zustand' 
zslne Szenen reden unmittelbar: jene, in der die Mutter sich in 
ihre Räume zurückzieht, weil der Sohn, der Gesellschaft gibt, ihrer 
sich schämt; dann ihr Gang an dem versteigerten Mobiliar vorbei; 
ihre Suche nach Arbeit und ihr Wiedersehen mit dem Mißratenen. 
Gesicht und. Gesten lassen nichts schuldig, das Spiel gibt Gelebtes. 
Um dieser Darstellerin willen sollten viele den Film sehen. Auch 
, das Beiprogramm ist übrigens gut. Hinter dem Titel: „Der Schrei 
nach dem Kinde" verbirgt sich eine lustige Monty Banks- 
Eroteske, in der wieder einmal auf tolle Weise verfolgt wird. Auch 
treffliche südamerikanische Naturaufnahmen werden ge 
schönen TiÄrl- und Umschlagblättern, oder e'ine mit dem ^Taschen- 
buch der DentwüridgkeiLen des schönen Geschlecht" vertreten ist. 
Das Drängen nach der Antike, die man als Natur im Sinne 
Noufseaus begriff, hatte nach der französischen Revolution sehr 
Angenommen. In Deutschland tritt ihm die Romantik zur Seite 
mit naturalistischen Einschlägen untermischt. Das Ornament des 
19. Jahrhunderts weist demgemäß eine Reihe historisierender 
Tendenzen auf, in denen mittelalterliche Motive stark hervortreten. 
Zum Schluß streifte die Rednerin kurz die Entwicklung der 
Mode vom 18. Jahrhundert an. Sie würolgte vor allem die 
Verdienste des braven und fleißigen Chodoviecki, der in un 
zähligen Modekupfern auf diesem Gebiet Erstaunliches geleistet 
Hat. Ihre Ausführungen zeigten. Laß die jeweilige Mode einer 
Zeit genau im Einklang mit dem Ornament und den übriger: 
Auswirkungen des Stilgefühles steht. s 
Der Mathematiker der Frankfurter Universität, Pros. Paul 
Epst ein, gewährte einen Einblick in die astronomische 
Grundlage der Kalender. Der erste natürliche Kalender war von 
jeher der Lauf des Mondes. Daneben bot sich als andere gleich 
wichtige Einteilung der jährliche Lauf der Sonne an. Da er schwre- 
riger zu beobachten ist, sind fast alle Kalender anfänglich reine 
Mondkalender, wie heute nur der mohammedanische Kalen 
der noch. Der durch Hillel emgefühcte jüdische »ratender berück 
sichtigt das Sonnenjahr insofern, als er im Verlauf von neunzehn 
Sonnenjahren die sieben Monate, um die hinter jenen die nsuu- 
zchn Mondjahre Zurückbleiben, in regelmäßigen Abständen ein- 
fügt. Bei unserem Kalender kommt als Einteilungsprinzip noch dts 
Woche hinzu. Sie ist wohl semitischen Ursprungs um, hat historisch 
soziale Gründe. Die Namen der Wochentage gehen auf die Astro 
logie Zurück; jede Stunde des Tages hat einen der sieben Planeten 
Zum Regenten, und zählt man die Stunden ab, so kommt jeder 
Planet einmal als Regent eines Wochentages in Befracht. Die 
wahre Umlaufszeit der Sonne ist 365^ Tage, weniger elf Minu 
ten und vierzehn Sekunden. Nun geht unser Kalender auf die 
Reform von Julius Caesar im Jahre 46 zurück. Caesar 
hat das Jahr auf 365 Tage festgelegt und in jedem vierten Jahre 
einen Schalttag einöezogen. Die damit gegebene Ungenauigkeit 
läuft in 128 Jahren zu einem Tage auf. Eine Schweirigkeit bei 
unserem Kalender erwächst aus den kirchlichen Belangen, oie 
für die Beibehaltung der Mondrechnung sind, nach der sich die 
beweglichen Feste regeln. Diese Bedürfnisse bringen es mit sich, 
daß der Sonnenkalender durch den Mondkalender gleichsam über 
lagert wird. Pros. Epstein legte im Folgenden dar, wie in unserem 
Kalender die Osterrechnung und die Bestimmung der Wochentags 
fich V.MZichb Zum Geschichtlichen bemerkte er noch, daß der Fehler 
des Julianischen Kalenders bis zum Ende des 16. JahrhunoeNs 
auf Zehn Tage angeschwollen sei (der Frühlingsanfang wäre also 
damals bereits auf den 10. März gefallen). Darum wurde schon 
um 1580 durch eine von dem Papste eingesetzte Kommission die 
Gregorianische Kalenderreform beschlossen. "Dank 
ihrer seitdem gültigen Bestimmungen ist der Fehler jetzt auf zwölf 
Sekunden herabgemindert wodden; das hoißt: erst nach dreitausend 
Jahren beträgt er jeweils einen Lag. Auch die Mondrechnung 
wurde durch die Kalenderreform in Ordnung gebracht. 
Als letzter Redner fügte Privatdozent Dr. Spam er einige 
„kurze Fuß- und Randnoten" an, die einen fesselnden kultur 
historischen Überblick gaben. Seine Ausführungen bewegten 
sich in ähnlicher Richtung wie seinerzeit der Eröffnungsvorirag 
von Herrn Moritz Sondheim, über den wir damals im „Stadt 
Blatt" vom 23. Februar eingehend berichtet haben. -- Den drei 
Rednern ward durch Herrn Paul Hirsch in einem kurzen Schluß 
wort der Dank der Zuhörer zuteil. lO.
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        LjZ,) 
Falscher Untergang der Uegmschirme.
        <pb n="23" />
        find, der fich gegen die ganz von pben her eingesetste Drdnung 
richtet. Darüber täuscht sie auc bie Katsache nicht hinweg, daß 
fic allenthalhen noch eine stattliche Bahl von Arbeitswilligen fin- 
i bet. Das Trägermaterial berschlechtert sich zusehends. Kleinbürget 
! Beherrschen das gelb. 
Durc mancherlei Maszregeln haben die Regenschirme bie 
Katastrophe abzuwenden gesucht So find bie seit geraumem still- ' 
| gelegten Wallfahrten au bem »Stab des Dichters wieder aufge: 
। nommen worden, bem wit bie Seile: „Hab Sonne im Herzen“ 
! berdanken. Die Birkung ist ausgeblieben. Begreiflic genug, da 
nicht bie Sonne, bie jener Dichter im Interesse bet %egenschitme 
aus bem Aeuszeren ins Innere berbannen wote, das Unheil 
heraufbeschworen hat; sie strahlt genau so unregelmäzig wie sonst. 
Auc ber Ausweis eines Philosophen: es schliese bet Begriff 
..Schirm' das Dascin bcS mit ihm gemeinten Wesens ein, woraus 
gefolgert Werben dürse, daß unter den derzeit hertschenden Be 
dingungen bie Schirmwesen nicht untergehen Kennten — auch 
dieser durch Flugblätter derbreitete Aufwcis ist gut Dhnmacht ver 
urteilt, weil er wohl den richtigen Untergang widerlegt, nicht aber 
bie Möglichkeit eines falschen. 
gn Schlupflöchern, bie am Ende langet Korridoren angebaut 
find, stehen bie derstoszenen Regenschirme troen umher. Shre 
Schar mehrt sic don Tag zu Sag. Wenn es drauszen pätschert, 
ergreift sie bie Sehnsucht nach Freiheit Etlichen ist bet Stoff ge- 
tissen dor Leid. Das Bewustsein, bah nur wenige bet Shren zu ; 
ben Sonnenschirmen desertiert sinb, erfüllt fit mit Stola. 
i Rettung erhoffen sie durc ein Wunder allein.
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        t - i. &amp;lt;
        <pb n="25" />
        U 1) oa, io -M’oac- 
S6a90664 - 
~ = Paris und Amerita. „iafer %o. 13* ist «inet jener Tilme 
aus dem Beben einer Tänzerin, wie ste heute immer mal wieder 
lausen. Das Publium berlangt solche Moman-Tlusttationen, in 
denen eine gejellschastliche Hanblung mit Gefühl fic entrollt. Aus 
dem Hinterhaus eines Droschkenkutichers, dem Biensfed die 
rührende Schnauzbättigeit gibt, führf bet Sönigsweg Sudermanns 
in das Borderhaus des pillionärs, bet durc Kar Gbetts 
Berdienste außer bem Geld auc bie Güte besitst. Qes Droschtens 
Eutschers Eöch-erlein tänzelt diesen WNeg empor, sie ist nämlic 
eigentlic das Kind des Mtillionäts, was ste erst dutc einen Hoch 
staplet ersähyrt, der durc einen Zufall hinter das Gebeimnis ge 
kommen ist Bon ac Kredor mit gentmäsiger Bläffe aus: 
gerüstet, führt er bem Bater seine Tochter au, nicht ohne sich 
tutet aus finanziellen Gründen mit ihr zu berloben. GilhDamita, 
le Kochter unb Eänzerin, ist don bubenhafter Schelmerei; nieblic 
bot allem iht Bimpernzuden unb bie Spielerei mit den Augen. 
Auc itt den Kanafzenen entfaltet sic ihr starkes gtotestes Ealent. 
Es tritt zurüc, wenn bet Ulebermut des Eleinen Mädchens bem ge 
sitteten Benehmen bet jungen Tame ieichen muh- Um bem Gemt 
Genüge au tun, hält sie es in bem Borderhaus nich lange aus. 
Rachdem ber als Heivatsschwindler enilatbfe Bräutigam dabon- 
gejagt worden ist, fehlt sie wieder au ihrem Kutscher zurüc. Armut 
macht eben doc glüclic; bann aumal, wenn, wie in diesem Falle, 
Reichtum gut vechten 3eit sic einsteTlt. Zuett heiratet bie Län- 
aerin ben braben Musius aus bem Hinterhaus, bet schon immer 
sie geliebt hat unb sie gewiß ebenso gerne als blose Sutschertochter. 
genommen hätte. G8 ist ihm aber nicht iveter unangenehm, bah 
nun auch ber Milionär ben tlingenden bätetlichen Segen erteilt, 
ber ihm bie Aufführung seiner vermutlic schlechten Kompost- 
tionen ermöglichen wird. — Sie Regie hat alles getan, um bie gar 
nicht filmgemäßse Geschichte ins Bisuelle au übersezen, Fteilic, 
bie bieten UeBctblenbungen verfehlen ihren eigentlichen Sinn, ba 
ihnen die gerabe gut Gisenbahnlekiüre taugliche Fabel in seiner 
ZBeise entgegenkommt. Wieder einen ber häufigen gälte, in denen 
man einen altmodischen Stoff durch äuserlic aufgejetste technische 
Mittel, aulett doc vergeblic, gu modernisieren trachtet, Set in- 
tergrund, Faris, tritt in ausgezeichneten Bildern herdot, bie 
Milieus unb Ehargenrollen sind gut gewählt. — Auc ein neuer 
Buster Seaton:Film: Krautes Seim, Gl 
allein* witd in ben A t c m a n n i a • 2 i c t f p i e l e n bor 
geführt. Er verhöhnt bie Eechnisierung, indem er geigt, bah bie 
bieten Apparate, bie das ATtagsdasein erleichtern soffen, genau so 
rasch gu zerstören wie aufubauen sind. Keaton bebient mit pierrot» 
haftet Apathie eine tomijche Mätchenmajchinerie, bie durc ein 
paar ©risse bon fremder Hand in Berwirrung gerät. Gr ist selber 
berwirrt barübet, et ist bet bersagenden Maschinerie weniger noc 
gewachsen als bei untadelig funktionierenden. Hat ihn biete schon 
traurig gemacht, so witd et durc bie totl gewordene bollends 
konfus, $n eine tichtige TBelt hinkt er nicht mehr zurüc.
        <pb n="26" />
        und ließen sich über die Ge- 
-- lHLlfe, ich bin Millionärs Frankfurt wird von den 
Filmgewaltrgen in Berlin nicht eben wohlwollend behandelt. Sie 
enthalten ihm etwa Chaplins: „Goldrausch" immer noch vor für 
den Darmstadt selbst reif befunden ward. Umso angenehmer emp 
findet man es, wenn sich in die provinzielle Abgeschiedenheit ein 
mal ein Film von Welt verirrt. Die in der Frankfurter Neuen 
Lichtbühne jetzt vorgeführte Komödie: „Hilfe, ich bin 
ein Millionär!" ist echtbürtiges Kino. Sie spielt in Paris 
und Nizza; die Darsteller sind zumeist Franzosen. Ein Millionär 
der sich langweilt — Millionäre langweilen sich immer auf der 
Leinwand — schließt mit einem lustigen Teufel von Eisenbahn 
arbeiter die Wette ab, daß ihn unverhoffter Reichtum nicht glück 
licher machen werde. Der Eisenbahner empfängt von ihm eine 
runde Million mit der Verpflichtung, sie binnen Jahresfrist aus- 
zugeben und dann seinen Soelenzustand zu beichten. Das Thema 
der Wette ist darum filmgemäß, weil es das Gewicht auf die mehr 
oder weniger willkürliche Verkettung äußerer Begebenheiten 
legt. Ihnen ist der Film seinem Wesen nach zugeordnet. Nicht 
darf in ihm die äußere Welt nur der Ausdruck einer in sich ge 
schlossenen Handlung seine aus den freien Assoziationen sichtbarer 
Vordergründe unseres bewegten Daseins. Daß das Publikum ihn 
als amüsant empfindet, ward durch den Beifall des vollbesetzten 
Hauses bewiesen. 
die Umstände zu ermessen, unter denen man dergleichen sich holt. 
Nun sind sie auf Vorrat belehrt, und zu hoffen ist nur, daß sie 
oas Gehörte zur rechten Zek nicht vergessen. Aus das menschliche 
Gedächtnis ist wenig Verlaß. 
Inzwischen hat diese öffentliche Erörterung des Geschlechts 
lebens ihren revolutionären Klang verloren. V.eleS, was Brieur 
durch seinen Arzt damals fordern ließ, ist heut- verwirklicht 
worden. Die Schranken sind gefallen, die noch die sor ge G nc- 
raüon um das Gebiet des Sexuellen zog, die Jugend verläßt 
inch! mehr unvorbereitet das Elternhaus. Wort und Schrift kommen 
an sie heran, der Film .Falsche Scham" zeigt ihr abschreckend- 
Bilder m methodischer Fülle. 
Trotz der Aufgeklärtheit ringsum kann das Stück auch heute" 
noch rm Dienst der Gesundheit seme Wirkung tun. Die Sensatsonen 
sind von ihm abgefallen, die nützlichen TendmKM treten in 
drastischen Situationen nicht allzu kraß hervor. Zwar, der drama 
tische Hauptknoten hat sich mittlerweile, dank der Fortschritts der 
Wissenschaft, von selber gelöst. Die Familie Dupont benötigte 
heute keine Amme mehr, um ihr Dreimonatskind gesund zu er- 
?EN. Diese also müßte nicht hinauSschreien, daß im Haus die 
Syphilis herrsche, und die weiteren Verwicklungen blieben unge 
schehen. Dies zur Aufklärung, wenn schon aufgeklärt wird. 
„ Die Aufführung des Frankfurter Kün stiert heoters 
für Rhein und Main (Leitung: Direkter Hans Meißner) ward 
Zum Teil mit den Kräften d«S Schauspielhauses bcstritlen. Leopold 
Bibertis humaner Arzt, ein früher Apostel der Rcichsgesund- 
heitswoche, prägte mit warmer Stimme die Aeber-eugungen, um 
derentwillen das Stück geschrieben wurde. Herr Th Deren gab 
den negativen Helden als netten Jungen, dem sich bei aller 
^yphslis bre Sympathie nicht versagen ließ. Ein kleines Kabinett 
stuck die Amme von Lotte Mebius — das nächste Mal spielt 
Lene Obermeyer di« Rolle —, ausgezeichnet in ihrem bourgeoiscn 
Egoismus Thcssa Klinkhammer als Mutier. Herr Ner- 
fiM^der die Spiellcimng übernommen hatte, stellte in charak 
teristischer MaSke den französischen Deputierten auf die Beine 
Die Darsteller der Nebenrollen: Hanf, Meißner, Walter 
Grießmann, Margarete Wolf und Gustel Sieger fügten 
sich dem Ensemble gut ein. Die Aufführung wird amDonners- 
stag und Sanmstag wiederholt. 
»Die Schiffbrüchigen.* 
Aufführung im VoUsbildungshcim. 
Revue Lonfekti. 
--- Ins S ch rr man n - Theater ist das Münchener Deutsche 
Theater mit seiner Revue eingezogen. Sie geleitet eine Art von 
Faust durch etliche gleißende Wunder unserer Hivilisation zwischen 
München und Berlin. Der gute Mann wird mit Unterstützung von 
Rudolf Nelsons schmissiger Musik gehörig verführt. Vor allem 
durch die Vi ölet-Girls, die in immer neuen Kostümen ihre 
schönen Beine geometrisch entfalten. Weniger abstrakt gebärdet sich 
eine andere Mädchenreihe, die ersichtlich aus München stammt. Wo 
man nur hinblickt: überall Girls. Gleich zu Anfang im Kabarett 
machen sie von ihrem Hausrecht ausgiebig Gebrauch. Tänzerisches 
strömt in Massen hernieder. Man freut sich hier und später einer 
weiblichen Grotesktänzerin; auch A.fred Jackson kommt exzen 
trisch daher. In einer anderen Szene wird zeitgemäß Sport be 
trieben. Weibliche Turnerriegen suchen Wege zu Kraft und Schön 
heit; sie üben mit Eifer vor gemalten antiken Statuen und einem 
Gobelin, der auf Verlangen durchsichtig wird. Der ^o begrenzte 
Vorgänge muß vielmehr wie nebenher eine Art von Zusammen 
hang sich ergeben. Nicolai Kolins Eisenbahner, eine physiog- 
nomisch erschöpfende Leistung, wird durch die Wette in eine Reihe 
großstädtischer Situationen hineingetrieben, die der blanke Zufall 
herbeiführt. Dies: daß sie unberechenbar einander folgen, verleiht 
ihnen Wirkung im Film. Ihre Komik besteht in dem Zusammen- 
prall des armen Kerls mit einer ihm nicht zugedachten Welt. Von 
Kind und Kegel begleitet, zieht er zu ihrer Eroberung aus- 
Kleidet sich lächerlich, verschenkt im Restaurant die Tausender, 
während der zu seiner UeLerwachung bestellte Sekretär an den 
schlechten Eßmanieren der Familie leidet, und brüskiert das wohl 
erzogene Publikum der Großen Oper. Die Szenen revolutionieren 
und möchten doch Zeigen, daß jeder in seinem Kreis bleiben solle. 
Ins Groteske gesteigert wird die Komik durch die Unfähigkeit 
des Emporkömmlings wider Willen, sich das Geldes vorschrifts 
mäßig zu entledigen. Seiner Eigengesetzlichkeit gehorchend, kehrt 
es immer wieder Zu ihm zurück. Man bestiehlt ihn: die Polizei 
stellt den Dieb; er spielt, in Monteoarlo; die Scheine kleben an 
ihm. Solche Szenen zwingen das Aachen herauf, das die Grillen 
und Widerhäk-chsn der äußeren Umstände dankend quittiert. Die 
Regie hat die meisten Situationen auch formal einwandfrei be 
wältigt. Eine Vorstadthochzeit etwa ist in ungewohnten Ver 
kürzungen aufgenommen, die das inhaltlich Gemeinte zur optischen 
Gestalt erheben. Bedauerlich, wenn auch leicht Zu erklären, ist die 
bourgeoise Moral. Sie entfacht in dem Helden die Sehnsucht nach 
dem stillen Herd, damit die richtigen Millionäre sich ungestört 
weiter langweilen können. Am Ende wird ihm ein kleines Bauern 
gut-Idyll beschert, in dem er, gesegnet von dem Genius kleinbürger 
licher Zufriedenheit, harmlos sein Pfeifchen raucht. raca. 
Man verließ ein wenig zweifelnd daS Haus. Aufklärung ist in 
Ordnung die fugend soll wissen, wieviel Dornen am Wege 
stehen. Wer herßt es nicht, aus dem einen Extrem in§ andere 
fallen, wenn man heute blank bespricht, was man gestern gar zu 
beflissen verschwieg? Kann die schonungslose Vorweisung des Tat- 
sachemnarertals in den PubertätSjahren nicht Hemmungen und 
Aengste erzeugen, deren Wirkungen kaum minder unerfreulich sind 
wie d,e bekämpften? Da wem schon, gewiß mit RM einem 
jugendlichen Hörerkreis die Vorgänge des Geschlechtslebens ent. 
' die neue Sachlichkeit nicht etwas mit Zartheit 
umkleiden? Las Radikale ist nicht immer am radikalsten. 
Vielleicht sind di« Besorgnisse nur bei sensiblen Naturen ange- 
Wenigstens hörte man nach Schluß der Vorstellung ei« 
robustes^ ExeM^r zukünftiger Männlichkeit dem anderen »er. 
,l^)ern, das Stuck habe denn doch Eindruck auf ihn gemach!. Auch 
m s""« Genugtuung darüber aus, daß die Obszönitäten 
fehlten. Nun also! 
Raum H zugleich der SoSmeLS geweiht. Eine strenge Dame leitet 
ihn: vorne ist sie bis an den Hals schwarz bekleidet, den Rücken 
jedoch hält sie sich frei. Mir Stresemann", bemerkt Faust aliLL 
Willi SchaefferS, der in die Schaugerichte unentwegt das Salz 
seines Witzes jsseffert. Es ist mehr berlinisch als attisch» Er läßt 
sich drollig massieren und unterhält als Stütze des Ganzen einen 
lebhaften Verkehr mit dem Publikum. Sein Partner ist Leo P e u- 
kert, der Regisseur, der sich kaum minder als Lebenskünstler er 
weist. Me beiden wandern von Bild zu Bild, es ist köstlich, sie 
immer wieder zu finden. Zaubert diese? als Fakir, so ist jener 
gewiß sein Impresario; verwandelt sich der eine in einen Salon 
tiroler, so singt auch der andere seine Schnadahüpferln. Ein Duett, 
das durch Christr Mardayn ergänzt wird, die gar liebreich 
Gesangeshöhen erklimmt, sei es als moderne Frau oder duftig als 
eine Vision. Mit ihr vereint sich zuweilen Oscar Sachs, dessen 
Oberbayerisch sich graunzend ergeht und viel Zu schollenhast ist, um 
aus Wien zu sein. Zwischen den Couplets produziert sich wieder 
holt das Tanzpaar Karins?« und Dolinoff; dieser, der 
athletisch geraten ist, schwingt seine Partnerin Zu schönen Stellun 
gen rhythmisch empor. In einer originellen Szene: „Zeitlupe" 
scheint sie einsam durch die Lust zu schweben, wie es sonst nur 
auf der Leinwand geschieht. Dann wieder begibt sich das Paar 
in die Wüste; er verdurste mit ausdrucksvollen Gebärden, sie um- 
tanzt ihn als UorMim. Andere Szenen geben dem ganzen 
Ensemble Gelegenheit zu bunter Prachtentwicklung. Man beliebt 
etwa quicklebendiges Badetreiben am heimischen Starnberger 
Strand, oder verunstaltet eine Schau erlesener Diamanten. 
Schmücken diese sonst Hälse und Hände, so ziert hier rosiges Fleisch 
im Ausschnitt die glitzernde Fülle. Auf die Ausschnitte über 
haupt kommt es an, wie sie frei gelassen sind, wie sie sich zeigen. 
Dtan bringt die bewahrten Mischungen, die Kostüme selber wechseln 
kaleidoskopartig im üblichen Revuestil. Die Girls in Jacken und 
Hosen sind von netter Linienhaftigkeit, wenn sie sich schräg aneinander 
schmiegen. Als Zigaretten-Allegorien machen sie einen Dunst vor, 
der nicht nur blau ist. Grünlich winden sie sich in den brenne rr- 
den Wald herein — eine lebendige Schlange, deren Auf- und 
Aögleiten zu den besten Tanzmustern gehört. Das Bild selber, 
das, wie es heißt, zum ersten Male in Deutschland aufgeführt wird, 
ist von einer optischen Wildheit, die durch wer weiß welche 
Maschinerien hier eingefangen ist. Tannenbäume, innerlich rot 
glühend, purzeln zu Boden und begraben mehrere Leichen. Da 
zwischen lodern niedliche Feuersbrünste, der Horizont auch ist illu 
miniert. Lauter visuelle Ausschweifungen, die gewöhnlich in Apo 
theosen endigen. Als Ruhepunkte sind einigt Wortszenen eingestreut. 
Ein Sketsch etwa, dessen Sprachfügungen dem Publikum an 
heimgestellt sind. Dieses kann einen beliebigen Buchstaben Vor 
schlägen, mit dem nun alle Worte beginnen müssen. Die alt ein 
gebürgerte Improvisation glückt stets. Es bewegt sich vielerlei zu 
Walzer- und Jazzmusik, die Hintergründe sind zahlreich wie die 
Beine, und man hat wieder einmal einen Querschnitt durch die 
---Im Rahmen der R eichS gesu ndheitSwoch e wurde 
Dienstag abend das bereits historisch gewordene AuMrungsstuck 
von Brl« ux vor der Jugend gespW. Knaben und Mädchen 
saßen rn dichten Scharen beisammen und ließen sich über die Ge 
fahren der Syphilis belehren. Viele «och halb Linder, unfähig.
        <pb n="27" />
        Schlafwagen-Geheimnisse. Ein SchlafwagenkontrEeur ist, 
wie der neue Lustspielfilm: „Der Mann ohne Schlaf" 
der BieLerbau-Lichtspiele verrat, ein in LieLesdmgen 
bevorzugter Mann. An jeder Endstation erwartet ihn eine Braut: 
so kommt er in München zu Weißwürsten, in Berlin erwartet ihn 
Ausschnitt. Harry Liedtke scharmuziert zwischen beiden Me 
tropolen hin und her« Die etwas in die Lange gezogene Komik 
entsteht dadurch, daß Schlafwagen von jedermann benutzt werden 
können. Diese Tatsache nämlich hat zur Folge» daß Mizzi und 
Trude in demselben Mteil miteinander kollidieren. Um die Schwie 
rigkeiten des Schaffner-Gentlemans zu erhöhen, werden ihm auf 
unwahrscheinliche Weise Barmittel zu geführt, die ihm den Verkehr 
mit der hübschen Lebedame Hanni Weises gestatten. Neue Gefahren 
i des gleichen Schemas ballen sich, unerwartete Begegnungen ge- 
PHHeu, We Msgst erwartet wmtmn Die Mr d&amp;lt;S Arte Ende er 
forderliche Entwirrung bleibt nicht KS, und Trude spannt den 
Vielbegehrten in ihr vermutlich unsanftes Ehejoch Der Humor ist 
nicht sehr reichlich dosiert, immerhin ergeben sich eine Reihe lustiger 
Situationen/— Die beiden amerikanischen Grotesken des Bei 
programms bringen neue Streiche alter Bekannter. Monty 
Ban u s jagt einer Gans nach, die ihm den just benötigten Ver 
lobungsring entführt hat; er besteht entsetzliche Abenteuer auf 
Hauptgesimsen, um dieses Zeichen der Treue zu retten. Larry 
Semon seinerseits spielt Golf. So hat man Golf noch nicht 
spielen sehen. Die Bälle verwandeln sich unter der Hand oder 
verschwinden tückisch, und das harmlose Spiel wird zur aufregen 
den Verfolgung funktionalisiert. Was man verfolgt, ist ohne Belang. 
r2.cn. 
2-5" 
Oauds Dillisrs unvsr^LnÄiebsr Roman: 
orn 0 nLsL L 6 njamLn" ist in dsr sellmls^- 
VodsrsetMNK ^ossk Kotmillors der 
^Idsrt RanAsn (Nünedsn, 243 8. Osd. 4) sr- 
8eüion6n. Ria Vorwort von Rudvü^ Rkau lüdrL 
LUI LE6N6NIN6 IVsiss LN8 Llo^raullisells 61N. 
ch 
2um 50. ^odsstas Rsrdinand Rrsill^ratlls 
Verlas Lssss u. Lscllsr (Rsiu^m. Ood. 
-A 4.5-0.) dw ansTsnMten WorLs dss viodtors in 
Einem kandlmllsn Lands derans^edraedt. VIs ^us- 
Mbs trä^t äsn 8tempe1: Rüv 8odule unä Raus. 
4- 
In ssmsm Suod: IdkkimL t" (Vsrr^ZiI- 
dsrours, Ltutikart, 223 8. 6sb. ,//. 5) rsic^nst 
Rsvllin^ Raild und Reute der 8ellvmllisollen 
tteimutsenilderel, mit veraltetem „RUdsodmueir" 
^Hllers MÄart. Die voLsLundll ollen 
^.dsenmtts Lind das Loste. 
O 
Unter dem ^itel: „Xomi Lobes und R? axi- 
homlsedes" läüt der Verlag Quells u. Never 
(Rmmm. 133 8. Oed. 2) eine von O. Lrauo 
udsrtrnaons ^usivadl von Novellen D.sedeedo^s 
ersedeinen. Oie kleinen LrsadlunKen stammen aus 
der Früdreit des viedters. 
4- 
, „ Iw, KskmM ssiusr 8ammlE: ..vis Lltso VoLs- 
buoksr oruiKt 6sr ^Istsr-Vsi-Is.s (Lsindur«. 16S 8. 
Lnlbpsrs. 10) : „O i s Oesediodts von 
der Eob o n en UsIusins" naoll der ältesten 
deutsoNsn vrnoknusTLde von 1474 kür junK und 
alt, neu derausasaeben von Radon von ^odeltit^ 
und,^ ivie es deist mit sodonen Lildern verliert von 
Lroies-or Lruno Ooldsedmitt. 8ie sind x^ar niodt 
so sekon. ver Oruelr ist aut. dls Linküllrun^ nebst 
den ^nmerLun^su eins ervmnsebte Orein^abe. 
Neue Nu s Lrionbüobsr (Nusari on - Verln^. 
^uneben): ,vrsi NLrebs n" von Rbeodor 
d t 0 r m, mit lrubinistisollen Leder^siellnunaen Rolk 
v. Loersellellnunns; lerner: ..Redenden" von Leo 
lolstoi m der Lebertrumw^ von Re^a RNsoll 
mit SQlltumtisrt russi^ellen Vollensi eiellnun- 
^n Rarl Rossinis, vie ^us-valll und der nute 
Rruok der beiden Lüellsr smukslllsn sie als kreund- 
lmlle Ossellsnll^srlls. (Leids 104 8., jeder Ld. &amp;lt;;eb 
5.) 
Lin vnindersellones Illustre.tionsv^erll: „8121- 
ist bei R. Lruellmnnn (Nünellen, ^eb. 
r^.50) 6r8ellitzN6n. Rnnd8ell2.kt und Lunstdenllmäler 
bis Llsssina 2isllsn in über 120 aus^e- 
'sVLillten ^.bbildun^en vorüber; auell die unbellnnn' 
reren Orts erstellen. Vurell dis von Lu^o von L 0 k- 
mannstllal ^skü^ts LinleltunK erllält das Luell 
einen besonderen IVert. 
* 
— "^butselle VLellter kür duzend und 
V 01L . so nsnnt sioll eins bei M. 2wllke1dt 
(08törvvi6ell-Lar2, asb., je 1.50 bis 2) er- 
solleinende notztisolle Lollelltion. Illre Llatten sind 
Mmissllt : neben U ö r i ll e und 8torm werden 
^0 vsni^er bekannten, ^venn niellt anr unbellannien 
v. ^intsrkeld-vamsro^ unl Raul IV 0 l k 
in der Kwiellen ^ukmaelluns ^ereiellt. Rm sie alle 
iur „duaend und Volk" mund^ersollt 2u maellen, bat 
sie der rieraus^ebtzr Dr. L. 8ollnaü mit sin^än^i^en 
Iiteln assellmücllt: „Das Reben rinnt . . bei 
dtorm; mörieke last „Oold^loc-llsntone" ersollallen^ 
Lololls ^us^alllbände — auell Mllmlm v. 8ellol2 
und et^a Robert LoLllart treten auk sind 
eine L^veiielllakts Quelle kür den n euLeitliellsn 
Oeutsellunterrmllt, dem sie dienen möellten. 
^VolkheiLk Goethe! Mythos!^ Diese gellenden Inter 
punktionen sind der Titel einer Anzeige des „Börsenblattes für 
den Deutschen Buchhandel", in der Eugen Diederichs den Buch 
handel ermähnt, die „Keime des neuen Werdens zu betreuen". 
Man zittert für die von ihm gefundenen Keime, so wenig pfleglich 
begießt er sie hier. Sein Kampf in dem Ausruf geht gegen die 
Amerikanisiernng des deutschen Sortiments zugunsten Gottes. 
Dieser hat — doch möge das Inserat selber von ihm zeugen: 
„Das Lied von der Lammerstraat: „Jk kann maken, wat ik will", 
paßt nicht für eine Zeit, wo Gott ein Neue tellel upbarsin an 
die Wand geschrieben. hat." Was aber paßt in eine solche Zeit? 
Was wohl wird heute im Sinne Gottes sein? Die von Eugen 
Diederichs organisierten 
„r e l igiösen P r 0 p agandaw och e n". 
Zweimal schon haben offenbar diese unamerikanischen Wochen 
zarte Werdekeime vor der Ämerikanifierung behütet. Zu unserem 
Trost teilt Äe Anzeige mit: ,Am Herbst wird noch eine dritte 
religiöse Propagandawoche kommen, für die das Wort „M hth 0 s" 
das „Zeichen" ist." Stolze Wortballungen, deren Entdecker man 
gerne beglückwünschen mochte, lehnte er nicht die Verantwortung 
für sie ab. Wenigstens meint er bescheiden: „Alle solche Formu 
lierungen sind nicht von mir gewollt, sondern sie sind heraus 
gewachsen aus der Arbeit für inneren Aufbau seit dem Kriege, 
aus der Arbeit vieler schöpferischer Kräfte Deutschlands, denen 
gegenüber ich mir die Aufgabe gestellt habe, sie buchhändlerisch 
zu organisieren." Zu den unbewußt herausgewachsenen Formu 
lierungen gehören wohl auch die aus der Anzeige in allmählichem 
Uebergang herauswachsenden Titelprägungen: „Die Volcheit", 
„Gottnaturreihe", „Mythosgruppe", die den von Diederichs in 
Büchern organisierten inneren Aufbau und die schöpferischen 
Kräfte in sich begreifen. Mit Unterstützung der frommen Wochen. 
Zur Verhütung der Ämerikanifierung. Denn, wie das Inserat 
besorgt verkündet: „... wer aber gegen den Geist lebt, von dem 
gilt erst recht das Sprichwort: Der Krug geht so lange zum 
Wasser, bis er bricht." 
Wir lieben und schätzen Herrn Diederichs als einen unserer 
großzügigsten Verleger, dem wir viele wundervolle Ausgaben 
danken; nicht zuletzt die einzigartige Sammlung: „Märchen der 
Weltliteratur". Gerade darum möchten wir ihn gegen sich selber 
in Schutz nehmen.
        <pb n="28" />
        Die Mißet auf Deutsch. 
Zur Übersetzung von Martin Buber und 
Franz Rosenzweig. 
Von Dr. Siegfried Kraeauer» 
Erschienen ist: „Das Buch im Anfang", der erste 
Teil einer auf zwanzig Bände berechneten Übersetzung des 
Alten Testaments*); Martin Buber und Franz Rosen- 
Zweig sind die Verdeutschen Das Unternehmen bezeichnet 
eine Stufe ihrer Entwicklung, die nicht allein die ihre ist. 
Rosenzweig, dessen Erkenntnisleistung tiefer als die Bu'öers 
führt — sie ist schwerer zugänglich darum —, hat in seinem 
philosophischen Hauptwerk: „Der Stern der Erlösung", einer 
an gültigen Interpretationen reichen systematischen Konzeption, 
die Abkehr von der verfallenden idealistischen Philosophie 
grundsätzlich zu vollziehen gedacht; als exemplarischer Ausdruck 
einer ihrem Abschluß zudrängenden Zeit ist das Buch ein ge 
schichtliches Dokument hohen Ranges. Er hat im Sinne jener 
Abkehr durchaus folgerichtig dann die Haft in der Wirklichkeit 
des religiös gebundenen jüdischen Lebens gesunden. Die 
Gründung des Freien jüdischen Lehrhauses zu Frankfurt und 
etwa die Jehuda Halevi-Uebertragung belegen nach außen hin 
seine Wendung von der Theorie Zur Praxis. Buber, der 
Führer eines Teils der jüdischen, zumal der zionistischen 
Jugend, begegnet sich in dieser Wendung mit ihm. Der deutschen 
OessentlichkeiL ist er weniger durch seine Übersetzungen aus 
der östlichen Literatur, als durch seine jahrzehntelangen Be 
mühungen um die Erschließung des Chassidismus bekannt.! 
Ihr Ertrag ist die Reihe der von ihm herausgegebenen chassi- 
dischen Legendensammlungen, die zu einem ansehnlichen Zu 
wachs des westeuropäischen Bildungsguts geworden sind. 
Die von ihm und Rosenzweig heute dargestellte Lebens 
und Erkenntnishaltung darf nur mit Vorbehalt eine „religiöse" 
genannt werden. Der Begriff duldet Anwendung, wenn er nicht 
wie üblich der Abgrenzung eines eigenen Sonderbereichs, eben 
des religiösen, dient, sondern auf eine Form des Existierens 
hinzielt, die, ihrer Intention nach, den ganzen Menschen in die 
Wirklichkeit setzt. Eine Lebens Praxis ist mit ihm ge 
meint, die auf dem Grunde der realen Beziehung Zu den 
wesentlichen, hier durch die Schriftzeugnisse des Judentums 
vermittelten Wahrheitsgehalten gedeiht; nicht eine theoretische 
*) «Die Schrift". Au verdeutschen unternommen von Martin 
Buber gemeinsam mit Franz Rosenz we i g. Verlag LaMert 
Schneider, Berlin. - ' 
Bewußtseinseinstellung oder ein rein innerreligiöses Unter 
fangen nach Art der liturgischen Bewegung. 
Aus dem Willen zur Bekräftigung eines solchen Lebens 
mag die neue Verdeutschung entstanden sein.. Man wird sie 
nicht als ein abgelöstes literarisches Produkt zu verstehen haben, 
vielmehr als Zeugnis und Wirkung eines religiösen Kreises 
— sei. er faktisch vorhanden oder erfragt. Die Erwartung der 
Antwort bestimmt ihre Form. Nur die Absicht, unmittelbar 
den ganzen Menschen oder die Gemeinschaft gar anzusprechen, 
kann Zu ihrer komm entar losen Darbietung bewogen 
haben. Das Weglassen des textkritischen Apparats setzt nicht 
minder die Ueberzeugung voraus, daß das Schriftwort seine 
bleibende Macht bewähre. Die Verfasser streben die wörtliche 
Uebersetzung und rhythmische Treue an; den Grundsätzen ge 
mäß, die Rosenzweig in seinem Jehuda Halevi entwickelt hat. 
Die hebräische Sprache soll nicht verdeutscht werden, sondern 
das Deutsch in jene sich hineindehnen, um mit der Gewalt des 
Ebenbilds die ihm Zugewandten zu ergreifen. 
So wesentlich die philologische Ausgabe ist, vor die der erste 
Band stellt: die Begleichung des Textes mit dem Original, 
die Erörterung der Rhythmik, die Diskussion der Abweichungen 
von der masoretischen (d. h. von der in der jüdischen Ueberliefe 
rung maßgebenden) Fassung — sie ist die nächste nicht. 
Dringlicher meldet die Verpflichtung sich an, die in sich ge 
schlossene deutsche Sprachform der Uebersetzung selber 
Zu prüfen; eine Beschränkung des Aspekts, die unbedenklich ist, 
weil die Autoren tatsächlich sachkundig und gewissenhaft ver 
fahren sind. Durch die Sprachanalyse wird die Haltung mit 
bezeichnet, der das Werk zugehört, ihr sprachlicher Ausdruck 
macht mittelbar ihren eigenen Sinn transparent. Sie ist die 
des religiösen Kreises, den die Verdeutschung zunächst erreichen 
mag. Im Zeichen der „religiösen Erneuerung" haben sich 
auch innerhalb der katholischen und protestantischen Einfluß 
sphäre Gruppen gebildet, die mit der um Buber und Rosen- 
zweig gescharten formal darin übereinstimmen, daß sie den 
Menschen auf die in der Religion eröffneten Wahrheiten wie 
der zu beziehen trachten. Für sie auch wird Zutreffen müssen, 
was von dem idealen Lesezirkel des Bibelwerks etwa sich aus 
sagen läßt. Die Sprache gleicht dem Fleck zwischen Siegfrieds 
Schulterblättern, auf den das Lindenblatt gefallen ist; an dem 
Leib der mächtigen Realitäten ist sie die einzige Stelle, die der 
Zauber des Drachenbluts nicht schützt. 
* 
Nicht wie für die Uebersetzung anderer Texte sind für die 
des Bibelwerks ästhetische Kriterien vorwiegend die Norm. 
Zum Unterschied von jenen, die in der Zeit stehen und mit 
ihrem Ablauf sich wandeln, fordert, dieses zu Mn Zeiten 
Geltung als Wahrheit. Das durch seinen Wahrheitsanspruch 
legitimierte Verlangen, unmittelbar in die Gegenwart zu 
wirken, stellt das rein ästhetisch Gebotene hinter die Er 
len ntnispflichten des Uebersetzers zurück, da es vorab 
den Punkt ihn finden heißt, an dem die von dem Wort gefaßte 
Wahrheit in die Zeit eindringen könne, auf die sie als Wahr 
heit Bezug haben muß. Der Inhalt dieser Erkenntnis ent 
scheidet über die Möglichkeit der Uebersetzung und ihre Form; 
er kann eine Haltung dem Original gegenüber verwehren, 
die bei anderen Texten innerästhetisch angemessen wäre. 
Vorchardts Uebertragung der Göttlichen Komödie in das 
Deutsch jener Epoche, eine im Bereich des Bloß-Aesthetischen 
rechtmäßige Leistung, entspringt einem Prinzip, das auf den 
Bibeltext dämm schon unanwendbar ist, weil es ihn in einen 
ästhetischen Abstand rückte, der seine Wahrheit ihres Sinnes 
beraubte. Ihr zur Gegenwart zu verhelfen freilich ist nicht 
gleichbedeutend mit der schlechten Anpassung an sie. In einer 
dem Bibelwort entfremdeten Zeit ist seinem Gehalt auch mit 
einer Uebersetzung nicht gedient, die den Eingang in den 
vulgären Sprachgebrauch nur durch die Preisgabe des ur 
sprünglich Gemeinten erkauft. Die geheißene richtige Aktua 
lisierung der Schrift widersetzt sich dem Kompromiß, der 
das Wort zerstört, das er zu vermitteln wähnt. Sie wird ihrem 
Wesen nach von revolutionärem Geist eingegeben sein müssen, 
denn die Wahrheit geht in dem Bestehenden nicht auf. Der 
Urtext kehrt in seine nicht zu übertragende Abgeschiedenheit 
zurück, wenn die revolutionäre Sprache einer Geschichts- 
periode, die Sprache, die, wie verwandelt und unvollständig 
immer, nun allein das Wahre trifft, von seinen Formu 
lierungen sich losgesagt hat. 
Die Lutherbibel ist in jenem Sinne aktuell. Dank 
der geschichtlichen Konstellation findet zur Zeit ihrer Abfassung 
der revolutionäre Protest gegen die kirchlichen Mißstände, die 
zugleich gesellschaftlich-ökonomische sind, seinen genauen Aus 
druck in dem Rückgang auf das Wort der Schrift. Ihre Ueber- 
setzung ist ein Kampfmittel gewesen, das dem „Papistischen" 
Gebrauch der Vulgata hat Abbruch tun sollen. Durch ihre' 
Aktualisierung bewährt sich hier die Wahrheit der Bibel, das 
Religiöse greift (wie später bei der Pentateuch-Uebersetzung 
Moses Mendelssohns) auf das Politisch e über, dem es sich 
nicht verweigern kann, wenn anders die Unwahrheit in der Welt 
vor ihm vergehen soll. Die Eignung zum revolutionären In 
strument aber schuldet der Luthertext nicht zuletzt dem Um 
stand, daß in der Stunde seiner Entstehung das weltliche 
Denken die Emanzipation vom theologischen noch kaum be 
gonnen hat. Ihre innige Beziehung nur erMöglicht die Aus 
weitung der „gemeinen" deutschen Sprache zur biblischen, den 
Einfall dieser in jene: eine Enteignung des sorgsam gehüteten 
Besitzes der konservativen kirchlichen Mächte, der im Dienst 
der Neubereitung einer währen Ordnung unter das niedere 
Volk ausgestreut wird. Vorbildhaft genug, wenn auch nicht 
nachzuahmen mehr, holt Luther so die Schrift aus den un 
nahbaren Sphären in das Volksleben herein, reißt sie nach 
unten, an den geringsten Ort, zu dem es die Wahrheit hinzieht, 
weil die Konstruktion des menschlichen GefÜges ihre Fehler 
stelle hier hat. „Nur keine Schloß- und Hofwörter", schreibt 
er an Spalatin. „Dies Buch will nur auf einfältige und ge 
meine Art erklärt sein." 
- -K 
Da^ Profane ist den theologischen Kategorien langst 
entwachsen, die es zur Reforwationszeit noch annähernd decken 
konnten, oder zum wenigsten sein gemäßer Ueberbau waren. 
Aus ihrer Hülle haben Interessen sich herausgeschält, die nur 
mehr weltlichen Charakters sind; den Gemeinschaften der posiiti- 
ven Religionen steht die Gesellschaft als zu sich selber gekommene 
Größe mit eigenen Begriffen und Zielsetzungen gegenüber. 
Bei ihr, nicht, bei jenen, ist in der Gegenwart die Aktualität. 
Sie ist genau dort stets, wo das Zusammenleben der Menschen 
in der Wahrheit entscheidend gefährdet wird. Als faktisches 
Hindernis des rechten Miteinanders aber sind die wirtschaft 
lichen und sozialen Machtverhältniffe erkannt, die bis in die 
letzten Verzweigungen hinein die geistige Struktur der heutigen 
Gesellschaft bedingen. Im Laufe des Geschichisprozesses sind 
sie immer unverhohlener an den Tag gedrungen; die selbst 
gewissesten Kulturen haben verfallen müssen, weil sie auf ihrem 
schlimmen Grund herangereift waren. Es geschieht um der 
Wahrheit willen, die als logischer Zwang im Geschichtsprozeß 
sich kundtut, daß der weltliche Bereich der ökonomischen Tat 
sachen, die bestimmende Aktualität gewonnen hat. Denn sind an 
der Eigenmacht der materiellen Faktoren die mit ihnen ver 
koppelten kulturellen Gebilde zuschanden geworden, so kann 
nicht anders eine Ordnung erzielt werden, als durch die Ver 
änderung dieser Faktoren, die wiederum ihr nacktes Hervor 
treten aus allen sie bergenden und verbergenden Hüllen zur 
Voraussetzung hat. Der Ort der Wahrheit selber ist darum 
gegenwärtig inmitten des „gemeinen" öffentlichen Lebens; 
nicht weil das Wirtschaftliche und Soziale für sich allein etwas 
wäre, sondern weil es das Bedingende ist. Gewiß ist von ihm 
aus die Region der religiösen und geistigen Erfahrungen nicht 
zu umfangen. Doch einmal ermangeln ihre Gehalte infolge der 
Zerrüttung der sozialen Verhältnisse des realen Fundaments, 
zum andern lenkt das Verweilen in ihr von der Umstellung des 
gesellschaftlichen Seins ab. Die meisten Produkte des heutigen 
Schrifttums, die nach in rein geistigen Sphären sich aufhalten, 
denen eine nicht mehr existente private Einzelperson Wgeordnet
        <pb n="29" />
        ! streiten, daß, entgegen der Lberlutherischen Verdcutschungs- 
tendenz, die Eigennamen auf Hebräisch eingesetzt we-den: 
Eszaw (Esau), Ribka (Rebekka), Jirmejahü (Jere- 
mias) der Künde r. Die nationalen Belange fordern, 
vielleicht, ihr erdvölkisches Recht. 
Ist auch ihre Wirklichkeit nicht projektiert, so bleibt zu ver 
muten nur übrig, daß das ästhetische Interesse dazu ver 
leitet habe, in die rein deutsche Umwelt die exotische Vegetation 
der hebräischen Nomenklatur einzupflanzen. Dieses Interesse 
wäre freilich dem auf Wirklichkeit gerichteten entgegen; in 
dessen, mag es zugrunde liegen oder nicht, Anlage und Sprache 
des Werks scheinen zuletzt doch von ihm bestimmt. Ihre wie 
immer fragwürdige ästhetische Wirkung bestätigt indirekt, daß 
ihre Wirklichkeit nur eine ästhetische ist. Sie sinkt aber dort 
gerade in die Ohnmacht des Aesthetifchen zurück, wo sie am 
entschiedensten als Realität gelten möchte. Der Verzicht auf 
den Kommentar, der den Sinn haben soll, die Wahrheit der 
Schrift unverstellt darzubieten, ruft den Eindruck hervor, als 
sei er um der künstlerischen Reinheit willen geleistet. Die 
sprachlichen Zeugungen, in der Absicht einer Wiedererweckung 
der Schriftgehalte geschaffen, kommen im nachempfundenen 
Rhythmus — Borchardt könnte ihn besser — gar nicht wesen 
haft daher, sondern zwängen sich angestrengt in ihn hinein 
und betonen geflissentlich ihre Schöne, so verblichen sse ist. 
Richt gründet auf die Wirklichkeit hier sich die Kunst, in dem 
Künstlerischen vielmehr verflüchtigt sich jene. 
(Schluß folgt.) 
ist, sind beabsichtigt oder unfreiwillige Stabilisterungsversuche' 
des herrschenden Gesellschaftszustands. Daß sie Verdrängungs 
erscheinungen sind, nimmt ihnen das Gewicht. Die Wahrheit 
läßt sich in diesen Sphären unmittelbar nicht mehr finden. 
Mit ihr ist die Sprache abgewandert. Mochte Luther sich 
zutrauen dürfen, die Bibelsprache der des Volks zuzuführen, 
mochten Klassik, Romantik und Idealismus eine Sprache ge 
brauchen, die darum legitim von dem Geist her bestimmt und 
von dem zwischen Transzendentalsubjekt und Persönlichkeit 
schwankenden Ich getragen werden konnte, weil die teilweise Ab 
hängigkeit ihrer Anschauungen und Ideen von der äußeren 
Struktur der profanen Gesellschaft noch verborgen war: mit 
dem Offenbarwerden der entscheidenden Rolle des Materiellen 
verlieren diese Sprachbildungen ihre fordernde Gewalt. Sie 
sind nicht untergeoangen schlechthin. Historifüsche Gesinnung be 
wahrt sie, und, von Traurigkeit gezeichnet, stehen sie nun im 
ästhetischen Raum; noch reden ihre Satzperioden und Konfi 
gurationen von dem selbstverständlichen Einvernehmen mit der 
lang schon flüchtig gewordenen Dingwelt. Nicht in ihnen ist die 
Wirklichkeit, wenn auch die Schönheit sich bei ihnen verzögert. 
Sie ist, dem Zug der Wahrheit folgend, in eine Sprache ein- ! 
gegangen, deren Form und Kategorienmaterial das Bewußt-! 
sein ausdrückt, daß die wesentlichen Ereignisse heute auf 
profanem Boden sich abspielen. Wie enthaltsam und negativ 
diese Sprache auch sei, sie allein hat die Notwendigkeit für sich, 
denn sie allein bildet sich an dem Punkt, an dem die Not ge 
wendet werden kann. Folgerichtig durchaus, daß zum Unter 
schied von ihr Sprachgestaltungen, die durch die unbeschwerte 
Beschlagnahme der fragwürdig gewordenen positiven Bedeu 
tungen ihre Nichtachtung der aktuellen Situation beweisen, der 
angemaßten ontologischen Kraft entraten und subjektiver Will 
kür überantwortet sind. Die Vulgarisierung der dem Bezirk des 
innerlichen und gehobenen Daseins entnommenen Begriffe ist 
so wenig ein zufälliges und abstellbares Ereignis wie der 
schnelle Substanzverlust jeder Sprache, die gegenwärtig sakral 
und esoterisch sich gebärdet (so der Prosa des George-Kreises). 
Sich in diese verlassenen Sprachsphären begeben, heißt der 
Wirklichkeit sich entschlagen. 
« 
Die Uebersetzung Bubers und RosenzweigS erhebt den 
Anspruch, die Wirklichkeit der Schrift rein zu erneuen. Man 
spürt in der Tat — dies ist anzuerkennen und zu achten -— die 
Begierde, dem Text die Kraft zurückzuerstatten, die ihm aus 
der Wahrheit zuteil geworden ist. Prägungen wie die von 
WrahamSS^chs« „in gutem Greisentuw" werden gefunden;, 
logischen Betrieb und der altertümelnden Neuromantik des 
ausgehenden 19. Jahrhunderts, die von der nach geistiger 
Rückendeckung bedürftigen gebildeten Mittelschicht getragen 
wurden, und damals, infolge ihrer Angemessenheit an die 
soziale Situation, eine gewisse Realität besitzen mochten. Daß 
sie inzwischen zu Ruinen am Weg verfallen sind, lehrt der Ver 
gleich mit dem Luther-Deutsch, das geblieben ist. 
Das sprachliche Hinterland, das diese abhanden ge 
kommenen Wörter abstecken, wird von den Uebersetzern weidlich 
kultiviert — ein Vorgang, der um so belastender ist, als beide 
die Sprache mit Ehrfurcht traktiert wissen möchten und Wil 
helm M i ch e l von Buber melden kann, daß er „in die erste 
Reihe der deutschen Sprecher der Gegenwart" gehöre. Ihr 
Glaube an die zeitenthobene ontologische Gewalt des von 
ihnen erzeugten Deutsches lockt sie aus dem domestizierten 
Bezirk des Wortes „Altar" auf die wilde „Schlachtstatt" van 
bannen, gibt ihnen für Luthers vulgäres „alle Welt" oder 
„alle Lande" das pseudo-schollenhafte „Erdvolk" «in. Aber statt 
daß diese urdeutschen Ausdrücke die starre Ferne der Schrift 
vergegenwärtigten, ziehen sie die Schrift in das Urdeutsch vor 
einigen Jahrzehnten herein. Ein Racheakt der Sprache, den 
sie gegen die Zumutung verübt, dort eine Wirklichkeit darzu- 
stellen, wo sie keine mehr ist. So verkannt wird ihr heutiger 
Mangel an Konsistenz, zumal in den über das Jnnerweltliche 
hinausweisenden Sphären, ihre aus der Funktionalisierung 
des Gegenständlichen zu erklärende Untauglichkeit zur Be 
nennung vieler Wesenheiten, daß man seit Jahrhunderten 
überlieferte Begriffe entschlossen in ihr neutönt. (Gut nur, daß 
das ontologisch Gemeinte sich mitunter unfreiwillig als Plane 
Funktionalisierung entpuppt; so die Verwandlung von Luthers 
„Geschlecht" in „Zeugungen"). Aus den Büchern der Chronik 
sollen, wie der Verlagsprospekt kündet, die der „Begeben 
heiten", aus den Propheten die „Künde r" werden; nicht so 
sehrdemMenTestament als Georges „Stern des Vundes"scheint 
die Originalprägung entnommen, der eine Einbürgerung kaum 
sich künden läßt, da sie bereits der Vergangenheit, wenn auch 
einer bürgerlichen, angehört Es ist unwahrscheinlich, daß 
durch solche und andere Verdeutschungen, die in einer wesent 
lich historistisch eingestellten Zeit ihrer eigenen geschichtlichen 
Bedingtheit nicht achten, jene „Tendenz zur Verwirklichung" 
sich bewahrheite, die in Wilhelm Michels Schrift: „Martin 
Buber. Sein Gang in die Wirklichkeit" (Rütten u. Loening, 
Frankfurt) von Buber behauptet wird. Oder die erreichte 
Wirklichkeit zeigte sich der von völkisch e r Romantik 
geplanten bedenMch MMaWtG' Dem müßte nich^ 
die hebräische Rhythmik möchte im fremden Idiom auferstehen. 
Das Vertrauen zum deutschen Wort ist unbegrenzt wie bei 
Luther nur. Trägt es die Dolmetscher hinüber zur Schrift? 
Unter dem Druck ihres Werks, den sie freiwillig auf sich ge 
kommen haben, sind sie an einer Sprachform gestrandet, die 
gewiß nicht von heute ist. Wer auch aus biblischen Zeiten 
schallen ihre Klänge nicht, obwohl die Autoren dorthin die 
Szene verlegen möchten. Wo zwischen Gegenwart und Alter 
tum sie ausgebaut ist, läßt sich aus einigen Proben ermitteln. 
Jene endgültige Lu Her-Fassung: »und der Geist Gottes 
schwebte auf dem Wasser", die in der Zunzschen Ausgabe der 
Schrift die dünne, aber saubere und reale Form erhält: „und 
der Geist Gottes schwebend über der Fläche der Wasser", ver 
wandelt sich bei unseren Uebersetzern in das Tönende: „Braus 
Gottes brütend allüber den Wassern". Welcher Zeitgeist den 
Braus ausgebrütet hat, wird aus der Tatsache deutlich, daß 
sie Hochgaben Höhen, Wolken wölken, und Schlachtvieh schlach 
ten, während Luther den Noah Brandopfer opfem läßt, Wol 
ken über die Erde führt und, schlicht gesagt, schlachtet; daß sie 
den Luther-Text: „Und der HERR roch den lieblichen Ge 
ruch" zu dem Edeldeutsch Höhen: „Da roch ER den Ruch der 
Befriedung". Nicht der Bibel entsteigt der Ruch dieser Alli 
terationen, eher den Runen schon, wie sie Richard Wagner 
begriff. Auch die höchsten germanistischen Ansprüche des 
Nibelungenrings dürften durch die rhythmische Frage: 
„König wärst wohl gern, bei uns du König? 
Oder Walter du, über uns Walter?" 
befriedigt sein, und der Gebrauch der restaurierenden Ausdrücke 
„Weihbuhle" (für Luthers „Hure" und Zunzens polizeiliche 
„Beischläferin") und „Malstatt" (Luther: „Mal") entspricht 
der Redeweise der musikdramatischen Götter und Recken ebenso 
sehr wie die Aufforderung: „Besetze dein Same dasHochtor 
seiner Hasser!" (Luther: „und dein Same besitze die Tore 
seiner Feinde.") Von den heroischen Hochgefilden Wagners 
führt eine ausgetretene Straße zu den nahebei gelegenen 
Flachländern Felix Dahns und Gustav Frey tags herab, 
in die etwa die Wort« „ohnemaß" und „fürwahr" oder die mit 
der aufgeregten Interpunktion versehene Butzenscheiben-An- 
rede: „Mit Verlaub, mein Herr!" flugs versetzen. 
Genug, die Sprache ist auf lange Strecken hin archai 
sierend. Aus Rücksichten, die ihre Wirkung nicht be 
stimmen, bedient sie sich genau jener nun freilich ganz ent 
rechteten „Schloß- und Hofwörter", die Luther bewußt ab- &amp;gt; 
MWmmen. dem mHtzs-f
        <pb n="30" />
        kni krisch, - . 
§i) . iVl - ^ - /7c^,'&amp;gt;Ei&amp;gt;^, - - ¬ 
Die Mißet auf Deutsch. 
Zur Übersetzung von Martin Buber und 
Franz Rosenzw ei g. 
Von Dr. Siegfried Kraeauer. 
^Schluß.) 
Diese Schriftverdeutschung rührt die Gegenwart nicht auf. 
Sie ist ohne Aktualität; zum Unterschied von der Lutherischen, 
die in ihre Zeit als revolutionäre Erfüllung eingebrochen ist. Die 
Abgelegenheit der Sprache verrät die der Gehalte; nicht in 
den vergriffenen Worten einer jüngst vergangenen Epoche, deren 
soziologische Struktur unschwer zu durchschauen gewesen wäre, 
teilt die Wahrheit sich mit. Erkannt hätte werden müssen, in 
welchen Bereichen zu sprengen heute ihr obliegt. Während die 
Lutherbibel genau an dem entscheidenden Punkte angegriffen 
hat, Liegt die Verdeutschung Bubers und RosenzweigZ von 
der Öffentlichkeit unseres gesellschaftlichen Daseins ab ins 
Private. Der Bibeltext, der den Alltag aufzureißen be 
stimmt ist, wird durch sie aus dem Alltag entfernt und zur 
Unterlage eines imaginären Bühnenweihfestspiels gemacht. 
Nur als solche mag dieses Deutsch einmal beschränkte Geltung 
besessen haben; ein Ausdruck des realen Bedrängtseins, ein 
Mittel der Erkenntnis ist es nie gewesen. 
Seine RückständigkeiL gibt der Haltung, der es ent 
wächst, einen reaktionären Sinn. Indem ste die 
Profansprache meidet, verdrängt sie das Profane; indem ste 
aus dem Gebiet der ordinären Oeffentlichkeit sich aufschwingt, 
verläßt sie die Notdurft, mit der es die Wahrheit hält. Gewiß 
ist dieses Gebiet das der Äußerlichkeit; aber an ihre Aenderung 
ist die Erhebung des Innern geknüpft. Das Vokabularium 
der Schriftverdeutschung beweist, daß sie verbindlich zu Einzel 
menschen reden soll, deren soziale Bezüge nicht mitgedacht sind. 
Sie entwendet der Äußerlichkeit den Bedeutungsakzent und 
wird damit Zu einem gegen die Bewährung der Wahrheit ge 
richteten Instrument. Das von ihr angesprochene Privat-Jch 
muß sich selber durch seine Scheinerhobenheit den Weg in die 
Oeffentlichkeit verstellen. Seine Irrealität enthüllt der roman 
tische Gestus der Usbersetzung. Ihre ästhetische Wirkung kenn 
zeichnet sie als ein Symptom der Flucht und das Private als 
Refugium. Welche Folgen, auch in politischer Hinsicht, der 
Rückzug zu ihm haben mag, geht aus dem völkischen Tonfall 
einiger der neubiblischen Manifestationen hervor. 
Die grundsätzliche Kritik der Übersetzung ist gefordert, 
weil ein fester Begriff der Wirklichkeit ste trägt. Buber 
entwickelt ihn m sM vor einigen Jahren erschienenen 
religwnsphilosophischen Buch: „Ich und Du". Er scheidet 
hier die „Du-Welt", in der das Ich und das Du als Gesamt- 
personen in einer ungegenständlichen Beziehung zueinander 
stehen, von der „Es-Welt", in der die Menschen ihr Gegenüber 
versachlichen und damit in ein abstraktes VerhÄtnis zu den 
von ihnen abgeschiedenen Objekten treten. Während in jener 
alles Geschöpfliche durch seine innere Verbundenheit zur Wirk 
lichkeit gelange, erstarrten in dieser die Zeugnisse wirklichen 
Lebens zu Bekundungen uneigentlicher Art; in sie herabzu- 
sinken sei Menschenlos, unizukehren aus ihr uns aufgegeben. 
Die Wahrheit kann sich also nach Buber dort nur eröffnen, wo 
der Mensch sie mit seinem ganzen Wesen ergreift, verschließt sich 
dagegen einer jeden theoretischen Betrachtung, die sie als etwas 
Gegenständliches in abstrakter Form zu haben wähnt. Diese 
Auffassung, die das Wirkliche wider das Unwirkliche, das 
Konkrete wider das Unkonkrete ausspielt, ist einem Teil der 
geistigen Führerschaft zu einer um so willkommeneren Ideo 
log i e geworden, als sie formal im Recht sich befindet. An 
gesichts der sozialen Verhältnisse sind die Bildungsstände 
darauf angewiesen, gerade die an sich unverfänglichen An 
schauungen als Rettungsgürtel für ihr Gewissen zu benutzen. 
Der Dubersche Wft nimmt sofort ideologischen 
Charakter an, wenn etwa eine inhaltlich nicht mehr existente 
Wirklichkeit die. Ueberlegenheit über eine Theorie behaupten 
möchte, bei der trotz öder richtiger: wegen ihrer Abstraktheit 
die Aktualität heute ist. Der bündige Beleg für eine solche 
Praxis ist die Schriftverdeutschung; die Art ihrer Wirklichkeit 
wird durch die Sprache denunziert, deren poeüsierende Weise 
wirklichkeitsfremder ist als so manche weitläufige Prosa. 
Buber vergißt — viele vergessen es mit ihm —, daß die Wahr 
heit selber von Punkt zu Punkt, von Sphäre Zu Sphäre 
wandert und daß sie zu einer Zeit sehr wohl dazu genötigt sein 
kann, in den profanen Bereichen zu attackieren, in denen die 
wie immer abstrakte soziale Kritik mehr zu Hause ist als eine 
WirMchkeitsbesinnung, die sie überspringt. Diese Bereiche find 
gegenwärtig ihre wesentliche Durchbruchsstelle. Buber gibt sie 
preis, wenn er sich in seine Du-Welt Zurückzieht, wo er, um in 
seiner eigenen Terminologie zu reden, nur ein „Es" anzu- 
treffen hoffen darf. 
Läßt aber die Wirklichkeit allein auf dem Weg durch die 
„UnwirktiM des Profanen hindurch sich erlangen, so ist 
die Schrift heute nicht zu übersetzen mehr. Schon die Absicht 
ihrer Verdeutschung entfernt sich von der Wahrheit,, sofern sie sich 
vermißt, das Wort in seiner ursprünglichen Gewalt ungebrochen 
zu vermitteln. Die Situation Luthers ist nicht die mnsrige, 
dahin die Stunde, in der bis deutsche Sprache, in der irgend 
eine Sprache chie Wahrheit der Schrift legitim zu bergen ver 
mochte. Sie muß, für uns, in der Luther-Uebersetzung bewahrt 
bleiben, oder sie ist nicht mehr. Denn durch ste, und nur durch 
ste, ist die Schrift zu einem bestimmten Zeitpunkt unserer Ge 
schichte in die Wirklichkeit getreten; auf sie auch bezieht sich 
die Tradition, die sie in jener Wirklichkeit noch halten mag, 
nachdem aus den theologischen Sphären das Profane sich aus 
gesondert hat. Ihm entspräche einzig eine textkritische 
Ausgabe, die etwa den Kautsch auf den Stand 
der modernen jüdischen Schriftforschung brächte und, wie man 
zu sagen pflegt, allen berechtigten Ansprüchen der Wissenschaft 
genügte. Zwischen der philologischen Exegese und der Luther- 
Uebersetzung besteht kein Raum für ein drittes Unternehmen. 
Nicht den geringsten Zweifel duldet, daß ein Kommentarwerk, 
das, aus der Historistischen Gesinnung unserer Zeit heraus, den 
Urtext nur klären und konservieren wollte, den Geist der von 
ihm bewußt in Stummheit eingesenkten Schrift getreuer durch 
die Zeiten trüge als der romantisch-willkürhafte Versuch 
Bubers und Rosenzweigs, der ihn unzeitig zum Reden zwin 
gen möchte. 
* 
Die Problematik der Uebersetzung ist die der „reli 
giösen Erneuerung" überhaupt. Bewegungen, Kreise 
und Gruppen haben, gebannt durch das Wort von ihr, sich 
^regt und, im loseren oder engeren Anschluß an die positiven 
Bekenntnisse, einen Wandel des Seins zu bekunden getrachtet. 
Die Schriftverdeutschung, nicht zu trennen von ihrem Bestand, 
enthält einen Hinweis auf die Gefahren, denen sie ausgesetzt 
sind. Es könnte geschehen, daß sie bei ihrem „Gang in die 
Wirklichkeit" das Wirkliche der sichtbaren Äußerlichkeit faktisch 
versäumten. Es könnte geschehen, daß ste mit ihrer Existenz 
einzutreten meinten und faktisch das öffentliche Wesen sich 
selbst überließen, um privat sich zu retten. Es könnte ge 
schehen, daß sie der Wahrheit Zu dienen glaubten und faktisch 
sie in ihrer Aktualität nicht zu finden wüßten. Denn der Zu 
gang zur Wahrheit ist jetzt im Profanen. 
jMmLerstürme wichen...1 In der Zeitschrift „Der 
Zwiespruch", einer „Unabhängigen Zeitung der Jugendbewegung", 
findet sich folgende Geburtsanzeige: 
„Am Frigga-Tag, dem 26. 
Lenzings, wurde unsere 
blonde 
Herrat 
zum Lichte geboren." 
(Es folgen die Namen der Eltern.) 
In Eschwege a d. Werra. f 
Mir wünschen den licht-vollen Beteiligten auch die Sonne! 
im Herzen. D. Red.) : 
d n/ eeß,, 2.F- ' 
-a&amp;gt;c. kiLL-ir 
WrLtbrmd für Freimdschastsarkert 
der Kirche«. 
Frankfurt, 27. April. 
Der deutsche Zweig des Weltbundes für inter* 
nationale Freundschaftsarbeit der Kirchen 
hat bereits dreimal getagt: 1922 in Herrnhut, 1923 in Nürn 
berg, 1924 in Stuttgart. Die jetzige vierte Tagung gewinnt 
eine besondere Bedeutung dadurch, daß sie gewillt ist, die 
Arbeit des Weltbundes für ihren Teil innerhalb der von der 
Stockholmer Konferenz ausgestellten Richtlinien fort- 
zusetzen. 
Die Tagung wurde durch eine Morgenanda-cht von Pros. O. 
Rade (Döarburg) eingeleLLet. Es folgte die Reihe der Be 
grüßungen. Prost Litius lBcrlm) sprach für den Deutschen 
Evangelischen Kirchenausschuß, die Regierung zu Kassel und 
Wiesbaden hatte Regierungsrat Ufer Zur Begrüßung entsandt. 
Prost Embden als Vertreter der Frankfurter Universität drückte ! 
die Ueberzeugung aus, daß die Aufgaben der Wissenschaften denen I 
der Kirchen parallel tiefem Erwähnt sei noch, daß Senior O. 
Bornemann die Glückwünsche der Evangelischen Landeskirche 
zu Frankfurt üb erbracht e. Stadtrar Hitler hieß den Kongreß 
namens der Stadt Frankfurt willkommen» Aus Oesterreich war 
Prost Beth (Wien) gekommen, der im Auftrag, des Zweig 
verbandes grüßte. Wie er, so erklärte auch der Präsident d'Ls 
Evangelischen Kirchenamtes Wiesbaden Dr. The inert, daß 
unter den Massen des Kirchenvolkcs immer noch Hemmungen 
gegen die Ideen des Weltbundes verbreitet seien. Aus dem Aus 
land hatte Bischof SoederLtom schriftlich Grüße entboten. 
Der Vorsitzende der deutschen Landesvereinigung, Präsident 
D. Spiecker, gab seiner besonderen Genugtuung über die Be 
grüßungsworte des Regierungsvertreters Ausdruck und erstattete 
sodann über die Ereignisse des verflossenen Jahres Bericht/ Stütt- 
gart und Stockholm wurden von ihm ausführlicher besprochen.. 
Das Verhandlungsthema des ersten Tages lautete: 
Die soziale Erneuerung der Menschheit 
als Aufgabe des Christentums. Der Referent Geh. Rat Prost 
Titius (Berlin) Hing aus von der einen Aufgabe des 
Christentums: der Aufgabe der Erlösung. Man habe sie verlassen. 
Ehe man nicht Zurückfinde zu ihr, sei Erneuerung unmöglich. Was 
die soziale Erneuerung im besonderen betreffe, so Me man auch &amp;lt;
        <pb n="31" />
        Heute noch M Lre'UerspMven der Bibel verweisen, die keineswegs 
rosig seien. Der Apostel ist zufrieden gewesen, etliche zu gewinnen, 
Luther hat erklärt, der alte Adam sterbe nicht. Können wir mehr 
erhoffen als jene? Zu fragen ist auch, fuhr der Redner fort, ob die 
Umgestaltung Lcr kapitalistischen Wirtschaftsordnung überhaupt in 
den Bereich der christlichen Aufgaben falle. Die Bibel enthält nichts 
über Kapitalismus und Arbeit; nichts auch über den Socialismus. 
Darum ist es Fälschung gewesen, wenn man, wie es Lei uns ge 
schehen ist, von der Kanzel herunter in den Kampf um die Wirt- 
schaftsanfchauungen ew hat. Gegenüber vielen Pfarrern 
ist die Mahnung auszusprechen: das Entscheidende, die Seel- 
sorge, darf nicht vergessen werden. Freilich, nicht nur die ein 
zelnen sind zu gewinnen, das Evangelium ist auch Zusammen 
schluß in Liebe. Hieraus ergeben sich nach Geh. Rat Titm-s 
(dsr sich übrigens als AnLi-Sozialdemokrat bekannte) g" 2 soziale 
Ausgaben: die Beregung der Individuen, ihre Vereinigung zum 
Ganzen. Das Evangelium wühlt die Menschen auf, macht «e un 
zufrieden; es hat einen gewaltigen Kritizismus in 
die Welt gebracht. Kritische Haltung gegenüber den Weltzuständen 
verbindet sich im Evangelium mit dem unbedingten Gehorsam 
ggen Go.t, der die Geschicke der Völker in Händen hat. Als drittes 
hat uns das Evangelium mit der Gabe der inneren Fröh 
lichkeit bedacht. Ohne diese DreilM der Kritik, des Gehor 
sams, der Fröhlichkeit aber kann es keine soziale Gemeinschaft geben. 
Für sie und für die soziale Wohlfahrt tritt natürlich auch der Christ 
ein. Zum Schluß Zog der Redner einige praktische Folgerungen 
aus den allgemeinen Grundsätzen. Er gedachte der Fortschritte des 
Sozialwissenschaftlichen Instituts in Stockholm und befürwortete 
die gemeinsame Regelung wirtschaftlicher Fra 
gen durch die Volker: so der Arbeitszeit, der Tarifpolitik, der 
Kartellierung. Hindernisse sind die Konkurrenz der Wirtschafts- 
grupprn und die Feindschaft der Völker. Sie lassen sich nur durch 
den guten Willen übrrwinden, der seinerseits wiederum nur 
auf dem Boden gemeinsamer religiöser Ueber 
zeugung entstehen Amn. Bei Gott ist es nicht unmöglich, schloß 
Geh. Rat Titius, die großen Unternehmer- und ArbeiterverMnds 
und die Völker mit solchem guten Willen M beseelen. Wird nicht 
aus ihm heraus gewirkt, so ist der Niedergang Europas unver 
meidlich. 
Als Korreferent führte Pfarrer O. Keller (Zürich) das 
Folgende aus: Die christliche Verkündigung schließt eine soziale 
Botschaft ein auch wenn ihr Programm im einzelnen nicht aus 
dem Evangelium unmittelbar geschöpft.werden kann. Heute ver 
langt das Problem der sozialen Erneuerung aus dem Geiste des 
Christentums eine neue Bearbeitung, well es einer neuen Aeit- 
lage gegenübergestellt ist. Diese wird u. a. dadurch charakterisiert, 
daß der neue Lebens- und Gestaltungswille der auf steigen 
den Arbeiterschaft heute weithin viel allgemeiner aner 
kannt ist. Dazu hat vor allem die Auflösung der Gesellschaft bei 
getragen. In ihr hat die Kirche ihre Freiheit vom Staate gewon 
nen und damit auch größere soziale Handlungsfähigkeit und die 
Möglichkeit, neues Vertrauen zu gewinnen. Bedeutsam sind vor 
allem zwei Dinge: Einmal das soziale Erwachen der 
Kirchen selbst, die d^e Aufgabe der sozialen Erneuerung nicht 
mehr einzelnen Pionieren oder Gruppen überlassen; sodann die Tat 
sache, daß diese Ausgaben heut? von allen Kirchen als gemein 
schaftliche Arbeit ausgenommen werden in den großen inter 
nationalen Zusammenschlüssen. Diese neue Zeitlage stellt auch 
praktische Aufgaben. Die wichtigste bleibt die religiöse: 
die soziale Botschaft oes Evangeliums in allen Völkern lebendig 
zu wachen. Damit sind andere Aufgaben gegeben: die Durchar 
beitung der Probleme, die erzieherische Beeinflussung des Volks 
ganzen, die organisatorischen Aufgaben in Einzelgemeinde, VoR 
und internationaler Zusammenarbeit, für die heute in den Fort 
setzungsausschüssen der Stockholmer Konferenz das nötige Organ 
vorhanden ist. Die Arbeit für soziale Erneuerung hat einen Aus 
gleich und ein Zusammenwirken Zu suchen zwischen der bisherigen 
Liebestätigkeit und der eigentlichen Sozialreform/ die sozialpoli 
tische Arbeit erfordert. . 
Seruelle Aufklärung. 
Epilog zur ReichZ gesund Heits-Woche. 
Knaben und Mädchen von 13 Jahren an — oder noch jüngere? 
sind während der „Reichsgesundheits-Woche" mit dem eisernen 
Besen aufgeklärt worden. Man hat sie in Brieux' braven 
Schmöker: „Die Schiffbrüchigen" geschickt und die Fährnisse des 
Liebeslebens durch Vorträge- ihnen nahegebracht. Die Ursachen 
des Trippers sind ihnen jetzt offenbar, die amtliche Zahl der Lucs 
fälle ist ihnen nicht verborgen geblieben. Knaben und Mädchen 
werden fürder kaum noch bezweifeln, daß es ihre Aufgabe sei, die&amp;lt; 
Statistik der Geschlechtskrankheiten prozentual zu verbessernd 
Im Dienste der Reichsgesundheit. 
Drastische Belehrung hat zumal der Film: „Falsch^ 
Scham" erteilt, der ganz Deutschland durchläuft. Seine optischen 
Darlegungen sind umso stichhaltiger, als er mit Unterstützung der 
„Gesellschaft Zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" herge 
stellt worden ist. Knaben und Mädchen haben.in ihm die Hunnen 
überfälle der GonokoKen verfolgt, Vorsicht beim Gebrauch von 
Ammen sich eingeprägt und die Trophäen der Syphilis zu ver 
abscheuen gelernt. Der Glaube an die Segnungen der Prostitution 
ist in ihnen Zerstört, ein für alle mal wissen sie nun, daß die 
stärksten Gefühle des Primäreffekts verdächtig sind. Die Warnung 
ist gründlich. Knaben und Mädchen werden gewiß nicht Zögern, 
die künftigen Ausbrüche ihrer Triebe hygienisch Zu regeln und 
den guten Onkel Hautarzt zu Rate zu ziehen. Im Dienste der 
Reichsgesundheit. 
Aufklärung soll sein. Sie zerstört, wa§ an -er Scheu der 
früheren Generationen, von sexuellen Dingen zu reden, schlecht 
mythologischen Ursprungs war. Das echte Geheimnis .geht durch 
das Wissen nicht unter. 
Die AuMrungsmethoden indessen, die bei der ReichSgesund- 
hcits Woche zum Teil befolgt wurden, sind b arbarrsch. Hat 
man vordem ängstlich verschwiegen, so bespricht man jetzt 
plan. Man ist ins Gegenteil umgeschlagen, der Radikalismus 
deS VechMens und der des Hagens sind einander 
Keulenhiebe werden versetzt, die ganze Anatomie wlrd sauber^ch 
ausgebreiLet- Mit dem Ergebnis, daß die so LraktierLe äugend 
Wirkungen kennen lernt, deren Ursachen noch nicht m rhrem 
Erfahrungsbereich liegen. Sie erhält von Vorgängen Kunde, me 
unter Umständen den Körper verheeren, ohne eine der Empfin 
dungen wirklich erlebt Zu haben, die den Körper beherrschen und 
&amp;gt; ihm Glück und Unglück bedeuten. Es ist mehr als wahrscheinlich, 
daß Darbietungen dieser Art junge Menschen im Puber 
tätsalter mit Ekelvorstellungen , und Hemmungen belasten 
können, die auf lange hinaus schädigen. Vor allem die Film 
vorführungen, die das Körperliche in seiner AusschlreßM 
zeigen; denn der an die Leinwand gemalte Teufel ist unwider- 
leglich- Hinzu konMt noch ein anderes: die Widerstandskraft des- 
Körpers verringert sich leicht, wenn die Phantasie mit den in 
ihm sich abspielenden Ereignissen so zum Bersten angefüllt wird, 
daß sie nichts weiteres mehr hinzudenken mag. Der Körper 
bleibt dann sich allein überlassen, ausgeschaltet ist die umstürzende 
Gewalt des Geistes, sind die heilenden Regungen der Seele. 
Das Hygienische, bis zu seinem nackten Ende vorgetrieben, 
kehrt sich gegen sich selber. ! 
! In dem Drang, die Jugend mit Aufklärung zu verprovian- 
Lieren, hat man eben die Hälfte vergessen. Forsch zerrt man die 
Eingeweide nach außen; aber der Hinweis auf das nicht minder 
verborgene Erotische, von dem die leiblichen Funktionen sich 
nicht kahl trennen lassen, wird in der Regel unterdrückt. Diese 
Aufklärung ist unvollständig und daher nicht geeignet, jenen Hin- 
tcrtreppengerüchten den Garaus zu machen, die sich die Schulbuben 
einander zuraunen. Indem sie das Gebiet der Erotik zu uw- 
reißen vermeidet, führt sie seine Gehalte auf eine Summe phy 
siologischer Geschehnisse zurück, statt umgekehrt Zunächst die faktische 
Abhängigkeit des Physiologischen von den erotischen Kräften dar- 
zutun. Das Erotische durchsetzt als Liebe, Leidenschaft, Neigung 
und Begehren die Seele und ihre Sprache und verbündet sich Zwei 
deutig mitchem Geist; es wird von der Sexualität nicht getragen, es 
schließt sie" ein. Die Einwände: man rede Zu Unreifen, und man 
könne über diese Dinge in der Öffentlichkeit überhaupt nicht reden, 
verschlagen hier nicht. Wenn schon nicht Anstand genommen wird, 
die unmündige Zuhörerschaft in naturwissenschaftlichen Referaten 
aufzuklären, zu deren Verständnis ihr die Voraussetzungen feh 
len, so ist es erst recht gestattet, ihr Ausblicke auf das Erotische 
Zu eröffnen, dessen Macht sie vorausahnen mag. Nicht gestattet 
nur sind diese Ausblicke dann, sondern geboten. Denn ihr Unter 
bleiben beschwört einen Obskurantismus herauf, der 
schlimmer ist als der alte. Oder ist eine Jugend nicht mit Blind 
heit geschlagen, die um die schädigenden Folgen von Beziehungen 
weiß, deren Ansehen und Bedeutung ihr verhohlen wird? Muß 
sie nicht doppelt dereinst der Wollust ausgeliefert sein, wenn sie 
das Geschlechtliche lediglich aus der Perspektive des Hautarztes 
kennt? Wenn sie nur über die grob prophylaktischen Mittel unter 
richtet ist und nicht auch über den Sinn des Triebes selber: wie 
-er den ganzen Menschen umfängt, wie er zum Guten und Bösen 
gereicht? Sexuelle Aufklärung nach Art der heute verübten ist 
verderblich, solange sie durch die alleinige Betonung der Hygiene 
ein verfälschtes Bild der Wirklichkeit gibt. 
Um die Jugend an die Wirklichkeit heranzuführen, dazu ge 
hört freilich Scham. Man hat die „falsche Scham" erfolgreich 
aüsgsrottet; die richtige scheint mit abhanden gekommen zu 
sein Ein Aufklärungsfeldzug jedenfalls, der sich darauf beschränkt, 
in Vorträgen und Filmen denen, die es begreifen und nicht begrei 
fen, Material über Geschlechtskrankheiten und ihre Verhütung auf- 
zutischen, hat mit Scham zuletzt üb?rhaupt nichts Zu schaffen. 
Scham -- richtige oder falsche —- bildet sich dort nur, wo ein Ver 
hältnis zwischen Menschen besteht. Die hygienische Propaganda 
unserer Tage aber meint im Grunde garnicht die einzelnen Men 
schen sondern die Statistik. Ihre Objektivität wäre rechtmäßig 
durchaus, wenn sie Objekte beträfe, Gegenstände, die an der ratio 
nellen Bewältigung ihre Schranke haben. Da sie jedoch auf „Auf 
klärung" abzielt. ist ihr der Vorwurf der „UnmenschlichkeiL" nichts
        <pb n="32" />
        zu ersparen. Statt die Jugendlichen anzusprechen, redet sie über 
sie hinweg oder durch sie hindurch. Diese medizinische Unentwegt- 
heit erschreckt vielleicht durch ihre Ziffern und Bilder, verfehlt in 
dessen die Empfindungen, die über den Schrecken gebieten. Der 
Mensch, der sich schämt, bleibt durch die wissenschaftlichen Daten un 
berührt, die für sich allein selber ohne Scham sind. Bezeichnend 
genug, daß ihre Aufreihung sogar die Traurigkeit und den Cynis 
mus vermissen läßt, der sie -— negativ — auf die Menschen bezöge. 
Hier, wo es wirklich auf menschliche Fühlungnahme ankäme, wird 
die Sachlichkeit bis Zum Äußersten getrieben. Ihre Scham-losig- 
keit" ist es recht eigentlich, die im Namen der Aufklärung von der 
Wirklichkeit der geschlechtlichen Liebe abdrangt. Vorzudeuten auf 
sie vermöchte nur die richtige Scham. 
Mangel an Takt: das genau ist das Gebrechen der jetzt 
, geleisteten Aufklärungsarbeit. Aus einer verbohrten doktrinären 
Gesinnung heraus, die leider für unser heutiges öffentliches Wesen 
nicht unthpisch ist, hat sie sich über die menschlichen Zwischenschichten 
hinweggesetzt, deren sie sich gerade in diesem Falle hätte versichern 
müssen. Sie ist ohne jene Zartheit erledigt worden, die jungen 
Menschen gegenüber bei einem solchen Thema angemessen wäre. 
Lr. 
, 2.F. . 
s„Dte Bibel auf--'Teutsch — epochal!"j Diese Notiz 
im Abendblatt vom 25. Januar, in der wir die Anpreisung der 
BubeEosenzweigschen Schriftverdeutschung durch den Ver ¬ 
lag glossierten, hat uns eine Reihe von Zuschriften 
eingetragen. Wir kommen unserem Versprechen nach, 
sie im Anschluß an die Würdigung des Werks zu 
beantworten. In der Hauptsache ist der Vorwurf der Inkonse 
quenz gegen uns erhoben worden: wir hätten durch einen Vor 
abdruck: ,Zoszef der Traumdeuker" (im Ersten Morgenblatt vom 
12. Dezember 1925) die Übersetzung empfohlen und, kaum danach, 
in jener Notiz sie mittelbar angegriffen. Gewiß, die Tatsache des 
Vorabdrucks läßt sich nicht wohl verleugnen: aber eine Zeitung 
hat die Pflicht, Proben aus den neuen Arbeiten angesehener 
Autoren zunächst einmal ihrem Leserkreis zu unterbreiten, damit 
ihm die Möglichkeit vorläufiger Orientierung gegeben weide. 
Das ganze Werk konnte die Zeitung damals umso weniger decken, 
als ihr auf ihre Bitte um ein Vorzitat hin nur das veröffentlichte 
Stück zur Verfügung gestellt worden war. Es ist schlechterdings 
nicht einzusehen, inwiefern seine Publikation die Freiheit der nun 
erfolgten Kritik oder die voraufgegangene Abfertigung des ver 
legerischen Waschzettels hätte unterbinden sollen; wo diese zudem, 
entgegen der Weisung einiger Beschwerdeführer, auf die Schrift^ 
Verdeutschung selber sich noch gar nicht erstreckte. Me Befehdung 
es Verlagsinserats, so beklagt man sich weiter, wäre aber 
.zum mindesten zu jenem Zeitpunkt geboten gewesen, als 
es in dem Inseratenteil unserer eigenen Zeitung gestanden hatte. 
Nun, auch die eifrigste Redaktion kann befremdliche Inserate über 
setzen; daß wir im übrigen vor der kritischen Betrachtung bei uns 
erscheinender Inserate nicht zurirckscheuen, haben wir jüngst erst 
bewiesen. Zum Schlüsse sei dem Wunsch des Verlags entsprochen, 
der eine falsche Angabe berichtigt wissen möchte: der Druck der 
Schriftverdeutschung ist nicht, wie es in der Notiz hieß, auf eng 
lischem Altpapier, sondern auf englischem Alfapapier er 
folgst. 
WsMrmd s«r FrenndfchaftsarlM 
der Kirche«. 
-- Frankfurt, 28. April, 
Das Thema des zweiten Verhandlungstages laugte:. 
Die Stellung des Christentums zur Friedenssrage. 
Kinder unserer Zeit! Dieser offenbar englische Film, den 
die SaalLurg-Lich tspiele zeigen, erteilt mit Geschmack 
pädagogischen Anschauungsunterricht. Er richtet sich an die 
Mütter und warnt sie davor ihre Kinder allzusehr zu ver 
zärteln. Vor kurzem erst lief in Frankfurt ein solcher Film 
amerikanischer Herkunft; man scheint also auch in den angel 
sächsischen Ländern unter den Ausschreitungen der Nachkriegs- 
Generation zu leiden. Der Junge, der hier als ErziehungsoLM 
austritt, ist in der Tat ein widerspenstiger Bursche; als Kind, 
schon, dann in der Schule. Der Vater will mit Gewalt gegen ihn 
Vorgehen, die Mutter stellt sich dazwischen. In einigen unauf 
dringlichen Bildern werden pädagogische Konsequenzen gezogen. 
Der Achtzehnjährige besucht mit einem Mädchen ein Vorstadtlokal 
und Überfahrt im eigenen Auto eine Frau. Es kommt zur An 
klage und zur Verurteilung wegen Lotschlags. Die Mutter wirft 
sich vor die Dichter: sie feDer sei schuldig, fie allein zu bestrafem! 
So wenigstens könnte es kommen. Doch Zum Glück geschieht das 
letzte nur im Traum, sodaß die Mutter noch rechtzeitig Gelegen 
heit erhält, den ungezogenen Sprößling durch entschiedene Prügel 
zu kurieren. Die Moral ist schlagend und hat in diesem Falle 
etwas unmittelbar Ueberzeugendes. Gespielt wird gut. -- Bilder 
aus Wien und ein amerikanisches Lustspiel find 
vorangeschiSL. rars. 
Dir Brüder GchMerrberg. 
--- Mefee «MK GrsßfilM der Ufa, den die Ufa-Lichtspiele 
Mgen, P ein einziger Kampf des Regisseurs mit dem Stoff. Karl 
Grüne, dem man einen der schönsten deutschen Filme: „Die 
Straße , dankt, hat an dem Kellermannschen Roman einen Vorwurf 
gefunden, der, wie reich immer er an packenden Szenen und Figuren 
des heutigen Lebens sei, doch nur der Sphäre des mittleren UnLer- 
/E^"8^wmans in die des echten Films sich nur schwer übersetzen 
läßt Eine geschlossene Handlung mit seelischen Konflikten treibt 
an die Oberfläche empor, die mit TaLsächlichkeiten reich durchsetzt 
wird; aber — und das ist wesentlich — die Bilder der Oberfläche 
haöen den seelischen Ereignissen gegenüber kein EigenrechL. Grüne 
hat durch mannigfache Abänderungen des Textes versucht, dem Film 
zu geben, was des Wlmes ist. Vor allem ist es sein Bemühen ge 
wesen, das Psychologische möglichst zu tilgen und die inneren Zu 
sammenhänge hinter der Fülle der Einzelbilder verschwinden zu 
lassen. So entsteht eine Reihe wirksamer Bilder: der große Börsen- 
tag, Ausschnitte aus dem Pariser Hotel, das Schiebercafe. Aber 
aus dem Zwang des Stoffes heraus sind diese Szenen so realistisch 
Uraten, daß andere, die eine dem Film entsprechende phantastische 
Auflösung der vorhandenen Wirklichkeit darstellen wollen, nicht recht 
zu ihnen passen. Der Traum des jungen Wenzel Schellenberg von 
künftigem Reichtum etwa, in sich zu folgerichtig konGoniert, durch 
bricht hart und willkürlich die Schilderten des normalen Alltags 
lebens. Auch die allzu deutlich gestellten Großstadt-Phantasmagorien 
gehen mit den unwahren Straßenstücken und Interieurs nicht M- 
sammen. Nur in einigen auf Licht- und Schatteneffekten gestellten 
Aufnahmen eigentlich bewährt Grüne diesmal seine Meisterschaft 
Ein Bild zumal prägt sich ein: der nächtliche Abflug eines Aero- 
plans; die Scheinwerfer erzeugen auf dem dunklen Gelände 
horizontale weiße Lichtstreifen, die ornamental auf- und abwogen 
und vergehen. Von solchen wunderschönen Einzelheiten abgesehen 
rst aber der Regisseur immer wieder in dem Stoff verstrickt, dessen 
Gewalt ihn dort hinlenkt, wo er vielleicht nicht hinkommen will. 
Man hat einen guten Abschluß an gebaut und derart die unzu 
lässigen poetischen Ambitionen Kellermanns auf ihr Mindestmaß 
eingeschränkt; doch sind immer noch zu viele dichterische Ansprüche 
geblieben, die von dem Roman nicht erfüllt werden und in dem 
Bereich des Films fehl am Orte sind. — Beherrscht wird die Szenen 
von Conrad VeidL, der in der Doppelrolle der Brüder Schellen- 
berg sich selber des öfteren gegenübersteht. Er ist sowohl als 
fanatischer Weltverbesserer wie als Nachkriegs-Smporkömmling über 
zeugend. In der Wahnsinns-SZene nach der Erwürgung Esthers, in 
der übrigens die Kerzenlichter gut mitspielen, entwickelt er starke 
suggestive Kräfte. Lil Dagover als Esther gibt dem blasierten 
Großstadtmädchen den Ausdruck innerer Zersetztheit und die voll 
endete Künstlichkeit der Gebärde. Ihre Mienen wissen das Furcht 
bare der Verlorenheit zu treffen, jede Bewegung der schmiegsamen 
Gestalt ist aufreizend bewußt. Für die Qualität der schauspielerischen 
Leistungen bürgen im übrigen die Namen Liane Haid, Wilhelm 
Bendow, Erich Kaiser-Titz, Paul Morgan, Frieda 
Richard; ein Starensemble, auch Bruno Kastner wirkt mit 
Aber das Schauspielerische allein entscheidet noch nicht über den 
Wert eines Films. 
— !
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        &amp;gt;2, &amp;gt; w 
6 
Der Regisseur heißt Eisenstein. Herr Eisenstein hat mit 
den Mitteln des Films zum ersten Male vielleicht eine Wirklichkeit 
dargestellt. Er bleibt an der Oberfläche, die dem Kurbelapparat 
zugekehrt ist; er illustriert keine Texte, er beschränkt sich vielmehr 
darauf, die optischen Eindrücke aneinander zu reihen. Aber wer 
assoziiert hier? Die von Empörung, Schrecken und Hoffnung 
erfüllte Phantasie, die um ein Ziel kreist und inhaltliche Gewiß 
heiten hat. Sie erblickt die automatischen Bewegungen der 
Kosakenbeine und fliegt über die Gesichter der Menge, um an 
einem Kinderwagen hasten zu bleiben. Ihr verschmilzt das Volk 
von Odessa und die grohs Hasentreppe zur unlöslichen Einheit, 
- endlos dünkt ihr der Menschenzug auf der Mole. Diese von de 
Sache ergriffene Phantasie wälzt die Matrofenleiber durcheinander, 
sieht Menschenschatten durch eiserne Gitterroste, spannt die glänzen 
den Geschützrohre über das Meer. Mit rebellischer Hast fährt 
sie von dem Lorgnon, der Verkörperung gehaßter Macht, zu dem 
riesigen Panzerturm, die Teile der Dinge gelten ihr so viel wie 
die Meuterer, denn Meuterei steckt auch in ihnen. Nur in der 
Natur, vielleicht, gibt es ein kurzes Verweilen. In sanften 
Zwischentönen entschleiern sich Ausschnitte der Ufer, weiche Segel 
ziehen vorbei. 
Der Regisseur heißt Eisenstein. Die Darsteller vom Moskauer 
Künstlertheater bleiben ungenannt; man muß sie nicht kennen. 
Sie haben Gesichter, st? sind Menschen. Sie spielen nicht nur, 
sie glauben, was sie spielen. Aber außerdem spielen sie auch. 
Die Jupiterlampen örennen weiter. 
ZurKrankfurter Aufführung des 
Potemkin-FilmZ. 
Von Raca. 
Dieser Film unterscheidet sich von den Schwärmen der ameri 
kanischen und europäischen Filme nicht durch die größere Kunst 
der Regieführung — gewiß auch durch sie —, nicht durch die pein 
lichere Ausnutzung der filmtechnischen Möglichkeiten und das 
gewaltigere Aufgebot der Massen. Etwas anderes trennt ihn von 
der WeltprodukLion, etwas grundsätzlich anderes. Er hat die 
Wand durchstoßen, hinter die jene Filme nicht dringen. Er trifft 
eine Sache, die wirklich ist, er meint die Wahrheit, um die es 
zu gehen hat. 
Die übrigen Films, entzückend oft und im einzelnen hie und 
da human: an einem Punkt stocken sie ängstlich und ziehen sich in 
die Leere zurück Der Instinkt jener Gesellschaftsklasse, 
der die Fridericus Rex-Gloriolen gebiert, untersagt in Europa 
sowohl wie in Amerika eine allzugrelle Belichtung der bedenk 
lichen Tatsachen, die unser sogenanntes soziales Leben vorerst 
noch bedingen. Von der Leinwand könnten Erregungen 
sich fortpflanzen, die unbequem find. Die Jupiterlampen, 
in deren Glanz sich einige der gehobenen Zilleschen .Gesunkenen' 
immerhin sonnen dürfen, werden rechtzeitig abgeblendet. Man 
bleibt vor der Wand, man verdrängt in historischen Ausstattungs 
stücken, Privaten seelischen und mondänen Belanglosigkeiten und 
zuletzt doch harmlosen formalen Grotesken den einzige» Inhalt, 
an dem etwas gelegen wäre. 
Dieser Film verdrängt nichts. Er läßt — ein Wunder — 
die Jupiterlampen fortleuchten über dem Kampf der Unterdrückten 
gegen die Unterdrücker. Er zeigt einen Augenblick der Revo 
lution. Die Wand ist durchlöchert, ein wahrer Gehalt tritt 
hervor. 
Die Oberfilmprüfstelle hat dem Film den Passierschein gegeben. 
Sie durfte es, weil der Film unmittelbare politische Ziele nicht 
verfolgt. 
O 
Mit einew unerhörten Sinn für Zeichen und Wirkungen ist 
Ler Augenblick gewählt, in dem sich die Revolution von ihrem 
realen Beginn bis Zu ihrem traumhaften Ende zusammenballt. 
Ein Augenblick vor dem Sieg der Revolution, aus der Zeit des 
unterirdischen Wühlens und verzweifelten Aufbegehrens, in der 
die Wahrheit noch einschlagen kann wie ein Blitz. Matrosen- 
Wttiderei im Jahre IM auf dem Panzerkreuzer «KotenEn" ZM. 
Apachen, Frauen, Polizei. Ein Detektiv-Film: „Die 
Zwei und bis Dame, den die Neue LichtMhne Zeigt, ent 
wickelt sich nach Sven-Elvestadt-Motiven Zu einer maßvoll spannen 
den Handlung. Es geht mn die Aengste dieser verheirateten Frau, die 
ihre geheimnisvollen Gründe haben. Vor der Ehe nämlich bestand 
eine Beziehung zwischen ihr und einem Verbrecher, der nun Er 
pressungen an ihr verübt. Türen gehen nachts auf, Lichter blitzen, 
der Ehemann droht einzugreifen, Perlen verschwinden — eine 
einzige Verwirrung, Sie wird von einem Polizeirat geschlichtet, 
der nach dem Willen des Regisseurs ohne allzu große Fixigkeit die 
mysteriöse Angelegenheit nach fünf Akten zum glücklichen Ende 
führt. — Schön und rührend ist der andere Film: „Die rote 
Lili e". Ein junger Mann und ein Mädchen aus der französischen 
Provinz konrmsn nach Paris. Durch ein ungünstiges Geschick 
werden die beiden armen unwissenden Geschöpfe voneinander ge- 
Madame Sans Mne. Ein historisches Ausstattungsstück, wie 
man dergleichen schon sah. Man bewegt sich diesesmal am Hose 
Napoleons und erlebt die Sardousche Jntrige mit, die sich zu all- 
s-Mgem Wohlgefallen auflösü Durch die Leere der auf die Wort 
pointe angewiesenen Handlung schimmert ab und zu Versailles. Im 
übrigen: Prunk der Empirehintergründe, stilgerechte Trachten, man 
ergänzt sein kunstgeschichtlichW Wissen. Napoleon ist un neu äröle, 
mit den großen Gebärden bei den kleinen Kabalen und dem an 
gestrengt geistreichen Lächeln. Wenn er Arbeit markiert, studiert er 
die Karte von Europa wegen Zukünftiger Schlachten — ein Regie 
einfall, auf den man sich etwas zu gute getan haben mag. Getragen 
wird das Stück von der Sans Wm-Gloria Swansons, die mit 
ihren eher derben Zügen sehr reizvoll einzugehm weiß. Wie sie die 
Wäscherin aus der Herzoginnerd-Schleppe wickelt und den opern- 
hasten Napoleon zu ihren Gunsten stimmt— das hat schon Scharme, 
einen ganz individuellen, nicht den vorschriftsmäßigen, den die 
Mädchen heute aus illustrierten Zeitschriften und Magazinen lernen. 
Ob das Augenliderspiel vor hundert Jahren bereits so modisch 
gewesen ist wie in der Zeit der Großaufnahmen, wäre freilich zu 
bezweifeln; doch auch unter Diademen blinzelt's sich hübsch. — Das 
Photographische des in den Ufa-Lichtspielen laufenden 
Films ist einwandfrei, und im einzelnen finden sich manche gute 
&amp;gt; Bildausschmttel rück. 
Odessa. Der Grund ist ein kleiner und ein ganz großer: ver 
dorbenes Fleisch. Das Volk zu Odessa fraternisier! mit dem 
MaLrosenvolk auf dem Kreuzer — wirklich, es ist das Volk, das 
aufgerührt ist, das sich rührt. Auf der Gegenseite die blinde 
Gewalt der Kosaken, das Admiralsgeschwader. Die Lage ist 
so einfach, jedes Kind erfaßt, daß Recht gegen Unrecht steht, daß 
Geknechtete sich gegen ihre Bedränger wehren. Wie aber endet 
der Kampf, der nur im Märchen glücklich endet? Der Film hat 
den richtigen Abschluß, der die Ahnung des richtigen Endes erweckt. 
Die Matrosen, bereit, dem anrückenden Geschwader einen letzten, 
hoffnungslosen Widerstand zu leisten, hissen das Signal:,, Haltet 
zu uns!" Es wird beantwortet, das Wort: „Brüder" stellt sich 
wunderbar dar. Hier bricht der Film ab, er muß hier abbrechen. 
Genug schon, daß der Vorhang einmal sich lüftete. Der hoch 
gezogene enthüllt nie das Gesuchte. 
Dieser Film spannt nicht wie die westlichen durch Sensationen, 
hinter denen die Langeweile sich dehnt. Die Sache spannt in ihm, 
denn sie ist wahr. ! 
LL.) I?- ' 
ssenden Geschöpfe voneinander ge 
trennt. Wie sie sich suchen, aufeinander warten und immer tiefer 
sinken, dies ist sehr schlicht und unaufdringlich erzählt. Er, ein von 
der Polizei verfolgter Apache, wird zuletzt von ihr, die zur Dirne 
geworden ist, gerettet und gepflegt. Wer er will ste nicht mehr, 
er hat noch irgend ein Jungensideal von Reinheit. Nun kommt 
es ganz schlimm, mit dem entsprechenden Wandel der Physiog 
nomien, das Apachenhaste und das Dirnenhaste prägt den Gesichtern 
sich ein. Wer seltsam, das alles ist glaubhaft, von einer Naivität, 
die trotz des Kolportage-Stoffes niemals verletzt. Man weint, 
die Beiden könnten sich nicht mehr srheb-en, so sehr verstricken ste 
sich. Bis dann am Ende die märchenhafte Wendung erfolgt und 
der Junge und das Mädchen mit verMnten Gesichtern ^wieder 
m ihr Dorf Aurückkehrw, wo sie am Anfang sich liebten, inen. 
--Höfisches. In dem Nationaltheater — Skala- und! 
H oh enz ollern-Lichtspiele — laufen Zwei Filme mit Hof 
leben. Der eine, ein amerikanischer Film: „Der Prinz 
gemahls führt einen smarten unmittelbar an die Seite 
einer nbniglicyen Hoheit, die Zu irgendwelchen Zwecken in Amerika 
weilt. Der Jüngling macht Karriere durch seine Borfertigkeit, 
die ihm erlaubt, die Prinzessin wiederholt zu retten. Diese läßt 
sich von ihm in ihre exotische Residenz begleiten, wo es märchen 
haft wilo hergeht und der Boxer schließlich zu undemokratischen 
Würden gelangt. Ein herab gekommener Lord, ein treuherziger 
Riesennigger und ein aufgeregter amerikanischer Konsul, der falsch 
Saxophon blast, stellen ein ansehnliches Ope^ Etliche 
komische Szenen: ein Borwatch und etwa eine Fahrt blinder 
Passagiere geben Zu lachen. Auch die Selbstironie, mit der das 
Amerikanische sich stellenweise bespöttelt, ist nett. —- Das andere 
Lustspiel: „Der 7. Junge" scheint unmittelbar den „Fliegen 
den Blättern" entnommen. Ein zeugungskräftiger Gymnasial- 
professor mit langem Bart man hört ihn „Lja, tja" sagen — 
hat von dem amerikanischen Verwandten 2000 Dollars zugesagt 
bekommen- wenn das siebente Produkt seiner schöpferischen Tätig 
keit einen Jungen ergibt. Die Pointe ist, daß ein Mädchen ent 
steht, das als Junge ausgegeben wird — bis der Papa das 
Fehlen des Merkmals entdeckt. Da der Film aus Bayern stammt, 
ist ein Fürst mit Tochter beigegeben, bei dem der Professor ehr 
fürchtig in Audienz erscheint. "Wie vor 50 Jahren. Liebesleben 
am Hof und in den Bürgerstuben steigern die provinzielle Pikan- 
terie. Immerhin sind etliche wirklich drollig-derbe Szenen ge 
glückt, die zur Heiterkeit zu stimmen vermögen. raea.
        <pb n="34" />
        Es ist nicht so, daß allein die Sache erregte und ihre Gestaltung 
im Film. Etwas anderes tritt noch hervor, eine ungewohnte Er 
scheinung: die selbstverständliche Verbindung Zwischen Menschen 
und Technik. Bei uns scheinen die Sphären getrennt. Wo 
man in „Innerlichkeit" macht, dort verachtet man das Maschinelle. 
Wo man sich technisch gebärdet, dort wird man von geistigen 
Dingen nicht eben betroffen. Die Autos fahren durch den geogra 
phischen Raum, die Seele wird in der guten Stube gepflegt. 
Dieser Film kennt eine solche Scheidung nicht. Während die 
Mannschaft zwischen unentwirrbaren Gestängen hantiert, verrichtet 
die Menge ihre Andacht vor dem Zelt des toten Matrosen. Keine 
Kluft ist zwischen den Aeußerungen der Ehrfurcht und der An 
wendung technischer Fertigkeiten. Das Volk, das zu der rechten 
Sache ein rechtes Verhältnis hat, setzt die Dinge ohne Zaudern 
an ihren gehörigen Ort. In diesem einen fruchtbaren Augenblick 
zum wenigsten, in dem es sich handelnd hier darstellt. Eine unge 
wohnte Erscheinung. 
Der Film durchläuft jetzt die deutschen Städte, in denen 
man immer noch ein Theater spielt, das mit uns nichts mehr 
zu tun hat; auch in den Filmpalästen. Wird man merken, worin 
er sich von den Fridericus Rex-Filmen, den seelischen Interieurs 
und dem schönen Zeitvertreib unterscheidet? Wird man erkennen, 
an welche Bedingungen diese Kunst geknüpft ist? 
Erkennte man es: die Jupiterlampen könnten weiter brennen. 
Hegen wen? 
D u p l i k. 
Von Dr. Siegfried Kraeauer. 
E^gen wen richtet sich die Erwiderung? Gegen den Rezen 
senten ? Aber niemals hat der Rezensent bestritten, was die 
Autoren mit dem Ausgebot ihrer Nachweise belegen: die treue 
Wiedergabe des Textes. Er hat, im Gegenteil, zu Beginn 
seiner Darlegungen versichert und anerkannt: „Die Verfasser 
streben die wörtliche Uebersetzung und rhythmische 
Treue an", und auf Grund des Urteils unterrichteter Hebrai- 
sten gerne bestätigt, daß die Autoren hierbei „sachkundig und 
gewissenhaft" verfahren seien. 
Gegen wen also der Anmarsch solcher Bildung? Unbeteiligt, 
ein Zuschauer nur, verfolgt der Rezensent das philologische 
Bombardement, das zu demonstrativen Zwecken sich abzuspie- 
len scheint, da in der Nähe und Ferne kein Widersacher sich 
bietet. Doch die Autoren, ihren vorangestellten Goethe ab ¬ 
! wandelnd, finden vielleicht, daß es immer gut sei, sein Wissen 
! zu zeigen. 
Ueber dem Bedürfnis nach seiner Entfaltung haben sie 
jedenfalls die Einwände vergessen, denen zu erwidern gewesen 
wäre. Nicht gegen eine willkürliche Behandlung des hebräi 
schen Textes, wohl aber gegen das Unternehmen seiner kom 
mentarlosen wörtlichen Uebersetzung kehrt sich die Rezension. 
Hat der Rezensent bezweifelt, daß der allüber den Wassern 
brütende Braus Begriff für Begriff des Originals nachzubil- 
den suche? Sind die gehöhten Hochgaben oder der Walter du, 
über uns Malter, von ihm einer Mißachtung der hebräischen 
Worte verdächtigt worden? Er hat sie und die anderen Bei 
spiele als deutsche Sprachfügungen gewürdigt und in einem 
Teil von ihnen postume Sprößlinge der Bayreuther Dicht 
kunst erkannt. Daß sie in der von den Autoren beliebten Zu 
sammenstellung den archaischen Klimaten der bürgerlichen Neu- 
romantik entstammen, ist ein Geburtsmakel, den die wie immer 
penible Berufung auf ihren früheren Gebrauch gewiß nicht zu 
tilgen vermag. 
Um den historischen Bedeutungswandel der Worte zu er 
messen, wird man freilich auch ihre soziologische Be 
dingtheit Mit berücksichtigen müssen. Die Autoren lehnen der 
gleichen nicht ohne Verachtung ab. So geschieht es ihnen, 
daß sie die Alliterationen mit dem Anspruch auf aktuelle Ver 
bindlichkeit übernehmen; daß sie den Luther-Satz über dse 
„Schloß- und Hofwärter" zu ihren eigenen Gunsten auslegen, 
während in Wirklichkeit Luthers Vordringen zum „altvolkstüm 
lichen Wortgut" eine der ihren entgegengesetzte Wendung zum 
Profanen gewesen ist. Man erinnert sich der bekannten Stelle 
im „Sendbrief vom Dolmetschen": 
„Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen 
Sprachen fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel thun; 
sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, 
den gemeinen Mann auf dem Markt drumb fragen und denselbigen 
auf das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen. 
Es wäre gut, etwas von soziologischen Dingen zu wissen. 
Gegen wen also richten sich die Einwände der Rezension? 
Gegen die deutsche Sprachform der Uebersetzung und damit 
gegen ihre Absicht. Wenn die wörtlich getreue Einholung 
des Textes Sprachgewächse wie „Schlachtstatt" und „Weih 
buhle" reifen läßt, so ist die Absicht seiner wörtlich getreuen 
Einholung fragwürdig in dem von der Rezension aufgewiese 
nen Sinn. Diese „treue" Wiedergabe ist gar nicht treu, wer 
sie Worten und sprachlichen Konfigurationen, die nur noch 
Zeichen eines bestimmten Abschnitts unserer Vergangenheit 
sind, die ungebrochene Gewalt des Originals verleihen mochte. 
Der Rezensent stimmt mit den Autoren in der Meinung über- 
ein: Sprache müsse „ganz Gegenwart, ganz für das heute, 
ganz — gesprochen sein". Wer weder ist „ohne Maß" ein 
„heutiges Wort", noch sind etwa die Sinndeutungen de 
Namen (Jaakob^Ferfehalt) von restaurativen Bestrebungen 
frei. 
Den Autoren ist das Anachronistische ihrer Uebersetzung 
entgangen. Sie befinden sich offensichtlich in so glücklicher Un 
abhängigkeit von der Zeit, daß sie die besonderen Erfordernisse 
unserer gegenwärtigen „metaphysischen und soziologischen" 
Situation — die Adjektiva, mit Verlaub, sind von den Autoren 
geprägt — glauben übersetzen zu dürfen. Ihre Zeitent- 
hobenheit mag es auch verschulden, daß sie die ästhetische Wir- 
Lwg ihres UebersetzungsWerks nicht fassen können und 
seinem reaktionären Sinn gegenüber stch verschließen, den der 
Rezensent der Verdeutschung in voller Kenntnis der literari 
schen und sonstigen Tätigkeit ihrer Autoren zugesprochen hat. 
Es wäre gut, etwas von seiner Zeit zu wissen. 
Erwidert die Erwiderung auch nichts, so ist sie doch des 
Nutzens nicht bar. Unfreiwillig unterstützt sie den Rezensen- 
Len mit einer Zuvorkommenheit, deren er sich nimmer versehen 
hätte. Sie ist in der Skizze ein Kommentar, der, als Kommen 
tar, über die Gabe des Exorzisierens verfügt. Indem er das 
in und mit den Begriffen Gemeinte erläutert, treibt er die 
dünkelhaften Geister aus den von ihnen besessenen Worten aus. 
Die „wörtliche" Uebersetzung, die den Text darstellen möchte, 
verstellt die Aussicht auf ihn; die philologische Exegese, die für 
WeihLuhle besser schon „Hierodule" setzte, eröffnet den Zugang 
zu seinem Verständnis. Hat der Rezensent die Berechtigung 
eines Kommentarwerks geleugnet? Hat er nicht viel 
mehr umgekehrt den Schluß gezogen, daß neben der Lutherbibel 
heute einzig eine textkritische Ausgabe möglich sei, 
„die etwa den Kautzsch auf den Stand der modernen jüdischen 
Schriftforschung brächte"? Niemand wäre den Autoren für die 
Bescheidung bei der nüchternen wissenschaftlichen Arbeit dank 
barer gewesen als der Rezensent. Denn auch er findet, daß 
es gut sei, etwas zu wissen. 
Zum Schlüsse künden die Autoren mit erhobener Stimme, 
daß dem „Wort" eine jede Zeit feindlich gegenüberliege. Aber 
der von ihnen der Lästerung geziehene Rezensent hat nichts 
anderes behauptet. Er hat nur freilich außerdem erwogen, 
wie das Wort in unserer Zeit beschaffen sein müsse, um 
als Instrument der Wahrheit das Bestehende anzugreifen. 
Wird das jüngst verschollene Deutsch der Uebersetzung solche 
Kräfte^bewähren? Der Rezensent enthält sich der Antwort. 
Er möchte nicht in den Verdacht kommen, ein ägyptischer 
WahrschreiLer zu sein. —
        <pb n="35" />
        &amp;gt;ew leleganon^ auf 
v Moellendorff auch der VBölkerbundsreferent des Auswärtigen Vorschlaga des Vorsitzenden in Aussicht genommen, demnächst die 
admiral Freiherr v. Freyberg der Delegation angehören. 
Der Rezensent stimmt mit den Autoren in der Meinung über- 
Die Beziehung auf den Wurzelsinn verdeutscht dann den 
fremderen Namen in einer Tiefe, die den Verzicht auf die 
OberflächenvertrauLheit des Wagnerschen Evchens selbst uns 
alten Bayreuthern leicht machte. 
Die Propheten konnten nicht Propheten bleiben, weil das 
griechische Wort heut einseitig den Wahrsager meint. Das 
sind die Propheten bisweilen, aber nicht wesentlich. Etwa 
gerade die Stelle, wo das Wort in der Genesis steht, wird mit 
„Prophet" ganz sinnlos. Der Künder war da das Gegebene. 
Nicht bloß aus etymologischen Gründen, sondern auch weil 
künden im Gegensatz zu reden und sprechen nicht absolut, nicht 
objektlos gebraucht werden kann. Der Künder ist, anders als 
Redner und Sprecher, die beide den Sinn eines Berufs oder 
Amts annehmen können, immer Künder von etwas, immer 
gebunden an seine Kunde. So schließt dies Wort gerade die 
Vorstellung aus, die heut mit dem „Prophetischen" modisch 
verbunden ist, die Vorstellung der Anlage, Begabung, kurz 
und scheußlich gesagt: des „religiösen^Genies". 
Daß das Wort Künder zwar nicht, wie der Rezensent arg 
wöhnt, erst seit George, aber immerhin erst seit Rückert wieder 
in die Sprache eingeführt ist, durfte uns nicht hindern. Sprache 
darf nicht archaisieren. Das wäre gegen ihren Sinn und 
Auftrag. Sie muß ganz Gegenwart, ganz für das Heute, 
ganz — gesprochen sein. Aber noch keiner, der sich vor eine 
große sprachliche Ausgabe gestellt sah, am wenigsten Luther 
hat auf den Rückgriff in verschollenes oder nur Landschaftlich 
erklingendes Sprachgut verzichtet. Nur der Unverstand könnte 
das als Archaisieren oder Provinzialisieren bezeichnen. Immer 
vorausgesetzt, daß diese innere Kolonisation des Sprachreichs 
mit Umsicht und Kenntnis geschieht, so also, daß die neuen 
Güter existenzfähig sind und daß keine lebensfähigen alten 
ausgekaust werden.^) 
Nachdem wir nun an sämtlichen Einwendungen des Re 
zensenten dargetan haben, daß sie Einwände gegen den 
hebräischen Text sind, bedauern wir, genötigt zu sein, auch die 
einzige Zustimmung, die er uns erteilt, ablehnen zu müssen. 
Abrahams Sterben in gutem Greisentum ist nicht, wie der 
Herr Rezensent meint, unsere Prägung, sondern steht gleich 
falls im Text. 8 heißt in, toda heißt gut, KKOdu heißt 
Greisentum. 
kennung seines erfolgreichen Unternehmens bei der uM 
Mus"s"ol in'i zum General befördert und ihm das Oberkom 
mando der italienischen Luftschiffahrt übertragen 
werden. Außerdem wird er mit der höchsten militärischen Verdienst 
Medaille ausgezeichnet. 
Vergesse der Leser nun für einen Augenblick, daß die 
Widerlegung des von der Rezension unternommenen Beweises 
noch keine Widerlegung ihrer allgemeinen These ist und höre 
uns — beweislose These gegen fehlbewiesene These — an. 
Wir glauben, daß dem Wort, das in der Bibel Schrift ge 
worden ist, jede Zeit, die unsere so gut wie irgendeine ver 
gangene, fremd, fern und feindlich gegenüberliegt, daß aber 
dies Wort in jeder Zeit die Kraft bewährt, die ihm Hörigen 
Zu ergreifen. Die Zeit ist passiv, das Wort aktiv. Das Wort 
nur bewahren, nur konservieren, nur allenfalls durch die Zeit 
tragen wollen ist Lästerung. Es will reden, zu jeder Zeit, in 
jede Zeit, jeder Zeit zum Trotz. Wir wissen nicht, ob es 
unser Uebersetzungswerk in seinen Dienst nehmest wird und 
in welcherlei Dienst. Wir haben nur das eine zu bedenken: 
ihyr treu zu sein. Ob die um dieser Treue willen ge 
schehenden vereinzelten Wortheimholungen sich einbürgern 
werden, das ist uns, gegen jenes oberste Gesetz und seine 
Förderung, eine geringe Sorge. 
Wir stehen in diesen Tagen am Abschluß der Arbeit an 
dem zweiten biblischen Buch. In ihm wird erzählt, wie das 
Wort bei dem Volk, an das es entboten wird, zunächst taube 
Ohren findet 
„vor Geistes Kürze und vor harter Fron". 
Genauer als in dieser Zeile läßt sich eine ungünstige 
^Metaphysische und soziologische Situation" — so nennt man 
daß ja wohl -— kaum beschreiben. Gewiß haben auch damals 
du Wahrschreiber Aegyptens und seine Weisen Pharao be 
ruhigt, daß angesichts jener Situation in „unserer Zeit" jenes 
Wprt Zu Stummheit verurteilt sei. Dann geschah, was geschah. 
Wenn Luther in jenem von dem Rezensenten zwar zweimal 
zitierten, aber nicht einmal verstandenen Brief an den Hosprediger 
Spälatin sich die Mitteilung von schlichten Wörtern erbittet: 
non cmsärousm nsr unlieb, so meint er mit diesen „Schloß- und 
Hofwörtern" — es handelt sich nämlich um Edelsteinnamen 
die damals modernen technischen Bezeichnungen, also gerade das, 
was die Rezension als „profane Sprache" preist und anpreist. Er 
sucht und erbittet dagegen „Limplieia": echtes altvolkstümliches 
Wortgut» 
wandelnd, finden vielleicht, daß es immer gut sei, sein Wissen 
zu zeigen. 
Ueber dem Bedürfnis nach seiner Entfaltung haben sie 
jedenfalls die Einwände vergessen, denen zu erwidern gewesen 
würd. Nicht gegen eine willkürliche Behandlung des hebräi 
schen Textes, wohl aber gegen das Unternehmen seiner kom 
mentarlosen wörtlichen Uebersetzung kehrt sich die Rezension. 
Hat der Rezensent bezweifelt, daß der allüber den Wassern 
brütende Braus Begriff für Begriff des Originals nachzubil- 
dsn suche? Sind die gehöhten Hochgaben oder der Walter du, 
über uns Walter, von ihm einer Mißachtung der hebräischen 
Worte verdächtigt worden? Er hat sie und die anderen Bei 
spiele alsdeutsche Sprachfügungen gewürdigt und in einem 
Teil von ihnen postume Sprößlinge der Bayreuther Dicht 
kunst erkannt. Daß sie in der von den Autoren beliebten Zu 
sammenstellung den archaischen Klimaten der bürgerlichen Neu- 
romantik entstammen, ist ein Geburtsmakel, den die wie immer 
penible Berufung auf ihren früheren Gebrauch gewiß nicht zu 
tilgen vermag. 
Um den historischen Bedeutungswandel der Worte zu er 
messen, wird man freilich auch ihre soziologische Be 
dingtheit mit berücksichtigen müssen. Die Autoren lehnen der 
gleichen nicht ohne Verachtung ab. So geschieht es ihnen, 
daß sie die Alliterationen mit dem Anspruch auf aktuelle Ver 
bindlichkeit übernehmen; daß sie den Luther-Satz über die 
„Schloß- Mb Hofwärter" zu ihren eignen Gunsten auslegen, 
während in Wirklichkeit Luthers Vordringen zum „altvolkstüm- 
lichsn Wortgut" eine der ihren entgegengesetzte Wendung zum 
Profanen gewesen ist. Man erinnert sich der bekannten Stelle 
im „Sendbrief vom Dolmetschen": 
„Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen 
Sprachen fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel thun; 
sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, 
den gemeinen Mann auf dem Markt drumb fragen und denselbigen 
auf das Maul sehen, wie sie reden und- darnach dolmetschen. 
Es wäre gut, etwas von soziologischen Dingen zu wissen. 
Gegen wen also richten sich die Einwände der Rezension? 
Gegen die deutsche Sprachform der Uebersetzung und damit 
gegen ihre Absicht. Wenn die wörtlich getreue Einholung 
des Textes Sprachgewächse wie „Schlachtstatt" und „Weih 
buhle" reifen läßt, so ist die Absicht seiner wörtlich getreuen 
Einholung fragwürdig in dem von der Rezension aufgewiese 
nen Sinn. Diese „treue" Wiedergabe ist gar nicht treu, weil 
sie Worten und sprachlichen Konfigurationen, die nur noch 
Zeichen eines bestimmten Abschnitts unserer Vergangenheit 
sind, hie ungebrochene Gewalt des Originals verleihen möchte. 
an etwas, vor dem gekniet und gebetet wird. In der Genesis 
wird zwar mehrmals niedergefallen und auch mehrmals ge 
betet, aber nie vor -einem Misbeach. Auf dem wird geschlachtet. 
Vier andere, beanstandete Wendungen sind von viererlei 
Art. „SLandmal" (einmal, wo ein Femininum erfordert war, 
„Walstatt") für rrmEda, dessen Stammwort stellen bedeutet, 
anstatt des unbestimmten Lutherschen „Mal", besagt, daß für 
ungeläufige Gegenstände zuweilen ungeläufige Bezeichnungen 
gewählt werden müssen. Das vom Rezensenten anscheinend 
mit dem Wagnerschen archaisierenden „Unmaßen" verwechselte 
„ohne Maß" stellt ein ganz nüchternes und heutiges Wort dar. 
„Mit Verlaub", das wir da verwenden, wo Josefs Brüder in 
aufgeregter Ueberhöslichkeit (und deshalb mit „aufgeregter Im 
terpunktion") den Hausverwalter angehn, ist gut goethisch 
Und das vom Rezensenten den „Flachländern Dahns und 
Frehtags" zugewiesene „fürwahr" ist in der Lulhervibel selber 
dicht, gesät. 
„Erdvolk" mußte für Luthers „alle Lande" und „alle Welt" ge 
fetzt werden, weil „alle Lande" nicht dasteht und weil ein Wort 
für Welt, als den Inbegriff des Raums, im biblischen Hebräisch 
bezeichnenderweise fehlt, während ein Wort für den Inbegriff 
der Zeit, für Ewigkeit, da ist; um Welt auszudrücken, braucht 
die Bibel zwei Worte zusammen: das „schollenhafte" Erde und 
das luftige Himmel. Wie die Rezension bei „Erdvolk" in 
völkische Beängstigungen fallen konnte, ist uns, objektiv wenig 
stens, unverständlich. Wenn der Völkerbund nach einem Mr- 
kreten Wort für sein Ziel suchte, könnte er kaum ein geeignete 
res finden. 
Für die Wiedergabe der Personennamen waren mehrere 
Gründe maßgebend, aber selbstverständlich nicht die beiden, 
die der Rezensent in eigenartiger plötzlicher Unkenntnis 
unserer sonstigen Wirksamkeit nun vermutet: der „völkische" 
(noch einmal!) und der — „ästhetische". Die Lutherschen Per 
sonennamen sind keineswegs die einzigen in Deutschland ver 
breiteten. Die katholische Hälfte des Volkes sagt für Luthers 
Hiob, Hesekiel, Jsai: Job, EZechiel, Jesse. Sogar Eva heißt 
auf katholisch Heva. Dieser Zwiespalt war ein Grund, auf 
die nicht durch Griechen- und Römermund gemodelten Namen 
zurückzugehen. Ein weiterer war die Tendenz der Gegenwart, 
überall die richtigen einzusetzen. Noch Schiller sagte Jupiter 
und Juno, wo heute jeder Zeus und Hera sagen würde. Seit 
Nietzsche sagt kein Mensch mehr Zoroaster. Diese Tendenz ist 
auch in die heute gangbaren Lutherbibeln eingedrungen. 
Luthers König Roboam heißt seit Ausgang des 19. Jahr 
hunderts Rehabeam usw. Entscheidend war aber auch dies 
nicht, sondern das, was der Rezensent unsere überlutherische 
Verdeutschungstendenz nennt. Denn die Sinndeutung der 
Namen, die gerade in der Genesis eine so große Rolle spielt, 
konnte nur so durchsichtig werden. Wenn Eva bei uns Chawa 
heißt, so ist das nur für den ersten Blick Me Aerfremdung. 
ein Zuschauer nur, verfolgt der Rezensent ^s philologische 
Bombardement, das zu demonstrativen Zn sich abzuspie- ein:. Sp,rache müsse „ganz Gegenwart, ganz für däs heute,. 
lm scheint, da in der Nähe und Ferne kein Widersacher sich j ganz — gesprochen sein". Aber weder ist „ohne Maß" ein 
bietet. AM die Autoren, ihren SMwgeWM GoeM M- ^HMiM Woxt", yM siM .etwa die AinndLutunMN de. 
Hegen wen? 
Duplik. 
Von Dr. Siegfried Kraeauer. 
Gegen wen richtet sich die Erwiderung ? Gegen den Rezen 
senten? Aber niemals hat der Rezensent bestritten, was die 
Asttoren mit dem Aufgebot ihrer Nachweise belegen: die treue 
Wiedergabe des Textes. Er hat, im Gegenteil, zu Beginn 
seiner Darlegungen versichert und anerkannt: „Die Verfasser 
streben die wörtliche Uebersetzung und rhythrnische 
Treue an", und auf Grund des Urteils unterrichteter Hebrai- 
stsn gerne bestätigt, daß die Autoren hierbei „sachkundig und 
gewissenhaft" verfahren seien. 
' Gegen wen also der Anmarsch solcher Bildung? Unbeteiligt, 
sicher Zdziechowski ein reines Gewissen hat) revolutionär. 
i v oe enor auc er er unsreeren es usw rgen orscaga es orszen en n ussc genommen, emncs e 
Dre Zahl der ^oten und Verwundeten laßt pch nicht an- Amts, Geheimrat v. Bülow, teilnehmen. Vom Reichswehr- Fragen des sogenannten Wilsonabkommens vom 16- Juni 
nähernd abfchützen. Denn mit den 80 bis 1E00 T&amp;lt;o^toen- , die Ministerium -w-i-r-d- außer den bereits g—enan-n-t-e-n- Offizie.r..e..n. Konter- 1-9-1-9 i- m A-us-wä-rt-igen A-us—schuß" zur E- r-ört'erung zu stellen, 
gegenwärtig in die Spitäler gebracht worden sind, ist die Zahl admiral Freiherr v. Freyberg der Delegation angehören.
        <pb n="36" />
        herr- 
Wenn gleich das Meer wütete und wallete 
bei ihm 
nur noch 
entweder 
übrigens, wie der Vergleich mit den älteren Fassungen lehrt, 
eine aus bewußter Sprachkünstlerschaft geflossene Alliteration — 
könnten wir uns nicht ohne Bedenken aneignen. 
Das wären die Punkte, von denen aus die Phantasie des 
werden. „Ein Brausen vom Himmel" hat Luther 
scheinung des Pfingstgeistes genannt. 
Und das „Brüten"? Das hebräische Wort kommt 
einmal vor, vom Adler, der über seinen Jungen — 
Rezensenten nach Bahreuth eütflogen ist. Ihr gegenüber werden 
die Leser dieser Zeilen gilt tun, die Einsicht festzuhalten, daß 
Alliteration und Reduplikation, Wiederholung also, klangsinn- 
liche und wortoeistige, zum Nrwesen des menschlichen Sprechens 
gehört. Eine Einsicht, die sie sich an jedem Kind bestätigen 
können, sowohl an den Kinderworten, die dem Lernen der Er 
wachsenensprache vorausgehen, als an dem Lernen dieser 
Sprache selbst. Wiederholung ist ein tiefes Bedürfnis der 
menschlichen Natur, das Verlangen nach Abwechslung kommt 
erst als Folge. In den Sprachen äußert sich das so, daß in 
einem gewissen Stadium es ein Gesetz des guten Stils wird, 
den Ausdruck zu differenzieren. Dann verschwindet freilich die 
echte sinnliche Differenzierung, die sich in die Anschauung dieses 
und grade dieses Vorgangs so vertieft, daß sie ihn gar nicht 
anders mehr beschreiben kann, als daß sie mit dem Hebräer, 
oder auch mit dem Griechen, „Wolken wölkt"; dafür entsteht 
die Eleganz der stilistischen Differenzierung, die mit dem 
Lateiner, der auch als Kirchenvater die literarische Abkunft 
von Cicero nicht verleugnet, „Wolken führt". Auch im 
Hebräischen selber ist nach der biblischen Zeit die Vertiefung 
und Verstärkung eines Verbums durch den beigesetzten Infini 
tiv des gleichen Verbums, die unsere Uebersetzung nachzu- 
bilden oder wenigstens anzudeuten sucht, bis auf Spuren er 
loschen. Luther ist hier dem lateinischen Text gefolgt, wie so 
oft. Sein Schüler Mathesius schildert ihn als Vorsitzenden 
seines Bibel-„Consistoriums", also zu der Zeit, als seine 
hebräischen Kenntnisse auf ihren Höhepunkt gekommen waren, 
,M;t seinen alten lateinischen und seinen neuen teutschen Bi- 
blien. dabei er auch stetigs den hebräischen Text hatte". Dieses 
„dabei" der Entstehung, so in seiner negativen wie in seiner 
positiven Wirkung, spiegelt der uns klassische Wortlaut seiner 
Uebersetzung in jedem Vers. 
„Weihbuhle" sei ein „restaurierender" Ausdruck. Wir wissen 
nicht, was damit restauriert worden sein soll; aber wir wissen, 
daß die uns zur Auswahl gestellten Termini „Hure" und „Bei 
schläferin" dem Text in keiner Weise gerecht werden. Das 
Wort stckesastu kommt von stuüosast, „heilig, geweiht"; es 
bezeichnet demgemäß eine „Geweihte", nämlich eine in einem 
der heidnischen Kulte, insbesondere dem der Astarte, sich 
Prostituierende, eine Hierodule (so übersetzen es denn auch zu 
meist die modernen Theologen, die zum Unterschied von uns 
sich Fremdwörter erlauben dürfen). An der Genesis-Stelle 
wird es euphemistisch für „Hure" gebraucht. Juda hält Tamar 
„für eine Buhldirne": sonn; aber sein Abgesandter vermeidet 
das vulgäre Wort und fragt: „Wo ist jene Weihbuhle von 
Zweibrunn am Weg": LäeseLa. Luther übersetzt beides 
mit „Hure". 
Die wilde Schlachtstatt verdrängte den „zahmen" Altar, 
weil suboaeli schlachten heißt und infolgedessen ml-sbeuaft 
Schlachtstatt. Altar führt heute in falsche Richtung. Man denk' 
So haben wir bei der Erschaffung des Menschen, wo Luthers 
„herrschen" den Sinn verschiebt, sinngemäß „sie sollen walten" 
übersetzt.) 
Wo Luther „Brandopfer opfern" sagt, steht im Hebräischen 
— Iru-uIotL olotft — nichts von Brand und nichts von 
Opfer, sondern nur: Höhungen Höhen. Wir haben statt 
Höhung das verdeutlichende „Hochgabe" zu setzen gewagt. 
Hochopfer war nicht angängig, weil das Wort Opfer in unsrer 
Sprache einen unüberhörbaren Beiklang von Preisgabe und 
Entäußerung angenommen hat, der dem hebräischen Irordan 
(Nahbringung, Darbringung) ganz fern liegt. Luthers 
„Brandopfer" ist nicht aus dem Hebräischen, sondern aus dem 
Griechisch-Lateinischen übersetzt. 
Aus dem Lateinischen stammt auch Luthers Uebersetzung 
des „funktionalen" Plurals toldotli durch den „Ontologischen" 
Singular Geschlecht. Unser „Zeugungen" ist also durchaus 
nicht, wie der Rezensent meint, eine unfreiwillige Funktionali- 
sierung, sondern eine höchst freiwillige, nämlich entstanden aus 
dem, was nun einmal hebräisch dasteht. 
Gleichfalls aus der Vulg-ata stammen Luthers „Tore seiner 
Feinde". Im Hebräischen steht: Tor seiner Hasser. Daß wir 
„Hochtor" sagen, geschieht, weil nicht ein beliebiges Tor ge 
meint ist, sondern das Tor. an dem Rat, Markt und Gericht ge 
halten wird — eine Bezeichnung, die in dem türkischen knpn, 
Pforte, was man in Europa sich auch meist als Hohe Pforte 
verdeutlichte, noch bis in die Gegenwart hineinragt. 
Der „Ruch", der den Rezensenten stört, stammt von keinem 
andern als Luther selber, der sogar mit einer — anscheinend- 
den Runen, „wie sie Richard Wagner begriff", entnommenen 
— Alliteration schreibt: „wie ein Rauch und Ruch des vori 
gen Opfers". Aber warum „der Befriedung"? Weil „der lieb 
liche Geruch" wohl in der Jlias (8, 549 f.), aber nicht in der 
Bibel steht. Und „roch den Ruch"? Auf Hebräisch: 
Nicht ebenso schnell ist die Hauptstelle der Beweisführung 
zu erledigen. Luthers „der Geist Gottes schwebte auf dem 
Wasser" erscheint dem Rezensenten endgültig. Luther selbst 
war dessen nicht ebenso sicher; sonst hätten wir wohl nicht die 
Variante: „der Wind Gottes schwebet auf dem Wasser". Das 
Wort ruuaft, das er so verschieden wiedergibt, kommt, wie 
Gunkel treffend bemerkt, nur dieses eine Mal in dem Sinn vor, 
den es in diesem Vers hat. Nämlich in der elementaren Fülle 
seines Sinns, der sich überall sonst in „Wind" (so Gen. 3, 8), 
„Hauch" oder „Atem" (so Gen. 6, 17)) und „Geist" auseinan- 
derlegt; dieses eine Mal ist das Urwort gemeint, das all dies 
in sich besaßt. Fast dieselbe Vieldeutigkeit hat das griechische 
Meurau und das lateinische Spiritus. Aber auch das deutsche 
„Geist" hatte sie noch zu Luthers Zeit. Darum kann er das 
Heer des Himmels von Gott „durch den Geist seines Munds" 
gemacht sein lassen. Weil Luther und seine mitlebende 
Luthers „Solltest du unser König werden und über uns 
schen?" heißt hebräisch: 
Lu-muloelr ti-mloek aleQn? 
iiu ruusaliol ti-Wsekol dann? 
infolgedessen bei uns: 
König wärst wohl gern, bei uns du König? 
oder Walter du, über uns Walter? 
die leis vibrierenden Flügel breitet oder aber brütet. Dem 
Sinn des Genesis-Satzes, dem Schweben über dem Ungewor- 
denen, steht „brüten" ungleich näher. Das Bild des Vogels 
überm Nest ist noch geblieben, wo der Talmud die Stelle er 
örtert; das „Brüten" (kotus) für den ersten Schöpfungsakt 
hat noch Augustin erhalten; aber in der Dichtung, auf deren 
Gipfeln die großen Gleichnisse ihr Leben bewahren, reicht es, 
in Goethes hinreißend alliterativen Versen, an unser Zeit 
alter: 
„Wenn über werdend wachsendem Vorher 
Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte". 
Der Braus ist aber doch wohl Bewegung, und brüten ist 
doch wohl Stillestehn — wo geht das zusammen? Eben hier! 
Hier und nur hier ist beides in einem; denn der Braus ist 
allüber den Wassern: die hebräische Wendung in ihrer 
Knappheit bedeutet: über der ganzen Wasserfläche. 
Daß sich mit den beiden endlich gefundenen Wörtern auch 
die Alliteration der beiden Wurzeln miuest und ruestek ergab, 
war ein Geschenk, das uns in den Schoß siel. Während wir 
sonst eher Mühe hatten, Zufallsalliterationen, die vom Text 
nicht gefordert waren, zu vermeiden. Luthers an sich herrliches 
(„Herrscher"- wäre falsch, denn mit demselben Wort wird 
Josef nach der Wiederfindung von den Brüdern bezeichnet, wo 
„Herrscher" zu viel wäre, wie Luthers „ein Herr" zu wenig ist. 
*) Unsere Ansichten darüber findet der Leser, der sich dafür 
interessiert, in Heft 7 der Zeitschrift „Der Morgen" 
und in dem Waschzettel zum Buch Im Anfang „Die Schrift und 
das Wort", der demnächst im 1. Heft der neuen Zeitschrift 
„Die Kreatur" gedruckt wird, sowie in einem das Verhältnis 
zur Lutherbiöel behandelnden Aufsatz, der gleichfalls zuvor als 
Waschzettel dem II. Band des Bibelwerks beigegeben und dann 
veröffentlicht wird. 
Leserschaft die Sinnlichkeit dieses Ausdrucks noch inne hatten, 
glaubte er auch am Anfang der Schöpfung sein allzu ein 
deutiges „Wind" durch das damals noch vieldeutige „Geist" 
ersetzen zu dürfen. Aber doch eben ohne Endgültigkeitsgefühl, 
ja ohne folgerichtiges Beharren. Denn Johannes 3, wo er erst 
wie schon Meister Eckhart (bedenklich wagnerisch!) übertrug: 
„Der Geist geistet, wo er will", schrieb er dann: „Der Wind 
bläset, wo er will", so daß nun das Wort pneumu einmal 
durch Wind, vorher und nachher durch Geist („daß jemand ge 
boren werde aus Wasser und Geist") wiedergegeben wird, ob 
wohl das gleiche — eben jenes Urwort — gleichmäßig ge 
meint ist: „Du hörest sein Sausen wohl", das in sich nicht vom 
„Wind", sondern eben von runaft gesagt — von dem Wort 
also, das in sich noch Geist und Natur umschließt. Kein Ding 
der geschaffenen Welt kann dem heutigen Uebersetzer zur Ver 
deutschung dieses raunst dienen, nur dieses sein Sausen oder 
Brausen („Gottes brausender Atemzug"), substantivisch ge- 
Von Martin Buber und Franz Mosenzweig. 
Ich habe immer gefunden, daß es gut sei, 
etwas zu wissen. 
Goethe zu Eckermann. 
Ohne auf die metaphhsisch-sozialwM Gedanken 
der Rezension unserer Genesis-Uebersetzung (Erstes Morgen 
blatt vom 27. und 28. April) eingehen zu wollen^), glauben 
wir doch, im Interesse der Leser dieses Blattes die Punkte 
hier besprechen zu sollen, in denen der Rezensent seine all 
gemeine These an der Sprache der Übersetzung zu bewahr 
heiten sucht. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß dieser Ve- 
weisversuch Punkt für Punkt mißglückt ist, so wäre damit gegen 
die Richtigkeit jener allgemeinen These von der Stummheit 
der Bibel in „unserer Zeit" noch nichts entschieden; nur die 
Beziehung, die der Rezensent ihr hier auf das Uebersetzungs- 
werk zu geben versucht, fiele in sich zusammen. Daß wir die 
These selbst für irrig und verderblich halten, wünschen wir 
nicht im Zusammenhang mit seinem Angriff auszuführen. 
Wir beschränken uns streng auf die von dem Rezensenten 
ausgewählten Beispiele. Er scheint sie so ausgewählt zu haben, 
daß wenigstens bei einem Teil die einfache Anführung des 
hebräischen Wortlautsx genügt, um auch Nichtkennern des 
Hebräischen die Haltlosigkeit des- Angriffs aufzuzeigen. 
Luthers „Wolken ^führen" heißt hebräisch: unnLn unav, 
infö l g e o e s s e n An uns: Wolken Wolken. LutheM „schlach 
ten" heißt an der gemeinten Stelle hebräisch: tudoueli 
tsduaft, infolgedessen bei uns: Schlachtvieh schlachten. 
faßt; nur so kann jene Einheit von Wind und Atem und Geist 
in eine Sprache, die sie nicht mehr kennt, herübergerettet 
die Er-
        <pb n="37" />
        Einmütig werden Miecklowicz' Bedenken zerstreut. Man be 
schwört ihn, sein Genie zu entfalten, versichert ihn des unein 
geschränkten Vertrauens Die stille Zuversicht des Anzugs stimmt 
Miecklowicz um. Bewegt erkennt er seine Berufung und gelobt, 
sich dem Auftrag zu weihen. Seine Stecknadeln sprühen Funken, 
aus dunklen Hosengründen treibt es ihn lichtwärts. Jetzt oder nie. 
Die Hausschlange klettert eilfertig an dem jungen Herrn empor, 
der sich nach allen Seiten dreht und entrollt. Geschäft. Fürsorglich 
unterrichtet sich Miecklowicz über seine Lebensgewohnheiten — 
unter welchem Winkel er gehe, ob er beim Schlafen nach rechts sich 
krümme oder nach links. Auch nimmt er etliche seiner Bekleidungen 
an sich, deren Alter auf ihre Erfahrung Zu schließen erlaubt. 
Mittlerweile ist der Anzug nervös geworden, die Damen reden fort 
gesetzt über ihn hinweg. Miecklowicz beruhigt ihn und verläßt mit 
vorzüglicher Hochachtung die Beletage. 
Schöpferisches, stets verkannt, drängt in ihm der Sonne ent 
gegen. Er entschwindet ab und zu in der Wandfläche, durchstreift 
die Schnittmuster-Alleen und berät sich mit den Herrenkostümen vor 
Monaco. Seine Frau sucht ihn zu solchen Zeiten vergeblich. Dann 
wieder umlauert er die Geheimarchive, da ihm mitgeteilt worden, 
daß die Portalhüter im Besitz von Gerüchten seien. Bei seinen 
Gängen trägt er die Kleider des jungen Herrn; einerseits um 
unerkannt zu bleiben, andrerseits um ihre klimatischen Verhältnisse 
zu studieren. Hulda schleppt aus den Bibliotheken OrnamentLücher 
und Atlanten herbei, deren sinnloses Liniengekräusel ihn in musika 
lische Stimmung versetzt. Der Anzug verlangt vor allem, gewendet 
zu werden. Das Innere soll nach außen kommen; zu moralischen 
Zwecken. Miecklowicz scheut vor den einschneidendsten Maßnahmen 
nicht zurück: verjüngt die Hosenbeine nach oben wie dorische 
Säulen, bringt Geheimfächer an, deren Ort niemand erfährt. Der 
adligen Herkunft des Anzugs wegen umzäunt er ihn rings mit 
Schnüren und Tressen. Wundersam gerät das Blumenknopf 
loch in der Höhe, ein mit Dünndraht umwobener Schlitz, dessen 
Konstruktion die großen Schneider ängstlich verschweigen 
Miecklowicz hat das Verfahren selbsttätig ergründet. Das Loch ist 
für gewöhnlich verschlossen und öffnet sich nur auf ein bestimmtes 
Losungswort. Ein eigener Kurierdienst, den Hulda versieht, über 
mittelt der Beletage stündlich Meldungen aus dem Operations 
gebiet. Bei entscheidenden Siegen wird festlich geflaggt. 
An einem wolkenlosen Sommerabend — die Reseden blühen 
gerade — schlüpft die Zentimeterschlange zur Beletage herein und 
kündigt den Tanzanzug an. Er erscheint, von Miecklowicz in 
weißen Glaceehandschuhen geleitet. Die beiden Damen behaupten, 
ihn nicht zu kennen; mit wem sie die Ehre hätten? Der Tanzanzug 
empfindet Genugtuung über seine blouveaute. Nachdem die 
jüngsten gesellschaftlichen Ereignisse besprochen sind, wird im Scherz 
die Frage aufgeworfen, ob der Gast und der Etageherr wohl zuein 
nmäe. Der Tanzanzug bemerkt ihn nicht, er hat sich mit einem 
Kostüm eingelassen, Jugendfeuer durchströmt ihn. Recht so, nickt 
Miecklowicz und stößt entzückt seine Nachbarn an, die durch ge 
waltige Operngläser starren. Seine Berührungen werden als peinlich 
empfunden, man droht ihm mit Räumung. 
Ernüchtert ruft Miecklowicz seinen Tanzanzug zu sich, um zur 
Dauertrennung zu schreiten. Der aber tut, als höre er nicht, und 
kehrt der Barriere den gutsitzenden Rücken. Kleine Leute, nicht von 
heute ... 
Miecklowicz, von Schöpferbitterkeit erfüllt, gibt der Schlange 
das verabredete Zeichen. Schon fchwingt sie sich zum letzten Liebes 
dienst kuppelan. Doch es kommt nicht zum Schlimmsten. 
Zufällig weilt in Miecklowicz' Nähe ein großer Schneider, der 
in dunkel Sakko sich auf einer Inspektionsreise befindet. 
Die großen Schneider, muß man wissen, kontrollieren persönlich 
die Bewegungen sämtlicher Tanzanzüge der Welt. Der Inspekteur 
ist nicyt wenig überrascht, im Orion-Palast einen ungebuchten 
Tänzer zu treffen. „Man wird ihn melden müssen", sagt er vor 
sich hin und notiert die Zeit der Begegnung. Im übrigen kann 
er, ihm die Achtung nicht versagen; sind auch leichte Regelwidrig 
keiten festzustellen, die Gesamterscheinung hat erste Rasse. Aus ge 
wissen Anzeichen folgert er, daß der Tanzanzug zu Miecklowicz in 
Beziehung stehe. Er fällt zur rechten Zeit der Schlange in die 
Windungen und verhindert so den frühen Stecknadeltod. 
Hinter den Vorhängen einer Wandnische zieht der Inspekteur 
den Geretteten ins Gespräch. Gütig erkundigt er sich nach seinen 
lokalen Umständen, nicht ohne Marengos tänzerische Eigenkultur zu 
ander paßten. Ein unverbindlicher Versuch ergibt, daß dieser dem 
Tänzer wie angegossen sitzt. Man beglückwünscht sich gegenseitig, 
Bitten um dauernde Vereinigung werden geäußert. Leutselig läßt 
der Tanzanzug durchblicken, daß er einem solchen Aufgebot von 
Liebenswürdigkeit nicht zu widerstehen vermöge. Erneuter Austausch 
von Höflichkeiten, die Freude ist groß. Miecklowicz richtet eigen 
händig eine Schrankwohnung ein, die er, schnellerer Ein 
gewöhnung halber, mit Lackstiefeln und Parkettgetäfel auszustatten 
empfiehlt. Da dem Tänzer Rührszenen zuwider, zieht er sich sofort 
in seine Gemächer zurück. 
Der Abschied verwirrt Miecklowicz' Geist. Er erklärt den Be 
wohnern der Wendeltreppe, daß er zu den großen Schneidern gehöre, 
und verlangt den ihnen zukommenden Gruß. Bügelkundschaft wirft 
er hinaus. Seine Frau nagt am Hungertuch, während die Reseden 
drunten verblühen. Sie bemüht sich, ihn zu den Hosenböden zurück- 
zulocken, die er früher mit Stickereien fchmüche. Wütend schreibt er 
mit Kreide auf einen: „Kann sich selbst". Nur noch Marengo erkennt 
er an, die Sonne ist ihm die von Austerlitz. Hulda, deren Vor 
namen er vergessen hat, muß ein Türschild malen: „Miecklowicz, 
Schöpfer von Kreationen". Da infolge des staListischen Geburten 
rückgangs immer weniger Anzüge sich zeugen lassen, läuft er stunden 
lang allein und unbeschätigt zwischen den Schnittmuster-Alleen um 
her. Die Seeluft von Monaco schlägt bei ihm an; seine Gesichtsfarbe 
bräunt sich, ein Bauch entsteht. Der Verkehr mit den mondänen 
Kostümen festigt in ihm die Ueberzeugung, daß er ihresgleichen 
sei. Er verwechselt sich mit dem Tanzanzug und lebt als dieser. 
Seine Schritte sind geziert, er speist im Schränk. Abends sagt er 
zu seiner Frau: „Hänge mich über den Bügel!" Sorgfältig läßt 
er sich von ihr in Seidenpapier einhüllen, dann schläft er auf dem 
Kopfe stehend, um sich zu schonen. 
In einem seltenen Anfall von Klarheit beschließt er zu sterben. 
Miecklowicz ist ein Hochgenie, Miecklowicz macht nicht mehr mit. 
Nur will er einmal noch vor dem Ende seinen Tanzanzug sehen. 
Hulda erfährt, daß der Tänzer sich allnächtlich in den Tanzpalast 
Orion verfüge. Furchtlos schleicht ihm Miecklowicz nach, einzig 
von seiner treuen Schlange gefolgt. Er hat sie über und über mit 
Stecknadeln bespickt, damit ihre Umarmung späterhin tödlich sei. 
Der Palast wird von einer Livree bewacht. Miecklowicz poliert 
ihr die Knöpfe, worauf sie zur Seite entweicht. Das Zentimeter 
band weigert sich, in der Garderobe zu bleiben, niemand wagt es 
zu halten. Man verweist es mit seinem Herrn auf die Zuschauer 
tribüne, unmittelbar hinter die Barriere. Verschiedene Anzüge er 
regen das Mißfallen Miecklowicz'. Graue Wollwaren tummeln sich 
in Menge, es fehlten noch Trikotagen. Seinen nahen Tod ver 
gessend, nimmt er sich vor, bei dem Direktor Beschwerde zu führen. 
Endlich gewahrt er den MarengoLänzer. Das Gesäß duftig, wie von 
einer leichten Brise gebläht, diskrete Manieren, jeder Zoll 
Der Hanzanzug. 
Von Raca. 
Ein Märchen. 
Der Reparaiurschneider Miecklowicz bewohnt mit Frau 
und Nähmaschine eine Dachkammerpoesie, die am oberen Ende 
einer Wendeltreppe aufgestockt ist. Während er Hosenröhren aus- 
fegt, blickt er auf die Frühjahrs- und Herbstkostüme, die an der 
Wand in den Schnittmuster Alleen sich , ergehen; im Hintergrund 
liegt Monaco. Das Töchterchen heißt Hulda, es ist jung genug, 
um noch einen Vornamen zu tragen. 
Eines Tages wird Miecklowicz in die Beletage bestellt. Von 
Stecknadeln besät, fliegt er die Wendeltreppe herunter. Das Zenti 
meterband umkringelt ihn mehrfach; eine Hausschlange, gezähmt. 
Eigentlich ist sie ein Luxus, die meisten Kunden sind verkommene 
Bügelfalten. In der Beletage empfängt ihn ein betagter Ausgeh- 
anzug in Schwarz, den zwei ältere Damen bedienen. Der Anzug, 
der sich noch bei Kräften fühlt, wünscht fortan von dem jungen 
Etageherrn betreut zu werden, dessen Vorfahren ihn bereits trugen. 
„Immer rüstig", sagt Miecklowicz ausmunternd und rühmt seinen 
Familiensinn. Der junge Herr kommt auf unsichtbaren Rollschuhen 
angesaust, aus dem Geschäft, in das Geschäft. Mitleidig streichelt 
Miecklowicz den Anzug. Die Damen erzählen aus seiner Ver 
gangenheit und entblößen Verletzungen, die er bei ehrenvollen 
Sitzgelegenheiten erlitt. Der Anzug schämt sich. Miecklowicz prüft 
seinen Stammbaum; Marengo uralt, geht auf die Schafe des 
englischen Hochadels zurück. Die Anwesenden sind feierlich ge 
stimmt, denken an König Jakob I. 
Nach kleiner Andachtspause wird von den Damen schlichte Ver 
jüngung vorgeschlagen, nur wenig auf Taille. Empört wendet sich 
der junge Herr gegen abgelebte Fassons. 'Die Zivilisation läßt 
sich nicht länger mehr aufhalten, neue Bars sprossen täglich aus 
den Ruinen. Im Namen der Jugend fordert er allgemein: Tanz 
anzug von neuester Modernität. 
Das zu Boden gefallene Zentimeters and kriecht mit ge 
sträubten Schuppen von bannen. Tanzanzüge dürfen, wie sein Herr 
ihm öfters berichtet, nur von den großen Schneidern angelegt 
werden. Ihre Errichtung vollzieht sich nach gewissen in den 
Geheimarchiven aufbewahrten Vorschriften, die den Reparatur 
schneidern unzugänglich sind; jedes Kleidungswer? wird standes 
amtlich gebucht. Miecklowicz ist um so verzagter, als es sich in 
diesem Falle nicht allein um eine Neugestaltung, sondern um die 
bei weitem schwierigere Umzeugung eines Ausgehers in einen 
Tänzer handelt. Traurig winkt er seinem Zentimeter, entschlossen, 
ZU gehen. Seine Spezialität sind bisher Gesäße gewesen; sollen 
Hoffnungen ihn verführen, die wie Nähte zerplatzen? Auch das 
kleinste Hinterteil dient dem Ganzen.
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        Meerphantasie wird wirklich hie und da eingehott. 
raaa. 
loben. Die aus einfachen Reparaturen geschöpften Ansichten 
Miecklowicz' über schwierige Detailfragen setzen ihn in berechtigtes 
Erstaunen. Er verspricht, bei dem nächsten Schneiderkongreß vor 
stellig zu werden. Zum Abschied streichelt er den Zentimeter, der 
ihn dankbar umwickelt. 
Miecklowicz" Geschick nimmt nun seinen Höhenflug. Sogleich 
nach Fertigstellung des Kongresses — seine Frau hat gerade das 
Hungertuch zernagt — wird er zum großen Schneider ernannt. Auch 
erhält er einen besonderen Ausweis, der ihn zum Besuch der Ge 
heimarchive ermächtigt. Die Zeitungen bringen sein Bild; ihm zu 
Füßen Hulda, die mit der neu angestrichenen Schlange spielt. Unter 
den Gratulanten, die auf der Wendeltreppe anstehen, findet 
sich als einer der ersten der Tanzanzug ein. Miecklowicz, wortlos 
verzeihend, bügelt ihn auf. Ueber kurze Frist wird ihm die Dach 
kammerpoesie zu eng. Er siedelt samt ganz Monaco in ein Keller 
lochatelier um, wo er ein großes unterirdisches Reich errichtet. 
Schmucke Tänzer mit Revers und Galons strömen täglich dort ein 
und aus. 
Nicht von dem ^-rel allein geht hier die Bezauberuna aus; 
vielmehr von dem Wesen, das ist. Es tritt auch ohne die Stimme 
-hervor. Es drückt sich in dem Verhältnis der Stirn zur Nase aus, 
es stellt sich im Gehen dar, im Lauf durch den Garten. Die Ge 
stalt schon redet, noch ehe geredet wird. Sie birgt die Gegensätze 
ineinander. Das Gesicht ist naiv und verderbt zugleich, jung und 
alt, fraulich und knabenhaft. Dieses Unbestimmbare des Wesens 
ist es recht eigentlich, dessen Bild erregt. Das Wesen weist über 
das Geschlecht hinaus. 
Darum auch mag die Bergner sich gern in Hosenrollen zeigen. 
Sie wird dann zur Mignon, jenseits von Mann und Frau. Denn 
das ist entscheidend: als Junge ist sie nicht männlich, als Mädchen 
nicht nur Weib. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß ihr Sein 
zwischen Frau und Mann seine Stelle habe; geprägt wird es 
von einem geistigen Bereich aus, der oberhalb der Unterscheidung 
von männlich und weiblich liegt. Das Androgynenhafts verleiht der 
Bergner jene Zweideutigkeit, die nirgends eine Grenze finden läßt 
und ihre Gestatt zum Geheimnis macht. 
(Bei Gelegenheit der Frankfurter Erst-Aufführung des Ufa 
Films „Der Geiger von Florenz"). raca. 
Der Hochtwrrat v-m Panmrur. Die Marinefilme sind 
durch den „Panzerkreuzer Potemkln^, so scheint es, in Mode ge 
kommen. Dieser Panama-Film, den die Neue LichtLühne 
und die Kammer-Lichtstziele zeigen, ist zum mindesten 
ein pompöses Marinestück mit spannender Handlung Sein Held 
ein Kapitän der amerikanischen Flotte der von dem Geheimdienst 
des Marineamts in Washington beauftragt wird, die Spione und 
Sendlinge feindlicher Mächte unschädlich zu machen, die den 
Panama-Kanal in die Luft sprengen wollen. Er hat eine schwere 
Ausgabe übernommen, in deren Verfolg er es schweigend erdulden 
muß, daß man ihn aus der Flotte ausstößt, damit die Gegner ein 
umso größeres Vertrauen zu ihm fassen. Diese Einzelheiten sind 
interessant, sie veranschaulichen das Verfahren, nach dem der Ge 
heimdienst, unabhängig selbst von den offiziellen Marinestellen, seine 
Zwecke zu erreichen sucht. Zum Schlüsse schürzt sich der Knoten drama 
tisch: die Spione wollen die Minen sprengen und im letzten Augen 
blick erst gelingt es dem Kapitän, die Admiralität von dem An 
schlag zu verständigen und so die Zerstörung der Flotte zu ver 
hindern. Er wird gebührend gefeiert und gewinnt der amerikani 
schen Flotte die begehrte Popularität. Die Ausnahmen sind groß 
zügig und geben eine Reihe guter Bilder aus dem Leben der! 
amerikanischen Marine: Fragmente des Kadettendaseins, Kreuzer-; 
Evolutionen, Tätigkeit der Zentrale. Auch die Frauen spielen 
übrigens als Spioninnen und Familienmütter in diesem Männer 
film ihre Rolle. — Das Beiprogramm ist gleichfalls amerikanisch. 
Man sieht wieder einmal Dodo, wie er, traurig und klein, über- 
die grobe Gewalt der Sachen und Menschen zuletzt doch triumphiert. 
Ferner einen Fox-Film, der unter und über dem Wasser spielt 
und durch seine submarinen Plänkeleien mit unwahrscheinlichen 
Fischungetümen drollige Wirkungen erzielt. r?ca. 
— Hermy Porten doppelt. Der Film: „Wehe, wemn sie 
tosgelassender in den Ufa-Lichtspielen läuft, 
zeigt sie als Dame und Küchenfee. Da man nicht recht weiß, was 
man dem Publikum vorsetzen soll, hat man wieder einmal die 
Nora aus dem Schubkasten geholt und laßt Henny-als unver 
standene Blondine Unfug anrichten. Zu einer Zeit, in der die 
Mehrzahl der Frauen im Erwerbsleben steht, emanzipiert sie sich 
so antiquiert und töricht, als ob es Frauenberufe gar nicht gäbe. 
In ihrer wunderschönen Villa mit der Mechten Badeeinrichtung 
freilich mag sie dergleichen nicht gewahr geworden sein. So läuft 
sie ihrem Mann, dem großfabrikantenhäften Bruno Kastner, 
schnurstracks davon, um in Tätigkeiten hinein zu geraten, die sie 
nicht versteht. Stellt sich Lei einem Friseur schlecht an, geht — 
natürlich — zum Film, wo sie auch versagt. Das süße Frauchen, 
das arme Frauchen, von allen verstoßen, übernachter sie in einem 
Lrambahnhäuschen bei stürmendem Regen. Als Dienstmagd ver 
kleidet, um auch diese Seite des Lebens auszuprobieren, kehrt sie 
dann in ihr trautes^Heim zurück. Der GroßfabriLant, ein rechter 
Petrucchio, schindet sie ein bißchen — keine Sorge, es tut 'nicht 
weh -- und feiert zuletzt mit seiner gezähmten Widerspenstigen 
Leim Sekt ein erneutes Eheglück. — Warum die Handlung fo fad 
sein muß, damit Henny Porten eine entzückende Doppelrolle spielt, 
ist nicht. recht einzusehen. Das Groteske liegt ihr übrigens dieses 
Mas besser als das Frauliche, die Magdmanieren gelingen ihr 
waschecht. Ein kleines Meisterstück ist Kurt Bois' östlicher Jung-, 
ling, stets in Geldnöten, schmierig und seelenvoll. Wie er frißt und 
tanzt: es ist gesehen, ist in Berlin gesehen. Einige Szenen gehen 
ihrer Situationskomik wegen zum Lachen, das Filmtechnische ist 
vorzüglich bewältigt. —- Das Beiprogramm bringt einen inter 
essanten Sportfilm: Winter in St. Moritz. raaa. 
Der blaue Tiger. 
— Ein veristischer amerikanischer Riesenfilm, der in der Südsee 
spielt, irgendwo an der javanischen Küste. Er stellt ein See 
abenteuer dar, wie es die Kurden entzückt, Sealssield und Kapitän 
Marryat werden lebendig. Der Held, den John Barrymore 
gefühlvoll, wild und wetterfest verkörpert, ist ein WalftschjLg^r 
auf einem romantischen Segelschiff, und der blaue Tiger ist der 
größte Walfisch der Meere, eine mythische Urgestalt: nicht aus 
dem George-Kreis, sondern in der Phantasie der Seeleute, die 
ihn als den leibhaften Scheitan fürchten. Er frißt Menschen, und 
er schnappt auch unserem Helden das Bein weg, den sein Stief 
bruder im rechten Augenblick ins Meer gestürzt hat, um ihm 
wiederum das geliebte Mädchen wegzuschnappen. Die aber ist 
treu, eine echte Seemannsbraut, und nur die Ränke des Böse 
wichts verhindern, daß der Krüppel von ihrer Treue erfährt. Als 
Kapitän befählst er fortan einsam mit seinem Holzbein die Meer:, 
nur von dem einen Gedanken beseelt: den blauen Tiger zur 
Strecke zu bringen. Er jagt, ein fliegender Holländer und die 
Inkarnation von Jungensträumen über die Fluten und erlegt 
auch in einer SLurmnacht, deren Höllenpracht ihresgleichen sucht, 
den mythischen Urwal. Auch die Abrechnung mit dem Stiefbruder 
geht vonstatten, und in der Heimat findet er zuletzt die verloren 
Geglaubte, die auf ihn nicht mehr hoffte . . . 
„Wenn Meer und Himmel sich berühren" heißt 
der Film; er spielt in den Bieberbau-Lichtspielen. 
Seine Aufmachung ist großartig und sehenswert. Man trägt in 
ihm die Kostüme des vorigen Jahrhunderts, das Zeitkolorit ist 
peinlich gewahrt. Verrät auch das javanische Milieu seine Her 
kunft aus dem Atelier — das Meer ist echt, es überschwemm' 
naturgetreu das Segelschiff und rafft sich gar zu einer Hose auf 
Ueberzeugend sind auch die Schiffertypen, die malayischen Vor 
allem. An den Dimensionen ist nirgends gespart, die Raum- und 
I. v. 
—- Gastspiel Till« Durieux i« Fraukfmrt.l Im Frankfurter 
N«ueu Theater spielte Tilla Durieux mit eigenem Ensemble einen 
(von Harry Kahn verdeutschten) Dreiakter des .Italieners N i c o - 
demi: „Der Schatten". Das Stück beschwört mit ganz ge 
schickt geführten Dialogen einen Seelenkvnflikt herauf, aus dem es 
sich dann nicht zu helfen weiß. Eine seit langem gelähmte Frau 
hat einen kerngesunden Künstler zum Mann, der hei aller Zärtlich 
keit für sie mit ihrer Freundin eine geheim gehaltene Beziehung 
eingeht, wie sie -seiner Gesundheit Zukommt. In dem Augenblick, 
da die Legalisierung dieser Beziehung sich als notwendig erweist, 
wird die Kranke wieder gesund und entdeckt das hinter ihrem 
Rollstuhl betriebene Liebeslsben. Was nun? Wird eine der Ueber- 
zähligen beiseite geschafft? Empfiehlt sich Wiedervereinigung oder 
Scheidung? Der in seiner eigenen Schlinge gefangene Autor kann 
sich vor lauter Seelentum zu nichts entschließen und läßt darum 
die arme Frau an der Seite ihres Mannes als resignierten 
„Schatten" weiter leben; woraus die Schattenhaftigkeit dieser 
Sorte von Psychologie drastisch erhellt. Die -große und bewußte 
Kunst der Frau Durieu x indessen vermag, auch Schatten das 
Leben Zu schenken. Sie gab die Gelähmte in einem unerhört ge 
sammelten Spiel, das von den leisesten nervösen Regungen bis zu 
den schnell gehemmten Entladungen des gebrochenen Wesens über 
jedes darstellerische Zeichen gebot. Wie sie im Krankenstuhl mit dem 
Megelhaften Gesicht die Schwingungen des Unterbewußten mit 
einbezog; wie sie beim ersten Gebrauch der fremd gewordenen 
Hände genau M Hone zwischen Lacher, und Weinen traf; wie ihr " 
! Gang am Kruchiock sprach und ihre Stimme nach der Entdeckung', 
dW LrebesverhaltmM sich ins Dunkle verkroch — dem bleibt! 
.E^mznzuf^ Aus der wundersamen Kalte des groß- ! 
rÄ-Intellekts stammt dieses Spiel; es ist unmythifch 
schlechthmUmso ergreifender, wenn zuletzt doch die arme, ferne 
Natur LurchMagt und in den Bereichen des Durchsichtigen, 
Gläsernen sich manifestiert. Der seriöse Arzt Ernst Karchows 
und Ernst Stahl-Nachbaur als der durch den Autor in 
immerwährende Verlegenheit gesetzte Gatte hoben sich aus dem 
Ensemble hervor. Frau Durieux mußte oft erscheinen. Lr. 
-- ^Elisabeth Bergner im Film.I Sie ist ein in den Vater 
verliebtes junges Mädchen, das auf seine neue Stiefmutter eifer 
süchtig ist. Sie wird in ein Institut nach Lausanne geschickt, wo 
sie sich als Wildfang gebärdet. Sie verwandelt sich in einen 
italienischen Gassenjungen, um über die Grenze zu fliehen. Auf 
einer toskanischen Landstraße spielt sie die Geige, von Kindern 
umringt. Ein Maler greift den Laugenichts auf, der fs jung und 
wie von Eichendorff ist, und nimmt ihn mit nach Florenz, wo er / 
ihn malt und liebt. Sie ist Lei der SchlußapotWe ein in den 
Maler verliebtes junges Mädchen.
        <pb n="39" />
        LOLULirSLH 
sriedigen 
gebärdet 
ohne 
täuscht 
^Rudolf Schildkraut im Film.Z Er ist ein nach Amerika 
ausgewanderter Ghettojude, der seinen Verkaufsstand im NewAorker 
Judenviertel hat. Er hat einen guten Sohn und einen Lösen. 
Diesen, der ein Streber ist und ihn verleugnet, liebt er mit blinder 
Vaterliebe; jenem, der Zeitungen verkauft und Boxkämpfe aus- 
ficht, um die Eltern zu unterstützen, weist er das Haus. Sehr 
einfach, ein Reißer mit Rührszenen, die Amerikaner mögen das. 
Auch der gute Ausgang ist garantiert. Im letzten Augenblick ent 
deckt das Strebersöhnchen sein besseres Ich, und den Boxer, einen 
entzückenden Jungen übrigens, bittet der Vater um Verzeihung 
Er entdeckt, daß nicht das Studium allein selig macht, sondern 
auch der Boxsport. Die Amerikaner mögen das. Man hat als 
ein auf Tragik geaichter Europäer das verbriefte Recht, ihre Primi 
tivität zu schelten und ihre Filme sentimental zu heißen. Sie 
sind es, in der Tat. Aber die Tragik bei uns ist dafür nicht selten 
senil; von dem Seelenleben zu schweigen. 
* 
Schildkraut ist der Vater mit dem Patriarchenbari aus dem 
und die Göttinnen ver ¬ 
sprechen ihm nichts weiter 
mehr als sich selber. Dafür 
ist auch der Apfel nicht aus 
Gold. — Der Weihnachts 
baum ist ein besonders 
dankbares Kitschmotiv. Er 
wird Zur leeren Schablone, 
wenn man ein gesellschaft 
liches Ereignis aus ihm 
macht, zu einer Dekoration, 
die gerade gut genug zum 
Photographieren ist. Sie ist 
kitschig, weil sie nicht Ge 
fühle vermittelt, sondern 
lediglich ihren Schein. — 
Wundersam ist auch der 
Nixenhaufen, der sich aus 
Wagner und Böcklin in den 
Film: „Wenn, wir Frauen 
träumen" verirrt hat. Viele 
Männer mögen sich solchen 
Massenkonsum erträumen: 
nun haben sie ihn im Bild, 
mit Poseidon und Tritonen 
obendrein.Die mmhologiscke 
Aufmachung soll die Begier 
den adeln, deren schlecht 
sitzendes Gewand sie ist. 
Würdigt der Kitsch auf der 
einen Seite das Wirkliche 
zur Nichtigkeit herab, so 
sucht er auf der anderen dem 
Nichts die Würde der Wirk 
lichkeit zu verleihen. Ein 
Filmball wird dargestellt: 
man glaubt den Sekt in den 
Gläsern, vermutet Gespräche, 
die das Lächeln der Herren 
und Damen begründen. 
Doch der Sekt prickelt so 
wenig wie die Gespräche, es 
ist alles Fassade, wie die 
Hemdbrüste und Spitzen. 
Das Hohle gebärdet sich als 
ein Etwas und ist auch 
vielleicht etwas, wenn man 
um seine Hohlheit weiß. 
kr. 
ihn zu durchschauen. Es ist 
nicht schwer und jedenfalls 
lohnend. Hat man ihm erst 
die Larve abgerissen und 
die Stelzen unter den Bei 
ner; entfernt, so steht er da 
als das, was er eigentlich 
ist: als blanker Kitsch, der 
nach der Demaskierung ein 
durchaus rechtmäßiges Da 
sein führt, unter Umstän 
den vergnüglich ist und das 
gute Gewissen für sich in 
Anspruch nehmen darf. 
Der Edelkitsch auf unse 
ren Bildern enthüllt sich 
ohne Schwierigkeit, wenn 
man die Darstellungen ihres 
Ernstes beraubt. Unbezahl 
bar ist die Szene von der 
Wiener Modeschau: eine 
Kombination von Mannes 
guin, Betten und Linie - 
rendem Publikum. Während 
die Besucher ihren Reh 
rücken essen. Zieht sich das 
Mädchen aus; beim Dessert 
legt sie sich ins Bett. Alles 
wegen der Steppdecke und 
der Dessous. Das Orchester 
im Hintergrund begleitet 
die lüsternen Gefühle im 
Vordergrund. Kitschig ist 
die ungehemmte Vermen- 
gung der verschiedensten 
Interessen, die Schaustel 
lung eines Schlafzimmer 
Fragments inmitten der 
Tafelfreuden zu geschäft- 
lrchen Zwecken. 
Gerne vergreift sich der 
Kitsch an den großen Ge 
halten, die aber dadurch, 
daß sie ihm verfallen, im 
merhin aufbewahrt bleiben. 
Paris ist auf den Hund 
gekommen, indem er in der 
Revue wieder aufersteht, 
eele zu haben, und 
Schicksale vor, die 
keine und. Er ist ein Surro 
gat, dem die Unbekümmert 
neil des offenbaren Kitsches 
bei weitem vorgezogen zu 
werden verdient. 
Da er sich durch Dekrete 
nicht abschassen läßt, wird 
nrarr sich bemühen müßen. 
Dieser Edelkitsch 
sich seelenhaN, 
Der Schildkraut-Film: „Seine Söhne" läuft Zur Zeit in 
mehreren Frankfurter Lichtspielbühnen (Hohenzollern-, 
Scala- und Hansatheater). __ raca. 
— Lindenfels (im Odenwald). Der vielbesuchte Ort liegt in 
mitten des Odenwalds, Zu dessen schönsten Sommerfrischen er gehört. 
Von der Schnellzugsstation Bensheim aus — einem der Haupt 
punkte der Bergstraße, mit guten Unterkünften und angenehmen 
Spaziergänger; — fährt das Postauto in einer knappen Stunde nach ' 
Lindenfels hinan. Schon von weitem erblickt man die Burg mit 
dem Städtchen: ein altertümlicher in sich geschlossener Architektur 
komplex, der sich organisch in die Landschaft fügt, die er krönt. Für 
die Autofahrer wie die Touristen ist hier gleicherweise gesorgt. Jene , 
haben auskömmliche Chausseen zur Verfügung, die nach allen Sei 
ten sich verzweigen. Diese brauchen unter der Unzahl der kleineren 
und größeren Ausflüge nur zu wählen; auch als Standquartier für 
zwei- oder dreitägige Exkursionen kommt Lindenfels in Betracht. 
Wer der Ruhe pflegen will, mag sich an der Aussicht ergötzen, die 
ein weites Hügelrund umfaßt. An einfachen und besseren Gast 
höfen ist kein Mangel. Auch zum Tanzen findet sich Gelegenheit. 
gen sind von den Vätern vererbt, die es wieder von ihren Vätern 
haben. Das Wörterbuch dieser Gebärdensprache ist umstrngreicher ' 
als das Grimmsche. Er hat große Szenen im Film. In einem 
Trödelladen will er seinen Pelzmantel verkaufen, ein Inventar 
stück aus biblischen Zeiten; damit der geliebte Sprößling Zu Geld 
kommt. Für 10 Dollars nur? Sein Blick wird starr, er zieht den 
Mantel an. Vom Trödler zurückgehalten, legt er den Mantel 
wieder ab. 15 Dollar? Er zieht den Mantel an. Dreimal an 
«nd kmuer KaHos^ -lÄeK M er doch be ¬ 
trogen. Dann geht er durch das Schneegestöber heim. Das heißt, 
er geht nicht, er schleicht mit ängstlich auseinandergespreizten 
Beinen, und schlägt zu Boden, uralt; ein Martyrium. Dann 
kommt der kranke Patriarch unerwartet zur Hochzeit seines Sohnes, 
erscheint wie Bankos Geist — ein Shakespeare ist der Filmdichter 
nicht — vor der Tafelrunde, New Uork, 5th Avenue, und der 
Sohn, dieser Schlingel, behauptet ihm ins Angesicht hinein, keinen 
Vater nicht zu haben. Er ist sehr still, geradezu höflich, lächelt 
mit dem Mund und verläßt den Raum. Weiß der Himmel, der 
Raum erstarrt, wie er, ganz Rücken nur, hinausstapft. 
Die Regie hat gut gearbeitet. Die Straßenszenen mit den 
vielen Kindern und den Hochbahnen dahinter machen sich echt. 
An einer endlosenMauer klebt ein Balkönchen, einsam und ver 
schollen. ein lyrisches Gedicht. Der Schnee ist aus Schnee. Das 
Boxer-Meeting spielt in einer vollbesetzten, ungeheuren Halle, die 
Bildausschnitte summieren sich im Flug aus Großaufnahmen, 
Publikum und Gesamtaspekten. Eine Konferenz von Sportgrößen 
hat die würdige Miene, die ihr zusteht, gewichtiger als ein Minister 
rat. Das Milieu rund herum ist von dem Geist des Judentums 
erfüllt, ja, sogar für die Versöhnung der Konfessionen haben die 
Veranstalter gesorgt. 
Die Gebildeten entrüsten 
sick imnun noch viel zu seln 
über dorr Kitsch, ^ie sollten 
es nur mit Vorbehalt tun. 
Jeder Mensch hat den Hana 
zum Kirsch, ob er ihn ein- 
gestebt oder nicht: jeder 
Mensch das Recht aus ihn. 
Man kann nicht stets mir 
den; vollen Einsatz seiner 
brüste leben und zudem: 
der Kitsch drückt, wie bar 
barisch immer, die primi 
tiven sinnlichen und geim 
perl Wünsche des Menschen 
unverstellt aus. Wer wäre 
nicht als Bub über den 
Edelmut Winnetous be 
glückt gewesen, wer hätte 
sich nicht willig-unwillig 
von der Süßigkeit eines 
Speretteuschsagers sangen 
lassen, die wie die 2utsch- 
nange der Jahrmärkte 
schmeckte? 
Bedenklich wird der Kitsch 
nur, wenn er sich künstle 
risch gibt. Er erweckt dann 
bei der unkritischen Menge 
den Anschein, als könne er 
die höheren Bedürfnisse be-
        <pb n="40" />
        Zwischen den Nummern treiben die Clowns und Auguste 
ihren traditionellen Schabernack. Wenn sie hinter den Eisengittern 
knurren, lacht das Kind im Manne. Sie möchten auch elastisch 
und linisnhast sein, aber es will nicht recht, die Elefanten sind 
geschickter, man hat zu viel innere Widerstände, irgend ein Kobold 
macht einen Strich durch die ausgeklügelte Rechnung. Auf dem 
Kopf führt einer ein piepsendes Wägelchen mit sich. Sie sind so 
talentvoll, sie bemühen sich so sehr, und doch gelingt kein Zauber 
trick, es sei denn der unbeabsichtigte, den sie nicht wollen, die Ma 
terie stellt ihnen ein Bein, ihr liegt nichts daran, zu verschwinden, 
lieber erlustigt sie sich harmlos und denkt sich nichts weiter dabei, 
als daß sie eben vorhanden ist. 
Die Fauna bewegt sich rhythmisch Md bildet geometrische Mu 
ster. Da ist von Dumpfheit nichts mehr geblieben. Wie das 
Anorganische Zu Kristallen zusammenschießt, so fährt der lebenden 
Natur die Mathematik in die Glieder, und Klänge regeln die 
Triebe. Die Tierwelt auch bekennt sich zum Jazz. Unter Hackan- 
son PstolettiZ Schenkeldruck tanzt ein Vollbluthengst die Valencia 
und glänzt in Synkopen; obwohl er aus Hannover stammt. Die 
Elen-Antilope und das hochbeinige Guano co haben ihre 
SpringtalenLe ausgebildet. Jedes Tier wirkt nach seinem Ver 
mögen an dem Aufbau des Figurenreichs mit. Fromme Brah- 
minen-Zebus, schwarze tibetanische Kragenbären und Elefanten- 
wassivs: alle fügen sich den Gedanken, die sie nicht gedacht. Sie 
harren still auf Bütten als lebende Bilder, stellen die grade Linie 
dar, sammeln sich zum Punkt und rollen sternengleich auf. Das 
dickste Fell wird von der dünnsten Idee durchdrungen, die Macht 
des Geistes bewährt sich wunderbar. Mitunter scheint er die Natur 
nicht nur hinterrücks zu übsrwältigen, sondern in ihr selber offen 
bar. Die Seelöwen jonglieren, als seien sie von Vernunft beseelt. 
Ihre spitzen Schnauzen werfen hoch und fangen wieder, was 
immer sie von Kapitän von Borstel, ihrem Erzieher, erhalten: 
Fackeln, Bälle, Zylinderhüte. Dazwischen fressen sie Fische Zur 
Stärkung der Halsmuskulatur; durchaus vernünftig. 
Es bedarf der menschlichen Vermittlung, damit die zoologischen 
Kompositionen entstehen. Weiblicher Einfluß bewegt den Wüsten ¬ 
könig dazu, auf dem Rücken eines Gaules sein begrenztes Gebiet zu 
durchstiegen. Madame befiehlt, und er ist ihr zu Willen. Andere 
Großbestien sträuben sich schrecklich. Es widerstrebt ihren Instink 
ten sich im Kreis anzuordnen und gesittet zu springen. Hagen- 
öecks Dompteure aber triumphieren über das Element. Sie 
sind in die Landesfaröen der Tiere gekleidet und verständigen sich 
mit ihnen in ihrem Idiom. Langwierige Unterhandlungen ent- 
-vmnen sich oft. Dem ausdrucksvollen Brüllen und Fauchen wird 
uurch Zwilchenruke begegnet eine erregte parlamentarische Debatte, 
mie Pechche fährt als Präsidentenglocke dazwischen, und am Ende 
bilden sich die tierischen Schnörkel. Auch die menschlichen Leiber 
beteiligen sich mitunter an dem Legespieb Fred Petoletti steht und 
liegt auf wilden Rossen, die Möller Brothers scheinen Centauren, 
die Schwestern Carre aus der alten ZLrkusdhnastie voltigieren rosig 
auf den grauen Pferderücken. 
Die Welt im Stahlheluu Es ist psychologisch verständlich, 
daß die Besatzungsbshörden diesen Fox-Film im Rheinland ver 
boten haben. Sie können ihn ihren Truppen nicht vorsetzen, denn 
er ist gegen den Krieg. Er spielt in England, aber er 
könnte überall spielen. Die Heuchelei der Gesellschaft wird in 
ihm entlarvt. Zwei Offiziere, ein Hauptmann und ein Leut 
nant, lieben das gleiche schöne Mädchen. Sie treibt Schindluder 
mit den beiden und wird zugleich in den Zeitungen des Patrio 
tismus geziehen, weil sie aus Wohltätigkeitsgründen lebende 
Bilder stellt; für unsere Tapferen, draußen im Feld. Die Tan- 
Zereien, die sie in ihren Privaträumen in der Gesellschaft frag 
würdiger Oenüemen Veranstalter, kontrastieren mit den Front 
szenen, in denen es weniger gesellschaftlich zugeht; Die krasse 
Gegenüberstellung der Bilder ist eine unzweideutige Kritik, die 
legitim erbittert. Sie ist es um so mehr, als aus den Vorgängen 
im Feld jene oft vergessene Wahrheit hervortritt: daß an der 
Front selber die großen Worte und das falsche Pathos über den 
Alltagsdingen und den kleinen Wirklichkeiten des Lebens zu ihrer 
faktischen Nichtigkeit stets reduziert worden sind. Auch insofern 
ist der Film eine Kritik des Krieges, als er keine Schmähungen 
des Feindes, keine Verkündigungen eigener Herrlichkeit «enthält, s 
Man sieht Soldaten im Schützengraben, denen es dreckig geht, es - 
schießt und explodiert glaubhaft; das ist alles. Zwischen den; 
Trümmern und in den Baracken entwickeln sich dann die verschie 
denen MensMichkeiten. Aber hat es auch öfters den Anschein, 
als sei der Krieg nur die Staffage für das übliche Gesellschafts 
stück, so überwiegen doch die Bilder, die richtig demaskieren. 
Vor allem die Ereignisse im Feuer sind genau und überzeugend 
wiedergegeben. Einer der Leutnants enthüllt den Schein des 
Heroismus, der einer der schlimmsten Kriegsfassaden gewesen ist. 
In seinem Gesicht steht der Schrecken während der Beschießung, 
jede Geste versagt ihm, er ist ein armer junger Mensch, von dem 
inmitten dieser Wirklichkeit die Lüge abfällt. Wie der Wacht-; 
meister den Jungen zu beruhigen sucht, es Prägt sich ein. Der ' 
Film läuft in den „B i b e r - B au - Lich t s p i e l e n". 
Zirkus KagwöeE. 
Von Raca. 
Er ist mit seiner großen Menagerie in Frankfurt einge 
zogen; eine Internationale der Tiere. Unter der Zeltleinwauü in 
der Riesenmanege entfalten sie sich, nach ihren Arten geschieden. 
Pferde aus allen Zonen, in ecklen Farben, von Trakehuen bis Ära- ; 
bien ist nur ein Schritt, Alaska hat seine Seelöwec.- Lrige^eu. t, 
Indien Wasserbüffel und Elefanten entsandt. Aus Afrika die 
Dromedare, Kamele und Tigerpferde halten in der Fremde gute; 
Kameradschaft. Die BerLerlöwen und bengalischen Kömgstiger j 
sehen wie aus den Kinderbilderöüchern aus. plötzlich und furcht-; 
bar. Wo die Kontinente beisammen sind, dürfen die Pole nicht 
fehlen. Sie geben, auf einen Wink Amundsens hin, ihre Eis 
bären her und einen See-Elefant e n, der wie eine wabbelige 
Monumental-Schildkrote auf seinem Piedestal sich ausbreitet und 
in Melancholie versinkt Er ist durch eine eigene SüdpMr- 
Expedition nach Deutschland gebracht worden. Es gefällt ihm 
hier nicht. 
Die Jnftl der Traume. Diese Verfilmung des Rosen- 
haynschen Romans, der vsr kurzem in dem zu Frankfurt er 
scheinenden .Illustrierten Blatt" zu Veröffentlichung gelangte 
wird gewiß gerade in unserer Stadt ihre Anziehungskraft aus 
üben. Die Vorgänge sind dem Leserpublikum noch in Erinnerung; 
umso spannender, fie auf der Leinwand aöroSm zu sehen Man 
hat die Schaubühne nach Paris verlegt, das eben Mode P. Im 
übrigen ist dös Handlung ziemlich getreu reproduziert, Sie führt 
rn die große Welt mit ihren russischen Emigranten, den reinen 
Frauen und dem liebenden Amerikaner, der noch rechtzeitig er 
kennt, daß Reichtum nicht alles bedeutet. Harry LiedLke ver 
leiht ihm Smartheit und Zartheit, nur gen Schluß, wenn die 
Lrebe hervorbricht, verrät er berlinerisches Temperament. Es 
whnt sich, da Liane Haid seine Partnerin ist. Sie hat gute 
Momente, wenn sie blauinnig und entMoffen blickt. Wie sie die 
Trotts regiert, muß man sehen, da gibt es nichts zu lachen für 
die allrussischen Gäule. Alfons Fryland stellt den Kavalier 
von Gatten mit Noblesse, Anrüchigkeit rmd ein wenig Schnurr- 
bart in und außerhalb der Gesellschaft, der Typus ist richtig 
getroffen Auch die mehr oder minder fatalen Subjekte ringsum, 
die das Milieu charakterisieren, sind von einiger Echtheit; ein 
französischer Kellner zumal. Im Hintergrund werden russische 
Natronaltanze getanzt; das Schwarze Meer zeigt sich mit Recht 
nur verschämt. Die Ereignisse entwickeln sich Schlag auf Schlag 
und vermögen zu unterhalten. - Der Film wird in den Ufa 
spulen g^igt. Ferner gelangte gestern der Fuß 
aus dem Frankfurter Stadion Zur 
Erstaufführung. Dre 45 AN Zuschauer strömen inS Stadion, 
Spieler und BE werden unter die Zeitlupe genommen, die span- 
n.endsten Ereignisse des Kampfes zergliedert, Berlin erringt sein 
eines Tor Furth seine vier. Die Massen klatschen, winken, jubeln 
und wir stellen Mfriedeu fest, daß sich alles so zuFetragen hat, wie 
es dieser Film berichtet. 
Zu den höchsten Abstraktionen losen sich bis Menschen selber 
auf. Der Mann Heros ist die Kraft schlechthin. Sein gewaltiger 
Körper verflüchtigt sich zu einer physikalischen Idee, wenn er 
Kugeln rollt, die nicht aus Pappe sind. Er schleudert ein Torpedo 
mn die Höhe, hundert Kilo Gewicht, die Eisenmaffs droht 
auf sein Hirn zu fallen, aber blitzschnell beugt er den Kopf und 
empfängt die Last mit dem schwergeprüften Rücken. In den Lüf 
ten lebt sich die Alberty-Trupps aus. Sie ist eine einzige Kom 
bination von Schwüngen. Von Trapez Zu Trapez zieht sie astro 
nomische K u r v en durch den Raum. Eine Dame, Kopf nüch 
unten, ist der Fänger, in dem Festland ihrer Hände gelangen die 
Kurven zum Ziel. Erbhafter sind die arabischen Akrobaten, wenn 
sie auch die Erde nicht häufig berühren. Zehn an der Zahl, 
wachsen sie zu Pyramiden auf, bis mit zwei Beinen nur auf 
dem Boden stehen, und versachlichen sich schreiend zu Rädern. Die 
Seele wird zur Stereometrie. 
Zirkus HagenbeS in Frankfurt. 
Mitten in der Regenperiod« ist er zu unserer Freude Lei 
uns cingezogen, und da sitzt man nun schön trocken unter der 
Zeltleinwand, um die Riesenmannege herum, in der die vielen 
Wunderdinge geschehen. Zur Valencia wird die hohe Schule ge 
ritten, eine römische Zirkusphantasie ersteht, Seelöwen aus Alaska 
longl-eren Bälle und Zylinder, Kamele mit Höckern wie Vulkan 
kegel, feierliche Brahminenzebus, urweltliche Elefanten und Eis- 
oären, schwarze und weiße, machen ihre Evolutionen. Die ganze 
Natur gruppiert sich zu geometrischen Mustern, dank der hervor- 
mgenden Dressuren, die auch den Löwen dazu vermögen, auf einem 
JE nicht von Freiligrath — sein Gebiet zu durchstiegen. 
Seltene Tiere hat Hagenbeck mitgeführt: den Wasserbüffel, 
°en. See-Elefanten, Las Guanaco — man bestaunt sie, wie st« sich 
willig bewegen liegen und springen. Darüber schwingen sich die 
Luftkunstler, und Heros, der Kraftmensch, schwingt die 1VO Kilo 
über sich. Auf der B-arriere Ziehen die Clowns um, stören, unter 
halten, zerstreuen nach alter Zirkus weise. Schrecken verbreiten die 
Löwen im Kreis, aber der Dompteur beherrscht sie. Das Publikum, 
Kinder und Große, klatscht begeistert. In der Pause umgehen 
alle die Zelte und Wagen; hinter Zäunen Hocken die Inder im 
Regen. r-.
        <pb n="41" />
        Melstex äs? KsLULUDZt LTaeLALsos ^StoZSLtr. 
Ole erste äressierte LLen-^ntUope. 
--- Draußen an der landwirtWaWchen Halle -st das 
Riesenzelt cmfgebaut, mit Orchesterpodium am Eingang, 
nach der eckten Zirkusweise. Das Publikum staut sich vor den 
Portalen, immer wieder ist es von diesen Improvisationen 
berauscht, die über Nacht hereinbrechen und eines Tags un 
versehens entschwinden. Um das Zelt steht der Wagenpark, die 
Lichter brennen in den fahrbaren Wohnräumen, romantisch, 
zigeunerhaft, die Knaben träumen davon. Hinter dem Zaun 
hört man es knurren, man ahnt die Ställe und Käfige mit ihren 
Insassen, die exotisch sind. Bald werden sie es nicht mehr 
änderten Zuständen angepaßt und tanzen jetzt die meisten 
Schlager. Eine besondere Verehrung empfinden ste für Alt 
meister Hackanson Petoletti, der mit unvergleichlicher 
Grazie die hohe Schule reitet. Unter seiner Leitung ist 
ihnen kein zu schwierig; man wird nicht oft in den Ball-^ 
sälen die Valencia so haben tanzen sehen. Wenn der Meister 
es will, dann rotten sich die Trakehner zu kunstreichen Figuren 
zusammen, arabische Vollbluthengste spielen Ringelreihn, und 
die genial Begabten stellen sich menschlich auf die Hinterbeine, 
! um nach vorwärts und rückwärts haushoch aufgereckt zu ent- 
I schreiten. 
standsvisite abgestattet. Dafür saß bei der Eröffnungsvor 
stellung das Negerdorf grinsend um die Manege, in dekorativen 
weißen Burnussen, und freute sich über die abessinischen 
Dromedare und die zentralafrikanischen Tigerpferde, die ihnen 
Grüße aus der fernen Heimat brachten. 
Die Hagenbeckfche Menagerie ist ein umfassendes Kompen 
dium der Erdfauna. Man muß die Ställe durchwandern, in 
denen sich die ganze Zoologie ein Stelldichein gibt, wie bei 
einem internationalen Gelehrtenkongreß, nur die besten Ver 
treter sind abgesandt worden. Menschen und Tiere sind auf 
einander eingespielt, man liest sich die Wünsche an den Augen 
ab und geht willfährig auf vernünftige Forderungen der 
Gegenseite ein. Wenn es etwa Herrn Bradüurh Freude macht, 
daß die Elen-Antilope springt, so springt eben die 
Antilope. Sie ist sich nicht zu gut dafür, obwohl ste das 
erste dressierte Tier ihrer Rasse ist. Aber man muß den 
Menschen entgegenkommen, sie sind ein unvermeidliches Uebel. 
Ueber Brahminenzebus, kontemplative indische Rinder, die in 
der Heimat Rabindranath Tagores die Verehrung der 
Gläubigen genießen, fetzt die Antilope hinweg. Sie zieht die 
Beine so hoch-, daß sie über dem Kopf zusammenschlagen, schöne, 
wohlgebildete Beine, wie die vielbeachteten des Läufers 
Nurmi, schwebt für einen Augenblick zeitlupenhaft über den 
buddhistischen Heiligen und landet jenseits sicher auf dem 
Flugplatz. 
Herrliche Evolutionen vollführen die Pferde. Eine Jahr 
hunderte alte Tradition verbindet ste mit den Menschen, in 
deren Dienste sie ihre Schönheit, ihre erlesene Tugend und 
ihre Pferdekräfte von jeher gestellt haben. Schon die Mytho 
logie weiß von ihnen zu berichten. Sie haben sich den ver- 
fein, wenn auch der Mittelstand über Asten fliegen kann. 
Inder und Lappen lagern auf dem Platz, nach Väterart 
angetan, die einen frieren, den andern ist es Zu warm. Sie alle, 
ob sie aus dem Norden oder dem Orient stammen, hegen den 
Wunsch nach Zigaretten, die ein internationaler Bedarfsartikel 
sind wie der Jazz. Die ganze Völkerschau hat gleich nach 
ihrem Eintreffen den Somalinegern im Zoo eine An- 
Geh n wir mal zu hagenbec 
Zeichnungen von Selen.
        <pb n="42" />
        Heros- cksr siarksts -sann. 
QovMs überslLaLäer. 
Es gibt auch Dulder unter den Pferden. Sie tragen, was 
das Schicksal schickt, und wenn es ein Löwe ist. Es ist kein 
Geringerer als ein Löwe, der, angeregt durch Freiligrath, 
auf einem schlichten Gaul seinen Jnspektionsritt durch die 
Manege macht. Friedlich trabt er dahin, es ist alles in Ord 
nung, die Duldermiene des Gauls hellt sich auf. Zwei Damen 
üben einen sänstigenden Einfluß auf das Großkampstier aus: 
Mme. Berthe Haupt, die mit gütigem Peitschenknallen 
die erregten Nerven ihres Schützlings beruhigt, und die be 
tagte Amme des Löwen, eine Foxterrierhündin, die es sich nicht 
nehmen läßt, das Kind auf seiner: Kunstreisen zu begleiten. 
Es ist ihr mittlerweile über den Kopf gewachsen, steht aber 
immer noch! unter dem Pantoffel. Wenn die Amme bellt, duckt 
sich der Löwe still, er hat eine gute Erziehung genossen. Manch- 
Löwen und jagen niemandem Schrecken ein. Sie fassen den 
Vorsatz, einen kleinen Sprung zu tun, und finden nicht die ge 
eignete Stelle für das Wagnis. Ihre Zaubereien mißlingen, 
ihre Akrobatik ist eine einzige Purzelet. Aber wenn sie pur- 
O!e DoMpteuss -IMS, Lsrtks Haupt. 
mal hüpft er anmutig von Podest zu Podest, die Amme ist 
gerührt, wie das Kind so gelehrig ist. 
Ab und zu ziehen sich die Tiere aus der Manege zurück. 
Man kann es ihnen nicht verdenken, daß sie auch einmal unter 
sich sein wollen, das Publikum ist doch eine gewisse Störung. 
Tann beschäftigen sich die Menschen allein, damit der Schau 
platz nicht leer steht. Luftkünstler beschreiben Kometenbahnen im 
Raum, und unten auf dem Erdboden verrichtet ein Mann die 
zwölf Arbeiten des Herakles. VollL un LoinniO, welch ein 
Mann! Er ist der Weltchampion der Kraftjongleure 
und nennt sich aus diesem Grunde Heros. Eisenkügelchen von 
20 Kilo lassen sich in seinen Händen wie Gummibälle an. Sie 
werden herumgereicht, man kann sie nicht heben und schämt 
sich der menschlichen Schwäche. Der Heros spottet ihrer, sein 
Genick gleicht einer Panzerplatte, das eiserne Zeitalter scheint 
mit ihm neu erstanden. Seine Gehilfin tänzelt herbei, sie 
weist Fähnchen vor, auf denen die jeweils bewältigte 
Kilozahl verzeichnet ist. Bis zu hundert Kilo bringt es der 
Held. Zwar, die hundert sind auch für ihn keine Kleinigkeit, 
doch er balanciert sie gewandt, ohne sich von ihren gewichtigen 
Argumenten nied erzwingen zu lassen. Die Sehnsucht nach dem 
starken Mann findet ihre Erfüllung in ihm. 
Was gäben die Au guste und die Clowns dafür, wenn 
sie es zu solchen Leistungen brächten! Sie brüllen wie die 
zeln, geschieht es akrobatisch, und ihre Fehlschläge wirken zau 
berhaft. Das Rechte ereignet sich bei ihnen am unrechten Ort, 
aus Zufall; was sie wollen, ereignet sich nicht. Sie treiben die 
altbekannten Spässe, die immer wieder zeitgemäß sind, solange 
Kobolde die Dinge und Wesen verstellen. rseu.
        <pb n="43" />
        mangeln. Seine Wahl ist ein aussichtsreicher Versuch, bis 
beiden Generationen miteinander zu verbinden. 
V-k 7s 
Der Deutsche Werbbund. 
Rheirr-R^H^-TagUrrg. 
(Von unserem Sonderberichterstatter.) 
Hr Essen, 23. bis U. Juni. 
Der Verlauf der 15. Jahresversammlung des Deut 
schen Werkbunds in Essen bewies aufs neue, was 
schon seit mehreren Jahren aus den Diskussionen stets sich er 
geben hatte: daß die Geschlossenheit des in einer behüteteren 
Zeit geborenen Werkbundgedankens schwer nur sich durch-- 
halten läßt. Mochte er sich früher als eine in sich gegründete, 
selbständige geistige Zielsetzung behaupten, so hat er den 
Schein der Unabhängigkeit heute eingebüßt. Die Stellung 
nahme zu den ökonomischen Fakten und sozialen Gegensätzen, 
die nach dem Krieg aus ihren Hüllen getreten sind, bestimmt 
die Art seiner inhÄtlichen Erfüllung. 
Träger des sachlichen Widerstreits sind in der Regel die 
Wortführer der verschiedenen Generationen. Sie sind es im 
Werkbund, in dem die Gruppe der Jungen sich theoretisch und 
praktisch von den Aelteren merklich abhebt. Der von uns (im 
Abendblatt vom 24. Juni) bereits mitgeteilte Entschluß Rie 
mers chmids, sein Amt als erster Vorsitzender niederzu 
legen, entbehrt nicht der Größe. Er entspringt, so darf vor 
ausgesetzt werden, der Einsicht, daß dem Werkbund dann nur 
über die Zeit zu helfen sei, wenn der Geist der jüngeren Kräfte 
ihn mitgestalten kann. Durch den mit begreiflichem Bedauern 
ausgenommenen Rücktritt und seine Begündung wird eine 
stetige Fortentwicklung zwar nicht verbürgt, doch ermöglicht. 
An Riemerschmids Stelle ist Geheimrat Bruckmann ge 
treten, der namhafte Senior des Werkbundes, dessen Rat und 
organisatorische Erfahrung niemand missen will. Mit ihm ver 
eint wird Mies van der Rohe wirken. Es war ein 
glücklicher Gedanke, ihn gerade zum zweiten Vorsitzenden zu 
berufen. Er ist ein radikaler Künstler, der um die sozialen 
Zusammenhänge weiß, und ihre Wirklichkeit in die richtige 
Beziehung zur ästhetischen setzt, ohne der Urbanität zu er 
M^»X LAt«LL 8 4LOHV 
1)3,8 „Marx-Lngels-^i-obiv", dosson erster Band 
jstLt vorÜSKt (Lraukkurt, Marx - Lngsis-^rokiv 
VerlagSASsoUsedalt. VIII, 547 Seiten. 12), wird 
vorn Marx-Lugois-InstituL in Moskau und der 
Oosbllsedalt kür LoLialkorsobung (e. V.) ru Lrank- 
kurt unter der Leitung von L. Ljaranov der- 
ausgsgobon, der aueb irn ^uitrag des Moskauer 
Instituts die kritisebe Oesarntausgade der lVerke 
von Marx und Lngels übernommen bat. Lie 
deuisebs Ausgabe des ^robivs, das in Lwang- 
ioser Loige ersobeinen soll, ist keine reine Leber - 
setxüng der gleiebnamigen russisoben Leitsobrikt, 
sondern eine selbständige, auk die Interessen der 
intern8.tion2.Ien Lesersebakt rugesebnittene Lu- 
blikation. 
Die ^nlase des ^.rebrvs ist weiträumig. Man 
gedenkt in ibm die Lntstebung, Lntwieklung und 
Verbreitung des Marxismus 2U verfolgen und 
Leiträge 2ur kritiseb-wissensebattbeben Leband- 
lung der Lebensgesobiobte von Marx und Lngels 
Lu Üekern; ?umal ibre praktiseb-polltisebe Lätig- 
keit soll berüeksiebtigt werden, Lerner sind kort- 
lautende Mitteilungen über die Arbeiten des 
Instituts und die Oesamtausgabe geplant, ^ls 
Lernstüeks werden die Lande jeweils Vorab- 
druoke neu aukgekundener, kür das Marx-LnZels- 
Ltudium wiebti§er Manuskripte und Dokumente 
entboten. 
Der erste Land reugt kür die Oründliobkeit 
seiner Herausgeber. Lr verökkentliebt rum ersten 
Male einen Lei! der „Leutsebsn Ideo 
log i e", jener Lamplsebrilt, in der sieb Marx 
und Lngels Lu ibrer „Lelbstvsrstandigung" mit 
der naebbegebseben Lbilosopbie auseinander- 
gesetrit baben. Ljaranov erxäblt in der Vorrede 
die abentsuerliebe Oesebiobte der Havdsebrikt, 
niobt ebne irn Vorbeigeben Kerrn v. Lelow, der 
sieb dessen gewik niekt verseben batte, gegen &amp;gt; 
Lombart ausxuspielen. ver publizierte ^bsebnitt! 
des Lrüb werks ist Leuerbaob gewidmet und ein 
bedeutender Lundort der Motive, denen die 
matsrialistisobe Vesebiebtsaukkassung entspringt. 
— Line weitere Lrstverökkentbebung, der Lriek- 
weebsel Lwiseben Vera TasuIiL und Marx, 
bringt ^.eukerungen von Marx über die russisebe 
Lauerngemeinde. 
In der Oruppe der ^bbandlungen beginnt 
veborin seine Studien xur Vesebiebte der 
vialsktik mit einem ausgedebnten Lssa^ der via- 
lebtib bei Laut, veborin ist 2ur 2eit der okki^ielle 
Moskauer Ltaatspbilosopb. Leine Lritik an Laut, 
dem er im übrigen eine ebrenvolle volle in der 
Oesebiebte der vbilosopbie anweist, labt sieb 
unsebwer aus den Voraussetzungen des rus- 
siseben Marxismus ableiten, der vielleiebt so 
ortbodox niebt ist, wis er sieb gwt. Vie ent- 
sekeidenden Linwände riebten sieb gegen den 
„Subjektivismus" Lants: daL er die Hukt 
Lwisoben der Lrsebeinung und dem ving an sieb 
verabsolutiere und die V^abrbeit kür unerkenn 
bar balte, statt die Mögliobkeit ibrer Lrkassung 
vrorek des Werdens rurugesteben. Viese 
Urteile ergeben von einem dialsktiseben Mate 
rialismus aus, der so objektivistiseb ist, daü er 
nabexu wie ein Neukantianismus mit umge- 
kebrtem Vorlieben sieb anlakt. Indessen rübri 
der Radikalismus veborins trotr seiner Leer 
stellen und Llöüen immer voob mebr an die 
^Vabrbeit als die meisten unserer epigonen 
bakten Lbilosopkies^steme, die reine Ideologien 
sind. — Line bistorisob-kritisebs Arbeit V. 
Volgins dient dem Naobweis, daL 8t.-8imon 
niobt eigentlieb ein Lorialist gewesen sei, son 
dern die ^narobie der Kapitalistisoben Ordnung 
babe überwinden wollen, obne ibre ^Vur^eln 
an^ugreiken. Leine Oesobiebtsaukkassung wird als 
Vorläukerin der materialistisoken erkannt. — 
ver Herausgeber IX LZa 2 anov selber beban- 
delt auskübrlieb die Lntstebung der Internatio 
nalen Arbeiter-Association. 
Lrn besonderer l'eil ist der Literatur ge 
widmet. Neuere ^erke aus den Vebieten des 
bistoriseben Materialismus, der politisoben Oeko- 
nomie und der Oesobiobte der Arbeiterbewegung 
werden gewürdigt. Dankenswert ist die s.vste- 
matisobe L i b l i 0 g r a p b i e, die den LobluÜ 
des Landes bildet; sie stellt die Literatur (mit 
^usnabme der russisoben) über Marx, Lngels 
und den Marxismus seit dem Beginn des ^Velt- 
krieges cusammen. 
, ro 
iL5&amp;gt; ' 2 
&amp;gt;re - 
Die Erörterungen innerhalb des WerGunds haben in den 
letzten Fahren vorwiegend feinem Verhältnis zu Handwerk unh 
Industrie gegolten. Wie ist die von ihm gelehrte rechte Form 
gesinnung zu erreichen? An welchem Punkte wird anzusetzen 
sein, damit die Qualität einer jeden Arbeit genau und 
glaubhaft ihrem wahren Sinn entspricht? Man hat sich oft ge 
nug Wer diese Fragen ausgesprochen, dem Kunstgswerös die 
Grenze gezogen, Sachlichkeit Zum neuen Evangelium gemacht. 
In der Sphäre des Ideellen fand man sich in Essen zusammen; 
man Mied sich, sobald man die Möglichkeit seiner Realisie 
rung erwog. Sie ist an die Erkenntnis der unwiderleglichen, 
wenn auch nicht unwandelbaren wirtschaftlichen -und sozialen 
Gelegenheiten geknüpft. 
Den Werkbund enger als bisher mit dem Handwerk 
zu verquicken, war die Forderung des Reichstagsabgeordneten 
Dr. Wienbeck (Hannover). Nicht das Gros der Käufer nur, 
auch die Masse der Kleinproduzenten muffe Ar die Qualitäts 
leistung genommen werden. Er unterbreitete Vorschläge nach 
dieser Richtung hin und stellte den (später angenommenen) An 
trag, der Werkbund möge die handwerkliche Bewegung in er 
weitertem Maße zu der seinen machen, statt das. Kunsthand 
werk einseitig Zu bevorzugen. 
Die Gefahren einer solchen zu stabilen Verdoppelung wer 
den gerade in den Kreisen der Jungen gesehen. Man ist ge 
wiß bereit, auch das Handwerk erzieherisch zu beeinflussen, 
man hat ein Verständnis für seine schwierige Situation. Doch 
der Werkb-und Lmn sich nicht auf das Handwerk beschränken 
dessen Kampf um die Selbst-erhaltung im Bereich der Wirtschaft 
geführt und entschieden wird. Das Hauptaugenmerk hat sich 
zudem, unsenLiwental durchaus, aus die GGaltuna der 
Maschinenarbeit zu richten, die den 
Sie prägt das Gesicht des öffentlichen Lebens, bei ihr ist in 
folge der zunehmenden Thpisterung und Normalisierung das 
aktuelle Interesse. * 
Der Anteil der Großindustrie an der 
Formung der Zeit war das eigentliche Thema der 
Tagung. Da der frühere Reichskanzler Dr. Luther abgesagt 
hatte, eröffnete Direktor Dr. Rummel die Verhandlungen; 
in seinem Vortrag gelangten, nicht wenig lehrreich, charak 
teristische Anschauungen des Ingenieurs zur Selbstdarstellung. 
Den Zwang der Gesetze des Wirtschaftslebens verglich er dem 
von Gleisen, die den Weg der Lokomotive vorzeichnen. Aber 
auch die Gleise sind von Menschen gebaut. Aus dein Vor 
handensein jenes von ihm fraglos Hingenommenen zog 
er etwa die Folgerungen, daß die Großindustrie ihr Daseins 
recht aus der Verbilligung der Produkte herleite und die 
Zweckgestaltung von ihren Wirtschaftlichkeitsberechnungen ab 
hänge. Wo aber bleibt dann das Künstlerische, das sozusagen 
Aesthetische? Es wird, begreift man Rummel recht, des Sonn 
tags geschossen, bietet sich z. V. in der verführerischen Form 
üppig bedeckter Medaillen&amp;gt;jungen Sportvereinigungen an. Als: 
Festbraten, von einem technischen Institut gestiftet. Das ist keine!
        <pb n="44" />
        Lr. 
berKvreis ruteil geworden ist. 
Zu den Zukunftsplänen, die erörtert wurden, gehörte vor 
allem die Stuttgarter Ausstellung des nächsten 
Jahres. Von der württsmbergischen Arbeitsgemeinschaft des 
Werkbunds angeregt, hat die Stuttgarter Stadtverwaltung 
beschlossen, 60 Wohnungseinheiten ihres kommunalen Bau 
programms der Regie des Werkbunds zu überantworten. 
Mietshäuser mit Wohnungen bis Zu sechs Zimmern sollen er 
richtet werden. Von dem Werkbund ist Mies van der Rohe 
als Organisator ausersehen. Es besteht, wie man hört, die 
Absicht, bekannte Architekten des In- und Auslandes heran- 
zuziehen. 
Das Projekt einer der Veranschaulichung des Werkbund 
geistes gewidmeten internationalen Ausstellung 
19 3 0 hat noch gute Weile. Auf Grund der Vorbesprechungen 
ist von dem Reichskanzler und dem Innenminister jede För 
derung zugesagt worden. Ueber den Ort herrscht vorerst Un 
einigkeit; die Städte rivalisieren miteinander. Daß für eine 
solche Veranstaltung Berlin geeignet wäre, duldet wohl 
keinen Zweifel. Die Platzschwierigkeiten dort werden sich lösen 
lassen. Der Werkbund bereitet eine Denkschrift vor, die der 
Reichsregierung vorgelegt wird. 
Zur Gegenart noch: man begrüßte, besichtigte, tanzte. 
Prominente wie Poelzig, Bruno Paul, Höger waren er 
schienen und zeigten sich menschlich. Die Stadt Essen hatte 
alles aufgeboten, um ihre Gäste zufrieden zu stellen; sehr zu 
Recht dankte Geheimrat Bruckmann ihrem Oberbürgermeister 
Bracht. Einladungen nach Krefeld, der Düssel 
dorfer Gesolei und Duisburg wurde Folge geleistet. 
Als kommender Tagungsort stehen Frankfurt, Mannheim 
und Stuttgart in Wahl. 
Ton Lrnsf Bar- 
r k 6 i. Bonn, F&amp;gt;. (7oksn. Lsr'ten. 
Brnst BartlleI, dessen wertvolle Sellrikt „Ooe- 
tkss Wisssnsellaktslellre in illrer modernen TrZK- 
weite" s&amp;gt;n dieser Atolle seinerzeit KswürdiDd worden 
ist, rielit in dsr „Debensnllilosonllm" die 8umme aus 
trüberen Adelten. Das von Llun entworkeno Welt 
bild ist ein Verein von ^nsebauunken, deren Bünd 
nis illres vsrsebiedsnen BsdeutunKssellalts wSLSn 
ein wenis skurril anmutst. Hölzerne Blattitüden 
stellen neben ^ussasen, die als materielle Intuitio 
nen gelten dürken; naive Zirkulationen Knostisoller 
^bkunkt misellen Hieb un^ellemmt mit einer l^atur- 
erkeNntnis im ^sieben Ooetllss. Die Welt wird von 
Bartbsl auk den xöttliellen Do^os surüekLeküllrt und 
die Dnsterbliebkeit durell die ^nnallme der Bxisten? 
einer weiten Welt 2U siollern sesuebt, die unsers 
Welt sur Totalität erKänM. Die VtzLründunK, -warum 
diese Dnsterdliellkeitstllese von „sanr sveriellem 
sorialsn 'Wert" sei, lallt siell so komisell an, dall sie 
llisr dar^sboten -werden mö^e: „Wenn jeder Uensell 
in seinem näellsten Dasein in dieser Welt möÄieller- 
weise in jeder anderen Lomalsrunne geboren werden 
kann, so ist es eine 8aolle des wolüverstandenen 
D^oismus, dall jeder Uensell wällrend seines Dellens 
daru beiträ^t, das llarmonisolle Oleioll^ewiellt swi- 
sellen den ZomalKruvVen 2U kordern . . Loleller 
Aeielltlleiten linden siell viele, man wundert siell nur, 
mit weleller 8elllstverständliellkeit sie vor^etrasen 
werden. Diaenss (Aenrä^s tragen allein die natur- 
pllilosonllisellbn Xnüellauun^en: so die Dellre 
von dsr Dntstellun§ des orLanisellen Debens, die dem 
Darwinismus den bedanken einer kosmisellen Drsen- 
Lsun§ ent^egensstLt, und das aut' brund der Riemann- 
sellen Lu^elKsometrie auksellauts astronomisells 
Weltbild. LeZeiellnend kür diese Mturpllilosonllie ist 
das Bestreben, dem kosmisellen Deben jenen abstrak 
ten Dnendliellkeitsellarakter ru nellmen, den die bis- 
lleri^e blaturwissensellakt illm verlieben llat, und es 
den besrensten Nallen msnselllieller ^nsellauun^ ru- 
LänÄiell ru maellen. Das kyselliellt Zumeist ollno 
Büeksiellt auk die Lontrollsellranksn eines kritisellen 
Verstandes: doell verdienen die Tlleorien. insoweit 
sie erweisbar sind, eins saelllielle Brükuns. Der 
strotssndsn blaturvllantasie des Autors mas: es rum 
Teil 2u danken sein, dall dem Vuell der Ltrind- 
böswillige Erfindung, die Medaille wurde im Lichtbild 
gezeigt. 
Nicht gegen die Auffassung des ausgezeichneten Fach 
mannes, daß die wirtschaftlichen Überlegungen heute ent 
scheidend seien, kehren sich die Bedenken; wohl aber gegen die 
Sonntags ästhetik, die er ausgepfropft hat. Sie ist 
eine Ideologie in Reinkultur. Werden die Gesetze, denen die 
Industrie untersteht, zu starren Notwendigkeiten verding- 
licht, wie es vom Standpunkt des leitenden Ingenieurs aus 
leicht geschehen mag, so muß in der Tat die Kunst herhalten, 
um das Leben des Arbeiters in den Feierstunden zu ver 
schönern. Die Kunst als ein Ding, das den Ausgleich und 
ein beruhigtes Gewissen schafft: der zitierte Goethe hat es so 
nicht gemeint. 
So auch meint es der Werkbund nicht. Unumwunden 
wies der Korreferent, Geheimrat Riemerschmid, die Mei 
nung zurück, daß die Kunst eine PrmMngÄegenheit sei. Ge 
rade weil der Großindustrie, deren technische Leistungen er im 
übrigen nicht genug zu rühmen wußte, die führende Rolle 
heute zufalle, müsse sie sich von jener Gesinnung durchdringen 
lassen, die nicht übervorteilen wolle, sondern übertreffen, und! 
die Grundvoraussetzung jeder Formgebung bilde. Er warf 
der Großindustrie ihre „Lieblosigkeit" vor; sie hänge nicht am i 
Werk, sondern am Geld. Liebe aber könne, wenn die Phan- 
taste von der rechten Art sei, sogar die Kosten verringern. Er 
geißelte auch die „Verlogenheit" der Industrie, die in der 
Fabrikarchitektur sich nicht selten zeige. Zur Werkarbeit lege 
man das schlichteste Kleid an, und häßlich würden die Dinge 
dann, wenn sie etwas Besseres sein wollten, als sie sind. Die 
Industrie müsse sich ihrer Verantwortung bewußt wer 
den, sie dürfe sich nicht mit dem Mäzenatentum mancher Fudu- 
strieherren zufrieden geben, das nur ein Kennzeichen der Gleich-! 
gültigkeit gegenüber der Werkarbeit sei. 
Der Mahnruf Riemenschmids fand allgemein Anklang, man 
spürte aus ihm den persönlichen Einsatz heraus. Ideologisch 
sein Glaube, daß die gemeinsame Arbeit am „Werk" die Grup 
pen der Unternehmer, Arbeiter, Banken vereinen könne. Erst 
wenn sie real vereint sind, mögen die dauernden Werke ent 
stehen, die er ersehnt. Indessen sprach fein beschwörender Idea 
lismus zu den Betroffenen; man hat ihn gebeten, seine Dar 
legungen in Jndustriellenkreisen Zu wiederholen. 
In der anschließenden Diskussion formulierte Dr. Riez - 
ler die Erkenntnis, daß die Persönlichkeit im Sinne Goethes, 
deren Begriff und Wirklichkeit seit der Renaissance die abend 
ländische Menschheit bestimme, durch die Macht der Technik 
mehr und mehr den großen anonymen Komplexen weiche. Die 
Formen, die ihnen entwachsen werden, so überspitzte er geist 
reich, sind nicht mehr dazu da, um gesehen zu werden. Zum 
Schlüsse deutete er auf die Beseeltheit der Welt hin, die zu 
ihrer Auswirkung der nun schwindenden Persönlichkeit nicht 
bedürfe. —- Freiherr v. Pechmann erklärte unter anderem, 
daß die Industrie überall dort, wo sie bewußt gestalte, die Mit 
arbeit des Werkbunds nicht entbehren könne, der sie sich gleich 
wohl viel zu häufig entziehe.
        <pb n="45" />
        F' 
Aus vor amerikanischer Gesellschaft. Die Zahl der rrali- 
stischeN amerikanischen Filme, die nach Europa verschlagen werden, 
mehrt sich. Man erfährt zwar nicht aus ihren Handlungen, doch 
aus ihren Staffagen und Hintergründen einiges über das wirk 
liche amerikanische Leben. Vor allem die Straßen stellen sich' in 
ihnen dar, Straßen aus New York und anderen Städten, geschäft- 
ltche Abwicklungen, der Ladenverkehr, das Dasein der kleinen Eri- 
stenzen. Die Grotesken Zeigen dergleichen nicht, sie setzen den 
Alltag voraus. Er zeigt sich in vielen Bildern in dem Film: 
„Frau van Cordans Vergangenheit", den die 
Biberbau-Lichtspiele vorführen. Frau van Cordan war 
vor ihrer Ehe eine in Amerika gefeierte Schauspielerin und noch 
früher ein russisches Bauernmädchen; nicht, wie sie ihrem Manne 
und seiner Mutter angibt, eine russische Prinzessin.'Diese Lüge 
peinigt sie, an ihr geht sie zugrunde. Soll der Ahnenstolz der New 
Yorker Hautevolee gegeißelt werden? Die Tragik mutet euro 
päisch an und ist auch hier nicht von heute. Mae^Murrae spielt 
die Dame. Ihr Wuchs ist herrlich, im übrigen ist sie „dämonisch". 
Die schwarzen Haare sind gelöst, die Augen blicken bedeutungsvoll 
leer. Dunkles Russentum, wie man es sich so denkt. Nicht genug 
damit, verkörpert sie auch die aus Rußland zugewanderte kleine 
Schwester der Dame, die blond und unschuldsvoll lächelt, ein weib 
licher Aljoscha. Dostojewski, wie er leibt und lebt. Das Milieu ist 
ausgezeichnet. Frackhemden blitzen in den Hotels, man erhält Ein 
blick in die ärmlichen Partien der Weltstadt, Prunkfeste werden 
gefeiert. Dieser bildlichen Schilderungen wegen ist der- Film be 
sonders zu empfehlen, zumal auch die übrigen Rollen gut besetzt 
sind. raea. 
DLL VMIWM8LGONLM 
W«LL-O8OL»LLL. 
VON Dr. " 
Nit dem Merke: ..Oesediodte dar 
vdineslseden Rdilosoplile" VON R V. 
Zsnker (Reiedenberg, Oebr. Stiepel, XL, 346 
Leiten, geb. cF 8) wird 2um ersten Nale eins 
Gesamtdarstellung der edinssiseden Rdilosopdle 
naed den Quellen unternommen. Der erseblenene 
brsis Rand umkakt die vorgesediedtlielie Rpoede 
nnd die klassisede Zeit bis Lur Ran-D^nastie 
(266 v. Odr.); der 2weite soll bis rum LturZ der! 
Nandscdu-DvnaZtie reiedsn. 
Das Merk kommt im riedtigen Augenblick. Xaed- 
dem die Meltwirtsedakt bereits daran ist, Ost- 
asisn idrem wie immer gestörten Kreislauf ein- 
^üverleiben, batmt 63 die Rrsedlieäirng der 
geistigen Näebte an, die seit Tausenden von 
ladren die Vvnrkliodkeit Ostasiens mitbestimmen. 
Mir daben neuerdings begonnen, naed Odina 
deutsebe wie überdaupt europäisedsRdilosopbis 
Ln expOrtlersn, die sebon längst niedt mebr die 
Rdiiosopdie Europas ist. Rs ist niedt melir als 
gereedt, ja, es ist notwendig sedlsedMin, daü 
aued umgekedrt die pdilosopdiseds Kntwiekelung 
Odinas sied dem europäiseben Verständnis end- 
Iled im Zusammendang darstelle. Mobei es sied 
von selbst verstebt, dad die kluge und 2urüek- 
daltende Vermittlung der kaktisenen geistigen 
Realitäten sedwerer ins Oewiebt fällt als jene un- 
kontrollierbaren westostlieden Rrüekensedlägs. 
die deute naed Art Rabindranatd TagOres und 
Keyserlings von vielen Leiten oMu ffurtiA ins 
Merü Jeset^t werden. Mas die europaiselie ös- 
keffieffte lelirt, ^ilt erst reefft kür die lcünlti^en 
Vechelrunsssn Esoffen Luropa und Asien: dulz, 
das OerneinZurne von Völkern, die in verselne- 
denenr llrFrund wurzeln, sied nur anr Nnde eines 
Langen (FeselnelrtsprOLesses lrerLusstellen nra§. 
Ls entsprinFt als eins b'olAe kruelitbarer WZver-&amp;gt; 
ständnisse, 2u denen jedenfalls die rnodisolren. 
LonstrukLionen ösüiedsr Meltbilder nieüt Zs- 
Lrörsn^ 
2-enksr dringt rnsffrers Voruussei^unZsn rnit, 
die chn LU dein Dienst an der von ilnn §ewik 
nieüt allein ?u losenden Aurgade bekälrigen, und 
AseiKnet sind, seineni Merk das Vertrauen Lu er 
werben. Dr ist ein Kenner des Olnnesiselien und 
KaL seine Darstellung auf das Ltudiurn der 
OriFinaltexte gegründet; die ^rloeit von ^alir- 
Lelinten stellt dalrinter. dLanelre seiner wesent- 
Lielren RelsAe sind, wie er ausdrüekliclr bernerkt,! 
vor inrn. noed nivdt naelr Kuropa ssedrunZsn. 
Xielrt rninder entselreidend tür den Drlolx des 
Vernrittlun^sversuodes ist die Aedie^ene plrilo- 
sopliiselie Lildunx, über die der Verfasser ^er- 
kü§t. Dr verdelrlt nirgends seine Iderkunft von! 
Kant, die ihn liäufi§ xenuF Analogien 2unr Trans-! 
^sndentalideLlismus finden lädt. Ader diese Üe-, 
§6§nunF6N werden nur rnit Vorsielit lrerdei- &amp;gt; 
xeL'üdrt, und die fremde OedankenAestalt tritt i 
deutlielmr liervor, wenn man sie, die Luletxt un- 
kakdar ist, von einem bestimmten, reinlielr fest- 
^elialtenen Milosoplriseken Ltandpunkt aus 2u 
ergreifen traedtet, als wenn man sied idrer mit 
Rilke eines pdänomen-oLoxiseden Vertadrens de- 
mäediiZt, das um seinen Standpunkt nielrt weid. 
Aum mindesten Feniekt jene ckrste DetraediunAS- 
v/eise in dem Dalle des Verfassers den VorsuF, 
da er sied spürbar dem Ligenwillen der Oe- 
dalte unterordnet und duredweF demüdt ist, das 
für die eedts Interpretation gebotene Verdältnis 
Lwiseden der passiven Teilnadme an dem Ltolf 
und seiner aktiven DormunA 2u wadren. Dured 
viele Kanäle strömt dieser idm 2U. Das Merk be- 
sedränkt sied niedt auf die Ideenxesedrodte, es 
weist aued auf die sorialen Zustände din, in denen 
die Ideen verankert sind. Der Mek des Ver 
fassers für die Aesellsedaftliede Mirkliedkeit ist 
ein weiteres AeuZnis für die DeFitimität seiner 
Deistuna. Dem Xweek der Vermittlun» kommt 
sedlielZlied eine Drosa ^ustattsn, deren Laedlied- 
keit und Urbanität sied an das breite Dudlikum 
der (Ledildsten wenden. 
Den Kennern unter den LinoloFtzn muL eine 
Rlosslerun!; im einzelnen üderlassen dleiben: die 
DrZänLunF. etwaiger KinssitiFkeiten und Deried- 
ti^unxen, vme sie dei Merken, die einen Anfang 
darstsllen, unvermeidlied sind. Im Radmen dieser 
MürdissunA ZenüFen eini§s Kindlieke, die einen 
Legriff von der Anlage und dem Indalt des 
Ruedes versedaffen. Ds dedt mit der Ledilderung 
der magised-animistiseden DrüdLeit an, für deren 
Kenntnis das dis ins 12. voredristliede 5adr- 
dundert ^urüekreiedende Vid-King iLued der 
Mandlungen) die wiedtigste Quelle ist. Die pdilo- 
sopdiseden Ansedauungsn jener Kpoede bereits 
sind naed Denker von dem moraliseden Centrum 
der dsstimmt. Aus idm erwäedst, ins Kosmo- 
lOgiseds gewandt, der Lsgriff des tao, der immer 
medr in den Mittelpunkt der alten Ddilosopdie 
mit idrer stark ausgedildeten 8o2ialmoral rüekt 
und im Verlauf der gesediedtlieden Kntwieklung 
die mannigiaedsten Mandlungen erkädrt. „Ls 
gidt einen Rimmelsweg (t d i e n - t a o), einen 
Meg der Krde (tu-tao)^und einen Meg des 
Uenseden (jen-tao), alle diese Mege sind nur 
ein Meg, der Meg des Kosmos.,Line Melt- 
darmnnis, die niedt nur dured die Unordnung in 
der Xatur, sondern aued dured die in Mr Dessll- 
sedaft gestört werden kann. Lo ledrt die im 
8 du - king entdaltene „Oroäe Regel": „ . .Menn 
man doedkadrend ist, regnet es beständig; der 
leiedtkertigsm getragen derrsedt andauernde 
IrOekendsit; bei Trägdelt derrsedt beständige 
RitLe; wenn man übereifrig ist, ist? es beständig 
kalt; wenn man blind gegen sied selbst ist, wedt 
beständig der 8turm." 
Kingedsnd wwd die klassiFede 2elt dedandelt, 
deren groüe Repräsentanten Kao-tss und 
Kdung- tse sind. Den Anstok 2u der dured 
sie doLeiedneten Lpaltung der Dedrmeinungen 
verlegt idr Verfasser ins Rraktisede; wne er 
üderdaupt von Anfang an den Rrimat der vrak- 
twelien Vernunft inn^npald der edinesiseden 
Rdilosopdis dedallptet. 2ur Trennung gekommen 
ist es üder der Trage, wie am besten 2u leben! 
sei: ob naed einer „Rdilo.sopdie der Tat" oder 
naod einer auf Keldst^ollendung dedaedten Rdilo- 
sopdie, die das Aeukere gering sedairt. Die Ana- 
Ivs^ sind überZeugend gekülirt; sie sueden das 
gedankliede Oerüst deraus^ustellen, dienen das 
Riograpdisode din^u und verscdmaden niedt die 
edarakterisierendf; Mirkung üderlieferter Anek 
doten. Der Lwiekaede Krkenntnissinn des tao-Re- 
griffs Dao - tses wird in ReLiedung gsseiLt 2u 
Kants Ding an sied und seiner Rrsedeinungs- 
welt; aufgewiesen aued der von ferne an den 
Rudddismus gemadnende m^stlsede Meg des 
edinesiseden Denkers, der ilm in den „deiligen 
Anaredismus" einmünden lädt, Idm, der auf 
LslbsteMsung absielt, tritt der um ein geringes 
jüngere Kdung-tse entgegen, der die Nenseddeit 
von idrem Deid erlösen will —- erlösen dured die 
„mvilwatorisede Naebt der Dssittung (li) und das 
leuebtsnde Beispiel der „Rersonlledkeiten", jener 
2umal, in deren Randen die Regierung liegt. 
Denker wedrt den Vorwurk des moraliseden 
Rigorismus von idm ab, den der spätere offizielle 
Konfuösanismus idm eingetragen dat, und legt 
den metapdvsisebed Kern der Dsbre frei,, die 
dured den 8atL, es seien dieRe.grlffe Mamen- 
ming) r i e d t i g 2 u s t e! l e n, idre Krönung er- 
dält. 
Der an Dao-tse sied ansedlieZende Taois- 
mus möedte auf der einen Leite dured Nagle 
und Zauber dem Absoluten sied nädern und ver 
fällt auf der anderen, das Absolute leugnend, 
einem bemmungslosen Relativismus. Leine Rlüte- 
2eit ist das fünfte und vierte äadrdundert, seine 
Rauptvertreter sind Die - tse und T 8 ebuang- 
t s e. Xeben dem Taoismus und KonkuLeanismus 
genlekt in jener Dpoede der sinkenden Teudalität
        <pb n="46" />
        eins dritte Ukro, der Nokdsmus, ^roüo Vor- 
dreiiuLF. 8io knüpft an U 0 - tL an, der von doni 
Verka83er als „kuinaniiärer Politiker" und uti-, 
iitaristisoftor Denker xekenn^eiotinet wird. Von 
;!nn lind etwa auek dein laoismus deoinklrM 
sind die unter dem tarnen der 8opftiston 
Lusamnwngsfakton Dftilosopfton der Aleieken 
2eit, die mit den griZeftiscften Denkern ilirer 
UiofttunF niekt nur den IdanZ Lur 8kspsis, sondern 
aued das ^Votil^etallen an paradoxen und Dara- 
lo^ismen teilen. Denker verv/eitt bei der von 
itmen aus^ebildeten Do§ik, deren Dormsn er 
klärt und entfaltet. Von ldnen sendet er sieli den 
späteren Xonku^eanern 2u; dem KI en § - tse (372 
bis 289 v. OIm.) vor allem, der naoft idm „kür die 
Zukunft des Lonku2eanlsmu8 eine DedeutunZ fte- 
kam, wie sie etv/a Paulus kür das jnnZe Oftristen- 
tum erüielt". Der naeü iüm loerüümteste Konkn- 
xeaner ist DIsün-tse (305 bis 235 v. Oür.), der 
„Dobdes der eüinesiseüen Autokratie"; seine 
Dsüren werden Lur 8tütL6 des Kaisers 8üi 
DuanF-ti, des DeZründers der Dan-D^nastie, 
der dem üiskeriZen Deliensstaat dureü die 8eüak- 
kun^ .eines Lentralistiseüen Dinfteitsstaates ein 
Dnde maeüt. Rit iüm beginnt eine neue §e- 
sedielrtlielie ^era. 
Ikre besondere aktuelle Dedentun^ gewinnt 
die Darstellung durcb die 8orgkalt, mit der sie die 
socialen (rrundmotive der eftinesisoften Dftilo- 
sopbie naebrieielmst. Dn^weideutig erbebt aus 
ibr, daü von Hefter der Dürst nur darum als der 
8obn des Dimmels gilt, weil der Dimmel aueb 
über dem Volk sieb wölbt. Im 8bu-king beikt 
es: „Verläkt der Kaiser den ^Veg des Himmels, 
dann Liebt der Himmel seinen ^uktrag Lurüek . 
und weiter: „Der blimmel bört und siebt. Dureb 
unser Volk b^'rt und siebt er. Der Himmel ist 
allwissend und kurebtbar. Dureb unser Volk weiü 
und raebt er alles. Ks ist ein innerster Zusammen- 
baug Lwiseben (dem Dimmtzl) oben und (dem 
j Volke) unten..Ueng-tse bat diese Erkenntnis 
der Dolgereit vermaebt. Denker nennt ibn einen 
„ausgesproebensn Demokraten", der entseblosss r 
gewesen sei, aus seiner auk das 8bmking sieb 
stütLenden pbeoris die äußersten praktiseben 
Dolgerungen Lu Lieben, und beriebtet von ibm das 
gewaltige V^ort: „Das Volk... ist das Kostbarste 
und Kbrwürdigste, die ZebutLgeister der 8aatsn 
kommen erst an Zweiter 8tells, und die Dürsten 
sind das Geringste." Uan verstebt das beutige 
revolutionäre Obina besser, wenn man die Quellen , 
kennt, aus denen es seböpken kann. 
7^. 
Ire JeMMche. 
Eine neue W i s se n s ch a f Ls l eh r e. 
Me WiffenschaftsklassifikaL^ der neueren Zeit umfassen nichr 
wie die „Summen" des MiLtelalters den Besitz an Seiendem als 
eine theologisch gebundene Ordnung; sie entspringen vielmehr einem 
im Bereich der menschlichen Vernunft selber gelegenen Einteilungs 
prinzip, das mehr und mehr von dem Seienden sich abgetrennl hat. 
In "den letzten Jahrzehnten hat sich die Scheidung der Wissen 
schaften nach Natur-, und Geisteswifsenschaften eingebürgert. Der 
Grund für diese Unterscheidung ist entweder wie bei Windelband 
und Rickert als ein methodischer dem Subjekt zugeschoben oder als 
ein gegenständlicher vorwiegend aus der Beschaffenheit der Objekte 
abgeleitet worden (Becher). Keiner der beiden Klassifikationstypen 
hat noch die Verbindung mit dem Seienden durchaus gelöst; sie 
beziehen sich asf einen als wahr erkannten Sachgehalt, wie ab- 
geölaßt immer er sich zeige. 
Das Werk Paul Oppenheims: „Die natürliche 
Ordnung der Wissenschaften Grundgesetze der ver 
gleichenden Wissenschaftslehre" (Gustav Fischer, Jena) streift die 
schwachen Klammern vollends ab, die jene schon sehr formalen 
Aufteilungen an einen absoluten Wahrheitsgehalt heften. Der Ver- 
fasser ist ein Outsider; man wird ihm das logische Genie nicht aL- 
sprechen dürfen. Mit der Radikalität der Relativitätstheorie bringt 
sein Buch den Prozeß der Funktionalisierung auf 
dem Gebiet der Wissenschaftsklassifikation zum vorläufigen Ende. 
Das Ziel wird erreicht durch die Eingliederung der Wissen 
schaften unter die Bestimmungen, die ihnen logische Struktur ver 
leihen. Oppenheim ordnet sie, der Totalität wegen, zu Paaren an: 
typisch — individuell; abstrakt — konkret. Ihre Gruppierung in einer 
symbolischen graphischen Darstellung ist sein eigenstes Verdienst. 
An den Lypisierungspol verlegt er die Mathematik, an den 
Jndividualisierungspol die Geschichte. Auf der wagrechten Ver 
bindungslinie (Abszissenachse) zwischen den Leiden Polen haben 
die übrigen Wissenschaften, von zweien abgesehen, ihren Ort; je 
nachdem sie mehr typisieren oder individualisieren. Zugleich aber 
erstrecken sie sich nach oben und unten ins Abstrakte und Konkrete. 
Eine auf der Wagrechten senkrecht stehende Mittelachse (Ordinate) 
führt auf der einen Seite Zum Abstraktionspol, dem die Metaphysik 
zugewiesen ist, auf der anderen zum Konkretisierungspol, an dem 
die Geographie als die das Einzelne schlechthin verzeichnende 
Wissenschaft sich findet. Verbindet man die vier Polpunkte, so er 
hält man ein Viereck, das eine Fläche einschließt. Sie heißt die 
Denkfläche und drückt bildmäßig aus, daß die logische Ord 
nung zweidimensional ist; nicht linear. 
Den Wissenschaften, die auf der Denkfläche zu lokalisieren sind, 
wird nicht ein umgrenztes logisches Verhalten zugeschrieben, son 
dern die eine und die andere logische Tendenz. So hat etwa 
die Rechtswissenschaft verschieden starke Tendenzen zu den Polen 
hin. Das heißt aber, daß die Wissenschaften auf der Denkfläche, 
statt diskret von einander abgehoben zu sein, in ein logisches 
Kontinuum eingebettet sind. Nicht den einzelnen Disziplinen gilt 
die Denkfläcke, wenn sie von ihnen aus auch gewonnen wird. Sie 
ist die Verbildlichung des stetigen, infinitesimalen Ueber- 
gangs der logischen Tendenzen ineinander und enthält darum die 
Strukturen aller möglichen Wissenschaften überhaupt, der bekannten 
sowohl wie der noch unbekannten, für die sie annähernd das gleiche 
bedeutet wie das periodische System Mendelejeffs für die chemischen 
Elemente. 
Zur Ergänzung der logischen Totalität führt Ovpenheim als 
weitere korrespondierende Bestimmungen einer Wisftnschasts- 
einheit ihre Tendenz zum System oder zur Summe ein; ferner 
ihre Fähigkeit, den Stoff sinnhaft zu erklären oder unter Gesetze 
Zu fassen. Zusammen Lestreichen also vier Paare logischer Ten 
denzen das Feld., Die so geistreiche wie elegante Deutung des 
Flächenbildes bedient sich mit Vorliebe der mathematischen, Sym 
bolsprache. Linien desselben Abstraktionsniveaus, Systemati- 
sierungs Gesetzmäßigkeitsgrades usw. weisen die Beziehungen 
zwischen den hier und dort gelagerten Wissenschaften auf, ver 
anschaulichen die Begegnungen und das Auseinand-erweichen der 
Strukturen. Das ausgefüllte Feld stellt sich als ein geschlossenes 
1 Ganze, dar, dessen logische Wesenhaftigkeit. dadurch bestätigt wird, 
Abfolge der Wissenschaften auf der Fläche zugleich eine 
! Abfolge der in ihnen verwandter^ Begriffe und Begriffsmerckmale i 
ist. Oppenheim darf sein (ideales) System zwar nicht eine 
„natürliche" Ordnung, Wohl aber mit gutem Recht eine „ratio 
nale Enzyklopädie der Wissenschaften" nennen. 
Ihre Grenzen, die in der hier vollendeten Funknonalisierung 
des Seienden begründet sind, erhellen aus der Erörterung der 
Prinzipienstreite innerhalb der Wissenschaften» Da Tendenzen 
die Denkfläche beherrschen, sind die Wissenschaften logisch nicht 
abschlußhaft Zu determinieren, sondern von ebenso vielen Span 
nungen durchwaltet, als Tendenzen sie angreifen. Je nach dem 
FlächenorL einer Wissenschaft überwiegt bald die eine TendenK- 
gruppe, bald die andere. Oppenheim erledigt nun die wissen 
schaftlichen Methodenzwiste in der Regel durch ihre Kennzeich 
nung als fälschliche Verabsolutierungen von Tendenzen. Ob das 
Recht a prioi-i oder a posteriori sei, ob eine Metaphysik sich in 
einem mehr oder weniger abstrakten Medium entfalte, ist nach ihm 
eine Standpunktsfrage, hängt am Ende von den Interessen 
des Forschers ab. Aus seinem System gewinnt er einen erkennt- 
nistheoretisch verankerten Toleranzbegriff, der sich dannstets 
realisiert, wenn jene einseitigen Absolutsetzungen in die Span 
nungen aufgelöst werden, die auf die Fläche ausstrahlen. 
Das Zergehen der wissenschaftlichen Prinzipien in dem Spiel 
der logischen Tendenzen bezeugt indessen nur die Abgelöstheit des 
Systems von den eigentlichen Sachgehalten. Es ist eine auf die 
absolute Antwort ausgerichtete Frage, ob der Sinn des Rechts sich 
in seiner jeweiligen Pofltivitäi erschöpfe oder nicht. Kein Methoden 
streit ist damit geschlichtet und beseitigt, daß man die gegnerischen 
Erkenntnisse aus den perspektivischen Ansichten begreift, die sich 
von verschiedenen, an sich gleichberechtigten Standpunkten bieten; 
dann zumal nicht, wenn man für die Wahl der Standpunkte die 
Psychologie der Forscher verantwortlich macht. Verhielte sich dem 
so, die Wahrheit, eine jede Wahrheit wäre annulliert, und es ver 
bliebe eine beliebige Summe von Bezugssystemen, deren Anteil an 
der Wahrheit sich grundsätzlich nicht bestimmen ließe. Wahr allein 
wäre die Erkenntnis von den aus der Denkfläche abzulesenden 
Spannungen zwischen diesen Systemen. 
Eben die Folgerichtigkeit verleiht dem Werk die Bedeutung. 
Indem es die Summe der Wissenschaften in einem bisher nicht 
erreichten Grade zur logischen Totalität umwandelt, gibt es der 
Zeit, wozu sie reif ist: die Darstellung einer aus allen Seins 
beständen abgeschiedenen Ganzheit, die in ihrer Formalität unan 
tastbar zu ruhen scheint. Sie ist eine äußerste Entleerung des 
Seienden, aber genau diese Entleerung ist aktuell gefordert, da 
ein Umschlag in die Fülle des Seienden sich nicht eher vollziehen 
kann als das Kehrbild der Fülle hervortritt. Es wird in dem 
System Oppenheims Zug um Zug Wirklichkeit. In der Denk- 
fläche finden sich die Sphären des Seienden wieder, die keine 
lineare Logik noch einzusammeln vermochte. Auch die Entgegen 
setzung der Metaphysik und der Geographie erhärtet die Reinheit 
und Treue des Bildes. Wenn die Metaphysik mit der Geographie 
zusammenfiele, so wäre sie als himmlische Topographie bei sich 
selber angelangt. Dr. S. Krakauer.
        <pb n="47" />
        des Schlosses und der Stadt. 
raca. 
IJch hab mein Herz ...1 In Heidelberg ist 
alles so heimelig beieinander, man kann es wirklich verstehen, 
daß die Gesangvereine neuerdings ihr Herz hier verlieren. Links 
oben, mitten im Wald, liegt das rote Schlößchen und unten gehen 
die Professoren. Wenn es heiß ist, ist es in Heidelberg besonders 
heiß. Um dem abzuhelfen, fließt der Neckar zwischen den eigens her- 
beigeeilten Ufern. Er wird Zu allen möglichen Verrichtungen be 
nutzt. Morgens rudern die Studenten auf ihm Zur Universität, 
wo sie die Wissenschaft genießen. So gelehrt der Neckar im Laufe 
der Jahrhunderte auch geworden ist, er hat doch Sinn für die 
Bedeutung des Sports. Die ganze Bevölkerung schwimmt in ihm 
spazieren. Wegen der vielen Badeanstalten hat er es mitunter schwer, 
an den Universitätsinstituten vorüberzufließen, die sich versonnen 
in ihm spiegeln. Da die Bevölkerung größer ist als er, bedeckt sie 
auch die seitlichen Wiesen. Sie setzt sich aus Bäuchen und In 
tellektuellen zusammen, deren Brillen in der Sonne funkeln. Be 
stände sie nur aus Intellektuellen, so wäre im Neckar für alle 
Platz. Die größte Genugtuung, bereitet es ihm, wenn die 
Sommer-Seminare in ihm abgehalten werden, er hat seinen Ehr 
geiz und fühlt sich als einen der letzten Ausläufer der Romantik» 
Auch die Pferde gehen in ihm zur Schwemme. Wenn die 
Regatten über ihn hinfliegen, denkt er an die Antike zurück und 
freut sich darüber, daß er nicht nach dem Frankfurter Stadion 
abgeleitet worden ist. Er hängt nun einmal Zu einem Teil seines 
Laufes an der Geschichte, über die in Heidleberg so viel philoso 
phiert worden ist. Daß Spinoza seinerzeit den Ruf hierher ab 
gelehnt hat, kann er immer noch nicht verwinden, es wäre dann 
manches anders gekommen. Wenigstens sieht George öfters auf 
ihn herab. Abends schmückt er sich mit Lampions, weil es ihm 
sonst zu dunkel vorkäme unter den bengalisch beleuchteten Ruinen 
Ueber die internationale Zusammenarbeit der 
Jugend sprach der Bundesvorsitzende Küstermeier. Er ge 
dachte vor allem der deutsch-französischen Verständigung: man 
habe mit den verschiedensten französischen Gruppen erfolgreich Be 
ziehungen angeknüpft. Ferner wies er auf die Internationale 
Jugendliga sowie den Plan eines Weltbundes der Jugend 
hin, Vereinigungen, die eine Verbindung der einzelstaatlichen 
Jugendorganisationen erstrebten. Der Redner bezeichnete es als 
die besondere Aufgabe der deutschen Jugend, sich in den Dienst 
der internationalen Zusammenarbeit zu stellen.-—Im Anschluß an 
seine Ausführungen referierte Frl. Weyl (Berlin) Lwer die 
nationale Arbeit der linksgerichteten Jugend. 
4- 
Unter den Resolutionen verdient ein Beschluß Erwähnung, 
in dem der Kongreß den Vorstand beauftragt, sein Möglichstes 
zu tun, um die Bildung eines geschlossenen studentischen 
Linksblocks zu fördern. Erwähnt sei noch, daß am dritten 
Verhandlungstag Völkerbunds fragen zur Besprechung gelangen. 
Am zweiten Verhandlungstag verbreitete sich ein Vundesmit- 
glied aus Hannover über den 
„Fall Lessing". 
Er schilderte aus eigener Anschauung die genugsam erörterten 
Vorgänge, die sich in Hannover abgespielt haben. Man erfuhr noch 
einige interessante Einzelheiten des Kleinkrieges: so über den 
Exodus der Studentenschaft nach Braunschweig und über eine 
Versammlung in der Stadthalle, in der dem Kultusminister Dr. 
Becker ein Mißtrauensvotum ausgesprochen wurde. Trotz der Bei 
legung des Falles Lessing herrsche an der Hochschule noch keine 
unbedingte Ruhe. Man wolle sich mit den bisherigen Relegationen 
nicht Zufrieden geben und neue jedenfalls verhindern. Der 
Redner erklärte zum Schlüsse, daß man. Ereignisse wie die in 
Hannover, die auf die Hetze einiger Weniger zurückzuführen seien, 
in Zukunft nur durch die allmähliche Aufklärung der 
Studentenschaft vermeiden könne. Am zweckmäßigsten sei 
wohl der Versuch, auf die breiten Kreise der Wildenschaft versöhn 
lich einzuwirken — ein Versuch, der sogar an der nationalistischen 
Hannoveraner^ochschule schon Erfolge gezeitigt habe. 
„Die Front der neuen Äugend? 
Bei Gelegenheit der Frankfurter Tagung des 
Deutschen pazifistischen Studentenbundes, 
über die wir bereits an anderer Stelle berichtet haben, sprach 
Dr. Karl Wilker über dieFrontderneuenJugend. 
Der Redner ging von der Bedeutung des Wortes Front aus, 
wie es den Teilnehmern des Kriegs in Erinnerung stehe. Sein 
Sinn sei die Harmonie derer, die zu der gemeinsamen Front ge 
hören. Die neue Jugend befindet sich heute in der Front, die 
Jugend, nicht nur dem Alter, sondern vor allem ihrem revolu- 
tionären Kampfwillen nach. 
Diese Jugend erhebt sich Wider die Front der Reaktion, 
die sich nach wie vor an der Herrschaft behauptet. Sie unter 
drückt die freie Meinungsäußerung, sie verneint alles, was der 
Jugend als Ideal gilt, zumal ihren Friedenswillen. Viele Ein-- 
zelfälle (Verbot des Potemkm-Films, Fall Großmann usw.) be 
weisen das. 
In mancherlei Formen offenbart sich die herrschende Gewalt.- 
Nicht in der Bereitschaft zum Krieg allein, auch im kapitalifti- 
schen. Wirtschaftssystem, in dem Verhalten zur..Abstinenzbewe-. 
gung usw- Alles das greift ineinander; etwas einzelnes Zu be 
kämpfen, hat keinen Zweck. 
Kann aber die neue Jugend gegen die Gesamtheit dieser 
Lebenserscheinungen eine Front bilden? Sie hat die Möglichkeit 
und das Recht dazu, wenn sie den Frieden in sich selber 
trägt. Das freilich heißt nicht, daß sie weltflüchtig werde, oder 
zu Utopien ihre Zuflucht nehme. Im Gegenteil: was sie als 
recht für sich selber erkennt, wird sie auch im äußeren Bereich 
verwirklichen müssen. Allerdings darf.sie sich weder.dem Wahne 
hingeben, daß organisatorische Maßnahmen zum Ziele führten, 
noch sich in Gesten vertun, wie sie gegenwärtig an der Tages 
ordnung sind. 
Nicht auf der öffentlichen Hauptstraße kann die Jugend heute 
schreiten. Und träte sie als Masse auf, sie würde getrieben und 
auseinandergesprengt. Etwas anderes vielmehr liegt ihr ob: sich 
erfüllen zu lassen von jenem Ger st der Harmonie, und 
des Friedens, der sich zuletzt in keine Formel pressen läßt. 
Ein weiter Blick, der die Gegensätze umspannt.und da 
mit zu ihrer Ueberbrückung hilft, gehört Zur Wirklichkeit solcher 
inneren Haltung. Was ist'das Einende, das uns Gemeinsame?. 
as sind die Fragen, die ihr entquellen. Zeitschriften wre: 
oder^. „Die KreaLur^wirken, dem Redner Zufolge, 
im Sinne Gegensätze einendes Geistes. Er. ist der 
eigentlich schöpferische, ihm hat sich die Jugend zu Weihen. 
Zumal das politisch-schöpferische Handeln ist ihr 
Ausdruck und dringlichste Pflicht. Mit. der Elastizität, die ihr 
eignet, wird sie über kurz oder lang die Grenzen der Parteien 
und Länder beseitigen können, die von den Alten aufgerichtet 
worden sind. Mag es seine Weile haben, bis die Schranken 
Tag««g der paMstifche« KtudenLe«. 
-- Frankfurt, 15. und 16. Mi. 
Der 5. Kongreß des Deutschen pazifistischen 
Studentenbundes war der Kundgebung des pazifistl- 
schen Willens der im Bund zusammengeschlossenen Studenten- 
orgunisationen, den einschlägigen Fragen der Hochschulpolitik 
und den Problemen des Völkerbundes gewidmet. Der Bund 
entschiedener Schulreformer, die Liga für Menschenrechte, der 
Monistenbund und verschiedene Jugendorganisationen hatten 
Begrüßungsschreiben gesandt. Die kommunistischen Studen 
tengruppen gaben in einem längeren grundsätzlichen Schreiben 
der Genugtuung darüber Ausdruck, daß der pazifistische 
Studentenbund aus dem republikanischen Studentenkartell aus 
getreten sei. Es folgten später Begrüßungen verwanorer 
Organisationen. — Im Mittelpunkt der Sitzung des ersten 
Tages stand der Vertrag von Universitätsprofessor Hans 
Cornelius (Frankfurt) über 
Pazifistische Aufgaben. 
Der Redner nannte die pazifistischen Bestrebungen eine Utopie, 
solange ihre Vertreter wähnen, daß sie die Heutigen Macht 
haber bekehren können. Indessen ist es nach ihm durchaus möglich 
und geboten, den neuen Geist, den Geist der Vernunft und Vrüder- 
- lichkeit, in der Jugend anzustedeln. Pazifismus, so formulierte 
er, ist heute Erziehungssache. 
Der Redner stellte die Gleichung zwischen pazifistischer und 
vernunftgemäßer Erziehung auf. Diese muß als Ziel die Her 
stellung des wertvollsten Zustandes für den Menschen haben. Der 
wertvollste Zustand ist aber jener, in dem die Menschen über die 
richtig verstandene moralische Freiheit verfügen. 
Welches sind nun die Bedingungen solcher Freiheit? Sie sind 
Vor allem sozialer Art. Freiheit ist nur zu verwirklichen, wenn 
eine bestimmte Regel des gesellschaftlichen Verhaltens der Menschen 
unverbrüchliche Geltung hat, wenn gegenseitigeRücksicht 
und gegenseitige Hilfe das gemeinsame Handeln be 
herrschen. Und zwar ist es für den Bestand einer jeden sozialen 
Ordnung notwendig, daß ein Minimum von Rücksicht und Hilfe 
garantiert werde. 
Die soziale Ordnung wird heute durch die Organisation des 
Staates aufrecht erhalten. Seine Bürgschaft indessen genügt 
nicht für die Herstellung der Ordnung zwischen den Staaten; 
vielmehr wird von der Vernunft im Interesse der Freiheit eine 
überstaatliche Zentral gewalt gefordert, an die die 
'militärischen Machtmittel der einzelnen Staaten abzugeben sein 
werden. 
Hieraus entspringt, dem Redner zufolge, die Notwendigkeit, daß 
der Völkerbund in einen Bundes st aat umgewandelt werde, 
der zugleich die wirtschaftliche und finanzielle Oberhoheit hat. 
Schiedsgerichte sind zuletzt erfolglos, da keine Zentralgewalt hinter 
ihnen steht. In der VerwirÜichung einer überstaatlichen Gewalt- 
organisalion allein erblickt der Redner das Ziel des vernunftge 
mäßen Pazifismus, dem Erziehung zuzuführen habe. 
Der nächste Schritt auf diesem Wege aber ist die Bildung der 
Vereinigten Staaten von Europa. Zum Unterschied 
von Condenhove-Calerghi schlug Pros. Cornelius vor, es möchten 
sich vorerst die republikanischen europäischen Staaten ver 
einigen, die ihrerseits wiederum die Verbindung mit den außer 
europäischen Republiken aufnehmen könnten. 
- E'm Asrila-Film. In °m°r Jnter^ 
der große Film Cltrosn^ kp 'Die' französische Ex- 
LL.LWLÄ L L -SL,-- -L- 
u e n in d S d k ra i^ n e g n- du u rc n h d Z T e a n g t e r b a u la c f h rik d a ies b e i r s k z ü u h m nen N R il eis v e o - r. E D r er z M eM ur erne 
unerhörte Fülle der 'schönsten Aufnahmen: W^-nlan^ 
Tier- und Jagdbilder, Oaien, Seen, Fluste, me den 
Urwald Die schwarzen Völkerstämme werden, wre die Natur, 
von der Kamera festgehalten. Man sieht ihre Tänze und Empfang 
und das ganze Alltagsleben in dsn Siedlungen. Erregen» dre 
Beaeanunq mit den Pygmäen im Halbdunkel des. Urwaldes. 
Von ^der etwas schnoddrigen Beschriftung abgesehen, ein herrlicher 
Film.
        <pb n="48" />
        wahr dar und vergegenwärtigen ihre Verhütung. 
raca. 
Lxr. 
finden. 
--- ^Buster KeaLsn.j Dieser schmale, kleine Mann mit dem 
gescheitelten Haar und dem etwas dämlichen Profil — nur die 
Äugen blicken bewußt — hat durchaus die Beziehung zum Leben 
verloren. Man erzählt, daß er in der Jugend mit dem Kopf unsanft 
an einen harten Gegenstand gestoßen sei. Er ist ein Gestoßener. 
Die vielen Gegenstände: Apparate, Baumstämme, Trambahnwände &amp;gt; 
und Menschenkörper verunstalten ein Kesseltreiben mit ihm, er 
kennt sich nicht mehr aus, er ist. unter dem sinnlosen Druck der 
zufälligen Dinge apathisch geworden. Kein Lächeln bewegt den 
Mund, die Züge sind stur, der Gang ist der eines Automaten. Man 
tippt ihn an: er setzt sich in Marsch; man legt ihm ein Hindernis 
in den Weg: er steht wie angegossen. Den Ereignissen, die oberhalb 
von Druck und Stoß sich vollziehen, ist er nicht gewachsen. Frauen, 
Freunde, menschliche Erlebnisse sind für ihn eben so viele Aus 
fallserscheinungen. Ändere drücken sich die Hand, lieben sich oder 
zürnen miteinander — er weiß nichts von dem allem, die schreck 
lichen Gegenstände erfordern seine ungeteilte Aufmerksamkeit, stumm 
und einsam verbringt er sein Leben damit ihnen auszuweichen. 
Oder er weiß vielleicht etwas von Liebe, vom Händeschütteln, von 
solchen Aktionen, die jenseits der Mechanik sich abspielen. Aber er 
kann es nicht recht herausbringen, wie ein Kloß steckt es in ihm, 
sein Kopf war zu bedenklich mit den Objekten in Berührung ge 
kommen. Wenn es von ihm selber nur abhüige, nie gelangte er an 
ein menschliches Ziel. Indessen, gerade weil er so töricht, ein 
dummer Hans, durch die tote Welt gepufft wird, kommt ihm die 
Hilfe im letzten Augenblick. Er fucht sie nicht, sie fucht ihn. Ein 
Zufall entreißt ihn den tausend Fährnissen, eine unsichtbare Hand 
bebt ihn mitten in das amerikanische Liebesidyll hinein. Am Ende 
ist er der Hans im Glück. (Bei Gelegenheit des jetzt in Frankfurt 
gezeigten Buster-KeaLon-Films: „Der Mann mit den tausend 
Bräuten".) Kr. 
nredergerissen sind: wo Jugend ist, wird das Gemeinsame eines 
Tages Gestalt. Die JugendzusammenkünfLe sind des ein Zeichen. 
Ihre Kraft aber schöpft die Jugend aus der Wahrhaf 
tigkeit, die auf dem Grund des ganzen, des gläubigen Men 
schen erwächst. Sie verbündet die Jugend aller Kreise und laßt 
die Grenzpfähle nicht bestehen. Sie wird, wenn sie unvermin 
dert weiter leuchtet, den Weltbund der Jugend, der in 
zwei Jahren in Holland begründet werden soll. Zum entscheiden 
den Siege führen. Aus der Gemeinsamkeit der neuen Jugend, 
dieser Verkörperung pazifistischer Politik, mögen auch dereinst 
die Völker erstehen, deren Bund von Dauer sein wird. 
Wir haben nicht ohne Grund die Rede Wilkers mit einiger 
Ausführlichkeit wiedergegeben. Man mochte sie als eine Predigt 
empfinden; aber auch Predigten müssen nicht inhaltlos sein, 
um ganz davon abzusehen, daß die Zeit für solche Predigten 
heute vorüber ist. Die Rede ist ein einziges Beispiel für den 
schlechten Formalismus, der sich vor jeder konkreten 
Tatsache zurückzieht, weil er nicht weiß, was er will (oder es 
mitunter nur Zu gut weiß) und für das alte deutsche Erb 
übel der schlechten Innerlichkeit, die einschläfert, 
statt Zu erwecken. 
Die „Front der neuen Jugend": man erfuhr nur ganz vM 
ungefähr, gegen wen sie errichtet ist; wobei als charakteri 
stische Merkmale der Reaktion oder der „Alten" Bestimmungen 
wie Militarismus, Kapitalismus und AntiabsünenZlertum 
zusammenhanglos Überschlagen wurden. Wider diese Front, 
die in solcher Allgemeinheit keine einheitliche ist, soll die neue 
Jugend stehen. Wie wird sie es zu beginnen haben, um sich 
äs Front zu konsolidieren und ihre Ziele — welche Ziele? — 
wirklich durchzusetzen? Kein praktischer Hinweis fiel. Zwar, 
Organisationen wurden als letzte Bindungen abgelehnt, 
Gesten verpönt. Aber worauf kommt es nun eigentlich in dem 
Kampf der Fugend an? Aus der äußeren Formalität flüchtete 
Wilker in eben die der falschen Innerlichkeit. 
Die neue Jugend soll den Frieden in sich selber finden 
und aus ihrer Gläubigkeit heraus wahrhaftig sein. Dann 
wird sich — so darf man weiter schließen — schon alles Zuw 
Besten wenden. Wer nicht doch, dann wendet sich nichts. 
Denn der innere Friede, die Gläubigkeit und die Wahrheit: 
losgelöst von bestimmten Erkenntnisgehalten, sind sie leer und 
unwirklich. Nicht aus einer gefühlsmäßigen Wahrhaftig 
keit quillt die Wahrheit; vielmehr: die wahre Erkenntnis, die 
ein Mensch findet, zeigt erst an, ob dieser Mensch in Realität 
wahrhaftig sei. Wilker hat daraus verzichtet, irgend einen 
umgrenzten gedanklichen Gehalt Zu weisen, der die von ihm 
in der Jugend vorausgesetzten Gesinnungen hätte legitimieren 
können. Er hat stattdessen die Jugend in Gesinnungen an 
sich, in reine Stimmungen zurückgetrieben, die sich entweder 
bei ihrer eigenen Nichtigkeit beruhigen, oder, wenn sie denn 
überhaupt nach außen wirken, in jedem beliebigen Inhalt sich 
niederschlagen mögen. 
Wir wissen, welche Verdienste sich Wilker in der stillen 
Arbeit der Jugendpflege erworben hat. Der Prediger 
der Jugend bewegung indessen erscheint uns als eine .Ge 
fahr; gerade weil wir an die Ehrlichkeit und die edle Abkunft 
seiner Haltung glauben. So, wie Wilker es wähnt, wird die 
„Reaktion" niemals zu besiegen sein. Hierzu ist viel eher er 
forderlich, daß die Jugend sich praktisch und in voller KonkreL- 
heit mit den Mächten auseinandersetze, die heute noch unser 
gesellschaftliches Dasein bedingen. An der Wendung n a ch 
a u ß en ist alles gelegen; nichts an der in ein unkontrollier- 
bares Innere. Es ist leicht, von einer erhaben sich dünkenden 
Seelenhastigkeit aus die Organisation als' ein Gebilde von 
vorletzter Bedeutung abzutun; aber die noch so äußerliche 
Organisation ist realer als das bloße Stimmungsgemenge, das 
in nichts zerstäubt. Erst wenn die Jugend in das äußere Lehen 
beherrschend vordringt, wird sie den Frieden in sich selber 
Der Held Mn-tin-Lin. Wieder einmal ist de^ alte Helden- 
hmrd auf der Leinwand erschienen. In dem Film: „DerKampf 
ums rote Gold", den die „Ufa-Lichtspiele" zeigen, 
verrichtet er auf den gewaltigen Schneeflächen Alaskas seine Wun- 
vertaten. Die Handlung ist wie aus den Aehnpfennig-Schmökern, 
i unmißverständlich, sentimental, spannend und primitiv. Goldgrä- 
' berexistenzen dienen dem Tier als Folie. In ursprünglicher Wild 
heit kommt es aus den ebenso wilden Wäldern angerast und wird 
- sofort zum erkorenen Liebling einer jungen Dame, deren strahlen 
förmiger Pelzkopfschmuck sie entzückend kleidet. Der Vater hat eine. 
geheime Goldmine und einen Feind, der ihn erschlägt, um in den 
Besitz des Geheimnisses zu kommen. Der Hund weiß alles. Er 
ist klüger als die Menschen, die ihn des Mordes verdächtigen und 
ihn erschießen wollen. Seine Instinkte werden nicht wie die der 
Zweibeiner durch den Intellekt verdunkelt. Man hetzt ihn in die 
Wälder hinaus — ein anderer kehrte der undankbaren Welt den 
Rücken. Er aber sammelt in der Schneewüste feurige Kohlen auf 
das Haupt seiner Widersacher. Springt dem Mörder an die Kehle, 
befreit seine Herrin und ihren Herzallerliebsten aus allen möglichen 
Gefahren, die zur Ueberwindung durch ihn bereit gestellt sind. In 
Lausend Situationen tritt er uns als der Ueberlegene entgegen: er 
weint am Grabe des Ermordeten, er ist ein Liebender, er bewährt 
ein feines Taktgefühl, er steht angespannt auf der Wacht und bellt 
im Orchester. Das Muster eines Hundes, herrlich und treu. Zu 
letzt erkennen die wiederholt von ihm Geretteten seine ganze Größe 
und nehmen ihn, wie es sich ziemt, reumütig wieder auf. raaa. 
Buster KeaLou. 
Herrlich ist der jetzt in den „Ufa-Lichtspielen" ge 
zeigte Buster-Keaton-Film: „Der Mann mit den tausend 
Bräute n". Buster erhält eine Erbschaft von 7 (sieben) Mil 
lionen Dollar unter der Bedingung, daß er am gleichen Tage 
noch heiratet, an dem er sein Glück erfährt. Der Mary die er ver 
ehrt, stellt er den Antrag so falsch, daß sie nicht will; erst später 
will ste doch. Man veranlaßt ihn, die ihm bekannten Mädchen auf 
sofortige Ehe hin anzusprechen. Er geht und fragt; wie man an 
eine Tür anklopft. Da nicht „Herein" gerufen wird, geht er 
wieder fort. Immer neue Mißgeschicke, grotesk abgewandelte Situ 
ationen. Man inseriert für ihn: Wer 7 (sieben) Millionen hei 
raten will, sei um 5 Uhr in der Kirche. Er sitzt dort allein, schläft. 
Nun kommen sie angerast, die Bräute, auf Rollschuhen, in der 
-Embahn, die Kirche ist voll. Er erwacht, wird umarmt, sieht sich 
um, flüchtet Die große Jagd beginnt. Ein Heuschreckenschwarm, 
erne ägyptische Plage, so stürmt die weiße Frauenmeute den Dollars 
nach Unerschöpflich der Szenenwechsel. Er läuft, als werde er 
gelaufen, vor den Bräuten davon, die Schutzleute und ganze Sport 
riegen überrennen. Sie sind für ihn keine Menschen, mit denen 
man sich ausemaudersehen könnte, sondern toll gewordene. Natur 
gewalten. Die Gleichung zwischen Menschen und Gegenständen 
verwirklicht sich nahezu grausig. Wie er Abhänge herunterspringt, 
poltern ihm Karawanen von Steinen nach. Lind es Steine? 
Vielleicht sind es verw^öelte Bräute, und die Bräute sind Steine. 
Möan kann sie nicht unterscheiden, sie tun das gleiche, sie fallen und 
greifen nach Buster. Endlich erreicht er das Häuschen, Mary war 
tet, die Freunde sehen nach der Uhr, der Pfarrer ist da. Zwei 
Minuten vor dem festgesetzten Termin geht die Zeremonie von- 
statten und 7 Mllionen Dollar fallen dem Paar in den Schoß. 
Das Beiprogramm bringt den ausgezeichneten Verkehrs-^ 
film, der unter Mitwirkung des Berliner Polizeiprä 
sidiums hergestellt worden ist. Den Schulen sei seine Besich 
tigung empfohlen. Er instruiert, ohne zu langweilen, und führt 
eine Reihe trefflicher Straßenszenen vor. Man weiß, wenn man 
' ihn gesehen hat, daß den unbedachten Passanten minütlich Un- 
l fälle bedrohen und die Verkehrsordnung segensreich ist. Beson 
ders eindrucksvoll ist die Eilfahrt der Feuerwehr über den Pots 
damer Platz; ein Telefonanruf macht ihr die Bahn frei, alle 
Wagen stehen still. Der Held des Films ist der Schupowann, der 
auf der kleinen Pflasterinsel steht und, der Vorsehung gleich, die 
Geschicke der Autos und Fußgänger lenkt. Gute Trickbilder ver 
anschaulichen Statistisches; erste Schauspieler stellen Unfälle lebens
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        ß 
lich, die Figur setzte immer neue Aeste an." , . 
Renz galt öfter als großer Sparmeister. Dennoch verstand 
er, mit vollen Händen zu spenden, wo es am Platze war, wo 
nicht, knauserte er allerdings. Auf die „Freiberger" — jene Leute, 
die. ohne zu zahlen, der Vorstellung anwohnen möchten — war ec 
schlecht zu sprechen. Konnte er einmal solch erneu Patron wcht 
loswerden, ging er mit ihm zur Kasse, erlegte für ihn das Geld aus 
eigener Tasche und überreichte dem nicht wenig Beschämten feierlich 
sein Billett." 
— Glücksritter An der Neuen Li ch t b ühn e werden zur 
Zeit zwei Filme gezeigt, die trotz ihrer Bejahrtheit noch sehensswert 
sind. In dem einen „Der RiLtumsGlück" spielt Douglas 
Fairbanks die Hauptrolle. Er ist schnurrbartlos, ein gehobener 
Tom Mix. Geschäfte führen ihn, der als Cowboy in allen Sätteln 
und ohne sie gerecht ist, nach New Dork, wo er im Smoking aufzu- 
Lreten gezwungen ist und sich nach den Abenteuern der Pamvas 
sehnt. Sie werden ihm bereitet. Man erwirbt sich seine Dankbar 
keit dadurch, daß man ihn eine schöne junge Frau aus Räuberhän 
den befreien läßt, Kellerverließe für ihn herrichtet und dergleichen 
mehr. Die Pointe ist, daß die von ihm ernstgemeinten Szenen 
Schauspielerei sind. Indessen entführt er oarum doch mit Ernst die 
Braut. -- In dem Film „Millionenkompagnle" wird ein 
schwieriger Kriminalfall entfaltet. Ein junger Juwelier, der die 
Tochter seines Chefs heiraten soll, gerät in den Verdacht, einen 
Raubangriff auf sich selber inszeniert zu haben. Es ist nicht ge 
schehen, ebensowenig sind die künstlichen Diamanten künstlich, die ein 
Chemiker hergestellt zu haben behauptet. Kenner von Detektivromanen 
werden erraten, daß diese Retortenprodukte in Wahrheit die ge 
stohlenen Steine sind. Aber für den Chemiker spricht, daß er diese 
Sache nur fingierte, um eine andere Erfindung durchzusetzen und 
vor allem: um die Verschwendungssüchte der großen Weltdame 
Olga Tschechowa zu befriedigen. Man läßt ihn laufen wenn 
er nach Amerika auswandert, und ein jeder Lebenskenner wird es 
für wahrscheinlich halten, daß die Weltdame aus Liebe zu ihm sich 
drüben in die einfachsten Verhältnisse schicken will. 
Die Schöpfung des Dummen August wird Tom Bel - 
mng zugeschrieben. Der Verfasser berichtet darüber: 
„Belling war Ende der sechziger Jahre bei Renz als Komiker 
(die Bezeichnung Clown war dazumal in Deutschland noch nicht 
Das Mach vom Zirkus. 
Das im Verlag Ed. Lintz A.-G. (Düsseldorf) erschienene: 
„Buch vorn Zirkus" von Joseph Halperson will nicht 
mehr sein als eine Skizzensammlung aus dem Reich der Wander- 
künstler. Es kann nicht mehr sein, denn der Historiker des Zirkus 
hat sich noch nicht gefunden. Vorarbeiten bleiben zu leisten, man 
ist auf mündliche Quellen angewiesen. Halpersons Buch macht 
einen ernsthaften Beginn mit der Inventarisierung des Stoffes. 
Es ist liebenswürdig geschrieben und stellt die Tatsachen zu 
sammen, ohne an der Deutung der Phänomene sich zu verheben; 
eine Leistung, deren Wert nicht zuletzt in ihrer Selbstbescheidung zu 
suchen ist. 
Der Zeitpunkt, in dem sie den Zirkus der unausbleiblichen 
historischen Betrachtung erobert, ist glücklich gewählt. Mit dem 
Niedergang der alten sozialen Ordnung fallen die durch die klassi 
sche Aesthetik gesetzten Grenzen, die von der hohen Kunst die der 
Manege ängstlich sondern; diese kann ihren Sinn unverstellter nun 
zeigen. Zudem hat die naive Entwicklung des Zirkuswesens, so 
scheint es, ihren Abschluß gefunden. In den letzten Jahren vor 
dem Krieg war die Zahl der Unternehmungen auf dem Kontinent 
von 200 (zu Anfang des Jahrhunderts) auf annähernd 70 herab 
gesunken. Mr Betrieb hat sich aus wirtschaftlichen Gründen 
amerikanisiert. Die Späße der Clowns bedürfen der Auffrischung. 
Die Direktoren suchen Reiterfamilien. 
Halperson berichtet nach einem flüchtigen Blick auf die Antike 
und das Mittelalter über die Heraufkunft des Zirkus in den 
verschiedenen Ländern. Einen Ehrenplatz nimmt England ein, 
das Mutterland der equestrischen Künste; als einer der ersten 
Kunstreiter wird ein gewisser Price um 1760 genannt. Die erste 
Manege ist 1767 in P a r i s gegründet worden. Der Chronikeur 
verzeichnet Programme aus jener Frühzeit und sammelt die Pro 
minenten der Pferde- und Reiterwelt. Die Kollektion ist inter 
national. Von der amerikanischen Wanderschau erstreckt sie sich 
zum Wiener Oiraus von Buffalo Bill zu Clara 
Schumann. Da ein Stamm von Familien das Zirkusleben 
durchwächst, wird dynastische Geschichte getrieben. Der Glanz 
der Höfe ist dahin, die Enkel großer Prinzipale herrschen un 
vermindert über Stall und Manege- Der alte Renz, Wilhelm 
Carre, Gotthold Schumann, Kommissionsrat Paul Busch, Pierre 
Althoff: alle die Gewaltigen erstehen in Mimaturen. Auch 
die neueren Sterne wie Hagenbeck, Sarrasani, Krone sind regi 
striert. Es fehlen nicht Erinnerungen an bedeutende Artisten 
jedes Zweigs, die Clowns' werden nach Typen geschieden. Das 
Gebiet ist ansehnlich: es umfaßt die hohe Schule, den Luft 
schwung, Löwenauftritte und die Purzelei. Immer neu wirken 
diese Künste. Sie verwandeln das natürliche Leben in die 
abstrakte Bewegung, verräumlichen den Instinkt zur mathemati 
schen Figur. 
Viele Stiche und Photographien schmücken das Buch. 
Zylinder und Jockeimütze, Flitterkleid und Clownskostüm sind die 
entscheidenden Attribute. Die Schnurrbärte der Direktoren para 
dieren in Wichs, aus dem eng geschnürten Mieder der Schulreiterin- 
nen quillt es schön und prächtig hervor. Mit den Menschen ver 
schmelzen die Pferde. Man steht sie in Ruhe und in kunstreichem 
Trab, alle Tugenden vereinen sich in ihrer Gestalt. Der Ablauf 
der Zeit selber stellt in diesen Photographien sich dar; sie zeigen 
das immer Gegenwärtige und das restlos Vergangene. Während 
die Haltung der Reiter und Reiterinnen und das mit der Haltung 
Gemeinte bleibende Gültigkeit hat, sind die Trachten und Gesichter, 
ist die ganze individuelle Körperlichkeit ein für allemal geschwun 
den. Der Sir-, der menschlichen Erscheinungen ist hier nicht die 
Persönlichkeit, irgend eine imaginäre dauernde Einheit des Leibes 
und der Seele, sondern eine zuchtvolle Bewegung, eine ungewohnte 
Gebärde, eine zum Linienzug gereinigte Materie. Umso erloschener 
«wirkt das Bild des Stofflichen, das als einmalige Individualität 
üblich), Springer und Szenen-, speziell r&amp;gt;L§-äe-äeux-Reiter enga 
giert. Als Komiker ragte er übrigens nicht sonderlich heraus, und 
es gab unter den Fachleuten auch späterhin noch 'manche, die be 
merkenswert genug, Belling eigentliche „vio cornicL" absprachen. 
Um so eigenartiger, daß es gerade ihm gelungen war, der popu 
lärste Zirkuskomiker aller Zeiten Zu werden. Belling, Zu aben 
teuerlichen Streichen stets aufgelegt, soll nun einst vom gestrengen 
Direktor Zu Garderobenarrest verdonnert worden sein. Da habe 
er sich aus Langeweile, Ulk, Verzweiflung oder in weinstiger! 
Stimmung eines Abends als ruppiger Stallmeister heraus-! 
staffiert und sei unversehens dem „Alten" in die Quere gekommen, 
der, die Wirkungsfähigkeit dieser kuriosen Aufmachung allsogleich 
witternd, den nicht wenig erschrockenen Flüchtling anwies, so, 
wie er dastand, sich in der Manege zu zeigen, wobei der alte Herr 
ein wenig mit dem Krückstock nachgeholfen habe. 
Die andere Lesart der Geburt des „August" hat eine kleine 
Vorgeschichte, die aus glaubwürdiger Quelle stammt. Da sei ge 
legentlich eines Gastspiels Renzens in Petersburg anfangs der 
siebziger Jahre der Oberrequisiteur des Zirkus, ein krummbeiniger, 
sein Haar in langen Locken tragender Mann, namens Mach- 
heine, eines Abends in rasch improvisierter Stellvertretung 
eines nicht anwesenden Stallmeisters in seinem ramponierten 
Arbeitsfrack, der von den schmucken Uniformen der Stallmeister 
erheblich abstach, in der Manege erschienen, um die Reifen zu 
halten, und hier auf Anstiften der Clowns mitten in die vorberei 
teten Seidenpapierballons geplumpst, was vom Publikum mit um 
so größerer Heiterkeit ausgenommen wurde, als der ergrimmte 
Requisiteur die Clowns bis in die Sitzreihen hinauf verfolgte, ge 
willt, sie ordentlich Zu verhauen. Der durch ein paar Taler rasch 
wieder Besänftigte sei von Renz veranlaßt worden, diese Szene noch 
ein paarmal zum besten zu geben. — Die Episode war bald wieder 
vergessen, und Machheine hatte inzwischen das Zeitliche gesegnet, 
als Renz, sich gelegentlich jener Szene erinnernd, Belling anwies, 
in ähnlicher Art wie Machheine als komischer Stallmeister aufzu- 
Lreten. Sei dem nun wie immer: Eines Abends des Jahres 1873 
präsentierte sich Belling in seltsamer Verkleidung, mit struppiger 
Perücke, rötlich blinkender Nase in der dummpfiffigen Visage mit 
den verwundert blickenden Augen und schlecht passendem Uniform- j 
srack. Noch unschlüssig, wie die Sache eigentlich am besten anzu- 
stellsn, sei er, über die Manegebrüstung stolpernd und hierbei zu 
Fall gekommen, von einem vorwitzigen Berliner Jungen auf der 
Galerie mit „Aujust" apostrophiert worden und habe, nicht etwa 
im Spaß, vielmehr im vollsten Ernst einen wütenden Blick auf die 
Galerie geschleudert, was die Spaßhaftigkeit der Situation natür 
lich nur erhöhte. Die anderen Nuancen fanden sich dann allmäh- 
sich gibt. Die Züge der Therese Renz in ihrer . Besonderheit rufen 
das Totenreich herauf, die Ringellöckchen der Ellen Kremzow 
kehren nicht wieder. An Reiterszenen, die wie stets so auch heute 
vorgeführt werden, haben diese Menschen sich hingegeben, 
als sie noch ritten. Ihr Porträt spiegelt das schon zu ihren Leb 
zeiten Vergangene, die Zeit in ihrer Schrecklichkeit ersteht in ihm. 
4- - 
Einiges Anekdotische aus dem Buch sei mitgeteilt. Zunächst 
ein paar Geschichten vom alten Renz. ,Ms er- sich einmal," so 
heißt es, „herbeigelassen, das Opernhaus zu besuchen, und den 
Klängen der Ouvertüre lauschte, da klopfte er mit eNem Male er 
regt mit dem Krückstock und brach knurrend in die denkwürdigen 
Worte aus:„Jetzt haben mir die Kerls richtig meine beste Schul- 
musik gestohlen!" 
Ferner erzählt Halperson: „Für Künstlerlaunenwar Renz nicht 
zu haben. Da war um die Mitte der siebziger Jahre der berühmte 
amerikanische ReiM Fr sh bei ihm engagiert und gefiel sehr. 
Fish prahlte Kameraden gegenüber, die attraction" sei er. 
Und das Publikum käme hauptsächlich seinetwegen in den Zirkus. 
Renz, der davon erfahren hatte, setzte am nächsten Abend Fish als 
„Nummer eins" aufs Programm, nicht ohne auf den Plakaten ver 
merken zu lassen: „Die Vorstellung eröffnet der amerikanische Reit- 
künstler C. W. Fish in seinen außerordentlichen Leistungen". Aber 
das Publikum hatte sich gewohnheitsmäßig zu Beginn der Vor 
stellung noch nicht sehr zahlreich eingefunden, und auch der Peifall 
war demgemäß nicht allzu warm. Dies wiederholte sich an den zwei 
folgenden Abenden. Als Fish daraufhin bei Renz Beschwerde führte, 
daß ihm die „undankbare" Nummer eins im Programm zugewiesen 
sei meinte dieser: „Ich dachte, Mr. Fish, das Publikum käme 
ihretwegen in den Zirkus, da sollte es doch zu Nummer eins auch 
schon da sein, zumal es ja verständigt wurde!" Und nun spielte der 
„Alte^ seinen Haupttrumpf aus. Zu seiner peinlichen Ueberraschung 
fand Fish am Tag darauf seinen Namen nicht aufs'Programm gesetzt 
und ebensowenig an den folgenden beiden Abenden. Und siehe da: 
der Zirkus war stets dicht gefüllt. „Sie sehen," mernte Renz zu dem 
verdutzten Reitersmann, „Sie brauchen gar nicht zu reiten, und das 
Publikum kommt doch!" So kurierte der alte Herr Künstlereigen 
dünkel.
        <pb n="50" />
        Der Wellbewerb .HnuplzollM 
Gin städiebaMches Problem. 
Das Bauprogramm für das künftige Hauptzollamt 
ist von dem Hochbauami in Gemeinschaft mit den Zollbehör 
den feflgestellt worden. Es sieht als Baugrund den Platz an 
der Domgasse vordem Reb stock vor. Man kann über die 
Wahl dieses Orts verschiedener Ansicht sein. Vielleicht haben 
die maßgebenden Stellen beabsichtigt, durch die Verlegung des 
Zollgebäudes in die Nähe des Domes der Altstadt einen 
stärkeren Verkehr zuzuleiten. Indessen ist es zum mindesten 
problematisch, ob die nun getroffene Wahl auch die prak 
tischen Bedürfnisse hinreichend befriedige; an einem der 
großen Verkehrszentren befindet sich jedenfalls das/Zollgebäude 
in der Gegend der Braubachstraße nicht. Fragwürdiger^ noch 
erscheint seine Lage an dieser Stelle vom ästhetischen Gesichts 
punkt aus. Da der Rebstock nun einmal freigelegt ist, wäre 
viel eher daran zu denken gewesen, daß man mit ihm als 
Hintergrund eine Platzanlage geschaffen hätte, die mit 
dem Domplatz zusammen ein schönes städtebauliches Bild 
hätte ergeben können. Der Möglichkeiten hierzu waren und 
sind genug; es. lickpe sich etwa an niedrige Flankengebäude zu 
beiden Seiten des Rebstockes denken. 
Infolge seiner Zweckbestimmung hat das Bauprogramm 
diesen Möglichkeiten nur ungenügend Rechnung 
tragen können. Darüber hinaus hat es manche Unklarheiten 
gelassen, manche Auswege sogar vielleicht verriegelt. Die von 
ihm vorgezeichnete städtebauliche Linie, die gegenüber der 
„Wage" polygonal verläuft, hat nach dem Urteil von Wett 
bewerbteilnehmern zu Einengungen geführt, die unter Um 
ständen zu vermeiden gewesen wären Ferner fehlten in dem 
Programm genauere Angaben über die Zukunft des Rebstocks 
und die Häuser an der Braubachstraße. 
* 
Für den Architekten und Städtebauer bietet die Bebauung 
des auserkorenen Platzes eine Fülle von Sch vierigkeiien. Es 
gilt die Nähe des Domes zu berücksichtigen, es gilt dafür 
Sorge zu tragen, daß das alte RebstockgMude durch den 
Neubau nicht erdrückt werde, sondern nach Möglichkeit unver- 
kümmert sich darbiele. Wesewl'ch ist ferner der Blick von dem 
Domplatz her; auch auf die Trierische Gasse als das 
Haupteinfallstor haben die Baumassen sich auszurichten. 
Die Aufgabe ist an sich von hohem Reiz. Je mehr Be 
dingungen der Baukünstler unterstellt ist, umso z singender 
wird die schließliche Lösung Ist ein Gelände gegeben das 
nach allen Seiten hin offen liegt und ohne Rücksicht auf 
Monumente und Bl'ckpunkte der Nachbarschaft bebaut wer 
den kann so ist Zugleich damit der Willkür Spielraum ge 
währt und die Freiheit der Entsche'dung voller Gefahren. 
In diesem Falle dagegen scheint die Bewältigung des 
architektonischen Problems von den verschiedensten Seiten her 
in eine eindeutige Richtung gedrängt, und der Arch'd, der 
den mannigfachen praktischen und ästhetischen Notwendigkeiten 
Rechnung trägt, mag sich am Ende sagen, daß sein Entwurf 
so und nicht anders habe ausfallen können. 
Trotz der an sich erwünschten fixierten Voraussetzung in 
dessen schließt die Bauaufgabe wesentliche Faktoren diw Un 
sicherheit ein Sie sind weltarnchaul'cher Art und ßch ser 
nur läßt sich ihnen entrinnen Die Umgebung bedeutmderw 
historischer Bauwerke näml'ch legt schon in den Anfängen der 
Entwuchsbearbe^ung tue Frage nahe ob sich die Grnvwew' &amp;gt;g 
*nd Formsache des Neubaues dem fskstellmdm ssharEer 
"»s Gesamch'ldes anvallen solle oder unbedenklich aus de^ 
'-"t'gen Baugesinnung heraus m erwachsen lwbe. 
Manche Gebäude der Braubachstraße sind abschreckende 
w ilpiele einer gefühllos b'storisie^enden A^chiduw und es 
pchteht sich von selbst, daß rwt ihr -eine richt-g' Einfühlung in 
)'&amp;gt;e baussche Stimmung des Gevierts nich' gleichbedeutend 
bleibt es ungewiß ob eine solche Ein- 
"^blung, wie sie etwa von der Schule Thwdor Fischers in 
ü-elen Fällen muste-haft geleistet worden ist, den Vorrang 
wr der zeitgemäßen Sachl'chkeit des Z ^eckbaus ve^d'ene Die 
Ve^fech^e^ des modernen S^lgebabrens können sich nicht ohne 
weiteres darauf berufen doch auch dw Bar^ckbaumeister (etwa 
Valtbasa- Neumann) ihr Stilempf'nden ohne Hemmung den 
gotischen Kathedralen ausgeprägt haben daß sie. mit anderen 
Worten, so unhistorisch wie nur möglich verfahren sind. S'e 
waren fähig hierzu, weil ihr Ausdrucksvermögen sich noch 
in die Dimensionen der Gotik hinein erstreckt Während die 
amh'tek'onischen Gestaltungen unserer Zeit, so groß sie auch 
auf dem Gebiet des Technischen sich darstellen, die symbolische 
Gewalt der historischen Arkitektu^d ckunnente nicht mehr er 
reichen. Es ist darum eine stets wieder neu sich beende 
Schwierigkeit, wie der heutige Architekt zu verfahren habe, 
wenn er an die Gegenwart alter Baudokumente gebunden ist. 
Radikale Modernität ist mitunter ebenso unrichtig wie ein 
passives Sicheinfügen. Man wird hierüber von Fall zu Fall 
zu befinden haben. . 
Die ein gegangenen Entwürfe sowohl — sie sind zurzeit 
im HausWerkbund ausgestellt — wie die Urteile des 
Preisgerichts verraten eine gewisse Unentschiedenheift die sich 
eben aus der angedeuteten Situation erklärt. Man hat zum 
Teil moderne, zum Teil gefällig sich anschmiegende Arberten 
ausgezeichnet; solche, die sich als Neubau unabhängig durch- 
zusehen trachten, und solche, die eine Art von Mimikry mit 
ihrer Umgebung anstreben. Aus der Uebersicht über die zahl 
reichen eingegangenen Lösungen ergibt sich dem Beschauer un 
zweideutig, daß eine gewisse Einglie der ung in den Be 
Regie ist gepflegt; über der subtilen Herausarbeitung der Ein--? 
zelheiten hat sie freilich mitunter die große Linie vergessen. In 
das Groteske traut man sich noch nicht recht vor; auch wo es 
gemcknt ist, bleibt es in der Andeutung stecken. Hier freilich wäre 
amerikanische Entschiedenheit der Sache angemessener als ein 
wehr oder weniger unklares Dazwischen, das auf Hemmungen 
durch kulturelle Rudimente schließen läßt. raea. 
stand der vorhandenen Architektur gefordert ist. Das Jahr 
hunderte alte Bild dieses Stadtteils ist zu fest in sich geschlos 
sen, als daß es verleugnet und gewaltsam durchbrochen werden 
könnte. Eine Reihe von grob modernen Architekturkästen ist 
daher mit Recht von vornherein ausgeschieden worden. 
Der zweite Preis — ein erster Preis ist nicht ausgeteilt 
worden — fiel an den Entwurf der Architekten Kesseler 
und Z i e g l e r. Der tektonischen Gliederung ihrer Baumas 
sen ist anzumerken, daß sie Schüler des leider zu früh verstor 
benen Paravicini gewesen sind. Sie berücksichtigen den 
Rebstock, ohne sich zu irgendwelchen Konzessionen zu verstehen. 
Ihre Grundrißlösung ist vortrefflich; sicher empfunden ihre 
Anordnung von Arkaden. — Besser freilich, weil charakteristi 
scher, erscheint uns die Arbeit der anderen Träger des zweiten 
Preises: der Architekten H a l l e n ste i n und Hebebrand. 
Ihre Pläne enthalten eine originelle Bauidee. Der Bauteil 
vor dem Rebstock ist flach gedrückt, damit der Rebstock selber 
gehörig sich darstelle, und der Teil nach dem Domplatz zu wird 
hochgeführt — eine Gliederung der Vaumaffen, die uns dem 
Orte am meisten gerecht zu werden dünkt. Der Entwurf prägt 
sich von allen vorhandenen am meisten ein; man fühlt aus der 
anfänglich befremdenden Aufteilung Sinn und Struktur her 
aus. — Die Arbeit der Träger des dritten Preises, der Archi 
tekten W. BangerL und M. Ce L t o hält die Mille zwischen 
unbefangener Aussprache des gegenwärtigen Fühlens und der 
Anpavung an das Gegebene mit Verständnis inne. 
Von den Ankäufen sei der ein wenig spielerisch geratene 
Entwurf des Architekten Fritz Berke erwähnt. Der des 
Architekten Löscher hat Aehnlich eit mit dem ersten preis 
gekrönten Entwurf. 
Unter den zur engeren Wahl gestellten Arbeiten fällt die 
Lösung des begabten Architekten G. Schaupp auf, der das 
Motto: „Alte Sachlichkeit" qewähl; hat. In der Tat hat er es 
! verbanden, durch zierliche Glaserker dem Rebstock sein Recht 
j werden zu lassen, ohne vorhandene Motive unkritisch aufzu- 
nehmen Sauber sind die Entwürfe der Architekten Aß- 
-wann 'md Fritz Nathan. Genannt sei schließlich die ge 
! drege^- Arbeit Ernst Balsers, die vielleicht etwas zu kästen 
förmig ausgefallen ist. Lr. 
» „Herrn Colms Abenteuer." Herr Colin, der Held der 
Romane des geistreichen Frank Heller, ist ein Hochstapler, der 
moralischer ist als die Gesellschaft, die er betrügt. Indem er 
fremder Leute Taschen plündert, treibt er praktische Gesellschafts 
kritik; indem er mit Witz auf unsolide Abenteuer auszieht, kehrt 
er zum vernunftgemäßen Leben zurück. In dem Film: „Die 
Finanzen des Großherzogs" ist er schon einmal auf der Lein 
wand erschienen. Nun zeigt der neue von den Ufa-Licht 
spielen vorgeführte Film eine andere Episode seines schwieri 
gen Daseins. Von Frank Heller ist nicht mehr viel übrig ge 
blieben in diesem Film» Zwar hat man nach seinen Roman 
motiven gearbeitet, jedoch den Film zu einer Art von Gesellschafts 
stück zurechtgestutzt. Schon daß Georg Alexander den Colin 
spielt, raubt der Figur den Charakter. Alexander ist ein viel zu 
sympathischer Junge, um sich zur kalten Smartheit des Hoch 
staplers zu reduzieren, der über andere Register verfügt als die 
des wohlgelittenen Bonvivants. In dem Ulm sind die Anfänge 
Herrn Colins zu sehen. Er ist ein Rechtsanwalt, der in den 
Verdacht gerät, Geld entwendet zu haben, und so aus den ge 
sicherten Bezirken der bürgerlichen Gesellschaft in die Welt der 
Gauner gestoßen wird. Diese steht unter der Obhut eines „Prä 
! sidenten", den Edgar Licho famos und vertrauenerweckend ver 
körpert. Er unterhält eine Akademie für Taschendiebe, die nach 
außen Un als Institut für Körperkultur zeichnet. Die Szenen, 
in denen die mustergültige Ausbildung der Akademiebesucher dar 
gestellt wird, sind voller Esprit. Colin, um dies noch mitzuteilen, 
rächt sich an seinem Feind, dem Erich Kaiser -Tietz die 
Mienen des schwindlerhaften Wahrsagers leiht, fühlt sich von dem 
in seiner bürgerlichen Präexistenz geliebten Mädchen preis- 
gegeben und läßt darum sein Herz am Ende für Ossi Oswalda 
schlagen, die zu viel Weib ist, um Mary Pickford zu sein, die sie 
gerne sein möchte, und im übvigen sich im Film als diebstüchtige 
Tochter des „Präsidenten" mit einem nicht gestohlenen goldenen 
Herzen betätigt. Trotz der vielen Liebe und Anständigkeit, die 
in den Ufa-Filmen gerne eingeflochten wird, hat der Film eine 
Reihe ausgezeichnet pointierter Szenen, in denen sich eine 
Schlagfertigkeit bewährt, die das Gelächter heraufbeschwört. Die
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        gefärbte Flüssigkeit in der Röhre echte Tinte ist. Es genügt ihnen 
festzustellen, daß diese abenteuerlichen Existenzen das seßhafte Leben 
fliehen und die Federn , der entlegensten Länder zum Abfall von der 
heimischen Art erregen. Sie halten sich in der Regel in dunklen 
Rocktaschen auf oder schmarotzen gar in den Westen. Am liebsten 
produzieren sie sich in der Eisenbahn und auf tintenfreien Feldern, 
um aller Welt ihre Unabhängigkeit von den TinLengefäßen Zu be 
weisen. Dem Vernehmen nach sollen sie bei solchen Gelegenheiten 
durch frei erfundene Schnörkel nach dem Beifall der Menge haschen. 
Häufig ziehen ste an Schreibpulten, deren Einrichtung nichts zu 
wün-chen übrig läßt, mit betonter Gleichgültigkeit vorüber, ohne 
auch nur aus ihrer Rohre Herauszusehen; ein Verhalten, das die 
ortsansässigen Kelche besonders verstimmen muß. Immerhin, man 
würde ein Auge Zudrücken, handelte es sich lediglich um Unarten, 
wie sie in der jungen Generation heute verbreitet sind. Wer leider 
verstößt das Betragen der Füllfedern auch wider jede öffentliche 
Moral. Statt in die gewiß gerne zur Verfügung stehenden Behälter 
einzutauchsn, lassen ste sich die in ihrer eigenen Röhre enthaltene 
Flüssigkeit einführen; nicht nur von Fall zu Fall, sondern in steti- 
! gem Fluß. Das Peinliche des Hergangs wird noch durch die Win 
dungen erhöbt, die ste vor und m dieser Manipulation vollführen. 
Ueberträfen sie wenigstens die der Scholle treu gebliebenen Federn 
durch die Qualität ihrer Leistungen! Gerade die Mitnahme des 
Proviants jedoch, von der man sich anfänglich viele Vorteile ver 
sprochen hat, übt eine erschlaffende Wirkung auf die Füller aus. Sie 
werden bequem und versäumen die Amtsstunden. Unparteiische 
Berichterstatter haben schon wiederholt beobachtet, daß die Ehrlich 
keit ihrer Arbeit sich verringert hat. 
Wie dem auch sei, die Tintenfässer jedenfalls haben unter der 
Entwicklung zu leiden. Sie, die in dem höchsten Mittelstand Fuß 
ermangeln. In der Zeit der Romantik wurden sie um ihres inne 
ren Wertes willen geschätzt. Damals quollen sie von Liebes 
briefen über, die in die LiteraturgeschiHte eingegangen sind, und 
erfreuten sich reichlicher Erträgnisse aus ihrer Schriftstellerei. 
Kummer bereitete ihnen einzig ihr Name. Konnte ihre Oeffnung 
mit einem Spundloch verwechselt werden? Pflegten sie achtlos 
auf dem Boden zu rollen? Der Ausdruck Tintenkelch, so meinten 
sie in aller Bescheidenheit, wäre ihrer Bedeutung angemessener ge 
wesen, er gemahnte an Lilien. Nur das Beispiel der Geusen be 
wog ste dazu, die Benennung Fässer als Ehrennamen M tragen. 
Es ist der Allgemeinheit bekannt, wie sehr sich die Lage der 
Tintenfässer mittlerweile verschlechtert hat. Umfassende Unter 
suchungen sind angestellt worden, um die Ursachen dieser sozialen 
Veränderung zu erforschen; teils der Vollständigkeit unserer Er 
kenntnisse wegen, teils aus, soziologischen Gründen. Die Enqueten 
erlauben den Schluß, daß die Unterdrückung der Tintenfässer mit 
dem Vordringen der Schreibmaschinen zusammenhängt. Diese 
bieten rmleugbar einen komischen Anblick: sie gleichen Polypen, die 
ans Land geschleudert worden sind und nun hilflos um sich schla 
gen. Indessen verhehlen sich die Kelche nicht die Gefahr, die ihnen 
von den lächerlichen Ungetümen her droht. Sie wissen, daß der 
SLegeszug der mechanisHkn KunsLkästen eine Folge der National 
ökonomie ist, ja, ste gestehen sich freimütig ein, daß der von den 
Tasten erzeugte Lärm die Verrichtung untergeordneter Arbeiten 
erleichtern mag. Wer es ist ein anderes, eine schlichte kaufmännische 
Berechnung hervor zu Tappern, und ein anderes, auf den Gebieten 
des höheren Innenlebens schöpferisch tätig zu sein. Tinte muß 
fliehen, wenn die Seele es tut; denn es kommt dann nicht mehr 
allein auf den Inhalt des Geschriebenen an, sondern auf die Be 
sonnenheit, mit der die Feder sich in das Feuchte vertieft und den 
Luftweg zwischen Kelchrand und Papier durchmißt. Zur Auf 
klärung der von den Polypen verhetzten Massen haben die Tinten 
fässer einen Preis für das beste lyrische Gedicht ausgesetzt, das 
nachweislich unter Benutzung mindestens eines der ihren vergossen 
worden ist. Auch haben ste an etlichen kleinen Universitäten Lehr- 
slühle gestiftet. Leren Inhaber verpflichtet sind, in der Jugend die 
Ueberzeugung von dem vaterländischen Sinn der Stahlseder- 
fl schwänge zu wecken. Durch diese, und andere vylW 
Maßnahmen Hoffen sie eine neue Blüte des HandschrifLenwesens zu 
erzielen. 
Verheerender als der Einbruch der Schreibmaschinen, denen es 
zuletzt doch an der geistigen Überlegenheit gebricht, ist das Umsich 
greifen der F ü l e d e rh al t er, die von innen her die alte Ord 
nung zerstören. Sie sind nichts weiter als gemeine Federn, die sich mit 
einer Art von Röhre versehen haben, in der sie sich die meiste Zeit 
über wie die Schnecken verkriechen. Die Tintenfässer wollen weder 
nachprüfen, ob sie wirklich aus Gold bestehen, noch ob die blau- 
Von Naes. 
Vor Zeiten führten die Tintenfässer ein weithin geachte-es 
Dasein. Sie wohnten auf besseren Schreibspinden, dwen manche 
W verschließen waren, und betrieben mit Wohlanstanö ihre Ge 
schäfte. Die Meisten von ihnen neigten zu rundlicher Fülle; wenn . 
ste älter wurden, entwickelten sie einen Hang für üppge Schnitze-! 
rcien. Anmut und Würde strömten von ihnen aus. Abends vor 
dem Schlafengehen setzten ste sich ein Käppchen auf und erbauten 
sich an dem Gedanken, daß die Strebsamen niemals der Tinte! 
der die Körperkraft und Körperschönheit unversehens Zum Kult ge 
rat. Daß er dem der Antike gleiche, behaupten die Vildtitel oft 
genug. Aber sie ir-en: in der Antike war der schöne Körper nicht 
Selbstzweck sondern erwuchs aus der Verehrung der Helden und 
Götter als das lebendige Sinnbild der verehrten Gestalten. Nicht 
auf die griechischen Kampfspiele — auf ein seiner bildhaften Ge 
halte entleertes Heidentum greifen die Anhänger der abstrakt 
mythologischen „Körperkultur" unserer Tage zurück. In 
einer Filmszene verwandeln sich die Tänzerinnen eines antiken 
Vasenbilds in griechisch kostümierte §irl8, die den Reigen auf der 
Vase kopieren. Ihre Schönheit ist nicht zu bezweifeln; doch den 
"GM, dem die schöne Gebärde der Vasenfiguren galt, sucht man 
bei ihnen vergeblich. Er erblüht auch nicht aus der rhythmischen 
Gymnastik, wie feierlich immer die Mary Wigman-Schule schreite 
oder Amtsgerichtsrätinnen das von Mensendieck vorgeschriebene 
Ritual verrichten. Der Gott ist wirklich unbekannt, dem diese und 
andere edel verbrämten Gesten derer zugedacht sind, die in Schön 
heit nicht nur sterben, sondern auch leben wollen. Oder vielmehr: 
er ist der vergötzte Körper selber, aus dessen Training sich die Seele 
gewiß nicht heraus schlagen läßt. ^Seinem Dienst sind nicht zuletzt 
die übertriebenen sportlichen Begehungen geweiht, die das Phantasie 
leben der Massen heute mehr beschlagnahmen, als es für das Ziel 
der körperlichen Ertüchtigung erforderlich wäre. Ob zu „ethischem" 
oder „religiösem" Nutzen? Die Frage beantwortet sich selbst. 
Man hat dem Film von katholischer Seite vorgeworfen, daß er 
das sittliche Empfinden verletze. Er ist von Anstößigkeiten frei. 
Seine -optischen Anleitungen zum vernunftgemäßen leiblichen Dasein 
sind der Beherzigung wert. Seine Setzung des Körpers als der 
alleinigen Grundlage alles Höheren entspringt der Konfusion. Der 
Geist sprießt nicht aus dem Körper wie ein Gewächs hervor. 
Bei Gelegenheit der Vorführung des Films in den 
Frankfurter Ufa-Lichtspielen. 
„Wege zu Kraft und Schönheit". 
Die neue Auflage des bekannten Ufa-Films hat sich mehr 
als die erste den gesundheitlichen Bedürfnissen und materiellen 
Möglichkeiten des kleinen Mannes angepatzt — ein Wendung, dre 
gutoeheißen werden kann. Außerdem find die Sportberichte auf 
den letzten Stand gebracht: Nurmi, Rademacher und Susanne 
Lenglen bewegen sich unter der Zeitlupe zu Wasser und zu Lande. 
Seine Vollständigkeit macht den Film zu einem Kompendmm der 
Körperkultur; seine Wahllofigkeit zum Magazin. 
Zwei Richtungen — vielleicht auch mehrere — mengen sich fort 
gesetzt in ihm. Die eive erblickt in der Körperpflege und 
dem richtig betriebenen Sport ein Mittel, um die Menschen ber 
guter Gesundheit zu halten und gewisse leibliche Tugenden ihnen 
einzMötzen. Diese Entwicklung ist vernünftig durchaus; sie orga 
nisiert auf dem Gebiet des Körperlichen, was zu organisieren ist. 
Gymnastische Uebungen am frühen Morgen, die rationelle Ausbil 
dung kranker Schulkinder auf dem Land, Erholungsspiele und der 
eine oder andere Lioblingssport: niemand wird wider Hygiene und 
Körperlust etwas einzuwenden haben. Der Film Zeigt eine Reihe 
von Beispielen, die zu solchem löblichen Tun ermuntern und er 
zieherisch wirken mögen. , . . 
Die andere Richtung, die sich leider stark hervordrängt, wnd 
durch einen Satz des Filmprosvekts gekennzeichnet, der „die 
ethische, man mochte fast sagen religiöse Bedeutung der &amp;gt; 
Körperkultur" rüAnt. Eine Überschätzung des Bloß-Natürlichen,
        <pb n="52" />
        gefaßt hatten und dort oben wichtige Dokumente aus sich entließen, 
werden sei längerem systematisch verfolgt; ungeachtet der Tatsache, 
daß sie auch im Falle des Nichtgebrauchs jederzeit gewissenhaft auf 
ihrem Posten standen. Die große Mehrzahl findet sich zu den 
niedrigsten Tätigkeiten verdammt. Eine her ab gesunkene Klasse, deren 
Angehörige keine individuellen Züge mehr tragen, sondern sich wie 
ungelernte Reservoire Zum Verwechseln ähnlich sehen. Kaum daß 
sie noch an jene -edel geformten Kelche erinnern, die früher nicht 
s-elt-en in Prunksülen ihre Unterschriften verliehen. Man hat sie aus 
GlasaLfällen gerundet um ihre Arbeit in jedem Augenblick kon 
trollieren zu können, und beschäftigt sie an den unwürdigsten Stät 
ten, wo ihnen die Möglichkeit Zur Persönlichkeitskultur fehlt. In 
der Hauptsache liegt ihnen die Bedienung der Füller ob, die so 
hochmütig sind, daß sie sich vor jeder unmittelbaren Berührung mit 
ihnen scheuen und ihre Aufträge nur durch die Spritze erteilen. 
Derart ist den Tintenfässern der Einfluß auf den Ausbau der 
Schriftzüge, vor allem aber auf die Wahl der Papiersorte nahezu 
völlig entzogen. 
Die Gipfelhöhe der Kränkung dünkt den Kelchen nicht einmal die 
Lohnsklaverei; vielmehr: ihre Verwendung als Zimmerschmuck. 
In der Tat enblödet man sich nicht, ihrer manche mit einer Würfel 
oder kugelförmigen Dergestalt zu begaben und, bis zur Neige ge 
leert, auf polierten Schreibplatten an den Pranger zu pellen. 
Ihrem eigentlichen Lebenszweck entfremdet, mögen sie hier in der 
Gesellschaft von Pfauenwedeln und Vasen die Lichter zurückwerfen, 
die aus sie ausprallen. Daß man ihnen nicht eine Tafel mit der 
Aufschrift: „Tintenfässer sind überflüssig" umhängt, ist alles. Ohn 
mächtig müssen sie den Hohn ihrer Feinde erdulden. Hält sich eine 
Schreibmaschine in der Nähe auf, so läßt sie sich nicht etwa auf 
der Platts, sondern auf einem eigenen Tischchen nieder und ent 
facht ein brausendes Geräusch, als ob sich niemand sonst in der 
Stube befände. Die Füller schreiben absichtlich in ihrer Gegenwart, 
auch wenn sie gar nichts zu sagen haben. Dann und wann senken 
sie sich wie aus Versehen in die tintenlosen Gefäße ein, um sie 
ihrer Trockenheit wegen zu beschämen. Den Verspotteten gereicht 
es nur zum geringen Trost, daß die Peiniger selber ihre Flüssig 
keit oft nicht bei sich behalten können. 
Auf einer vor kurzem verunstalteten Jahrestagung haben die 
Tintenfässer über die notwendigen Gegenmaßnahmen beraten. Sie 
sind dort zu einer einstimmigen Resolution geschritten, in der die 
mangelnde Daseinsberechtigung der Füllfedern wissenschaftlich nach 
gewiesen worden ist. Es bleibt abzuwarten, wie der Beschluß sich 
auswirken wird. In ihrer Verzweiflung haben sich die Kelche auch 
an die großen Tintenflaschen gewandt, deren dicke Bauche 
im Geruch einer besonderen Heiligkeit stehen. Sie waren, immer 
und werden immer sein. Die Flaschen, die ihrem frommen Beruf 
im Verborgenen nachgehen, haben in der von ihnen. gewährten 
Audienz erklärt, daß die Welt ohne Flaschentinte nicht bestehen 
könne. Die Tintenfässer, so äußerten sie zürnend, werden einen 
Teil der Schuld bei sich selber suchen müssen; ihnen zur Strafe 
sind die Schreibmaschinen und FMfedern geschickt- Diese freilich 
— hier glätteten sich die Etiketten der Flaschen wieder —- sind als 
weltliche Erfindungen der Vergänglichkeit geweiht. Die Schrei L- 
polhpen werden in die Meeresgründe gebannt und versiegen werden 
die Röhren, wenn die Kelche sich von neuem Zu dem Glauben an 
die Nnerschypflichkeit der Flaschentinte bekennen. Die großen Fla 
schen sind schon im frühen Mittelalter die Hüter der Tinte ge 
wesen und haben daher einen ausgedehnten Ueberblick über die 
Geschichte. Ihre Prophezeiung söhnt die Tintenfässer ein wenig mit 
dem Elend der Alltags aus. Sie harren und vertrauen, und wenn 
ein Füller zerspringt, preisen sie die Weisheit, die aus den 9 la 
schen spricht. 
ladrbuob kür 8 oLio 1 ogis 1S26. — 
8orio!egis als Oesellscdaktswis- 
sensodakt. — LoLiologiscde Bsss 
stücke. 
Von vr. 8. 
ver jotst ersedienene II. Land des internatio 
nalen Lammelwerks: „^adrbued kür 8o- 
Liologie" (Larlsrude, 8. Braun. VII, 483 Sei 
ten. 16) setLt das mit dein I. Land begonnene 
Blnternedmen planmäßig kort.*) wiederum ist 
der Rerausgeber, Brok. Oottkried 8alomon 
(Brankkurt), bemüdt Thesen, sing Beide küdren- 
der Autoren au8 verscdiedenen Nationen ru ver 
einen. Br bat gieb rnit dein ^adrbucd unstreitig 
das Verdienst der Lödakkung eines Borums er 
morden, auk dein sied d-e Autoren rwar niedt 
ru einer „Oemeinscdakt" im Sinne von ^onnies 
LusamMenkindsn, aber doed gssellsodaktliod rnit 
einander Büdlung nedrnen donnern Bs ist durcd- 
s-us in der Ordnung, daü aued die ^Vissenscdakt 
idre Boteldallen dat, m denen rnan sied trikkt; 
Zerade die Sociologie dedark einer soleden inter- 
natidnalen VerständiAunZ. 
Ver neue Land devorcugt Leitra^e, die über 
die Lntndedluns der.deutsöden Sociai^s^edöio^is^ 
umerriedten. Idnen cur Seite treten ^.ddändlungen 
reedts- und stLatspdiiosopdiseder, socialödönorni- 
seder und rnedr distoriseder ^.rt; aued rNetdodö- 
lo^ikede LraMN werden anAesodnitten. Line reied 
desetcte und xüt sernisedte Blatte insZesamt, die 
Mit den Orderten des ersten Landes cusamrnen 
einen ausdornmlieden vederdded üder die AtzZen- 
MartiZen Liedtun^en der socioioZisoden Lorsed- 
unx versedakkt. 
Bür idren Stand ist die rrnverdenndare Vor- 
derrsodakt des Lorn. s 1 ep deceiodnend. ^us 
Oründen, die seider socieiögrZed niodt sedwer Zu 
durodsedauen sind, sedent eine NedrLadl der 
^Vistzensedakter davor curüed, sied rnit der Saode 
einculassen, urn die es cujetct cu geden dätte. 
Nan bleibt vor idr sieden vvie vor einer ^and; 
sei es nun, daü un. ei^er kra^würdigen Od- 
fedtivität willen adgeiosten erdenntnistdeoreti- 
soden Interessen duldi^e sei BS, daü rnan irgend 
welöde allgemeine Brincipieri entwickle und von 
idnen cu rnaterialen vntersuedun^en kortcusedrei- 
ten verspreode. vie Lrkenntnistdeorie derudlAt 
sied der sied selber, und das Verspreeden wird 
niedt sSdalten. „VVei! die ^Vadrdeit ein 
Ltderisedes. von der materiellen Nasse getrenntes 
Subjekt ist, adressiert sie sied niedt an die ernpi- 
risoden Nenseden, sondern an das „Innerste der 
Seele", rückt sie. um ,wadrdakt erkadren" cu 
werden, dem Nenseden niedt auk seinen groben, 
etwa in der Dieke ein^s en^dseden Lellsrs oder 
in der Höde einer krsrcüsiseden Speiederwod- 
nun^ dausenden Leid, sondern „ciedt" sied „dured 
und dured" dured seine „idealistiseden varm- 
kanäle". Dieses ^Vort von Narx, das Lruno Lauer 
ironisiert, xilt unverändert kür die deuti^en 
Ledrikten, die idre absoluten Lrkenntnisse im Le- 
reicd des Borms-l-^dstrakten gewinnen rnoedtsn. 
8ie degeden sied ader in diesen Le^eied: einmal, 
weil sie in idm am wenigsten Oekadr lauksn, ein 
indadlied bestimmtes sociales Lekenntnis adleZsn 
cu müssen, und cum andern, weil sie meinen, von 
idm aus idr Bekenntnis als absolute Wadrdtzit er- 
sedlieäen cu können; also edsnkalls aus ^ngst 
vor dem Bekenntnis. Das Ledürknis, es cu ver- 
dränAtzn, treibt aued wodl in sedeinmateriale 
distoriscde und psI-odolo^isede Studien dinein; 
wie überdaupt das Bewußtsein erkinderised an 
^.usklüedtsn ist, wenn verdrängt werden soll. 
Die Odarakteristik einiger Beiträge mo^e das 
Oemeinte erläutern. Brok. ^Vildelm Leildau 
(Oslo) will die Diktion des isolierten ^iriscdak- 
ters in der bür^erlieden Nationalökonomie dured 
die Binküdrun^ einerNacdtps^cdoloZie beseitigen, 
odne daß er das "Woder und ^Vodin der Nacdt 
näder bestimmte; das Dormale ist damit niedt 
überwunden. Brok. Ldward L o Z (Nadison, 
^Visoonsin) gibt eine Typologie der dlerrscdakts- 
kormen und Herrscbaktsmitted IVelcde Oedalte 
berrsoden? ^Velcde werden bederrscdt? Lr0k. 
Branc ^V. Jerusalem (lena) bemerkt in einem 
Huksatc über die Oesetcmäkigkeit unseres socia 
len Bebens unter anderem, daß die Osscdicdte 
der abendländisoden Lultur ein Leduktionspro- 
ceß sei, der rur 2ersetcung einer ursprünglioden 
Kollektivität und cur Ausbildung völlig selbstän 
diger Bersonliedkeiten geküdrt dabe; eine Fest 
stellung, die weder die Brscdeinung nocd gar den 
Linn der Lbendlandiseden Oescdicdte entsedei- 
dend berüdrt. Brok. 6. N o s c a ("I'urin) fordert 
rur Vermeidung soLialei Krisen von der derr- 
scdenden Hasse die ^.nnadme und Lekolgung 
einer wissensodaktlieden Bolitik. Bs ist umso 
oder 2U vermuten, dak die Bascisten die idre kür 
wissensedaktlicd dalten, als das ^.usseden der 
Wissenscdakt niedt besedrieben wird, die Bolitikl 
werden soll. Bedrreicd ist ein ^uksat^: „8ee1- 
spiegelung oder Bormen des NitbewuLtseins", 
von Brivatdorent 8. v Ltoltenberg (Oieüen)^ 
den der Zwang ^ur Normalität ins Absurde detLt. 
B^ter seinen in DabeHen eivgesammelten Kuriosi 
täten ist die des „VreimalselbmitbewuZtseins" 
niedt einmal die merkwürdigste. 
Vie metdodologiseden Beiträge begnügen sied 
vorwiegend mit tsrminologiseden und dekinitori- 
scden KatLUngen. Kledr an die Kacden küdrt 
allein die geistreicde ^bdandlung von Dr. Larl 
VIanndeim (Heidelberg) über die idsologiscde 
und soriiologiscde Interpretation der geistigen 
Oebilde deran. Indem es jene Lur „Innenbe- 
traedtung" der Ideengedalte, diese 2U ibrer 
„^ubenbetracdtung" stempelt und am Bnde Lu 
einer l^pologis der verscdiedenen Innen- und 
^ukenbetraedtungen scdreitet, entLiedt er krei- 
liod dem marxistiscden Ideologiebegrikk aued 
die eingescdränkte BeLlität, die idm Lukommt. 
Von den ins Uatsriale überleitenden soLiologr- 
scden Ltudien sei der ausge^eiodneten Arbeit 
Vrok. ^Ikred kdeusels (^acden) gedacdt, in 
der die Borm des Lompromisses soriologisod der 
bürgerlied-kapitalistiseden Desellscdakt sugsord- 
net Wird. — ändere ^bdandlungen bekassen sied 
mit besonderen Oegenständem 8o entwickelt 
Brok. Andreas ^Valt der (Oöttingen) in einer 
besonnenen und gediegenen Darstellung die so- 
riologiscden Ideorien ^ax ^Vebers. — Das Nan- 
datarsvstem des Völkerbunds wird von Vrok. 
8 obson (Bondon) als die neueste Bdase 
des Imperialismus erkannt und einer scdarken 
Lritik unterzogen. Der tsedecdiscbe Brokessor 
^.rnost Blada (Lrünn) und der Busse Brok. Litrim 
Lorokin (Minnesota, krüder Betersburg) 
beriödteü über die Leitgenossisods LoÄologie 
idrer Bänder.
        <pb n="53" />
        dos^i in srnsrn auek dursk seine NatsrialksnntniZ 
ksZssIndsn ^uksatL die ^kkanMksit Narx6N8 
von dsrn kranLösitzeKsn LwpirisMu8 und 8sn8ua- 
1L8MU8 auk, die sisk aus* dsr OsnsLis stlwksr 
Erundks^rikks ergibt. 
Von der ^nkündi^unA srnss dritten lakrkusktz 
nirüint rnan Ferne Xonntni3. Dis 8aiNrnIun^ Kai 
do^urnsntariZsksn ^Vsrt. 
Mntzv Ls8a^ sMwLliod ^rssn um äsn 
Narxisrnus. Drok. Nslnrlok 0 uvow (Lsrkn) 
^sätzn^t dsr VoMuksr von Narr auk dem Oskrst 
dsr LdatzZsnkaiNpktksorrs. ?rok. OsorZss 6 o u r- 
§ j N (Daris) wsist naok, daL dsr 8sit 1879 auk 
radikalsr 8sits srrsu^ts und kortdausrnd gs- 
naKrts ,M^tkus" von dsni vorwiegend prolstari- 
8vktzn Okaraktsr dsr Lomniuns ein — Nvikus 
86i. Der Heran 8Zsksr ?rok. 8 a! üw 0 n ZMsr 
dankbar gegen das Publikum ausstrecken; auch der Besiegte ver 
fahrt so, dann tun sie es untereinander. Eine ungetrübte Ver 
söhnung, das Pfeifchen flötet, die Musik spielt verstorbene Märsche. 
Im Hintergrund tagt das jüngste Schiedsgericht. Drei Herren 
in Schwarz, ein Kollegium. Sie teilen die Zeit in Sekunden ein, 
damit nichts aus ihr herausfallt. Niemand hat sie noch lächeln 
gesehen. 
Die einem wirklioken Ledürknis entgegenlcom- 
mende Leibs: ^,8 0 ? 10 l 0 g i s e k e Dese- 
tz tu ob e" des Verlags 6. Lraun (Larlsruktz) ist 
um einen dritten Land bereiekert worden. (197 
Zeiten. 6eb. 4). Lran2 Oppenkeimer 
und Oottkried 8 a l o m 0 n, die Herausgeber der 
Zammlung, baden ibn dem ?bema: „Indivi 
duum und Oesellsebakt" gewidmet und 
eins gut orientierende ^uswabl von Leseproben 
getrokken, aus denen die Ztellung soLiologiseker 
Autoren der Vergangenksit und dsgenwart 2U 
dem durek den Lite! beLsieknetsn Gegenstand 
erkellt. V^ie die vorigen Lände, so siebt aueb 
^essr "EleM Äsarabtsristiseben Längssebnitt 
dureb die sOLiologissks Literatur; er empkieblt 
sieb überdies als eine geeignete Dlattkorm kür 
weitere 8tudien. In der Einleitung gsdenbt Drok. 
Zalomon der prabtiseben und tbsoretisoksn Dn- 
tergründe, denen die jeweiligen ^ukkassungen des 
bebandelisn Lbemas erwaebssn, und deutet die 
Liebtlin'en an, die bei der Zusammenstellung , 
maßgebend gewesen sind. -—-— 
Ls SMr«LE E 
iLtsrLtMdlLtt M. 1 vom 3. 1S26. 
Das Dusk: „ZoLiolo^ie als OsssII- 
8 6 K L k t 8 W 1 8 8 E N 8 0 K a k t" VON Drok. U O 
k 6 rt Nikkeis, das sis Dand IV der Usiks: 
„Lsksndigs ^VIsssnsokakL^ iin Leidiner Nauritius- 
Vsr!a^ (ISO Zeiten. &amp;lt;F Z.50) er86kisnen ist, prükt 
Fswisss, 2UIN Lsü nosk niskt ^sstsüts terrnino- 
lo^iseks und somoloZiseKe Vorfragen, lisksrt Dsl- 
trägs Lur ^KZrenLnnZ des ^.uk^akenksrsisks der 
Zö^ioIoZie und ^skt auk einzelne Laskpröklsrns 
ein. ^uFgsdsknts Natsrialkunds und ein voslt- 
wannisekvr 2uZ E Lrnviri^ Wis er den 8r2SuA- 
nissen deütseksr OelekrsLNikeit selten eignet, 
sind die Xenn^eieken des Wndokens. Niokslß 
sendet Ziok in ikin ^sksn die LnsitiS aktzsitiASr 
und WiMürksksr Ds^ikkspräMn^sn LuZunsteN 
einer nask No^Iiskksü sinksnlioksn Lsrininolo- 
Ais und erwägt sodann die LeziekunKen der 80- 
^roiöZie LU den MekkarwisseNsekaktein IKrs 
Vermen^un^ mit der LroloAis etwa wird grund- 
säi^Iisk akAsIskni. („Das ÜtzsetL von der naiür- 
lisksn ZeleMion Wird dursk die keutr^s Oskono- 
mie Rum 6s6stzt^ der unnatürlioksn Depression".) 
^U8 den versekredsnen OrenLkestiwmun^en kol- 
Ftzrt er kür die 8oLio1oAis: daä sie die s^sts- 
mLtiseke Darstellung des ÜrNeiüspielens einer 
DekensersökeiNuNZ in die andere Lu leisten kads. 
Line besondere LedeMung miät er in dieser die 
keterogenen dösellsekaktspkänomene mit einan 
der verbinden den Darstellung den ps^ekologi- 
seken Vairten bei, auk die siek sowokl seine Ds- 
traektungen über die Vi raussei^ungen der 6rup- 
penkildung wie seine Würdigung des eudamo- 
niZtiseken Drin^ips Innsrkalk der Oekonomie visl- 
kaok ke^ieken. ^usk wsNn man niskt geneigt 
ist, der Ds^ekologie ein so breites Leid sin^u- 
räumen, ^vird man doek anrusr^snnsn kaben, 
dak Nikkeis sie stets von der empiriseken 8site 
ker anpaskt und weder in die Zpekulation nosk 
! in irgendeinen Formalismus siek verlaukt. ^.n 
der Düslcsiskt auk die Draxis kindet seine Ds^- 
ekologie einen prakiiseken (niekt tkeoretiseken) 
Halt. 
^Verfolgungen und Hochstapeleien. Ein entzückender amerika 
nischer Film: „Heiraten ist Lein Kinderspiel" wird 
in den Ufa-Lichtspielen gezeigt. Vor kurzem hat sich auch 
die deutsche Produktion mit „Herrn Eolins Abenteuer" auf das 
Gebiet des Hochstapler-Films begeben. Wer sie ist mit Hemmun 
gen belastet, sie bringt die Unbefangenheit, die durchaus legrtrme 
Leichtfertigkeit in der Motivierung nicht auf, die den Bereichen 
des auswendigen Lebens angemessen ist. Daher fehlt chr das 
Tempo und vor lauter Gründlichkeit zögert sie schneckenglerA; 
während die Amerikaner sich auf die JmproviMon vechehen, dw 
der Besinnung nicht standhält. Raymond Griffrth frerlrch 
springt auch wie ein Champagnerpfropfen durch die Lüste, ^r 
hat etwas Französisches an sich, eine gepflegte Eleganz, das zier 
liche Schnurrbärtchen, ein Lächeln, das jede Situation zu retten 
vermag. So stellt man sich Arsens Lupin vor, den Gentleman 
hochstapler, der verwegen einbricht und stets sich nobel betragt. 
Griffith ist in diesem Film ein Hnnenseiter der Gesellschaft, ein 
englischer Lord, der einem Verbrecher die Beute abjagt, um zu 
letzt die Braut heimzuführen. So grotesk er sich gibt: er 
weiß die Unabhängigkeit von Chaplin und Buster, Keaton zu 
bewahren. Von Leiden unterscheidet ihn dre Soigmercheit, der 
Stich ins Romantische und eine bestimmte Art freund och er Le 
bendigkeit. Der Film ist reich an unwidersteylch komischen Szenen 
Einmal macht sich ein Dieb am Geldschrank Zu sch Er rst 
in seine Arbeit so fanatisch vertieft, daß er Grrfsrth acht bemerkt 
und sch von ihm das Handwerkszeug reichen laßt. Ern anderm^ 
findet der mit seiner Braut auf das Meer verschlagene Held nach 
einem Schisfbruch ausgerechnet auf einer schwrmmenden Schreß- 
scheibe der Hochseeflotte Schutz: es wird naLürlchkrastra ge 
schossen. Eine wunderschöne Chinesin ziert noch den härteren rMM* 
— Voran geht ein Naturfilm: „Island". Die aanze^nsel.wre 
sie kreucht und fleucht, mitsamt ihrer Mychologre, rst mrt Pein 
licher Genauigkeit inventarisiert. In der Wochenschau Macht 
die Reichswehr Felddienstübungen. 
Aie Winger. 
Von Naca. 
Sie ziehen, Herren gesetzteren Alters, bei den Klängen des 
Torero-Marsches um den Ring, jeder sein eigener Stier. Ihr 
Gang ist schwergewichtig, gegen die astronomischen Rundungen 
ihrer Körper kommt die Erde nicht auf. Später werden sie 
Budiker sein, die Zukunft vieler Kneipen beruht auf ihnen. 
Wenn sie einem unbequemen Gast die Krawatte anlegen, kann er 
sie sich selbst nicht mehr binden. 
Auf dem Podium steht der Impresario, eine Winzigkeit, in- 
mittten der kosmischen Leiber. Sie werden sich über ihn wälzen, 
warum begibt er sich freiwillig in den Ring. Doch das herrlichste 
unter allen Geschöpfen ist der Mensch. Mit einem Pfeifchen, 
einer Art von Hirtenflöte, bändigt der Impresario die rosa 
Naturgewalt. Er trillert, und die Fleischkatastrophen gelangen 
zum Stillstand, sanftmütig weidet der Tiger neben dem Lamm. 
Der Friede dauert nicht an. Zwei Körpermaffen wogen gegen 
einander, den Schnurrbart gen Himmel gezwirbelt. Ihre Bade 
hosen sind schwarz. Sie wollen sich umfassen, gottweiß, was sie 
wollen, ein Elementarereignis, man kann sich nicht vorstellen, wie 
es geschieht. Kugeln berühren sich, mathematisch gesprochen, nur 
in einem Punkte der Peripherie. Zum Glück ist ihre Oberfläche 
elastisch, auch besitzen sie Hände zum Greifen. Diese beklatschen 
die feindlichen Gebiete und verändern sie geographisch. Gewaltige 
Gebirgsmassive stürzen in sich zusammen, aus den neuentstandenen 
Schluchten wachsen Mammuts empor. Beine. Die Umbildung der 
Kontinente wird durch den Ausbruch dsr Sintflut erschwert. Das 
überschwemmte Festland gleitet davon, in Weite und Breite nur 
Transpiration. 
Dia Kolosse verüben Bewegungen, die Großkampferlebniffe 
sind. Da jede Bewegung einen allgemein geachteten Namen trägt, 
können sich ungetauste nicht einschleichen. Etliche häben es zu hohem 
Ansehen gebracht. Mitunter schlendert ein Doppelnelson über eins 
soeben erbaute Brücke und verrichtet drüben die ihm borgeschrie- 
bene Heldentat. Seiner Tapferkeit wegen jubelt ihm das Publi 
kum zu. Es weiß, wie die Figuren heißen, und fühlt sich durch 
ihre Nennung bestätigt. Auch hat es unter den Weltmeist-&amp;gt;rn 
Lieblinge, deren köstliche Witze es erheitern. Sie stoßen Laute 
aus oder haben eine ungewöhnliche Falte im Bauch. 
. Ein Sieg kommt zustande, wenn der anders Ringer dort mit 
seinen Wölbungen auflagert, wo sonst auswattiert wird. Es ist 
nicht leicht, ihn in diese Verfassung zu rollen; obwohl er der 
Unterlegene ist. So streiken Fässer gegen ihre Verladung Wen 
der Impresario tätschelt, der behält die Oberhand. Er darf sie
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        35) 
Der Usraberrd des KrLrke«festes. 
Die Mai«belerrchtu«g. ! 
--- Schon in den Nachmittagsstunden des gestrigen Tages 
waren die Mainufer besetzt, auf den Brücken harrte die Menge 
geduldig. In den Schwimmanstalten und den improvisierten 
Zeltdörsern: überall stauten sich Menschen, kein Fenster blieb 
leer. Mit sinkendem Tag wurde ein Schiffersiechen vor der 
Maininsel Veranstalter, Schwimmer sprangen vom Eisernen 
Steg in den Fluß — ein Wafserjahrmarkt zum Ergötzen der 
Massen. Um acht Uhr — eS war mittlerweile dunkel gewor 
den — begann der Korso der bewimpelten Schiffe, die zum 
Teil vom Rhein herbeigekommen waren. Lampions überall; 
auch an den Häuserreihen zogen sich dünne Lichtlinien hin 
und umgrenzten die schwimmende Welt. Zwischen großen 
Dampfern trieben zahllose Kähne und Boote auf und ab, jedes 
eigen draviert. Der Fluß wurde mehr und zum überfüllten 
Platz, auf dem sich die festlich gestimmte Stadt ihr Stelldichein 
gab.'Schwimmer bewegten sich zwischen den Fahrzeugen, wo 
immer sie Raum fanden; eine Badehosen-Gruppe gar ver 
einte sich auf einem strahlenden Floß. Der Lärm der Stimmen 
und Orchester verschmolz mit den Farbenbällen und den 
glühenden Vapierfiguren zu einem einzigen berauschenden 
Ganzen. Zuletzt schwamm dieAlteBrücke herbei, inner 
lich erleuchtet, noch einmal Gegenwart im vergehenden Bild. 
Nach neun Uhr seht mit einer gewaltigen Detonation 
das Feuerwerk ein. Kreisel, Räder, BlumenbukeUs„ wir 
belten auf und überschütteten den Fluß. Die alte Brücken 
mühle strahlte in Konturen. Die neue Brücke erhielt zum 
ersten Male eine Stimme. Die Worte: „Nord und Süd 
verbunden" gingen in glänzenden Lettern von ihr aus, 
breite Lichtbäche flössen von ihr in den finsteren Fluß, dem 
sie für eine Weile ihre Helligkeit mitteilten. Die gleißenden 
Veranstaltungen, für deren Gelingen dem Frankfurter Ver 
kehrsverein Dank gebührt, schlössen mit der Beleuchtung des 
Doms, dessen Pfeiler sich steil und rot über dem Leben in 
der Tiefe erhoben. 
! gelegt. Man wünscht dem Kind, das so freundlich glänzt, 
Jubiläen in Menge und hält ihm einstweilen den Daumen. 
Wasserkünste. 
Während des Wartens belebt sich der Fluß. An der Insel 
wird Schiffer stechen geübt, Männer plumpsen ins 
Wasser, es lacht von den Ufern. Dem Main huldigen 
Schwimmer, die von dem Eisernen Steg sich entschlossen in 
die Fluten stürzen. Gruppen in Schwimmwesten halten Cercle 
im Wasser ab. Kleine Kähne kreuzen privat im immer beleb 
teren Strom, streifen die Wangen der Schiffe. Vergnüglich 
paddelt man in Badehosen zu zweit, viel Volk fährt dicht an 
einander gedrängt vorüber. Alles ist noch verkapselt-u 
währt sein Geheimnis. 
Die Fahrstraße. 
Nun es dunkelt, setzen sich die Schiffe in Bewegung. In 
einer langen Kavalkade ziehen sie von Brücke zu Brücke. 
Ein einziges Wandelbild entfaltet sich vor den Augen. Die 
Schwimmbäder sind in Budenstädte umgewandelt, Zeltdörfer 
bauen sich am Mainkai auf. Jede Fensterluke ist mit Gesichtern 
gefüllt. Langsam bilden sich Lichtreihen, feine rote und blaue 
Linien, die an den imaginären Hausfronten bis zur.Schönest 
Aussicht sich entlang Ziehen und verschwinden. Das Ueber- 
einander der venetianischen Glimmerstriche schließt einen 
Tummelplatz ein, der sich selbst genügt. 
Ja, ein einziger Tummelplatz ist jetzt aus dem so 
stillen Main geworden. Nichts steht mehr fest auf ihm, 
Tausende von Vehikeln schwimmen auf und ab. Rheindampser 
Lauchen auf, aus Koblenz, aus Neuß. Mehr Schiffe scheinen 
vorhanden, als das Wasser zu tragen vermag. Man grüßt und 
winkt, dreieckige Wimpel erfüllen die Luft, ein gewaMger 
Korso. Die Planken berühren sich, es wäre ein Leichtes, von 
Ufer zu Ufer unbenetzt zu entschreiten. 
Buntes Leben. 
Allmählich wird das Geheimnis der Lampions gelüftet. 
Gelbe, grüne, rote Farbenbälle gondeln im Dunkel. Sie ent 
zünden sich aneinander, kein Ende der Buntheit ist abzusshen. 
Gleißende Liebesinseln nähern sich, ein Fisch schwebt dahin,, 
eine winzige chinesische Dschunke strahlt silbern. Mit der-Ent- 
faltung des Lichtspektakels mehrt sich das Gebrause der 
Menschenstimmen. Jedes Schiff spielt seine Valencia, aus 
ihrer Vermischung entsteht ein neuer Jazz. Auf einem leuchten 
den Wasserfleck stauen sich Schwimmer, mit einem Neptun an 
der Spitze, ihre Unterlage ist ein unsichtbares Floß. Frank 
furter Firmen verkünden glühend ihren Namen. Nun 
kommt herrlich auf einem Riesenkahn die Alte Brücke 
selber angeschwommen, in strahlender Röte, ein Phantom. Es 
jauchzt, es.klatscht, es tanzt sogar, die ganze Bevölkerung be 
geht das Geburtsfest, mitten im Licht. 
Feuerwerk. 
Eine Detonatron eröffnet das Luftgefunkel. LichLgarhen 
knallen nach oben und schütten feurige Blumenbüschel in die 
Tiefe. Vor der Insel drehen sich weiße Räder, kreisen 
Schnecken, die zischend versprühen. Die .Brückenmühle, ein 
Bild der Vergangenheit, ersteht in Hellen Konturen, ihr Rad 
kommt in Schwung. Orchideen, Palmbäume und Pfauen 
federn bilden sich für Augenblicke, gleich einer Fata Morgana. 
Auch die neue Brücke schreibt ihren Willen mit Feuer 
schrift in die Luft. „Nord und Süd verbünde n": so 
leuchtet es von ihr auf. Dann stürzen glänzende Bäche von 
ihr nieder, die auf dem Wasserspiegel verlöschen. Die Schiffs 
sirenen erheben Beifallsgebrüll. 
Eine Pause, und der Dom gewinnt rotes Leben, 
seine^trebepferlsV wachsen sichtbar aus dem dunkleren Grund 
hervor. Von drüben grüßt ihn sein Gegenbild, die DtH- 
königs k i r ch e, und auch zwischen den Jnselbäumen Aänzt 
es bengalisch. Die Menge auf dem Fluß singt das Deutsch 
landlied. ' - 
Das Ganze ein schönes Volksfest, für dessen Gelingen 
man dem Frankfurter Verkehrsverein mit feinem Direktor 
Max Bache nhe im er dankbar sein muß. Nächst ihm der 
Windstille des Abends. Wenn er ein Omen ist, so stehen der 
Brücke gute Jahrhunderte bevor. Rr. 
Ksrr Haas, äer Herausgeber cker Lra 
Verlag Lrust KoMokIt ersobeiueuäeu „b-ite- 
rarisebeu s! L" ist errurut über uns. Lr 
sa^L uns ru äer „I^iterariseben Well" unter äer 
IledersellrM: ,Meine Neiuuu^" seine NeinunZ. 
Wornit baden ^ir uns äsn OroH äes Herrn 
Haas LUFbLOZen? 8edr einkaed: er d!a§L uns an, 
äaü ^ir der „biterarisellen Well" seit idrern 
Lrsolleinen niedt ^eckaedt datten. Herr Haas 
Zaudert niedt, LoB^ied äsn anZedlieden Orunä 
unserer 2urüeddaltun§ rnit äetedtivisekern 8edark- 
sinn LU entdüllen. Lr sedreidt, an unsere ^äresse 
Ze^anät:,, Wir daden in unserer ersten Rurnrner 
einen Hauptautor Idres Verlages, äer ^krand- 
kurter Loeietäts-Druederei", ^ritr v. II n r u d, sedr 
sedark an§e^riiken. Der Verlag dat eine Verteidi 
gung Cnruds bei uns duredLusetLen versuedt. 
Wir daden diese Verteidigung niedt ^sdraedt — 
^veil ^vir der ^nsiedt ^varen, äak ein diedtenäer 
LavallsrieoktiLier (! v. Ueä.) Nanns Fsnuk sei, 
sied seldst Lu verteidigen, varaukdin dat äer 
Verlag den Lo^dott über uns verdankt, und die 
ktedadtion dat sied äiesern Lo^dottdekedl kü^sn 
rnüssen." ) 
Herr Haas baut seine Keiäüsse ins Blaue Nn- 
sin; ^vsnn sie sied au! ^.nalo^ien aued visHsiedt 
aukdauen rnoZen. Lr sedeint niedt ?u wissen, 
was er von jeäein Ilnterriedteten leiedt datte er- 
kadren dünnen: äak sied die Redaktion äer 
„Rrankkurtsr 2eitun§" in ^esiederter Ilnaddän- 
ssi^keit von idrern Verlage dekinäet. 0d er uns 
nun B^dt oder niedt, die Beuilleton-Reäakteure 
äer „Rrankkurtsr 2situn§" sind keine Rekruten, 
und Ro^kottdeiedls an sie sind in keinem Ralle 
er^LNZsn. Wären sie es in diesem, so dätte erst 
reedt niedt das LedaRen des Dramatikers Dnrud 
in unserem eiFenen Feuilleton der Rritik unter- 
Lv^en werden dulden; wie es taisäedlied ^e- 
sededen ist. Der wadre Drunä kür unser Zedwei- 
- §en der „Diterariseden Well" ^e^enüder muü 
also anderswo liefen. Doed von idm später. 
! ^unäedst daden wir uns noed eines weiteren 
^n^riRs des erzürnten Herrn Baas ?u erwedren. 
Dr dektaZt sied darüber, äak wir, ent^e^en tradi 
tionellen Depllo^endeiten, die in der „Ditera- 
riseden Welt" ersedienene Artikelserie: „Wie 
sie starden" von Raul Wie ler auk§6FriRen 
und 2um Oe^enstand einer Rolemik ^emaedt 
datten (ver^l. den ^uksatr „Routine" von Rrnst 
Rkeikker, Rrstes NorFendlatt vom 26. luni). Dr 
deutet 2art an, äaü es sied bei diesem Artikel 
wodl um einen Oe^ensedlaF §e^sn die Dnrud- 
Rolemik äer „Diterariseden Welt" Mdandell 
dade. 
Wiederum müssen wir Herrn Haas deriedti- 
Fsn. Der von idm inkriminierte ^uksatr war 
keine krie^erisode Handlung von Verlag 2U Ver- 
Die Mainbeleuchtung. 
Vorspiel. 
ist nochhell, zwischen sechs und sieben Uhr, doch schon 
ist ganz Sachsenhausen an seinem Ufer versammelt, und auch 
A baumeln die Beine. Der Eiserne 
Steg hat betrachtllche Lasten zu tragen, seit den Nachmittags 
stunden harrt rnan dort unentwegt. Die Schiffe liegen ge- 
du^L^re Lampions und Papiev-Aufbauten laffen 
zarroensche Effekte vermuten. 
lelber dem die Festlichkeiten gelten, 
AE heiter-unschuldig rn die Welt. Sanft leuchten die Sand- 
pemflachen, fast violett. Alles noch unberührt, kaum trocken
        <pb n="55" />
        Daas: wir 
der Deher- 
Dandwerk 
reugung; und an die Lchwäche 
Leugungslosigkeit; msbr von dem 
wollen wir niobt erlernen." 
Slindeu Personen verständigen zu können. Von dem Unterschied 
der Uniformen zu schweigen. 
Wo aber ruht der Grußfuß auf, da ihm eine jede Stütze ent 
zogen scheint? Sie ist zum Glück vorhanden, wenn auch Abstrakt. 
Was die Chauffeure mit den Schutzleuten verbindet, ist die dauernde 
Benutzung der Fahrdamme im Dienste der Allgemeinheit des 
Verkehrs. Zu seiner Aufrechterhaltung tragen diese Berufs 
gattungen mehr als alle anderen bei. Die Passanten etwa gehen auf 
eigenen Fußsteigen und durchqueren ab und zu nur den Straßen- 
betrieb. Irgendwo find sie zu Hause; die Grüßenden dagegen haben 
kein Dach über dem Kopf. Selbst die Trambahnführer lassen sich 
nicht mit ihnen vergleichen. Sie halten an bestimmten Orten und 
müssen bei ihren Fahrten oft auf eingleisig angelegte Schienen- 
stränge Rücksicht nehmen; während die Chauffeure an Raum und 
Zeit gebunden find. Man darf die Behauptung wagen, daß sie 
überall hinkommen, wo Schutzleute angebracht find. Beide stehen 
im Zeichen des Verkehrs. Als seine Exponenten begrüßen sie sich. 
Der Verkehr ist heute mehr und mehr in sein Zeitalter gelangt. 
Alles verkehrt miteinander, jede Schranke ist aufgehoben, für die 
Autos werden besondere Bahnen gebaut. Schnelligkeit: so lautet 
das Losungswort. Dem Grußaustausch zwischen den Funktionären 
des Verkehrs wird in diesem Sinne eine tief symbolische Bedeutung 
nicht abzusprechen sein. 
jaA, sondern wurde von uns, der Bodakiion, ver- 
okkeniüekit, weil er uns an einem exernplariseden 
ball eine destirnmte ^.rt prodlernatiseker litera- 
risoker Darsiellun^sweise auk^uxeL^en sokion. 
Mir üadsn ikn niekt ^sdraeüt, weil, vielmehr: 
odwofli die ^.rtikelkol^e, an der er exern- 
plikiLierie, in der „Diterariseken Melt" entkallen 
war. 
Derr Daas wild das niekt einseken. Dr suekt 
naek Gründen unseres Verhaltens, da rkm der 
wirkliche Orund versolileiert ist. Mir sollen ilin 
nun endlieh ausspreeksn, oi^eiek wir niekt der 
Neinun^ 8ind, daß Herr Daas ikn 2u würdigen 
wisse. Ledreidi er doek in meiner Dolernik über 
das DroAramm der „Diterariseken Melt" die 
kokenden Lät^e: „Lie ist §e§ründet, um xe§en 
jede Dorrn des Naelriavellisinus in der Dudli^i- 
stik, x;e§en jede Dorrn einer hinterhältigen, indi 
rekten, routinierten pubIiLi8ti8oben Daktik 2U 
kärnpken. Lie i8t das Organ der ehrlichen und 
halsstarrigen puhliListisehen ^hnungslosigkeit, 
die die tausend journalistischen Dnikke und 
Lohliohe, wie rnan eine Laehe hinterrücks lan- 
eiert und wie man sie hinterrücks adwürgt, nie- 
rnals erlernen konnte und wollte. Mir glauben 
an die Durchschlagskrakt der ehrlichen Deher- 
Kßauffeure grüßen. 
Von Rrrca. 
Die Laxameterchauffeure und die Verkehrsschutzleute stehen 
miteinander auf dem Grußfuß. Jene Pflegen die Hand locker an 
üe Mütze zu führen, wenn sie an einem der auf den öffentlichen 
Knotenpunkten errichteten Polizisten vorüberfahren; diese erwidern 
sie Geste. In seltenen Fällen nicken beide sich zu. Manche 
Chauffeure sind gewiß mit Polizisten bekannt oder gar befreundet, 
doch ist das Grußereignis nicht an eine solche intim zu nennende 
Beziehung geknüpft. Es hat statt zwischen den Berufsvertretern 
löerhaupt. Jeder Chauffeur grüßt jeden Verkehrsschutzmann, in der 
Fremde sowohl wie in der eigenen Stadt. 
Kaum zu ermessen, wie flüchtig der Gruß sich vollzieht. Der 
Polizist ist mit den schwierigen Armbewegungen beschäftigt, die er 
lach genau durchdachten Vorschriften ausführen muß. Der 
Chauffeur, er heiße A., hat seine Aufmerksamkeit zwischen dem 
Steuerrad und den amtlichen Bewegungen des Polizisten zu teilen. 
Der darf den Platz nicht verlassen, A. fahrt unaufhaltsam an ihm 
wrbei. Eine Begegnung zwischen den beiden öffentlichen Organen 
st ausgeschlossen; mitunter sehen sie sich in dem Trubel der Groß- 
tadt nicht einmal. Dennoch kommt es zum Gruß. 
Sem Auftreten im Straßenbild ist um so befremdender, als er 
fffenbar ohne Ursache erfolgt. Wäre der Polizist ein Vorgesetzter, 
)er Kraftwagenführer hätte ihm allenthalben seine Achtung zu 
erweisen. A. indessen salutiert nicht, er grüßt; und ist der Schutz- 
nann in seiner Eigenschaft als übergeordnete Behörde genötigt, 
-erdächtige Aussagen des A. zu protokollieren, so unterbleibt der 
Gruß hier und dort. Auszuscheiden ist ferner die Möglichkeit, daß 
)er Chauffeur durch seinen Gruß der Polizei bedeuten wolle, 
ügentlich sei er ein Herr. In der Tat geschieht es öfters, daß 
^ut sitmerte Bürger den Schutzmann nach der Zeit fragen und 
hm dann wohlwollend eine Zigarre reichen. Der Schutzmann dankt 
and grüßt, zufrieden grüßt der Herr wieder. Seine Gönnermiene 
sich anzueignen, ist dem Autolenker verwehrt; er wäre sonst nicht 
Chauffeur. Spielt er sich aber ausnahmsweise selber als Herren 
fahrer auf, so rast er grußlos dahin. Auch als kollegiales Ver 
hältnis ist das der Grüßenden nicht zu erfassen. Der eine ist Staats 
unterbeamter, der andere wirkt privat. Der eine erzeugt Geräusche 
mit der Hupe, die von den Schwerhörigen nicht vernommen 
werden, der andere Mt Winksignale- ohne M seinerseits mit 
Die annähernde Brküllung dieses 
hatten wir von der „Diterarisoben 
wartet. Mir gestehen es, Derr Daas: wir 
bitten, als Lie Ihr Dnternebmen ankündigten, 
Drograrnrns 
Melt" er- 
die Dokknung gehegt, daL es, bei aller Dideralität, 
die Oeseblossenbeit und die Initiative aukdringen 
werde, die su den Vorrechten und Vorpklichten 
einer Zeitschrift gehören und sie als Keilschrift, 
als kübrende literarisobe Zeitschrift sumal, doob 
wobt erst sinnvoll maoben. 
Von Kummer Lu Kummer aber bat die „Dite- 
rarisebe Melt" enttäuscht. Ltatt ein Blatt 
der von Herrn Haas silierten DekerLeugung 
2u werden, ist sie mebr und mebr in dem Oeisle 
der Nagarin-Diteratur gediehen, die 
allem und jedem Daurn gönnt; tret? der „Nsinun- 
gen" und ideologischen Vorbebalte, die Derr Haas 
gelegentlich angehracht bat, um einem soloben 
Vorwurk ru hegegnen. ^ut der ersten Leite 
der Nummer, in der Derr Haas uns an Ereilt, 
von Ltand- 
punkte aus die dOursr?Ike Zensur. Xu? dsr- 
dritten Leite Lukert sieb Derr Daul Drnst in 
aniisoxialistisobem, ja, in antihürgerlicdern 
Linne — Derr Daul Drnst, muk man wissen, ist 
Aristokrat — Lu einem unverbürgten Xusspruch 
Bismaroks über Ooetbe. 
Xus vielen Beispielen moobts erbellen, daü 
die ^iterarisobe Melt" niobt so sehr ein aus- 
wäklendes Organ als ein Lobauplatr: wab! l 0 - 
ser Begegnungen ist. Mas Derr Haas trüber 
einmal als die „Bkliobt einer mögbobst weitgeben 
den Orientierung unserer Beser" kormulierte, 
siebt der „Lobwäobe der Deberxeugungslosig- 
keit", gegen die er sieb neuerdings wendet, xum 
Verweobseln äbnliob. Die „ebrliobe Ueberzeu 
gung" jedenfalls, die er uns gegenüber so sebr 
betont, tritt kaum siobibarer bervor als die ,,bals- 
starrige publiListisobe ^bnungslosigkeit", deren 
er mit ergreifender Lobbobtbeit siob rübmt. 
Meil wir die Verwirkliobung jener Ueber 
zeugung vermikten, und doob niobt einer 2eit-^ 
sobrikt, die Dräns Dakkas sobon gedaobte, aus- ' 
drüokliob entgegentreten wollten, darum baben 
wir über die „Diterarisobs Vv^elt" gesobwiegen. 
Niobt aus jenen Oründen, die Derr Daas uns 
Lumutet und die der Osikentliobkeit vorru- 
weissn kür uns kein Dinderungsgrund bestebt, 
da ibre ^nnabme niobt so sebr uns kennrieiobnet 
als Derrn Daas.
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        lob) 
— „Die letzte Droschke von Berlin". Dieses gut gespielte Stück, 
das die Ufa-Lichtspiele zeigen, geht ans Gemüt. Oder ist 
es nicht rührend, daß die Droschken mit ihren Gäulen dem Benzin 
haben weichen müssend Die Regie jedenfalls hat die Droschken- 
dsmmerung von der ergreifenden Seite her erfaßt, eine alte Welt 
geht unter, es ist tragisch. Lupu Pick als betaAer Kutscher erlei 
det das Martyrium in der Welt der Autos. Er harrt mit Liesel, 
der treuen Schindmähre, tagelang an seinem Standort, ohne daß 
ein Passagier sich zeigte. Schlimmer noch: seine Tochter hat es 
mit einem Chauffeur, sein Sohn erlernt den gleichen verhaßten 
Beruf. Welch eine Travestie auf die Schicksalstragödie hätte ent 
stehen können, wenn die Darstellung ins Groteske geraten und so 
die Kutscherkümmernis als Schein'enthüllt worden wäre! Man hat 
es vorgezogen, an die Herzen derer zu appellieren, die der guten 
alten Zeit ein vorwiegend sentimentales Erinnern weihen. Die 
Liesel in ihrem Stall, der geflickte Kutschermantel mit dem 
SchnauzLart, die aus dem vorigen Jahrh undert stehen gebliebene 
Zeitungsverkäuferin: das alles ist mit einem Glorienschein um 
wunden, der zum Weinen verleiten soll. Hat man der Romantik 
den pflichtschuldigen Tribut gezollt, so darf auf der anderen Seite 
freilich das moderne Berliner Leben nicht zu kurz kommen; schließ 
lich ist man doch von heute. Darum fahren die Jungen flott in 
ihren Taxis umher, darum sind auch die Töchter der altmodischsten 
Väter der Autodroschke ergeben. Die Kutscherssrau selbst, von Hed- 
wig Wränget trefflich auf „Milljöh" gespielt, ergreift die Par 
tei des Benzins, deren Anhänger sich samt und sonders als brav 
und tüchtig erweisen. Der Alte ist zuletzt von allen verlassen, weil 
er hartnäckig auf die vergangenen Götter schwört. Fast bliebe der 
Selbstmord ihm nicht erspart. Doch die Vorsehung, die in den 
Filmen stets ein Einsehen hat, läßt ihn in den Kreis seiner Auto 
Familie zurückkehren, und noch lange Jahre pflegt er seine Liesel 
in einem mit allen technischen Erfordernissen aus gestatteten Stall. 
— Die Szenenführung hält sich auf hohem Niveau. Man siehL 
filmisch ausgezeichnet gelungene Einzelbilder: den Vorgang des 
Straßenhandels, eine Kleinbürgershochzeit mit Typen aus dem 
Familienalbum, Wenige Augen werden trocken bleiben. 
Die Leigegebene Verfilmung des Frankfurter Brücken« 
festes beschwört die schöne Feier schön herauf. Die Stadt, die 
man kaum noch sieht, weil man sie stets zu sehen gewohnt: im 
Film, der sie distanziert, baut sie herrlich sich auf. Noch einmal 
stürzen im Bild sich die Zauberbäche der Feuerwerker von der 
neuen Brücke herab, noch einmal fahren die geschmückten Schiffe 
an den Menschenmassen und Häuserfronten vorbei. Auch aus der 
FkWLugS Werjchaut man die Feier von 
-- Ps.la Negn spielt Sud ermann. In dem nach Motiven des 
Supermann-Romans: „Das hohe Lied" komponierten Film: „Die 
Frau des Kommandeurs", den die Ufa-Lichtspiele 
zeigen, spielt Polo Negriein Frauenschicksal, das. naturalistisch in 
die Höhe geht und dann wieder herunter. Sie wird in "der Leih 
bibliothek der kleinen Garnison von den jungen Leutnants um 
' schwärmt, deren einer sie liebt, den sie wieder liebt; ewig/Trotz 
der Ewigkeit dieser. Liebe läßt sie sich vom Regimentskommandeur 
Heiraten, der schon'zu alt ist, um nicht eifersüchtig zu sein. Sie 
trifft den Leutnant im Hotel, der Oberst kommt dahinter, wirft sie 
hinaus und verwundet im Duell seinen.Nebenbuhler. Sie sinkt zur 
Lebedame empor, wird die Freundin eines Fabrikanten. Dennoch 
könnte, sie., noch den - Leutnant - gewinnen, kompromittierte sie 
jener nicht. Er tut es aus Liebe und nimmt sie zur/Gattin. Ent 
sagend sitzt sie am Fenster und denkt ihres Leutnants, der so jung 
war und so schön und eine Uniform trug. Die fehlende . Jugend 
ersetzt die Negridurch südliche Passioniertheit, das Gleiten ihrer 
Hände drückt die Bewegung des Innern aus. Es hat der geschulten 
und flüssigen Regie Buchowetzkys bedurft, um das altmodische 
Lebensdrama filmMig zü machen. Seine dem Naturalismus ge 
mäße Traurigkeit stimmt heute wirklich, traurig, und die Konflikte, 
die nicht, nötig sind, entspringen gesellschaftlichen Vorurteilen, Hie 
es so nicht wehr gibt. Dennoch enthält das^ Stück sehenswerte 
Szenen; ihrer raschen Folge wegen nimmt man die. Fabel mit. in 
Kauf. Die herrlichen Uniformen werden ihre Zugkraft nicht ver 
fehlen. --- .Den Film: „Ein Mann wird gesucht!" hätte 
manchem Publikum nicht zufügen dürfen. Er soll ein Lustspiel sein 
und macht doch melancholisch, weil er die verstaubtesten M 
unter h^x Zeitlupe Wir stehen noch mitten in der 
,/Sommersaison! - . -
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        <pb n="58" />
        kurzen Abständen artikulierte Schreie aus. Eine ^ 
rotglühende 
Bonbons aus dem Bazar. Eine kreuzt die Straße, es leuchtet rosa 
ge- 
gekehrt. 
Tierchen, 
Hinter ihr 
die Hüpfen 
Hirtenstab hütet sie. 
farbig eingewickelte 
Cognac-Marke zittert in Wonnen. 
Die Frau hat der Straße den Rücken 
tummeln sich die Taxis, lustige mechanische 
und pfeifen; ein Schutzmann mit seinem 
Hinter ihr kommen Huren vorbeigeweht, 
dem fünften Akt mit gallopierenden Pferdchen auf den Friedhos 
kutschiert. Besser noch, als zum Ueberfluß in die Wandelhallen 
des Lebens gestoßen zu sein. 
Die Frau harrt, ein schmales Riff in dem Glanz des Cafes. 
Vergeblich müht sich ein Fremder, ihr ein Geldstück zu reichen. Sie 
blickt empor, ohne die Arme aus der Beschränkung zu lösen. Noch 
sind ihre Züge nicht alt, aber eine konfuse Bilderschrift steht in den 
Augen. Die Münze rollt auf das Pflaster. 
ver- 
der 
die 
zwischen den Trams, den Cabs und Chinesen, das Wagnis 
lingt, sie landet am anderen Ufer. 
Die Frau dreht sich nicht um, sie hat sich an diesem Cafe 
sehen. Mitunter läßt sie sich, als sei sie ein Gast, auf einem 
Stühle nieder. Der Kellner jagt sie auf, einmal, zweimal, 
Stühle sind zum Trinken, nicht zum Sitzen bestimmt. Sie bleibt. 
Nicht als ob sie auf und ab ginge, wie andere tun, die jemanden 
erwarten oder einfach zu schlendern belieben. Nein, unnachsichtig 
behauptet sie ihren Posten, eine graue Mahnfigur, mit verschränk 
ten Armen Der Glanz hier bannt sie. in seine Zirkel. Wie eine 
Fliege ist sie ins Licht gefallen. 
Das Hafenviertel muß sie ausgebrütet haben. Ihresgleichen 
entwächst den Ritzen der Hauswände dort, blüht mit dem Gassen- 
kehricht, der, wie in Neapel nur, sich zu vegetativen Gebilden ent 
faltet. Die Gassen in ihrer Mehrzahl sind Treppen. Auf Podesten 
und Stufen vollziehen sich im Halbdunkel Improvisationen vor 
dem Nichts. Ein Knabe spritzt Wasser von oben, in der Pfütze 
unten — kaum steht man sie noch — lassen Kinder ihre Borken- 
schiffchen treiben. Aus den Schiffsleibern lebt flch's in die Bars 
herein und entleert sich wieder in die Schiffe. Vorhänge, die 
Zeichen geschmückter Dauer, böten den Durchziehenden ein Zuviel 
an Behagen; neben den aneinandergerechten Instituten der Liebe 
hat hygienische Fürsorge erst ein öffentliches Hospital für Ge 
schlechtskranke errichtet. Lichtet das Dickicht für Augenblicke sich, 
so scheint als Vorhut eines gesicherteren Erbteils die Kirche dlotrE 
Dame dc la Qarde herab. 
Den Hafengassen nur kann das WeiL entstiegen fein. Nicht 
immer spielen in ihnen sich die Kinodramen auf der Leinwand ab, 
nicht immer wird in den Schießbuden auf die bleichen Kügelchen 
geschossen, die über einer Miniaturstadt wie Wundersterne hin und 
wieder fliegen. Zu süß ist das Lächeln der bläulich getünchten 
Burschen, die Schwüle zu drückend, in der die Banden, schau- 
Mnde MoLLMen, das WexLel beAreMen. MMe w^rdm mK 
senkt werden. 8ie 
Osten nack XVesten erstreckt, und dem VVirt- 
sckaltsLügel in nordsüdlicker picktung. Die 
L X kubiscken blassen sind okne jede Desckönigung 
mit drastiscker Klarkeit aneinander gelugt. Kim 
die Lkene und den launus in das Klaus ein- 
Lube^leken, kat der ^rckitekt Klauern aus Okers gebildet: die 
kandsekalt dringt völlig nack innen, nenn die piesenlenster ver- 
dem Kückentisck auts bükett und Zurück kelördert. Die Kücke selbst ist 
ein meckanisckes Kunstkabinett. Das Innere ist ßlatt und kubisck ßetormt. 
Lin Zuviel an kinien suckt man vergeblick. die unentbekrlicken sind 
scknittig und von grobem ^ug. Die lektonik der ddöbel stimmt mit der 
des klauses überein. Veleucktungskörper und 8tükle reißen ein kantiges 
Venekmen. das entsckieden. dock nickt ungefällig ist. ^uck die Karden geben 
sick mit jener Zickerkeit, die das ganre Oekause bestimmt: inmitten des 
weiden Orundtons kükren Korallrot und Vlau eine kräftige 8pracke. Dies 
ist ein Ideim für gerade dlenscken, die dem Dunkel abkold sind, Vewegung 
lieben und bewudt Enteil nekmen an der Zeit, käst nimmt sick der klügel 
in der klaUe ein wenig anackronistisck aus. Dock es ist gut. dab er kier 
eine Ztätte gefunden kat- Dl'. 8. 
In Oinnkeim bei krankfurt kat sick 6er neue 
frankfurter Ztadtbaurat L/-nst ?7cr^ sein Daus L UZ / 
errichtet. ks blickt von einem klang aus die 
weite I^iddaebene mit ikrem lockeren 8aum- 
wucks und Lkren abgeteilten keldern: im Klinker- 
gründ deknt sick 6er Taunus. Das Klaus ist aus jener ent- 
scklossenen Daugesinnung geboren, 6Le bisker rumal in ldolland 
slck ausgewirkt kat. Klan kat für 6Le8e Oesinnung nickt ru Dn- 
reckt das Zcklagwort 6er „neuen 8ack/ick- 
koit" geprägt. In 6er pat, Lkre -^bsiekt ist. 
sacklick Lu sein: auf 8ckmuck ?u verdickten, 
6er 6en 8edürfni8sen einer vergangenen 
Oese!lsckaft entsprack: kläcken. päume. 
Klassen ru sckaüen. 6Le 6em tecknisck ge- 
sckulten Zinn 6e8 keutigen klenscken 6ie 
Antwort erteilen. Zolcke Zacklickkeit ist 
ästketisck gefordert. weil sie 6ie mo6erne 
kebenswirklickkeit so unromantisck kin- 
nimmt, wie sie sick gibt. Dad dieser Kon 
struktivismus nur ein Durckgangsweg ?u 
erfüllteren Oestaltungen sein kann, muk 
nickt ausdrücklick erst gesagt werden. Dock 
ist er 6arum nickt min6er notwendig. 8eine 
Kargkeit entlarvt 6ie Zckeinkaltigkeit 6es 
von frükeren Kpocken erborgten Prunks, sie 
ist der Ztrenge unseres Luderen kebens ge- 
mäd. Das llaus von Klaz' bestekt aus xwei 
Vaukörpern: dem llauptbau. der sick von 
scklieken den klittelraum ab. der durck die 
rwei Oesckosse gebt, vie drei &amp;gt;Voknräume 
des Krdgesckosses steken durck breite Zckieke- 
türen mit Lkm in Verbindung. Oeilnet man 
sie, so bilden die päume einen einzigen 
paumkristall. Von seinem Kern, der groben 
ldalle, iükrt eine 'kreppe rur Oalerie, die 
den Zutritt ru den 8cklai- und ^lädcken- 
rimmern und dem 8onnendack vermittelt, 
.^uk dem Lacken Qack des klauptbaus kann 
man sick tummeln, kickt und Kult gelangen 
okne Omsckweil in die entlegensten kicken. 
?dan geniebt sie vor allem in dem nack 
8üden 2U angeordneten Oarten, der, eine 
gern geleistete Konfession an das 8tadion, 
ein windgesckütftes ^Vasserbadebecken ent- 
kält. Die teckniscken Kinricktungen sind 
vollendet. 8tatt des Usektucks dient die 
mattgesckkilene Olasplatte des kibtisckes: 
durck den l'unnel einer Ourckreicke werden 
die Speisen von 75 
I&amp;gt;ie Arau vor dem Haft 
Marseille, Anfang September. 
Vor dem kreisrunden MarmorLischchen eines Cafes der Oanne- 
biore steht abends eine Frau. Ihre nackten Arme sind über dem 
Bauch verschränkt, der vorgeworfen ist, als habe er viele Kinder 
getragen. Um den Körper hängen Lappen, die den Anschein eines 
modisch ausgeschnittenen Kleides erwecken. Die Haarsträhnen ver 
wirren sich zum Zopf, ein zernagter Pelz möchte den Hals decken. 
Die Tischchen vor dem Cafe sind elektrisch beglanzt. Gegenüber, 
nach dem Alten Hafen Zu, auf dem Oours Lolsunce, überall sitzt 
man an solchen Tischchen, auf bunten Stühlen, um blaue 
Syphons. Die Frau hätte die Wahl unter den Gürnzpunkten, aber 
sie weicht nicht vom dem Cafe, das sie sich zum Schauplatz ihrer 
monotonen Betrachtungen auserkoren hat. Regungslos süert sie 
in die Helle. Die Gäste kümmern sich nicht um sie. 
Die Straße, auf der sie steht, ist keine gewöhnliche Straße, son 
dern ein Jahrmarkt, ein Panoptikum, ein WeltversammlungsorL. 
Marokkaner in Burnussen wallen, Bündel weißer Tücher, durch 
die ihre Stehkragen Aazierer^ 
über ungerodete armenische Bärte fuchteln Hände. Ein Mann hält 
Kanarienvögel in Blechringen feil. Er bringt den Ring zum Krei 
sen, der nun als Kugel erscheint, ein durchsichtiger Käfig, in dem 
das Vögelchen schmachtet. Die neueste Pariser Journale stoßen in
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        iv? 
Zwei IILchen. 
Die Bai. 
DLarseM, em blendendes Amphitheater, baut sich um das 
Rechteck des Lllten Hafens auf. Den meergepflasLerten Platz, 
der mit seiner Tiefe in die Stadt einschneidet, säumen aus den 
drei Uferseiten Fassadenbänder gleichförmig ein. In ihre glatte 
Helle bracht dem Eingang der Bai gegenüber die Ouuvsbiöre, 
die Straße der Straßen, die den Hafen bis zum SLadtinnern 
weiterträgt. Sie nicht allein verbindet die hochschwingenden 
Terrassen mit dem Platzungeheuer, aus dessen Grund wie 
Wasserbüschel einer Springfontäne die Quartiere steigen. Auf 
ihn, als den FluchLort aller Perspektiven sind die Kirchen aus 
gerichtet, ihm die noch unbedeckten Hügel zugewandt. Ein 
solches Publikum ist kaum je um eine Arena versammelt ge 
wesen. Füllten Ozeandampfer das Bassin, ihre Rauchfahnen 
wehten den entlegensten Häusern, brennte Feuerwerk über 
der Fläche ab, die Stadt wäre Zeuge der Illumination. 
Keine Ozeandampfer füllen die Bai, Raketen gleiten nicht 
nieder. Jollen, Motorbarken, Pinassen nur liegen trag an den 
Rändern. Zur Zeit der Segelfischerei war der Hafen ein Ka 
leidoskop, das bewegte Muster über die Kais entsandte. Sie 
verrieselten in den Poren, an den herrschaftlichen Gebäuden 
hinter den Uferfronten gleißten die Gitter. Der Glanz hat sich 
abgenutzt, die Bai ist aus der Straße der Straßen zum Recht 
eck verwaist. Teil an ihrer Oede hat der seitliche Wasserarm» 
ein vergessenes Rinnsal, das die starren Häuser nicht spiegelt. 
Die Stadt halt ihre Fangnetze geöffnet. Eingeholt wird die 
Beute irr den neuen Hafenbassms, sie im Verein mit der 
Küste eine mächtige Wurflinie beschreiben. Ankunft und Ab 
fahrt der Überseedampfer sind die Pole des Lebens, den Ver 
schwindenden glüht es. Die Trostlosigkeit der kahlen Lager 
hauswände ist ein Schein; ihre Vorderseite sähe der Prmz 
aus dem Märchen. In den Schwammhöhlungen des Hafen 
viertels wimmelt die menschliche FaurM, rein steht in den 
Lachen der Himmel. Verjährte Paläste sind zu Bordellen um- 
gewandelt, die jede Ahnengalerie überdauern. Der Völker 
haufen, in dem die Völker vergehen, wird durch Alleen und 
Bazarstraßen geschwemmt. Sie grenzen die Bezirke ab, auf 
die sich der Zustrom verteilt. Die ewige Masse der kleinen Ge 
werbetreibenden tost in den Muschelwindungen des einen. 
Unbefahren räkelt sich in der Mitte die Bai. Ihr Dasein 
Mein verbietet den Wölbungen sich zu schließen. An ihren 
Ufern laufen sich die Straßen tot, sie biegt die Graden zu 
Kurven um. In ihrer Oeffentlichkeit verliert sich das Offen 
bare, ihre Leere spreizt sich im fernen Winkel. So stumm ist sie, 
daß sie als Pause durch das Gekreische sich wälzt. Die vollen 
Ränge des Amphitheaters streichen um einen Hohlraum. Das 
sufgerichtete Publikum dreht ihm den Rücken. 
Das Karree. 
Nicht gesucht hat den Platz, wen er findet. Die Gaffen, zer 
knüllte Papierschlangen, sind unverknotet ineinander ge 
schlungen. Ueber die Erdsalten führen Traversen, die sich am 
Putz reiben, in Kellertiefen stürzen und zu ihrem Anfang 
^rückgeschleudert werden. Ein Hintertreppenquartier, oie 
Punkaufgänge fehlen. Türen stehen offen, aus denen graugrün 
der Geruch der Meerabfälle schwelt, rote Lämpchen weisen den 
Weg. An den Durchblicken sind Versatzstücke improvisier:: 
Reihen von Schwibbögen, arabische Schrifttafeln, Stufenge- 
winde. Läßt man sie hinter sich, so werden sie abgebrochen und 
am neuen Ort wieder errichtet. Ihre Ordnung kennt der 
Träumende. 
Eine Mauer ist der Vorbote des Platzes. Schlaflos hält sie 
sich aufrecht und verriegelt das Labyrinth. Mit hündischem Ge 
horsam begleitet sie eine Furche, trottet auf Schritt und Tritt 
ihr zur Seite. In die Mauer sind Luken eingesprengt, in weiten 
Wständen kleine Löcher, die den Räumen dahinter kein Licht 
gewähren. Andere Mauern von gleicher Länge verkürzen sich 
wie Eisenbahngleise; diese nicht. Ihre Fluchtlinien laufen aus 
einander — sei es, daß die Furche fällt, sei es, daß die 
Mauerbekrönung stetig steigt. Neben der Furche breitet sich 
Unversehens der Platz. 
Gr ist ein Karree, das mit einer Riesenform in das Ge 
schlinge gestanzt worden ist. Kasernenblöcke formieren sich um 
W» die Rückwand LA rot gestrichen. Eine Rampe schießt von 
ihr aus vor, hält an, bricht ab. Die Horizontalen sind mit dem 
Lineal gezogen, schnurgrad. 
Auf dem menschenleeren Platz begibt sich dies: durch die 
Gewalt des Quadrats wird der Eingefangene in seine Mitte 
gestoßen. Er ist allein und ist es nicht. Ohne daß Beobachter 
zu sehen wären, dringen ihre Blickstrahlen durch die Fenster 
läden, durch die Mauern. Sie fahren bündelweis über das 
Feld und schneiden sich in der Mitte. Splitternackt ist die 
Angst; ihnen preisgegeben. Kein Palmbukett streichelt die 
Kanten, das die Blöße Zu decken vermöchte. Ein Gericht Lagt 
auf unsichtbaren Sitzen um das Karree. Es ist der Augenblick 
vor der Verkündigung des Wahrspruchs, der nicht ergeht. Der 
zugespitzte Pfeil der Rampe deutet auf den Harrenden, folgt 
ihm nach, ein wmldelnber Zeiger. So kehren sich die Augen be 
rüchtigter Porträts dem Beschauer immerfort zu. Die rote 
Hinterwand ist von der Platzfläche durch einen Spalt getrennt, 
aus dem ein Fahrweg anfteigt, den die Rampe versteckt. 
Niemand sucht in dem Knäuel der Bildergänge das 
Karree. Seine Größe wäre bei peinlicher Ueberlegung mäßig 
zu nennen. Doch dehnt es sich, wenn die Beobachter auf ihren 
Stühlen sich niedergelassen haben, nach den vier Westseiten 
aus, erdrückt die armseligen Traumweichteile und ist ein 
QuadratohneErb raea. 
Knaße und Stier. 
Bewegungsstudie. 
Nix (Provence), Mitte September. 
Ein Knabe tötet einen Stier. Der Satz aus der Schulgram- 
matik wird in einer gelben Ellipse dargestellt, in der die Sonne 
kocht. Auf das Oval blickt es von den Tribünen und Bäumen, an 
denen die Einheimischen wie blaue Bananen hängen. Der Stier 
Lost dumm durch die Arena. Dem trunkenen Placken steht der 
Knabe allein gegenüber. 
Er ist ein orangener Punkt mit umgeschlagenem Zopf. Dreizehn 
Jahre, ein Bubengesicht. Andere Jungen seines Alters sausen im 
Prunkkostüm über die Prärie und erretten die weiße Squaw von 
dem Martertod. Vor einem Stier liefen ste davon. Der Knabe steht 
und lächelt zermoniell. Das Tier erliegt einer Marionette. 
Sie reizt den Orkan nach der Vorschrift des Rituals, von dem 
ste vergrößert zurückgestrahlt wird. Ein Püppcheu auch könnte das 
rote Tuch auswerfen, in dem der Stier den Gegenfetisch erkennt. 
Er will ihn niederstürmen, das Tuch entschwebt, von dem Püppchen 
in eine Arabeske verwandelt. Natürliches ließe sich auffpießen, vor 
dem Gleitflug der rinnenden Falten schwinden die Kräfte. 
Die Marionette wird zum orangenen Weib, das den Tolpatsch 
lockt. Es nähert sich ihm mit Wiegeschritten, die Hände hissen zwei 
kleine farbige Lanzen. Ein Theaterlachen der hochgereckten Heldin 
kündigt den Liebeskampf an. Der Stier geht dem ausgeklügelten 
Rhythmus ins Garn. Doch das Gespinst ist elastisch, und schon hat 
der kleine Magier ihm die kleinen Lanzen in die Flanken gesteckt. 
Drei Lanzenpaare bemustern den Placken, Stricknadeln im Woll- 
knäuel, mit wehenden Bändern. Er möchte sie abschütteln, vergeb 
lich, die Geometrie sitzt fest in den Wülsten. 
Der Knabe breitet einen Lappen von der Röte des Hahnen 
kamms. So lang ist der Degen, den er hinter dem Vorhang ver 
birgt, daß er an ihm in die Luft klettern könnte. Die Attribute 
der Fläche und der Linie bezeichnen das Nahen des Endes. Die 
Marionette läßt den Lappen funkeln und zieht mit dem Degen 
Kreise, die sich verengen. Dex Stier wird von einem Zittern 
befallen vor der Gewalt der Ornamente. Sie, die in Rauchringen 
gleich umstrichen, später punktweise trafen, pressen sich drohender 
stets an ihn, damit er in dem Kanevas vergehe. 
Nach ist es ein Spiel. Der Degen möchte umkehren, die Rote 
müßte sich im Blut nicht begegnen. Es ist ein einziger Stich, ein 
rasches, stechendes Leuchten, das durch die Wand springt. Der 
Degen schnellt aus der Marionette, nicht der Knabe hat ihn ge 
stoßen. Das verwunderte Element stockt und glotzt. Ueber die 
Degenlinie triumphiert die Krümmung der sinkenden Masse. Nun 
herrschen die Farben und Schwünge. 
Dem umlaufenden Miniatursteger fliegen Kappen und Taschen 
nach, Bukette des Jubels. Die Sonne glüht m der Ellipse. Der 
Knabe steht und lächelt zeremoniell.
        <pb n="60" />
        Wert der Städte bestimmt sich nach der Zahl der Orte, die in 
ihnen der Improvisation eingeräumt sind. 
StePars im Süden. 
Von Raca. 
Die nordischen Städte scheinen zu träumen, die des Mittelmeers 
haben etwas vom Traum. Ihm eigen ist, daß er die Bilder nach 
Regeln aneinanderreiht, die der Oberfläche fremd sind. Zwar kehrt 
das am Tag gelebte Leben in ihm wieder, doch es ist das geordnete 
Leben nicht mehr. Sein Zusammenhang wird in dem Traumbild 
streifen zerstört, der lückenhaft ist. Aus den Hohlräumen mögen die 
sonst verdeckten Gehalte aufsteigen. 
Die Mittelmeersonne Lrennt Löcher in das Gewebe der Städte. 
Gewiß sind diese zweckmäßig eingerichtet mit Schienen, Autos, 
Banken und Kathedralen. In den Organismus aber greifen un 
sichtbar gespreizte Finger, die das Zusammengehörige trennen. Das 
Ganze ist zerstückelt, und ein Verdacht richtet sich wider seine Ein 
heit. Nirgends sind die ALLruchstellen so häufig wie in den südlichen 
Städten. In ihrer glatten Politur erzeugen die eingesprenkelten 
Stehbars unzählige Sprünge. 
K - 
InNizza gibt es eine Stehbar, die das Muster ihrer Gattung 
ist. An dem Portal, aus dem sie hemusbricht, findet ein Inven 
turausverkauf von Architekturstilen statt: eine Barockkartusche 
legt sich über den Spitzbogen, Renaissanceprofile ums-chnüren den 
Kämpfer. Von der Fassade her dringt ein Holzgerüst in die Oeff- 
nung ein, das aus Reparaturgründen errichtet ist. Vermutlich steht 
das Gerüst immer, wenn nicht an dieser Stelle, so an einer andern, 
es fehlt nicht an Dingen, die abgureißen wären. In der Auslage 
erhebt sich der rote Riesentempel einer Kaffeemaschine, die das 
Getränk wieder in seine Bestandteile zurückzerlegt. Was als Brühe 
heruntergeschluckt wird, löst sich nachträglich in die schwarzen 
Moleküle der Kaffeebohnen auf. Handgemalte Schilder, auf denen 
die Güte der Essenzen angepriesen wird, wehen als Fahnen über 
der Straße; die flüchtigen Schriftzüge beanspruchen Dauer. Wie 
jede Bar ist auch diese ein Spiegelkabinett. Die Spiegel, die sich 
-um die Vervielfältigung jeder geringen Glühbirne bemühen, weiten 
die Bar zur öffentlichen Schatzhöhle. Sie quillt von Reflexen über, 
in denen die anwesenden Dinge durcheinandergeschüttelt und ge- 
vierteilt werden. Ihre selbstgefällige Wirklichkeit erweist sich als 
Trug, wenn auch die Spiegel nichts durchlassen, was wirkliche 
wäre. Ueber die Einfassung der Glasscheiben träufeln vergoldete 
Ranken als Schmuckbeigabe herab. Auf dem Schankblech funkeln 
die Flaschen, Sodawässer vermitteln zwischen grünem Anis und 
dem Rotbraun des Vermouth. Die Flüssigkeiten, die rasch auf 
der Zunge vergehen, bleiben als unberührtere Farbeffekte lange 
den Augen erhalten. Billige Zigaretten Pakete sind Zu Triumph 
säulen angeschichtet, zu deren Füßen ein Lager von Streichholz 
schachteln sich dehnt. Der Genuß allein, den sie für Augenblicke 
gewähren, verbindet die Rauchutensilien mit den leuchtenden 
Aperitivs. Auch die übrigen Sachen sind für kurze Frist. Stühlen 
und Tischen mangelt die Seßhaftigkeit, die ihnen in Wohnräumen 
aufgezwungen wird. Ihre Bedeutung wird von den Besuchern 
verkannt, die sie ständig verrücken. Sie streifen, kaum daß sie ein 
getreten sind, die Zeichen sozialer Würde ab und verwandeln sich 
in unstete Nomaden. Wie die Worte eines Kreuzworträtsels stehen 
sie gleich und beziehungslos nebeneinander. 
Als winzige Häfen, aus denen man abführen kann, sind die 
Stehbars in das Festland der südlichen Städte vorgeschoben. Die 
Elemente des gesicherten Daseins werden in ihnen ohne Rücksicht 
auf ihren Rang verstaut, dem auflockernden Widerschein in den 
Spiegeln halten die Palastgefüge nicht stand. So verliert der aus 
dem Hafen Scheidende den Sinn für die Maße des Lebens, das 
. hinter ihm liegt. Es zerfällt ihm in lauter einzelne Teile, aus denen 
* er die Bruchstücke eines anderen Lebens improvisieren mag. Der 
i 
St. Naphael (Valescure). Dieser entzückende, zwischen 
Toulon und Cannes gelegene Badeort strebt seit einigen Jahren 
mit Schnelligkeit in die Hohe. Er liegt an einer großen, sanft ge 
weiteten Bucht, über der in den Morgenstunden die Wasserflug 
zeuge der nahe gelegenen Militärstalion kreisen. Ein langgestreckter 
Sandstrand bietet ausgiebige Gelegenheit zum Baden und Ruhen. 
Die Meerpromenade mit ihren Palmen prunkt im Glanz der 
Riviera. Auf ihr entfaltet sich bis in die späte Nacht hinein das 
gesellschaftliche Leben, Autos, kleine und große, befahren sie un 
ablässig. Für Natzrrattraktionen in der näheren und weiteren Um 
gegend ist zum Ueberfluß gesorgt, auch sind die großen Rivieraorte 
von St. Naphael aus, das Schnellzugsstation ist, leicht zu er 
reichen. Wer Weltstädtisches in St. Naphael selber sucht, findet es 
im «euen Kasino, in dessen vornehm ausgestatteten Räumen man 
nachmittags und allabendlich auf illuminierten Glasplatten tanzt 
und der Roulette und dem Baccarat frönt. Neben den Hotels ersten 
gibt es kleinere Pensionen, in denen man gut und billig 
lebt. Dank seinem gleichmäßigen Klima, das selbst an den heißesten 
Tagen durch eine frische Brise belebt wird, eignet sich der Ort 
trefflich für Erholungsbedürftige. - 
Leutnants und Liebe. Weil es heute den flotten Leutnant 
in der unüberwindlichen Uniform nicht mehr Abt, darum wird 
er im Film aus der Schublade geholt. Weil wir heute eine Re 
publik haben, darum muß das Kino wenigstens die Zeit der 
, Fürstenthrone wieder erwecken. Weil das öffentliche Leben heute, 
das Dasein in den Großstädten, die Auseinandersetzung der so 
zialen Schichten Stoffe in Ueberfülle bietet, darum macht der 
Film bei dem verschollenen Gustav Maser eine Anleihe, zieht die 
Posse „De r Veilchenfresser" hervor, staubt sie &amp;lt;ch, drapiert 
sie neu. Harry Liedtke Macht den schneidigen Leutnant nach 
den uns keiner nachmachte, Lil Da g o v e r ist die schöne, schwarze, 
elegante Frau, die der Leutnant berückt. Lohnt es sich, das In- 
trigennest auszuheben? Ist es der Mühe wert, der vielen Harm 
losigkeiten aus der Epoche der dummen Offiziersburschen zu ge 
denken, die, ach so treu waren? Sogar die Einjahrig-Freiwilligen 
marschieren auf, und ein jugendlicher Liebhaber ist schüchtern. 
Die Regie hat die Situationen so hübsch und komisch gestaltet, 
wie es nur irgend ging. Ein MakarL-Bukett, auf modern deko 
riert, mit allen den kleinen technischen Mittelchen, die man heute 
beherrscht. Aber selbst den kessen Mldtiteln ist eS nicht gelungen, 
einen Bubikopf vorzutauschen; zu üppig baumeln die Zöpfe her 
unter. Das Publikum scheint sich ihrer zu freuen, es lacht über 
den alten Humor, als seien die letzten zehn Fahre nicht gewesen, 
als lebten die netten Leutnants noch. Damit wäre der Film 
! pi e?e n läuft in den Alemanuia. LLcht-
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        ! ll) 
Zugleich mit dem. Sternfriedhof wurde ein in der neuen 
Mainzer Synagoge untergebrachtes M u s e u w deZ Vereins Zur 
Pflege jüdischer Altertümer eröffnet. Zu dessen Entstehung und 
Einrichtung wesentlich Dr. Karl Ladenburg Lei-getragen hat. 
Es enthält eine Reihe sehenswerter Stücke, die durch ihre Ver 
einigung besser das Gewesene zu, erschließen erlauben. Die Lhora- 
schrünvorhänge an den Wanden, die aus Brautkleidern gefertigt 
sind, bestehen Zum Teil, aus kostbaren Stickereien persischen oder 
indischen Ursprungs. Frauenhände haben sie vor mehreren hundert 
Jahren mit den Symbolen der beiden Säulen, und der vier 
Kronen dekoriert. Stets ordnet der Schmuck bei diesen Kultgegen 
ständen sich unter; der Chanukkaleuchter aus der Zeit, des dreißig 
jährigen Krieges ist nicht minder Zurückhaltend geziert wie die 
Prunkkrone, die der Thora übergestülpt wird. —Me dargebstenm 
Proben des häuslichen und synagogalen liturgischen Lebens wer 
den durch Akten ergänzt, die einige historische Bedeutung haben. 
Das Ganze ist auf Erweiterung angelegt, die begonnene 
Inventarisierung drängt wie stets nach Vervollständigung. Neben 
dem Frankfurter jüdischen Museum wird auch das Mainzer ein 
Bild des jüdischen Lebens in Deutschland vermitteln. 
Jüdische Altertümer in Wainz. 
Dew Grabmalgarten. — Das Museum. 
. Li* Mainz, im Oktober. 
Das höchstgelegene Gelände von Mainz, ein hügeliges Grund 
stück, das an den seit 1880 geschlossenen alten jüdischen Friedhof 
an der Mombacher Straße grenzt, ist jüngst Zu einem jüdischen 
Grabmal garten umgestaltü worden, der seinesgleichen 
sucht. Grabsteine aus der Zeit von etwa dem Jahre 1000 bis gegen 
die Mitte des 15. Jahrhunderts — unter ihnen die ältesten bisher 
in Deutschland bekannten stehen hier einzeln und in Gruppen 
an verschlungenen Wegen. Viele haben sich nur als Fragment 
erhalten wie ein halb vermodertes Skelett. Einst waren sie das 
Zeichen des VesLattungsorL^ nun sind sie selber bestattet. Der 
Zersetzungsprozeß, der auch sie der Natur vollends Zurückgegeben 
hätte, ist unterbrochen worden, damit dte Namen der Toten auf 
bewahrt seien, die sie verzeichnen. 
Alles ist merkwürdig an diesem Friedhof der Steine.. Wie 
Rabbiner Dr. Säli Lewi. der verdienstvolle Schöpfer der An- 
laM, Mchgewiefendas Feld schon den Juden des 
Zu AM im Schumann. 
Zur Premisre des zweiten Oktoberprogramms. 
Im Kriegswagen kommt eine schöne Frau angesahren, 
C l -a u dia Alba, antik gewandet, eine Amazone. Sie verbindet 
Grazie mit Kraft, woran ihr Begleiter glauben muß, den sie um- 
dreht oder in die Höhe hebt, so eine Frau sollte man haben, man 
brauchte für den Sport nicht mehr zu sorgen. Außerdem stemmt sie 
Kugeln und wirst sie sich auf den Nacken. Pazifistisch ist sie nicht. 
An einem Trapez hängend, schießt sie eine Kanone ab, die sie mit 
den Zähnen im Schwebezustand hält. Tann verneigt sie sich lieblich, 
der Kontrast ist groß. Man mochte ihr Nachts nicht allein begegnen. 
Joy Bells chinesische Gladiatorentruppe übt 
mit Lanzen, Schwertern und Ketten. Ihre feine Gewandtheit 
triumphiert über Schneiden und- vorschnellende Spitzen. Sie treten 
gegeneinander an und jagen sich die Speere in die Leiber, die sich 
gerade, rechtzeitig, noch vorLeiwinden, um sich unversehrt wieder 
aufzurichten; zwischen den Stichen bleibt kein freier Raum mehr. 
Auch werden rasselnde Dreizacke umher gewirbelt, die nach und nach 
sich verselbständigen und nun ihrerseits mit ihren Trägern Be 
wegungsspiele treiben. Von den Dreizacken regiert, drehen diese 
sich durch die Lust. ' 
Die Gruppe der drei Boundings Vounders besteht aus 
einem Mädchen mit einer wundervoll stechen Fistelstimme, einem 
älteren vergnügten Hrrn und einem jungen Burschen, der zu 
seiner Zerstreuung, Räder schlägt. Der Herr benutzt seinen Auf 
enthalt auf der Bühne dazu, sich mit dem Mädchen zu unterhalten, 
bis es ihm genug wird, einen Violinkasten herbeizuholen, dem er 
ein Taschentuch entnimmt, mit dem er sich abtrocknet, dann stellt er 
den Kasten , wieder hin, und solcher bedeutender Handlungen mehr. 
Mitunter läßt er sich vom Trampolin in die Höhe schnellen. Zwi 
schen ^Himmel und Erde lebt sichs schon; kein Wunder, daß er 
vergnüt ist. Mit dem Mädchen und seiner Kravatte, die wie -ein 
Rolls Royce hupt, wenn er daran rührt. — raca. 
^ermanos Walders: Balanceakt an der Stange: gelbe 
Stiefel, lächelnde Nonchalance. Saubere Arbeit und ein guter 
Augenblick, wo beide, Kopf gegen Kopf an der Stange — lang 
sam ihre Handschuhe ausziehen — um Fahnen aller Länder vom 
Mast aus zu entfalten. 
Zwei Watson komisch seriöse Rollschuhläufer. Eine vor 
zügliche Nummer. Die Zusammenarbeit könnte etwas besser sein. 
„Er" erinnert an Dodo aus den amerikanischen Lustspielen. Alles 
geht ihm schief seine Hosen sind lockere Scharniere, die ihn an 
den Boden klappen. Zum Schluß aber kreiselt er sich aus einem 
runden Tisch empor und tanzt wunderbar elegant mit der schönen 
Frau, ganz rosa Bein und weißes Gesicht. 
Wenn Otto Schumann vor den gemalten Parkwegen 
„arbeitet", dann ist das, wie wenn &amp;lt;in Engel vom Himmel kommt. 
Svine Füße sind Musik — die Pstrde fühlen das. Ein Schimmel 
mit rosa Nüstern und einem rosa Bauch tanzt wie eine Bajadere. 
Dann kommt ein schwarzer Riesongaul, der fast zu groß ist für 
die kleine Bühne -- der arbeitet mit einer liebevollen Wucht , 
-ein Berg, wenn er sich auf die Hinterhand stellt, und dann tut der 
Reiter gar nichts mehr — die Tieve scheinen sich ganz übeAasscn. 
Das Pferd und die zwei Hunde — eine weiße Dogge, die im 
stolzen Hahnentritt des Pferdes geht — und eine Wolfshündin 
mit einem Eisbärfell, die geht noch ganz schachern dm Schwanz 
schamhaft verklemmt mit treuen blauen Augen nebenher und. be 
wegt die Pfoten mit zart andeutenden Gesten. ' -Ka. 
' frühen Mittel-alters als BeerdigungZplatz. Im vorigen Jahre erst 
wurden hier Skelette aus gegraben, uralte Knochengerüste, die dank 
der günstigen Bodenverhältnisse unversehrt wiedererstanden. Ihnen 
Zur Seite als einzige Beigabe die eisernen Nägel, die den Sarg 
früher hielten. 
Die Grabsteine selber, die aus dem Mainzer Altertums 
museum an ihren Ursprungsort zurückverpflanzt worden sind, 
haben die Jahrhunderte im Verborgenen überdauert» Nach den 
Judenaustreibungen im 15- Jahrhundert wurden sie verschleppt 
und zu Haus- und Festungsbauten benutzt, während das Grab- 
feld als Weingarten den Lebenden flammte. In den Fundamenten 
und Mauerbogen harrten die Steindokumente ihrer Erweckung 
durch die Historiker. Kürzlich erst wurde ein neuer Fund bei bei? 
Anlage eines Sportplatzes auf der Bastei gemacht — ein nicht 
unwesentliches Argument für die Rechtmäßigkeit des Sports. 
Niemand wird ohne Anteil die Grabsteine durchmustern. Die 
ältesten sind Zeitgenossen fenes Geschlechts, das den Mainzer Dom 
&amp;gt; in seinen ersten Anfängen sah; eindringlicher, als die Quellen 
schriften es vermöchten, beezugen sie die Verflochtenheit des jü 
dischen Schicksals mit dem deutschen. Manche der hebräischen In 
schriften haben ihre Jugendfrische hinübergerettet, ihr Bericht 
ist ein schönes. Ornament. Andere, die verwittert sind, droben ihr 
Geheimnis mitzunehmen. Auf einer winzigen Ruine, die sich 
hcrabneigt, steht als letzter Ueberrest noch der Namen. Die Denk 
mäler sind insgesamt keine Monumente, die den fragwürdigen 
Anspruch erheben, Kunstwerke zu sein, sondern der Untergrund 
für die Inschrift, hinter der er selber verschwinden will. Seiner 
Unscheinbarkeit entsprechen nicht fllten die cingemeißelten Worte» 
„Ein Felsstein wurde ausgehauen Zum Gedenken 'des Rabbr 
Gerschom", ist auf einer frühen Tafel zu lesen. 
Von dem GraL-malgarten blickt man weit in 'den Rherngau, 
und fast scheint es, als gewänne die Landschaft an Menschlichkeit 
und an Kraft der Rede, weil dem Gedächtnis eine Stätte in ihr 
eingeräumt worden ist. Wer nach Mainz kommt, möge diesen Platz 
nicht versäumen, auf dem das Vergangene wiederkehrt, um lange 
zu bleiben. 
Bei der Verteilung des glänzenden Varietehimmels die im 
Gast staitfand, fiel dem unterzeichnenden Referenten der Kunst 
pfeifer zu, das Ballett, und der Humorist. Qbzwar er darin ein 
besonderes Zutrauen zu seinen musischen Fähigkeiten erblicken 
durste, es sei nicht geleugnet, daß mancher sehnsüchtiger Blick den 
Kraftspielen einer schönen Frau nachtrauerte und daß der schärfste 
Pfiff (aus Butterfly mit den Händen geblasen) jenes entzückende 
Quitschen nicht übertönte, das mitsamt dem Trampolim dem 
Referenten raaa überlassen bnob. Also der Kunstpfeiflr Herr 
Willy Schwarz, vom Publikum als alter Bekannter begrüßt, 
war mir neu. Er pfiff, von rhythmischen Schwung seiner Beine 
unterstützt mit erstaunlichem Atem, einen Pfiff, außerordentlichen 
Volumens. 
Das Ballett setzte sich zusammen aus Galina Zacarina, 
einer kleinen Balletteuse und dem Tänzerpaar Jrina Schychowa 
Fred Tim, beide einem großrussischen Ballett ihre Vergangen 
heit dankend. Der Kleinen, wenn sie erst völlig rhythmisch sein 
wird, werde ich einmal den Vorzug geben. Die Einfälle waren 
nicht immer heiter, wie bedeutend auch der Vorhang auf und 
nieder ging. Von den Kostümen blieben mir die grauen Schleier 
eines „Phantoms", das einem Empireherrn aus der Ruhe scheucht, 
in Erinnerung. (Ernsthafte Nebenbemerkung: Webers „Aufforde 
rung zum Tanz" haben die Großrussen etwas mißverstanden.) 
Das Abwechslungsreiche des Programms i8 Lanznummern) sei 
dankend vermerkt. Bleibt der Humorist Willy Ziegler; ich 
will nicht mit ihm streiten, vielleicht ist er ein geborener Humorist 
und ich verstehe nichts von der Sache, auf jeden Fall: ich blieb 
toternst. Das Publiukm al r strahlte und jauchzte bis hinauf in 
den rauchigen Schlund der Galerie. Wie sagte der breitschultrige 
Herr aus den 3 Bounding Vounders, wenn seine Freunde etwas 
ihm Unbegreifliches taten? „Geh zn Hause", —6en.
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        eingehender berichten. 
raca. 
Ben Hur in Frankfurt. 
Vorbericht. 
In ben Ufa-Lichtspielen wurde gestern abend zum 
ersten Mal der Ben Hu r-Film gezeigt. Er ist in der Tat ein 
Mönstrefilmwerk, in dem durch Regiekunst, unerhörtes Diassen- 
aufgebot, Großbauten und Hintergründe die *Handlung des be 
kannten Romans nicht ohne Großartigkeit vergegenwärtigt wir'ö. 
Das Wagenrennen, eine technisch außerordentliche Leistung, wurde 
spontari beklatscht. Andere Szenen auch gelangen dank ihrer Di 
mensionen zu reiner FilmwirLung. Das Hineinspielen der H-eils- 
geschichte bleibt ein Uebel, das die Farbenphotographie nicht auf- 
zuheben- vermag. — Wir werden über den Film, der außer in den 
Ufa-Lichtspielen auch in den Nationaltheatern — Hohen- 
zollern- und Skalalichtspiele — vorgeführt wird, noch 
Wen Kur. 
Zur Aufführung in Frankfurt. 
IS'O Ooo Personen arbeiteten am Ben Hur-Film mit. 
4 000 000 Dollar kostete die Herstellung des Films. 
160 000 Meter Stoffbahnen wurden in Berlin für 
8000 Kostüme,- Mängel, Requisiten usw. zugeschnitten. 
22 000 Kilo Messing und Eisenblech wurden zu 
60M vollständigen Römerrüstungen verwendet. 
9000 Pfund Leder verwandelten sich in Schuhe und Lederzeug. 
100 seetüchtige, in Livorno gebaute antike Kriegsschiffe lagen 
im Kamps miteinander. 
48 Kameras nahmen gleichzeitig die Seeschlacht auf. 
12 Wagenlenker von 
12 verschiedenen Nationen lenkten' 
48 feurige Rosse. Beim Rennen wurde ein Trabrekord von 
375^5 Sekunden für ^3 englische Meile erzielt. 
Die Masse tut es. Was ist mit ihr erreicht? Was nicht? Einzel 
heiten aus der Werkstatt sind wichtig. Vor allem die Jnter- 
nationalität des Films. Die Kriegsschauplätze seiner Auf 
nahmen waren Kalifornien und Italien. Der Darsteller des Ben 
Hur, Ramon Novarro, der so schön wie Valentins ist, ver 
körpert einen amerikanisch-spanisch-mexikanischen Typus. Garmet 
Myers ist die Tochter eines aus Rußland gebürtigen und in Eng 
land erzogenen Rabbiners. Nur in den Gassen des Marstillec 
Hafenviertels findet sich eine so verschiedenartig zusammengesetzte 
Bevölkerung wie die der Statisten. Die historische Echtheit der Bauten, 
Hintergründe, Gewänder ist durch ausgedehnte Studien verbürgt» 
Niemand wird merken, daß der Riesenzirkus des antiken An- 
tiochiLu bei der kalifornischen Stadt Culver steht. Das neu er 
richtete Jerusalem ist das alte. Für die SeeschlachFzenen Hütte 
man sich große Scharen von Original-Seeleuten aus Rom und 
Livorno als Römer und Piraten verschrieben. 
* 
Drei Jahre regierte Fred Niblo, der Regisseur, sein. gewal 
tiges Reich. Er hat an Massenorganisation Großes ge 
leistet. Das Wagenrennen, zu dem ganz Hollywood herbeigeeilt 
war, lenkte er von einem 30 Meter hohen Kommaudoturm mit 
Der Roman, der den Anstoß zu den MafsenbMern gab. gehört 
zu jenen mittelmäßigen Werken, die durch ihr stark aufgelegtes 
Kolorit breite Schichten bewegen. Gerade noch durch den Aufwand 
mochte es gelingen, die Handlung für den Film zu retten. Eine 
geringere Quantität der Mittel, und man hätte eine der üblichen 
historischen Verfilmungen erhalten, die irgend ein gleichgültiges 
Einzelschicksal in veralteten Trachten aufrollen. Durch den Zahlen- 
rekord ist immerhin eine Prunkoper entstanden, die der Schaulust 
Genüge tut. Die Unzulänglichkeit des Gehalts legt einen Abgrund 
zwischen „Ben Hur" und den Potemkin-Film. Hier geht es um 
die Wirklichkeit, die im ästhetischen Medium des Films getroffen 
wird, dock ist auf dem Grund eines welthistorischen Stoffes eine 
kleine Privatangelegenheit groß gemalt. 
* 
Anstößig, schlechterdings anstößig ist hier die Darstellung 
der Heilsgeschichte im Film. Noch dazu mir 
der (technisch unvollkommenen) Farbenphotographie, die, so 
scheint es, das Harmonium ersetzen soll. In Szenen, die 
zum Teil nach berühmten Bildern gestellt sind, wird das 
Evanaelium gemimt und Choralgesang begleitet eine Strecke 
weit die religiöse Farbenpracht. Amerikanischer Naivetät mag eine 
selche Vorführung bekömmlicher dünken als dem deutschen Publi 
kum. Man hat sich etwas auf den Takt Zugute getan, mit dem man 
niemals die Person Christi selber austreten läßt, sondern lediglich 
die.segnende Hand zeigt. Diese dezente Zurückhaltung indessen ver 
größert das Uebel, denn durch Me eingelegte Probe aufdringlichen 
Geschmacks wird der Uugeschmack im Großen nur fühlbarer. 
ES-, 
Hilfe von Lautsprechern, Signalwinkern und 120 Fernsprech- 
stellen. Zur Beobachtung der Seeschlacht entbot er 48 Kameras 
auf eine schwimmende Plattform. Uneingeschränkte Bewunderung 
verdient der filmmäßige Aufbau der bewegten Massenszenen 
Nrblo At richtig erkannt, daß nur der äußerste Realismus den 
historischen Auftritten zur Wirkung im Film verhelfen kann weil 
dieser auf die Wiedergabe der Wirklichkeit angewiesen ist und'dann 
allein zu seinem Eigenleben gelangt, wenn er wie hier Themen ab- 
wandelt, die auf dem Theater nicht darstellbar sind. Der Realis 
mus aber wäre belanglos, entbehrte die' Bilderfolge der Gestaltung. 
Sie ist an den Höhepunkten Zur Form gediehen, entwickelt sich in 
einem Rhythmus, der sie des planen Naturalismus enthebt Das 
Wagen rennen steigert sich von Anfang bis zu Ende, ein ein 
heitliches Ereignis großen Formats. Seine umfassende künstlerische 
Bewältigung ist der Art zu danken, in der die Gesamtübersichten 
mit aufblitzenden Einzelheiten — so den Köpfen der jagenden 
Schimmel — jeweils wechseln. Lanzenspitzen, die in unabsehbarer 
Reihe an jüdischen Volkshaufen vorüberziehen, vergegenwärtigen 
schlagend das Faktum der römischen Macht. Das Gewoge der Be- 
völkexung schwillt linienhast an und verebbt in gewollten Ueber- 
gängen, 
* 
Aer andere Bismarck. 
Vortrag Emil Ludwigs. 
Emil Ludwig, dessen Buch über Wilhelm II. den Deutschen 
ihren früheren Kaiser zeigte, bewährt auch als Redner die Gaben, 
die ihn zu einem vielgelesenen Schriftsteller gernacht haben. Er 
plaudert, der gestrige Frankfurter Vortrag bewies es, mit 
weltmännischer Gelassenheit über sein Tatsachenmaterial, hinter 
dem er zurücktritt, nicht ohne es vorher für seine Zwecke angeordnet 
zu haben. Die in nervös abgewogenen Perioden eingefangenen 
Stoffmassen scheinen sich von selber zum Bild zu fügen. Doch der 
nahezu unsichtbare Dirigent hält den Stab fest in Handen, und 
als Zeichen seiner Gegenwart leuchtet aus den Nebensätzen mit 
unter ein stilistisch gepflegter-Sarkasmus hervor. 
Ludwig ist ein Republikaner, der durch sein neuerliches 
Wirken eine wichtige Mission erfüllt. Er stellt die Heroen der Vor 
kriegszeit in einer Weise richtig, die auch dem renitenten Teil des 
gebildeten Bürgertums, an das er sich vornehmlich wendet, all 
mählich die Augen öffnen muß. Das Mosaik der Fakten, das er 
Zusammenstückt, ist unwiderleglich; die kultivierte Form, in der 
er es darbietet, läßt blinde Ablehnung nicht zu. Die Republik hat 
an Ludwig einen klugen Werber. Man wünschte Schullestöücher 
von ihm geschrieben. 
' Sem Bismarckporträt ist L-n der ausdrücklichen Absicht ent 
worfen, das von den Völkischen verehrte Götzenbild des eisernen 
Kanzlers abzutragen und einen bisher verdeckten anderen B i s- 
marck heraufzubeschwören, der das Gesicht dem neuen Deutschland 
zuk-ehrt. Es gibt einen solchen Bismarck. Ludwig stellt ihn nicht 
dar, sondern läßt ihn selber sich darstellen. Die Wünschelrute, mit 
der er das Gelände der Geschichte absucht, schlägt- stets wieder 
aus. 
Der Versenkung entsteigt ein Bismarck, der sich eines hockst 
glücklichen Mangels an Ideologien erfreut. Er spricht 
von dem „Souveränitätsschwindel" der deutschen Fürsten, die er 
später zu Versailles en canaille behandelt, und richtet, ohne von 
dem deutschen Erbübel des Dogmatismus befallen zu sein, die 
Bündnisse nach der Temperatur des Kontinents ein. Brüchig wie 
die ihm nachgesagte konservative Gesinnung Ist auch sein Royalis- 
mus. Mit einer durchaus uneisernen Elastizität lenkt der eisern 
Genannte die Figuren auf dem europäischen Schachbrett. Ludwig 
gräbt den Menschenkenner aus, der Napoleon jahrelang 
hinhält und verführt, der K)nig Wilhelm gegen seinen Willen 
wieder und wieder nachschleist. Nicht minder wird durch Zitate 
belegt, daß der Mann, dem die Nationalisten eine unaufhörlich 
gepanzerte Faust zuschreiben, sehr wohl auch Glacehandschuhe zu 
tragen versteht. Er verschmäht den vulgären Patriotismus, paktiert 
rnit den Feinden von gestern, nennt sich einen Europäer und 
die Kriegszeit ernst, nrcht groß. Mut verbindet sich bei ihm mit 
berechnender Mäßigung. 
Der Schwächen und Fehler ist nicht vergessen. Seine Gering 
schätzung des Geistigen läßt Bisnmrck die Tragweite der vatikani 
schen und sozialistischen Bewegung verkennen. Despot, der er ist, 
unterdrückt er die Volksvertretung und damit die Entwicklung des 
polnischen Denkens. An tum Königstum, das er gestückt hat, gcht 
er, eine, mythologische Gestalt, tragisch Zu Grunde. Der Gestürzte 
deutet in hellsichtigen Aussprachen auf die kommende deutsche 
RepubliE vor. 
" ,Das Bild des anderen Bismarck sollte in unseren Schultest- 
buchern den Popanz des eisernen Kanzlers verdrängen. Xr.
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        j 
gedenke. Ls wäre 8ebLd6 darum. Denn dieser 
Uoobstapler Lu^&amp;gt; kassion bat ^aten be^aNSen, 
die äen KLuptmann von Lopeniek vor Lebam 
Die große Vergangenheit ist längst dahin. An die Stelle 
der Hosenträger ist heute der Sportgürtel getreten — 
die Wortverbindung besagt schon genug. Wo immer man hin- 
blickt, überall Gürtel. Sie haben eine blanke Schnalle vorne, 
die sie unbedenklich entblößen. Wenn die Gegenwart mit 
gutem Grund den Untergang der Persönlichkeit beklagt: die 
wagrechte Lage der Gürtel hat ihn verschuldet, ihr ist der Zer 
fall zuzuschreiben, in dem die Welt sich befindet. Ihn zu ver 
meiden, hatten die Gürtel sich von unten nach oben erstrecken 
müssen. Statt jedoch die Hosen zu dem eigentlichen Geistes 
leben heranzuziehen, lassen sie ihnen nach Gefallen freien Lauf. 
Umschnürten sie wenigstens nicht die Hosen selber, sondern 
die Schultern! Ueber ihr Niveau hinauszustreben, verspüren 
sie indessen nicht den mindesten Hang. 
Für das Denken der sportbeflissenen Horizontalen ist die 
folgende mähre Geschichte bezeichnend. Jü einer Gesellschaft 
stritt man sich jüngst grundsätzlich über die Art, in der die 
Hosen zu behandeln seien. Von Seiten eines würdigen 
Trägers wurde betont, daß man vor allem auf die moralische 
Hebung seiner Schützlinge zu achten habe. Dem widersetzte 
sich ein kaum flügge gewordener Gürtel. Wichtig sei allein, daß 
die.Hosen um die Hüften schlenkerten und sich als Hosen voll 
erröten lassen mükten 
Das ^.mt des Loobstaplers ist deute eines 6er 
wioliti^sten auk klräen. bliebt umsonst bat b&amp;gt;ank 
Heller seinen Uerrn Oolbn erkunden, dem in F6- 
rinderen literarisoben Lpbüren sein ^eniLliLcn^r 
kra^ösiseber Kollege ^.rseno bupin 2ur Leite 
stebt. Trakt seines Obarisma klärt der derukerne 
blöobstapler unsere Oesellsobakt darüber auk, 
dak das Oebaude ibrer ^Veltoränun§ Uisse 
bat. Indem er mit den besten planieren Damen 
und Herren der Oesellsebakt 6üpie-t. rwuMt 
er sie ru der Tinsiebt, daü sie die Uanieren 
kür den Uenseben nebmen. ü.ueb ^aenteue in- 
stitutionev verraten den Dünkt, an dem sie 
sterbliob sind, ^venn er sieb ibrer bedient. Din 
besoldeter ^loralpredi^er könnte niebt besser die 
Lebwaeben unseres socialen L^stems erkennen 
als er; aber jener paktiert mit dem Lastern, wab- 
rend äer Üoobstapler sein unbesteeblieber Kriti 
ker ist Dak er sieb die bebren, die er bedeuten 
den Nitbür^ern erteilt, reieblieb bonorieren läüt, 
wird man ibm niebt verübeln dürken. Leine Un 
kosten müssen ^edeekt werden, und äas Uisiko 
ist groü. krwiscbt ibn die Oesellsebakt, so sperrt 
sie ibn ein; sie ist ru bumorlos, um sieb von 
ibm beraten ru lassen Nur die' berübmten De 
tektive in den Kolportage-Romanen wissen das 
moralisebe Drin^ip ru würdigen, in dessen Huk- 
tra^ der Uoebstapler bandest und kraternisieren 
niebt selten mit ibm. 
Dleiebviei. ob die s^mpatbisebe Dersonliebkeit. 
könnten. Wohin diese Auffassung führt, beweist die 
Tatsache, daß sich fortschrittliche Hosen, amerikanische nament 
lich, in ihrer Sucht nach Unabhängigkeit neuerdings auch von 
den Gürteln noch loszusagen beginnen. Der allgemeinen Halt 
losigkeit ist eine Grenze nicht mehr gesetzt. 
Nur eine geringe Schar von Hosenträgern hat sich durch 
die Wrrren gerettet. Einem, der die politische Laufbahn 
^eingeschlL-en hat, ist es Lanr seiner Dehnbarkeit sogar ge ¬ 
lungen, zu stattlicher Größe anzuwachsen. Er verfügt über 
die Kunst, sich an keiner Seite anzuknöpfen, und doch den 
Anschein zu erwecken, als ob er die Hosen zöge. In Wirk 
lichkeit hat er sie mit einem Gürtel verkuppelt. Von solchen 
Ausnahmen abgesehen, ist die Lage der überlebenden Träger 
schlecht. Sie vegetieren in ihrer Mehrzahl auf kleinen Be 
amten. Um in der veränderten Zeit die alten Traditionen 
aufrecht zu erhalten, haben sie sich zu einer Theatergemeinde 
zusammengefunden. 
Von Dr 8. LLr 
„leb war Hoobstapler aus Dassion", bekennt 
rZnats LtraLnokk in seinen Memoiren: ,ü o b 
der Hoobstspler Ixnatr Ltraüvokk" 
(Verlag Die Lobmiede, Berlin). Dr bat, will man 
der LinIeitunF banias Bauden, äas Lutodio^ra- 
plnsobe ^Verk im 6ek3.n^ni8 ^esebrisden und de- 
seblieLt es mit der erdLulieben Versiebsruna, 
äs-ü er in Zukunkt 8Mb als redlieber k^boto^rapn 
in einer kleinen Ti^dt durebs beben 2u seblLZen 
die unter dem blamen LtraLnokk auktritt, leibbakt 
existiert oder niebt: jedenkalls ist sie un^ari- 
seben Deblüts und amtiert rwisobeu ^ram und 
"sVien. Lin leiebter Dunst von Daprika sebwän- 
gert die ^.tmospbäre, und 30 xrok die ^Velt ist, in 
die sieb der Held aus seinem kleinbür^erlieben 
Damilienmilieu emporsebwin^t, sie ist niebt 
, ei^entlieb weltstadtiseb, sondern von dem 6eist 
!,der ebemali^en Doppelmonarebie erküllt, mit 
l ibren kulturellen ^wrsebensebiebten, ibren 
! keseben Lebnurrbärten und ibrem ,6rüü dieb 
' OotD bis 2U den UrrberröZen binauk. Dort oben 
in dem Ulan? bewehr sieb der Kavalier, der eebt- 
bürti^er ist als die geborenen. 
Lein HauptabsatLgebiet ist die bobe 0 eis t- 
liebkeit. ^1s Dusarenunikorm übertölpelt er 
den kürstprimas von ^Vien, der dem berrbeben 
kleidnn^sstüek auk z^ut Olauben aus einer imagi 
nären Deldverlegenbeit bilkt. ^.ueb ru dem ^la- 
Znaten-Kasino erbalt die Kontur Zutritt, Oraken 
ersterben vor ibr und bleeben. Das dankbarste 
^.usbeutunFsobjekt ist der Diener l^unAus, der, 
immer dem Oewäbrsmann 2ukol&amp;lt;;e, jungen Damen 
die Deicbte 'm Leblakrimmer abnimmt. Da 
Ltraünokks Kreundin sieb dieser religiösen Üand- 
lung bäuki^ unterbliebt kommt er selber in eine 
gesellsebaktbebe Deriebung rum k^unrius, die sieb 
auk stets neue ^.rten verlobnt. Dureb die In- 
kormationen nämlieb, die das Deiebtkind ibm LU ¬ 
V klieüen aueb'aus den Wnisterien — 
nnrd ibm ermöglicbr, die Drovinrgeistliobkeit als 
eigens vvp ^Vien entsandter ^linisterialrat beim- 
^usuoben und rum Danir kür die ibr erökkneten 
Die Koseniräger. 
Eine historische Studie. 
Von Raea. 
Die Entwicklung der Persönlichkeit im Sinne unserer 
K/affiker war von jeher an das Dasein von Hosenträgern ge 
knüpft. Sie allein erzeugten jene Harmonie von Geist und 
Körper, Ideal und Leben, die das Zeichen der höchsten Voll 
kommenheit ist. Waren sie angeknöpft, so erhielt das Natürliche 
sein Recht, ohne daß die Seele das ihre verlor. Die Hosen 
wurden nach oben getrieben, die Ideen wahrten den Zusam 
menhang mit dem Fußboden. 
Ihrem aufreibenden Berufe gingen die Träger mit Hin 
gebung nach. Weder bedrückten sie die Schultern je&amp;gt; noch will 
fahrten sie den Gelüsten der Unaussprechlichen, die sie in die 
Tiefe zu zerren suchten. Nannten sie auch einen dauerhaften 
Charakter ihr eigen, so paßten sie sich doch den wechselnden 
Umständen durch Verlängerung oder Verkürzung an. Eine 
entscheidende Bedeutung maßen sie der Innerlichkeit der durch 
sie gestifteten Beziehung bei. Darum verbargen sie sich vor 
den Augen der Welt und wirkten in mystischer Abgeschiedenheit 
unterhalb der Westen. Aus dem Glauben heraus, daß es bei 
der Bildung von Persönlichkeiten vor allem auf den eigenen 
Einsatz ankomme, gelangten sie zu der Ueberzeugung, es sei 
der Zug, den sie ausübten, wesentlicher als das Gezogene. Sie 
hätten im Leeren schweben mögen und ziehen. Daß sie aus 
Stoff erschaffen waren, bereitete ihnen Kummer; die seidenen 
selbst grämten sich darüber, wie fein gesponnen immer sie 
waren. Am liebsten wären sie durchsichtig gewesen, wie aus 
Glas. 
Trotz der Strenge ihrer Gesinnung überspannten sich die 
Hosenträger nicht. Da sie die Dringlichkeit der niederen Be 
dürfnisse kannten, legte sie sich mitunter ab. Im Liebesfalle 
ließen sie sich zur Erde sinken, um ihre Gefühle besser entfalten 
zu können. Bei solchen Gelegenheiten pflegten sie sich ganz 
zusammenzurollen. Besonders hochstehende Exemplare freilich 
hielten darauf, auch die Empfindungen der Liebe in ange- 
-ogenem Zustande zu erleben. 
Ermüdet von dem täglichen Angestrafftsein begaben sich die 
Träger abends zur Ruhe. Sie erfreuten sich zahlreicher 
Träume. Einer der ihren mußte einmal ein riesiges Hosen- 
paar über eine Alpenwiese bergaufwärts schleppen. Während 
er noch hinankeuchte, wandelte das Bild sich mit einem Schlag. 
Zu seinem Entzücken lag er nun selber auf der Wiese, und 
die Hosen zogen ihn mit sich fort auf den Gipfel. Einem an 
deren Träum-er glückte es, ohne fremden Beistand sich aufzu- 
richten und ungekrümmt von bannen zu eilen. Er pries die 
Weisheit der Natuh, die ihn und seinesgleichen gegabelt ein 
gerichtet hatte« 
Die Geschichte meldet von vielen zugkräftigen Trägern. 
So wird von einem berichtet, der durch seine Lebensführung 
zum leuchtenden Vorbild ward. Er hing einem Philosophen 
an, dessen System die geschlossene sittliche Persönlichkeit in den 
Mittelpunkt rückte. Den Träger durchdrang die Lehre des 
Denkers so tief, daß er die von ihr geforderte Einheit des 
Wesens niemals preisgab; obwohl er im Dienste des Philo 
sophen, der, das Haupt gen Himmel gewandt, in seinem 
Havelock alltäglich ^stundenlang inmitten der Universitäts 
Kleinstadt spazieren ging, die schwersten Strapazen zu erdulden 
hatte. Der Stoff, aus dem der Träger bestand, zerschliß: der 
Träger hielt. Hielt an den verantwortungsbewußten Gummi 
fäden allein; bis zuletzt. Sie sind im Nationalmuseum zu 
Tilsit zu sehen. . , 
Um der Wahrheit willen darf nicht verschwiegen werden, daß 
es auch manche entartete Träger gegeben hat. Sie zeigten sich 
ohne Rock und Weste in den öffentlichen Anlagen und waren 
überdies mit blumigen Stickereien besetzt, deren Vorhandensein 
auf einen empfindlichen Mangel an Ernst zu schließen erlaubte. 
Man trifft sie vereinzelt bei Aelplerfesten noch an.
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        'rs 
des Jchbewußtseins nicht hindurchschimmern kann. Treue Lricht 
aus ihm hervor, die stete Bereitschaft zu helfen umglänzt die 
ichlose Erscheinung. Das Mädchen, das -Chaplin liebt — ist -es 
Liebe zu nennend — wird angegriffen, und er, der immer An 
gegriffene,, der so schwach und feige ist, möchte als Kavalier vor 
den Anpobeleien sie schützen. Man lacht, man weint, man weiß, 
daß die Oberfläche aufgeriffen ist. 
Weil aber das Menschliche hier so dargestellt ist, darum ist es 
in der Ordnung, daß es ihm wie im Märchen ergeht. Vor diesem 
Würmchen Chaplin, das hilflos und ganz allein durch den Schnee 
sturm und die Goldgräberstadt kriecht, weichen, die elementaren 
Gewalten zurück. Gerade rechtzeitig noch kommt immer wieder ein 
Zufall herbeigeeilt und entreißt ihn den Gefahren, die er nicht 
ermißt. Der Bär selbst ist ihm freundlich gesinnt wie ein Bär aus 
dem Märchen. Seine Ohnmacht ist Dynamit, seine Komik bezwingt 
die Lacher und erweckt mehr als Rührung, denn sie rührt an den 
Bestand unserer Welt. 
Revue Rr. 1 der Mniersaison. 
München im SchumanntheaLer. 
— Die Revue kommt aus dem Münchener Deutschen 
Theater zu uns mit allen möglichen Girlkomplexen, Kostümen 
aus Werkstätten und einer winzigen Handlung, die das Ganze Zu 
sammenhalt, ohne die Teile miteinander zu verbinden. Es geht 
bewegt her in dieser „Nacht der Nächte", die so heißt, weil 
ein Prinz sich vornimmt, sie zu ihr zu machen. Um ihn herum 
werden geometrische Beinschwünge verübt, immer dieselben, in 
immer verschieden ausgeschnittenen Gewändern Die Ausschnitte 
überwiegen mitunter. Die Girls tragen bald aufeinander abge 
stimmte Schellen um den Hals, mit denen sie nett klingeln, bald 
nahen sie mit Saxophonen bewaffnet, aber zu anderen unerfind 
lichen Zwecken. Den Eindruck der Masse erwecken sie nicht, man 
kann sie noch zählen. In Amerika konnte man es nicht. Vor ihrer 
gleichförmigen Pracht, die sich wie ein rotes Fädchen durch die 
Bilder zieht, werden Solotänze ausgefuhrt: gymnastische und 
andere, häufig in schöner Bewegtheit, mit einem Höchstmaß von 
Mensendieck. Es ist erstaunlich, wie dieselben Motive sich unbe 
grenzt a-bZMvandeln vermögen. Ein Kaleidoskop. Damit das von 
Farben überströmte Publikum ab und zu aus dem Schauen her- 
auskommt, in dem es sich sonst verlöre, werden Gespräche zwischen 
den Hauptpersonen geführt. Sie sind jedenfalls zum Lachen, gleich 
viel. wie man über ihren Inhalt urteile. Eine Szene im Sende- 
raum einer Funkstation ist originell gestaltet, und Hans 
Albrecht als Oberbayer wirkt unwiderstehlich komisch. Auch 
sonst erinnert manches an die Münchener Herkunft der von Leo 
PeukerL geleiteten Revue. Man ist dort unten auf Sowjet-Ruß 
land nicht gut zu sprechen und zieht der Revolution die Evolution 
vor — Gedanken, die eine ihrer Größe entsprechende tänzerische 
Darstellung erhalten. Die kunstgewerblichen Hintergründe und 
Staffagen, die nicht minder aus München stammen, verhindern 
etwas das Hervorbrechen exzentrischer Möglichkeiten und geben 
der bunten Reihe einen Anstrich von Solidität, gegen die Hugo 
Fischer - Köppe in seiner Eigenschaft als Berliner Funge 
zum Glück immer wieder mal angeht. Seine Fixigkeit bestimme 
das Tempo vor und auf der Bühne. raea. 
Khaplin. 
Von Naca. 
Charlie Chaplin, der den „Goldrausch" gedichtet hat, geht 
durch seine Dichtung als eine Darstellung des-Menschlichen, die 
aus fast verschütteten Quellen geschöpft ist. So ist das Menschliche 
in den Märchen gemeint, in dem dummen Hans und anderen 
Märchenhelden, die keine Helden sind, so meint es vielleicht der 
Spruch Laotses, daß das Ohnmächtigste die Welt bewege. 
Der Mensch, den Chaplin verkörpert, nicht verkörpert, sondern 
gehen läßt, ist ein Loch. Die Goldjäger, unter denen er auftaucht, 
haben einen Willen, sie machen sich Gold und Weiber streitig, rüde 
Giganten, wie sie in den Abenteurerbüchern stehen. Er hat keinen 
Willen, an der Stelle des Selbsterhaltungstriebes, der Machtgier 
ist bei ihm eine einzige Leere, die so blank ist wie die Schneefelder 
Alaskas. Andere Menschen haben ein JchLewußtsein und leben in 
menschlichen Beziehungen; ihm ist das Ich abhanden gekommen, 
darum kann er, was so Leben heißt, nicht mitleöen. Er ist ein 
Loch, in das alles hereinfällt, das sonst Verbundene zersplittert in 
seine Bestandteile, wenn es unten in ihm aufprallt. 
Dieser Mensch muß mit Notwendigkeit feige, schwach und 
komisch erscheinen, sobald er unter die Menschen gestoßen wird. 
Den gewaltigen Goldsuchern gar ist er noch weniger gewachsen 
als den Leibern geringeren Formats. Da er kein Ich besitzt: wie 
könnte er es gegen die großen Jchbündel verteidigend Er Lebt .vor 
der Türe zurück, wenn sie hinter ihm aufschlägt, denn auch sie ist 
ein Ich, alles, was sich selbst behauptet, die Loten und die lebenden 
Dinge, alles hat eine Macht in sich über ihn, vor der man das 
Hütchen ziehen muß, und so zieht er immer das Hütchen. Die 
Menschen essen, essen muß man am Ende, aber nur, wer etwas auf 
sich hält,, ißt das richtige Essen, ihm tut es ein Stiefel, sein eigener 
Stiefel, daß er ihn dann entbehrt, ist ihm entgangen, denn er sorgt 
nicht für sich, den es nicht gibt. Einmal tanzt er mit dem Mädchen, 
es ist auch danach, seine Tanzkunst vollendet sich erst, wenn er im 
Traum vor dem Mädchen seine Gabeln Lanzen läßt. 
Ein Mensch ohne Oberfläche, ohne eine Möglichkeit der Be 
rührung mit der Welt. In der Pathologie hieße es Fchspaltung, 
Schizophrenie. Ein Loch. Aber aus dem -Loch strahlt, das reine 
Menschliche unverbunden heraus — stets ist es unverbunden, in 
Bruchstücken nur, in den Organismus eingesprengt —, das Mensch 
liche, das unter der Oberfläche sonst erstickt, das durch die Schalen 
Buster Keatsrr. In den Ast o ria - L ich tsp i e l e n 
läuft ein älterer Buster KeaLon-Film „Sherlock Holmes jr.",_ 
der einen hübschen Einfall enthält. Keaton, ein starrer Verliebter, 
wird eines Diebstahls beschuldigt, den fein Nebenbuhler begangen 
hat. Zugleich ist er Kino-Operateur, ein Amt, über dessen Pflich 
ten er einschläft. Dem Träumer verwandelt sich das auf der Lein 
wand vorgeführte Paar in das geliebte Mädchen und den Neben 
buhler. Wie er sie so innig Zusammenfindett springt er aus dem 
Vorführungsraum durch den Zuschauersaal in die Leinwand und 
agiert hier weiter. Die folgenden Szenen haben die Sprunghaftig- 
keit des Traumes. Auch in diesem Film erzielt Keaton die ko 
mischen Effekte durch die Darstellung seines Mißverhältnisses Zut 
Welt, die ihn Menschen und Sachen verwechseln läßt. — Ein 
zweiter Film: „Nick, der König der Chauffeu r e" gibt 
einem italienischen Filmstar die Gelegenheit, als Chauffeur und 
zugleich als russischer Fürst zu glänzen, und in der einen wie in 
der anderen Eigenschaft eine körperliche Gewandtheit zu entw'ckeln 
die ihn mit der Notwendigkeit zum Liebling der Damenwelt machen 
muß. Der verarmte Fürst verdient sich sein Geld als Kraftfahrer 
uid lebt von den Spargroschen einen Monat lang an der Riviera 
als Aristokrat von ehedem. Die kleinen Konflikte, die aus einer 
'olchen Doppelrolle folgen müssen ist der Held, Fürst oder 
Hochstapler? — werden ganz amüsantaus geschlachtet. 
Zur Frankfurter Aufführung des 
Chaplin - Films: „Goldrausch". 
Ro» Larissa 
KerLner. Berlin, Vener Ventseker VerlsF. 
SA Seiten. 6eö. Läl). 
vio 2u trüb verstorbene russisobs llommalistm, 
deren Lrosebürs: „Lamburk s-nk den Lo-erLs-äsn" 
ssinorroit trots des krotsstss dsr dsutssbon Intel- 
von dsr srlsnebtstsn Aensurdsbörds aus dunk 
len (Gründen verboten worden ^ar, bat sieb. 2U allen 
Stätten binTS20Mn Mküblt, an denen Revolutionen 
vor sieb. Mn^sn oder mö^lieb sebienen. 8is ist eine 
Reisende in RevolutionsLn^eleMnbeiten KS^esen, die 
in Lnbul und im Ural, in Noskau und Hamburg 2ur 
reebten Ltundy Luktauebte und, vas mebr ist, reebt 
2u seben verstand. "Wie Tut ibre ^UMN Tvarsn, be 
weist der jet2t ersebienene Land, in dem die Zebilde- 
runMn ibrer ^allkubrten naeb den ..nationalen Lei- 
liTtümern" veutseblnnds 2usLMmenTSsts11t sind. 
Nationale LefliTtümer: unter ibnen werden die 
Lrupp-^erke und andere repräsentative Betriebs 
verstanden. Von diesen Instituten, die das Ossiebt 
veutseblands bestimmen, entwirkt die unTewöbnliebe 
Brau Bilder, deren Redliebkeit niebt MrinTsr Ist als 
-ibre spraebliebe LeblaTkraktt Zie erblickt die Nodelle 
aus der russisoben Lerspsktive; aber über der Lnt- 
bMunT ibrer okt bsdenklieben inneren Leere verZiüt 
sie ibre Orölle niebt. Lnbestseblieb stsbt sie den 
(deMnständen und Nenseben TSMNüber. eine Revo 
lutionärin, die den OsTner aebtet und daber um so 
mebr über26UTt, wenn sie in den nationalen Heilig 
tümern einige Altäre niederreillt. ver Inbalt der 
Tlän2snd Tssebriebenen Feuilletons ist radikaler als 
ibre Lorm, die 2u impressionistiseb und obsrkläeben- 
bakt Mraten ist. voeb die Eindrücke sind Moau ver- 
2siebnet und binter der Oberkläebe sebläTt ein Ver2. 
Lr.
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        l,28- 
Zu Franz Kafkas Nachlaßroman. 
Von Dr. S* Krakauer. 
Der von Max Brod aus dem Nachlaß Franz Kafkas 
herausgegebene Roman: „D asSch k 0 ß" ( Kurt Wolfs, Mün 
chen), dessen erstes Kapitel seinerzeit in der „Frankfurter 
Zeitung" veröffentlicht wurde, ist wie das größere Wert 
Kafkas: „Der Prozeß" die Matrize eines Märchens, In dem! 
„Prozeß" wird der Bankbeamte K. einem Gerichtsverfahren 
unterworfen, das so geartet ist: man kennt den Gerichtsherrn 
nicht, der Grund der Anklage ist verhüllt, und als der allein 
faßbare Gegenstand bleibt das Verfahren selber, dessen Qual 
endlos dauert. In dem „Schloß" wird K. als Landvermesser 
nach einem Dorf berufen, das den Aufsichtsbehörden des ober 
halb der Siedlung gelegenen Schlosses untersteht. Es wäre 
also nur der Weg zwischen dem Dorf und dem Schloß Zurück- 
zulegen, damit der Neuankömmling K.. sich über seine Pflich 
ten und Rechte vergewisserte. Eben diesen kleinen Weg kann er 
nicht durchmefsen. Seine Versuche und ihr Scheitern sind der 
Inhalt des Romanfragments. 
Wie in dem „Prozeß" die Richter nicht erreichbar sind, so 
ist hier das Walten der Schloßbeamten dem dörflichen Ver 
ständnis entzogen. Gewiß, die Beamten regeln die Angelegen 
heiten der Ortsbewohner, unterhalten gar sexuelle Beziehungen 
mit den Dorfmädchen, aber nicht der schmalste Pfad führt aus 
der Niederung zu ihrer Höhe. Schwierigkeiten ohne Zahl, die 
so nur der einzige Kafka ausklügeln kann, setzen sich dem 
Drängen K.s nach einer Verbindung mit der Behörde Entgegen. 
Einmal steht er einen Beamten; der schläft. Seine Bestallung 
zum Landvermesser erweist sich als ein Irrtum, der aber doch 
vielleicht kein Irrtum war, sondern unergründliche Absicht. Dre 
Briefe, die ihm von dem Vorgesetzten Beamten zugehen, sind bei 
näherem Zusehen veraltet und stammen am Ende gar nicht von 
ihrem Unterzeichner. Der Ueberbringer hat einen ordnungs 
gemäßen Botenauftrag niemals empfangen.. Stets werden die 
--- Rudolf ValeMno. Der seit kurzem Verstorbene tritt tu dem 
I Film: .Der Adler" auf, den die Neue Lichtbühn« und 
die Kammer.Lichtspiele zeigen. Das einzig Positive 
des Films ist die Schönheit seines Helden. Er ist wirtlich schön, 
obgleich er nicht intelligenter aussieht, wenn er die Stirne 
kräuselt. Das gibt ihm einen angestrengten Zug, man merkt, daß 
sich Schönheit und Verstand schwer nur vereinen lasten. Auch die 
griechischen Statuen sind mehr klassisch als von der Vernunft be 
seelt. Kür ihren Ausfall entschädigt Valentins durch seine Rein 
heit und seinen Edelmut. Er flieht die ältliche 
Zarin, die ihn zu einer Liebesnacht mißbrauchen 
möchte, und verzichtet auf die Rache an seines 
Vaters Feind um der Liebe zu seiner Tochter willen. Auch als 
Rüuberhauptmann hilft er natürlich den Armen. Dies« Ereignisse 
spannen ebenso wenig, wie die russischen Dekorationen echt sind. 
Für das Schlepptempo und die Ohnmacht der Handlung ist 
jedenfalls die bloße Schönheit eines Darstellers, der sonst nichts 
darstellen kann, keine Entschuldigung. Kaco. 
TU , — 
mag nach der psychoanalytischen Lehre sich selbst oder sein 
Gegenteil bedeuten. So meint auch die von der Wahrheit ab 
geschnittene Welt das manifeste Wahre, die Matrize des 
Märchens das Märchen, 
Seine Züge trägt der Roman. Wie das Märchen die dem 
Anschein nach unverrückbare natürliche Ordnung zersprengt, um 
die Dinge an den richtigen Platz zu stellen, den ste von Natur 
aus gar nicht einnchmen, so hebt er die gewohnten Zusammen 
hänge auf und verschiebt die nunmehr vereinzelten Gegenstände, 
damit sie ihre Rückenansicht dem Beschauer Zuwenden; denn 
gerade die Unzugänglichkeit ihrer Vorderansicht, die erst die 
wahre wäre, soll dargetan werden. Der Roman kehrt die nor 
malen TagesLilder und Oberflächmbeziehungen um, vielmehr 
er verkehrt sie nicht eigentlich, sondern gleitet über sie hinweg, 
als seien ste nicht vorhanden, und setzt an ihre Stelle ein 
Mosaik von Tatsachen und Begründungen, das die vertrauten 
Gegebenheiten völlig verdrängt. Im Märchen reden die Tiere, 
wenn die Enthüllung der Wahrheit es fordert; im „Schloß" 
entfernt sich die um Aufklärung bemühte Menschenrede nur 
immer weiter von ihrem Ziel. Die einfachsten menschlichen 
Verhältnisse, Haltungen und Leistungen, so die Liebe Friedas 
zu K., die Weigerung Amaliens, sich dem Herrn vom Schloß 
hinzugeben, die Erledigung eines Botendienstes, die Ver 
nehmung zu Protokoll — diese eindeutigen Bestimmtheiten, 
Leren Ablauf nicht zweifelhaft sein dürfte, entwickeln sich, wenn 
sie durchgeführt werden, in skurrilen Bahnen, die in Sackgassen 
Enden oder doch stets ableiten von dem erstrebten Ende. Die 
Lebenserfahrungen, die als Gewißheiten gelten, sind hier das 
Allerungewisseste, die organische Einheit des Menschen ist auf 
gelöst, das Leichte wird schwer. Fragmente von Liebe und Ge 
meinheit, spitzfindige Beweise, die sich ins Unabsehbare er 
strecken, Situationen, die weder den erwarteten Sinn noch den 
Gegensinn in sich tragen, sondern einen anderen verdeckten 
— lauter Teilstücke des alten Lebens sind herausgegriffen und 
in verstellter Reihe miteinander verbunden. Nur aus der ein 
zigen Perspektive des ungegsbenen Wahren erschienen sie in 
der richtigen Ordnung. 
Daß das Wahre nicht in diese Welt eintritt, taucht sie in 
Line Angst, die dem Märchenglück entgegengesetzt ist. Die 
Hexe frißt im Roman wirklich HLnsel und Gretel; jene Angst, 
an die keine andere Angst reicht: daß M Wahrheit verschüttet 
sei, umhüllt die Erscheinungen und Gespräche. Allein der 
Träumende kennt sie vielleicht, der im Traum Zerfallene Mensch, 
der den nicht nur durch das Spiel der Triebe verrückten Da- 
semselemmLen preisgegeben ist. Der Mensch, der in das Antlitz 
der Meduse blickt, wird nach mythologischer Vorstellung ver 
steinert; der Jude Kafka trägt das Entsetzen in die Welt, weil 
sich ihr das Antlitz der Wahrheit entzieht. Böte es sich: sie 
müßte irrsinnig werd m vor GWL 
Volk m NoL» Dieser Film, den die „Alßwannia- 
Lichtspiele" zeigen, rekapituliert den Krieg. Die Schlacht- 
ereignifle im Osten — der Vorstoß Rennenkamps, die Schlacht bei 
Tannenberg — entfalten sich als Hintergrund einer kleinen 
Privathandlung, in der eine ostpreußische Gutsbesitzerin, ihr Sohn 
und ihre Nichte, jener natürlich Ulanenleutnant, diese natürlich m 
ihn verliebt, die Hauptrollen spielen. Vielleicht ist auch umge^hrt 
die Privathandlung der Hintergrund. Jedenfalls gibt es überall 
Militär zu sehen, deutsches und russisches, und auch die Russen 
sind zum Teil edel. Einer ist es sogar sehr, aber er hatte eine 
deutsche Mutter. Der Film ist unter Aufsicht einiger deutscher - 
Militärs hergestellt, die für seine Richtigkeit bürgen. Von den 
Schlachten ist freilich nicht viel mehr zu sehen als Soldaten, die 
anrücken, und Soldaten, die fliehen. Was sie bedeuten, verrat der 
Text, der von breiter Ausführlichkeit ist. Auch sonst ist vieles zu 
gedehnt, das Stück hat rein als Film Schwächen. Im übrigen 
vertritt es die konventionellen Auffassungen von Militär und Krieg 
und stellt die konventionellen Gefühle der Menschen aus mittleren 
Romanen dar Dem läßt sich nicht widersprechen, das Publikum 
will befriedigt sein. . 
Pfeile, die von unten nach oben zielen, zur Umkehr gezwungen, 
und während sie niedcrgehen, beschreiben ste ver.chlungene 
Kurven wie Schlangen. Die Unmöglichkeit eines Einblicks in 
die Ratschlüsse der thronenden Beamtenschaft, die klar und hell 
sein mögen, wird durch die Unentwirrbarst der Zusammen 
hänge im Dorf unterstrichen. Dem K. sind vom Schloß zwei 
einander Zum Verwechseln ähnliche Gehilfen beigcgeben, die 
lauter Unfug stiften und Muster von Kobolden sind. K.s Hand 
lungen, die vernünftig scheinen, sind Zuletzt unvernünftig, die 
Liebe der Kauen kommt zu ihm ohne Bestimmung und verläßt 
ihn ohne Grund. Der Ausgang aus dem Labyrinth wäre das 
Schloß, nach dem hin es sich nicht öffnet. 
Die am Tag liegende Deutung, daß der Roman das Ver 
hältnis der Menschen zur göttlichen Lenkung gleicknishaft dar- 
stelle, trifft weder seinen Sinn noch die von ihm bedingte Form. 
Meinte er das göttliche Gerichts- und Gnadenverfahren, so 
könnte er die unsichtbare höchste Stelle nicht an einen Ort des 
Grauens verlegen und den Instanzenweg zu ihr hin nicht als 
eine Folge kleiner Schrecklichsten entlarven. Wie verschieden 
immer die Theologie die Uebernatur in die Natur hat ein 
greifen lassen, sie hat mit Notwendigkeit die Vorsehung niemals 
gegenden Menschen gesetzt oder ihr konstitutives Verborgen 
sein zum Grunde des äußersten menschlichen Leidens gemacht. 
So drohend starrt die Hölle nur in das Leben herein. Aber 
auch sie fällt bei Kafka äus, denn das Dasein der Verdammten 
ist an das der Erlösten geknüpft,' die der Dichter nicht kennt. 
Das von ihm Gemeinte liegt hinter und unter den gestaUhaften 
theologischen Kategorien des Gerichts, des Paradieses, der 
Hölle: es ist die Abgesperrtheit des Menschen 
von der Wahrheit. 
An den Märchen der Völker wird am Ende die Wahrheit 
offenbar. Nichts anderes sind die reinen Märchen als der Vor- 
Lraum des vollendeten Einbruchs der Wahrheit in die Welt. 
Er erfolgt gegen die blinden Naturgewalten, die unterliegen 
müssen. Der dumme Tölpel führt die Prinzessin heim, die dem 
Mächtigen sicher schien, dämonische Zauberei kann den Stand 
haften nicht verblenden, Hexenspuk und die Bollwerke des Ver 
derbens werden durch das gerechte Urteil getilgt. Die Märchen 
sind nicht Wundergeschichten, sondern ihr Sinn ist die Auf 
hebung der mythologischen Kräfte und d'e Abschaffung des 
Wunders um der Wirklichkeit der Wahrheit willen. Ihr 
Sieg allein ist das Wunderbare. 
Genau die Matrize des Märchens ist der Roman 
Wie kaum -ein anderer vor ihm blickt auf das End 
menschlicher Geschichte hin, das in der Wahrheit ist. Ihre 
Nichtverwirklichung ist sein Thema. Damit aber, daß er d'e 
Verstelltheit des Irdischen aufdeckt, das von de^ Wahr 
heit verlassen ist, macht er diese nicht minder wie das Märchen 
i;ur Mitte. In den ältesten Sprachen sind die Gegensätze durch 
! das nämliche Wort ausgedrückt worden, ein Traumelement
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        L i-. 
sersprenße. 
«L Kon e « n K r 6 a r d § i o e /r. 
Hebe-üraMN.Y von I'ani v4mann. Kot- 
apfel-Hr«.?. Z98 Seiten. (?ed. 8. 
Dsr breit ouslaasude koman rollt (las Lebielcsal 
oiusr iüäisedsn kadrikonton-kamilio aus dem Lisaü 
auk, dis im daüro 1871 kür krankreieü optiorte. Liuo 
seüouo uucl Muauo Kille useüilderuirß verM^eu^ärtlßt 
die 2elt, lu der clle Naseblueu ßerade die ßuüeisernen 
Ornamente allstreikten, de^en rüllrender 8ellmnok Lbr 
lassen verdsekte. Llit der Industrie ent^iekelt sieb 
die eisässiselle Familie, die in einen kransösisellen 
Industrieort übersiedelte und dort die neuer^orbene 
vünsiße Zpiunerei duieb illre ^ällißkeit MMn den 
IViderstavd der einbeimiseben Fabrikanten in die 
Ilobe lliänßt. Oas eiMntliolie Ibema dsr OarstellunZ, 
deren Naturalismus viele ^ebiebten umkaüt, ist die 
unbesvünKbere Lrakt der jüdlseben ^amilleneinbeit, 
deren ^nßellöriße — ein ßanser Leb^arm — in einer 
Iteibe vortrekklieber korträts erstellen. Illre Naebt 
über den einzelnen ist so ßroll, dall der tüebti^ere 
der beiden 8öbne. dessen dleißunß so einer ^dliZen 
erwidert ivird, der (beliebten um der Familie Zillen 
entsagt. 8ein Opter unterließt einer tieken Lritik. 
Denn -^vie die Kinkel bsranveebsen, reißt sieb deut 
lieber stets, dall der Familienorßanismus niebt traß- 
läbiß und elastiseb ßenuß ist, um dem lleranrüoken- 
den Loebkanrkalismus mit seinen ^.rbeiterkoalitionen 
standrubalten Lin krüb naeb Amerika ansßeMander- 
ter Vetter, der als Kultimillionär su Kursem Lesueb 
naeb ^rankieicb surüekßeksbrt ist. übermittelt die 
Neinunß des Verkassers. Obne Amerika verkallen su 
sein, erkennt er dem Msderßanß des Ilnternebmens 
und riebtet das (lotsentum der Familie. 
Kau ^vird mit der Ilokknunß entlassen, dall der lle- 
ßabte Dnkel die IVeisbeit des Nillionärs annebms und 
Des mit der schwarzen Schnur umsäumten Herrn durfte das 
Monokel sicher sein. Es hatte ihn in einem Modejournal entdeckt 
und auf eigene Kosten ausbuden lassen. Manche verwechselten 
ihn mit dem Monokel selber. In der Tat erweckte es den Anschein, 
als ob er das Monokel trüge und nicht dieses ihn. Hatte es ihn 
einmal ausgekammt, so spiegelten sie sich befriedigt und klimperten 
miteinander. Sie vermochten sich nicht mehr Zu unterscheiden, 
beide aus Glas. Oefters v-ertauschten sie sich. Dann ging der Herr 
mit dem Monokel eingeklemmt. 
Traf das Monokel'mit einem anderen Monokel zusammen, so 
bewunderten beide ihre Einzahl und Rundhoit. Auch der Herr 
war gehalten, nur mit seinesgleichen zu verkehren. Er hätte an 
Gmnz verlieren können, wenn er zu Versoneu in Beziehung ge 
treten wäre, die durch Doppelgläser sahen oder ourch. gar k&amp;lt;m 
Glas sondern bloß- so. -Seine Gespräche mußten nach Möglichkeit 
inhaltslos sein Inhalte bringen zum Lachen und Weinen — das 
Monokel wollte sich nichl der Gefahr aussttzen, daß der Herr 
infolge plötzlicher Erregung heruntcrfiel und Zerbrach. So^be 
Fälle, wie sie ab und zu sich ereigneten, gereichten den Monokels 
zur Unehre; nicht dm Herren, die einfach schlecht aus gewählt 
waren. Im übrigen brauchte der Unterhaltungsstosf nicht zu ver 
siegen. Es gab auf allen Gebieten Theuren genug, die keine waren. 
Ssgar in der Diplomatie. Wenn doch einmal einer der Herren 
Msss jgM» M müssen glaubte, so komzt« er ja schweige^ 
Mn Marinefilw. Nicht der Inhalt des „Potemkin"-Films, 
dvohl aber sein Milieu hat reiche Nachfolge gezeitigt; Schlacht 
schiffe, Matrosen und maritime Hintergründe sind ein geeignetes 
Thema des Films. Das in den N a t i o n a l L h e a t ern (Skala- 
und Hechenzollemtheater), gezeigte Stücks „Dieletzte S ch lacht 
des Kapitän Frank" rst nach einem Roman von Claude 
Farrere gedreht. Eine Liebesgeschichte in Seeuniformen. Der 
Kapitän ist alt, seine Frau und der Fähnrich sind jung. Die Folgen 
Wen sich mathematisch berechnen. Nur kommt es eben doch mcht 
Klappen^ sondern die einzige Pikanterie ist, daß die Käme 
in die Kabine des jungen Offiziers gerät und dort heimlich die 
Schlacht überdauert, die als dankbares Filmsujet vonstatten geht. 
Sie endet schlecht, und dem Kapitän soll wegen Fahrlässigkeit der 
Prozeß gemacht werden. Det einzige Entlastungszeuge ist seine 
Frau. Soll sie bekennen, daß sie auf dem Kreuzer war? Sie be 
kennt in einer spannenden S^ene vor dem Kriegsgericht; der Fähn 
rich war in der Schlacht gefallen, nun ist sie ihrem Mann wieder 
HM. Der Kapitän wird freigesprochen, die Offiziere sind über 
diesen Fall aus dem Gerichtssaal gerührt, und die Frau findet die 
Verzeihung ihres gütigen Gatten. So ist das Leben zur See. Die 
ein gewisses Interesse, die Heldin ist schön, einzelne 
Brldfolgen sind geschickt arrangiert. k u o a. 
Das Monokel. 
Versuch einer Biographie. 
Von RaeL» 
Ein Monokel hielt sich seiner Rundheit wegen für vollkommen. 
Da es sich vorwiegend damit beschädigte, aus geschliffenem Glas 
zrr sein, warf es die Welt, die sich in ihm spieg-elte, unbenutzt wieder 
zurück. Durch nichts erschüttert zu werden, war von jeher der Ruhm 
Her Monokels gewesen. Seine Einzahl erfüllte es mit besonderem 
itztolz. Es verachtete die Brillengläser, die zu zweit australen 
und durch Schnüren miteinander zusammenhingen. Jedes allein 
hatte keinen Mut. Zudem waren sie elliptisch. 
Das Monokel besaß einen Herrn zum Einklemmen. Eigentlich 
bedurfte es seiner nicht, nur aus Standesrücksichten hatte es ihn 
angeschafft. Ging es mit ihm spazieren, so strahlte es nicht im 
geringsten Heller. Doch der Brauch verlangte nun einmal, daß man 
sich mit gut gekleideten Herren versah. Neuerdings gar mit Damen 
Mas Geschlecht konnte unter der Bedingung vernachlässigt werden, 
baß sich die Gesichter nicht verzogen. Sie waren für die Eingläser 
da, nicht umgekehrt. Auch wenn das Monokel in der Sonne blitzte, 
saß sein Herr unbeweglich an ihm. Wie festgewachsen. Meist indessen 
blitzte das Monokel nicht. Es war ununterbrochen unterwegs, um 
mit dem Herrn sich zu zeigen. Pflichten. Nur zu Hause, wohin 
es nicht kam, legte es ihn mitunter ab. Er mußte es putzen. 
Eine schwarze Schnur umränderte modisch den Herrn. Außer 
der Schnur tvar nichts von ihm vorhanden. Die Natur blühb ihm 
Fwsiel, er genügt? sich selbst. Seine Zeit verbrachte er damit, sich 
Von dem Monokel einklemmen zu lassen. Andere Herren waren 
auch nicht in Bewacht gekommen. Wenn das MonKel nachdachte: 
um keinen Preis hätte es sich «cknes Arbiters bedienen mögen. 
Die Arbeiter schwitzten gewöhnlich so stark, daß sich die Linse, be- 
jchlug Ueberhaupt lieble es nicht die Angestellten und die kleinen 
Leute, rein anatomisch schon waren sie ihm unangenehm. Ihre 
Uasenform eignete sich hÄhsiens für Brillen-
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        , As" j Ss !. /)sg 
Der frerrndirche Tkervoktor 
a kiea m n n 
verstand kann es fassen. 
B r. 
Lil Dagover. Sie spielt die schöne und gute Tänzerin. 
„Nur eine Tänzerin" heißt der in der Neuen Licht 
bühne und den Kammer-Lichtspielen gezeigte Film. 
Das „Nur" stammt aus der Sphäre der Bourgeoisie, die freilich 
Tänzerinnen in den Zeiten der rhythmischen Gymnastik nicht 
mehr verfemt. Sie tut es noch in gem Film, der im übrigen ein 
ausgezeichneter Katechismus der bürgerlichen Moralanschauungen 
ist. Ein Ehepaar hat zwei Söhne, die begabte Juristen sind, 
ein befreundetes Ehepaar die entsprechende Tochter. Das heißt: 
die Tochter ist eigentlich das Kind eines Barons. Um einen Eklat 
zu vermeiden, setzt dieser nicht sein eigenes Kind zur Universal 
erbin ein, sondern den einen der nicht von ihm verursachten Sohne, 
von dem angenommen wird, daß er die Tochter heiraten wolle. 
Sie liebt aber den anderen Sohn. Dennoch soll sie zur Ehe mit 
jcnem gezwungen werden. Eine schmuddelige Geschichte aus dem 
Leben Der andere Sohn, der das Nachsehen hat, geht inzwischen 
Mann, äer Aeick seinem 
Bruder Bboinas ein geleierter 8obrilt- 
steiler ist, hat eine Böige bedeutender 
Novellen und Boinane geschrieben- 
§ie sind, suin Unterschied von den 
Werken des Bruders, njcbt eigentlich 
aus der Betrachtung des eigenen Be 
bens gewonnen, noch auch aul die 
Darstellung typischer seelischer Er 
lebnisse des kulturgesättigten Men 
schen gerichtet; ihr Orundtbeina ist 
vielmehr das Vulbrechen und Ineinan- 
dergreilen großer Beidenscbalten und 
die OeseHscbaltskritik. laicht umsonst 
hat Heinrich Mann Bran^osen über-^ 
set^t (Vnatole Brance, (Choderlos de 
Baclos), nicht umsonst spielen manche 
seiner Boinane, so einer der schön 
sten: „Die kleine 8tadt", aul italienischem Boden. Br kommt einem 
guten Beil seines Lesens aus dem Bomanischen her, die Verve des 8üA- 
länders, sein 8inn lür die Bntkaltung des äußeren Daseins, der um keinen 
Breis mit Oberllächlichkeit ru verwechseln ist, sein Auslässen der seelischen 
Zwischenschichten ist ihm selber eigen. Diese schöne Balte, diesen passio- 
Natürlich hat er auch nie 6e!d im Daus. Nacht 
man ihn aber darauf aufmerksam, daL er nie 
ein ricMger Büiger nach der Ordnung verfahren 
» müsse, so wird er sehr böse, und einem 8ee- 
mann, der ihn maritimer Unkenntnisse seiht, 
sntgegnst er schlicht: „V/enn ich auch nichts 
von 8egs!n und 8chiffabrt verstehen mag: leb 
gelange trotsdem immer an mein 2iel." 
In der Bat: er gelangt trotsdem immer an 
sein Ziel. 8ein Oeheimnis ist, daL er Bieren 
und Menschen Breundliebkeiten erweist 
und in jedem Augenblick unbekümmert das 
Notwendige tut. Darum sind alle Bebewesev 
» seine erklärten Bundesgenossen. Die Zebwalben 
Lieben sein Lebiff, die Viren bilden eine Brücke 
kür ihn, damit er sicher den Vbgrund über 
schreiten kann, die Harsche droben die 
Biraten su verschlingen, die ihm nach dem 
Beben trachten. 8o wandelt er sicher durch die 
Welt, vor ihren Bücken behütet, die er nicht 
kennb Bin kleines, harmloses, schwaches Männ 
chen, das dkm Unbilden sebutslos preisgegeben 
scheint und dennoch mächtiger ist als dis 
8tarken. jedermann würde glauben, dak er bei 
einem 8tierkampf, su dem er sich gemeldet hat, 
unterliegen müsse. Vbsr er spricht ganL einfach 
vorher mit den Liieren, und sie gehorchen ihm 
aufs Mort. Dadurch erzwingt er das Bnde der 
blutrünstigen Lcbausp'ele. Bsgierte Doktor 
Dolittle die V/elt. der Oberschimpanse brauchte 
eicht Lum Orang-Utan Lu sagen: ,.Vetter, diese 
Menschen sind wahrlich seltsame Wesen! Wer 
würde in solch einem Bande xu leben wünschen! 
Dn meine Oüte — wie erbärmlich!" Der Bmdsr- 
mit der Tänzerin durch» Hinreißend drückt Lil Dagover ihre 
Liebe zu dem Sprößling aus. Ihr Körper gehört zu den sprechen 
den, er redet schon, ehe er etwas darstM. Seine Züge stimmen zu 
denen des Gesichts, Scham und Preisgabe, Glück und Enttäuschung 
werden hier Wirklichkeit. Es kommt natürlich doch zum Skandal, 
und der verunglückte Bohemien kehrt reuig in den FamiLien- 
schoß zurück. Zu ihrem Heil findet die Tänzerin einen Maler, 
der die Vokabel „nur" nicht kennt. — Es wird auch sonst gut 
gespielt. Lucie Höflich ist die in konventioneller Befangenheit 
erstarrte Mutter, Jakob Tiedke pflanzt den bourgeoBen Papa 
breitbeinig hin. R.aca. 
Dis deutZohsQ Binder- können 8ieh kreuen, 
daL sie MsL auch aen Oelnoi- Bo 1 itt 1 e kennen 
lernen, init äern die en§hsehe und arnerikaniLehe 
«lugend bereits vertrauten Bm^an^L pkle^t. (Du^b 
Bottin : „Doktor D 0 Iitt 1 e und seiye 
Viere" und „Doktor DoIiiVes sebwirnmende 
Insel". ^VMarns u. Oo., Oharlottenbur^.) Br 
Ist ein xan2 wundervoller Nensob, der Doktor 
Dolittle, br tat nur weruZ, wie sein ^lame sa§i, 
aber ^eraöb darum erreloht er das meiste. Vor 
allem liebt er die Biere, und da er ein Borsober 
ist, bat er ihre Zpraeben gelernt. Mn kann er 
md ihnen verkbbren wie mit seinesZleioben und 
sie von ibrbn Brankbeiten beilbn. 2u seinen 
engsten klausFenossen Asborsn die Bnte Dab- 
Dab, dip, der Idund, das Borke! 6öb-6öb und der 
unerhört klu^e, darum lreiliob auob stets 
nörgelnde BapaZei namens Bolvnesia. 8ie sind 
nett Zueinander und machen ihre Lprüobe. 
Leins Dillsbereiisobalt treibt den Doktor in 
die herrlichsten ^.bentousr hinein. Br wind von 
einer Lebwalbe nach Alrika berulbn. weil unter 
den ^dken dort eine Leuebe ausZebroeben ist. 
Br läbrt nach der Lpinnenalkeninsel irZendwo 
bei Brasilien, und errettet den „Oroüen Bleil", 
einen bedeutenden Indianer, der auch Natur 
forscher ist. Br bereist in dem BiesenFebause 
einer uralten Leesebnseke den Meeresgrund. 
Bin ^Vunder ist, dak dem Doktor alle diese 
Unternehmungen glücken. Denn er ist ein 
fürchterlich unpraktischer Menscb, der lür 
nichts versorgt, weil er sieb wie ein Bind oder 
irgendein Vareb^nprin^ ahein von seinem 
guten Hermen und seiner V/ikbsgisr leiten läN. 
VEten 8cbwung, der ohne Ltendbal 
nicht möglich wäre, bewährt er vor 
Allem in der gewaltigen BomantrdogLe^ 
„Die Göttinnen". Ihm 
Buhm, in dem ausgezeichneten satiri« 
sehen Boman: „Der Ontertan", der 
yor dem Brieg bereiiA abgeschlossen 
vorlag, die Widerwärtigkeiten des 
neudeutschen Bebensstiles gegeißelt 
su haben. Diner seiner leisten Bo- 
mane: „^er BopL", seist die Abrech 
nung mii jener Bpoebe lori. Daß die 
VSrlogenheii der geseslschaltlichen 
Struktur auch das innere Beben der 
MnsesnAn Entstellt und beZnbmuisi, 
ssrweisi außer diesen Werken unter 
Anderem der Boman: „Professor Dn^ 
Britiker und Bämpler ist 
Heinrich Mann in sablreicben Vulsät-:en aulgetreien, in denen er sieb 
Mit einer guten radikalen Oesinnung lür eine reinlichere Oestaltung un 
seres politischen, sosialen und intellektuellen Bebens einsetst. Manns 
neueste Novelle: „8uturp", mit deren Veröllentliebung wir im „lUusjrierien 
81 beginnen, bezeichnet xr sesbex Mt Becht als eines seiper besten &amp;gt;Verke,
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        ^7? 
Kinderzeiten ist mitunter gar zu verlogen. 
0202. 
Rings «M den Alerarr-erplatz. 
s SSL ? KeiMs^. DrsZcke«. 
Vib§s ^nrndsrvoffS VsrMMtIiebuir§ Ist ems 
Arupdisefts Lodikikation des künftsu ZiLudss, 
i ^L6 sie vollstaQäiFer und trekkender ^vobl uoeft 
nie FSZSßbn ^ard. Der VerleMr dsriebtsL irn 
! Uaoft^ort, sL^-MSL- 6Z kielt, dbM ^ÜNstler die 
koFtdarLrr Mtter Lu vntrsiksn. ^... bis Lulet^t 
sollte erdiesS 8okop?un§eN vor Änsr VerokksuL- 
llekuQA L^rÜLLkLlteri, und es dedurkts sinss 
W-okl deiZpielloseQ Werdens und der Fanden 
OsbsrreduQM^unst ds8 Verle§6r8, um ätzn Meister 
uiNLustiiNMSQ." I^un siuä sie gerettet und Vtzx-- 
- ernt, dis ^iilst^pen: Unäer, Butten, Meidsr LUK 
Himerköken, Nünner mit LLknurrkLrLen, die kein 
Vertrauen er^eekeir, das Zan^e WierMiMrvke 
8srlm. Hier redet nickt nvie in den. 8ÜM6Q, nie 
ssev/iH Lu Kmrecdt den Kamen Mies tragen, eine 
Lalscke ZOLiLle PendsnZ, nier reden die OetztaltM 
M?^er ibre eindeutige Zpracke. Der Ni-e^ des 
KLMrrOrsckers bat sie LukFespieZt «md der 
^eiobenstikt sie sinem iWLginLren BEL-Imr 
Z»1u86urn einverleibt, dessen Vssueb nickt nur 
äsn Xunstkreunden, sondern auek den 8ebau- 
' Spielern und Politikern onZurLten ist, Mie über-, 
kaupt allen Nensoken, denen es um. die Lr- 
Kenntnis der gegenwärtigen OesMsckLkL Zu tun 
ist. Oak sie öffne Kentiment gSLeffen sind, ver- 
leikt innen illre Mirksainkeit; die MalirkeiL ver 
Lobtet den Ixornprornik, den die LentiinenLalität 
stets mr sckIieSsn gewillt ist, — Dsr Verlag sei 
dafür bedankt, dak er dem ^Vsrk 8er!iner Volks- 
lisäer, VaMbunden-, Verbrecker- und Dirnen - 
lieder aus Donnen und Lascbemmen beiZe^eben 
bat,, die von Hans O § twKld UeKLrnMSlL worden 
Linä. Lr. 
— Die Pfarrenkönigm. Der Film, ein amerikanischer, läuft in 
den Saalburg-Lichtspielen. Es fehlt ihm das Tempo, 
das sonst die amerikanischen Erzeugnisse auszeichnet. Im langen 
Handlungsverlauf liebt ein junger amerikanischer Herr eine 
Pariser Tänzerin, wird eifersüchtig, kehrt wieder zu ihr zurück, 
wird wieder eifersüchtig usw., die ewig gleiche Melodie des Lebens, 
wie sie manche kleine Filmregisseure sich vorstellen. Einige Variete 
szenen sind nicht ohne Geschick eingestreut. Der gesellschaftliche 
Glanz stammt von vorgestern. — Im übrigen sieht man einen 
Kinderfilm: »Vertauschte Kinder", der dem leicht ge 
rührten Publikum ein paar Lausbuben vorsetzt, die^ mit Unter 
stützung von Hunden ihre Streiche begehen. Derlei Filme mehren 
sich jetzt Es scheint, daß das Publikum ihrer zur Befriedigung 
sentimentaler Bedürfnisse benötigt. Aber die Beschwörung seliger 
Gegensätze. 
« Daß Dkng seinen Gegensatz habe, diese eckte philo 
sophische Lehre erwies Dr. Wolters vom Stadel in einem 
Vortrag, zu dem der Künstlerbund am Sonnerstag abend einge 
laden hatte. Der Redner ließ im Lichtbild bekannte Gemälde zu 
Paaren antreten. Die so verkoppelten Aerke gehörten ihrem Sujet 
nach zusammen, drückten aber den gleichen Vorwuff auf grund 
verschiedene Weise aus. Wer erwartet hatte, daß Beispiel und 
Gegenbeispiel vereinigt wurden, um eine durchgängige Gesamt- 
anschauung zu erhärten (wie etwa bei Wo fflin in seinem 
»Renaissance und Barock"), fand sich enttäuscht. Der Vortragende 
beschränkte sich vielmehr auf die Erörterung von kontrastierenden 
Bildern überhaupt; wenn er auch im großen und ganzen solche 
Bilder miteinander verband, die den Gegensatz zwischen dem 
statisch Seienden und dem dynamisch Vergehenden veranschau 
lichen konnten. Auf der einen Seite Werke Peruginos, Morettos, 
Fra Bartolommeos; auf der anderen Bilder von Baldung, Green, 
Rubens, Grünewald. Durch eine eingehende phänomenologische 
Analyse suchte der Redner das Eigenwesen der Bilder zu er 
fassen und sie gegeneinander abzugrenzen -- durch eine Analyse, 
die oft in feinen Bestimmungen das Besondere der Komposition 
festhielt. Nur eben fehlte die Linie. Oder sollte die Gegenüber 
stellung mit der formalen Begründung., daß aus ihr di-e relative 
Bedeutung einer jeden Kunstepoche erhelle (daß also der Im 
pressionismus durch den Expressionismus, der Expressionismus, 
durch die neue Sachlichkeit nicht erledigt sei), hinreichend motr- 
viert gewesen sein? Wir glauben nicht. Wir glauben auch mcht, 
daß die nationale Zurechenbarkeit eines Kunstwerks eine not 
wendige Bedingung seines Wertes sei. Sie ist in vielen Füllen 
seine faktische Voraussetzung; mehr nicht. — Dem Vortrag ward 
Beifall zuteil. 
versunkene Motte. Die Zukunft der Mkns scheint am 
dem Ldasser zu Kögen. Marinefilme, nichts als MarinesMne. Das 
m a^n a ^»O'unt e n e F l ° t t das in de^ 
ma n n ia - L r ch Lsp r e le n lauft, bMnnt vor dem Kriea stellt 
dre Seeschlacht am Skagerrak dar und endet mit dem unmöglichen 
perorsmus e ne ^ sm bl S -Bco h o if t f ka v peirtsäenns k , t d u emr s d ic i he n A a u csh li e f er u n^ff z e u n v B ^- 
^m Schiff versenkt, um die Auslieferung zu v^- 
den knrgerrschen Ereignissen treten die üblichen Liebes 
und ErfersUchtsgeschlchten. Wer gerne Marineunffonnen ücüt 
E^t auf ferne Kosten. Daß der böse Matrose, der'freilich dann 
in der Seeschlacht auch seine Pflicht erfüllt, gerade den »Vorwärts" 
liest, gehört zur Mentalität dicser Filme, die seit geraumem syste 
matisch über uns ausgeschüttet werden. Damit auch die Anders 
denkenden befriedigt seien, ist ein sympathischer englischer Offizier 
eingeschaltet, dessen spätere Ehe mit der deutschen Kapitänssrau 
für die Völkerversöhnnng sorgen wird. So ist allen gedient. Die 
Schiffsinterieurs sind gar zu sichtbar gestellt. Heinrich George 
gibt einen Obermaat von Schrot und Korn. R- u c a. 
Abenteuer eines Zehnmarkscheines. Der Film, den die' 
Neue Lichtöühne und die Kammer-Lichtspiele' 
zeigen, bemht^ auf^ einem^Manuskript des begabten Ungarn Bela! 
BalL-S; Berthold Viertel hat die Regie ^McL. DLe^Idee ; 
fft filmgemaß genug: die Wanderungen eines Zehnmarkscheins, 
werden verfolgt. Seine Laufbahn führt auf dem Mg des Zufalls ! 
durch das Nebeneinander des äußeren Lebens. Dieses Thema ist 
in besonderer Weise auf den Film Angeschnitten, der es weniger 
mit der Darstellung innerer Erlebnisse als mit der Vergegen- 
wärtigung der Lebensobersläche Zu tun hat. Gerade die sprung 
haften Assoziationen, die das Unzusammenhängende miteinander" 
verbinden und so ein Bild unseres aufgelösten Daseins geben, 
sind sein Fall. Leider ist diese Idee längst nicht so reinlich durch 
geführt worden wie seinerzeit in dem unvergeßlichen Film: »Die 
Straße". Der Zehnmarkschein wandert Zwar, aber zugleich mit 
seinen Wanderungen entfaltet sich auch eine ganz geschlossene Ge 
schichte aus dem Milieu der Arbeiter und kleinen Angestellten, die 
von der üblichen Sentimentalität schlechterer Filme nicht freizu 
sprechen ist. Die Aufgabe dieses Films wäre ferner wesentlich die 
Vergegenständlichung der unverfälschten Wirklichkeit gewesen; er 
verfehlt seine Aufgabe, wenn er, um ein Zweifelhaftes Mitleid 
zu erwecken, das Los der Fabrikarbeiter in einer Weise schildert, 
wie es höchstens in Zeiten ohne Betriebsrat sich gestaltet haben 
mochte. Solche Vergehen gegen die Realität finden sich immer 
wieder in den sozialen Filmen, die heute Mode geworden sind. 
Ihnen liegt die Tendenz zugrunde, das soziale Gewissen im 
Interesse eines traurigen Einzelschicksals mobil zu machen, damit 
es angesichts der grundsätzlichen Ungerechtigkeiten umso getroster 
weiterschlafen kann. — Von diesen Schwächen abgesehen, enthält 
der Film viel Gutes. Die Regie gibt eine Reihe erregender 
Bildausschnitte aus ungewohnten Perspektiven: Stratzenbilder, 
symbolische Details. Ab und Zu glückt ihr die Spiegelung des 
zerrissenen Lebens; so in der einen Bildfolge, die sämtliche Aben 
teuer des Geldscheins im Flug noch einmal durchjagt. Auch hat 
sie ein „reichafsortiert-es Lager^ von Großstadtthpen beschafft, das 
schon einen Begriff von Berlin geben kann. Bedeutende Darsteller, 
sind aufgeboten worden- Homolka ist ein Bankdirektor von 
tschechischer Dämonie, Wallburg — denn er war unser — 
der liebenswerte Schwerenöter, als den wir ihn kennen. (Man hört 
ihn sich überhaspeln.) Genannt fei noch Sokoloff, der seinen 
Lumpensammler mit einer Bonhommie von gefährlicher Behendig 
keit ausftattet- Kau 
Das Mädchen auf der Schaukel. Dieser Film, der jetzt im 
EapiL 0 l läuft, ist ein gehobenes Gesellschaftsspiel mit Pointen 
von unverhohlener Zweideutigkeit. Harry Liedtke, ausgerech 
net er, ist ein Gutsbesitzer, der die Frauen nicht mag. Ossi Os- 
walda hat es sich in den Kopf gesetzt, ihn umzukriegen. Da sie 
als Frau nicht auf den Gutshof darf, verschafft sie sich als Kammer 
diener Einlaß. Ninrmt man noch hinzu, daß der wckberfeindliche 
Gutsherr sich ein Madl aus dem goldenen Wien hat anhängen 
lassen, das von dem falschen Kammerdiener herausgeekelt werden 
muß, damit er selber freie Bahn erhält, so hat man das Material 
zu jenen Pointen in Händen. Aus den Weiberröcken geht es in 
die Hosen und umgekehrt, jede Situation wird ausgenutzt. Uns 
scheint, es werde des Guten zu viel getan, es sei die Grenze nach 
der Schlüpfrigkeit zu hie und da überschritten- Auch die fran 
zösischen Schwänke sind drastisch, und die gemeinte Sphäre soll 
gewiß nicht durchaus verpönt sein. Wer es ist ein anderes, ob 
man in der Sprache ab- und Zugeben kann, und ein anderes, ob 
man eine Situation bildlich eindeutig fixiert. Das Filmbild ist 
nicht zu retouchieren wie die Lheaterfzene, es unterliegt darum auf 
erotischem Gebiete größeren Beschränkungen diese. Die Regie 
hat aus dem keineswegs spröden Stoff die Effekte geschickt heraus 
geholt. Als Dicnerchm in Livree und Mütze benimmt sich die 
Oswalda reizend gaminhaft. Liedtke kann nicht umhin, die Mäd 
chen zu verführen, auch wenn er es gar nicht will. Albert Paulig 
zwinkert ausgekocht um die Ecke. Dieses Ensemble, das bißchen 
Lokalkolorit und die zweideutigen Andeutungen auf das ver 
schwiegene Eirweutige bringen das Publikum zum Entzücken.
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        - 
I ^8"), 2-2 - K-cr 
Groteske mit drei schvecklich dicken Männern. 
racn. 
rolle spielt. 
ruoa. 
Die Lebenserinnerungen von Wer-a Fign^r. 
Die Lebenserinnernngen der Wera Frgner sind unter 
dem Titel: „Nacht über Rußland" in deutscher Sprache 
erschienen (Malik-Verlag, Berlin). Was in ihnen erzählt 
wird, ist die Vorgeschichte der russischen Revo 
lution. Nicht eine gewöhnliche Augenzeugin berichtet hier, 
sondern eine der handelnden Personen selber. Sie hat m 
jenem VollZugs-Komitee gesessen, dessen Terror-Akte Europa 
mit Schrecken (und Jubel) erfüllten und das zaristische System 
langsam Zermürbten. Sie hat Hunderte Male ihr Leben für 
die Sache aufs Spiel gesetzt, die ihr das Leben war. Sie hat 
zwanzig Jahre in der berüchtigten Schlüsselburg, der russischen 
Bastille, überdauert, ohne auch nur einen Augenblick in 
Schwäche ZurückZusmken. 
Hatte ein Dichter dieses Leben gestaltet, so wäre es fein 
Bemühen gewesen, die Wirklichkeit eines solchen Schicksals 
glaubhaft zu machen. Er hätte zu erschüttern, mitzureißen ge 
sucht. Die Sprache der Figner ist ohne jede Verführungs 
kunst; eine normale, nahezu unbeteiligte Sprache, die der 
PrivatheiL enträt und die Erfahrungen des Innenlebens 
nüchtern als Tatsachen verzeichnet. Ein erfundenes Leben 
würde s o sich nicht darstellen. Das wirkliche darf und muß 
es. In die Geheimsprache des Buches gebannt, steigt es 
nach ihrer Dechifftierung groß und furchtbar auf. 
„Große Entschlüsse muß jeder Mensch für sich selbst fassen«: 
diese Erkenntnis der Mädchenjahre hat Wera Figner durch! 
ihr ganzes Leben bewährt. Sie heiratet früh und läßt sich früh' 
scheiden, nachdem sie sich in den Züricher Studienjahren zur 
Laufbahn der Berufsrevolutionärin entschlossen h-at. „Von 
meinem 24. Jahre an war mein Leben ausschließlich mit den 
Geschicken der russischen revolutionären Partei verbunden«. 
Persönliche Episoden fehlen fortan, die Erinnerungen werden 
zum Bericht über die revolutionären Organisationen, ihre 
Mitglieder, ihre Geschicke. (Selten wird der Mutter in Liebe 
gedacht, finden die ebenfalls revolutionär tätigen Schwestern 
Erwähnung.) Als Milglied der geheimen Gesellschaft „Land 
und Freiheit" leistet die Figner den Bauen: im Gouvernement 
Samara ärztliche Hilfe und trägt zugleich, dem damaligen 
Stand der Bewegung gemäß, die unsstürzlerischen Ideen aufs 
Land. Verfolaunqen und Denunziationen setzen ein, sie wer 
den zur Regel. In einem Teil der Führer beseitigt sich die 
Hinsicht, daß nur der politische Terror, der „Schlag in das 
— Ein amerikanischer Lustspielschlager. Die Hieb erbau- 
Lichtspiele zeigen den Film: „In New Uork ist wos 
los", in dem alle beliebten Possenmmivc losgelaisen sind. Ein 
junger Mann, den Reainald Dewsy Als den sympathischsten 
aller. jnL?rndlicheu BabLits verkörpert, wird vor die unmögliche 
Aufgabe gestellt, an einem Abend ins LanzpalaLs auszuWren: 
1. eine Wiche K.stiae Witwe, der ein UniverfitatsstipeMum em« 
lockt werden soll;' 2. die Frau seines Zimmernachbarn; 5. das 
Mädchen, dem er sich gern erklären moch-e. Jede der drei Per 
sonen verlangt und glaubt, daß er ihr sich allein widme. Wie er 
die Aufgabe löst, sei nicht verraten; genug, daß das Telephon 
eine entscheidende Rolle spielt. Ein Eklat reiht sich an den 
anderen; das Ende ist wie gewünscht- Der Motive und Einfalle 
sind zu viele, sie schlagen sich mitunter tot, statt sich*zu unterstützen. 
Dennoch enthält das Stück höchst erheiternde Partien. Um die 
Witwe schnell abzuwachen, Zeigt ihr der Jüngling im Fluozeug 
die Stadt. Eine frivole Junggesellenwirtschaft Mit Alkohol 
spukt auch Herein. — Voran geht eine komische amerikanische 
— Der MitLernachLsexpreß. Dieser fabelhaft spannende Mm, 
der in den N a t i o n a l t h e a t e r n — Hohenzollern- und Skala 
Lichtbühne — läuft, bringt , eine aufregende Geschichte aus dem 
Eis-enLahnUben, mit einem Verbrecherleben kombiniert. Der Sohn 
des EisenbahnpräsidenLen erweist sich als Feigling wird verstoßen 
und beginnt in den Lokomotivenwerkstätten als einfacher Arbeiter 
eine neue Eristenz. Dazwischen donnern die ExpreßZüge, in dem 
Salonwagen "fährt der Präsident, über die Paschshe raien sie in 
amerikanischem Tempo hin. Der Sohn verliebt sich in die Tochter 
eines schlichten Lokomotivführers, der übrigens eine .sehr schone 
Wohnung bat, und wird von Lag,zu Lag mutiger. Er- bringt sogar 
den Verbrecher zur Strecke, der ibm Rache schwört. Schkieizüch 
wird er Babnassistent an der gefährlichen Paßsirecke. Damit ist der 
Knoten geschurrt. An dieser Bahnstrecke trifft nämlich das ganze 
Personal des Stückes zusammen: der Präsident, der Lokomotivn^ 
mit Tochter und der Verbrecher. Eine Situation entsteht, dre für 
sämtliche Beteiligten höchst gefährlich ist, und der junge r ann hat 
alle Hände voll Zu tun. um sich Zu verteidigen und^-dre andern Zu 
r-etten. Die Szenen sind sehr ausragend und ein Glück ist nur. dan 
man die Gewißheit des guten Endes in sich trägt. Die Gemras- 
aumahmen sind wundervoll, die Lokomotiven kiv8t elnss, die Ereig 
nisse sensationell. — Ein ausgezeichneter Buster Keaton- 
Film: „S ei nes Glückes S ch m i ed" geht voran.. -Buster d 
giert als Schmied und steht wieder mit seinem todernsten,Gesicht in 
einem irrsinnigen Mißverhältnis zu den Sachen und Personen. 
Einem Pferd probiert er elegante Rufe an wie ein Verkäufer in 
einem Schubg schüft. Die Hufe werden mit -arten Bündchen an den 
Beinen befestigt, ein Spiegel wird vorgehalten, und Buster und das 
Pferd betrachten wohlgefällig die gelungene Veschühung. — Außer 
schönen Landschaftsaufnahmen enthält das Programm noch eine 
Groteske, in der Suooky, ein äußerst gebildeter Asse, die Haupt 
— t„Dte Villa im Tiergarten.Dieser in Frankfurt 
letzt vorgeführte Berliner Gesellschaftssilm ist nach einem Rmnan 
von Arthur Landsberger gedreht; was schon genug besaat. Man 
weiter zu ihm bemerken, wäre nicht die Moral der 
Geschichte so interessant. Sie ist auf verzwickte Weife verlogen 
Ein vermögender Herr bewohnt mit seinen F-eunden eine Villa 
nu vergärten; man ist ein bißchen leichtlebig, aber keineswegs 
unMmP-thM. Roch ;m -oMchar freilich, ist der Berbreck« draußen 
in Berlin dl., der auf die anständigste Art von der Welt nachts 
einbricht. Denn warum bricht er ein? Weil er Unterhalt verschaf 
fen muß, damit seine Freundin nichts -u verdienen braucht, rnan 
weiß schon, wie. Sie ist ebenfalls ein sehr sympathisches Mädchen 
(Eged-e Nissen). Also auch in der TiergartLumLa hott -c sich seine 
Beute. Er wird verhaftet, er entflieht und starret am Weihnachts 
abend der Villa einen offiziellen Besuch ab, da er sich in der Höhle 
der Gesellschaftslöwen am sichersten fühlt. Erste moralische Situa 
tion: die Herren im Smoki w sind äußern nett gegen ihn und 
wollen ihm dazu verhelfen, sich vor der Polizei Zu drücken und 
seinen früheren Privatberuf als Boxer wieder aufzunehmen. Sind 
sie nicht wirklich edel, die Herren? Handeln sie nicht unabhängig 
von Stand und Besitz? Wer sie spielen das Spiel ohne die Freun 
din, die von dem Verbrecher (wenn man ihn so nennen 
da-ck) in die V'lla mitgenommen worden ist. Willigte sie 
in den Plan ein, so herrschte eins Harmonie zwi'chen 
Tiergarten und Berlin N auf Kosten der gesellschaftlichen Ordnung. 
Sie willigt nicht ein. Zweite moralische Situation: das Mädchen 
telephoniert an die Polizei, damit der Freund seine Tat sühne uns 
später in Ruhe seiner Freiheit teilhaftig werden könne. Die Kris 
minaler erscheinen, der Verbrecher umarmt das Mädchen verstehend 
und läßt sich abführen. Fazit: das Mädchen aus Berlin N wird 
Zur Verfechterin des Gesetzes, das dem Schutze des Eigentums 
dient. Die Eigentümer selber hätten es aus Mitleid gerne um 
gangen, aber was können sie machen, wenn das Mädchen nicht will? 
So wunderbar ist, zum mindesten in der unschönen Phantasie des 
Herrn Landsberger und des Filmregisseurs, die Gesellschaft einge^ 
richtet, daß die Tiergartenvillen-Bewohner sich ungestraft den Luxus 
des Edelmuts leisten dürfen, weil sie durch das Rechtsempfinden 
der Existenzen in Berlin N. ja schon eh verteidigt werden. Zwar 
trifft die Sache in Wirklichkeit nicht ganz zu (erste Verlogenheit), 
aber es wäre den Tiergartenleuten vielleicht nicht unangenehm, 
wenn es sich mit dem Rechtsempfinden der I^-Leute tatsächlich ss 
verhielte (zweite Verlogenheit). Rein technisch ist der Film ganz 
geschickt arrangiert. Soziologisch Interessierte mögen ihn aufsuchen. 
raea. 
--- lMn Dreiwettenpttger.j R u d ol f L o thar hat mit 
dem „Peer Gynt« eine Mitte'meerreise gemacht und seine Ein- 
drucke in dem Buch: „Z w i s ch m dreiW « Iten. Pilgerfahr 
eines Gläubigen« (Drei Masken Verlag, München) niedergelegt. 
Vor allem die Frauen können mit den liebenswürdigen Plau 
dereien zufrieden fein. Denn was ist das Ergebnis der Fahrt? 
Daß im Laufe der Geschichte nur eines unwandelbar bleibe- die 
Schönheit der Frau. Lothar kennt sich auf diesem Gebiet inter 
national aus. er stellt fest, daß die Göttin Demeter schon den 
Bublkopx trug und auch reizende Türkinnen hinter B m'schastern 
Leretts dieser durch ihr Alter geheiligten Frisur sich bedienen. Auf 
dre Italiener laßt Lothar trotz Mussolini nichts kommen. In 
Verona hat er zu Beginn der Reise beim Geldwechseln einen 
Haufen von Lire-Scheincn eingebüht, deren Verlust ihn schmerzt. 
Ruckreise spricht er ohne Hoffnung bei dem Wirt vor, 
durch den er sich benachteiligt glaubte. Strahlend eilt ihm der 
Restaurateur entgegen: „Warum haben Sie nicht ees^rieben? 
Warum.haben -Sie uns in pnuewMeit über den "Bescher dieser 
450 Lrre gelassen? Hier ist Ihr Geld!« Ueberall zwischen Kon- 
Mntmopel und Shepheards Hotelterraffe in Kairo findet sich der 
Drciweltenpilgcr durch seine Gläubigkeit an die göttliche Sendung 
der Heiterkeit belohnt. Er ist im übrigen ein guter Beobachter, 
der die Oberfläche genau aufnimmt und sie nicht selten durchbricht; 
am wenigsten in den hie und da eingeslochtcnen allg-meinen Be 
trachtungen, die manchmal ein wenig trivial sind. Lesenswert seine 
Auf-eickmung-n über Palästina, die nicht nur der Bubiköpfe 
in Let Awiw, der „ersten jüdischen Weltstadt«, Erwähnung tun. — 
Dem Buch sind sechzig schöne Bilder nach Photographien des Ver 
fassers beigegeben. Ik-,
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        Zentrum", die Herrschaft des Zarentums beenden könne. 
„Land und Freiheit" spaltet sich. Wem Figner tritt dem Voll- 
zugs-Komitee der Gesellschaft „Volkswille" bei, auf dessen 
Anordnung hinAlexander II. im März 1881 ernrordet wird. 
In den „Dämonen" hält Dostojervski über die Ter 
roristen Gericht. Sein Spruch greift über die Welt hinaus, 
deren Veränderung die Bombenwerfer erstrebten. Um ihre 
Taten zu verstehen (wenn auch nicht zu rechtfertigen), muß 
Man wissen, gegen wen die Nornben sich richteten. Rückblickend 
berichtet die Figner: „Die Gefängnisse waren üb erfüllt; ein 
politischer Prozeß jagte den anderen; Zuchthaus und Ver 
bannung wurden Zahlloser Schicksal. Keinerlei organisierte 
KulturuntornehnmnM wurden geduldet; Haussuchung 
Polizeiaufsicht waren an der Tagesordnung, desgleichen 
Deportationen ohne vorheriges Urteil, nicht etwa für Taten, 
sondern für die Gesinnung, für sogenannte „politische Unzu- 
verläsügkeit", das heißt für ein gemutmaßtes ablehnendes 
Verhol-en zur inneren Politik der Regierung." So erschien der 
Figner und ihrem Kreis die Lage. Nachdem sie die politische Not 
wendigkeit des Terrors glaubte erkannt zu haben — als Selbst 
zweck wurde er abgelehnt — gab es für ihre eigene Per 
son keine Schonung mehr. Sie sagt in ihrer großen Schluß 
rede vor Gericht: „Ich hätte nicht mit ruhigem Gewissen andere 
zur Beteiligung an GewalLmaßnahmen hinzuziehen können, 
wenn ich selber daran nicht beteiligt gewesen wäre; nur meine 
persönliche Beteiligung gab mir das Recht, mit verschiedenen 
Vorschlägen an andere Personen hemnzutreten." 
Die Terroristin ist von dem Ged . nken des gewaltsamen 
Umsturzes dämonisch besessen. Er macht sie gleichgültig gegen 
Leben und Sterben, er löscht die Menschlichkeit aus. Sie ist 
die Personifikation des revolutionären Prinzips. Nur mit 
Grauen wird man ihre Darstellung des mißglückten Attentats 
im Winterpakast lesen können. „Als die kaiserliche 
Familie den SpeiseMl betrat, erfolgte eine furchtbare Ex 
plosion. Im Stockwerk über dem Keller, wo sich die Wache 
Finländischen Regiments befand, wurden 50 Soldaten ge 
tötet und verstümmelt. Die Dhnamitmenge erwies sich aber als 
zu gering, um die höhere Etage mit dem Speisesaal zum Ein 
sturz zu bringen. Von der Erschütterung Lebte und Log sich 
der Fußboden, das Tafelgeschirr fiel klirrend zu Boden — die 
Aarenfamilie blieb unversehrt." Kein Wort über die Opfer. 
Die zwanzig Jahre Schlüsselburg sind die Gegenwehr der Ge 
sellschaft und eine Antwort. Nicht ungestraft überschreitet irgend 
einer den menschlichen Bereich; am allerwenigsten "m der 
guten Sache willen. 
.. b / i Are Schlüsselburg: die Antwort 
O entsetzlich. Em Tag der Gefangenschaft schon maa ein- 
Ewrgkeit wahren; zwanzig Jahre sind ein Menschenleben. 
Tusch dle Klopfsprache unterhält die Figner eine notdürftige, 
in den anderen 
Zellen, ^-er .&amp;lt;znfp^ktor ist em Vreh, die Gendarmen sind Skla 
ven. Die Jahre verwirren sich in der Schilderung, eine 
strenge Zeitfolge kann nicht eingehalten. werden. Um sie 
Herum sterben die Kameraden, werden hingerichtet, verfallen 
in Irrsinn. Sie wird für kurze Zeit in den Karzer gesperrt, 
die Ausgeburt aller Schrecken. Sie hält bis zuletzt einen 
Hungerstreik durch, von dem ste nur auf den inoralischen 
Druck der andern hin abläßt. Nach Jahren darf sie mit 
Ludmila Wolken st ein, der einzigen weiblichen Ge 
fangenen, spazieren gehen. Der ganze Organismus verän 
dert sich in der aufgezwungenen Stille. „Manche fangen an, 
an krankhaften Erscheinungen zu leiden, und bei jedem G e- 
räusch entringt sich der Brust reflexartig ein Schrei; wie 
sonderbar es auch u : je unbedeutender der Laut, desto stär 
ker ist die Reaktion. Das leiseste Geräusch löst Schluchzen 
aus, und wenn die Töne sich periodisch wiederholen, so wird 
die Qual unerträglich." Hangart, ein anständiger Kom 
mandant, verschafft den Gefangenen in späteren Jahren 
einige Erleichterungen: sie kommen Zu Büchern und dürfen in 
den Werkstätten bezahlte Aufträge annehmcn. Im dreizehnten 
Jahr wird ein beschrankter Briefwechsel mit den Verwandten 
gestattet; aber man ist dem Leben so entfremdet, daß die 
Gunst nur die Qualen vermehrt. „Wir hatten Angst vor Er 
innerungen, die sich von außen an uns herandrängten und 
unser so schwer errungenes seelisches Gleichgewicht zu stören 
drohten . . Zäsuren bilden die peinlichen Besuche 
Würdenträger und die Entlassung von Gefangenen, deren 
Strafzeit abgelaufen ist. Die Schlüsselburg ist zu ihrer Welt 
geworden. Auch Ludmila Wolkenstein geht. „Die ganze Zeit 
über -- weinte sie, und ich tröstete sie. Ihre letzten, rührenoen 
Worte beim Abschied waren, daß sie in Schlüsselburg die 
besten Menschen, die sie je im Leben getroffen habe, Zurück 
lassen müsse." Erst im Jahre 1903 erfährt die zu lebens 
länglicher Haft verurteilte Figner, daß ste auf das Flehen 
ihrer Mutte hin Zu zwanzig Jahren begnadigt worden ist. 
Ihr erstes Gefühl ist das der Erniedrigung. „Ich war empört, 
verletzt, meine erste Regung war, jede Beziehung zur Mutter 
abzubrechen." Noch zwanzig Monate, und sie verläßt auf dem 
- Dampfschiff: „Hüte Dicht" die Schlüsselburg. 
s 
Die Darstellung der Marthrerjahre ist ein Dokument ohne- 
, gleichen. Weiter konnte dre menschliche Entwürdigung nicht 
getrieben werden. Aber erstaunlich genug: von der Ohn 
macht der Verdammten strahlt eine Kraft aus, die der blin 
den Gemalt hie und da Abbruch tut. Die Figner spricht nicht 
ausdrücklich von dieser leisen Kraft, deren Bohren und Nagen 
dio Erzählung bezeugt. Proteste der Gefangenen haben einen 
unerwarteten Erfolg, ein junger Gendarm vergeht sich mit 
kleinen Hilfeleistungen wider die Vorschrift. Die Gewohnheit 
übt zu Gunsten der Unterdrückten ihre abstumpfende Wirkung 
auf die Machthaber aus. Nach und nach schlafen beengende 
Instruktionen «ein — freilich, sie erwachen auch wieder bei Ge 
legenheit —- unnötige Grausamkeiten unterbleiben. Auf ge 
heimnisvolle Weise wird die Gewalt von der Schwäche Zur 
Veranwortung gezogen. 
Mit der Entlassung aus der Schlüsselburg schließt das 
Buch. Weva Figner reist, wie sie in der Einleitung erzählt, 
1906 zur Herstellung ihrer Gesundheit ins Ausland, wo sie 
acht.Jahre bleibt. Sie will sich dann der sozialrevolutionären 
Partei anschließen, doch — die Kräfte versagen. „Die 22jälu 
rige, Abwesenheit aus dem Leben machte es mir unmöglich, 
mit einem Schritt die Evolution politischer Parteien, revo 
lutionärer Sitten und Verhältnisse einzuholen. Ich fühlte 
mich fremd, abgesondert und nutzlos in ganz neuen Verhält 
nissen." Sie verzichtet auf die Politik; auf den Kampf ver 
zichtet sie nicht. In Paris begründet ste ein Hilfskomitee 
für die zu Zwangsarbeit Verurteilten, und agitiert gegen die 
Grausamkeiten in russischen Gefängnissen. Bei Kriegs 
ausbruch kehrt die Veteranin der Revolution nach Ruß 
land zurück. Nach der Revolution wird sie zur Vorsitzenoeu 
des Amncstier 1 enkomitees gewählt. Die Arbeit geht 
ihr nicht aus. Heute unterstützt sie die Bildungs- und Er- 
ziehunasanM auf dem Lande. Dr. S. Kracauer.
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