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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.06/Klebemappe 1927 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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        Neu 
hoff- 
junge Mädchen mit Pigment, die sich über den Sport unter 
halten, den sie treiben. Alle treiben sie und strahlen vor Ge 
sundheit; die Sonne. Wie strahlend der Sport die Menschen 
macht, beweist die Geschichte des Herrn Müller. Als M. noch 
Stubenhocker war, geriet er an einem Sommertag in ein Boot, 
das während einer plötzlichen Windstille umkippte. Ein Mann 
vom gegenüberliegenden Ufer sprang todesmutig in die Wogen 
und rettete M. Er gehörte dem C.'er Schwimmverein Nassovia 
an. Statt einer Belohnung nahm er dem M. das Versprechen 
ab, der Nassovia beizutretem Heute ist M. eines der belieb 
testen Mitglieder des bekannten Vereins und von seinem 
Muckertum endgültig geheilt. Längst hat er seinerseits ein 
Mädchen aus den Fluten gerettet und den Herzensbund mit ' 
. 
wer- 
seine 
Sie halten internationale Wettspiele ab. Un 
bekannte Ländchen erlangen durch einen Weltmeister, &amp;gt; der ihre 
Bevölkerung bildet, zum ersten Mal öffentliche Beachtung. 
In den Kulturfilmen bestehen sie aus Volksfesten von land 
schaftlicher Schönheit und Stadions in einer Umgebung. Das 
umgebene Stadion ist immer dasselbe, während die Atann- 
schaften ihre Nationen vertreten. Da sie sich nur durch die 
Farben unterscheiden, könnte man sie vertauschen, ohne daß 
es einer von ihnen merkte. U. F. G. gälte dann als Berlin. 
Auch die Bällchen haben eine Heimat. Ihrer eines, das sich 
bei einem Entscheidungskampf in fernen Landen beteiligte, 
kehrte mitten im Spiel nicht mehr zum Erdboden zurück, son 
dern flog über den Ozean nach Hause. Ein einheimisches 
Bällchen mußte eigens herbeigeholt werden, um in die Bresche 
zu springen. Obwohl es nicht den letzten Schliff besaß, war 
der Ausgang des Kampfes doch 3:2. Die Wettspiele bahnen 
eine internationale Verständigung an, weil die Vertreter in 
den Stadions sich kennen lernen. Sie schlagen sich friedlich, 
die Zeit der allgemeinen Verbrüderung ist nicht, mehr fern. 
Jeder Sieg wird als Nationalsieg gefeiert. Wenn sie wieder 
einmal Krieg führen, kennen sie einander. Der Unparteiische 
pfeift. * 
Sie sparten. 
Von Raen» 
In der folgenden Groteske ist der unbegrenzte An 
spruch des Sports und seine Phantastische Ideologie 
gegeißelt- Aber seine unleugbare Bedeutung als ein 
bestimmender Zug für die Physiognomie der Zeit scheint 
uns durch die groteske Behandlung nickt abgestritten, eher 
bestätigt. D. Red. 
Alte sporten sie jetzt; Winters und Sommers in ihren 
Kostümen. Auch im Herbst, man hört die Blätter nicht mehr 
fallen. Die Sportsaisons, die zahlreicher als die Jahreszeiten 
sind, werden von den Hotels im Zeichen prächtigen Sport 
wetters eröffnet. Der Sport greift in die höchsten Kreise, 
selbst die Könige wohnen rasensportlichen Veranstaltungen bei. 
Das gewöhnliche Wetter ist abgeschafft. Seit der Sport so 
epochal geworden ist, wissen die Menschen endlich, was sie an 
fangen sollen. Es fliegen lauter Bällchen durch die Lust. 
Jeder Sport hat seine eigenen Vereine, von denen er sich be 
treiben läßt. Täglich werden neue Sportarten erfunden, für 
die man sich innerlich entscheiden muß. Lehrreich ist der Fall 
Ziegler. Dieser, Kommis in einem Engros-Geschäft zu A., 
wollte sich erst nach genauer Kenntnis sämtlicher Sportarten 
zur Pflege eines bestimmten Sportes entschließen. Die Un 
möglichkeit, einen vollständigen Ueberblick über sie zu gewinnen, 
brächte seinen Geist in Verwirrung. Tragisches Schicksal 
eines ehrlich Vegeisterungsfähigen. Was haben die Menschen 
früher gemacht, ehe es einen Sport gab? 
Den gewöhnlichen Geist haben sie durch den Sportgeist! 
ersetzt, der volksgesunder ist. Die von ihm Erfüllten sind 'un 
widerstehlich, wenn sie Fußarbett leisten oder Linke landen. 
Auf die rohe Kraft allein kommt es nicht an. Ein einigermaßen 
feinfühliges Bällchen merkt sofort, welcher Klasse die Leute 
angehören, die es gerade bedienen. Am liebsten verkehrt es 
mit Torwächtern, deren Technik von ganz großer Klasse ist. 
-Jahrelang muß gearbeitet werden, bis die Bällchen richtig 
fliegen. Die Sportgeisiigen beseelt der Wille zum Sieg. Da 
sie nicht wissen, was sie besiegen sollen, suchen sie Rekorde zu 
brechen. Auch die unterlegene Mannschaft hat sich wacker 
gehalten, aber der gebrochene Rekord ist so traurig. Immer 
möchten sie siegen, der Wettkampf stählt den Charakter. Ein 
Sportsmann wird beim sonntäglichen Match unter allen Um 
ständen Mut und Ausdauer bewähren, selbst wenn er aus 
Sparsamkeitsgründen auf die Entfaltung dieser Tugenden im 
-Privatleben verzichtet. Die erzieherischen Wirkungen des 
Sports. Je -ernsthafter sich die Menschen um ihn bemühen, 
desto stählerner werden sie. Der erst achtzehnjährige Tanz 
sportler H. verzieht während der Ausübung des Charlestones 
niemals den Mund zum Lächeln. Tagsüber wird er zu seiner 
Schonung in eine Schachtel gepackt. Er lebt unter einer 
Hornbrille seinem Beruf. Was haben die Menschen früher 
gemacht? 
regung di&amp;gt; Farben; nirgends findet es Ruhe Zehntausend 
von Bällchen fliegen am Sonntag durch die Luft- Das Fliegen 
ist auch ein Sport. Der Mittelstürmer ist "vor-r Kindheit an 
Fußballspieler von Beruf, seine Augei sind wMnd. Warum 
Loben dre Massen, eine Farbe muß doch . Keiner denkt 
an das Bällchen. Die Kampfergebnisse der harrenden 
Heimat drahtlos verkündet, sie hat ein Anrecht darauf. Radio 
ist auch ein Sport; auf. allen Dächern stehen Antennen. Ge 
ordnet strömen die Massen zu den Schwergewichtsringern in 
die Stadt zurück. Die SLadioneingänge sind immer so breit, 
daß sich der Strom nicht stauen kann. Nur das Schwimmbad 
ist stets zu klein, es enthält mehr Menschen als Wasser. Das! 
Liegen ist auch ein Sport Sommers und Winters liegen sie 
herum, die Wiesen sind niemals frei. Wenn sie aufstehen, 
schwimmen sie wieder oder begutachten ihre Haut, ob sie braun 
ist. OHrre Pigment Kill keiner mehr leben. Es gibt so viele 
g 2 &amp;gt; ^&amp;gt; &amp;gt; 06 E 
Seit sie alle sparten, möchten sie erfahren warum. Ihre 
Lehrkörper haben sich ausgedacht, daß es für die prozentuale 
Hebung der Volksgesundheit geschehe. Vorher war 
das ganze Volk krank. Die Lehrkörper. Bereits die Säug 
linge tragen durch Gymnastik zum Rückgang der Kindersterb 
lichkeit bei. Jedesmal werden sie kräftiger und schöner. Nicht 
Unrecht sind in den Schulen die Leibesübungen als Haupt 
fach eingeführt, der Leib ist das kostbarste Gefäß, das wir be 
sitzen. Sie üben so viel, daß die Gefäße blinken. Man kann 
es einem jungen Paar schon von hinten ansehen, ob es fleißig 
Sport treibt. Es geht ganz anders durchs Leben, so hoff- 
nungsfroh. Am nächsten Sonntag tritt A. H. C.-Verlin gegen 
N. F. G.-Lhon auf den Plan. Greife, die sich Zu ihren Leb- 
Miten sportlich ertüchtigt hatten, werden von Jahr zu Jahr 
Mnger. Niemand erbt mehr etwas, weil sie stets wieder ihren 
Usd hinäusschieben. Greis Karl K. aus F. schwimmt noch 
heute mit seinen Urenkeln an prächtigen Frosttagen um die 
Wette; fünf Kilometer. Er bildet die Zierde sämtlicher 
Hygiene-Ausstellungen, auf denen er sich besichtigen läßt. Von 
den Gräbern, die ihm in Musterfriedhöfen unentgeltlich zur 
Verfügung gestellt worden sind, gedenkt er in absehbarer Zeit 
keinen Gebrauch zu machen. Wenn es so weiter geht, werden 
sie unsterblich. Dann können sie immer sparten. 
K 
Beine. Der Grad der Berühmtheit wird nach Bruchteilen von 
Sekunden gemessen, eine andere Unterscheidungsmöglichkett 
haben sie nicht. Kein Glied ist zu gering, auch die Fäuste oder 
die Tennisschläger können sich einen Namen erwerben. Der 
Kopf fitzt einfach darauf. Man beabsichtigt zur Zeit, einen 
Kopfsport zu erfinden. Wir denken noch zu viel. Ost ver- 
hilft ein winziges Sportglied ganzen Mannschaften zu An 
sehen. A. H. C. Die Meister werden nach dem jüngsten Sieg 
von dem Präsidenten empfangen, der ihre Beine als leuchten 
des Vorbild hinstellt. Das Bällchen wird im Museum auf 
bewahrt. In den illustrierten Zeitungen sind sie vor einer 
Innendekoration mit Kind zu sehen. Das Heim. Was ein 
rechter Meister ist, hat ein photographiertes Familienleben. 
Die illustrierten Zeitungen werden immer dicker, weil immer 
neue Sportgrößen entstehen. Die berühmte Ellinor 
Fischerlag noch bis vor kurzem ihrer stenotypistischen Tätig 
keit ob. Niemand hätte in dem stillen blonden Mädchen die 
werdende Springerin vermutet, die bei günstigem Schneefall 
unablässig sich vervollkommnete. Eines Tages meldete Ellinor 
sich krank. Der Chef, der, Erholung suchend, um diese Zeit im 
winterlichen Hochgebirge verweilte, mußte in der Siegerin 
einer gerade fälligen Springkonkurrenz seine kranke Angestellte^ 
erkennen. Unfähig, die Bedeutung des Sportereignisses zu! 
würdigen, entließ er die neue Meisterin, statt sich ungesäumt 
mit ihr zu verloben. Zu ihrem Glück; denn er machte bald 
darauf betrügerischen Bankrott. Die schöne Ellinor aber 
stürmte in der Gesellschaft eines reichen Portugiesen von 
Punkten zu Punkten. Alle Rennbahnen sind für die Tüchtigen 
frei. Die Koryphäen verdanken ihre Verbreitung der Tat 
sache, daß der einfache Mann jedes Volkes Punkte abzählen 
kann. Wenn die Schriftsteller mit den Sportgliedern dächten, 
würden sie in Großaufnahme gezeigt. Was haben die illu 
strierten Zeitungen früher obgebildet? 
ihm geschlossen. Der Retter von damals geht bei den 
vermählten aus und ein. Auch die junge Frau blickt 
rmngsfroh in die Welt. 
Ihre Körper machen Punkte, durch die sie berühmt 
den. Je schneller einer läuft, umso weltbekannter sind 
* 
Sie haben Stadions angelegt wegen der Massen. Alle i 
wollen sie dabei gewesen sein, der Präsident wird erwartet. 
Die Autostraßen nach den Stadions sind schon am frühen 
gesperrt; unser Verkehr. Das Autofahren ist auch ein 
Sport, fvde Wagensorte verunstaltet ihr eigenes Klubessen 
Die ganze Welt haben sie mit Bahnen überzogen, auf denen 
sie rennen können. Der Präsident sieht vorzüglich aus, wäh 
rend die Massen mit Genugtuung empfinden, daß sie anwesend 
sind. Unter Zehntausenden tun sie es nicht mehr. A. H. C.- 
Berlin und U. F. G.-Lyon kommen bei prächtigem Sport 
wetter in Weiß und Orange hereingeeilt. Der Unparteiische 
hat?s gut, er darf pfeifen. Das Bällchen verwechselt vor Auf-
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        6S- 
VW» WH 
kv Lpstberbst 1924 bat mob Gin junger 
UtzE.tr namens Ukred 3 s i d e l das 
genommen. Kr lebte um eines BueduL killen, 
dessen lltz^altate ibn ^Orbraeben. Da« llinter- 
Zasstzne Merk, das Mri unter dem ULtzl: „D 6 
wuLts 6 ! n LIs Verbängni s"*) ersebrentzN 
ist, gibt sieb als eine kurebtbArb ^breebnung mit 
dbr Lunebmenden RAtionAlisitzrung 6er MM. 
„Ls wird ^unZebst der prLktisvks Mert des Lr- 
kennsns in krage gestellt, darüber binaus aber 
wird überbauxt an dem Merks des DswuNseinL 
geLwoueit" — M lau tat die ^b6Le. 
O Der HerLusgeber, Dr. Kans Drinsb 0 r n, 
gwt in einer Ausfübrlieben Vorrede Reellen - 
AedLit über dieses Dsbsn, das ÜM vertraut ge- 
-MtzLtzu. Stzinen 6IK6NSN KindrüektzN und denen 
der l'reunde — anen die beigefügten lirieke sind 
AuksvbluLrewb -- ersttzbt das Bild mnes von der 
Natur nur gering btzdaebten Nvnsoben, der in! 
einer geküblLLrWtzn Umwelt AukgewAobsel; ist 
und von den tied3nktzn an die, Lelbstmorde m 
Keiner Vamibe §eptzmiZt wird. einen von 
Dspressioneu Ktzlasttzten, dem das bloLe lieben 
Kebwers UMtz Maobts, bat ibn anob der Ver- 
Lassbr dieser ^m:eige in Erinnerung- Ls war an 
Gmsm sslobsn Deben niebt viel mebr LN Ler- 
KEren. , 
Vestimmte siob der 'Wert Smes Rundes naeb 
dem NaLe, in dem es gelebt worden ist, so wars 
das Kund Lsidels von unantastbArer Rültigkeill 
Lie kommt ibm aber niobt Doob es ist mied 
-wiederum mebr als eine Kundgabe, die nur der 
Umstände ibrer LntstebMg -wegen ^.ntsilnZ-dme 
verdiente. Das Merk dar! mit gutem Reelli den 
Rang eines Leitg GsebrobtI i n den Dok n - 
m ents bbAnspruobsn; denn die gegenwärtige 
LituLtion ist in ibm SLempIarlsed erkabren und 
evtsebieden verworfen -worden. Verworfen von 
einem Denker, der sied den modsrnen Oedanken 
Ns Lur LelbstmikgAbe Zusges^t bat. - 
EM. L8^8is -kr«r 
dsEken. Mobsi W 6is ^°r^- 
setMmx msodt, ä»k ävr Ne»sok vm 
kr»»L«s l-in" «,i, ä»s mr «msm vvbsrsokuS 
Unter dieser ^nn^E krMsrm^ Zsrdel Äe 
xsveboLnavKG und den Uarrismus; dureb beide 
ist er MMVFSN. n»s W «I» -Lrev M»kr- 
ksikvert bssteM ssw »dm votte: rsäi^I 
äurvkLskübrt, sebsiven sie Am beAs asm t.skvn 
Le LreaLdsit mokt LbMnedmsa, soväera nur -m 
vsrstZrken. kr Lukert über Ae ksvedEshss: 
^öAS» smixs MarotLsr äureb As psxvko- 
analvss gebellt werden, so ist Lese Rettung em- 
Wlaer äm-ok L- »«WsMäs Mirkune e«k As 
LMar äood voll M» tsuer bersbit. Lultur edsr 
ist Am As LrsobemuoZskorm äes eesunaem 
l^bsns, äss äsr VSmoms seiner Triebs Usrr ze- 
voräsn ist eber xersäs eins rivkux vor- 
bsnäsvs k&amp;gt;8,vbosnei/ss vvssnwvk bsitr^sn 
ksnn). kAtspreoksaä ksM es über »erx, üLk er 
6ss ?rolsteriet selber enLrskte, mäsm er Mu- 
MQN6N tÜLS, die dem lieben den reenien 
Lewäbrten. Luob dureb die ^NÄl^sS vsrZotutz- 
dener Anderer ^sitKiromunZsu und M eltLNAoüÄU- 
«llMkormen soll AMsixt veräen, ask cls« t^- 
-MuStKein ein VerbZ-nAnis sei, weil W ds« mensen- 
liebe Dasein MM Verdori-en bringe. Nwbt der 
MabrbtziL bbäsrk naeb Seidel das Dtzde^ es ve- 
dürfe vielmekr xelstiMr vtzberbauten, die 68 in 
semom ÄsiebmaL erbMen und die wrieds Lu- 
rüokdsmnAGN ldaber 8eidels 8ebätMMF sSketi- 
spbsr lässle). Isäs SteiAvrnnx äes »rsäss »n 
Vsvuktbeit sb«-, also snob jsäsr Xuvseds »n 
^ekrksit, biete Assen Irisbsn As -rsrmskrtv 
6slesssnk«it, sieb »«sMärüvksn. 
* 
Leides 0sdankGN sind. M den ^rie^s- und 
RevoluijonsjAbrsn Gnistandeu, als mit ibm viele 
den KM m rMxiosen LmdunMU und kultureller 
Qeseblossenbeit suebien. 8ie Zaben LuklosunZ 
ringsum, ^narebie der Merte, sie klagten; sofern 
mtz^IntMektuslltz, msbbsonders Ksideidersser In- 
tellsktutzUs waren, die MissenZebait des ttela- 
LbiKmus und der Debsnekremdbeit. an und tor 
dorten Ibre „VerlsbendiZunZ" — die erleben m 
Mn§ der WWserVtzbLkt, deren ^ukMbe gerade 
;Zt, dem Deben die VsZrÄtz adTUFewinven. Da 
bei MsobA-b es ibnen, daä 8ie mit der (mobt em* 
mal M Dnreebt ANFtzssrikkenen) Missen- 
sobakt die gesamten Vernunsterk6Mt.niZ86 ver 
damm ten, um nur sL rZAtzb in irFtzndeinem Omu- 
beusssebZuse rmier^ikrieoben iZteinerl). Die 
Nebleebt KniLauberten verlanFten naeb neuer 
Auch die Arb-eiter sporten jetzt international. Sie 
haben sich eine Sportbewegung angeschafft, um doch wenig 
stens eine Bewegung zu haben. Nun sind sie am Sonntag be 
wegt. Wir denken noch zu viel. Es wird ihnen von Tag zu 
Tag besser gehen, wenn sie für ihre Ideale eintreten. Direktoren 
und Präsidenten unterstützen das ideale Streben, ihnen liegt 
die Wohlfahrt des ganzen Volkes am Herzen. Wer Leib hat, 
hat auch Religion. Bemühen sich nur alle um die Bällchen, 
so wird die Wirtschaft immer kräftiger und schöner. Zu ihrer 
Erhaltung stiftet die Behörde Medaillen, die von begabten 
Kunstgewerbeschulen angefertigt worden sind. Die Verleihung 
einer solchen Medaille an den schlichten Former O. erweckte 
allgemeine Rührung. O. hatte sich in früheren Jahren palitisch 
mißliebig gemacht und mußte entlassen werden. Da er nicht 
auf der Straße liegen mochte, stand er auf und trat einem 
Sportverein bei, der seinen Führerqualitäten endlich die rich 
tigen Ziele wies. Schnell erwarb sich O. die Anerkennung 
von Freund und Feind und arbeitete willig am großen 
Ganzen mit. Viele erinnern sich noch seines Flankenangriffs 
in der letzten Olympiade. Bei dem an die Verleihung ge 
knüpften Festakt drückten alle Beteiligten etwas aus und be 
tonten es; selbst die Medaille lief an. O. ist bereits zum Be 
triebsrat und Halbrechten aufgerückt. 
Nur die Gebildeten sporten nicht. Ein Häuflein. Sie 
ziehen sich von dem Treiben in höhere Sphären zurück, die 
Kinnhaken sind ihnen zu äußerlich. Ihr Kummer ist, daß sie 
dort oben nicht ausgesucht werden. Der Sport verroht so die 
Massen. Wüßte man nur, wo sie sich eigentlich aufhalten, so 
errichtete man ihnen vielleicht ein Stadion. Auf der Suche 
mach Dr. R., der über das verschollene Werk eines unbekannten 
Kmrsthrstorlkers arbeitet, war eine Rettungsexpedition von 
Sportsleuten unterwegs, die leider erfolglos blieb. Die be- 
Veutends Schrift soll in Bälde erscheinen. Inzwischen fliegen 
ßnMer mehr Bällchen durch die Lust. 
Seidels Vs^NSrNNNg ddr MrNSGN^ 
Kedakt Äs der VswuLtmLebung der im Dm 
Kb-MuLt.es siodsr gtzborgensm DebensvorgärrgS ist 
der l^Itung MetZseKes, Spencers, 
einigem verwandt. Der vorn Debmr Nnterbte 
kmdeL den „inneren ^usglbiob^ dr^ss DebenZ 
dureb die ^ntLAuberung der AHkAbrdsk 
Lr sebnt sied das kerbet, was er mcbt bat: das 
«nerbellt in sieb rubende Lein und die religiöse,: 
kulturerkMis (ismewsebakt. Grollt umsonst bat 
er in Nerdslber^ in der NZobbarsebLit des 
^eorge-LreLZe^ gelebt, Ibm eigen ist die 
Uetbods, mit der er diese von einer großen 
UensobengruppS ^Fsteilten ^nssbauunZen M er- 
bärten iraebtet. Lr denkt die naeb seiner Uer- 
nunss den Isebensbestand auKösendsn Krkennt- 
visse ZM Rnde und LbiFt oder mZebts doeb 
VsrLLubWUM. NAuebe UvnvermonBn in Mnen 
Fsbren sind KrsebeirrunZen der Vluebt gewesen. 
Mkred Leidel ist niebi konvertiert, er bat stob 
niebt wie so viele LwtzikelbLkte ,.l&amp;lt;ünder" MnWi 
verMNAeuer "sLFe ein positivem Oredo anFemaZt. 
Lr verbleibt in dem Lereieb, den er für negativ 
bLlt, um von bier aus sieb §6Fsn btzlls VewuN- 
beit Mr ein Fewaobsentzs Keben Lu erklären, das 
swb m den Orenren religiöZer und kultirrellsr 
8ei?unA6n besebtzidet. NuL noeb Ausdrüekbeb 
gsMIt sein, daL seine. FrundsZtLliebe Kritik des 
Vtzwuütsems unmoBieb ist? Nan kann niebt, wie 
Leide! will, das Debsn dureb KjndunZen in die 
Nitte 2wmxen. an deren Mabrbert man niebt 
mebr §laudt. Meder bat Leide! reliFiöKen bebren 
anZtzbsn§en, noeb sieb in den (irenLen einer 
festen KullurZe-mGinsobaft ^elüblt. ^us KebwLobe. 
nur ist er rum Verkeebter von Kekennt^nssen und 
2nständtzn geworden, die er selber als Illusio 
nen be^webnet. 
Leine Lebwäebe kreilieb stammt uns der Nnt- 
täusobunA einer Kannen (rensration, und seine 
Kritik ist innerbalb gewisser OrenLen niobi ZeZen- 
standslos. Lie trifft eine Missensebakt 
überliLUpt, die sieb au ob dort in Relationen ver 
zettelst wo es mit. ilmen niebt Zetan ist, und Aebi 
von Neusoben aus, denen eins solebe Missen- 
sebsdt niobi mebr genügt. Diese gute IInLubw- 
denbeit mit der berrsobenden Missensebakts- 
übrmg, deren psvolmlogisobe Wirkungen Leids! 
durebaus riebtig darstellt, bätte ibn niobt Mr 
Absage au die vernnnfigemäbe KewuLtbeit lüb- 
ron sollen, sondern Mm Kampk kür die Vernunft, 
die sieb ja kaktisob in. den Erkenntnissen der 
Oegenwart nur unsureiebend verwirkllebt. Dr 
bat stzbr sobark geseben, dak ditz „Aufgeklärten" 
wissensobAMeben Debren unserer ^eit viell3ob 
lediglieb ein DeokmAntol kür die sieb selbst 
Kotrmndon wriobo sind fstzmo Rntersuebungtzn 
bierüber gsbörSQ M den besten und originellsten 
des Kuebss); Aber er bat wobt geselle.n, dab sie 
die Leele und. das lieben darum elloin ^erset^en, 
weil sie sieb gegen ditz Vernunft verstooken. Von 
sinsr BswuLtlleit übermannt, die gor niebt dis 
eobttz ist, bat der Atze quälte das RewuLtstzm über- 
bLupt als das Uebel erbebtet und vor ibm sieb 
in die Naobt ^urüokgezogen. 
Dr. 8. RraerKVGw
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        Lichtreklame. 
^e« Paris, im Januar. 
Die Lichtreklame geht an einem Himmel auf, in dem es 
keine Engel mehr gibt aber auch nicht nur Geschäft. Sie schietzt 
über die Wirtschaft hinaus, und was als Reklame gemeint ist, 
wird zur Illumination. Das kommt davon, wenn die Kaufleute 
sich mit LichtefsekLen einlassen. Licht bleibt Licht, und strahlt es 
gar in allen Farben, so bricht es erst recht aus den Bahnen, die 
ihm von seinen Auftraggebern vorgezeichnet worden sind. Bunte 
Lettern, die weiße Wäsche ankündigen sollen, sind nicht ganz bei 
der Sache, selbst wenn sie fünf Stockwerke bedecken. Die Zustän 
digkeit des Propagandachefs ist im Reich der Glühbirnen begrenzt, 
und die Signale, die er erteilt, wandeln unter der Hand ihren 
Sinn. So erzeugt das Nebeneinander der Läden ein Licht 
gewimmel, dessen gleißende Unordnung nicht rein die terrestrische 
ist. Man kann in diesem Gewimmel nach Zeichen und Schritten 
erkennen^ doch Zeichen und Schriften sind hier ihren praktischen 
Zwecken enthoben, das Eingehen in die Buntheit hat sie Zu 
Glanzfragmenten zerstückelt, die sich nach anderen Gesetzen als den 
gewohnten Zusammenfügen. Der Reklamesprühregen, den das 
Wirtschaftsleben ausschüttet, wird zu Sternbildern an einem frem 
den Himmel. 
Große Kindersterne entzünden sich übereinander, weiße und 
gelbe, bis in die Milchstraße hinein. Sie verschwinden, und ein 
Springbrunnen steigt an ihrer Stelle in die Höhe. Er verschwin 
det, und ein Helles Zittern entsteht, und aus dem Zittern bildet 
sich eine vieMedrige Figur, der Firmenname, in senkrechter 
Richtung zu lesen. Von Spinnfäden überzogen, harrt er für 
kurze Weile und verschwindet. Der Eiffelturm. 
Man muß ihn von dem Concorde-Platz aus sehen, der an das 
Meer bei Capri erinnert, auf dem die Laternen der Fischerboote 
sich nachts mit den Gestirnen vermischen. Zwischen seinen zahl 
losen Lichtpunkten, die fest vor Anker liegen, bewegen sich zahllose 
andere, Autoschwärme kreuzen unaufhörlich das Riesenbassin. 
Immer wieder werden aus ihm die weißen und gelben Sterne 
sie gleichen den OrdensdNovationen halbzivilisierter Docker —, die 
Springfontünen und die Buchstabenwesen geboren; ein gewaltiges! 
Festtransparent, das jeder astronomischen Erfahrung widerspricht. 
Unter seiner Vorhut erglüht in weitem Umkreis, in einem Dunst 
raum, den Häuser und Straßen kaum noch bestimmen, die Pariser 
Lichtreklame. 
Ihre Muster sind so gentil wie die Umgangsformen hierzu- 
land. Fast wie eine direkte Bewegung; geschwungene Linien über 
wiegen, weiche Kurven, beinahe jugendstilhaft. Man will an 
preisen, gewiß, man läßt die Birnen und Röhren stammen, um 
zu entflammen, aber es gibt eine Konvention, ein vererbtes und 
Erzogenes Gefühl für das Wie der Mitteilung. Aus diesem Ge ¬ 
fühl heraus wird auch das Lila häufig eingewoben. Es mildert 
die grelle Nöte, es begleitet gern grüne Strähnen und gefällt sich 
nicht selten auf sanfte Weise allein. Seine Aufgabe ist weiblich 
vermittelnd, ein Charme geht von ihm aus wie von Veilchen, j 
Mit solchem Lila umflicht man vorerst noch die Härten der 
amerikanischen Geschäftsmethoden wo sie sich einzudrängen suchen. 
Der Schick herrscht auf Erden und am Himmel der Reklame. 
* 
Geronnenes Feuerwerk und in Fluß geratenes Ornament: 
so glüht die Lichtreklame über den großen Boulevards. Ein 
Farbendschungel, es brüllt aus den Wipfeln, und bläuliche 
Schlangen schnellen hervor, die Nachlauf spielen. Sie gleiten 
durch Perlenschnüre und Granatketten, die in unerreichbarer Höhe 
aufgehängt sind. Eine Krone glitzert, unter der eine Tau 
Schleppe sich breitet; auch die alten Prunkstücke werden bewahrt. 
Als Wegweiser sind Pfeile eingesetzt, geschweifte und gefiederte, 
aber sie zeigen nach allen Richtungen und sollen vielleicht nur 
irreführen. Um durch diesen Märchenwald zu dringen, bedarf es 
des glücklichen Griffs. 
Namen stehen und liegen in der funkelnden Wildnis. Große 
und kleine, schmale und breite; man muß sich an ihnen empor 
winden wie an Strickleitern oder unter Lebensgefahr von Buch 
staben Zu Buchstaben Hüpfen. Die Verschiedenheit ihrer Dimen 
sionen treibt ihnen die Bedeutung aus; erhalten bleiben die ein 
zelnen Züge der Wortbilder. Das 0 -läuft dreifach gekoppelt 
um, und ruhmsüchtig pflanzt sich das .dl auf die Dunkelheit. Die 
Elemente der bekannten Sprache sind zu Kompositionen vereinigt, 
deren Sinn sich nicht mehr entziffern läßt. 
Die Unbeständigkeit ist ihr Wesenszug. Sie zucken hastig und 
unterbrechen sich, Flächen verschwimmen. Stets wieder werden 
die Manifestationen zurückgenommen, als sei schon zu viel gesagt. 
Wo unten Uhren ticken, dort zergehen oben die Rondelle, und die 
Gloriolen über den Abendroben sind ein verregneter Film. Hier 
kann man nicht wie auf den Boulevards flanieren, denn die 
Figuren stieben alle Augenblicke davon, und in ihren Vexier- 
spielen kennt niemand sich aus. Zuletzt wäre man unter dem 
fremden Himmel verlassen. Nur die geometrischen Gebilde 
glimmen götzenhaft Zur Seite des Wegs: Knise, Quadrate und 
Wellen. 
Auf einem Bartisch deß Arbeiterviertels Grenelle Hocken drei 
Granrmophone, die ihre Schalltrichter nach dem Eingang zu öffnen. 
Ihre Schlünde sind mit Glühbirnen besetzt, und während es aus 
den Kästen aröblt, wird Der Lichtspeichel in den Höhlungen 
rundum gequirlt. Die Uebereinstimmung von Geknatter und 
bunten Reflexen könnte nicht vollkommener sein. 
Ein einziger solcher Schalltrichter ist die rue Bigalle, jene 
große Freudenstraße des Montmartre, auf der die Ameri-^ 
kaner billige Sensationen teucr bezahlen. Hier herrscht Hausse in 
Rausch und Begierden» Da sie ohne Konturen sind, lassen sie sich 
leichter in die Sprache der künstlichen Lichter übersetzen als die 
Krawatten und Schirme. So gewiß der Farbentaumel nicht nur 
die Lockerheit des Animalischen meint, er antwortet ihr doch. 
Namen und Bedeutungen werden durch ihn aufgelöst; die selber 
aufgelöste Lust findet in den grellen Koloraturen sich wieder. 
Der bunte Glanz, der jede faßliche Geschlossenheit zerlegt, be 
stätigt die fragmentarische Natur des abenteuernden Dranges. 
Die Lichtreklamen dieses Viertels sind mechanische Feuers 
brünste, die vor käuflicher Sinnlichkeit zittern. Bengalische 
Diagonalen, die unter einem Baldachin sich kreuzen, Zielen ein 
deutig auf die Miste hin, der alles hier zuströmt, und das 
Mühlenrad von „l^loulin rouge", das da droben geht, mahlt 
kein Korn. Rot regiert; es ist an feinern Ort. Man glaubt das 
Kreischen der leuchtenden Murmeln zu hören, die sich aneinander 
wetzen; sie rollen unaufhörlich um eine Affiche, deren süßer Glanz 
nach dem Mischers der Straßenhändler schmeckst Mitten im 
Similischmuck schwebt ein Kirchenfenster, farbige Wonnen in 
engem Kreis; gebetet dahinter wird nicht. Das Gestammel isst 
so aufdringlich, daß es den Himmel verschleiert. Von oben 
blickt lächelnd ein Kinderkopf herab, der sich gewaschen hat. Mit 
einer empfehlenswerten Seife. 
Von Strahlen durchbohrt, wä^zt sich die Menschen Masse 
immer neu in das Glutgebiet. Aber weder wird sie mit den 
Ornamenten umgetrieben, noch verweilt sie in der prangenden 
Absurdität des festgebannten Feuerwerks. Unangefochten zieht 
!sie weiter. Währcnd sie, angetan mit Uhren, Stöcken, Krawatten, 
sich voranschiebt, versprüht ihr Besitz über ihr in Schriften und 
Zeichen, die vor einem fremden Himmel auftauchen und in ihm 
am Ende verschwinden. 
An rKtckSrr uuÄ Moi'AGiL. Lins 
Llonsttsnfoiss. Osnt8sk VON MolfMn.a L. Oros- 
Uras. lM. ZZS Seiten. 6eb. c/t S.ZS. 
Di6L6 ZnmmluuK junger ru8LiLedsr lütsratur ver- 
aimKt n-srtvollo mit äuredsedrüttliedsn ^.rboitsn, ?u 
äsrsn IIsdorZstLuns eiMutlied koln ^nlaü dsstanäsn 
ULtts; oder äsr UorLusMdsr Uomon Oul lioü sied, 
visÜmedt mit Usedt, dsi ^us^adl aued von äom 
Ltokk dobtimmen. In äsr lat ist doi ^Verkon, die 
ons Uuülanck kommen, cios rein stoküieds Interesse 
deute noed begründet. Nun moedte doren. nie es ge- 
^esen ist, vüe von Uussen, selber die Uevolutionser- 
eiLmisse und das neue Ue^ims beurteilt werden. Die 
Autoren der KnmmlunK sind Zumeist OreMMr, einer 
von idnsn bot die Revolution nuk der Leite der ^ei- 
üen mitMmaedt. In idren RrLädlunMu tritt die 
nolitisede Rarteinadme dinier der msnsedlied betei 
ligten Vorstellung der vinLelMsedednisse rurüek, und 
es Lei^t sied, dost oued in Lo^iet-RuAnnd üoed 
Nenseden leben und niedt nur Rropo^andisten, vde 
man es sied monederorts in Westeuropa, vorLustellen 
beliebt, stark ist die Novelle: „Lins so einkoede 
Lnede" von Boris vL^vrenjo^, in der ein kom- 
munistiseder 8mt^el von den Weiüen überküdrt und 
ersedossen vürd; die versediedenen Le^rEs über 
Beben und Oereedti^keit entviekeln sied dier nadeln 
nlaka,tdakt in einer dramatised ZmMspit^ten vialsk- 
tik. Ledla^end aued die grausame Bsedeka-^ ovelle 
von ^v^ust I avmtsed, die den Bxekutivbenmten 
bei der Blutarbeit vorküdrt und das Vemised von 
Bad. Biliedt und Bkel über sied selbst analysiert, 
aus dem er Zuletzt bestedt. In einer anderen ve- 
sediedte, deren Haltung an die jüngst ersedienenen 
Novellen. Alexandra Lollontavs erinnert, ersediebt 
sied eine „Oenossin", die das unLärtlieds Llima des 
ökkentlieden Bebens niedt erträgt und über idre 8ehu- 
suedt naed einem „spieüiMn" Beim ver^eikolt. vv ie- 
i der eine andere LkirM vm-MKennärti^t die Linnlosig- 
! keit und ^ukälli^keit des Binrelsedieksals ^vädrsnd 
des Bürgerkriegs, weitere dlamen und Angaben er 
übrigen sied; Senug, daL die grollen gssediedtlieden 
Vorgänge sied dier von allen menseddeden Zediedten 
ergrilken und gesviegelt linden, und ein Batsaeden- 
material unterbreitet ^vird. das, mag es aued erkun 
den sein, manedes streikender sedildert als ^ktenbe- 
riedte. 
vie Ltilmittel der jungen Autoren sind aus der 
Bradition gesedöplt und 2uni Bntsrsedied von Bja 
Bdrenburg (der in der Zammlung niedt vertreten ist) 
vill eine alte ü^eednik sied der neuen Oedalte be- 
mäedtigen. 2um Olüek v^aren die Vorbilder »gut. 
^ber aul die Dauer ^vird es damit niedt getan sein, 
denn an dem revolutionären Gegenstand allein 
ist in der Biteratur niedts gelegen. Braeausr.
        <pb n="4" />
        In KerZrvraL'L RLNÄ M^iK. Voveiierr. Von 
Knck?/a--ck Lip^Ln//. kn§ OeM§6?r6 redev- 
tvaasn von Kuäoif von 8e/ro?t2 nnä ^Me?m 
^s^mttnn. I-erv^i.a, Inst. Z6^ Keitsn. 6^eb. 
6.56. 
Den srstM bsiäsn UäQäsn äsr inusterMtiMN Lin- 
! UuK ^us^Lds äss kaulHst-Verlags Ist rassd äisssr 
I16US Mkol^t. äs? oius ^N23,di von dlovsttsn sebt Hp- 
liLKsedsu Osdlüts Vbrsmi^t. vis mäiseks 801ms drütst 
über äsn 8eb^Lr2sn uuä V/siLsn, äsr vlebtsr lisdt 
äis Uit^s, aued ssins Nsnssdsn sinä beiü. l^r dsä^rt 
äsr sxotissbso I^amässbsckt nur, um ssins Oesebönks 
LUS äsr Civilisation voraus xustsllsn uuä sis 3,1s 
i^atur^vsssu 2U 2SiMQ; uisbt um 6s 3 Lxotisehsu 
ss^dsr ^su. lu äsr ^ropsu^ut ottsudart sied äsm 
alten Usiäsn Llpliu^ der Nsnsed, ^is sr vou l^atur 
Lus ist. vadsr sr äsun aued mit uuvs^dod^snsr 
^Vouns iu sinsr ^r^LliIuu^ ssins Inäsr, äis äsm Oott 
äsr vins:6, ^vis sis sinä. äisnsn. über äsn armen, dra- 
vsu äsutsedsn Missionar triumndisrsn lallt; äsr näm- 
lied äisut äsm 6ott äsr vinM, ^is sie sein sollen. 
Mit arimmiMM Uumor uuä dort ^u^rsilsnäsr 8praeds 
vaedt sr äis sedv/ar^sn ä&amp;gt;usu an unä sednitxt sis iu 
8ednurrsn ^ursedt. 8is srsedsinsn adersMudised, siksr- 
süedti^, lüMsrised uuä siuä im Orunä präedtiZs 
Lsrls, unvsrdilästs dlaturnroäudts aus äsn Osedun- 
wlMMnäsn. an äsusu man niedts änäsrn soll. Nit 
idnen srstsdt äis idanäsedatt. äsr sis ent^vaedssn; 
! sius Ilsdsrseä^smmuu^ ist dsrrlied Msediläsrt. 8sins 
unMdroedsnsn männdedsn Instinkts küdrsn äsu vied- 
tsr von ss'dsr 2ur naiven Verdsrrlieduns; äss Em 
pire uuä äsr luMuäsu äss en^iseden Nitttars. ^dsr 
sr suedt äa« Usläentum sdsr bei äsu (Gemeinen als 
dsi äsn Okkizim'su uuä dat Usrr Müus. äis vaZa- 
bunäendakten ^.nasdöri^^n äsr unteren Volks sein eil 
ten mit Olan2 2u üdersodütten. ra. 
Sonntag Morgen. 
Von L LL«». 
Wundervoll gekleidete Herrschaften promenieren am Sonntag 
Morgen- zum 8013 immer auf der einen Seite der Avenue, so 
verlangt es der Brauch. Warum es ein Brauch ist, wissen sie nicht. 
Während sie gruppenweise hinschlendern, betrachten sie sich und 
flirten ein wenig, wohlerzogen wie auf Porz-ellantellern. Ueber 
die Bräuche nachzudenken, wäre ihnen zu beschwerlich. Winzige 
Herrchen und Dämchen schreiten würdig im Zug, Kinder ohne 
Zweifel. Sie sind in Pelzmänteln und Galoschen geboren, niemals 
werden sie schmutzig. Die Rasenflächen leuchten grün, und daher- 
geritten kommt ein General aus der Schulgrammatik, wo er das 
Subjekt in Hauptsätzen ist, -ein stolzer General mit seinem Fräulein 
Tochter. Er verschmäht es, um sich zu blicken, die Welt ist in 
Ordnung. 
Es ist noch früh, vor Mittag. Neben die Straßen im Lors 
hat der liebe Gott Gebüsche und Bäume gestellt und ihnen ein 
besonders gesittetes Benehmen zur Pflicht gemacht, weil die b ste 
Gesellschaft sich unter ihnen ergeht. Täglich werden sie frisch 
gebürstet und zurechtgestutzt wie die Schoßhündchen in den Salons. 
Der Lieblichkeit wegen sind auch Seen angebracht, die sich mit un 
befangener Natürlichkeit Winden, längliche und runde, jür jeden 
Geschmack. Die Ruderpärchen auf den Seen flüstern in 
Alexandrinern. An den Ufern liegen entzückende Pavillons, in 
denen berühmte Schauspielerinnen zu dejeunieren pflegen. Hinter 
den Spiegelscheiben sieht man den General vor einem gedeckten 
Tischchen sitzen, seine Tochter ist von Verehrern umringt. Draußen 
schnauben ungeduldig die Rosse. Bald sprengt die Kavalkade 
davon. 
Ueber die Hauptalleen rollen elegante Autos, die sich ohne 
Unterbrechung an dem schönen Morgen erfreuen. Sie kennen 
einander und nicken sich Zu. Die Püppchen in ihren Fenstern sind 
kleine Idole, die vor Unfällen schützen und die Insassen erheitern. 
Wenn es den Alleen zu anstrengend ist, gradeaus zu laufen, 
krümmen sie sich sanft. Das Naturempfinden der Limousinen ist 
so fein ausgEldet, baß sie bei malerischen Punkten von selber 
stoppen. Die Herrschaften steig-en aus und wandern auf ver 
schlungenen Pfaden durch die Waldnischen, die für solche Aufent 
halte vorgesehen sind; die Pfade leiten wieder zum Ausgangs 
punkt hin. Nach dem Genuß der Wälder sinken die Herrschaften 
befriedigt in die Polster Zurück. 
Die Lichtungen sind als Tennisplätze und Rennbahnen aus 
gebildet, auf Venen sich die große Welt in modischen Kostümen 
Leugnet. Vornehm schlafen die Tribünen in den Morgen hinein, 
sie empfangen erst später. Von jenseits der Seine glänzen weiße 
Häuschen auf den Hügeln; die ganze Natur hier ist hochherrschaft 
lich. Selbst ein Kammerdiener könnte sich ohne Anstand in ihr 
bewegen. 
Dem Lois entlang dehnen sich die Villen und Wohnpaläste. 
Manche 'haben sich in Privatstraßen zurückgezogen, die nur mit 
Ausweis benutzt werden dürfen. Das Personal hat seinen eigenen 
Aufgang, man ist unter sich. Eine mVd abgetönte Ruhe herrscht 
in dem Viertel. In der Palmenhalle eines Blumengeschäfts be 
spricht die Frau des Generals Mit der schmucken Verkäuferin ein 
Arrangement. 
Um die Mittagsstunde kehren die Limousinen aus dem Dois 
zu den Wohnpalästen zurück. Aus der einen Hüpfen leichtfüßig 
zwei junge Mädchen in Kornblumenblau, die sich mit ihren Be 
gleitern einem schmiedeeisernen Portal zuwenven. Wie hübsch 
baß man im Grünen zusammen war, morgen abend trifft man sich 
im Theater. Sie winken sich Abschied zu, und das eine Paar 
fährt davon, nur wenige Schritte weit, zu einem der Nachbar 
paläste. Vor allen Portalen halten die Autos, die gleichen, die im 
8015 gehalten haben. Die Herrschaften sitzen oben, speisen und 
plaudern gewählt. Sie werden dann etwas schlafen wollen. Der 
General muß nicht um sich blicken, seine Tochter hat sich verlobt, 
die Welt ist in Ordnung. 
Der Schachspieler. 
r*SOLL. Paris, im Januar. 
Der französische Großfilm: „D e r Schachspieler" (1^ 
joueur ä eskecs), der Zur Zeit im Theater MELrivaux läuft, wrrd 
Karriere machen. Er ist nach einem Roman von Henry Dupuy- 
Mazuel in Szene gesetzt, der zu Ende des 18. Jahrhunderts in 
Polen und Rußland spielt und eine Episode aus dem Kampf um 
die polnische Unabhängigkeit mit vielen höfischen Jntrigen verziert. 
Weder die historische Fabel noch die Großartigkeit der Hinter 
gründe zeichnet diesen Film vor den deutschen der gleichen Gattung 
aus; obwohl die Arrangements in brn Schlössern zu Warschau 
und Petersburg mit kaum Zu überbietendem Geschick getrosten 
sind und das Näherrücken von Reitermassen durch dre Wahl der 
Blickpunkte und die Art der Bildfolg^e zu selten starker Wirkung 
gelangt. Doch hat man ähnliches bereits gesehen. Was da 
gegen hier wohl zum ersten Male auf der Leinwand dargestellt 
wird, ist der Schrecken, den automatische Figuren ver 
breiten. 
Kein besseres Thema ließe sich für den Film ersinnen. Die 
Automaten sind sichtbare Gegenstände, und klappt man sie auf, 
so kann man in das Innere blicken, das bei den Menschen ver 
schlossen ist. Nicht die Bewegungen nur, die sie vollführen, auch 
die Gründe ihrer Bewegungen sind wahrnehmbar; denn an der 
Stelle des Herzens haben sie Zahnräder und Spülen. Die mensch 
lichen Entschlüsse mögen die Sphäre des Films durchbrechen, der 
Automat geht bis zum Bodensatz seines Wesens in sie ein. 
In dem „Schachspieler" ist eine der Hauptpersonen ein Baron, 
den Charles Dullin, der Direktor des Montrnarrre-Theaters: 
„O'^telier" mit dünnen Lippen und dem für die Zeit der Auf- 
Närung bezeichnenden skeptischen Lächeln als einen ausgepichten 
Sonderling vergegenwärtigt. Nicht ganz zu Unrecht, da der 
Baron als würdiger Nachfahr Lamettries die Prunksäle seines 
Hauses mit selbs^eschaffenen automatischen Personen angefüllt 
Art. In die Mitte der kreisrunden Halle hat er sein eigenes 
Ebenbild hingestellt. Beliebt er auf die verschiedenen Hebel zu 
drücken, so erscheinen: ein Fräulein, das Mandoline spielt, ein 
Mann, der mit dem Kopf wackelt, ein rührendes Familiensttlleben 
und noch andere Scheinmenschen mehr. Sie wackeln, spielen, 
schreiten im Sinne des Barons, und so vollkommen ist in diesen 
Szenen der Film, daß man den Eindruck erhält, es seien du 
menschlichen Darsteller des mechanischen Hausstandes in der Tat 
Automaten, die ihrerseits wieder zu Menschen gediehen seien. 
Das Aeußerste ist aber in den SchlußaufirMen erreicht. Ein 
russischer Major dringt in das verlassene Haus, um irgendein 
kostbares Dokument an sich zu reißen, dessen Aufbewahrungsort 
er nicht kennt. Er gerät in die Halle und tastet die Hebel am 
Schaltbrett ab. Dinge geschehen, die ihn verwirren. Die weißen 
Tücher, unter denen die Automaten geborgen sind, schlagen Falten 
und setzen sich iu Gang. Der Major Zerrt an den Tüchern: 
freundlich lächelnd steht ihm der künstliche Baron gegenüber. Sein 
Schöpfer und Doppelgänger hat Einbrüche vorausgesehen und sich 
durch Mittel gegen sie zu schützen gewußt, die wirksamer, wenn 
auch umständlicher als Alarmglocken sind. Während der Major 
den Kopswackler mit dem Säbel guillotiniert, tritt er auf eine 
Fußbodenplatte, die mit gottweiß welchem Uhrwerk verbunden 
ist. Es öffnen sich ringsum die Türen. Aus allen Türen kommen 
automatische Soldaten mit geschwungenem Degen hervor. Sie 
rücken Schritt für Schritt auf die Mitte der Halle zu und kreisen 
den Major völlig ein. Neben ihm der künstliche Baron fährt be 
harrlich Zu lächeln fort und die Mandolinenspielerin Zirpt. Um 
sonst versucht der Major dem Säbelgefuchtel zu entrinnen. Die 
ausgeklügelte Fechtkunst der Homrnes rnLsbines ist größer als 
die eines lebendigen Offiziers. Er bricht zusammen. Ueber die 
Leiche senkt sich lächelnd der nun endlich aus den Fugen ge 
gangene Baron. 
In dieser Szene trifft der Film mit einer Wirklichkeit zu 
sammen, die ganz die seine ist. Der Automat, den er umgreifen 
kann, weil er ihm gleicht, besiegt hier den Menschen, und nichts 
entzieht sich mehr der mechanischen Aeußerlichkeit. Das Umsicht- , 
bare wird durch die farbige Sichtbarkeit verneint, keine andere 
Welt außer der den Linsen preisgegebenen scheint zu bestehen. 
Die Gewalt der Dinge über den Zum Ding gewordenen Men 
schen, die ein großes Thema der amerikanischen Filmgroteske ist, 
hat sich in der Ungestalt der Automaten dämonisch personi 
fiziert. 
Bilder aus diesem Film wird „Das Illustrierte 
Blatt" in seiner nächsten Nummer veröffentlichen.
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        Hotel Stadt Lemberg. 
Hauswand, die durch die Blumen nicht sonniger 
Arbeiterstädten deZ deutschen Industriegebiets 
rnca. 
blumen an einer 
wird. 
Auch in den 
macht sich häufig ein Mischmasch aus Schlupfwinkeln und Kasernen 
breit, der von beachtenswerter Widrigkeit ist. Doch bleibt diesen 
Massenstationen, die das Werk der Zufälle und Spekulanten sind, 
die Hoffnung nicht fern. Ueber ihnen raucht es von Fabrikschloten 
und in ihnen geschieht etwas. Die Barbarei hat die Kraft zum 
Protest, den Willen zu ihrer Verwandlung. Malakoff kennt die 
drohende Gest-e nicht, Malakoff ist der Verzicht. In seinem Elend, 
das nichts mehr mag, läßt es sich gehen, und fügt zur Häßlichkeit 
die unnütze Spielerei. So streichen manche durch die Tapetenmuster 
ihrer Zimmer und wissen doch, daß es einen Ausweg nicht gibt. 
Zwischen Zwei Häusern, die nichts miteinander Zu schaffen haben, 
schwingt ein hölzerner Verbindungssteg durch die Lüste Schnörkel 
rasen über den Putz, die bei ihrer Geburt bereits überflüssig 
waren. Die Unstnnigkeit der Fensterspalten, deren viele ihre 
Räume nicht finden, wird durch die der Mauern üöertroffen, die 
sich allenthalben verlaufen. Was sie begrenzen, läßt sich wohl nie- 
ckals enträtseln. Sie sind launenhaft und senil und stocken mitunter 
plötzlich, als seien sie selber davon überzeugt, daß die Anstrengung 
sich nicht lohnt. Verschanzt sich wirklich einmal etwas hinter ihnen, 
so ist es eine zerbröckelte Remise oder eine geringe Baracke, deren 
Zuschnitt verjährten Vorlagen für Baugewerkschulen entstammt. 
Allerdings, es kann sich ereignen (was in Deutschland unmöglich 
wäre), daß aus dieser geringen Baracke ein Dämchen in weißem 
Pelzbesatz fliegt, ein Dämchen von Linie und Schick, der Mantel bei 
Printemps gekauft. 
Das Verhältnis Malakoffs zur sprießenden Natur ist von 
Grund auf verpfuscht. Aus Wohnungsnot offenbar, und um sich 
zu entrinnen, hat die Stadt versucht, sich auf dem Grüngürtel zu 
entfalten, der sie von Paris trennt. Man wollte lieblich werden, 
eine Art von Laubenkolonie, sie ist danach. Der bekannte Zyklon 
in amerikanischs« WlmMotesken hätte mit den Wohnwagen, den 
vorne kleben Affichen. Die Fronten der großen Boulevards und 
Avenuen sind in einem Zuge hingestrichen, hier dagegen ist man 
Zu müde, um nur neben sich zu blicken. Am üppigsten hat die Phan 
tasie mit dem Backstein geschaltet. Auf seine Leuchtkraft vertraut 
die Mairie, ein lecker abgeriebener Kasten, mit dem verglichen die 
Zuchthäuser Manien sind. Er befindet sich nicht an einer Haupt 
verkehrsader, sondern ist in einer Ecke aufgeschlagen, um die Leute 
herbeizulöcken. Gitterstäbe mit gußeiWnen Pfeilspitzen verhindern 
die Sekretäre am Ausbrechen, und ein unfreundlich zugefeiltes Uhr 
werk am Giebel bewacht die Zeit. Gegenüber funkeln Sonnen- 
abgetakelten Karossen und den übrigen Holztrümmörn leichte 
Arbeit. Die Vertikale ist in dieser veralteten naturalistischen 
Kleckserei verpönt Bei ihrer Improvisation hm das Blech viel 
fältig mitgewirkt, auch die Bäume sind aus ihm gewickelt, man sieht 
die eingestanZLen Löcher und wenn das Blech nicht gelangt hat, 
so hören sie auf. Unbeschädigt gewachsen ist nur der Telegmphen- 
mast, ein schöner Holzstamm, der über das Gerümpel ragt. Wo sich 
das Altmaterial am dichtesten häuft, ist ein Schild mit der Auf 
schrift: „vanoinA" angebracht. Ein verhutzelter Stall, der eine 
Eonfiserie zu bergen vorgibt und am Sonntag der Lustigkeit dient. 
Vor der Dachpappe klappert ein Weib mit den Holzsandalen, der 
rosa Trikot wölbt sich enorm. 
Im Umkreis erheben sich zur Verzierung nackte schwarze 
Gerüste. Sie füllen Zwischenräume aus und bilden Filigranmuster 
vor dem Himrüel. Wird m Malakoff gebaut? Es wird gebaut; -aber 
auf eine Weise, die den herkömmlichen Begriffen widerstreitet. Das 
Bauen nämlich ist hier keine Tätigkeit, es ist ihre Unterlassung. 
Zu irgend einer Zeit haben enLschlußfähige Menschen in Malakoff 
Würfel aus Ziege-steinen bis zu halber Höhe getürmt, herrliche 
Würfel mit vier Kanten und Oeffnungen, die aus Mangel an 
Baustoffen eingeschaltet worden sind. Dann muß ihnen der Kredit 
ausgeblieben und die Luft vergangen sein, die Atmosphäre hat sie 
vielleicht bedrückt, kurz, die Würfel stehen einsam und ausgehöhlt 
auf den Feldern, sie sind sehr rot und es Zieht durch sie hindurch. 
Das Rennen hat ein kolossaler Rohbau gewonnen, er ist eine 
soeben fertig gestellte Schloßruine, in der es von Höfen, Kapellen-- 
fenstern und Portalen wimmelt. Eine Zerronnene Seifenblase 
Malakoffs, die Bestimmung des Projekts wird ewig unbekannt 
bleiben. Oben ist es von Betonstürzen abgeschlossen, aus denen die 
Drähte hängen. Sie werden eines Tages zu Spiralen gerollt in 
der Laubenkolonie wiederkehren. 
Zollhäuschen, Rasenstreifen und Eisenbahndamme nur scheiden 
Malakoff von dem eigentlichen Paris. Es ist eine Alpdruckvision, 
es bietet hier die Schale der Schalen, die den Kern ums-chnürt 
und keinen Schimmer nach außen dringen läßt. Dem Verzweifelten 
mag eine Fata Morgana erscheinen, der für immer Ausgeschlossene, 
der nicht mehr weinen kann, hat die Bruchstücke der Dinge in 
monströsen Kurven vor Augen. Das Paris, das bei Malakoff auf- 
taucht, ist eine gra^e Masse von MieLshausblöcken, die unendlich 
lang sind und viel zu schmal — als hätten die Richtungen sich in 
einem Riesenhohlspiegel verschoben. Zinnchen und Scheinkuppeln 
thronen auf den Dächern, und ein winziger Aussichtsturm, der nicht 
zu besteigen ist, windet sich über der Gegend. - 
1,8. ville äs 
Bon Naea. 
Paris, Anfang Jannar. 
Im Süden von Paris, gleich an seinem Rand, liegt Mala- 
koff- eine Proletariervorstadt, die ein Kehrichthaufen ist. Daß 
die Abfälle von Paris sich hier ihr Stelldichein geben, wäre das 
Schlimmste nicht; Absälle sind bunt, sie können das vollendete Ge 
bilde überstrahlen. Aber diese Müllgrube von einem Ort ist der Ver- 
aessenheit preisgegeben. Kein Blick ruht auf ihr, nichts verbindet 
sie mit dem Glanz der Welt, die sie ausgestoßen hat. Umsonst 
möchten einige Auto-Garagen und evva eine Weinhandlung den 
Anschein kommerzieller Unternehmungen erwecken — der Betrieb, 
der Leben heißt, hat Malakoff den Risiken gekehrt, und nun fristet 
es das Dasein jener Zahllosen Pariser Hinterhöfe, auf die nur 
blinde Abortfenster starren. 
Menschen, die der Melancholie erlegen find, sinken aus dem 
erfüllten Raum in eine Leere von unbestimmbaren Dimensionen. 
Da sie sich den Zusammenhängen der Oberfläche und der Wirklich 
keit entzogen haben, stehen die Erinnerungen in ihnen beziehungs 
los neben dem Gegenwärtigen, und aus der Perspektive der 
Schwermut entstellt sich ihnen die Welt. Malakoff ist von der Ver 
lassenheit gezeichnet. Es ist keine Stadt, sondern ein Komplex, 
eine Ansammlung von Stücken und Teilen, die der gemeinsamen 
Absicht entraten. Sie sind ein Rinnsal verschrobener Erscheinungen, 
aus dem Trübsinn geflossen und lungern in lasier Vereinzelung 
umher. 
Vor Zeiten muß es hier ländlich zugegangen sein. Fragmente 
von Bauernhäuschen sind übrig geblieben, auch ein Herrschafts 
gebäude mit Freitreppe hat sich im Ausschnitt erhalten. Gewiß 
wären dre Reste längst erledigt, hätte nicht die Apathie der Ver- 
lorenheit sie vor dem Untergang bewahrt. Sie blinken wie em 
ruiniertes Kinderspielzeug im Schutt, ganz still, denn wenn sie sich 
regten, zerfielen sie ganz. 
Trotz dieser Viertelsidhllen ist Malakoff eine richtige Stadt. Es 
besteht aus verschiedenen graben Straßen, die sich nach Diderot 
und Voltaire nennen, aber freilich ein Pflaster von durchaus un 
aufgeklärter HolpriMt besitzen. Immerhin ermöglicht es die Bil 
dung von Pfützen, in denen sich etliche Zillekinder schon von früh 
auf das Lokalkolorit aneignen können. Die Häuser, zu denen sie 
gehören, scheinen bei den Klängen eines Orchestrions gezeugt. Nicht 
eines ist so hoch wie das andere, es rattert hörbar aus ihnen, 
-- Der mlm ist gut. Er rollt (nach dem Roman von Ludwig 
Brro) eme Episode aus den Anfängen des Weltkrieges aus, mit 
AEichrschem und russischem Militär, so viel Krieg mochte man 
mehr sehen. Die Oesterrcicher siegen zuletzt. 
Doch nrcht darum rst der Film gut. 
Ss^st^i^bichliet, ist die Dachellung der östlich-n 
der eingesetzten Typen, die Verbild - 
lrchung des Wechsels von Siegern und Besiegten. Mit einer Regie 
Msi. die auch um die Uebergänge weiß und immer die richtiges 
Assoziationen triM hat Maurice Stiller diese Welt dicht ac- 
fugt. Russen und Oesterreich«! reiten in Teilausschnilren, die ihre 
Massen ahnen lassen, durch das Städtchen und wieder davon Ver 
schwommene Bruchstücke von der Front, die hinter den SchEitelu 
Eauchen smd zulänglicher als die oft versuchten ausführlichen 
Schlachtmalereren, die unmöglich sind. Auch die nächtliche' Reiter-' 
sZene gleich zu Beginn läßt der Phantasie den notwendigen Spiel 
raum Überhaupt hat die Regie das Maß des zu Zeigenden sicher 
avgefchatzt und die Proportionen der Bildstreifen genau erwogen. 
Dre Handlung baut sich um Pola Negri auf, die "als 
Stubenmädchen im Hotel Stadt Lemberg amtiert Das Hotel muß 
schon vor dem Krieg viel erlebt haben, seine verdächtige Weib 
räurmgkeit und sein angeborenes schnuddeliges Wesen glaubt 
marr rhm aufs Wort. Schwarz und schön, ein Land- 
madchen von natürlicher Bildung, hält Pola Negri in den 
chr anvertrauten Räumen treu an Oesterreich fest. Es 
^icht gemacht, den zilrückgebliebenen öster- 
rerchrschen Ofnzrer Zu schützen, da die Russen, wundervoll gc- 
lungene Rusten, wie man sie in Wirklichkeit kaum noch sieht, säuU&amp;gt; 
Lrche Rchen durchdrmgem Der russische General George Siea^ 
Manns, der so gut nach dem Leben gestaltet ist, daß das Leben 
wreder als Modell benutzen könnte, will sich das Stubenmädchen 
selbstveritondlrch. gefügig machen. Wie sie sich seinen Pranken stets 
von neuem entzieht, wie-'sie, von Festkleidern umhüllt, als Dame 
dre Treppe herunterschreitet, eine Dame, ohne es zu wissen — in 
dresen schwierigen Situationen entfaltet Pola Negri olle Seiten 
Ker Darstellungskunst. Andere Spieler sind ihr ebenbürtig 
Mit schreckllrcher Abgefeimtheit schleicht Michael Vav lisch M 
russischer Lpion durch das Stück. Vergessen wir auch nickn den 
Portrer Max Davidsohns, dieses kleine, rührende jüdische 
Männchen, das so menschlich ist und so verängstigt die Hände über 
dem Kopf Zusammenschlägt. Erst am Schluß darf es jubeln, wenn 
me Oesterreicher in das Städtchen einziehen und nach dem Dank 
gottesdienst die Heldin mit ihrem geretteten Offizier große Ehren 
gepreßt. Dieses Prunkfinale ist technisch einwandfrei bewältigt und 
lost eine starke Wirkung aus. 
-Der Film läuft in den N f a - Z ichtspieleu.
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        --- „Die lachend GriM^ — ein Lustspiel mit Prominenten. 
Dieser Film, der im Kapitol-Theater läuft, enthält eine 
Reihe wunderschöner Szenen Er ist nach einer Erzählung der 
George Sand komponiert, und mit ihr selber, der Dagny Ser - 
vaes (etwas Zu üppig wohl) Geist, Würde und Hosen leiht, er 
scheint ein -ganzer Kreis illustrer Namen: der schwärmerisch-düstere i 
Chopin Alfred Abels, Rossini und der Baron Rothschild gar.! 
In diese Gesellschaft gerat auf märchenhafte Weise die kleine Fa- 
bette, auch „Grille" genannt, ein armes Mädchen, das von dem 
! Dorf verachtet wird. Entzückend stech, mit einem offenen Mund, 
der immer lächelt, wird dieses Aschenbrödel von Lha Mara ge 
spielt; kaum je hat sie sich unwiderstehlicher gegeben. Sie liebt 
Harry Liedtke, der als Bauernbursche nicht wiederzueckennen 
ist, glaubt aber auf ihn verzichten zu müssen, und kommt in unbe 
schreiblichem Aufzuge nach Paris, gradwegs zu Baron Rothschild, 
der sich des Dorfengels annimmt, so sehr erbaut er sich an seiner 
Naivität, die ihm selber fremd ist. Eine tolle Geschichte: die Un 
schuld vom Land steigt irmner höher empor, zerhaut manchen gor 
dischen Knoten, gelangt zu einigem Reichtum und vergißt doch 
im Glanz ihren Liedtke nicht, den sie schließlich auch kciegr. Frei 
lich, wenn man so ein Großmütterchen hat wie Mette Guil- 
b e r 1, die als gute Hexe über der Enkelin waltet, muß es schon 
glücklich ausgehen. — Die Zuständlichkeiten sind zu breit entfaltet, 
an einem Volksfest wäre es genug gewesen. Aber die Darsteller, 
Lha Mara vor allem, machen die Längen nach Möglichkeit kurz 
weilig, lustige Auftritte sind hinreichend eingestreut und die Regie ! 
hat die Einzelheiten geschickt entwickelt. rooL.
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        einandergerüttelt. 
raca. 
— Mörrig TLir.I Aus Paris wird uns geschrieben: 
Ein französischer Film der letzten Wochen: „Liti l., 
der König der Gassenjugen^ Isi-, E ckes 
QoLse.8") ist seinem Inhalt nach aufschlußreich, weil er, ohne es 
im übrigen zu verhehlen, ganz in das Gebiet der Kolportage g-e- 
hört. Die Kolportage bringt vieles an den Tag, was das Licht der 
höheren Künste oft scheut. Der Litt mit seinem Wuschelkovf ist das 
Muster eines Pariser Gassenjungen — ein Boulevard-Blatt siai 
seinen Darsteller jüngst sogar interviewt, so populär ist die Figur» 
Jungenstreiche werden nun seit Mark Twain gewöhnlich in 
Amerika verübt. Was tun die Buben dort in den Filmend Sie 
bilden Banden, die sich Straßenkämpse liefern, und begehen 
mancherlei heroischen Unfug, nicht ohne das unverdorbene Herz 
leuchten zu lassen. So Jackie Coogan, der das unbestrittene Vor 
bild ist (oder war). Aber Liebs rennen die Knaben nicht. Mary 
Pickford ist ihr Spielkamerad, Zärtliche Regungen stehen , hinter dem 
allgemein-menschlichen Edelmut zurück, den sie freilich in unglaub 
tichen Quantitäten besitzen. 
Der , Pariser Ati — höchstens Zwölf Jahrs zahlt der KnirM 
— .unterscheidet sich von den auswärtigen Kollegen durch seine 
amvuröfs Natur. Gewiß, auch er ist artiger Unarten voll, doch er 
setzt sie um der Rettung eines kleinen Mädchens willen ins Wer* 
für das er besondere Gefühle hegt Die Triebfeder seiner Taten ist 
die Liebe. Er weiß nichts von geschäftlichen Abschlüssen, wie sie 
Jackie tätigt, er ist auch Lein reiner Tor, wie die Boys auf der 
Leinwand. Ein Troubadour steckt in Titi, und seine Züge tragen 
schon die Spuren der vererbten und vorgsahnten erotischen Er 
fahrung — er müßte sonst kein Franzose sein. Die winzige Er 
korene aber ist nicht nur die Königin seines Herzens, sondern eine 
wirkliche Balkan Königin, der ein Prätendent das Geburtsrecht 
streitig macht; was allerdings erst ganz am Schluß an den Tag 
kommt. Nach der Enthüllung wird ein märchenhaftes Zeremoniell 
aufgeöoten. Die Miniaturfürstin im StaaLsNeid mit endloser 
Schleppe empfängt vor ihrer Abreise (nach dem Balkan) noch ein 
mal den kaum minder aufgeputztsn Titi, der ihr verspricht- sie 
später aufzusuchen. Er wird es zu einer gesellschaftlichLN Stellung 
durch das Mädchen bringen Lis^e, Ritterlichkeit, Glanz: die Welt 
der kleinen LLM ist die der groben- 
--- Das PanzsrgewMe. Ein guter DeteMvfilm, der in den 
Natlonaitheatcrn (Scala- und Hohsnzollerntheatei) 
lauft. Stuart Webbs, alias Ernst Reicher, ist in chm wieder 
auferstanden. Vor mehreren Jahren lief eine ganze Serie dieser 
L-tuart Webbs-Film«, die hübsche und schaurige Detektivabenteuer 
anemanderreihten. (Einige Stücke, so vor allem «Der Amateur 
detektiv", wünschte man wieder einmal zu sehen-) Die Mode wech- 
iclte, an die Stelle des Kriminalfilms trat der Gesellschaftsfilm, 
der eine schöne Gesellschaft Zeigte. Vielleicht war es auch ganz gut, 
daß Stuart Webbs in der Versenkung verschwand, denn sein 
Scharfsinn hatte beträchtlich abgenommen. Die lange Brachreit 
scheint ihm gut bekommen zu sein. Das .PanzergewWe""bat 
Sand und Fuß, und Webbs-Reicher zeigt sich auf dem Gipfel 
seines alten detektivischen Ruhms. Er hat es mit einer Falfch- 
münzerbande zu tun, an deren Spitz« ein unheimlicher Mann mit 
einem Vollbart steht: Heinrich George. Man möchte ihm 
nachts nicht allein auf der Straße begegnen, und seine Komplizin 
Aud Egede Rissen wird denn auch kurzerhand von ihm er 
würgt, weil sich das Mädchen verräterisch benommen hat. Wie er 
wippend dasieht, die Hände in den Hosentaschen; wie er kalt- 
lachelnd Erpressung übt, wie er zuletzt sämtliche Stadien der grob 
PhWchen Angst durchläuft: das ist schon eine fein aufgebaute. 
Wirkungsvolle Leistung. In der Begleitung Ernst Reichers frei 
lich konnte man ihm auch nachts ohne Furcht begegnen. Das 
weltmännische Wesen die Ironie und die freundliche Uebcrlegen- 
hert des MeisterdetektivZ ist noch anderen Schurken gewachsen« 
Zweigen wir über die Handlung, auf die Ueberraschung kommt 
es hrer an- Verraten sei nur das eine: daß es in dem Panzer- 
gewolbe schrecklich zugeht und harmonisch endet. Auch in der Bei- 
Mrichung des Humors ist das Rezept für den guten Defektiv oman 
gewd befolgt. Witzig ist vor allem ein sanfter Verbrecher 
typ, der über eine Art von milder Gemeinheit verfügt. Der Be 
such des Films ist sehr anzuratm. raeu. 
Das Serkaer Nettopollheaker 
lm Schumamthealer. 
Si«« Do-prlreva«. 
— .Welches ist daS betSrendste Gift? Das WeiL-^ So fragt, 
fo antwortet Elfe Berna, die Hauptdarstellerin der Metropol- 
theater-Revu« und vergiftet dann das Publikum mit sich 
selbst und den Girls vom Metropol. Die Mädchen tanzen und 
bilden geometrische Muster, wie es sich für eine Revue gehört, die 
Beine und Kostüme sind hübsch. Das übrige auch Eine schöne 
Gruppe ist die einer Rose, deren Riesenblüte sich öffnet und 
schließt. In einer Uebersicht über historische Tänze wird der 
Schieber: «Im Grunewald ist Holzauktion" stilgerecht zelebriert, 
auch die Rokoko-Pagen und die Csnvan-TLnzerinnen machen gute 
Figur und Figuren- Trotz des Hauptschlagers: »Das hat die Welt 
noch nicht geseh'n" hat die Welt freilich die meisten Figuren schon 
gesehen. Am originellsten ist die lustige VaristS-Szene, in der eine 
Dame einen Pony springen läßt. Der Pony ist künstlich, er ist, 
wie sich später heraussteLL, eigentlich ein Mmn, darum auch er 
scheint die ganze Pferd eanatomie sehr drollig verrenkt. Das Tier 
verübt vier- und zweibeinige Tänze, die unsere gewohnten Begriffe 
auf den Kopf stellen — eine GroteZknummer, weit über dem Durch 
schnitt. Und dann ist Leo Morgenstern vorhanden, ein dicker 
humoristischer Berliner Herr, der fortwährend in die Handlung ein- 
greift und manche erheiternde Zwischenfälle arrangiert, die das dünn 
instrumentierte Spiel angenehm unterbrechen. Sein Partner ist 
Charlie Brock, ein Schwerennöter, wie man so sagt, dem in der 
Revue zum mindesten keine Frau widersteht. Außer diesen beiden 
Herren scheint es weitere nicht zu geben, denn alle anderen Herren 
sind Mädchen. Als junge Gents in Straßenkostümen sehen sie 
übrigens reizend aus. 
Die Revue der Großen umrahmt die der Kleinen, die von der 
Welt seltener gesehen wird. Singers Midgets-Revue ist 
eine amerikanische Zwergenschau, die eine Fülle von 
Produktionen bietet. Die Vorführungen sind sonderbar aufreizend. 
Es ist ja nicht so, als ob man durch das umgekehrte Opernglas die 
normalen Proportionen verkleinert erblickte, vielmehr, man hat 
(wenn dieser Vergleich gestatte: ist) die Sensation, in ein mensch 
liches Aquarium zu schauen. Auf einem schönen, zarten Frauen- 
körper sitzt ein altes Gesicht, das nicht ganz zu chm paffen wm, 
slle Erscheinungen sind ein wenig verzerrt. Ihr Heraustreten aus 
den absoluten menschlichen Maßen rückt auch ihr Wesen uns fern, 
sie bilden eine Welt für sich, deren Gleichheit mit der unsrigen 
wieder, erstaunen läßt. Diese durch das Kleine hervorgerufene 
AbgesperWeit erzeugt wohl den schmerzlichen Ausdruck der Augen 
und drängt bei den Beschauern das Lachen dort auch zurück, wo 
es am Platze wäre. Die Leistungen der Truppe sind außerordent 
lich. Ihre Jazzband vollführt auf normalen Instrumenten, 
die nur eine eigene MpuLanische Tastatur besitzen, eine unver 
fälscht niggerhafte Musik, scharf und exakt im Rhythmus; sogar 
das Zu Heidelberg verlorene Herz scheint in den 17. 8. Zu 
schlagen. Der winzige starke Mann, der ein Pferd mit Reiter zu 
heben vermag, gleicht der Ameise, die einen Grashalm schleppt, 
der bei der Umrechnung auf unsere Größenverhältniffe sich als 
Amshsher Balken erwiese. Traurig schön sind die Fragmente aus 
einer New Aorker Revue: die Herrchen in Smoking, Die Dämchen 
in PrunkphanLastegewändern, die ein Parkett von Millionären 
entzückten. Eine Kopie aus der Riesenwelt; wie 
Marionetten in einem Glaskasten bewegen sich und singen die 
Figuren. Einer zaubert dann, als chinesischer Magier Piepst er 
deutsche Sätze, gewandt wie der Blitz, eine Märchengestalt. Oder 
sie reiten im Braus dahin, kaum daß die Pferde von der Stelle 
kommen, denn auch die Zeit ist verkürzt. Die Miniatur-B oxkänrpfe 
sind lächerlich und entsetzlich; dicht wie Schneeflocken in einer 
Glaskugel folgen sich die Schläge. Bei dem Schiußbild, das alle 
Darsteller der Doppelrevue vereinigt, sind die Zwerge mit dem 
Girlensemble zu einer einzigen Gruppe zusammen gestellt. Nur in 
einem Lachkabinett erscheinen die Dimensionen ähnlich durch-
        <pb n="8" />
        Paris ist groß. 
Die Kugel ist klein. Vielleicht, daß sie sich weitet, wen- 
man in sie eingedrungen ist, daß sie sich als eine Kristallin-^ 
mit vielen Strahlenbrechungen erweist. In - M:m In r 
wird die Angemessenheft sämtlicher Gebilde an die mensch- 
Eine geschlossene Kugel. 
Me Tradition bewahrt nicht Museumsstücks,, sondern 
erhält das ererbte Besitztum lebendig. (Wenn in Deutschland 
manches nicht zerfallen ist, was in Frankreich weiterbrsteht, so 
darum nur, weil es bei uns niemals bestanden hat; etwa eine 
Gesellschaft.) Immer noch gönnen die Restaurants nur von 
12 bis 2 und von 7 bis 9 Uhr den Gästen das Essen. Ein 
Philosoph, der es wissen muß, erklärte mir: „Die französische 
Sprache ist beständig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ihre Pflege 
nimmt die halbe Schulzeit ein, und der schlechteste Schüler ist 
gerettet, wenn man von ihm sagen kann: inuls U 6erLt dien; 
wie in Deutschland der begabte Turner." Ein junger Kauf 
mann studiert die Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, um ihneh 
irgend eine feine Redeweise zu rauben, und Gelehrte, die sich &amp;gt; 
anderswo um Prosa nicht kümmern, streiten stundenlang über' 
eine sprachliche Wendung. Der Philosoph, ein älterer Herr, 
ist in Berlin zur Schule gegangen. Er wird es mir nicht als 
Indiskretion anrechnsn, wenn ich verrate, daß er dort einen 
Kameraden hatte, der seiner Völligkeit wegen der „dicke Müller" 
hieß. Der Junge schrieb Klassenaufsätze, in denen die Phra 
sen wie die Trompeten von Kriegervereinen schmetterten. Als 
später die ersten Reden des jungen Kaisers erschienen, mußte 
der Philosoph immer wieder feststellen: „Aber das hat ja schon 
der dicke Müller gesagt!" . . . Ein anderer Franzose, dem ich 
von der gesellschaftlichen Libertinage in Berlin berichtete, 
schüttelte begriffsstutzig den Kopf. Noch gilt sich die Bourgeoisie 
zu viel, als daß sie durch die Praktizierung eines mißverstan 
denen Bohsmetums ihre Unbürgerlichkeit (die sie erst recht 
bürgerlich macht) vor aller Welt bekunden möchte. Paris ist 
eine der dezentesten Weltstädte. Der Amant einer verheirateten 
Frau hält ihr strenger die Treue als ihr Ehemann, und die 
läßlicheren Beziehungen sind nicht ohne Verpflichtung. Eine 
ontologisch fixierte Ordnung, von der noch die Gleichgültigkeit 
gegen Bahnhofsgebäude zeugt, denen man nur den Rang einer 
dekorativ zu vernachlässigenden Durchgangshalle zugesteht. Die 
deutschen Großstationen werden als Krematorien empfunden, 
in denen sakraler Verbrennungspomp sich entfaltet. Auch die 
Universitätsbeamten, die Wissenschafter und die Denkdozenten 
schweben noch unbeschädigt über dem Volk. Einer fragte mich, 
warum in Deutschland diese oberen Menschenkategorien neuer 
dings aus der Stille der Hörsäle und Studierstuben heraus- 
brächen und dem Geschmack der Menge sich anzupassen suchten. 
Ich erwiderte ihm, daß, von den Naturwissenschastern ab 
gesehen, die sich industriell verwerten ließen, sämtliche Gelehrte 
Lei uns von der Angst besessen seien, man könne sie eines 
Tages vergessen. Im übrigen gelänge es ihnen nicht einmal, 
sich zu der Menge herniederzulassen; was ihn beruhigte. Er 
selber mit seinen Kollegen ist frei von dieser Nervosität. Ja, 
so sicher thront das gelchrte Leben, daß es die Popularität ver 
Fariser AeobachLungen. 
Von Dr. S. Kraeauer. 
Von Berlin aus gesehen. 
Der Deutsche aus Berlin, der mit seinen Problemen bepackt 
nach Paris kommt, glaubt sich in eine riesige Provinzstadt 
versetzt. Gewiß, da sind die beiden Louvre Gebäude (von denen 
ihm die Gemäldegalerie mehr imponiert als das Warenhaus, das 
er besser fertig bringt), da sind Plätze, Schlösser, Attraktio 
nen auf dem Montmartre, Modehäuser und andere Häuser, die 
in Deutschland aufgehoben sind — aber das Leben, die Gesell 
schaft? Leben und Gesellschaft scheinen ihm wie vor hundert 
Fahren. Seine Promptheit fühlt sich durch das 
sein hygienischer Sinn durch die zu geringe Verwendung des 
Vakuumreinigers verletzt. Das Telephonieren ist eine Qual, 
in den Cafes immer die Brioches, die Wasserhähnchen funktio 
nieren nicht recht. Schweigen wir von den Aborten. Warum 
wird nicht zugegriffen; hier und dort nur ein neues Gebende, 
viele neue Gebäude sind alt. Der Deutsche, der mit seiner 
Zeit lebt, findet die Vergangenheit wieder. Neben Salon 
stücken und abgelegten Operetten begegnet er Schauspielen, die 
sich über die Frauenemanzipation dramatisch erstaunen, oder 
einen jungen Offizier, dem die konventionelle Schlamperei zu 
Hause nicht mehr behagt, sanft zurückleiten zu den überlieferten 
bürgerlichen Tugenden. Es darf vorausgesetzt werden, daß 
auch der deutsche Reisende ein tugendhafter Bürger ist. Aber er 
ist doch ein aufgeregter Bürger, der verlorene Krieg und die 
Jnflationsjahre haben ihn um die Gewißheit seines Wertes 
gebracht, er zweifelt, er zweifelt sogar an der Erhabenheit des 
Eigentums, er hat die Revolution als Demokrat oder als ihr 
Gegner erlebt, und Ankerika ist sein drittes Wort. Selbst wenn 
er frisch aus England kommt, wie ein junger Deutscher, den 
ich bei einem Jour kennen lernte, eigentlich kein junger Deut 
scher mehr, sondern nach einem halben Jahr England bereits 
ganz der englische GroMufmann:, selbst als apathischer, gar 
nicht aufgeregter Gentleman noch wird er die moderne Welt in 
Paris vermissen. Die Gesellschaft dauert fort als habe sie den 
Krieg wirklich gewonnen, man spricht über Kunst und Literatur 
wie in verfallenen Jahrzehnten, Besitz und Mitgift stehen im 
Geruch der Heiligkeit, und ihre Generale sind echte Generale. 
Vergeblich packt der Deutsche seine Probleme aus; noch ehe er sie 
ausgepackt hat, sind sie schon aus dem Wege geräumt. Er denkt: 
diese Weltstadt ist aus der Gegenwart. Entspannt wandelt er 
in ihren wohlerzogenen Parks umher, freut sich ihrer Kultur 
güter, die er nicht besitzt, rafft mit beiden Händen charmant 
dargebotene Vergnügungen zusammen und kehrt dann nach 
Berlin mit dem Bewußtsein zurück, daß er hier wieder die Luft 
der rauhen Wirklichkeit atme, wie es heißt. 
achtet. Die Damen in seinen Kollegs sind Bergson ver-^ 
übelt worden^ und der berühmte Lebensphilosoph, so wird be 
richtet, hat seine Gattin eigens als Beobachtungsposten in den 
Hörsaal beordert, um von ihr einwandfrei feststellen zu lassen, 
daß der Damen nicht gar so viele seien. Es soll sich nichts 
ändern, und Deutschland ist ihnen im Grunde nur darum 
unheimlich, weil es immer wieder Veränderungen hervorrufen 
will. Dem Ausländer in Paris muß es scheinen, als dringe 
er in eine kleine geschlossene Kugel ein. 
Glückliche Natur. 
In den Fehler der Vorkriegsjahre verfiele, wer die Stabi 
lität des französischen Lebens nur als Erstarrung begriffe. Sie 
stammt gewiß zum Teil aus einer glücklich angelegten Natur. 
Das Land birgt alle Erderscheinungen in den richtigen Maßen. 
Von der gut proportionierten geographischen Fülle haben die 
Menschen etwas abbekommen, man könnte sagen, sie seien von 
Natur aus katholisch. Ein Intellektueller sprach von ihrem 
inneren Gleichgewicht. Sie lieben vielleicht die Natur längst 
nicht so wie die Deutschen, aber sie sind eine Darstellung der 
Natur; von ihr wird die Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit 
getragen, und noch die feinste Spiritualität ist dem natürlichen 
Untergrund nicht entfremdet. Diese Natur ist nicht das reine 
Binnenland, aus dem nur Bauern wachsen, die beharrlich auf 
ihrer Scholle sitzen, sondern, sie wird von Meeren umspült. An 
seinen Ufern kommt und geht eine Bevölkerung, die wurzellos 
ist. Sie hat sich bis nach Paris heveingezogen, dessen Fau- 
bourgs Gassengekröse enthalten, die aus Neapel oder Mar 
seille entwendet sind. Eine städtische Unterschicht, die aus 
importierten Bauern besteht, verhärtet sich leicht und die dar 
über konstruierte Gesellschaft ist dann hoffnungslos abgeschnürt. 
Das Hafenvolk hat die Unruhe in sich, die Farbe ist sein 
Wesenselement und feine Bildungen zerrieseln unaufhörlich. 
Wenn man seine Quartiere und Kneipen durchstöbert, kann 
man das Ereignis der französischen Revolution begreifen, deren 
Spuren aus dem Bild der höheren Gesellschaft ausgekocht 
sind. Zu ihrem "Heil ist sie auf der vulkanischen Lava dieses 
zeitlosen, niederen Volkes errichtet, heiß wie vorn Mittelmeer 
dringt es von unten herauf, und so vermag sie vorerst noch zu 
dauern. 
Paris ist klein. 
Ein Professor sagte zu mir: „Die Deutschen bauen immer 
zu groß, denn sie Lauen für fünf bis sechs Jahre später. Wir 
Franzosen bauen immer zu klein, weil wir uns auf die Gegen 
wart einrichten." Das bekannte Bonmot eines Engländers hat 
ungefähr den gleichen Sinn: Die deutsche Methode ist, bei 
großem Umsatz wenig zu verdienen. Die Franzosen ver 
dienen bei kleinem Umsatz viel, Wir Engländer halten uns 
in der Mitte. — Je mehr der Deutsche aus Berlin stammt, 
desto stärker empfindet er die Kleinheit in Par^s. Die 
Theater fassen bestimmt keinen Kubikzentimeter zu vi^. die 
Restaurants haben Unterabteilungen und bestehen vielfachXaus 
Zimmerchen. Wer der Concorde-Platz, der Louvre, die schnür- 
graden aufgeklärten Perspektiven? Durch eine Kunst, die an 
das Wunderbare grenzt, sind sie trotz ihrer Ausdehnung so 
verringert worden, daß man unwillkürlich in die Versuchung 
gerät, sie aufzupacken und in den Wüsteneien eines Berliner 
Sternplatzes oder Fürstencafes irgendwo abzustellen. Einige 
Kandelaber, ein paar fein gegliederte Lisenen, und sie 
schrumpfen auf ein Mindestmaß zusammen. Auch den öffent 
lichen Peranstaltungen und geschlossenen Cercles fehlt der 
Hang Zum Gigantischen. Man liest mitunter in französischen 
Zeitungen, daß Paris auf dem Wege sei, sich zu amerika 
nisieren. Dem Franzosen mag es so scheinen; auf den Fremden 
wirkt das bißchen Amerika erst recht französisch. Aus dem 
Charleston haben sie lE Oburleston gemacht, nun ist er 
von Maurice Chevalier erfunden, reinstes Pariser Nr- 
gewächs, ein elegantes Schlenkern der Beine. Sie fürchten 
die Amerikanisterung, wollen sie nicht. „Als einem Agrar 
land und dem Lieferanten der Qualitätswaren für die Welt", 
äußerte mir ein Herr, der es zwar auch nicht weiß, aber die 
landesübliche Meinung wiedergibt, „wird uns Amerika wohl 
erspart bleiben." Die Lichtreklame beschreibt gefällige 
Schwünge, die Substanzen der Warenhäuser sind bis auf die 
Moleküle zerspalten. Niemals verschwindet das einzelne Stück 
als Typenprodukt in der großen Masse; aus einer getönten 
Hülle von ^Seidenpapier strahlt es dem Beschauer entgegen. 
Noch lebt Sardou, in der dichten Atmosphäre gedeihen herr 
lich gesponnene Jntrigen, nicht umsonst ist die Diplomaten 
sprache französisch. Von Berlin aus gesehen, ist Paris aus 
Tüpfeleien zusammengesetzt, wie umgekehrt Berlin von o m 
Luxembourg aus zur hingestrichenen Plakatwand wir^ Der 
Deutsche mit seinem Tempo durchrast die Miniaturen. urw 
datiert sie in frühere Jahrhunderte zurück; da er gewohnt 
ist, an Betonklötzen vorbeizusausen, denen eine neue Sach 
lichkeit die Ornamente abgeschlagen hat, und da er zuhcusc 
alle Bänder rollen läßt, hat er keine rechte Geduld, bei den 
Details zu verweilen. Wo er aber etwa dem schnöden MU- 
vismus surrealistischer Propaganda begegnet, dort empfinde 
er unzweideutig, daß hier kein Frankreich mehr ist.
        <pb n="9" />
        Die Intellektuellen fühlen sich trotz zerschlissener Ueberröcke 
nicht geächtet, noch sind Schonungen ausgespart für die Aerm- 
lichkeit und die feineren Regungen. Es gibt auf dem Mont- 
parnasse und in den Avantgarde-Theatern ein (freilich inter 
national gesprenkeltes) Publi-um, das aus einzelnen Menschen 
besteht, und auf den oberflächlichen Eindruck hin sei die Be 
hauptung gewagt, daß diese einzelnen Menschen einen Körper, 
eine Seele und einen Geist besitzen, die eine erträgliche Ver 
bindung miteinander unterhalten. In dem München der Vor- 
lriegsjahre fanden sich in Konzerten und kleinen Schwabinger 
Lokalen Versammlungen solcher Art; sie scheinen aus dem 
öffentlichen deutschen Leben inzwischen verschwunden zu sein. 
Ich habe Gruppen junger Menschen gesehen, die Abkömm 
linge jenes unvergeßlichen Freundeskreises sind, den Balzac 
in den „Illusion« psräuos" verherrlicht hat: eine Zu 
neigung, die nicht nur Kameradschaft ist, ein nahezu 
asketischer Fleiß und die edle Haltung, in der sich Esprit 
und Naturüegabtheit unlöslich einen, sind die Kennzeichen 
der Verbündeten. Hier wird das Kleine groß, und selbst der 
Erffelturm nicht, geschweige denn irgend ein ander r Turm 
in der Welt, vermöchte den weit gespannten Bogen zu durch 
stoßen, der von Mensch zu Mensch sich dehnt. Das gibt es, 
noch. Von innen gewahrt man die Grenze nicht, und was 
der Außenstehende altmodisch heißt, ist zu einem Teil un 
vergänglich. (Zum anderen Teil hat er recht.) 
Glanz über den Affärep, 
Aus Gesprächen mit jungen Katholiken verschiedener 
Lager geht hervor, daß diese wichtigen Jugendgruppen zu 
den grundlegenden politischen und sozialen Fragen nicht das 
gleich: unmittelbare Verhältnis haben wie im allgemeinen 
die deutschen Die Mitglieder der „Revue &amp;lt;ies llsuves", die 
erfolgreiche Abendkurse in praktischen Fächern verunstalten, 
arbeiten bei der Lösung der Tagesprobleme von Fall zu Fall 
mit verschiedenen politischen Parteien. Ein Student, der sich 
p^uem»MLMörig fühlt, äußerte mir: «Nur, kein Zentrum!" 
Die ganz auf daS Individuelle gerichtete Gruppe um 
Maritain, Claudel, Cocteau entriete bei uns der Aktualität, 
die sie in Paris besitzt. (Als Claudel gefragt wurde, 
warum er, trotz feines dichterischen Schaffens, den Gesandt 
schaftsPosten in Washington angenommen habe, soll er ge 
antwortet haben: „hjus vouls^-vnus? 6'est lorKneU,." 
Das Wort ürZuM ist unübersetzbar, die ganze französische 
Gesellschaft steht dahinter.) Gewiß ermangelt dieses politisch 
leicht erregbare Volk des politischen Interesses nicht, indessen 
das politische oder gar das soziale Interesse tritt nicht nackt, 
hervor. Die ökonomische Struktur des Landes, die eK zu 
lichen Bedürfnisse und Proportionen offenbar. Mag es an! 
der geographischen Beschaffenheit liegen oder an der uralten! 
Kultivierung des Bodens unter der warmen Sonne: die 
Natur felber hat die Grenzen des Menschlichen anerkannt, 
sie ist überschaubar und hat Form, sie ist ein Kleid, das gut 
sitzt. Die Bäume sägen sich aus eigenem Willen zu Alleen, 
dir Landschaft ist schon einmal in einem Atelier gewesen. Es 
gibt Untiefen in ihr, die van Gogh aus sich herausgeholt 
Hai, sie glänzt an der Azurlüste unirdisch verklärt, aber nie 
mals steigert sie sich ins Uebermenlchliche. Das Humane ist 
Natur, die Natur humanisiert. Aus solcher Bindung an das 
Menschliche, der auch das bloß Gewachsene sich nicht entzieht, 
erklärt sich die Kleinheit der Maße. Klein srrilich dünken sie 
nur denen, die aus den Schranken ausgrbrochen sind. Der 
Amerikaner hält Berlin für ein Puppenspielz.ug, der Ber 
liner fühlt sich in Paris eingeengt. Darum nennt ihn der 
Franzose noch lange nicht groß. Er schilt die Deutschen 
barbarisch, weil ihm, zu Recht oder zu Unrecht, auch die Er 
scheinung des Großen in einem Verhältnis zum Menschlichen 
steht. Die aus dem abstrakten Denken geborenen konstrukti 
vistischen Würfel aber, die mit dem Lineal gezogenen Büro 
fluchten haben sich aus der menschlichen Nähe entfernt, sind 
aus einem Kreis herauSgetreten, dessen Kontur in PariS 
als eine Art von Banlieue stets gespürt werden mag. (Was . 
nicht hindert, daß in Deutschland die Mechanisierung vielleicht - 
auch eine menschliche Notwendigkeit ist.) In dem franzö 
sischen Kleinrentnertum stellt sich nicht nur der schlechte Bour 
geois dar, sondern eine ursprünglich anspruchslose, in sich 
beruhigte Natur, die sich nicht unnötig vergroß rn will. Man 
interessiert sich wenig nur für die kulturellen Vorgänge außer 
halb der Landesgrenzen, zu Goethe werden sie vielleicht an 
läßlich des Faust-MmS wieder einmal greisen (wenigstens 
empfahl dies ein Kritiker). Frankreich ist ihnen Paris, Paris 
die Mitte der Welt, und in der Mitte sind sie gern unt r sich. 
So wird das materiell abträgliche Ausbleiben der Fremden 
feit einiger Zeit mit Genugtuung verzeichnet. Ein Boule 
vard-Blatt schreibt: „Auf dem Montmartre haben- sechs 
Eabarets schließen müssen. Vielleicht wird bald wieder ein 
Pariser den Montmartre besuchen können." Diese srnwMge 
Beschränkung artet nicht selten in Selbstzufriedenheit aus, 
der Mangel an Neugierde wird zum Laster. Doch bleibt im 
ganzen durch die Bindung an die natürlich menschlichen 
Proportionen alles uns VerlorMe bewahrt. Gehobene deutsche 
Schriftsteller kolportieren hie und da, daß den Franzosen das 
Gemüt fehle, sozusagen die Seele. Manche haben sie richtiger 
slS manche Deutsche, bei denen sie übermäßig quillt oder auf 
HZM Weg von der Sitzung zur Bar abhanden gekommen ist. 
! sozialen Kontrasten von der Schärfe und Massenhaftigkeit der 
unsrigen noch nicht hat kommen lassen, mag ein Grund für 
die Verhülltheit zumal des Wirtschaftspolitischen sein. Der 
andere Grund ist vermutlich jene Hast in dem mittleren 
Menschlichen. Je breiter die Fläche, die zum Aufruhen dient, 
desto unangetasteter bleiben die Fundamente. Die größere 
Naturmitgist der Franzosen wäre schon daraus abzulesen, 
daß sie über das Natürliche weniger diskutieren als etwa die 
deutsche Jugendbewegung. So spricht auch die geringere Be 
rücksichtigung des OekonomischLn in den Intelligenz-Kreisen 
dafür, daß die Krise noch vor der Tür steht, die bei uns auf- 
geslogsn ist. .Sie dürfen sich vorläufig in den oberen Prunk 
gemächern des Geistes aujhalten, während die Geistigen in 
Deutschland nach unten gezogen werden — wenn sie Geistige 
sind. D:r Nationalismus, den die „Kation krnn- 
d-iss" täglich herauSbellt, hat eine eigene Substanz, die ein 
Deutschvölkischer rächt mehr aufbrächte. Was bei uns, infolge 
der zugespitzten ökonomischen Situation, als Ideologie längst 
durchschaut ist, überzeugt drüben, infolge des festeren Unter 
grunds, als geistiges Manifest. Von den Lettern auf dem 
Versailler Schloß: toutss las Zloires cks tu Rrsocs" 
ist das Gold nicht ganz abgegangen. Ernsthafte Menschen, die 
Daudet einen Narren nennen, streiten sich stundenlang wegen 
der „Motion krnnguiss", und einer, der sie nicht liebt, be 
hauptet gar, daß sie das einzig: Blatt für Intellektuelle sei. 
Auch die Katholiken, die ihr fern, stehen, wenden sich gegen 
ihre Jndizierung als eine unberechtigte Einmischung des 
Vatikans in die innere Politik. Das Nationale, selbst in 
dieser Form, scheint nicht nur Phrase oder der durchlöcherte 
Deckmantel sür Finanzoperationen, sondern die legitime Aus 
strahlung des gesamten Bestands an Natur und Kultur. 
Unter der Voraussetzung eines solchen nicht angetasteten Be 
stands werden Fragen des Privatlebens und zwischen- 
schichtlich: Probleme mit bessirem Rechte als bei uns in den 
Mittelpunkt gerückt. In dem Land der VAwUtG und — nach 
der Meinung des deutschen Durchschnitts — der Durch- 
schnittsmeinurMn bringen es die Anfechtungen der einzelnen 
zur öffentlichen Beachtung; in dem Land der Kierkegaard 
Schwärmer und der radikalen Protestanten beherrscht die 
Masse das Feld, Hier, wo in jedem Eichenwald ein Stadion 
dir Eichen aus einund erklängt (mit denen es sich im übrigen 
gut versteht) gerät das „moderne" katholische Schrifttum und 
jede Art von Innendekoration epigonal; drüben ist die.Kon- 
fefstonS-Literatur mittM in der Gegenwert. Durch die Hülle 
der Seelenmal-rei und des persönlichen Esprits schimm'rt 
natürlich das Soziale und Klassenmäßige hindurch, aber 
ihm ist nicht unmittelbar die Aufmerksamkeit zugekehrt, und 
es gilt auch nicht die blanke vulgär-marxistische Lehre, daß 
es sich bei diesen geistigen Gebilden rein um ableitbare Urber- 
bauten handle. Sie sind Ueberbauten, in der Tat, doch die 
Gehalte, die sie bergen, dauern in einer gewissen Unabhängig 
keit von der materiellen Basis; eben der wohlgegliedrrten 
Menschlichkeit wegen, die mit aus der Natur stammt. Diese 
Menschlichkeit läßt nicht zu, daß die Prinzipien mächtiger als 
die Personen werden. Kein Franzose ist fähig, die dogmatische 
Struktur des deutschen ParteiwessnS zu bcgreisen, und die 
marxistische Dialektik etwa macht nicht nur aus dialektischen 
Gründen vor dem französischen Bewußtsein Halt. (Ein fran 
zösischer Gewerkschafter, der vor einiger Zeit zu Besuch in 
Deutschland weilte, traf mich mit einem Band Marx in der 
Hand. Es war, als hätte er mich Lei einem Verbrechen über 
rascht, „Nur nicht immer diese Theorie," sagte er, „auf das 
Leben kommt es an, junger Freund.") Aus dem Gebiet der 
Politik selbst ist die Politik noch eingewickelt. Der Glanz des 
Redners breitet sich strahlend über die kahle Affäre, und ein 
Jchweißnichtwas hüllt alle Akten in durchsichtig: Porte 
feuilles (das „Lasterlorrelat" ist der Schlendrian bei Be- 
hördm). Nirgends ist das menschliche Milchprodukt ganz ent- 
substantialisiert. Daher an der Oberfläche — aber die Ober 
fläche ist wesentlich — die Skala der Uebergänge von dem 
Lumpenproletariat zu den Arbeitern, dem geringen Mittel 
stand und d:m Großbürgertum. Austern sind eine Volksspeise, 
und in den Theatern der Faubourgs, in denen der teuerste 
Platz fünf Francs kostet, treten Komiker auf, die jede Familie 
in Passy entzückten. Eine dünne Schicht angestammter und 
eroberter Humanität deckt die Blößen einstweilen zu. 
Kleine Gewitter. 
Wenn das Kleine groß ist und die konservative Haltung 
etwas Unvergängliches meint, muß die Starrheit immer 
wieder gelockert werden; geschehe es auch unmerllich sür die 
j an Revolutionen gewöhnten Augen. Das Ungeziefer nagt in 
der Tat an den Gerüsten der Hierarchie. Ein alter, sehr be 
kannter Professor erinnert: mich mit der Versicherung, deß 
die Nachkrieg.Sgenera.tion nichts mehr von ihm 
wisse» wolle, an seine beklagenswerten deutschen Leidensge 
fährten. Freilich sind seine Empfindungen, mit uns reu 
Matzen ^messen, vermutlich üLertrubsn, den» im großen und 
ganzen werden die Kämpfe doch noch auf einer gemeinsamen 
Plattform geführt. Es brauen, sich an verschiedenen Ecke» 
kleine Gewitterchen zusammen. Harmlose Radikale ziehen im 
Zeichen — Hölderlins.gegen die verführerischen Perioden und 
di: künstliche Armut der Sprache zu Feld. Proust hat mit 
jener Skepsis, die selber ein französisches Erbe ist, die Herr-
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        mus die Ausfütterung des persönlichen Wesens eine bedächtig 
umwälzende Bedeutung haben. 
Verständigung. 
Verständigung^ Sie reicht kaum je durch alle Schichten. 
Bei der Schilderung der deutschen Zustände erklärt der Fran 
zose höflich: „HIaLs, es v'est pas xossidle?", und der 
Deutsche seinerseits muß sämtliche geliebten Kategorien in die 
Ecke stellen, wenn er etwas Französisches fassen will; er darf mit 
„konservativ" nicht „reaktionär" assoziieren, mit Sozialismus 
nicht Marx, mit Katholizismus nicht Politik. Immerhin bleibt 
es unbenommen, die erwünschte politische Verständigung 
in Cercles und Revuen durch die Bekundung des guten Willens 
angenehm zu überhöhen. Die Sprache bietet Parolen an, die 
den Balken einer Notbrücke gleich über Zwischenräume ver 
helfen. Balken freilich stürzen von Zeit zu Zeit ein. Ob die 
sprachlichen Hilfskonstruktionen einmal wirklich auf das gleiche 
hindeuten werden, hängt durchaus von der geschichtlichen Ent 
wicklung ab. Es besteht heute, nach den Jahren einer Anarchie, 
die etliche Möglichkeiten in sich trug, die Wahrscheinlichkeit, 
daß in Deutschland eine Gesellschaft mit Manieren heranwächst 
und eine Kultur sich bildet, die behaupten wird, sie sei eine 
Kultur. Die Wirtschaft hat sich konsolidiert, die schreckliche 
Röte am Horizont ist wieder angeschwärzt worden, und die 
Sprößlinge des Bürgerblocks, die den Krieg nicht einmal als 
Kinder mehr gesehen haben, können sich von neuem mit höheren 
Dingen pfleglich befassen. So vielleicht käme man Frankreich 
äußerlich näher, aber der Zauber wäre faul, da er schlimme 
Zustände konservierte. Lieber schon die Barbarei, oder rvas 
in Frankreich so heißt; sie verstellt wenigstens die Zugänge 
nicht. Frankreich selber hat gut nicht barbarisch sein, es lebt 
mit einer wohlgesinnten Natur im Bund, seine Fundamente 
halten noch stand. Aber Zollgrenzen schützen nicht vor dem 
Wind, der bei uns durch die Löcher pfeift. Die Natur ist 
zweideutig, und es läßt sich denken, daß der Fortschritt der 
Weltwirtschaft eines Tages jenes Gleichgewicht ins Wanken 
bringt, dessen Frankreich sich vorerst rühmen darf; ja, die 
Gerechtigkeit, die das Beruhen auf natürlichen Vorzügen nicht 
anerkannt, verlangt es beinahe so. Der Deutsche kann nicht in 
die durchwärmte Wohnung einziehen, als die ihm Frankreich 
heute erscheint; doch vielleicht wird Frankreich einmal obdach 
los sein wie Deutschland. Dann, wenn die Situationen sich 
angeglichen haben, aber auch dann erst, wird man sich wirklich 
verstehen und mehr austauschen als die Parolen. Dann auch 
mag die glückliche Natur Frankreichs ihre Kraft erweisen und 
die französische Humanität sich auf einer gediegeneren Grund 
lage als der bloß natürlichen über die Grenzen verbreiten. Das 
Voll m Paris gibt mehr Hoffnung als die Gesellschaft« 
ALLIM, Koman. VoK Kursks 
6 erst. ZUnstr'isrt ron Kudcdk Ler- 
Urr. Kelten, üeö. 
Vsr AoNmo soislt Q3,eb äor AsvoIMov, in äs?. 
OEsnä, no und sieb z 
OutsuLobt KLMk. Don VorkLZLsr bad die Os.r8wl-! 
des nildsn Hassen8 Müll ^sloelct, üLs äurob; 
die Lebossnäste ts,vvt und ZebreeLen verdrehst. Der; 
. rissiM» ..^Volkssobü" bsMbL Nords, um w^sud einen - 
ssrinLdüMKdn OsMNsland in meinen ÜssiLx rm j 
' bringen. Diner klbr ^e^en oder sine8 LnielLSninnk j 
bnt sr Neuseben snk dem Oendesen. dns er nieid bnt. 
; Die Onmvibeit der mnrriLeken LesLie ist mit. ein 
j ^veniK riebtis Lsird eld; snt LsinnKSn noeb 
i ibrs LinderiebnnL in die ttostloso 
deren LionLureü ZierlAellon. Dort oben sind bwren. 
j noev niebt nUssemHin begannt, und vor der geraub 
ten. die bald Liekt. bald still stellt, ein Endet Enn ! 
, ein ibin undsTredlicves Orauen. Es LoIselm^viE 
die in der nsillsn Bildnis Oeriobt kalten und das j 
^lpkabet lekren. können den Vertierten nickt ke- 
r^inKen. Ikrsr einiAS kallen bei 8siner VerlolLunL 
- einem Lokneesturm xum Onker. Klr selber auek er- 
lisLt im Irndnn dem Anprall der Elemente. -- Der! 
j ktoman trikit in einer uns kaülicken Weise die ^ord- ! 
l land-8timnmn^ und das vrim.ilivs ^ilklen. Oie an 
Lulen Vorbildern K-ssekults Lnracke entkernt sick 
i niekt von dem verkommen. Ls ^äre ru lvünscken.! 
daÜ die Oabsn des Vsrkassers Liek an nLker 
lernen 8t okkeo erprobten. 8cklickters IlluLtralienen 
;,sind kalt. kein. prÄsis. Lr. 
schende Oberklasse zu Ende psychologiert, so daß die einzelnen 
Brocken jetzt ohne Zusammenhang im Leeren schwimmen: die 
KulLur, die ihrer Grundlosigkeit wegen sich zuletzt von innen 
her auflöst. Er liebt sie, die Jungen lieben sie nicht. Sie 
haben es auf die Familie abgesehen, auf die Konventionen, 
die nach dem Krieg doppelt verlogen erscheinen. Zu einem nicht 
unbedeutenden Teil wird die Privatfehde auf dem Kampfplatz 
der Erotik ausgetragen, man setzt eine andere Erotik als 
die tradierte, die Homosexualität etwa steigert sich zum 
(sozialen) Protest. So bei Gide, dessen 
einer der aufbaugläubigen Intellektuellen mir gegenüber als 
„Z«58trueti0v" bezeichnete, nicht ohne den großen Einfluß 
des Romans auf die Jugend zu bedauern. Die Freundschaft 
des Mannes mit dem Knaben richtet sich gegen die Familien 
väter und Beamten - Unseelen, sie leuchtet als einziges 
Glanzsignal in dem Sumpf, mag sie selber auch falsch- 
rnünzerisch sein. So bei dem jungen Ren6 Crevel, der in 
seinem neuen Roman „ltza Nort älkkiells" einen ebenfalls 
noch recht jungen Herrn aus dem verrotteten Milieu der 
Alten zu dem unglücklich geliebten Freunde fliehen läßt. Die 
Ideale setzen sich auseinander, nicht die Klassen; die persön 
lichen Lebensziele, nicht die politischen Richtungen. Ein Be 
weis, daß nicht gegen die Gesellschaft und den Inbegriff der 
bestehenden Verhältnisse protestiert wird, sondern innerhalb der 
Gesellschaft und auf einem Lebensgrund, den die Jungen mit 
den Alten noch teilen. Die Wendung ins Religiöse wird durch 
das jüngst in der „Frankfurter Zeitung" besprochene Buch: 
„Kons Itz 8o1M äs Katan" von Bernanos exemplarisch 
belegt. Seinem Kreis gehören Konvertiten an, die sich um 
die JnwendigkeLL bekümmern und zugleich als Literaten 
führend sind. Starke Kräfte formieren sich wider die vollendete 
Laisterung. Ich berichtete einem Sachwalter dieser Fraktion, 
daß während der ersten Nachkriegsjahre in Deutschland eine 
ansehnliche Strömung in der gleichen Richtung vorwärtstrug. 
Man wollte in ein Gehäuse, mit den zahlreichen Konversionen 
schien das kirchlich-religiöse Leben sich aufzulockern. Was in 
Deutschland vorüber ist, wenn auch der Franzose den Grund 
der Ernüchterung nicht versteht, schwillt in Frankreich eher 
noch an. Wir als die Entzauberten begreifen vielleicht besser 
den Grund dieser Bewegung, der es nach dem Krieg um den 
individuellen Einsatz und um Entscheidungen vor dem höchsten 
Forum geht. Man will als Person richtig werden, indem 
man sich füllt, indem man den ironischen Rationalismus von 
Anatole France verwirft. Bei uns ward diese Auffüllung des 
individuellen Reservoirs in manchen Fällen als Flucht er 
kannt. Drüben sind die Wirtschaftskrisen nicht so dringend, 
und fo mag neben dem ökonomischen und politischen Sozialis« 
Die Pestalo^r-Gedenkfeier m Frarrks«rt. 
Der Festvortrag Wilhelm Schäfers» 
Irr Lem drchtgefüllten großen Saale des Saalbarrs fanb heute 
vormittag die Frankfurter Pestalozzi-G edenkfeier 
statt. Ein zahlreiches geladenes Publikum war zugegen. Für den 
stimmungsvollen Verlauf der Feier trugen nicht zuletzt die Ge- 
sangsvorträge des L e h rervereins bei. Stadtrat Ias - ert, 
der im Namen des Arbeitsausschusses für die Pestalozzi - Feier 
sprach, begrüßte die Vertreter der Behörden und die Gäste und 
drückte seine Genugtuung darüber aus, daß der anwesende 
Oberbürgermeister Dr^ Land mann den Vorsitz im Ausschuß 
übernommen habe. Der Ausschuß, der sich aus allen an der Volks 
bildung und Fürsorge interessierten Kreisen zusammensetze, solle 
erhalten bleiben, um im Sinne Pestalozzis fortzuwirken. Man 
beabsichtigt, wie der Redner MittMe, die gegenwärtige PestalozZi- 
AuZstellung dem Schulmuseum anzugliedern, und zieht ferner die 
. Schaffung einer Pestalozzi - S t i ftung in Betracht, die 
den Anstieg' begabter Kinder erleichtern soll. 
Den Festvortrag hielt Wilhelm Schäfer. Keinen 
Würdigeren als ihn, den Verfasser des PestaloM-Buches: «Der 
LebenLtag eines Menschenfreundes", hätte man wählen können, 
um in dieser Feierstunde von dem Wirken Pestalozzis zu zeugen. 
Was ist uns Vorbildhast an Pestalozzi, so fragte er zu Beginn, was 
nötigt uns heute noch, ihn als gegenwärtig zu empfinden? Es ist 
nicht eigentlich der Pädagoge nur, der uns alle angeht, auch der 
Dichter nicht, dem «Lisnhard und Gertrud" Mittel zum Zwecke 
war, und ebensowenig der Denker, der seine praktischen Versttchr 
zum Aufbau einer neuen Menschengemeinschaft theoretisch zu de* 
gründen trachtete. Vielmehr: der Mensche nbruder Pestalozzi 
rührt an uns, der das Wort ausgesprochen hat: „Himmel und 
Erde sind schön; aber die Menschenseele, die sich über den Staub 
emporheüt, ist schöner als Himmel und Erde!" 
Von Geburt an scheint, Pestalozzi dazu bestimmt, ein Bruder 
der Menschen zu werden. Er ist in jeder Hinsicht ein GrenZ- 
fall, sein Anderssein schon gibt ihn den Entwurzelten und Ver 
wahrlosten zur Seite. Als Knabe heißt er der'schwarze Pestaluz; 
so sehen bodenständige Schweizer nicht aus. Das Schicksal stellt 
seine Jugend zwischen Reichtum und Armut, die angeborene Un 
rast treibt ihn von einem Studium ins andere. Stets bewegt er 
sich an der Grenze, den Bürgerlichen gilt er als ein Entgleister. 
Daß die durch seine Natur, Verarmung und gelehrte Halbbildung 
gegebene Kampfstellung so stark und wirksam wurde, kam freilich 
Ein Ossi OswÄda-Film. In dem Film: -Gräfin 
P l ä i tmam s e ll", den die Neue Licht-Bühne zeigt, kann 
sich Oist Oswald« als Berliner Range tummeln Sie hat etwas 
Jugendhaftes, das sie leider ein wenig zu grob unterstreicht. Nur 
die flüchtigen Blicke, die irgendeine AnÄglickkeit in Parenthese 
bemerken, geraten hinreichend leicht. Beschriftung und Fabel sind 
Berliner Mache dick aufgetragen und gewaltsam laut. Die 
Oswald« als Plättmädchen hat den Auftrieb nach oben und kann 
sich auch in der Tat eine Zeitlang einbilden, eine Komtesse zu sein, 
weil ihre Mutter sich einnml mit einem Grafen verging, der frei 
lich, wie sich zuletzt herausstellt, kein eigentlicher Graf war, sondern 
eben nur Graf hieß AdaDert Graf. Die Aufklärung dieser V«r- 
wechflung führt dre Sfsudo-Komtesse wieder auf die Erde und in 
die Arme ihres gelobten Modezeichners zurück. Curt Bois 
spielt ihn mit einer durch östliches Blut gedämpften Schnödigkeit, 
amourös und von kitschigem Schick. Ein« ausgezeichnete Leistung, 
die sehenswert ist. Auch die übrigen Rollen sind gut besetzt, Elf- 
Lehmann wirkt mit Im übrig«» einen sich Gemüt und Keßheit 
r« einer moralisch undurchdringlichen Weise auf dem Asphalt. — 
Ew recht amüsantes amerikanisches Lustspiel: „Die zerflösse, 
nen Mlllronärgäbe Anlaß zu soziologischen Studien. Das 
Beiprogramm wird durch einen interessanten Naturfilm ergänzt, 
der Szenen aus dem Fischleben bringt. ran.
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        ungezügelten menschlichen N 
n. 
Leute durch die Säle, die Bilder flutschen vorbei. Im Hintergrund 
der Conesche-PkLtz, das LrseTders, der Eiffelturm, die Madeleine. 
Drastischer als hier könnten diese Fremdenvisiten nicht verhöhnt 
werden. Die Hauptfigur, ein hundertprozentiger Amerikaner, gerät 
mit wundervollem Ungeschick in verfängliche Gesellschaft, ohne daß 
er die Abwege zu Ende ginge; indes ein eleganter junger Herr, der 
sich später als Hochstapler entpuppt, zum Glück vergeblich eine 
Mitreisende poussiert. Auch' dre Pariser Polizei spielt eine sym 
pathische. Rolle. Die Stoffmotive sind von dem Regisseur geschickt 
und phantasrevoll ausaewertet worden. — - Der andere Film: 
„Das Höl! enschiff" illustriert den bekannten Roman: „Der 
Seewolf" von Jack London. Er spielt auf einem Segelschiff, dessen 
Kapitän ein Tiermensch mit edlen Zügen nstt. Ein feines Mädchen 
und ein feiner Herr gelangen als Schiffbrüchige auf den Schoner. 
Der Kapitän mißhandelt sie mit. der .Mildh^ Zum 
Schluß: Feuersbrunst, auf dem Schilf und Rettung der Herden 
Städter. Die rüde Besatzung -— gut der Typ des Schiffskochs — 
und die Herrschaften aus San Francisco ergeben einen wirkungs 
vollen Kontrast. Gegluckt das Zusammenspiel des Meeres und der 
auch durch einen äußeren Einfluß. Rousseaus „Emil" ward 
dem Jüngling zum Buch der Bücher. Er brächte ihm sein in Liebe 
entbranntes Herz entgegen, das für die Enterbten schlug. Die 
Stadtherren in Zürich sorgten dafür, daß es ihrer eine Menge gab. 
Eine dreißigjährige Leidenszeit, die mit dem schnellen Zusam- 
menbruch der Landwirtschaft auf dem Neuhof begann, führte den 
Jüngling und Mann durch grausame Erlebnisse ans Greisenalter. 
Nach jener frühen Niederlage tat er den ersten entschiedenen 
Schritt auf dem ihm zubsstimmten Weg: er schuf in den Jahren 
des Mißwachses, der auch ihn als Landwirt vernichtet hatte, eine 
Armenkinderheilanstalt, die ihm und den vielen 
hungernden Kindern Ger die Not der Zeit Hinweghelfen sollte. 
Sechs Jahre verwandte er auf das Projekt; es scheiterte. 
'Den „Armennarrcn" auf Neuhof bewog der Philanthrop Jse- 
l i n in Basel dazu, aus dem fehlgeschlagenen Plan theoretische 
Lehren zu ziehen. Pestalozzi griff zur Feder. Ehe ihm „L i e n- 
hard und Gertrud" gelang, kam zu seinem Glück Elisabeth 
Naf in fern HauS, das Muster der Magd, das zum Vorbild der 
Gertrud ward. Der erste Teil des Romans trug dem nun Fünf- 
unddrelßlBahrlgen Dichterruhm ein. Der Ruhm verflog, als die 
folgenden Leils erschienen, in denen er nicht mehr Unterhaltung 
gab, sondern zum Prediger des Volkes wuchs. 
achtzehn. in Ungeduld verbrachten Jahren erst Echten 
sich ihm Hände, die es von den Worten zu Taten kommen ließen. 
französische Republik ernannte ihn zum 
Ehrenbürger und legte damit den Grund Zu seinem An scheu in 
war die helvetische Regierung; erst nach 
d« Schlacht ber Stans, als vierhundert Kinder ihre erschlagenen 
^iauftragte sie ihn mit der Errichtung eines 
Waisenhauses Noch war er mit dem ersten ABC der Elementar, 
bndung befaßt, da wandelt- der Krieg sein Waisenhaus in ein 
' Damals zählte er 52 Jahre und.war lungenkrank. 
^n Burg darf gründete er dann seine Volksschule. Nicht 
um der Schulmecherei willen, sondern, wie die Grabschrift rühmt: 
um das niedere Voll aus der Knechtschaft der Unbildung zu er- 
losen. W dauerte noch Jahre, bis Fichte in seinen „Reden an 
dechfche M Preußen den Weg zu 
&amp;gt; PestaloM wres, so haß als erster von allen Staaten das P r e u- 
den ErA^ Pestalozzis annahm und da» 
die Grundungsstatte seiner Volksschule fast mehr als Burg. 
chm schon mach kur,? er Frist die bernischs Regie- 
drn Fützsn fortzog. Aber.längst zuvor war 
der Zustrom begeisterter ^unglinge und Männer stärk geworden, 
und Senblinge gingen von ihm in die Länder Europas LüS die 
iyn als den Apostel einer neuen Elementarbildung, als einen Er 
zieher der Menschheit priesen. 
Das Eiche war dennoch bitter. Auch in Jferten gelang 
es ihm. nicht die eigenen Scheuern zu Wen. Mit 7g Jahren 
muß.e er auf das Birtfeld Zurückkehren, von wo er einst avsgo- 
Zu seinem 8Y Geburtstag brachten ihm nur zwei 
Menschen ihren Glückwunsch dar. 
, „Am Schlüsse seines eindrucksvollen V-rtrageZ, der reichen Wi- 
FE Wilhelm Schäfer auf die Gegenwart über Er 
ecklarte, daß jene Menschen- und Volksgemeinschaft, von der 
PeMoW träumte, heute so wie damals noch unverwirklicht sei 
M, daß d:e Bildung selber ihren Namen dazu hergeben müsse, um 
die Menschen nach Klassen zu trennen. Die Rede klang in den 
Aufruf zu lenem glühenden Eifer aus, der Pestalozzi beseelte und 
rhn zum Herzschlag der Menschheit machte. 
Pat und PsLachmr. Glückliches Däne mark! Du nennst noch 
Stammtische dem eigen wir dicken Wirten und Handwerksmeistern, 
du HD noch würdige Männer, die ihrer ebenso würdigen Gattin 
nicht mitzuteilm wagen, daß sie vor neunzehn Jahren ein unehe-! 
liches Töchterchen in die Welt gesetzt haben, du lachst noch über 
Witze, die lange vor dem Krieg in den „Fliegenden Blättern" er* 
schienen sind. Wie komisch ist es, wenn ein solcher Stammtisch in 
der Zeitung van dem Austmlchen eines Wolfes liest und darauf 
hin beschließt, der Wolfsgefahr in den Wäldern Jütlands ein Ende 
Zu machen. Wie friedlich dehnen sich die Wälder Jütlands, wie 
furchtsam Ichleichen die fetten Sonntagsjäger über die Auen, ge 
führt von Pat und Patachon, den lächerlichen beiden Unzertrenn 
lichen, die so feige, treu und bieder sind. Und welche Gipfelpunkte 
gar, wenn die Truppe in ein' Zeltlager badender Mädchen gerät, 
wenn das Töchterchen aufgefunden wird, wenn die Gattin verzeiht 
und ein richtiger Student sich um die Jungfrau bewirbt. Glück 
liches Dänemark! Wir verwundern uns baß über so viel Nettigkeit 
und Harmlosigkeit, wir denken an unsere Kinderjahrs zurück, und 
lachen gerne über die anachronistischen Streiche, die m einer 
anderen, gemächlicheren Zeit als der unsrigen spielen. Hätte man 
es doch auch einmal wieder so gut! Das Lustspiel ist im übrigen 
fein aufgemacht, und die Kinder im Zuschauerraum quittieren mit 
Heiterkeit die Possenreißerei. — Der Film »Pat und Patachon 
auf der Wolfsjagd" laust in den Saalburg-LichtspielLN. 
Ems unterhaltende amerikanische Groteske ist beigegeben. racL. 
Eine DuSarry von heute. Dieser in Berlin mit großem 
Beifall aufgenommene Großfilm -- das Ufa-Theater führt 
ihn vor — ist eine glänzende Regieleistung Alexander Cordas, vie 
dankbare Themen mit modernen Mitteln bearbeitet. Ein Wel:- 
stadtschicksal — in Paris natürlich -- wird aufgerollt, das von 
ganz unten in die oberen und höchsten Gesellschaftskreise führt; 
ein exotischer König und sogar ein amerikanischer Milliardär mir 
eigener Aacht entzücken das materiell minder gut gestellte Publikum, 
das gerne solche Anstiege im Film verfolgt. Niemand geringeres 
als Maria Corda steigt an. Ihre Laufbahn vom kleinen Ge- 
schästsmädchen über die Probiermamsell zur Freundin reicher 
Herren, eine Laufbahn, bei der sie sich zur Genugtuung der Zu 
schauer innerlich rein erhält, bietet dem Regisseur Gelegenheit, saS 
Durcheinander des SLraßengewühls und des Nachtlokalbetriebs in 
fesselnden Ausschnitten zu zeigen. Apart ein Bild, in dem die 
Corda in weißem Gesellschaftskleid vor einer weißen Wand posiert; 
die schwarzen tzaarfransen rahmen sie ein. Sie liebt ohne Eigen 
nutz den König, damit schöne Filmaufnahmen aus einem spani 
schen Städtchen gebracht werden können. Der Milliardär, der sie 
für sich gewinnen mochte, zettelt eine Revolution an, der König 
wird verjagt und die ökonomischen Gründe für Kriege und Revos 
lutionen treten offen zutag. Aber der Film müßte nicht Film und 
der Milliardär nicht Friedrich Kayßler, sein, wenn nicht am 
Ende die Liebe der Corda zu ihrem entthronten Fürsten das Herz 
des reichen Mannes bezwänge und ihn zum Verzicht nötigte. Auch 
die Nebenrollen sind mit ersten Kräften besetzt. Alfred Abel als 
älterer Lebemann sehr sympathisch. raaL. 
Amerikaner m Paris und auf See. Der Film: „Paris 
bei Tag und N achL", den die N e u e L ich L bü h n e zeigt, 
ist einer der amüsantesten der letzten Zeit. Eine amerikanische Coor- 
Herds durchrast Paris. Man muß in der Zeit der Inflation die 
mit Amerikanern angeWLen Luxus-Cars nachts auf dem Mont 
martre gesehen haben, um den dokumentarischen Wert des Films 
zu begreifen. Ein dicker Cook-Angestellter. der für die Gesellschaft 
verantwortlich ist, hetzt sie von Sehenswürdigkeit zu Sehenswür- 
j digkeit (natürlich sieht sie nichts). Von unwiderstehlicher Komi? ist 
der Besuch im Louvre. Dauerlauf, marsch, marsch: so stürmen die
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        -« Eifersucht ist eine Leidenschaft » . . Der Film: „Die 
Feuertänzerin", der in den Bieberbau - Lichtspie« 
len läuft, zeigt, wie Skandale vermieden werden, wenn sie in 
den Häusern von Generaldirektoren auszubrechen drohen» Die 
Frau eines Generaldirektors kommt in die Wohnung eines Zweifel- 
Asten Ehrenmannes, den sie zu lieben glaubt, um mit ihm 
durchzubrennen. In ihrer Gegenwart erschießt ihn seine Geliebte, 
eine Tänzerin von Gefühl und Temperament. Ein^Bursche, der 
spater den Ermordeten besuchen will, wird als der Schuldige ver- 
Astet. Die Frau des Generaldirektors zittert vor dem Geständ 
nis, aber schließlich, ein Unschuldiger darf nicht bestraft werden; 
sie beichtet also ihrem Mann, der kein geringerer als Alfred 
Abel ist. Wie kann nmn vor AL-el sich fürchtenI Er ist so klug 
und überlegen, er versteht und verzeiht. Peinlich wäre der Eklat, 
stände der geachtete Name in der Zeitung. Abel, dieses Muster 
eines Generaldirektors, läßt sich von der Tänzerin gegen einen 
namhaften Scheck ein schriftliches Geständnis geben und schickt sie 
nach Amerika» Der Untersuchungsrichter wird schweigen. Der 
Film scheint älter zu sein; die Aufmachung ist einfach. — Das 
Beiprogramm enthält zrvei nette Lustspiele. rLa a. 
Die Waise von Lowood. Diese Erzählung, die unsere 
Großmütter schon zu Tränen rührte, ist jetzt zum modernen Groß 
film ausgestaltet worden. Es geistert in ihm die Romantik eines 
alten englischen Herrensitzes, mit der die Armut und Strenge des 
Waisenhauses sinnfällig kontrastiert. Die kleine Jane, die aus 
den kahlen Anstaltskorridoren in die schwer getäfelten Pracht 
zimmer hinüberfindet, ist ein süßes, unschuldiges Geschöpf, der 
es Lei dem sympathischen, vornehmen Olaf Föntz sicher gut 
gehen wird. Die Regie hat mit modernen Mitteln gearbeitet: 
viele Großaufnahmen und wesentliche Einzelheiten. So entsteht 
eine Reihe filmtechnisch ausgezeichneter Szenen, die das Ganze 
tragen. Ein Kabinettstück ist das Zusammenspiel von Adele 
Sandrsck und Wilhelm Diegelmann. Sie eine alte 
Dame, die ihre Tochter mit dem Lord zusammenbringen will; er 
ein joviale? englischer Landedelmann, dem man den reichlichen 
Genuß von Plumpudding anmerkt. Seine täppische Gutmütig 
keit und ihre boshafte Interessiertheit ergeben, durch die an 
deutenden Gebärden und das bewußte Augenspiel unterstützt, ein 
wundervolles Duett. Manches ist ungeschickt. Der Hausbrand ist 
zu sichtbar am Modell verübt, und das Zeremonial in einem eng 
lischen Schloß wird nicht streng innegehalten. (Noch steht von 
der vorigen Woche her der Film: „Lady Windemeres Fächer" in 
Erinnerung, in dem Ernst Lubitsch durch die sorgfältige Aus- 
halanzierung der Tempi und die genaue Berechnung jeder Geste 
ein vollkommenes Bild der englischen Hocharistokratie gibt.) Die 
vorzüglichen Darsteller, unter denen noch Rosa Valetti zu 
nennen wäre, haben einen HaupLanteil an der Wirkung des 
Films, der im übrigen ganz auf den Publikums erfolg zugeschnitten 
ist. Er läuft im Kapitsl. — Eine hübsche amerikanische 
Groteske ist Leigegeben, in der ein Filmtrupp eine Villa, deren 
Hausherr gerade abwesend ist, für Aufnahmezwecke herrichtet, 
d. h. demoliert.
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        Gott weiß was ersehnt. Dort trifft sie ihn, den Herrlichsten von allen, 
der den MWen Tag auf den Bergen herumrennt, weil HZ so hoch 
sind und so keusch und Gott weiß was. Ein pathologischer Fall, die 
Hochtouristen sollten sich solche Karikaturen verbitten. Das rhhth^ 
Misch-gymnastische Mädchen fragt ihn, waZ er dort oben suche. 
„Mich selbst!" Auch die übrigen Bildtexte tönen von innen. Den 
Narren treibt es mit einem Freund, auf den eifersüchtig zu sein 
der Autor ihm verschreibt, eine Nordwand hinan, in deren Mitte 
er irrsinnig wird, und von Eisdomen träumt. Und PipM tanzt 
derweil unten und das alte Mütterchen weint. Daß die zwei auf 
ihrer Nordwand am Ende erfrieren, ist die gerechte Rache der 
Berge für ihre Schändung. Berge sogar lassen sich nicht alles 
gefallen. 
Die Naturaufnahmen,, um derentwillen diese VerfchrsbenheiM 
sich ereignen, sind Zum Teil wundervoll. Das Meer Leuchtet wie 
noch kaum je auf der Leinwand. Ein Skirennen in alle« 
seinen Phasen ist mit unerhörter Vehemenz gefilmt, die Bretter» 
spuren tauchen Zaub^strichen gleich auf. Neu entdeckt für den 
Film ist das Motiv der nächtlichen Skifahrt mit Pechfackeln; fern 
im Dunkel bildet sich eine verschwommene Lichtfläche, die zu rasch 
entschwindenden Flammen zerstiebt. Auch das Wallen der Wolken- 
schübe ist mustergültig verzeichnet. — In einige Photographien 
ist leider der Ungeist der Handlung gefahren. Sie sind Kunstdrucke 
auf Glanzpapier, und zu den dargestellten Naturobjekten hat der 
Operateur vorher: „Bitte recht freundlich" gesägt« 
(Bei Gelegenheit der Aufführung tW MmS 
ür Frankfurt.) Lr. 
später eine Schlange heraus, so nimmt der Wilde als selbstver- 
ständilch an, daß jener Mensck sich in eine Schlange verwandelt 
habe. Für ihn gilt die magische Kausalität; nicht unsere mecha 
nische oder historische. 
Die Frage ist nun: sind die okkulten Erscheinungen derart be 
schaffen, daß sie nur in einer magischen Welt echte Wirklichkeit be 
sitzen? Verhielte es sich so: sie könnten lediglich in einer von der 
heutigen BewutzLseinshalLung verschiedenen überhaupt erfahren 
werden. Wahrscheinlicher ist indessen die Annahme, daß jene 
Phänomene nach dem Verschwinden des magischen Weltbildes im 
Laufe der Jahrhunderte als Restbestände übrig geblieben sind. 
Man wird von einer Resttheorie der okkulten Erscheinungen 
zu sprechen Men. Da sie den magischen ähnlich sind, muß jeden 
falls eine solche sinngemäße Beziehung zwischen ihnen bestehen. 
Und es leuchtet ein, daß diese Reste nur mit einer Erweiterung 
unserer DenkmiLtel oder mit einem Zurückgreiftn auf frühere Denk- 
mittel völlig aufzuhLllen ssiy werden. 
Was die wissenschaftliche Erforschung der Eulten Tat 
sachen betrifft, so ist sie zunächst an die Möglichkeit genauer Be - 
obach Lunge n geknüpft. Hier Zeigt sich schon die erste Schwierig- 
. Ein-Film der FrewdenleMSM 
-- Diner englische Großfllm — er heißt: „MultchrüoorstM 
und läuft in den Nati o nal Ly eater n (Hohenzollerm und 
SkalaMMr) — ist eine außsrordezMche Leistung Eine spaunLnde 
Fabel liegtihm zugrunde. Drei junge Engländer, Brüder, lassen 
sich in der Fremdenleg^ weil der eine von ihnen einm. 
Diamanten gestohlen hat und die andern sich mit ihm solidarisch 
fühlen. Die edlen Motivs des Diebstahls werden erst ganz am 
Ende offenbar. Das Schicksal der Drei ist das Thema des Films. 
Der Regisseur Herbert Bronon hat die exotische Umwelt und 
die MMtärsZenen mit einem Realismus gestaltet, der aufpeitscht. 
Marseille taucht auf, eine Hafenkneipe ist der letzte europäische 
Aufenthalt.. In der afriLanischen Station werden die Truppen ge 
schliffen. Die Legionärtypen sind wundervoll ausgesuch allem 
ein Italiener, der mit allen Wassern gewaschen ist. Bei dem An 
blick des Instrukteurs wird manchem M der in 
irgend einer Stadt im Zuschauerraum sitzt, die Lust an.militärischen 
Abenteuern in Marokko vergehen. Der Film kann als Warnung 
dienen; er zeigt in drastischen Bildern, daß die Leute nicht mit 
Glacehandschuhen angefaßt werden. Ein vorgeschobenes Wüst e n- 
fort ist der Hauptschauplatz. Ringsum SaKra,, Hitze und Flug 
sand, in dem Fort selber der Leuteschinder mit seinen Soldaten: 
ein Kampf der Weißen untereinander, der Weißen gegen die 
ber, der Menschen gegen die Wüste. An Deserteuren erfüllt sich ihr 
Schicksal, der Tropenkoller erfaßt Vorgesetzte und Mannschaften. 
Diese Ereignisse sind ohne Uebertreibung geschildert es bedarf 
reiner Uebertreibung —-, die Grenzen stets genau rnne gehakten; 
das Krasse wirkt darum nur um so krasser. Bei der Darstellung des 
Ansturms der . Araber gegen das Fort erreicht der Film das 
Aeuberste an Wirkung. Herrlich der Schwärm der galoppierenden 
Gaule auf den berghohen Dünen und hinab in die Täler. Mag der 
Kommandant eine Bestie sein, er ist ein vorzüglicher Soldat,' Er 
stellt seine gefallenen Leute wieder in äden Schießscharten auf, 
Pringt von Mann zu Mass und schießt Ger die Köpfe d« 
Toten hinweg, die der Feind für Lebende Kämpfer hält. Des 
Führer-der endlich zum Entsatz kommenden Truppen packt das 
Grausen, wie er das Fort betritt; stumme Mannschaften, die sein 
Ruf nicht mehr weckt, kehren Hm den Rücken. Die Kamera hat 
dieses Leben ohne Erbarmen bewältigt- Kaum genug zu rühmen 
sind dft Den einen der Brüder spielt 
Ronald C o l m a n. Der Film ist ein Dokument. raca. 
Der KßILZM Jerg. 
Dieser von Dr. Arnold Fank in anderthalb Jahren ge 
schaffene Ulm ist eine gigantische Komposition aus KörperkulLur- 
Phantasien, Sonnentrottelei und kosmischem Geschwöge. Selbst 
der abgehärtete Routinier, den die alltäglichen Gefühlsfaseleien 
nicht wehr berühren, findet sich hier aus seinem Gleichgewicht ge 
bracht. Es gibt vielleicht in Deutschland hie und da kleine Jugend 
gruppen, die dem, was sie in Bausch und Bogen Mechanisierung 
heißen, durch eine verrannte Naturschwelgerei, durch eine pauiä 
artige Flucht in das Nebelgebräu der vagen Sentimentalität zu Le- 
gegnen trachten. Als Ausdruck ihrer Art, nicht zu existieren, ist der 
Film eine Spitzenleistung. 
Die Heldin könnte von Fidus -entworfen sein. Das Mädchen 
muß immer Lanzen, als Kind schon am Meer mit den Wogen, 
Okkultismus uud Spiritismus. 
Zu dea BortrS-e« von Pros. Max Deffoir. 
-- Professor Max Dessoir eröffnete am Samstag Abend 
einen Vortragszyklus über Okkultismus und Spiritis 
mus, zu dem ihn das Frei« Deutsch« Hochstift eingeladen 
hatte. Der bekannte Ordinarius der Berliner Universität, dem 
die Psychologie viel verdankt, konnte vor kurzem seinen sechzigsten 
Geburtstag feiern. Er blickt auf ein reiches Gelehrtenleben zurück; 
viele Tausende von Studenten durften unter , seiner Führung ihre 
Ausbildung genießen. 
Der Name Dessoirs und w-M auch das Thema hatten zahlreiche 
Hörer herbeigslockt. In seiner bedächtigen Weise ging der Gelehrte 
zunächst auf die methodologischen Vorfragen ein, hie 
gerade auf einem Gebiet, in dem alle Welt heimisch zu sein glaubt, 
von besorcherer Wichtigkeit sind.. Die okkulten Phänomene, so etvm 
führte er aus, sind in der magischen Welt der Primitiven 
--- fFrankfur^er Gastspiel Curt Götz.1 Gurt Götz, der 
Autor und Dausteller, eröffnet im Frankfurter Neuen Thea 
ter ein kurzes Gastspiel mit seiner Komödie: „Was sollen 
wir spLelen oder Hokuspokus". Sie bringt in emer 
Rahmenhandlung ein Lustspiel unter, das sich zu einem Tendenz 
stück erheben möchte, es aber bleiben läßt, weil es ein Lustfprel yv 
Die auf Situationskomik gestellte Rahmenhandlung verwickelt 
Typen aus dem Theaterleben in Gespräche von gemäßigter Aktu 
alität. Ein aufgeregter Theaterdirektor steht, immer wieder einmal, 
vor der Pleite; sein dämlicher Dramaturg verschafft ihm in letzter 
Minute das neue Stück eines berühmten Dichters, das aber nicht 
von dem Dichter stammt, sondern von dem Dramaturgen, was Ge 
legenheit zu einer Betrachtung über den Bluff mit bekannten 
Namen gibt; ein Kassierer ist nicht abergläubig genug und ein 
Kritiker ' unfehlbar. Der Kritiker ist nach dem Leben mo 
delliert, wenigstens publiziert auch er unter römischen Zif 
fern winzige Abschnitte in einem Tageblatt. Es fallen 
Bonmots, die auf Zustände anspielen, ohne Menschen zu 
verletzen und ihres Erfolges auf das zart gezauste Publi 
kum sicher sind. Aus dem luftigen Gerüst quillt das Lust 
spiel, eben jenes Stück des berühmten Dichters, van dem es nicht 
ist. Seine Fabel bietet dem Kenner von Detektivromanen keine 
Usberraschungen mehr. Bei einer Bootsfahrt mit seiner Frau ver 
schwindet ein armer Maler, dessen Bilder nicht gekauft worden 
sind. Nun gehen die Bilder zu hohen Preisen ab, doch die Frau 
kommt als des Mordes verdächtig auf die Anklagebank. Der Maler 
ist natürlich gar nicht ermordet worden, sondern greift quicklebendig, 
wenn auch' inkognito, fortwährend in die Handlung ein 
und enthüllt am Ende seine Identität mit sich selbst. Die Gerichts 
verhandlung des MeitM Akts ist der Ansatz zuw TendenZstüL 
Der Staatsanwalt konstruiert auf Grund der Indizien einen über-! 
legten Mord, der Verteidiger folgert aus den gleichen Indizien! 
die fleckenlose Unschuld. Diese Szene, in der bewiesen wird, daß 
Indiziert nichts beweisen, ist aus dem Bedürfnis zu überzeugen^ 
etwas zu lang geraten. Doch geht das Ganze hübsch zusammen und 
enthält Dialoge von einigem Charme, deren milde Schlagkraft den 
ThLLterroutinier verrät. Auch die Uebergänge von und Zu den 
Causerien des Vor- und Nachspiels sind adrett bewerkstelligt. 
Unter den Darstellern, die alle in Doppelrollen auftreten, glänzte 
Hermann Vallentin, der die Lachmuskeln des Publikums in 
ununterbrochene Bewegung setzte. Sein lispelnder Lheaterdpektar 
ist ein Meisterwerk-Hen der Komik, und das verächtliche Achsel 
zucken, mit dem er als Verteidiger, ganz eingehüllt in den Pomp 
der Suada, den Vertreter der Anklage traktiert, mögen die Anwälte 
studieren. Curt Götz, der Schauspieler, lieh dem sächselnden Dra 
maturgen die erwünschte Trottelhaftigkeit und hat sich den welt 
männischen Maler, der frech' und sympathisch ist, ersichtlich aus den 
Leib geschrieben. Aus dem Ensemble wäre noch zu erwähnen: 
Valerie von Mariens, die sich als Angeklagte mit entzückend 
gespielter Unschuld verhören ließ, der vornehme Gerichtspräsident 
Walther Steinb.ecks und Willy Buschhoffs zurückhaltender 
Staatsanwalt. Das Publikum klatschte auf offener Szene und 
verließ amüsiert das Theater. Ar.
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        Ms 
Lino. 
mä^s/rerr se-re-r irrs 
Bessere Tage gesehen hat, gerät nach ferner 
Ein Zuchthäusler, der 
. 
ge egene 
LS.«NN»MLMk 
L?Lm/tZ 
N unW ,° in , at L ^ ? n W Ba L hn dem Tüchtigen M , . L S » em B e -. L - e A i- 
stungen finden Anerkennung, seine UnschuL M 
fft Verlobter sich im Gr u e i s ' erlelscc h h t aefntsa H nezru t gamnit d deer r S fec h t w ternte O ns u Sc h c t hwgeesptoerroen 
fft, Verlobter sich im Gesellschaftsanzug mit der fetteten Schwester. 
Ein typischer Fall auf der Leinwand, der die sozmle Gesinnung 
se t rre u eut A g t een li era u e f nta h emzeeungt v .on e Hi vner A ge h gean u w U rtng t t E st urc natur 
k:. ,,, anderen als den eigentlich geiellschafilichen ^erormzen 
führtb sie lustwandelt vorurteilslos unter den benachteiligten Schrch- 
tm, die fesselnde Filmmotive liefern^ Die Motive fAli^ 
aesiebt Vermieden wird dre Anspielung auf Klassenunte s ) , 
da die Gesellschaft von ihrer ErMafsigkest viel ^ÄZ^eit^i^^^^^^^ 
von der wirklichen Beschanenyen iyrer 
U LS" rsr.« °"F L 
gediegene Bahnunterbeamte und patriarchalische Werkmeister^ od« 
KlendAtätten mit Romantik, um sie zu verewigen und schlagt an 
ikmen ihr Mitleid ab, weil es hier keinen Pfennig rostet., Sie ist sehr 
nsitleidw und möchte sich zur Beruhigung ihres 
KewMen's des Gefühlsüberschuffes entledigen; vorausgesetzt, daß 
Nen wir^ geretteten Mann sp.äter seine Kaschemm 
besuchen- Vielleicht retten beide wieder °sste Person, -xitz die 
Montaner darum aussterben, ist nicht zu bffurchtem ^en ^emen 
Ladenmädchen eröffnen sich ungeahnte Einblicke m das Elend der 
! Menschen und die Güte von oben. Mischung fol t.'
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        Der Ute! äos RoiNLus: 
D i e Diebe Qv 
er te os ous:„ e eeQv . 
5 eLuns- Ue ^Laset, kbein-Verlag. Lä. D 2« 
6eb. eF l ärüokt 20- einen Kalkte seinen 
empkinK, in äer KS sieb 
fetZten Male mit XnäreaZ 
- s s-nn/vQ, i! A. 
Zum ersten unä Zum 
in einem elenäen Kb- 
siob beimtüoklsob in äaZ LobioksM? Dis' Riobisr 
— DbrenburK versiebt sieb ant äie InäolenZ von 
Kiebtern — verurteilen KnäresZ Zum Doäe, unä 
^brbaktiA, es ist niebt einmal äer Dopt eines 
^Kommunisten, sonäern eines LNAeblioben Uor- 
äers, äsr abZesebiLAen wirä. ^nmer Hnärsas. 
^rme, kleine äsanne. ^ber- Kis wirä ein.Kinä 
babem Die LobiläerunK äer" Naebh in äer sie tzs 
Ks ist ssbMer, unter Drümmern niebt romän- 
tiseb Lu sein« Diese sobleobtesis aller selten bat 
noöb mitten im Knreobt ibrsn verkübrerisebsn 
DlanL, unä Mer Mollie leiebibin äen berufenen 
' OsMrukLeM äsx MK .sLMOQ äZW Mn-- 
MG tu G -W/ RoM » n: A§D 1 G DisKs äsr 
Von Dr. G. LWMEM-MVI'. 
e.e ro enen aesenen 
halt aus. ,ie anäere Kälkte ist .mit äer Diebe äes 
MNA6N Kommunisten ^näreaZ anFekWt. Kin 
Kommunist, äer liebt? Der, obns je äie Dartei 
M verleuMdn, äoeb niebt FanL in ibr aukZebt, 
sonäern so^usL^en bürZerbebs Oeküble eni- 
Miekelt? Uan ist in DuLianä rermutlEb niebt 
KM ant ibn Lu spreeben. Die Diebe LMiseben 
Knäreas unä äer kleinen DranLOsin biübt ver 
loren im Unrat äe« ^aebkrieZs-DuropL, äas in 
äer barbariseben Krim mä im kultivierten Dsris 
Kleieb sobLnäbeb 18t; nur äie Netboäen sinä vsr- 
sebieäen. Leine ^uäösun^ xestattet äem ^ukab, 
ieäe eebte mensebliebe Ke^unZ, also aueb äie 
Diebe von lleanns unä ^näreas^ äümoniseb M 
Zerstören, (^ber Diebe ist immer eine Rarität, unä 
Mas beute äer 2ukali verniobtet, wuräs vor bun- 
äsrt labren m äer Dariser Oesebsobakt LalZaes 
Avstematisob Zerrieben«) Der Zerstreuten Millkur. 
äes Lukälls eilen äie Uensoben beflissen- sur-KM^ 
Mrenburg ^ibt seinem Diebespaar einen Hvburken 
der, äer stets Zur reebten ^eit mit ^seinen.entsetZ- ^ 
Loben Känäen äa^visobentLbrb " Line Mnb§o°.- 
durt DosiojeMskis, verkörpert äieser MZse /.D 
Maobt äer rinsternis, weil er, unbekümmert um 
MWZobe unä anäere HeberMUAUNssSN, äie kinsiere 
Naobt erstrebt: äsn 6IanZ in OabarAts, «suMelsn, 
Ruok 76LNNS. Dr moräet, unä ^näreas, äer im 
KuktrÄU äer »DroVaALnäa-MleäunA aus Krank- 
roiob ein Zweites RuMmä maoben soll, wirä als 
MräLMigb JE LÄM IWMLnäM 
Um Mrandm-F ist ein Lnro püsr. viessr 
Russs äis kinstsrstsn Kassen von karis, äsr 
&amp;gt;VsIt seiner Vabl, er dnt äie äsutsosten Litten m 
Lerlin stuäisrt, er tmt am hoMnäisoksll L-iss 
gsryeben-unä in Konstantinopel sieb Laues 0M 
f,6Q lassen Daü sr KuNanä Kennt, äuläei L6MHN 
^Meikel, Äs Lensurisrsn äort seine Düeber. Kit 
Dkeiks im Kssiebt ist er äureb äen alten Lon- 
tinent geseblenäert, sebr agil, äis, MZsn müä, er- 
kabren unä svbarb Lis baben Dinge geseben, Ms 
äer" Vaeäeksr viodt . vsrLsiebnst: Ltrakenlauw, 
Kreuäenbäussr, kleins Ereignisse Twisoben ses s 
«nä Dolitik. . , , 
DlW6 internationale Revue ist NMQt ÄI6 LurO- 
PÄsolm Kevus äyK KriNMQ Koban, LÜr äersn. 
Ueebtsgläubigkeit Dbrsnburg nveb weniger übrig 
b^t als kür manobe DetailZ in äsr kommunisii- 
Geben Keimat. Vielleiobi, ja MabrsobeinlieK ist 
-Km^elresten em^narebist 2U nennen; jeäen- 
kaUs Mgt W 8wb Lieht . M äis. 
jMag«ibm MNauss vsräasbt Mirä) unä gesenkt 
KOMieiisiiseber 2ustänäe vbns Lebeu mit Zar- 
Ks-Wseben Bemerkungen. Drst reebt äsr bürger- 
Hoben. ULK muk ibm Lugute balien, äan er mobt 
nur Duropa, Lonäsrv LWb äis Nsusebsv bsurrt. 
Ksfb ^isssn bat ibn äa-M bs^OFSQ, m sinsni 
ÄiisZsMsbQbtsn Romo-L („Drust Lur ^srstörWZ 
kuropL8") ALNL LuropÄ bis ?ur ÄbirisobsiL 6rsn2S 
äsra IltttsrALNA M M0r8.uk Äeb MSäsr 
KysnAlsr OOsb Ktsrubbirn stMLs sinbUäsn Liu8- 
ssn. Drsr ^ulst^t ^irä ^rLnbrsLob in äsn Doä ^s- 
bebisbl. Dieser sebsöäe Ironiker nüMisb äer 
ÄUZ Hiebt Mtieken OrüQäen Asrn M äer Ober- 
klüebs spLÄereri ^ebt, liebt jene verklossene elt, 
sie in krnnstieiod noch niodi xnnr. ruin Museum 
^e^voräen ist- Glitten m äsr bosbo-iten ^ebiloe- 
ibres ^erkLlIs ^irä er o-us Ler^unäeter Diebs 
HeiNLbe Lsntiwsrüsl. ^ber es ist unter ürüruruerQ 
Söb^er, äsr Domoutik ^u Miä erst eben. 
steiAe^uartier äes elenästen Darissr Hrronälsse- 
ments vereinte, ist äa^ sebönste Kapitel äeZ 
Luebs. 
ch 
Mie kaum ein anäerer lebenäer .^utor lookt 
Mrenbur§ mit äer MenMaterns seiner Ironie 
aus äsm Loberbenb-Luksn Duropa ein böses 
ObtZern bervor, ^.uob in äiesem Vueb funkeln 
Zerbröskelte Altertümer unä neue LebunäMaren, 
äer §an2E europäisvbs Kebriebt ist, niebt Zu sei 
nem Vorteil, unter Diebt ^essLZt I,Vas äie Dome 
derrirkt, so Menü man . wenigstens, -- wob er .sie 
kommt r aus äsr Lkepsis äes von Äeburt ansr- 
ebisoben Nensoben gegen Dinriebtungsn unä De- 
stztZe, äie kommünistisoben mnbegrMen Ds 
bleibt äie Krage wie tiet äis Ironie Dbrenburgs 
reiobt; äak seine gsMitZten Larkasmen blenäen, 
ist kein unbedingter Beweis kür ibre »MobbLltiß- 
keit. Die Konstruktion äes Komans Zwingt Zur 
Lkepsis gegen äen Lkevtikei. Dr stimmt auk seine 
äUtzise äas Kobebeä äer Diebe an, soböne Dons, 
rübrenäe Düne, Lllgemein-Mensobliebe Dons, 
ä^ber ist äie Diebe, wie sie bier mit Zarter Dalstte 
ausgemalt wird, niebt ZulmZt äoeb ein ^Vunseb- 
traum von unterwegs? Nan Soli mit Munsob- 
Lräumen niebt bart umspringen, unä man soll sie 
ebenso wenig verkrübt erfüllen. Ibre Lrküllung 
sobläkert ein Der ^narobismus Kbrenburgs 
kapituliert vor äer Diebe äer kleinen äeanne, 
wäbrenä äie ^Velt nieäsrträebtig bleibt wie Zu- i 
vor. Dr gibt äamit seine eigene Kntsebieäenbsit 1 
preis; äenn kann äie Diebe äsr kleinen lleanns 
siob unbekangen aukbauen, so wirä äie Lprengung! 
unä VerLnäerung äer Welt an äie Zweite Liebe 
gerüM Die Ko nwunisien in RuLlanä mögen 
eine kruäs Uebertreibung bsgebsn, wenn sie äie 
(Kesobleobts-) Diebe als eins bürgerliebe Drkm- 
äung bsLeiobnen; äak äie riobiige Diebs in äsr 
Mkenntnis grünet, ist gewiT- Ärrenburg vsrgikt 
über seiner Diebs Zu äer Diebs von llsanns unä 
^närsas äen Kampk kür äis als wabr erkannte 
Lasbe, äer vielleisbt äsn Verhiebt auk äiess Diebs 
koräerte. Lis ist niebt riebtig, äiese Diebe, sie 
trägt äis Mge äer Lentimentalität. Doeb Mirä äie 
Oereebtigkeit niebt äaäureb Mieäer bergestellt, 
äak ankere OsMalt äie Diebs ^erbriobt? Dak äer 
Draum nur ein Draum ist? Dis ösrevbtigkeit 
Mirä niebt Mieäer bergestellt, vielmebr: äer ^.b- 
brueb äer Diebe erMsist sieb als Lebein. Lis 
müüis an äsr DinZie»bt ibrs Orsn^s kinäen 
unä Mirä statt äessen vorn Lebieksa! Lugrunäs 
geri&amp;lt;Meh äex blinäsn m^tbisvbM Äasbt, äie 
iappiseb ^ukälls arrangiert«... Uit ibr vsrgboben 
bssiiÄ äer Draum äer Diebe äis bobere ^Virkbeb- 
keil." Kr Mrkte sie in äsm Kuropa M-renburM 
niebt besitLSN, oäsr: . äiessr Zerstörer Duropasb 
'Maöbt mM.'"gsnL Nmst. " 
.. Ein junges hübsches Mädchen hat es sich in den Kopf gesetzt 
ihren Vetter uno Gutsnachbarn für sich zu gewinnen. Sie zieht 
LA" Kammerdiener von ihm engagieren und 
oenwgt sich fortan als zweideutiges Wesen in eindeutigen Situa- 
schwul gibt es Vierteltöne. Um die 
wahre Natur de-- BurMen zu ergründen, dringt der Gutsherr in 
daz Dienerzimmer ein. Das halb entkleidete Mädchen — oben 
Spitzenhöschen - hat sich unter die Bettdecke ver 
krochen. Der gründliche Herr zieht sie, bei den Füßen beginnend 
langsam und systematisch hoch. Alles aas Liebe." Am Ende Ver 
lobung. Der Gutsherr ist reich. Er hat, ehe ihm die Hüften des - 
Kammerdieners verdächtig erschienen, eine Liaison unterhalten, die 
entstand Die TanzharZ bleiben an Zahl und 
hinter den Kirchen früherer Jahrhunderte nicht zurück. 
Kein ^ilm ohne Tanzbär, kein Smoking ohne Geld. Sonst zögen 
d .H^ an und aus. Der Betrieb Utzl 
Erotik, die Beschäftigung mit ihr Leben. Das Leben ist eine Er- 
denen die Unbemittelten nach bestem Un 
vermögen nacheifern. Da die Aufrechterhaltung der Gesellschaft im 
Internst der bMtzenden Kreise liegt, müssen sie sich das Nachdenken 
über sie verbieten. Mit Hilfe ihres Geldes gelingt es ihnen, ditz 
l Existenz, für die sie tagsüber schuften, während ihrer freien Zeit Zu 
! vergessen. Sie leben. Sie Laufen sich ein Amüsement, , das dem 
i Denkorgan zu verduften erlaubt, weil es die anderen' Organe voll 
beansprucht. Der Staat müßte den Barbesuch subventionieren, 
macht er nicht an sich schon Freude. Mädchen, die sich als Kammer 
diener verkleiden, und Herren, deren letztes Ziel unter Bettdecken 
greifbar ist, kommen nicht auf böse Gedanken, die gut sind. Sie 
könnten aus Langeweile auf sie kommen. Um die Langeweile ab ¬ 
! Zustellen, die zu dem Amüsement führt, das. sie erzeug^ wird ihm 
noch die Liebe aufgestockt. Warum tat es das Mädchen? Weil es 
den Gutsherrn liebt. Gegen die Liebe wird nach dem Urteil der 
Gesellschaft, die sie verloren hat, jeder Einwand zunichte. Aus dem 
Erdreich der Bar läßt sie daher Treueschwüre Zwischen Existenzen 
aufblühen, die es nicht gibt, und aus dem Revuemilieu zaubert sie 
Verlobungsapotheosen hervor, deren Glanz nicht von Pappe ist. 
Das Licht, das sie ausstrahlen, ist so festlich, daß die Menschen gar 
nicht mehr wünschen, es mochten der Gesellschaft andere Lichter 
aufgehsn. Besonders, wenn die Liebe finanziell gesichert ist. Die 
armen kleinen Ladenmädchen -greifen im dunklen Zuschauerraum 
nach der Hand ihres Begleiters und denken all den kommenden 
Sonntag MorLschuM folgt.)
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        tzrllsgi? Mrenbur^ MsiL um 
8GiQ Lr stellt aem 6er als 
realster Lommumst aas (Mek 6er Unterwerfung 
stlZZ VnMnsn unter äle (leKÄintdeit preälZt, äsn 
weisen KestriktZteller Erstes I^eßeau ^eZenüder, inn- 
tkr stern sied sweffelloZ Ana-tole d^rsneS ver 
bürgt. Der iffuAG Dreis tritt aus DereeistiA^eitZ- 
Luv für äie Laeße ckes ^näreLZ ein, g-der er 
denut uueü, was -sunff'eaZ wecker kennt noeü 
ZetE^t : ^ V er8edieäenüeit cker NenZeden unä 
äis DnMreeütiZ^ech- Au ckein junZen 
Nentzeden ^eWanckt / - „la, 8ie ver- 
steüeu nneti nisüt. Lann ckenn cker VoZel ver- 
8ieüen, ckak cker Diseü in cker Duft verZeßens nueü 
Duft LeßnLppt, unck äer ckak cker Vo^ei im 
Ausser Ertrinken muL? Ds sinck ^ei ^Veiten. 
Duck Lok? lob, mein erzürnter Drsunck, bube Die 
men unck Düngen." 
^uob Dtwenbur^ k^t Demen unck Düngen. 
rechten. Sie quellen über vor Gemüt, wo es wenig darauf an- 
kommt, und können nur deshalb häufig nicht, wie sie möchten, 
weil sie ihre Empfindungen bei Privataffären so unökonomisch 
verschwenden, daß der Vorrat immer wieder ausgeht. Man muß 
die Weichheit und Zärtlichkeit des jungen Berliners im Verkehr 
mit der Wienerin unter dem Stephansturm erfahren haben- um 
ein- für allemal Zu begreifen, daß sein brutales Benehmen am 
Telephontisch nicht auf seinen Mangel an Sentimentalität zu 
schließen erlaubt. Die Kamera bringt es an den Tag. Er liebt 
wirklich die Operetten, er sehnt sich wirklich nach einem idyllischen 
Winkel, in dem er ungestört das arme Herz aufschlagen darf, das 
er aus allen übrigen Etablissements vertreiben muß. Fehlt die 
Wienerin im Haus, die es an der Einmischung in das Wirtschafts 
leben hindert, so ist es auch in einem Grammophon zur Not gut 
untergebracht. Aus den Filmen läßt sich Menmäßig belegen; daß 
mit dem Wachstum der Prosperität die Naturschutzparks für das 
Gemüt sich stetig vermehren. Die kleinen Ladenmädchen aber ge 
langen Zu der Erkenntnis, daß ihr glänzender Chef auch inwendig 
aus Gold ist, und harren des Tages, an dem sie einen jungen Ber 
liner mit ihrem dummen Herzchen erquicken dürfen. 
MortfttzMtz d 
^4us cker Serie: Die DaAen- 
MMoken ins Lina. 
Die Tochter eines Flugzeugmotor-Fabrikanten startet zu einem 
WeLLflug um die Erde, der die Tüchtigkeit der väterlichen Motore 
beweisen soll. Ein Konkurrent, dem sie einen Korb erteilt hat, sucht 
sie unterwegs überall aufzuhalten. Ein junger'Mann, dem sie be 
stimmt keinen Korb erteilen wird, leistet ihr unterwegs überall Hilfe. 
Vor den Hintergründen Indiens, Chinas, des Stillen Ozeans, 
Amerikas entwickelt sich Liebe mit Schnelligkeit und Schnelligkeit 
mit jener. Die Fliegerin erscheint immer im jeweiligen Landes 
kostüm. Sieg und Verlobung zum Schluß. — In anderen Filmen 
verlobt fichs an den oberitalienischen Seen; auch Spanien ist ein 
Land (die Wahl der Länder unterliegt den Launen der Mode). 
Jede Verlobung ist an die ununterbrochene Benutzung des eigenen 
Autos geknüpft.^ —° Ich bin um die ganze Welt gereist, um zu mir 
selbst Zu kommen, versichert Graf Keyserling in seinem Reisetage 
buch eines Philosophen. Auch die Gesellschaft kommt bei ihren 
Reisen nicht zu sich selbst; freilich, zum Unterschied von dem Gra 
fen reist sie gerade, um nicht zu sich zu kommen. Ob Zuhause, ob 
in einem modernen Verkehrsmittel: ihre Handlungen bleiben sich 
überall gleich. Aber die Veränderung der Landschaftsstaffagen lenkt 
von der Verlogenheit der gesellschaftlichen Begebenheiten ab, deren. 
Monotonie über dem Abenteuer der Reise vergessen wird. Die 
Fliegerin, die in Indien Gefahren besteht, gibt sich als ein schlichtes 
notleidendes Geschöpf; niemand denkt mehr an die kapitalistische 
Transaktion in Berlin, die sie auf Reisen getrieben hat. Das 
Reisen ist eine der großen Möglichkeiten der Gesellschaft, sich in 
einem dauernden Zustand von Geistesabwesenheit zu halten, der 
sie vor der Auseinandersetzung mit sich selber bewahrt. Es hilft 
der Phantasie auf die unrichtigen Wege, es deckt die Aussicht mit 
Eindrücken Zu, es trägt zu den Herrlichkeiten der Welt, damit ihrer 
Häßlichkeit nicht geachtet werde. (Der Zuwachs an Weltkemck 
den es bringt, dient zur Verklärung des bestehenden Systems, in 
dem er erworben wird.) Manche Gesellschaftsgrößen, die es sich 
leisten können, fühlen sich während der Ferien in St. Moritz wahr 
haft als Menschen; sie sind nur in St. Moritz, um sich darüber 
hinwegzutäuschen, daß sie keine sind. Auch die unteren Bevöllc- 
rungsschichLen, die daheim bleiben müssen, werden fottgeschickt. 
Die illustrierten Zeitungen streuen Bilder aus allen Ländern über 
sie aus, und für wen flöge die Fliegerin, wenn nicht für sie. Denn 
je mehr sie reisen, desto weniger erkennen sie etwas. Wenn sämtliche 
geographischen Schlupfwinkel photographiert sind, wird die Gesell 
schaft völlig erblindet sein. Die kleinen Ladenmädchen möchten ü - 
so gerne an der Riviera verloben. 
(Fortsetzung folgt.) 
Das goldene Kerz. ! 
äsr Ssris: Die Kiemen Dacken- 
MSeieken peken Li-ra. z 
Ein junger Berlirder Großkaufmann, tüchtiger Organisator, 
la Betrieb, besucht einen Wiener Geschäftsfreund seines Vaters, 
dessen Firma an der österreichischen Schlamperei zu Grunde 
geht. Der Gast möchte mit Grausen sich wenden, wenn nicht die 
Tochter des Geschäftsfreundes, ein süßes Wiener Mädel, ihn dar 
über aufklärte, Laß es noch etwas anderes gibt als Organisation: 
Donauwellen und den Heurigen. Beglückt entdeckt der junge Ber 
liner sein unbenutztes Gemüt. Er saniert die Firma, die bald 
wieder gewinnbringend sein wird, und erwirbt das Mädel zur Ver 
wertung im Heim. — Auch ohne Großaufnahmen wäre der Her 
gang glaubhaft. Sei es in der Stadt der Walzerträume oder am 
schönen Neckarstrand: in irgend einer Gegend, die nicht von heute 
ist, verlieren und finden die reichen Leute ihr Herz. Es ist nicht 
wahr, daß sie herzlos sind; der Film widerlegt, was das Leben 
glauben machen will. Außerhalb des Betriebs, in dem das HeiH 
freilich nicht am rechten WÄ wäre- haben sie es MerM am M- 
Molk in Waffen. 
Serie.' ckie kkerrrsN 
«rLäcken sskerr ins Lina. 
Mne, D^rstmagd in einem Homeren Hotel des östlichen Welt- 
Mregsgemet», das gerade von den Russen besetzt woü&amp;gt;en ist, der- 
Surückgebliebemn österreichischen Offizier. Der russische 
Hotel Quartier genommen hat, bedrängt dio 
patriotische Magd mit unzüchtigen Anträgen. Sie widersteht; aus 
Iat^tlsmus. Bald rucken die Oesterreicher wieder ein, und unten 
den Klangen des Radehkh-Marsches werden der Offizier und seine 
Retterin vor versammelter Mannschaft geehrt. sKriegstrauunq in 
Srcht.) — Em andermal rettet eine wackere Ostpreußin während 
der feindlichen Besetzung ihren Sohn (ebenfalls Offizier); er ge 
winnt seine wackere Kusine zur Frau. Die Schlachtszenen sind 
dezenter zugeschnitten als die uniformierten Heldentaten. — Diese 
Mmtar- und Kriegsfilme, die aufs Haar einander gleichen, wider» 
legen schlagend die Behauptung von der materialistischen Grund- 
gefmnung der heutigen Welt. Sie beweisen zum mindesten daß 
gewissen einflußreichen Kreisen daran gelegen ist, den Materialis 
mus, dem sie selber huldigen, durch eine heroischere Haltung der 
anderen zu ersetzen. In der Tat können jene Kreise ihre Zwecke, 
- vEeicht neue Kriege heraufbeschwören, dann nur erreichen, 
wenn die von der Revolution noch schwach verseuchten Massen sich 
moralisch wieder sanieren: wenn über dem Lustgewinn, den der Krieg 
an Dekorationen und. Jungfrauen bringt, seine Schrecken vergessen 
werden; wenn wieder ein Geschlecht heranwächst, das nicht wissen 
will, wofür es kämpft, um desto ehrenvoller zu siegen und unterzu 
gehen. Es spricht für die moralische Absicht der Filme- daß sie 
auch den Feinden Menschlichkeit, zugestchen. Der russische Gene 
ral, der es auf die Patriotin abgesehen hat, ist ein Biedermann. 
Die Achtung des Gegners macht den Krieg zur Absurdität. Dies 
genau ist die Absicht feiner Produzenten; denn so muß er als un 
erklärliche Notwendigkeit hingenommen werden. Nur wenn das 
Volk den Heldentod für ein grundloses Schicksal hält, erleidet es 
ihn sittlich. Die Militärfilme dienen der Volks erzieh ung Sie 
dienen ihr erst recht mit den Fridericus Rex-Erzeugnissen, in 
denen auf Veranlassung immer derselben einflußreichen Kreise 
dem Publikum wieder ein König gespendet wird, an dem es sich 
Mlchr begeistern kann als an seinen wirklichen Führern, die den 
Nutzen aus der Begeisterung ziehen. Der gute Sombart, der in 
einer Kriegsschrift die Deutschen Helden und die Engländer Hänö- 
j ler nannte, hat sich so gründlich wie nur ein Professor geirrt. Die 
^ilmbelden aller Länder vereinigen sich zu den Propagandachefs 
der Händler ihrer Nationen. Die kleinen Ladenmädchen können 
sich nur mühsam des Glanzes der Märsche und der Uni 
formen erwehren.. (Fortsetzung folgt.)
        <pb n="19" />
        Ehe und Eros. 
Vortrag Kaplan Fahsel. 
Der von Berlin her bekannte NaMe des Küplans Fahsel 
rmd wohl auch das angekündigte Thema hatten am Montag abend 
den großen Saal des Saalbaues zu füllen vermocht. Der Vortrag 
selber, der von dem Redner ausdrücklich als philosophischer bezeichnet 
wurde, hielt sich mit Ausnahme einiger leicht pantheistischer Ab 
irrungen streng innerhalb der Grenzen der offiziellen kirchlichen 
Dogmatik. 
Kaplan Fahsel hub mit der platonischen Unterscheidung des 
H, eo rstigen und des zeugend en Eros an. Beide wirken 
Ach in d ei Gestalten aus, deren Symmetrie scharf herausgearbeitet 
wurde. Der bedürftige Eros wohnt bereits den niederen Natur 
dingen inne und ruft in ihnen eine gewisse Bewegung nach der Voll- 
köMnenyeit Zu hervor; er ist der Naturdrang der niederen Wesen. In 
den höheren Regionen spaltet er sich in den sinnlich bedürftigen und 
den geistig bedürftigen Eros Jener drängt auf die Vereinigung 
der Körper hin; fern Charakter ist die Veränderung, die Untreue. 
Dieser dagegen verbürgt dem Menschen einen Anteil an der Frei 
heit. Auf ferner Grundlage kann der Mensch das ganze Universum 
sowohl wie den einzelnen Menschen als geistiges Wesen lieben. 
Der geistige Eros führt zur Freundschaft hin. Er ist nach Sokrates 
der höchste überhaupt, weil er die Möglichkeit gewährt, daß der 
Liebende und der Geliebte sich dem Geiste nach ganz vereinigen. 
Wie der bedürftige Eros so ist auch der zeugende in den nie 
deren Wesen tätig. Er bewirkt in seiner sinnlichen Gestalt den 
Zeugungsprozeß, und zwar bleiben die Zeugenden so 
wnge zusammen, bis das Gezeugte als ein ihnen ähnliches Wesen 
sich von ihnen ablösen kann. Der geistig zeugende Eros streut den 
Sgmen des Wortes aus. Die Einheit der Idee muß er durch die 
Vielheit der Materie schicken, damit in den anderen Menschen sich 
wieder die Idee erzeuge. Zur Vorbereitung auf die Empfängnis 
der Idee ist die Pädagogik gefordert. Aber über die körperliche 
Vielheit hinaus schwingt auch der Eros sich zur Einfachheit und 
Einheit der Idee. 
Dieser secysgestaMge Eros ist Stoff und Materie der Ehe. 
Der Mensch hat die Ausgabe, ihn in seiner Harmonie darzustellen, 
da in ihm sowohl der niedere wie der sinnliche und der geistige 
Eros sich verwirklichen. Aber nur dann ist der Mensch ein ge 
sunder Mensch, wenn der niedere Eros in ihm dem geistigen dient, 
Der Redner zeigte nun im einzelnen, wie die Stufenfolge sich 
in der harmonischen Ehe realisiert. Diese ist nicht nur eine sinnliche 
Vereinigung, sondern auch eine Freundschaft der Partner, die der 
geistige Eros in ihnen wachrust. Der Zeugungsprozeß in der Ehe 
kommt erst zum Abschluß, wenn das Kind körperlich und geistig 
erzeug, worden ist; daher die Dauer der Ehe, die wiederum durch 
die geistige Zeugung in dem Gezeugten jene Unverbrüchlichkeit an- 
nimmt. die allem Geistigen innewohnt. 
Der Verwirklichung der vollkommenen Ehe stehen freilich 
schwere Hindernisse entgegen. Sie werden durch die Fähigkeit des 
Menschen Zur Abstraktion ermöglicht. Diese Fähigkeit zielt 
auf Absonderung der Teile aus dem Ganzen hin und gestattet es 
jederzeit, die Harmonie der Ehe aufzulösen. So kann sich der 
Mensch aus freiem Willen für die Ehe oder gegen sie entscheiden. 
Es gibt berechtigte Gründe zur Ehelosigkeit; das Priester 
zölibat etwa ist legitimiert. Das schwerste Ehehindernis ist die 
heute übliche Vorkehrung der Hierarchie der Wesenheiten. Die 
modernen Menschen machen den Anfang des Zeugungsprozesses: 
die sinnliche Lust zu ihrem Idol, während sie in Wirklich 
keit auf eine untere Stufe gehört. Eine ausführliche Analyse 
dieses Zustandes führte zu der Kenntnis, daß der Geist darunter - 
leidet, wenn er dem Sinnlichen dienen muß. Auch macht die 
Emporsteigerung der Sinneslust zur Freundschaft unfähig - ! 
Zum Schluß vollendete der Redner das Küppelgewölbe, indem' 
er aus den göttlichen Eros hinwies, der dann sich verwirk-! 
liche, wenn der geistige Eros sich aus dem Reich der Idee zur ; 
Gottheit erhebe. Die Naturlehre vom sechsgestaltigen Eros wurde 
in den Rahmen der christlichen Lehre eingefügt. 
Eine Auseinandersetzung mit dem Vortrag verlohnt sich nicht 
eigentlich Er war eine Ausgeburt des scholastischen Begriffs 
realismus, oder vielmehr, er war eine Kopie jenes Realismus, da 
er die Universalien wie abgeschliffene Münzen in Umlauf setzte. 
Die Zeiten des naiven Realismus sind seit langem vorbei, und 
wir -aben gerade in dem letzten Jahrzehnt katholische Denker wie 
den Iesuitenpater Przywara oder auch Romans Guardini 
gehabt, die, ungleich tiefer und auch Zeitgemäßer als Kaplan 
Fahsel, den alten Gehalt der kirchlichen Lehre aus dem erstarrten 
Realismus herauszulösen sich bemühten, um ihn zu kräftiger Ein 
wirkung auf die nominalistische Gegenwart zu zwingen; von den 
Radikaleren wie Ernst Michel ganz zu schweigen. Im übrigen 
ist Kaplan Fahsel nicht einmal ein guter Redner zu nennen, denn 
allzu geölt und im Augenblick der Rede allzu unerfahren, entgleiten 
ihm die Worte. Sie wirken darum doppelt banal Und verschollen. 
Xr. ; 
S6 ) D -äSL&amp;gt; 
Antwort auf eine Jestrede. 
Theater und Kulturpolitik. 
Max Reinhardt hat sich bei dem in diesen Tagen ihm zu 
Ehren in Paris verunstalteten Festbankett für den Gedanken des 
Welttheaters ausgesprochen, den Herr Gemier vertritt. 
In seiner Rede äußert er bündig, daß er kein Politiker sei, son 
dern nichts als ein TheaLerwann. Der Lheatermann erkennt den 
drohenden Verfall des Theaters und fragt, wie dem Patiencen 
wieder aufzuhclfen sei. „Könnte durch einen Zusammenschluß, 
einen zeitweisen Austausch nicht vieles, vielleicht Entscheidendes 
geschehen? Sollen nur Boxer, Radfahrer und Te sich 
international zusamt Als Heilmittel also Zusammen ¬ 
schluß. Aber: „nicht die Kunst der Politik soll uns zusammen 
führen, sondern die Politik der Kunst . . — Diese Be- und Er ¬ 
kenntnisse, diese gewiß ehrlichen Wünsche und Hoffnungen ver 
raten über den Stand der herrschendsn Ideologie von heutzutage 
umso mehr, als sie nicht von dem ersten Besten herrühren. Nicht 
oft werden solche Proben dem Chemiker der Gesellschaft zur Ana 
lyse darg^ ideologischen Befangenheit sperrt sich 
Max Reinhardt genau gegen die Gedanken und Tätigkeiten ab. 
die das von ihm ersehnte Welttheater herbe könnten 
oder ihm doch Klarheit darüber Zu verschafM vermöchten, 
warum das Theater heute gefährdet ist. Er will kein Politiker 
sein, sondern nur Theatormann. M eb.n dies: daß er 
kein Politiker sein will, es sei denn ein Politiker der Kunst, 
verhindert Zuletzt die. Errichtung des WelLLHeaters, hintertreibt die. 
Wirkung des von der Bühne gesprochenen Worts. Sie hängt von 
dem Zustand der Gesellschaft ab, zu der gesprochen wird. Jst dieser 
Zustand schlecht und der Veränderung bedürftig — er ist es — so 
hat Wirkung allein und zunächst das politische Wort. (Es kann 
auch, auf der Bühne gesprochen werden.) Doch Max Reinhardt. 
weigert sich, ein Politiker zu sein. Er sieht ab von der Politik, er 
umgeht sie, wie die Theaterdichter sie zumeist umgehen, und propa 
giert trotzdem als unpolitischer Theatermann mit Herrn Garnier 
das Welttheater. Wäre er der Politiker, der er nicht sein will, so 
müßte er wissen, daß das Welttheater nur dann sich verwirklichen 
kann, wenn es auf dem Theater der Welt anders aussieht, wenn 
also die Politik auf eine Umwandlung der Gesellschaft drängt, 
deren heutige Beschaffenheit den augenblicklichen Tiefstand des 
Theaters nach sich gezogen hat. Er müßte wissen, daß mit der Ein 
richtung der Gesellschaft die des Theaters unzertrennlich verbunden 
ist; er müßte wissen, daß in Zeiten, in denen eine Umstellung der 
Gesellschaft moralisch gefordert ist die Politik den Primat vor der 
Theaterkunst (als bloßer Unterhaltung) hat, die notwendig zur 
Spielerei entartet, wenn sie ihr politM Desintereffement er 
klärt (freilich nur dann); er mußte die Folgerung ziehen können, 
daß er immer Grund zur Klage haben würd, solange er kein Po 
litiker ist, sondern nur ein Theatermann. Die Beschränkung, di? er 
sich selber auferlegt, und einzig sie, ist daran schuld, daß nur Boxer, 
Radfahrer und Tennisspieler sich international zusammenfinden; ; 
also Leute, die mit der mittelbaren oder unmittelbaren Darbietung 
von Erkenntnissen nichts zu schaffen haben. Der Theatermann wun- ! 
dert sich, der Politiker würde verstehen. Verstünde er aber, so bliebe 
er vielleicht nicht nur Theatermann oder achtete doch als Theater 
mann auf die wesentlichen Beziehungen zwischen realer Kunst 
und richtiger Politik. Womit plumpen Tendenzstücken nicht das 
! Wort geredet sein soll. 
Der moderne Karun ak Hlaschid. 
cks-' Lens.- Die Leinen 
mScke/ren ge/ren L-rs Lrno. 
Eine Milliardärstochter tritt inkognito als armes Mädchen auf, 
weil sie rein um ihrer Person geliebt werden will. Ihr Wunsch 
wird von einem unscheinbaren jungen Mann erfüllt, der eigentlich 
ein verarmter Lord ist. Ehe er sich noch erklärt hat, hört er aus 
Zufall von den Milliarden. Er zieht seine Werbung zurück, um nicht 
Mißverständnissen ausgesetzt zu sein. Nun erst recht finden sich die 
i Beiden, und da Geld gern zu Geld kommt, erbt der Lord zum 
Schluß zahllose Schätze. — In einem anderen Film strolcht ein 
junger Milliardär als Vagabund durch die Welt, weil er rein um 
seiner Person usw. Gelüftetes Inkognito, Zaubern des Mädchens 
und Hochzeitsreise in komfortabler Pacht. — Wie in Tausendund- 
eine Nacht, so wählt auch der Märchenfürst von heute die Ver 
borgenheit; nur daß der Glanz des Endes von seinen Milliarden 
herrührt, die in der Gesellschaft jeden anderen Glanz überstrahlen. 
Ein Riesenvermögen kann zu nützlichen Zwecken verheimlicht werden. 
Die reiche Arme, der Vagabund, der es nicht ist: sie verbinden mit ihrem 
Inkognito überhaupt keinen Zweck, es sei denn, daß sie rein um ihrer 
Person willen usw. Warum werfen sie das Geld nicht weg,; wenn 
sie als Personen geliebt werden wollen? Warum zeigen sie nicht, 
daß sie etwas sind, das sich Zu lieben lohnt, indem sie mit ihrem 
Geld eine anständige Handlung begehen? Sie werfen nicht weg, sie 
begehen keine anständige Handlung. Die erheuchelte Armut hat 
vielmehr den Sinn, das Glück des Besitzes in ein Helles Juprterlicht 
; zu .rücken, und die Sehnsucht, uninteressiert geliebt zu wert en, ist 
eine Sentimentalität, die den Mangel an wirklicher Liebe verdun 
keln soll. Denn die wirkliche Liebe ist interessiert, sie ist interessiert 
daran, daß ihr Gegenstand etwas Lauge. Es könnte der Milliardärs 
tochter unbequem werden, wenn ein Liebhaber sie aus wirklichem 
Interesse begehrte. Sie vertuscht daher die ihr beigefügten Milliar 
den und verschafft sich zu den Schleuderpreisen des öffentlichen 
Marktes einen Mann, dessen Uneigennützigkeit darin besteht, daß 
er auf ein Mädchen ohne Milliarden hereinfallt, das ohne Milliarden 
nichts ist. Aber es kommt auf den Menschen an, nicht auf den 
Reichtum, lehren die Moralisten unter den Reichen. Der Mensch ist, 
nach den Filmdokumenten zu schließen, ein Mädchen, das gut Char-
        <pb n="20" />
        südlichen Ländchens hat sich aus Paris eine Geliebte heimgeholt, 
die ein amerikanischer Milliardär unter seinen Besitztümern wünschte. 
Sie zu gewinnen, kauft der Milliardär unzufriedene Volksmassen 
und besticht den königlichen General. Rasch wird ein patriotischer 
Ausstand inszeniert. Die Maschinengewehre setzten sich in Tätigkeit, 
auf den Straßen und Plätzen bilden sich malerisch verteilte Leichen. 
Der General kann dem Milliardär melden, daß durch die Gefangen 
nahme des Königs das Mädchen frei geworden sei; er steht vor 
seinem Geldgeber in der servilen Haltung eines Kammerdieners. 
So würden also Putsche und Blutbäder auf Veranlassung des 
! Großkapitals an gerichtet? Der Film ist verrückt. Er schildert die 
Ereignisse, wie sie tatsächlich verlaufen, statt ihnen die Würde zu 
erhalten, die sie ermöglicht. Gottlob strahlt der Film sofort wieder 
mit roten Wangen. Der Amerikaner nämlich ist in Wahrheit ein 
guter Mensch, der seine Milliarden zu Recht besitzt. Nachdem er 
erfahren hat, daß die Pariserin ihrem Geliebten die Treue wahrt, 
befreit er den Exkönig aus dem Gefängnis und schickt das glück 
liche Paar auf die Hochzeitsreise. Liebe ist stärker als Geld, wenn 
! das Geld Sympathien gewinnen soll. Die kleinen Ladenmädchen 
I hatten sich geängstigt. Nun atmen sie auf. 
Kilm und Gesellschaft. 
Vchluß der Serie: Die kleinen La den Mädchen 
gehen ins Kino.^) 
Von Raea. 
Die Filme sind der Spiegel der besteh Eden Gesellschaft. 
Sie werden aus den Mitteln von Konzernen Lestritten, die 
zur Erzielung von Gewinnen den Geschmack des PublikumA 
um jeden Preis treffen müssen. Das Publikum seht sich 
gewiß auch aus Arbeitern und kleinen Leuten zusammen, die 
Wer die Zustände in den oberen Kreisen räsonnieren, und 
das Geschäftsinteresse fordert, daß der Produzent die gesell- 
schaftskritischen Bedürfnisse seiner Konsumenten befriedige. 
Niemals aber wird er sich zu Darbietungen verführen lassen, 
die das Fundament der Gesellschaft im geringsten angreifen: 
er vernichtete sonst seine eigene Existenz als kapitalistischer 
Unternehmer. Ja, die Filme für die niedere Bevölkerung sind 
mach bürgerlicher als die für das bessere Publikum; gerade, 
weil es Lei ihnen gilt, gefährliche Perspektiven anzudeuten, 
ohne sie zu eröffnen, und die achtbare Gesinnung auf den 
Zehenspitzen einzuschmuggeln. Daß die Filme in ihrer Ge^ 
samtheit das herrschende System bestätigen, ward an der Er 
regung über den P otemkin - Film offenbar. Man empfand 
sein Anderssein, man bejahte ihn ästhetisch, um das mit ihm 
Gemeinte verdrängen zu können. Ihm gegenüber vergingen 
die Unterschiede zwischen den einzelnen FiMgattungen der 
deutschen oder auch amerikanischen Produktion, und es erwies 
sich bündig, daß diese Produktion die einheitliche Aeußerung 
der einen und gleichen Gesellschaft ist. Die Versuche mancher 
Regisseure und Autoren, sich von ihr loszusagen, haben von 
vornherein keine Chance. Entweder sind die Aufsässigen, ohne 
es zu wissen, nur Attrappen der Gesellschaft, die sie am Gängel 
band führt, während sie sich zu empören glauben, oder sie 
werden aus Selbsterhaltungstrieb zu Kompromissen ge 
zwungen. (Chaplin sogar endet im „Goldrausch" als Millionär, 
ohne ein richtiges Ende zu finden.) Die Gesellschaft ist viel 
zu mächtig, um andere Bildstreifen als die ihr genehmen zu 
gestatten. Der Film muß sie spiegeln, ob er will oder nicht. 
Aber ist es wirklich die Gesellschaft, die sich in der Film 
kolportage Zeigt? Diese rührseligen Rettungen, dieser unmög 
liche Edelnmt, diese jungen glatten Gents, diese monströsen Hoch 
stapler, Verbrecher und Helden, diese moralischen Liebes- 
Rächte und unmoralischen Eheschlüsse: gibt es sie wirklich? 
Es gibt sie wirklich, man lese die Generalanzeiger. Kein 
Kitsch kann erfunden werden, den das Leben nicht überträfe. 
Die Dienstmädchen benutzen nicht die Liebesbriefsteller, sondern 
diese umgekehrt sind nach den Briefen der Dienstmädchen 
komponiert, und Jungfrauen gehen noch ins Wasser, wenn sie 
ihren Bräutigam untreu wähnen. Filmkolportage und Leben 
entsprechen einander gewöhnlich, weil die Tippmamsells sich nach 
den Vorbildern auf der Leinwand modeln; vielleicht sind 
aber die verlogensten Vorbilder aus dem Leben gestohlen. 
Dennoch soll nicht bestritten werden, daß es in den meisten 
Gegenwartsfilmen unwahrscheinlich hergeht. Sie färben die 
schwärzesten Einrichtungen rosa und überschmieren die Röte. 
Darum hören sie nicht auf, die Gesellschaft zu spiegeln. Viel 
mehr: je unrichtiger sie die Oberfläche darstellen, desto richtiger 
werden sie, desto deutlicher scheint in ihnen der geheime Mecha 
nismus der Gesellschaft wieder. Es mag in Wirklichkeit nicht 
leicht geschehen, daß ein Scheuermädchen einen Rolls Royce 
Besitzer heiratet; indessen, ist es nicht der Traum der Rolls 
Royce-Besitzer, daß die Scheuermädchen davon träumen, zu 
ihnen emporzusteigen? Die blödsinnigen und irrealen Film 
phantasien sind die Tag träume der Gesellschaft, 
in denen ihre eigentliche Realität zum Vorschein kommt, ihre 
sonst unterdrückten Wünsche sich gestalten. (Die Tatsache, daß, 
wie in der Buchkolportage, so auch in der Filmkoltzortage große 
Sachgehalte sich verzerrt mit ausdrücken, verschlägt in diesem 
Zusammenhang nichts.) Daß die Mitglieder der höheren und 
nächsthöheren Stände ihr Porträt in den Jilr ^n nicht er- 
kennen, ist kein Einwand wider die Aehnlichkeit der Photo 
graphie. Sie haben Grund, nicht zu wissen, wie sie aussehen, 
und wenn sie etwas als unwahr bezeichnen, ist es nur um so 
i wahrer. 
Auch in solchen Filmen noch, die in die Vergange n - 
heit schweifen, gibt sich die heutige Umwelt zu erkennen. Sie 
kann sich schon darum nicht immer betrachten, weil sie sich 
nicht von allen Seiten betrachten darf; die Möglichkeiten un- 
anstößiger Selbstdarstellungen sind begrenzt, während das Ver 
langen nach Stoffen unersättlich ist. Die vielen historischen 
Filme, die nur das Gewesene illustrieren (nicht etwa wie der 
Potemkin-Film die Gegenwart in historischem Gewand) sind 
ihrer eigentlichen Bestimmung nach Blendungsversuche. Da 
die Verbildlichung von Zeitereignissen stets Gefahr läuft, die 
leicht erregbare Menge gegen mächtige Institutionen einzu- 
nehmen, die in der Tat oft nicht einnehmend sind, richtet man^ 
die Kamera lieber auf das Mittelalter, an dem das Publikum 
sich unbeschädigt erbauen mag. Je weiter zurück die Handlung 
liegt, desto tollkühner werden die Filmleute. Sie wagen es, 
Revolutionen in historischen Kostümen zum Sieg zu verhelfen, 
um die modernen vergessen zu machen, und befriedigen gerne 
das theoretische Gerechtigkeitsgefühl durch die Verfilmung 
längst verschollener Freiheitskämpfe. Douglas Fairbanks, der 
ritterliche Gönner der Unterdrückten, zieht in früheren 
Hunderten gegen eine Gewaltherrschaft zu Feld, deren Fort-! 
dauer heute keinem Amerikaner mehr nutzt. Der Mut der Filme 
verringert sich direkt proportional mit dem Quadrat der An-! 
Näherung an die Gegenwart. Die geschätzten Szenen aus 
dem Weltkrieg sind keine Flucht ins Jenseits der Geschichte, 
sondern die unmittelbare Willenskundgäbe der Gesellschaft. 
Daß sie sich in den Filmen reiner als in Theater 
stücken spiegelt, erklärt sich schon allein aus der größeren An 
zahl der Vermittlungsglieder, die zwischen dem Dramatiker 
und dem Kapital eingeschaltet sind. Nicht nur jenem, auch 
den Intendanten wird es so scheinen, als sei man von diesem 
unabhängig, als könne man zeit- und klassenlose Kunstwerke 
produzieren. Man kann es nicht, aber immerhin ent 
stehen Gebilde, deren soziale Bedingtheit schwerer zu durch 
schauen ist als die von Filmen, die der Konzern-Direktor in 
Person überwacht. Vor allem die der intellektuellen (Ber 
liner) Bourgeoisie gewidmeten Lust- und Trauerspiele, ge 
hobenen Revuen und Regie-Kunstfertigkeiten stehen nur zum 
Teil noch ungebrochen innerhalb der Gesellschaft; ihr Publi 
kum liest am Ende eine radikale Zeitschrift und geht feinern 
bürgerlichen Beruf mit schlechtem Gewissen nach, um ein gutes 
zu haben. Auch die künstlerischen Qualitäten eines Theater 
stücks mögen es der Gesellschaftssphäre entrücken. Zwar, 
Dichter sind häufig dumm, und wenn sie auf der einen Seite 
der üLerkowM'enen Gesellschaft absagen, gehen sie ihr auf 
der anderen um so gründlicher auf den Leim. (Bert Brecht 
hat in der „Literarischen Welt" die Lyrik der Vürgerlichkeit 
verdächtigt und an ihrer Stelle dem Sport sich verschrieben. 
Der Sport als unbürgerliches Phänomen — Samson-Körners 
Biograph ist um diese Entdeckung nicht zu beneiden.) Von 
solchen Ausnahmen abgesehen, die sich einem Teil der Bin 
dungen bewußt entziehen, ist im übrigen das Gros der 
Bühnenmachwerke die genaue Antwort auf die Empfindungen 
von Theatergemeinden und dem Bestehenden nicht minder ver 
pflichtet als die Filme, von denen es sich nur durch die größere 
Langeweile unterscheidet. z 
Um die heutige Gesellschaft zu erforschen, hätte man also 
den Erzeugnissen ihrer Filmkonzerne die Beichte abzunehmen. 
Sie plaudern alle ein unzartes Geheimnis aus, ohne daß sie 
es eigentlich möchten. In der unendlichen Reihe der Filme 
kehrt eine begrenzte Zahl typischer Motive immer wieder; sie 
zeigen an, wie die Gesellschaft sich selber zu sehen wünscht. 
Der Inbegriff der Filmmotive ist zugleich die Summe der 
gesellschastlichen Ideologien, die durch die Deutung dieser 
Motive entzaubert werden. Die Serie: „Die kleinen 
Ladenmädchen gehen ins Kino" ist als ein kleines 
Musteralbum angelegt, dessen SHulfalle der moralischen 
Kasuistik unterworfen sind. 
*) Die Serie ist in den Abendblättern vom 11- bis M März 
N dieser Reihenfolge veröffentlicht worden: „Freie Bahn", 
^Geschlecht und Charakter", „Volk in Waffen", 
»Die Weltreisendsn", „Das goldene Herz", „Der 
Moderne Harun alRaschid", „Stille Tragödien", 
an der Grenze". _
        <pb n="21" />
        rennen, ist kein Einwand wider die Ähnlichkeit der Photo 
graphie. Sie haben Grund, nicht zu wissen, wie sie aussehen, 
und wenn sie etwas als unwahr bezeichnen, ist es nur um so 
wahrer. 
Auch in solchen Filmen noch, die in die Vergangen - 
heit schweifen, gibt sich die heutige Umwelt zu erkennen. Sie 
kann sich schon darum nicht immer betrachten, weil sie sich 
nicht von alten Seiten betrachten darf; die Möglichkeiten un- 
anstößiger Selbstdarstellungen sind begrenzt, während das Ver 
langen nach Stoffen unersättlich ist. Die vielen historischen 
Filme, die nur das Gewesene illustrieren (nicht etwa wie der 
Potemkin-Film die Gegenwart in historischem Gewand) sind 
ihrer eigentlichen Bestimmung nach Blendungsversuche. Da 
die Verbildlichung von Zeitereignissen stets Gefahr läuft, die 
leicht erregbare Menge gegen mächtige Institutionen einzu- 
nehmen, die in der Tat oft nicht einnehmend find, richtet man! 
die Kamera lieber auf das Mittelalter, an dem das Publikum' 
sich unbeschädigt erbauen mag. Je weiter zurück die Handlung^ 
liegt, desto tollkühner werden die Filmleute. Sie wagen es,! 
Revolutionen in historischen Kostümen zum Sieg zu Vorhafen, 
! um die modernen vergessen zu machen, und befriedigen gerne 
das theoretische Gerechtigkeitsgefühl durch die Verfilmung 
längst verschollener FreiheitZkämpfe. Douglas Fairbanks, der 
ritterliche Gönner der Unterdrückten^ zieht in früherm 
Hunderten gegen eine Gewaltherrschaft zu Feld, deren Fort 
dauer heute keinem Amerikaner mehr nützt. Der Mut der Filme 
verringert sich direkt proportional mit dem Quadrat der An 
näherung an die Gegenwart. Die geschätzten Szenen aus 
dem Weltkrieg sind keine Flucht ins Jenseits der Geschichte, 
sondern die unmittelbare Willenskundgäbe der Gesellschaft. 
Daß sie sich in den Filmen reiner als in Theater 
stücken spiegelt, erklärt sich schon allein aus der größeren An 
zahl der Vexmittlungsglieder, die zwischen dem Dramatiker 
und dem Kapital eingeschaltet sind. Nicht nur jenem, auch 
den Intendanten wird es so scheinen, als sei man von diesem 
unabhängig, als könne man zeit- und klassenlose Kunstwerke 
produzieren. Man kann es nicht, aber immerhin mt- 
stehen Gebilde, deren soziale Bedingtheit schwerer zu durch 
schauen ist als die von Filmen, die der Konzern-Direktor in 
Person überwacht. Vor allem die der intellektuellen (Ber 
liner) Bourgeoisie gewidmeten Lust- und Trauerspiele, ge 
hobenen Revuen und Regie-Kunstfertigkeiten stehen nur zum 
Teil noch ungebrochen innerhalb der Gesellschaft; ihr Publi 
kum liest am Ende eine radikale Zeitschrift und geht seinem 
bürgerlichen Beruf mit schlechtem Gewissen nach, um ein gutes 
zu haben. Auch die künstlerischen Qualitäten eines Theater 
stücks mögen es der Gesellschaftssphäre entrücken. Zwar, 
Dichter sind häufig dumm, und wenn sie auf der einen Seite 
der überkommenen Gesellschaft absagen, gehen sie ihr auf 
der anderen um so gründlicher auf den Leim. (Bert Brecht 
hat in der „Literarischen Welt" die Lyrik der Bürgerlichkeit 
verdächtigt und an ihrer Stelle dem Sport sich verschrieben. 
Der Sport als unbürgerliches Phänomen — Samson-Körners 
Biograph ist um diese Entdeckung nicht zu beneiden.) Von 
solchen Ausnahmen abgesehen, die sich einem Teil der Bin 
dungen bewußt entziehen, ist im übrigen das Gros der 
Bühnenmachwerke die genaue Antwort auf die Empfindungen 
von Theatergemeinden und dem Bestehenden nicht minder ver 
pflichtet als die Filme, von denen es sich nur durch die größere 
Langeweile unterscheidet. 
Um die heutige Gesellschaft zu erforschen, hatte man also 
den Erzeugnissen ihrer Filmkonzerne die Beichte abzunehmen. 
Sie plaudern alle ein unzartes Geheimnis aus, ohne daß sie 
es eigentlich möchten. In der unendlichen Reihe der Filme 
kehrt eine begrenzte Zahl typischer Motive immer wieder; sie 
zeigen an, wie die Gesellschaft sich selber zu sehen wünscht. 
Der Inbegriff der Filmmotive ist zugleich die Summe der 
gesellschaftlichen Ideologien, die durch die Deutung dieser 
Motive entzaubert werden. Die Serie: „Die klein e n 
Ladenmädchen gehen ins Kino" ist als -ein kleines 
Musteralbum angelegt, dessen Schulfälle der moralischsn 
Kasuistik unterworfen sind. ' 
*) Die Serie ist in den Abendblättern vom 11- bis M März 
N dieser Reihenfolge veröffentlicht worden: „Freie Bahn", 
^Geschlecht und Chara? te r", „Volk Ln Waffen",
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        / 27. 
Die Lavtz Uhrre SchMer. Dieser Film, der m der N euen 
LichLbühne unb den Kammerlicht spielen lauft, ist 
ein gut gemachtes Gesellschaftsstück. Lil Dagoder spielt mit 
Charme und in allen Wassern der Nuancen gewaschen eine Lady, 
die sich in London wohler fühlt als in Göteborg. Dort indessen 
lebt Gösta Eckman, dem sich ihr Herz Wgewandt hat. Man 
kann es begreifen, denn er ist eine stattliche Erscheinung mit einem 
unverfälschten Innern. Die Lady heiratet ihn, bekommt aber im 
hohen Norden Heimweh nach dem Hotel Savoh in London, was 
ebenfalls zu veHehen ist. Sehr hübsch die Szene, in der sie in 
einem NLagazin eine Reklame-Seite des Savoy-Hotels findet, auf 
der die Tanzräume des Hotels abgebildet sind. Die Paare be 
ginnen zu tanzen, mitten auf der Seite. Bald ist die nach London 
gereifte Lady unter ihnen und steht nur noch durch das Radio mit 
ihrem nordischen Baren in Verbindung. Auch das Nebeneinander 
der Radio-Anschlüsse ist sinnfällig dargestellt. Gösta reist nach, es 
kommt zu unliebsamen Szenen zwischen ihm und der Lady, und 
fast scheint es, als ob sie sich für die Londoner Gesellschaft ent 
scheide. Deren Moral jedoch verlangt, daß Gatten sich treu bleiben. 
Im Interesse derselben Gesellschaft also, die sie anzieht, wird das 
Herz der Lady wieder nach dem Norden zurückgetrieben. Der Witz 
des Schlusses ist, daß sie sich mit ihrem Mann auf einer Eisen 
bahnstation zwischen Göteborg und London begegnet; er auf der 
Reise nach London, sie zurück in die neue Heimat (wo sie es ver 
mutlich doch nicht aushalten wird). Die vorzüglichen nordischen 
Darsteller scheinen alle durch die JLsen-Schule gegangen, jeden 
falls sind die Zwischenschichten fein heraus gearbeitet. Vortreffliche 
ZelKmgmr: dir MMrr -er Lad- WO die alte Amme, ein dickes, 
gutmütiges Bummerchen mit einer guten Seele und gesunder Be 
schränktheit. — Ein hübsches amerikanisches Lustspiel geht voran., 
RaeL. 
Nid VdMALMKLsMOD. fo« Sr»sZsLr L-- 
rois. UeösVtnsSARG VMS Zf eitler. MLsW. 
/. Lers N. Os« 
LmalLlr UsMÜs ist äurcL Lsrusn Lomsn: „Ls-dditt" 
borMmt KEoräsn, äsr äis UsmLMvsils äss amsrikL- 
uisebsu MttsIstLuäss litsraturlübiL Mmaobt bat. 
llsusr LamLQ sebian in äsr ^bsiebt ruckikalsr LritL 
Kssoürisbsu, ^sil sr äsn bunäsrtVroLsutiMu bour- 
Moissn Vmsllsr äsr II. 8. mit äsr VaeMeiÜLsIt 
äss UaturMisssnsedaltars vivissmsrts. Inässssu, äis 
UaäikalitLt kL,uu mollt Mr so ssklimm Ks^sssn ssin, 
äsnn äsr usus Uomau ist bmMtzs sin soLialsr llilm. 
Lins MUionLrstoOktsr MLMWU MDGA'^-svL^srsu 
Ü-oMW-Osp.-^MHisItLsr. m äsm sis mit ibrsm Vatsr 
LMSiäkLulsabs Nillionärstoedtsr babsu ksius Nüt- 
tsr — von UsM Vork nLcL äsm 8tMsn O^sau rsist. 
Lur LrdolnnK. Lin seMobtsr llüuMu^ aus äsm Volk, 
äsr Lioisb dlntsr dlsrv Vork sins 6-araLo bssitZt, vsr- 
liebt Lied in äis ll'oebtsr, lullt äis OaraM 
ssLN uuä rsist äsm OomsL in ssinom bMMn DsZI- 
lVLMedsu nnod.. vis Ztrssks ist Lum (llücL so lanA, 
äaü sis äis Lut^viekluuL von Uisbssssküblsu ^s- 
stattst, äsnsn äsr Vorlassor slus-soZials UsäsutuuZ 
bsimillt, Dar äünÄinX bM äsm Nüäebsu in MkLbr» 
Ucchsn Lituationon unä Isrnt srksuusu. äaü niobt Llls 
Itsieben bäss Nsnsebsn mnä« Os^ väsäsrbolt ^s- 
rsttots NLäebsn ssinsrssits kinäst balä äas Volk 
sebmasknaltor als äis Osssllsebakt. Okt krMlob sinä 
anMnsbms UsissbokuuntsebuitsD unmäsäisbs Oästs. 
Laum am Ltillsn Ossan angelanKÜ bat äis loobtsr 
UüskkMs in äsn Luxus, unä äsr ^d^runä LWlsebsn 
äsn Llasosn vM von ususm sieb Sklusu. ^bsr äsr 
MnMns sismst sieb MSblisebaMiobs Uaniorsn an 
unä stuäisrt äis InKsnisumvisssnsebaktsn. vis r oebtsr 
kLnn SS mit lbm ÄM^sn, obus äis üsssäsebakt suk 
äis vausr Zm drüskisrsn, äa sis sieb nur ibm 
borWddsmMt, um in ssinsr RsÄsituna väsäsr Zm 
ibrsm ^.usMNKSPunkt LurüskLuksbrsu. Vsrspriebt sieb 
Linelair Lsväs von äisssr Lbs äis Losung äsr sosia- 
Isn llraM? ^Vnbrsebsinliebsr ist. äall äsm ÜsrMus- 
buuä sin Lauten von Zadbitts sntsurisllt. Vs.L Lueb 
ist ZMk kür Lollvrvooä, ssins blanko blaivität mit 
VsrsebmitLtbsit niebt msbr ru vsmvsebssln. ^äisu, 
Lsrr I/s^is. —- 2ln äsn Lärtsn äsr IlsbsrsotminZ 
MÄZ 2MM T'sil äsr Ori^inaltsxt äis Lebulä trapsn. 
Lr. 
- ich wiederkam. Dieser in den A t e Nl a n u i 0 - L j ch 1- 
sp iele n gezeigte Film wärmt das „Weiße Rößt" von Mumen- 
thol und Küdelburg neu auf. Es ist ganz nützlich, von Zeit zu 
Zeit eine solche VnrkrwgsMngelegeE sich anzusehen. Man war 
damals Lei der freien Liebe angelangt, und die Autoren setzen sich 
gemäßigt revolutionär für ihre Ausübung ein; denn dem Publi 
kum durste nicht vor den Kopf gestoßen werden. Die Frivolitäten 
Aasten sich heute harmlos an, und die RW-Wirtin 
! lächerlich.-Die Kühnheiten von früher sind eben zu selbstverstand- 
licbcn Gewohnheiten geworden, über deren Befolgung niemandem 
mehr etwas cinfällt. 'Aber im Prinzip hat sich nichts geändert, 
und.wenn die Posscnhandlüng den Zeitgenossen komischchunkü w 
beweist das nicht ihre Ueberlegenheit, sondern viel eher die Possen- 
haftiqkeit ihrer eigenen Handlungen. Liane Haid nimmt als 
Rößl-Wirtin mit geschicktem Ungeschick Großstadtallüren an, ijber 
die Maly Delschaft mit dem Monokel trefflicher verfügt. Die 
Liebeleien sind in das schön aufgenommene Salzkammergut ver 
legt. — Eine sehr hübsche amerikanische Groteske geht voran.
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        ^ling zieht durch das Gebirge, und Bäume, Alleen, Wolken bedeuten 
! versagte Ruhe oder Flucht. Er lagert auf DomtreM und die 
Figuren dös gotischen Portals, die stumm sind, erlangen die Macht 
der Rede. Die unübersehbaren, entsetzlich leeren Plätze d-er fvan- 
z Mischen Kleinstädte öffnen sich, um ihn aufzusaugem Oder der 
Bischofs er geht langsam durch die Prunksäle, in denen er nicht 
wohnen will, weil sie ihm zu üppig sind. Durch die Art seines 
I Ganges schon und die Führung der Bilder wird die Pracht um 
ihn Zus-chanden. Oder jene einzigartige Märchenszene, in der das 
arme kleine Mädchen nachts im Wald Wasser holen muß. Ein 
winziger Waldausschnitt ist gezeigt mit viel Gesträuch und Unter 
holz, hinter dem Schlimmes sich ereignen kann. Die Bilder ver 
anschaulichen, was das Kind in seiner Angst phantasiert. Tier ¬ 
köpfe wachsen aus dem Dunkel herauf und nähern sich, die Bäume 
greifen nach dem Mädchen mit Zweigen, die Arme sind. Dann 
glänzt das Wasser dunkel im Brunnenloch, es gurgelt/ es lockt 
in die Tiefe. Hat das Kind sich auf dem Hinweg gefürchtet, so 
schreckt es noch mehr vor her Heimkehr zurück, denn nun gibt es 
dem Spuk den Rücken frei. Die Lraumfiguren vergrößern sich, 
und eine fremde Hand packt den schweren Eimer an, den es kaum 
tragen kann. Man steht für einen Augenblick nur die Hand. 
Aber — ein Wunder — die Hand ist lebendig, sie ist die Hand des 
ehemaligen Sträflings und das Kind ist gerettet. Bis in die 
feinen Zwischenschichten hinein hat der Regisseur diese und andere 
Szenen durchkomponiert. Er hat die Zeiten richtig berechnet, er 
hat die Bildstreifen präzis Angeschnitten, er hat mit sicherem Takt 
Einzelheit und Ganzheit gewechselt und die Art der Üebergünge 
genau abgewogen. Diese Regiekunft erwächst aus der Empfin 
dung für die menschliche Bedeutung der toten und lebendigen 
. Dinge, die auf der Leinwand erscheinen. Da sie von solchen Rück 
! sichten bestimmt ist, kann sie auch nicht mit Effekten arbeiten, son 
dern muß still und ohne Eklat die Szenen ab wickeln._Aber der 
Mensch unter Menschen. 
(Nach ^es ruiLerLdles" von ViLor Hugo.) ' 
Dieser foanzöfische Film, dessen ersten Teil die Bieber- 
Lau-Lichtspiele vorführen — der zweite Teil soll in der 
nächsten Woche folgen —, zeigt leise und drastisch, was den moder 
nen Deutschen am meisten fehlt: die Zartheit, das unverstellte 
Eingreifen in menschliche Situationen. Die Handlung ist Victor 
Hugo zu danken. Man muß Lei ihr über vieles hinwegsehen, 
was uns nicht mehr betrifft; aber sie ist sauber in ihren Absichten, 
sie hat Glanz und Gebärde. Ein entlassener Zuchthäusler wan 
dert rastlos umher, weil die Menschen ihm die Türe weisen. Ein 
Bischof nimmt ihn auf, ein heiliger Mann, dessen Güte seinen ver 
stockten Sinn zür Menschlichkeit wendet. Er bringt es zu Ansehen, 
wird Bürgermeister und könnte seinen untadeligen Lebenswandel 
geachtet fortführen, erkennte nicht ein Polizeidirektor in ihm den 
ehemaligen Sträfling, der eines angeblichen Deliktes wegen steck 
brieflich verfolgt wird/ Es kommt zur Verhaftung, es kommt zu 
seiner Flucht. Der aufs neue Geächtete erbarmt sich eines Kindes, 
das in einem Wirtshaus mißhandelt wird; es war ihm von der 
Mutter, einer betrogenen Frau, die es ihrer Armut wegen fort- 
gebsn mußte, vor dem Tod anvertraut worden. Er und das Kmd, 
die nun beide gehetzt werden, retten sich auch in Paris, wohin sie 
sich zuletzt geflüchtet haben, vor den Polizisten. So schließt der 
erste Filmteil. — Wie hat der Regisseur Henri Fescourt 
diesen Stoff aus der Zeit des frühkapitalistischen Manufaktur 
betriebes gestaltet! Das Motiv des Wanderns vor allem ist zur 
unerhörten Bilderfolge geworden (es ist eines der alten großen 
MärchenmoLive, die der Film ganz bewältigen kann). Der Straf- 
geschulte Sinn wird die GeMtheit auch der gedehnten. Stellen 
ermessen. Hie und da laufen leere und unausgeführte Abschnitte 
unter: der Traum ist kein Traum und die Großaufnahmen sitzen 
nicht immer glücklich. Etliche Kompromisse stören. — Unter den 
Darstellern ragt der Bischof hervor, der mit einem Mindestmaß an 
Mitteln die unbezwingliche Härte der Sanftmut gibt. Das Mäd 
chen läßt alle amerikanischen Filmkinder weit hinter sich; seine 
Angst und sein Glück sind nicht zu vergessen. Die Mutter, die zur 
Dirne wird, ist von schöner Zartheit der Gebärde und in ihr 
Gesicht das von dem Zwangsweise angenommenen Laster ent 
stellt ist, schimmert die frühere Reinheit wundervoll herein. Die 
Hauptfigur des Sträflings geht stark durch das Stück. r^cu. 
— pxx Miviera UNÄ in daris. Die Dpielsäie IN Ntonte Earlo 
und das Meer, das man mit eigener Jacht befahren kann, werden 
in dem Mlm: „Die Fürstin der Riviera als Knüffen 
aenutzt. Der Film, den die Ratio naltheat er zeigen, ^ellt 
eine Hochswplevin in die Mitte, die das Glück hat, einen Wann zu 
liebem der sich später als Fürst entpuppt. Auch sonst steckt nichts 
hinter der Handlung. Einige hübsche Landschaftsbilder, ein netter 
Trottel als Chargenfigur — es ist nicht viel — Als HauMuck 
der verfilmte „Graf von Luxemburg . Man kennt den 
Inhalt, der Film fügt ihm nichts Neues zu. Dre Uebertragung von 
Operetten auf die Leinwand ist immer bedenklich. raca.
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        - 
Wemie im Kotet. 
Eine Dame und ein Herr fitzen in der Hotelhalle. EZ ist ihnen 
! nichts Besonderes anzumerken, sie plaudern Wer.Familienangele- 
genheiten, wenn sie nicht vorziehen zu schweigen. Die Hotelhalle 
gleicht dem Wandelgang eines Kurhauses in einem kleineren Bade 
ort für frühere Fürstlichkeiten und den heutigen Mittelstand. Ge- 
' malte Vögel Zwitschern auf den Staketen, im Hintergrund öffnet 
sich ein Muschel Bald ist es Ostern. Vor den Kurhäusern 
finden dann mittags Promenadenkonzerte statt. 
Durch die Hotelhalle wird ein blaues Flämnichen getragen. 
Man sieht es dem Kellner an, daß er noch nicht viele Flämwchen 
getragen hat, das Flämmchen ist ihm anvertraut worden. Eine 
wunderbare Erscheinung, wie- es vorbeizieht und leuchtet. Viele? 
Herrschaften unterbrechen ihre Gespräche und drehen stch nach dem 
Flämmchen um. EZ leuchtet in seiner Bescheidenheit niN gc-! 
ringsten'Heller. 
Das Flämmchen wird auf den Tisch gestellt, an dem der Herr 
und die Dame fitzen. Sie bekümmern sich nicht um seine Gegen 
wart; nur die Dame blickt mitunter schräg aus den Augenwinkeln 
herüber. Der Herr trägt einen Smoking. Er stammt von der 
Ostsee, in der er angelt. Wenn ihm die Dame jetzt w-egsiürbe, ver 
anlaßte er das Nötige und ging gefaßt in sein Zimmer. 
Das Flämmchen ist nicht allein auf der Welt, sondern erhitzt 
ein chemisches Laboratorium, das aus mehreren Glaskugeln be 
steht. In der höchsten Kugel liegt eine schwarzbraune Masse, in 
der unterem die mit jener durch eine Röhre verbunden ist, brodelt 
Wasserdampf. Drei Kellner umstehen die Retorten und machen stch 
flüsternd auf Einzelheiten aufmerksam. Die Szene gemahnt an 
ungewohnte Vorgänge in einem Herren-Friseurgeschäft. Läßt sich 
ein Herr etwa den Kopf elektrisch massieren, so strömen die Ge 
hilfen hinzu und lassen die Funken springen. Auf den Glaskugeln 
spiegelt sich das Muschelbassin. Die Dame spricht sächsisch. 
In der Halle ist vom Orient die Rede. Ohne Zweifel handelt 
es sich bei den Glaskugeln um Kaffee, nach türkischer Art. Ein 
deutscher Chemiker hat vielleicht in der Türkei den Kaffee lieben 
gelernt und später die Kugeln erfunden. Die Türken find trotz 
ihrer Reformen bei der altmodischen Kaffeebereitung stehen ge 
blieben. Nun ist die Herstellung des türkischen Kaffees wissen 
schaftlich gesichert. 
Oben liegt noch immer unverändert die schwarzbraune Masse. 
Die Kellner reden dem Flämmchen gut zu, das Publikum erwartet 
nervös den Ausgang des Experiments. Am Ende ist die Masse 
gar nicht Kaffee, und die Glaskugeln dienen anderen Zwecken. 
Der Herr, der Auskunft geben könnte, schweigt, seine Dame erzählt 
von Onkel Paul. Man hört den Namen deutlich, weil all.es den 
Atem anhält. Der von einem Kellner gerufene Direktor erscheint 
und winkt kalt mit der Hand. .Behutsam wird das Flämwchen 
wieder herausgetragen. Das Experiment ist mißglückt. 
Zum zweiten Male schwebt das Fläinmchen du^ch oie Halle. 
Die Gäste fühlen sich beschämt und blicken angestrengt von ihm 
fort. Ein leises Zischen rüttelt sie aus ihrer künstlichen Gleich 
gültigkeit auf. Der Direktor muß ein Hähnchen gedreht haben, 
denn der Dampf in der unteren Glaskugel steigt nach oben, erweicht 
die dunkle Masse zur Flüssigkeit und holt sie nach unten zurück. 
Alle Glaskugeln sind schwarzbraun. Es war doch Kaffee. Er ist 
chemisch entstanden. 
Die, Spannung in der Halle löst sich Zwei früher nicht bemerkte 
Mskkatäßchen vor dem Herrn und der Dame werden von Msi 
Kckimrn gefüllt. Eigenhändig kommt der Direktor au den TisÄ» 
und gibt beruhigende Erklärungen ab. Der Apparat ist seine? aus- 
^klügelten Einrichtung- wegen schwierig zu handhaben oder erzeugt 
uub dmür auf rationelle Weise Kaffee Wir leben in; .Mml-w du 
^Rationalisierung. Der Herr und die Dame führen' Zeitgemäß 
Tassen zum Mund. Der dritte Kellner löscht das Flämmchen vor- 
fichtig aus, montiert nach genauer Anweisung des Direktors die 
oberen Glaskugeln ab und enfiernt sich mit diesen aus der Halle. 
Niemand weiß, warum der unteren Kugel die Vergünstigung ge 
währt wird, noch auf dem Tischchen zu weilen. Wie hübsch wäre 
es, wenn Goldfische in ihr schwämmen. Auf den Staketen zwitschern 
die Vögel.
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        -- - Alensch unter Menscher. Teil II. 
Der Zweite Teil 
französischen GroßfilmZ: 
ÜLL misärLbleL", den wiederum 
des 
hie 
der 
B i e b e r b a u - L i ch t s pi c l e Zeigen, hält nicht ganz, was 
erste versprach. Der Grund ist sowohl die Fabel wie ihre Verfil 
Matrosen-Regiment Nr. 17. 
Die Wirkung dicfts mir rulstjchcn Darstellern gedrehten Re 
volutionssUms wcro von vornherein vaburcy beeinrrä^Ligt, dag er 
osjenvar von der Zensur verkümmert worden ist. Gtei^ die An- 
jangs^zenen, die den beginn der ruMMn Revomtion jchitd-.rn 
.oucn, emwiaeut sich lo .iprungyLjL, dag die Vermutung nayUiegt, 
cZ seien hier größere Stellen, und gewiß die rmLMchen, heraus-- 
g e j th n l. r e n worden. Dieser -rncHgerarvett zLyeint Znzu- 
juMioen zu rein, daß die ProporUon zwischen der Darstellung der 
üngemeinen Zustände und der in sie eingefweytenen Hanmung 
mn-'t rm-Ug gcrro.sen ist. Die der CPijode gcwidmUen streifen 
verkrümeln pcy ein wenig in den BUchmg-en, die der Umwelt gLftm; 
ledenfasts enlsteyt ein änhetilch bedruckendes Gefügt der Uchicher- 
gelt über die Aus.eimng der Akzente. Aber dieser Eindruck muh 
Ua)-t unbedingt dem ReMeur Leo Schaffe r Zur Last gelegt 
werden. 
Die Epijode selber erinnert, stark an RevoluUonschUderungen 
Zungen rUjst,L,en Liurmur. Ein Alatroje mit Führerbegabung 
(Nikolai Saltykow) wird in den RevolutionZlagen R^gimentsLom- 
..:urwanl mw ZwgL mn den L-r^ppm naa- w-pm 
unterwegs aus marodierende ötozaken, die sie gefangen nelMen-. 
^yr Amuhrer: ein Mädchen, das im Programm mrl Recht als i 
Kosakell-Weibsteusel bezeichnet wird, Oxana Pod.eZ- 
uaia, ist schön und wUd, und wenn pe amor-mich den Mund Ver 
zieht, versteyt man wohl, daß der Ma.rost ihr hörig wird. Sie 
gibt siR ohne Umschweife ihm hin, und er nimmt sie trotz der War 
nungen seiner Kameraden mit. Mit den West- und osUuropMichen 
^oriräls von Revolutioushyünen stimmt sie auch darin überein, 
daß sie, eine Zigarette im Mund, Weißgardisten niederknall.. Auf 
einem Gut, in Mm die Truppe rastet, packt sie die alte Lust zum 
Plündern an Bei dieser Gelegenheit erschießt sie den Genossen der 
Matrosen, der ihr nacyge^chüchen war. Konjükt in der Matrosen- 
vrust: soll er sich von dem Satan losreißen? ist er ihm sür immer 
verschrieben? Der Niatrofe besmm sich auf sein besseres Ich und 
auf die Sache der Revolution. Er ordnet die Exekution des Mäd 
chens an. Die Truppe zieht weder 
Die Handlung ist im Kern revolutionär. Sie trsifl jene 
Verfassung, Ln der das erotische Leben dem Kampf für die neue 
Gesellschaftsordnung untergeordnet wird. In dem revolutionären 
Rußland ist die Liebe als bürgerliche Erfindung verpönt, als eine 
Einrichtung, die das Gehirn benebelt und die Menschen von dem 
Umsturz der alten Gesellschaft abzulenken sucht. Wenn das Schick 
- sal des Weibsteufels sich besiegelt, so ist damit bündig ausge- 
zprochen, daß das Privatmenschliche um der uwolu.ionoären Aklion 
willen -getilgt werden muß. Indessen tritt diese Meinung nur un 
deutlich hervor. Das normale Kinopublikum fände zu wenig Ge 
schmack an ihr und so hat man die Szenen Zwischen dem Ma 
trosen und seiner Geliebten besonders ausführlich godrehl. ^Sic, 
gnd sich fast zum Selbstzweck geworden, und auch die seelischen i 
Spannungen erscheinen nicht fremd. Durch eine solche Betonung 
des Erotischen ist erreich:, daß die Einstellung Zur Liebe, die von 
der russischen Revolution emporgetragen worden ist (und frei.ich 
in dem heutigen Rußland bereits starker Kritik begegnet), ab 
gedrängt wird. 
Eine schwankende Haltung, die genügte, um den Vergleich mit 
dem Potemkin-Film Zu verbieten. Auch die Regieführung ist der 
Eisensteins niM ebenbür ig. Ihr fchlt die letzte Sicherheit im 
Wechsel des Einzel- und Ensemblespiels; die optischen Assozia 
Rionen sind mitunter nicht durchgcfühlt; die einheitliche Perspektive 
wird nicht innegehalten. Manche Bildmotive erinnern an den „Po- 
temkin", ohne ihn doch zu erreichen. 
Dennoch: der Film überrragt weit die bei uns gezeigte Durch- 
schnittsproduktiom Er enthält Details, die in sich vollkommen sind. 
Die Rauchfahne eines Panzerkreuzers wirft einen endlosen Schatten 
' auf das Meer. Das Wintervalais tritt großar ig in die^Hanbluno 
KM. Der m den Al emammTG - Lichtspiie 7 en ge 
zeigte Film „K iLr" spielt in dem Paris- von dem die Amerikaner 
glauben, daß eZ Paris sei Eine kleine- entzückende Aeitungs- 
verkäuferm ist die Heldin, eins SoZZS, die sv gerne in dem Revue 
theater auftreten möchte, vor dem sie „I/Labo cke verkauft. 
Solcher Glücksfälls ereignen sich häufig in der Zeitung, und warum 
sollte sie selber nicht aus einem Lokalbericht stammend Je mehr 
die Welt sich nach den Lokalberichten modelt, um so- passender ist 
sie für die besseren Stande eingerichtet. Das Mädchen stellt sich dem 
Revuedirektor vor und wird als Choristin angenommen. Die übliche 
Losung wäre, daß fis reüssierte und auf der Bühne wie im — 
Leben den Star auZstäche, der die Geliebte des Direktors ist. Den 
Vorzug erhält eine schlauere Lösung. Die neue Choristin näm 
lich muß sich -als ungeschicktes Geschöpf erweisen, das sich überall 
schlecht benimmt. Sie wird entlassen und auch der Direktor persön 
lich entledigte sich ihrer, wenn sie nicht über einen angeborenen 
Charme verfügte, der ihn unter der dick aufgelegten Hülle der Un 
bildung immer wieder besticht. Er nmKnt sie in die Wohnung mit 
sie selber hat natürlich kein Zuhause wo sie sich sestsstzt, 
ohne ihm das Letzte Zu gewähren. Der Konkurrenzkampf Zwischen 
dem Star und ihr wird Zu ihren Gunsten entschieden und auch das 
Letzte ergibt sich Zuletzt. Diese Lösung ist aus guten Gründen er 
wünscht. Auch ein Amerikaner wird wissen, daß ein Pariser 
Mädchen, und wenn sie aus der sogenannten Gosse stammt, 
Manieren und Sprachtalente hat, die sie ohne Verzug Zum Verkehr 
mit höheren Kreisen befähigen. Weder ist sie so täppisch, um nicht 
sofort den dort gebräuchlichen Jargon sich anZueignen, noch steht 
der Jargon so hoch über der Gosse. Wer er wird in seinem Wert 
freilich beträchtlich gesteigert, wenn eine ZeiLungsverkäuferin 
immer wieder gegen seine Regeln verstößt. Man lacht über ihre 
Fehler und fühlt sich als Klasse. Auch das Publikum lacht mit, 
das gleiche Publikum, das den Komment selber nicht beherrscht; 
sein Lachen soll den Anschein erwecken, als ob. Ihm schmeichelt 
überdies, daß ein unverdorbenes Mädchen aus seinen Klein 
wohnungen in die Paläste des Revue-direktors dringt. Die Groß 
bourgeoisie weiß, warum sie solche Kompliments so verschwende 
risch austeilt, warum sie den routinierten Star hinter dem 
Straßengeschopfchen zurücktreten läßt. Es ist zu ihrem Vorteil, 
wenn ein anständiges Mädchen sich von unten nach oben sehnt und 
gewiß später ebenfalls Zum Star gedeiht. -- Der Film ist vor 
züglich aufgemacht. Norma Talmadgehat sich in ihre Mary 
Pickford-Rolle reizend eingelebt, sie ist ein Gaffenmädchen, dem 
man anmerkt, daß es zu den Künsten der Weltdame mühelos sich 
durchfinden wird. Da Ronald Colman den Direktor gibt, hat 
ihre Liebe volle Legitimität. UaeL. 
Mrimäres rmd sekundäres Morke.1 Unser Freund 
und Mitarbeiter rtd. hat in seinem gestrigen Abendblatt-Artikel: j 
„Diktatur der Konfektion", in dem er an der Veranstaltung des? 
Frankfurter Schönheitswettbewerbes legitimen Anstoß nimmt, die 
Unterscheidung Zwischen primärem und sekundärem „Knorke" ge 
troffen. Jenes ursprüngliche Knorke büligt er den Berlinern zu, 
die das Wort erfunden haben und es zum mindesten rein darstellen; 
während er das Benehmen der Provinz hei Vorgängen, die eigent 
lich nur in Berlin naturgetreu nach dem amerikanischen Muster 
übertragen werden können, knorke im abgeleiteten Sinne nennt. 
In unserem Falle hätten sich also die Frankfurter die Wahl einer 
„Königin" aufhalsen lassen, ohne den Akt so knyrke Zu vollziehen, 
wie er an sich schon ist. Was dabei herausgekommen ist, hat Herr mk. 
drastisch geschildert.' Ein schlechtes Plagiat, knorker als knorke, ohne 
&amp;gt; Zweifel, unser Mitarbeiter ist im Recht Nicht um fein Urteil zu 
berichtigen, nur um es zu ergänzen, sei aber angefügt: daß die 
I Häßlichkeit des provinziellen Knorketums beinahe so etwas wie 
Rührung erwecken könnte Sie ist von der Art jener Abscheulich- 
keiten, die ein Lm Grunde feiner Mensch leicht begeht, wenn er in 
eine, nun sagen wir, knorke Umwelt verschlagen wird, zu deren Ge-, 
brauchen ihm die Beziehung fehlt. Er ahmt sie nach, um sich in ihr - 
zu behaupten, und übertrumpft bald ein Gebaren, auf das er sich 
nicht versteht. Die Läppischkeiten der Provinz auf dem Gebiet des 
Knorketums lassen sich am Enoe auch aus ihrer besseren Herkunft 
erklären. Freilich wird die Provinz erst recht zur Provinz, wenn 
sie von dem Eh geiz nach weitstädtischen Allüren besessen ist, die sie 
ln den Schein der Lächerlichkeit kleiden. Womit dem Beharren auf 
provinziellen „Eigenarten" nicht das Wort geredet sein soll. Aber 
es ^ibt eine gute vermittelnde Haltung, die weder so größenwahn 
sinnig ist, primär knorke sein- Zu wollen, noch in dummer Eigen 
brötelei sich gefällt, sondern weltmännische Urbanität mit dem Be 
wußtsein des in Wirklichkeit eingenommenen Orts Zu verbinden 
nmß. 
mung. Gegen das Ende hin wird die Zeitbedingtheit der Roman 
komposition störend offenbar. Die historisch gewordenen Stilprin 
Zipien Victor Hugos fordern, daß der Polizei-Inspektor Javert 
sich in der Seine ertränkt, weil er einmal Gnade vor Recht hat 
walten lassen; daß sich die Hauptpersonen auf eine Weise begegnen, 
die den Zufall allzu kategorisch ausschließt; daß die kleine Co^ 
die einen reichen jungen Mann heiratet, ihren Pflegevater über all 
dem Glanz vergißt, worauf ihr früher oft bewährtes Herz nicht 
Zu schließen erlaubte. Eine MkrW Analyse der von Hugo ver 
unstalten Kombinationen wäre gewiß lehrreich; indessen der Film 
ist nicht um ihretwillen geschaffen. Ihn, der eine Wirklichkeit dar- 
zustellen hat, belastet die Anpassung an eine Handlung, deren 
ästhetische Wirklichkeit dahin ist. Hinzu kommt, daß rein filmisch 
der Schlußteil weniger überzeugt als der Beginn. Woher sein teil- - 
weises Versagen rührt, ist schwer auszumachen. Vielleicht, daß der 
ersten Hälfte einige moderne Glücke eingefügt worden sind, wah 
rend die Zweite in der alten Fassung stehen geblieben ist. Hierauf» 
könnte die Tatsache hin weisen, daß die beiden Teile verschiedene 
deutsche Bearbeiter gefunden haben. Aber gleichviel: jedenfalls 
enthält der Abschluß nur vereinzelt starke Partien, Zm ganzen 
wirkt er etwas altmodisch; die Staffagen sind hie und da zu fühlbar 
komponiert, die UebergÜnge entsprechen häufig nicht so sehr den 
optischen Anforderungen als dem Zwang der Buchfabel, der die 
Illustrationen in Sprüngen nachjagen, und auch das Ensemble 
spiel ist nicht immer von jener Feinheit, die den ersten Teil durch 
gängig bestimmte. Diese Schwächen fallen um so mehr ins. Ge 
wicht, als der Film im allgemeinen ein hohes Niveau bewahrt 
und streckenweise gar fasciniert. Der Gassenjunge Gavroche ist ein 
echier Pariser KosZe, frech, sympatisch und von alt ererbtem ero- 
I tischen Charme. Einige Häuserreihen blenden, und die Wanderung' 
' durch die Kanäle erlangt im Bild schlagende Kraft. '
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        ein. Ein Zusammenstoß zwischen der sich erhebenden Masse und den 
regulären Truppen wirkt als dokumentarische Bildreportage Die 
Darstellung eines bürgerlichen Haushalts hat symbolische Krast. 
Eine Landstraße scheint durch ganz Sibirien zu laufen. Mit dem 
von dem, Potemkin-Fi'm her bekannten Geschick sind die Typen 
ausgewer et und die Massen»rrangemrntS getroffen. Sie zeigen 
naturalistische Treue, die ihre Berechtigung hat, weil die wider- 
gespiegelte Wirklichkeit in diesem Falle wirklich ist. kaea. 
— Das rosa Pantöffelchen. Ein ganz netter Film, den die 
Lkala-Lichtspiele zeigen. Das alte Filmthema: ein Back 
fisch, der eine Komtesse ist und vor Uebermut platzt, verliebt sich i 
in einen jungen Mann, den sie für einen Forstassessor Wl. Er ist , 
Serne Durchlaucht höchstpersönlich. Enthüllung erst im letzten 
Augenblick. Darob Scham der Komtesse und Verlobungskuß. Die 
Lypsn: strenge Eltern, ein gutmütiger Onkel und dämliche Mi- 
mster, deren Trottelhaftigkeit dem selbstbewußten Bürger Genug 
tuung bereuet. Das alles ist von der Mansarde geholt. Aber die 
Herkunft liegt so auf der Hand, daß man sich ihretwegen nicht 
erregen muß. Im übrigen ist Hanni Rein Wald ein lieber 
blonder Backfisch, der viel Randal macht. Auch die anderen Figuren 
! nötigen öfters zum Lachen, teils weil man sie kennt, teils weil sie 
i komisch sind. — In dem Beiprogramm spielt Monty Banks sich 
! und zug.mch einen falschen Monty, die beide sich heftig be- 
Literarische Welt G. m. ö. K. 
Die Umwandlung der Litterarischeir Welt in eine G. m. b. H., 
hat eine programmatische Erklärung in der letzten Märznummer 
verursacht. Diese Erklärung allein schon mutet wie eine G- m. 
b. H. von Motiven und Perspektiven an. 
Der Herausgeber kündigt an: 
„Mehr als bisher werden wir die positiven Wissenschaften, 
namentlich die soziologischen und psychologischen, in unsere Be 
trachtung einbeziehen müssen." 
— in einer Darstellung, die auch dem Laien ohne weiteres 
zugänglich ist." 
„Allerdings ohne jede Konzession an eine gewisse verflachende 
Popularisierung." 
„Nicht weiterbestehen darf der Geist der hochmütigen Ablehnung 
Zeit und der Geist der leeren Opposition...". 
! „ Wer dürfte angesichts dieser Zeit, angesichts dieser Gesell- j 
! schaft grundsätzlich auf Opposition, auf Kritik, und zwar auf 
schärfste Kritik verzichten?" 
O 
? „Müssen wir nicht die Jugend — vor einer wirklichkeits- 
! flüchtigen, scheinidealistischen Philosophiererei und Politisiererei 
^bewahren, die hinter dem Glanz der Worte das Programm der 
historischen und sozialen Rückwärtsbewegung verbirgt?" 
Sondernummern sollen das geistige und dichterische Leben 
der deutschen Landschaften und Provinzen in geschlossenen Bildern 
! darstellen." 
O 
„Der luftleere- Raum, den die Literaten um den ganzen Bereich 
der modernen Dichtung gelegt haben und der das Volk und die 
Gesellschaft allmählich ganz von dieser Dichtung ab schneidet, darf 
nicht weiter bestehen bleibend — — Die „Literarische Welt" will 
! ihn ausfüllen: ' 
„In größerem Umfang als bisher werden die Dichter selbst, 
namentlich die Erzähler, in Novellen und sdort stOries; zu 
Worte kommen." (Aha, Uhu, Oho! Die Red.) 
„Kurz gesagt: Wir wollen auf einem breiteren und fruchtbareren 
Boden stehn, als es die bloße ,Literatur' ist." 
* 
Ein breiter und fruchtbarer, hoffentlich auch ein fruchtbringender 
Boden... 
0 l 
Die Bräutigame der Ballette Bowllerling. Dieser in den 
B i e b e rbau - Lichts p i el en vorgesührte Film ist nach 
einem humoristischen Roman der Alice Verend gedreht. Sein 
Inhalt: Das Töchterchen eines neureichen Ehepaares soll ver 
heiratet werden. Der Mutter ist das Geld in den Kopf gestiegen, 
und sie möchte am liebsten einen Grafen oder Herzog kaufen. Alle 
möglichen komischen Bräutigame präsentieren sich, zum Teil aus 
freien Stücken, zum Teil von der Heiratsvermittlerin geschickt. 
Zugleich fällt ein Schlaglicht auf die gesellschaftliche Libertinage; 
einer der Bräutigame hat ein Verhältnis mit einer Kokotte, die er 
als die Schwester seines Freundes ausgillt, mit dem sie auch gehen 
wird. Zuletzt kommt die Verlobung mit einem jungen Vetter zu 
stande, der die ganze Zeit über im Hause des Ehepaars gewohnt 
hat und seine Kusine wirklich liebt. Warum in die Ferne schweifen, 
sieh, das Gute usw. Gespielt wird vortrefflich, das Stück enthält 
aber auch lauter typische Rollen, die heute nur so flutschen. 
Wundervoll ist die Mutter, eine komische Alte von heutzutage. 
Hanni Meiste ein Dirnchen, wie sie in den Romanen steht, 
Xenia Desni ein Backfisch aus den Illustrierten, in denen alles 
echter ist als in der Wirklichkeit. Der neuerdings viel herauZ- 
gestellte Livio Pavanelli ist kein so charmanter Bonvivant, 
wie die Regisseure offenbar glauben. Durch sein sympathisches 
Jünglingswesen zeichnet sich Walter Rilla aus. Als Hoch 
stapler, der seinen Beruf ein wenig aufdringlich betont, macht 
Bruno Kastner eine angenehme Figur. Im übrigen hält sich 
der Film wohl zu eng an das Buch. Immer wieder werden 
Bräutigame gesucht —'in der Sprache ist das Thema vermutlich 
mehr variiert als auf der Leinwand. Manche Episoden sind lustig. 
— Der beigegebene amerikanische Grotesskfilm: „Der rote 
Pirat" ist originell. Er scheint so etwas wie eine Satire auf 
Douglas Fairbanks zu sein und verrat Spuren von romantischer 
Ironie. In dem absurden Handlungsverlauf sind einige nette 
Tricks angebracht. kaca. 
Kinderseelen klagen euch an! Unter diesem etwas pathe 
tischen Titel läuft in der Neuen Lichtbühne und in den 
^ammerlichtspielen ein Film, der mit dem Kampf um den 
bekannten Paragraphen 218 in Verbindung gebracht wird, ohne sich 
aber anders als höchst mittelbar auf ihn zu beziehen. Wenn man 
ihm eine Tendenz unterschieben will, was nicht unbedingt erforder 
lich ist, so ist es die gegen die Abtreibung. Dieses Kapitel ist in 
dessen zu weitläufig, um im Rahmen einer Filnckriük auch nur 
andeutend erörtert zu wecken. Genug, daß der nach einer Er 
zählung Paul Kellers gedrehte Film einen Kommerzienrat vor- 
führt, der seine Fabriken ungeteilt weitergeben will und darum 
seiner Frau nur einen einzigen Sohn gestattet. Der Sohn hat eine 
Beziehung zu einem Mädchen angeknüpst, das ein Kind von ihm 
erwartet. Der Kommerzienrat möchte weder das Mädchen noch 
das Kind. An diesem Kinderfeind vollzieht sich dann folgerichtig 
das Geschick. Der Sohn fällt im Krieg, die Frau stirbt, und nun 
ist er ganz allein. Zum Schluß muß er als gebrochener alter Mann 
das aus dem Haus gewiesene Mädchen aufiuchen und von ihm das 
Enkelchen erbetteln. Albert Steinrück* spielt den Kommerzien- 
rat Er ist ein unerhörter Darsteller herrischer alter Männer, und 
die Gewalt seiner Person tagt das Stück, das man sich um seinet 
willen ansehen sollte. Das Mädchen wird von Elaire Rommer 
nett verkörpert. Auch Walter Rilla und Bruno Ziener gehören 
zum Ensemble, das ein gutes Niveau innehält. Die Regie hat 
sorgfältig gearbeitet und manche Szenen auf einen feinen Kammer, 
spielton gestimmt. K-Lca. 
— Die Hschstaplerm. Der in den Al e ma n n ia-Li ch L -! 
spielen gezeigte Film ist nach einem Roman von Hans Land 
gedreht, liebliche Unterhaltungslektüre, die ein paar nette Film 
motive in weite Bezirke unfruchtbaren OeAands einstreut. Ruth 
Weyher stattet die Hochstaplerin mit dem etwas kitschigen Glanz 
aus, der ihr zukommt. Als ihre Helfershelfer treten Anton Point- 
n e r und Philipp Mann ing aus, zwei gute Typen, denen man 
das Falschspiel auf den Kopf zusagen kann. Die Bande macht sich 
an einen Professor heran, eine Kapazität auf dem Gebiet der Ge 
richtsmedizin, der Theodor Loos den ganzen ihm zur Verfügung 
stehenden Edelmut leiht. Der Professor hat auch eine Sekretärin, 
ein dummes hübsches Mädchen mit großen Augen. Bis er dazu 
gelangt, sie zu heiraten, Legeben sich schreckliche Dinge: die Hoch- 
staplerin verführt den Professor, seine Sekretärin heiratet einen 
Schuft und der Professor -gerät trotz seiner Gerichtsmedizin in den 
Verdacht, ihn niedergeschossen zu haben, während es doch der Förster 
war. Eine Handlung älteren kriminalistischen Schlags. Die Regie 
hat sich ihre Verfilmung nicht viel Mühe kosten lassen. Das Ue- 
üirgsdorf, in dem der tragische, Teil vor sich geht, M allzu sichtbar 
gestellt, und das Schneetreiben setzt sich aus lächerlich dicken Federn 
zusammen. Ganz nett ist eine Betrügerei der Hochstaplerbande 
arrangiert.. Der einzige Glanzpunkt: Paul Graetz als Juwelier. 
Sein Mimenspiel ist bis in die kleinste Geste vollendet. 
_ ch lr. rr !
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        , wissen nicht, wann sie dort reisten. Wo er eigentlich gewesen 
! ist, vermöchte auch von den Erwachsenen niemand zu sagen« 
Doch das Ziel muß verlockend sein, denn sie verlassen panik- 
artig die bewohnten Orte und brechen mit sämtlichen verfüg 
baren Verkehrsmitteln zu ihm auf. Sie werden von fetten 
Muttersch weinen getragen, sie radeln auf altmodischen Velozi- 
peden. Neben sich, als Reisebagage, ein Orchestrion, bessere 
Klänge eine mechanische Primaballerina mit Tanzschritten! 
begleitet. 
In dem Rennen führen die Stiere. Ohne Seitens 
geländer, ohne die geringste Sicherung starten sie auf einem 
Bretterrund, das eine gewaltige Arena ist. Der Schaum ficht 
ihnen vor dem Maul, spitz schrauben sich die Hörner zu, und 
mit verrenkten Hälsen blicken sie sich nach Opfern um. Ueber 
ihnen ist ein Dach ausgespannt, das von einer Mittelsäule aus 
sich ins Grenzenlose verbreitert, ein Himmelszelt, der Himmel 
der Provence, weiße Staubschlangen wälzen sich auf den 
Straßen. Das Voll der kleinen Leute erklettert die Hälse und 
klammert sich an den Hörnern fest. Sie fahren ab, dumpf wis 
ein Orgelton setzt es ein. Dann brausen die Maschinen Heller 
und Heller, ein Jubellaut entsteht, wie wenn zwei Asymptoten 
sich schnitten, und die losgelassenen Herden toben unter dem 
Gluthimmel von hinnen. Ein Knabe reitet voran, der über 
dem Rücken des Stieres schwebt. Grüne Streifen blitzen von 
seinen Hosen, die blauumränderten Augen schirmt ein Zylinder, 
i Der Knabe wirft Papierschlangen aus, in die sich Tiere und 
! Menschen verwickeln, und ein aufgelöster Knäuel folgt dem 
! Phantom. 
neuem auftaucht, ist von Sonne erfüllt, auch wenn die Sonne 
nicht scheint: den Genueser Gaffen gleich, die den Hafen um- 
streichen. Aus den offenen Läden drängen die Waren ins 
Freie. Katakomben von Konserven entquellen dem Schlauch 
eines Delikatessengeschäfts, das an das geheime Lebensmittel 
depot einer Südsee-Expedition erinnert, so gewitzt und aben 
teuerlich gleißt es aus seinen Tiefen. Fruchthallen mit 
Zitronen und Wurzeln sind von Natur aus Loggien; sie er 
tragen die Abgeschlossenheit um so weniger, als ihre Verkäufer 
verkleidete Operntenöre sind, die gehört werden wollen. Die 
Nähe des Meeres Zu bestätigen, bedarf es der Austern und 
Schnecken nicht. Wo sich Märkte, Farbflecken und Burschen 
begegnen, ist es gegenwärtig. An seinen imaginären Usern 
liegen die Hausrat-Handlungen, deren Inhalt unzweifelhaft 
das Ergebnis vielseitiger Beutezüge ist. Zwischen Töpfen 
und Stricken liebkost Dämon seine Phyllis; das Weib, das die 
Kunstplastik bewacht, ist die Mutter der vier Kinder in Person. 
Daß die Armut von Stand zu Stand einkaufen geht, wird 
durch vergoldete Pferdeköpfe augenfällig bewiesen. Brächte 
eine Königstochter sie zum Reden, sie verkündeten die In 
Qualität ihrer Stammesbrüder, die als Fleischkeulen unter 
ihnen prangen. 
Wenn die Mauern nicht mehr reichen, geht es in Holzwerk 
weiter, dünnste Konstruktion, daß die Luft durchziehen kann. 
Muß es schon Behausungen geben, so am besten nur Schuppen. 
Je loser die Wände, desto wirrer der Inhalt. Anzüge werden 
Lei Grammophonmusik geprobt, über plastisch aus 
modellierten Hosen hängen Trikots. Da die dekorative Ein 
heit fehlt, ist das Ganze nicht vorhanden. Entweder die Sachen 
taumeln geistesabwesend durcheinander, oder sie zeigen sich 
einzeln wie die Zahngebiffe, die mit der Umständlichkeit kost 
barer Perlen Ais den Etuis strahlen; allerdings sind tönen 
auch Goldkronen übergestülpt. In jedem Falle bleibt zwischen 
den Schaustücken Platz genug, und wie.dicht immer sie sich 
berühren, es ließe sich noch viel hineinstopfen, ohne daß sie in 
ihrer Zerstreuung es merkten. (Nähert man stch den vor 
nehmeren Geschäftsstraßen, so Ziehen sie sich hinter Glas zurück 
und fügen stch zu Figuren.) 
Buden. 
Poch die offenen Schuppen sind immer noch Häuser. Die z 
kleinen Leute rücken darum, so oft es geht, auf die großen , 
KMOaM Mch HyMM ßch dort MOigr DBm KWeMj 
! Vor ihnen glänzt die Reihe der herrlichsten Läden, denen es 
an nichts gebricht. Was Menschen nur irgend zu kaufen be 
gehren, in den Läden ist es erhältlich. Die Buden werden 
das Nachsehen haben. Sie haben es nicht. Denn in ihnen 
gibt es zu kaufen, was niemand kaufen will, weil er nicht 
daran denkt. Wünsche dürfen sich ausleben, die während des 
nutzlosen Spazierengehens einschlüpfen, Wünsche aus ver 
schollenen Knabenjahren, dunkle Wünsche der verschiedenen 
Körperregionen, Wünsche, die flüchtige Seifenblasen sind — 
der ganze Mischmasch ungestillter Regungen, der sonst zwischen 
Tag und Nacht sich verliert. Unter ihren Gaslampen, die wie 
Goldfischkugeln leuchten, sind die Buden emporgestiegen, und 
mit winzigen Fröschen, die plötzlich zu Hüpfen beginnen, 
spielen sie sich in den Alltag herein. Sie stellen zu Familien- 
Photographien die Zierrähmchen, drucken Visitenkarten für Be 
sucher, die es eilig haben, und spenden Wohlgerüche an Mäd 
chen. Nun duften die Gesichter, der Abend ist lang. 
Nicht nach starren Geschäftsprinzipien werden die schrulligen 
Ausgeburten erhandelt. Ihr Preis ist an das Glück des 
Käufers geknüpft, das sich in gewöhnlichen Läden niemals 
erkennen läßt. Riesenräder drehen sich in den Zuckerbuden,- 
und die Begünstigten, die auf die richtige Zahl gesetzt haben, 
gewinnen an Süße. Der Passant stolpert ahnungslos über 
die Möglichkeiten. Er kann sich aus Pfropfen und Ersatzteilen 
eine neue Maschine bauen, vielleicht ist er ein Erfinder. Er 
kann sich auch einen Harem gründen: die Seraillampen stehen 
bereit. Mit ihnen kommen vergessene Deckchen angeschwemmt, 
Stickereien aus der Urzeit, alles schon klein geworden und zer 
stückelt, es fegt durch die Löcher. Für Kopfsammler sind 
Puppenköpse bestimmt, auf Tüll gebettet, anderswo liegen die 
Rümpfe. Ruhekissen, die mit grell geschminkten Katzen, Hähnen 
und Hirschen überzogen sind, bieten die erwünschte Gelegen 
heit zu Tierträumereien. Ungezügelt spritzt der Kram auf die 
Straße, mitten in die Gesellschaft, die ihn nicht mitgenommen 
hat. Die sichtbaren Flächen sind von ihm gesprenkelt wie die 
Nougatstangen, die ein Nigger feilhält. Auf Flächenschmuck 
verstehen sich die kleinen Leute nicht. Sie rollen mit ihren 
Karren an und stellen sich nach Gutdünken auf. 
Karusselle. 
Lange harren sie nicht. Zu viel Festland find Buden und 
Schuppen, und die offenen Räume winken. Sie fahren sausend 
ins Bodenlose. Karusselle ohne Zahl reißen nach allen 
Himmelsr^hLungen fort. Daß sie sich wie Glücksräder im 
Kreise drehten, ist eine optische Täuschung. Kein Flugzeug 
frißt die Ferne wie sie, keine Kinolandschaft ist so wild wie 
die Natur, der die Planken entgegenjagen. Die Kinder schon 
Das Straßenvolk in Karis. 
Von Dr. S. Kraemrer. 
Volk auf Abbruch. 
In ben Straßen der zwanzig Städte, aus denen Paris 
besteht, blüht die Vegetation der kleinen Leute. Während die 
höhere Gesellschaft in den vier Wänden der Autos und Woh 
nungen verschwindet, wachsen sie überall aus den Häusern her 
vor: an der Porte Elichy, in der Bastille-GegeNd, im Umkreis 
der flandrischen Kanäle des Nordostens, im Quartier Grenelle. 
Ihr Humus ist das Pflaster, die Oeffentlichleit ihr Zuhause. 
Mögen sie sich aus Arbeitern, Gewerbetreibenden, Schaffnern 
zusammensetzen, sie gehen in der Statistik nicht auf. Dieses 
Volk hat sich die Stadtlandschaft geschaffen, in der es dauern 
kann, ein unauflösliches Zellengewebe, das durch die Architek 
turperspektiven der Könige und des aufgeklärten Großbürger 
tums kaum verletzt worden ist. Die Kleinheit der Zellen ent 
spricht der Kleinheit menschlicher Proportionen und Bedürf- 
niffe. Paris ist eine Kleinstadt, wenn man darunter nicht den 
Sitz provinzieller Mittelmäßigkeit versteht. Inkalkulabel wie 
sein Straßennetz ist das Volk. Es lebt mit Dingen, die sich 
ihrer Verflüchtigung zu abstrakten Gegenständen erwehren. Es 
dünstet eine animalische Wärme aus und schimmert farbig. 
Auch in zweifelhaften Ballokalen ist die vermittelnde Geste 
zur Hand. Die Darbietungen der Vorstadttheater haben ein 
Ansehen; daß ein Kind im Zuschauerraum einmal weinen 
muß, wird hingenommen. Der Boden, aus dem die kleinen 
Leute kommen, ist gut gedüngt. 
Aber das Volk ist kein Kirchenvolk und seine Kultur strebt 
nicht himmelwärts. Unsere Romantiker könnten wenig Staat! 
mit ihm machen. Diese kleinen Leute nämlich, die nicht 
anders auch in den Städten des Mittelmeers gedeihen, bauen 
sich nicht in die Höhe, sie bauen sich fortwährend ab. Ihre 
Entfaltung ist schon allein durch die Notdurft behindert, ihre 
Formen brechen plötzlich ab, ohne eine Oberfläche zu bilden, 
ihre Dinge stehen bunt nebeneinander. Die Natur, die stch in 
ihnen verkörpert, hebt sich selber auf. Ein Emporschießen, ein 
Zerfall. Er ist nicht gleichbedeutend mit dem Tod, sondern 
setzt lang vor dem Sterben ein. So als ob das Volk sich aus 
eigenen Stücken jeder Verfestigung entzöge, als ob ein unbe 
kannter Zwang es davon abhielte, sich zu einem lesbaren 
Neuster zufammenzusetzen. Die bürgerliche Gesellschaft trachtet 
nach Sicherungen über den Augenblick hinaus und bewegt sich 
in einem System von Bahnen, die so grade sind wie die 
Avenuen. (Freilich hat das System keinen Bestand.) Das 
Bild, in dem sich die kleinen Leute darstellen, ist ein improvi- i 
AsM ZWM M Wt ÄÄe HGraWve jqU j 
Die Basar st raße. I werden auf Lokomotiven und Aiegenböcken in die andere Welt 
Sie wachsen aus den Häusern hervor, der Winter wird ! geschickt, sie sehen nicht mehr Vater und Mutter, betäubt und 
ihnen zum Sommer. Entflieht man der Basarstraße am einen jWM am M e - wm K M KWN M m Ä. M ZKW c ht 
Stadtende, so ist sie, ehe man noch mjt der Metro eintrifft, am 
an d eren SL a dt en d e sc h on w i e d er err i c ht e t. Di ese St ra ß e , di e l Angst, steigen Gegenden um sie aus, die sie kennen, und sis 
., 
mit der Schnelligkeit des Swinegels im Märchen immer von
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        das in der Armut liegt. Damit es aber nicht zu aufrührerischen 
Gedanken gegen die Gesellschaftsordnung verleitet werde, wird ihm 
wieder und wieder nachgewiesen, daß auch unter den Reichen gute 
Menschen sind. Lenia Desni zum Beispiel, die in dem Film: 
„Das Nixchen" auftritt — er wird in den Alewannia- 
Lichtspielen vorgeführt —, ist Zwar eine freche Berliner 
Gör- hat jedoch ein Herzchen, das sich sehen lassen kann. Man 
ma^oarüber schelten, daß sie einen Lebemann in seiner Wohnung 
aufsucht (ohne daß übrigens etwas Passierte), aber viele werden 
ihr dafür gut sein ,daß sie, um den Vater vor dem Ruin zu retten, 
sich zu einer Zweckheirat entschließt. Der Referent, nebenbei be 
merkt, ist ihr nicht dafür gut, so entzückend sie das alles auch macht. 
Es kommt natürlich nicht zu d-sr Ehe, sondern.si-e kriegt am Schluß 
den Harth Liedtke, der dieses Mal ein edler hilfreicher Mensch 
ist, wenn es auch unwahrscheinlich klingt. Kurzum: wieder einmal 
ist ein Gesellschaftsbild entrollt, das uns lehrt, daß Reichtum nicht 
glücklich macht, glückliche Menschen im Film aber meistens reich 
sind. Die Regie hat eine anständige Durchschnittsleistung erzielt. 
Raca. 
bier der Oesellsebakt auk äen Rersen sit^t, sie bis 
Zum Rnäe weitertreibe, an dem sie auk die VVirk- 
liebkeit stoüt. Indessen, der Intellekt des RaterZ 
Drown in Rbren: äalz sein positiver Olaube m 
der Oessenwart noob ein Rnäe bedeute, ist weniA 
wabrsebeinlieb. Die OesMobten sind im M 
spannend, Fsistreieb unä aktuell. Sien kann 
niobt vielen DnterbaltunAsbüob^ dieses Dob 
erteilen. , 
äes Verfolgers kann äen äobatten äes Verfolgten 
stets auk einem Vergeben betreffen; in ^Virk- 
bebkeit trekken beiäe sieb niemals an. Die 6e- 
sellsebaft ist äas ewi§ Zrüne ^aZärevier äer De 
tektive. 
Obtzstertoü. Rrank R eil er und andtzre. 
Von Dr. G. 
In 61N6M Lmostuok sab iob einen Nanu auk- 
treten, äsr äis glatten, unbestimmten 2üge äsr 
meisten Zeitgenossen batte. Da er äie Raupt- 
person des Ztüekes war, galt es bei Feinem ersten 
4mbbok zu erraten, ob er edle oäer gemeine 
Handlungen begeben werde. leb wukte es niebt, 
sein 6 es sie b t konnte ebensowobl das eines 
Zoburken wie eines guten Nensoben sein.. Rrst 
als aus seinen Raten erbebte, äaü äie Regie ibn 
als Dieblingsbelden plante, gewann äer Ossiobts- 
ausdrüok einen eindeutigen 8inn. Dr wurde balb 
wegs s^mpatbiscb; er bätte äurobaus uns^m- 
patbisob sein können. 
80 ist es in äer moäernen Oesellsobakt äie 
kke^sl. Öls Rationalität, mit äer sie auk äen 6e- 
bieten äsr Reobnik unä ^Virtsobakt verkäbrt, wirä 
äureb äas unmittelbare praktisebe Interesse dazu 
bestimmt, sieb gegen eobte Erkenntnisse vi^- 
taeb ru versebließen Rs wäre unpraktisob, 
wenn in gewisse Rransaktionsn Rrwägun- 
Äsn sieb sinmangten, äis keine Ideologien 
sind, es wäre mebr als fatal, wenn aus äem bei- 
tersn Rimmel über äer Oesellsobakt äie eins oäer 
anäere V^abrbeit wie ein Llitz in sie kübre. Ibre 
Ratio besobränkt sieb äaber aus irrationalen 
Orünäen rumeist auk äis Abwicklung abstrakt- 
kormaler Reziekungen, äie gegen äis vernünftige 
Wirkliobkeit indifferent sinä. Diese selber ist in 
äis Konstruktion äer Oesellsobakt niobt mit ein 
bezogen 
Die Aussperrung äer eebten Rrkenntnisgebalte 
aus äem gesellscbaktlioken ^usammenbang kübrt 
zu ibrer Verdrängung. Nan will ibrer niobt aob- 
ten. man gebt üben sie bin weg. 8ie allein aber 
gewäbren äem Uensoblieken eine Dakt. Da es 
von ibnen abAesebnürt wt, muü es ^runälos um- 
berva^abuncLieren. Die lüebs kinäet ibren 6e- 
xenstanä niebt, äas Dnrsebt ^ibt §ieb äen 8ebein 
äss Deebts äas sieb niebt greifen läüt, jeäe Danä- 
lunA entsprMAi eine^ senieebten Dnenäl'ebkeit 
von Notiven. Der Nemeb, äer sieb äem Din- 
brueb äer fiVabT-böjt versperrt, ist nur mö^iieb, 
niebt wirlcliob. Ls kann ibm Zrunäsät^lieb niebt 
auk äem Desiekt ^esebru-ben steben, ^er er ist, 
^eil er übsrbaupl niebt ist. Viebeient ist er ein 
8eburke, vielleiebt äer Dieblin^sbelä, er wirä es 
selbst niebt wissen, äie Dsrspektiven sinä obne 
^bsebluk. 
^us äsr 8truktur äer moäernen Oesellsebakt 
kol^t äie D n b e s i m m b a r k e i t ibrer Nen- 
seben 5säsr ein reine ist bis auk weiteres ver- 
äaobtix; wsFssn er veräLebti^ ist, äas bäNFt äa- 
von ab. Drkordebt man ibn lan^e aenu^ so 
kommt man ibm rwar niebt au? äsn Orunä — 
er börte sonst aul, veräa^btis: Lu sein — aber 
auk Vorsätze unä läan^siun^en, äis lra^würäiL: 
sinä. Ds empkieblt sieb, ibm einen Detektiv auk 
äie 8pur 2U bs-2sn. Dr wirä immer etwas auk- 
^uäeeken kaben unä nie zu einem Dnäs ^elanssen. 
Dem Oesiebt. ä^s niebt entsebieäen ist, entspriebt 
äas trübe Oebeimnis, äas weäer ^anZü Oebeimnis 
bleibt, noed s'eb ^rn2 eröffnet Ds wirä von äem 
Nsnseben ^ske^t, äsn äie formale Dativ be- 
berrsebt, unä mit Dilkc äer formalen Ratio von 
äem Detektiv ?u enträtseln ^esuekt. Der 8ebatten 
Dnter äem Ute!: „Din Dkeil vom Dim 
m e ist eine neue 8ammlun^ von Rriminal- 
novellen 6. L. Obsstsrtons. ersebienen 
fDebertra^un^ von Dora Lopkie Dellner. Derlin, 
Verlag Die Kebmisäe 256 Zeiten. Oeb. 3.) Ibr 
Delä ist äer aus krübersn blovellen Obestertons 
bekannte Datsr Drown, äer als ^läubisser Xatbol''k 
äas ^unäer anerkannt, aber .aeraäe äarum alle 
natürlieben Dinxe auk natürliebe ^Veise erklären 
moebte. Deinen besseren als ibn könnte Obester 
ton wiäer äie N^sta^o^en aussebieken, äie äas 
Wunäei Lur Onreit ansetL^n unä auk äen Aber 
glauben äer Nen^e spekulieren. "Wer bat ein In 
teresse an soleben 8pekulationen? Die Verbre- 
eber, äis ibre latsn bemänteln wollen. Also 
muü äer fromme Dater ^um Detektiv weräen, äer 
äie vor^etäusebten ^Vunäsr krakt seines V erst an- 
äes als Dlenäwerk entbüllt In jeäer äer Keobs 
Oesebiebten lost sieb ^ine übernatürb'obe Dr- 
sokeinun^. kür äie sieb Oläubi^^ finden, in Num- 
pit2 auk. Line unbeilvolle alte DropbeLsiunD: aebt 
in Drküllunss: aber äer Dosewiebt, ein kunäi^er 
Ds.yebolo^e. batte äie Dropbe^eiun^ nur fingiert, 
um äie Aufmerksamkeit von sieb ab^ulenken. 
In anderen Rallen wirä das Denebmen eines Run 
des als Orakel ausasAeben oder ?u Vertusebun^s- 
?weeken ein Oespenst praktiziert. Da Ob es-ertön 
aueb ein OesellFebaftskritiker ist, sind äie 'Räter, 
deren zebwarZe Na^ie sein Dater entlarvt, Zumeist 
^n»sböriss6 äer besseren DveiFs, Der Detektiv, 
der äen Dunstkreis Lei teilt, trifft äabinter Rab- 
suebt, falsebe Dbilantbropie und Deiebtsinn an. 
Rast sollte man meinen dalz äer Verfolger, äer 
Die 8erie von Osor^ Nüllers Driminalromanen 
lOeb. je 3.50) ist in der letzten ^eit um eine 
Reibe neuer Rande erweitert worden. Der Ver 
lag bat auf diesem Oebiet eine Mokb'ebe Rand; 
wieder sinä einige Rrekker ibm Lu^ekaNen. M- 
Liept seien vorab Lwei RoebStaplerromane, die 
beide ibrem Helden die einLlA sinn^emäke ^.uk« 
§abe Luweisen, äureb sein un^esetLliebes Vor 
leben die xesetLlieb FesobütZten Verbreeben 
bloÜLUstellen. Raron RaeosL^ entledigt sieb in 
dem Roman: „Der dritte 8 o b u ü" des Dä 
nen Ole 8tefani dieser moralisoben Ver- 
pkliobtun^ mit weltmänniseber Rle^anZ. Rr fst 
ein VHrwandlünssLkünstler, der sieb das ^usseben 
und Oebaren jedes beliebigen Nensoben Lule^en 
kann ein Beweis, äaL die Nensoben nur auS'- 
seben und sieb gebaren. 8em^ kinanZiellen Ön- 
ternebmun^en baben 8ebiek; Nords sind ibm Lu 
ernstbakt. — Rrank Reblers witLi^e Retrü^er- 
"^^r.Rbibpp O.ollm tauebt in dem neuen Roman: 
„Oä^ssdus oder di e sieben Nenn s" 
kaum gealtert wieder auk. Rerr Oollin alias Rro- 
kesLor Relotard reist noeb immer xern in Buxus- 
Lü^sn und speist Zewäblt in Raris. ^.uk den Kul 
tivierten Oesobmaok, mit dem er seine Opfer aus- 
liest und sie um das Ibi i»e brm^t, ist ein unbe- 
dinier Verlaß, In VVabrbeit ist er der Verfolger 
der Oessllsobakt, die ibn verkotzt. (OanZ auf der 
Robe der trüberen Reber-Romane befindet gieb 
der neue niobt.) 
Rs aibt einen P^pus des Detektivromans, der 
vor allem den DroLeZobarakter der Rntrstselun^ 
des Oebeimnisses in die Nitte rüokt. Das Vor- 
breoben wird ibm rum Verwand, um den im 
Rrinrip unendlioben RoiLan^ seiner ^ukdeokuns 
äasiLustelleü. 8ie.meinen, Rsrr X. Fei niobt der 
Mörder, weil eine Reibe sobwerwie^snder Indi 
zien ibn belastet? In der Rat, er ist es niobt; 
aber der von Ibnen Verdaobti^te ist ^ewill noob 
ueokenloser. Un.Dnbeksnnter ist es gewesen, 
und üb erbau pt lax kein Verbreeben vor. De^ 
Roman- „Das 6 s b e i m n i s des RalbeZ 
Onarteris von dem Rn^länder RieIdin § 
winde: sieb sobarksinni^ äureb eine RnLabl von 
NöxliebKelten, bis er Lulet^t ein unZebeinbares 
mit^neä des Auswärtigen ^mtes als bolsobewisti- 
seben ^.Fenten enäarvt, der seinen Nord niobt 
einmal hätte beheben müssen, damit ibn die en^- 
^obe Rpper olass Mr einen Noräer balte. Die 
remdiaAnossn sinä kr um weniger wabrsobein« 
bob als das Raktum, das dem intellektuellen Dro- 
Lsü ein Rnde setLt. — ^xatbe Obristieist 
kiu^ und patrmtiseb. Dlu^, weil sie in ibrem 
Roman: „D e r N o r ä a u f d e m 6 ol f p l a t 
Ualrt. 6is 
beide abgefeimte 8pürna«en sind; Patriotisob, 
weil sie den euxbsoben D^tekt' ' vor äem fran- 
Lösiseben ausLewbnet .4m ^uZ^an^ eines xe- 
Zebiokt angelegten RalMrintbs erkäbrt man seblieL- 
sieb, daß von e nem entzückenden Nääoben, das 
die vollendete Dnsebuld sobien, ein Nann ermor- 
äbt wurde, der em anderer war als äer vermeint- 
lwb Rrmordete, der selber-n ebt die Rerson war,- 
-- Eine Berliner Range. Ach, diese Berliner Gesellschafts-! 
filme! Sie beginnen nachgerade, über einen Kamm geschoren 
Zu werden — ein Zeichen, daß man sich konsolidiert, und das 
Leben sozusagen wieder einen Stil gewinnt. Das Rezept ist ein 
fach genug: man nehme eine Dosis Jazzmusik und füge ihr einen 
Ausschnitt aus dem mondänen Gesellschaftstreiben zu. Nicht Zu 
wenig und nicht zu vi-el Die Portionen müssen so bemessen' sein, 
daß das Publikum diests Treiben als den Gipfel der Zivilisation 
anerkennt, ohne doch zum Neid auf das Leben dort oben erregt 
zu werden. Die richtige Mitte wird dadurch erreicht, daß man 
auch die Schattenseiten des Glanzes Zeigt. Lafterbuben mit viel 
Geld bestätigen dem geringer bemittelten Publikum das Glück,
        <pb n="29" />
        Mata-Hari. 
- -2-Dieser Großfilm in den „Bi eS e rbau-Lichtspielen" 
! behandelt das Schicksal einer indischen Tänzerin, die einen 
österreichischen Erzherzog und einen russischen Großfürsten zu 
ihren Geliebten Zählte. Durch eine JnLrige wird sie aus Wien 
nach Rußland zurückgelockt; der Großfürst sehnt sich nach ihr. Sie 
hat einen Palast in Petersburg, der zum Schauplatz von Orgien 
hochgestellter Personen wird. Das Treiben elelt sie, und sie ent 
flieht — flieht in die Arme eines unbescholtenen Bauernburschen, 
- bei dem sie das Glück der Liebe zu erleben meint. Der Großfürst 
rast wie alle Großfürsten vor Eifersucht, und läßt den Burschen 
gefangen setzen, um die Tänzerin kirre zu machen. Man verspricht 
ihr die Freiheit des Geliebten, wenn sie dem Erzherzog die 
Festungspläne von Przemysl entlockt. Sie holt die falschen Pläne 
- heim und läßt in Oesterreich eine russische Aufmarschskizze zurück, 
die ihr in Petersburg in die Hände gefallen war. Ein russischer 
Spitzel hat sie belauscht. Man stellt sie vor ein Kriegsgericht, und 
foltert den Burschen, um ihr ein Geständnis zu entreißen, das 
zum Todesurteil führt. Ein Akt der Eifersucht, denn st-e hätte sich 
verteidigen können. Mit der Erschießung schließt der Film. Er 
ist unter der Regie von Friedrich Feher begabt ausgemacht. Manche 
Gesamtszenen sind von den Russen gelernt, spannend exponierte Auf 
tritte finden sich genug. Am besten geraten sind die Festungsbe 
suche, das Verhör bei dem Auditor und das Kriegsgericht. Am 
Anfang sdM die Handlung etwas, überhaupt sind die Pro 
portionen nicht immer richtig getroffen. Nimmt man die Fabel 
als gegeben hin, die zwar erregend ist, aber nicht eben durchaus 
filmgemäß oder von hohem künstlerischen Niveau, so sind immer 
noch die Grausamkeiten zu sehr betont. Es wäre überflüssig ge- 
weM die der Heldin Zugefügten Qualen so drastisch und ein 
gehend zu verzeichnen, und den Prozeß der Erschießung bis ins 
Letzte auszukosten. Magda Sonja tritt gegen den Schluß 
yin immer stärker hervor; sie wird fraulich, ist leiderfahren und 
gewinnt Größe. Nicht sie ist die eigentliche Hauptperson, sondern 
^ritz Kortner, der den Vertrauten des Großfürsten spielt. 
Um seinetwillen ist der Besuch des Films dringend zu empfehlen. 
Wie die Maske ptzt, wie dieser Chef des Geheimdienstes sich durch 
Blrcke verständigt, wie menschliche Verstocktheit, Härte, Ergebenheit 
hr-er zuwmmenLreffen, wie ein durch die Despotie verpfuschtes 
Wesen sich hier in allen seinen Schichten verkörpert, das ist schon 
große Kunst kaea. 
Die Mutter. 
Dieser russische Film, den die Ufa-Lichtspiele zeigen, 
ist nach einem Roman von Maxim Gorki gedreht. Sein 
Regisseur heißt Pud 0 wkin. Die Handlung spielt im Zaristischen 
Rußland Eine Proletarier-Familie: der Vater ein Säufer, der 
Sohn ein junger Mensch, also Revolutionär. Ueber der Familie, 
die nur eine von Tausenden ist, thront das Werk und der Staat, 
Bei einem Streik wird der Vater erschossen, der es mit den Auf 
sehern hält. Militär dringt in die Wohnung, in der seine Leiche 
aufgebührt ist, und erpreßt der Mutter das Geständnis, daß der 
Sohn unter einer Fußbodenplanke Waffen verbirgt. Er wird vor 
Gericht geschleppt, das Urteil lautet auf Zuchthaus. Unter der 
Bevölkerung Lricht Empörung aus, die dumpfe Empörung der 
leidenden, noch unorganisierten Masse. In langem Zug, -wegt sie 
sich zum Gefängnis bin, in dem bereits die Revolte bega nnen hat. 
Aber der von den Vorgängen rechtzeitig unterrichtete Kormmmdant 
schickt den Massen seine Soldaten entgegen, die auf die einfachste 
Weise der Welt dgs Volk zerstreuen. Sie schichen, es kostet nur 
Munition. Der Sohn, der aus dem Gefängnis geflohen war, Mt 
in den Armen der Mutter. Sie selber ergreift die Fahne und bleibt 
mitten unter den Leichen auf dem Platz zurück. Ein famos gezielter 
Schuß trifft auch sie. 
Aus klaren, eindeutigen Gefühlen ist dieser Film geschaffen. 
Er hält es ohne Beschönigung mit den Unterdrückten, und sein 
Haß gilt den Gewalthabern und ihrer Ordnung, die ungerecht ist., 
Das mag einseitig sein und tendenziös; aber eine Tendenz, 
die sich gegen einen empörenden Zustand der Dinge richtet, ist keine 
Tendenz, über die sich Kunstrichter erhaben dünken müßten, deren 
Forderung auf Unparteilichkeit und Objektivität dem Mangel an 
Entschiedenheit und Einsicht entspringt. Ja, es läßt sich mit gutem 
Rechte behaupten, daß nur aus jener Tendenz, die auf die Her 
stellung einer gültigen menschlichen Ordnung äbzielt, überhaupt 
ein Kunstwerk entstehen könne. Es ist nicht ein formales Gebilde, 
das mit beliebigen Inhalten gefüllt werden mag, sondern es ist 
ein Kunstwerk nur dann, wenn es bestimmten Gehalten ein Dasein 
gibt. - . 
Aus der richtigen Tendenz (es gibt auch ohnmächtige, falsche) 
schöpft auch dieser Film seine ästhetischen. Wirkungen. Seine Her 
steller haben gewußt, was sie wollten, haben es bis in die feine 
menschliche Regung hinein gewußt. Darum konnten sie sehen, 
konnten das Wesentliche vorn Unwesentlichen scheiden und die Auf 
nahmeapparate lenken. Kraft ihrer „Tendenz" haben sie den Sinn ! 
vieler toter Gegenstände erkannt, Details hervorgehoben, Asso- 
ziationen vollzogen. Die Kunst kommt ihnen aus ihrer Erkentnis, 
aus Liebe und Haß, die das Menschliche wirklich betreffen. 
Freilich: sie hätten trotz ihrem Wissen nichts geleistet, wenn sie 
nicht zugleich auch über die Kunstmittel geböten. Sie können etwas 
und wenden ihr Können richtig an. Um nur ein paar Beispiele 
zu nennen: Die immer wieder gezeigten Fabrikherren, die von dem 
Fenster auf die Massen herabblicken, werden zum Zeichen der 
schlechten Gewalt. Eine gewaltige Symbolkraft erlangt die Archi 
tektur des Gerichtsgebäudes. Ueber die Freitreppe und die Säulen- 
trommeln wird der Blick zum klassischen Giebel gezogen; man 
weiß, daß es in diesen Mauern weder Recht noch Erbarmen gibt. 
Das Gefängnis ist vollkommen durch die Silhouette eines Wacht 
postens charakterisiert, die aufs Haar der des seitlich gelegenen 
Schornsteins gleicht. Unerhört ist die Kunst der Raum beherr 
sch ung, die schon im Potenkimfilm bezauberte. Auf der weiten 
Fläche rücken die Soldaten an, verlieren sich Arbeitertrupps. Die 
Anordnung im Raum drückt, je nachdem, brutale Macht und Hilf 
losigkeit aus. Auch die dämonische Gewalt der nicht vermensch 
lichten Technik ist dargestellt. Die Aufnahme einer Kettenbrücke 
ersetzt eine gelehrte Abhandlung über die innerrussischrn Zustände 
vor der Revolution. 
Die schauspielerischen Leistungen stehen so durchaus im Dienste 
der gemeinten Sache, daß man eine einzelne nicht herauscheben 
mochte. Richter, Offiziere und Bürger sind gezeichnet in jedem 
Sinne. Welche Volkstypen treten nicht auf! Man glaubt ihnen ihr ! 
Gesicht, sie haben ein Gesicht. Die Mutter spielt, daß man das, 
Spielen vergißt; unvergeßlich vor allem, wie sie Versteint an der 
Bahre ihres Mannes sitzt. Vielleicht, ja gewiß wäre jede Einzel 
leistung von westlichen Darstellern zu erreichen. Aber unnachahm- . 
lich ist das Massenaufgebot, die Versammlung solcher Massen. 
Der Fflm hat Schwächen, die ihn in künstlerischer Hinsicht dem 
Aur Vervollständigung des VerLsioknisZes noed 
einige Hinweise. Ren Baseismus nutrt Baw- 
renee R vesderr^ in einem Roman: 
den reu er in Blor en 2" (Oedertra^unF 
aus äem ^.merilranisoben von RermMia Lur Nüb« 
len. ^.Zi8-Ver!aF, Mien unä Berlin) su äeielctivi- 
seßen 2weo!rsn auL. Lein Rsr^ ^edört äen 80- 
Lialisten, äoed sein Oeieedti^keitZempkinäen ist 
unFleieU stärker eniwiokelt als sein Lekriktstelle- 
risoßes Talent, äas die ?enäenL plump, äardietet. 
— Bin Roman: „Der lalLede Briet" von 
aller 8 Nastermann l Band 103 der 
Lsrie „Xrimin dromano ell.'r Kationen" Noewig 
u. MRner, vresden. leder Bä- ^ed. 2), in äem 
naed äem üddenen Ledema ein sedlauer Verbre 
eder überlistet wird, 86" ris spannende Llsenbadn- 
ledtüro Eptodlsn. Hu? einem ausZe^eiek- 
neten Oeäanden beruhe Clinton II. 8ta^^8 
^OvellensammlunZ: „Berver^oIdeteRand- 
8 e d u d" iBano 104 äei oben Tenannren Lerie). 
Idr Held ist ein sencn au- trüberen Oesebiodten 
äes Autors rüdmlied bedaunter blinder Betebtiv» 
^u^eFeben, daß äie Mnäkeit alle übrigen 8inne 
dieses Bbänomens verfeinert; in der Naupisaeds 
sntrisdt sie ab r äood seinem Intellekt eine der 
wesentdedsn natürlieden Ltüt^en. Der Intellekt 
ist dier au? sied selber anZewiesen, er ist ein 
nadeln entsubstantialisierseZ Vermögen, das be 
sonders daru ^eeiFnet ist, eine substanzlose Oe- 
sellsedakt in einem endlosen Bro^eß Tu äureüärin» 
Zen. Die emLslnen BrTädlunAen sind dübsed Korn- 
dinierl 
kür dio 6! 816Ü ausZab. vw 86kait6n jaZen 8iok 
aueü in dem Roman- „V i 6 r a k k i n i 6 r t e s i s 
Brau Berlin 8" von 0 a r a i - r v a irr 
dem BiFursm ä'e niedt sind. was sie sekemen, auk 
^rodo Xrt in oroblematisobe LonstsIIationen ge- 
EunZsn werden. 
Nsdr an die VoIksmstmlLte wenden Zied ^wei 
andere Romane der Reibe. Der eins: „Das 
oIk 5 ru 6 e st von Iu! i u 8 R e § i 8 §edt von 
der Bbeorie aus, äaL in 6er Asit des Taylor- 
8Mems aued die ^rokstädtiseben Verdreeber 
sied eine strakke OrganuLütion ^eben müssen. 
B? räueßsrt (in äei Naniei des sn^Iisoben Betob- 
twseßriflstellsrs Bä§ar ^allaee) eine solede mo- 
äsrns RLuderd^ aus. -- Der Roman: 
.Die Backe des R o n A Odnn^ Ru" des 
BnMnäerF 0 ttwe! I Linns realiLiert die Ne^ 
tkoäsn Lari Na^s au? odinesisebem und tidetani- 
seßem Boden Bs wimmelt ununterdroeben von 
VeriolFunaen, Adelt aten unä Lodurdenstreieken in 
Ltääten, Ranägedakren und Llostern. Bnde 
steßt das lünMb 6sriedt, das die Osmeinen de- 
stralt unä die Outen miteinander verlobt. 
„Potnnkin" gegenüber zurücktreten lassen. Die häufige Einflechtung 
von Landschaften, die Stimmung provozieren sollen, ist ein ästhetisch 
verbrauchtes Mittel. Auch ist die Gesamtkompssttion nicht ganz 
gelungen; manche Szenen sind zu breit geraten, andere ein wenig 
Wmachtrg. Indessen, man kann darüber hinwegsehen, um des 
Menschlichen willen, das sich Überall unverfälscht gibt. 
Es ist ein Fehler des SpielprogrMmns, daß man dem Ruflen- 
ftlm ernen schlechten und rohen Film vorangestellt hat, der das 
segensreiche Wirken unserer Landgendarmerie verherrlicht Wir 
haben bessere Kulturfilme. Dieser, der voller Unkultur ist, fordert 
zu Vergleichen mit dem Hauptfiftn heraus, die unangenehm sind. 
Raea.
        <pb n="30" />
        lAV. 
einem Verstoß zu ertappen. Hatte ich in einer schwachen Minute 
den Anschein der Gleichgültigkeit erweckt? Durch verdoppeltes 
Sorgfglt suchte ich das Maschinchen wieder auszusöhnen. Ich 
zwang mich in seiner Gegenwart zur Fröhlichkeit und ersann 
neue Spiele auf der Tastatur, die das lahme Stangchen viel 
leicht zerstreuten. Indessen, sein Zustand veränderte stch nicht. 
Es drang ein fremder Mann in mein Zimmer. Während 
der letzten Tage hatte die Unruhe mich aus dem Haus ge 
trieben. Wenn ich auch meinen Kummer ängstlich verbarg, so 
konnte er doch von einem LaMaus-Bekan^ worden 
sein. Am Ende hatte er mir den Mann geschickt; nur so jeden 
falls ließ sich seine Anwesenheit ungezwungen erklären. Die 
Züge des Mannes waren grob, ohne einer Art von populärer 
Gutmütigkeit zu entraten; er trug eine große schwarze Tasche 
unter dem Arm. Der Mann verlangte das Maschinchen zu 
sehen, das verwaist auf dem Bette stand. Im Bewußtsein 
meiner Machtlosigkeit begnügte ich mich damit, ihn scharf zu 
beobachten. Wie er durch das Zimmer schritt, Zertrat er un 
achtsam mehrere Papierbögen, die aus Platzmangel auf dem 
Boden lagen. Den Kasten öffnete er mit einem Griff. 
Um den Mann von seinem Vorhaben abzulenken, sprach 
ich in einem fort. „Ist es nicht ein wunderbares Maschinchen," 
sagte ich hastig, „die eine Taste freilich fühlt sich im Augenblick 
etwas unwohl, ich weiß es, aber ich benötigte sie garnicht, sie 
ist so empfindlich, müssen Sie wissen, man sollte sie nur schonen 
und gut zu ihr sein, ich weiß genau, daß sie sich von selber 
wieder ermuntern wird, wenn bestimmte Vorbedingungen er 
füllt sind, die in Bälde eintreten werden, rnüffen Sie wissen." 
— Der Mann antwortete mir nicht. Er legte die Tasche auf 
den Stuhl, hob das Maschinchen in die Höhe und betrachtete 
es mit Kennerblicken von unten. Mein Schamgefühl war ver 
letzt. Nie noch hatte ich, der ich doch mit dem Maschinchen zu 
sammen lebte, das Untere mit solchen Blicken geinustert wie er. 
Jetzt redete er mich an; vielleicht war es auch nur ein Mono 
log. Ich müsse Zu M auf die Taste gedrückt oder das Gestänge 
zerknittert haben. Verwirrt schaute ich zu Boden. Der Schelm 
sprach gegen mich. 
. Bedächtig entfaltete der Mann seine Tasche. Ein Glanz! 
drang aus ihr, der mich quälte. Er ging von riesigen * 
Schraubenziehern aus und von Zangen, die Geburtszangen 
glichen. Ich wollte nicht Hinsehen und war doch von den ge 
walttätigen Stahlkurven gebannt. Der Mann streifte die 
Aermel -empor; er erinnerte mich an meinen Hausarzt, der 
mich als Kind einmal operierte. Mit seinen plumpen Fingern 
nahm er das verletzte Flamingobeinchen und richtete es auf. 
Furchtsam verharrte es in der ihm angewiesenen Lage. Auch 
die Nachbarstangen teilten sein Schicksal. Nach etlichen 
weiteren Handgriffen rief mich der Mann Hechel «d hieß 
Das SchreiömaHinchen 
Von Raea. 
Seit kurzem nenne ich eine Schreibmaschine mein eigen. 
Ich bin jetzt über dreißig Jahre alt und habe zuvor noch "nie 
eine Maschine besessen. Es wäre mir auch unerfindlich ge 
wesen, wie ich in ihren Besitz hätte gelangen sollen. Gewiß, die 
meisten Menschen machen es sich damit leicht. Sie betreten ein 
fachmännisch gebildetes Geschäft, prüfen die Fabrikate und wäh 
len ein passendes aus. Aber der Gedanke, eine Maschine wie 
einen Schlips zu kaufen, sie sozusagen auf öffentlichem Wege 
zu erwerben, war mir niemals gekommen; ich hielt ihn für 
vermessen und billigte ihn nicht. Nur durch eine Verkettung 
sonderbarer Umstände, die aufzurollen das einfache mensch 
liche Taktgefühl verbietet, geriet die Maschine in meine Hand. 
Wie ein herrenloses Hündchen lief sie mir zu. Ihm die Auf 
nahme zu verweigern, wäre Unrecht gewesen. 
Von dem ersten Augenblick an liebte ich die Maschine ihrer 
Vollkommenheit wegen. Sie ist graziös gebaut, federleicht und 
blitzt im Dunkeln. Das Gestänge, das die Typen trägt, hat 
die Schlankheit von Flamingobeinen, Wenn ich, was oft ge 
schah, in ihre Betrachtung versank, gewann ich stets den Ein- ! 
druck, daß man ihr nichts hinzufügen oder wegnehmen könne; 
so wie sie war, mußte sie sein. Mitunter kroch ich nach dem 
Schlafengehen noch einmal aus den Federn, öffnete den Kasten 
und stellte die Maschine neben mich auf den Stuhl. Dann erst 
schlummerte ich ein. Während einiger Nächte verfolgte mich 
ein böser Traum. Ich träumte, daß ich bei der Ankunft in 
einer fremden Stadt — sie lag im Süden, ich entsinne mich 
ihrer deutlich — die Maschine als Handgepäck aufgegeben 
hätte, ganz so, als sei sie ein Koffer. Leichtsinn ist mir nicht 
ckngeboren, eher bin ich pedantisch. Der Gang durch die Stadt 
war eine einzige Folter. 
Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, die Maschine zu be 
nutzen. In ihrer Vollendung erschien sie mir als ein höheres 
Wesen, das durch Mißbrauch nicht geschändet werden durfte. 
Nur verlegen liebkoste ich -— damals, in den Anfängen unse 
rer Beziehung — ihre kühlen Teile. Die leichte Berüh 
rung schon machte mich glücklich. Oder ich ließ die Walze 
laufen und verstellte die Spulen. Wenn die Menschen, die 
mich besuchten, das Maschinchen nicht bewunderten, haßte 
ich sie. 
Allmählich gewöhnte ich mich an das Maschinchen. Der 
Umgang mit ihm veredelte mich. Hatte ich früher mit dem 
Geschriebenen etwas mrsdrücken wollen, so lernte ich- nun be 
greifen, daß allein die Tätigkeit des Schreibens selber erstre 
benswert sei. Auf große Papierbögen von untadeliger Weiße 
setzte ich Zahlenkolonnen und Buchstabenbilder, die nicht die 
geringste Andeutung eines Sinnes enthielten. Zum Lohn für 
das zwecklose Tun, das in zartsinniger Weise der Vollkom 
menheit des Waschinchens huldigte, war es immer zu meinem 
Empfang bereit Es galt mir bald mehr als eine Frau oder 
die Freunde. Wir schnellten von dem linken Bogenrand ins 
Unbekannte vor und fuhren wieder zurück; jeder Fleck des 
Papiers wurde mit Chiffren bedeckt. Wochen verstrichen uns 
so. Selige Stunden verbrachten wir in der Dämmerung, wenn 
ich die Tasten nicht mehr recht sah. Ich phantasierte dann, 
wie die Empfindung mich trieb, und herrliche Gebilde aus 
Zeichen sprangen hervor. Festfahnen gleich flatterten sie über 
den Hellen Gründen. Immer seltener suchten die Menschen 
uns auf. Sie verstanden die Schriftfiguren nicht und schüttel 
ten bedenklich die Köpfe. Zuletzt blieben sie aus. Ich bedurfte 
ihrer nicht; vor mich hinzuklimpern, war mir genug. Oft 
gingen die Tasten von selber weiter, so unzertrennlich ver 
bunden war das Maschinchen mit mir. Die beschriebenen 
Papierbögen häuften sich in meinem Zimmer. 
Eines Tages trat ein unvorhergesehenes Ereignis ein: das 
Maschinchen wurde krank. Eigentlich nicht das Maschinchen, 
und auch krank wäre zuviel gesagt. Nur eine geringe Taste oer- 
fagte, ganz am Rand ein Tästchen. Sie schwang sich zwar in 
die Höhe, blieb aber, noch ehe sie ihr Ziel erreichte, ermattet 
stehen. Das Maschinchen besitzt viele Tasten, und man hätte auf 
die Bewegung der einen Taste gewiß verzichten können. Sie 
enthält den ueeent Aruvs, den uaaairt olreonklGXS und die 
eEIIe ohne a. Rein auf den Inhalt hin angesehen, handelte 
es stch also um eine Taste von lächerlicher Nichtigkeit, die von 
jedem anderen kaum bemerkt worden wäre. Doch für mich war 
gerade diese Taste unentbehrlich, da ich mit ihr besondere 
Kombinationen durKZuführen vermochte. Ich schlug etwa die 
eEIIs in langer Kette an und stellte darüber den aeeent 
olreonklexs. Nun saß er wie ein Dach auf dem Leeren, aus 
dem ein Schwänzchen schlüpfte. Setzte ich ein 6 dazwischen, so 
war die überflüssig, und das e hatte unter dem Dach 
nichts verloren. Die Beschäftigung mit diesen Problemen, 
deren Feinheit mich wieder und wieder entzückte, wurde 
durch die Lähmung der Taste verhindert. An eine ernsthafte 
Krankheit glaubte ich nicht. Die Maschine ist verstimmt, so er 
wog ich im Stillen, gewissermaßen eine vorübergehende Indis 
position. Bei ihrer Vollendung mochten auch Gedankensünden, 
! uneingestandene Schwankungen des Gemüts einen Einfluß auf 
sie gewinnen. Vergeblich rief ich mir die Tage und Nächte 
unseres Zusammenseins ins Gedächtnis zurück, um wich auf 
mich in das Innere sehen. Bisher hatte ich immer nur mit 
einem Bürstchen die Außenteile blank geputzt. Nun breitete 
sich ein Wunderwerk vor mir aus, lauter" Spirälchen und 
Schrauben, die Welt im Waffertropfen. Ich war gerührt und 
schämte mich nicht. 
Die schrecklichen Instrumente begannen jetzt in den Ein 
geweiden zu wühlen. Ich hatte mich abgewandt, der Anblick 
war unerträglich. Von ferne hörte ich, wie die Stahlzangen 
knackten, und mir schien, als sei ein leises Stöhnen das Echo. 
Wut faßte mich an; nur war ich zu feig, sie zu äußern. Sie 
verdichtete sich zu dem einzigen Wunsche, daß das Maschinchen 
zerstört werden möge. Es ist mein Maschinchen, dachte ich 
mir, und ein fremder Mann, der es rein mechanisch auffaßt, 
hhat es in seiner Gewalt. Wenn es aber mein Maschinchen ist, 
- wein zartes Maschinchen, mit dem ich einst in den Dämmer 
stunden improvisierte, so kann es diesen Eingriff nicht 
überdauern. Der fremde Mann soll es Zu Grunde richten, ich 
wünsche, daß er es in Stücke zerschlägt. Dann werde ich die 
Trümmer sammeln, ich werde reine Papierbögen um sie wickeln 
und das Paket in meiner Schublade verwahren 
Es mußte wenigstens eine halbe Stunde vergangen sein. 
Der Mann hatte die Instrumente zusammengelegt und spannte 
gerade in das Maschinchen, dem äußerlich nichts anzumerken 
war, einen meiner Bögen ein. Er tippte, wie die Leute zu sagen 
Pflegen. Ohne eigentlich hinzublicken, sah ich: die Taste 
ging. Auf dem Bogen stand geschrieben: Wts, NiultrS, 
mu eders. Durch private Fortbildung, erklärt der Mann,- 
habe er sich alle französischen Vokabeln angeeignet, die für 
sachgemäße Reparaturen erforderlich feien. Er teilte mir die 
Unterschiede der Fabrikate mit, und daß er ein jedes kenne. 
Man muß mit Maschinen umgehen können. Es empfiehlt sich, 
nicht zu fest auf die Tasten zu schlagen. 
Das Maschinchen war in Ordnung; die Maschine war 
repariert. Ein fremder Mann kam ihr brutal, und sogleich 
war sie ihm Zu Gefallen. Daß ich mit der Aufbietung meiner 
Kräfte mich um sie gesorgt hatte, bedeutete ihr nichts. Meine 
Liebe zu der Schreibmaschine erlosch. Sie war nur eine von 
vielen, die alle künstlich hergestellt wurden und nach Mdarf 
ausgebeffert werden mochten. War die eine erledigt, lo konnte 
man eine andere kaufen. Ihr nachzutrauern verlohnte sich 
nicht. Es gibt Fabriken und Läden, in- und ausländische 
Marken stehen zur Wahl. 
Ich gehe wieder unter Menschen und suche bescheidene 
Freuden im Verkehr mit den Frauen. Die Maschine gebrauche 
ich wie ein Ding. Das Geschriebene besteht aus Korrespon 
denzen, Rechnungen und Betrachtungen gefälliger Art. Meine 
Freunde sind zufrieden mit mir, weil sie die Schriftstücke ver 
stehen und das Zimmer stets aufgMhrt M
        <pb n="31" />
        phantastische Schrift der Titel gewesen. 
pa o a. 
Die Lm Schstterr Leben. In diesem amerikanischen Füm, 
den die Neue LichLLühne zeigt, spielt Norma Shearer 
eine Doppelrolle, um derentwillen der Film vermutlich überhaupt 
gedreht worden ist. Sie ist einmal ein armes Mädchen, das in 
BMokalen tanzt und auf der Straße spazieren geht, und das andre 
Mal eine verwöhnte junge Lady. Sudermanns Vorder- und Hrn- 
terhaus. Netter ist eigentlich das Straßengeschöpf, das mit Federn 
im Haar sich vornehm dünkt. Aber dem Ingenieur, den sie liebt, 
tut es eben doch der Pelzmantel an, den sie als Lady trägt. Es 
ist nicht ohne Reiz, wenn ein Bühnenstar sich in zwei Personen 
zerlegt, die einander entgegentreten, und man freut sich der Harm 
losen Schizophrenie, die das einzig Spannende der Handlung ist 
— Das beigegebene Lustspiel ist eine verzwickte Komödie der 
Irrungen. k aea. 
unä weltLnseäaukioden Kspekte äer Deisteswis- 
; sensedaktem Dr stellt 2um Kedlusse äen Öniver- 
sadsmus äer raLionalistisoden L^steme äem Rela 
tivismus äer DistorLsoden Ledule ZeZenüder, 
äessen DeZitinätat er unterstrtziedt. ?rok. Lmil 
WolIk liekert ems „Ddilosopdie äes (leistet, 
ä e stark an kleZel orientiert ist. . Dur äie beiden 
letzten Dänäe: .äkeliZionspdilosopdie katdo^iseder 
UeoIoZie" unä , IkeliZ'onspdilosopdie svanZeli- 
sodei DneoloZie" smä Pater ? r 2 vwara unä 
prok. pmil Drunner gewonnen worden. 
^bteilunZ III ist aued bereits 2ur Witte er- 
sodienen. prob Tonst D 0 ws ! d bat äie „Ltdik 
des Altertums" bearbeitet, Dr. ^lois Demo! in 
dem Land „Die Ltdik des Nitielalters" das 
etdiseds OssamtsMem des Nittelalters von äen 
D van Zellen an bis 2U Geister Tokbart Umrissen. 
Die „Ltdik äer Neuheit" bedanäelt prok. Ideo- 
äor bitt in einer Debersiedt. äie bei der De- 
naissanoe beZinnt unä bei Uax 8edsler endiZt. 
^u der DrsodeinunZsweise des Werks: es 
wrrd in DiekerunZen ausaeZ^ben, äie in etwa 
monatlioden ^wisodenräumen dsrauskommen. 
Man kann sowodl auk das Zause Werk wie auk 
emselne ^bteilunZen subskribieren, keäer Land 
ist einzeln käukliod. Das Dandbuod soll bis Tnäe 
1928 kertiZ vorlieZen. 
Muster Keulen im Krieg. 
Vuster Keaton ist die Allegorie der Geistesabwesenheit. Wo sein 
Geist sich eigentlich aufhält, kann niemand ergründen. Vielleicht 
ist er überhaupt nicht vorhanden, vielleicht sucht er auch nur etwas, 
das ihm wesentlich ist. Die Welt enthält alles Mögliche; das von 
Buster Gesuchte enthält sie gerade nicht. Darum läßt er sie stehen, 
Buster bekümmert sich nicht um diese Welt. Die Dinge stoßen ihn, 
daß er stolpern muß, die Leute verwickeln ihn in ihre Geschäfte, 
die er nicht versteht. Das. stört ihn, wie Fliegen stören, doch ab- 
gelrnkt wird er nicht. Ohne Bewegung und unveränderten Gesichts 
geht er durch die Welt hindurch, sie ist zudringlich, er geht fort. 
M ist. Krieg, amerikanischer Bürgerkrieg mit 
Nord- und Sudarmeen, aus dem vorigen Jahrhünderi. Der Krieg 
erscheint klein und putzig, lauter Fußvolkscharen, die in .Lager 
Zelten Hausen. Wir sind andere Dimensionen gewöhnt, Schützen- 
grähen, riesige Kanonen; der Fortschritt der Technik. Aber Kriege 
. veralten schnell, und in einigen Jahrzehnten, wenn die Giftgase 
in allen Farben schillern, wird auch der Weltkrieg Zum Puppen- 
krieg geworden sein. Es ziemt sich also nicht, auf jenen Krieg 
herabzusehen, er war für - seine Zeit ein formidabler Krieg. 
' Daß ein Krieg Buster Keaton nichts angeht, bedarf kaum der 
Erwähnung, Für das Militär und die Bevölkerung wag er wichtig! 
sein, aber Buster ist weder Militär noch Bevölkerung, er ist ab 
wesend.. Oder viel ist Lokomotivführer, und seine Loko ¬ 
motive heißt: „G enera l". Den „General" muß man gesehen 
haben. Ein Fahrinstrument aus den ersten Zeiten der Maschinen- 
öaukunst, mit einem organischen Riesenauswuchs vorne oben, der 
sich bei näherer Betrachtung als sinnreiche Kombination aus einem 
Schornstein und einer Petroleumlampe entpuppt. Gegen die 
Langsamkeit, mit der das Konglomerat dahinrast, ließe sich vom 
heutigen Standpunkt ein entschiedener Vorwurf erheben; aber 
dafür ist es ein anhängliches lebendiges Wesen, das Zu Buster 
in einem besonderen Vertrauensverhältnis steht wie nur alte zer 
fetzte. Automodelle zu den Neapolitanern. Es hat Ecken, Kanten 
und Stege, auf denen er spazieren gehen kann, es hat einen ge 
räumigen Pfuffer, auf dem er sich in Mußestunden, wenn die Fahrt 
glatt von statten geht, der Lektüre eines Lieblingsromans widmen 
mag. Vuster behandelt die Maschine wie einen klugen schrulligen 
Neufundländer, dessen Verkehr stets Abwechslung bringt. 
Ruhig dampfte er Zwischen den Nord- und Südarmeen hin und 
her, wäre nicht ein Mädchen, das in ihm Gefühle erweckte, die ihn 
erreichen. Dieses hübsche Kind verlangt, daß auch Buster Soldat 
werde und in Schlachten ziehe. Gut also, um des Mädchens willen 
, mischt sich Buster in den Krieg. Man weist ihn aber zurück, weil 
er als Lokomotivführer notwendiger sei. Niemals hätte er sich 
träumen lassen, daß er auf dem General gewissermaßen eine mili 
tärische Mission zu erfüllen habe. Er begreift es nicht, er ist traurig, 
daß er nicht in den Krieg soll, wegen des Mädchens. 
ÄM beMMt M enLMeM LWM «M des 
HA, . 5l&amp;lt;x&amp;lt; 
llaLckdneb äsr PMErrMs. 
Mn von D L 6 u IN i 6 r unä U. 8 edr 0 ter 
IisrausZaZodonos „M L Q ä d u a b äer ?diio- 
sopkis" bat iw VorlaZ H. O^äenbourZ ^Lünoken 
unä Berlin) 2U srsoüeinon^ doZonnon. Das Dn- 
ternedmen ist ZroL^üZiZ anZeleZt. Ds urrikaA 
rünl ^dteilunFen (1. Die Drunääisriplmen; II. ! 
Natur Oeist 6ott; III. Nonsek unä OkaraictHr; 
IV. Ztaat unä Oesobioßto; V Die Ooäankonwelt 
Asiens), äeren joäo aus einer kleide verkästuis- 
rnäAZ soIdstänälZer Lünäe destekt. Dio^Doraus- 
Zeder daden woäsr eine ^d86dliekenä6 ^usaM- 
rnenlL88unZ unter kistorisokem öosiodtspunkt an- 
Zostrebt, äis 8edon wieäorkolt Zeleietet woräen 
ist, nosd dadsn sie äas Werk au8 rein s^stemati- 
8eden LeiträZen au^udauon Zoäaodt. Idre K.K- 
8iedt i8t vielinedr, auk allen Oedieten eineD r o- 
blornZbsokiekto äa-r^u bieten „Nur äie Do- 
sinnunZ auk äie in adZ68ed!o8dener Dorrn vorlio- 
Zenäen unä äured idre Diwans äas Wssontlioke 
siedtdar rnaedenäen Oe^andendiläunZen äorWor- 
ZLNZendeit", so deiLt es nn Vorwort, „wirä äen 
WoZ weisen 2u jener ledenäiZen Lindeit äes 
pdilosopdiseden Lernüdens, äie äurod Konstruk 
tion niernais derdsiZe^wunZen weräen dann. Vor 
äen Zroden pdilosopdisoden Problemen äer kort- 
wirdenäen Draäition wirä sied äas, was in äen 
LystredunZen äer OeZenwart wesentded ist, de- 
wädren müssen." Pins edledtiristisede ^ukkas- 
sunZ-, sie maZ als Notto eines Ikanäduedes idre 
öereedtiZunZ baden 
^dteilunZ II äes Werks deZt bereits Ze- 
8edlo8sen vor. Der bekannte Mrioder Natbe- 
matikei unä Dd^siker Drok. Rermann We^l 
b^ranäelt äie „Pdilosopdie äer Natdernatik unä 
Mturwissensedakt" Ds sedlisLr sied aN: „Neta- 
pd^sik äer Natur" von Drok Daus Driesed, 
äer äie Naturledren von Oalüei an bis 2ur DeZen- 
wart auk idren sMematiseden Oedalt bin unter- 
suedt. prob Dried Dotdaeker Zibt in äem 
Danä: „DoZik unä L^siematik äer OeisteZwissen- 
sedakten" einen Zrunäsät^mk Zedaltenen Deder- 
bliek über äis RrksnnLniLprinLipisn, Netdoäen 
Ei« neuer Asta Nielsen-Film. Im Capitvl - Palast 
wird „Dirnen - Tragödie", der jüngste Asta Nielsen-Film, 
gezeigt. Die Nielsen ist, immer noch, eine große Künstlerin, aber 
ihr Sujet ist veraltet. Sie spielt die Dirne, die sie oft gespielt hat, 
und bewegt sich in einer Freudengasse, die von einer nicht mehr 
zeitgenössischen Literatur erschöpfend abgewandelt worden ist. Das 
weist in die Strindberg-Zeit zurück und hat als soziales Faktum 
seinen Vorrang unter anderen ebenso traurigen sozialen Fakten 
verloren. Immerhin ragt die Nielsen aus dem Milieu heraus, 
und wenn sie auch neue Nuancen nicht Leibringt, so beherrscht sie 
doch die von ihr gewohnten meisterlich. Sie ist eine alte Mrne, 
die sich in einen zugelaufenen Studenten verliebt, der im übrigen 
ein widerwärtiger Jüngling ist. Eine jüngere Kollegin schlägt sie 
dann mit Leichtigkeit aus dem Feld. Sehr schön vollzieht sich der 
Uebergang aus dem Dirnenhaften in die Scheu des liebenden 
Mädchens. Noch tiefer fast greift die Darstellung der Enttäuschung. 
Die Züge verfallen, das Leid entspannt sie zur Totenmaske. Ein 
menschliches Wissen, das sich nur selten mitteilb gibt sich in diesem 
Wandel kund. Der Zuhälter Homolkas ist der Nielsen eben 
bürtig. Er ist ein unübertreffliches Gemisch aus Gemeinheit, 
dumpfer Treue und Infantilität. Für das Gelingen dieser Leistung 
spricht, daß die Figur sich eine gewisse Sympathie zu bewahren 
versteht. Me Regie beschwört unter Anlehnung an ältere Vor 
bilder mit unbestreitbarer Einfühlungsgabe die düstere Stimmung 
herauf. Die Architektur ist zu merklich gestellt. Vorzüglich aus- 
gewertet eine Szene, in der eine Begegnung auf der Straße durch 
das Schreiten von Beinen veranschaulicht wird. Unnötig wäre die
        <pb n="32" />
        U a e L. 
„Generals". Eine gegnerische Patrouille nämlich bemächtigt sich- 
mitten im Feindgebiet der Lokomotive und des Mädchens und jagt 
davon, um die Strecke zu zerstören. Der in Gedankenlosigkeit ver 
sunkene Buster, der gerade abgesticgen war, läuft der Maschine 
nach. Kann er zu Fuß den General einholen? Es ist sinnlos, lächer 
lich, unmöglich. Vorausgesetzt, daß man nicht geistesabwesend sei 
wie Buster. Ihm gelingt, was der äußersten Konzentration fehl 
! schlüge: die Dinge kommen von selber zu ihm. Buster gerät auf 
seiner Irrfahrt ohne Absicht ins feindliche Hauptquartier, belauscht, 
unter einem Tisch verkrochen und von Soldatenstiefeln zerquetscht, 
ohne Absicht den Kriegsrat der feindlichen Generale und rettet — 
das einzige Mal mit Absicht — sein gefangenes Manchen. Ohne sich 
durch lästige Nebenumstände von dem geraden Weg aöbringen zu 
lassen, entführt er den Feinden auch den „General", besiegt auf 
der Heimfahrt aus Zerstreutheit die zahlreichen Hindernisse, die 
ein Krieg dem absichtslosen Handeln entgegensetzt, landet dampfend 
bei den Seinen und meldet den feindlichen Plan. Winzige Armeen 
entrollen sich, der Feind wird geschlagen. Unter MiLhilfe Busters, 
der zwar nicht hilft, aber aus Versehen feindliche Soldaten auf- 
spießt und den Hauptgeneral abliefert, der auf dem „General" 
seinerzeit eingeschlummert war und von dem ganzen Krieg nichts 
gemerkt hatte. Es war auch ohne ihn nicht gegangen. Buster wird 
Leutnant, das Mädchen liegt ihm in den mechanisch geöffneten 
Armen. 
Das sind die Kriegsabenteuer Busters und seines „Generals". 
Die beiden wären viel lieber ungestört hin und her gefahren, aber 
das Mädchen hatte es nicht anders gewollt. Ob mit dem Gewinn 
des Mädchens die Geistesabwesenheit behoben ist, dürfte Zweifel 
haft sein. Jedenfalls eher als durch einen wichtigen Krieg. Aber 
am Ende ist es doch am richtigsten, auf dem Promenadendeck des 
„Generals" durch die Welt zu fahren, die das Gesuchte nicht 
enthält. 
Bei Gelegenheit der Frankfurter 
Aufführung des Films „Der General". 
Krühzahrstagung. 
Jung — Scheler — Much — Fro Lenins — 
Prinzhorn — Wilhelm — Keyserling — 
Nocheinmal Keyserling. 
Darwstadt, Anfang Mai. 
Nach anderthalbjähriger Unterbrechung fand in der 
letzten Woche wieder eine Tagung der von Graf Hermann 
Keyserling geleiteten „Gesellschaft für freie Philo 
sophie" statt. Im Vergleich mit früher wurde bei den j 
öffentlichen Zusammenkünften auf den gesellschaftlichen 
Rahmen ersichtlich weniger Wert gelegt. „Erde un d 
Mensch", so hieß das Gesamtthema des Kongresses. 
Zu seiner Erörterung hatte Keyserling eine kleine Zahl 
namhafter Forscher nach DarmstM gebeten. Ihre Vor- 
träge waren schon darum lehrreich, well sie einen Einblick 
Ln das gegenwärtige Schaffen der Redner gewährten. Es 
ist zweifellos ein Verdienst Keyserlings, ihnen eine 
Tribüne und ein Publikum geboten zu haben; unter den 
Zuhörern fehlten zum Glück die jungen Leute nicht. — 
Wir bringen im Folgenden die Vortragsreferate. D. Red. 
C. G. Jung. 
Der LekamrLe Züricher Psychoanalytiker C. G. Jung 
sprach über die „E r d b e d i n g t h e i L d e r S e e l e". Man 
weiß, daß er die Lehren Freuds an verschiedenen Punkten 
auZgebaut hat; wenn auch nicht immer zu ihrem Vorteil. 
Jung fesselte vor allem durch die Darlegung seiner geistreichen 
Schichten! heorie des Unbewußten, die zwischen 
einem mehr an der Oberfläche gelegenen persönlichen Un 
bewußten und einem Kollektiv-Unbewußten unterscheidet, 
dessen Ort die Tiefenschichten der Seele sind. Jenes persön 
liche Unbewußte, das der Sitz der meisten Verdrängungen 
sei, läßt sich nach ihm rational völlig erhellen; während das 
Kollektiv-Unbewußte sich in mehr oder weniger unauflöslichen 
Bildern ausdrückt. Äe werden von den elementaren, in allen 
Menschen wirksamen Instinkten und Triebkonstellationen 
emporgetragen und haben sich in den Mythologien der Völker 
dokumentarisch dargestellt. Urbilder oder Archetypen nennt sie 
Jung. Sie, die in den Frühzeiren der Geschichte und von den 
Primitiven als affektbetonte Phantasien naib herausgesetzt 
werden, sind nach ihm im Lauf der Entwicklung in die seeli 
schen Tiefenschichten verwiesen worden, die sie unter gewissen' 
L^dingungen immer wieder produzieren mögen. Den typischen 
Triebsituationen in den menschlichen Grundverhältniffen 
(Vater, Mutter und Kind, Mann und Weib usw.) müssen 
typische Bilder entsprechen. In einer eingehenden, beim Kind 
anhebenden Analyse entwickelte Jung eine Reihe sokher Arche 
typen. Ihr an die Wirksamkeit der Grundtriebe geknüpfter 
Bestand ist das Zeichen der Erdbedingtheit der Seele. — Ist 
die rationale Kontrolle des Trieblebens das Ziel der Psycho 
analyse im Sinne der Freudschen Theorie, so räumt Jung, 
auch in seinem Vortrag, der Bildkrast des Trieblebens eine 
von der Ratio nicht durchaus anzutastende Position ein. Freud 
strebt in der PsychoanaW Therapeutik die völlige Auf 
hellung des Unbewußten an, Jung setzt ihr eine Grenze. Er ist 
im Vergleich mit Freud der statische, naturgläubige Denker. 
Eine abwägende Diskussion beider Lehren ist hier nicht durch- 
Zuführen. 
Max Scheler. 
In einem nahezu dreistündigen Vortrag entwickelte Max 
Scheler seine Lehre vom Menschen, die wohl bald als Buch 
erscheinen wird. Um die Sonderstellung des Men 
schen herauszuarbeiten, untersü er die Struktur der ge 
samten psychischen Welt. Ihre Grundform ist nach ihm der 
noch empfindungslose-Gefühlsdrang, der schon der Pflanze zu- 
koimne und nichts anderes als das Fortpflanzungsstreben sei. 
Durch den Instinkt unterscheidet sich das Tier von der Pflanze. 
Das Jnstinktverhalten, das sich nur auf arttypischs Situationen 
bezieht, zerfällt bei der Höherentwicklung in das assoziative Ge 
dächtnis und die praktische Intelligenz, die beide bereits dem 
tierischen und menschlichen Individuum dienen. Diese auf 
Grund der neuesten wissenschaftliche Forschung von Scheler 
gebotene Phänomenologie der beseelten Natur bringt (hie und 
da in deutlicher Fühlung mit Bergson) Begriffsbestimmungen 
und Abgrenzungen, die als kritische Zusammenfassung der 
heutigen Naturerkenntnis von Bedeutung sind. Durch den 
Geist (oder die Vernunft) ist nach Scheler der Mensch vom Tier 
geschieden. Der Geist befähigt den Menschen, Gegenstände zu 
haben (während das Tier nur Widerstände hat) und „Wesen" 
und „Dasein" von einander abzuheben, Oder: das Tier lebt in 
seiner Umwelt eingeschlossen, der Mensch dagegen ist das welt- 
offene Wesen. These Schelers: alle Kraft liegt bei dem 
Unteren: der G e ist istmachLlos. Es gibt nur die „daseins- 
unabhängigen" Manifestationen des Dranges und den Geist, 
der, um überhaupt wirken zu können, der Unterstützung der 
Triebe und Interessen bedarf. Die theistische Lehre vom all 
mächtigen Gott ist also für Scheler ein Gerede. Gott' 
ist so wenig allmächtig, daß seine Verwirklichung in 
die Hand des Menschen gelegt ist. Hier mündet Scheler 
in eine Hauptbahn des freilich nicht so eindeutigen! 
mystischen Denkens ein. Aber abgesehen davon: sein 
ganzer Ansatz des Geistes ist fragwürdig durchaus. Die 
Tatsache, daß die Erscheinung des Geistes an das Interesse 
gebunden ist, besagt noch lange nicht, daß der Geist ohn 
mächtig sei. Wäre er es: wie könnte er Triebe und Interessen, 
wie könnte er die ganze Dämonie der Natur je sich dienstbar 
machen? Da nach Scheler die Natur auch ohne den Geist be 
stehen kann, muß er doch wohl eine Anziehungskraft von un 
vergleichlicher Macht auf sie ausüben, wenn er sie zur Her 
gabe von Energie zu bewegen versteht. Vielleicht sind die. allzu 
blanken - Formulierungen Schelers auf den Zwang zu Verkür 
zungen zurückzuführen, zu denen ein Vortrag nötigt. Ans 
Ende scheint Scheler eine Art von Ausgleich zwischen Drang 
und Geist zu setzen. Eine begründete Stellungnahme zu diesen 
und anderen Gedanken wird erst an Hand des Werks mög 
lich sein. Dr. S. Kracauer. 
s Menschen als Sinnbilder. 
Mr schließen an die Referate noch die kritische Aus 
einandersetzung mit einem der letzten Werke Keyserlings 
M, die d§n DcHungshericht ergänzen mag. D. Red. 
In seinem Buch: „Menschen als Sinnbilder" 
(Otto Reich!, Darmstadt) will Graf Keyserling zeigen, 
„inwiefern alles Abstrakte letzlich konkret bedingt ist, d. h. in 
wiefern auch im Fall scheinbar abstraktesten Erkmnens die 
Seele die letzte Instanz ist, und nicht der abstrakte Mensch". 
Zur Verwirklichung dieses Vorhabens werden fünf ausge? 
wählte Sinnbilder hergmommen. An die Spitze des Zugs 
stellt Keyserling sich selber; hatte ihm doch 1915 schon Baron 
Roman Ungern-SLernberg prophezeit, daß er ihn in Zukunft 
Attacken reiten und Reiche, gründen sehe. Das autobio 
graphische Kapitel trägt den Titel: „Von der Produk 
tivität des Unzulänglichen". Keyserling berichtet 
in ihm seinen Werdegang vom animalischen Korpsstudenten 
und Anhänger Houston Stewart Ehamberlains zum Welt 
reisenden und zum verarmten Nachkriegs-Welmann, dem Ehe 
und Inflation die Pflicht auferlegten, „dafür zu sorgen, auf 
neue Art das Niveau, welches die Fortsetzung der Kultur 
tradition verlangte, zu erhalten". Mit dieser Entwicklung geht 
die vom kritischen Denker zum Simes-Philosophen Hand in 
Hand, und nichts anderes soll die Darstellung beweisen, als 
daß das jeweils sachlich Geleistete in einer funktionalen Be 
ziehung zu der jeweiligen empirischen Unzulänglichkeit stehe. 
Durch eine solche Reduktion möchte Keyserling nicht die Un 
zulänglichkeit seiner Leistung erhärten, sondern die Leistung 
seiner Unzulänglichkeit verherrlichen. Läge ihm an inhaltlich be 
stimmten Erkenntnissen, er könnte der Aufhellung ihres Zu 
sammenhangs mit seinen Lebensumständen entraten. Aber ihm- 
kommt es weniger auf das Was der Erkenntnisse an als auf das 
Ergreifen jener letzten, nicht mehr eindeutig Zu formulierenden 
Erkenntnis, die er mit dem Namen „Sinn" bedenkt^S^ n n es-
        <pb n="33" />
        erfs s s e r sin-d nach ihm die großen Religionsstifter gewesen, 
einen Sinnesevsasser nennt er stch selber. Er gliedert stch damit 
bewußt einer Menschenspezies ein, deren Werke statt der schnell 
abgestandenen Theorien unvergängliche Keime sind und deren 
Geist, wie er bei Gelegenheit Christi sagt, sich als unmittel 
bares Leben manifestiert. Von ihnen gehen Impulse aus, nicht 
fertige Lehrmeinungen, und einen Impuls Will auch Keyserling 
in der Schule her Weisheit erteilen. Er hebt diese ihre 
Bedeutung mit den Worten hervor: Darmstadt wandelt „Jahr 
fir Flchp die GrmKtheme» dM SMtcS« poMhsn von «WM 
Verstehensniveau aus ab und erteilt ihnen dadurch einen neuen &amp;gt; 
Sinn". Es ist also nicht eigentlich Bescheidenheit, die ihn auf die 
Unzulänglichkeiten seines Daseins blicken läßt, vielmehr: hie engen 
Beziehungen von Unzulänglichkeiten und Leistungen werden 
unterstrichen, um die Leistungen zum Ausdruck der auf Sinnes 
erfassung gerichteten Persönlichkeit zu stempeln. Denn wie heißt 
es von Christus? Es kommt „bei Geistern letztendlich nicht auf 
das Mas', sondern allein das Mer' an". Ehen dieser Wer ent 
hüllt in der autobiographischen Skizze seine Unzulänglichkeit. 
Die folgenden Sinnbilder dienen dem eigenen als Relief 
und als Bestätigung. Keyserling wirkt; Schopenhauer 
hat nicht gewirkt. Da abxr nach Keyserling die Menschen so 
wirken, wie sie sind, kann Schopenhauer nicht gut wer gewesen 
sein. Seine Philosophie wird als eine der Ohnmacht gekenn 
zeichnet; der Ohnmacht, die ihren Grund in seinem unschöpferi- 
schen Willen, in der mangelnden Willenskraft seiner ver 
einigten Fähigkeiten hat. So glänzend diese Fähigkeiten im 
einzelnen sein mögen, Schopenhauer als Persönlichkeit hat 
kein Verhältnis zum Sinn. Er wird daher zum Musterbeispiel 
der Artisten, der Essayisten und Feuilletonisten erniedrigt — 
einer Menschenklasse, mit der Keyserling so gründlich zu Ge 
richt geht, daß der Verdacht nicht abzuweisen ist, seine 
empirische Unzulänglichkeit habe unter ihr zu leiden gehabt,! 
Ist der Gesamtabrechnung spielt das angebliche Vorurteil her 
Lite raten, daß die Sprache über den Wert der Gedanken 
entscheide, keine geringe Rolle, Seiner Sachkxftik an S-chopen- &amp;gt; 
Hauer wäre im übrigen unbedenklich zuzustimmen, versetzte er 
nicht zu gleicher Zeit Nietzsche unter die Gestirne („- - - was 
Nietzsche bedeutet, werden erst unsere Enkel ermessen können"), &amp;gt; 
Die Zensuren erwecken Mißtrauen gegen den Ginn, der in 
Darmstadt erteilt wird. 
„Prophetie beruht nicht auf Tatsachen-, sondern SinncS- 
schau." Also ist zwar Keyserling ein Prophet, aber SPcng- 
ler mitnichten. Er wird, richtig durchaus, als „Tatsachen- 
mensch" erfaßt, der den Primat des Geistes nicht anerkennt 
und darum zur Blindheit gegen die Ideen verurteilt ist, die 
den Zug der Geschichte bestimmen. Zum Beweis dessen, daß 
nicht das Wut, sondern der Geist die Welt verwandelt, führt 
Kchserling die gemischte Gesellschaft von Buddha, Mussolini 
und Lenin an. 
Kant erhält einen Ehrenplatz, doch er wäre mit der Aus 
zeichnung kaum zufrieden gewesen. Denn als sein Verdienst 
wird erachtet, daß er eine „Philosophie der allgemeinen 
Sinneserfassung" ermöglicht; nicht etwa, daß er Religion und 
Ethik auf Vernunftforderungen gründet. Keyserling verübelt 
ihm ein wenig die systematische Darstellung seiner Erkennt 
nisse, der allenfalls ein gewisser Nützlichkeitswert innswohne, 
versöhnt sich aber dann wieder mit dem System, weil Kant 
trotz dchses Schönheitsfehlers so fortwirfte, als hätte er nur j 
Keime ausgestreut. i 
Besser ist G schon, SGK« M WbW, ßmdsW «vms» 
züglich den Sinn zu erschauen und weiter zu geben. So ist 
es in Darmstadt der Brauch, so haben es zu allen Zeiten die 
Magier gehalten, die bösen und die guten. Alle Sinnes? 
Verwirklichung, sagt Keyserling, ist Magie, und der Magier 
verkörpert das schöpferische Prinzip des Geistes in männlicher 
Modalität, Auch I esus, das fünfte und letzte Sinnbild des 
Buches, lst ein Magier gewesen, esn guter Magier natürlich, 
einer jener Magier höchster Art, von denen Keyserling be 
merkt, dap ihr Urquell der „kosmische Sinn" sei, ein Geist, 
der ganz konkret geworden ist, kurz, ein Geist von persönlichem 
Stil. Das „Urbild alles Stils" ist das Wort, bemerkt 
Keyserling weiterhin, und ex mißt dem Wort am Schlüsse 
soviel Bedeutung bei, daß er es zum ursprünglichen „Körper 
alles Sinns" erhöht. " 
Hält man diese Erkenntnis mit der abfälligen über die 
Lfteraten zusammen, so ergibt sich ein Widerspruch, der 
schon allein genügte, um gegen den in Darmstadt erteilten 
Sinn skepasch zu stimmen. Aus Anlaß Schopenhauers, des 
Artisten, ward geäußert, daß „tief denken und gut schreiben 
Me; Dmge sind, von denen keins das andere notwendig be 
dingt-; in der Gegend um Jesus wird festgestellt, daß das 
. unmittelbar „spermatisch-schöpferisch" sei und nur gut 
geschriebene Bücher fortlebten. Das erste Mal scheint Keyser 
ling aus Grimm gegen die Lfteraten und als Fürsprecher 
?VLWruläMichM -enteilt zu haben; das zweite 
Rücksicht auf das JphMnes-Evangelium. Ein Sinn 
k n E, oh er sich gut cher schlecht ausdrücken 
«E, ist fnfpßkf. 
-, s/l nicht nur suspekt, sondern er ist seiner wahren Be 
schaffenheit ubcrführt, wenn von ihm gesagt werden darf, daß 
könne „Ich glaube fest daran," erklärt 
.reyserlrng, „daß das Leben einen tiefen Sinn hat, sofern 
man ihn ihm gibt." (Vom Autor gesperrt.) Dieses Wort 
vom Sinnertsilen fällt in Verbindung mit WAMMMsiMMps; 
an entscheidender Stelle, um von Keyserling sprachgewandten 
Lfteraten gegenüber als Belanglosigkeit entschuldigt zu wer 
den. Wird es aber voll belastet, so erhellt aus seinem Gebrauch, 
daß her Keyserlingsche Sinn nicht danach gngetan ist, die 
empirische Unzulänglichkeit zu legitimieren, zu der er in funk 
tionaler Beziehung steht, Denn der echte Sinn wird nicht 
gegeben oder in Därmstadt von Fahr zu Fahr erteilt, er wird 
vielmehr erkannt und genommen. Ohne Zweifel erkennt 
und nimmt ihn der ganze Mensch, der ihn fortan darstellt. 
Aber dieser Mensch hat ihn als einen inhaltlich bestimmten 
Sinn, den er der Welt einpftanzen will, weil er ihn für richtig 
und geboten hält stehe Buddha und Lenin (auf Mussolini 
wäre in diesem Zusammenhang doch Wohl zu verzichten) — 
und es wird ihm niemals etnfallen^ irgendeinen Sinn für 
richtig und geboten M halten, weil er sich mit ihm der ganzen i 
WeS Pende« «Achte. D«. G. ; 
— Der Meister der Welt. Würden Sie, wenn stch eine Frau um 
Ihretwillen mit dem Revolver nicht unerheblich verwundet hätte, 
das Zimmer verlassen, um als Dauerlaufer in einem Entschei 
dungskampf anzutreten? Der Held dieses in den „Alemanni a- 
Lichtspielen" gezeigten Films tut es. Er ist ein bildhübscher, 
junger Mann, gefeierter Läufer, eine Kapazität im Stadion. Der 
Film entrollt einen Ausschnitt aus seiner heroischen Biographie. 
Großer Sieg in England, Massenjuöel, das Mütterchen zuhause 
strahlt. Eine Braut ist vorhanden, deren Vater jedoch die Größe 
des Marathonläufers vorerst noch nicht zu würdigen vermag. Olga 
Tschechowa,. die Freundin des geschlagenen Konkurrenten, ban- 
delt mit dem Sieger an, um ihn bei dem nächsten Entscheidungs 
kampf zu schwächen. Der schöne Jüngling taumelt in diesen Venus 
berg hinein, sein Mütterchen weint, aber die blonde Braut, alias 
Tenia Desni, befreit ihn aus den dämonischen Fängen. Er siegt 
wider Erwarten auch zum zweiten Mal. Maffenjubel, Mutterstrahlen, 
bekehrter Papa. Dieser nach einem Roman von Werner Scheff ge 
drehte SportblattberichL ist sehr hübsch aufgemacht. Gut und flott 
sind die Nebenszenen: Stadionausschnitte, Schlafwagenaspekt.e, An 
kunft in Berlin usw. Ja, mitunter scheint sich in den sportlichen 
Ernst eine leise Ironie zu mischen, die den Enthusiasmus für die 
Läufer noch übertreibt, um seine Komik ins Bewußtsein zu er 
heben. Die Hauptfigur ist übrigens nicht der Läufer selbst, sondern ' 
PaulGraetzals Trainer. Ob er ein tüchtiger Trainer ist, bleibe 
dahingestellt. Aber wundervoll mischt er Fürsorglichkeit, pfiffiges 
Wesen und Überlegenheit. Sein Trikot ist ein Gedicht, und für 
seinen Mienenspiel während des Rennens möchte man das Rennen 
selber Preisgeben. Dieser Trainer ist zugleich der humoristische Kri 
tiker seiner Tätigkeit. RLQL. 
, / r. . 
Die Frau ohne Namen, 
Film der „B i -b e rba u -L icht spiele" ermög 
licht auf bequeme Art eine Reise um die Welt. Man steht 
in ihm er wirb nicht wie die Mehrzahl Ser durchschnitt 
lichen GeMchaftsfilme vor gestellten Staffagen gedreht. In seiner 
Haltung fchlreßt er sich ungefähr an den Ellen Richier-Film an, 
der vor längerer Zeit die Sehnsucht nach fremden Ländern bc- 
friedlgte. „ Auch die „Frau ohne Namen" legt eine aufregende 
Reye Mruck. Das Motiv der Unternehmung ist Ee sehr hübsche 
Mmrdee. Die betreffende junge Dame ist Besitzerin einer ameri- 
kamschen Zeitung, die im Begriff ist, bankerott zu gehen. Aus 
Rektamegründen beschließt das Mädchen, «in halbes Jahr zu ver 
schwinden; wer ihren Aufenthaltsort ausfindig macht und sie dem 
amerikanischen Konsul ausliefert, soll 100 060 Dollar erhalten, 
.ihr intimster Konkurrent, ebenfalls Zeitungsbesitzer, ebenfalls 
reklamebdurstrg, heftet sich ihr an die Fersen. Heißt es indiskret 
&amp;gt;em, wenn wir verraten, daß die beiden sich lieben? Fügt man 
noch hinzu, daß die junge Dame von keinem geringeren Kavalier 
als Georg Alexander begleitet wird, während den Konkur 
renten eine Schlangentänzerin bedrängt, so ist die lustige Expo 
sition gegeben, und zugleich hinreichend deutlich aüsgedrückt, daß 
aus der Schlangentänzerin und dem Kavalier stch gleichfalls ein 
Paar gestalten wird. Die Sache beginnt in New Yorker Zei- 
tungsöetrieben, deren Interieurs den Referenten nicht eben darauf 
begierig machen, sich als amerikanischer Reporter zu versuchen. 
Dann geht es nach San Fvancisco, mit vielen Komplikationen, 
aps der Veranlassung .zur Expedition mit Notwendigkeit folgen. 
Elga Brrnk ist ein tollkühnes Mädchen und ihr Partner Jack 
Trevor nicht auf den Kopf gefallen. Immer und überall trifft 
das Quartett wieder zusammen, die Welt ist klein. Daß sie groß 
rst, schön und verschiedenartig wird durch viele famche Aufnahmen 
bewiesen. Wo machen wir nicht des verrückten Abkommens wegen 
Station: Mitten in Amerika springen wir aus dem Expreß, wir 
werden in Frisko auf den Kutter eines Sektschmugglers (Stuart 
Rome) verstaut, besteigen in Honolulu den Kilaulea, verschiffen 
uns als bunde Passagiere nach Schanghai, setzen unter verschro- 
venen Umstanden nach Japan über. Ein geographischer 
der nicht nur die üblichen 
AipMe zergt, sondern auch abseitige Gegenden vor Augen führt. 
Die Kakteen an der Transpacific-Bahn sind bez.cmbernd hoch' und 
abnorm. Hafenbilder in allen Erdteilen machen krank vor Heim- 
wch nach der Fremde. Den Jangtsekiang mit seinen elegischen 
Dschunken hinauszufahren ist ein reines Pergnügen. Das aben 
teuerliche Mädchen wird dort in ein Schanghaier Freudenhaus 
verschleppt, wo man die Bekanntschaft eines fetten Koreaners 
schließt, der, bei Licht besehen, sich als Jakob Tiedke entpuppt. 
Es verlohnt sich, in den Straßen Schanghais zu bummeln. Herr 
lich auch Tokio, von dem besonders glückliche Bilder zu sehen
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        sind. Mitunter wird uns Zeit Zum Aufatmen in prunkvollen 
Tropenhotels vergönnt. Alles in allem: es läßt sich leben auf 
dieser Welt, wenn man genügend Geld hat und sie nicht gerade 
aus der Perspektive eines "Kohlentrimmers sehen muß. Der Film 
ist darum zu loben, daß er zum Hintergrund die ungestellten 
Dekorationen einiger Kontinente hat. Seme Handlung, nun ja, 
sie ist eben der Vordergrund der Dekorationen, und enthält immer 
hin ein Paar n-ette Episoden. Warum schließlich sollte man sich 
nicht mit närrischen Leuten einlassen, wenn man auf diese Weise 
ohne viel Kosten die Welt und ihre Städte besichtigen kann. 
K a eL. 
, s 5 ' 
Der Sohn des Scheich. Rudolf Valentins, der Held 
dieses in der Neuen Lichtbühne gezeigten Films, ist vor 
wenigen Jahren gestorben. Aber noch immer entzückt er auf der 
Leinwand wie zu seinen Lebzeiten der Welt. Seine Rolle ist den 
Rollen von Douglas Fairbanks verwandt; sie zeigt ihn als einen 
edlen Menschen, der aller Gefahren Herr wird und ein kühnes 
Stückchen nach dem andern liefert. Aber wo Fairbanks unverstellt 
männlich ist, gibt er sich Zart, wo jener sich beherrscht und aus dem 
Willen heraus handelt, schmiegt er sich an und folgt dem Instinkt. 
Ueber das Stück ist nichts weiter zu sagen, als daß es in der 
Wüste spielt, geschickte Milieuszenen vorführt und eine höchst 
romantische Handlung, in der Valentins nach Herzenslust posieren 
kann. Zum glücklichen Ende bringt. Die internationale An 
erkennung, die der Film gefunden hat, ist zu verstehen. — In 
dem zweiten Hauptfilm: „Bräutigam auf Abbruch" 
gerät Raymond Griffith in unglückliche Situationen. Er ist 
der vollkommenste Gentleman Amerikas, und ein komisch-zauber 
hafter Glanz geht von ihm aus. Fast könnte er ein Franzose 
sein, so graziös, quecksilbrig und elegant tritt er auf. Witzig besiegt 
er das Mißgeschick, das ihn verfolgt, weil er es sucht. 
— Reinhold Schünzel im Ufa-Theater. Wer diesen Film: 
„In der Heimat, da gibts ein Wiedersehn!" er 
funden hat, verdient mit Strafe belegt zu werden. Kaum ist je 
ein schlimmeres Gemisch aus Verlogenheit, Irrealität und rühr 
seliger Mache über die Leinwand gezogen. Der Krieg — un 
nötig, ein Wort über ihn in diesem Zusammenhang zu verlieren 
— ist hier zur Zimmerdekoration gemacht worden, zum Hinter 
grund und Vorwand für das Auftreten von spaßhaften Leuten 
mit ihren privaten Liebesgeschichten. Solche Filme wären zu 
verbieten; sie schänden das Andenken des Ereignisses, das im 
Gedächtnis aller Lebenden steht, sie beschmutzen die Trauer und 
vernichten die Größe. Nahezu unbegreiflich ist, daß ein demrtiges 
Machwerk rn den Kinos austauchen kann, ohne einmütige Erbit 
terung heworzurufen. Wir schätzen ReinhM S ch ü n z e l als den 
ausgezeichneten Darsteller einiger Typen, die auf dem Berliner 
Asphalt gedeihen; als den Soldaten Gustav Knospe schätzen wir 
rhn nicht. —-Herr Schünzel war gestern persönlich erschienen, 
sprach etlrche Worte, und durfte den Dank des Publikums quit- 
tleren, der wohl im wesentlichen auf die Rechnung seiner besseren 
Rollen von ernst zu setzen war. ir-eu 
Hludokf Kaßner über UMogrrounk. 
DannsLavt, M. Mai. 
Die Darmstadter Gesellschaft für freie Philosophie hatte gestern 
abend zu einem Vortrag von Rudolf Kaßner geladen. Der 
bekannte Wiener Denker entwickelte die Grundgedanken seiner 
Physiognomik, die er in mehreren Essaybänden medergelegt 
hat. Ihn Zu hören, war gerade für den Kenner seiner Werke 
ein Gewinn; in den Prägungen der mündlichen Rede gab sich 
unmittelbar, was die eigenwillige Diktion der Schriftsprache ara- 
Leskenhast aufzuzeichnen strebt. 
Aum Unterschied von der aristotelischen Physiognomik, die, 
statisch durchaus, jedem Einzelzug der menschlichen Gestalt eine 
Eigenschaft zuordnet, erfaßt die Physiognomik Kaßners den. Men 
schen in der Bewegung. Ihr geht es um die Auswertung von 
Spannungsverhältniffen, nicht um gegeneinander abgesetzte Eigen- 
schrsten, die ihr nur Grenzfälle sind. Während die Antike, indem 
sie an dem Einzelnen haften bleibt, ihre Zugehörigkeit zur 
Raumwelt erkennen läßt, ist das moderne Denken, das nach 
dem Vorgang Newtons und Leibniz' die Bewegung ergreift, 
in die Zeitwelt eingebrochen. Jene hat den Mythos geschaffen 
und besitzt Größe; diese drückt sich im rhythmischen Leben aus und 
hat Tiefe. 
Die Welt der Physiognomik im Sinne Kaßners erschließt sich 
der Deutung. Es ist eine Welt der bewegten Gestalten, deren 
Sinn durch die geschulte Intuition ergriffen werden mag. Gleich 
viel, ob diese Methode der Deutung theoretisch einwandfrei ist oder 
nicht: die Beispiele Kaßners bezeugten seine außerordentliche Gabe. 
als praktischer Physiognomiker. Er wies etwa auf die vielen mög 
lichen Beziehungen Zwischen Kinn und Stirne hin und kennzeich 
nete das mit der jeweiligen Spannung beider Gesichtsteile Gemeinte. 
Schlagend auch seine Beurteilung des Verhältnisses von Auge zu 
Mund. (Bei den Franzosen, die noch am meisten ein Raum 
volk sind, befinden sich diese Elemente in größerer Uebereinstim 
mung als bei dem Zeitvolk der Deutschen.) Die Nase ist ihm das 
Sinnbild der Artung der Raste. Auch das „Drama",, das sich 
zwischen den Lippen abspielt, wird von ihm interpretiert. Eine 
lehrreiche Feststellung: daß das Bild des Sokrates, de^ als« 
erster antiker Mensch den Mythos bekämpft, zugleich das erste 
„häßliche" Bild der Antike gewesen ist. Die wichtigste Spannung 
N für Kaßner die zwischen der Front des Gesichts und seinem 
Profil. Ernem guten Profit kann eine versagende Vorderansicht 
Leigegeben sein und umgekehrt. Me diese Beziehungen sind deu- 
tungsfayrg, und es war reizvoll genug, den Gedankenerperimenten 
A solgen, die Kaßner im nahezu mathematischen Spiel mit den 
Konstellationen vornahm. Seine Ausführungen gipfelten in dem 
Hinweis auf das gesamtmenschliche Gesicht, das Ohr-Augen-Ge- 
nach ihm total durch das Genie allein verkörpert wird. 
Als Ausnahme wurde das reine Musikergesicht Mozarts genannt, 
das nur Ohr zu sein scheint und als Ganzes das GesiM der MuLtev 
übernimmt. " , . 
Den Beobachtungen liegen Gedanken zugrunde, die Kaßnev 
wenigstens m Andeutungen durchschimmern ließ Der Statik der i 
griechischen Mythologie, deren Zeichen die zahlenmäßige Vereinze 
lung der interpretierbaren Naturzüge ist, entspricht nach ihm die 
Geschlossenheit des antiken Gesichts. Schwindet diese Geschlossen 
heit, so geht die Mythik nicht verloren, sondern was früher als 
äußere Ordnung sich darstellte, ist nun in den rhythmischen Span- 
nungsverhältniffen enthalten; sodaß, immer nach Kaßner, die 
heutige verwandelte Mythologie der Gegenstand der 
Physiognomik wäre. Die Physiognomik hat es nicht mehr mit dem 
Einzelnen zu tun, Her Zahl, sondern bricht aus dem in sich ge 
schlossenen Naturkreis heraus, um die immer neuen, nicht wieder- 
Holöaren rhthmischen Konfigurationen zu verstehen, die sich aus 
den unerschöpflichen Beziehungen zwischen Körper und Geist er 
geben. — So etwa lautet die Aufgabe, die Kaßner der Physiog 
nomik stellt. Ob seine Interpretationen mit der Statik des antiken 
Weltbildes bereirs durchaus gebrochen haben: diese Frage mag 
Zum Schlüsse noch aufgeworfen werden. Xr-. 
— Derby. Ein Fum mit Gestüt und Rennbahn, einer dann-Ni- 
schen.. Frau, einem Baron und — Otto Wallburg, der als Neu 
reicher in seiner Sportmütze und mit einem kleinen Schnurrbart 
angetan sich im Flug die Sympathien gewinnt. Der Film läuft in 
den A l e ma n.n i a-L icht sp i el e n. Die Handlung zu be 
richten, erübrigt sich, da sie in den gewohnten Bahnen verläuft. 
Genug, daß Pferdeliebhaber und Freunde des Trabrennsprtos auf 
ihre Kosten kommen. Manche nette Regieeinfälle sind zu verzeich 
nen. Voran geht ein guter Buster Keaton-Film, in dem 
Buster mit unerschütterlichem Phlegma Akrobatenstückchen verrichtet, 
deren eins schöner als das andere ist. X a e a. 
-- Die Frauengaffe von Algier. Dieser neue Film der Ufa 
tz sich tspieleist unter der bewährten Leitung von Dr. Wolfgang 
Hoffmann-Harnisch gedreht. Die Darsteller haben sich für 
die Außenaufnahmen von Marseille nach Afrika eingeschifft und 
dort einen großen Teil der Arbeit geleistet. Sie haben wundervolle 
Bildstreifen mit nach Hause gebracht. Alle landschaftlichen Hinter 
gründe — um die Hintergründe aber handelt es sich zunächst — 
sind aus charakteristischen Perspektiven erfaßt und vermitteln wirk 
lich eine Vorstellung der südlichen Natur. Die Meerfahrt von Mar 
seille aus, die afrikanische Küste und Fragmente des Hinterlandes 
prägen sich ein. Das gleiche gilt von den Städtebildsrn. Glück 
liche Einblicke in Basarstraßen mengen sich mit schönen Ueber 
sichten über die Hafenstadt, phantasieerregenden Treppensätzen, 
Sausdetails und Aufnahmen des Landungsplatzes. Die blendende 
Weiße der afrikanischen Architektur kommt greifbar heraus. Wer 
Marseille liebt, mag sich an den Ansichten des Alten Hafens er 
freuen. Die Handlung freilich, es muß gesagt sein, ist kolportage 
haft. Die Mutter eines jungen Mädstens führt ein Doppelleben: 
sie spielt eine Rolle in der europäisch-algerischen Gesellschaft und 
ist zugleich die ^Zesitzerin eines FreudenArufes in dem^ dunkelsten 
! Teil der Stadt. Mr wehren in die Geheimnisse des internationalen 
Mädchenhandels eingeweiht, beobachten dir Verschleppung 
der Opfer und einige Tricks. Von diesem Treiben darf die LoHttt 
nichts wissen. Camilla Horn stellt sie dar, sie ist sehr schön und 
unschuldig, ihrer Rolle gemäß. Das mütterliche Doppelleben führt 
zu seelischen Konflikten und zu rohen Eingriffen des Staatsan 
walts, der zugleich — welche Komplikation! — der Verlobte der 
Tochter ist. Es kommt zu einem Mord, und da keine andere Lösung 
übrig bleibt, opfert sich zuletzt die doppelte Mutter dem Glück des 
jungen Paars. Das ist eine grelle Handlung, in der es toll hergeht, 
aber wenn es nicht anders sein kann, nimmt man sie schließlich 
für die schöne Welt, in der sie sich abspielt, mit in Kauf. Einzelne 
Zwischenstücke sind gelungen, auch etliche Typen vortrefflich. Lydia 
Potechina ist eine famose komische Alte, Warwick Ward ein 
rumänischer Mädchenhändler eonnne L! kaut. X a c L
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        LS«M^8 
Welt" ersokeint seit mekreren Wooken an je- 
äem Dreitag mit kakrplanmäLiger Bünktliekkeit 
ein stattlioker Band, der Dnterkaltung gewiämet. 
2u dem billigen Breis von 2.85 kür äsn Oanx- 
leinenkand kindet siok in dieser neuen Kollektion 
des Verlags Vk. Lnaur iBertin) eins internatio 
nale Desellsokakt xusammen: Dngländer, ^meri- 
kaner, 8panier, Dranxosen. Die Beike wird kort- 
gesetxD auok die Deutsoken sollen in äsn Volker- 
kund aukgenommen werden. 
Bomanserien sinä auk dem deutsoken Büoker- 
Ikomas Nann kat ?um Oeleit äie gewäklte 
Drosa gesokrieken, äersn siok äie ^Velt von ikm 
auk jeäen Dali ^u verseken kat. Lin Lakinettstüok- 
oken von Drosa, ein ganr. kesonäers erlesenes 
8tüokoken wirä kier geliekert. Denn ^komas Nanv 
stellt äem Duklikum niokt eine Drsokeinung vor, 
äie er in strengem 8inn kür kokkäkig kielte, son- 
äern eine ruppige Danäe, äie in äas Dakinett 
niokt passen will. Ds ist ikm etwas peinliok, aker 
er geleitet. Dr mükte es niokt tun, aker er tut es. 
In seiner meisterlioken Drosa verstekt er siok ru 
äem 8tüokoken. 
Die kereits ersokienenen Danäe äer 8ammlung 
-- äas ist vorLus^usokieken sinä naok Dang unä 
literarisoker Derkunkt versekieäen; im wesent- 
lioken umkaüt äie Kollektion ^kenteurer- 
6.omane, 8pannenäe unä weniger spannenäe. 
„Rümpken wir niokt esoterisok äie l^asel... 
6ut äenn, tun wir mit! 8tellen wir uns an äie 
8pitse!", so ermuntert siok Dkomas Nann sur 
Dekernakme ikres Oeleits. Ds källt ikm sekwer 
genug, äie V^elt „abenteuerlieker Noäernität", 
äie siok in jenen Domänen erökknet. gilt „kaum 
unserer Dxistenskorm", unä verkeklen wir uns 
äook niokt „äie VVakrkeit einer wesentliok 
aristokratisoken^n^age äes äeutsoken 
Oeistes"! ^.ker warum äenn geleiten, wenn äie 
Anlage aristokratisok ist? VDarum siok an äie 
8pit26 stellen, wenn unsere DxistenLkorm kaum 
ketrokken wirä? 
^us Orünäen unserer „guten Daune". 
Ikomas Nann erkennt äas Dasein äer Nassen an 
unä meint, äak sie ^nspruok auk unsere gute 
Daune kaken. "lVir sollten vor ikrem „pokelkakt 
jugenäkoken ^.närang" um so weniger auk ein 
„Dlkenkeintürmoken" klüoktsn. als äie massen- 
gereokte Kunst äurokaus „unklamakle Dnte^-Kal- 
tung" sein kann. OK ikr äarum allein äie gute 
Daune su^uwenäsn wäre, kleikt ungewik. ^ker 
äer pokelkakttz ^närang ist rmgleiok äemokratisok. 
Das V^ort ist gekaken. Demokratie: unter 
äieser 2aukerkormel oegreikt Dkomas Nann alle 
Drsokeinungen ein. äie ikm niokt äurokaus Zu 
sagen unä ikn äennook in gute Daune versetzen, 
weil sie „poliLiseke Dnumgängliokkeiten" sinä. 
Degen äie Demokratie ist kein Kraut gewaoksen, 
also stellen wir uns an äie 8pit26, okwokl unsere 
Vnlage aristokratisok. Naokäem siok Ikomas 
Nann xu diesem politisok unumgänglioken Dnt- 
sokluk äurokgernngen Kat, ersekeint ikm äie 
äemokratiseke Umwelt sokon ertraglioker. Dr 
nennt äie Demokratie eine „intelligent-kortsokritt- 
lieke Oesellsokaktskorm", äer äas „Outgemaekt- 
Niitlere" Deäürknis sei. Mr äas mittlere Dute, 
kitte; niokt äie koke Dioktung. Der gönnerkakte 
Von ist äas Zugeständnis der aristokratisoken 
Anlage an die gute Daune. 
Dr wäre kür das politisok unumgänglieke 6e- 
leit xu sekr von oksn kerak. Vkomas Nann zise 
liert darum gesokwind ein anderes Disen, das er 
im temperierten Deuer kat. ^.us dem aristokra- 
tisoken Dokredner der Demokratie wirä ikr xier- 
lioker Verkünäer. Dr entäeokt, äaL die Deut- 
soken eigentliok vor äem krieg kereits „äemo- 
Bnter äem 8ammeltitel: ,Boman 6 äer kratisiert" v/aren. Dr kindet, äaL INI Verglsrek 
mit dem Drama der Doman „die modern-popu- 
Der Diokter Vkomas Nann veräieni vor 
Vkomas Nann, äein praooeptor Oor- 
maniae, in 8okutx genommen xu worden; 
vor äera Bräxeptor äa8 Nassenkakte äer 
Demokratie. Ds rank gesagt sein: das son- 
äsrkare Diekesworkon des groken burger-. 
koken Prosaisten um äie Demokratie, oäer was 
er so nennt, rst ein 8okauspiel unortzuiokkokor 
^.rt. 8ein Instinkt ist üker äer Anstrengung un- 
sieker geworden, sein Drteü kat siok verwirrt, 
seine Ironie s'ok vokenäs ins Grundlose verlau- 
5en. Das Bild äes Diokters erkielte siok reiner, 
wenn, äer äemokratiseke Bräxeptor siok weniger 
bomükte 
Dogen äie Demokratie in ikrer keutigen Ge 
stalt sinä vermutliok triktige Dinwänäe xu erko- 
den. ^.kor sie rnüssen siok, sollen sie ernst go- 
nommon weräen, auk äie Erkenntnis äer Reali 
tät grünäen; äas koikt, sie rnüssen das wirt- 
sokaktlioke, soxialo und politisoke Bestem äer De 
mokratie trokken, seine Notw6näi»keit prüken nnä 
äie Nö^liokkeit seiner ^känäerun^ erwägen. Der 
Napster Ikomas ?äann — äer Diokter kleikt kier 
anker Letraokt — trakt^rt nir^enäs äie äerno- 
kratiseke "Wirkliokkeit, sonäern kat siok als Linä 
seiner §nten Daune ein Dakel wesen von De 
mokratie ^esekakien. Dr klopkt äem Dkantasie- 
Aesekopk leutselig auk äie 8okulier, weil es nun 
einmal vorkanäen unä er unum^än^Iiok ist, unä 
weist äem Lunstkeäürknis äer Nassen äie Nittel- 
ware Lu. Dereoktkerti^t wirä äieses seinen Oe- 
^enstanä entwüräi^enäe Denekmen mit äer De- 
ruiunT s,uk äie wesentliok aristokratiscke ^nlaAS 
äes äeutsoken Oeistes unä äer sinistren Voraus 
setzung eines Zusammenkangs irwisoden jener 
Anlage unä äer koken Dioktung. Ist es erkoräer- 
liok, äie Haltlosigkeit äer keiäen l'kesen aus- 
ärüokliok äar^utun? Mirä kest^ulegen nötig sein, 
äak äie „äemokratiseke" Nassenkaitigkeit siok 
trot2 äes gegen sie erlassenen Veräikts kei äer 
ikr ^ugeäaokten „unklamaklen Dnterka'tung" 
niokt 2u kerukigen kake? Die tzueKen äieses 
Veräikts sinä niokt kekannt; es sei äenn, äaL es 
äer in manoken kulturell gekokenen Dreisen 
üklioken Veraoktung äes Nassenkakten entklieLe^ 
äie aristokratisok sein mag, aber wenig Roklesse 
unä nook weniger Dinsiokt verrät. Der Dinwanä 
markt gewoknte Dreignisse. Nanoks kekakren 
äsn Veiok äer koken Diteratur, andere wagen 
siok ant das okkene Neer äer 8pannungsleKtüre. 
Der Oxean ist weniger gekäkrliok al8 äer Veiok. 
^uek die „Bomane äer Welt" möokten weit ins 
Neer Kinau8. Da inäe85en das gebildete Bukli- 
kum vor äer Boise xurüoksokeuen könnte, kaken 
816 siok von äer Kokon Literatur Zogen erwirkt. 
Unter dem Protektorat von 1 k orn a 8 ^a n n 
(neken dem H. 0. 8okokkauor ai8 Hßraus- 
gekei xeioknet) läukt das Bomanuntornokmen 
vorn 8tapel. 
lärere, eine äemokratiseke kunstkorm keäeutet" 
— eine ästketisoks Dinsiekt, äeren kommode 
Dakrlässigkeit mit äer ükerspruäelnäen Daune 
ikres Drkekers kaum xu entsokuläigen ist. Dr 
stellt äem „aristokratisoken unä innerlioken" 
äeutsoken Üiläungsroman äio groüe Drxäk- 
lung (Diokens, öalxao, Dostojewski) gegenüker, 
äie käst immer äie Neigung xeige, „ins wild Dn- 
tsrkaltende, ins kolportagekakte, ja ungesekeut 
ins 8entim6ntale und ^ukregends xu steigen"; 
womit sie, wenn auok niokt gradexu, der De 
mokratie gutgesokrieken wäre, kurx: es ist eins 
unumgänglieke Dust, in äer Demokratie xu leken. 
Durok äie Betonung äer Dust ist das Dkren- 
geleit gesiokert. ^Virä die „unklamakle Dnterkal- 
tung". deren ems „kulturelle" Demokratie kedark, 
in die Näks großer DrxÄklung gerüokt, so kat die 
geleitete Dnterkaltungskollektion das demokra- 
tisoke ^.äelsprädikat empkangen und ikr vorxu- 
steken kann niokt länger k'amakel sein. „OroL- 
ketriek, OroLketriek! 7eäe ^Vooke ein Duok..." 
— xu soloken ^.usruken akgetönten Dntxüokens 
üker äemokratisoke (rrokketrieke versteigt siok 
der Aristokrat a is Anlage, Dr gedenkt des so- 
xialen Verdienstes, das si^k die 8ammlung durok 
äie ^nkeuerung junger deutsoker Valsnte erwerke, 
rükmt äen „demokratisierten Duxus", 
in äen siok ä«e „lekenstraumsokwangeren" 
Deinenkänäe küllen. (^as äie ^ukmaekung ke- 
trikkt, so ist äer Druok verxügliek, die 8ülle 
ungekünstelt ordinär; demokratisierter Duxus 
kerrsokt weder auken no^k innen.) Da^ die 
Heike vielleiokt gar kür den „^Vieäeraukkau" 
manokes leiste: mit diesem Dinkall einer ke- 
neidenswert präektigen Daune soklieüt das pro- 
saistisoke Nusterstüokoken. 8eine eigene Deistung 
ist, äak es der demokratisoken Nodernität. die 
angekkok kaum unserer Dxistenxkorm gilt, in 
der Dxistenxkorm der Domankollektion Gültigkeit 
verleiksn will. 
dern: die Xolportage kedark gar niokt äer xim- 
perlioksn Dntsokuläigung, dak auok groke Drxäk- 
lung siok mit ikr einiasse. Die groke Drxäkking 
greikt vielmekr auk sie üker, weil in der Dolpor- 
tage, wie verxerrt immer, bedeutende Oekalte gieb 
darstellen. Vkomas Nann möokte in letxter 
! Ninute das Nassengereokte retten, das er 
nerausgibt. Dook die Lolportage kat es niokt 
nötig, auk diesem Bmweg gerettet xu weräen, und 
äer VVert eines Xunsterxeugnisses bestimmt siok 
keineswegs naok dem Oraä seiner Dnpopularität. 
Die Lonkusion vollendet siok, wenn am Dnäe 
nook die durok ikre Bexiekung xu groker Dr- 
!xäklung sokeinkar rekakkikerte Bomanreike als 
^demokratisokes^iederaukbau-Dn- 
ternekmen angepriesen wirä. ^as kaken ge 
rade diese Domäne mit Demokratie xu tun? ^Vie 
läkt siok jene kerablssZende Desto mit äer Bede 
vom Wiederaufbau verbinden? 
Au der Verwirrung der Begrikke kügt siok der 
Widerspruok in der Haltung. Das alles im In 
teresse. einer Bomanreike. die, gerade weil sie 
als 2erstreuungslektüre. ikre ^.nnekmkokkeiten 
kat. okne diese vertraokte und instinktverlassene 
Iäeologi 6 weit besser gekakren wäre. Denn 
so unklamakel die D^nterkaltung sein mag, die 
ikre Deinenkänäe gewäkren: weder sind sie alle 
von Dekensträumen sokwanger, nook soköpken 
sie auok nur im geringsten die Nögliokkeiten 
aus, auk deren Drküllung sogar demokratisoke 
Nassen ein ^nreokt kätten. 
2 u äsr 8 erie: „Bomaneder Welt/ 
Von Dr. i8. KraL LLHiOi'. 
des Dräxeptors ^egen die Demokratie, der siokl 
kürsorgliok in ikre woklwollenäe Belokigung Küllt. 
ist eine 6 este, sonst niokts. Da sie einem 
Dkantom gilt, verdäektigt sie niokt die 8aoke, 
sondern ledigkok den Dräxeptor. Nook in den 
„Betraoktung6n eines Dnpolitisoken" kuüten die 
Aussagen l^iomas Nanns auk einem möglichen! 
Drunä, weil sie in den Orsnxen seiner Herkunkt 
und Bildung siok kielten. (DaL der Orund niokt 
tragkäkig war, ist eine 8aoke kür siok.) 8eit er 
die Diteratur als Boktiker ketraoktet, gestikuliert 
er im Deeren. 
In dem NaLe, als die Herausgekerpkliokten 
siok anmelden, wirä die aristokratisoke Deste 
xum konkusen D1 irt mit der vermeintlioken 
Demokratie. Die Bomankollektion bringt sen 
sationelle Dinge, die xum Veil in den Bsxirk äer I 
Dolportage kallen. ^Iso dünkt dem Ilerausgeker! 
die Bemerkung angekraokt, daL auok groüe Dr- 
xäklung mit der Dolportage siok kerükre. 8o ist 
es, in der Vat. ^.ker einmal: worin untersokeiden 
siok die populären erke des angekükrten Dosto 
jewski von der koken Dioktung, die dem Nassen- 
kakten niokt xugängliok sein soll? Die ^Villkür 
der ^.kgrenxung liegt auk äer Land. Tum an-
        <pb n="36" />
        Fliegenden Blättern. 
/ 27. 
(Raser, cksr Referent, erst 24 Kerne rädle. 
Vitzrunckrwanri§ labrs unck ein kritisedes 
Urteil: cker lun^mann ist Zeriedtet. 
Die blnkadiAkeit, .VrZuments ru fincken unä 
Vatsaeden riedtix wieckerruZeden, wirck cklTkeb ckie 
LsZadun^ rur luckenrieederoi eieblied 
aulFewoxem (Rasers Kritik ist Rsrrn 8tapel 
unZ^mpatbised; also FenüLt es niedt, ckem Kri 
tiker seine visrunärwanri^ 1abr6 anrukreiäen, er 
mufz aukeräem ein ducke sein. Indessen, diese 
äeutseblänckisebs Intuition ist erwiesenermaßen 
kalseb. Der Inkriminierte ist dlonck unä von ein 
wandfrei arisodem Osdlüt. Wir sobiokten IR-M 
8tapel §srn seine RboioZrapbis und Rlutnroden 
Lur RrükunZ ein, laZe äe.' Rall niodt doRnunZs- 
108. 
Den Unrat an Lebmäbworten aukr.ikebr'en, 
äsn Herr Lrape^ von sieb läßt, keblt uns um so 
mebr äie Dust, als sied die ältesten Daäenbüter 
darunter dskinäen. Der ^iobtjuds Oläser wird 
unter anderem als ,,kleiner Diteraturmoritr" an- 
Aersäet unä erdait einen „spitren luäenbut" 
auk§esetrt. Das ^rdt es noed. Das steiZt aus den 
Oründen des „Deutse. sn Volkstums^ auk unä 
dsbauptet, deutsebes Volks^um ru sein. 
Wie ^aed soleden Nusterdeispielsn deuisod- 
ländisoder Od^ektivität die VerküAunA Herrn 
Ltapels ru dowerten sei, daß dis „Frankfurter 
Zeitung niobt naod äsm Kunstwert urteile, 
sondern „in idren bterarisoben Urteilen äie 
Interessen der ^ssimttationsiuäen" verksobte, 
wird nisdi mebr nweikeldakt sein. 
--Aus der ameriLmischm GesrSschsst. Die Neue Lichtbühne 
bringt gleich zwei amerikanisch« Gesellschaftsfilme auf einmal. Der 
eine: »Der Garten der Sünde"' beruht auf der technisch 
vorerst noch nicht zu verwirklichenden Voraussetzung, daß ein alter 
Herr um ^ayrzehnre verjüngt werden könne. Diese Unmöglichkeit 
gibt aber wenigstens Adolph« Menjou die Gelegenheit, sich 
als Lebe greis zu -eigen — er P ein wundervoller Lebegreis mit 
Säcken unter den Augen, gelähmtem Rückenmark und der Illusionen 
bar. Die Illusionen kommen ihm auch nach der Verjüngung nicht 
wieder, dafür das faszinierende Lächeln und die elegante Art, yät 
der er die Damen der Gesellschaft bezaubert. Ein Mädchen aus 
den oberen Gesellschaftskreisen (Tanz, Pelz, Flirt, schöne Mama — 
das sind die Bestandteile ihres Lebens) verfällt der Magie seiner 
Gesten. Aber in dem Augenblick, in dem aus dem Spiel Ernst 
werden soll, schreckt sie zurück. Der illufionslose Lebemann durch 
schaut ihre verspielt« Nichtigkeit, fühlt stch degoutiert und übergibt 
sie dem braven Jungen aus der Provinz, der sie zu lieben glaubt. 
Der Film enthält Keime der Gesellschaftskritik, die freilich nicht 
ausreisen. Menjou ist die vollkommene Verkörperung eines Gesell- 
schaststhpS und als f-lche Ms außerordentlich. Auch die Hinter 
grund« find nicht uninteressant: mondänes Treiben im Schwimm 
bad emes Luxusdampfers und auf New Yorker Dachgärten, die 
inmitten der nächtlichen Lichtreklame sich als phantastische Platt 
form fnr nüchterne Erotik bewähren. — Daß Amerika ein demo 
kratisches Land sei, möchte der Film: „Maripo sa, die Tän- 
^ erweisen. Pola Negri ist in ihm ein schwarzes spa 
nisches Kind, naw, tänzerisch und anständig zum Entzücken. Zwei 
Insassen eines amerikanischen Autos, das stch auf Europareise be 
findet, verlieben stch in ste: der junge Herr und der Chauffeur. 
Man begegne: sich wieder in New York, wohin sie ein findiger 
Impresario uberführt Die Tänzerin — man ist Zeuge ihres schön 
verfilmten Auftretens — wird von dem jungen Herrn beeindruckt, 
der sie zwar haben will, aber ohne Standesamt; weil es eben 
anders mcht grnge, der Familie wegen. Also sinkt ste dem Chauffeur 
in dre Arme. Wrr waren gerührt, wenn wir es glaubten. Außer 
der Negrr, dre leicht und südlich ist, glänzt noch ihre dicke, 
gute, alte komrscye Mama. 
ER 
Hsrr LIsIm 8 t a p 6 ! i8t -zettlsottt uuk 
UQ8 8pr6vli6n. In 8eiQ6r LertLettrikt: ,.O6rit- 
8 6 ktz 8 V 0 rk- 8 tum" (^xrMtzkt 1927)' 
6r, ttuk cker 6si8t 6sr Objektivität LH8 clen 
„LuIturdeTirken" äer LsiiariZ" ^6- 
roben sei. 2U ä6r baden ibrn Lwsi 
668pr66bunZ6n bn lüteraturblZtL ge§2b^n: äis 
^N86inanäer8et2unx Mas Lerrinannb Meiste) 
mit äomH01N8.N: „Volk obne Kaum" von IIan8 
0 r I m m unck Urn8t 6IässrZ cker 
vV erks X o I b 6 n b e v e r 8. 
i8t Mebebsn, äak sieb dlsrr Liapel 80 
aukrtzASn muA? Nax KerrmJrm bat 68 bei «ttler 
^nerkonnnn» cker künstterWoben b'LbiAkttten: 
Orimms ^ewa§t, ckie reaktionäre Haltung seines 
Romans an Hanck von Zitaten berausT.rst^IIen. 
Lrnst (Raser. seinerseits bat sied Mstsitet, 
ckas AebattenKoidsn^ einer im '.vesentlieben 
ästbetiseden Kritik Zu unLerLieden.^ 
^Ver erwartet,d ckaL Ilerr Stapel ckie der uns 
vermiete Odjektivität in seiner Krwrckerun^ 
8elder malten lasse, Lsnnt äas „peutsebe Vclks- 
tum" sdbloebt. Das „Veutsode Volkstum", ckas 
cker „Krankkurter 2eitunZ" man§e1nck6 Odjsk- 
ttvität Lum Vor^vurk maedt, verkälsebt ckie 
Htsaedsn. 
(-6A6N Nax Kerrmann 'rveiL Herr 8tapel 
niebts anäeres vorLudrin^eu, als ckak er im 
Literatur dlait sied mit cken p 0 litised 6 n 
lencken^en ckeS Orirnmselmn Romans delasse 
unck cker potttiseden OeAiersodalt ^veZen seine 
literarisede Reckeutun^ verkleinere. In HRrklieb^. 
keit vvürcki§t ilerrmann ausckrüokb'ed ckie .Mdie 
OebsimniZpoesis^ 'ti ckem Roman unck erklärt 
ain 8eblusse cker RespreebunA: „Risder sediekte 
ckio Reaktiop nur Lebrsr^ wie Hsr^o^ ocksr 
8trat^ ms IreRen; mit einem Nanne von cker 
Künstlersseben (^ualirät drimms wirck cker Kampf 
erst riedti^ ernstbakt, unck die ckeutseben iLelas 
unä Niradeaüs sollten sied beeilen!" 
Oe^en Rrnst 0 bä 8 e r ^iedt äieser Vor 
kämpfer r.ckeutseblänckt^eber Kulturan^äsAeN'- 
beiten" mit äem Rinwanck. 2u Kelä, äsk er 
Kolbenbe^er ästbetiseb „ab86blaobt6", mn ilm 
politiseb 2u trelken. Misäer eine LntsLM.rn§: 
äsnn (Rä8er wei8t an entseheiäenäem Ort auk 
Kolbsnde^ers streben naeb RestaurierunL; unä 
seine ,,ntseliilimeIeIbin. ber davon adgs- 
^6den: einsp ästbetiseden Kritik von derart cker 
Maser-seben beke sied saeblieb deZe^nen, obns 
ckak man sie ^runäios ckes VersteekspielZ ver- 
ckäentiAtzn mükte. Die ckeuLseirlänäisebe Laed- 
lsedkeit Rsrrn 8tapels desedpicket sied mit einer 
edronoloFiZeden. ReriediiAun^ unck cker sedwerer 
wie^encken 'edrOnoloFiseden LeseduläiZunZ, äaL 
Revue mrv SMal»In Ven Bieberban-LichtspieLen 
läuft ,ein netter amerikanischer LustspieLschlager: a der S s n -- 
nenschein". Der Sonnenschein ist Vera Reynolds, ein lustiges 
Mädchen mit einer Stubsnase, das durch sein Temperament und 
seine schauspielerische Begabung zum Revuestar avanciert. Ein 
Theaterdirektor findet sie irgendwo auf der Straße, und im Auto 
schon entwickelt sie ihre mimischen Künste. Drollig ihr erstes Auf 
treten. Sie hat vor Aufregung ihre Rolle vergessen und plumpst auf 
den Boden: verdutzt über die Unfälle, beginnt sie zu improvisieren 
und reißt das Publikum hin. Nicht vergessen sei der Kapellmeister, 
dem bei dieser Szene der Schweiß über die Stirne läuft. Daß aus 
der Stubsnase und dem Direktor ein kinderreiches Paar wird, ist 
als Schlußapothese wohl unvermeidlich. — Der Hauptfilm heißt: 
„Schwester Veronika" und ist nach einem Schauspiel von 
Hans Müller gedreht. Das Stück Zeigt eine Krankenschwester, die 
nach jahrelanger unverdrossener Pflege eine Nacht mit einem Mann 
verlebt, und ausgerechnet in dieser Nacht, in der sie außerhalb des 
Spitals ist, muß ein krankes Kind sterben. Das Pech wird als 
Tragik ausgegeöen. Es kommt zur Gerichtsverhandlung, die, im 
Film wenigstens, mit Freispruch endigt. Eine rührende, etwas ver 
moderte Geschichte, die nicht verfilmt hätte werden sollen. Denn die 
Spannung ist hier inwendig und vergeht vollends, wenn sie stch im 
optischen Medium susdrLÄen möchte. Egede Nissen holt 
aus der Schwester heraus, was diese Figur hergibt. Der Ver 
teidiger Paul Morgan- ist zwar gut nuanciert, stammt aber 
! mit seinem Bart und dem schief aufgesetzten Zwicker aus den 
Höfisches. In den „Ufa-Lichtspielen" erscheint Harrh 
Liedtke in dem Film: „Der Soldat der M'arie^als 
Durchlaucht der Reichsgraf. Um ihn als wonnigen Frauenliebling 
Zu zeigen, wird die Biedermeierzeit heraufbeschworen, mit ihren 
Uniformen, die ihm gut stehen, und dem bescheidenen Prunk eines 
kleines HsfeS, der dem Liebling den nötigen Hintergrund gibt. 
Terna Desni als blondes Müllertschterchen ist das Opfer seiner 
Liebe. Er nähert stch ihr in der schmucken Tracht des einfachen 
Soldaten und erobert im Sturm das Herzchen, das zwischen den 
Mehlsäcken nicht verwohnt war. Außerdem poMert er noch mit 
den beiden Schwestern der Mari-e, und der Vater der drei Töchter 
heiratet Margarethe Kupfer, die als reiche Witwe in der Nacht 
jacke nicht eben schmackhaft aussieht. In den erotischen Wirkungen 
sich auszukennen, üöersteigt das normale Fassungsvermögen. Um 
das reichsgräfliche Liebesleben scharen sich Typen aus den 
Fliegenden Blättern. Am Ende lüftet nach altbewährtem Rezept der 
Soldat sein Inkognito, der Marie läuft ein Schauer über den 
Rücken, weil sie mit einem richtigen Reichsgrafen zusammen war, 
sie weint, sie knickst, atavistische Untertan engefühle werden befriedigt, 
und die Marie und ihr Soldat ergeben ein reichsgräfliches Paar. 
Die Mache ist durchsichtig: ein wenig Rückschau auf die alte 
dynastische Zeit, ein wenig Militärklimbim und eine gehörige 
Portion sogenannter Liebe, die zu sehen man immer liebt — fertig 
ist das Gebräu. Es scheint sich immer noch als süffig zu erweisen. — 
Ein ausgezeichneter Expedittonsfilm: „Autofahrt insMor* 
gen lan d" geht voran In einer Folge wirklich gilt gelungener 
! BWer erficht -er lkÄHsch Lcheven vor M« Mt seinen Bazar- 
straßen, Derwischen, VsSStypes, Mosches Gebräuchen Wie 
Illustrationen zu Tanfendundeine Nacht muten viele Bilder an.
        <pb n="37" />
        siebsr sein.. 
Xr. 
Me verfikmien „Weber". 
Bei der Verfilmung von Gerhart Hauptrnanns „Weber" 
haben die großen Russenfilme: „Potemkin" und „Müller 
als Vorlage gedient. Schon Zur Uebernahme gewisser Stoff- 
molive bot das (für den Filmgebrauch abgewandelte) Bühnen- 
werk Gelegenheit. Der frühkapitalistische Fabrikant plagt die Weber. 
Seine Helfer: die Polizei, das Militär und der Geistliche, der die 
Ausbeutung als Gottes Gesetz mißversteht. Dem Gesicht der herr 
schenden Klasse werden die Elendsgestalten der schlesischen Heim 
arbeiter drastisch gegenübergestellt. Es kommt zum Hungera sstand, 
zur Plünderung des prangenden^Fabrikantenhauses. Die Neb llen, 
an ihrer Spitze der Urlauber stürmen gegen den Todfeind, die 
Maschinen, an. Der Haufen wird von einer Kompanie gestellt, 
die das Feuer eröffnet. Sie muß zum Schluß vor dem Anprall 
der Masse Zurück-weichen, der die Gewalt der Verzweiflung inne- 
wohnt. 
Wichtiger als die thematische Verwandtschaft mit den russischen 
Filmen ist die der technischen Durchbildung. Wie die Bild 
folgen geführt werden müssen, wie ausgewählte Einzelheiten die 
Totalerscheinung vermitteln können, wie mit Kontrasten zu arbei 
ten ist und verschiedene soziale Umwelten zu symbolisieren sind 
— das alles ist von den Russen gelernt. Zu sehen sind: ver 
kümmerte Glieder, alte Weiber und Männer, deren Züge ergreifen, 
eine verblödete Rübezahlsigur, ein holzgeschnitztcs Pietistengesicht, 
ein Hundebraten, die kleinen Katen, ein Staketenzaun. Ein armer 
Junge träumt in die Baumwipfel der Chaussee hinein und reitet 
auf dem Schaukelpferd des Fabrikantenkindes. Weberbeine schrei 
ten, das Massenhafte regt sich. 
Das ist vortrefflich gelernt. U-eberdies wirken erste Kräfte mit: 
Wegener, Theodor L 0 0 s, Dagny ServaeZ. Ein guter Film, 
gewiß. Dennoch erreicht er seine Muster nicht, und gerade das 
Wenige, das ihm fehlt, ist entscheidend. Hinter den Ansammlungen 
der armen schlesischen Hungerkünstler ist das Walten des geschulten 
Regisseurs zu spüren, der die Gruppen effektvoll stellt. Unentwickelt 
ist die Kunst der Raumbeherrschung, die den Russen eignet (wenn 
sie Militär marschieren lassen, dröhnt der Platz, während in dem 
deutschen Film die Soldaten nur marschieren). Schließlich sind die 
einzelnen Szenen nicht durchaus peinlich gegeneinander abgewogen. 
Es werden Reprisen ohne gehörige Steigerung vorgenommen — 
das wiederholte Läuten der Sturmglocken, das Hervorströmen der 
Aufständischen aus den Hütten —, es wird, wie im Falle der 
Plünderung, die Kleinmalerei viel zu ausführlich betrieben. 
Diese formalen Unsicherheiten sind das Merkmal einer Schwäche, 
Me tiefer liegt. Man hat, überschwenglich genug, dem Film den 
Ehrentitel des „deutschen Potemkin" verliehen. Er ist es nicht, 
denn er betrifft uns nicht mehr unmittelbar. Der Schiffsarzt aus 
dem „Potemkin" lebt noch heute, und der Fabrikant in dem Film 
^Mutter" stammt aus der Maschinenzeit. Die Empörung widex die 
N s r L t a i L1 DrwrderunT ist ein Draktat-über die 
Deciebunuen cwiseben Dunst und. Onado. tVesent- 
lieb aueb kür ibn, daL er die Dunst niebt auk 
Darstellung religiöser Vtokke besebranktt sie. also in- 
baltlieb in keiner tVeise kostlegen will. Vielmebr : 
»7816 Lielt auk Oott, sokern er der tragende Drsprüng 
aller Dorm und Llarbeit ist'k Dn 
klärt Naritain, in DebereinstiMmung mit Ooeteäu, 
„dak Oott keine .religiöse Dunst' oder katbolisebe 
Dunst' verlangt. Die Dunst, die ibm gskällt, ist die 
Dunst —. mit alt ibren 2äbnen." t . 
Dieses Dekenntnis kübrender krancösiseber Datbo- 
liken —eines Dbllosopbbn und eines Diobters-—ist 
immerbin geeignet,, die allcu primitive kukkaZsung 
cu beriebtigen, die in manobsn konkessionellen Dreisen 
Deutseblanäs sieb über das, angebliebe Zübordina-, 
tionsverbältnis der Dunst cur positiven lloligion ver- 
kestigt bat. Hiervon abgeseben, greikt der Äeinungs- 
austauseb in äie deutseben Vsrbältnisse niebt son- 
r r., 
durch beide Gestalten bezeichneten Herrchaftsverhält greift in ' 
die Gegenwart. 
Die „Weber" dagegen — der Film, nicht das Drama, für das 
andere Maßstäbe gelten — gehören ganz und gar oer Ver 
gangenheit an. Sie pielen in der Zeit des Uebergangs von der ' 
Manufaktur zur Fabrik. Die damals verübten Schändlichkeiten sind 
durch die Sozialpolitik und die Gewerkschaften erledigt, und jeder 
Arbeiter weiß nachgerade, daß die Machinenstürmerei eine .Kinder 
krankheit war. Das hat mit uns so wenig Zu tun wie der Bieder 
meierfabrikant, der Polizeiwachtmeister im Schnurrbart, der 
romantische König und das altmodische Militär Das ist so end 
gültig dahin, daß es nicht nur nicht revolutionär wirkt, sondern, 
im Gegenteil, veranschaulichen mag, wie herrlich sich die Zeiten 
verändert haben. 
Ein anständiger historischer Film; nicht mehr. Raca. 
Der IL«««tIsr «»S üer Velse. 7««« 
Doer 6 QA Drisf K-r /QreUös UarrtKM. 
./Qe&amp;lt;7ues 6'or- 
issA. ^4döur/7, Dr. SMno 9A 
Lsrtrn. De/r. §.69. 
Dieser in äsn käst durebwex überLeuKsnäen Ver- 
äeutsebunK' von Naria Libvlla Dabmen ersebienene 
D^stweebsel bat äie Dunstkreise in Drankreieb be- 
sebäitiZt. Dr wird aueb in DeutsManä interessiersn. 
äsan Ooeteau, äer Dreunä Dieassos unä 
Ltrawinskv s, von dessen Lebrikten und Ltüeken 
einige 2u uns berüber KeärunMn sind, ist vor 
wenden äabrsn konvertiert und damit in den 
Dreis äes ibm^ sebon krüber nabestebenden Naritain 
Mtreten, der den Dbomismus in Drankreieb erneuert 
nan. laul DIauäel Kenieb»t in diesem Dreise Ver- 
vsrstordons SuüIsLmno ^polliimirs M- 
bort^ ibm an. 
Das Lebreiben Doeteaus ist eine kraMnen- 
- Aosebiebte seines Daseins als Lünstler. Dr 
Meilt m äw Leit vor der Vekebrunx Mrüek: wie er in 
unter Dübrunk Dris Vati es 
nie iranLosisebe Musik -vorn V(aMerianismus-Lu be- 
suebts; wie er äsn jungen Raymond D a d i - 
äer, ibm vreMtarb — er nennt ibn. 
Mbu 'A^äsebub des Dimmel^ unä bemerkt: ,,0kt 
ruebt äsr Himmel - Aandsebube än, "um Uns berübreb 
.Tu können, obntz sieb cu dssebMutken^ wie er 
naeb HaäiMßts Doä sieb.äem Opium erxab, dessen 
V/irkunMn er wundervoll besebreibt. Dann kommt, 
unter dem Dinkluü von Döre 6barls8,Mie V^enäun^. 
das Deben des OiäubiMn. eindrinLt, 
desto nibbr sebernt sieb ibm alles cu verlanAsamen, 
V ^on dem DnMk- den dis prükenäo 
/ s Vu L a m u n aus jedem Din^ beraussprin- 
' "kä verÄerekt sein ^ukt^ mit den 
-^^?I?on6n, die unter, der Zeitlupe siebtbar werden. 
Dunst? ,,Die Dunst kürs Volk 
LblE ^Msebinaekt ^wie D'art pour I'art. äeb 
K^l.Knst^är. Oott." And^was will 
^on der Dunst? Antwort : „Dr verlangt wede r 
Dunst, noek katdolisebe 
smd einkaeb seine Diebtor, seine 
Maler, seine Nusiker, seine Dilmkünstler." 
«rÄS? ^IILLLL iLirä LeIÄesi- 
8&amp;lt;rZrskt. Versuch Äbsr äie mense^iie/ren bru^- 
pbnieiäensekKften dar/7eta?r sm ^4ntL§6mrrismrL§. 
^67r ^4-- no L d X u) e i /7. Ue-är-r. OustQP Drepsn- 
§69 LeiLeir. Oeö. ä9. 
Das ist oin anstäudiMS Vueb. äas es sied seliger 
lULeük. Ds deiLt Oalidan. Ei die Ldakospoars- 
Di.^ur dem Vsrkasssr als äis Verkörperung jenes 
Oruppsntrisds gilt, ant dessen Ueeknung er aueb äen 
^ntisomitisinus sstct. Dr nennt ibn äsn „Dikkoronc- 
LUokt", das ksiüt äsn ^kMt. äer äie Orupps cur 
bösartigen ^bkebung von anderen Oruppen kübre, 
unä meint, daL er von dlatur uns jeäsr Orupps so 
SIMS vüe äsr „2entralitätsakkskt". äureb äsn sis kiek 
stets in ibrer Nitte cu bebaupteu traobte. Mrnolä 
2veig ist ein Diebter, unä es ^vare unbillig, seine 
Dsrmino'ogis cu belasten. Mesentlieber als äie ange- 
strebts principielle DIärung ist Kev/iÜ äer Xieäer- 
seblag äsr konkreten Drkabrungen unä äis Darstel 
lung sinsr rsinllebsn Haltung, an äeren Xntstebung 
äsr Drieg seinen Enteil gsbabt bat. Nit ivobltuenäer 
Dnbeiangenbsit kennceiebnet ^v^sig äsn äsutseben 
Antisemitismus. Dr bebt seine versobiedenen 8piel- 
arten bervor, entbüllt äen pssuäo^vissensebaktliebsn 
Deberbau des Xkkekts und bemerkt init traurigem 
V/isssn, äaü niemand sob^erer äureb seine unge- 
broebens ^.usvürkung gssebädigt v/erde als äer äeut- 
scbs Obaraktsr selbst. Von geringerem Interesse sinä 
äis Detraebtungsn. die 2veig den Darteiungen der 
deutseben äuden vüämet. Imm7.rbin verdient erlabn t 
cu werden. daL er, dsr sieb kür Daiastina einsetct 
und auk die Rekonstruktion des jüdisebsn Volks ver 
traut, dein ^ssimiiantentum Oereebtigksit ^viäerrab- 
ren läüt Lind unsers nationaljüdisobsn Lürger 
... die Pianisten äer Ortsgruppen, die jüdiseb-natio- 
nalsn Akademiker, äis wandernden äuMnäbünde . . . 
viellembt weniger assimiliert als die ^.ssimil anten? 
Von ^Vüna aus betraebtet ist dsr Zebattisrungsunter- 
seblsd reälieb komiseb". Out beobaobtet sind einige 
Dsrormationen, dis dsr deutsebe äude äureb äsn ^n- 
tisemitismus erleiden mull: äis Dnbekangsnbeit äes 
Leins wird ibrn geraubt, eins neurotisobe Disposition 
verkestigt sieb in ibin. &amp;gt;Vird dsr Antisemitismus als 
Oruppenakkskt gedeutet, so liest dis ^useinanäer- 
sstcung niit dem psvebologiseb verwandten Natio 
nalismus nabs. In ibrem Vsrlauk seblägt der op- 
timistisebe Verkasser eins internationale Leauksieb- 
tigung der Dresse dureb den Völkerbund vor, um ten 
denziöse Dalsebmsldunsen und nationalistisebs Ltim- 
mungsmaebs cu verbäten, und bekennt sieb cur 
Dsmokratis. 2ur Debanäluns der ungezügelten Orup- 
penakkekte bält 2wsis eine Dberapie im Zinns 
D reu äs kür geboten; niebt umsonst ist das Dueb 
ibm cugeeignst. Ds vürd, dem ^.utor cukolM, daran! 
ankommen, die unerbelltsn Oruppentriebe unter dis 
Dontrolle des DswuÜtseins cu cvvingen. Dine ^.rt von 
analvtiseber ^nkklärnng sebwebt ibm vor, unä sis 
ist aueb vermutlieb äas eincigs Nittel. äas auk äis 
Dauer bilkt, vorausgesetzt, äall sie mit einer vernünk- 
ti^sn DsM^un^ des Oessllsebaktslebsns Hand in Danä 
rrsbt. -^— Der Dnbsbolkenbeitsn in" dem ^weiZseben 
Lueb sind visls, aueb verrät dis bauki^ cu MZpreicte 
Dbstorik die ^.nwessnbeit romantiseber Dsstände, die 
manebs 2uMn^s cur blanken Deälität verbauen, 
^b^r desunMaebtet dark das Dueb um seines Xsrnss 
willen dsr Lvmpatbie reälieb äenkenäsr Nenseben
        <pb n="38" />
        t lmrg et» p«r MMo«r» mit FsvrWs Kvriertr» 
i Diener« in Mem PeckM. Am Schluß wird natürlich der Romeo 
mit seiner Julia vereint, und Friede zieht ein. Der Film ist eine 
einzige Burleske und verschafft eine Stunde ungetrübten Ver 
gnügens, lks-cL. 
i — Em französisches Provknzidy« und der Romeo von New 
York. Die „Bieberbau-Lichtspiele" haben für die Pfingst- 
feiertags ein Riesenprogramm Zusammengestellt: zwei große Lrrst- 
spiellchlager, die sich beide sehen lassen können. „DerTriumph 
d es Dr. K n ock" ist ein Aubertfilm. Sein Thema: ein junger 
Pariser Mediziner übernimmt eine Landpraxis. Solange der ält 
liche Wundarzt, ein Mann von der alten Schule, sie ausübte, 
waren die Leute alle gesund. Der moderne Wissenschafter redet der 
ganzen Bevölkerung Krankheiten ein, womit er sich selber freilich 
gesund macht. Die Moral ist ersichtlich, daß das mechanisierte Wissen 
eingebildete Kranke erzeuge. Nun ja, es ist etwas daran, nur wird 
die Belehrung selber viel zu doktrinär und ausführlich ausge 
sponnen. Dennoch ist der Film in seinem ersten Teil vorzüglich. 
Man hat bei uns eine Zeitlang sehr zu Unrecht die französische 
Filmproduktion unterschatzt. Sie arbeitet weniger mit groben 
Effeften als mit feinen Nüancen und unterscheidet sich da 
rin vorteilhaft von vielen deutschen Fabrikaten der letzten Zeit, in 
denen die Zwischenschichten übersprungen werden. Dieser Auöert- 
film schildert mit zarten Tönen die französische Provinz. 
Der Photograph hat die Geheimnisse des kleinen GebirgMLdtchens 
wirklich ergründet: die winkligen Straßen, der Dtarkt, der Aquä 
dukt, das Hügelhafts — die ganze Topographie ist gebannt. Herr 
lich der „Torpedo" des Wundarztes, ein vorsintflutliches Motor 
vehikel, das nicht kann, wie es möchte, und Zuletzt von zwei Ochsen 
nach Hause gezogen werden muß. Die Volkstypen kommen vor 
züglich heraus, das Zusammenspiel ist gut abgestimmt, die.Si- 
tuationskomik unwiderstehlich. — Das zweite Stück: „C o h n 
contra Miller" spielt in einer ärmlichen New Yorker Straße. 
Cohn hat einen kleinen Jungen mit Hund, eine Frau und eine 
Tochter; Miller das gleiche, nur statt der Tochter einen Sohn. 
Das Schicksal der Montecchi und Capuletti wiederholt sich drastisch. 
Man muß diesen Cohn des George Sydney gesehen haben. Ein 
kleiner, aufgeregter Vertreter des amerikanischen Judentums, der 
die drolligsten Streiche ausheckt, um sein Konfektionslädchen über 
Wasser zu halten. Auch die Streitszenen zwischen den beide Fa 
milien sind eine Quelle des Gelächters. Einmal hält Frau Miller 
ihren wütenden Mann an den Hosenträgern zurück, wie er sich auf 
Cohn stürzen will. Die Hosenträger debnen sich gummiartig aus, 
immer länger, und Platzen dann. Cohn erbt im Verlaufe der Hand- 
Douglas FairSancks: „Der Mann mit der Peitsche«. 
Die Neue Lichtbühne hat den neuen Fairbancks- 
Film erworben, der erst vor wenigen Tagen in Berlin uraufge- 
sührt worden ist. Leider arbeiten unsere Kinos sonst gewöhnlich 
nicht so schnell. Der Film ist eine Art von Fortsetzung jenes anderen 
Fairbancks-Films: „Das Zeichen des Zorro . Wreder tritt Farr- 
bancks als Ritter ohnegleichen auf, ein Kavalier, wie es deren nur 
in vergangenen Jahrhunderten gab. Er ist ein junger kalifornischer 
Edelmann, der von seinem Vater Zorro zur Ausbildung nach dem 
Mutterland Spanien geschickt wird, dort einen Hauptmann zum 
Nebenbuhler hat, in die schrecklichste Klemme gerät und am Ende 
das Mädchen doch kriegt. Höfisches Zeremonial mit der Konigm 
an der Spitze, eine Schloßwache, Granden und Volk sind Las^ver- 
werk. Die Komposition ist nicht so durchsichtig, dre Entwicklung 
nicht so schlagend wie in dem älteren Film. Aber Farrbancks selber 
ist der Alte geblieben. Dieses Mal traktiert er die Gegner mit der 
Peitsche, einer langen Peitsche, der man es gar nicht ansteht, 
welcher zarten Handlungen sie fähig ist. In der Hand Farrbancks 
schlägt sie einem weit entfernt stehenden Mann dre Zigarette aus 
dem Mund. Sie schneidet Papier durch, das ihr hingehalten wird, 
holt glühende Kohle aus dem Kamin herbei Imd schlrngt sich dem 
Angreifer um den Hals, Laß er widerstandslos sich ergeben muß. 
Es ist berichtet worden, daß Fairbancks lange Wochen hindurch 
geübt habe, um es zu solcher Meisterschaft zu bringen. Ueber jede 
Kritik erhaben ist auch seine Fechtkunst. Das sind keine Frlm- 
svieqelfechtereien, wenn er den schlanken Deg^n in der Hand, eine 
feindliche Rotte erledigt. Zuletzt ficht, er doppelt: in der eigenen 
Gestalt und in der väterlichen Zorros; zwei Melsterefchter, die 
während ihrer gefährichen Verrichtungen noch, die Zeit finden, sich 
zu unterhalten. Es ist immer ein Genuß, ^diesen Darsteller zu 
sehen. Der sportlich durchtrainierte Körper wird ihm zum vollen 
deten Instrument, das die natürlichen Widerstände mit einer ele 
ganten Leichtigkeit bewältigt, die ans Wunderbare grenzt Dazu 
auf den Lippen immer das gleiche Lächeln; es zeigt Kühnheit an 
und sichere Form, mag es auch hier und da etwas blöde sein. 
U ao g». 
Em PrmMm m Hosen. Der in den U fa - LLch Lsp ielen 
„Der Thronfolger" ist eine sehr nette 
HoigeschH amenkamscher Herkunft. Ein Prinz wird in der 
Hauptstadt emes klemen exotischen Händchens erwartet, dessen 
Konrg er werden soll. An der Grenzstation verunglückt er bei einer 
weiter schlimm (nur sechs Wochen Bett- 
ruZM, hatte nicht der General des Ländchens die tückische Absscht 
selber den Thron zu besteigen Jede Verzögerung könnte zu seinen 
Gunsten «msgenutzt werden. Also bestimmt der begleitende Minister 
ern. reizender, dicker Herr, die Schwester des Prinzen dazu,' die 
iknisorm anzuziehen und d^ Prüder vorerst Zu repräsentieren. 
Hosen wunderschön aus, ein kleiner 
Männlichkeit vergeblich bemüht. Es entspinnen 
ohne ZM, politische und erotische. Die Prinzessin 
nr „ men wie ein Mann, der Kammerdiener will sie entkleiden, 
verführt werden. Dabei liebt sie von der ersten 
HosenLasems an bereits einen tapferen jungen Mann, 
a bun?LÄ^^kntat gerettet hat und' nun stets in ihrer Um- 
.Sie zeigt sich ihm in Frauenkleidern, und er weiß 
-Nicht, baß diese Frau, zu derber sofort unsagbar in Liebe ent- 
niemand anders ist atz die junge Durchlaucht. Eine hübsche 
Po nie: der Verliebte Bursche duelliert sich mit der Prinzessin in 
Hosen, weil er des Glaubens ist, sie habe der Prinzessin in dem 
a?s knsch'Ub, geraubt. Zum Schlüsse kommt 
E.. r dtt genesene Prinz, setzt den intrigierenden 
schachmatt und führt bei dem nächsten Cercle seiner 
'V^^bn zum Grafen avancierten Jüngling zu, 
m „iA ste dann bei den Klangen der Musik selig entschwebt. Das 
lft nicht aufregend, aber gut gemacht und ein wenig märchenhaft 
mit dem glücklichen Ende, demHostreiben und dem ganzen Spiel 
zwischen Frau und Mann in einer Person. — Eine ausae-eicbncte 
Groteske: Autofimmel" geht voran, in der das UmLauto das 
in Amerika jeder Arbeiter nicht nur Sonntags im Topfe hat 'seine 
Sprünge machen muß. — Interessant auch der kleine Ufafilm- 
„Acht Maler und ein Modell", der drastisch lehrt wie 
verschieden von einigen unserer bekanntesten Maler das aleim? 
Modell — in diesem Falle die blonde Camilla von Holl a o 
— aufgefaßt wird... zem
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        M L 7 
Aas GrnammL der Waffe. 
Von Dr. Siegfried Mraeauer. 
Die Linien des Lebens stnd verschieden, 
Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen, 
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen 
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden. 
Hölderlin. 
I. 
Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozeß einnimmt, 
ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächen- 
äußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen 
der Epoche über sich selbst. Diese sind als der Ausdruck von 
Zeittendenzen kein bündiges Zeugnis für die Gesamtversassung 
der Zeit. Jens gewähren ihrer Unbewußtheit wegen einen 
unmittelbaren Zugang zu dem Grundgehalt des Bestehenden. 
An seine Erkenntnis ist umgekehrt ihre Deutung geknüpft. 
Der Grundgehalt einer Epoche und ihre unbeachteten 
Regungen erhellen sich wechselseitig. 
II. 
Auf dem Gebiet der Körperkultu r die auch die illustrierten 
Zeitungen bedeckt, ist in der Stille ein Geschmacks Wandel vor 
sich gegangen. Mit den Tillergirls hat es begonnen. 
Diese Produkte der amerikanischen Zerstreuungsfabriken sind 
keine einzelnen Mädchen mehr, sondern unauflösliche Mädchen 
komplexe, deren Bewegungen mathematische Demonstrationen 
sind. Während sie sich in den Revuen zu Figuren verdichten,^ 
ereignen sich auf australischem und indischem Boden, von 
Amerika zu schweigen, in immer demselben dichtgefüllten 
SLadio n Darbietungen von gleicher geometrischer Genauig 
keit. Das kleinste Oertchen, in das sie noch gar nicht gedrungen 
stnd, wird durch die Filmwochenfchau über sie unterrichtet.. 
Ein Blick auf die Leinwand belehrt, daß die Ornamente aus 
Tausenden von Körpern bestehen, Körpern in Badehosen ohne 
Geschlecht. Der Regelmäßigkeit ihrer Muster jubelt die durch 
die Tribünen gegliederte Menge zu. 
Längst sind diese Schaustellungen, die nicht nur von Girls 
und Stadionbewohnern verunstaltet werden, zur festen Form 
gediehen. Sie haben internationale Geltung errungen. 
Das -ästhetische Interesse ist ihnen zugewandt. 
Träger der Ornamente ist die Masse. Nicht das Volk, ! 
denn wann immer es Figuren bildet, hangen diese nicht in! 
der Luft, sonderrOwachsen aus der Gemeinschaft hervor. Ein 
Strom des organischen Lebens wälzt stch von den schicksalhaft 
verbundenen Gruppen zu ihren Ornamenten, die als magischer 
Zwang erscheinen und so mit Bedeutung belastet stnd, daß sie 
stch zu reinen Liniengefügen nicht verdünnen lassen. Auch die 
aus der Gemeinschaft ausgeschiedenen Menschen, die sich als 
Einzelpersönlichkeiten mit einer eigenen Seele wissen, versagen 
bei der Bildung der neuen Muster. Gingen sie in die Veran 
staltung ein, so ginge das Ornament nicht über sie hinweg. 
Es wäre eine farbige Komposition, die nicht bis zu Ende 
berechnet werden könnte, da ihre Spitzen stch wie die Zinken 
eines Rechens in die seelischen Zwischenschichten einsenkten, 
von denen ein Rest noch verbliebe. Dre Muster der Stadions 
und Kabarette verraten von solcher Herkunft nichts. Sie 
werden aus Elementen zusamwengestellt, die nur Bausteine' 
stnd und nichts außerdem. Zur Errichtung des Bauwerkes 
kommt es auf das Format der Steine und ihre Anzahl an. 
Es ist die Masse, die eingesetzt wird. Als Massenglieder allein, 
nicht als Individuen, die von innen her geformt zu sein 
glauben, stnd die Menschen Bruchteile einer Figur. 
Das Ornament ist stch Selbstzweck. Auch das frühere 
Ballett ergab Ornamente, die kaleidoskopartig sich regten. Aber 
sie waren nach der Abstreifung ihres rituellen Sinnes immer 
noch die plastische Gestaltung des erotischen Lebens, das sie 
aus sich hervortrieb und ihre Züge bestimmte. Die Massen 
bewegung der Girls dagegen steht im Leeren, ein Linien- 
shstem, das nichts Erotisches mehr meint, sondern allenfalls 
den Ort des Erotischen bezeichnet. So auch haben die 
lebendigen Sternbilder in den Stadions nicht die Bedeutung 
militärischer Evolutionen. Wie regelmäßig immer diese aus- 
fielen, ihre Regelmäßigkeit ward als Mittel zum Zweck er 
achtet; patriotischen Gefühlen entstammte der Parademarsch, 
der wiederum in Soldaten und Untertanen Gefühle erweckte. 
Die Sternbilder meinen nichts außer stch selbst, und die 
Masse, über der sie aufgehen, ist nicht wie die Kompanie eine 
sittliche Einheit. Sogar als Schmuckbeiwerk der turnerischen 
Disziplinierung sind die Figuren nicht anzusprechen. Die Girl 
einheiten trainieren vielmehr, um eine Unzahl paralleler! 
Striche zu erzeugen, und die Ertüchtigung breitester Menschen-! 
Massen wäre zur Gewinnung eines Musters von ungeahnten 
Dimensionen erwünscht. Am Ende steht das Ornament, zu 
dessen Verschlossenheit die substanzhaltigen Gefüge sich ent 
leeren. 
Da^Ornament wird von den Massen, die es Zustande 
s bringen, nicht mitgedacht. So linienhaft es ist: keine Linie 
dringt aus den Massenteilchen auf die ganze Figur. Es gleicht 
darin den Flugbildern der Landschaften und Städte, 
daß es nicht dem Innern der Gegebenheiten entwächst, sondern 
über ihnen erscheint. Auch die Schauspieler ermessen das 
Szenenbild nicht, doch sie nehmen bewußt an seinem Aufbau 
teil, und noch bei den Ballett-Figurinen ist die Figur gegen 
ihre Darsteller hin offen. Je mehr ihr Zusammenhang zu 
einem bloß linearen sich entäußert, um so mehr entzieht sie sich 
der Bewußtseinsimmanenz ihrer Bildner. Aber darum wird 
sie nicht von einem Blick getroffen, der entscheidender wäre, 
sondern niemand erblickte sie, säße nicht die Zufchauermenge 
vor dem Ornament, die sich ästhetisch zu ihm verhält und nie 
manden vertritt. 
Das von feinen Trägern abgelöste Ornament ist ratio 
nal zu erfassen. Es besteht aus Graden und Kreisen, wie sie 
in den Lehrbüchern der euklidischen Geometrie sich finden; 
auch die Elementargebilde der Physik: Wellen und Spiralen, 
bezieht es mit ein. Verworfen bleiben die Wucherungen organi 
scher Formen und die Ausstrahlungen des seelischen Lebens. 
Die Tillergirls Lassen sich nachträglich nicht mehr zu Men 
schen zusammensetzen, die Massenfreiübungen werden niemals 
von den ganz erhaltenen Körpern vorgenommen, deren Krüm 
mungen sich dem rationalen Verständnis verweigern. Arme, 
Schenkel und andere Teilstrecken sind die kleinsten Bestand 
stücke der Komposition. 
Die Struktur des Massenornaments spiegelt die der gegen 
wärtigen Gefamtsituationen wider. Da das Prinzip des kap i- 
Lalistischen Produktionsprozesses nicht rein 
der Natur entstammt, muß es die natürlichen Organismen 
sprengen, die ihm Mittel oder Widerstände sind. Volksgemein 
schaft und Persönlichkeit vergehen, wenn Kalkulabilität ge 
fordert ist; der Mensch als Massenteilchen allein kann reibungs 
los an Tabellen emvorklettern und Maschinen bedienen. Das 
gegen Gestaltunterschiede indifferente System führt von stch 
aus zur Verwischung der nationalen Eigenarten und Zur 
Fabrikation von Arbeitermassen, die sich an allen Punkten der 
Erde gleichmäßig einsetzen lassen. — Der kapitalistische Pro- 
dEionsprozeß ist sich Selbstzweck wie das Massenornament. 
Die Waren, die er aus.sich entläßt, sind nicht eigentlich darum 
produziert, daß sie besessen werden, sondern des Profits wegen, 
der stch grenzenlos will. Sein Wachstum ist an das des Be 
triebs gebunden. Der Produzent arbeitet nicht für den Privat 
gewinn, den er nur in geringem Umfang nutznießen kann — 
die Ueberschüsss werden in Amerika geistigen Horten wie 
Bibliotheken, Universitäten usw. zugsführt, in denen man In 
tellektuelle zur Reife bringt, die durch ihre spätere Tätigkeit 
das vorgestreckte Kapital mit Zinseszinsen wieder zurückzahlen 
— der Produzent arbeitet für die Vergrößerung des Unter 
nehmens. Daß es Werte herstellt, geschieht nicht um der Werte 
willen. Mochte ihrer Erzeugung und ihrem Verbrauch die 
Arbeit früher bis zu einem gewissen Grade gelten, so sind sie 
jetzt Nebenwirkungen geworden, die dem Produktionsprozeß 
dienen. Die in ihn eingegangenen Tätigkeiten haben sich ihrer 
substantiellen Gehalte entäußert. — Der Produktionsprozeß 
lauft öffentlich im Verborgenen ab. Jeder erledigt seinen Griff 
am rollenden Band, übt eine Teilfunktion aus, ohne das Ganze 
m Omen. Gleich dem Stadionmuster steht die Organisation 
über den Massen, eine monströse Figur, die von ihrem Urheber 
den Augen ihrer Träger entzogen wird und kaum ihn selbst 
zum Betrachter hat. — Sie ist nach rationalen Grundsätzen 
entworfen, aus denen das Taylor-System nur die letzte Fol 
gerung zieht. Den Beinen der Tillergirls entsprechen die 
Hände in der Fabrik. Ueber das Manuelle hinaus werden 
auch seelische Dispositionen durch die psychotechnischen Eig 
nungsprüfungen zu errechnen gesucht. Das Mafsenornawent 
ist der ästhetische Reflex der von dem herrschenden Wirtschafts 
system erstrebten Nationalität. 
Die Gebildeten, die nicht alle werden, haben den Einzug 
der Tillergirls und der Stadionbilder übel vermerkt. Was die 
Menge unterhält, richten sie als Zerstreuung der Menge., Ent 
gegen ihrer Meinung ist das ästhetische Wohlgefallen an 
den ornamentalen Massenbewegungen legitim. Sie in der 
Tat gehören zu den vereinzelten Gestaltungen der Zeit, die 
einem vorgegebenen Material die Form verleihen. Die in ihnen 
gegliederte Masse ist aus den Büros und Fabriken geholt; 
das Formprinzip, nach dem sie gemodelt wird, bestimmt sie 
auch in der Realität. Wenn große Wirklichkeitsgehalte aus der 
Sichtbarkeit unserer Welt abgezogen sind, so muß die Kunst 
mit den übrig gebliebenen Beständen wirtschaften, denn eine 
ästhetische Darstellung ist um so realer, je weniger sie der Reali 
tät außerhalb der ästhetischen Sphäre enträt. Wie gering immer 
der Wert des Massenornaments angesetzt werde, es steht seinem 
Realitätsgrad nach über den künstlerischen Produktionen, die 
abgelegte höhere Gefühle in vergangenen Formen nachzüchten: 
mag es auch nichts weiter bedeuten.
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        Zweideutig wie die Abstraktheit ist das Ornament der 
blickt. Durch die Rückkehr zu ihr wäre die einmal erworbene 
Fähigkeit zur Abstraktion preisgegeben, nicht aber die Abstrakt 
heit überwunden. Sie ist der Ausdruck einer Rationalität, 
die sich verstockt. Die in abstrakter Allgemeinheit getroffenen 
Bestimmungen von Sinngehalten — so die Bestimmungen auf 
wirtschaftlichem, sozialem, politischem, moralischem Gebiet — 
geben der Vernunft nicht, was der Vernunft gehört. Die 
Empirie bleibt durch sie unbedacht, aus den inhaltsleeren Ab 
straktionen kann jede Nutzanwendung gezogen werden. Hinter 
diesen absperrenden Abstraktionen erst liegen die einzelnen 
Vernunfterkenntnisse, die der Besonderheit der jeweils gemein 
ten Situation entsprechen. Trotz der JnhaMchkeit, die von 
ihnen zu fordern ist, sind sie nur in einer abgeleiteten Bedeu 
tung konkret; nicht konkret jedenfalls im vulgären Sinne, der 
mit dem Ausdruck konkret die in dem natürlichen Leben be 
fangenen Anschauungen belegt.— Die Abstraktheit des heutigen 
Denkens ist mithin doppeldeutig. Von den mythologi 
schen Lehren aus gesehen, in denen die Natur sich naiv be 
hauptet, ist das Abstraktionsverfahren, wie es etwa die Natur 
wissenschaften üben, ein Gewinn an Rationalität, der dem 
Prangen der Naturdinge Abbruch tut. Aus der Perspektive 
der Vernunft erscheint das gleiche Abstraktionsverfahren als 
naturbedingt; es verliert sich in einem leeren Formalismus, 
der unter seiner Decke dem Natürlichen freien Spielraum ge 
währt, da er die Vernunfterkenntnisse nicht durchläßt, die das 
Natürliche zu treffen vermöchten. Die herrschende Abstraktheit 
zeigt an, daß der Prozeß der Entmythologisierung nicht zu 
Ende gebracht ist. 
Das gegenwärtige Denken steht vor der Frage, ob es der 
Vernunft sich erschließen oder ungeöffnet gegen sie weiter 
treiben solle. Es kann die selbstgesetzte Grenze nicht über 
schreiten, ohne daß das Wirtschaftssystem wesentlich ge 
wandelt wird, das sein Unterbau ist; dessen Fortbestand zieht 
den seinen nach sich. Die ungebrochene Entwicklung des kapita 
listischen Systems bedingt also das ungebrochene Wachstum 
des abstrakten Denkens (oder nötigt das Denken, in falsche 
Konkretheit zu versinken). Je mehr sich aber die Abstraktheit 
verfestigt, um so u n b e w ä l t i g t e r durch die Vernunft 
bleibt der Mensch zurück. Er wird der Gewalt der Naturmächte 
von neuem Untertan, wenn sein aus halber Strecke ins Abstrakte 
abbiegendes Denken dem Durchbruch der echten Erkenntnis 
gehalte sich verweigert. Statt jene Gewalten zu unterdrücken, 
ruft das verfahrene Denken ihren Aufstand selber hervor, indem 
es über die Vernunft hinweggleitet, die allein sich mit ihnen 
auseinandersetzen und sie beugen könnte. Nur eine Folge der 
ungehemmten Machterweiterung des kapitalistischen Wirt 
schaftssystems ist: daß die dunkle Natur drohender stets auf 
begehrt und die Ankunft des Menschen verhindert, der aus 
der Vernunft ist. 
Das Krnaweni der Masse?) 
Von Dr. Siegfried Kraeauer. 
(Fortsetzung und Schluß.) 
III. 
Der Prozeß der Geschichte wird von der schwachen und 
fernen Vernunft gegen die Naturmächte ausgefochten, die 
in den Mythen Erde und Himmel beherrschten. Nach der 
Götterdämmerung haben die Götter nicht abgedankt, die alte 
Natur in und außer dem Menschen behauptet sich fort. Aus 
ihr sind die großen Kulturen der Völker gestiegen, die wie 
irgendein Naturgebilde sterben müssen, ihrem Grunde ent 
wachsen die Ueberbauten des mythologischen Denkens, 
das die Natur in ihrer Allmacht bestätigt. Bei aller Ver 
schiedenheit seiner Struktur, die mit den Epochen sich wandelt, 
hält es die von der Natur gezogenen Schranken stets inne. 
Es erkennt den Organismus als Urmodell an, es bricht sich 
an der Gestalthaftigkeit des Seienden, es beugt sich dem Walten 
des Schicksals; in sämtlichen Sphären strahlt es die Natur 
gegebenheiten wieder, ohne zu rebellieren gegen ihren Bestand. 
Die organische Gesellschaftslehre, die den natürlichen Organis 
mus zum Vorbild der gesellschaftlichen Gliederung erhebt, ist 
nicht minder mythologisch wie der Nationalismus, der um 
eine höhere Einheit als die schicksalhafte der Nation nicht weiß. 
Nicht in dem Zirkel des natürlichen Lebens bewegt sich die 
Vernuft. Ihr geht es um die Einsetzung der Wahrheit in 
der Welt. Vorgeträumt ist ihr Reich in den echten Mär 
chen , die keine Wpndergeschichten sind, sondern die wunder 
bare Ankunft der Gerechtigkeit meinen. Es hat seinen tiefen 
historischen Sinn, daß Tausendundeine Nacht den Weg ge 
rade in das Frankreich der Aufklärung fand, daß die Ver 
nunft des 18. Jahrhunderts die Vernunft der Märchen als 
ihresgleichen erkannte. In den Frühzeiten der Geschichte schon 
ist im Märchen die bloße Natur um des Sieges der Wahr 
heit willen aufgehoben. Die natürliche Macht geht an der 
Ohnmacht des Guten zugrunde, Treue triumphiert über 
magische Künste. 
Im Dienste des Durchbruchs der Wahrheit wird der Gc- 
schichtsprozeß zum Prozeß der Entmythologisie- 
r u n g, der den radikalen Abbau der immer wieder neu be 
setzten Positionen des Natürlichen bewirkt. Die französische 
Aufklärung ist ein großes Beispiel für die Auseinandersetzung 
zwischen der Vernunft und den bis in das religiöse und poli 
tische Gebiet hinein vorgeschobenen mythologischen Blend 
werken. Diese Auseinandersetzung schreitet fort, und im Ver 
lauf der geschichtlichen Entwicklung mag die mehr und mehr 
ihres Zaubers entkleidete Natur gegen die Vernunft hin stets 
durchlässiger werden. 
Masse. Auf der einen Seite ist seine Rationalität eine Re 
duktion des Natürlichen, die den Menschen nicht verkümmern 
läßt, sondern im Gegenteil, wenn sie nur ganz durchgeführt 
wäre, das Wesenhafte an ihm rein herausstellte. Gerade darum, 
weil der Träger des Ornaments nicht als Gesamtpersönlichkeit 
figuriert, als eine harmonische Vereinigung von Natur und 
„Geist", in der jene zu viel unp dieser zu wenig erhält, wird er 
transparent gegen den Menschen, den die Vernunft bestimmt. 
Die im Massenornament eingesetzte menschliche Figur hat den 
Auszug aus der schwellenden organischen Pracht und der 
individuellen Gestalthaftigkeit zu jener Anonymität angetreten, 
zu der sie sich entäußert, wenn sie in der Wahrheit steht und 
die aus dem menschlichen Grund herausstrahlenden Erkenntnisse 
die Konturen der sichtbaren natürlichen Gestalt auflösen. Daß 
in dem Massenornament die Natur entsubstantialisiert wird: 
dies genau ist ein Hinweis auf den Zustand, in dem das allein 
von der Natur sich behaupten kann, was der Erhellung durch 
die Vernunft nicht widersteht. So sind auf alten chinesi 
schen Landschaftsbildern die Bäume, Teiche, Berge nur als 
dürftige ornamentale Zeichen noch getuscht. Die organische 
Mitte ist herausgenommen und der unverbundene Restbestaud 
nach den Gesetzen komponiert, die ein zeitlich wie immer be 
dingtes Wissen um die Wahrheit gegeben hat; nicht nach denen 
der Natur. Reste nur des menschlichen Komplexes gehen auch 
in das Massenornament ein. Ihre Auslese und Zusammen 
fassung im ästhetischen Medium erfolgt nach einem Prinzip, 
das die gestaltsprengende Vernunft reiner als jene anderen 
Prinzipien vertritt, die den Menschen als organische EmheiL 
bewahren. 
Wird das Massenornament von der Seite der Vernunft 
her erblickt, so offenbart es sich als mythologischer 
Kult, der in ein abstraktes Gewand sich hüllt. Die Vernunft- 
gemäßheit des Ornaments ist mithin ein Schein, den es im 
Vergleich mit körperlichen Darstellungen von konkreter Un- 
mittelbarkeit annimmt. In Wirklichkeit ist es die krasse Mani 
festation der unteren Natur. Sie kann um so freier sich regen, 
je entschiedener die kapitalistische Ratio von der Vernunft ab 
geschnürt wird und am Menschen vorbei in die Leere des 
Abstrakten sich verflüchtigt. Der Rationalität des Massen- 
musters ungeachtet erhebt sich mit ihm das Natürliche in seiner 
Undurchdringlichst. Gewiß, der Mensch als organisches 
Wesen ist aus den Ornamenten geschwunden; aber darum tritt 
nicht der menschliche Grund hervor, sondern das verbleibende 
Massenteilchen schließt sich gegen ihn ab wie nur irgendein 
formaler Allgemeinbegriff. Gewiß, die Beine der Tillergirls 
schwingen parallel, nicht die natürlichen Einheiten der Leiber, 
und gewiß auch sind die Tausende im Stadion ein einziger 
IV. 
Die kapitalistischeEpocheist eine Etappe auf dem 
Weg zur Entzauberung. Das dem heutigen Wirtschaftssystem 
zugeordnete Denken hat eine Beherrschung und Benutzung der 
in sich geschlossenen Natur ermöglicht, wie sie keiner früheren 
Zeit noch beschieden war. Entscheidend ist aber nicht, daß 
dieses Denken zur Ausbeutung der Natur befähigt — wären 
die Menschen nur Ausbeuter der Natur, so hätte Natur über 
Natur gesiegt — sondern daß es von den natürlichen Be 
dingungen immer unabhängiger macht und so Raum schafft 
für das Eingreifen der Vernunft. Seiner zum Teil aus der 
Märchenvernunft stammenden Rationalität, wenn auch 
ihr nicht allein, find die bürgerlichen Revolutionen der letzten 
hundertfünfzig Jahre zu danken, die mit den naturalen Ge 
walten der in die Welt verstrickten Kirche, der Monarchie und 
des Feudalwesens abgerechnet haben. Die unaufhaltsame Zer 
setzung dieser und anderer mythologischer Bindungen ist das 
Glück der Vernunft, da sich nur an den Zerfallstätten der 
natürlichen Einheiten das Märchen verwirklicht. 
Doch die Ratio des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist 
nicht die Vernunft selber, sondern eine getrübte Vernunft. Von 
einem bestimmten Punkte ab läßt sie die Wahrheit im Stich, an 
der sie einen Anteil hat. Sie begreift den Menschen 
nicht ei&amp;gt; Weder wird durch die Rücksicht auf ihn der Ab 
lauf des Produktionsprozesses geregelt, noch baut sich die wirt 
schaftliche und soziale Organisation auf ihm auf, noch ist über 
haupt an irgendeiner Stelle der Grund des Menschen der 
Grund des Systems. Der Grund des Menschen: denn nicht 
darum handelt es sich, daß das kapitalistische Denken den Men 
schen als ein historisch gewachsenes Gebilde pflegen solle, daß 
es ihn als Persönlichkeit unangefochten lassen und die von 
seiner Natur gestellten Ansprüche befriedigen müsse. Die Ver 
treter dieser Auffassung werfen dem Kapitalismus vor, daß 
sein Rationalismus den Menschen vergewaltige, und sehnen 
die erneute Heraufkunft einer Gemeinschaft herbei, die besser 
als die kapitalistische Gesellschaft das vermeintlich Menschliche 
berge. Von der verzögernden Wirkung solcher Rückbildungen 
abgesehen: sie verfehlen das Gebrechen des Kapitalismus im 
Kern. Er rationalisiert nicht zu viel, sondern zu wenig. 
Das von ihm getragene Denken widerstrebt der Vollendung zur 
Vernunft, die aus dem Grunde des Menschen redet. 
Das Zeichen des Orts, an dem sich das kapitalistische Den 
ken befindet, ist seine Abstraktheit. Durch ihr Vor 
herrschen heute wird ein geistiger Raum gesetzt, der sämtliche 
Aeußerungen umfängt. Der gegen die abstrakte Denkweise ge 
richtete Einwand, daß sie die eigentlichen Gehalte des Lebens 
nicht zu fassen vermöge und darum einer konkreten Betrachtung 
der Erscheinungen zu weichen habe, deutet gewiß auf die 
Grenze des Abstrakten hin, wird aber voreilig erhoben, wenn 
er zu Gunsten jener falschen, mythologischen Konkretheit er 
folgt, die in dem Organismus und der Gestalt das Ende er
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        Stern; aber der Stern leuchtet nicht und die Beine der Tillcr- 
girls sind die abstrakte Bezeichnung der Leiber. Wo die Ver 
nunft den organischen Zusammenhang zerfällt und die wie 
immer kultivierte natürliche Oberfläche aufrecht, dort redet 
sie, dort zerlegt sie nur die menschliche Gestalt, damit die un 
verstellte Wahrheit von sich aus den Menschen neu modelliere. 
In dem Massenornament ist sie nicht durchgedrungen, seine 
Muster sind stum m. Die Ratio, die es hervorbringt, ist groß 
genug, um die Masse aufzurufen und aus den Figuren das 
Leben zu streichen. Sie ist zu gering, um in der Masse die 
Menschen zu finden und die Figuren durchscheinend gegen Er 
kenntnisse zu machen. Da sie vor der Vernunft ins Abstrakte 
flieht, wächst die unkontrollierte Natur unter dem Deckmantel 
der rationalen Ausdrucksweise gewaltig herauf und benutzt 
die abstrakten Zeichen zur Darbietung ihrer selbst. Sie kann 
sich nicht mehr wie bei den primitiven Völkern und in den 
Zeiten der religiösen Kulte in Gestaltungen umsetzen, die als 
Symbole mächtig sind. Solche Kraft der Zeichenrede ist aus 
dem Massenornament unter dem Einfluß der gleichen Ratio 
nalität gewichen, die das Aufbrechen seiner Stummheit ver 
wehrt. So gibt sich denn die bloße Natur in ihm, die Natur, 
die sich auch wider die Aussage und Fassung ihrer eigenen 
Bedeutung sträubt. Es ist die jedes ausdrücklichen Sinnes 
bare rationales eerform des Kultes, die im Masssn- 
ornament sich darstellt. Damit erweist es sich als ein Rückschlag 
in die Mythologie, wie er größer kaum gedacht werden kann — 
als ein Rückschlag, der seinerseits wieder die Abgesperrtheit 
der kapitalistischen Ratio gegen die Vernunft verrät. 
Daß es eine Ausgeburt des bloß Natürlichen ist, wird 
durch die Rolle bestätigt, die es im sozialen Leben spielt. 
Die geistig Gutsituierten, die, ohne es wahr haben zu wollen, 
der Anhang des herrschenden Wirtschaftssystemes sind, haben 
das Massenornament noch nicht einmal als Zeichen dieses 
Systems gesichtet. Sie verleugnen die Erscheinung, um sich 
weiter an Kunstveranstaltungen zu erbauen, die unberührt ge 
blieben sind von der im Ltadionmuster gegenwärtigen Realität. 
Die Masse, bei der es sich spontan durchgesetzt hat, ist seinen 
Verächtern unter den Gebildeten insofern überlegen, als sie im 
Rohen die Fakten unverschleiert anerkennt. Mit derselben 
Rationalität, mit der die Träger der Muster im wirklichen 
Leben gemeistert werden, versinken sie im Körperlichen und ver 
ewigen so die derzeitige Wirklichkeit. Preislieder auf die Körper-' 
kultur werden heute nicht nur von einem Walter Stolzing 
gesungen. Sie sind als Ideologien leicht zu durchschauen, 
mag immerhin der Begriff der Körperkultur zwei ihrem Sinne 
nach zusammengehörige Worte durchaus rechtmäßig miteinan 
der verkoppeln. Die unbegrenzte Bedeutung, die dem Körper 
lichen beigemessen wird, ist aus dem begrenzten Wert, der ihm 
zukommt, nicht abzuleiten. Sie erklärt sich allein aus der 
Bundesgenossenschaft, die das Körperbildungswesen, seinen 
Vorkämpfern teilweise unbewußt, mit dem Bestehenden unter 
hält. Die körperliche Ertüchtigung beschlagnahmt die Kräfte, 
Produktion und gedankenloser Konsum der ornamentalen 
Figuren lenken von der Veränderung der geltenden Ordnung 
ab. Der Vernunft wird der Zutritt erschwert, wenn die 
Massen, in die sie eindringen sollte, den Sensationen sich hin 
geben, die ihnen der götterlose mythologische Kultus gewährt. 
Seine soziale Bedeutung ist nicht zum wenigsten die der &amp;gt; 
römischen ZirkusfPiel e, die von den Machthabern ge 
stiftet worden sind. 
.VI. 
Die Versuchs sind zahlreich, die um der Gewinnung einer 
höheren Sphäre willen die von dem MassenornamenL erreichte 
Rationalität und Wirklichkeitsstufe wieder aufgeben wollen. 
So setzen sich die körperkulLurellen Anstrengungen der rhyth 
mischen Gymnastik über die Privathygiene hinaus das 
Ziel, schmucke Seelengehalte auszudrücken, zu denen von den 
KörpsrkulturdoZenten nicht selten noch Weltanschauungen mit 
geliefert werden. Diese Veranstaltungen, von deren ästheti 
scher Unmöglichkeit ganz abgesehen werden mag, erstreben genau 
das zurück, was das Massenornament glücklich hinter sich ge 
bracht hat: die organische Verbindung der Natur mit etwas, 
das von den allzu bescheidenen Naturen für Seele oder Geist 
gehalten wird; das heißt, die Ueberhöhung des Körperlichen 
mit Bedeutungen, die ihm entstammen und zwar vielleicht 
seelisch sind, aber von Vernunft keine Spur in sich tragen. Das 
Massenornament stellt die stumme Natur ohne jeden Ueberbau 
dar, die rhythmische Gymnastik beschlagnahmt ihrer Ansicht 
nach auch noch die mythologischen Oberschichten und befestigt 
so die Natur nur um so mehr in ihrer Herrschaft. Sie ist ein 
Beispiel für viele andere ebenso hoffnungslose Bemühungen, 
aus dem Massenwesen Zum gehobenen Leben zu gelangen. Von 
ihnen in ihrer Mehrzahl gilt, daß sie echt romantisch auf 
Formen und Gehalte sich besinnen, die der zum Teil berech 
tigten Kritik der kapitalistischen Ratio längst verfallen sind. 
Sie wollen den Menschen wieder fester mit der Natur verketten, 
als er ihr heute angehört, sie finden den Anschluß an das 
Obere nicht durch den Bezug auf die in der Welt noch unver- 
wirklichte Vernunft, sondern durch den Rückzug auf mytholo 
gische Sinngehalte. Ihr Schicksal ist die Irrealität; denn 
wenn an einer Stelle der Welt die Vernunft hindurchschimmert, 
so muß die erhabenste Gestalt vergehen, die gegen sie abblendet. 
Unternehmungen, die unter Nichtachtung unseres geschicht 
lichen Orts eine Staatsform, eine Gemeinschaft, eine künst 
lerische Gestaltungsweise Zu rekonstruieren trachten, deren 
Träger ein von dem gegenwärtigen Denken schon angetasteter 
Mensch ist, ein Mensch, den es von Rechts wegen nicht mehr gibt 
— solche Unternehmungen halten dem Massenornament in 
! seiner Niedrigkeit Nicht stand, und die Hinwendung zu ihnen 
&amp;gt; ist keine Erhebung über seine leere und äußerliche Flachheit, 
sondern eine Flucht vor seiner Realität. Dsr Prozeß führt 
durch das Ornament der Masse mitten hindurch, nicht von ihm 
aus zurück. Er kann nur vorangehen, wenn das Denken die 
Natur einschrankt und den Menschen so herstellt, wie er aus 
der Vernunft ist. Dann wird die Gesellschaft sich ändern 
Dann auch wird das Ornament der Masse hmschwinden und 
j das menschliche Leben selber die Züge jenes Ornaments an 
nehmen, zu dem es in den Märchen angesichts der Wahrheit 
! sich ausprägt. 
— DaH alte Wen. Vor kurzem brächte die „Frankfurter Zeitung" 
einen Aufsatz: „Film-Wien", in dem Klage darüber geführt ward, 
daß das in den Filmen seit einiger Zeit beliebte Men dem heutigen 
Wien gar nicht entspreche. Um eine Komposition aus den Ingre 
dienzien des längst verblichenen Wiens handelt es sich auch bei dem 
Film: „Wien, wie es weint und lacht", den die 
„Bieberbau-L'ichL spiele" zeigen. Bekannte Schauspieler 
erscheinen in altosterreichischen Charaktermasken: der General mit 
dem feschen Schnurrbärt, der Leutnant, das Wiener Mädel, der 
Fiakerbesitzer usw. — alle Typen aus der Anzengruberzeit. sind 
vorhanden. Dazu das Heurigen-Milieu, die Wachcharade, der Ring. 
Zwischen den Figuren entstehen die üblichen Konflikte, die auf die 
übliche Weise aufgelöst werden. Am originellsten die Figur eines 
jungen jähzornigen Mannes, der unter keinen Umständen zum 
Militär will, das fo verlockend gleißt. Der Film ist an sich gut auf 
gemacht und scheint von jener bewährten Mischung, die eine ge 
wiss e Zugkraft immer noch ausübt. Uaca. 
KLMÄENtLrrMSLL. KE6M. be rt u (i 
6^ rote. Dresckerr, Oars Ker/fner. ZZZ Seiten- 
(?ek. 6. 
Ls danäslt msb in äsm Roman um NLäedtzn äes 
Ksbilästsn ULttsIstancksL. löedtsr von kasto- 
rsn unä kroksLsoron. In äsn LrlsMjLdrsn sitLSn 
äis Nääsls auk äsr Leduldau^, sinä dskrsuuäst unä 
uusrtadrsn, plauäsrn über Intsratur unä ssdnärmsn 
kür eins jUirsrin, äsrsn käsur übrigens LM bsstsn 
Lsluuxsn ist. Ha kLuäs äsr LrLss sar niodt statt, 
so privat sinä äis Ronvsrsatiousn. Später verstreut 
sied äsr Hängst über äis Universitäten, Osrara- 
nistid unä Luäsre nütöliede Disciplinen detrieden 
^sräen. Nänner tauoden auk, unä rnit iduen dom- 
inen rnanods Oeküdls dsrbei, äis an Diebs unä Diksr- 
suedt erinnern. LiläunMciels vsräsu prsisseLsdsir 
stille ^Vasssr sinä tisk. Lins, von äsr man ss niedt 
kür inöxlied xcsdnltsn dätts, tut äsnnoed. vns sis 
niedt lassen dann, ^närs dsiratsn oäer »leieden 
sied an. Dis Hauptperson dält äured. sis dat äas 
Ledluüsxamsn xsinaedt unä ist äsn ^.nksedtunMU 
niedt srlsLbu. — Der Roman, äsr in einer altmoäi- 
seden g?eednid despräede unä Rsodaedtun^eu mit 
äünnen Strieden dinpinseU, dat seine Qualitäten. 
Dr dedt äis versedieäensn Nääodentvpsu äer kul 
turellen Nittelsediedt Lart LSLSneinanäer ab unä 
reiednet äis in äieser Oruppe umlaukenäen Dmpkiu- 
äunLen unä Vorstellungen sorgfältig naed. Der 
Lrsis ist kreilied eng gezogen - Dr umlastt niedt 
einmal alle Zpielarten äer stuäisrenäen v^Uüieden 
äugenä, gesedv^eige äenn, äaü er sied über äie 
Universität dinaus erstreekte unä äas deutige Nää- 
eden^esen mit äsn sedlanksn Deinen unä äem vielen 
8port sinLUbegreiksn suedts. ^nLusrkennev ist äer 
Mirklieddeit-ssinu, äsr vor äer Desillusion ie- 
rung niedt Ralt maedt, äie sied äsr meisten Ltu- 
äsntinnsn am Dnäe äsr Dniversitätsiadrs demaed- 
tigt. ^Ileräings ist äis Resignation niedt sonäer- 
lied tragised 2u nedmen. äa äis Nääeden käst aUs 
nur rlie unreiken Deduliäeale aukgsdsn, odne rugleied 
eins Dsciedung cnr Realität nsu cu knüvksn. R r.
        <pb n="42" />
        bett, die mit Lrvn QegsvstLndE spielt. Dem Vadb 
ist sin grollsr Lrkolg ru vüusebeL. r. 
Ausdeutung der Nebensache«. Du Ehepaare, die sich übers 
Kreuz verbinden, wohnen sich gegenüber. Man blickt sich mD 
Fenster, und was aus der Ferne wie «in AnMst a^ ist en 
Wirklichkeit eine freundliche Begrünung. Durch das immer ver 
schiedene Usberqueren derselben Straße wird «me MmnigfaÜig- 
kett von Stimmungen ausgedrückt. Der Rausch emes Charleston-, 
Balles ist durch kunstvolle Ueberblendungen bessnders treffend dar 
gestellt. Auch für die Jnnchaltung^r Tempi E,LubuMösst 
Grund auf zuständig. Seine formale Sicherheit und sem^Bcherr- 
sch-ung der Zwisch-entöne verdient um so größere Anerkennung, 
als sich die Durchschnittsregie Zumeist, auf die rohe Zusammen 
stellung stofflicher Sensationen beschränkt. 
— ^Der Zuchthäusler, der Junge und die Biographie.I 
Gewöhnlich wird die Biographie eines Menschen nach seinem Leben 
geschrieben; mitunter aber formt sich das Leben nach der Bio-^ 
graphie. Der Charakter bestimme die Handlungen, heißt es; nicht 
selten indessen wird der Charakter durch ein zufällig ausgesprochenes 
Wort bestimmt. Drs Wort ist mächtiger als die Menschen, von 
denen es kommt und zu denen es geht. — Seine Gewalt wird dmch 
einen amerikanischen Film: „Spiel und Ehre" (den Zur 
Zeit die Frankfurter Neue Lichtbühne vorführt) charmant 
dargotan. Er beruht auf der heute selbstverständlichen Voraus 
setzung, daß Baseballspielerstars Nationalhelden sind. Als Held in 
diesem Sinne tritt ein ehemaliger Zuchthäusler auf, der vor mehre 
ren Jahren bei seiner erneuten Verhaftung einen Fluchtversuch un 
ternommen hatte und darum eigentlich wieder im Zuchthaus sitzen 
sollte. Daß der Star einem Reporter die Aussage verweigert, der 
von ihm für seine Zeitung den Lebenslauf abverlangt, ist nur 
zu begreiflich. Der Reporter verfaßt daraufhin mit Hilfe seiner 
eigenen an Filmen geschulten Phantasie eine Autobiogra 
phie der Bafeballkapazität, in der ihr ein Werdegang zuer 
teilt wird, der Tränen zu entlocken vermöchte: der Held 
hat seine arme Mutter von Kind an ernährt, nicht geraucht, 
nicht getrunken usw. (Wir leben in Amerika.) Die Biographie ver 
richtet ihr erstes Bekehrungswunder an einem ungezogenen Jungen, 
der nach ihrer Lektüre die Zigaretten wegwirft und der imaginären 
Heldenjugend nachzueifern beschließt. Er macht die Bekanntschaft 
seines Vorbilds, das gerade vor einem neuen Weltmatsch steht, in 
dem es, auf das Drängen des gewinnsüchtigen Managers hin, seine 
Niederlage herLeizuführen verspricht. Aber der Junge, in dem das 
Wort Fleisch geworden ist, rettet den Rückfälligen vor sich selbst. 
Zweites Bekehrungswunder: die erlogene Lebensbeschreibung ver 
wandelt das beschriebene Leben. Angepackt durch den unbegründeten 
Glauben des Jungen modelt sich der Star nach dem, was er nicht 
war, bricht die getroffene Abmachung und führt seine Mannschaft 
zum Sieg; obwohl der Manager von seiner Vergangenheit weiß und 
ihm mit der Anzeige drohte. Nach dem Sieg stellt sich der entsprun 
gene Häftling freiwillig dem Richter. Drittes Vekehrungswunder: 
der Richter gibt den Helden frei, weil seine Biographie in der 
Jugend des Landes Segen gestiftet hat. Man darf die Jugend nicht 
enttäuschen. Das Schlußbild zeigt den Reporter, wie er gleichmütig 
seine Zigarette in Brand steckt und sich das Seine denkt. 
B. a c a. 
--- Rmaldo Rirraldim. Dieser Räuberhauptmann geht in den 
„Saalburg-Lichtspielen" um, aber nicht in seiner alten 
Gestalt, sondern renoviert, ein moderner Hochstapler, dem sein 
Schöpfer Paul Rosenhayn einen Marchese gegenüberstellt, der ihm 
mehr als gewachsen ist. Die Doppelrolle wird von Luciano 
AberLini gespielt, der zwar kein Douglas Fairhancks ist, aber 
auch seinen Mann stellt, wenn es auf ein rennendes Pferd zu 
springen oder Fassaden zu klettern gilt. Für den Fortgang der 
Handlung sorgen Verwechslungen und ein Bösewicht. Der Film 
ist nach bekannten Mustern gearbeitet und, abgesehen von einigen 
aber auch schon übertrumpften Fixigkeiten Alberrinis, wenig origi 
nell. Von der alten Räuberromantik ist nur dE schwarze Gesichts 
larve noch geblieben. — In dem Beiprogramm wird das Leben der 
Hirschkäfer vergrößert uwd Monty Bancks in einer seiner Grotesken 
gezeigt. ^ca. 
Verbotene Küsse und CharLeston. Die „Bieberbau- 
Lichtspiele" haben ein Rie-senprogramm, zwei Hauptfilme. 
Der eine: „Die Insel der v e r b o t e n e n K üs s e" wurde 
(wie die früher schon gezeigte „Frau ohne Namen") von Georg 
Jacobi uM Ensemble gelegentlich einer Weltreise ausgenommen. 
Die Hintergründe zu diesem Film stammen von Jamaica und 
Britisch-Westindien. Leider tauchen sie nur selten auf, da die in 
Luxuskabinen und auf Promenadendecks spielende Handlung die 
Natur fast völlig verdrängt. Auf einer märchenhaften Insel 
ziehen Küsse die sofortige Zwangsehe nach sich. Aus dieser fik 
tiven Satzung ergeben sich einige Lustspielmotive — die Küssen 
den wollen sich ober wollen sich nicht, usw. —, die viel zu breit 
abgehandelt werden. Immerhin sieht Georg A l ex an d e r .mit 
berußtem Gesicht drollig-hilflos aus, und Elga Brink wirlr 
durch ihr zurückhaltendes Spiel angenehm. Für die Andeutung 
der Exotik ist durch ein Tropenhotel und Palmenparks am süd-. 
lichen Meer gesorgt. Eine schöne Einzelheit ist die Dampferfahrt: 
bei der zwischen den Leuten an Bord und den Zurückbleibenden 
eine letzte Verbindung in Gestalt von Luftschlangen für kurze 
Weile noch aufrechterhalten wird. So sorgen die bunten Papier 
streifen für die Verlängerung des Zusammenseins. — Der zweite 
Lustspielfilm: „E harleston ist Trumpf!" ist vor allem 
M TsnMndigs eine Erguickung- Schlanke Beine werden nach 
der Seite geworfen, daß e§ nur so eine Art hat. Die Haupt 
partner sind Reginald Denny und Laura La Plante, die 
durch den Charleston zum Eheglück kommen. raea. 
VE Koma», 
set Lta«sLam. Xr^or-isier-ts 
Vo» K° Oodns. L. 60. L6S 
Lsirs-r »T 6. 
Oissss äss bsLannten svxliLebsn 
ä^s im OriKinal äsn Wol: aM Lispense" 
trästt, Lsdört Lu äsn bostou und oiLSQLrtiLston 
Moborn, äio seit läusoror Lolt orsobionsir sind. Ls 
18t, ^ouu M3,n 80 ^ill. eins ^.rt von Cau^uiu- 
KomLn; 'ivouiMtonZ ist d3L SebiolLSLl des Leiden 
Obaries LtrieiclLnd dem des krLNLösiseiieii NL- 
iers vor^Lndt. Der luimit. a.uk den os Erbitten niebt 
viel nnicommt, ist icnrs dieZer: Ltrieittand le^dt nls 
ebrsLmer Vörsenmnitter an cker Leite einer literarieeb 
intsresZierten b'ran, die sieb Kanin um ibn kümmert. 
dabrLebnteianK Kbbt or Lrüb Lur Börse und Lebrt 
absnds Turüok; eine barmonisebe Bde. Öie Lar- 
moniH ^ird dadureb gestört, daü er eines la^es 
seine Brau veriällt und auk Limmeniederseben 
naek Baris sntsebivindot. Diner anderen Brau ^e- 
ß:sn? ^der nein: um su malen. Br ist ein Be 
sessener, ein vidervmrtiLbr Leri, aber ist Lu^ibieb 
ein Cenis. Bis Beute laeben über seine Bilder; er 
bunkert un-d malt. Der einÄ^s Nenseb, der dib Be 
deutung Ltrielciands ermillt, verliert seine Brau an 
ibm Oie Brau bleibt auk dsr Ltreeke, -weil Ltrieb- 
land sio über seiner Uawrsi verÄllt. Bann sebläZt 
sieb das Bnsebeuer in Narsbilisr Äatrosenkmeiuen 
dureb und sebiM sieb naeb ll'abiti ein, sieb ssins 
Visionen ertüllsn. V^Lbrend die Bilder in Duroua 
bereits pbantastisebs Brei so erzielen, ^ebt ibr 
Lebövksr an der Beura ru Crunds. — Ds liest niebts 
an den Babten. die Borm des Leriebts ist entsebei- 
dend. Nausbam br^äblt im leb-ll'en. sr sibt sieb als 
iunser Rann, der rukällis die Lauutuersonen Bennen 
sslernt bat, sie später nieder aus den ^.ussn ver 
liert und so erstaunt vüs nur irgendeiner ist. daL 
der unsebsinbars Ltriebland sieb als berübmter 
Nalsr entpuppt. Bas Bekerat ist ein unnaebabmiiebss 
Oemiseb aus Larbasmus und Lacbliebkeit, präcis in 
Wdem Ltrieb und von einer Barmlosisbeit an der 
Obsrkiaebe, die auk sekäbrliebe Untergründe 2u 
geblieben erlaubt. In der ioeber gefübrtsn Land- 
lung sitzen seistreiebs Nonologs und Cespräebs, die 
sieb ^vis ^.rabssben ausnebmen. Ibre 2üge sind 
mebr als ein Brsatr kür psvoboiogisebs ^nalvsen. 
ibr rsrstreutss Binklattern sntspriebt der rerstreu- 
tsn Vv slt in dsr ^vir leben. Bas Bbänomsn Ltrieb- 
lanck tritt kurebtbar und unbsMÜnglieb aus dsr 
msnsebliebsn Bmvelt bsrvor: Baris und labiti. dis 
Lintsrgründe, von denen es sieb abbebt, sind Lieber 
umrisssn. Bsstsebsnd ist die ^Veltbenntnis. die sieb 
okt uur in dsn LsbensätLsn äullsrt. dis Ilsbsrlsgsn- 
Film-Kaurmerspiel. 
— Das Lustspiel: „So ist Paris", das die Ufa-Licht- 
sviele zeigen, ist von Ernst Lubitsch inszeniert, der bei s-mer 
Rückkehr nach Deutschland wie &amp;gt;d«r verlorene Sohn gefeiert worden 
ist. Zwar: HariS kann so nicht gut sein, weil von Pans in dem 
Stück nichts verkommt, aber die Regielrrstung ist auf ;enen feinen 
Kammerspielton gestimmt, der auch Lubitschs „Lady Wmdermeeres 
Fächer" auszeichnete. Die Rcinhardtsche Kunst der Inszenierung 
von Gesellschaftsstücken hat Lubiftch auf den. Film übertragen. 
Handlungen, von denen anzunehmen Ware, daZ ste nur auf der 
-Arechbühne zu ihrer Wirkung^gelangen, verwandelt er rncme 
Anlae lilmoerechter Szenen- Sie bleiben darum doch ^mhnen- 
mamiflripte: aber die persönliche Kunst deS Regisseurs^ 
bas UnNwgttche und zaubert aus ihuen emeu guten. Film hervor. 
Von kaum einem andern als von Lubitsch freilich Ware ihre Vcr- 
Das Stück ist ein Vaudeville, ein pofsmhafk!s Nichts ES der 
Gesellschastssphäre. Ein leichtlebiger. ^e^Monte Blue) 
nimmt einen verjährten Flirt mit erner verheiratete 
wieder auf, deren Mann sich vergeblich der Frau des anderen an- 
zunähern sucht. Fledermausmotive klingen an eS^ kommt zu erner 
Haftstrafe, die der Falsche absitzt, und am Ende lost sich dre Ver 
wicklung, die keine ist, wohlgefällig auf. 
Diese winzige Bagatelle wird von Lubitsch ausstaffieri. Ent 
scheidend chp"nicht die Handlung, sondern di« Vttqmckung und. 
Das Beiprogramm enthalt Zwei von jenen a m er r k a n r ch e n 
Grotesken, deren wir jetzt genug gesehen haben. Wrr,Hasen kaum 
eine Gelegenheit vorübergehen lassen, bei der wir mch dre Lei 
stungen amerikanischer Darsteller aus dem Gebret dieser besonderen 
Filmgattung gewürdigt hätten, die eine eigene Schöpfung Amenta^ 
ist Wer nachgerade scheint sich drüben eine Grofesken-Jv- 
düstrie entwickelt zu haben, deren Erzeugmsie mrNderwertrg 
sind. Es ist nicht eben angenehm, sie immer wieder absitzen zu 
müssen.
        <pb n="43" />
        Konto des amerikanischen Bedarfs zu setzen. Auch die Kinder 
übrigens spielen vorzüglich, und wo sie gar nicht spielen, sondern 
sich geben, wie sie sind, ist durchweg der richtige Augenblick zur 
Aufnahme gewählt. Das Ganze ist ein böses Märchen mit gutem 
Ausgang. Er wird durch Polizeiautomobile und Motorboote her 
beigeführt, die freundlich mit ihren Scheinwerfern das Dunkel 
erhellen. Glänzender freilich als das von ihnen gespendete Licht 
! ist das kindlich strahlende Gesicht der Pickford nach der Befreiung, 
zur Zeit des beginnenden Glücks. — Ein guter Buster- 
! Keaton - Film geht voran. — In dem Capitol-Theater 
laufen zur Zeit die ,M ebe r". Wir haben vor einiger Zeit diesen 
nach Gerhart HauPLmanns Drarna gedrehten deutschen Film aus 
führlich gewürdigt. Er hat große Qualitäten und sein Besuch ist 
sehr zu empfehlen. Dnaa. 
LittEaman aus äsn lDsit äes Mms. 
Valentin Akanäerstam?n. Aurorr- 
sin-te DebersetsEa aus äew LransosisckeTr von 
Mss Saranru l^erLmann. I/eivsis. Liesse 
Leeke-'. 269 Leite-r. 
D^r Noman, max ^r auod UntDrÜLltESLueds 
gsin, äoed Sinsn dssssrsn LiudlieL in uns 
I^dsn Uollv^ooäs als äis SedMHninMN. äis sieb Nis 
nnä äa in Ls zollen'iLMSLöitunMN verirren. D 
ainanä^r äsr 8tars, DinLNLl'6nt'0, ^Kentsn, otatistsn, 
L^Ässsurs; äis sanäs-rdars V^rbsbruna äsr VVirblieb- 
dsit Min Dilmodjsbt: äis DrotL untar äsr dalikorni- 
sedan Dropsnssnna; äis intsrnntisnnls OsssUsebait, 
äis sied von nllsn inöÄiedsn Vorurtsilsn dskrsit bat, 
nm nnäsrs, niedt nünäsr toriedts. anMnsbmen: äas 
Osinised aus krei^üMMr Lodsins unä nuritnnisadsr 
8ittsnstrsnM, aus Imnrovisatiansn unä bürabrattsebsm 
^HS6n: äisss KavLS stoWod so intsressnnts DsZsii-; 
stänädeddsit värä in äsin Duod an äis l/sssr dsrnn- 
Ksdraebt. ^äs LsportaM aus isnsr ^in^iKSn^iwMaät 
dssit^t ss einen Konussen äoLumsutarisebsn vVort. 
Medt unKSsMedt oxponiort unä umsäbt ss äie er- 
kunäons LnnälunK mit 8ebääsrnnMN äsr tatsaebliebsQ 
^ustänäs. misodt es in äas Kreiden seiner korsonen 
Lroniinonts Narv kiediorä. Obanlin unä Dair- 
dnnds dinein. ^neb äer in äen Nittelvundt Mruedte 
Krolle LeKisseur unä äie russisede LiniKrnntin, äie 
sied mit einem 8ebIaK in äen Lmmel äer 8tars ver 
setzt kinäet. möKLN niedt nur reine ^ndelkismren sein: 
ieäentulls liest sied äas Vued Nim ^sil väs ein 
8edlüsselromnn. 8sin Oesededen ist boIvortaKsbakt; 
aber äie LoluertnKe ndmt dier äie ^Virdlieddeit naeb, 
äsr es, in Lollv^veoä Lumnl, ^veäer an LnusedKikten, 
Ldeproriessen, Noräsrn unä vetedtiven Mdriedt. ^m 
desten KelunKen ist äis in äie Dssebiebts ver^odene 
VurstellunK äer ^uknadmen 2U einem antibsn Dninb- 
kilm, dunäsrt teilen von Dos ^nKsles in äen Dünen 
von Velmonts, eine Darstellung, dei äer un^eiked 
datt äie ^rdeiten um „Den Dar" NoäeR gestnnäen 
baden. Die NaterialsammlunA äes Verkassers ist äer 
Anerkennung ^vert; äer derukene ^usäeuter äieser 
^Velt aus Dias unä Dananen. Dein^nnä unä Dsiäen- 
sodakt ist mit idm kreiliod nood niedt erstanäen- 
- . . Lr. 
— Mary Pukfsrd: „Sperlinge Gottes". Dieser Film, den jetz 
die Alemannia - Lichtspiele zeigen, hat sie berühmt ge 
macht. Sie ist in ihm ein halbwüchsiges Mädchen, ein Kind unter 
Kindern. Niemand kann halbwüchsige Mädchen spielen wie sie. 
Ihre Beine schlenkern, sie stößt mit dem Kopf, sie gibt Zeichen 
Mit den Augen, die von Kindern so unmittelbar verstanden werden, 
als sei sie ein befreundetes Tier. Eine gute Kameradin — so geht 
sie mit den Buben und Mädchen um, und jedem Baby wäre zu 
Wünschen, daß es in ihre Pflege geriete. Auch erschrecken kann sie 
Mer die bösen Menschen, die Kinder mißhandeln, und ihre Angst 
macht die Welt noch furchtbarer, in der nicht alle mit den Kindern 
sind wie sie. Der Film hat alle möglichen Mängel, er ist sentimen 
tal, er ist gefärbt und in manchen Teilen zu deutlich gestellt, aber 
«dennoch: der Film ist wunderschön. Mary hat einen Haufen un 
glücklicher Kinder zu behüten, die in einer „Kinderfarm" im Staat 
Louisiana, mitten in den Sümpfen, eingesperrt sind und arbeiten 
Müssen. Der Sumpf verschlingt Menschen und Dinge, und ein 
großer Hund ist noch da, der die Kinder bewacht. Bilder erstehen, 
die ein Albdruck sind. Herrlich ist dann die Rettung. Unter der 
Führung Marys'wandern die zehn Kinder durch die Sümpfe, über 
«Bäume hinweg, Alligatoren lauern in der Tiefe, der riesige Hund 
ist den Fliehenden auf den Fersen. Diese Kinderexpedition sucht 
ihresgleichen. Man denkt an Erzählungen von Dickens, an Onkel 
Toms Hütte. Die vielen religiösen EinmengungeN—sind auf das 
^.7h Dw Puppe«k-mgm. Dieser Film der „Saalburg- 
Lrcht spiele" ist em Hochstaplerstück, in dem Harry 
Liedtke wieder einmal die edle Hauptrolle spielt. Ein Einbrecher, 
c.er chm den Paß gestohlen hat, heiratet auf seinen Namen ein 
langes Mädchen, m das sich Liedtke später verliebt, ohne zu 
ahnen das sie bereits formell seine Frau ist. Die Pikanterie wird 
außereheliche Flirt juristisch zu Recht er 
folgt. Auch ^onst fehlt es nicht an Liebesaffären, die der llnter- 
maeling dienen. Liedtke ist der Filmliebhaber, wie er im Buch steht. 
^&amp;gt;as fuße Lächeln, Ritterlichkeit und ein zur rechten Zeit verspritztes 
Parfum verfehlen niemals die Wirkung auf das Publikum. 
D L e L. 
--- Namon Novarro im Orient. In dem Film: „Ben AN" 
der Neuen Lichtbühne hat der bildschöne Ramon Novarro 
(den wir jüngst als amerikanischen Seekadetten sahen) einen Tur 
banauf, den eine Feder schmückt, die seine schlanke Linie noch unter 
streicht. Abgesehen da.von, daß er sich mit der Darstellung seiner 
schätzen Existenz beschäftigt, liebt er ein Mädchen, zu dessen Be 
schreibung die Blumensprache des Orients kaum hinreichte. Sie 
wird denn auch in den Titeln zur Erhöhung der Marchenstimmuna 
bis zum Ueberdruß angewandt. Personal aris Tausendundeine 
Nacht umgibt das liebende Paar: der Dichter Omar ein würdig« 
Scheich und Patriarch und ein Obereunuch, defsen böse längliche 
Fratze bei weitem die wirksamste Erscheinung ist. Die Bemühungen 
der amerikanischen Regie um den alten Orient sind drollig. Um 
ihrem Publikum nach dem Alltag die begehrte Poesie zu liefern, 
fährt sie große Quantitäten von Prunkpalästen an, stellt Ramon 
vor wolkige Prospekte, über die das fahrige Licht der Jupiterlampen 
gleitet, läßt die Seele des Dichters in Gestalt einer nackten 
zu den Planetensystemen aufsteigen und errichtet Zelte m Wüsten- 
landschaften, deren Nähe zu Hollywood unbestreitbar yt. ^&amp;gt;n dem 
„Dieb von Bagdad" war noch ein Orient aus erster Hand ge 
schaffen: seine flüchtigere Erzeugung riecht nach dem Gips, aus dem 
er kommt. — Ein zweiter Film: „Der Rebell von 
Valenzia" entfaltet vor schönen Architekturen eine romantische 
Handlung aus den Revolutionszeiten des vorigen Jahrhunderts. 
Die stoffliche Pointe ist. daß ein gegen die Kirche aufständischer 
Jüngling in dem von ihm gehaßten Klosterabt semen Vater ent 
decken muß. Darauf schließt er seinen Frieden mit den herrschenden 
Mächten und heiratet; was auch bequemer ,st Völlig grundlos 
wird noch eine Engländerin ein geschoben, die KKavrer spielt. Der &amp;gt; 
Film ist untalentierte Mache. DacL. &amp;gt; 
--- Valencia. Die Valencia hat an ihre Verfilmung glauben 
müssen. Das heißt, nicht der Tanzschlager selbst, sondern seine Ge 
schichte, wie man sie sich eben so denkt. Sie, die schönste aller 
Rosen, mit der die Matrosen kosen, ist eine dämonische Blumen 
verkäuferin, drunten in Spanien, wo das Blut heiß ist und die 
Stiere toben. Dieser Valencia ist natürlich alle Welt verfallen: 
ein Graf, ein deutscher Matrose und vor allem der Komponist des 
Schlagers. Warum sie an dem Mädchen so hängen, ist schwer ein- 
zusehen, da Maria Dalbaicin über wenig Reize verfügt. 
Wenn sie in Großaufnahmen die Augenbrauen verzieht und die 
Unke Mundhälsts schräg nach oben krümmt, um ein carmenhaftes 
Benehmen vorzutäuschen, kommt es einem schlechterdings spanisch 
vor, daß um ihretwillen der Matrose sein Schiff verläßt und der 
Komponist sich umbringen will. Aber die Geschmacksanlagen sind 
verschieden. Im übrigen ist die Dämonie, die der Filmregisseur in 
der Valencia entfesselt, papieren. Das Mädchen muß sich in den 
Hüften drehen, mit den Kastagnetten klappern, die Männer so auf 
eine gewisse Art anschauen und mit schlangenaleichen Bewegungen 
sich winden. Daß sie bei einem Stierkampf in Tracht an der Rampe 
sitzt, versteht sich von selbst. Ihre Gegenspielerin ist eine fromme 
Maid, die noch unschuldiger ist als unser Gretchen; ganz "weiß. 
Dafür kriegt sie auch der deutsche Matrose, mit dem die Valencia, 
ha! gespielt hatte. Wegen ihrer dämonischen Schurkereien wird das 
Weib zuletzt von allen anständigen Mensche^ gemieden, denen sie 
sich versagt hatte, und geht mit dem Komponisten, weil niemand 
Besseres übrig bleibt. Das moralische Ende ist, daß der Schlager 
ihr zum Ruhm und Reichtum verhilst. In der Schlußapöthsose 
wird gezeigt, wie er sich den Erdball erobert; Tanzbeine und 
Hotellhallen fliegen durcheinander, und man muß es schon glauben, 
daß sie auf der ganzen Erde so fliegen. Der Film wird hn den 
A l e ma n n ia -Licht sp ie le n vorgesührt. Ein sehr hübsches 
amerikanisches Lustspiel ist ihm beigegeben. Dass.
        <pb n="44" />
        Lugleied äis Drenss. 
r. 
— Rin-Tm-Tm. In dem Film: „VonSpürhunden ver 
folgt", der in der N e u e n L i ch L b ü h n e läuft, ist,dieses un 
erhörte Tier wieder die Hauptperson. Als gezähmtes Naturphäno 
men der Wildheit und' Treue rennt es durch eine Handlung, die 
im wilden Westen spielt und so kräftig koloriert ist, wie es sich 
für einen Film gehört. Es versteht sich von selbst, daß Nin-Tin- 
Tin wieder einen Schurken nieberkämpft und ein junges Paar 
errettet. Das Paar befindet sich dieses Mal in der entsetzlichsten 
Not: ein Verrückter hetzt es mit, einem Rudel von Bluthun 
den durch die Wälder. Jagd und Verteidigung sind großartig 
gedreht. Wirkungsvoll schon der Lauf der verfolgten jungen Leute; 
die Haare fliegen, sie kommen außer Atem und werden nur durch 
die Angst noch gehalten. Hinter ihnen her die Bluthunde, zusammen 
gekoppelt, eine scheußliche Meute. Rin-Tin-Tin selber die Ver 
körperung der Schnelligkeit und Vernunft. Er beseitigt zunächst den 
Verrückten, überholt dann das Rudel, vereint sich mit den Flie 
henden und drängt sie in eine Felshöhle, an deren Eingang seine 
Rassegenossen sich noch am ehesten aufhalten lassen werden. In 
Kampfstellung, herrlich anzusehen, erwartet er sie. Wie sie ange 
braust kommen, schlägt er sie, ein zweiter Leonidas, immer wieder 
aus dem Engpaß zurück. Und wahrhaftig, die vielen Hunde können 
gegen den einen nicht an und Lrotten kläglich wieder nach Hause. 
Ausgezeichnet ist eine Chargenrolle besetzt: ein etwas trotteliger 
älterer Mann, der das Gesicht dumm verzieht. Der fromme Aus 
druck, zu dem er es in der auch sonst gut arrangierten Bethaus- 
L&amp;gt;Zene zwingt, ist von erschütternder Komik. — Ein großer Lust 
spiel-Schlager füllt die zweite Hälfte des Programms. Kaca. 
Läla 8 alL 2 s bat in seinem Vneb: „Der 
8 i 6 b t b L r 6 N s n 8 6 b^ (^Vilbelin Lnapp, Halle. 
167 Zeiten. Deb. 4.80) äen Versneb einer Lilin- 
Dramatnr^is nnternornrnen. Lr besitri ank dein 
ZonäerAebiet des Lilrns einen siobersn Instinkt, 
der dnreb LrkabrnnA verkeinert nnd erbsllt ist. 
8o xelangt er Ln einer Derbe innerLstbetiseber 
LorrnnIierunAsn^ die kein LnkünftiAsr Dibnastbe- 
tiker ivird überseben können. 
^ns äer Ornndtatsaebe, daü dsr kUrn die 
stnrnrns ^Velt Aegen^artiA rnaebt, Liebt LalaLS 
^viobtisse LolAsrunAen kür seine besondere Loin- 
positions'vveiZS nnä seinen besonderen DsAen- 
stand. In kornpositoriseber Dinsiebt ist ibrn ent- 
sebeiäenä die visnells LvntinnitLt, die 
von der et^va irn ortkonsivverk Askorderisn 
LontinuitZt peinliob Aesobieäsn ^virä. (breitend 
ist naebAewiesen, äaä die trene IlebersetLnnA 
eines literariseben W^erks in die Diläspraebe äes 
Dilrns sebleebte mustrationen liekert.) Mie kann 
äie ZtetiAkeit erhielt werden, die aus der Nan- 
niAkaltigkeit äer optiseben DIeinents ein OanLes 
korrnt? Dnreb die Innebaftnnx einer einbeitlieben 
— Amerikanische Lustspiele. In der „Neuen Lichtbühns" 
lauft Zur Zeit ein Schlager: «Junge, laß das Küssen 
sein", in dem Richard Dix als Sohn eines schwerreichen ameri 
kanischen Kohlengrubenbesitzers das Herz einer baskischen Schön 
heit bricht. Sein Nebenbuhler in dem gestellten spanischen Oertchen 
ist ein Offizier, der ihm mit Hilfe zweier gedungener Banditen 
- nach dem Leben trachtet. Aber Dix ist nicht umsonst bei Fairbanks 
in die Schule gegangen. Er erledigt den Schurken so elegant, daß 
die Schöne mit Recht frohlockt. Da er überdies auf den Besitz 
tümern ihres Vaters platinhaltiges Gestein gefunden hat, stimmt 
auch sein industrieller Papa der geschäftlich verwertbaren Ehe zu. 
Das Ganze ist etwas grob zurechtgemacht, aber im einzelnen nicht 
uneben. — Wieder in das Repertoire aufa-en^mmen ist der Film: 
„Heiraten ist kein Kinderspiel", der zu den besten von 
Raimond Griff ith gehört. Als charmanter Kavalier sucht 
Altwien und Wildwest. In dem Film: „Hotel Erz 
herzogin VicLori a", den das Skala - Theater Zeigt, 
spielt die österreichische Hocharistokratie eine teilweise unsympathische 
Rolle, die aber im ganzen ihrem Ansehen nicht schadet. Der" Sohn 
eines ehemaligen Oderhofmeisters verkauft aus Not den Familien- 
schmuck, den die des Landes verwiesene Erzherzogin Victoria 
seinem Vater anvertraut hat, und verdächtigt den Bruder der Tat. 
Dieser Bruder ist Bruno Kastrier anvertraut, was uns jeder 
Sorge über sein Schicksal enthebt. Eine Männererscheinung, die 
so angestrengt anständig aussieht wie Kastner, kann im Film nicht 
untergehen, selbst wenn sie zum Eintänzer degradiert wird und 
die Erzherzogin sie einen Augenblick lang für schuldig hält. Zum 
Schluß wird denn auch der eigentliche Schurke entlarvt.und die 
Königliche Hoheit verlobt sich offiziell mit dem rehabilitierten 
Kastner. Der Film behauptet im Untertitel, nach den Geheim- 
akten der Polizeidirektion gedreht zu sein. Vielleicht 
liegt ihm in der Dat eine wirkliche Begebenheit zugrunde; aber 
nicht jeder Gesellschastsskandal ist ohne weiteres für die Verfilmung 
geeignet, nicht jedes Verhalten realer Personen gewinnt im Film 
Realität. Trotz der mittelmäßigen Linienführung und der 
unklaren Gesinnung der Regie sind einzelne Szenen gut geraten. 
Vor allem die Razzia im Hotel mit dem anschließenden polizei 
lichen Verhör. Solche Darstellungen selten gesehener Alltags 
ereignisse wirken sozial aufklärend und sollten überhaupt in Filme 
häufiger eingestreut werden. Ein Typ auch der gemütliche alte 
Polizeikommissar. In technischer Hinsicht hat der Film Durch 
schnittsniveau; wovon ihn auch die reichlich eingeträufelte Dosis 
Kastner nicht entbindet. — Als Film viel sicherer und wirkungs 
voller ist der S^HZakter: »FaLth als Cowboy". Der Böse 
wicht ist in ihm reinlich von den edlen Männern geschieden, es wird 
geschossen und Mustangs sprengen über die Prärie. Mr lange 
nicht mehr gesehene Fatty ist der bezaubernde Dicksack von früher, 
Gentleman vorn Scheitel über den Bauch hinweg zur Sohle und 
rübrend-schambaft den Mädchen gegenüber. Da c a. 
Grifftch seinesgleichen. Sein Schneider Wie Anrecht auf jede 
Ehrung. Der Film ist ss nett und unterhaltend, daß er auch M 
zweites Mal erfreut. Daea. 
6 -38 
WVVNDM VOM 
Voa Dr. 8. ZLr'LELLTL^. 
Ds Allst Qoeft Hiebt einmal äis ZLtbetiZebs, 
Iftworis des "Dilins, äis es Asdsn konnte. Da 
äsr Lilrn gewissen aÜASMeinsn LsdinAnnZen un- 
Lerstellt — er bssebrLnkt sieb auk äis ^ddiläunA 
äsr sirMkaren MslL und bat ein isobnisebss Vsr- 
kabrsn rnr VoraussetLunA, ans dem. seine Oren- 
Leu und Lreibsiten adLnIsitsn sind — werden sieb 
anob Zsivisss Habinensrkenntnisss über ibn lin 
den lassen. Lerner: der Dilrn ist das Drodukt der 
ObAen^vart; also ^irä er den ibm eiAentüinIioben 
Debatten nasb ank die DeAenv^ärk^Lts-ank seinsn- 
Aesobisbtlisben Ort beLOASn sein, (dliebt jeder 
Debalt ist in jeder Lnnstart ni jeder 2eit an^u- 
trelksn — die iäealistisebe ^estbetik ist bistoriseb 
blind.) 8obalä die Lstbetisebe Ibeoris sieb krei- 
lieb der LetraobtunA seiner bistoriseb bedingten 
Oebalte rnsendet, ä. b. sobald sie Mr materialen 
^.estbetik ^irä, verliert sie die Pilgerneinbeit je 
ner Uabraenerkenntnisss und bleibt not^enäiA 
ein LraAinenb Denn äis ivie innner geartete 
DurebärinANQF L^isobensebiebtlieber Debiläe 
kübrt ArnnäsLtÄiob niobr Wnr abseblnllbaktsn 
Lastern, sondern mündet in den ^nkv^eis einzel 
ner Züge ein, deren ^nsannnenbanA dabinstebt, 
obno äall er xeleussnet werden dürfte. Doeb anob 
dieser rnogliebe ^nk^veis ist noob niebt AelnnAsn. 
AnckZ/arck Lipirng. Irrs OeutseLs ü-er- 
Von Dsns I/erssis, Raul 
k, L7Z Leirsn. Dsö. 6.äB. 
^iocksr liesst ein neusr Rand Loser sebönsn äeust- 
86ÜSN ^us^abo von LiplinAs ausM^äblteu Werken 
vor. Dr outbält Uovsllsn unä unter Urnen ein Druok- 
stück äss Titels: ..Das Dort, das bescbloll, 
äio Dr äs sei klaeb". ^as LiMnL an auZM- 
^ackssusm LuAläuckortum, unvsrkümmortsu lastiuk- 
tsu unä inMinnÜMr Dauns borLUMbsn dat — in 
äiosor einen Novelle 8teIIt es sied mustsrbakt dar. Lis 
sediläört äsn RacbekoldLU^ eines Rsvuoäirsktors, eines 
^situnAsmaoaes unä eines edren^srten Dntsrbaus- 
NitKlieäes MMn äas Dort Dueklov unä seinen Vor- 
stenck, äer äie Herren ^e^en 2u sednellen ^utekudrens 
mit Ltraks belsßste. Die Ltraks ^ur niedt anMmssssn, 
oder äis, lievanede üdertrikkt dei weitem idre IIn- 
Mreedtij?deit. Lis ist ^ranckios. sie ^virä mit sport 
lichem chrtismus äured^eküdrt. vas Dort kommt in 
äie 2eitun^en, ^an2 Kn^lanä laedt über äas Dort. 
l Immer neus Lvikks Wsräev ersonnen, um seinen nega 
tiven Iludm 2U erdoden. Die grolle Ledlullapotdeose 
2eigt äas gesamte llnterdaus in einem karox^smus 
äes VntLüeKens öder Hueklevs läiotie. Nag äie Oe- 
sediedte rod väs englisedes ltoastdeel sein, sie ist dero- 
lied erZädlt unä deilt äured idre unvciäerstediied 
aukgedausedten Intrigen von ^nMlen grunckloser 
Nelanedoiie. In äen anderen dl ovellen drä sum 'lleil 
inäiseds Primitivität kultiviert — man kennt diese 
Leite von Liplings Ledakten. Line Lunckegesediodte 
ist besonders sedön. weniger geglückt eine LkixW, 
in der sied der ^nimismus Liplings äaru versteigt, 
undeseelten Lcdikksteilen äie (lade dsr Recks 2u ver 
leiden. Immer aber kincket dieses ursnrüngliede Lr- 
Lädlertawnt Lornr unä R einte. Leine eingekleisedte 
nationale Denkart sedenkt idm Indalte unä set^t idm
        <pb n="45" />
        cK 5). 8ie werden Lur KennLeiollnun 
g dieser 
Bedürfte 
genügen. 
kür die Instinkt- 
8orte von Dramaturgie 
es noch der Beweise 
„Dis daitungen des Dramas sind: 
Das llhauerspiel (fragödie), 
das Rustspiel (Komödie), 
und das 'Zollauspiel im engeren Zinne." 
„Nächst der Riebe im allgemeinen und der 
Zinnliollkeit im engeren 8inne ist es der Rumor, 
dsr die starken Mirkungen Leitigt." 
„Bsgeben wir uns nunmehr kort vom Reblet 
des Humors, so kommt als drittes Uittsl Lur 
frLeugung starker Mirkungen die Rübrung... 
Dnllölliollkeiten gegen das ^Verk: „Rllilo- 
sopllis desfilms" von Rudolt Darms 
(felix Neinsr, Deip^ig, VRI, 192 Zeiten. Dell. 
sind darum Ude^tiU-Dsi^, 'weil der Verfasser 
in dem. Vorwort selber bekennt, dall er nieman 
dem eine bestimmte Nsinung autLwingen wolle. 
Dr Zwingt sis niollt aul, weil sis illm nur in ver- 
sollwindsndem Naks eignet. Darür vertügt er 
über einen großen Zitatsnsollat^ aus der Volkelt- 
sellon ^estlletik und weniger bekannten Drund- 
werken. Die Ausbreitung dieser lllalle, unter die 
sioll noell die bescheidenen Rsstände des eigsnenl 
Vorrats mengen, verbükt Lu einer 8umme von 
Kapiteln, dis allsnkalls als Naterialsammlung 
einen gewissen ^Vert besitzen. Nan llört über 
die Oeselliollts des Dilms, über den Hergang der 
Verkilmung, über tsellnisolls Details: an sioll! 
niollt unwichtige Dings, die eben nur niollt unter 
dem Ditel: „Rllilosopllis des films" und teilweise 
im RollLustand vorgellracht werden sollten, für 
die ästhetischen Rsobaolltungen ist eigentlioll 
Rela RalaLs verantwortlioll Lu maollen, der von- 
dem Verkasser immer wieder angeküllrt wird. 
Rervorgellobsn ist die V^irkllollkeitskerns dps 
fllms, und dak er Rswegung sei. Rübsoll die 
Remerkung, daZ der film die Nogllollkeit biete, 
liers und Nensollen ollne illr Missen aukLunell- 
mem Die allgemeinen Drkenntnisse, die naoll 
Zusammenkassung und Orundierung streben, sind, 
gelinde gesagt, dürktig. Nit dem Daollweis, daL 
der fllm im Zeichen der 8/mbolisisrung, DipD 
sierung und Wlisierung stelle, ist wenig getar^ 
und die Darlegungen über das Dragisolle im film 
sind unorientiert. ^.uoll wird kaum eine den 
wichtigen folgerungen göLOgen, die sioll aus der 
Zugellörigkeit des fllms rmr Gegenwart kür seine 
Dellalts ergeben. Im ganzen ermangelt das Ruch 
der Originalltät. 
leise manells interessanten Daten und Zusam 
menstellungen. Ds wird eine ^nal^se des „Kino- 
mensollen" geboten, die mellr oder weniger rich 
tig ist, es werden die Zensurbestimmungen der 
verschiedenen Ränder erörtert, es werden alle ge- 
sellschaktllchen Drsolleinungen darrustellen ge- 
suollt, die das Kino gezeitigt bat und in dieses ein- 
be^ogen ist. Resollreibungen ollarakteristiseller 
filme dienen als Releg der gefälligen 8ittenschil- 
dereien. ^kuoll die Bedeutung des füms auk por- 
nograpllisollem und kriminellem Debiet kommt ru 
illrem Reollt Der lext ist ein wenig ein 8am- 
melsurium und in der ^bsiollt gellorigen Dm- 
kangs an einigen Ztellen alDu spürbar mit Meit- 
sollweikigkeiten auswattiert. Zu Dank verpklioll- 
ten die ausgezeichneten Rildtakeln (über llun- 
dert an der Zanl), in denen ausgewäblte 826N6N- 
bildtzr wisdergegel^en sind und beliebte film 
stars mit und ollns Kostüm anmutig posieren. 
4- 
^ls Rekt 15 der 8ollriktenreille des „Ver 
bandes der deutschen Volksbüllnenvereine" ist 
eine Rrosollüre: „Mege ru neuer film 
kultur" von 8. blestriepke erschienen 
(Berlin, Volksbüllnen-Verlags- und Vertriebs- 
6. m. b. R. 19 8eiten). Der Verkasser bat sioll 
ein rein praktisches Ziel gestecht: die Uoglloll- 
keiten Lu prüken, die sioll öffentlichen oder pri 
vaten Zielten rur Reeinklussung des filmwesens 
bieten. Vorausgesetrt ist, dall die froduktion 
niollt langer sioll selber überlassen werden dark. 
Zoll man also die froduktion in eigene Regie 
nehmen? Die ^.ussiolltsn sind erfahrungsgemäß 
gering. Dbenso wenig empfehlen siell Zondervor- 
küllrungen ausgewälllter filme. Der Verfasser 
gelangt Lu dem Drgebnis, daß der Aufbau von 
film gemein den mit Rssuellsver-j 
pkliolltung noch am ehesten Lur Verbrei-! 
tung guter filme beitragsn könne. Die Gemein 
den seien in erster Dinie von den Volks- 
büllnenvereinenLu bilden, mit denen die 
großen Organisationen der Arbeiter. Angestellten 
und Veamtsn Lusammenwirken mögen. Zum 
Zoblusse wird die frogrammgestaltung erörtert 
und eine Riste brauchbarer 8pielkilme unter 
breitet. — Die Broschüre enthält vernünftige 
Ansichten, die von der praktischen Drkallrung 
Destrispkes Lengen. Kein Vorschlag, filmgemein 
den Lu gründen, ist kreilioll problematisoll und 
bedürfte einer eingellenden Diskussion, die niollt 
Luletst die verschiedene gesellschaftliche Ztruk- 
tur von fllm- und Rlleatsrdarbietungen LU be 
rühren hatte. 
Ourt Noreoks: „8 it t s n g s s 0 ll iell t Si 
des Kinos" (Raul ^.ret?, Dresden. 283 Zeiten. 
Dell. 18) ist ein beleibtes Merk in stattlicher 
^ukmaollung. Kulturelles Oeplausoll umrieselt 
verlassenbeit des Verkassers, so wären sie durch 
Bekauptungen wie diese vollauf erbracht: „Rewiß 
ist, daß Opern wie Rollengrin oder fannllauser 
llerrlielle filmstokke bergen..." und „... was 
der größte Diollter mit Morien auSLudrüoken 
imstande ist, das wird die kombinierte film 
kunst (Baumeister, fbotograpll und Regisseur) 
irgendwie auk die Reinw?nd räubern können". 
Dem Buch, in dem sioll solche Verkellrtlleiten 
mit Banalitäten undurchdringlich mischen, sind 
einige niollt immer stiollllaltige ^nal^sen von 
guten und schlechten Nanuskripten beigegeben. 
Der Vollständigkeit llalber sei erwähnt, daß sioll 
in dem unzulänglichen Rallmen auoll kleine Ar 
tikel über Zonderkragen von Dr. Otto Böllm, 
Kossowsk^, Riellard Rutter und anderen Auto 
ren finden. 
„Zeitperspektive", durch äis Herstellung be 
stimmter Bexiellungen rwiseben Detalls und Re- 
samtbüdern, duroll den riolltigen ^.nsatL der 
Oroßauknallmen usw. Der Desollmaok, 
der sioll In diesen und anderen kleinen ^.nal^sen 
bewällrt, findet so glüokllolls Prägungen wie die 
von der fol^pllonie des Nienenspiels und erbebt 
sioll LU der schlagenden Bemerkung, daß in einer 
filmsrene nur die Bewegtlleit illrsr ^.tome das 
fempo llervorrubringen vermöge. ^.ngedeutet 
wenigstens ist auoll das schwierige VerllMnis 
Lwüsoben der Begleitmusik und den Bildern, und 
niollt Lu Rnreollt fällt die Aeußerung, es passe 
naberu ^'ede Nusik Lu ieder 826ns. 
Die Rntersuellung der formstrukturen wird 
duroll die der Degenständliollkeit ergauxt, die im 
film stell darbietet. Da die Keuschen auk der 
Reinwand stumme Meson sind — die eigene Le- 
deutung dsr Zpraollgebärden irn film ist übrigens 
genau erkannt — erllalten die Dings wie nir 
gends sonst eine Zunge. Zum erstenmal vielleiellt 
reden sis. Der film llolt das „kleine Dellen" der 
Dingtelle llerauk und beliebt es in die Mbit der 
Z^mbole ein. Dr eröffnet auoll die Region des 
fraums, dessen Zubstanx die seine ist, und ver- 
gegenwartigt wie keine anders Kunstart das Da 
sein der Klasse. 
Die Kollektion dieser Drkallrungen ist unter 
allen Umstanden wertvoll, fragwürdig wird die 
Lollrikt dort, wo sie die Dmpirie durell die Bei- 
sollakkung weltansollaulioller funda 
mente stützen Zm sollen glaubt. 8eine Verkennung 
der Zpraolle — ^mensonliolle Kultur wäre ollne 
Zpraolle denkbar" — verleitet Radars bei der Oe- 
genüllerstellung von film- und Mortkunst xu 
schlimmen Dntgleisungen, die ebenso wie die 
einseitige Zuordnung des films xur R^rik das 
Zsiollen mangelnden Beberblioks sind. Den pro 
blematisollen Untergrund entllüllen vor allem die 
Erwartungen, die Baläxs an die filmkunst knüpft. 
Dr verspriollt siell von illr eine neue 8 iellt- 
llarkeit des leibliollen Nen^llen und damit 
den Beginn einer konkreten Rebensgestaltung. 
^.ber sein Argument, daß die kapitalistische 6e- 
sellsollakt, die seinerzeit in ihrem Zolloß die Ar 
beiterbewegung gSLSugt llabe, so auoll heute wie 
der in dem film ein Mittel xu illrer eigenen Rm- 
wÄLung produxisre, ist troD des dialektisollen 
Klangs wenig stiellllalttg. Rerads als stumme 
Kunst ist die des films kaum nur Einleitung von 
Veränderungen källig, die niemals von der Kunst 
ausgellen und des Morts am allerwenigsten ent- 
raten können. Dis neue 8ielltllarkeit des Ken- 
sollen, die der film veranschaulicht, ist so duroll- 
aus das Degenteil einer Mendung xu eellter Kon- 
kretlleit, daß sie vielmellr die sollleollts Rationali 
tät des kapitalistischen Denkens nur bestätigt und 
llsi illr kestbält. Allein aus der Krkenntnis, die. 
in der 8praolle sioll volDiellt, kommt der radikals 
Dmsellwung. 
Raben wir über Gv ZinnUMKerL 6o^Mv 
so wollen wir uns über dieses Kapitel ru dem 
großen Idealisten Zolliller wenden." 
Diese Droben sind dem Buch: „Das film 
Manuskript" von Riellard Ott entnom 
men (Nax Uattisson. Berlin. 148 Zeiten. Dell.
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        Der keusche Joseph. Das ist ein sehr hübsches Lustspiel, das 
jetzt Ln den Bieberbau-Lichtspielen läuft, mit Reginald 
Denny in der Hauptrolle und , einem unbezahlbar komischen, 
älteren kleinen Herrn. Die beiden gehen ihren Frauen durch, das 
heißt: jener seiner Braut, dieser einer Megäre von Eheweib, 
kommen nächtlicherweile mit der Polizei in Konflikt und bestehen 
dann alle möglichen Abenteuer. Am schönsten ihr unfreiwilliger 
Aufenthalt in einer Badeanstalt für Damen, in der sie sich in 
Schwitzbädern und Frauenkleidern verstecken. Von hier schleichen 
sie sich nach Hause, und dem Mieren Herrn bleibt zur Ver 
tuschung der Irrfahrt nichts anderes übrig, als seinen jungen 
Begleiter als den erwarteten Bruder auszugeben, der geistlicher 
Vorsteher eines Antialkoholvereins.ist. Aus der erzwungenen Ver 
wandlung Dennys in einen keuschen Joseph folgen dann weitere 
drollige Mißverständnisse, die sich schließlich in Wohlgefallen auf 
lösen. Eine nette Ehargenfigur das „doofe" Dienstmädchen, deren 
Albernheit sich nicht auf den Empfang von Trinkgeldern erstreckt. 
Der Film hat Tempo und durchjagt eine Reihe guter Lustspiel 
motive, ohne zu erlahmen. 
— Ein Ulm nach Pirandeüo. In den BieLerbau-Licht- 
spielen Läuft ein interessanter C o n r a d - V e i d L - Film: 
„Die Flucht in die Nacht". Er ist nach Pirandello- 
Motiven gedreht und zeigt den dem italienischen Dichter eigentüm- 
! lichen Uebergang von Sein in Schein. Der von Veidt verkörperte 
Graf, der bei einer mittelalterlichen Maskerade durch die Schuld 
seines Nebenbuhlers vom Pferd stürzt, verfällt infolge des Sturzes 
in den Wahn, daß er wirklich Heinrich IV. sei. Jahrelang bleibt 
er Lei -seiner fixen Idee, bis er eines Tages, unbemerkt vom Ge 
sinde, wieder das normale Bewußtsein erlangt. Die Haare sind 
ihm ergraut. Um Freund und Feind scheiden zu können, spielt er 
einstweilen seine Rolle weiter. Zu dieser Zeit bringt die Frau, 
die ihn immer noch liebt, einen berühmten Psychiater aufs Schloß, 
der einen letzten Heilungsversuch unternehmen soll. Der Neben 
buhler von früher begleitet sie. Nun liehe sich über den Fortgang 
streiten. Die bessere Filmwirkung wäre unzweifelhaft erzielt wor 
den, wenn der immer noch mittelalterlich gekleidete Graf die Ge 
sellschaft im Anzug des Gentleman überraschte und den Nebenbuhler 
stellte; wenn also als Farce endigte, was ernsthaft begann. Das 
. wäre dem Regisseur mit Pirandello unpathetisch gewesen. Der 
Graf gibt sich darum in dem Stück zwar zu erkennen, ersticht aber 
dann sofort heroisch den Nebenbuhler und fallt wieder in den alten 
Wahnsinn zurück. Veidt hat große Szenen, seine Erscheinung ist 
faszinierend, fern Gang von sonderbarer Bedeutung. In den Groß 
aufnahmen übertreibt er die Dämonie. Gräfin Esterhazy, seine 
Partnerin, kommt durch ihre Rolle zu guter Wirkung. Eine kleine 
Meisterleistung der Psychiater Hermann Vallentins: ein be 
leibter Skeptiker mit Brille, der vor dem Mann im Kaiserornat 
als Privatmann ängstlich zurückweicht und ihn zugleich als Arzt 
kritisch überschaut. N 3, ca. 
Satan in Seide. Dieser Film der Alemannia-Licht-' 
spiele ist um seiner Schlußszene willen beachtenswert. Ein 
junger Mann hat sich mit dem „Satan in Seide" eingelassen, einer 
kuriosen Spezies von Tänzerin, die auf den Titeln als Schönheit 
angepriesen wird, was sie nicht ist, aber gleichviel: sie ruiniert 
jenen jungen Mann, zieht ihm eine Lähmung zu und bringt ihn 
auf Selbstmordgedanken. Wo will er sich umbringen? In der 
Grottenbahn des Praters, ausgerechnet in dieser 
Grottenbahn, die harmlosen Vergnügungen dient, weil er dort 
seine erste Geliebte kennengelernt hatte, ein armes Mädchen, das 
er um des Satans willen verließ. Am Schluß also steht man 
die Grottenbahn, ein elektrisch betriebenes Vehikel mit einem 
Drachen vorne dran, das sich für den jungen Mann auf eine Extra 
fahrt begibt. Er sitzt auf einer Bank mit dem Revolver in der 
Hand, schöne Angst steht man aus, und das Fahrzeug fährt durch 
die Grotten, zu deren Seite lebende Bilder sich zeigen, die auto 
matisch in Bewegung gesetzt werden. Das Mädchen ist in der 
Grottenbahn angestellt und gerade,damit beschäftigt, die Figuren- 
gruppen in Ordnung zu bringen. In der einen, die die Heilung 
eines Krüppels durch eine Wundertäterin darstellt, ist ein Unglück 
geschehen: der Gipskopf der Wundertäterin ging entzwei. Also 
muß das Mädchen, um den Schaden zu verbergen, selber die 
Wundertäterin spielem Der Wagen gleitet vorbei und das Mäd 
chen heilt wie eine automatische Puppe den Krüppel. Der Selbst 
mordkandidat, der soeben den Revolver ansetzen wollte, blickt auf 
und erkennt die frühere Geliebte. Freudiger Schreck: er möchte 
aufsprinzen, er kann wieder aufspringen, er ist geheilt und alles 
ist gut. Eine opernhaste Apotheose, wirkungsvoll gefilmt. 
T a a L. 
-- EhekonMte Dieser Film der Alem an nia-Licht- 
spiele ist kunstgewerblicher Art. Er spielt in Räumen, die von 
diplomierten Innenarchitekten entworfen.sind, und stilisiert einen 
Stoff aus dem Leben so lange zurecht, bis er nicht mehr lebendig 
ist. Eine jung verheiratete Frau wird von ihrem Mann mit 
einem fremden Herrn im Toilettenziyrmer überrascht. Sie hat 
natürlich die Ehe gar nicht gebrochen, sondern liebt unverändert 
den Gatten. Der Witz ist nun der, daß jener fremde platonische 
Liebhaber ihr die Liebe des beleidigten Ehepartners wieder zurück 
erringt. Er stiehlt ihm ein wichtiges Dokument und gibt.damit 
der Frau Gelegenheit, ihrem verzweifelten Mann, als Helferin zur 
Seite zu stehen. Da er im richtigen Augenblick das Dokument 
seinem Eigentümer wieder bringt, Laut er die von ihm zerstörte 
Ehe von neuem auf. Eine nette Blufstdse, die nur leider zu 
breit und mit viel zu vielen Uebergängen gedreht worden ist. Der 
Witz versandet zwischen Großaufnahmen und Interieurs. Gute 
Chargen: ein Sekretär und einige Reporter. — In dem Beipro 
gramm sind zwei hübsche amerir nische Filme wieder ausgenom 
men. Larry Sem 0 n macht als Ehegatte eine wundervoll trau 
rige Figur und Buster Keaton kommt mit einer technisch 
vollendet eingerichteten Wohnung nicht zu Rande. 
— Geheimnisse überall. Der in der Neuen Lichtbühne 
gezeigte Film: „Das Geheimnis des Dukon" spielt in 
Alaska. Das ist so ziemlich alles, was man zu seinen Gunsten 
aussagen kann. In Alaska gibt es Rentierherden, Schnee, schein 
bar auch noch Gold und die gleichen Liebesgeschichten wie in zivi 
lisierten Ländern. Auch ohne die vielen poetischen Texte hatte sich 
§ das erkennen lassen. Es muß eine Strafe sein, in Alaska zu 
&amp;gt; leben. — In dem anderen amerikanischen Film: „Ihrezweite 
Ehe„ heiratet ein Mädchen einen vielfachen Millionär. Aber sie 
ist gar kein Mädchen, sondern eine verheiratete Frau, und außer 
dem geht sie den Millionen bald mit einem Hochstapler durch. Was 
dann geschieht, ist so unwahrscheinlich, daß von rechtswegen die 
Leinwand Platzen müßte, auf der es sich spiegelt. Zum Schluß 
kommt heraus, daß der erste Mann bereits seit längerem verschieden 
war, also Bigamie gar nicht vorlag. Reumütig kehrt die Person. 
wieder zu den Millionen zurück. Und wenn schon. UaaL. 
--- Unheimliche Nächte. Dieser Film der Saalburg- 
LichLspiele, mit Konrad Veidt und Reinhold Schünzel 
in den Hauptrollen, ist mehrere Jahre alt. Es ist gut, daß man 
ihn wieder einmal ausgenommen hat, denn er zeigt deutlich, wre 
sehr die deutsche Filmindustrie inzwischen auf den Hund, das 
heißt auf „Metropolis" usw., gekommen ist. Schünzel der heute 
in sentimentalen und miserablen Milttärfilmen sich wohl fühlt, rst 
wirklich ein hervorragender Darsteller gewesen, dem auch anderes 
zur Verfügung stand als die Gemeinheit des glatten Asphalts. 
Und Veidt befaß oawals noch die schmale Eleganz und die Dämo 
nie im Frack, die er jetzt gröber verschleißt. Die früher bescheidene 
Ausstattung., vor der sich wirklich gekonnte Szenen vollzogen, ist. 
längst großartigen und kostspieligen Milieus gewichen, in denen 
nichts von Bedeutung geschieht. Wenn -er alk 
so dies: daß nicht die Aufmachung den Film macht (oder doch nur 
zum geringsten Teil), sondern die gute Durchführung eines guten 
M^uflripts. Man sollte sich den Film ansehen —- er besteht aus 
fünf Geschichten, deren erste (nach einer Novelle von Anselma 
Heine) geradezu vorzüglich ist — um zu erfahren, was wir ver 
loren haben und wohin wir wieder kommen müssen, Kars.
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        ^0 
heiten sind hübsch, das Ganze verrät Konfusion. 
K a e a. 
--- Ein Privatiffimmn über die Ehe. Ja, dis Dänen wissen noch, 
was eine rechte Ehe ist, und wer Schuld daran trägt, wenn sie 
nicht zustande kommt. Wer trägt die Schuld? Die Männer! In 
dem Film: „Ehret Sure Frauen", den die Neue Licht- 
Lühne zeigt, stellt sich ein Haustyrann vor, wie man ihn nicht 
alle Tage- zu sehen kriegt. Nichts wird ihm schnell genug besorgt, 
er schikaniert die Frau, stellt den Buben grundlos in die Ecke, will 
die Schwiegermutter heraussetzen — kurz: ein unerhörtes Ekel von 
Mann, dem seine alte Kinderfrau auch gehörig die Meinung sagt. 
Ueberhaupt sind alle Frauen in dem Stück Engel. Zuletzt erkennt 
der Mann das Unrecht, das er begangen, und befolgt die Mahnung 
des Titels. Eine schwüle Atmosphäre von Kleinbürgerlichkeit weht 
aus dem Film, der im übrigen eine gediegene Regie verrät, die in 
ihrer Gehaltenheit etwas an das alte Leffingtheater mit seinen 
Ibsen-Aufführungen erinnert. Die Kinderfrau ist darstellerisch der 
beste Typ. Für unsere Begriffe ist das Tempo zu langsam^ und 
wird zu viel in der Stube gelebt. Ein verfilmtes Schauspiel: 
nicht eigentlich ein Schauspiel des Films. —- Die amerikanische 
Groteske: „Johnny macht Karriere" ist bewegter, wenn 
auch nicht eben durchaus sinnreich. Dieser Johnny, ein findiger 
Bursche, beginnt mit Reklametricks für saure Gurken und endigt 
als Kriegsminister eines südlichen Staates. Die südamerikanischen 
Staaten scheinen in den U. S. A. das gleiche Operettendasein 
wie die Battanländer für uns Europäer zu führen. Manche Einzel 
MerklrmrdKUsßeNrmg „Die Wohnung". 
(Von unserem Sonderkorrespondenten.) 
LLr' Stuttgart, 22. Juli. Der Beitrag, der in Stuttgart 
durch die Initiative des Deutschen Werkbundes zu 
den Fragen der Wohnung von heute geliefert wird, umfaßt 
zwei Ausstellungen — eine internationale Plan- und 
Modellausstellung neuer Baukunst und eine vollständige Ueber 
sicht über das Hausgerät — und ein lebendiges Beispiel: die 
Weißenhofsiedlung mit 60 Wohnungen von der 
Stadt Stuttgart nach Vorschlägen des Deutschen Werkbundes 
von sechzehn der besten Architekten Europas errichtet. Bei der 
Vorbesichtigung, zu der die Presse von der Leitung heute nach 
mittag eingeladen war, traten die mit Veranstaltung 
verfolgten Ziele klar hervor, trotzdem das Ganze wie bei jeder 
gerade eröffneten Ausstellung noch Rohbau ist. 
4r 
Wir bewundern den Mut der Stadt Stuttgart, daß sie sich 
Zu dem Experiment dieser Siedlung verstanden hat, die 
HU einer ähnlichen Rolle berufen zu sein scheint wie seinerzeit 
die Darmstüdter Mathildenhöhe. Unabhängig von den Ein 
schränkungen der übrigen Siedlungsprogramme konnten hier 
die eingeladenen Architekten innerhalb ver weiten Grenze des 
generellen Bebauungsplanes von Mien van der Rohe, 
dem zweiten Vorsitzenden des Deutschen Werkvundes, ihre 
Häuser gestalten. Wenn die Siedlung etwas zeigt, so dies: daß 
die Baukünstler der verschiedenen Nationen, von wie verschie 
denen Voraussetzungen auch immer, einen neuen Typus 
des Wohnens Zu verwirklichen beginnen. Er entspricht zum 
ersten Male in seinem Material und seiner Apparatur dem 
heutigen Stand der Technik. Er entspricht den Bedürfnissen der 
sporttreibenden Menschheit nach Hygiene. Er entspricht der auf 
ökonomischem Gebiete Zwangsläufig eingetretenen Rationali 
sierung. Bei dem Westschweizer Le Corbusier, dem euro 
päischen Anreger dieser Richtung, wird es deutlich, daß über 
das Praktische hinaus das neue Bauen auch eine Geistigkeit 
unterstellen möchte. Ueber ihre Tragweite wird noch zu reden 
sein. Jedenfalls kann man solcher Architektur mit ästhetischen 
Kategorien allein nicht gerecht werden. 
Das Hausgerät in der Gewerbehalle ist eine vom 
Werkbund ausgewählte Bestandsaufnahme industrieller Er 
zeugnisse, wobei bewußt von allem Kunstgewerblichen abgerückt 
worden ist, eine folgerichtige Entwicklung des Werkbund 
gedankens, die mit der bekannten Ausstellung „Form ohne 
Ornament" begann und sich bei der Internationalen Kunst 
gewerbeausstellung zu Leipzig durch den unausgesprochenen 
Verzicht des Werkbundes auf eine führende Beteiligung nega 
tiv dargestellt hat. Es ist jetzt schon zu spüren, daß diese Ab 
sage an das Kunstgewerbe dem Werkbund einen umso größeren 
Einfluß auf die industriellen Verbände geschenkt hat. 
Die Plan aus stelln ng in den städtischen Aus 
stellungshallen vereinigt Modelle und mustergültige Photo 
graphische Aufnahmen der modernen Weltarchitektur im größ 
ten Format. Sie gewährt die Möglichkeit zu Vergleichen und 
gibt damit der Weißenhofsiedlung ein überraschendes Relief. 
Merkkrmdarrssteürmg: „Die Wohnung" 
Die GvSMrms. 
(Vsn unserem Sonderkorrespondenten) 
Stuttgart, 23. Juli. Im großen Saale der Internatio 
nalen Plan- und Modellausstellung fand heute vormittag die 
Eröffnung der Werkbundausstellung statt. Oberbürgermeister 
Dr. Lautenschlager begrüßte die Schar der eingeladenen 
Gäste, unter denen sich auch die Vertreter der Nachbarländer 
Bayern, Baden und Hessen befanden. Er betonte, daß die ge 
samte Ausstellung aus unmittelbar praktischen Inter 
essen hervorgegangen sei. Mies vanderRohe, der zweite 
Vorsitzende des Deutschen Werkbundes, dankte den Mitarbei 
tern am Werk und wies darauf hin, daß Veränderungen sozia 
ler und wirtschaftlicher Art den Grund zum neuen Bauen ge 
legt hätten. Rationalisierung und Typisierung seien nur Mittel 
zum Zweck. In Wahrheit gehe es um mehr, um die Heraus 
bildung neuer Lebensformen. Geheimrat Bruck 
mann, der altbewährte Präses des Werkbundes, erinnerte 
kurz an die Wandlungen des Werkbundgedankens seit der Köl 
ner Ausstellung 1914. Die Stuttgarter Ausstellung solle zeigen, 
daß die Sorge um die Wohnung heute eine Sorge der ganzen 
Welt ist. Der Redner entrichtete seinen Dank der Württem 
bergischen Staatsregierung und der Stadt Stuttgart, die in 
einzigartiger Weise der Ausstellung ein Heim geschaffen habe. 
Nach der feierlichen Eröffnung der Ausstellung durch den 
Württembergischen Staatspräsidenten Vazille schloß sich 
unter den Klängen der Reichswehrkapelle der offizielle Rund 
gang an. 
MtL K oman. Von 0 onrsä 
Leiten, ^eö. 6. 
I)6i- „DürMrsebrook" dat von ssiasm Verlasse? 
aaed äea Manien Ledreed erkalten; aber so Moll 
Ist äer Ledreeden niedt, äen er verbreitet. Ltatt ibn 
äer ddrMrlieden ^Velt von anllsn dsr oinrmfagen, 
dlsidd er büdseb in ibrer Nitte nnä bosobwört nnr 
Lkanääleben berank. Dieser Lebroek ist selber ein 
Dürrer. Dreilied ein Mr^er. äer, was seine Privat 
person an^edt. rabiat Mworäon ist. nnä aus Naobt- 
dnnMr mit äer Oesellsedakt nnr so nmsprin^t. Ds 
danäeit sied nnr äie Oesellsedakt eines DosicDnA- 
stäätedens, nnä etwas provinLiell mntot aned äas 
äiaboliseds Oetns Ledreeds an. Dr erklärt gntZIän- 
biMn Diedtsrn unä Diteraten. äall es mit äer 
Mederrabrikation unä äein DdeaterspieleN sein Dnäe 
dabei er knöpkt sied äie Honoratioren vor unä ver 
ängstigt sie so lange, bis sie Nun äie srwünsebto 
Stellung oinränmsn; er verlüdet äie Dran eines Kied- 
ters unä ärüekt sied äann. In einem grollen banpt- 
stäätisLden Aeitungsbetrieb setst ex noed kür knr?s 
Deit äsn äämoniseden Betrieb auk erweiterter Ornnä- 
lage kort. Duletst erreiedt idn äas Ledieksal in (Ge 
stalt äes betrogenen Biedters^ äessen Dran in- 
Lwiseden ins Masser gegangen war. Dsr Verkasser 
ist unLweikeldakt begabt unä dat Oeäanken. Lein 
dislä soll gewill lenen geraäe von einer angskressenen 
OessIIsedakt däukig emporgetragensn Dreibeuter 
Ivans verkörpern, äer äes Halts entbsdrt unä äured 
äie Verdoppelung beäeudsnloser Derrsedsuedt mit 
überlegener Intelligenz anäsre unä sied selbst ver- 
niedten mull. ÜVenn er niedt glaubdakt geraten ist, 
so trägt äie 8edulä äaran. äall msdr tdeoretisiert 
als getan wirä, unä äie ^kkären su Kleinbürgerlied 
aukgeziogen sinä. Das sinä Kedääen. äenen in spä-! 
teren Werken abgedolken wsräen kann. Dir. » 
— Die drei Memandskinder. Dieser im „Cap itol" laufende 
Film behandelt österreichische Schicksale oben und unten, rechts 
und links, vor und nach dem Krieg. Jeder kommt auf feine Kosten, 
Keine Partei wird geschädigt Man erlebt Adele Sandrock 
als Kaiserliche Hoheit im Glanz und Elend, mit schauerlich er 
loschenem Gesicht. Ihre beiden Enkel, ein junger Erzherzog und 
seine Schwester, schließen sich nach der Revolution an ein Findel- 
kmd an, dem Tenia Desni ihre blondoffenen Reize leiht — 
cm Dreibund von Niemandskindern, der bald wieder blüht. Denn! 
man glaube nicht, daß es den verarmten Hamburgern schleM 
gehe, oder das Findelkind wirklich von niedriger Herkunft sei 
Alls machen ihr Glück: das Findelkind findet seinen Papa, einen 
heiratet den Erzherzog, b-essen Schwester einen 
auch nicht von armen Eltern stammt. Ge 
spielt wrrb gur und dre Absicht der Unterhaltung ist erreicht. — 
B V u o s ra te n r si g c e h h d t e e r m Sc e h n r t f z f ü a c h k r e t nd e e r r gib B t; u w s a te s r er K d e a a ru t n o te n r - E M rs m teh , t. in dem !
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        fortgesetzt erinnert werden, die Schweizer sind auf biderbe 
Weise raffiniert). Der Besuch dieser photographischen Schau 
ist nicht nur für Architekten lohnend. 
kleine technische Apparate zu sehen, die schon seit Jahren so 
hergestellt Wochen sind —- Dinge knappster Gestaltung, auf die 
letzte Formel gebracht. Während sie aber früher fremd in den 
Räumen saßen, für die sie verwandt wurden, starren, bereits 
historisch gewordenen Räurne kunstgewerblicher Art, bildet sich 
heute die Wohnung heraus, in die sie von Rechts wegen gehören. 
Das präzise Wafferhähnchen, das seiner Umwelt voraus war, 
findet jetzt Häuser, die ihm technisch ebenbürtig sind, und die 
Badewannen brauchen sich der Speisezimmer nicht mehr zu 
schämen. 
Das Wichtigste ist dies: daß die gesamte Schau einer I n - 
ventaraufnahme der von der Industrie tatsächlich an 
gefertigten Gegenstände darstellt. Nicht mehr wie vor zwei 
Jahren noch bei der Stuttgarter Ausstellung: „Form ohne 
Orament" sind Dinge eigens zu Demonstrationszwecken aus 
gebildet worden, sondern alles Gezeigte befindet sich wirklich 
im Umlauf, wird gekauft und verbraucht. Freilich war die 
Auswahl aus den vorhandenen Beständen mit Schwierigkeiten 
verknüpft. Um das passende Material zu erhalten, hat sich die 
Werkbundleitung in der Regel an die g r o ß e n V e r b L n d e 
gewandt, die sich leichter als die Einzelfirmen von dem Sinn 
der Sichtung überzeugen ließen und fast durchweg ein nicht 
genug anzuerkennendes Entgegenkommen bewiesen. Schon 
heute darf als Ergebnis des neuen Ausstellungsprinzips ge 
bucht werden: daß es die Industrie mehr zu gewinnen und 
anzueifern vermag als die frühere Methode. 
Kämpfe waren vor allem mit den vorwiegend kunstgewerb 
lich eingestellten Industriezweigen auszufechten. Die Ta 
petenfabrik anten etwa, die alljährlich eine Menge 
neuer Muster auf den Markt werfen, mit immer anderen Be 
lebungsversuchen von Familienhintergründen, führen begreif 
! licherweise Klage darüber, daß die konstruktiven Hausgerippe 
von ihren zweidimensionalen Produkten nicht mehr viel wissen 
! wollen. Nur wenige lichte und enthaltsame Rollen sind aus 
! der ganzen Mannigfaltigkeit erwählt. — Sonderbar liegt der 
&amp;gt; Fall bei der Gardinenindustrie. Die gleiche Technik, 
die heute der Wohnung sich bemächtigen möchte, hat, seit den 
sechziger Jahren schon, Maschinen hervorgebracht, denen die 
Zierate mühelos entquellen. Die Maschinen verlangen nach 
Nahrung, und der Werkbund sieht sich gezwungen, ihnen, vor 
erst wenigstens, das Futter zu verweigern. Er fetzt sie auf 
Hungerration — eine dialektische Entwicklung, eine Beschrän 
kung der technischen Möglichkeiten aus technischen Gründen, 
ein in sich selbst begründeter Umschlag, kraft dessen die ur- 
prüngliche Potenz der Maschinen verringert werden soll, weil 
le noch nicht in strengem Sinn maschinenhaft ist. Vielleicht, 
ägen die Werkbundleute, kommt später wieder eine neue Fülle, 
einstweilen aber ist Kargheit geboten, und die Gardinen- 
maschinerie muß sich den Bauchgurt enger schnüren. — Auch 
die eisernen O-efen sind Zu üppig dekoriert. Einzig das ! 
schon früher ausgestellte Kramersche Modell hat Bestands 
Um einige wohlgestaltete Oefen zu retten, hat man ihnen die' 
-.Ornamente abgeschlagen wie den Häusern vomKurfürsten- j 
Das Wohnhaus hat die Entwicklung der 
Technik und des öffentlichen Lebens aufzu- 
holen begonnen: Das ist der entscheidende Eindruck, 
den die Weißenhof-S red lung erweckt. Sie liegt noch 
im Rohen, noch ist die Innenausstattung nirgends vollendet; 
darum wäre der Bericht über Einzelheiten und die unerläßliche 
kritische Sichtung vorerst verfrüht. Gewisse Grundzüge des 
neuen Bauens, die sich, wie die Siedlung drastisch beweist, 
von allen Seiten her durchsetzen, sind indessen jetzt schon deut 
lich zu erkennen. Es geht darum, mit den Mitteln der moder 
nen Technik Menschen eine Wohnung zu schaffen, die in ratio 
nellen Großbetrieben stehen, Auto und Flugzeug benutzen, rm 
Stadion den notwendigen Sport treiben und durch ihr Massen 
Haftes Auftreten im Wesen bestimmt sind. Die neue Wohnung 
nmß zu dem veränderten Raumgefühl dieser Menschen Passen, 
sie hat sich polemisch Zu verhalten Zu der privaten AbgeM 
heit, die eine noch an vielen Orten in die Gegenwart wirkende 
vergangene Epoche mit ihren Innendekorationen erstrebte. Das 
nach dem die Dinge angeordnet sind, bleibt geheim oder prägt 
sich doch jedenfalls an der Oberfläche nicht pathetisch aus. 
Die Werkbund-Parole: Los vom Kunstgewerbe 
hat sich noch niemals so sichtbar dargestellt. Simpel und puri 
tanisch sind die beiden Kennworte, die als Motto über 
dem Eingang stehen könnten. In jenen, schönen ange 
nagelten Groteskbuchstaben Willy Baumeisters,' die, rot 
oder grau, den einzigen ornamentalen Schmuck der Wände 
bilden. Auch sie kein Ueberfluß, ein Zweckornament viel 
mehr, das Firmen nennt. Verschwunden der Krimskrams, 
der Zu den umständlichen Dessous der noch nicht Sport 
treibenden Frauen von früher gehörte. 
Das neue Hauen. 
Dur Stuttgarter Merkbuud-Ausßelluug: „Dre Mshmmg" 
Diese Häuser sind Gerippe aus Eisenstützen, Backstein 
fragmenten, Beton und anderen Substanzen -- Gerippe, die 
jede konstruktive Möglichkeit auskosten, jede ihnen durch die 
heutige Bautechnik eingeräumte Freiheit Nutznießern Welchen 
Gebrauch machen sie von der neu errungenen Freiheit? Im 
Innern verzichten sie auf durchgehende Wände; so sind die 24 
Wohnungen des Miethausblocks von MiesvanderRohe 
verschiedenen Architekten zur individuellen Aufteilung über 
lassen worden. Viele Kombinationen sind derrkbar, Parteien mit 
und ohne Kinder können sich einrichten. In den Einzelhäusern 
wird fast überall das Speisezimmer in den großen Wohnraum 
einbezogen, die Durchreiche zur Küche,idie man auch von den 
Frankfurter Siedlungen her kennt, ist Allgemeingut geworden. 
Darüber hinaus herrscht das Bestreben, die Scheidewände 
zwischen den Zimmern durch Schiebetüren nach Möglichkeit 
beweglich zu halten; wenn nicht gar sie auszuheben wie in dem 
einen Haus LeCorbusiers, in dem Schlafzimmer, AnKeide- 
und Badegelegenheit von dem Hauptraum nicht mehr deutlich 
abgetrennt sind. Das alles im Dienst von Licht und Helle, ver 
bunden mit einer rationell durchdachten Apparatur. Was die 
Fassaden betrifft, so sind sie die eingesetzten äußeren Abschlüsse 
des Gerippes, ohne tragende Funktion. Gelagerte Fenster 
können sie ihrer ganzen Länge durchbrechen, und durchbrechen 
sie darum auch. Ausdrücklich wehren sich die Fassaden dagegen, 
ein Gesicht zu haben, als geschlossenes Bild von einem festen 
Blickpunkt aus betrachtet zu werden; denn Menschen, die sich 
nnt hundert Kilometer Geschwindigkeit fortbswegen, tragen 
mit Recht kein Verlangen nach solchen Bildern. Nicht der an- 
gewurzelte Beobachter ermißt die Häuser, sondern der sie um- 
streifende und durchdringende; oder der Flieger, dem sie ihre 
flachen Dächer Mehren, auf denen sich ihm die Familien in 
mitten gärtnerischer Anlagen bieten. 
Im Ganzen also: Auflösung des Hauses als einer per 
spektivisch auszuwertenden Baumasse eine Auflösung übrigens, 
die bereits im generellen Bebauungsplan von Mies van der 
Rohe sich darstellt, der die Häuser ineinander spielen läßt, statt 
sie zur einheitlichen architektonischen Gruppe zusammenzu- 
fassen; Gelenkigkeit aller Glieder innerhalb eines sich wenig 
bemerkbar machenden RahnreM; Hygiene; kein Drum und 
Dran. Ein Gerippe, mager und behend wie der Mensch in 
Sporthemd und Hose. Das geschickte Wasserhähnchen kann zu 
frieden sein. Wenn Frauen und Männer abends aus Fabriken 
und Büros nach Hause kommen, werden sie nicht mehr in das 
vorige Jahrhundert zurückversetzt. 
Ein Hinweis nur auf die Plan- und Modellaus 
stellung, die von Amerika und fast allen europäischen 
Ländern mit gut ausgewählten Beispielen moderner Architek 
tur beschickt worden ist. Sie ist als Materialsammlung so 
wertvoll, daß man sie erhalten wissen möchte. Musterhaft die 
Veranschaulichung durch Photographische Vergrößerungen 
riesigen Formats; Photographien von solchen Dimensionen 
sind dem Raum gemäß, den die gegenwärtigen Menschen und 
ihre Bauten erfüllen. Zu erkennen ist hier: die starke Ab- 
In der großen Hallenausstellung der Stuttgarter Werk-! hängigkeit des heutigen Bauens von amerikanischen Weg 
bundschau sind einige Wasserhähnchen, Ladeeinrichtungen und bereitem — es wäre richtig gewesen, auch dem nicht minder 
vorbildlichen englischen Landhausbau eine Stelle zu gönnen; 
die Einheitlichkeit des Prozesses der Dhnamisierung aller 
stabilen Elemente, die gleichbedeutend ist mit der Abschaffung 
der europäischen Perspektive alten Stils; die Abwendung von 
der kunstgewerblichen Ausfiaffierung zur technisch einwand 
freien Hausorganisation, die nur den notwendigen Bedarf 
locker und unaufdringlich erstellen will; die Beharrlichkeit 
nationaler Eigenarten, die wie ursprüngliche Farbtöne immer 
wieder durchschlagen (Gropius etwa wirkt ein wenig doktrinär 
neben der Eleganz Le Corbusters, die Italiener können die 
Säulen nicht vergessen, an die sie freilich durch Mussolini 
sind Forderungen und Zwangsläufigkeiten, die nicht inner- b e h r li c h en Sc h e id ew ä n d e : 
ästhetischen Motiven entspringen, sondern sich aus den Da- Frankfurter Werkbundhaus, sondern ein offenes Neben- 
seinsbedingungen der industriell wirtschaftenden Nationen einander der Waren. Manche Firmen, die sich dagegen an 
ergeben, und sich nur deshalb auf dem Gebiet des privaten fänglich sträubten, sollen inzwischen die Vorteile einer solchen 
Wohnens bisher nicht verwirklicht hatten, weil sie das Leben Grenzverwischung eingesehen haben. Wie in der Siedlung 
des Einzelnen später als das öffentliche erreichten. auch die Unterdrückung perspektivischer Aspekte. Das System, 
Ihnen kommt die Mehrzahl der Siedlungshäuser entgegen. nach dem die Dinge angeordnet sind, bleibt geheim oder prägt 
Die Hallen-Ausstellung vereinigt eine Auswahl von 
Haus gerät, für die neue Grundsätze maßgebend ge 
wesen sind. Bezeichnend schon allein die Art, in der Lilly 
Reich, die verantwortliche Leiterin dieser großen Schau, 
die Räume gestaltet und aufgeteilt hat. Helle Hintergründe, 
die Wände treten zurück. Die alte Haupthalle, die mit ihren 
ausführlich verschnörkelten Eisenträgern an einen verschollenen 
Bahnhof gemahnt, erstrahlt in einem weißen Glanz, von dem 
der rührende Prunk der Balustraden und der Dachkonstruktion 
sich dünn und dunkel abhebt; durch die Verwandlung wird 
das Gebilde aus der Gegenwart gerückt und beinahe schön. 
Entscheidend ferner, daß die Auflösung so weit wie möglich 
getrieben ist. Wie in der Siedlung draußen fallen die errt- 
: keine Kojen mehr wie noch im 
offenes Neben- 
sich dagegen an-
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        dämm Die Industrie ist deinVernehmen nach an der Her 
stellung neuer Modelle interessiert. 
Ein Bericht ist kein Katalog, und der Gegenstände sind 
außer den bereits genannten zu viele, als daß sie auch nur 
annähernd verzeichnet werden könnten. Zur Vollkommenheit 
gediehen ist vor allem die gesamte Apparatur: Bade 
räume, Toiletten usw. Unter den Ausstellern auf diesem Ge- ! 
biet behaupten die Stuttgarter Städtischen Gas- und Elekiri- 
Zitätswerke einen Ehrenplatz. Große Firmen, die bisher laut 
Verbandssatzung stch auf Messen nicht Zeigten, haben sich dieses 
Mal beteiligt. Es funkelt von Platten und Metall, an den 
Kühlschränken strahlen Beschläge, die Boiler sind Zur Kugel 
gerundet. Dem Publikum wird überall Gelegenheit geboten, 
Versah rungsweisen und Betriebe aus eigener Anschauung 
kennen zu lernen; unter anderem den Mitropa-Speisewagen 
und die Stuttgarter Küchen die von Dr. Erna Meyer 
eingerichtet worden sind. Daß die Frankfurter Muster 
küche prangt, versteht sich von selbst. An den schönen Raum 
für Webereien schließt stch der besonders geglückte der Lino 
leumindustrie: keine aufgebaute Innenarchitektur, sondern eine 
reine Darstellung der Ware mit neuen weißen, roten und 
schwarzen Belagen, die hart wirken wie Gestein. Vergessen 
wir nicht das Kupfergeschirr, längst verwandte Pfannenformen, 
die in diesem Rahmen neu zur Geltung kommen, rostfreie 
Bestecke, säurefeste Metallgefäße und feuerfeste Gläser, Metall 
betten, die sich durch die vom Werkbund vorgeschlagene leichte 
Veränderung der Proportionen wesentlich verbessert haben, 
Der Frage, was die heute von einer internationalen Vor 
hut der Architekten vollzogene Wendung bedeutet, wird nicht 
auszuweichen sein; so wenig auch gerade solchen Anfängen 
gegenüber abschlußhafte Formulierungen statthaft sind. Ratio 
nalisierung und Typisierung sagte Mies van der Rohe in 
seiner Eröffnungsansprache, seien nur Mittel zum Zweck; in 
Wahrheit gehe es um die Darstellung neuer Lebensfor 
men. Er selber hat mit seinem Bebauungsplan Anstoß erregt, 
weil er die Häuser zunächst ohne Rücksicht auf starre Eigen- 
tumsgrsnzen verteilte. Auch Le Corbuster hat, wie man weiß, 
die Stilwandlung weltanschaulich zu begründen gesucht. Diese 
und andere Bekenntnisse beweisen immerhin, daß die neue 
Hausorganisation nicht allein aus dem Zwang zur ratio 
nellen Wirtschaft geboren ist; wie kräftig er sich im einzelnen 
auch durchsetze. Beschränkt sie sich darauf, dem Privat- 
menschen eine Wohnform zu geben, die — endlich — im Ein 
klang mit seinen gegenwärtigen gesellschaftlichen Funktionen 
steht? Oder enthält sie bereits im Keim den einen oder ande 
ren Hinweis auf eine veränderte Gesellschaftsordnung, statt 
es sich mit der Bestätigung der faktisch vorhandenen genügen 
zu lassen? 
Häuser stehen im Raum und gehen aus ein Frage- und 
Antwortspiel nur in begrenztem Umfang ein. Vielleicht deutet 
wirklich die Anlage des Bebauungsplans und der immer 
wiederholte Versuch, durch das Einreißen von Zwischenwänden 
die frühere Jnsichgeschlossenheit des Einzelmenschen nach 
außen hin abzubauen, auf eine noch angegebene Struktur der 
Gesellschaft vor; vielleicht soll er aber auch nur dem anonymen 
Sein des der kapitalistischen Wirtschaft verpflichteten Masssn- 
menschen Ausdruck verleihen. Alle diese Erscheinungen sind 
mindestens doppeldeutig. Gleichviel aber, ob sie unter anderem 
auch über das herrschende soziale System sich hinaus er 
strecken: jedenfalls entsprechen sie ihm, wie zu Beginn darge 
legt wurde, in einer bisher nicht erreichten Weise. Sie sind 
sein vollendeter Spiegel; was immer sonst sie noch sein 
mögen. Bedürfte es eines Beweises für diese ihre Spiegel- 
haftigkeit, so wäre er durch den Puritanismus erbracht, den sie 
in allen ihren Teilen bekunden. Nicht das Menschliche wird in 
den neuen Wohnungen unmittelbar freigesetzt, sondern eher 
der Mensch des heute geltenden Wirtschaftssystems, der 
asketisch sein muß, wenn er ehrlich sein will. Sie bedeuten 
vorwiegend eine Revolution gegen Raum geb ild e, die anachro 
nistisch in unsere Zeit ragen, und nur insofern sie sich dem 
gegenwärtigen Stand der Dinge anpassen, bereiten sie „neue 
Lebensformen" vor. 
Beleuchtungskörper, die Lihotzkysche Sammlung van Bei 
spielen und Gegenbeispielen. 
Abgesehen von der Indanthren-Industrie, deren Farben 
in infinitesinalem Uebergang durch die Unendlichkeit des 
Spektrums gleiten, hat sich noch die Württembergische 
Möbelindustrie unter Führung Pros. Pankoks in 
einem großen Saal selbständig niedergelassen. Es ist der 
Sonderveranstaltung anzumerken, daß sie die Grundsätze des 
Werkbunds als nicht für sich verbindlich erachtet. Das gut 
gearbeitete, fournierte und ledergepolsterte Mobiliar guter 
Stuben und kultureller Herrenzimmer versammelt sich hier, 
als sei es unmittelbar dem Glanzpapier gepflegter Kunstzeit 
schriften entstiegen — ein Gespensterverein aus dem endgültig 
vergangenen Gestern, der den Schatten einer Spezis des 
bürgerlichen Mittelstandes Heraufbeschwort, die noch immer 
von heute zu sein glaubt. Diesen Bücherschränken ist unbe- 
sessenes Bildungsgut einverleibt worden, in diesen Klubsesseln 
waren Gebeine vergraben. Dem Werkbund kann es nur recht 
sein, daß mitten in der Ausstellung ein solcher Requisttenraum 
ausgespart ist; die von ihm erkannte Notwendigkeit neuen 
Bauens ließe sich schlagender nicht erhärten. 
In der Hallen-Ausstellung befindet sich ein merkwürdiger 
von Mies van der Rohe und Lilly Reich erdachter Raum. 
Seine Wände sind aus milchigen und dunkelfarbigen Glas 
platten zusammengesetzt. Ein Glaskasten, durchscheinend, 
dis Nachbarräume dringen herein. Jedes Gerät und jede Be 
wegung in ihnen zaubert Schattenspiels auf die Wand, körper 
lose Silhouetten, die durch die Luft schweben und sich mit den 
Spiegelbildern aus dem Glasraum selber vermischen. Die Be 
schwörung dieses ungreisbaren gläsernen Spuks, der sich 
kaleidoskopartig wandelt wie die Lichtreflexe, ist ein Zeichen 
dafür, daß das neue Wohnhaus nicht eins letzte Erfüllung Le- 
deutet, daß es nicht genügen kann, Wasserhähnchen zufrieden 
zu stellen und eisernen Oefen die Dekoration abzuschlagen. 
Wie kitschig immer die abgeschlagenen Zierate waren: oer 
Nest ersetzt das mit ihnen Armeinte nicht. Wahrscheinlich sind 
die neuen Häuser ihrem Gehalt nach Reste, das heißt, zeit 
gemäße konstruktive Fügungen der von schlechtem Ueberfluß 
gereinigten Elemente; und gewiß sind diese Restkompositisnen 
allein in der gegenwärtigen Gesellschaft zu verantworten. Aber 
es wäre gut, wenn aus ihnen mehr noch, c/s es heute geschieht, 
die Trauer über die Entsagung spreche, die sie üben müssen; 
jene skurrile Trauer, die an den in die Glasfläche gebannten 
Erscheinungen hastet. Denn die Hausgerippe sind sich nicht 
Selbstzweck, sondern der notwendige Durchgang Zu einer Fülle, 
die keiner Abzüge mehr bedarf und heute nur negativ durch die 
Trauer bezeugt werden kaun. Sie werden erst Fleisch ansetzen, 
wenn der Mensch aus dem Glas steigt.
        <pb n="50" />
        nicht vollends verschlissen werden. 
eseL. 
Wer Gelegenheit der Aufführung des FTms in den 
FrsnkfVrter Msrrmrmia-LWMeLen.) 
^Mein Heidelberg . .I Früher wurden zu Texten 
Schlager geschrieben, heute werden die Schlager verfilmt. Der 
neueste: „Mein Heidelberg, ich kann dich nicht ver 
gessen . . »" hat einen Film auf die Leinwand beschworen, der 
genau so gut Zu jenem anderen Schlager von dem in Heidelberg 
verlorenen Herz paßte, mit dem allein es eigentlich schon genug 
gewesen wäre. Jedenfalls ist der Heldin ihr Herz dmt abhanden 
gekommen;, es ging an einen leider zu früh verstorbenen Stu 
denten verloren, es ist an den bebänderten Burschen hängen ge 
blieben, die immer noch, im Film wie im Leben, ihre Gesichter 
mit Schmissen verzieren^ den Komment peinlich befolgen und mit 
der alten Burschenherrlichkeit auch die anderen Herrlichkeiten von 
früher erneuern möchten. Es ist verloren, Hr Herz, und sie kann 
es an der Waterkant' nicht wiederfinden, wo sie als Frau eines 
Großreeders, den zu ehelichen niemand sie zwang, im Geld nur 
so schwimmt. Der Großreeder, der reich genug ist, um sich sogar 
ein großes Herz leisten zu können, hat mit der Frau etwas aus- 
zuhalten. Denn blickt sie in den Nachthimmel: welchen Namen bil 
den die Sterne? Heidelberg. Hört sie ein Grammophon: was 
tönt ihr entgegen? Der Schlager. Tut sie wie stets überhaupt 
nichts: womit beschäftigt sie sich? Mit Heidelberg, seinen Rapieren 
und Mützen. Heidelberg überall. Zuletzt entflieht sie an den Ort 
ihrer Sehnsucht — warum die Flucht, wo der Mann hätte mit 
reisen können? —„ wandelt im Mondenschein auf der Schloßter- 
raffe, als sei sie ein Volkslied mit dem bekannten Blick auf den 
Neckar, und wird von dem ihr im Tourenwagen eigenhändig 
nachsteuernden Gatten anderen Tags entseelt am Grab des leider 
zu früh verstorbenen Studenten in Großaufnahme betrauert. Ihr 
H-erz hat sich wiedergefunden, das des Großreeders ist gebrochen.— 
Manchmal heißt die Stadt auch Wien. Heidelberg und Wien: 
schöne Städte. Sie sollten durch eine nichtsnutzige Filmromantik 
Schirmen die steile Köh'. 
Meldung der „Frankfurter Zeitung": 
Die Absicht eines Sommertheaterdirektors, den «Prin 
zen" Harry Domela im Theater am Nollendorfplatz 
in einer Rolle in „Altheidelberg" austreten Zu lassen, 
Hai Zu einem Konflikt mit der Ufa geführt- 
Dieses Unternehmen, das sich als eigentlichen Pächter 
des Theaters betrachtet, hat bereits vor einigen Tagen 
gegen die Absicht des Theaterdirektors Hut, der als 
Unterpachten: fungiert- Einspruch erhoben. 
Die Ufa weigert sich, den „Prinzen" Harry Domela in einem 
von ihr gepachteten Theater als Prinzen auftreten zu lassen. Die 
Ufa — das ist Herr Hugenberg. Herr Hugenberg erachtet es 
als ein Gebot der Stunde, sich schützend vor Prinzen zu stellen, 
selbst wenn sie nur Theaterprinzen sind; im Interesse des Prinz- 
Rchen Standes. Herr Hugenberg ist so zart veranlagt, daß ihn 
bereits der Schatten einer Kränknug des Monarchenberufs ver 
drießt. In meinen Räumen nicht, sagt Herr Hugenberg, und 
weist dem Harry Domela die Tür. Herr Hugenberg fürchtet, 
Prinzen kannten verletzt werden, die vielleicht doch noch ein 
mal . . während er die Republik gewiß nicht darum für unver 
letzbar hält, weil sie unverletzlich ist. Herr Hugenberg wird in der 
Ufa Filme inszenieren lassen, von denen nicht zu besorgen ist, 
daß sie echten Prinzen zum Schaden gereichen. Herr Hugenberg 
stellt sich auf die Seite der Schwachen, die durch die Republik 
benachteiligt worden sind; wenn auch nicht finanziell. In seinen 
Theatern finden echte Prinzen stets ein Asyl. 
Der SonKnertheaterdirektor wird Harry Domela an anderer: 
Stelle den Karlheinz spielen lassen müssen. Es wäre schade. 
Wenn nicht endlich einmal ein Karlheinz auf den Brettern erschiene, 
der sich im Leben Anderer als Prinz bewährte. Der durch sein 
Auftreten Republikanern GeLer und Ehrenknickse entlockte. Der 
ein Prinz war, weil er in der Wirklichkeit von erfahrenen Herren 
unb-Damen sür einen Prinzen gehalten wurde. Der haarscharf 
bewies, daß sogar in der deutschen RepÄÄk zu einem Prinzen 
nichts weiter gehört als eine so und so beschaffene Figur. Der 
in der Öffentlichkeit klarlegte» was sich RepuMkaner von der 
Art Hugenöergs von einem Prinzen erwarten. 
k / 
--- Der Mm„Primanerliebe", der in den Breber- 
bau-Lichtsptelen läuft, enttäuscht angenehm. Schüler- ,6- 
tragödien sind schon wiederholt kitschig verfilmt worden. . 
Dieser Film dagegen zeigt ein glaubhaftes Geschehen (Manu 
skript: Dr. Alfred Schirokauer), sorgfältige Regie 
(Robert Land) und vor allem eine anständige Gesinnung. 
Er ist gut, Eltern, Lehrer und auch junge Leute sollten ihn 
sich ansehen. 
Eim Primanerklasse an einer heutigen Schule. Der Held, 
von Wolfgang Zilzer sympathisch verkörpert, wächst bei 
seinem Onkel auf, der es mit der Strenge zwingen will. Fritz- 
Kortner: dumpf und bedrohlich, nicht nur der Junge 
müßte Angst vor ihm haben. Der Junge liebt natürlich ein 
Mädchen aus Selekta, von Grete Mosheim gespielt, 
die blond, frisch und nett ist. Eine geheime Schülerkneipe 
findet statt, bei der ein anderer Primaner erwischt wird. Er 
hat ein Stipendium, liebt eine Kellnerin und erschießt sich, 
weil er die Ausweisung aus der Anstalt nicht überleben 
könnte. (Bildhübsch ist dieser Mattin Herzberg, der den 
Jungen in verwachsenen Kleidern darstellt.) Der Freund des 
Verstorbenen kann die Trauerfeier in der Schule nicht er 
tragen und stiehlt stch davon — ein Verstoß, der zu seiner 
Relegierung führt. Aus Furcht vor dem Vormund will auch 
er sich erschießen. Es kommt nicht dazu, da er zunächst aus 
dem Revolver einen Streifschuß auf einen Sänger abgeben 
muß, der gegen jene kleine Selektanerin handgreiflich wird. 
Gerichtsverhandlung. Freispruch. 
Auch in der älteren Generation sind die angenehmen und 
peinlichen Typen gerecht verteilt. Neben dem humanen Direk 
tor findet sich als Hauptperson der Studienrat Jaro Fürths, 
ein Pädagoge der alten Schule und, alles in allem, eine 
einzige bärtige Gemeinheit. Agnes Sträub ist die freund 
liche, etwas verschüchterte Frau des Onkels. Eine Glanz 
leistung Adolphe Engers als Mädchenschulprofessor; 
dümmlich und rosa. 
. Als guter Regieeinfall verdient die folgende Szene hervor 
gehoben zu werden. Die Klasse hat das Auflatzthema zu be 
handeln: „Welche Lehren sind aus dem Weltkrieg zu 
ziehen?" Unser Held, dessen Vater gefallen ist, fordert die 
Brüderlichkeit der Menschen. Der Streber der Klaffe, dem man 
den zukünftigen Reserveoffizier ansähe, wenn es noch welche 
gäbe, schreibt von frischfröhlichen Reiterliedern usw. Hinter 
diesen Aufzeichnungen sieht man die Jungensgesichter auf 
blitzen, und die Lächerlichkeit der vom Streber hingeschmetter 
ten Phrasen wird durch den Ausdruck der Gesichter drastisch 
belegt. 
Der Film ist vom Zentralinstitut für Erziehung und Unter 
richt als künstlerisch wertvoll anerkannt worden. Wahrschein 
lich dankt er die Anerkennung zum Teil dem Kompromiß am 
Ende. Der Studienrat nämlich, der mehr als eine Rüge ver 
dient hätte, läutert stch sozusagen, und ebenso beschließt der 
Onkel wider jedes Erwarten, in Zukunft nicht mehr hatt gegen 
seinen Neffen zu sein. Aber diese Zugeständnisse mögen hin 
genommen werden, denn der Film steht sonst hoch über der 
Durchschnittsproduktion. Lucu. 
-- England-Aegypten. In d« Neuen LichLbühne Wust 
der von Lothar Mendes nach einnn KrimLrMromau von Mühlen- 
Schulte inszenierte Film: ^ie drei KuckuSSAhren . 
Da er zum Teil in Aegypten spiest, ist Mendes nach Kairo aeveist 
und hat einige gute Dampfer- und Straßenaufnahmen mitgebracht. 
Die Handlung wird im übrigen mehr illustriert als verfilmt. Sie 
ist spannend und unwahrscheinlich. Ein romantischer Lord laßt sich 
durch einen Brief und drei Kukuksuhren dazu verführen, seinen 
Landsitz zu verlassen, in dem er einen ansehnlichen Goldschatz ver 
wahrt, und sich in die Höhle der Verbrecher nach Kairo zu begehen. 
Der Hauptschuft wird durch.Albert St ein rück brutal und ab- 
g-efeimt dargeMt. Man fleht auch wieder den schönen Nils 
Asther, der an Ramon Novarro erinnert und stets sympathische 
junge Männer verkörpert. Lillian Hall-Davis hat sich die 
Hosenrolle eines kleinen Japaners zugelegt, in der sie anzieh^d 
wirkt. In dem Buch kommen Alligatoren vor, die den abenteuer 
lichen Lord verschlingen sollen. Wo bleiben die Alligatoren im 
Film? Wer auch ohne sie gibt es Sensationen genug, die freilich 
etwas grobnervig aneinandergereiht find. — Im Beiprogramm ist 
der Pola-Negri-Mm: „Die Frau des Kommandeurs" 
wieder ausgenommen, den man gut zweimal sehen kann. Super 
mann erweist sich nicht als die schlechteste Unterlage für einen an 
ständigen Film. Man erkennt aus diesem Film der Vorkriegszeit 
u. a., wie endgültig vergangen die wilhelminischen Offiziere sind 
— oder doch sein sollten. Das kleine Ladenmädchen, die Kokotte, 
die große Dirne; alle Möglichkeiten werden von Pola Negri be 
herrscht. R-aen. 
— Gauner im Frack. Das ist ein hübscher Film, der jetzt in 
den, Alemannia-Lichtspielen läuft. Wir werden uns 
hüten, die Tricks zu verraten, die von den beiden Hochstaplern an 
gewandt werden; genug, wenn wir versichern, daß sie sich mit Er 
folg auf die Höhe der Pariser Gesellschaft schwingen, eine Geigen- 
künstlerrn kreieren, von einem anderen, größeren Gauner Schlim 
mes zu erleiden haben und schließlich, mit der Aussicht auf eine 
solider unterbaute Zukunft, in die Hände der Polizei geraten. 
Nils Ast her, der Hauptschwindler, gelangt durch seinen Charme 
nach oben; das heißt hier: zu einem Posten im Justizministerium, 
einer Zimmerflucht im Clartdge-Hotel und einer richtigen Gräfin 
Entzückender noch der zweite Schwindler: Paul Hei bemann. 
Ein früherer Zauberkünstler, der Eier aus Tüchern, und Geld 
scheine von Ladentheken zaubert. Er macht das mit verschnörkelten 
Armbewegungen, die er auch bei normalen Handreichungen nicht 
lassen kann; als stünde er immer Noch auf dem Podium. Dabei ist 
er ein freundlicher Bursche und viel sympathischer als die soge 
nannten anständigen Leute. Die Frauenrollen sind weniger gut 
beseht, aber das Ganze ist doch ein netter Ulk, der anspruchslos zu 
erhertern vermag. Was nicht von allen Posten sich sagen läßt. — 
Ern alter Harald Lloyd-Mm geht voran. Uaca.
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        dieses Dantes äas Interesse sicher. 
Xr. 
— Der Mann mit den 100 RZ. Dieser Film der Ale- 
mannia - Lichtspiele ist nach dem Roman von Pierre 
Frondaie, zum Teil mit französischen Schauspielern, gedreht. 
Ein verarmter junger Mann will sich in Afrika eine neue Existenz 
gründen, wird aber im letzten Augenblick durch eine Frau be- 
zaubert, die ihn zurückhält. Huguette Duflos ist wirklich 
schön, beinahe süß, ganz große Dame. Durch ein ebenso schönes 
Auto, als dessen Besitzer sich auszugeben der Mann Umstände 
halber gezwungen ist, gelingt es ihm, den Schein des Reichtums 
aufrecht zu erhalten, der ihm den ersten Zutritt Zu jener Lady 
ermöglicht. Sie hat einen ausgezeichnet dargestellten Lord zum 
Gemahl, der wiederholt verheerend in die Handlung eingreift. 
Die Pointe ist, daß der junge Mann in den Tod geht, weil er 
der Dame nachträglich seine Armut nicht zu gestehen wagt. Eine 
dumme und sentimentale Pointe; denn warum spricht er nicht 
offen zu der Geliebten? Wenn sie ihn so liebt, wie behauptet 
wird, hätte sie wohl auch die anfängliche Notlüge und erst recht 
die Armut ertragen; zumal sie selber hinreichend über irdische 
Güter verfügt. Der Film zeigt schöne Hintergründe: Biarritz 
und Bayonne, auch das neuerdings unvermeidliche Paris 
taucht blitzartig auf. Ferner mag sich das minder bemittelte 
Publikum an Schlössern, Parks und vornehmen südlichen Nacht 
lokalen mit Zigeunermusik erbauen. Die Regie hat viel mit 
Überblendungen gearbeitet, die bei der Autofahrt und der Musik 
geschickt angewendet sind. Kaca. 
Zurückweisung des Kinweises 
auf mein Werk. 
Von Rudolf Parwwitz. 
Diese Erwiderung bezieht sich »auf einen im Ersten 
Morgenblatt vom 9- Juli erschrenemn Aufsatz: 
„Rudolf Pannwitz. Em Hrnwers von 
Walter Petry. 
Nachwort der Redaktion. 
Wir möchten diese Erwidemng nicht veröffentlichen, ohne 
ein Wort von uns anzufügen. Rudolf Pannwitz nämlich, so 
scheint uns, entlastet in seiner Zurückweisung selber den Zu 
rückgewiesenen. Wie schreibt er doch? „Es gibt heute keinen 
Geist, der zu vornehm wäre, meinen „Kosmos Atheos" und 
meine „Lehre von den Mächten" zu kommentieren, wahrschein 
lich aber nur zwei oder drei Geister, die dafür bedeutend genug 
find." Und weiter: „Was faseln doch die Unschöpferischen vom 
Schaffenden!" — Wenn Herr Pannwitz seinen Stolz darein 
setzt, nur zwei oder drei des Kommentars fähige Geister Zu 
finden; wenn er die Menschen in Schaffende und Unschöpfe- 
rische einteilt, und den Unschöpferischen die Möglichkeit einer 
Würdigung der Schaffenden nahezu bestreiket; wenn er selber, 
an einer anderen Stelle der Erwiderung, sein Werk als un- 
überblickbar bezeichnet — dann freilich ist es uns unbegreif 
lich, wie er von der vulgären Masse der Menschen anderes 
erwarten kann, als nicht beachtet oder, nach seiner Auffassung, 
falsch verstanden zu werden. Aber er berufe sich nicht auf Kant, 
der niemals die Einteilung in Schaffende und Unschöpferische 
vorgenommen hat und dessen ganze Lehre dem Unfug des 
Geniekults streng widerstreitet. Diese bürgerlich-heroische Hal 
tung, die ihr Unverstandensein als tragisch empfindet und das 
Pathos der Einsamkeit nicht genug unterstreichen kann, ist erst 
später an die deutsche Öffentlichkeit getreten, sie knüpft sich 
allerdings unter anderem an den Namen Nietzsches und hat 
manches von dem über uns hereingebrochenen Unheil verschul 
det. Sie hat ihre Wurzeln in der Vorkriegszeit, sie ist 
durchaus historisch bedingt. Wir haben mittlerweile zu viel 
erfahren, um in einer solchen Gebärde — welche psychologisch 
verständlichen Gründe immer sie habe — nicht auch den Hoch 
mut zu spüren, wir sind es leid, immer wieder die Einsam 
keit der „Schaffenden" ausgetischt zu erhalten, wo doch die 
„Unschöpferischen", oder was Pannwitz so nennt, noch viel 
einsamer und verlassener sind. — Hiermit ist nichts über das 
Werk von Rudolf Pannwitz gesagt. Zu einer weiteren Aus- 
eirranLechchuns mit Wr wüd M Ae WksercheÜ Anden. 
Das ÄSr NLSlkG. Von 6. L. 
Oeutse/r rion Diarrsss Nert- 
n er. Nnssrio7r-Verra.a. Zä9 Ketten. 
SeL. ^.56. 
„Xann kort^ssstLt v^sräsn" — äissos Notto UsKe 
sieb äon Dstsktivbücbsrn Obastortons voranstsHsN 
äsrsn sini^s dsrsitL in äsutscbsr Lpraodtz erscbisNSN 
sinä. In äsm Nsusn ist Misäsr Ratsr Lro^u äsr 
Uslä äsr (ZsscbicbtsN, äsr klsins KIu^s l?atsr, Her 
sieb Mraä6 c^ruin als Nsistsrästsktiv bsväbrt, ^sil 
ibm, äsm värklicb xcläubi^SN Nsascbsn, äsr Uan^ 
Mini ^bsrÄandsn mangelt. 8o ^SNiMtsus erklärt 
Obsstsrton äis 8cblaubsit äss NäNNcbsus. 8siNs Rei 
ters Doktrin aber lautet: äaü äsr ^dsr^lauds äsr 
Nsnxs Vlsnäv^srks erLSu^t, äis äsn Ilsbsltätsr vsr- 
bsrESN. 81s Mi LsrstörsN, ist äis ^uk^abs äss Ratsrs. 
Obsstsrton Limmsrt ibm Rroblsms Lurscbt. äis 
mancbmal LU ^sit bsrMboIt sinä. stellt ibv iu nn- 
bsimlicbs uuä romantiscbs Kitnationsn. 8is Lsr- 
vlatLSN ^is eins 8siksnblass, ivsnn äsr Ratsr sis kri 
tisch bstracbtst, uuä äsr Nüchterne Xsrn springt 
heraus. Italisniscbs Drisantonstrsicbs entlarven sich 
ibm als äie Nacbs eines englischen Vankisrs, äsr 
seine Unterschlagungen vertuschen , öcbts, phan 
tastischer 8ouk v^irä von ihin als äie freie Lrlinäung 
prosaischer Dössvncbto äurcbscbaut. Daü Mim Olü- 
Lialverteiäiger äss berechtigten Rationalismus ein 
Ratsr destellt v^eräen wuü, ist äie Roints aller Os- 
scbicbtsn. Dtlicbs sinä gsoualt unä erLielen ^nübsam 
einen banalen Dkkskt: äie 8aniinlung kann eben 
nicht beliebig kortgesetLt v^eräen. Der örunägeäanke 
srkäbrt eine schlagenäe ^.nvenäung eigentlich nur 
in äsr einen Xr^äblung, in äsr äas unbeäingts 
Vertrauen ant äie kriminalistische Nstboäs äsr 
Rsvcbomstris als Aberglauben gebranäniarkt 
vürä; hier grenzt äsr Rationalismus sich selber ein. 
Dis aus anderen HVerksn Obsstertons her bekannte 
Osssüscbaktskritik bleibt nicht aus, nur kämvkt sis 
Lurn 1 eil in äsr Rüstung verstaubter läeals gegen 
äis bsrrscbsnäsn Nächte. Ihrer stets geistrsichen 
Lonstruktion v^egsn ist ira übrigen auch äsn Rallen 
Reiterei und LuxuStzachü Zwei große Filme in der N eu en 
Gichtbühne. Der eine, mit Hoot Gibfon in der Haupt 
rolle, spielt in Texas und handelt von Pferden, einem Mädchen 
und einem Nebenbuhler. Giöson ist, was man einen Abgott nennt: 
herrlich zu Roß, edel gesinnt, Gentleman im Trapperhut und etwas 
blöd. Das Schema dieser Wildwestfilme ist bekannt und verfehlt 
nie seine Wirkung der Held hat Gefahren zu bestehen, besiegt 
stets den Gegner und kriegt dann das Mädchen mit den Millionen^ 
denn ohne Geld hätte die Aufregung keinen Zweck. Sehr schöne 
Pserdeszenen kommen vor und ein gut aufgenommenes Rennen. 
Reiten können die Cowboys. — Der andere Film, ebenfalls 
amerikanisch, zeigt die Zähmung eines Widerspenstigen. Wer zähmt? 
Norma Talmadge. Ein Trunkenbold ist ihr zum Mann be 
stimmt, Inhaber einer Luxusyacht, aber immer besoffen. Sie macht 
eine Radikalkur mit ihm: schmeißt alle Gäste heraus und den 
Alkohol über Bord. Zuletzt gelingt ihr das Wunder, und aus der 
häßlichen Puppe schlüpft ein sympathischer junger Mann, den sie 
liebt. Hoffentlich trinkt er nicht wieder. Die Talmadge sieht 
reizend aus, trotz der Mantel von vor drei oder vier Jabren, die 
noch länger Zur Erde gingen, Daca. 
— Die KZmgm der Nacht. Eine Frau und eine Stadt spielen 
in diesem von dem Nationaltheate r (Skala- und Hohen- 
Zollern-Lichtbühne) gezeigten Film die Hauptrollen. Die Handlung 
ist in die erste Zeit der Goldgräberei verlegt, als noch ein gesetz 
loses Leben im amerikanischen Westen herrschte und Leute wegen 
eines Nichts niedergeknallt wurden. Pola Negri, die Tochter 
eines verarmten Grande, liebt heiß und schwarz den Verwalter 
einer Goldmine. Ehe das Paar sich zusammenfindet, wird Mord 
und Todschlag begangen, vor allem inSan Franzisko, das 
damals noch Wolkenkratzerlos war, aber dafür eine herrliche Bar 
mit Mädchen enthielt. Die Stadtszenen, die das rauhe^Leben von 
früher vergegenwärtigen, stnd ausgezeichnet gelungen. Man steht 
die Bürger, die durch ihre Zylinderhüte freilich auch kein Ver 
trauen erwecken. Sie haben zur Selbsthilfe eine Schutzpolizei orga 
nisiert, die schnell bei der Hand ist, wenn sich ein Verbrechen er 
eignet hat. Auf immer gesattelten Pferden jagen sie dem Uebel 
täter nach und hängen ihn ohne umständliche Gerichtsprozedur. Die 
Darstellung jener Epoche ist wirklich geglückt, und das Spiel der 
Pola Negri hilft über die schwächeren Partien hinweg. — Bei-, 
gegeben ist ein mondänerer amerikanischer Film: „Die Privat- 
sekretarin", in dem eine Verschönerungskur auffällige Wir 
kungen erzielt. R a c a.
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        Der Bettler vöm Kölner Dom. Dieser Film der „A l e- 
m a n n ia-L i ch t s p i e l e" ist ein ausgezeichneter Kriminal 
film, der vom ersten bis zum letzten Akt in Spannung hält, ge 
schickt arrangiert ist und kaum leere Stellen aufweist. Seit den 
Tagen des glorreichen Stuart Webbs ist kaum ein besseres Detek 
tivstück über die Leinwand gezogen. Eine Zeitlang schien es, als 
sei man dieser Gattung überhaupt müde, und anstelle krimineller 
Begebenheiten tauchten immer wieder die gleichen Gesellschaftsfilme 
mit Immer der gleichen Pointe auf. Vielleicht kündigt dieser Film 
eine Wendung an; sie wäre zu wünschen. Von dem Inhalt nur so 
viel, daß ein Beamter des internationalen Fahndungsdienstes 
(Henry Stuart) eine gefährliche Hochstaplerbande zur Strecke 
bringt, die in Köln ihr Unwesen treibt. Der Karneval spielt 
herein, der Dom ist Hintergrund, auch Tünnes kommt vor. Eine 
Kaöinettsleistung ist der „Emil" von Harrh Lamberts- 
Paulsen. Emil ist stark und jähzornig, seine Spezialität sind 
Geldschränke. Ungemein drollig, wie er, vor die Aufgabe gestellt, 
eine unbezwingliche Kassette aufzubrechen, sein Handwerkszeug 
auspackt, an den Fingern schleckt, als Meistereinbrecher sich versucht 
und zuletzt ob des Widerstands, den der Kasten seiner Kunst leistet, 
ln Raserei gerät. Auch zwei komische Privatdetektive treten in 
Funktion, die freilich gegen das Ende zu etwas zu stark auf- 
gebausckt werden. Die Darstellung ist gut, genannt sei nur noch 
Hanni Weiße. Läßt auch die technische Durchbildung mitunter 
zu wünschen übrig, so ist der Film doch jedenfalls sehr sehenswert, 
paea. 
— Europa i» Ostafien. Der in den B i e L e rL a u - Li ch t - 
spielen gezeigte Film: „Liebs im Rausch" ist das Er 
zeugnis einer Spielfilm-Expedition, die auf ihrer Weltreise auch 
andere Filme gezeitigt hat. Man sieht einige Außenaufnahmen aus 
Japan und China: Tempel mit heiligen Hirschkühen. Stratzen- 
ausschnitte, Dschunken auf Flüssen, nicht besonders charakteristisch, 
aber immerhin interessant. In das exotische Milieu ist eine höchst 
europäische Handlung verlegt. Ein älterer Er heiratet eine junge 
Sie, die es zu einem jungen Er zieht. Da sie aber den Jüngling! 
im trauten Verein mit einer Freundin überrascht, kehrt sie wreder s 
zu ihrem Gatten zurück So ist auf Untreue mitunter Treue ge- . 
gründet, ein alltäglicher Fall. Die Hauptteilnehmer der Expe-! 
dition kehren auch dieses Wal in den Hauptrollen wieder: Elga! 
Brink, die sehr lieb aussieht, und Georg Alexander mrt 
dem etwas schüchtern-dümmlichen Gesicht,, das viele charmant fin- &amp;gt; 
den. Warum Frieda Richard als Wirtschafterin so sorgenvoll 
in die Welt schaut, ist nicht ganz aufzuklären. Eine satanische 
chinesische Charaktermaske hat sich Carl Meinhard Angelegt. 
Als Statisten wirken waschechte Ost-asiaten mit. Weniger glaub 
würdig sind die Opiumträume gestaltet. __ ^ca. 
Das Ist MQ ^Lrtliokes Duok, diosos Duell von 
pdmond plo^: „Pin ki einer p r o p k o t" 
(Münoksn, p. pipor L Oo. 198 Loiton. Dok. 
4.80). Pin Indon^nn^o, den die pnkt von Paris 
umstroiokelt, orLäklt in ikin seine Olauvons- 
Käinpks. ps sind pa^oknokklättsr aus der 
pnbortatsLoit und nook von krüker kor, woni§- 
stens ist ldie Oosokiokto im lok-lon or^äklt, 
TUN? woiek und von jener rarton poidonsokakt, 
wie sie krükroikon Lnakon eiZnet, die LMIinZe 
sind. Hinter der soolisokon pandsokakt steiZt 
kauokarti^ die Ktadt auk, wie sie Monet §srnalt 
kat: der pont-klonst klotro-vaino, eine Ltrake 
Lus Alt-Paris. / In dieser Ztadt waekson nook 
soloko pnakon. 
Dr koikt 0 I a ü d 6, mit dern ^aoknarnon 
Devv. Keine Mutter spielt Strawinski, seid Valer 
Mdt den Vorgesetzten Minister ein und gekört 
der pi§a kür Monsokonrookto am DaL er ein 
lude sei, orkäkrt Olands 2nkauso niokt. Die 
kleine Dreundin Narietta kringt es ikrn kei. ^Vas 
ist ein lude? Pin ludo ist unter anderem ein 
Mensek, den Mariotta als patkokkon später 
niokt wird keiraten dürken; so kat ikr ein 
Priester gesagt, Nur eine Dösung ist rnögliok: 
daL Olauds siek kekekrt. Marietta sokiokt ikrn 
das Nattkäus-Dvangeliurn, sie nimmt ikn in die 
Xatkedrale mit, will ikn lekren, xu Okristus 20 
keten. Der 2!wölk- kis Drei^eknjäkriZs, ein 
krüker piekender, ist 2ür Anknakine der klak- 
rung kereit. In seiner Gewissensnot suekt er 
einen Priester auk, einen ' klugen, wissenden 
Priester, der den Innren tröstet und die pauke 
vorxunekmen siok weigert. 
Olauds durokläukt weitere Ltadien. In der 
Nasse ßst ein ^ionist, der nur sein neues 
Vaterland Palästina kennt, sonst niokts. Von 
ikm weg kegikt siok das religiös entzündete 
Xnakengemüt mitten in die Deset^e des luden- 
tums kinein. Vielleiokt wird man das Ditual ke- 
kolgen müssen, um rum Heil ^u gelangen. Die 
PKern lassen ungern den Innren gewakren. Pin 
jüdisoker Deligionslekrer und ein inelanekoksok- 
eklektisoker Rakkiner, keiös ausgexeieknet Um 
rissen, kreuzen Olaudes Meg. Der Dakkiner 
soksnkt ikm das Alte Testament, und Olaude 
liest Xum ersten Mal die Propketen. l^un weik 
er, dak 'er niokt Okrist werden kann, okwokl 
die ükerkitrts Marietta seinetwegen kaum nook 
Tu keten vermag. Auok aus dem Oketto und 
den vielen OesetLen ^iekt er' siok wieder Lurüok. 
Dr ZoklieLt siok an die Lameraden an, die pkad- 
kinder sind — eine der sokönsten Dpisoden. 
Aker ! die pkadkinderei ist ikm dann dook 
wieder Tu wenig, Visionen kreoken in ikn 
kersin, in dieses Lind, das kaum künksekn lakre 
Läklt, und der praum vom „Messias des 
priedsns" ergreikt von ikm VesitL. Ikn will er 
künden, ein „pkad linder der M 6 n s o k V 
k e i t" will er ) sein. 
Din madokenkakter Funge^' ein sartliokes Duok. 
Man erraklt siok, daä der koke pariser Llerus 
das Merk kreundkok aukgenommen kake. 'Auok 
die luden werden ikm niokt Zürnen müssen, ps 
ist dem Andenken Israel Aangwills unge 
eignet. In i unserem deutsok - amerikanisoken 
Lkma ginge ein soloker Lnake vermutliok Zu 
grunde, der siok mekr kür den „Messias des 
kriedens" als kür 'O^eanklüge interessiert. Ds- 
wik, er atmet in einer Ireikkauslukt, akge- 
soklossen naok auüen und okne püklung mit 
allem prokanen, ein ükersensitiver Lnane, der 
das peken vielleiokt spater niekt ertragen wird. 
Aker dennook: es ist gut, ikn ^wisoken seinem 
svWkten und 'künk^eknien lakr kennen gelernt 
Lu kaken; denn er ist ?art und rein. — Die 
pekersetLung von Mimi 2uokerkandl liest siek 
angenekm. l
        <pb n="53" />
        ! lilXX D»MLL^ 
diese Oesellsobakt. 
K r. 
assoziiert, mit ^.uio elegant, mit Brauen mon-l 
ään. Bin Kleinbürger seiner geistigen Haltung 
naed, äer sied eigentlied niemals Bedanken über^ 
äie sozialen Verdältnisse maobt, äeren Brzeugnis! 
er ist, sonäern in äie Bobs Kommen will, in äie ' 
Kreise äer Oroßbourgeoisie unä äer ^ristodratis;^) 
äer vor Dotelportalsn stedt unä sied äas Bebens 
in äer Dall ausmalt; äer gerne in äsn Klubsesseln^ 
läge, aus äenen äis anäern idn immer wieäerä 
vertreiben. Bin darmloser Burseds mit äer idm j 
zudommenäen 8entimentalitLt; ein Dünäeden er-^ 
kreut idn, Operettensedlager tun es idm an. Br^ 
lebt niedt, um zu betrügen, sonäern betrügt, WSÜ4 
er ein Beben küdren will, äas so deißsn äark, ein; 
Beben wie in äen Bilmen, zu äem er als Dn-^ 
gelernter unä staatenloser anäers äsn 2ugangE 
niedt kinäen dann. Bin Irgendwer, mit einerl 
aus ^ukall glüedlied geratenen Bigur. 8eins Br-^Z 
innerungen düngen mitunter eedmalzig, vielleiodtd 
ist aued manedes naedträglied zureedt gerüedBZ 
^.ber gerade weil dier ein Irgenäwer sedreibt^ 
gewinnt äas Bued an ändumentarisedem WerB^ 
Denn jene Oesellsedakt, äie sein 'Bdema isi,^ 
stellt sied um so naiver unä ärastiseder äar, 
weniger äer Uensod bedeutet, in dem sis sied^ 
spiegelt, i^ls sei sie äured dein.breedenäes Ne-d 
äium dinäurod gegangen, so rein bietet sie ibr' 
Doppelantütz in den 8ediläerungen des Anon^-i 
mus, äer sie von außen und innen erkädrt. Mirä 
die Brosa abgezogen, äie Breideit mit sonnig ver 
doppelt, werden die paar an äer OberklLods 
sitzenden Kategorien entkernt, äie von der ton-, 
angebunden Olipue den Kleinbürgern und Boed« 
Staplern aukgezwungen woräen sind, dann bleibt' 
nur noed äie Olique selber übrig, äie kaum ge-: 
sedwäodt kortbestedt. Bs gibt einen Bariser Vor 
ort, von äem aus Baris als däklieder, niedt zn 
äureddringenäer KteinwaU ersedeint. 8o zeigt 
sied die üesellsedäkt, die aued die gute beißt, 
dem Nann der Ltraße. Br prallt ^n idr ab und 
wird in äis Martesäle, in die Obäaeblosenas^ls 
gesedleuäert, der Kedriedtdauken ist seinL Be 
stimmung. Ledreedüeder aber noed ist sie im 
Innern. Wer^ wo niedt der bedeutende Kodein 
dsrrsedt, sondern äie in id-rer Bauldeit längst 
äuredsedaute Konvention; wo Korpsstudenten 
dotzen, republidanisede BoLmts die Ködne ge 
wesener Nonareden umdrieeden, adlige Ltanäes- 
genossen Gespenstern gleied weiter wesen, als sei 
niedts inzwiseben gesededen; in diesem Klün 
gel, äsr wie Lodlingdraut zusammendält, dier 
regiert äer »Kodreoden äer Lodreoden: die Büge. 
Diyd und gemein riodtet sie sied auB Domela, 
der gute llungs — kaum ist er in äen Kreisen, 
zu denen er sied Zutritt ersebnie, so paodt idn 
äer Bdel vor der rülpsenden Bursodenderrden- 
deit, so muß er als Dodenzollernsproß den 
^äelsgespenstern gegenüber Bbert verteidigen. 
Dewiß gibt es ^usnadmen, die er nennt: ein 
Babriddiredtor, äie Brau Oberbürgermeister, ein 
Kommerzienrab ^ber es sind ^usnadmen, und 
im allgemeinen ist die Bukt auk der Ktraße besser 
als im Kalon. Out ist sie nirgends; weder außen 
nood innen. 
Das Bued sollte gelesen werden. Riebt Do- 
melas wegen; sein Deutsob ist mittelmäßig, und 
er ist nur einer von vielen, ^.uob gebt es um 
mebr als um ein Oeläobter darüber, daß dieser 
eine von vielen die ganze Olique zum Rarren 
gebalten bad Das Osläebter dann zwar einen 
Binzelnen unmogüob maoben, aber niebt gleieb 
- 
2u einer ^ukküdrung von Oogols bitte 
rem Bustspisl: „Der Revisor" in Betsrs- 
bürg ersedien aued äsr Zar. Br bekadl 
QLsü äsr Vorstellung äsn Diedbsr in Leins 
Nogs unä sagte idm, daß er über das 
Ltüed sedr gelaedt Labs. Oogol erwiderte: 
,,^uk das Barden donunt es mir niedt an, 
ÄLWLtLt." 
Barr^ Domela ist erst äreiunäzwanzig lsabre 
alt. Bin lungensgesiobt, nett, unbeeobrieben, 
etwas spüttisod unä müä. Die Oesobiobte seines 
Kurren Bebens („Der kalsobeBrinz. Be 
ben unä Abenteuer von Darr Dome! a." 
Berlin, Nalid-Verlag. 307 8. Oeb. -K 4.40) läse 
sied wie ein arabisobes Näroben, wäre sie niedt 
im Oekängnis zu Köln nieäerZesedrieden. Anr 
eden endigen niedt im Oekängnis. ^ued äas 
Baoben äsr Unbeteiligten ist kein Bntgelt kür 
äsn guten ^usgang. Denä äer in äem Buod ge- 
reledneten Oessllsobaktselique gegenüber ver- 
soblägt ein bald vergessenes Oeläckter nur 
wenig. 
Viele Daten äes prinzlioben Bebens sinä aus 
der Oeriebtsverbanälung unä äer Dresse be- 
dannt. In äen riedtigen Zusammenbau g einge- 
st eilt werden sie erst äureb das Buod. Der 
Deutseddalts Domela ist ein Kriegsprodudt: mit 
14 äabren Koläai im Baltikum, später Ban darben 
ier, 1920 dsutsober Beiobswekrsol entlassen, 
wieder Band- unä Kaisonarbsiter, als Beiods- 
fremder in einer Babrid abgebaut, zuletzt auk äer 
Straße. Viele Straßen äurodstreikt er in Berlin. 
8ie küdren aus äen Badnboks-Martesälen ins 
Daus einer fragwürdigen Baronin, Zur Deüs- 
armee, zu einem astrologisoben Kebwinäler unä 
regelmäßig wieder zur Bolizei. Dazwisoben 
liegen äie ersten Boobstapelsien, deren sied 
Brand Üeüers Bomanbelä Herr Oolbn niedt zu 
sodämen brauodie. Domela eignet sied ein 
Xäelsprääidat an um in äen Kreisen äes Bots- 
äamer ^äels besser Zigaretten verdauten zu 
dünnen. Br erbittet in gleioder Bigensodakt von 
äem DarmstLäter Oraken Keyserling ein Darleben 
unä wirä an Oral Kuno Karäenberg weiter ge 
wissem äer ibn unterstützt, weil er ibn kür einen 
Ztanäesgenossen dält. Bins besonders sobone 
Bpisods des Besuobs bei äen Heidelberger 8axo- 
Borussen, äie idn als einen Dringen Bieven mit 
Bdrerbietung bebandeln. In Brkurt erstedt äann, 
ein Komet am Dimmel äer Oesellsobakt, äer 
BobsnzollernprinL, von äem äie Oekkentlioddeit 
weiß." 
Mer ist dieser Domela? Bin junger Nensed 
wie viele andere, entwurzelter Bürgersobn, in 
äas Raobdriegs-Deutsoblanä bineingestoken, odne 
verwertbare Kenntnisse unä Nitiel, nur im Be 
sitz einer aristodratiseben Oestalt, aus äer sied 
aueb innerdalb äer jungen Bepublid noed Capital 
sodlagen läßt. Bin Vnon.ymus, äer, wenn er 
Ledrerbts mit dem Mort BreideiL äas Wort sonnig
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        2.V 2^ - 
Amerika im Ulm. Das andere Amerika, nicht das wirkliche, 
das Sacco und Vanzetti hingerichtet hat, bietet sich gleich in zwei 
Lustspielschlagern des Capitals. Die Hauptperson des Films 
„Kaufhaus Pleite" ist Reginald Denny, der etwa den 
sympathischen jungen Amerikaner verkörpern soll, dem alles zum 
Guten ausschlägt, weil er lustig, dumm und sozusagen anständig 
in den Tag hineinlebt. Die Fabel des Films ist albern. Hübsch 
nur die Szene im Schaufenster eines Warenhauses, das von 
Denny und seiner Bande als Gelegenheit zum Uebernächten aus 
genutzt wird. Das Schaufenster enthält auch mechanische Figuren 
in Lebensgrößen, die verschiedene Bewegungen ausführen. Der 
Vorhang wird morgens 'hochgezogen, und der Bande in den Ph- 
jamas bleibt nichts übrig, als sich ebenfalls wie die mechanischen 
Figuren zu bewegen, um sich nicht vor dem Straßenpublikum 
zu blamieren. — Der zweite Schlager: „Ihr Spielzeug" 
ist ein Gesellschaftsfilm, in dem die blonde Laura La Plante 
als modernes Mädchen agiert, das eine großzügige Ehe führen 
will; wenn überhaupt. Der Ehefall tritt natürlich ein, ein sym 
pathischer Großkaufmann oder so etwas ähnliches, der stch auch 
wirklich chazu bequemt, dem Mädchen die Freiheit zu lasten. Die 
selbstverständliche Folge im Film ist erstens, daß die Gargonne 
in schlechte Gesellschaft gerät, die Erpressungsversuche ausübt, und 
zweitens, daß das Gareonne-Jdeal am Schluß desavouiert wird: 
echte Frauenliebe am heimischen Herd sei denn doch etwas an 
deres. Amerika is^-wieder einmal gerettet. Der Film ist im übrigen 
geschickt gedreht und zeigt ein paar gute Typen: vor allem zwei 
adlige junge Herren, Zwillinge mit Monokel, entzückende Pflanzen. 
Außerdem wird auf Landschlössern gelebt, geritten und Auto ge 
fahren. In dem Park des Landschlosses befindet sich ein Schwimm 
bassin, über dessen Mitte in der Längsrichtung lauter Taue hängen, 
an denen sich die Gargonne, die es gerne sein möchte, äffen- und 
sportartig fortbewegt, ohne das Wasser zu netzen. Uaca. 
/ 2.6' ' 
Verfilmter Balzac. In den B ieb e rLau-Licht- 
spielen läuft der Großfilm: „Glanz und Elend der 
Kurtisanen" mit Paul Wegener in der Titelrolle. Wer 
den herrlichen Roman kennt, wird enttäuscht sein über die Ver 
filmung. Man hat ihn modernisiert: Collin alias Marquis 
Herrera rast im Auto davon, und die Bewegungen der Mädchen 
beine erinnern verdächtig an Jazz. Sämtliche Romanmotive sind 
verändert; Zu ihrem Nachteil, wie sich versteht. Lucien, der im 
Roman aus gekränktem Ehrgeiz Selbstmord begehen will, möchte 
im Film ins Wasser springen, weil er erfahren hat, daß seine Ge 
liebte Esther früher eine Dirne war. Andere Romanereignisse 
sind ebenso verquert wiederge geben. Das geht nicht, das ist völlig 
unmöglich, das heißt den großen Worwurf in die Sphäre des 
mittelmäßigen Gesellschaftsfilms herabziehen, wenn 
nicht gar tiefer noch Auch die Regie hat zu billigen Effekten 
gegriffen und zeigt stch dem Stoff durchaus nicht gewachsen. Der 
große Pariser Ball wirkt wie ein angestrengtes Provinzunter^ 
nehmen, die herzoglichen Gemächer sind gering, und sentimentale 
Großaufnahmen entstellen vollends den gewaltigen Zug der Fabel. 
Feine Nuancen sind nirgends zu sehen, grober Zuschnitt das 
Ganze; man hätte bester die Finger von dem Roman gelassen. 
Durch die Verballhornisierung des Stoffs und die mangelhafte 
Inszenierung werden naturgemäß auch die Schauspieler geschä 
digt. Paul Wegener muß sich auf lange Strecken damit be 
gnügen, als geschlitztes asiatisches Mannequin zu figurieren, und 
Werner Fütt-erer — nun, als eine Art von bayrischem Salonlöwen 
war Lucien de Rubempre von Balzac nicht gerade gedacht. 
Immerhin: wenn der Film dem Balzac-Roman Leser zuzuführen 
vermag, hat er eine bescheidene Mission erfüllt. Aaca. 
--- Die Warenhaus-Prinzessin. Dieser Ulm, der in der 
Neuen Lichtbühne läuft, nimmt Motive und Konstellationen 
des Films: „Das Mädchen aus d-er Konfektion" wieder auf, dem 
mit Recht Erfolg befchieden war. Sein Muster erreicht der neue 
Frlm nicht. Er bringt zwar gute Bilder aus dem Warenhaus 'ist 
aber zu arm an Handlung, ein Schaden, der auch dadurch nicht 
^Egönmcht wird, daß eine wirkliche Prinzessin mit romantischen 
Gchrchalen als eine Art von Mannequin für die Reklame des 
Warenhauses sorgen muß. Sie ist nämlich in Not geraten, wird- 
aber dafür, weil sie eine Prinzessin ist, von dem Besitzer des Waren- 
und geheiratet; es war schon am Anfang zu ahnen. 
Hella Moja, die im Hut schön aussieht, verleiht der Prinzessin 
das geforderte damenhafte Benehmen. Ueber manche Längen hilft 
Paul Heide mann hinweg, dessen Mienenspiel des Charmes 
nicht entbehrt. Auch Paul Graetz als Rayonchef für Damenhüte 
sorgt für einige Unterhaltung. Hintergrunds-Figuren sind die 
Herren Paulig und Alöers; dieser versteht sich auf unsym 
pathische Rollen. Ua c a.
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        »LS M'LW-KL 
det. Idre DrledigUng dured Löldner ist eine Aus- 
gedurt des Orauens. 
Die Ideorie unterdaut das Ruek niedt nur, 
sie spriedt sied in idm aus. 8o ist es dei einem 
Roman dieser Art in Ordnung, denn seine Uen- 
seden geden xum Reil in idren Urteilen und 
Dinsiedten auk. Ds ist niedt so, daß sied im idm 
adstrakte Drkenntnisse personikiTierren, vielmedr 
die Personen erstreden den Dingang in ^ene Dr- 
kenntnisse. ddedts wäre darum verkedrter, als 
idn der unkünstleriseden Darstellung einer 
Lenden? Tu Teiden. Dinmal ist niedt jede Len 
den? eine Lenden?, sondern es gidt aued &amp;gt;Vadr- 
deiten, die nur aus Oedässigkeit kälsedlied als 
Lendenren deTeiednet weräen, und rum andern 
können Nenseden sied äuredaus äarauk de- 
sedränken, das Lpraedrodr von ^Vadrdeiten 2U 
sein, odne darum an Nensedliedkeit einTu- 
düßen; im Oegenteil. Diese Austreidung äer 
xs^edologiseden Notive und Vsrsedlingungen 
aus den Nenseden Tugunsten idrer Verwendung 
als Instrumente der Drkenntnis mag laek Lon 
don vorgesedwedt daden. Lie ist idm unvoll 
kommen gelungen, manede L^psn sind aus dem 
sedematiseden Ansat? kaum derausgssedält 
worden. Doed dleiden, wenn aued nur ange 
deutet, Gestalten genug: der Disedok, der dem 
Amt entsagt, um Tu den Armen Tu geden; der 
Lodn eines der mäedtigsten Oligareden, äsr sied 
wider den Vater entsedeidet; vor allem ader 
Drau Dverards Vater, der, Nensed und Oeledr- 
ter Tugleied, mit der Rüde unä Uninteressiert- 
deit des eedtsn Vlissensodakters äas Verkadren 
der Rerrsodsnden gegen Adtrünnige idres Ltan- 
äes an seinem eigenen Ledieksal studiert. 
Lein Oeringerer als Anatole Dravee 
dat naed dem Lrieg Tu dem Buod das Vorwort 
gesedriedem Dr, äer auk der Leite Zolas stand, 
ist aued auk die Leite von laek London getreten. 
Unumwunden wie selten erokknet er in den 
wenigen LatTen seine Oesmnung. Dak er so pes- 
simistised wie London ist, wird von dem Ver- 
kasser der „Insel äer Pinguinen" niedt "Wunder 
nedmsn. AVie London ader glaudt aued er an 
den Lriumpd der Drkenntnis üder die dloke 
Oewalt. L 
S8«IrIÄ88^L« Dorr Bar? 
Derr R r s &amp;lt;7 e r s. Roma-r. Detttse/r vorr 
Mesia&amp;lt;7. LoisckE, Sus-ar? Drepsnkeaer. Z64 
visses wandersedöne (übrigens aued ^kr gut 
üdersetTte) Lued nüsedt äie DxotL der Lnäsee mir 
äsn Ledansrn, äie Nords ningeden. Din Detektivroman. 
In äsn Lropen: die Zusammenstellung ist neu. Dr spielt 
in Honolulu unä sein leuodtenäss Lokalkolorit 
üdsrTeugt. Ledikksleute in medr oäsr minder nürn- 
ternsm Zustand; ein fragwürdiger Rotelier, der 
D-üksr „Ltranädummler" war, d. d. ladre lang 
Twiseden den Inseln sied umtrisd; edsmaligs dkla° 
vendanäler und Dingedorene, die mit idnen in Ver 
bindung stedsn — das sind einige Diguren, die das 
Land deTeiednen. Da alle vsrääedtig sind, ist es 
einigermaßen sedwisrig, das Ludiekt Tu ermitteln, 
das den ortseingesessenen Dan VLntersIip umge» 
draedt dat. An seiner Aukkinäung sind beteiligt: 
Niü Ninsrva Mnterslip. die Damilientants, eures 
isner originellen unä danäkesten Lantenexemplare, 
die Odarles viekens in äie Literatur eingeküdrt dat; 
idr Lekke lodn i^uinev IVintersdp, ein Langer 
Lostoner Oroßkaukmann, der mit einem Zvdnder 
und vielen Vorurteilen Ln 8an Draneiseo eintrikkt, 
bei der Ileberkadrt naed Rawai bereits die Zvdn- 
äsrsedaedtel über Lord wirkt unä sied binnen Kur- 
Lem infolge des Ronoluluer Ldmas so praedtig end- 
wiekelt. daß er der Lraut Tu Loston telegrapdised 
kündigt und sied mit der Loedter ienes fragwür 
digen Hoteliers verlobt; sedließded Nr. Odarlis 
Odan, die Lrone aller edinesiseden Detektivs, der 
mit einem Deberkluß an sedön gesetzten Worten 
und RokliedkeitsbeTeugungen den Verbreeder ruletTt 
ergründet. Alls IVraeks unä menseddeden Dxi- 
stenTtzn, die an die Lüste getrieben werden, sind in 
dem Roman eingekangen; er ist niedt nur eine 
spannende Dnterdaltung, sondern Tugleied ein 
Laedeker dured diese tylle. absurde IVelt. Ds wird 
Ln idr Opium gesedmuggelt, getrunken, gesedossen, 
geflirtet; eine unbarmderTige IVelt, die aber nie 
manden medr losläßt, der einmal in idr geweilt dat. 
Aus Leder Zeile des Luedes. spriedt das Reimwed 
naed idr. - —er. 
--- L-mse von Coburg. Dieser im Capital gezeigte Film 
Hat vor allem in der ersten Hälfte Qualitäten. Er behandelt das 
Schicksal der Loburgerin, dis dem Martyrium ihrer Ehe entfloh, 
mit dem Oberleutnant von Mattachich zusammenlebte und durch 
ihre Verschwendungssucht von Stadt zu Stadt getneben wurde, 
um den Gläubigern zu entrinnen. Ein Drama ist das freilrch mcht, 
auch kaum ein Schicksal. Denn je mehr es im Film dem Ende Zu- 
oeht, desto dringlicher wird die Frage taut, warum Mattachrch, der 
doch die Prinzessin liebt, nicht lieber irgendeine Arbert sucht, ML 
mit tragischer Miene im Zimmer herumzulaufen und M Wucher 
zinsen neuen Pump aufzunehmen; warum die Prinzessm 
selber nicht lieber sich einschränkt, statt stets wieder das Geld zum 
-Fenster herauszuschmeißen. Täs Mitgefühl erlischt, wenn dle -mog- 
lichen Wege nicht beschritten werden, und der Film tutauch nicht ,das 
mindeste um die Entwicklung als zwangsläufig erscheinen zu mssen: 
im Gegenteil, er schlampt bei seinem Fortgang immer mehr, und 
manches bleibt überhaupt unverständlich &amp;gt; Die Hauptspieler send 
hervorragend. Erna Morena in blonder Perücke reißt zumm 
in den Ehefrauen hin und später, wenn sie, ganz herabgeEimen 
die Schwester aufsucht. Mit außerordentlicher Kunst wagt sre das 
Spiel ab, es liegt fast stets an der Nuance. Sie kann noch spielen, 
wie die Asta Nielsen oder, aus anderem Gebiet, die Mette Gmlberp 
die Heutigen arbeiten zumeist nicht mehr so viel, sondern verlassen 
sich auf die unkontrollierbaren Reize ihres^Wesen^. Eine glaub- 
haste Gestalt auch Eugen Neufeld als Prinz Fechinand. Eme 
vorzüglich« Gesichtsmaske: schwarz, mit Kneifer, weiche Zuge Dre 
Unbeherrschtheit und der Jähzorn sind gut dosiert. Die 
zu Beginn ein Versprechen, das sie dann lerder nicht halt. Raoa. 
1aok Londons Roman: „Die eiLerne 
D 6 r 8 e", äer Tum ersten Nal von DrwLn 
Na§nu8 veräoutsebi worden ist (LerILn, IInLver- 
8itL8, Deutsebe VeriaAS-AktLenFeZsIIsebakt. 294 
Leiten. Oeb. 4.80 c/i) ersoiiien Lm Satire 4907.*) 
Liserne Derse: so nennt London äie Pluto - 
kratie, äie ä^u ArbsLtsrn Lbre Derse Tukebrt. 
Dos Lueb banäelt von äer AuLeLnanäersetTunZ 
Twi8ebsn äein Proletariat unä äer Oderklasse in 
äer «rsten Rälkte äes TwanTiFsten labrbunäerts; 
äie Oderklasse §ebt, Tunäebst, aus äein Lampk 
als Lieber dervor. Zugrunde §ele^t ist äie An- 
nabme, daß Avis Dverard, äie Drau eines 
großen amerLkanisoben ArbeLterkübrers L^ner 
Zeit, äas Manuskript nieäerZesedrieden Labe, 
äas äann siedendunäert labre spater auk§ekun- 
äen worden 8ei. Lein psSüdo-IderausAeber dat 
es mit Anmerkungen verseden, denen Tu ent- 
nebmen ist, äak äie vorgedliode Verlasserin äes 
Manuskripts Tu Deginn einer Dpoebe socialer 
Revolutionen lebte, äie erst naed äreidunäert 
4adren äured äie endgültige NieäerwerkunZ äer 
Oligaredie desiegelt wuräe. In den Anmerkungen 
kommt äs 3 swanxigste labrbunäert niedt gut 
weg. 
Der Roman ist 1907 gesedrieden. Als von 
8 aeeo und VanTetti noed niedt die Rede 
war, dat -laek London Dinriedtungen dieses Ltils 
in Amerika vorausgeseden. Dr ^dat vorausge- 
seden, äak Lm freien Amerika Düeder von II p - 
ton Linelair und Linelair Lewi 8 ver- 
doten oder do^kottiert werden, in denen das 
wadre Oesiedt der Naedtdader sied entbüllt. Dr 
dat äie Luxus-Rotektaäte an der Lüste Dloridas 
j vorauZgeseden!, in denen die amerikaniseden 
Nillionars idre Dedersedüsse verxedren; er dat 
vorausgeseden, dad Nensoben, die dured idr 
Deden ein gekädrdedes Vordilä Tu gedon ver- 
moodten, ins Irrendaus eingesperrt werden. 
Auek Ereignisse, die sied noed niedt destätigt 
! Dine Volksaas^ade des Romans dringt die 
! öaetzsrgrlde Outender^ (Verba) beraus. bei der aued 
&amp;gt; andoiB vv srke äaek Londons ersedienen sind. 
daden, sinä in äem Dued angekündigt. Vielleiedt 
trekksn einige von idnen ein. 
^Le konnte laek London Tu soledem wissen 
gelangen? Dben weil er gewußt dat. Niebt krakt 
einer wie immer keinen Dinküdlungsgade pdan- 
tasiert er üder die Zukunkt, sondern dured Er 
kenntnis entwiekelt er aus der (legenwart die 
kommenden weiten. Als IVegweiser dient idm 
eine 1 deorie der gesellsedaktdeden Naebtver- 
dältnisse, die Ln der Dauptsaede mit der Lebre 
des LoTiadsmus üdereinstimmt Und sied nur 
darin wesentlied von idr untersedeidst, daß sie 
die Deraukkunkt einer Oligaredie annimmt, deren 
Kerrsedakt sie auk Hunderte von ladren dlnaus 
kür unersedütterlied dält. Die Ideorie, mag sie 
riedtig sein oder dured die Dntwieklung wider 
legt werden, klärt idm den Mek. Immer stedt 
am Ankang die LbeorLe. 
Aus den Llassenkämpien ragt die Digur Dve- 
raräs deraus. Dr küdrt im Llub der Dollarkürsten 
eine dort ungewodnte Lpraede, greikt in den 
Lampk wider die Trusts ein und organisiert die 
revolutionären Drdedungen. ^Vädrend äie Uit- 
kämpker einen raseden Drkolg erwarten, warnt 
er sie immer wieder davor, die Uaedtmittel des 
Oegners Tu untersedätTsn. Aussprüede wie die, 
dad die IlederTeugung von idrer moraliseden 
Reedtdedkeit die eigentliede Lrakt der Oligaredie 
diläs und dak edsmiscde Nixturen 
desser seien als dloks Däuste (1907!), werden 
idm in den Nund gelegt. Die versedisäenen 
Ddassn des soZialen Lampkes sind dis ins ein 
zelne dureddrungen. Din Tvr Verdinäerung eines 
Lriegs unternommener Generalstreik wirä dured 
sein Oedngen Tum Anlak versedärkter Vor- 
kedrungen der Oderklasse. Lie dringt äie großen 
Oewerksedakten auk idre Leite unä sediekt die 
agents provoeateurs ins keinäliede Lager, um 
günstige Zusammenstöße Tu arrangieren. In die 
Dnge getriedsn, werden aued die Revolutionäre 
Tur gedeimen Ninierardeit genötigt, unä ein 
„u n s i o d t d a r e r Dr Leg" entstellt, der 
seddeßded in die „Odieagoer Dommune" mün
        <pb n="56" />
        vie Lroreuung oes städtischen Prole 
tariats aufs Land Zu sorgen. In diesem Zusammenhang teilte der 
Redner mit, daß die kanadischen Monisten eme Million Dollar für 
Bodenkäufs zugesagt hätten. 
Das Hauptproblem fei die Arb ei ts lo s e n fra ge. Ein 
Teil der beschäftigungslosen Kräfte werde durch die projektierten 
Arbeiten absorbiert, aber ein lleberschuß an Arbeitslosen bleibe 
bestehen. Ihn zu beseitigen, sei voraussichtlich das Werk von zwei 
fahren. Mt einem deutlichen Wink an die amerikanische Dele 
gation erklärte Dr. Weizmann, daß der Kongreß aus keinen Fall 
auseinandergehen dürfe, bevor nicht das Arbeitslosenproblem 
gelöst sei. Zum Schlüsse wies er energisch die Angriffe gegen die 
zionistische Beamtenschaft zurück. 
Als zweiter Redner zum Bericht der Exekutive sprach Herr 
Sokolow. Er belegte die These, daß der Zionismus in den 
verflossenen zwei Jahren einen Siegeslauf zurückgelegt habe. 
Beweis: die große amerikanische Delegation Lei diesen Kongreg. 
Auch den anderen Ländern gegenüber sparte er «ich. an Aner 
kennung. Die Tatsache, daß stch aus manchen nrAMschen 
Freunden von früher stch jüdisch- Monisten mtwrckelt hattem sei 
ein Zeichen der beginnenden Aussöhnung zwrseyen der chrrstltchew 
und jüdischen Welt. Desgleichen feierte Sokolow das Polastma- 
werk Die Rede war als rhetorische Leistung wirksam, 
Der ZwttPerrkongreß. 
Die GeoMrmg. 
Dir Basel, 30. Aug. Der 15. Zionistische Kongreß, der 
im Zeichen der schweren wirtschaftlichen Depression in 
Palästina steht, wurde heute abend durch Dr. Ch. Weiz- 
mann, den Präsidenten der zionistischen Organisation, in 
der Stadt des ersten Zionistischen Kongresses feierlich eröffnet. 
Dr. WeLzmann erinnerte an die bisherigen Hauptleitungen 
der jetzt dreißig Jahre währenden zionistischen Bewegung: die 
Schaffung der Heimstätte in Palästina und die „Normalisierung" 
der Welthaltung gegenüber dem jüdischen Problem. Die Welt habe 
zu verstehen begonnen, daß für dieses Problem eine natürliche 
Losung gefunden werden könne. Die wichtigsten Etappen dieser 
veränderten Einstellung: die Balfour-Deklaration und die Gesetzes- 
werdung des Palästinamandats. Zwar labe das Mandat noch nicht 
alles gegeben, was man zu erwarten berechtigt sei, aber es habe 
einen Austand geschaffen, bei dem, politisch und sozial, die zio 
nistische Position wachsen müsse. Was die Gegenwart 
betreffe, so habe sich die Aufrichtigkeit des jüdischen Volkes gegen 
über den Arabern bereits durch Taten bewährt, und erst jüngst 
bei der gewaltigen Naturkatastrophe seien die beiden Völker sich 
näher gekommen. Der Redner gab sodann die Versicherung, daß 
die Organisation alles daran setzen werde, um die Produktivität 
des Landes zu heben. Das Los der Arbeitslosen zu bessern und 
das Aufbauwerk zu festigen, sei die Aufgabe dieses Jubiläums 
kongresses. 
* Während Dr. Weizwann stch der deutschen Sprache bediente, 
sprach Herr Sokolow, der Präsident der zionistischen Exekutive, 
hebräisch. Er behandelte in längerer temperamentvoller Rede 
die drei Episoden zionistischer Geschichte und ermähnte zuletzt zur 
Einigkeit der Parteien und zu besonderen Anstrengungen, um dsr 
wirtschaftlichen Krise Herr zu werden; wobei er der Hoffnung auf 
die Einführung eines rationellen Agrarkredits Ausdruck gab. 
Präsident Dr. Weizmann begrüßte sodann die Vertreter 
der verschiedenen Nationen, unter denen sich auch Abgesandte 
mittelaWerikanischer Staaten befanden. Lady Samuel, die Frau 
des Hohen Kommissars und die Nichte Lord Balfours sind zu 
gegen. Es folgten Ansprachen des Regierungspräsidenten Wenk 
für den Kanton Basel, des Vertreters des verhinderten britischen 
Gesandten in Bern, der die Wünsche der englischen Regierung 
überörachte, des Vertreters des Zentralkomitees des Schweizer 
Israelitischen Gemeindebundes usw. Das Präsidium des Kon 
gresses konstituierte sich wie folgt: Präsident Sokolow und an 
die Zehn Vizepräsidenten, unter ihnen Leo Motzkin. Der Er- 
öfsnungsabend schloß mit Gedenkreden SokolowZ und Martin 
Bubers auf Achad Haam, den zu Beginn dieses Jahres verstorbenen 
Philosophen des jüdischen Nationalismus. 
Der IronistMkongretz 
(Drahtmeldung unseres Sonderberichterstatters.) 
Basel, 31. Aug. Zu Beginn der heutigen Vormittags 
sitzung erstattete Rechtsanwalt Gronemann für das Kon 
greßgericht den Bericht über die K ongreß Wahlen, wo 
bei er u. a? feststellte, daß die Wahlbeteiligung sich gehoben 
habe. Entgegen verschiedentlich aufgetauchten Behauptungen 
habe Amerika keine Sonderwünsche gehegt. Die Erklärungen 
des Redners trugen zur Hauptsache internen Charakter. 
Präsident Dr. Weizmann machte sodann progmmmatische 
Bemerkungen zu dem gedruckt vorliegenden Bericht der Exe 
kutive. Was die politische Situation betreffe, so sei eine stetig 
vorwärts schreitende Entwicklung zu erwarten. Von der Exekutive 
sei in den letzten Jahren vor allem Gewicht auf Beziehungen zu 
den Organen gelegt worden, die mit und um den Völkerbund sich 
gebildet haben. Die palästinensische Regierung habe 
sich in mancher Hinsicht aktiviert. Verhandlungen mit ihr seien Zu 
führen: über die SLaatsländereien. derentwegen man sich freilich 
keinen übertriebenen Hoffnungen hingeben dürfe; über Steuerfra 
gen (gegen Ungerechtigkeiten in der Abschätzung müsse Abhilfe ge 
schaffen werden); über die Arbeitergesetzgebung im Interesse einer 
größeren Beteiligung jüdischer Kräfte an öffentlichen Arbeiten; 
über das Sanitätswegen. Auch wies Dr. Weizmann auf die Not 
wendigkeit einer Regelung des palästinensischen Steuerwesens 
in Lezug auf industrielle Entwicklung hin. Es bestehe Aussicht, für 
zukunftsreiche Industrien Schutzzölle Zu erhalten. Zur 
finanziellen Lage 
übergehend äußerte der Redner, daß in den letzten Jahren die 
faktischen Einnahmen stets überschätzt worden seien. Das Defizit 
sprang im Jahre 1927 auf 151000 Pfund, Es müsse für das 
kommende Jahr von dem Kongreß ermöglicht werden, dieses Defi 
zit bis auf 55 Prozent zu tilgen. Die kommenden Jahreseinnahmen 
werden auf 450 000 Pfund geschätzt; von ihnen sind aber ver 
schiedene von der Exekutive eingegangene Verpflichtungen (An 
lagen usw.) sowie 70 000 Pfund zur Tilgung des Defizits ab- 
zuschreiben. Es bleibt die verhältnismäßig kleine Summe von 
225 000 Pfund. Hiervon wären 70 000 Pfund zur Behebung der 
Arbeitslosennot vorzusehen. Strikteste Oekonomie ist also 
erforderlich. Es schweben Verhandlungen über eine langfristige 
Anleihe, für die Voraussetzung ist, daß die Arbeit in Palästina 
auf solider Grundlage ruht. Dr. Weizmann erklärte ferner, daß 
die Landwirtschaft von der Krise verhältnismäßig wenig 
betroffen sei. Der verbleibende Rest des Budgets müsse vorwiegend 
zur Konsolidierung der bestehenden landwirtschaftlichen Betriebe 
verwandt werden. Die Exekutive habe es inzwischen als ihre 
—
        <pb n="57" />
        unter allen Umständen mit ihnen zu rechnen. 
Ferner streifte 
Weizmann Klagen der Jewish Agency. Er gestand zu, 
daß ihre Erweiterung Gefahren heraufbeschwören könne. Doch sei 
diese Erweiterung schlechterdings unabweislich. Den Vorschlag 
der Opposition, die Einbeziehung der Nichtzionisten in die Jewish 
Agench auf ökonomisches Gebiet zu beschränken, bezeichnete er 
als töricht. Der Kongreß habe die Jewish Agency beschlossen; 
er solle ihr die Chance gewähren. Zum Schlüsse betonte Weiz- 
mann nochmals die Unabänderlichkeit der von ihm eingeschlage 
nen Politik und ermähnte den Kongreß, für die Behebung der 
Krise gu sorgem 
Langanhaliende Ovationen wurden dem Redner zu Teil. Die 
Sitzung schloß um ^2 Uhr. 
drückte sein Bedauern darüber aus, daß die palästinensischen Schutz 
truppen nur zum geringsten Teile aus Juden beständen. Der Friede 
in Palästina, von dem die Exekutive spreche, sei zwar zur Zeit vor 
handen, doch gebe es Symptome, die auf künftige Unruhen 
und Auseinandersetzungen Hinwiesen. Natürlich solle keine aggres 
sive Politik getrieben werden; aber die stetige Versicherung der Exe- 
kuttve, daß die Lage in Palästina befriedet sei, wirkte politisch gerade 
zu destruktiv. Die Exekutive, gegenderenWied erwähl 
er stch deutlich aussprach, habe der Welt geradezu die Ueberzeugung 
von einer entspannten Atmosphäre suggeriert, während sie die 
politische Krise in ihrer ganzen Furchtbarkeit 
hätte offenbaren müssen. In Lezug aus die Erweiterung der ckewisk 
erklärte er, daß er nur auf wirtschaftlichem, nicht 
aber auf politischem Gebiet für die Mitarbeit der Nicht- 
Zio nisten sei. 
Es sprachen sodann die Vertreter der verschiedenen 
Landsmannschaften. Das Schlußwort Weizmanns 
zur Generaldebatte wird voraussichtlich morgen abend erfolgen. 
Dsr Monifterrksttgreß.^ 
Schlutz der Generaldebatte. — Präsident Dr. Weizmann 
begründet nochmals seine Politik. 
(Sonderbericht der „Frankfurter Zeitung".) 
ML' Bafel, 4. Septbr. Die Generaldebatte, die nichts Be 
merkenswertes mehr brächte, schloß Samstag abend zu vor 
gerückter Stunde. Nach Mitternacht ergriff Dr. Weizmann 
das Wort Zu seiner großen Schlußrede, die seine außer 
ordentlichen Führerqualitäten bezeugte. Bündig und geistreich 
rechnete er mit seinen Gegnern ab. Hinter jedem Satz, den 
er sprach, war sein ausgeprägter Sinn für Realitäten und 
jene staatsmännische Klugheit zu spüren, die auf weite Sicht 
hinaus denkt. 
Zunächst klärte Weizmann den palästinensischen Poale Zion- 
Führer Katznelson auf, daß die direkten Verträge der Organisa 
tion mit den einzelnen Siedlern und Si-edlergruppm sowohl im 
Interesse ihrer größeren Kreditwürdigkeit als auch zur Stärkung 
des Verantwortlichkeit^ in den Siedlern erfolgten; aus 
sachlichen Gründen also und keinesfalls, wie Katznelson unter 
stellt, aus politischen Gründen, die das Zeichen irgend eines neuen 
Kurses wären. Schlagend und pointiert fertigte Weizmann auch 
die Sprecher der Opposition ab: Grünbauw und Jabo- 
tinsky. Diesen warf er in der Angelegenheit der palästinensischen 
Schutzgruppe dogmatische Entstellung einzelner Tatsachen vor. 
Ferner hielt er ihm entgegen, Laß die Frage des Schutzzolles in 
Palästina ein höchst schwieriges Problem sei, das unter keinen 
Umständen saus ka^ou gelöst werden könne. Sicher arbeite die 
englische Verwaltung langsam, aber diese Langsamkeit habe ihre 
Vorteile. Uebrigens habe die Regierung auf dem betreffenden 
Gebiet in einigen Fällen bereits Konzessionen gewacht, und tat 
sächlich bestehe die Tendenz, Industrien zu schützen, die ihre Pro 
duktivität bewährt haben. Die Anklagen Jabotinskys gegen die 
Kostspieligkeit der palästinensischen Mission entkräftete Weizmann 
mit dem Hinweis darauf, daß die Kostspieligkeit zum Teil durch 
das Bestreben, die Leiden auf ihr kleinstes Maß herabzusetzen, 
hervorgerufen sei, zum Teil aber auch sich aus den herrschenden 
politischen Bedingungen erkläre» Dann kam Weizmann auf das 
Verhältnis des Zionismus zur MaudatarumchL 
zu sprechen. Man habe während der Debatte vielfach Unzufrie 
denheit über 'den außenpolitischen Kurs der Exekutive geäußert. 
Es sei ein unverbrüchliches Axiom der Exekutivpolitik, die Or 
ganisation so zu führen, daß man der Mandatarmacht ein Mini 
mum an Verlegenheit bereite. Konflikte mit der englischen Re 
gierung dürfte sich die Zionistische Bewegung um keinen Preis 
leisten. Die ganze Palästina-Politik sei ja tatsächlich im Inter 
esse Englands, doch sei die englische öffentliche Meinung, auf die 
von der Regierung Rücksicht genommen werden müsse., hiervon 
keineswegs überzeugt. Diese Tatsachen seren hart, aber man habe 
Der ZiortPenkorrgreß. 
(Drahtmeldung unseres Sonderberichterstatters.) 
Bafel, 2. Septbr. Aus den KommissionSsitzungen 
des gestrigen Tages wird das Folgende bekannt: Zum Vorsitzenden 
des Permanenzausschusses, der die Personalvorschläge 
für die neue Exekutive auszuarbeiten hat, wurde Kurt Blumen 
feld (Berlin) gewählt, dessen Fraktion, das linke Zentrum, die 
Politik Pros. Weizmanns befürwortet. Weizmann machte den 
Vertretern des linken Zentrums Mitteilung von einem Schreiben, 
in dem bekannte britische Staatsmänner die Zionisten 
ihrer weiteren Unterstützung versichern. 
Ferner ist das Ergebnis der Internationalen Zio 
nistischen Frauenkonferenz (^Vomsn's International 
Monist Organisation) nachzutragen, die unter dem Vorsitz von! 
Lady Samuel vorn 28. bis 30. August tagte. Die Konferenz be 
schloß u. a. die Gründung eines Fonds zum Zwecke ihrer Aufbau 
arbeit in Palästina und des Studiums der Heimarbeit in den 
verschiedenen Ländern, um die Einführung von Heimindu 
strien in Palästina zu fördern, vorausgesetzt, daß sie Aussicht auf 
Erfolg versprechen. 
ch 
Ihren Höhepunkt erreichte die Generaldebatte in der 
heutigen Sitzung'mit der Rede Jabotinskys. Der lebhaft be 
grüßte Revisionistenführer, der übrigens eine zahlenmäßig bedeu 
tungslose Gruppe vertritt, setzte sich für eine stärkere Indu 
strialisierung zur Behebung der Arbeitslosigkeit ein; frer- 
&amp;gt; lich müsse zu diesem Zweck die Regierung die industriefeindliche 
Haltung ändern, die sie in mehreren Fällen bewiesen habe. Ins 
gesamt legte er der englischen Verwaltung einen Protektionismus 
! im Interesse der schwerkämpfenden jüdischen Industrien nabs. Er 
Der Ziorrrste«ko«greß. k. 
Cröffnunzr der Generaldebatte. 
(Drahtmeldung unseres Sonderberichterstatters.) 
Basel, 31. Aug. Zu Beginn der NachwitLagMtzung ent 
spann sich eine Geschäftsordnungsdebatte über den Beschluß des 
Präsidiums, die Redezeit der FAMonsvedner in der General 
debatte entsprechend der Größe der Fraktionen festzusetzen. Gegen 
diesen Beschluß erhoben die Vertreter der Opposition einen 
heftigen Protest, der zur Folge hatte, daß die kleinen Welt 
anschauungsgruppen die doppelte Redezeit wie die Landsmann 
schaften erhalten. 
Zuerst sprachen die Vertreter der drei großen wehr oder 
weniger regierungstreuen Fraktionen. Der jetzt in Palästina 
lebende Rabbiner Meir Berlinaus New York, der Führer 
der orthodoxen Gruppe (Misrachi), vertrat hauptsächlich die 
Forderung, daß der Zionismus auf streng religiöse Grundlage 
.gestellt werden solle. 
Herr Arlosorofs von der Hitachduth (Partei der sogenann 
tem VolkssoMisten, des rechten Flügels der Linken) begegnete 
bei der Linken, die in dieser Hinsicht geradezu nationalistisch ist, 
einem demonstrativen Widerstand, weil er sich der deutschen Sprache 
bediente. Seine Polemik gegen den „politischen Klerikalismus" 
des Vorredners fand den lebhaften Beifall der Versammlung. Als 
schwache Punkte nannte er: die palästinensische Administration, die 
ihrer Aufgabe inmitten politisch delikater Verhältnisse nicht durch 
aus gerecht werde; die zionistische Position in den Vereinigten 
Staaten, die von immer größerer Bedeutung werden müsse; das 
Schwinden der außenpolitischen zionistischen Disziplin, dem im 
Innern gewisse separatistische Bewegungen entsprächen. Ferner 
stellte er fest, daß die geistige Aktivität des Zionismus hinsichtlich 
der Bearbeitung der jüdischen Volksmasse (besonders in Polen und 
Amerika) erlahmt sei. Sein Vorschlag: Schaffung interfraktio 
neller zionistischer Verbände. An eine Kritik der Anleihepolitik der 
Exekutive schloß er den Protest gegen den von einigen bürgerlichen 
Gruppen neuerdings eingeschlagenest Untiarbeiterkurs. Zur Lösung 
der Arbeitslosenkrisis seien drei Grundsätze zu befolgen: Einleitung 
des Abbaues der Arbeitslosenunterstützung; Produktivierung der 
Arbeitslosenfürsorge; Inangriffnahme der Orangenkolonisation. 
Dr. SLephanWise, der bekannte amerikanische Reformrab- 
Liner und Freund des Präsidenten WUon, der auch vor christlichen 
Gemeinden gepredigt hat, sprach für die amerikanische Landsmann 
schaft. Er erwartet mit Zuversicht, daß die Erweiterung der Jewish 
Agency, d. h. die Zusammenarbeit mit den Nichtzionisten zustande 
komme, und kritisierte die Mandatsverwaltung, insbesondere das 
Steuersystem, das für die neuen Kolonien schwer Zu tragen sei. 
Mrnens seiner amerikanischen Freunde sagte er Weizmann Unter 
stützung zu. In Palästina empfahl er Toleranz, auch den Ortho- 
b^en^gegenUöer. ° 7 7 
Der polnische Sejmabgeordnete Grünbaum, der Führer der 
radikalen Zionisten, wandte sich ebenfalls gegen die Beschwichti 
gungsversuche des Präsidiums, mit dessen außenpolitischem Kurs 
Wohl keine Gruppe einverstanden sei. Er protestierte sodann gegen 
die Erweiterung der Jewish Agency (Verhandlungen mit Marshall), 
die eine Desavouierung der zionistischen Agitation bedeutet und 
tadelte heftig die Anleihepolitik Weizmanns. Es komme darauf an, 
daß eine Lösung in nationalem Sinne gefunden werde. 
Heute finden Beratungen in den Kommissionen statt. Die 
Generaldebatte wird morgen fortgesetzt und abgeschlossen werden. 
Hv- Basel, 1. Septbr. Perl Katznelson, der Führer der 
Sozialistischen Arbeiterpartei (Poale Zion) erklärte Zu Eingang 
vsr gestrigen Ubendschung, daß die Zur Schau getragene Ruhe 
kaum der wahren Lage des Zionismus und der Arbeit in Palästina 
entspreche. Die Schwierigkeiten der palästinensischen Situation hingen 
Zum Teil von der politischen Lage ab. Die gegenwärtige Knse sei 
keine Krise in Palästina, sondern eine Krise in derzioni sti s ch e n 
B e w egun g. Er warf der Organisation vor, daß sie den Kontakt 
Zwischen den verschiedenen Elementen der Bewegung Hemme und 
die Möglichkeit, für zahlreiche junge Pioniere zu sorgen, verabsäumt 
habe. Ferner protestierte er, wie der Vertreter der Volkssozialisten, 
gegen die Arbeiterfein-dlichkeit eines Teiles der offiziellen Bewegung 
und gegen die von der Exekutive vorgeschlagenen Einschränkungen. 
Er forderte zum Schlüsse von der Organisation eine Erklärung, ob 
sie mit oder gegen die Arbeiterschaft zu arbeiten gedenke.
        <pb n="58" />
        Lr Basel, 3. Septbr. 
Der XV. Zionistenkongreß, auch ,^Fubiläumskongreß" ge 
nannt, weil vor dreißig Jahren der erste Kongreß zu Baiei 
stattfand, tagt in dem Gebäude der Mustermesse, das seiner 
großzügigen Anlage wegen für Kongreßzwecke besonders ge 
eignet ist. In seinen Vestibülen, Sitzungszimmern und Sälen 
treffen zusammen: ostjüdische Gestalten, die mit ihren Bärten 
chassidischen Geschichten entstiegen zu sein scheinen; palä 
stinensische Juden der verschiedensten Herkunft und Färbung 
(unter ihnen ein Vertreter der Yememten, arabisch anzu- 
sehen, mit einer Stimme, die an Vogelschreie erinnert); ame 
rikanische Juden, die eher Amerikanern als Juden gleichen; 
schmalglibdrige Männer, deren Erscheinung die Anpassung an 
die lateinische Rasse verrät; Patriarchenhäupter im Schutze 
ihres Käppchens und international abgeschliffene Gesichter. 
Der Buntheit dieser Physiognomiken Erdkarte 
entspricht die der Idiome. Viel wird Hebräisch gesprochen, 
das in der Debatte mitunter passioniert und bewegt aufklingt; 
ferner Jiddisch, das sich bald ganz fremd anhört, bald wie 
verderbtes Deutsch; natürlich auch Deutsch und Englisch, und 
auf den Korridoren, noch einige andere Sprachen. Man hat 
die Auswahl. 
Die Kongreß-Organisation, die bei einem solchen 
Welt-Rendezvous nicht eben einfach ist, verdient besondere An 
erkennung. Alle äußeren Reibungsmöglichkeiten sind auf ein 
Windestmast eingeschränkt. Ein ganzes Aufgebot jugendlicher 
Ordner, zu denen Keouts verschiedener Grade zählen, 
verteilt den Menschem'Einlauf und auch für die rasche Druck 
legung der Reden ist gesorgt. 
Das zionistische Parteiwesen ist von einer Kompli 
ziertheit, die unsere deutschen Parteiverhältnisse in den Schat 
ten stellt. Den an größere Maßstäbe Gewöhnten, mutet es 
zunächst wie ein Gekrabbel unter dem Mikroskop an — oft nur 
minutiöse Unterschiede zwischen den Fraktionen, die sich zu 
dem mit manchen Forderungen überkreuzen. Der Vergleich 
mit den Parteiungen in normalen europäischen Ländern wird 
dadurch erschwert, daß sämtliche Weltanschauungsgruppen und 
Landsmannschaften außer den in der allgemeinen Situation 
begründeten Stellungnahmen noch ihre besondere zionistische 
Der HaseLer Zionistenkongreß 
Die Krisis imZisnismus. 
(Von unserem Sonderberichterstatter.) 
Das Bild ist glänzend, die Stimmung ernst, ja gedrückt. 
Trotz des Optimismus, der stellenweise zur Schau getragen 
wird, den Sokolow zumal in seiner großen Rede unter 
strich, als er von dem „Siegeszug des Zionismus" sprach — 
der achtundsechzißjährige Sokolow, der rund zehn Sprachen 
meistert, Diplomat der alten französischen Schule und eine ge 
glückte Synthese aus oftjüdischem und romanischem Wesen, 
voller gewinnender Komplimente für jedermann, die er aus 
einer unerschöpflichen Tüte holt . . . 
Zur gedrückten Stimmung besteht Grund genug. Die 
zionistische Bewegung befindet sich in einer Krise, wie sie 
sich schlimmer kaum denken läßt. Sie ist schlechterdings nicht 
wegzuleugnen, die Krise, und alle reden von ihr; je nach der 
Parteirichtung beschönigend oder in Worten der Anklage gegen 
die Exekutive bzw. die Mandatsverwaltung. 
Die Krisis ist im wesentlichen durch die folgenden Tat 
sachen bestimmt: 
1. Durch die Defizitwirtschaft. Das akkumulierte 
Defizit beträgt jetzt 151 000 Pfund (gegenüber 71 000 Pfund 
im Vorjahre). 
2. Durch die Arbeitslosigkeit. Zur Zeit befinden 
sich in Palästina etwa 8000 jüdische Arbeitslose, bei einer 
Gesamtbevölkerung von ungefähr 151000 Juden. Die Ar 
beitslosigkeit hat im Frühjahr 1926 eingesetzt und ist die Folge 
einer Zu starken Einwanderung in den Jahren 192425 
(rund 45 600 bis 50 000 Menschen), deren Zrckassung man der 
Exekutive vielfach zum Vorwurf macht. 
3. Durch die Abwanderung. Sie hängt naturgemäß 
mit der Arbeitslosigkeit zusammen und beträgt seit Herbst 1926 
durchschnittlich 500 Mann im Monat. Die Zahl der neuen 
Einwanderer ist gegenwärtig geringer als die der abströmen 
den Menschen. 
4. Durch die Handhabung des Steuerwesens und der 
Zölle von Seiten der englischen Regierung. Die Art der Ab 
schätzung lastet vor allem auf den neugegründeten Kolonien. 
Ferner beklagen sich die jungen Industrien über ein zu ge 
ringes Entgegenkommen der Mandatarmacht. 
Zu der Krise ist noch Zu bemerken, daß die palästinensische 
Landwirtschaft am wenigsten von ihr betroffen wird. Die 
Krise tritt besonders stark in Tel Aviv auf, das die er 
wähnte Einwanderung vor zwei bis drei Jahren aufzuneh- 
men hatte, ohne sie absorbieren zu können, da die Hauptmasse 
der Einwanderer sich aus dem kleinen polnischen Mittelstand 
zusammensetzte, der seinen Beruf nicht wechseln wollte. Kein 
Wunder, daß ihm die Existenzmöglichkeit fehlte und das ameri 
kanische Gründertempo, mit dem die Stadt aufgebaut wurde, 
sich als überhöht erwies. 
Professor Ehaim Weizmann erklärte in dem für die 
Exekutive abgelegten Rechenschaftsbericht, der die General 
debatte einleitete, daß der Kongreß nicht eher auseinander 
gehen dürfe, als bis Mittel und Wege zur Lösung der 
Krise gefunden seien. Der jetzt vierundfünfzigjährige Weiz- 
mann hat im Aeußeren Aehnlichkeit mit Lenin: slawische 
Züge, Kinnbart, die Empfindungen aus der Sichtbarkeit Zurück 
gezogen, um die Augen verschlagen. Vielleicht nicht im Aeußern 
nur, denn auch er erweckt (zum Unterschied von Sokolow) den 
Eindruck des Realpolitikers großen Stils. Man kennt seinen 
Anstieg, der ihn von der unbeträchtlichen Stadt Pinsk über 
Genf auf den chemischen Lehrstuhl der Universität Manchester 
und nach dem Krieg an die verantwortliche Stelle der zionisti 
schen Organisation führte. 
Das von ihm unterbreitete „Regierungs"-Programm ist 
ein Programm der Einschränkung, das sich mit 
dem Erreichbaren begnügen möchte. In politischer Hinsicht 
bringt es der Mandatarmacht Vertrauen entgegen und 
wünscht die weitere friedliche Cooperation mit den Arabern. 
Das Defizit soll allmählich abgedeckt werden; nach seiner 
Tilgung zu 55 Prozent und anderen notwendigen Abschrei 
bungen verbleibe für das kommende Jahr von den voraussicht 
lichen Einnahmen des Keren Hajefsod die verhältnismäßig 
geringe Summe von 225 000 Pfund zur freien Disposition. 
Sie wäre laut Vorschlag der Exekutive mehr zur Konsoli 
dierung der bisherigen Wirtschaft als zu ihrer 
Erweiterung Zu verwenden; wobei die landwirtschaftliche 
Siedlungstütigkeit eine besondere Berücksichtigung in Anspruch 
nehmen dürste. Im Interesse der städtischen Wirtschaft wird 
an die Ableitung der überschüssigen Kleinhandwerker und 
Kleinhandelsleute in den (zum Teil exportfähigen) Fruchtbau 
und an die Erwirkung gewisser steuerlicher und finanzieller 
Erleichterungen für die Industrie gedacht. Was die Ardens- 
losigkeit betrifft, so ist ihre Minderung durch Begrenzung der 
Immigration und durch produktive öffentliche Arbeiten ge 
plant — Schaffung von festen Gebäuden und Straßen in 
den Siedlungen —, zu denen einige bereits begonnene oder 
projektierte Unternehrnungen treten (Ruthenberg-Elektrifi- 
zierungswerk, Kalisyndikat Novomejsky der Totes-Meer-Kon- 
Zession). Auch will man die Regierung bewegen, zu den von 
ihr auszuführenden Arbeiten eine größere Zahl jüdischer Ar 
beiter hinzuzuziehen. Selbst wenn diese Maßnahmen verwirk 
licht sind, wird auf absehbare Zeit ein Ueberschuß an 
Arbeitslosen bestehen bleiben; eine nicht eben günstige Aus 
sicht, zu deren Eröffnung sich aber Weizmann durch den Ernst 
der Situation gezwungen fühlte, so wenig er sonst auf die 
offiziell gebotene Beimischung fröhlicherer Farben verzichten 
mochte. 
Zum Kolonisieren gehört Geld. Daß sich mit den 225 600 
Pfund kaum etwas ansangen läßt, ist jedermann klar. (Einer 
der Redner erklärte, die Exekutive hätte mit diesem Budger 
gar nicht erst kommen sollen.) Woher das Geld nehmen, wenn 
und so lange die palästinensische Wirtschaft sich nicht selbst 
erhält? Erwogen wird die Aufnahme einer langfristi 
gen Anleihe. Die Möglichkeit ihrer Durchführung wieder 
um hängt zum großen Teil von der beabsichtigten Erweiterung 
der ab. Diese aber ist ein Kapitel für sich. 
Laut Artikel 4 des Palästina-Mandats soll die Zionistische 
Organisation Schritte unternehmen, um im Einvernehmen mit 
der Mandatarmacht die Mitwirkung aller Juden an dem 
Aufbau der jüdischen Nationalen Heimstätte" herbeizufüh- 
rem Die Exekutive hat sich des Auftrags durch Verhandlun 
gen mit prominenten amerikanischen Nichtzionisten zu entledi 
gen begonnen, an deren Spitze Herr Louis Marshall 
steht. Daß in erster Linie an Amerika gedacht wurde, ist selbst 
verständlich durch die Notwendigkeit ausreichender Geld 
beschaffung bedingt. Den bisherigen Vereinbarungen zufolge 
soll sich die verbreitete zu 50 Prozent aus 
Zionisten und zu 50 Prozent aus Nichtzionisten Zusammen 
setzen. Sie wird sich auf Grund eines Experten-Gutachtens 
über das gesamte palästinensische Aufbauwerk konstituieren. 
Zur Herstellung der Expertise ist eine Kommission ernannt 
worden, die von den Herren Sir Alfred Mond, Direktor 
Oscar Wassermann, Dr. Lee K. Frankel und Mr. 
Felix Marburg gebildet wird. Die von dieser Kommission 
gewählten Sachverständigen, die bereits ihre Studien in Pa 
lästina ausgenommen haben, werden etwa in einem halben 
Jahr die Arbeiten zu Ende bringen. Das Gutachten wird auch 
der Anleihe als Unterlage dienen müssen.
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        Hoffnungen mehr und Ehr als eine Dependance der in der 
Zerstreuung beheimateten Juden, — ein Ableger, der auch 
dann nicht Mittelpunkt ist, wenn er, vielleicht, ein Eigenleben 
wird führen können. Bon zionistischer Seite mag eingewem 
det werden, daß es nur verläufig so sei, und man sich durch 
die Krise das Blickfeld nicht verdecken lasten dürfe. Möglicher- i 
weise macht aber die Krise das Blickfeld erst frei. 
Denn wie verhält es sich in Wirklichkeit mit der vielbe 
redeten Erweiterung der Die ihr einzu- 
gliedernden jüdischen Nichtzionisten werden vielleicht einen 
Bruchteil ihrer überschüssigen Revenuen für Palästina hergeben 
wollen— eine Art von „SentimentalitäLsfonds" 
(dieser vom Referenten geprägte Ausdruck fand im Gespräch 
mit Zionisten keinen Widerspruch), aus den Untiefen rudimen 
tärer Religiosität heraufgepumpt und gespeist auch aus den 
gleichen Feiertagsgefühlen und Rückversicherungs-Bedürf- 
nisten, aus denen Dollarmillionäre sonst Universitäten und 
Bibliotheken zu stiften Pflegen. Sie werden vielleicht sogar 
auerhand kulturelle und sozialistische Experimente zulassen, 
Palästina ist fern — aber Experimente haben ihre Grenzen, 
und daß die späteren nichtzionistischm Anleihezeichner mit 
ihrem wirtschaftlichen Einfluß nicht Zugleich auch den polti 
schen werden geltend machen wollen, erscheint bei vernünftiger 
Beurteilung ausgeschlossen. Hier bestehen die Befürchtungen 
der Opposition zu Recht, nicht umsonst setzt sie sich gegen die 
erweiterte Auflage der zur Wehr. Aller ¬ 
dings vergeblich, da vornehmlich die gegenwärtige ökonomische 
Situation Palästina zwangsläufig zu ihr treibt. 
In einer Unterhaltung äußerte der Arbeiterführer Katz- 
nelson, daß er die palästinensische Arbeiterschaft für stark genug 
erachte, um die antinationalen und betont kapitalistischen Ten 
denzen zu überwinden, die mit der neuen 
vermutlich heraufbeschworen würden. Das eben ist die Frage. 
Es käme auf die Probe an. Indessen ist es wahrscheinlicher, 
daß das nichtzionistische Geldkapital eine stärkere assimilato 
rische Macht beweisen wird als die materiell schlecht unter 
baute zionistische Ideologie. Fest steht jedenfalls schon heute: 
daß die zionistische Organisation hauptsächlich infolge der 
Krise — gewiß nicht nur, weil Artikel 4 des Palästina 
Mandats es so vorschreibt -- den nichtzionistischen Geldmag 
naten den kleinen Finger reichen muß. 
Damit aber ist der Zionismus in ein neues Stadium ge 
beten, das ihn seinen ursprünglichen Erwartungen entfremdet. 
Es ist sehr stille geworden um diese Erwartungen. Herr Arlo- 
sonoff erklärte in seiner großen Rede: . der geistige An ¬ 
griff der zionistischen Bewegung auf das jüdische Volk, wie es 
ist, der Jdeenkampf der Zionisten um die Geister im Juden 
tum, Hai beinahe in allen Ländern faktisch aufgehört". Ein 
wiederholt zugestandenes Erlahmen, das im Zusammenhang 
mit der Wirtschaftskrise auf eine Art von g e istigerKrisis 
Ideologie mitbringen, die wiederum jenen Stellungnahmen, 
ein eigenes Lokalkolorit erteilt. 
Während der Generaldebatte lebten die großen und kleinen 
Verbände sich aus; häufig rabiat und mit parlamentarischem 
Geräusch. Ohne auf Details einzugehen, sei festgestellt, daß 
die „Regierungs"-Parteien, die das Weizmann-Programm an 
erkennen, die überwiegende Mehrheit bilden. Zu ihnen ge 
hören: 
l.das Zentrum, dessen linker Flügel durch die Rich 
tung Kurt Blumenfeld bezeichnet wird (etwa den deut 
schen Linksdemokraten analog), während die amerikanische 
Landsmannschaft mehr auf dem rechten Flügel steht, der in 
der Debatte den stärkeren Akzent auf Industrie und Handel 
statt auf die Landwirtschaft legte. 
2. Die Misrachi, die ein Palästina auf religiös-ortho 
doxer Grundlage fordern und in wirtschaftlicher Beziehung zu 
meist bürgerlich-konservativ orientiert sind. 
3. Die Gruppe der Hitachduth (sog. Volkssozialisten, 
aber keine Marxisten; am ehesten den russischen Sozialrevo 
lutionären entsprechend), deren Führer Arlo soro ff, ein 
ausgezeichneter Redner übrigens, gegen den „Klerikalismus" 
der Misrachi und die nicht allzu arbeiterfreundliche Haltung 
rechtsbürgerlicher Kreise (zumal der Amerikaner) polemisierte. 
4. Die an die zweite Internationale angeschlossene Ar 
beitergruppe PoaleZion, deren HauPLvertreter Berl Katz- 
nelson (seit der russischen Revolution 1905 in Palästina 
ansässig) sich im Interesse der Arbeiterschaft wider die von 
der Exekutive vorgeschlagene Anpassung der Ausgaben an die 
Einnahmen erklärte. 
In der Opposition stehen die verhältnismäßig bedeutungs 
losen Fraktionen der Radikalen und Revisionisten, 
beide nationalistisch geartet. Sie verlangen ein 
schärferes Auftreten gegen die englische Regierung, bekämpfen 
die Erweiterung der als eine Desavouie- 
rung des Zionismus und wollen die Anleihe auf politi 
schem Wege unter Garantie des Völkerbunds zustande ge 
bracht wissen. Sind aber die Radikalen für eine friedliche 
Lösung (ohne „Verteidigungskriegen" abgeneigt zu sein), so 
haben die Revisionisten den militaristischen Tick. Ihr Führer 
Jabotinsky ist ein ins Jüdische herab gemilderter kleiner 
Mussolini. Ein assimilierter Russe, der, bezeichnend genug, im 
Italien des Tripolis-Krieges studiert hat. Er träumt von 
einer Erneuerung seiner jüdischen Legion. In seiner Rede 
trieb er zum Teil eine martialisch-sentimentale Demagogie, 
die in einem krassen Mißverhältnis zur Wirklichkeit stand. 
Unter anderem stellte er die unmögliche Forderung auf, daß 
die Kompetenzen der zukünftigen sich nicht 
auf politische Fragen erstrecken dürften. Aber immerhin, mit 
dieser Forderung wies er auf einen der schwachen Punkte der 
zionistischen Konstruktion. 
Der Stand der 
zionistischen Hemegnng?) 
Eindrücke vom Baseler Zionistenkongreß. 
(Von unserem Sonderberichterstatter.) 
Basel, Anfang Septbr. 
Das Verhältnis zu England. 
Das Verhältnis der zionistischen Bewegung zur eng 
lischen Regierung wurde von Dr. Weizmann in 
der großen Rede, mit der die Generaldebatte schloß, grund 
sätzlich und unzweideutig herausgestellt. Diese Rede war das 
Ereignis des Kongresses. Sie setzte mit polemischer Meister 
schaft die Opposition matt und bekräftigte zugleich die kaum 
ernsthaft bestrittene Autorität Weizmanns — eine Autorität, 
die er nicht zuletzt seinem Sinn für politische Realität danken 
mag. 
Man hat während des Kongresses vielfach Unzufriedenheit 
mit den geringen Fortschritten gegenüber der Mandatarmacht 
bekundet und der zionistischen Exekutive allzu große Zurück 
haltung, wenn nicht gar Schwäche zur Last gelegt. Die zio 
nistischen Nationalisten vor allem, an der Spitze Jab o- 
linsky, redeten in einer Meise, als ständen sie mit England 
auf gleich und gleich. Sie mußten sich durch Weizmann be 
lehren lassen, daß die zionistische Organisation es sich 
schlechterdings nicht erlauben kann, auch nur den ge 
ringsten Konflikt mit England heraufzube- 
schwören. So gewiß die Schaffung der jüdischen Heim 
stätte in Palästina dem Interesse der englischen Politik ent 
spricht, so wenig ist doch noch selbst die englische öffentliche 
Meinung für den Zionismus gewonnen. Weizmann erinnerte 
daran, daß vor drei Jahren sich 160 englische Parlaments 
mitglieder gegen die Palästinapolitik der Regierung erklärten. 
„Für uns," so sagte er wörtlich, „ist Palästina die Ange 
legenheit, für die Engländer ist es nur ein Teil des Teiles." 
Diese Tatsachen sind geeignet, die überschwänglichen Er 
wartungen vieler Zionisten beträchtlich herabzustimmen. Man 
kann eben nicht wie man will, und selbst im günstigsten Fall 
liegt das jüdische Palästina im Schlepptau der englisch e n 
Politik. Zur Besserung der augenblicklichen Situation weiß 
Weizmann nichts anderes vorzuschlagen, als eine intensive Be 
arbeitung der englischen Öffentlichkeit und eine Verstärkung 
der zionistischen Positionen in Palästina, die aber ihrerseits 
wiederum von den politischen Beziehungen zur Mandatar 
macht abhängig ist. Ein Zirkel, ein „verzauberter Kreis", wie 
Weizmann selber zugestand; nicht ohne außerdem noch auf 
die der englischen Verwaltung eigene Langsamkeit hinzuweisen. 
Der Aufbau in Palästina. 
Ueber den gegenwärtigen Stand des Aufbauweicks in 
Palästina wurde der Kongreß durch Colonel F. H. Kish, 
den jetzigen Leiter der palästinensischen Exekutive (während 
des Kriegs englischer Oberst) und vor allem durch Dr. A. 
Ruppin unterrichtet, der lange Jahre als Funktionär 
der Exekutive in Palästina tätig war und zur Zeit Vor 
lesungen über Soziologie an der Universität Jerusalem hält. 
Seinen Darlegungen zufolge befindet sich das jüdische Pa- 
lasiina heute im Uebergang von der Periode der Pionier 
arbeit und der Spenderfonds zu einer Periode -der normalen 
Arbeit und des Leihkapitals. Alle Unternchmüngen sind 
darum künftighin nach dem Grad ihrer Wirtschaft 
lichkeit und Rentabilität zu bewerten. 
Dies vorausgesetzt, ergibt sich im einzelnen für den Auf 
bau das Folgende. Zunächst haben sich, nach Ruppin, die 
Zu schließen erlaubt. Man hört weniger von einer Lösung der 
Judenfrage durch den Zionismus (nur noch Sokolow eigent 
lich verstieg sich zu so fatalen Behauptungen von einer „Ver- 
sachlichung" des zionistischen Denkens. Man ist ideologNch 
lautloser geworden, gedenkt vielleicht auf weltanschaulichem Ge 
biet die gleiche Beschränkung wie auf wirtschaftlichem zu üben. 
Diese Bescheidung wäre nur den Umständen angemessen. 
Denn dem unbefangenen Betrachter wird auch durch den Ver 
lauf des Kongresses bestätigt, daß die Verhältnisse heute an 
nähernd umgekehrt liegen, wie der Ziomsmus in den Zerten! 
seines von der Realität noch nicht beeinträchtigen Ueber-z 
Wvangs wähnte. Nicht die in der Zerstreuung lebenden 
Juden blicken auf Palästina als auf ihr eigentliches Hennat- 
land, sondern PÄSstina enthüllt sich, entgegen-den ziomchschen.
        <pb n="60" />
        *) Vergl. den Artikel im Ersten Morgenblatt vom 7. Septbr. 
bürgerlichen Zionisten davor zu hüten, durch unbilliges Ver 
halten in den Arbeiter-Pionieren (Chaluzim) den Enthu 
siasmus zu ersticken, der einer der wertvollsten Aktivposten 
Palästinas sei; nur mit den Arbeitern, nicht gegen sie könne 
die Wirtschaftlichkeit der Betriebe durchgeführt werden. Die 
Bedeutung der Streiks in Palästina wurde von Ruppin zu 
entkräften gesucht. 
Legt man mit ihm eine normale Gliederung der Be 
völkerung in 30 Prozent Landwirtschaft, 30 Prozent In 
dustrie und Handwerk und 40 Prozent Handel, Verkehr, 
freie Berufe usw. zu Grunde, so ist die Landwirtschaft noch 
viel zu schwach besetzt (15 Prozent), während der Handel 
begreiflicher Weise einen Ueberschutz aufweist. Was die 
Landwirtschaft betrifft, so werden außer den vor 
handenen gemischten BetriÄen Siedlungen auf der Basts 
des Orangebaus und vielleicht auch anderer Produkte 
(wie Tafeltrauben, Bananen) empfohlen; wenigstens für den 
Fall, daß sich diese Produkte als exportfähig erweisen sollten^ 
Der sogenannte „allgemeine" Zionismus (in der Haupt 
sache vom Zentrum vertreten), erblickt im jüdischen Volk ein 
Volk wie jed^ andere auch und will ihm in Palästina ein 
ungestörtes Eigenleben ermöglichen, das sich von dem der 
übrigen Zivilisierten Staaten nicht wesentlich unterscheiden 
soll. Nach dieser Meinung stünde man also im Aufbau einer 
neuen Nation, die zu den vorhandenen hinzukäme. Eins pro 
fane, stark westlich orientierte Richtung, der die orthodoxe des 
Misrachi ihr Ideal der religiös gebundenen Gemeinschaft, 
des „Thoravolkes", entgegenhält. Das Volk wird nach ihnen 
weniger durch den Zusammenhang im Natürlichen und Pro 
fanen als durch die religiöse Lehre begründet. Die religiös 
indifferente Gruppe der Volkssozialisten ist der orthodoxen in 
sofern verwandt, als ihr der äußerliche Nationalismus der 
„allgemeinen" Zionisten nicht Genüge leistet. Sie erstrebt, 
romantisch genug, eine Renaissance des jüdischen Volkes durch 
seine Zurückführung zu den Berufen, die sie für die eigent 
lich produktiven hält; vor allem zur Landwirtschaft. Die 
Ueberzeugung einer anderen Gruppe, die klein aber einfluß 
reich ist, da sie gute Köpfe in ihren Reihen zählt, geht dahin, 
daß es in einer Zeit der Zersplitterung jüdischer Kräfte ge 
boten sei, in Palästina ein neues, vorwiegend geistiges Zen 
trum zu gewinnen, auf das die jüdische Magnetnadel von 
überallher weisen könne. Ihr kommt es nicht auf die zahlen 
mäßige Größe und nationale Mächtigkeit des jüdischen 
Valästinuan. sondern auk seine Weienllaftigkeit, seine Substarrz. 
zwanzig Jahren der Bodenankaufs-Fonds „Keren 
Kajemeth" („Nationalfonds" im engeren Sinne), dessen Er 
träge sich aus Gelegenheitsfpenden zusammensetzen. Sie be 
trugen nach den Mitteilungen des leitenden Direktors M. M. 
Usischkin im letzten Jahre 281 000 Pfund, wovon 
1 Million Dollar auf kanadische Zeichner entfallen. 
Weltanschauung. 
l Angesichts der Krise trat, wie wir bereits in unserem 
ersten Artikel ausführten, das Weltanschauliche während des 
Kongresses stark zurück- Dennoch darf es auch im gegenwärtigen 
Stadium nicht vernachlässigt werden, da es ja schließlich die 
mächtige Triebfeder der Bewegung ist; und gewiß wird die 
kommende Propaganda, deren Neubelebung der Kongreß 
fordert, wie bisher vor allem mit weltanschaulichen Argu 
menten arbeiten müssen. 
Auf die nationalistische Ideologie der Oppositions 
parteien (Radikale und Revisionisten) einzugehen, ist über 
flüssig. Sie hat nur eine verhältnismäßig geringe Anhänger 
schaft und findet innerhalb der Bewegung selber den schärfsten 
Widerspruch. 
Die Weltanschauungsgruppen, mit denen zu rechnen ist, 
stimmen darin überein, daß sie sich nirgends auf die Verwirk 
lichung humanitärer Ziele beschränken. Vielmehr: das 
Nationale versteht sich ihnen von selbst (in einer Kongreß 
resolution über Erziehungsfragen heißt es ausdrücklich, daß 
alle palästinensischen Schulen die Verpflichtung hätten, die 
„Liebe zur jüdischen Nationalidee" zu fördern). Aber das 
Nationale wird von den verschiedenen Gruppen verschieden 
aufgefaßt und unterbaut. 
!Die marxistische Psale - Ziongruppe schließlich denkt merk- 
j würdig um die Erde herum. Sie will das jüdische Volk auf 
richten, damit es sich p rolet ari sier e, und also sich Wis 
cher abbaue. Um des Zukunftsstaates willen Zunächst einen 
; normalen Staat in Palästina; weil, angeblich, den Juden 
inmitten der christlichen Völker nicht die Gelegenheit gegönnt 
ist, Proletarier Zu werden und als solche den Klassenkampf 
zu führen. 
Wir haben diese Uebersicht zu informatorischen Zwecken 
gegeben; nicht, um in eine weltanschauliche Diskussion ein- 
zutreten, für die hier der Raum fehlt. Immerhin fei, von 
allen anderen Zweifeln abgesehen, der Kardinalzweifel aus 
gedrückt, ob in einer Epoche, in der von kaum einem euro 
päischen Volke noch der Nationalgedanke ungebrochen hin 
genommen wird und das Schwergewicht ersichtlich auf den 
sozialen Auseinandersetzungen ruht, gerade 
die Jnthronisierung der jüdischen Nationalidee im Sinne der 
geschichtlichen Entwicklung sei. Das nationale Erwachen der 
Völker Asiens ist offenkundig wirtschaftlich und politisch be 
dingt; der jüdisch-zionistische Nationalgedanke meint mehr 
und anderes. Es sei fern von uns, an den Ernst und die 
Ueberzeugungstreue seiner Vorkämpfer zu rühren. Aber nichts 
spricht dafür, daß er der Realität gewachsen sei, oder gar 
zur geistigen Mitte der in der Zerstreuung lebenden Juden 
ausreifenkönne. 
Ruppin bringt einen neuen sparsamen Siedlerthpus, den 
des Arbeiterlied l er s, in Vorschlag, dem Gelegenheit 
gegeben werden müsse, sich in seiner freien Zeit durch Be 
bauung des Bodens zur Selbständigkeit emporzuarbeiten. 
Düster steht es auf dem GMet von Industrie und 
Handwerk aus, trotz der ZoWefreiungen, die unter 
anderem für die Rohstoffe der Textil- und Gerberindustrie 
sowie für sämtliche landwirtschaftliche und industrielle Ma 
schinen gewährt worden sind. Nach den übereinstimmenden 
Urteilen der Sachverständigen können lediglich lang 
fristige Kredite helfen; daher das unten erwähnte 
Projekt eines industriellen Kredit-Instituts. Die englische 
Regierung scheint sich nur schwer zu den von der zionistischen 
Organisation geforderten Unterstützungen verstehen zu wollen. 
Wichtig fft die Regelung der Zukünftigen Einwande 
rung. Wenn sie nicht, wie vor einigen Jahren ins Blaue 
hinein, sondern unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit 
erfolgen soll, müssen für jaden Einwanderer gleichzeitig auch 
Kapitalien nach Palästina einwandern. Dr. Ruppin hat er 
rechnet, daß für jede Familie, die im Durchschnitt auf fünf 
Köpfe angesetzt ist, ungefähr 375 Pfund erforderlich sind. Bei 
der geringen Höhe der wirtschaftlich verfügt 
liegt die Notwendigkeit der Weizmannschen Konsolidierungs 
politik auf der Hand. 
Der Ratio nalfonds. 
Der Palästina-Grundfonds (Keren Hajessod), der 
im Anschluß an die Balfour-Deklaration als materielle Grund 
lage des palästinensischen Aufbaus ins Leben gerufen wurde, 
wird aus freiwilligen Jahressteuern der Zionisten und Nicht- 
zionisten gespeist. Einige Angaben aus dem Rechenschafts 
bericht werden interessieren, den Dr. A. Hantke, einer der 
Direktoren der neuerdings von London nach Jerusalem über- 
gesiedelten Fonds-Verwaltung, während des Kongresses ab- 
legte. 
Der Keren Hajessod hat in den sieben Jahren seines Be 
stehens etwa drei Millionen Pfund (abzüglich aller 
Unkosten) nach Palästina überwiesen. An seiner Aufbringung 
sind rund 250 000 Steuerzahler beteiligt, von denen lediglich 
die Hälfte der zionistischen Organisation angehört. Da unge 
fähr zweieinhalb Millionen Juden für die freiwillige Be 
steuerung in Betracht kämen, ist bisher nur der zehnte 
Teil der jüdischen Gesamtheit ergriffen — eine Tatsache, 
für deren Beurteilung weiterhin ins Gewicht fällt, daß der 
Krise und der notwendigen Umstellung der Ideologie wegen 
die Propaganda in der nächsten Zeit mit besonderen Schwie 
rigkeiten zu kämpfen haben wird. 
Die Keren Hajessod-Organisation erleichtert sich diese 
'internationale Werbung dadurch, daß sie den innerzionistischen 
Zwistigkeiten gegenüber strikte Neutralität bewahrt und 
sich auch jeder^ politischen Beeinflussung der Nichtzionisten 
enthält. Sie beschränkt sich auf die Sammlung für den Auf 
bau Palästinas im Sinne der Balfour-Deklaration. So wird 
es möglich, daß auch eine rein philanthropische Gesinnung, die 
mit den nationalen Aspirationen der Zionisten nichts zu 
schaffen haben möchte, sich materiell auswirken kann. 
Mit dem Ergebnis der Sammlung hat die Keren Hajefsod- 
Leitung Unzufriedenheit bekundet, eine „heilige" Un 
zufriedenheit, wie Dr. Hantke sie nannte, aber immerhin 
Unzufriedenheit. Sie richtet stch in erster Linie wider die 
organisierten Zionisten selber. „Die Gesamtheit der Zionisten," 
erklärte Dr. Hantke, „hat ihre Pflicht gegenüber dem Keren 
Hajessod bisher noch nicht voll erfüllt." Man sieht, die 
Schwierigkeiten beginnen bereits im eigenen Lager. Durch 
solche Verhältnisse und den Zwang zu ihrer öffentlichen 
Feststellung wird die Außenpropaganda nicht eben erleichtert. 
Für die kommende Periode ist die Schaffung eines In 
stituts für Industrie-Kredite aus den Mitteln des Fonds 
geplant. Ferner wird ein landwirtschaftliches Kreditinstitut 
In Aussicht genommen, dessen Gründung aber einer längeren 
Worbereitungszeit bedarf. Bei der Einschätzung dieser Pro 
jekte ist zu berücksichtigen, daß der Keren Hajessod, wie aus 
drücklich betont wurde, mit der Gewährung von Vorschüssen 
an die zionistische Exekutive die Grenze des Möglichen er 
reicht hat. Es ist ersichtlich diese ungünstige Finanzlage, die 
zur beschleunigten Erweiterung der treibt.i 
NeLen^dem^Valästina-Grundfonds bestellt seit sechsund-1
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        ^OLLGLO^H 
*l Lnrlsruds. Q« VrLma. VIII. 343 8sitsn. Dsd. 
^LILM. 
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rs^slu mit Luk äsu Ms§c Lsdsu mooüts. Dsr Vsr- 
sucü ist uieüt usu: Zu ullsu 2sitsn siuä 8eliriktsu 
äisssr Dattuux: srssüisusu, äsrsu RatselilL^s, so 
^lu^ sie vmrsu, uis dskol^t vmräsn siuä. 8onst 
liattsu äis ^siteu sieü uUmüiäieli ssäuäsrt. 8eiisu 
MÜt mit Dakt uuä ^iMieüsr Drkaüruus uu ssius 
^uk^uds. um äis v^ir iüu uisüt dsusiäsu. Dr irlürt 
äis äüuLsr äsr Dsdsusiruust über äsu Msrt üsiLsr 
Da äsr uuk. üdsr äis risüti^s Zpurssmicsit, übsr äis 
Das .Jabrbnab kür LsLiolo driuDä 
in ssinem III. Vanä bauotsaedlied Dsitrüss Zur voli- 
tÄLdsn SOLiolvM. Disss Msnäuns Zum DLiLöc-d- 
liedsn sutspriedt äse ^bsiedt äss UsraiiLasdsrs Drok. 
bottkrmä SLlomou, äsr mit Lsedd immsr medr 
äsr smDiriseLsu uuä Listarissdsn DorssdunL äsn 
Vsrtritt lassen mosdts. 
Dis msistsn ^ddanälnn§sn dsZisdsn sieh ouk 
L^tusIIs vslitiseds RrsblsDS. Drok. DritZ Ztisr- 
8 omIo untsrsuedt äis ZsZiswais äes intsrnatis- 
nalsn Reelle uuä LsisuKt Zu äem DrMdnis. äuL in- 
tsrnationLl-rsedtlieds Oränun^sn nur äann LS^Ldr- 
Isistst sinä. v^snn sis sied auk äsr Lusu Lsmallsn 
^össi^edaktliedsn Drunälaas autdausn. Um idnsn 
Dültl^dsit Zu vsrZedakksn. müsse Lieb äsr nLnsuro-- 
päiseds Dsännks Zu äsr DssÄmtüdsrZsu^unK von 
seiner ^dsoIutW ^ot^suäi^ksit, dlütZlieddsit. IIn- 
sntrinndardsit" vsräiedtsn. — ^.n äsr Uanä nrah- 
tisedsr Vsismsls nrükt Nax 8edinvsl (t) äis 
Loloumlsn ^rdsitsvsrdältnisss uuä stsilt ksst, äuL, 
Zumal in äsu Dronsn, äsr ^rdMsrsedutZ käst ststs 
vou äsr muttsMuäiLLÜ Zentral sn RsaisrunabLs^alt 
^SLSU äis ortlieds Lsldstrs^isrun^ äuredassstZt Msr- 
äsn müsss uuä äis autoritärs Rsasluna äsr ^rvsits- 
dsäinMNASn vordsrrseds. —- lu äsr ^ddanäluna: 
„8ur LoZiolsais äeZ suWrMsedsn Dsndsns^ Lvislt 
Dr. Ddsoäor D^rääsdsr^ äas doIIedtiviZtiZeds 
Dendsn MMU äsK inäiviäualistiLeds aus. äus bisdsr. 
st^u in äsr Dsrm äes NLedtasäandsns, siusr Vsr- 
värLIiednn^ äsr snrovLiLedsn Dindsit ^iäsrstrsds. 
DisIoriLed stslltsn sied äis Iislls^tivistisedsn LrLkts 
in äsr Darm äsr mittslaltsrliedsn Lireds uuä äes 
Oluudsus LQ äss Daturrsedt äsu. Dsr SIS ndlossnäs 
LMsdtivismuL unssrsr DaLs vsräs vsrstärdt kür 
übsrnationals rsedtlieds uuä ^irtsedaWeds Vinäun- 
Asu Zu ssrMn dabsn. Dured äis Drdenntnis äsr 
soZioloÄsedsQ 2uLUMmsuüüuM sei äsr Mills Zum 
surOuLiseüsu Dsndsn Zu sedärksn. Drok. Ködert 
Niedsls urdsitst in einsm dlsinsn matsriad 
ssZiols^'sedsn DLSLV äsn WvtdoIoN.sedsn Odaradtsr 
isusr orstsllun^sn dsrnus, äis isäs Lulturnation. 
^s aMssed^vaedt immsr. mit idrsr Rsrdunkt uuä 
idrsr Leuäuu^ vsrdinäst. — ^,n äsn HvsulLuäsru 
sxsmulikiZisrsuä. erörtert äsr Innsdruedsr Drsksssor 
^äE Düntdsr äis LpLuuuuTSLustüuäs, iu äsueu 
bssts Nstüoäs, VsrüauäluuLSU Zu kükrsm üdsr äis 
DsäsutuuL vou Drisksu, üder siuiM DruuäsLtZs äsr 
NsusedsudsurtsiluuL. über srlaudts uuä uusrluudts 
Lomuromisss — kurZ: äsr ^vküu^sr im Dsbsu. äsr 
äureü äsu Diltsr äieses Vuelies sstrisdeu virä, 
köuuts Zum MsUmuun ^ersiuist uutsu üerLUslcom- 
meu. ^enu er üisüt erst siu MsltkuuäiLsr ssiu 
müüts, um äis Düts äsr iu äem Vueü srtsiltsu Nat- 
sMü^s Zu kssssu. Immsrüiu mus^ äsm eiueu oäer 
uuäersu äie iu uusuruelisloser Darm vermittelte ^u- 
IsituuL uütZsn. 8ie lüüt Zumeist äort im 8tieü, vo 
sie sicli üder äss Dediet äer süßeren Dmuirie Zu 
ullLemsiusu DestimmuuLeu vor-^LLt. IIusinuiL etvm 
äis VsduuutuuLl, äuü sius Xultur doder stede, äis 
medr uuk äs.s DiLsutum uis uuk äsu VesitZ ^e§rüu- 
äst sei, verdedrt äis Dsststslluu^. äuk Nilliousu 
vou Neusedsu sied aus Deouemlieddsit Zu einem 
Dsdeu vou üuLerster DürktiMsit sutsedlösssu. ^us- 
LL^su äisssr ^rt. äereu sied muueds kiuäeu. de- 
Msissn. äuL mau eiu Dedsusdüustlsr im 8iuus äes 
Verkusssrs sein dauu. odue äus Dedeu vürklied Zu 
denusu. IVomit uued äie dier Leledrts „Dsdeus- 
duust" idre uotise DiusedrüuduuL erdült. Dr. 
Stacheldraht 
Dieser in Hollywood unter der Oberleitung von Er i ch 
Pommer gedrehte Film spielt im Krieg. Pommer hat seinerzeit 
den bekannten Film: „Hotel Stadt Lemberg" geschaffen, in dem 
der Krieg als Hintergrund einer Geschichte diente, die sich zuletzt 
doch glücklich abwickelte. Auch „Stacheldraht" hat eine 
Spielhandlung; aber sie benutzt nicht den Krieg als Folie, sondern 
wächst aus ihm hervor und wird von ihm verschlungen. Der Krieg 
ist die eigentliche Hauptperson; er widerlegt in dem Film sich selbst. 
Ein Gutshof in der französischen Provinz. Die Tochter des 
Bauern bewirtschaftet ihn — Pola Negri: schwarz, derb, 
zurückhaltend und sehr patriotisch. Nach der KriegseEärung muß 
ihr Bruder einrücken, der Vater ist alt, sie schafft für zwei. Zu 
irgend einer Zeit — der Krieg dauert ein Jahr, zwei Jahre, un 
absehbar lang — wird ein Kriegsgefangenenlager auf dem Hof 
errichtet. Stacheldrähte wachsen über Nacht in die Höhe, dahinter 
deutsche Soldaten. Ihrer einige werden zur Arbeit auf den Hof 
abkommandiert. Was sollte die Französin ihnen gute WorLe geben, 
wo doch der Heldentod ihres Bruders gemeldet wird? Sie küm- 
' wert sich nicht um die Soldaten; um einen kümmert sie sich doch. 
Er ist blond, zuverlässig und ernst. Er rettet sie vor der Zudring 
lichkeit eines französischen Unteroffiziers (oder Feldwebels? — 
gleichviel), der sie vergewaltigen will« Wegen Tätlichkeit vor das ! 
Kriegsgericht gestellt, verweigert der Deutsche die Aussage. Moste 
Szene: das Mädchen, diese kleine Französin, klärt den Sachverhalt 
auf. Sie wird von ihren Landsleuten Verräterin geschimpft, aber 
der Deutsche entgeht dem Tod. Sie lieben sich jetzt, ohne Heimlich 
keit. Der Vater stirbt. Am Lag des Waffenstillstands Lanzen und 
Hüpfen die Soldaten hinter den Stacheldrähten vor Freude. Ist 
der Krieg zu Ende? Er geht weiter fort; denn die Französin wird 
mit der Ausweisung bedroht, wenn sie den Deutschen heiratet 
das ist unwahrscheinlich, das einzig Unwahrscheinliche im Film — 
und die Mutter des Deutschen möchte von der Französin nichts 
wissen. Erst der als äeus ex mLabinL erscheinende Bruder, der 
am Schluß blind aus der Gefangenschaft Heimkehrt, beschwichtigt 
die Hasser und legt die Hände der Leiden zusammen. 
Der Regisseur heißt Rowland V. Lee. Er hat eine end 
lose Mauer gezogen, die den hohen Stacheldrahtzaun begleitet. Die 
Mauer kehrt immer wieder, sie ist ein lebendiges Geschöpf, das 
töricht zwei Völker trennt. Nach der Gerichtsszene geht Pola Negri 
an der Mauer entlang, und auf dem ganzen langen Weg grüßen 
sie ehrfurchtsvoll die deutschen Soldaten hinter den Drähten. Die 
Soldaten sind echt, gute Kerle, die zwei oder drei Jahre Krieg 
hinter sich haben und nach den heimischen Aeckern verlangen. Unter 
ihnen die ausgezeichnete Episodenfigur eines Spaßmachers, der 
mit wurstiger Miene Akrobatenstückchen verübt. Es fehlt nicht an 
Auftritten, die etwas opernhaft anmuten, aber auch sie sind mit 
Takt gestellt: ein Weihnachtsabend, das wütende Volk, der brüder 
liche Versöhnungsakt. Bei dieser Endapothese wird ein Ver 
brüderungszug der Armeen gewagt, der aus den Wolken 
DrsvZvöIKsr deute lsdsn. Dis ..Irrsäsnta" ^irä s,UA 
äsm soZioloMsedsn VsrdLltnis äsL Nuttsrlunäss Zinn 
adassplittsrtsn VoLstsä srdlärd Dntsr äsu Dö- 
sun^LverLuedsn ist äsr Lsiusls L-snannt. äsr sine 
Nsdrstaatlieddeit äsrseldeu Rutisu kür möKlisü Mit. 
^dMlsüut ^sräsu äis kuLeiLtiseüsu uuä dolseüs^sW 
ssüsu Nstüsäsu. —. Mieüti§ ist äsr ^uksstZ vsu Dr. 
äa^od Vuuuuusrt üüsr äis ^utiouuIitü,tsukruL's 
iu Dolsu. Dsr VerkuLLsr MÜt uuk äuL 8eüieL6Ll äsr 
NiuoritLtsu siu uuä Zsi.Ct, äuL äis uutiöuulsu läso- 
lOsisu ^olsuL uur äis Hülls kür äis Nusüt- uuä Mirt- 
Loüuitsiuttzrssssu äsr DrsÜKruuädsLitZsr uuä Vsum- 
tsu Ksisn. Dursü äis vsrÜLUKuisvolls HÄtisuulitütsu-' 
volitik. äis ^irtZeüs-ktlieüs ^uLüsutuuL mit uutio 
uulsr IIutsräräs^uuL vsrdiuäs. trsids Dslsu äsr 
Lutustrooüs Zu. Iu siusr ssür iutsrsZLLutsu 
üuuäluu^ Luüsrt sisü äsr Durissr kroksLLsr ^uärs 
Lis^krisä üder äis stduiseds Lriss äsr Vsrsium-: 
tsu Ztuatsv- Dr skriWisrt äis umsrLuuissüs 8isä- 
luuLLMSsüiedts, aus äsr üsrvvr^sdt, äuü ssit 1910 
äis RieütiALsit äsr „LeümslZtlsAsltÜSOris" LUMMrsi- 
kslt ^-irä. Dis DrkuüruuLsu äes Lriss:ss üudsu Zu, 
äsr Dsuuruüi^uuL äsr ultsiuMSsussusu Dlsmsuts 
äursü äis ärsüsuäs Dsdsrkrsmäuu^ ^sküürt. Ds siuä 
vor Msm äis öritissü-urotsstLutiLsüsu LsvöiirsruuM- 
seüisütsu, äis uus äsm Dsküül iuuerlieüer Dutsr- 
miuisruu§ üsruuL äsr Doi^triu äsr ^d^eiir uuä äss 
^usssülusssL Osltuu T Zu vsrsoliukksu Sueüeu. — 2Msi 
Reiters Vsiträ-M fäsr sius vsu Drok. D. ^Isvmrtü 
D 0 8 s, äsr uuäsrs vou Drok. HoiZ LrLu 8) dstrstksu 
soZiolo^issü "Msssutlisüs VsrüsätuiZss im luäisu äsr 
DsMurrurt. Dsüsr äis Lsssllssüuktlisüs LtruLtur 
äsr Ludvlsu unterrmütst siu ^rtiksl voü krsk. Dsus 
N u u u i s r, Diu kurZsr ^uksutZ vou Drok. Lieüurä 
Mi 1 üs 1 m vermittelt siusu DiuvlicL iu äu^ ssZiÄs 
Dsdsu 0 üILuZ. 
Dis Druuvs äsr voMselmu HzüauäluuLSü värä 
äursü sius Nsiusrs ^dtsiluuL sr^üHZt, äis ksrmul- 
SOLiolo^iseiis VstrueätuuMU sutüäÄ. ^.uZ Hirer 
Dsiüs sei srv/äüut äis Ilsdsrsieüt vsu Drok. Robert 
L Do^vis üosr äsu Ltuuä äsr stüuoio^iLsüsu 
Dorseüuu^ iu ^msrLu: iu äsr sslir iustrMtivsu 
8!ciM vurä äsr smuiriLslis Oburubtsr äsr smsribuui- 
8SÜ6U, MisssuZeMkt bstout. Vou Dsutsrüsu iiubsu 
Zu äieser Hitsiluu^ uosü Drok. Dsovolä v. M isss, 
Drok. Hsrmuu 8eümZ,1sud3.eli uuä Dr. Daus 
8to! tsudsr Lürssrs ^rbsitsu dsi^tsusrt. 
Lr.
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        kommt, IN der Form eines Spruchbandes sich fortbetvegt und lang 
sam entschwindet; erstaunlich genug: der Zug ist geglückt Ueber 
das einzelne hinaus ist der Regie der drastische Ausweis gelungen 
daß die schmetternden Kriegsparolen sich fremd und unangenehm 
zu den Menschen verhalten, die für sie sterben und leiden müssen. 
Der Krieg erscheint als ein Geschehen, das die Menschen entstellt 
und verdirbt. Er macht gemein, er ist ohne Sinn 
Der Deutsche Erich Pommer schickt uns diesen Friedcnsfilm 
aus Hollywood. Was hat die deutsche Produktion in 
A» Frieden getan? Sie hat Schlachten gezeigt mit 
Otto Gehuhr an der Spitze, der den Zopf wie Friedrich der Große 
"ie Leinwand mit strammen Leutnants gefüllt, die 
zu den Mädchen gehen und in den Krieg. Sie hat in ihren Wochen 
übersichten neben den großen Überschwemmungen nicht die ge 
ringste Truppenschau unterschlagen. Sie hat alles getan, was in 
ihren Kräften stand, um das Publikum wieder an die Uniformen 
zu gewöhnen. Sie hat nichts getan gegen den Krieg. Hinter 
Stacheldrähten und Mauern Zollte sie selber gefangen gesetzt wer 
den. Der Film aus Hollywood offenbart ihre Schande. 
Er hat, wie nicht anders erwartet werden durfte, seine Grenzen. 
Der Krieg ist in ihm eine Art von Naturkatastrophe die 
über die Menschen hereinbricht. Sie erdulden ihn wie ein Erd- 
bebem und träumen höchstens am Schluß von einem Land das 
Erdbeben nicht kennt. Der Traum ist schön, doch ein Traum, so 
lange der Krieg für ein 
er ist überhaupt keine Naturkatastrophe, sondern ein Machwerk be 
stimmter Menschsngruppen und ihrer Interessen. Diese Gruppen 
und Interessen bleiben in dem Film unbezeichnet. Sie können 
wieder hervortreten und neue Kriege machen, wenn sich wieder die 
Verbrüderungsprozessionen nicht zugleich gegen sie empören. Wer 
immerhin: der Film ist gut und reißt dem Krieg eine seiner Masken 
herunter. Das ist viel, das will in Deutschland etwas heißen. 
Vielleicht wird er den Zuschauern nicht nur Dränen entlocken, 
sondern sie wirklich für die Sache des Friedens bestimmen. 
(Bei Gelegenheit der Berliner Erstaufführung des Films-) 
Raca- 
„Aas Wesen der Welt". 
Ein philosophisches System. 
Heinrich Hellmund, ein noch unbekannter Autor, ver 
öffentlicht ein Werk: »Das Wesen der WelL" (Amalthea- 
Verlag, Zürich, Leipzig, Wien), das den Umfang von 1360 Seiten 
überschreitet. Aber auch die Welt ist groß, Monomanische Besessen 
heit hat dieses Buchungetüm gezeugt; nur mit ihr allenfalls ist die 
Selöstgerechtigkeit zu entschuldigen, die seine Inhalte als die 
Lösung der Welträtsel preist. Sie sind es so wenig, daß man über 
das seinen Erkenntnissen und Formulierungen nach etwas ver 
spätet erschienene Buch kaum ein Wort zu verlieren brauchte, be 
sähe es nicht einen merkwürdig utopischen Zug. Um seinet- 
willen allein verdient es Beachtung, wie unzureichend immer er 
sich darstellt. , 
Die Welt von der Materie an bis zum Bewußtsein wird rn 
dem Werk als eine Mannigfaltigkeit gedacht, in die das Streben 
nach Einheit eingetan ist. Ihre UrLraft ist die der Anziehung, die 
auf harmonische Vereinigung aller Teile dringt. Aber dem Ver- 
Lindungsstreben treten immer von neuem Widerstände entgegen, 
die sich als Wstoßungen geltend machen. Durch das Spiel der 
Kräfte entstehen fort und fort weitere Differenzierungen; je mehr 
ihre Zahl anschwillt, desto größer werden die Möglichkeiten der 
Abstoßung, desto entscheidender die Triumphe des Einheitstrach 
tens über die auseinanderklaffenden Gebilde. Hellmund bemüht 
sich, im Material zu verdeutlichen, wie die Grundkräfte sich auf 
dem Gebiet des Anorganischen auswirken, wie infolge ihres stän 
digen Konflikts und seiner Lösungen auf dem Anorganischen das 
Organische sich aufbaue, dem dann als höhere OLMivationsstufe 
die Seele entwachse. Ihre Träger sind die Individuen. Da 
sie unverkümmert sich zusammenschließen sollen (statt daß der Zu 
sammenschluß sich auf ihre Kosten vollzieht), setzt die Anziehungs 
kraft ihrem Machtstreben nicht nur kein Hindernis entgegen, son 
dern drückt sich in ihm aus; vorausgesetzt, daß es sich um ern aus 
menschheitliche Bindung Mietendes Machtstreben hand^ nrcht 
um das egozentrische des Subjektivismus, in dem der blinde Av- 
stoßungZwille sich verkörpert. Das schöpferische Genie, dem allem 
an der VerwirMchung seines Werkes gelegen ist, wird von 
geradezu hymnisch gefeiert. Es ist nach ihm vom richtigen Macht 
streben erfüllt, es stiftet neue, bisher ungeahnte Verbindungen, es 
hudelt im Sinne der letzten „Weltstreb enstendenz". 
Durch das weitmaschige Netz dieser ein wenig vulgären Ober 
begriffe wird die ganze Welt auf den dreizehnhundert weiten Ym- 
durchgetrieben. Von der Physik geht es Zu der Chemie und Bio 
logie, überall herrschen Anziehung und Abstoßung, Me siegt stets 
über diese. Wir gelangen zur Seele, wir treiben Politik erkenn^ 
daß Demokratie nur Gleichheit gemäß der mdwrdue^ 
Rangstufe bedeuten könne und der Sozialismus bestenfalls als 
Gesinnung ehrenwert sei. Das Verhältnis der Geschlechter wird 
als der Ausdruck und die Bewältigung der Urpolarrtät begriffen. 
In der Aesthetik erhält die Musik den Ehrenplatz: em Zeichen 
der Beeinflussung Hellmunds durch Schopenhauer, dessen Ge 
schimpfe er bei der Verherrlichung des Genius noch ubertrffft. 
Zum Beweis der folgende Satz, der auch als Stilprobe dienen 
mag: „... der menschliche Pöbel ist dessen nicht wert, was der 
Genius ihm bringt; denn er ist viel zu gemein, zu infam und zu 
blöde dafür." Ist dies Geniekult? Der Autor antwortet: „Dies 
ist kein romantischer ,Geniekult', sondern die klassische Rang 
ordnung..." — Das Brrch mündet in ein Kapitel: „Die Wteta- 
phyfik des deutschen Wesens, in dem den Deutschen zur Ent 
schädigung für ihre tragische Unfähigkeit, die Gegenwart Zu be 
statten, die Metaphysik (neben der Musik) als ihr eigentliches 
Gebiet angewiesen und die geistige Erneuerung Europas über 
antwortet wird." / . _. 
In das System sind nun zwei Gedanken eingebaut, die aus 
^fremden Regionen stammen und stch durch wer weiß welche Mater 
den Zugang erzwungen haben. Der eine besagt, daß die Welt eine 
Geschichte habe; das Ziel der Geschichte aber sei die Ruhe des 
entfalteten und zur harmonischen Einheit gediehenen Universums. 
Hieraus gefolgert wird: die heute bekannte Natur gehört der Früh- 
zeit der Geschichte an, ibre Planetensysteme, Kreisläufe und Pendel 
schwingungen sind vergänglich, weil sie alle noch dem Abstoßungs- 
streben" sich unterwerfen. Aehnlich werden auch die kriegerischen 
Auseinandersetzungen der bisherigen Menschheit als Kreisläufe ge 
kennzeichnet, die nach und nach einer ^kontinuierlichen Strebens- 
linie" weichen. Oder, wie es an anderer Stelle heißt: die Empirie 
ist grundsätzlich erlösbar. — Der Zweite, in dieser Umgebung nicht 
minder ungewohnte Gedanke nimmt vor der endgültigen Ver 
einigung der aufs äußerste differenzierten Individuen eine Epoche 
der furchtbarsten Abstoßung aller Individuen an. Die apokalyp 
tischen Wehen werden von dem Verfasser in die Gegenwart ver 
legt, die er die Zeit der „Ebbe und Minderung aller verbindenden 
geistigen Kraft" nennt. Diese Erkenntnisse meinen große Such- 
schalte, die auch von der Theologie getroffen worden sind. Durch 
ihre Einführung wird versucht, dem Weltganzen die Richtung auf 
das En d e derZeit hin zu erteilen und alle Erscheinungen an 
ihren historischen Ort zu stellen. Die Ungerechtigkeit etwa ist als 
Zeichen des vorerst noch unentwickelten Zustandes der Welt 
gedeutet. — 
Das ganze Werk ist ein eklektisches Scheinsystem, das Trümmer! 
aus verschiedenen Weltgegenden zur formalen Einheit zusammen^ 
stückt. Es hat, bewußt oder unbewußt, seine wesentlichen Begriffe 
der deutschen romantischen Naturphilosophie ent 
nommen, die den Geist bruchlos aus dem Organischen hervorgehen 
läßt, der das Universum selber zum Organismus und das Genie 
zur Krone der Schöpfung wird. Von Nietzsche holt es den 
Machtbegriff, den es, seinen Leitgedanken gemäß, korrigiert, von 
Schopenhauer den entsprechend abgewandelten (Veröln- 
dungs-) Drang, der die Welt durchwirkt. Herrschte nur diese Ter 
minologie, so wäre das Werk nichts weiter als ein banaler Nach 
zügler der offen pantheistischen Systeme, die der deutsche 
Idealismus im vorigen Jahrhundert gezeitigt hat. Sie sind dorr 
der Kritik längst erhellt und naiv nicht mehr Zu wiederholen. 
Einzig jene verzerrt utopischen Gedanken und die kühn aus 
ihnen gezogenen Folgerungen verleihen Teilen des Buchs Realität 
und Bedeutung. Sind sie mit seinen naturphilosophischen Lehren- 
die in dem Begriff des Organismus gipfeln, auch äußerlich ver- 
woben, so stehen sie ihnen in Wahrheit doch fremd und unversöhn 
lich gegenüber; denn in einem System, das den Geist in die Natur 
einbezieht und die JnsichgsschloffenheLL des Naturzusammerchan 
behauptet, kann die Erlösung der bloßen Natur nicht mitgedacht 
sein. Indessen, es spricht für den Autor, daß die Gedanken von deü 
Endzeit und der Apokalypse in seine abgegriffene Terminologie 
haben eindringen können und den sonst vertretenen Organizismus 
sprengen, ohne daß er selber es gewahr wird. Dünnen Adern gleich 
durchziehen sie gigantische Blöcke Loten Gesteins. 
' Dr. S. Krakauer.
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        „Wr den Irieden der Wett." 
Ein französischer Film. 
, ri^ (5) 
über den holprigen' Bodew KM- SiZgeGHeT M- GMz; E 
Mullbinden und Pinzetten. 
Zu sehen sind die gemarterten StWe. Ihre Häuser, Straßen 
und Plätze haben so gut ein Leben wie Menschen und Tiere. Es? 
ist vernichtet, und furchtbare MßhanWngen gingen vorauf. 
Zimmer, in denen gewohnt wurde, sind haWiert und nach außen 
gekehrt worden, schöne Rechtecke willkürlich ausLinanbergebrochen, 
gerade Wände verbogen. Die Neste haben die Traurigkeit von 
Fragmenten, die nicht wissen, wie sie ergänzt werden sollen. Einem 
zerstörten Pergament gleich breitet sich die Kathedrale von Reims. 
Zu sehen sind Tote. Sie auf die Leinwand zu bringen, ist 
in diesem einzigen Falle nicht nur erlaubt, sondern gefordert. In 
den Gräben liegen sie neben Tuchfetzen, Holzblanken und ge 
krümmten MaLeriaMn: ein Schnitzelwetk zwecklos gewordener 
Sachen. Schmutz übsrzieht die Dinge und Leichen. Eine ruht auf- 
dem Bauch, von etlichen sind nur Teile erhalLen. . 
Zu sehen sind, erschütternder noch, die Lebenden, die nach 
Kriegsende in ihre Hausruinen zurückkehren. In den Zeltwagen, 
die sie fortgebracht haben, kommen sie heim, nicht Stuhl noch - 
Tisch ist Zur Hand. EiM alte Frau scharrt m dem MM, vielleicht! 
daß ein Gegenstand von früher stch findet. Sw sogen, schlagen 
Baracken auf, pflügen, richten sich ein. Das alte -Dasein beginnt nell - 
Der Film ist frei von Bildern des Hasses. Er läßt Triumph 
und Niederlage, Schuld und ÄichtschuN dahingestellt,' die deütsHen 
Kriegsgefangenen nicht minder wie dis Truppen der Alliierten 
erscheinen m ihm umsrschisdslös als Notleidende, schwach'urrd 
.entblößt. Nur., einen Gegner kennt err den Krieg. Ihm sprechen 
die Titel in deutliches 'Worten das' Urtsil, ihn-klagen tz'ie ^Milder 
deutlicher an, die ihn verdammen, indem sie ihn spiegeln, 
7Aäy--cr'' w -F.^cN im 
gestlünchzr. Kinder sind zugegen gewesen, dis stnunn 'ossaßen und 
sich von., ihren Mter'-r das Schauspiel erllZren. ließen.' Luch, die 
deutschen Kinder sollten in diesen Film geführt werden. Er ver 
möchte sie zur Wchrhafrigkeit gegen das Unmenschliche in den 
Menschen zu erziehen. As 
Das Erwachen des Weibes. Der in'den Alemannia-' 
Lichtspielen laufende Film ist nach einer Idee von K. 
Thomalla gedreht. Die Idee zu haben war nicht schwer, nachdem 
Wedekind sie (in „Frühlings-Erwachen") bereits besser hatte. Eine 
Verwässerung jenes Wedekindschen Stückes ist der Film. Erste 
Moshe im gibt das Mädchen, das erwacht. Zwischen der Mary 
Pickford und ihr besteht an irgendeinem Punkt eine Verwandt 
schaft des Wesens: auch sie ein Mädchen von Natur aus herb, 
naiv, das Weibliche überspringend. Ihr Partner Wolfgang 
ZLlzer, der Jünglingsdarsteller par exeeUence, hager, nett, 
etwas verhalten, des Enthusiasmus fähig, so wie eben der Jüng 
ling im Buch steht und mitunter auch M. Den edlen Kräften sind 
die gemeinen beigesellt. Allen voran Harry Lambertz - Paul 
s e n, -der einen kessen Berliner Weiberkerl niederer Sorte unnach 
ahmlich »auf die Beine stellt, das Haar mit Pomade gefettet, schicke 
PhanLasteweste und das gewisse Air, das seine Wirkung nimmer 
verfehlt. Ihm ebenbürtig Margarete Kupfer, ein Ausbund 
ordinärer Klatschsucht. Die reinen und weniger reinen Liebes- 
händol gehen in einem Berliner Mietshaus vor sich. Damit das 
Stück gut schließt, erhalten natürlich der Jüngling und das durch 
ihn erweckte Weib die Einwilligung der Eltern zur Heirat. Wie 
im Leben. Das Stück ist mit einer Anzahl treffender Regie-Einfälle 
ausgepolstert, die nur das Tempo Zu sehr verschleppen. Ta c n, 
Das tankende Wien. Dieser Film des G l 0 ria - Palasts 
mischt sämtliche Mixturen durcheinander, die dem größeren Publi 
kum wohlgefällig sind. Der Kritiker darf getrost? beiseite stehen, 
denn das Publikum hat das Wort. Es bejaht den Film, und mit 
Grund: alle Lustspielmotive, alle Mittel und Mittelchm, die 
Rührung erregen, alle Zutaten an beliebten historischen Persön 
lichkeiten, Bauwerken und Lokalen sind zu eimm imposanten Leib 
und Magengericht Zusammengebraut. Es besteht aus Kaiser Franz 
Joseph, Johann Strauß und GrinZingers Garten; aus einer 
Wiener Komtesse, die von Lya Mara wirklich reizend verkörpert 
wird, und einem sympathischen amerikanischen Jungen (B e n 
Lyon), schwer reich, mit nettem Papa; aus einem Gartenfest, 
einem Dichter (Alfred Abel) und einem Opernball; aus 
Tränen, Lachen, echt Wiener Walzern und Jazz. Einer genaueren 
Analyse ergäben sich wahrscheinlich noch mehr Ingredienzien, aber 
es mag genug sein. Jedenfalls sind alle bedacht: die am Alten 
hängen, und die Amerikanisierten. Friedrich Zelnik hat den 
Film gedreht. Schade, daß er sich mit so billiger Kost begnügt. 
Seine Begabung geht auch aus diesem Film hervor. Einige Szenen 
sind technisch glänzend gemacht, zunral das Gartenfest beim Grin- 
zinger, das sich musterhaft aufbaut. Gelungen sind ihm ferner 
einige aparte Uebergänge und Überblendungen. Aber nicht darauf 
kommt es zuletzt an, sondern auf den Gehalt, und der ist so be 
schaffen, daß die ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm sich er 
übrigt. Loben wir immerhin noch das gute musikalische Akkom- 
pagnement, das sich seinerseits mit Erfolg bemüht, die Vcrbin- 
dungsbrücke zwischen Wien und Amerika Zu schlagen. — Eine 
nette amerikanische Groteske: „Nie wieder Seiten- 
sp ränge" geht voran. Laca. 
ZLs° PneLs, Anfang Oktober 
In "dem ELnema Max-Linder an einem der Großen Boule 
vards, wird der Film: „pour ls ? aix ä u o a 6 e" ge 
zeigt. Er ist eine Veranstaltung der „Oueules aLgxäSs" (Gesichts- 
Verletzte); die Bildstreifen entstammen den „Archives pImtoNra- 
pkMLs (1'art St ck'bi8toire". Gegenstand des Ulms: der 
Krieg. Nicht der Krieg, dessen Gedächtnis hier vor ein paar 
Wochen von der Amerikanischen Legion geräuschvoll gefeiert 
wurde, sondern der Krieg, wie er gewesen ist. 
Die Szenen find seinerzeit rm Feld gedreht worden. Alles 
cchr, nirgends Neubabelsberg. Bedürfte LZ eines Beweises für 
die Glaubwürdigkeit des FilmZ, so Ware er durch die rhm voran 
geschickte Liste der Kameramänner erbracht, die bei der Aus« 
Übung ihrer Tätigkeit von Granaten so empfindlich gestört wur 
den, daß sie nicht mehr weiterkurbeln konnten. Einige und gefallen. 
Sie haben, ehe sie starö-en, das Objektiv auf den Krieg gerichtet. 
Nun richtet es dank ihnen den Krieg. 
Au sehen ist die geschundene Etde. Granatlöcher statt der 
Neckar, umgehauene.ObsM kahle Ho"Zstumpfe, wo früher die 
Wälder sich dehnten. Die Kraterlandschaften vor Verdun scheinen 
vom Mond herunlergeholt. lauter Löcher, Tümpel und Steine« Das 
Zerschossene Fort Douaumont: eine formlose Trümmermasse, aus 
der die Eisenarmierungen wie Eingeweide hängen. Schrien die 
Konglomerate wenigstens, oder bluteten sie — aber sie starren und 
schweigen. Ueber ihnen streichen Rauchwolken durch die Luft 
Reine Wolken, die plötzlich groß werden und den Himmel' ver 
decken. 
- Au" fthm sind - die Wagenzügc der Flüchtlinge,. .Militärzüge, - 
Schützengraben Unzählige Schlangenlinisn^ im Nichts. .Eit 
Wehen, aus 'Umwn Menschen, 'Sandsäcken, schlingen sich iü- 
LÜrander und hören nicht auf. Aus ihrem Gemenge ragen dicke 
lange Kanonenrohre nach oben, du - ununterbrochen sorfchnMem 
und zurückfahren- Die SpinnweLnetze der Drahwarhare verhin 
dern eins Flucht aus dem Labtzrmth. 
'Zu sehen sind die Lruvven vor und nach der Schlacht. Wenn 
As Zum Sturrnangrisf müsslig den Gräben entsteigen- hängen sie 
noch lose zusammen, einer neben dem andern, eins lebendige 
Nsihe, die ubcr^ die Flache rieselt. Nicht Mehr dis Reihe kehrt 
wMer^ sondern hier ein Mann und dort einer, drei Lem§..M 
W-ZegenfMA Es werden KStrogen Die vsm Giftgas Gebleu-, 
Kim. nehnMn .sich tzei der -Hemd und "ichLMM mit FLsZEsM Kopf
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        Lr. 
jsäs Döräsrnn^ Lntsil weräen läkt. 
Lrste ^bteilnn^, öanä 1, erster Dalbbanä. 
Der erste Vanä äsr im ^.ultras äss Nosbaner 
Uarx-LnAslsänstitnts von D. D, j a 2 a n o v 
berausAeZebenen Narx-Dn^els-Oesamt- 
ans^abe ist erssbisnen; genauer ASsaZt: äsr 
erste Dalbbanä äsr ersten ^.bteilnnF, äie allsin 
sieb^ebn siänäe umfassen soll (Frankfurt a. N-, 
Uarx-Lngels-^rebiv, VerlaASZsseUsebast m. b. ll. 
I,XXXIV. 626 Seiten. Oeb. 18). Von äer OroLe 
äes seit mebreren Satiren in ^.n^rill genomme 
nen llnternebmens legt äieser ke^inn ein 2eu§- 
nis ab, äas ausb im wortlioben 8inn ^ewieb- 
ti§: ist. 
„Unsere ^.us^abs will vor allem äie objektive 
(lrunäla^e kür jeäe Marx- unä Ln^els- 
l^orsebun^ bieten, ä. b. äie gesamte ^eisti^e 
Uinterlassensebakt Narxens unä lln^els' in über- 
siebtlieber ^noränun?: Zuverlässig reproäu- 
2ieren" — äieser 8atx äes Vorworts beseiebnet 
äas ?ro^ramm, äas äer Herausgeber Lieb ge 
stellt bat, obne äaL es einen Lsxrikk von äer 
8ebwierigkeit seiner Vurebkübrunx: Mbe. ln äer 
Ist wirä kaum , je ein .arokes bebenswerk seiner 
DinLammlunL: solebe ^Viäerstänäe ent^e^en^e- 
setrt baben klirr FroLsr Peil äes 8ebrikttums 
äer Vegrünäsr äes neueren 8o2iali8mus ist noeb 
unbekannt oäer äer k'orvvbunx bisber un^u- 
Uänalwb geblieben, vie Nebrin^sebe ^.usAabe, 
äis bisber als tzuellenwerk ^alt (vor allem kür 
äls Lpoobe von 1841 bis 1850) ieiäet, wie 
lljaranov nasbweist, LN ssbwersn Nan^eln unä 
äark auk Vollstänäi^beit niedt äen minässtsn 
^nsprneb erbeben. Nebrin^ dat an äsm 
Originaltext Xürxnngen vor§enommsn, er dat 
vsrsebieäsns nnä beglaubigte ^.rtidel ausZs- 
la88en nnä überbaupt äas Vorbanäens niedt 80 
ausAewertssi wie es 8edon rn 8einer,2eit bätts 
gsbekeden dünnen. Inswissben sinä äis vsr- 
ssbisäenstsn äer in alle Dimmels^s^enäen 2sr° 
8treuten 8sbrikten Turn Vor8edein ^ebommen. 
Onstav Na^er dat umkangreiede InZsnä- 
arbeiten von Dn^els er8edlo88en, Hja^anov 
8elber ans kranMsisebsn, engli8eden nnä äent- 
8eden ^eiissbrikten ^.rtidel au8gegraben, von 
äsnen er bemerkt, äak au8 idnen allein sämt- 
liode IlebergangZZtaüien sn bestimmen 8eien, 
clis äen bürgerlieden Daäibabsmns äer beiäen 
Oender mit ibrem revolutionären Xommnnismns 
verbänäen. ^n äsr jetzigen internationalen 6e- 
samtans^abe dat idn aber erst äie Lortierung 
äes banäsebriktlioben VIaterials unä äie wieäer- 
dolte IInterZuedung äes im ^.rediv äer äeut- 
ssben Zomaläemobraiissbsn Dariei anfbewabr- 
ten ungeäruodten Xaeblasses von Narx unä 
Engels bezogen, äie, wie er sobrsibt, soviel 
bleues unä Interessantes erbraedte, äak er 
seinen nrsprün^lisben Dlan einer nur ru88i8eden 
desamtaus^abe kallsd lieZ. 
LiniZe Angaben möZsn äen Dmkan^ äes 
Wsrbs vorausobaubobon, 7,0 äom äio 8owjot- 
lloMrun- äis Wtisl bo^ibt. ^uk äis sisb^sbu 
tianäs äsr srstsn ^.btsibm- sntkaüsn alle pbilo- 
sopbisobsn, ökonomisebsn, bistorisobsn nnä 
pobtisobsn V^srbs mit ^usnabms äss „Capitals", 
bür äis LnoränunT äsr 8sbriktsn wirä im 
wsssntbsben äer sntwisbiun^sssbiebtüsbs 
8tanäpnnbt ma^^sbsnä sein, wenn ansb sini^s 
^bwswbunsssn 2NKun8tsn äsr lo^issbsn 2u- 
sammsn^sböri^bsit sieb als notwsnäiL; erweisen.^ 
Dsr vorlibMnäs Halbbanä rsisbt von äsr Oobtor- 
äisssrtatmn bis äsn ^uksät^sn in äsn 
vsutssb-stran^ösissksn labrbüsbsrn (1844); sr 
sntbält eins k'ülls bisbsr unvsrökksntlisbtsn ^la- 
tsrials. — vis ^wsits ^btsibmx, üis nisbt 
wsni^sr als ärsixsbn Länäs umkasssn wirä. ist 
äsm. „Lapital" ^swiämst. 8is bringt aüs Vor 
arbeiten nnä grolle Peile äes Narxseben Nann- 
sbripts, äis nosb niebt berüebsiebti^t woräen 
sinä. -- In äsr äritten ^bteilnn^ werä m äie 
sirieks von Narx nnä kin^sls verökksntli^bt. — 
Dis nwei. Länäs äsr vierten ^.bteilnn^ sinä kür 
äas 8asb- unä Xamenrs^ister vor^essben, äas 
als Ilanäwörterbnsb ans^estaltet weräen soll. 
Die Verwirbliebnn^ äes llnternebmens über-! 
steift äie ^.rbsitsbrakt ^inss klin^slnsn. klrmö^- 
liebt wirä es änrsb äas N a r x - kl n x e l s- 
Institnt^u Nosbaa, äas sieb unter äer bei- 
tunrr von kl. Orobel in äsn Dienst äer (lesamt- 
ans^abs stellt, äsr übrigens aueb äas D r a n 1-! 
kurier Institut kür 8o^ia1korsebnn^ 
. Sau EwigranLen-MM. Unter dem Mtel: „Heimweh" 
läuft in den Bieberbau - Lichtspielen ein Film, der dem 
Gemüt das Schicksal russischer Emigranten nahebringen mochte. 
Der Grund seiner Entstehung wird vermutlich der gewesen sein, 
daß Madv Christians einmal als russische Fürftin austreten 
wollte. So angenehm das für sie. sein mag, der Iilm ist damit 
noch nicht gerechtfertigt. Er ist wirklich nicht gut. Vom Uebel 
schon, daß alles Licht auf die armen Emigranten Mt und die 
Bolschewiken nur als Brandstifter erscheinen. Aber geben nur 
selbst der Terra-Filmgesellschast diese ihre unmaßgebliche Mei 
nung vor: was spielt sich innerhalb des von ihr abgesteckten Nah 
mens noch ab? Eine plumpe Hochstapelei, die jeder einigermaßen 
gewitzte Kinobesucher auf den ersten Blick durchschaut, die immer 
währende Vorführung von Heimwehschmerzen und eine banal 
arrangierte Liebesgeschichte zwischen der Großfürstin und ihrem 
ehemaligen Schloßverwalter, dem übrigens Wilhelm Dieterle 
eine Noblesse verleiht, die nicht von Pappe ist. Sogar die hübschen 
Pariser Straßenbilder reichen als Trostpflaster nicht hin. Die Hand 
lung Zeugt szenische Leerläufe: einige Ausruhrszenm, an sich ganz 
nett gedreht, aber brüsk in das Stück hineingestellt; Landschasts- 
details, die zum Ueberfluß schon bekannte Empfindungen bezeich 
nen sollen: Gesellschastsabende, in denen russische Volkslieder ge 
sungen werden. Das russische Kabarett „Der goldene Hahn" 
brauchte nicht mitzuwirken. um den Eindruck zu erwecken, daß hier 
eine durch und durch suspekte „Heimatkunst" (weder Heimat noch 
Kunst) über die schöne weiße Leinwandftäche streicht. Raea. 
--- Das Recht de« ersten Nacht. Dieser Mm mit dem auf- 
rsizenden Titel, der in der Neuen Licktbühne läuft, ist 
nach einem Calderonschen Stück unter amerikanischer Regie groß 
artig aufgemacht. Man hat sich rns Mittelalter begeben: ein Herzog 
entreißt einem Zigeuner die Braut, um seine standesherrlichen 
Rechte au ihr auszuüben, tötet sie, der Zigeuner rächt üch durch 
die Entführung der herzoglichen Braut, die ihn bald liebt, beide 
werden vom Herzog eingekerkert und in letzter Minute durch ein 
Wunder gerettet. Viel Stilkostüme, Burghöfe, Bankette — ein 
echtes Barockstück, opernhaft, mit der Glanzapotheose am Ende. 
Eigentlich kein Film, aber nun doch ein Film, so schlagend und 
bildmäßig sind die Szenen aneinander gereiht. Das Gelingen ist 
hauptsächlich den Darstellern zu danken. Wie schön ist Vilma 
Bancky als herzogliche Bwut — ein Gesicht, dessen Ausdruck 
VM der Süßigkeit oes Kitschs um ein Haarbreit abweicht, und 
gerade auf diesen winzigen Unterschied kommt es an Der 
Zigeuner Ronald C 0 lmanZ ist ein Beschützer der Armen, ein 
vollendeter Gentleman, und was seine Gewandtheit anlangt, bei 
nahe Douglas Fairbancks — vielleicht zu viel Schwermut um die 
Augen. Die Beiden agieren inmitten eines riesigen Aufwands von 
Prunkrequistten und Statisten; ihr Gegenspieler, der Herzog, ein 
ausgezeichnet verkörperter Renaissance-Schurke von entsetzlicher 
Vitalität. — Als zweites Stück wird das amerikanische Lustspiel: 
„Wenn Frauen Seitensprünge machen" gezeigt. Es&amp;gt; 
enthält komische Szenen, ohne ganz durchgearbeitet zu sein. Dr?1 
verheiratete Frauen legen sich drei Studenten zu, um ihw un 
treuen Männer eifersüchtig zu machen. Das ergibt pikante Atua- 
tionen. die auf verdächtige Handlungen schließen lassen; geschehen 
ist nichts. Von den drei Studenten ist ein blonder Junge sehr 
nett, der unglaublich schüchtern ist, aber plötzlich in Wut verfällt. 
H a c a
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        xost 
III. 
II. 
r-arstelle, von der man das Wenige behalten hat, das vielleicht 
auch vergessen wird, muß den Eltern geglaubt werden, die eZ 
von der Mutter selbst erfahren zu Haben behaupten. Zeugen 
aussagen sind ungewiß. Am Errde ist auf der Photographie 
gar nicht die Großmutter wiedergegeben, sondern ihre 
Freundin, der sie glich. Mitl-ebende existieren nicht mehr, und 
die Aehnlichkeit? Längst ist das Urbild vermodert. Mit den 
erinnerten Zügen aber hat bis nachgedunkelte Erscheinung so 
wenig gemein, daß die Enkel sich erstaunt dem Zwang' unter 
werfen, in der Photographie der fragmentarisch überlieferten 
Ahnfrau zu begegnen. Nun gut, also die Großmutter, doch in 
Wirklichkeit ist es ein beliebiges junges Mädchen 1864. Das 
Mädchen lächelt in einem fort, immer dasselbe Lächeln, das! 
Lächeln bleibt stehen, ohne noch -auf das Leben Zu weisen, 
aus dem es herausgenommen ist. Nichts hilft die Aehnlich- 
keit mehr. Puppen in Friseurgeschästen lächeln so starr und 
immerwährend. Die Puppe ist nicht von heute, sie konnte im 
Museum mit anderen ihresgleichen in einem Glaskasten stehen, 
der die Aufschrift: „Trachten 1864" trüge. Dort stehen die 
Puppen der historischen Kostüms wegen, und auch die Groß 
mutter auf der Photographie ist ein archäologisches Manne 
quin, das der Veranschaulichung des Zeitkostüms dient. So 
also ging man damals: mit Chignons, um die Taille eng 
geschnürt, in der Krinoline und dem Zuavenjäckchen. Vor den 
Augen der Enkel löst sich die Großmutter in modisch-alt 
modische Einzelheiten auf. Die Enkel lachen über die Tracht, 
die nach der Verflüchtigung ihres Trägers allein den Kampf 
platz behauptet — eine Außendekoration, die stch verselb 
ständigt hat —, sie sind pietätlos, und heute kleiden die jungen 
Mädchen sich anders. Sie lachen und Zugleich überläuft sie ein 
Gruseln. Denn durch die Ornamentik des Kostüms hindurch, 
aus dem die Großmutter verschwand ist, meinen sie einen 
Augenblick der verflossenen Zeit Zu erblicken, der Zeit, die 
ohne Wiederkehr abläuft. Zwar ist die Zeit nicht mit photo 
graphiert wie das Lächeln oder die Chignons, aber die Photo 
graphie selber, so dünkt ihnen, ist eine Darstellung der Zeit. 
Wenn nur die Photographie ihnen Dauer schenkte, erhielten 
sie sich also gar nicht über die bloße Zeit hinaus, vielmehr — 
die Zeit schüfe aus ihnen sich Bilder. 
Das Gedächtnis bezieht weder die totale Raum 
erscheinung noch den totalen Zeitlichen Verlauf eines Tatbe 
standes ein. Im Vergleich mit der Photographie sind seine 
' Aufzeichnungen Lückenhaft. Daß die Großmutter einmal in 
eine böse Geschichte verwickelt war, die man immer wieder 
erzählt, weil man nicht gern von ihr spricht, will vom Stand 
punkts des Photographen nicht viel heißen. Er kennt die ersten 
Fälschen auf ihrem Gesicht, er hat jedes Datum notiert. Das 
Gedächtnis achtet der Daten nicht, es überspringt die Jahre 
oder dehnt den zeitlichen Abstand. Die Auslese der von ihm 
vereinten Züge muß dem Photographen willkürlich dünken. 
Sie mag so und nicht anders getroffen werden, weil Anlagen 
und Zwecke die Verdrängung, Verfälschung und Hervorhebung 
gewisser Teile des Gegenstandes fordern; eine schlechte Un 
endlichkeit von Gründen bestimmt die zu filtrierenden Reste, 
Gleichviel, welcher Szenen sich ein Mensch erinnert: sie 
meinen etwas, das sich auf ihn bezieht, ohne daß er wissen 
müßte, was sie meinen. Im Hinblick auf das für ihn Gemeinte 
werden sie aufgehoben. Sie organisieren stch also nach einem 
Prinzip, das stch von dem der Photographie seinem Wesen 
nach unterscheidet. Die Photographie erfaßt das Gegebene als 
ein räumliches (oder zeitliches) Kontinuum, die Gedächtnis--, 
bilder bewahren es, insofern es etwas meint. Da das Ge 
meinte, in dem nur-räumlichen Zusammenhang so wenig auf- 
geht wie in dem nur-zeitlichen, stehen sie windschief zur Photo 
graphischen Wiedergabe. Erscheinen sie von dieser aus als' 
Fragment — als Fragment aber, weil die Photographie den 
Sinn nicht einbegreift, auf den sie bezogen stnd und auf den 
hingerichtet sie aufhören, Fragment zu sein —, so erscheint, 
die Photographie von ihnen aus als ein Gemenge, das sich 
zum Teil aus Abfällen zusammensetzt. 
Die Bedeutung der Gedächtnisbilder ist an ihren Wahr 
heitsgehalt geknüpft. Solange sie in das unkontrollierte Trieb 
leben eingebunden sind, wohnt ihnen eine dämonische Zwei 
deutigkeit innc; sie sind matt wie Milchglas, durch das kaum 
ein Lichtschimmer dringt. Ihre Transparenz erhöht sich in 
dem Maße, als Erkenntnisse die Vegetation der Seele lichten 
und den Naturzwang begrenzen. Wahrheit finden kann nur 
das freigesehte Bewußtsein, das die Dämonie der Triebe er 
mißt. Die Züge, deren es sich erinnert, stehen in einer Be 
ziehung zu dem als wahr Erkannten, das sich in ihnen kund 
geben oder von ihnen ausgesperrt werden mag. Das Bild, irr 
dem stch jene Züge finden, ist vor allen anderen Gedächtnis 
bildern ausgezeichnet; denn es bewahrt nicht wie sie eine 
Fülle undurchscheinender Erinnerungen, sondern Gehalte, die 
das als wahr Erkannte betreffen. Zu diesem Bilde, das mit 
gutem Recht das letzte heißen darf, müssen stch sämtliche Ge- 
düchtnisbilder reduzieren, da nur in ihm das Unvergeßliche 
dauert. Das letzte Bild eines Menschen ist seine eigentliche 
„Geschichte". Aus ihr fallen alle Merkmale und Be 
stimmungen aus, die sich nicht in einem bedeutenden Sinne zu 
der von dem .freigesetzten Bewußtsein gemeinten Wahrheit ver 
halten. Wie sie von einem Menschen dargestellt wird, hängt 
weder rein von seiner Naturbeschaffenheit noch von dem 
Scheinzusammenhang seiner Individualität ab; also gehen 
nur Bruchstücke dieser Bestände in seine Geschichte ein. Sie 
gleicht einem Monogramm, das den Namen zu einem 
Linienzug verdichtet, der als Ornament Bedeutung hat. Das 
Monogramm des Eckart ist die Treue. Große historische Er 
scheinungen leben in der Legende fort, die, wie naiv immer, 
ihre eigentliche Geschichte bergen möchte. In den echten Mär 
chen hat die Phantasie typische Monogramme ahnungsweise 
I. 
So steht die Filmdiva aus. Sie ist 24 Jahre alt, sie 
steht auf der Titelseite einer illustrierten Zeitung vor dem 
Excelsior-Hotel am Lido. Wir schreiben September. Wer 
durch die Lupe blickte, erkennte den Raster, die Millionen von 
Pünktchen, aus denen die Diva, die Wellen und das Hotel 
bestehen. Aber mit dem Bild ist nicht das Punktnetz gemeint, 
sondern die lebendige Diva am Lido. Zeit: Gegenwart. Der 
Begleittext nennt sie dämonisch; unsere dämonische Diva. 
Trotzdem entbehrt sie nicht eines gewissen Ausdrucks. Die 
Ponny-Frisur, die verführerische Pose des Kopfes und Die 
Zwölf Wimpern rechts und links -- alle von der Kamera gr 
Die Motsgraphie. 
Von Siegfried Kraeaner. 
In der Schlauraffenzeit da ging ich, und sah an einem 
kleinen Seidenfaden hing Rom und der Lateran, und ein 
fußloser Mann der überlief ein schnelles Pferd, und ein 
LiLterscharfeZ Schwert das durchhieb eine Brücke. 
(Grimms Kinder- und Hausmärchen.) 
„Aus der Frühzeit der Freundschaft Goethes und Karl 
Augusts". — „Karl August und die Erfurter Ccadjutor-. 
wähl 1787". — „Besuch eines Böhmen in Jena und Weimar" 
(1818). — „Erinnerungen eines Weimarischen Gymnasiasten" 
(1825 His 1830). — „Ein zeitgenössischer Bericht über die 
eine lückenlose Erscheinung. Jeder erkennt sie entzückt, denn 
jeder hat das Original schon auf der Leinwand gesehen. Sie 
ist so gut getroffen, daß sie mit niemandem verwechselt werden 
kann, wenn sie auch vielleicht nur der Zwölfte Teil eines 
Dutzends von Tillergirls ist. Träumerisch steht sie vor dem 
Excelsior-Hotel, das stch in ihrem Ruhme sonnt, ein Wesen 
aus Fleisch und Blut, unsere dämonische Diva, 24 Jahre, 
am Lido. Wir schreiben September. 
Sah so die Großmutter ausd. Die Photographie, über 
M Jahre alt und schon eins Photographie in modernem 
Sinn, zeigt sie als junges Mädchen von 24. Da Photographien 
Änlich sind, muß auch diese ähnlich gewesen sein. Sie ist in 
Atelier eines Hosphotographen mit Bedacht angefertigt 
worden. Aber fehlte die mündliche Tradition, aus dem Bild 
ließe sich _ die Großmutter nicht rekonstruieren. Die Enkel 
wissen, daß sie in späteren Jahren in einem engen Zimmerchen 
mit dem^BlE auf die Altstadt wohnte, daß sie den Kindern 
Zuliebe, Soldaten auf einer Glasplatte tanzen ließ, sie kennen 
eine böw Geschickte aus Hrem Leben und Zwei beglaubigte 
Aussprüche, die sich von Generation zu Generation ein wenig 
Verändern. Daß die Photographie jene gleiche Großmutter 
Weimarer Goethe-Feier des 7. November 1825". — „Eine 
wiedergefundene Wielandbüste Ludwig Klauers". — „Plan 
eines Goethe-Nationaldenkmals in Weimar". — Das Her 
barium dieser und anderer Untersuchungen sind die Jahr 
bücher der Goethe-Gesellschaft, deren Reihe grundfävlich 
nicht abzuschließen ist. Die Goethe-Phrlologie lächerlich Zu 
machen, die in ihnen ihre Präparate ablegt, wäre um so 
müßiger, als sie von selber das Zeitliche segnet, das sie auf- 
liest; während der Similiglanz der Zahlreichen Monumental 
werke über Goethes Gestalt, Wesen, Persönlichkeit usw. noch 
kaum durchschaut worden ist. Das Prinzip der Goethe-Philo 
logie ist das des hist oristi scheu Denkens, das ungefähr 
gleichzeitig mit der modernen photographischen Technik sich 
durchgesetzt hat. Seine Vertreter — Dilthey etwa — wähnen 
irgend eine Erscheinung rein aus ihrer Genesis erklären Zu 
können, glauben also jedenfalls die geschichtliche Wirklichkeit 
zu greifen, wenn sie die Reihe der Ereignisse in ihrer zeitlichen 
Aufeinanderfolge lückenlos wieder herstellen. Die Photogra 
phie bietet ein Raumkontinuum dar; der Historismus möchte 
das Zeitkontinuum erfüllen. Die vollständige Spiegelung des 
innerzeitlichen Verlaufs birgt nach ihm zugleich den Sinn 
der in der Zeit abgelaufsnen Gehalte. Fehlten in der Dar-- 
stellung Goethes die Zwischenglieder der Erfurter Coadjutor- 
wahl oder der Erinnerungen des Weimarer Gymnasiasten, so 
er .. m .- a - cn k g — elte — es ihr an Wirklichkeit. E De N m K H y js M tW O smmu M K^ A a M M 
UM öle Photographie der-Zeit. Seiner Zeitphotographie ent-! 
wrache ein Ricpenfilm, der die in ihr verbundenen Vorgänge 
allseitig abbildete.
        <pb n="66" />
        das Transparent des Gegenstandes aber wird von dem Kunst 
werk vermittelt. Es gleicht darin einem Zanderfpiegel, der 
den ihn befragenden Mensche« nicht zurÄSwirft, wie er 
erscheint, sondern wie er zu sein wünscht oder von Grund auf 
ist. Auch das Kunstwerk zerfällt in der Zeit; dich aus ftkmn 
zerbröckelten Elementen steigt das mit ihm Gemeinte auf, 
während die Photographie dis Elements verstaut. 
Dir in die zweite HAfts des vorigen Jahrhunderts West« 
wurde das LichMIdverfahre« häufig von früheren Malen: 
aus geübt. Der nicht durchaus entpersönlichten Technik jener 
Uebergangszeit entsprach eine räunckiche Umwelt, i« der 
noch Bedeutungsspuren stch verfangen mochten. Mit der M- 
nehmenden Ablösung der Technik und dem gleichzeitigen Aus 
zug der Bedeutlmg aus den Gegenständen verliert die künst 
lerische Photographie ihr Recht; sie gedeiht nicht 
zum Kunstwerk, sondern zu seiner Imitation. Kinderbilder 
find Zunwuschs, bei LaudschaftS-Jmpvssstonen hatMonet Pate 
gestanden. Die Arrangements, die über die geschickte A«- 
lehnung an bekannte Manieren nicht hinausweiftn, verfehlen 
genau die Darstellung des Naturrestes, die der entwickelten 
Technik in gewissem Umfange möglich wäre. Modern« Maler 
haben ihre Bilder aus Photographischen Fragmenten zusam 
mengesetzt, um das Nebeneinander verdinglichter Erscheinun 
gen zu unterstreichen, die in den räumlichen Relationen auf 
gehen. Dieser künstlerischen Absicht widerstrebtet die der künst 
lerische« Photographie. Sie arbeitet nicht den der photo 
graphische« Technik zugeordneten Gegenstand heraus, sondern 
möchte das technische Wesen stilvoll umkleiden. Der künstlerische 
Photograph ist ein dilettantischer Künstler, der eine Kunstweise 
unter Abzug ihres Gehaltes nachahmt, statt das Gehaltlose 
zw treffen. So will auch die rhythmische Gymnastik die Seele 
einbeziehen, von der sie nichts weiß. Sie stinimt mit der 
künstlerischen Photographie darin übereil«, daß sie das ge 
hobene LÄsn zu beschlagnahmen trachtet, um ein Verfahren 
zu heben, das am gehobensten ist, wenn es feiner Technik den 
Gegenstand findet. Dis Photographierkünstler wirke« in« 
Sinns jener sozialen Mächte, die an dem Schein des Geistige» 
interessiert sind, weil sie den wirklichen Geist fürchten; er 
könnte den Untergrund sprengen, dem der Schein als Ver 
klärung dient. Es verlohnte der Müh«, di« engen Beziehun 
gen zwischen der bestehenden Gesellschaftsordnung und der 
künstlerischen Photographie aufzuL-eSen. 
Die FßoLsgrapßie 
Von Siegfried Kraearrer* 
(Fortsetzung und Schluß,) 
niedergelegt. Unter der Photographie eines Mensche« ist seine 
Geschichte wie unter einer Schneedecke vergraben, 
M, 
Bei der Beschreibung einer ihm von Goethe vsrgÄegten 
Rubensschen Landschaft'bemerkt Eckermann zu seiner Ueber- 
Vaschung, daß das Licht auf ihr vrm zwei entgegengesetzten 
Seiten komme, »welches aber ja gegen alle Natur ist". Goethe 
antwortet ihm: »Das P es, wodurch Rubens sich groß er 
weist, und an den Tag legt, daß er mit freiem Geiste über 
der Natur steht und sie seinen höheren Zwecken gemäß traktiert. 
Das doppelte Licht ist allerdings gewÄtsam, und Sie können 
immerhin sagen, es sei gegen dis Natur. Mein wenn es gegen 
die Natur ist, so sage ich zugleich, es fei höher als die 
Natur, so sage ich, es sei der kühne Griff des Meisters, wo 
durch er auf geniale Weise an den Tag legt, daß die Kunst 
der natürlichen Notwendigkeit nicht durchaus unterworfen 
ist, sondern ihre eigenen Gesetze hat? — Ein Porträt ist, 
der stch durchaus der »natürlichen Notwendigkeit" unterwürfe, 
schüft bestenfalls Photographien. In einer bestimmten Epoche, 
die mit der Renaiffanos begonnen hat und jetzt vielleicht ihrem 
Ende sich zuneigt, hält sich das »Kunstwerk" gewiß an sie 
Natur, deren Sondersetn sich während dieser Epoche mehr und 
mehr eröffnet; aber durch die Natur hindurch richtet es sich 
auf »höhere Zwecke". Es ist Erkenntnis im Material der 
Farben und Konturen, und je größer es ist, desto,mehr nähert 
es sich der Transparenz des letzten Gedächtnisbildes an, in 
dem stch die Züge der .Geschichte" zufammenschließen. Ein 
von Trübner porträtierter Warm bat den Künstler, der Run 
zeln und Falten auf seinem Gesicht nicht zu vergessen. Lrubner 
deutete zum Fenster hinaus und sagte: »Da drübe wohnt a 
Photograph. Wenn Sie Rmrzeln und Falten haben wolle, vo 
müssen Sie den komme lassen, der machts Jhns alle rein; i 
mal Geschichte..." Damit die Geschichte sich darstelle, muß 
der bloße Oberflächenzusammenhang zerstört werde«, den die 
Photographie bietet. Denn in dem Kunstwerk wird dis Be 
deutung des Gegenstandes zur Raumerscheinung, während m 
der Photographie die Raumerscheinung eines Gegenstandes 
seine Bedeutung ist. Beide Raumerscheinungon: die »natür 
liche" und die des erkannten Gegenstands, decken sich nicht. 
Andern das Kunstwerk jene um dieser willen aufhebi, verneint 
es zugleich die von der Photographie erziüts A e h n li chk e i t. 
Sie bezieht sich auf das Aussehen des Gegenstands, das nicht, 
ohne weiteres verrät, wir er der ErkemckriK sich seist: allein' 
Die Photographie bewahrt nicht die transparenten Züge 
eines Gegenstandes, sondern nimmt ihn von beliebigen Stand 
orten als räumliches Kontmuum aus. Das letzte Gedächtnis 
bild überdauert seiner Unvergeßlichkeit wegen die Zeit; die 
Photographie, die es nicht weint und faßt, muß wesentlich 
dem Zeitpunkt ihrer Entstehung zugeordnet sein. „Das Wesen 
des Films ist Lis zu einem gewissen Grade das Wesen der 
Zeit/ bemerkt E. A. Dupont in seinem Filmbuch von dem 
Durchschnittsfilm, dessen Thema die phoLographierLare nor 
male Umwelt ist (zitiert nach Rudolf Harms: „Philosophie 
des Filnls"). Ist aber die Photographie eine Funktion 
derfließenden Zeit, so wird ihre sachliche Bedeutung 
sich ändern, je nachdem sie dem Bereich der Gegenwart oder 
irgend einer Phase der Vergangenheit angehört. 
Die aktuelle Photographie, die eine dem g e g e n w Lr ti- 
gen Bewußtsein vertraute Erscheinung aLLildet, gewährt in 
begrenztem Umfang dem Leben des Originals Einlaß. Sie 
verzeichnet jeweils eine Aeußerlichkeit, die zur Zeit ihrer 
Herrschaft ein so allgemein verständliches Ausdrucksmittel ist 
wie die Sprache. Der Zeitgenosse glaubt auf der Photo 
graphie die Filmdiva selber zu erblicken; nicht ihre Ponnh- 
Frisur nur oder die Pose ihres Kopfes. Aus der Photographie 
allein vermochte er sie freilich nicht zu ermessen. Aber die 
Diva weilt Zum Glück unter den Lebenden, und die Titelseite 
der Illustrierten erfüllt die Aufgabe, an ihre leibhafte Wirk 
lichkeit zu erinnern. Das heißt: die gegenwärtige Photo 
graphie leistet VermiLLlerdienste, sie ist ein optisches Zeichen 
für die Diva, deren Erkenntnis es gilt. Ob ihr entscheidender 
Zug die Dämonie sei, darf am Ende bezweifelt werden. Auch 
die Dämonie indessen ist weniger eine Mitteilung der Photo 
graphie als der Eindruck der Kinobesucher, die das Original 
auf der Leimvand erfahren. Sie erkennen es als die Dar 
stellung des Dämonischen an, gut denn. Nicht wegen seiner 
Ähnlichkeit, sondern trotz seiner Ähnlichkeit denunziert 
das Bild die Dämonie. Sie gehört einstweilen dem noch 
schwankenden Gedächtnisbild der Diva an, auf das sich die 
photographische Ähnlichkeit nicht bezieht. Das aus der An- 
schmmng unserer gefeierten Diva geschöpfte Gedächtmsbild 
aber bracht durch die Wand der Ähnlichkeit in die Photo 
graphie herein und verleiht ihr so einige Transparenz. 
Verjährt die Photographie, so ist der Unmittelbare Bdg 
i auf das Original nicht mehr möglich. Der Körper eines Ge 
storbenen erscheint kleiner als seine lebendige Gestalt. Auch 
die alte Photographie gibt fich als die Verkleinerung der 
gegenwärtigen. Das Leben ist aus ihr gewichen, dessen Raum 
erscheinung die bloße räumliche Konfiguration überdeckte. Um 
gekehrt wie die Photographien verhalten sich die Gedächtnis 
bilder, die sich zu dem Monogramm des erinnerten Lebens 
vergrößern. Die Photographie ist der aus dem Monogramm 
herabgesunkene Bodensatz, und von Jahr zu Jahr verringert 
sich ihr Zeichenwert. Der Wahrheitsgehalt des Originals 
bleibt in seiner Geschichte zurück; die Photographie faßt den 
Restbestand, den die Geschichte abgeschieden hat. 
Wenn die Großmutter auf der Photographie nicht mehr 
anzutresfen ist, muß das dem Familienalbum entnommene 
Bild in seine Einzelheiten zerfallen. Von der Ponny-Frisur 
der Diva kann der Blick zu ihrer Dämonie wandern; aus dem 
Nichts der Großmutter wird er in die Chignons zurück 
gebannt, die Modedetails halten ihn bei sich fest. Der Zett- 
gebundenheit der Photographie entspricht genau die der 
Mode. Da sie keinen anderen Sinn als den der gegen 
wärtigen menschlichen Hülle hat, ist die moderne durchscheinend 
und die alte verlassen. Das um die Taille eng geschnürte Kleid 
ragt auf der Photographie in unsere Zeit hinein wie ein 
Herrschastsgebäude aus früheren Tagen, das der Zerstörung 
preisgegeben wird, weil das Zentrum in einen anderen 
i Stadtteil verlegt worden ist. In solchen Gebäuden nisten sich 
i gewöhnlich Angehörige der unteren Klassen ein. Die Schön 
heit der Ruine, erlangt erst die ganz alte Tracht, die jede 
Fühlung mit der Gegenwart verloren hat. Das vor kurzer 
Frist getragene Kostüm wirkt komisch. Die Enkel sind über 
die großmütterliche Krinoline von 1864 belustigt, die den Ge 
danken austommen läßt, daß moderne Mädchenbeine in ihr 
verschwänden. Das jüngst Vergangene, das Leben bean 
sprucht, ist abgelebter als das vor langem Gewesene, dessen 
Bedeutung sich gewandelt hat. Die Komik der Krinoline 
erklärt sich aus der Machtlosigkeit ihres Anspruchs. Auf der 
Photographie wird das Kostüm der Großmutter als ein ab 
geworfener Rest erkannt, der sich fortbchaupten möchte. Es 
geht in der Summe seiner Einzelheiten auf wie eine Leiche 
imd gebärdet sich groß, als sei Lehen in ihm. Auch die Land 
schaft und jede andere Gegenständlichkeit ist auf der alten 
Photographie ein Kostüm. Denn was im Bild erhalten wird, 
sind nicht die Züge, die das freigesetzte Bewußtsein meint. 
Die Darstellung trifft Zusammenhänge, aus denen es aus 
gezogen ist, umfaßt also Bestände, die eingeschrumpft sind, 
ohne es zugeben zu wollen. Je mehr das Bewußtsein sich 
den natürlichen Bindungen entzieht, desto mehr verringert sich 
die Natur. Auf alten Stichen von photsgrsphifcher Treue
        <pb n="67" />
        in der das Bewußtsein des Menschen von der Natur noch ganz 
umgriffen wird. „Wie die Geschichte der einzelnen Wörter 
stets mit der sinnlich-natürlichen Bedeutung eröffnet und erst 
im weiter« Fortgang der Entwicklung zu abgezogenen, figür 
lichen Anwendungen fortschreitet, wie in der Religion, in der 
Entwicklung des einzelnen Individuums und der Menschheit 
überhaupt derselbe Fortschritt von dem Stoffe und der 
Materie zu Seelischem und Geistigem zu bemerken ist: also 
haben auch die Symbole, in welchen die früheste Menschheit 
ihre Anschauungen von der Natur der sie umgebenden Welt 
niederzulegen gewohnt war, eine rein physisch-materielle Grund 
bedeutung. Die Natur hat, wie die Sprache, so auch die Sym 
bolik auf ihren Schoß genommen." — Der Satz entstammt 
B ach o f e n s Abhandlung über den seilflechtenden Ocnos, in 
der nachgewiesen wird, daß das auf dem Bild dargestellte 
Spinnen und Weben ursprünglich die Tätigkeit der formenden 
Naturkraft bedeutet habe. In dem Maße, als das Bewußt 
sein seiner selbst inne wird und damit die anfängliche „Iden 
tität von Natur und Mensch" (Marx: „Deutsche Ideologie") 
hinschwindet, nimmt das Bild mehr und mehr eine abgezogene, 
immaterielle Bedeutung an. Aber ob sie auch, wie Bachofen 
sich auSdrückt, zur Bezeichnung von „Seelischem und 
Geistigem" fortschreit«: sie ist dem Bild so eingetan, daß sie 
von ihm nicht abzuheben wäre. Auf weite Strecken der Ge 
schichte hin bleiben die bildhaften Darstellungen Symbole. So 
lange der Mensch ihrer bedarf, befindet er sich in einer prak 
tischen Abhängigkeit von den Naturverhältnifsen, die das 
sichtbar-leibliche Meinen des Bewußtseins bedingt. Erst mit 
der zunehmenden Beherrschung der Natur verliert das Bild 
seine symbolische Kraft. Das sich aus der Natur aussondernde 
und ihr gegenübertretende Bewußtsein ist nicht mehr naiv in 
die mythologische Hülle verpuppt: es denkt in Begriffen, die 
freilich in durchaus mythologischer Absicht gebraucht werden 
mögen. Roch ist in gewissen Epochen das Bild nicht ohne 
Macht; die symbolische Darstellung wird zur Allegorie. 
„Diese bedeutet bloß einen allgemeinen Begriff oder eine 
Idee, die von ihr selbst verschieden ist, jene ist die versinnlichts, 
verkörperte Idee selbst", so definiert der alte Creuzer den 
Unterschied beider Bildarten. Auf der Stufe des Symbols ist 
das Gedachte im Bild enthalten; auf der Stufe der 
Allegorie bewahrt und benutzt der Gedanke das Bild, als 
zauderte das Bewußtsein, die Hülle abzuweefen. Der Schema 
tismus ist grob. Genug, wenn er den Wandel der 
Darstellungen veranschaulicht, der das Zeichen für den Aus 
zug des Bewußtseins Es seiner Naturbefangenheit ist. Je 
entschiedener sich doS Bewußtsein im Verlauf des GeschichtS- 
prozesseS von ihr befreit, desto reiner bietet sich ihm sein Natur- 
fmchament dar. Dem, das Gemeinte erschein ihm nicht mehr 
der photographischm Wochenration gar nicht bezweckt. Böte 
sie sich dem Gedächtnis als Stütze an, so müßte das Gedächt 
nis ihre Auswahl bestimmen. Doch die Flut der Photos fegt 
seine Dämme hinweg. So gewaltig ist der Ansturm der Bild 
kollektionen, daß er das vielleicht vorhandene Bewußtsein ent 
scheidender Züge zu vernichten droht. Kunstwerke werden 
durch ihre Reproduktion von diesem Schicksal getroffen. Für 
das vervielfältigte Original gilt der Satz: mitgefangen, mit 
gehangen; statt hinter den Reproduktionen zu erscheinen, neigt 
es dazu, in ihrer Mannigfaltigkeit zu verschwinden und als 
Kunstphotographie weiter zu leben. In den Illustrierten sieht 
das Publikum die Welt, an deren Wahrnehmung es die Illu 
strierten hindern. Das räumliche Kontinuum aus der Perspek 
tive der Kamera überzieht die Raumerscheinung des erkannten 
Gegenstands, die Ähnlichkeit mit ihm verwischt die Konturen 
seiner „Geschichte". Noch niemals hat eine Zeit so wenig über 
sich Bescheid gewußt. Die Einrichtung der Illustrierten ist in 
der Hand der herrschenden Gesellschaft eines der mächtigsten 
Streikmittel gegen die Erkenntnis. Der erfolgreichen Durch 
führung deS Streiks dient nicht zuletzt das bunte Arrangement 
der Bilder. Ihr Nebeneinander schließt systematisch den 
Zusammenhang aus, der dem Bewußtsein sich eröffnet. Die 
„Bildidee" vertreibt dis Idee, das Schneegestöber der Photo 
graphien verrät die Gleichgültigkeit gegen das mit den Sachen 
Gemeinte. So müßte es nicht sein; aber die amerikanischen 
Illustrierten jedenfalls, denen die der andem Länder viel 
fach nacheifern, setzen die Wett mit dem Inbegriff der 
Photographien gleich. Diese Gleichsetzung wird nicht grund 
los vollzogen. Denn die Welt selber hat sich ein »Photo- 
graphiergesicht" zugelegt; sie kann photographiert werden, weil 
sie in dem räumlichen Kontinuum aufzugehen strebt, das sich 
Momentaufnahmen ergibt. Von dem Bruchteil einer Sekunde, 
der zur Belichtung des Gegenstandes genügt, hängt es unter 
Umständen ab, ob ein Sportsmann so berühmt wird, daß ihn 
im Auftrag der Illustrierten die Photographen belichten. Auch 
die Figuren der schönen Mädchen und der jungen Herren sind 
von der Kamera zu erfassen. Daß sie die Welt frißt, ist ein 
Zeichen der Todesfurcht. Die Erinnerung an den Tod, 
der in jedem Gedächtnisbild mitgedacht ist, möchten die Photo 
graphien durch ihre Häufung verbannen. In den illustrierten 
Zeitungen ist die Welt zur photographierbaren Gegenwart ge 
worden und die photographierte Gegenwart ganz verewigt. 
Sie scheint dem Tod entrissen zu sei«; in Wirklichkeit ist sie 
ihm preisgegebsn. 
VII. MMN? 
Die Reihe der bildlichen Darstellungen, deren letzte ge 
schichtliche Stufe die Photographie ist, beginnt mit dem S tz m 
b o l, Es gW «f M ^mturtsSchfige Gemeinschaft" MSck, 
zeigen sich die Rheinhügel als Berge. Durch Lie technische 
Entwicklung sind sie inzwischen zu winzigen Hängen herab 
gesetzt worden, und der Größenwahn jener ergrauten Ansichten 
ist ein wenig lächerlich. 
Das Gespenst ist komisch und furchtbar zugleich. Nicht das 
Lachen nur antwortet der veralteten Photographie. Sie stellt 
das schlechthin Vergangene dar, aber der Abfall war einmal 
Gegenwart. Die Großmutter ist ein Mensch gewesen, und zu 
dem Menschen haben Chignons und Korsett, hat der hohe 
Renaissance-Stuhl mit den gedrehten Säulen gehört. Ein 
Ballast, der nicht niederzog, sondern bedenkenlos mitgenommen 
wurde. Nun geistert das Bild wie die Schloßfrau durch 
die Gegenwart. Nur an Orten, an denen eine schlimme Tat 
begangen worden ist, gehen Spukerscheinungen um. Die Photo 
graphie wird zum Gespenst, weil die Kostümpuppe gelebt hat. 
Durch das Bild ist bewiesen, daß die fremden Attrappen als 
ein selbstverständlicher Zubehör in das Leben einbezogen wor 
den sind. Sie, deren mangelnde Transparenz auf der alten 
Photographie erfahren wird, haben sich mit den durchsichtigen 
Zügen früher unzertrennlich gemischt. Die schlimme Verbin 
dung, die in der Photographie andauert, erweckt den Schauder. 
Er wird auf drastische Weise durch die in dem Pariser Avant 
garde-Kino: „Studio des Ilrsnlinks" vorgeführten Film 
szenen der Vorkriegszeit erzeugt, die das Umgriffensein der im 
Gedächtnisbild aufgespeicherten Züge von einer längst ge 
schwundenen Realität behaupten. Auch die Wiedergabe alter 
Schlager oder die Lektüre einst geschriebener Briefe beschwört 
wie das Photographische Bildnis die zerfallene Einheit neu 
herauf. Diese gespenstische Realität ist unerlöst. Sie besteht 
aus Teilen im Raum, deren Zusammenhang so wenig not 
wendig ist, daß man sich die Teile auch anders angeordnet 
denken könnte. Das hat einmal an uns gehaftet wie unsere 
Haut, und so haftet unser Eigentum noch heute uns an. Wir 
sind in nichts enthalten, und die Photographie sammelt Frag 
mente um ein Nichts. Als die Großmutter vor dem Objektiv 
stand, war sie für eine Sekunde in dem Raumkontinuum zu 
gegen, das dem Objektiv sich darbot. Verewigt worden ist aber 
statt der Großmutter jener Aspekt. Es fröstelt den Betrachter 
alter Photographien. Denn sie veranschaulichen nicht die Er 
kenntnis des Originals, sondern die räumliche Konfiguration 
eines Augenblicks; nicht der Mensch tritt in seiner Photo 
graphie heraus, sondern die Summe dessen, was von ihm ab- 
zuziehen ist. Sie vernichtet ihn, indem sie ihn abbildet, und 
fiele er mit ihr zusammen, so wäre er nicht vorhanden. Eine 
illustrierte Zeitung hatte vor kurzem unter dem Titel: „Das 
Antlitz des berühmten Menschen. So waren sie einst — und so 
find sie heute!' Jugend- und Altersaufnahmen bekannter Per- 
sönlichheiten zusammengestellt. Marx als Jüngling und Marx 
als Zentrumsführer, Hindenburg als Leutnant und unser 
Hindenburg. Die Photographien stehen nebeneinander wie 
statistische Berichte, und weder ist aus dem früherem Bild das 
lpätere zu ahnen, noch aus diesem jenes zu rekonstruieren. 
Daß die optischen Inventarverzeichnisse zusammengehören, wird 
auf Treu und Glauben hinzunehmen sein. Die Züge der Men 
schen sind allein in ihrer „Geschichte" erhalten, 
VI. 
Die Tageszeitungen bebildern immer mehr ihre Textes 
und was wäre ein Magazin ohne Bildmaterial? Der 
schlagende Beweis für die ausgezeichnete Gültigkeit der Photo 
graphie in der Gegenwart wird vor allem durch die Zunahme 
der illustrierten Zeitungen geliefert. In ihnen ver 
sammeln sich von der Filmdiva an sämtliche Erscheinungen, 
die der Kamera und dem Publikum erreichbar sind. Säuglinge 
interessieren die Mütter, junge Herren werden durch Gruppen 
schöner Mädchenbeine gefesselt. Schöne Mädchen erblicken gerne 
Sport- und Bühnengrößen, die am Fallreep des Ozean 
dampfers stehen, wenn sie nach fernen Ländern fahren. In 
den fernen Ländern werden Fnteressenkämpfe ausgefochten. 
Aber nicht auf sie ist das Interesse gerichtet, sondern auf dis 
Städte, die Naturkatastrophen, die Geisteshelden und die 
Politiker. In Genf tagt der Völkerbundskongreß. Er dient 
dazu, die Herren Stresemann und Briand vor dem Hotelein 
gang im Gespräch zu zeigen. Auch die neuen Moden müssen 
verbreitet werden, sonst wissen die schönen Mädchen im 
Sommer nicht, wer sie sind. Die Modeschönheiten nehmen mit 
jungen Herren an mondänen Ereignissen teil, in fernen Län 
dern finden Erdbeben statt, Herr Stresemann sitzt auf einer 
Palmenterrafle, für die Mütter sind unsere Kleinen. 
Die Absicht der illustrierten Zeitungen ist die vollständige 
Wiedergabe der dem Photographischen Apparat zugänglichen 
Welt; sie registrieren den räumlichen Abklatsch der Personen, 
Zustände und Ereignisse aus allen möglichen Perspektiven. 
Ihrem Verfahren entspricht das der Film-Wochenschau; sie 
ist eine Summe von Photographien, während dem eigent 
lichen Film die Photographie nur als Mittel dient. Noch 
niemals hat eine Zeit so gut über sich Bescheid gewußt, wenn 
Bescheid wissen heißt: ein Bild von den Dingen haben, das 
ihnen im Sinne der Photographie ähnlich ist. Als aktuelle 
Photographien beziehen sich die meisten Bilder der Illustrier 
ten auf Gegenstände, die im Original gegeben sind. Die Ab 
bilder sind also grundsätzlich Zeichen, die an das Original er 
innern mögen, das zu erkennen wäre. Die dämonische Diva. 
In Wirklichkeit aber wird der Hinweis auf dw Urbilder von
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        Ein Reinhold-Schünzel-Film. Dem Reinhold SchünZel 
ergeht es umgekehrt wie seinem Helden in dem Film der Ufa- 
Lichsspiele: „Ueb' immer Treu und Redlichkeit": er 
kommt immer mehr herunter. Vor Jahren war er ein ausgezeich 
neter Darsteller gewisser unsympathischer Berliner Typen. In 
zwischen hat ihn der Ehrgeiz befallen, man muß seine Filmgesell 
schaft haben, muß zur sympathischen Hauptfigur werden. Furcht 
bares ist bei der Emanzipation entstanden. In diesem neuen Film 
von eigenen Gnaden (Alfred Schirokauer zeichnet für den Text 
mitverantwortlich) spielt er den Karussell-Angestellten Orje Duff, 
der den Drang nach höheren Kreisen als denen eines gewöhnlichen 
Rummelplatzes bat. Dem kleinen Schstßbudenmädchen bleibt er 
natürlich treu, denn sonst wäre er unsympathisch, und das will 
Schün-zel jetzt unter keinen Umständen mehr sein. Er schiebt sich 
also — teils tumber Tor, teils einfach ein ordinärer Betrüger — 
in Berliner Großkaufmannskreise hinein, in denen es laut und hoch 
zugekt. Dank einiger Verwechslungen, die komisch sein sollen und 
nur grob und verletzend unwahrscheinlich sind, gelingt es ihm, sich 
eine Zeitlang für einen anderen auszugeben, als der er ist. (Uebri- 
gens sind die höheren Kreist wirklich nicht höher als die von 
dem Karuffel beschriebenen auf dem Rummelplatz.) Zum Schluß 
zieht er sich mit 10 000 Mark aus der Aifäre und heiratet das 
Mädchen. Es muß gesagt sein: diese Berliner Schünzelmache ist 
nahezu unerträglich; falsch beobachtet und roh in fast jedem Detail. 
Die Zuschauer sind gehalten, die schlechten Eßmanieren des Orje 
Duff, oder wie er heißt, über sich ergehen zu lassen, sie können 
nicht umhin, ihn im Smoking und Leibriemen zu sehen, und sollen 
noch lachen; wo doch kein Berliner, und sei er Karuffellgehilfe, 
sich so ausgemacht blöde betragen würde. Was sind das für 
Spässe? Welches Publikum wird hier vorausgesetzt? Wann hat die 
Albernheit ihre Grenze erreicht? Raca. 
in Bildern, sondern auf und durch die Natur geht sein Meinen. 
Die europäische Malerei der letzten Jahrhunderte hat in stets 
wachsendem Maße eine der symbolischen und allegorischen Be 
deutungen entkleidete Natur wiedergegeben. Darum entraten die 
von ihr getroffenen menschlichen Züge gewiß nicht der Bedeu 
tung. Noch in der Zeit der alten Daguerreothpien ist das 
Bewußtsein in die Natur so eingebunden, daß die Gesichter 
Gehalte vergegenwärtigen, die von dem natürlichen Leben 
nicht abzulössn sind. Da sich die Natur in genauer Ueberein 
stimmung mit dem jeweiligen Bewußtseinsstand verändert, 
kommt das hedeutungsleere Natmfundament mit der modernen 
Photographie herauf. Nicht anders wie die früheren Dar 
stellungsarten ist auch diese einer bestimmten Entwicklungs 
stufe des praktisch-materiellen Lebens zugeordnet. Der 
kapitalistische Produktionsprozeß hat sie aus sich herausgesetzt. 
Dieselbe bloße Natur, die auf der Photographie erscheint, lebt 
sich in der Realität der von ihm erzeugten Gesellschaft aus. 
Es läßt sich durchaus eine der stummen Natur verfallene Ge 
sellschaft denken, mit der nichts gemeint ist; wie abstrakt immer 
sie schweige. In den illustrierten Zeitungen tauchen ihre Um 
risse auf. Hätte sie Bestand, so wäre die Folge der Eman 
zipation des Bewußtseins seine Tilgung; die von ihm undurch- 
drungene Natur setzte sich an den Tisch, den es verlassen hat. 
Hat sie aber nicht Bestand, so ist dem festgesetzten Bewußtsein 
eine unvergleichliche Chance gegeben. Mit den Naturbeständen 
unvermischt wie nie zuvor, kann es an ihnen seine Gewalt be 
wahren. Die Wendung Zur Photographie ist das Vaban - 
que-Spiel der Geschichte. 
VIII. ! 
Ist die Großmutter verschwunden, so ist doch die Krino-! 
line geblieben. Die Totalität der Photographien ist als das 
GeneralinvenLar der nicht weiter reduzierbaren Natur 
aufzufassen als der Sammelkatalog sämtlicher im Raum sich 
darbietenden Erscheinungen, insofern sie nicht von dem Mono 
gramm des Gegenstandes aus konstruiert sind, sondern aus 
einer natürlichen Perspektive sich geben, die das Monogramm 
nicht trifft. Dem räumlichen Inventar entspricht das zeitliche 
des Historismus. Statt die „Geschichte" zu bewahren, die das 
Bewußtsein aus der Zeitlichen Folge der Ereignisse abliest, 
bucht er die Zeitliche Folge der Ereignisse, deren Verknüpfung 
das Transparent der Geschichte nicht enthält. Die. kahle 
Selbstanzeige der Raum- und Zeitbestände gehört einer Ge 
sellschaftsordnung zu, die sich nach ökonomischen Naturgesetzen 
regelt. 
Das nüturbesangene Bewußtsein vermag seinen Unter 
grund nicht zu erblicken. Es ist die Aufgabe der Photographie, 
das noch ungesichtete NatWrfundamenl aufM- 
solÜWWcb. Dsr VLtsr äss mnMD llsan ist stner 
LlLsss van LmvorlcömiMnLsn. äis wLn ksnnt: sm 
8srr. äsr mit dsüsimLletsn sinkt uLrsiebs DsutD in 
Zehneb bLlt. Zins „VLäsr- unä RasinOseltunA" bs&amp;lt; 
treibt unä ein kransösisebss ..Lnrlsbaä" ^rünäen 
moedts Asb^näslbakt, von össunäbsit strotZsnä, 
im Vs8it2 äss XrsuM äsr DdrsnIs^Ion unä sinsn 
kräktiAen DuDM. HIes ^stin^t ibm. nur ssins iunM 
k'rnu veraebtet ibn naeb Vsräisnst. 8is bnt bereits 
sZnrEebs ^bentsusr bintor sieb, äis äas rivalisierte 
Durons, äs^u^isrtsn trauen bietet, unä liebt ibrsn 
8tieksobn äss . Dsr snurt. ^is er äureb äisse Diebs 
unä äsn Mweinen V^ter, äsm sr böriA ist, mebr unä 
webr äsn Halt verliert. Dr ^sbrt sieb xeMn äis 
Dmseb'inenin^ unä bann sieb niabt ^sbrsn. ^.us 
äsm llrieb, sieb in letzter Ninuts ru rstten. sturst 
sr, äis Drau bei einem 8r&amp;gt;L^isr^an^ in äsn H7^runä. 
viemnnä erkäbrt es. Dann lebt sr vreitsr. ion äsr 
IIsbsrrsuKunK erWIt, änL es äsr Zeit unä ibm an 
einem starken Dlaubsn srmnn^e. Dnmnnää ist unter 
Lnäersm ein Obronibsur äss . Dsmns". Dr beobsobtet 
?ut, sr ksnnt msnseb'lebe unä ^sss^sebaktlstbe DbZno 
mens, er sebreibt unterbalt nä, brillant stilisiert unä 
mit Interssbtionsn. Nsbr lögt sieb ru seinem D-olio 
nient saMN. Ds ksblt äsr Mieb in äas innere, äis 
Dabs äss DrseblieLsns. IVer naeb „einem'" Dlsubeu 
sied sednt, lsbt an äsr ^ullenseits äsr Dinw. — 
Dis DebsrsstLunK ^nna Dolms liest sieb an^enedm. 
weisen. Zum ersten Mal in der Geschichte treibt sie die ganze 
naturale Hülle heraus, zum ersten Mal vergegenwärtigt sich 
durch sie die ToLenwelt in ihrer Unabhängigkeit vom Men 
schen. Sie zecht die Städte in Flugbildern, holt die Krabben 
und Figuren von den gotischen Kathedralen herunter; alle 
räumlichen Konfigurationen werden in ungewohnten Ueber- 
schneidungen, die sie aus der menschlichen Nähe entfernen, 
dem Hauptarchiv einverleibt. Wenn das Kostüm der Groß 
mutter die Beziehung zum Heute verloren hat, wird es nicht 
mehr komisch sein, sondern merkwürdig wie ein submariner 
Polyp. Eines Tages entweicht der Diva die Dämonie, und 
ihre Ponnh-Frisur bleibt neben den Chignons Zurück. So 
zerbröckeln di-e Bestände, da sie nicht zusammengehalten 
werden. Das Photographische Archiv versammelt im Abbild 
die letzten Elemente der dem Gemeinten entfremdeten Natur. 
Durch ihre Einmagazinierung wird die Auseinandersetzung 
des Bewußtseins mit der Natur gefördert. Wie es stch der 
blank herausgetriebemn Mechanik der industrialisierten Ge 
sellschaft gegenüber befindet, so auch, dank der photograpischen 
Technik, dem Widerschein der von ihm abgeglittenen Realität. 
Die entscheidende Auseinandersetzung auf jedem Gebiet herauf 
beschworen Zu haben: dies genau ist das Vabanque-Spiel des 
Geschichtsprozesses. Die Bilder des in seine Elemente auf 
gelösten Naturbestands sind dem Bewußtsein zur freien Ver 
fügung überantwortet. Ihre ursprüngliche Anordnung ist da 
hin, sie haften nicht mehr in dem räumlichen Zusammenhang, 
der sie mit einem Original verband, aus dem das Gedächtnis 
bild ausgesondert worden ist. Zielen aber die naturalen 
Ueberreste nicht auf das Gsdächtnisbild hin, so ist ihre im 
Bild vermittelte Anordnung notwendig ein Provisorium. 
Dem Bewußtsein läge also ob, die Vorlaufigkeit aller 
gegebenen Konfigurationen nachzuweisen, wenn nicht gar die 
Ahnung der richtigen Ordnung des Naturbestands Zu er 
wecken. In den Werken Franz Kafkas entledigt stch das frei 
gesetzte Bewußtsein dieser Verpflichtung; es zerschlägt die 
natürliche Realität und verstellt die Bruchstücke gegeneinander. 
Die Unordnung des in der Photographie gespiegelten Abfalls 
kann nicht deutlicher klargsstellt werden als durch die Auf 
hebung jeder gewohnten Beziehung zwischen den Natur 
elementen. Sie umzutreiben ist eine der Möglichkeiten des 
Films. Er verwirklicht sie überall dort, wo er Teile und Aus 
schnitte zu fremden Gebilden assoziiert. Ist das Durcheinander 
der illustrierten Zeitungen Konfusion, so gemahnt-dieses Spiel 
mit der zerstückelten Natur an den D^aum, in dem die 
Fragmente des TaglebenZ sich verwirren. Das Spiel zeigt 
an, daß die gültige Organisation unbekannt ist, nach der die 
in das Generalmventar auf^ Reste der Großmutter 
und der Filmdiva einst anzutEA haben. 
Die Reichte 
eines Mnyen Uannes. l'an 
l/ebersetsuna ran 
MissöLttien, DMsLnrcn-eriM. Lill Berten. 
VIeMr von äsn krancaiss 
Kpinau ist N'S Amt6o^uw?ut wtareZZÄut. ^rün 
ein funMr Nann, 'äse stob ss-dsr l^ruodt unä 
Onwr äsr küINt. l^r dsisdtst, unä in 
äsr Nsieüts sotdüUkN sird ?Lwulisnl^nst^ 
unä I^sdsv^äuks. äis in äsr Ist äsm loteten ändr- 
Wbnt MMbörsn, ^snL Lueb ibm MVÜll niedt Lus°
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        en 
ter 
„Auferstehung". 
Zirkus unv Junggesellen. Zwei große Films in der 
Neuen LichLbühne. Der erste: „Z i r k u s z a u b e r", ein 
amerikanisches Produkt, ist ein Sensationsstück aus dsr Manege« 
Er enthält: EifersuchLszenen, einen Mord, einen fast, geglückten 
Akt der Lynchjustiz, Löwen und Elefanten. Die Hintergründe 
sind großartig herreichtet, aben man wird ihrer nicht ganz froh, 
weil die Handlung Zu grob hingesetzt ist. — Der Hauptfilm: 
„Männer vor der Ehe" ist ein Deulig-Fabrikat, das witzig 
die freien Sitten der jungen Männer von heutzutage vorführen 
möchte. Lauter Liebeleien in bekannter Manier, die dann in sitt 
samen Heiraten enden. Man kann sich von dem Film bestätigt 
fühlen oder betroffen, jedenfalls zeigt er tatsächlich, was viele 
junge Männer bei uns für amüsant halten und Liebe nennen. 
Curt Vesp ermann, Julius Falken st ein, Hanni 
Weihe und andere stellen tue Charakterfiguren ohne Charakter. 
Die Regie sorgt mit Routine für überdeutliche Pointen. 
Ein Film vsm FußbaL. Der Film, der in den V i eb er 
bau - Lich t s p i e len gezeigt wird, — er trägt den Namen: 
„Die elf Teufel" — greift mitten hinein in das Fußball- 
Leöen. Ein Volksstück, wie er selber sich nennt- Volksstückmäßig 
ist jedenfalls die Schlichtheit ferner Motwe. Da sind zwei Futz- 
Lallvereine: der eine, der aus den »elf Teufeln" besteht, weit 
draußen bei den Fabriken, Sportplatz und Hütte ganz primitiv; 
der andere in Smokings und Klubräumen, vornehme Welt. Zu 
jedem Verein gehört je ein sportbegeistertes Mädchen: hier die mon- 
däne Verführerin, dort das Kind aus dem Volk. Unsere Sympathie 
wird durchaus auf den armen aber redlichen Vorstadtverein ge 
lenkt. Daß sein Mittelstürmer Tommy, ein frischer, fröhlicher 
Junge (Werkmeister in Zivil), in den Bann jener Mondänen ge 
rät, die Kameraden preisgibt und seine Verlobte fahren läßt, ist 
eine unmoralische Tatsache, die eben ihrer Unmoral wegen beson 
ders breit ausgesponnen wird. Zum Glück muh man sich nicht mit 
ihr abfinden, denn was tut Tommy im Augenblick der höchsten 
Gefahr? Er zerreißt den Vertrag, der ihn an den vornehmen 
Sportverein bindet und ja doch schließlich nur ein Fetzen Papier 
ist, springt seinem alten Verein zu Hilfe und führt ihn glänzend 
zum Sieg. Ein Volksstück, schwarzweitz, mit Schafen und Böcken. 
Ganz blank sind sie freilich nicht aussortiert, sonst stünden sie ein 
ander zu unversöhnlich gegenüber; die Reue der Mondänen am 
Schluß beweist, daß auch in den Klubräumen nicht alle Herzen ver 
härtet sind. Den Interessenten sei mitgeteilt, daß bekannte Sport 
männer wie Stuhlfauth (Nürnberg), S ch m i d t (Neukölln), 
Köhler (Dresden) und Brunke (Berlin) zu den Mitwirken 
den zählen, leider kriegt man aber wenig von ihnen Hu sehen. — 
Dem Film geht eine amerikanische Groteske voran, die wesentlich 
besser.ist. LupLno Laue produziert sich in ihr als charmanter 
Blödling, der überall ausrutscht, ohne Zu fallen, nichts versteht, 
dumm hinhorcht und doch gescheiter als alle ist. 
Harry Piel als Patient. In dem Mm: »Das Rätsel 
einer Nacht" der A l e m a n n ia-L i ch L s p ie lle begegnen 
wir Harry Piel in einem Sanatorium. Er fühlt sich krank, dieser 
SporLsmann, der alle Rekorde schlägt, dieser Abenteurer mit dem 
süßen Gesicht, der so verwegen und edel, zugreifcnd und schüch 
tern ist.. Nicht eigentlich krank, sondern lebensunlustig, der Rekorde 
überdrüssig, erschlafft. Der Arzt verordnet ihm statt der bisherigen 
130 Kilometer Autoraserei gemächliche 20 Kilometer und eine 
Frau. Kann irgend jemand sich Harry Piel im Schneckentempo 
von 20 Kilometer vorstellen? Unmöglich. Gähnend sitzt er am 
Steuer, nun vollends des Daseins satt. Zum Glück ist dafür ge 
sorgt, daß der Patient sich auf seine Weise erhole. Ein Unwetter 
.bracht aus, das seinesgleichen an Wassergüssen und Kolophonium 
blitzen sucht. Die Schäden, die es anrichtet, bieten Gelegenheit zu 
Rettungen aller Art. Sie auszuführen, ist das einzige Mittel, 
einem Manne wie Harry Piel die Gesundheit wiederzugeben. Zu 
seinen Gunsten stürzt eins Hauswand des Sanatoriums ein, geht 
während der Gewi'ternacht im nahen gräflichen Schloß ein Spuk 
von statten, der mit plötzlich aufgehendcn Türen, beweglichen 
Ritterrüstungen und Schattenfiguren gräßlich ausgemacht ist. 
Sämtliche Leute haben natürlich Angst, das Schloß Zu betreten, 
Harry Piel dagegen fühlt sich inmitten des Gespenstertreibens zum 
ersten Mal wieder kerngesund. Er reitet im Galopp auf das 
Schloß Zu, klettert einen Turm hinan, den er vielleicht von innen 
bequemer hätte ersteigen können, und schlägt die Geister gründlich 
aufs Haupt. Eine schöne junge Gräfin macht den H:lden dann 
völlig gesund. Es wäre überflüssig gewesen, die Vravourstückchcn 
dieses neuzeitlicken Kwportagerittcrs mit Szenen zu verbrämen, 
in denen sich die übliche Kleinstadtkonnk grob entfaltet. — Ein 
hübscher Sport film aus dem Gebiet der Leichtathletik (Wett- 
,ampf Deutschland—Frankreich) geht dem Hauptfilm voran. 
—— , 
-r- Fritz Kortner im Film. Der Mm: »Die Geliebte 
auf dem Königsthron", dor in den Bieberbsu- 
Lichtspielen läuft, entWL eins Reihe aufregender Staats 
aktionen. als da sind Bombenattendate, höfische Jntrigen, NMac- 
putsche usw. Was die Geschichte so bietet. Nicht dieser AMonen 
wegen, die viel zu abrupt nebenemänder stehen, sondem um 
KorLners willen sei dsr Besuch des Films angerEn, KsNner 
gibt den Fürstensshn, der später die Regierung übernimmt und 
zur Abdankung gezwungen.wird. Ein pathologischer Mensch; 
dumpf im Hirn. Säufer, jähzornig, i^dei der wirklichen Liebe fähig. 
Die Figur, wie Kortner sie hinsteLt, erweckt Abscheu und Mitleid 
zugleich. Er geht mit vorgeöeugtem Oberkörper, kaum um stch 
-coaueud, als sei er ein Blinder, die Züge verkonrmew Man Miß: 
ein Mensch, der nicht zu Ende geknetet worden ist. Aus der Brille, 
die er hin um wider «Metzt, macht er ein lebendes Wesen, das 
Schrecken verbreitet. Schrecklich jedenfalls wirkt der Gegensatz 
zwischen der Exaktheit des optischen Instruments und dem unge 
ordneten Zustand seines Trägers. Vielleicht läßt sich überhaupt 
die Kunst des Schauspielers danach bemessen, oh er den G - en- 
Nudkn ihre Bedeutung zu entlocken vermag. Magda Sonja, 
die Kammerfrau, Mätresse un spätere Fürstin, ist eine schön 
gewachsene Darstellerin, die nickt ohne Routine jedem Gefühl 
seinen Ausdruck verleiht. Mehr läßt sich kaum von ihr sagen. 
Es wird in FrnEurt interessieren, daß Otto'W s l l b n r g eine 
kleine Rolle im Mm verkörpert. KLeL. 
-- Prt und PaiEmn Mmpsey kontra TuuNey, Die bei^n 
dänischen Unzertrennlichen: Pat und Patachon Lauchen in 
einem neuen Film des Gloria-Palastes am Nordseeftrand 
auf. Ihre Komi? besteht zum großen Teil in ihrem Aussehen und 
dein Ernst, in dem sie UederflüssigeZ verrichten. Zum Unterschied 
s von den Helden der amerikanischen Gr^ schlagen sie sich weder 
flink mit Maschine« herum, «ach hakte« pe stch tn «Kernen 
Großstädten auf, noch führen ße Streiche aus, deren LirmlsfigkeU 
eine Kritik an der Umwelt enthält. Sie find einfach da, ergehen 
sich in kleinen ältlichen Milieus, benehmen stch manchmal dauern- 
schlau und stiften gewöhnlich Gutes, ohne es unmittelbar zu 
wollen. Kurz: zwei rührende Vagabunden von der Harmlosigkeit 
-des Idylls. In dem neuen Mm haben ste einige ausgezeichnete 
Szenen: so den Charlestsn-GroteSktanz in einer Fischerschenke 
den man ihnen garnicht zugetraut hätte, und die Angelexpedition, 
die zu wirklich drolligen Verwicklungen führt. Das vom Wind 
weggewehte Häuschen ist offenbar erns ReminiszenZ an den „Gold 
rausch", ebenso das Auftreten des Paars in modischen Anzügen 
am Schluß des Films, der Mch ein hübsches Mädchen und einen 
- noch hübscheren jungen Mann vereint. — Die vielen Liebhaber 
des Boxsports wird der Dempseh-Tunney- Mm inter 
essieren, der sämtliche Pulsen des jüngsten Entscheidungskampfes 
dsr beiden Champions haarscharf verzeichnet. Die wesentlichen 
Momente werden durch die Zeitlupe verdeutlicht. Ein glänzend 
gemachter Film, der schon Leim Training anhsöt, die Manager 
vorführt und auch die gewaltigen Vorbereitungen für das Er 
eignis mit einbezieht. Er unterrichtet zugleich höchst drastisch scher 
eine nicht unwesentliche Aeußerung des amerikanischen LeLenS. 
Ksca. 
— Dieser amerikanische Großfilm des Gloria-Palastes, 
der bereits durch die Weltstädte gelaufen ist, macht aus dem Tolstoi 
Roman einen immerhin groß angelegten Film. Am besten, man 
vergißt die Unterlage und betrachtet den Film für sich. Abgeseh 
von den Rahmenszenen der miteinander philosophierenden Schust 
— der eine wird übrigens von Tolstois Sohn dargestellt — abge 
sehen auch von einigen trivialen Zugeständnissen, übersetzt er die 
Handlung, an die er stch im allgemeinen treu halt, mit erfahrenem 
Geschmack in Bilder. In Hollywood sind Ratgeber, Schauspieler 
und Landschaften aller Nationen vertreten, und da man Kosten 
nicht scheut, ist die Genauigkeit der Kostüme und Hintergründe 
einigermaßen verbürgt. So nimmt auch dieser Film einen an» 
ständigen Verlauf, ohne daß er freilich, hierin den anderen histo 
rischen Filmen seines Genres verwandt, die gestellten Staffagen 
und Menschen durchaus vergessen ließe. Schade, daß die Neigung 
des Publikums und, ihr folgend, die der Regisseure, sich heute so 
stark auf glänzende geschichtliche Bildstreifen richtet, die den Stoff 
Zuletzt doch nicht zu durchdringen vermögen; unvergleichlich film- 
^mäßiger ist die amerikanische Groteske. Daß der Film „Aufer 
stehung" dennoch außerordentliche Stellen enthält, dankt er Dolores 
del Rio. Sie ist hie KaLja Maslowa, eine schöne und feine 
Kätja, die jeder Mensch lieben muß. Ihr Geücht und ihr Wesen 
erwecken Rührung Mit großer Kunst macht sie die Wandlungen 
der Romangestalt mit, wird aus dem unberührten Vauernmädchen 
die Geliebte, die saufende Dirne und dann die Liebende, die das 
Leben hinter sich läßt. Ihr Gegenspieler Rodln Rvcque. eine 
jener schönen männlichen Erscheinungen, die in den wichtigen 
amerikanischen Filmen jetzt immer häufiger austreten. Er ist der 
Rolle des Nechludoff nur im ersten Stadium gewachsen: als Stu 
dent, Reiteroffizier und Verführer. Die spätere Reue und die Be 
kehrung wirken nicht mehr so glaubhaft. Seine beiden alten Tan 
ten, die einen Teil des Milieus bestimmen, sind von der Regie 
ausgezeichnet hineinkomponiert. Weniger überzeugend die russi 
schen Charakterfiguren und Schneewüsten, die man jetzt überdies 
hinreichend kennt. Schließlich sei noch der von Heinz Meletta 
Zusammengestellten musikalischen Begleitung gedacht, die sich den 
Vorgängen gut anpaßt ohne ihnen, wie es anderwärts zur Mode 
geworden ist, sklavisch zu folgen. Auf die in der ku^en Bildpause 
eingeschalteten Lichteffekte wäre wohl zu verzichten gewesen, aber 
sie scheinen sich in den führenden Filmpalästen mehr und mehr ein- 
zuburgern.
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        en euro 
iuo 
Dieser Film ^Berlin" ist eine schlimme Enttäuschung. Gewiß, 
er setzt sich aus Photographien Zusammen, die zum Teil aus- 
g^eichnet sind, weil sie quere Perspektiven nehmen und merk 
würdige Details auf die Matte bringen: Häuser von unten. Rinn 
steine, aus dem Backofen wackelnde Brote. Gewiß, er enthält ge 
schickte Ueberblendungen und leitet mitunter (nicht immer) nach 
streng optischen Gesichtsvunkten einen Gegenstand in den anderen 
über. Technisch einwandfrei und nicht ohne Bild Phantasie: aber 
ist das Berlin? 
Darum wirkt auch kein Detail Ln dieser „Sinfonie" als Symbol. 
Während etwa in den großen russischen Filmen Säulen, Häuser, 
Plätze in ihrer menschlichen Bedeutung unerhört scharf klar 
gestellt werden, reihen sich hier Fehen aneinander, von denen keiner 
errät, warum sie eigentlich vorhanden sind. Ist das Berlin? Nein, 
das ist ein schauderhafter Abdruck, von einer gewissen Geistiakeit 
produziert, die mehr als peinlich ist. Wir schasfens? Wir haben es 
so schon einmal nicht geschafft. S. Kracauer. 
Die ^eitgesoblbbtlicben Rintergrünäe weräen 
m al er ^uslübrliobkeit äargestellt unä okt mit 
bö-sem Larkasmus glossiert. Von äen Rbantasie- 
yrojeicten aug äen ^.ntängen äer ertolgreieben 
Revolut on e-tzbt es über äis Rasten äes Abbaus 
äie beutigen Verkestigungen bin ein. Reinä ist 
egen äie Rolsebewisten unä mit ibnen 
äer ^.utor vor allem äen ^.uswüobsen äes kol 
lektiv istiseben Rebens. „Rinen bekannten 
^ussprueb variierenä", so sebreibt er, „erkübnen 
wir uns 2U sagen, äaü gute Rom-munisten keine 
Riograpbis baben. ^.rtjom aber war ^weikellos 
ein erstklassiger Lommunist. Leins beküble unä 
Ranälungen waren niebt äureb Rartei'nstruktio- 
nen, sondern sie waren äureb äen Lollektivwil- 
len äiktiert... Rs genügt kür uns, äie 'üatsaebe 
selbst unä äas Verbältnis von ^ebn Kommu 
nisten 2u ibr ru kennen, um unkeblbar ru er- 
Niebail I^.vkow, Rbrenbur^s Relä, ist ein Tinä 
äes Krisis unä äer Revolution. Rine Ri^ur, äie 
an bestatten Dostojewskis erinnert, so Aewalt- 
täti^ br'ebt sie aus, so be^ieri^ wenäet sie sieb 
in äas Lelbst rurüek. Rb^sio^nomiseb wirä sie 
äureb äie Ränäs ebarakterisiert, von äenen es 
beikt, äak sie rübrenä unä ^u^leieb verwegen, 
bilklos unä iru^leieb ^ritki^ seien. R^kows Lebiek- 
sale sinä un^ertrennlieb mit äenen äes revolu 
tionären RuNanä verknüptt, sie wanäeln sieb, 
wenn äie allgemeinen ^ustänäe sieb anäern. 
^.Is einer von vielen wäebst er in ä'e ^eit bin- 
ein Lebon als L^nabe le^t äieser Lprökling eines 
Rellners erstaunliebs Rroben seiner Orausamkeit 
unä seines Rebensbun^ers ab. Rr ist in äer 1"at 
em gräklieber läenseb; aber äa er aueb ein be 
triebener ist unä ein win2ig68 Rünkeben in ibm 
lebt, äas niemals erlisebt, beäeutet er mebr als 
sein Rrucler ^.rtiom, äer sieb mit äem Dasein 
emes Rarteimitglie-äs begnügt. Die Rio^raplne 
äes bleläen. äie alles anäere eber als eintönig 
ist, wirä obn 
wirä N ep m an n, wenn es an äer Zeit ist, unä 
maebt sebwinääbakte besebätte im In- unä 
sein 
Die Lpraebe Dbrenburgs. aus äer Debertra- 
gung sebwer ru beurteilen, ist von jener Ironie, 
die aueb seine trüberen Romane bestimmt. Diese 
Ironre Liebt ibren besonderen Rei?; daraus, daä 
sie mit Lukerster belenkigkeit Labllose Rbäno- 
mene äer Oberkläebe kür ibre 2weeke verwenäet. 
8'e glitzert und büpkt. Ibr ^ssoLiationsbereieb 
ist äas Uaebkriegseuropa in sämtlieben 
Lebiebten seines ^erkalls, äessen bunte^ Nüster 
kaum ein anderer Vutor so überbliekt wie gerade 
Rbrenburg. Nit leiebter Rand reiebnet er die 
Nüster naeb, sammelt alle jene kragwüräigen be- 
stalten ein, d'e sieb äureb äie Düeken äes in 
viele d'eile gesprengten Ruropas ärängen. ^Vie 
ein grimmiger Naturkorseber sebweikt er unter 
äen Krümmern umber unä liest äie Nerkwüräig- 
keiten auk. D^r ^vnismus, mit äem er sie etiket 
tiert, verrät äie Iderkunkt äer Ironie aus äer ver 
letzten Airtliebkeit seines bemüts. In äem neuen 
Roman leben 8'eb Ltnkk unä Ironie wob! albu 
breit aus. äoeb in keinem seiner bisberigen 
Rüeber spraeb aueb äer ^utor so ganL mit sieb 
selbst über seine eigensten Rrkabrungen, äie ibn 
besebwerem 
„Rr begrikk, äaä er Rulzlanä liebte, unä in 
diesem bekübl vrar von allem genug entbalten: 
Dankbarkeit, ^nbängbebkeit, Rüekstänäe von 
dugenäträumen und Lelbstbewunäerung... Ob- 
wobl er Ideen veraobtete wie im russiseben 
Lpriebwort der Lpa'r äie Lpreu, verebrte er jet^t 
sein bleimatlanä wegen seines puritaniseben 
Idealismus. Lelbst auk die bekabr bin. dak die 
Deser ungläubig laebeln werden, entsebl'eüen wir 
uns 2U äsr Rebauptung: er verebrte Ruülanä 
äesbalb, weil man ibn dort erwiseben unä „an 
&amp;lt;^ie V^anä" stellen würde, da, ja, aueb desbalb!" 
8o beikt es von Niebail Lur 2eit seines ^ukent- 
balts in Rerlin. ^.ueb Rbrenburg lebt seä langem 
im Ausland blur aus äem brunä, äem äiese 
Lätrs entstammen, ist sein Roman LU verstebem 
nen Ralle von ^rtjom Dykow, aukgsnommen 
wuräe. 'Wenn ein soleber ^rtjom seinen ^bee 
trinkt, so kann äas niemanden interessieren. 
^Venn aber Millionen von ^rtjoms äen Oktober 
maeben, so spriebt äavon äie ersebütterte ^Velt 
unä vergibt äabei alles Originelle, alle äie see- 
lisob so bedeutsamen 'beetrinkereien der blelden 
Dostojewskis und anderer.^ Rbrenburg mag ein 
seitig seben, aber er siebt von innen unä ist 
erbittert. 
11ja Dürenbur^s soebOn in äSuisekor 
Lpraoks ersokisrienor Roman: ,,NioüaiI R .v - 
k o (Nalik-Verlag, Rorl'n. 557 Leiten. 6eb. 
cL 7) ist in Ruklanä verboten. Das Ruoü dekan- 
äelt äw Rntv^ieklun» äer innerruZ-Zisebsn Ver- 
üältnisso seit äein Beginn äer Revolution, unä 
man kann es im morst in verstssten, äaü äem okki- 
^iOÜsn Sensor viele semor ^.ussa^en als steäenk- 
lieb ersobienen 8inä. Inäe88en, diese ^usoinan- 
äersetLUn^ Leisesten ^utor unä Liaat kommt 
äen 'westenropäisosten Rrit'bern Rukianä8 niebt 
obne v^eitereg Lu^ute. Denn 80 un^veiäeuti^ 
Mrendur^ in äer Oppo8ition 8-tebt, er i8t 
Ru886 äureba,u8. Rin ^narebi8t vielleiebt, äer 
bMen lbäe OeZamtbe't aukbe^ebrt, äie äa8 Reebt 
äes Inäiviäuums bestreitet; cioeb äer ^narebis- 
fixer Ghronikeur gewahr werden könnte. Das Berlin, das außer 
dem Potsdamer Platz auch noch den Alexanderplatz und den 
Molkenmarkt umfaßt, das auf die VorstMe übergreist, groß,. 
Haine birgt, sich Zum Wannsee hü auszieht. Das Berlin der 
Arbeiter, der Angestellten, der Geschäftsinhaber, der höheren 
Bourgeoisia, das je nach der Derufsart und Menschenkaregorie 
einen bestimmten Radius besitzt, bestimmte Ausschnitte ausweist 
Das nach Tageszeiten geordnete Berlin, überhaupt das Berlin 
das, von innen gesehen, doch über eine gewisse Struktur versi^i 
-die ihm Festigkeit verleiht. Noch nicht einmal Berlin, wie es sich 
einem bescheidenen, anständigen Beobachter -darstellt, ist ergriffen. 
Warum nicht? weil die Herren nicht den kleinen «Ehrgeiz hatten, 
eine Großstadt zu Zeigen, wie sie wirklich ist, sondern den an 
gemessenen Ehrgeiz, gleich eine ,.Sinfonie der Großstadt" Zu kom 
ponieren. Sie sind schlechte Komponisten gewesen. Ehe sie etwas 
sahen, hatten sie schon Ideen; abgeleierte Literatenideen. Berlin: 
das ist ihnen die Stadt, in der das Tempo an sich und die Arbeit 
ihre Orgien feiern. Das Ludendorff-Wort: „Wir schasfens" ist 
ihre Devise gewesen. Hei, wie geschafft wird, wie die Bildstreifen 
durcheinander rasen, damit nur jedex Provinzler — und viele Ber- 
zelt Lu riebtigen laten. Tutetet wirä er seiner 
Betrügereien wegen ins bekängnis geworken. Die 
^oäessebnsuebt, äie immer mäebtiger äuT-eb- 
äringt. binäert ibn niebt, Verrat an äen Uit- 
gen ^u üben. Rei einem unmöglieben 
versueb sturst er berab.
        <pb n="71" />
        nun 
Dummen, die leise aukläsende 
Er wird von Colin gespielt, demselben, der einst in dem wunder 
vollen Film: „ Hilfe. ich bin Millionär!" die Hauptrolle verkörpere. 
Colin, der Bettler, ist ein kluger bärtiger Alter, dem man das 
gute Herz und die gauische Laune schon von weitem ansieht; leider 
trinkt er gern über den Verstand, ist aber dann besonders ent» 
Zückend. Wie schön die kleine Näherin den Masken zulächelt, die 
während des Faschings in ihr Stäbchen eindringen, wie tempera 
mentvoll sich der Bettler seiner Verfolger entledigt! Der Film 
enthält eine ganze Reihe solcher erfüllter Augenblicke und stellt 
»irr 
Keblaubsit, das am Dnds gelüitete Inkognito — in 
den vormvtbiseden weiten bereits daben groüs Kon 
stellationen dieser ^.rt das mensebliebs Vliekkeld 
beberrsebt. ^Vie seligere Vloeke lasten die ^Verke der 
kulturellen Obersebiebt, die kralt ibrer Dntersebie- 
dsnbeit besteben, auk dem gemeinsamen Orund des 
Märebens. Leine ^.llgemeinbeit ist keine Verklüeb- 
tigung jener ^Verke, sie ist durebaus inbaltlieb be 
stimmt, ist dis Lumme der Oebalte, die über alle 
OrenLsn der Nasse, der Bildung, des Lebieksals 
greiksn. Von ibrer eebtsn Internationalität bebt diese 
Märebensammlung den Lebleier. Nr. 
UL^ts Lu^sn vwäseieds nur disss eins Lamm- 
ImiL vsravslaltot, so rMIto er bereits ru doa tüh- 
rbodoa äsutLebsQ VerloKoro. ^uk sis ^ioäer aad ^vis- 
der bluru^elLHii, ist süw Lllesvwliebt. ^um ^at- 
sLebliebsv dies: dis von ^riedrieb von der I^evsu 
rmd kau! Lauoert ksrauLLo^edooo Hoiko, die lasl- 
voUstÄLdiK vorlie^t, umkaLt vlerriß: Väpds. dedee 
sLarolos der k^Mieboo Büober ist von einem Len 
zer des Londer^ebiets bearbeitet; es entbält ein 
Vorwort, O.ueUennaöb^eise nnd^^nmericunKen, die 
seine ^LsssNsebaitliebe LenutiLnnL erleiebtern. Da 
stob indessen rum (dlueir die ^.nvaratnr nirgends 
vordrLn^t^ steben die bier dar^ebotenen Lebät^e 
dem Daien so mübelos rnr VerkusunL ^ie dem 
Dorseber. Dm die Verdienste der Lammluns aueb 
nur n.nnLbernd 2U ^nrdi^en» ^värsn Draictate 2n 
seb reiben. Laum ausTinseböpleL sebon allein das 
Material, das sie aus der Lerstrennns einbolt und 
siebtet: dis ^ermaniseben Näreben, die Näreben 
der euroväiseben Völber, dis des Ostens und der 
primitiven. b»etten, Xsnbasisr, Obinesen, Nalaven, 
^ürlcen und Indianer vereinen sied in den Länden 
ru einem Völkerbund, der selber märedendakt ist. 
Denn er ist niedt auk gemeinsame Interessen ge 
gründet vio dsr 2U Oenk, sondern stsllt sieb als 
ein Bund vor allen Interessen dar, der aus der 
glsieden Anlage und den gleieben Drbenntnissen 
dsr menseblieben Ltamms erväebst. ^Ver es niedt 
nDik. mag es aus den Närebsn erladren: daü an 
ieder 8telle der ^Velt dieselben Oelüble, Motive 
und Linsiebten bsv abrt und gestaltet worden sind.
        <pb n="72" />
        von 
von 
naob Mien. Die Dräut sei in Daris verbeirateb 
Dein 6e!ä. 8sin Druäer, Dapellmerster in einer 
rbsinisoben 8taät, IZät ibn ein. Der Drucker stebt 
reiobt äer 2u^ naob äem Westen sein Dväe» 
Dunäa sitrt viel in seinem Zimmer, wartet, wirä 
Lauslebrer. um leben Lu können. Dinmal siebt 
er äie krubere Dräut, eine Dame, äie ibn niobt 
erkennt. 
bat latsimsoben Db^äbmus 
transparent, arbeitet miü 
Em schwedischer Film. In den BLeb erbau » Licht s 
spielen wird der schwedische Ulm: Versiegell- Lips 
pe n" vorgeführt, ein Herzensroman, der vor schönen italienischen 
Hintergründen verläuft. Ein junger Maler hat eine gelähmte 
Frau, deren Existenz er einem Unschuldsengel von jungem Mäd 
chen verheimlicht, das erst im letzten Augenblick erfahrt, daß es 
getäuscht worden ist. Durch den Opferwillen der Gelähmten kommt 
es dennoch zum glücklichen Ende. Die altmodische Handlung ist 
rein filmmäßig sorgfältig aufgezogen; wenn auch zu langsam im 
Tempo. Versöhnlich stimmt-Monna Martensson, die Dar 
stellerin des Mädchens. Sie ist jung und sehr liebenswürdig, sie 
hat sogar einen Zug, der an Lilian Gish erinnert. (Nur some sie 
zrssreikt ibn, reiZt ibn mit. Dm einer Krau willen 
unä weil siob niobts anäeres bietet, kämpkt er 
mk äer 8eite äer DolsobswiZten. Die llrau labt 
„lob babe niobts erkunäen, niobts kompo- 
ponierb Ks banäelt siob niobt mebr äarum, ror 
äiobten^ Das Wiobtissste ist äas Dsobaobtete^ — 
^3 sobreibt äer ^.utor in seinem Vorwort» Dsr 
Doman ist ein Deriobt. Destimmsnä kür seins 
Korm: äab in ibm äarauk verriobtet wirä, äis Dr 
eissnisse in ein ssssoblossenes 8obema bineinLu- 
maebt oäer besser: seine rwpsZsMMä ist äas 
weitere Lestimmunxsmerkmal äsr jsorm äes Ho- 
Lians. d^ur ein Uenseb, äer niobt mittut unä 
niobts kann beuts 6ek88 für äie Leobaob- 
iunZexl sein, auk äis es äem Hersen ankommt. 
Um ibn allein ist es lautlos §enu§; ibm allein 
L6L§i siob äos Herrsobenäe unä äas Ünterärüokte 
in seiner ^vabren Oestult. Der beser, äsr Punäo, 
begleitet, meint über Kebnee Lu Zebsn. 
bat ibre Oesoblossenbeit einssebüN; es wäre um 
ebrbob, sie im ^.bbilä 2U bebaupten. Das Neben- 
^inanäer, äas äie Wirkliobksit bietet, bleibt in 
lern Doman ein Nebeneinanäer. Kacken sollen §e- 
knüpkt weräen, unä kalken nieäer, ebe sie ver 
knotet woräen sinä. Der Doman labt sie liessen. 
Dr vollenäet niobt, er beriobteb 
einer bellen "strauer. Kein ?rotsst, äsr sieb 
äis 2eit riebtete, sonäern eine 'l'rausr, äie ksst- 
stellt. 8is ist -- xenük niebt immer, aber äsen 
in äem bier LbZesieekten si'ormbereieb — tieker 
als äer Protest. VVZbrenä er an vielen Lieben 
blinä sein muk, bat äie Trauer ^u§en. sie siebt, 
bbrä so bilkt sie, Ae^valtlos v/ie sie ist, äem tre 
test. In äem kiomLn beLieüt sie sieb vielleiebt 
niobt einmal so sebr auk ^ustZnäe, 
äie 2U veränäern v^üren, als auk äie ^Veit, v^eil 
sie ^Velt ist. Lonnte ir^enäeiner . sieb äleser 
^elt entLieben? Lr kann es niobt. Darum §ebt 
kurzen Derioäen, versobrZnkt äie 8at2teile klar. 
kWobe stellen sobeiv __ e __ n a __ u __ s _ ä 1 e __ m __ r k ?! V __ a __ n ___ L _ ö __ s _ i _ s _ o __ b __ e __ n __ 
uuä wukts uiobt, ^as er mael^en sollte. Dr batio 
keinen Leruk, keine Diebe, keine Dust, keine 
Dokknun ^ ^ 5 keinen Dbrssäir: unä niobt einmal 
Das Vuob bsikt: „Die k'luebt obne Dnäe". ^n 
äem Dnäe äes Vuobes siebt ein Xapitel, äas vier 
LLixe entbalb 8ie lauten: 
„Ls xvar am 27. 1926, um vmr Dbr 
rmebmittaAs, äis ^aäsn rWvQart-zmQ voll, m äsn 
V/arsubZusSrn ärZvgL-m sieb äie »ausn, in äsn 
UoäWLlons ärebtsn sieb äis da äsn 
Lonäitonsisn p!auäsrLsn äis Xisbkstuvr, in äem 
^adrÜLSO sausten äis rlä-äsr, an äsn Hksrn äse 
Leins lausten siob äis Hettlsr, im llois äs Ilou- 
IvFne külüten sieb äie Insbsspnnrs, in äsn OZrtsn 
kubren äis Llmäsr lis Mnr um äisss 
Ltunäs, äa stauä msin Dronnä Dunäu, 32 kabro 
alt, §6sunä unä krisäb, oin junZer starker Nann 
von allorbLnä DalWtLn, sul äem ?lLtL vor äer 
Übersetz sinsNnnestLusebun»,äis soweit ^ebb 
äab man mitunter äas ima§inLro Original äureb 
äis äeutsebs Drosa binäureb ru erblieksn xlaubr. 
8rs ist, was sieb von wenigen ^rLeuZnissen 
beuts 8L§en lLLt, niobt in äsr bloßen KLitteüun§ 
steeken geblieben, sonäern setLt äen Inti3.lt mit- 
Drreiebt wirä älsss DinsetrunF äes Lpraeblioben 
in seine Deobte äureb äis ^nweuäunZ von Oe° 
beimmbteln, um äis nur äer wirkliebe 8-ebrilt- 
steller welk. 2u ibnen geboren etwa: äie Vor- 
sebiebunF äes LinnakLSnts vom DauptsatL au? 
äen Nebensatz äie DerstellunF ron LaiLkonsteb 
lationen, in äenen ein kLbrlässiF bebsnäeltes 
^Vort seinem §ewobnten ^ebraueb entboben 
wirä unä nun kremä leuebtet wie eins Derle 
im Dreok- 
Die ^ut23b1un^ äer 8t3tionen besasst noeb 
niobts übsr äen sissentboben 8tokk. Dr setm siob 
aus einer Dnsaln Lobark Fesobnittener De.vb- 
aobtunssen LUZLmmen, äie v/eäer einer polb 
tisoben noeb weltansobaulieben Dartei ZuiLu- 
sobreiben sinä. 8ie entstammen einer gewissen 
L.rt sobwsr 2u äekiniersnäsr Humanität. Deine 
Deküblsäuselei liesst ibnen russrunäe, sonäern eine 
sseküblsmLLisse Dinsiobt in äie reebten menseb- 
lieben Verbältnisse. ^us äer Pueblüblimss mit 
äiesen Verbältnissen erssibt siob. äer ^la^stal) kür 
äie okt sobonunssslose Dritik äer faktisoben De- 
2iebunssen, äis beute äas Deben äer Volker unä 
äer einzelnen resseln. In seiner DeurLeilunss äer 
kobektivisbseben DebensZuberunssen m Dubl8nä 
stimmt Ibotb annabernä mit Ilsa Dbrenburss über- 
bin. Dr kennt äie Wiener, lunäas Dabrt ämob 
Deutsoblanä unä äer 8onntass in äsr rbsinisoben 
8taät klärem über äas beutisse Deutsoblanä mebr 
als manobe soÄolossisobe '^bbanälunssen auf. 
Kleine Kinxelrüsse unä imsöbünbare (lebaräen 
sinä äas Naterial äsr Desobreibunss. Dsiäer wirä 
äie Desobrankunss auk äas Konkrete niobt äureb- 
wess innesseb alten. Zu rasobe Verallssemems- 
runssen sobieben über äas Del binaus, unä äie 
Deäeutunss äer niobt im unmittelbaren Verksbr 
srkabrbaren DestLnäs unä InstiLutionsn ist an 
einisssn Orten verkannt. In soloben iübrissens 
niobt sebr bäukissen) DMen labt äer ^utor sieb 
selber im 8tiob» 
ster d-er großen Revolutionssührer ermähnen ihn, in ihrem Sinne 
das Werk der Revolution fortzräeüen- Er reiß im Wagen weiter, 
galoppierende Kuriers neben sich, denen er ununterbrochen Befehle 
zur Beförderung mitgibt. Diese Reiseszene ist auch rein filmtechs 
nisch einer der Höhepunkte. Dann der Empfang Leim General- 
^osspb Aotbs nsusr Doman: ,^D L s 
luobtobns D n äs^ (Kurt Wolkk, Klünobsn. 
2o2 Zeiten. Dsb. 6.80) ver^eiobnet äis klrkab- 
cunsssn eines ssesobultsn Dortens übsr äas 
beuti^ einstweilen stabibsierte Kuropa. Ds ssibt 
Eobe Düober noob kaum; niobt v^eil äis Ds- 
ssabunssen selten v^aren, aber äie Uensoben keblen, 
äie unbesteobliob sinä» Wo, wie in äiessm Kalis, 
8is Dnbesteobliobkbit äas sssnaus Wort kinäet, 
muk ein Duob entsteben, äas seinen eisssnen Don 
unä eine eobte Dorm besitzt. 
Der Napoleon-Filw. 
In den Ufa-Lichtspielen wird der französische 
Napoleon-Film gezeigt. Ein Film der Heldenverehrung wie unsere 
Fridericus Rex-Filme. Er beginnt mit dem jungen Napoleon in 
der Militärschule Zu Brienne, gibt einige Episoden aus der Revo 
lution, führt den Helden nach Korsika, stellt seine Flucht zurück 
nach Frankreich dar. und veranschaulicht dann in vielen Pracht 
bildern seinen Anstieg zum Oberkommandierenden der italienischen 
Armee. Um es vorwegzunehmen: eine innere Struktur hat der 
Film nicht; er fügt vielmehr SZel^e_an Szene, Dichtung an Wahr 
heit - eine Art von historischem Gemälde, das seine Vorzüge und 
Nachteile hat. Wie nur Lei den ganz großen historischen Filmen 
ist Lei diesem mit einem gewaltigen Aufwand von Mitteln gear 
beitet worden (Anläßlich der Belagerungsbilder von Toulon etwa 
mußtem über 5000 Soldaten und Matrosen in Sonderzügen dort 
hin befördert werden.) Allein schon durch die Zahl der beteiligten 
Personen und Materialien in solchen Auftritten wie dem Heer 
lager und der Konvent-Versammlung wird der Film sehenswert. 
Die Regie ALel Ganges hat diese Massen wirkungsvoll grup 
piert; oft merkwürdig opernhaft, in,altem Stil. Albert Dieu- 
donne als Napoleon ist in verschiedenen Szenen verschieden 
stark. Je mehr er ein Innenleben zeigt (so als Liebender in den 
Auftritten mit der schönen Jo^ephine), desto mehr wird er zur 
trivialen Theatersigur; echt erscheint er, wenn das Gesicht zur 
Maske erstarrt, als Befehlender, zu Pferd, Lei den Truppen. Aus 
dem ungleichmäßigen Szenenverlauf ragen einzelne glänzende Ab 
schnitte hervor. Wundervoll sind die Meeraufnahmen gelegentlich 
der Flucht Napoleons von Korsika; Wogen von unten gesehen, die 
Küste schräg. Geglückt auch das Erscheinen Napoleons im Kon 
vent. Schließlich die ganze BilderfLlge seiner Fahrt zur italieni 
schen Armee. Ehe er Paris verläßt, betritt er noch einmal das
        <pb n="73" />
        saa 
halten. Das ist nicht weiter absonderlich und schon oft dargestellt 
worden. Aber wie ist es hier dargestellt, welche Schauspieler agieren 
hier! Sei es die schöne, energische Katja, sei es die immer tiefer 
herabflnkende vollblütige Werka oder die alte, gierige Hebamme 
und Kupplerin: diese Frauen leben und sind wirkliche Menschen, 
nicht nur die Träger von Rollen. Ebenso die Männer: der weiche, 
verlumpte, feige und doch so tapfere Iwan, der unmittelbar den 
großen russischen Romanen entstiegen ist, und dex junge Uebeltäter 
Fedor, dessen versteckte und brutale Art wahrheitsgetreu durch 
gestaltet wird. Die Regie hat diesen Leistungen zur äußersten Wir 
kung verholfett. Sie hat das Verhältnis der Totalbilder Zu den 
Großaufnahmen richtig gestellt, die Details so verteilt, daß sie eine 
exemplarische Bedeutung erlangen, und auf die Kontinuität des 
zeitlichen Verlaufs geachtet. Vor allem aber ist ihr gelungen, aus 
den Dingen die Symbolkraft hemuszuholen. Anders als in der 
so viel bewunderten Großstadt-Symphonie „Berlin" reden hier 
die Architekturen und Straßen. Als beliebiges Beispiel 'diene nur 
die Verwertung des Denkmals der Kaiserin Katharina. Der Sockel 
des pompösen zaristischen Barockmonuments wird von Iwan als 
Nachtasyl benutzt. Man sieht ihn zusammengekauert liegen und 
sieht in Verbindung mit seiner Dreckgestalt die im Regen glänzen 
den Teile und Wölbungen des Rosses, der Kaiserin, der Gesimse. 
Rein durch die Methode der photographischen Wiedergabe findet 
das Denkmal hier einen Sinn, es ist das Zeichen verhaßter Herr 
schaft. Sie wird auch durch Säulentrommeln und Schloßfragmente 
wenn, wie jetzt in den D r e x e l 
auf einmal erscheinen. Der eine 
schaurig. — Der zweite Film: „D e r W i r t i n T ö ch t e r le i n" 
ist nach dem bei mittleren deutschen Filmen fetzt üblichen Schema 
NrgerichteL. Dieses Mal tritt der junge Frauenliebling Hans 
B ra u se w e t i e r als Kellner in einer Gastwirtschaft auf und 
Muß sich in die blonde Maly Delschast verlieben, die das 
TochLerchen der Patronin ist, der Lydia Potechina Körper- 
Mb urtt) rauhe Schals verleiht. Erst zu allerletzt erfährt das 
^ochtsrchen^ was für eine gute Partie sie an Brausewetter macht. 
Er rst nämlich der Sohn eines vielfachen Schweizer Hotelbesitzers 
und das TochLerchen wird künftighin in feinen Kleidern mit ihnr! 
Auto fahren können. Zur Erhöhung der Zugkräftigkeit sucht Her- 
durchs Leben" ist das Urbild aller Boxergrotesken bis in die 
Zeiten Buster Keatons. Chaplin als Boxer: «der kleine graziöse 
Mann mit Stückchen und Hund scheint von den grobschlächtigen 
Kerlen überwältigt zu werden, zieht sich aber dann elegant und 
listig aus der Affäre — mit einer List, die den Schwachen gut steht 
und ihnen in den Märchen schon beigegeben wird, damit sie den 
Tölpeln nicht unterliegen. (In Frankreich laust dieser Film unter 
dem Titel: ,,Oue vie adieu"). Auch der andere Film: ,,C hap- 
lin im Variete" hat die Züge einer Buschiade. Chaplin hat 
in ihm eine Doppelrolle: als einfacher Mann auf der Galerie und 
als leicht angesäuselter Herr aus der Gesellschaft, herrlich im Frack. 
Auf dem Olymp und in der Proszeniumsloge stiftet er Unfug; oder 
vielmehr, die Umgebung ist so verquert, daß ein Unfug sich um 
ihn zusammenzieht, an dem er selber eigentlich unschuldig ist. Kann 
er etwas dafür, daß das blöde Gesicht enes Artisten ihn dazu an- 
regt auf die Bühne zu springen und ihm eine Schlagrahmtorre 
mitten in seine. Blödigkeit Zu setzen? Man hätte ihm sagen sollen, 
daß dergleichen unstatthaft ist: aber ihm zumuten, daß er sich in den 
Variete-Gebräuchen auskenne, wäre zu viel verlangt. Die Schreck- 
lichkeiten sind so wundervoll lautlos arrangiert, daß sie unbeab 
sichtigten Zufällen gleichen. ULcn. 
— Ein chinesischer Detektiv. K Hso-jin heißt der Detektiv, der in 
dem Film: „D e r C h i n e s e n - P a p a g e i" der NeuenLicht 
bühne und in den Kammerlichtspielen einem höchst un- 
heimlicben Perlendiebftahl in San Franzisko auf die Spur kommt. 
Die Regie hat Paul Leni geführt. Er versteht sich auf die Effekte 
des Halbdunkels und das allmähliche Verstärken der Spannung. 
Interessant ist das Milieu: der chinesische Stadtteil Friscos mit 
seinen Gaffen und exotischen Festen. Äuch Hafenbilder werden ge 
zeigt. Die Handlung selber ist nicht lehr verwickelt. Einer amerika 
nischen VerLrecherbande der es auf Morde nicht ankommt, stehen 
einige Mitglieder der Gesellschaft gegenüber, die in eine sehr be 
denkliche Situation geraten, aus der sie nur die Klugheit K Hw- 
jms befreit. Er verbindet mit dem Scharfsinn großer europäischer 
Detektive noch seine Chinoiserien, die an sich schon eine verzwickte 
Umwelt voraus setzen Mit einem Papagei, der Zeugen der Un 
taten war,' jagt er den Verbrechern Schrecken ein. Die Hauptszenen 
spielen in einer einsamen Hazienda, in der getötet, überrascht und 
geschlichen wird. Um die glückliche Auflösung braucht niemand 
bange zu sein. Voran geht ein Lustspielfilm: „Seiden 
Strümpfe" mit der blonden und ebenso vergnügten Laura L a
        <pb n="74" />
        «r Ein amerikanisches Lustspiel. In den Bieberbau- 
Lichtspielen wird Ler Film: „M eins Frau das Frau«' 
leimit Laura La Plante In der Hauptrolle gezeigt- Sie 
ist son einem blonden Charme, versteht es gut aufzumutzen. Zu 
lachen und zugleich Hu weinen, stumme Monologs zu halten und 
eine Impertinenz Herosrzukehren, dir jeder Mann gern verzeiht. 
Das Lustspiel strengt sich an sehr lustig zu sein. Ein Tölpel von 
Mann und sein brutaler Gegenspieler liegen sich fortwährend in 
den Haaren, was witzig sein soll. Zwei andere Durchschnitts 
Grotesken amerikanischer Herkunft gehen voran. k a a a. 
--- Zwei unterm Himmelszelt. Dieser Film der Alemannia- 
Lichtspiele illustriert den Roman von Ludwig Wolfs mit 
Monte Carlo und Hotel-Interieurs, die sich in Paris befinden 
sollen. Die Handlung reicht über den gewohnten Durchschnitt 
moralischer Verworrenheit hinaus, sie bringt Liebe, Mord, Amerika, 
Berlin und Autos in einen Zusammenhang, in dem man sich be 
stimmt verirrt, wenn man einen Kompaß zur Hand hat. Besser 
schon läßt man sich treiben, am Ende kommt die Verlobung heraus.. 
Die Regie hätte übrigens wissen muffen, was der Autor vielleicht 
nicht gewußt hat: daß man in der von ihr gezeigten prächtigen 
Ho^elpension in Monte unter keinen Umständen an der Table- 
d'böte ißt. Auch sonst hat sie nicht eben erakt gearbeitet. Zum 
Glück sind die Photograph'en gut. SchauspielerischErnst 
Deutsch in der Rolle des Gigolo, Margerete Schlegel M 
ernstes selbständiges Auto Mädchen und die kapriziö se Margit 
Bar nah, die leider zu früh getötet wird. Raea. 
ätzr ^unlctionLrtz äes ÄaalZ. 5s medr «loß rrtzilleß 
äem XeulvOnku2iLni8wus rnit äem LiLLäZ^v^LSN 
tzinlüüt, ätz8to ^"tzni^tzr dtzäeuttzt er plulosoplnZtzd. 
Otz^en seine praamZiisliseße Oestzi^tzs^ereoßii^- 
lcsIL wenätzt 8loß äsr lconku^iLniZodtz Denier 
VrLN^-IlLiun^ i53 v. 6ßr. dis 18 n. 6dr.), äsr mit 
^unZ ll'stztmna-stz^u unä äem .,tzdintzZi8tzden 
Nontaiantz" I^Ln^-^Kodun^ 2r.l äen ^roöen d&amp;gt;dilo- 
svpden ätzr Ilan-.tztzrL atzdort. Hier näs üderall 
Li'deittzt Werder äie Orunäds^rikltz on Ilanä ein- 
Ltzdenätzr spr^oddritistzder Lxdurstz dedutsam 
dersus.. 8tzd6ut sied vor alltzm vor nadtzlleLtznäen 
^valoaien nü: äen europäisedtzn 8.v8temsn, äitz 
äa-8 bli^enMin stzner Learikke vtzr.atz'WLltiFtzn 
könnten. Xiedt alle unsere 1^diIo8opdieeseniedi- 
ler sinä oe^ äer Darstellung vtzraon^entzr Dormen 
äes adtznälänäisedtzn Denkens mit so-oder tzcdt- 
samktzit vtzrlodren. 
In äer Ärorterunx neben äer konkuLl- 
Änisoden Idllosoplne derlaurenäen sünaeren 
DaoiZ m u 5 ^virä äie taostiseds Volksreli^ion 
mit idrsr ^erne von vorndsrein gusatzseditzäsm 
Die Dinverniduna ätzr Verleitn niedre in äen 
?aoi8MU8 Wrt Denker Luk äie) duäädis^ 
Wdtz ^urüer. Die LmöLie DroäukUviiäi entkaltet 
n^ed idm ch^ tLorstisede Denken in äem Dereied 
ätzr dnmmpMos^ unä ^estdtztik. Wiinäerdar 
Klingen in ler »8ät/e ^vitz äitz kol^tznäeu, äis 
Denker aus einer 8ehrikt äes PaOrsien Xuo-dsü 
Litierl^ )Dd ^ensedsn aussen, äak ied male., 
oder nmdt, lab. ä^s Nalen st-Was 8elixvieri^e8 sei 
Din tztzdttzr lunstisr mub in Keinem Innern Uiläe. 
büfe unä ldobmm nkltzMm er snae- 
nedwtz beämken unä Vorsteidmaen desitxen unä 
ködia sein, n seinem (meiste äie Demütsdtz^e^un- 
^Sn unä ledensla^en anderer menZodlieder 
IVtzssn Nr vwättzden unä v^ueätzr^u^edtzn, sovvodl 
In äer Ledkie unä 8tzdiekde.it als in äem Xeden- 
einLnätzrsttzdD äer De^ensranäe. ^Venn er so 
äie anätzrn erstanden dai, sollte sr sie odne Ds- 
Dar bsite Land äes Werkes vou D. V. 
2 eoksr: esediedte der edinesl - 
seden D d ilosopdi-e. Von äer Kan-Dvnastie 
dis Lur DeZenward" iReiodender^, Dedrüäer 
Ktieped 6. nr. b. 6. XIII, 340 8eittzN. Oed. 8) 
MÄ vod. Btzi OtzLtz^tznchtzit (los tzrLttzn L-rnäss 
sinä Vtzräitznsttz äiestzr tzrvttzn ^roötzn btz^aint- 
äLrsttzlluL^ tzintzx noek v^tzMF OurtzdkorLtzßien 
^tzkriittums von uns ausiükrlioß ^e^vüräi^i ^'or- 
ritzn (vtzr^ß I^tsratuichlLtt Xn. 27 vorn 4. 4ulr 
1926). Vitz LnorkLUnitzn VorMas: ^rünä- 
liebtz (jutzlltznarbtzit, klartzZ ^ubdreittzn unä ^u- 
83.WruSnla88tzo äer NuLtzlersstzbuisstz, ^.ulwtzis ätz8 
lntzMLQätzr^rtzikeus äor läetzu- unä 8o^i-äatz- 
stzinodttz Lsreßntzn auod äsn rvvtziwn unä »tzt^ttzn 
Ltzst aus. 
VuäädnZwus ?on LiLLts ws^sn tzin^tzküßi't ^virä. 
^.ls k^liilosopkltz bltzibt äis duäähi8ti8ehtz I^eßro, 
Mis Ttznktzr ktzsisitzstt, m Oßina, unirutzßtdar. Das 
dtzlkt adtzr nießt, äaS 8ltz odntz Untluk v^äre. 8itz 
wirlct aus äen XonkuLianisrnuZ, äsr Z''en ^tzKtzn 
sitz v^bnäet, unä übt vor ollern tzlne ^o^vi88tz 
^kkinitLt auk tutzistrsobtz ^.n8odauun^tzn 3U8. inrt 
ätznen sitz lw, ^nsatL niLNoktzZ DMutzin ßal. Der 
spar er m äer Dpoeßtz äor nnior- 
voWMtzNtz VerZUtzb, äis ärol ^rokon l^lunn 
OlrinsS Lu vtzrtzln^en, ZtzdlL^t ktzlä. 
Dltz von ^snlcer verkol^ttz Ng,upilinle äer 
pbilc)8opchiscksn Knt^vitzklun^ i8t äie Kon,? u l - 
L. Qrseke. I.n äer llon-^tzit aev/mnen äie .Vn- 
Wn^er ätz« Kbürix-tsb ^untzbrntzvä olkl^ielltzn 
Nnkluk. äen sitz aued v'tzi'itzrbln trot? äbr taoi- 
MZtzdtzn IlLltuna vieler Herr-Locher äureß7,u8tzt^tzn 
vermögen. 8itz Zarnurtzln äo8 ^erstrsuts lconku^i- 
Lnr8tzße KedriftwtzZtzn unä Ztelltzn 68 ^ritiZtzd 
witzäer der; 8ie ärlnMn auk äie Urrießtun^ ätz8 
NUitzr äer UinL-Dvuastie tznäxüliix oriELni8wrttzn 
Ltuäitzü- unä ^rükunMSMttzWs Lur Iltzrandiläun^ 
ätznktzn aus ätzr 8piiL6 ssintzs Dlustzls dtzraus- 
klitzlztzu lasstzu .. /* 
1&amp;gt;Vädrsuä äer 8uu^-^tzra v/irä äsr XoukuÄ- 
auismus äurod äis Dsuktzr ätzr Dsmx-d-Sodu^ 
^umal iu uLturpdilosopdistzdOm Linus völ-iiekt. 
Diner äer deätzutenästtzu DrLtzdemuuAkm äiestzr 
von Dstzdeu-tstz de^rünätzttzu Loduls ist Tsedu-dsD 
(1129 Mdorsn), tzin Rann, äer tzinsn un^tz^ödn- 
ließen DtzdtznMuk Lnrützk^eltz^t dat unä äurod 
seine Dedrtz von äer ursprün^doden Oüte äer 
a t u i xum 1&amp;gt;LMr eines „etdiZeden läsaliZ- 
mus" ^vd'ä, dessen IVirkun^ sied auk äie kom 
menden .ladrdunäerte erstrsekt. 
Die Erstarr UND: des L o n k u i a n i s- 
m u s ärtz Lur ^IlnL:'2eit (1368 dis 1644) bereits 
spürbar ist, vollendet sied doed erst , unter den 
Uanäsechu-Derrstzd „Der Lonku/äanismus", 
80 urteilt Denker, „der ja seit ^lenx-tse niedt nur 
praktisod. sondern sedr stark pra^matised einge 
stellt war, daittz als Ltaatsraison ^esiext, indem 
^r rum Dossnia erdoden wurde, als Ddilosopdie 
datte er eben äadured auk^edört; er war eine 
Lirede geworden, odne jemals eine Helixion M- 
^esen !ru «ein " 
Ds bleibt die Denen wart, über äie sieb Denker 
ab wartend äubert. Ist äureb die Revolution der 
LonkuAaüismus in Obma abgetan? Ztarke 
Xlaedte, die von der soÄalen Lewe^un^ Mtra^en 
werden. Äeden jedenkadZ Ktz^en ibn beraub 
Diner idrer pd-uosopdiseden IImrptvertreterist i 
der äntikoniuLianer I1u-8did, der von dem ! 
amerikanise d e n Pragmatismus lMe^nlludt 
ist unä bei dem glten Xlot-i .ängs-dluA suedt.! 
bseben idm. aber sieben noed immer der ..Kon- ! 
brÄanisedtz Oentieman" Du Ilunx-min^ und der 
tzdristutzbe Deneral Den^ Vu-bsian^. Wer wird 
den 8iex äavont.ra^en? Vielleicdt bat Denker 
reedt, äad über die Zukunft niedt nur der 
edinesiseden Ddilosopdie, sondern der Ddiloso- 
pdie üb erbau pt in den Dampken entsedieäen 
weräen wird, die jetm über Odina bin toben. 
8. Draeauer.
        <pb n="75" />
        die noeb einem de 
von IVllbsIm DronEUnn unter dsm 1'iiel 
Dbisnsmsnn 
Viols ^-srdsn aued bouts 
^bsntsurHndueb 
angesehener 
Dsr lluMnd von rsbu dubrsn sn vürd mit dsm 
von ^dolk Dsüborn aus dem DrsnLösi.zcbsn dss D. 
? srßsaud ilbsrsst^ten Duab: ..U art und Nar- 
sLimmtsn Lvstsm nuAMurdeitsL sind. Dis Didel 
MAvbt dsn dssebMvrliebsn lVos dureb dis Dusb- 
ßtadsnallsO Lu einor unterbultHndHu DustMrtäs. 
2.50), Kanu sebon auk dieser ^ItsrWtuks TsksE 
nsrdsrr. 8is but äsn llluns: dsr OHSsbiodwu sub 
llsdsls ZsbLl^bäLlleiu und v/irktz in Lukbllwsckem 
8iuus. Ds ^ur siu Äüebliebsr OedLoirs. dem Dücb- 
Isiu siniM dsr oräriseu ^elelmuuMQ ^dolk MnLsld 
„8 ebuseW'uuder und sudsrs OsZebisbtsn aus 
vundoit 8U vord-su vsrlunat. Dnld ist birr IDms ouk- 
Zubluopsu. dLmit siob sein Inbn't okkeudum. bn'6 
Loi^t sieb eins Dnndsobakt ssobLobukseb. ^uob Zur 
UrLründmur der bodark 03 vorsobiodsnor bunst- 
roiebsr UanioulLtionon. : eins 8a.mrnbnr^ Zu- 
mutäKor IlebnnEsn auk dom Dobiot des Donbsrnrt«, 
^vis inn-n dis lätmiWit de« Dsnbyns nsnordin^s Zu 
Entstehung nach jenen beiden früher erschienenen Rornaneu 
voran. Das erste Kapitel des Buches ist bereits 1913 unter 
dem Titel: „Der Heizer" veröffentlicht worden. Der Schluß 
des Romans und Mzere Zwischenstücke fehlen, da Kafka die 
DbisnomÄNn, Zvitt^rL. 127 8siion. 6od. 2): d « 
sebönsto nllsr Obristmas Ourol Dosobiebtsn: ...Dsr 
^Vsibn3.6btsubsnd" von Dieksns (6eoi^ 
Disti-ieb. Nünsboo. 118 8kdion. Oob. ../L 3st und 
^dalbort 8Attiikkttssrs DcLöbbma: V V ssrraak k r i - 
sSttaall"" (sedoHnnd6oy7^t.. 107 8Zmollen..Osd. 3), dis an 
dl. von ui 6 btum . den Uerman 
dat (st. llbienemann, ÄuttMrt. 78 Lei ton. Dsb. ./rl ! 
2). Das illustrisito Bueb verewt^t Närebsn, 6s- d 
^obiebtsn und ^nÄrdotsn versebiedsnsr Völker und 
Mr kurckMbriKs Hvdsr, dis MmLblleb uus dein 
Durudiss der lln^isseubsit vsrtrisben werden 
LNÜSSSN, ist dis „D u r Ld i ssk 1 bsi" von dosepb 
und MriA Äoeb (Dredsbsul u- Rssusn. Dsssn. (leb. 
4.80) eins Hinossblens^srts Dude. 8is vermitwlr 
dsn Lindern uuk sinknebs und ^ssobieikts iVH so die 
Wdlmlte Vorstsllun^ der Dnutsk^u des 
Dis Mbsebsn wrbiKsn Dierdilder lliWurd bee^Zlds 
sind von Verseu beÄsit-st.. in denen dis jeweils mir 
den gieren rusummenbäN^enden Vuobst^dsu er- 
KebsinGN. ^.n dis Vsrss sslüisÜ-HN sieb eriLuternds 
Dsxte kür dis Wttsr und Äsins von K. Vollsndroieb 
nabe bringen. blsben den Kunden iLuksn noeb 
Verse ber. 
,, Dür Linder dee Äeieken Alters ist der von Duul 
ZLMu^sit nusM^äblte Bund der be^Lbrten 
22Z Zsitsn. Oob. 7). Hin v/s?tvs!!ss l^isrbueb K0- 
katsn. Der Voldasssr bat kür disss VrrLbbmstm don 
Osnosurt Drsis erbLltsn. In seinen xkon^u umiisK^rsu 
ZMIdsrunFbn. dis Lv dis Ilsrss dos NsinHg dlü 
IlolKorson dsr Doaerlbk semubnsn, vor§s^-nv-urtn 
sr dis ll'isrveit, odns sis su vsrmsnseWed'Zv. Dm 
IllustrationSN sind minder. 
Das aus dsn ^i^dsrta»sn mrEsr Mttsr und 
Droll-müttsr bsbsbts Dusb D. D. Durnstts: „Dsr 
bIsivs Dord" tauebt in d 'r DsborsstZunr? Üiebard 
8MttAurt. 80 Zgiton. 60b. 2). F y bsrübron sLmt- 
liobs XindsrtbsMSu vom Däslsiu bi3 Lum Zn'wwn, 
vom OstHrei bis rum Obristbuum. In dao Zobriltbild, 
dus bssondors dsutllsb ist, küdn sieb dis Illustru- 
tiousn von Owtor klounis nstt siu. 
Klndorn diosog ^lltsrs den Nädobon mebr als 
dorr Xuabou ist uueb diswuZ dsm Ln^'i;obou 
iibsEtZtH. ÄNZPruLbsIoss VrMbbm^: Mur 1 sns, 
da-s bloino Mdobou. ds.8 dor Dnls rbron Drucks 
muebts", von Uumurot DAk 0 r ruMsä^nst (DoorZ 
V/. Drotricb, Uünebou. 80 Koitsu, Dob. 3.75). 
Dsr ünuotrsiZ dss sciunu^on DLndcbons sind äis 
Marion Zilbouotwn Narv Dükers, die sebr kein über 
dis Kelten ausMtollt Änd. 
Prinzipientreue sinnlos ist, der Oberportier, der sich ein Selbst 
herrscher dünk, die faule und dicke Brunelda, die 'dem Sumpf- 
ledm verfMenen Genossen. Alle haben sie etZvas von der Werk 
Würdigkeit verknorpelter Baumstümpfe, die in der Dämmerung 
nssb an dsm Vueb 6 skullen kindsn, sb^voiü die ^siten 
sieb verändert baden, 
2um Zebinsss ssion noeb drsi bo 
rübmter lVsrbs notis/t. dis Undsrn bis ru nebt^is 
.sabwu zuasduM sind: K. D. Ltsvsnsons
        <pb n="76" />
        sind sie Zu Hause. 
S. Kracauer. 
Schlimmer hatte die Wahl nicht getroffen werden können. 
Mem Raffinement sondergleichen sind genau die Entwürfe 
Mit 
aus- 
Pro- 
Ver- 
Der Wötkerbundsrai soll entscheiden; 
Um den VölkerlmndspülasL. 
Wir haben rm gestrigen Ersten Morgenblatt die Meldung ge 
bracht, daß von dem Fünferkomitee für die Auswahl des Bau- 
prgojekts für das neue Völkerbundsgebäude der Entwurf von Nenot 
und Flegenheimer zur Ausführung bestimmt worden ist. Den Ver 
fassern ist auferlegt, sich zur Ausarbeitung des endgültigen 
jekts mit den Architekten Broggi, Vaccaro und Fmnzi in 
bindung zu setzen. 
findig gemacht, in denen ein längst verschollener Ungeist schran 
kenlos waltet. Nenot und Flegenheimer haben sich mit der Reiß 
schiene eine Architektur aus geheckt, die den Fassadenschematismus 
eines Postgebäudes mit der abgelebten Feierlichkeit einer Säulen- 
kolonnade mechanisch zusarnmenbringt. Jene anderen Entwerfer 
«aber, die ihnen zur Unterstützung beigegeben sirrd, haben mit 
gigantischen Motiven so toll gewirtschaftet, daß einem Hören und 
Sehen vergeht. Die Kuppel ist noch das Geringste. Vorne eine 
SLulenkombination — ohne Säulen geht es bei Palästen auf Reiß 
brettern nicht ab —, die Kernini hinter sich laßt. Oben aus dem 
Dach eine Statuen-Versammlung und Gäule, lauter Gäule. Wer 
soll auf ihnen davonreiten? Die Delegierten? 
Das sind die Entwürfe, aus deren Vereinigung die Kommission 
das zukünftige Völkerbundsgebäude gewinnen will. In eine 
Schablonenarchitektur, die niemals lebendig war, möchte sie den 
Völkerbund hineinpressen, der das Leben der Nationen regelt. Das 
darf und kann nicht geschehen. Denn die lächerlichen Monumente, 
die hier mit einem unerhörten Mangel an Spürsinn hervor 
geholt worden sind, Widerstreiten dem Geist, der in Europa 
herrschen soll. Es ist eine Unmöglichkeit, daß das repräsentative 
Haus, in dem dis Geschichte der Völker entschieden werden, eine 
Totgeburt ist, wie sie nur je auf dem Papier stand. 
Die endgültige Wahl des Bauprojektes steht dem Völker 
bundsrat Zu. Wir erwarten, daß er stch eines Besseren be 
sinnt. Er sollte sich noch einmal mit den Projekten befassen, die 
ihm die Sachverständigen vorgeschlagen haben. Unter keinen Um 
standen darf er es Zulassen, daß die Völkerbundsversammlung 
zwischen SäuM, Statuen und GäulM tagen muß, die das Zeichen ! 
einer vergangenen Epoche sin^ Wiederkehr eben der Völker-! 
KuM mdMttg zu verhindern 
bemüht. Umso beweiskräftiger wirkt die Verrenktheit der Welt. 
Solange nicht der Heizer nach oben durchbricht, ist ihr Tag 
die Nacht. * 
In jeder seiner Aeußerungen hat sich Kafka zu der Strenge 
einer solchen WelLansi bekannt. Sie ist zugleich eine Strenge^ 
des Worts. Gedanke und Wort vereinen sich auch in dem 
Amerika-Buch und verbürgen sich' wechselseitig ihren Bestand. 
Es ließen sich hier und dort Einwände erheben: Zu gewichtig 
vielleicht werden die Dinge des Alltags genommen, zu wenig 
ausgespsnnen sind gewiß die sozialen , Motive und Prmeste, 
die gerade in diesem Roman mehr als in den anderen an- 
Nngen. Wer Kafka ist jung gestorben,und seine Werke ent- 
Zichen sich von einer gewissen Grenze an der Diskussion. Sie 
sind Dokumente, die gedeutet zu werden verlangen. In einer 
Sphäre, die kaum jemand außer Kafka auch nur betreten hat, 
Der alte Fritz. Wieder ein Friderieus-Film: er wird in den 
Bieberbau-Lichtspielen gezeigt. Otto Gebühr, .der 
beste Fridericus-Rex-Darsteller der Welt", wie es auf einem Propa 
gandablatt hertzt, spielt den König in der Galachaise, mit dem 
Krückstock, den Windhunden, in Sanssouci. Der Film hat keine 
Handlung, sondern illustriert Episoden und Anekdoten, die Zum 
Teil der offiziellen Geschichtsschreibung angehören, alles nach dem 
HuberLusburger Frieden, mit friedlichen BildtiLeln versehen. Da 
gegen läßt sich« nichts sagen, nur fehlt dem Stück der Zusammen 
hang. Durch die amourösen Afsären des jungen Thronfolgers wird 
- eine Avt von Verbindung herzustellen gesucht. Die Massenszenen 
(etwa der EinZug des Kömgs in Berlin) sind ein wenig Power 
ausgefallen^_ ___ U g. 0 
— Fräulein Laura — Mne Witwe» Das ist ein reizendes Lust 
spiel, das jetzt im Capital vorgeführt wiüd. Laura ist natürlich 
Laura La Plante, die sich, um einen reichen Junggesellen zum 
Abschluß einer Lebensversicherung zu bestimmen, als Witwe Heines 
angeblich von den Kannibalen vertilgten Freundes, eines! Afrika 
forschers, ausgibt. Kaum ist sie etngMhrt, erscheint der tot« 
geglaubte Forscher, ein nett-er Junge, und es ergeben stch zahl 
reiche Mißverständnisse und komische Situationen, die man sich 
am besten selbst ansteht. Daß die Situationen mitunter recht pikant 
sind, ist in amerikanischen Gesellschaft filmen neuerdings die Regel. 
Läura hat «eines jener ausdruckslosen, doofen Großstadtmädchen 
gesichter, aus denen die verhaltene Frechheit enLZLÄend hervor- 
bricht. Vor allem das ZusammenMel von Händen und Mienen 
ist bei ihr stets charmant. Auch die Gegenspieler stnd gut aus ¬ 
? gewählt. Das Tempo dürfte etwas rascher sein. Für die Feiertage 
ist der Film, der auch nette Titel hat (so fällt einmal der Aus 
druck: „Ueber die seelischen Hemmungen der Kannibalen") sehr 
zu empfehlen Tuen. 
-- FaschirNMamArr. Harry Liedtke und Grete MoA- 
heim bestreiken die Hauptrollen dieses Films der Alemannia- 
Lichtspiele Er stürzt einen in eine Menge seelischer Auf 
regungen. und erst Zu allerletzt weiß man,, daß man nicht weinen 
muß. Liedtke, dieses erotische und zugleich moralische Genie, steht 
Zwischen Zwei Frauen: der reichen und .der armen, für die er sich 
natürlich entscheidet. Die Mosheim gibt ihr etwas von dem 
rührenden Wesen der Gish, sie ist lieb in ihrer Hilflosigkeit mit 
den Zusammengesalteten Händen. Welche Tücken ersinnt die kapri 
ziöse Reiche, um ihren Liedtke der anderen abspenstig zu machen 
und ihn allein für sich zu gewinnen. Wer vergebens; zum 
Glück. Ein Palais, ein Variete, ein Opernball sind die Hinter 
gründe, vor denen die Handlung sich abwickelt, die dazu bestimmt 
ist, ein breiteres Publikum Zu ergreifen. Bendow und 
BienAfelK spielen mit. 
-- Im Luxuszug. Zu den Feiertagen bringt der Gloria 
Palast diesen nach einem Stück von Abel Hermant verfilmten 
Schwank, mit Damm und Dran verziert und recht nett aufgemacht. 
Es handelt sich um eine Liebesasfäre in einem Milieu von Thron 
prätendenten und Verschwörern. Ort natürlich Paris. Die Liebes 
abenteuer in den verschiedenen Gesellschaftschichten sind sich ziem 
lich gleich, aber in den oberen Sphären sieht das Publikum wenig 
stens die Eleganz und den Reichtum über die es selber nicht ver 
fügt. Aufgeväppelt durch Szenen im Luxuszug und anderes Bei 
werk entwickelt sich die Keine. Liebesintrige nach Wunsch. Prächtig 
und pmrchös ist M San druck, die immer etwas an den alten 
Bismarck erinnert. D Pärchen wird von dem schicken Windhund 
Ernst V e r e bes und der feschen Dina Gralla verkörpert. 
Julius Falke nstein Zeigt seine Begabung für Trottels, Jda 
W üst saug^wie ein Vakuumreiniger Männer an. R. 3. e 3.
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        Diesen Zettel kitte niettt entkernen! 
868t3nd8dildn6!- 
!fltl3ltS3Ng3b6 
kl nge!&amp;lt;Iebie Kalkei 
!^Mf3Ng 
I 
^n^tsliung^eit 
19270000-19270000 
^inIsge^sttsl-k^.ciOe 
ta§e55oft /mag/ng 
/^dtsilusig 
2igsi3tui- 
8s8t3nd83tt 
868t3^d8typ 
^lecll en^okumeittst 1 on 
Xs-ZCZuei^, 
51egfi^1ecI/01.06/KIebsmsppe 
1927 
^3L^l388 
Oesciilosssiiei" 8s5t3i^cl clei" 
^Iec!l encjol&amp;lt;ume^t3l1 on 
,. dentsekes 
literaNir 
arckiv rnardaek 
K^ZcZuer, 51egfr1eci 
3U5 clsn "^k'3nl&amp;lt;fui'tsn ^slinng" 1927 
IIIIIIIIIIIWIIIttlllNill! 
^090218
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
