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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.08/Klebemappe 1929 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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        -2X 
--- Von einem Fürstenhof. Der im Gloria-Palast gezeigte 
Film: „Serenissimus und die Letzte Iungfrau" ver 
legt wieder einmal den Schauplatz in eine LiliputreMenz. Das 
sehen die kleinen Mädchen so gern. Der trottelhafte Fürst — eine 
Spezialität Hans Junkermanns —, seine strenge Tante 
(Adele Sand rock), der junge hübsche Adjutant und die dazu 
gehörige Weiblichkeit — das ganze Personal, das heute bei uns 
Lustigkeit zu erwecken Pflegt, ist zur Stelle, und alle Situationen, 
die erfahrungsgemäß einen Publikumserfolg verbürgen, sind aus 
genutzt. Die richtige Mitte zwischen Frivolität und Sittenstrenge ist 
die Verlobung am Schluß. Da es breite Schichten gibt, die sich 
mit solchen Surrogaten ernähren, bleibt dem Einsichtigen nichts 
weiter übrig, als sich zurückzuziehen. Notiert sei nur noch, daß 
Ernst Verebes ein glänzender Tänzer, Siegfried Arno einer 
der elegantesten und skeptischsten Großstädter und Margot Land« 
eine Blondine ist. Der Regisseur Leo Mittler hat im Rahmen der 
technischen Konvention geschickt geschnitten. kaca. 
--- Die drei Fransn des Urban Hell. Der Roman, nach dem 
dieser Film der Aleman nia-Lichtspiele gedreht ist, 
stammt von Vicki Baum, jener versierten Ullstein-Autorin, die 
sich im Leben auskennt, wie es aus der Perspektive von Magazinen 
erscheint. Als Hintergrund hat die kundige Dame diesmal einen 
südlichen Alpensee gewählt, der das Angenehme mit dem Nützlichen 
verbindet: er befriedigt nämlich nicht nur durch seine landschaft 
lichen Reize, sondern gewährt auch dem Helden Unterhalt, der sich 
als Schwimmlehrer sein Brot verdient. Man muß Fred Döder - &amp;lt; 
kein in der Badehose seben, wie er schön ist und strahlend. Das 
eben hat Vicki Baum gewollt; denn was wäre eine ihrer Geschichten 
ohne die Liebe? Gleich drei Frauen auf einmal fliegen dem 
chwimmenden Adonis zu, springen mit ihm ins Wasser, treffen 
ihn in der Badekabine und in den Salons. Kunstreich wird die 
Zuneigung Zu der schwer en Mona Maris geschürt, die der 
da Negri nacheifern möchte. Je mehr sich das Bild von einem 
Jüngling mit ihr einläht, desto mehr leidet die eine der Neben 
buhlerinnen; die andre ist schon rechtzeitig entfernt worden. Aber 
so ist es gerade recht, denn Vicki Baum will auch.ihr Opfer haben. 
Zum Trost gibt sie dem armen Mädchen einen chinesischen Diener 
bei, der die östliche Weisheit lehrt, daß man immer lächeln müsse 
Ein kapp? end mit schmerzlichem Lächeln — ja, Vicki Baum nimmt 
die Kunst und das Leben nicht leicht. Der Regisseur hat den Film 
in ihrem Sinne gebaut: viel See und Schönheit und Sonne und 
dazwischen ein leicht zu illustrierendes Herzeleid. Uaca. 
^Harold Lloy-.H Harold, das Muster des fixen und 
unfertigen Amerikanes, hat, wie es scheint, die isbort stories 
satt. Verführt vielleicht durch das Beispiel Buster Keatons, sehnt 
auch er sich nach mehraktiger großer Literatur. Freilich, zu einem 
Buster wird er trotz der Länge seines: „Harold, der Pech 
vogel" nicht. Weder ist er ein stummer Märchenprinz, noch 
verzaubert sich ihm die Welt. Er bleibt der quicke optimistische 
Jüngling mit dem ewigen unchinefstchen Lächeln, und seine Welt 
bedarf gewiß keiner Er.ösung. 
Dennoch hat er sich in dem neuen Stück nicht nur verlängert, 
sondern auch etwas vertieft. Ohne die Bedeutung der Passivität 
Busters zu. ermessen, nimmt er sie äußerlich an. Auch er umgibt 
sich mit Hünen, um schwach zu erscheinen. Zwar bleckt er noch 
immer mit den Zahnen, aber oft aus Verlegenheit. Die Frech 
heit wird durch Furcht eingedämmt, die Rauflust weicht der List, 
die behend blufft. Aus dem „Er" möchte ein Ich werden, aus 
dem Ideal der Selfmade-Burschen im Strohhut ein netter 
amerikanischer Taugenichts. 
Er hat sich mit richtigem Instinkt die romantische Umgebung 
gewählt, die zum Taugenichts gehört. Fern von der Großstadt 
tummelt er sich irgendwo im Westen zwischen kühnen Männern, 
Gäulen und einer Unmenge von Natur. Hier kann er sich hinter 
Sonnenblumen verstecken, hier ist ein medizinischer Wanderzirkus 
ein Ereignis. Mitten in dem abgelegenen Fluß gedeiht auch ein 
altes Schiffswrack, dessen schiefe Räume und Schlupfwinkel eine 
Fundgrube für unfreiwillige Abenteuer sind. Er besteht sie ge 
wandt-ungewandt. und dank der Abwesenheit jeglicher Zivilisa 
tion fallen wenigstens seine Lümmeleien nicht mehr so unerläßlich 
smart aus wie früher. 
Die Streiche entraten völlig der Phantastik und des Hinter 
grunds, den sie bei Buster Kaben, folgen sich aber dicht — stellen 
weise leider so dicht, daß sie sich gegenseitig ausstreichen — und 
sind hie und da von origineller Erfindung. Jede Hausfrau, die 
nicht gerade über eine maschinelle KücheneinriM verfüch muß 
die abgekürzte Methode, studieren, nach der Harold heim «Spülen 
der Teller verfährt. Geschickt heröeigeführt sind auch die ver 
schiedenen Situationen, in denen es ihm, dem männlichen Aschen, 
brödel der Familie, gelingt, über die gewaltigen Brüder zu 
triumphieren; und reizend ersonnen ist die Verbrechgueskorte über 
den Fluß. Der Mann wird einfach in lauter Schwimmgürtel 
verpackt, die, aneinandergereiht^ lebendigem Floß, 
bilden, auf dem Harold heimrudert. 
Ausgezeichnete Bewegungskomik ohne Sinn. „Er" ist eben 
Zuletzt doch kein Ich; geschweige denn, daß er ichlos wie Buster 
wäre. 
(Zur Aufführung des Films in den Frankfurter 
Ufa-Lichtspielen-) 
A a e a. 
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i8t und uiv ttLuvLÜ^o Nor om ovvuso 
MüraiMr 6^608raun a^r V-mporuu^ Liu&amp;lt;L ir^üN- 
sru Lemiedrur sr USüLuamt uudü blrL.vnut- 
msuouumur cim^Q 6MLU üenariümo. asr tuusr 
ais Lamtaeus Lruuiu3^iüri8euv msruEu. wsu er uru^ 
seiner rneo^o^isonen HerLUmt um me ^irLiKüis iL6- 
senaitennert aer ^rsaduien veiü. Wie senon m tru- 
deien DUnäen veixlen aued meseL Nat nein euren- 
weiten vacer cüe r ulie vor^e^r. Uuu 
sie mitunter an aen ttanren Nerdei^eLerrt sind, sei 
innen mn des spannenaen ^.rranMnienrs ^inen ver 
dienen. — viiedo.Ls ^oLus. ein i^andLinann virovvns, 
verLULLt 2nur nieM über die r Lni^neiten eines 
^riesr^.s. ist aber unmernin ein voUuoniinener Qend- 
iemnn vom i^opt bis 2u uen v üÜen. üoMr ^aniend 
seines itun von ^eodinnd lard be^iiü^^en ibr^Lubs 
be^LitiKd er irr llannumdreNen sen^ieriM ^robmme. 
U«r bei reit einen Unndst-rien von den nnünsinniMN 
U-ttenraven einiger ^nrierer. bnir einem Mnves^e- 
storwn Kädenen und stitrst b'LMÜien^iüen, wo er 
nur ÜLnn. KeiLend erkunden ist, die ürLüvENZ, in 
der dem Ltnndesdünnei Nodsr ^ristoLraren ein 
Lrreien kesvie^t wird. Die Lum deii biLarren Oe- 
senienten unwrdniren LNMneain. btoders ^nsprüeN»- 
steten sie selbst, NieNt. r. 
Ons seiner reit Lusküdrlieb von uns MwUrdiZte 
VVerL der russischen ttevoiutionüiin VV er a b' i- 
ner: ..i&amp;gt;i n e U t über 1t u U 1 n n d'" ist, in erwei 
terter ^.uliLLS erseüienen (v^rnn. ölniiü - VermZ. 
Leiten. Oed. Ü). Lin dritter 'üeü ist itnn 
beiMMben worden, der den Ute!: .chneU 
LeNi üssslbur^' vrüAt una die ÜchÜderunk der 
ersten beiden ^nüre entdäit. die sied an eine Kalt 
von inst einem VierredaniNiindert seüios^en. d ran 
tchner nebt ün Vorwort 20 oiosem leb der vor, dall 
sie damals iNren im lieben nicht 2U linden 
! vermoeüt üLtte und sied wie der LUierstnndene I^L- 
! 2nrus in der LrLÜMuns ^.ndreiews vor^eüommen sei, 
..der einen tbich in die KwiAUeit ^eworien nnt°. 
, Der Lericht ist erKrsikend. ersedeint übrigens 
KieichLeitch als Londerdruch. 
ver dritte, die ünbre 1926/1927 umksssende dabr- 
K^nnL des VVerüs. ..dLbrbuebdsrchilmindU" 
strie" liest vor (Verlas der üichibiidvunne. Ber 
lin. 848 Leiwn. Oeb. 30). Xarl VV 0 1 kks 0 bn 
bat es. übrigens obne die UnterstetLuns der 01 a- 
züeUen Vertretung der deutschen kilmindustrio, in 
einer gegen trüber noch erweiterten Gestalt bernus- 
gegeben. Ds entbLlt Abschnitts über die deutsche 
Filmindustrie und das deutsebs I^ichtsniechewerch; 
über Lundsi und Verbebr in der ?ichindustrw. - en 
k'ilm in der Heebtsureebung und das Filmwesen der 
euroch.schsn und LUÜereuroväiLchen Münder. Nins 
lulle statistischen Naterials ist in sämtlichen leben 
übersichtlich verarbeitet worden, ^.ulmerksam se- 
nmebt sei nicht 2uietLt auk die Libiiogravbie der 
mit dem ?ilm sieb beschäftigenden ^Verks und die 
Zusammenstellung der b'ilme 1926'27. Das l^ach- 
veblagewerb wird allen ^ilminteressenten nützliche 
Dienste leisten.
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        genormnen. 
er. 
Inhalt!", ruft er aus. Sein Durst nach Inhalt ist leider inhalts 
los und die Inhaltslosigkeit verwaschen. 
Erich Pommer schließlich will gar nicht so hoch hinaus. Er 
denkt mehr an die prakti chen Chancen auf dem Weltmarkt. Haupt 
sächlich um ihretwillen empfiehlt er, nicht so sehr den „absoluten 
künstlerischen Film" zu Pflegen als „das künstlerische Niveau des 
Unterhaltungsfilms Zu heben". Die Allgemeinheit dieser Vorschrift 
entkleidet sie der Bedeutung, und überdies haben wir in der letzten 
Zeit Hebungsversuch-e erlebt, die uns nur noch tiefer ins Elend ge 
stürzt haben. 
So sieht die delphische Weisheit namhafter deutscher Filnr- 
experten aus. Auch sie kennzeichNet die Situation. 
Dg-r über einem Monat veröffentlichten wir in unserem Feuille 
ton einen Aussatz: „Der heutige Film und sein Publikum", der den 
Tiefstand der gegenwärtigen Produktion, insbesondere der deutschen, 
an Hand von Beispielen ausführlich darlegte. In dem Aufsatz war 
auS guten Gründen nur eine Diagnose gestellt, nicht aber gleich ein 
Rezept verschrieben worden. Mit der Angabe von Mittelchen ist 
dort nicht viel getan, wo es zunächst auf die Erkenntnis des Be 
funds ankommr. 
Nun brächte zu Jahresbeginn die „VoMche Zeitung" unter dem 
Titel: »Hat der deutsche Film 1929 künstlerische 
Chancen?" eine Rundfrage, zu deren Beantwortung sie einige 
der für den deutsch.n Film verantwortliche Männer eingeladen hatte. 
Ihre. Prognosen klingen durchweg hoffnungsvoll — richtige Neu 
jahrsprognosen. die mit der Punschbowle zusammen genossen wer 
den können. Nur eben vermögen wir ihnen nicht Glauben zu 
schenken. Denn an dem Ernst der von uns analysierten Situation 
gemessen, wiegen sie gar zu leicht. 
Wer verkündet denn üLetbaupt die frohe Botschaft? Unter an 
derem Fritz Lang. Ausgerechnet Fritz Lang, der sich, wie wir in 
un'erem. Aufsatz nach weisen mußten, bei allen seinen L atenten gegen 
die Kunst genau so wie gegen die Kolportage versündigt hat, erklärt 
in Silvesterstimmung, daß man es „in der Hand" habe, den deut 
schen Film zu einem „Kulturfaktor" zu machen. Der heutige Ge- 
schisstsfilm hat sich nach seiner Meinung auf einem toten Gleise 
festgesähren; wohlan, machen wir ihn zu einem Kulturfaktor! Das 
ist eine wilhelminische Phrase, die um so weniger besagt, als, Herrn 
Lang, soviel er auch in der Hand gehabt hat, von den „Nibelun 
gen" an bls Zu „Spione" noch niemals ein Kulwrschtor gelungen 
ist. Und gcwiH ist, daß, wenn er seine eigenen Filme nicht für 
Geschäftsprodukte, sondern für künstlerisch hält, wir weder eine 
Kultur haben werden noch ihren Faktor, den er verspricht. 
Herr Wilhelm Dieterle, ein weiterer zum Kronzeugen berufener 
Prominenter, fordert von den kommenoen Filmen,, vor allem von 
den übn ihm selbst herzustellenden, die rechte.Gesinnung. „Zunächst 
einmal soll man klar und deutlich . . . sagen, wie man es meint 
und was man will", so beschwört er die Produzenten. Wie meint 
er es und was will er? Wer ihn als Grafen Harro in dem von 
ihm inszenierten Agnes-Günther-FUm gesehen hat, Muß Angst vor 
der Zukunft haben. 
Dann ist da noch der Regisseur Joe May, der eine inhaltliche 
Neubelebung der Filme verlangt. Der einzige Weg, um von der 
Technik -ur Kunst zu kommen, sei die Verinnerlichung. »Inhalt, 
b--'S rs-kL.„.„., 
ArLm 1929. 
Glossezu einer Rundfrage. 
--- jMfred Döblt» m Frankfurt.) Auf EmMung 
der Frankfurter Literarischea Gesellschaft 
sprach Alfred Doblin am Dtontag abend über die 
Romandichtung von heute und morgen. 
Da unser Mitarbeiter Bernhard von Brentano sich zu 
diesem zuerst in Berlin gehaltenen Vortrag vor kurzem im Lite 
raturblatt ausführlich geäußert hat, dürfen wir uns hier mit 
wenigen Zeilen begnügen. Wir empfinden es mit Genugtuung, daß 
Döblm gegen die modische. Meinung auffteht, die jede MHtuna acs 
veraltet anspricht oder gar le Reportage, d. h. den bloßen Be 
richt über Wirklichkeitssakten, zum Inbegriff zeitgemäßer Dichtung 
erhebt. Durch seine Unterscheidung zwischen der üblichen Roman- 
schrifLstellerei, die den zufälligen äußeren Realitäten in der Form 
des mehr oder weniger dokumentarischen Berichts nachaeht, und der 
echten evischen Gestaltung, die diese Realität durchbricht, um frei 
fabulierend über sie zu verfügen, hat sich der Dichter Döblin ent 
schieden ein Verdienst um die Klärung ästhetischer Elementar^ 
begriffe erworben. Den Wissenden sagt er mit solchen Abgrenzungen 
nichts Neues, aber es gibt leider auch Literaten genug, die so un 
wissend und konfus wie das Gros des Lesepuölikums sind. Schade, 
daß er sich der Anwendung feiner theoretischen Bestimmungen ent 
halten hat. Man hätte gerne gehört, wie er mit Hilfe der von ibm 
gewonnenen Kategorien einzelne moderne Romanwerke nun w'rklich 
beurteilt; findet doch jede ästhetische Abstraktion erst ihre Erfüllung, 
wenn sie wieder auf die einzelnen konkreten Gebilde zurückbe^en 
wivd, von denen sie abgeleitet ist. — Gewissermaßen als Erkurs 
gewährte Doblin gegen das Ende seines Vertrags hin einige ^Ein- 
blicke in den dichterischen Schafsensprozeß. Hier, wo er von eigenem 
berichtete, war er spürbar mehr zu Dause als bei der Entwicklung 
der FormanMsen. Unter den Mitteilungen aus der Werkstatt war 
die wichtigste die über die Rolle der S'nach? in der Epik. Wie er 
besonders glücklich formulierte ist die Sprache eine Kroduktivkrast, 
die den Stoff nicht nur vermittelt, ihn vielmehr geheimnisvoll mit 
erzeugt. Ein einziger Satz, der mit einem Mal vor dem Dichter 
steht, kann zur Keimzelle eines ganzen Werkes werden. — Die Aus 
führungen Döblins. die auch durch die Art ihres Vortrags bedeu 
tend wirkten, wurden mit Teilnahme und Beifall entgegen- 
Kaskadeure. 
Aus dem Variete-Programm des Schumann-Theaters ist trotz 
Jackies Auftreten noch die Nummer Streeth and Streety 
hervorzuheben. Sie ist ein einziger Albdruck Man stelle 
sich bitte vor, daß ein Mann, der ungefähr das Aus 
sehen eines Henkersknechtes hat, einen Leichnam ttagt. 
Den Leichnam eines kümmerlichen Menschen mit rötlichen Bart 
stoppeln, den er wie einen Sack über die Schulter wirft oder unter 
den Arm nimmt. Gut, auch Leichname müssen wahrschernkch 
transportiert werden. Wer der Mann, der wie ein Henkersknecht 
aussieht, begnügt sich nicht mit dem gewöhnlichen Transport, 
sondern hat seine Freude daran, den Leichnam zu quälen, als 
sei er ein lebendiges Opfer, das zu Tode gefoltert werden M- 
Er läßt ihn Zum Beispiel Zu Boden fallen, stößt ihn noch mit den 
Füßen und hebt ihn dann wieder auf. Oder er setzt ihn auf einen 
z Stuhl und Zieht, bäum daß die Leiche einmal Ruhe wie im Grab' 
zu haben glaubt, den Stuhl wieder unter ihr fort. Lauter Spasse, 
zu denen der Henkersknecht fortwährend still grinst.Außer dem 
Grinsen, das einer Lache gleich in seinem Gesicht steht, gibt er 
keine weiteren Lebenszeichen von sich denn er ist ja ganz allein 
mit dem Leichnam. Der sinkt übrigens immer höchst kunstgerecht 
zusammen, wenn er den Halt verliert. Statt einfach hinzuplumpsen, 
schraubt er sich in den Knien tiefer unL tiefer, bis er schließlich § 
daliegt wie eine Leiche. Die systematische Exaktheit, mit der dieser &amp;gt; 
Prozeß stets ausgeführt wird, macht ihn nur umso unheimlicher. 
Das ist nicht ein normaler akrobatischer Akt, sondern eine Märchen 
szene. Und Zwar sind die beiden vermutlich Gespensterfiguren, die 
dem begegnen sollen, der auszieht, das Gruseln Zu lernen. Daher 
auch der Stich von Komik im ganzen Auftritt. U oe a. 
, -- l„Tie Si^zehnjährigen."^ Dieser nach dem Schauspiel 
Drehers gedrehte Film nutzt die gute Konjunktur sür Pubertäts- 
rrl&amp;gt;m ^aus. Die belanglose Fabel kombiniert Verwirrungen der 
äugend und des reiferen Alters mit einem Plädoyer fürs Jugend 
gericht. ^er Held ist ein Pflichtbewußter Staatsanwalt, der" Zu 
neigung zu einem minderjährigen Mädchen faßt, das ihn ebenfalls 
Zur Hauptslgur ihres Innenlebens macht. Tarob verfällt sein 
halbwüchsiger Sohn, der die der Mutter widerfahrene Kränkung 
emplmdet und natürlich auch das Mädchen liebt, in einen schweren 
Drubpnn, aus dem er sich nur durch einen Revolverschuß auf den 
^selten Die kleine Tragödie findet ihren wohl ¬ 
gefälligen Abichlutz vor dem Jugendgericht, an dessen Notwendiq- 
teit nun auch der Staatsanwalt glauben lernt. 
Trotz der Trivialität, mit der diese sattsam bekannten Motive 
angeietzt und entwickelt sind, verdient der Film ein freundliches 
-Wort, zeichnet er sich hoch vor den üblichen Erzeugnissen durch 
gediegene Arbeit aus. Der Regisseur Georg Asagaroff fängt 
Kamera Blickduelle auf und stellt ein Patrizierhaus hin, 
das wirklich das Haus eines Patriziers ist. Bei dem elenden 
Stand der heutigen Produktion versteht sich eine solche Exaktheit 
leider mcht von selbst. In manchen Teilen geht die Reste sogar 
noch über das Gebotene hinaus und erzielt Kammerspielwirkungen 
L^pi verraten seelische Schulung 
ün'dG-Uchtsfaal^ hapert bei einigen Ueberleitungen und 
Eine unfähige Regie kann die ersten Stars ihres Glanzes Le- 
Een, eine gute auch die minderen Kräfte zum Leuchten bringen 
Hier werden namhafte Schauspieler so sorgfältig eingestellt, daß 
Strecken hm ein schön abgewogenes Ensemblespiel ent- 
( A „ .oshelm E gradgezogeneii Augenbrauen, 
druckt dre Unreife des Körpers rd den Uebergung zum Erwachen 
SAaLsanwalL Ada^.U v. SchletLows ist eine 
Mannererschemung in Dur; die durch den Film 
„Mutter beiannte Frau Baranowskaja besteht aus Jn- 
wendrgkeit, treibt es nur mit der Duldermiene etwas zu weit 
Ganz reizend H der Pubertätsjüngling Martin Herzberqs 
- em lockiger Siebzehnjähriger der mit den Augen schmachtet, in 
sich hmernbrutet und heimlich Entschlüsse faßt. ; 
Das Stück ist gewiß auch technisch nicht allerersten Ranges.'
        <pb n="3" />
        »Eis neuer Harry Viel. DaA HaupLrequistt des Harry« 
Piel-Film- der Neuen Ütchtbühne ist ein Motorrad. Ein 
von Harry selbst fabrtziertes Motorrad, das wie ein umständliches 
Tier auZsieht, und in einem fort faucht. Sonst faucht es freilich 
in den Film nicht; die Handlung ist vielmehr schleppend, und 
zwischen Einfall und Einfall sind lange Strecken unbelebt. Immer 
wieder muß das Motorrad Herhalden, fei es als Kraftquelle für 
ein phantastisches Experiment, sei es bei der Verfolgung einer 
Verbrecheröande. Sein größter Augenblick ist entschieden, wenn 
Harry auf ihm eine Treppenrampe heruntersaust — eine toll, 
kühne Sache, bei der er seinerzeit bekanntlich verunglückt ist. Die 
üöngen Sensationsleistungen sind zum Teil ganz nett erfunden» 
Harry selbst schmeckt wie ein Lutschbonbon: eine richtige Kol 
portagefigur. Jedenfalls ist er unterhaltender als der andere 
Harry, jener Liedtke, dessen Süße eher vom Sacharin stammt 
Gröberer in Kanton. 
Zu dem Buch von Andr6 Malraux. 
Von S» Kraeauer. 
Andrs Malraux: geboren 1901 in Paris. Vom fran- 
Zösichen Kolonialministcrium 1923 zu archäologischen Studien 
nach Kambodscha und Siam geschickt. Führer in der Partei 
Jung-Annam (1924). Kommissar der Kuomintang fürEcchin- 
china, dann für ganz Jndochma (1924/25). Stellvertretender 
Kommissar für Propaganda bei der Nationalistischen Regie 
rung in Kanton zur Zeit Borodins (1925). 
Der junge Franzose mit diesem vehementen Lebenslauf hat 
seine Erfahrungen in einem Buch niedergelegt, das unter oem 
Titel: „Eroberer. Rote und Gelbe im Kamps um 
Kanton" von Max Clauß, dem Schriftleiter der „Europäischen 
Revue" vorzüglich ins Deutsche übertragen worden ist (Kurt 
Vowinckel Verlag, Berlin-Grunewald). Es schildert jene denk 
würdige Epoche der chinesischen Revolution, in oer dir Dritte 
Internationale versucht hat, nach Sun-Aat-sens Tod die chine 
sische Nationalregierung bolschewistisch Zu organisieren. Ein 
Augenzeuge, mehr noch: ein Mitkämpfer berichtet über einen 
der dunkelsten Abschnitte der Zeitgeschichte. Der Bericht aber 
ist so bedrohlich ausgefallen, daß die Zensuröehörden Ruß 
lands und Italiens sich genötigt gesehen haben, ihn zu ver 
bieten. 
* 
Das Buch ist weder eine Reportage noch ein Roman; viel- 
mchr sind beide Formen der Darstellung in ihm zu einer dr tten 
neuen derscknulz-m. Stellenweise enthält es Beschreibungen 
und lokale Bestandsaufnahmen, die wie die Tagebuchaufzeich 
nungen eines erfahrenen Korrespondenten anmuten, der zu 
Beobachtungen ausgeschickt worden ist. Aber die Wiedergabe der 
Tatsachen wird stets durch ihre freie Verdichtung durchbrochen, 
und außer Borodin ist keine der Hauptfiguren historisch be 
glaubigt. Sind darum alle die anderen „Eroberer" willkürlich 
erfunden wie die Gestalten irgend eines historischen Romans? 
Der Verfasser behauptet, daß ihni eine Untreue gegen die ge 
schichtlichen Ereignisse nirgends vorgeworfen we ben könne. 
Er verdient in der Tat das Vertrauen, das er fordert, denn 
mögen die in dem Buch eingesetzten Personen gelebt haben 
oder nicht, sie wirken sämtlich so echt wie der eine Lorodin. 
Der Propagandakommissar, der Terroristenführer, der chine 
sische Staatsmann — so und nickt anders werden sie gekämpfl, s 
argumentiert und sich zu den Massen verhalten haben. Die 
Macht des Daseins, die sie durch die Gestaltung erlangen, 
unterdrückt jede Frage nach ihrem faktischen Dasein. Malraux 
gibt wie der Dichter die eigentliche Wirklichkeit der Geschichte j 
und bewahrt zugleich die Geschichte als Reporter. Um des i 
Doppesiieles willen lösen sich fortwährend Telegrammtextc 
und psychologische Analysen ab, die ebenfalls im Telegramm 
stil gehalten find. Ihr für die Gestalt des Buchs bezeichnender 
Wechsel erzeugt eine ungewöhnliche Spannung. 
* 
Die Staffage des revolutionären China ersteht in kurzen, 
meisterlichen Skizzen. Keine Gesamtüberblicke, sondern Einzel 
heiten. Das Hotel in Hongkong während des Generalstreiks; 
ein Bordell mit annamitischen Prostituierten; eine Straßen- 
schlacht in Kanton. Alles ist nur gerade angedeutet, aber die 
paar Merkmale sind so sicher ausgcwählt, daß sie sich von selbst 
zu fertigen Bildern ergänzen. Ihre Atmosphäre ist von äußer-1 
ster Dichte. 
Die „Eroberer" mitsamt dem Nebenpersonal find Fremd 
linge im Land. Nachkriegseuropäer; Abenteurernaturen. Ihnen 
voran die Hauptfigur: der Propagandakommissar Peter 
Garin, dessen Biographie allein Bände füllen könnte. Mal- 
raux begnügt sich mit einem (in unserem Feuilleton seinerzeit 
nachgedruckten) summarischen Lebensabritz dieses aus jeder 
Bindung befreiten, vagabundenhaftsn Lebens. Es beginnt in 
Genf, flihrt auf die Anklagebank, zur Fremdenlegion, durch 
Spielsäle in Züricher Bolichewistenkreise und schließlich nach 
Kanton. Die Existenzen Kleins und Görards sind Mosaik 
muster von ähnlicher Ueppigkeit. Der Polizeikomnnfsar Niko- 
laieff sängt vor dem Krieg als Agent der Ochrana an, wird 
entlassen, handelt mit Postkarten und schlägt sich während der 
russischen Wirren als Geschirrspüler zu Sun Pat-sen durch, 
der ihn der Geheimpolizei attachiert. Das Asyl aller dieser 
Obdachlosen ist die Revolution. 
Sie kämpfen unter dem Sowjetbanner für ein China, das 
sie nicht kennen. Es will gewiß die Autonomie und die Frei 
heit im Innern, aber es fügt sich nur mit Widerstreben den 
ihm von seinen Lehrmeistern aufgezwungenen Methoden. Hong, 
der Terroristenführer, begeht so unsinnige Attentate, daß er 
schließlich von Earin beseitigt werden muß. Und jede Aktion 
der bolschewistischen Spitzengruppe prallt an Tscheng-Dai ab, 
dem chinesischen Ghandi, der für die Gewaltlosigkeit eintritt 
und durch seinen Opfertod die Pläne der Eroberer durchkreuzt- 
z Deren Schicksal ist, daß sie in dem Augenblick, in dem sie ihr 
! Dasein einer Idee unterstellen, auf die Gegenkräfte des von 
z ihnen geweckten und geführten Volkes stoßen. 
Weihen sie ihr Leben wirklich der Idee? Malraux zerstört 
den schönen Schein. Er zeigt, daß diese Nachkriegsmenschrn, 
die Asien durchschweifen und in China die Revolution be- 
j treiben, sich in Wahrheit auf einer „Flucht ohne Ende" be 
finden. Die Tragik ihres Loses besteht nicht darin, daß sie sich 
für eine Sache aufopfern, sondern daß sie an das Opfer nicht 
glauben. Sie sind militante Anarchisten und Nihilisten; 
sie sitzen sich ein, um sich über die Leere nicht entsetzen zu 
müssen. Da ist Renfkh, ein alter russischer Sammler, der auf' 
Kosten des Bostoner Museums reist, um asiatische Kunstgegen 
stände zu suchen. Er langweilt sich, befaßt sich mit kleinen 
Spielereien. „Ach, mein Lieber, Menschen wie ich haben so 
wenig Unterhaltung," sagt er zum Erzähler. Da ist der Genusse 
Rebecci, der nach langen Irrfahrten sich im Chinesenviertel 
Hongkongs niedergelassen hat und dort den Chinesen Schund 
aus europäischen Basaren verkauft. Er liebt es, auf einem 
Rohrsofa mitten in seinem engen Laden zu liegen und von 
Reisen im inneren China zu träumen. Da ist Garin selbst, 
ein schlaffer, müder Mann, der von der Malaria vermehrt 
wird. Vor seiner Berufung nach Kanton erklärt er: „Ich liebe 
die armen Leute nicht, das Volk, kurz die, für die ich kämpfen 
gehe... Gewiß habe ich für die Bourgeoisie, aus der ich 
komme, nur Haß und Ekel übrig. Aber die andern, ich weiß 
es ganz genau, werden auch abscheulich werden, sobald wir 
zusammen triumphiert haben..." Am Ende des Buchs soll 
er seiner Krankheit wegen auf Urlaub reisen. Wy er hin möchte, 
fragt ihn der Erzähler. „Nach England. Fetzt weiß ich, 
was das Empire ist. Ein zäher, ständiger Gewaltakt. Lenken. 
Entscheiden. Zwingen. Das ist das Leben..." 
* 
Das russische und das italienische Zensurverbot zu ver 
stehen. fällt nach alledem nicht schwer. In diesem Buch wird 
eine Destruktion getrieben, der Ideen und Führer nicht ftand- 
halten. Nikolaieff. der Polizeimann, drückt es auf seine Weise 
aus, wenn er meint: „... das individuelle Bewußtsein, siehst 
du, ist die Krankheit der Chefs. Was hier am meisten fehlt, 
ist eine richtige Tscheka..." Ein individuelles Bewußtsein, 
das überdies "aus Schäche vor England kapituliert, verstößt 
freilich gegen bolschewistische Fundamentallehren. Und kaum 
minder läuft der Abbau des Heroenkultus dem fascistischen 
Lebensgefühl zuwider. 
Man hat Malraux seinen Zynismus zum, Vorwurf ge 
macht. Er ist nicht zynisch. Er hat nur unfreiwillig der vielen 
Weltgeschichte, der auch er ausgeseht war, zu lange,unter die 
Dessous geblickt, als daß er die meisten Lappen, die sich die 
Menschen umwerfen, für mehr halten könnte als für Lappen.
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        bleibt um der Gestaltung willen von der photographierbaren! 
WirNichFeit nichts mehr bestehen. So scheinen die marschierenden! 
weißen Truppen wie Puppenreihen an den Häuserfronten vorbei-^ 
gezogen Zu werden — ein glänzender Regieeinfall, der die Leere 
des bloßen D;illZ verdeutlicht. Das Sturmfinale ist eine sehr 
kunstvoll gesteigerte freie Komposition, der es allerdings an der 
letzten visionären Kraft gebricht. An etlichen Stellen fehlt übrigens 
dem Gewebe der Bilderzählung auch die Dichte. Die Kampf 
szenen hätten sich auf einen Hinweis beschränken sollen, und ebenso 
wären bei der Flucht des Jägers Striche wohl möglich gewesen. 
Vielleicht hat die außerkünstlerische Lust an der Schilderung des 
exotischen Milieus Zu überflüssiger Breite verlockt. 
Die blonde Komteß. Wieder einmal ein Film, der nach 
einer Operette gemacht worden ist. So groß ist die Leere, daß die 
gestorbensten Operetten herbsigoholt werden müssen, um sie zu 
Wem Reden wir nicht über den angeblichen Inhalt des Films. 
Seine Hauptperson ist Dina Gralla, eine begabte Grotesk- 
komikerin, die hier sogar ausnahmsweise einmal an der richtigen 
Stelle eingesetzt wird. Sie istaus lustige Art doof, mit ihren 
mechanisch kullernden Augen. Ihre Stärke ist die seelenlose Puppe, 
die als Amüsterinstrument ihren Daseinszweck hat. Werner 
Fütterer hat sich in der Rolle des jugendlichen Liebhabers 
bereits abgenutzt Immer nur schön zu sein, Liebesblicke zu werfen 
und Besitz zu ergreifen, ist freilich auf die Dauer ermüdend. 
Ralph Arthur Roberts verkörpert einen impotenten Trottel, 
der entzückend blödsinnig grimassiert. Der Film läuft in den 
Alemannia-Lichtspielen- Laca. 
Mit dem „Sturm über Asien" tritt Pudowkin noch auf der 
Stelle. Wann wird er sich in Marsch setzen? Wann sich der offi 
Ziellen Kategorien entledigen, die historisch geworden sind? Wann 
von den RevoluLionsweihfM ablassen und endlich sich dem 
stabilisierten NachEriegZeuro ist reif dazu, von ihm 
durchschaut, in seine Elemente zerlegt und neu montiert zu werden. 
(Der Film wird demnächst im Frankfurter Gloria-Palast 
gezeigt.) 
S. Kracauer. 
Auch dieser Film ist gleich so manchen anderen Russenfilmen 
ein durch und durch episches Werk. Der große Zug russischer 
ProM kehrt in den Bildschöpfungen wieder, die sich nicht ängst 
lich zuspitzen, sondern eine Welt mitnehmen möchten. Von der 
mongolischen Landschaft mit ihren Wüsten, Bergen und Tieren 
dringt Pudowkin zu einem einzelnen Jäger vor und von jedem 
Detail ins allgemeine Leben zurück. Die Stoffmassen werden von 
ihm nicht nur angeschwemmt, sondern nach jenen Prinzipien be 
wältigt, die er selbst in seinem Buch: Filmregie und Film 
manuskript" entwickelt hat. Je nach dem Sinn des Austritts 
wechselt die Forch der Montage. In den einleitenden Bildern 
zum Beispiel sind zahlreiche Beobachtungen über Kreuz so an 
einandergestiftet, daß sie sich unmeMch an die Hauptperson- 
hevanpirschm. Eine mächtige fugenartige Wirkung erzielen dank^ 
der hier stattfindenden Parteiführungen die Tcmpelszenen. Wäh- i 
rend der russische Kommandeur und seine Frau sich zum Fest 
schmücken, wird auch der Tempel gefegt, und die Feier selber, die 
als Demonstration guter Beziehungen zwischen den Mongolen und 
den Usurpatoren dient, ist fortwährend von brutalen Aus 
schreitungen gegen die Bevölkerung unterbrochen. Mit rein 
filmischen Mitteln werden so ideelle A-ehnlichEeiten und Kontraste 
ohne Da^wischenkunft des Textes schlagend vergegenwärtigt. Oft! 
Am meisten bewährt sich Pudowkin in den Einzelzügen, die fast 
durchweg Lief und richtig erfahren sind. Zum Glück scheut er 
diesesmal vor Vergleichen von der Art jenes allzu sinnfälligen 
zurück, den er einst Zwischen der Reiterfigur und dem Industriellen 
auskonstruiert hatte. (Nur in einem Falle verfährt er plump: dort ! 
nämlich, wo er neben dem gefangenen Jäger ein Aquarium er-- 
scheinen laßt, in dem gefangene Fische sich an den Wänden stoßen.) 
Das Gesicht der herrschenden Klaffe wird von innen zu erfassen 
gesucht. Statt die Pelzhändler Zu Karikaturen zu verzerren, zeichnet 
er sie als dreidimensionale Menschen, die durch ihre Position zu 
Bedrückern werden, und erschließt aus kleinen Gesten' ibre Ver 
härtung. Wunderbar ist die Armut des Volkes veranschaulicht: in 
der Hoffnung auf ein gutes Essen verklären sich alle Gesichter so 
selig, als läge das Paradies vor ihnen offen. Die meisterhafte 
Analyse des Vorgangs der Erschießung erinnert an die besten 
russischen Prosastücke. Wie der mit der Hinrichtung beauftragte 
Gefreite sich die Pfeife anzündet! Wie er. auf dem Heimweg durch 
die vorher ängstlich umgangene^ Pfütze tappt! Daß die vielen un 
gelernten Darsteller, an ihrer Spitze der den HAden.verkörpernde 
Mongole Jnkischin off, mit großer Sicherheit eingesetzt sind, 
versteht sich von selbst. Auch die Räume erlangen wieder AusdruLs- 
gewalt. Der von oben überblickte Tempelvorhof etwa wird zum 
Ort schlechter Macht. 
In einigen Teilen ist der Film beinahe so etwas wie ein 
Kulturfilm. Pudowkin hat von seiner Expedition Szenen 
heimgebracht, die bisher noch niemals gekurbelt worden sind: 
betende Mönche, einen pompösen Zug buddhistis^ 
und kultische MaskentänZe. Er behandelt die Sitten , ußd Gebräuche 
mit einer Ausführlichkeit, die zwar der Konsistenz des Films Ab 
bruch tut, aber doch nirgends ins bloß Stoffliche entgleitet. Was 
die Organisation des Materials betrifft, so könnten unsere Kultur 
filmfabrikanten hier samt und sonders in die Schule gehen. Ent 
weder stellen sie ihre Gegenstände gedankenlos nebeneinander oder 
verbinden sie durch ein läppisches Faöelfragment, das auch keine 
Einheit schafft. Von Pudowkin (und seinem. Kameramann 
Golownja) wird ihnen vor gemacht, wie man die UnwirtlichkeiL 
ein^r Steppe d nstellt, ein Heiligtum durchwandert, das Ineinander 
von Musikanten und Tanzenden herausholt und Straßen- 
physiogonmien Zur Aussage zwingt- Freilich, er weiß, was er will, 
und alle von ihm getroffenen Dinge haben für ihn einen gesellschaft 
lichen Sinn, der die Art ihrer Darbietung bestimmt. Daher der 
innere Zusammenhang seiner Beschreibungen; während unsers 
Kulturfilme konfuse Mixturen sind, die nach nichts schmecken. (Zu 
den wenigen Ausnahmen gehört der neue Pariser Kulturfilm 
„I/tzs ÄEonm'ers", eine bedeutende soziale Bildreportage.) 
Siwm über Asten. 
Zu dem Film von Pudowkin. 
AuffLand der Unterdrückten ist wieder das Thema des neuen 
Pudowkin-Films. Das Kollektivum handelt und nicht der 
Einzelne. Das heißt, er gilt wohl, aber nur insoweit, als das 
Kollektivum sich in ihm darstellt. Bewegt werden darum wie in 
den früheren RussenftLmen vorwiegend Typen, die Ausdruck ihrer 
Gruppe sind. 
Die Szene ist nach der Mongolei verlegt, die von weißer russi 
scher Garde besetzt gehalten wird. Gegen das GewaltregimmL der 
Eindringlinge erheben sich Freischärlerbanden der ausgepowerten 
mongolischen Bevölkerung und revolutionäre Russen. Die Figur 
eines einfachen Jägers, der mit seinem Volk leidet und kämpft, 
erhält stellvertretende Bedeutung. Der Jäger wird von Petz 
händlern üöervorteilt, ersticht einen der Betrüger, muß fliehen, 
schließt sich seinen LanWleuten an, wird gefangen und erschossen. 
Er stirbt nicht, und die Weißen Pflegen ihn sogar wieder gesund, 
weil sie ihn für einen Nachkommen des Dschingis-Khan halten. 
Wenn sie den Träger dieses Namens zum Herrscher ausrufen,^ 
meinen sie mit seiner Hilfe endlich Besitz von dem aufrührerischen 
Land ergreifen Zu können. In einem Zustand von Betäubung 
läßt der Jäger alles mit sich geschehen. Zuletzt erwacht er aber, 
schlägt sich durch die Russen durch und führt die Volksgenossen 
Zum Kampf. Sturm über Asien. 
H 
Das Schema der Handlung, das trotz der veränderten Umwelt 
dieser Film mit seinen Vorgängern teilt, ist nachgerade erstarrt. 
Auf der einen Seite die Machthaber, auf der anderen die Aus 
gebeuteten Jene versinken am Ende, und diese beginnen zu 
triumphieren. So gewiß es keinen der Darstellung würdigeren 
Gegenstand als eben diese Auseinandersetzung gibt, so wenig ist 
ihr Ablauf in der traditionellen russischen Manier noch aktuell. 
Aus dem bolschewistischen Rußland ist das heutige Rußland ge 
worden, und auch sonst sind wir über die glorreichen Anfänge 
hinaus. Statt die Partie weiter zu spielen, verweilt Pudowkin 
Wie ehedem bei der Eröffnung des Angriffs. Mit jener derv zu- 
packendrn aufklärerischen Gesinnung, die den ersten Zügen der 
revolutionären Aktion legitim zugeordnet ist, später aber nicht 
mehr allein voran trägt, Zeigt er von neuem die Jntereffengleich- 
heit von weltlicher Gewalt r rd Priesterherrschast; deckt Analogien 
aus, die schon längst aufgedeckt und mittlerweile im den Hinter 
grund gerückt sind. Die Primitivität seiner Argumente ist von der 
Geschichte der letzten Jahre überholt. Es wäre an der Zeit, daß 
die russische Filmkunst der Wirklichkeit nacheilte. Deren bedenk 
liche Konsolidierung wird durch die stete Auffrischung der Prä 
ludien drastisch erhärtet. 
*
        <pb n="5" />
        -- Eine Nacht in London. Dieser Film der Vieberbau- 
Lichtspiele ist ein Vaudevillestück, das Lupu P L ck ganz nett 
arrangiert hat. In einem großen Londoner Hotel findet eine 
jener pikanten Verwechslungen statt, die den Anstoß zu einer Hand 
lung, geben, deren Abschluß die Verlobung ist. Das ganze feudale 
Getriebe kreist um Lilian Harvey, Die sich bemüht, ein Töchter- 
chen im Sinne der englischen Unterhaltungsromane zu sein. Eine 
Bagatelle, die zum Glück selbst keine anderen Ansprüche als die 
des Amüsements stellt. kaca. 
---. Sein Letzter Befehl. Es genügt, auf diesen bekannten Jan- 
nings-Film, den jetzt die Neu-e Lichtbühne zeigt, noch ein 
mal kurz hinzüweisen. Selten wird es ein solches Muster der Ge- 
Khlsöerwirrung gegeben haben, selten ein Stück, das sich mit 
solcher Gerissenheit zwischen der Scylla der Reaktion und der 
Charhbdis der Revolution durchzuschlängeln sucht Der russische 
Großfürst: ein brutaler Knoten, aber im Kern ein guter Mensch 
und noch besserer Hatriot. Die Revolutionäre: alle mit berechtigter 
Empörung geladen, aber ein wenig gemein. Im Grund hält es 
die amerikanische Firma, wie kaum anders zu erwarten, eben doch 
mit dem Großfürsten, der als Komparse in Hollywood endigt und 
mit einer Gloriole von Tragik umwoben wird. Seinem revolutio 
nären Gegenspieler, auf den nicht das geringste Licht fällt, bleibt 
am Schluß nur übrig, sich vor dieser Tragik Zu beugen. Ein 
Rattenschwanz von Konfusionen, die ein anderer auMren mag. 
Jannings ist die Hauptfigur dieses Spiels aus Lug und 
Trug. Schade, daß er und seine schöne Partnerin ihre Gestaltungs 
kräfte für einen so brüchigen Spekulatisnsbau vergeben müssen. 
Im einzelnen fehlt es nicht an gut aufgenommenen Szenen; in 
teressant sind vor allem die Hollywood er Details. Raaa. 
Fasching im Kino. LYaMara ist mit dem Film „Mein 
Herz ist eine IaZzband" im G l o ria - Pa Last einge 
zogen- Es ist Fasching, und jeder Unsinn ist erlaubt, wenn er nur 
lustig ist. An Unsinn fehlt es nicht in dem Film, aber wenigstens 
sorgt Lya Mara für die Lustigkeit. Sie ist, was man einen Racker 
nennt, mit ihrem jazzenden Herzchen und ihren Gir!s, die immer 
in karnerten Hosen auf- und abtraben. Sonst kommen noch 
LtraßencMchten von London vor (die jetzt an die Stelle der 
Pariser zu treten scheinen), Verbrecher, die ebenfalls rm mischt 
dendcn Augenblick das Herzchen auf dein rechten Fleck hab n, 
M-ifelhast-es Nachtleben und feudale Milieus. Der begabte 
rzrddrich Z«lnik hat die Szenen so heftig durcheinander 
geschüttelt, daß gar keine Zeit zum Nachdenken bleibt, und durch 
spritzige Einfalle ein paar nette Augenblickscffekt« erzielt. Alfred 
Abel frönt wieder einmal der Wehmut des alternden Mannes, 
2" - al - S a-m borski bewährt sich als Jongleur und 
Raimondo van Riel haut mit großer Kunst in die Fresse. Alles 
in allem Dgt sich der Film in den Fasching gut ein. Racs. 
An einen Schriftsteller. 
Brief der Feuilleton-Redaktion. 
Sehr geehrter Herr! 
Wir haben mit großem Interesse Ihre beiden Novellen 
gelesen und möchten Ihnen sagen, daß nach unserer Ueber 
zeugung eine starke Begabung aus diesen Arbeiten spricht. 
Wrr haben uns mit wirklichem Bedauern dennoch zur Ab 
lehnung der Manuskripte entschließen müssen. Aus folgenden 
Gründen. 
Die ALe Geschichte stellt einen krassen Einzelfall 
sozialen Elends mit ausgezeichneter sprachlicher Genauigkeit 
dar. Wir könnten uns diese Erzählung sehr gut in einem 
Sammelband denken, in dem sie durch andere Erzählungen 
'^MMruckÜch ergänzt würde; oder in einem Roman, der sie 
m einen größeren Zusammenhang einreihte. Geben wir sie 
der Zeitung, so beanspruchte sie damit sofort über das 
Künstlerische hinaus eine reale Geltung, die dem sonderlichen 
Einzelfall nicht zukommt. Mag das Ereignis ästhetisch an 
nähernd bewältigt worden sein, als außerästhetisches Ereignis 
rst es nicht so typisch, wie wir es wünschten. 
Die andere Geschichte hat etwa die gleichen Qualitäten 
wre die erste. Aber auch in ihr ist ein Daseinsfragment ver 
arbeitet, d-as eine aktuelle soziale Bedeutung hat. Da nun 
rn Ihrer Darstellung die Aktualität nur noch unterstrichen 
wird, meinen wir, daß man gerade einem Thema dieser Art 
durch eine sächliche Reportage gerechter geworden wäre als 
durch ein Prosastück von mehr oder weniger freier Erfindung. 
Verstehen Sie bitte recht: uns rühren die Gegenstände Ihrer 
Erzählungen (das Wohnungselend, die Not der Verstümmel 
ten) als Realitäten so an, daß wir sie, bei uns wenigstens, 
lieber in ihrer Faktizität schlicht reportiert als durch die j 
ästhetische Gestaltung vermittelt wissen möchten. Das heißt 
natürlich nicht, daß die große dichterische Gestaltung das 
Grauen einer solchen Wirklichkeit nicht zu durchdringen und 
zu erhellen vermöchte; aber um eine derartige wirklich dich 
terische Gestaltung handelt es sich in Ihren Arbeiten nach 
unserem Ermessen eben nicht. Vielmehr herrscht das Stoff 
liche doch vor. Und da die Materie nun einmal nicht ganz 
poetisch gefaßt ist, quillt sie über, ohne andererseits sö rein 
stoMch wie in einer Reportage sich darzustellen. Wir ziehen 
aber, wie gesagt, der Besonderheit Ihrer Themen wegen 
den. Tatsachenbericht vor, wenn die Dichtung nicht 
erreicht ijtz ? ' 
Die schönste Frau von Paris. Von Paris ist leider in 
diesem Film des „Capitois" so gut wie nichts zu sehen. Dafür 
um so mehr von Elga Drink, die sich in allen möglichen 
Situationen und Toiletten als schönste Frau zeigt. Durch ore 
Schönheit glaubt sie das Spiel zu ersetzen. Freilich ist auch nicht 
viel zu spielen, da es sich um eines jener Stücke handelt, in denen 
Aristokraten, Hochstapler, Flirts und Hotelhallen sich wesenlos 
durcheinandermengen. Man weiß um die etwa zwischen ihnen zu 
treffenden Kombinattonen genau so Bescheid wie um die 
Struktur der wöchentlich wiederkhrenden Silbenrätsel. Werner 
Fnetterer und Rudolf Klein-Nogge lasten sich neben 
der Hauptperson hin- und herrücken. Der von I. und L. Fleck 
gedrehte Film kommt manchrnal nicht recht vom Meck. 
Indizienbeweis. Dieser Film der Alemannia- 
Lichtspiele soll angeblich die UnZulänglWeil des Indizien 
beweises erhärten. Aber Las ist nur ein billiges Lockmittel, ein 
Köder, der ausgeworfen wird, damit die Leute anbeißen. In 
Wirklichkeit zeugt er weder für noch gegen den Indizienbeweis, 
da die Verwicklung, der ein Unschuldiger fast zum Opfer fällt, 
so leicht zu durchschauen ist, daß kein Gericht ihr ohne weiteres 
Glawben schenken wird. Ueberdies ist es den Filmherstellern nicht im 
mindesten um eine Reform des Strafprozesses zu tun, sondern 
sie tniben die Handlung nur darum zu einem Prozeß vor, weil 
Aufnahmen aus Gerichtssälen die Spannung erhöhen. Sieht 
man von dem ethischen Klimbim ab, so bleibt ein mittelmäßiger 
Spielfilm übrig, der in Marseille spielt, von dem leider kaum 
! etwas zu sehen ist. Die Hauptdarsteller sind Suzy Vernon, Ruth 
! Wehher, Olaf Fjord und Henry Edwards. Sie verkörpern die 
j üblichen Leidenschaften in der Üblichen Weise. U 3 c a- 
Komödie einer Liebe. 
! Das ist ein ausgezeichneter Gesellschaftsfilm, der Lern Typus 
! oes Vamp auf den Leib rückt. Eine jener Nutten, die in Amerika 
l Goldgräberinnen heißen, weil sie gewerbsmäßig reiche Männer 
; ausbeuten, legt aus Las Oberhaupt einer, braven Mttelstands- 
familie Beschlag. Der, ein richtiger Babbit, hat sich durch einen 
Coup ein Vermögen gemacht. Ein biederer Mann mit der Pfeife 
im Mund, der sich natürlich leicht fangen läßt, wenn so ein MäL- 
chen ihm damit schmeichelt, daß er AehnLichkeit imt Napoleon 
; habe. Es geschieht, was in lausenden Fällen geschieht: der Babbit 
zerstört durch einen plumpen Seitensprung das übrigens allzu 
idealifch gezeichnete Familienidyll. Der Fall scheint in eine Tra 
gödie auszuarten, beabsichtigt doch die betrogene Famittenfrau sich 
von den: Dachgarten eines Wolkenkratzers herabzustürzeru Zum 
Glück hat sie eine tapfere ToKer, die den auf Abwege geratenen 
Papa in letzter Minute von der Gemeinheit der Nutte und ihres 
Kompagnons überzeugt und ihn sanft auf den Tugend- und Ge- 
Mftspfad zurückleitet. Die Familienharmonie ist damit, hoffent 
lich endgültig, gerettet. 
Kein Geringerer als D. W. Griffith hat diese hochmora 
lische Geschichte filmisch akzentuiert- Er kennt sein Handwerk und 
kennt die menschliche Sphäre, üm die es hier geht. Da in Deutsch 
land »heute Filme ähnlichen Inhalts meistens von Regisseuren 
gedreht werden, die nicht wissen, wie die Welt aussieht, die sie ab- 
uwen sollen, ist es ein um so höherer Genuß, die hier geleistete 
Arbeit zu verfolgen. Wie klug montiert Griffith Übergänge, mit 
welcher Oekonomie holt er seine Effekte heraus! Die falsche 
Eleganz der Bar etwa, in der die fatale Begegnung zwischen dem 
Rumpf der Familie und ihrem Haupt statt!irü&amp;gt;et, wird mit jeder 
erwünschten Vollständigkeit durch die abscheuliche Gefräßigkeit einer 
Dame in Abendtoilette charakterisiert. Besonders geglückt ist die 
Einschaltung eines winzigen Auftritts am Schlust, der still 
schweigend von der im übrigen betriebener! Anpreisung ungefähr 
deten Spießbürgertums abrückt. Dieser Austritt nämlich zeigt das 
Gaunerpaar in einem so lieblichen Tete-L-tete, daß kein vernünf 
tiger Mensch ihm düster grollen kann. So daß also doch noch die 
hundertprozentige Glorifizierunq der Babbits vermieden wäre 
PhyM Haver kennen wir bereits aus dem Film: „Chicago" 
als den Jdealtyp der Blondinen, die bevorzugt werden. Sie ist auch 
hier wieder in allen ihren unzähligen Gesten die vollkommene 
Puppe, deren temperamentvolle Leere schon beinahe dämonisch 
wirkt. So wie Jean Hersholt, der Dr. Jüttner in Alt 
Heidelberg, den Babbitmarm spielt, muß ihn Sinclair Lewis 
erträumt haben: die bebrillte Banalität in Person, gutmütig, ein 
beleibter Junge, der im Rohbau stehen geblieben ist. Don Alva- 
rads würde auch in Paris einem Zuhälter Ehre machen. Sally 
O'Nerl als Tochter hat im Ueberschwang jugendlicher Bravheit 
gute Momente. Auch die Mutter Belle Vennetts ist richtig 
angelegt. ^02-
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        -- Ein Film aus der Inflationszeit. Der in der Neuen 
Lichrbühne gezeigte Film „Die Dame mit der Maske 
führt ein Jnflationsschicksal vor. Es handelt sich um dre Tochter 
eines verarmten Majors, die in einer Revue so ziemlich nackt auf 
tritt, um ihren Vater zu erhalten. Der darf natürlich davon mchts 
wissen. An einem Revuetheater treten an ein alleinstehendes Mädchen 
manche Versuchungen heran, aber zum Glück ist ein junger Mann 
bei der Hand, der das Mädchen liebt und überdies mit einem 
Schlag so reich wird, daß der mittlerweile hinter das Geheimnis 
der Tochter gekommene Vater nicht länger zürnen kann, sondern 
das junge Paar gerne segnet. Gestaltet ist die Handlung nicht. 
Immerhin sieht man Heinrich George in der Rolle eines 
Schiebers. Er trägt einen dicken Pelzmantel und verleiht dem 
Raffle eine solche Vitalität, daß man ein wenig milder über seine 
Gemeinheit denkt. Arlette Marchal stellt ihren wohlgebauten 
Körper aus, und Wladimir Gaioarow ist als ihr Liebhaber 
von elegischem Frohmut. Gute Photographien; klischeehafte Mon 
tage. — Voran geht eine französische Filmburleske: . . und 
abends ins Maxim", die amüsante Einzelheiten enthält. 
AacL. 
— Mprlrag von Pros. Heideggers Auf Einladung 
der Frankfurter Kant-Gesellschaft sprach am 
Donnerstag Wend der Lemnnte Philosoph Pros. Martin Hei 
degger über: „Philosophische Anthropologie und Metaphysik des 
Daseins". Er hatte das Thema mit Rücksicht auf die philosophische 
Arbeit Max Schelers gewählt, von dessen Fragestellung er 
seinen Aüsggng nahm; zugleich auch als Einsührung in das eigene 
Werk. Den Vortrag wiederzugeben oder gar zu kommentieren, ist 
hier nicht möglich Nur gerade angedeutet sei, daß Heidegger im 
Verlauf seiner mit äußerster methodischer Behutsamkeit auf 
gebauten Überlegungen die Frage der philosophischen An- - 
ihropologie nach dem Wesen des Menschen auf die 
Grundfrage der Philosophie nach dem Dasein als solchen zu- 
rückzubringsn suchte. Der Mensch ist mehr als der Mensch, er ist 
Dasein, und: der Mensch steht gewiß im Zentrum der Metaphysik, 
aber nicht als Mensch — so lauteten entscheidende Formulie 
rungen, die sich gegen den Anthropologismus (und Anthropomor 
phismus) wehrten, um einen richtigeren Begriff von dem Ort 
des Menschen in der Welt zu vermitteln. Das Wesen des Menschen 
ist excentrisch: kaum bündiger als durch dieses am Schluß 
Zitierte Wort Schelers läßt sich das auch van Heidegger Gemeinte 
ausdrücken. — Zu erwähnen bleibt noch, daß der Name des 
Redners eine stattliche Menge vermutlich nicht durchweg philoso» 
phisch berufener Hörer angelockt hatte, die sich bereitwillig mitten 
ins Dickicht her schwierigsten Definitionen und Disümtionen 
wagte. ,
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        LichtspieleN.) 
Raca. 
ist aufschlußreich, denn er bezeugt drastisch die umfassende Allge 
meinbildung, die Grock vor den meisten seines Fachs ausZeichnet. 
Unter den Clowns und den Gelehrten überwiegen sonst immer Me 
SpsZialisten. Eine andere Ähnlichkeit haben sie leider nicht. 
Nach einigen Jahren kam er nicht recht weiter und verließ den 
Zirkus (Mit dem dunklen Ton der Baßgeige beschwört er jenes 
vorläufige Finale herauf.) Eine Hauslehrerstelle beim Grafen 
Bethlen, ganz fern auf einem ungarischen Gut, wurde ibm ange 
tragen; er begaL sich dorthin. In der Pußta verblieb ihm genug 
freie Zeit, um fleißig weiterzuüben. Welcher Knabe wäre nicht 
um einen solchen Magister, zu beneiden gewesen! 
Es folgten die eigentlichen Zirkusjahre. Er tat.sich mit AntoneL 
zusammen, und die Szene der Leiden Musikclowns wurde bald 
berühmt. Die Partner siedelten auf die Bühne um, aber eines 
Tages schied AntoneL aus, weil er sich nach dem Stallgeruch 
sehnte. (Heute tritt, er mit Beb« im Oiryus äs ?LrÄ auf.) Grock 
blieb allem. Er wurde zu dem, was er ist. 
Wie ist seine Nummer entstanden? Durch Impr o v i s airs n. 
Aus der Spannung heraus, in die ihn der Kontakt mit dem Publi 
kum versetzte, erfand er allmählich die Arabesken, kombinierte er die 
Passagen. Hier war nicht die Phantasie im Studio am Werk, son 
dern, eine Inspiration, wie sie allein der entscheidende Augenblick, 
gebiert. Uebrigens ist die ganze Nummer seine eigene Schöpfung. 
Er hat die Musik komponiert und waltet über der Eleganz des 
Begleiters. 
Man muß ihn selbst von seiner Arbeit reden hören, um zu 
erfahren, daß das Spaßmachen kein Spaß ist. Eine gute Stunde 
lang die Menge in Atem zu halten, will in der Tat etwas heißen. 
Gerade mit so einfachen Dingen, als da sind: einen Stuhl zu be 
steigen, Handschuhe zu jonglieren, mächtig zu hinken. Es liegt am 
Wie, erklärt er, wenn jede winzige Bewegung so wirkt, als werde 
sie Zum ersten Mal ausgeführt. Wissend verbreitet er sich über die 
Geheimnisse des Aufbaus und der Steigerung. Die gesamte Hand- 
Grock in Zivil: ein gesetzter Herr hinter Brillengläsern, der etwa 
wie ein Ehrurg aussieht. Er konnte Geheimrat sein. Scharfe Falten 
um den Mund. Die ganze Fassade nicht im geringsten künstlerisch 
gelockert, sondern ernst, beinahe gravitätisch. Das Inkognito dieses 
Clowns ist die Würde. 
Wenn er spricht, belebt sich das Bild. Die fünf bis sieben 
Sprachen der immer wieder bereisten Länder mischen sich unauf 
hörlich; die Stimme weigert sich, Zivil zu tragen; die starre 
Außenseite wird transparent. Hinter ihr steigt die Bühne auf, 
die Manege. 
Er erzW in seinem drolligen Kauderwelsch von den Kwder- 
sahren in dem Schweizer Dörfchen.. Die Eltern, die ein Cafe be 
sagen, waren beide musikalisch, und vor allem der Vater sei so 
komlsch gewesen. Schon in seiner frühesten Jugend machte er aus 
innerem Antrieb auf Flaschen Musik. Erste Begegnung mit einem 
Wanderzirkus; autodidaktisches Studium der akrobatischen Künste; 
Kon erte im häuslichen Case. Aus dem Ton, in dem er von den 
Anfängen berichtet, ist zu spüren, daß er als Kind bereits so be 
sessen war wie nur ein Berufener. 
Wahrend der Ferien schloß er sich dann in der Kegel einem 
herumziLhenden SsmmerZirkuZ an. Der Vater erlaubte es ihm 
ein außergewöhnlicher Vater. Spater ging er, immer noch Knabe, 
.endgültig zum Zirkus über und lernte in Zwei Jahren das Hand« 
werk. Die Manege war seine Universität. Er promovierte, ss ist 
Man zu sagen versucht, als S ch l angenmens ch. Dieser Beginn 
Wem gehört meine Frau? Der in den Älemannia- 
Lichtspielen gezeigte Film kommt aus Wem Leider fchemt 
man dort auf dem Gebiet des Films keinen Spatz zu verstehen. 
Dieses sogenannte Lustspiel ist nämlich genau so trist wie, dre 
meisten anderen Wiener Filmprodukte, die sich heiter gebärden 
möchten und bestenfalls eine verstaubte Operette sind. Die Fabel 
des Cchwcmks ist nicht vorhanden, die Figuren sitzen, und stehen 
fälsch, die Situationen sind verzeichnet, und über die techmsche 
Durchführung Lohnt sich's erst recht nicht Zu sprechen. Fritz 
Kämpe rs bemüht sich krampfhaft und plump, dre Dache m 
Wonsteur Möeri. 
In dem bezaubernden Film „Wie Madame befehlen" 
ist Adolphe Menjou der mastre ä'KStel eines faHionablen 
Pariser Hotels. Ein Kellner, gewiß; aber als Kellner ein 
Souverän. Herzöge haben ihm ihr Bild mit Widmung geschickt 
Fürst Boris nennt ihn vertraulich Albert. ES darf der Kellner 
mit dem König gehen. 
Menjou als Monsieur Wert — ihn bei den Regierung?- 
geschaften zu belauschen, ist ein erlesener Genuß. Er hält Parade 
über die Kellnertruppen ab, und nichts entgeht seinem Feldherrn-' 
blick. Nach einem Plan, der ihm allein bekannt ist, erteilt er 
GeheimordreS für die Placierung der Gäste. Der Speisesaal ist das 
Schlachtfeld, auf dem er, ein überlegener Stratege, sein« Siege 
erficht. Treten unvorhergesehene Verwicklungen ein, so wird er 
zum Diplomaten, um dessen Besitz jeder europäische Staat zu 
beneiden wäre. So meisterlich salopp, wie er Salate zubereitet 
gibt nur ein großer Dichter seinen Sätzen den letzten Schliff. 
? Schwung zu bringen, aber wem wäre angesichts solcher vor 
sintflutlichen Bemühungen zum Lachen zumute? Man sollte sich 
j in Wien darüber klar werden, daß mit derartigen Filmen selbst 
das kleinste reichsdeutsche Städtchen nicht zu gewinnen ist. 
. ___ . kLA c ». 
Es geschieht, daß Monsieur Albert sich verliebt. In eine reiche 
Amerikanerin, die mit dem üblichen Papa die Welt zu ihren 
Füßen bereist- Monsieur Albert mag ein Gentleman sein er ist 
und bleibt schließlich doch Kellner. Wann dürfte ein Kellner mit 
einer Dame der Gesellschaft gehen? Für ihn sind allenfalls Zimmer- 
madchen da. 
. Die Art in der die Verirrung Monsieur Werts durchqeMrt! 
tmr^lst ein Stück Gesellschaftskritik. Der Verliebte verheimlicht 
der Dollarprlnzessin sein Amt, fährt ihr ins Hochgebirge nach und 
erobert beim Wintersport und bei Kchümfestcn nach und nach das 
Ma-dchenherz. Freilich, in der Natur draußen ist er weniger sicher 
als inmitten der HoLeldekors, und sein Selbstbewußtsein wird noch da 
Zu gründlich durch den Fürsten Boris untergraben, der Zeuge dieser 
^E^^kapade ist und mißbilligend den Kopf über sie schüttelt 
Albert, denkt der Fürst, soll sich nicht über seinen Stand er 
heben Und Wert weiß, was sich, schickt. Ohne den Hermtsantrag 
j gemacht zu haben, kehrt er wieder in sein Hotel Zurück, 
dichtet er von neuem Salate und waltet über den Soupers, als 
sei er niemals verliebt gewesen. Er tut ein letztes: er zeigt sich 
der Geliebten, die nach einiger Zeit zufällig im Speisesaal auf- 
Mucht, empfängt sie im blendenden Frack, und geleitet sie wie 
irgend eine Fremde gemessen zu ihrem Tisch. 
Schlöffe der Film hier ab, so ginge ein schönes Unbehagen 
von ihm aus. Aber leider sind ein paar Meter angehängt, die den 
! Protest gegen die bürgerlichen Vorurteile jeder Wirkung berauben. 
Monsieur Albert kann nämlich doch noch glücklich werden, weil er 
dank der Großmut des Fürsten Boris zum Hoteldirektor auffteigt. 
Womit nicht nur der Beruf des Fürsten gerettet, sondern auch 
der des Kellners preisgegeben wäre. Die herrschende Gesellschaft 
sängt mit Lewundernswerter Jnstinktsicherheit immer zwei Fliegen 
mit einer Klappe. * 
Der Regisseur H. d'Abbadie d'Arrast muß ein kundiger 
Soziologe sein. Er stellt die Figuren genau in ihre gesellschaftliche 
Atmosphäre ein, veranschaulicht durch sein abgewogene Nuancen 
die Beziehungen zwischen, ihnen und füllt die Szenen bis zum Rand 
mit optischen Aphorismen, deren manche weitschweifige Abhand 
lungen ersetzen. Zum Z-'chen leutseliger Gesinnung bietet etwa 
Fürst Boris dem Hotelpotentaten das Zigarrenetui an, dem Mon 
sieur Albert, nebenbei bemerkt, mit ausgesuchter KellnerhM 
Zwei Importen entnimmt, um die Spitze der einen gleich für den 
Spender abzuschneiden. Wenn spater der Fürst über die standes- 
widrigen Neigungen Werts erzürnt ist, zieht er in seiner Gegen 
wart zwar auch das Etui heraus, aber ach, nur zu eigenem Ge 
brauch. Solche Züge wollen erfahren sein. Sie werden witzig vor 
gebracht und folgen so dicht, daß der banale Stoff an allen Ecken 
zu knistern beginnt. 
(Zur Aufführung des Films in den Frankfurter Ufa-
        <pb n="10" />
        Ihr Partner ist die leere Larve Harry Halms, -eines sogenannt! 
hübschen Jungen. Ueber den beiden waltet Aibert Paul ich 
als berufsmäßiger Lebemann der Ufa. — Die Varieiänummer 
der amerikanischen Exzentrics The Vurleys geht dem Haupt 
stück voran. Die Vurleys Lanzen, »schießen, jonglieren und 
stemmen Gewichte. Sie tun es mit mehr oder weniger Grazie, 
und mane fragt sich unwillkürlich, warum sie soviel unt rnehmen. 
__-.. . Haca. 
lung ist, nebenbei bemerkt, schriftlich niedergelegt, da sich die 
Einzelheiten leicht wieder vergessen. 
In den Ruhemonaten wird trainiert. Er verbringt sie auf 
seinem Besitztum in der Nähe von San Remo. Dort hat er sich 
auch eine Werkstatt eingerichtet, in der er bosselt. Tische und 
Stühle zu zimmern, ist sein privater Spaß. (Vielleicht ist die Nei» 
gung zu solchen Operationen der Grund für seine Chirurgen 
erscheinung.) Andere sind unfreiwillige Clowns, wenn sie sich er 
holen. Er erholt sich durch bürgerliche Beschäftigungen von der 
harten Arbeit der Clownerie. 
An die fünfzig ist er alt. Im nächsten Jahr mochte er sich vorn 
Handwerk zurückziehen. (Er kann es sich leisten.) Was er anzu- 
fangen gedenke? Nun er wolle noch ein wenig leben nach sechs 
unddreißigjähriger Amtierung. Seinen Garten wolle er pflegen. 
(Wie die römischen Kaiser; erst erobern sie die Welt, dann be 
stellen sie ihre Gärten.) 
Abschied. Die Gestalt ist wieder in Würde vermummt. 
L a e L. 
Die blaue Maus. In diesem Film der Ufa-Licht 
spiele bemüht sich dir Ufa krampfhaft, Humor zu sprühen. Er 
ist danach. Aus der Grundlage des alten Lustspiels werden tolle 
Verwechslungen arrangiert, dre von den b.öxsten Voraussetzun 
gen ausgehen. Auch das wäre schließlich mit Esprit zu machen, 
aber der, den die Ufa entwickelt, ist fürchterlich, Statt die Un- 
wahrscheinlickMten durch ein entsprechendes Tempo noch zu 
übertreibeu, manövriert man mit solcher Langsamkeit, als seien 
Chaplin in „Carmen". Der Im Gloria-Palast laufende 
Chaplinsilm ist interessant für die Entwicklung Chaplins, 
obne als Film eine besondere Bedeutung zu haben. Schade, daß 
das Jahr der Entstehung nicht angegeben ist. Vielleicht W1 seine 
Herstellung in die Zeit nach den kurzen Grotesken. Jedenfalls wäre 
begreiflich, daß Chaplin um jene Epoche herum einmal die Lust 
verspürt hätte, in einen anderen CtofflreiS überzutreten. Er spielt 
also den Ton Josö und parodiert die Oper Carmen. Aber die 
Parodie ist nicht geglückt, und der Ton Josä ist nur ein halber 
Chaplin. Statt im Helm und Degen möchte man ihn lieber im 
Hütchen sehen und mit dem Stock in der Hand Der opernhafte 
Aufputz wirkt wie die böse Verzauberung der sonstigen Meldung. 
Dränge nicht, wie schwach immer, hie und da der echte Charlie 
durch die Vermummung hindurch, so könnte man glauben, er sei 
völlig fortgehext worden. In der großen Fechtszene geling! es, 
ihn mit dem Helden der früheren Grotesken zu identifizieren. Und 
gar am Schluß wächst er Zur Andeutung des späteren Chaplin aus: 
nachk^m er nämlich die Carmen und sich erdolcht hat, erhebt er! 
sich wieder mit der anderen Leiche, weil das Leben zu kurz sei. 
Hier schwingt, auch in der Mimik, ein Ton mit, der an das Ende 
des Zirkussilms erinnert. Ueber den parodisüschen Versuch selbst 
schweigt man am besten. Der Stoss ist denn doch zu europäisch, um! 
ein taugliches Objekt für diese Art amerikanischen Humors zu sein-! 
Der Hauptfilm: „Herzog Hans'l", der ein Wiener Fabrikat 
ist, erzählt das Liebesabenteuer des ReicksverweserS Erzberzog 
Johann-Mit der Posthalterstochter Anna Vlochl. Das Stück ist 
nicht besser und schlechter als andere historische Filme auch. Viel 
überflüssige Staatsaltionen, viel Steiermark und viel Liebe; für 
das märchenhafte e-nä hat die Geschichte selber gesorgt. 
Reizend ist Paul VienSseld als Kaiser Ferdinand ll.; eine 
Gestalt von Osfenbachscher Komik. Lenia Desni gibt mit blon 
der Lieblichkeit die Braut aus dem Volk. 
--- Villa Falconirri. Der in den A ! e m a n n t a - L! ch t s p i e- 
l e n lausende Film ist nach einem Roman von Richard Voß ge 
dreht. Man kennt dir Mftüffige Handlung dieser Literatur, in der 
üdle Männer ödlen Frauen begegnen und nach manchen Widrig, s 
Lulu- 
--- Frei nach dem „Erdgeist" und der „Büchse der Pandora" 
hat man einen Film gedreht, der jetzt im Capitol vorgefüyrL 
wird. Die Tiefenwirkung des gewaltigen Wedeu^ Stückes 
aus die Fläche bannen zu wollen, war ein Wagnis. Es ist nur zum 
kleinen Teil geglückt. , 
Gewiß sind die Szenen Wedekinds auch im äußeren Sinne an 
Handlung reich Aber dw.e Handlung ist so an den Dialog, und 
durch den Diawg wiederum w an den Bühnenraum gekettet, daß 
die Kamera sie gar nicht fassen rann. Weder hat sie etwas mit 
jener Art von Wirklichkeit gemein, die dem Kurbelkasien gegen- 
übersteht, noch ist es ihr möglich, auf das Wort zu verzichten. 
Man muß sie also gehörig verändern, um hoffen zu dürfen, daß 
auch nm ein Bruchteil ihrer Bedeutung mit in den Streifen ein- 
gehe. 
Nun, man hat die Handlung verändert. Was aber ist geschehen? 
Aus dem tragischen Klaus ist ein Gesellschaftsstück geworden, 
mit einer Gerichtsszene, einem Spielsalon, einer pruukhaften 
Revue und mondänem Treiben. Ein großer Ausstattungsavparat 
rrttt so an die Stelle der Bühnenvorgünge, in denen sich die 
Sprache verleiblicht. Ersetzt er die Sprache? Er ersetzt sie nicht, 
Laut vielmehr der Dämonie ein üppiges Haus, in dem sie nicht 
wohnen kann. Lulu, die Naturkraft, drückt sch bei Wedekind sicht 
bar auf der Bühne aus. Im Film wird sie von Sichtbarkeiten 
umstellt, die ihr den richtigen Ausdruck verwehren. Man hat einen" 
Uebergrisf bei der Verfilmung begangen. Man hat eine Gestaltung 
auf die Leinwand zwingen wollen, die Leben allein hat, wenn 
sie im Raum tönen darf. 
Nur gegen das Ende hin ist eine Annäherung an der Gerst 
des Wedekindstückes gelungen- Der Nebel in den Londoner Stra 
tzen hüllt die Welt so ein, daß sich der Mikrokosmos des Dichters 
aufschließen kann. Die Treppe, die Zur Dachkammer führt, ist ccht. 
Und während des Zusammenseins mit dem Bauchavischlitzer 
schwinden hinreichend die störenden Konturen der Dinge. 
Der Regisseur G. W. Pabst hat sich sehr um Formung be 
müht. Leider macht er zu viele Abschweifungen, und entgleitet bei 
den Interieurs immer wieder ins Kunstgewerbliche. Bei der 
Längenbemessung der Szenen folgt er nicht genug dem inneren 
Gehör, sondern läßt sich von dem Glanz stummer Dekorationen 
betäuben. Immerhin ist der englische Weihnachtsmarkt sicher ein 
gebaut, und das blitzende Messer erscheint als Verhängnis. 
Louise Brooks gibt die Lulu. Sie wirkt durch ihr Kinder 
gesicht, das angesichts der SchreckenserNgnisse rein heraustritt, 
und mitten im Blutwirbel nur um so schrecklicher ist. Es fehlt ihr 
an der Gewalt des Trieblichen und für die Dirne reicht sie nicht 
aus. (Zwischen ihr und Lulu steht das Girl.) Großartig ist Fritz 
Kortnsr als Dr. Schon: dumpf, hart, elegant, mit eingemauer- 
Ler Seele. Krafft Raschig § Quast ist zu oberflächlich hingefstzt, 
und den Jack (Gustav Dieß!) hätte man sich doch anders vorge- 
stcllt. Carl Goetz leiht dem Schigolch die nötige Verkommenheit, 
Franz Leder er führt als Alwa seine hübsche Jugend ins Tref 
fen- Die Gräfin Geschwitz schließlich wird durch Alice Roberte 
treffend charakterisiert. kr.Lca. 
sie wahrscheinlich; statt den Schwank frech hinzuhauen, zieht man 
ihn großartig auf. als sei er mehr als ein Schwank. Für -wie 
dumm hält man das Publikum eigentlich? Und g.aubt man 
wirtlich, es mit dem bis zur Unerträglichkeit ausgesponnemn 
' Unsinn durch die Einschaltung zahlreicher erotischer Zwischen- 
stationen in Großaufnahme versöhnen zu können? Schade, daß 
Jenny Jugo ihre reizvolle Erscheinung für derartige Zwecke 
immer wieder so durchsichtig machen muß wie diese Zwecke selbst 
--- Die Abenteuer einer schönen Kurtisane. Unter diesem Titel 
hat in den B i e b e r b a u - L i ch t s p i e l e n ein in Hollywood 
hergestellter historischer Film zu laufen begonnen, der das Sch'ck al 
der ManonLescaut erzählt. Die Herren haben sich in 
Allongeperücken gezwängt, und die Damen bewegen sich im Ro 
koko-Kostüm. Manchmal klappt die Mimik nicht ganz, und es 
werden Girlblicke geworfen, die besser zu einem Bubikopf paßten. 
John Barrvmore nimmt alle seine Verve zusammen, um den 
Kavalier des Grieux im Zeitgeschmack und zugleich mit Tempera 
ment zu spielen. Seine Partnerin, Dolores EostelLo ist eine 
schöne Manon, die in verführerischem Aufputz den Pflichten ihrer 
Rolle genügt. Im Hintergrund fleht man gestelltes Pariser Ge 
mäuer und mehrere bedeutende historische Persönlichkeiten, die 
unmittelbar einem kulturgeschichtlichen Bilderbuch entstiegen find. 
Die einzelnen Episoden reihen sich mehr oder weniger frei nach 
der Nomanvorlage aneinander, ohne filmisch durchdrungen Zu 
sein. Außer der einen vortrefflich gebauten Karten^pielszene. in der 
es um den Besitz der Manon geht. Hurra. 
die Leinw?id^i'ch?^ wird. Stoff«, 
sHci h n ö tneerngr A unndsnsinad 'h hiner ^^ di. .^""ergr d üenr d Cu «bm. puandgndiaes /A er 
Parkdetails, und das Auae erÄftt k NEnmffancegemzchcr, 
dem übermäßigen Licht. G-geEe/^r Boumschatien und 
. Nnbczsacnen Natur -u der in v»um Glück ganz 
i es durchaus gleickgültiV daü Lurn- ^-° Sdöster gehören, bleibt 
ten Dichter dorstM und^^u^ 
sein- Partnerin ist Liebes, und Akn-Wkr Jaeobini 
nur die Staffage. C-,eciuchtSsz«nen sind dieses Mal 
" —— . Kaca,
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        VOLL IN VID »SS 
K r. 
gibt. 
lun^ in einem 
einer ehelichen 
den eein darb 
riere, und alles 
^tt 
6eb . . 
Do^ L^Hverd. Roman. Kon Linclarr Ds- 
ro i s. l/eäertraoen von Okarrlsse Ueitnsr. I?. R. 
^ai &amp;lt;K Öo.. Deiv^is nnd Men. ALL Leiten. 6ed. 
s.S0„ 
Dorm entspricht genau dem inhaltlichen Dorn- 
promik. ^.uch die Lpracbe ist, nach der lesbaren 
Rebersetun^ xu schließen, nicht eigentlich als 
Zprache ru buchen. 
Dennoch erhebt sich der Noman über die 
blöke Unterhaltung. Dr enthält eine Reibe von 
Reportagen, um derentwillen er gelesen werden 
sollte. Dnd Lwar ist in ihm ein Disch^ug in das 
Debiet des kleinen Nirtelstandes unternommen 
worden, der sich der Nüb-e gelohnt hat. Die 
^elt der Rüros ökknet sieb, ein bisher Ute- 
rarisch noch kaum geschilderter Mikrokosmos, in 
dem Dewis wichtige Ortsbestimmungen macht. 
8o läukt der ?ag einer Ltenot^pistin ab; so ist 
die Lonntagsnatur nach seebstägigem Rürodienst 
beschakken; so schlängelt man sich täglich Zwi 
schen windigen Intrigen hindurch, die Lu er 
schreckender Oröke aukgebauscbt werden; so 
sieht der gewitzte Oesebäktsreisende als Dbe- 
mann aus^ Din ausgezeichnetes Reobacbtungs- 
material, das in eine Naturgeschichte der heuti 
gen Desel'lsehakt gehörte. Dewis, der Lo^iologe, 
ist dem Oestaltsr Dewis weit überlegen. 
Dem Roman von ^oodward ist 2U entneh 
men, wie es ein Roxmanager und Nöbelreisen- 
der durch Rlukk, eine gewisse dumme Impul 
sivität und nicht xuletÄ durch eine geschickte 
kleine Drau in Amerika xu einer Dinankgroke 
bringen kann. Der ^.utor, ein Industriemagnat, 
soll ein selkmademan sein; wahrscheinlich hat er 
in dem Ruch DinLelbeiten aus seiner eigenen 
Debensgeschichtc verwertet. Leine ^ukkeich- 
nungen bieten immerhin ein stokkliebes Interesse, 
so plump sie auch sind. Äan erkährt aus ihnen 
einige Oeschäktstricks und erhält vor allem Din- 
blick in die Organisation groker Reklamekeld^üge. 
Die satirische Absicht des Romans liegt auk der 
Rand, ist aber nirgends wirklich durehgekührt 
oder gar bis ?um entscheidenden Runkt vorge 
trieben worden. Din enkant terribls plaudert aus 
der Lcbule — um mehr gebt es nicht. Dak das 
Kind sich als besonders liebenswert erwiese^ 
wäre 2U viel behauptet. Ds pakt durchaus rur 
Oesellscbakt, deren Dsancen es mit der guten 
Daune des erfolgreichen Dmporkömmbngs preis- 
6. 
Linclair DswiZ läkt ein ULdchen in d-ie Röbc 
^omnisii, das es slolr In den Kopk xesctt bat, 
eine prachtvollc Ocschähskrau ru werdon. In 
661° DiZur soWb-r Labitt übtc er bin st an 6 er 
ObscUschaktsordpmrZ LritL; hicr nimmt cr sie 
im ^rokcn und MN2bn hin und verherrlicht 
noch den Jensonen, äsr in ihr prosperiert. Dak 
er den Irnmpk des ^cwik anständi§6n Dornpro- 
mis86Z Lusspich, MLF ein Teiohen äer ResiZ- 
nation sein. Uan ist Liter ^cwordcn. hat sieh 
Lhhommoäiert und schhsMcb: man Isbt nur ein 
mal in dieser und möchte doch glücklich 
werden. 
Rna Dolden, die Heldin, wird McMcb. 8ie 
stimmt aus Ranama, Rennsvlvanien, siedelt Irüb- 
Leiti» nach Ncw ^ork über, bildet sieh dort in 
einer Handelsschule kür das höhere Deschäkts- 
lehen aus, glaubt an den ^nstis^ der Düch- 
ti§en, wird hitter enttäuscht, droht im ^lltax LU 
versinken, raRt sich dann wieder auf und hrin^t 
es LM Dnde nicht nur rn einer kührenden 8tel- 
Rotelkon^ern. sondern auch 2U 
Verbindung, mit der sie Lukrie- 
Das nennt man noch eine Kar 
aus eigener Drakt. 
ist dieser Debensabrik mittsl- 
^!s Rowan 
mLLi^. Die Episoden ko^en sich, ohne innerlich 
verknüpft 2u sein. Ds geschieht Zuerst das eine 
und später das andere. Herrscht ah er der 2u- 
kall, so hätte er bewuU 2um Kompositionsprin- 
Äp erhoben werden müssen. 8tatt dessen schläft 
ihm Dewis ein Kobnippchen und sucht nachträg 
lich eins VeLiehung Zwischen Lcbieksalen her^u- 
sieücn, die auf Drund ihrer Anlage nun einmal 
Zusammenhanglos sind. Die Inkonsequenz der 
ZxrtlerLS. Roman. Kon IK. R. IKoodioard. 
^utorLKierte l7eöertrasnn&amp;lt;7 von RnckE 
Unsarion KerkaA. UÄne/r&amp;gt;en. Leiten. 
Gutes Lufispiclprogramm. Die Neue Lichtüühne 
bringt Zwei amerikanische LuWiele. die sich beide sehen lapen 
können, jedenfalls Erzeugnisse der gegen ¬ 
wärtigen deutschen Produktion, bei deren Anblick die Lust ganz 
ausbleibb In dem Stück: „Die Komödiantin" entbrannt 
Norma Shearer als kleine Schauspielerin, in Liebe zu einem 
jungen Hocharistokraten, der einen fürchterlichen Syranuen von 
Großpapa hat. Wie sie in dessen Haus Anstoß erregt, wieder aus 
die Bühne flüchtet und zuletzt doch sich mit dem Geliebten ver 
einigen darf: das ist nett erzählt und filmisch reizend entwickelt. 
-Die Szene ist ins alte England verlegt, was Gelegenheit zu 
historischen Hintergründen und reichem Kostümzauöer lM. Es 
fehlt nicht an komischen Situationen und einem besonders däm 
lichen Lord. — WesbPoint, die amerikanische Militärakademie, 
ist der Handlungsraum des Films: „Der Schlauberger". 
Dieser Film gehört offenbar Zur Gruppe jener Veranstaltungen, 
die für Heer und Marine Propaganda machen sollen. Immerhin, 
die Amerikaner sangen es geschickt an und werden durch solche 
Vorführungen gewiß einen Haufen junger Rekruten gewinnen, 
William Harries verkörpert den Helden, einen schwer zähm 
baren Jüngling, der aber natürlich für den Militärdienst geradezu 
' geboren ist. Wir erleben, wie er sich aus dem unbändigen Kadetten 
^Zum Prachtoffizier wandelt — eine Entwicklung, in deren Vn 
z lauf der ganze Alltag von West-Point veranschaulicht wird; von 
- seiner vorteilhaftesten Seite, wie sich versteht. Sport, Drill und 
Herzensncigung vereinigen sich, um die Welt in rosigem Licht er 
scheinen Zu lasten. Der Film ist gut ausgemacht. Packender als die 
entsetzlich robuste Hauptfigur ist ein schmächtiger eingeschüchtetcr 
Junge, dem das MMärleben schwer füllt. Raea. 
» Ein Kriminalfilm. In den A stor ia. L i ch t sp r elt n 
auf der Kaiserstratze wird der Film ,Mord am Karlsbad" 
gezeigt. Er ist nach einer Novelle von Paul Rosenhayn gedreht 
worden. Den Zauber der einstigen, leider zu früh abgebrochenen 
Stuart-Webbs-Serie Ernst Reichers hat diese Kriminalaeschichte 
HÜR sich zu lange bei der Exposition auf, hetzt auf 
falsche Fahrten, die man sofort als Sackgassen durchschaut, und 
beschwert das rationale Spiel der Entdeckung des Täters mit 
eronschen Beziehungen, die in diesem Zusammenhang ein Ballast 
Immerhin ist mit einiger Genugtuung zu verzeichnen, datz 
überhaupt wieder nne Aera der Detektivfilme anzubrechen scheint. 
Wenn kriminelle Motive „keß" und ohne angebliche höhere An- 
fpruche durchgebildet werden, sind sie dem üblichen Gesellschaft 
tratsch weit oorzuziehen. Olaf Fjord, Angelo Ferrari und 
von Szoreghi wirken in dem Film mit; die beiden letzten 
als ausgezeichnete Vertreter von Charakterrollen. Die Photographie 
- - Raca. '
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        Die ungekrönte Königin. Voll den historischen Filmen ist 
dieser, der das Schicksal der Lady Hamilton behandelt, nicht 
der schlechteste. Er arbeitet mit einer gewaltigen PrurckauZftattung. 
geht aber nicht in ihr unter. Das Arrangement ist geschmackvoll, 
und einige Szenen sind sogar mehr als nur schmackhafter Auf 
wand. Natürlich muß man die Voraussetzungen des historischen 
Films akzeptieren, die an sich fragwürdig sind'. — Corinne Grif 
ft t h spielt die Lady HamMon. Unter der Führung des Re 
gisseurs Frank Lloyd bietet sie eine erstaunlich abgewogene Lei- 
siung. Sie ist schön, man weiß es; aber ihre Schönheit wird 
hier so gut traktiert, daß sie leuchten kann, ist nicht nur Fest- 
dekovation, sondern darf auch von innen her durchbrechen» Von 
dem jungen Mädchen aus dem Volk avanciert sie Mr Lady HamiD 
Lon und zuletzt zur Geliebten Nelsons. Aeußsre Entwicklung und 
innere Wandlung: beide werden von der Griffith wirklich produ 
ziert, und verfolgt man den Weg von Anfang zum Ende, so mag 
man über die reichen darstellerischen Möglichkeiten der Künstlerin 
staunen. Was gibt es sonst noch? Augenweide, nicht zu knapp» 
Jahrmarkt in Vauxhall; Majestäten mit Gefolge in Neapel und 
London; maritime Ereignisse. Segelschiffe kämpfen bei Abukir 
und Trafalgar zum Ruhme Englands» Pompöse Schlachtmalk- 
reim, bei deren Schilderung der Regisseur nur viel zu lange ver 
weilt. Auf alle Fälle wäre es mit Abukir genug gewesen; die 
wenn auch nur bruchstückweise Wiederholung am Ende verschlägt 
wider jedes KomposttionZgesetz und 'schwächt darum ab. Freilich 
liegt die Stärke des Films überhaupt nicht eigentlich in der Kom 
position, sondern in einzelnen Bildern. So vor allem in der Dar 
stellung der Annäherung Mischen den beiden Liebenden. Besonders 
schön geraten ist der Anblick eines Schiffes im Abend. — Es sei 
ausdrücklich noch auf einen Film des Beiprogramms der Glo 
ria-Lichtspiele aufmerk'am gemacht, auf den Film: „H o l- 
lywood", der unter Mitwirkung Arnold Höllriegels entstanden 
ist. Zur Zeit läuft der Zweite Teil des in einige Abschnitte Zer 
legten Films. Man erhält Einbl-ck in die berühmten großen Ww- 
atttiws von Hollywood, lernt ein paar Stars kennen. Merfliegt 
die Komparserie und ist Zeuge von interessanten Ausnahmen. Das 
ist endlich einmal ein ^Kulturfilm", wie er sein soll. Er Zeigt 
T'ms, an denen viele Menschen Anteil nehmen, und zeigt sie so. 
daß man wirklich etwas davon hat.__ a c s.» 
' Lkt7m a n n^"« i Lspr K e l e ist Dolore G s -k- d M e - l stS N f i i o lm e d in e e r 
r -ch ergoas schuld unglücklich verheiratete Frau Sie bat 
"b'd erne plumpe List gegen ihren Bräutigam 
Sekw§- ^und' wie sie ist, an einen Lumpen gebunden, 
und schön und rn den Prunkvollsten Toiletten n? 
Ein Henny-PorLen-Filw. Der Film heißt „LiLbfraU'' 
m il ch" und wird in den B i eb e rba u - Li ch t spi ei en ge 
zeigt. Offenbar ist er durch den Erfolg des „Fröhlichen Weinbergs" . 
sngeregt worden, denn der Rhein fließt auch in ihm des langen 
urrd breiten. Zum Glück ist Henny P o rten in dem Film mehr 
derb als Dame. Sie hat, was ihrem großen Talent zur Groteske 
entspricht, hinreichend Gelegenheit, als WeinguLsbesitzersfrau in 
wollenen Strümpfen zu prangen und eine hausbackene Tüchtigkeit 
zu entwickeln, die sie gut kleidet. Manche Szenen sind ihr recht 
drollig gediehen. Leider ist der Schluß von einer Blödigkeit, die 
sogar nicht von den schlechteren amerikanischen Grotesken über- 
boten wird. Daß diese Endfarce in Wiesbaden spielt, mag 
Lokalpatrioten entschädigen, A s c a. 
Rausch. 
Die Schweden haben mit der Emelka zusammen Strindbergs: 
„Rausch" verfilmt Viel übrig geblieben ist von dem Rausch 
nichL. Er besteht darin, daß ein dämonisches Weib einen Künst 
ler aus der Efe locken möchte, die er des Kindes wegen nicht 
prerktzeben rri'l. Bringt die Person das Kind um? Sie denkt 
nicht daran. Das vermißte Kind taucht vielmehr am Schluß wie 
der quicklebendig auf. und der Künstler, der den Rausch gehabt, 
kehrt in seinen kleinbürgerliche Haushalt zurück. Ein Eourths- 
Mabler Schluß: bei Weib.und Kind ists am besten. 
Die banale Eheirrung wird strindhergisch aufgeputschL. Am 
Anfang der Rausch des nördlichen Meeres mit dem einsamen 
Leuchtturm. Später ein heiteres Pariser Künstlervölkchcn und 
Atelierleöen aus dem Ende des vorigen Jahrbun'derts. Aber 
diese Anleihen aus Murgers. Boheme greifen nicht im geringsten 
in die Handlung ein, sondern Zollen nur ihre Gradlinigkeit un 
sichtig machen. Ihre Trivialität verbrämen. Sie sind über 
flüssig. da sie die Konstruktion nicht bereichern. 
Bleibt Gina Manes, die unvergeßliche Darstellerin der 
Therese Raquin. Sie ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen, 
die wir heute im Film haben Eine Frau, -die gan-; juna aus 
sehen k^nn und einen Augenblick später wie ihre eigene Mutter. 
Die Möglichkeit diches Umschlags rührt von dem Gegensatz zwi 
schen ihrem Profil und dem Gesicht sn üce her. Das Profil ist 
wild und neigt Zur Hexenbastigkeit des Alters; während ihr die 
vollen Wangen eine Jugend leihen, die je nach dem Ausdruck der 
schillernden und fremdartig gestellten Augen gesteigert ober ver 
ringert werden mag. Die Starke der Manes gelangt freilich in 
dem Film nicht zur Entfaltung. Jw liegt weder der Schein der 
Tiche nochchie leichte Geste, und darf sie nicht echt böse und «erup 
tiv sein wie unter Fehder, so wird sie Übertrieben und ergeht sich 
nur in Konturen. Hier i sie nirgends sie selbst. 
Schuld daran tragt die seichte Regie Gustav MolanderS. 
Er arbeitet mit äußerlichen Verkettungen und versteht nicht viel, 
von Montage. Warum er die Künstler so heftige Bewegunoen 
ausführen läßt, ist unerfindlich. Die Atelierszenen sind ClichL, 
die Episode vor Gericht ist an gelebt. Viele Bilder zu matt; 
keine Einfälle bei den Uebergängen. 
Lars Hanson, der schlappe Held, hat sich eine Art von 
Strindberg - Masle zurechtgemacht, führt aber den Cha'-attcr 
nicht durch Am besten ist noch Stina Berg, die al^ Mrc 
Catharine an Kathi Koöus erinnert. 
Ich Lüffs Ihre Hand, Madame. Ein populärer Schlager 
und Harry LiedLke -- mehr kann das Publikum nicht vertan* 
gen. Der Schlager ertönt zur Einleitung, er verführt in der Mitte 
und erfüllt sich am Schluß. Harry Liedtke ist der Musik entstiegen 
wie die Venus dem Meer. Unnachahmlich die Eleganz, mit der er 
die Hand küßt und spater den Mund, -ein Gentleman, wie er nur 
noch in Schlagern verkommt- Und Madame ist seiner würdig: ein 
Mndchm, das gut zu küssen ist, Kicks Toiletten und eine mondäne 
Pariser SLadtwohnung iMarlene Dietrich hat wirklich ihre 
Reize). Ueber die Handlung iß um so weniger zu sagen, als wir 
sie schon einmal gesehen zu haben glauben; in dem "M-enjou- 
Film nämlich: „Wie Madame befehlen". Die Vorlage ist mitsamt 
der Verteidigung des Kellnerstandes Ziemlich genau kopiert worden, 
nur daß man sich im deutschen Film ein Hintertürchen offen hält 
und Harry einen russischen Grafen sein läßt, der sich als Kellner 
win Brot verdient. Als Graf darf er dann auch den Mund von 
Madame küssen. Abgesehen von der groWos-flichen Ueöereinsüm» 
""M0 d"'^ d^ 8ie^^e-Fi^ mit dem i^m rnendNck- oHemmers 
Menjou-FiLM keinen Vergleich; denn was hier Analysen sind, ist 
dort Viotze Rouline. — eun »us h&amp;gt;udl^k in Ltunuuulg zu b.un» 
gen -- eZ waren, osfendor des himmlichen Harry wegen" auffällig 
viele junge Drmen im Zwschauervaum —, sinqt Hans Ritter 
(Wen) mtt Schmelz einige beliebte Schlager, die M der Küsserei 
im Hauptstück W-rkitcn. Die musikalkche Illustration Kapellmeister 
Pllugmachers hat ein paar gute Einfälle, übersetzt aber die 
Bilder zu wörtlich, (Zur Aufführung in den Ufa - Lichtspie« 
l« Racs. 
von 8k«r!«elL KLvLiuss. 
vonan üovt«. Lücken von 
l/snae. ösf-krn. ÜMa Mlke. Leiten. 
6e/r. 
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^iir«rrterL«r SKrerLov» 
Hr-IrrrVs. ^ft/iui' 6ono» Oor/is- 
Mcker von Kurt Lan§s. Leiten, 
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Zdorloek Uolmss ist visäer simnn! nns Vsr- 
8HIÜLUNL LnkMtauebt. I)or NsiLtsräst-s^tiv. cksr längst 
2ur IclassLsedsn kißwr -rsvorcken ist, dotritt als Uo- 
! vona-nt von QSUSM (üs 8L6NV, nuk (isr ^ÜVM6 siob 
tullunslv. cüs niio von Ldm Mlornt koden. dioed im- 
mor Leiednet Prsunck ^VZ-tson ssino ^dontousr s,ui, 
noeb iminsr ist sr dnkor, räd unci unsrdört KIu§. 
^der neb. ss tut niedt «mt, nenn Osistsr sieb untsr 
äio I^dsnämon miseben. Dem "Uanäsl äor Jetten As- 
mnll üdertrumoksn äis mockernsn Detektive sLmtliebe 
Tricks ibres ^bnbsrrn. 8is sinck LdMdrübter nls er 
un&amp;lt;! bömpken mit rLkkiniertsrsn. sudstunLiosersn 
Oermern. Lo bommt ss, änll äis einst ärobenäe 6s- 
st9,1t dernLbs bLrmIos M^oräen ist. Die Dintsn, 
äeren kis sieb deäient. mutsn et^ns primitiv nn, äie 
DäUs. in &amp;lt;Ls sie ein^reikt. sinä niebt ver^iebsit ^enuZ. 
D^s grolle ^Ite Mrä puuvenbakt. lmmerbin sinck äie 
! Oesebiebtsv so nett er^äblt. äoll sie eins DissnbLbn- 
knbrt LLMnebm nbLubürLen vermöMN. Tr.
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        großer Erzähler bewältigt er seinen 
Er ballt ihn Zu 
Lungen geworden sind'. So wäre er nach pem. Umsturz erlöst? und Hände fliegen durch einende., dazwischen erscheint Fedja, unk 
Die Montage wird mit jener außerordentlichen Souveränität 
gehandhabt, deren heute allein die Russen fähig sind. OZep hat 
die besten Traditionen der Filmkunst sowohl wie der russischen 
Epik ausgenommen. Frei und erfinderisch wie nur irgendein 
sammen, zerknüllt ihn, läßt ihn sich dehnen und vernichtet nicht 
selten um der ästhetischen Wirklichkeit willen die ganze photo- 
graphierbare Realität. Zu den Höhepunkten gehört die Zi 
geunerszene, mit der einS andere, später in sie einmündende 
Bildfolge virtuos parallel geführt wird. Die Zigeunerinnen 
spielen und singen in glitzernden Gewändern, und Fedja verfällt 
ihnen allmählich. Seine Teilnahme' wird Zum Taumel, zur 
Raserei. Dieses Crescendo ist im Film meisterhaft dargestellt. 
Glaubt man, die Steigerungen seien nicht mehr Zu überbieten. 
so beginnt eine neue überraschende Kaskade. Die Zigeunerinnen 
treten aus ihren Konturen, sie lind keine Einzelwesen mehr, Köpf 
Mit dem unter der Regie von Fedor OZep hergestellten 
russisch-deutschen Gemeinschaftsfilm „D erlebende Leich 
nam" haben die Russen einen Vorstoß in das Gebiet des Indi 
viduums gemacht. Nicht das Kollektivum ist hier der Held, sondern 
der Einzelne, der an der Institution zerbricht. Er geht zugrunde, 
weil die Kirche ihm das Recht auf Ehescheidung nur unter Be 
dingungen einräumt, die er als wahrhaftiger Mensch nicht erfüllen 
kann. 
So war es im zaristischen Rußland, in dem Tolstoi dichtete. 
In Sowjet-Rußland kann man sich bekanntlich ohne Schwierigkeit 
scheiden lassen, und dieser unbestreitbare soziale Fortschritt erstickt 
scheinbar Tragödien wie die Fedjas im Keim. Was lag näher, als 
den Film so ausZugestatten, daß der Akzent vorwiegend auf den 
Mängeln der alten Gesetzgebung liegt? Als ein Manuskript zu 
schaffen, das die Nöte Fedjas dazu benutzt, um allgemeine Miß 
stände Zu geißeln? 
Durch die starke Betonung des revolutionären sozialen Motivs 
ist aber ein thema t i s cher Bru ch entstanden. Fedja, der an 
ständige Fedja, der sich die Freiheit nicht erschwindeln will, wird, 
der ganzen Anlage seiner Person entgegen. Zum Vorkämpfer der 
kommenden Umwälzung gestempelt. Wie verhohlen immer, wird er 
Zum Träger eine politischen Tendenz. Gut, mag er es sein. Das 
Pech des Filmverfassers ist nur, daß Fedja die ihm hier Zugedachte 
Tendenz , gar nicht vertreten kann. Gemeint ist allenfalls mit ihm 
die Emanzipation des Einzelmenschen aus einer Sklaverei, die ihn 
als Person vernichtet; in keiner Weise erschöpft sich jedoch die Be 
deutung seines Leidens darin, ein Hinweis auf die gegenwärtige 
russische Gesetzgebung Zu sein. Denn das Leiden entspringt bei ihm 
einer Auffassung von der Liebe und von dem Sinn des Menschen, 
die.mit dem zur Zeit herrschewden Kodex in Rußland nicht nur 
nicht übereinstimmt, sondern ihm Zuwiderläuft., Von ihm aus be 
trachtet, derm die Person sich erfüllt, wenn sie im Kollektiv auf- 
geht, wäre dieser Fedja nur ein verstiegener Bürgerlicher. Seine 
Innerlichkeit jedenfalls und sein Pochen auf die individuelle 
Autonomie hätten der offiziellen Lehrmeinung als Ketzereien zu 
gelten. 
Es rächt sich, daß man ihn dazu gezwungen hat, den gesell 
schaftlichen Empörer Zu spielen. Ueberall weisen die Intentionen 
auseinander. Einmal scheint die ganze Tragik in der ungerecht 
fertigten Härte des Gesetzes beschlossen zu sein. Fedja wird mit 
seinem Anliegen vom Synod und vom Gericht abgewiesen und 
mag seine Freiheit auch nicht durch die erbärmlichen Schliche er 
kaufen, die unter dem Druck der Zustände zu. stehenden Einrich- 
Muß noch gesagt werden, daß dieser Film sich hoch über unsere 
Durchschnittsproduktton erhebt? Er übertrifft sie selbst , in seinen 
Mängeln, die Mängel nur im Hinblick auf das von ihm Gewollie 
sind. Ihn anzusehen ist wichtig. Man erfährt bei seiner Betrach 
tung wieder einmal, was die Filmkunst vermag und wie minder- 
werti . g . die . so . nst uml . au . fe . nden Erzeugnisse sind . . 
(Der F ? ilm wird demnächst im Frankfurter Gloria-Palast 
ken wie Dekorationen, die unter allen Umständen etwas bedeuten 
möchten. Literari'sche Absicht hat sie herbeigeholt, und nun wölben 
sie sich, ohne zu leben. 
Längst nicht so vollständig wie im „Potemkin" etwa wird der 
Gegalt durch rern filmische Mittel produziert. Mitunter finden sich 
Le er stellen, an denen der Film die nicht in ihn eingegangene 
sprachliche DialeM unzureichend illustriert. Der Schwerpunkt 
die Titel abgerückt, und die Bilder werden Zur Dreingabe. Aus 
der Empfindung heraus, daß die Hohlräume gefüllt werden müssen, 
mag OZep zu den breiten M i li e u m a l e r e i en gegriffen ^aben. 
A und da im Milieu. Großartig« Gemäldes Elends , 
und der VerkommE«t sie ragen^r 
Aur dre Gestalt sind .sie überflüssig. Sle gleichen 
m ^lerch, das Wucherungen treibt, statt strafs anzusitzen. 
Auch mit den Typen wird nicht eben ökonomisch umgegangen. 
Sie treten so prächtig auf, dah jeder Folklorist an ihnen seine 
Freude haben kann, und stellen den Charakter immer gleich extrem 
dar. Durch ihre Ueberzähl und durch die Intensität ihres Äus- 
drucks schwächen sie den mit ihnen beabsichtigten Effekt eher ab? 
diesem Gebiet nicht konkurrenzlos, und es ist bezeichnend genug, Etwas Sparsamkeit und etwas mehr Dämpfung wären hier vermut- 
daß sich, wie aus dem Film: „Therese Raquin" hervorgeht, ge-lich von Nutzen gewesen. 
rade die Franzosen bei der Aufnahme des Zimwerinventars als * 
ihnen durchaus eberrbürtig erweisen. Ozep macht immerhin seine P ud o w k i n als F e d j a — ein Feldherr, dem es beliebt, 
eigenen Eroberungen, und zwar gewinnt er dem Stille bens^ einmal in einen gewöhnlichen Leutnant Zu verwandeln. Die 
blondere Ausdrucksmog^ ab. Flasche und Glaser aus dem ^^eren Darsteller spielen ihre Rollen; er selbst spielt nicht, er ist 
^isch machen das Absteigequartier zu ernem traun-geren Aufenthalt, ^in Schauspieler, sondern einer, der das Spiel dirigiert. Da 
als es se durch die Dirne zu werden vermöchte; ein Stuhl in großer Regisseur ein Mensch ist, der Menschen schafft, kann 
Großaufnahme reoet wie -er van Gogh; dre Schatten, die über den auch sich zum Fedja umschaffen. Man denkt an Frank Wedekind, 
Vodemschlerchen sie, erinnern an dre Zecken spalten rm Füm: ^r sich in seine Stücke Legab. Dieser Fedja ist darum eine so 
sind ern ^epptch des Grauens. Unvergeßlich ist Merkwürdige und bedeutende Leistung, weil ein Mann ihn der- 
durch die Glasscherbe ms Restaurant: inmitten des m-ensch- xörpert, dem während des Spiels anzumerken ist, daß er mehr- ist 
lrchen Aquariums steht dre Silhouette einer kitschigen Büste. als Fedja. Pudowkin bleibt auch in der Fedjagestalt Pudowkin, 
* und die Döacht, die ihm in der Rolle des Regisseurs eignet, beglänzt 
Die technische Komposition hat ihre spürbaren Mängel. Vor von außen her seine Rolle im Film. 
allem wird Zu viel mit einer erstarrten Zeichensprache gewirtschaftet. Während er sich zum Fedja herabsenLt, steigen die übrigen 
Sie paßt zu den Filmen, in denen das Kollektiv herrscht, das sich Mitwirkenden Zu ihren Rollen empor. Maria Jacobini ist 
formelhaft mitteilen will und muß. Je unvermittelter das Jnvidi- nicht mehr als eine zurechtgestutzte Larve, Gustav Die ß l hält 
duum Heraustritt, desto mehr verflüchtigt. sich die Gültigkeit des zwischen Ab^MR Verdi die Mitte. Ausgezeichnet gewählt ist die 
Symbols. Die stets Wiederkehr enden Kuppeln sind in dem Raum unheimliche des Revolverberleihers, die nur leider wie ein 
Fedjas nicht von vornherein mit Bedeutung geladen, sondern wir- Ibsenschemew Mfta^ und verschwindet. 
Zuletzt löst sich das Glitzern von den Gswändern/verselbst^ 
sich und wird zum erregten Transparent, durch das die Zerfallene 
Rauschwelt undeutlich schimmert. Sobald dann Karenin eintritt, 
er, der ohne Rausch ist, kehren die Elemente in ihre Form Zurück, 
und die Zigeunerinnen sind wieder richtige Frauen. 
Das Interieur wird so sicher gestaltet wie Anoden Revo 
lutionsfilmen der Außenraum. Da der bewohnte Jnnenraum ein 
viel wesentlicheres Bestandstück der bürgerliche^ Welt ist als die 
Straße oder gar der große Platz, sind die Russin freilich auf 
Aber nein. Zum andern nämlich wird eine Tragik einbezogen, 
die mit der Revolution nicht erledigt ist, eine allgemeinmensch 
liche Tragik, deren Darbietung dem ursprünglichen Fedja mehr 
entspricht als die der sozialen. Immer Wieder tauchen die musi 
zierenden Marionetten des OrchestrionZ auf, die doch Wohl nicht 
nur das Los der Entrechteten, sondern das der Menschen über 
haupt symbolisieren sollen. Und mit Nachdruck ist gezeigt, was 
vermutlich für jede Gesellschaftsordnung zutrifst: daß die gleiche 
Gerichtsverhandlung, die dem, Angeklagten zum Schicksal wird, 
für das unbeteiligtes nur eine Sensation bedeutet. Hier 
die Marionetten Zum Zeichen der schlechthin menschlichen Unzu 
länglichkeit und dort, mit demselben Anspruch eingesetzt, die golde 
nen Kirchenkuppeln als Verkörperung der Zu entthronenden Ge 
waltherrschaft: das ist eine schlimme Vermischung der 
Dimensionen. 
Der Riß, der durch den Film geht, wird noch an einer anderen 
Stelle drastisch offenbar. Eine kurze Episode schildert das eheliche 
Glück, dessen sich die Fmu Fedjas nach seinem Verschwinden mit 
Karenin erfreut, schildert es ausgesprochen hämisch als ein 
bürgerliches Familie^ das rein durch die Art der Dar 
stellung entwertet Werden soll. Aber nirgends ist auch nur an 
gedeutet, daß Fedja sich scheiden lassen will, weil er solche häus 
lichen Wonnen verachtet. Nur aus dem abwegigen Verlangen, 
um jeden Preis einen antibourgeoisen Eindruck zu schinden, läßt 
sich die Einschmuggelung der kleinen Szene erklären, die völlig 
isoliert und sinnlos im Ganzen sitzt.
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        4L 
«- Die Kosaken. Nach der bekannten Novelle Tolstois ist 
dieses Heldenepos gedreht. PaziMsch mutet es gerade nicht an. 
Die Kosaken kämpfen in einem fort gegen die Ungläubigen, und 
zwar nicht so sehr aus Frömmigkeit als aus Lust an den Schlachten 
- Jedenfalls kommt ihnen der Befehl des Zaren, mit den Tücken 
Frieden zu halten, so ungelegen, daß sie die Feinde aufs neue 
provozieren, um wieder gegen sie ausziehen zu können. Kurz und 
gut: ein reines Militärregime, um das der alte Tolstoi gewiß 
keine Gloriole gewoben hätte. Die Reg»ie Georg Hills kann sich 
nicht genug daran tun, die Schlachten und Grausamkeiten ausführ 
lich zu schildern. Unterhalb der weißen Häupter der Rocky 
Mountains, die in diesem Fall wohl den Kaukasus darstellen sollen, 
machen die Ungläubigen in Originaltracht einen Uebersall aufs 
künstliche Kosakengehöst, sprengen die Kosaken mitten in ein wasch- 
i echtes Türkenlager hinein und säbeln die Orientalen schockweise 
j nieder. Nicht ein einziger Nahlampf bleibt uns erspart. Und was 
machen die Kosaken in den Friedenspaufen? Sie leeren Weinfässer, 
lieben die Frauen, plagen die Gefangenen (für die damals noch 
kein Rotes Kreuz sorgte) und führen großartige Reiterspicle auf, 
die einem Tom Mix Ehre machten. Unsere Sportsucht ist nur ein 
schwacher Abglanz jener heroischen Sitten. Man hat sich mit mel 
Auswand an Kostümen, Bauten, Typen und Hintergründen be 
müht, sie frisch Zum Leben zu erwecken, aber das Ganze bleibt doch 
Kulissenzauber und theatralische Mache. Daran ändert auch John 
Gilbert nichts, der sich in der Hauptrolle als ein keiner 
Douglas Fcttrbanks gebärdet. Hei. wie er ficht und sticht und sich 
zu den Weibern beträgt! Ein Heros, wie er im Buch steht und 
in den amerikanischen Filmateliers gedeiht. Seine Partnerin ist 
die bekannte Renäe Adoree. die wirklich manchmal adorabel 
ist, wenn auch nicht durch ihr Spiel, das in der Konvention stecken 
bleibt. Als Darsteller überragt Ernest Torrence, ein grimmer 
Haudegen von Schrot und Korn, wie man so sagt. Alles in allem 
wird man nach diesem in den Ufa-Lichtspielen gezeigten 
Film sich doppelt an dem Frieden erbauen, der heute auf Europa 
lastet. KacL. 
lZuchthaus.1 Dieser Rusienfitm schildert das Los der 
politischen Gefangenen in einem sibirischen Zuchthaus. Als frucht 
barer Moment für die Handlung ist die Ankunft eines neuen scharf 
macherischen Zuchthausdirektors gewählt. Mit seinem Auftreten 
kommt das eintönige Dasein der „Politischen" in eine unheilvolle 
Bewegung. Sie werden mit den „Kriminellen" zusammengetan und 
von dem launischen Gebieter mißhandelt. Vor ihm kriechen die 
Wärter, das Städtchen umschmeichelt ihn. Nach vergeblichen Re 
volten bricht am Schluß hell die Revolution von außen herein 
und Zertrümmert die Kerker. Auf den Gesichtern liegt Seligkeit. 
I. Raismann hat eine ausgezeichnete Regieleistung voll 
bracht. Er beherrscht vor allem die extremen Zustände der Angst 
und des Glücks. Gleich am Anfang stückt er durch Ueberblendungen, 
innere und äußere Details ein Zuchthaus zusammen, das wie ein 
Alpdruck dasteht. Panikstimmung strömt von der Szene aus, die das 
' Aufeinanberprallen der Politischen und des Direktors vergegen 
wärtigt. Der hat die Zelle betreten, um die aufsässigen Gefangenen 
zu züchtigen. Nun sieht man nur gerade den Beginn seines Wut- ! 
ausbruchs; mehr nicht. Nachdem er einem Mann die Kappe vom! 
Kopf gerissen hat, folgen Aufnahmen der erschreckten Leute in den &amp;gt; 
Nachöarzellen, Einzelheiten der Landschaft draußen, flackernde! 
Lichter — der Schrecken wird durch die Unsichtbarkeit seiner Ur- ! 
sache gewaltig gesteigert. Das Grauen findet am Ende sein Gegen 
stück. Während nämlich die politischen Gefangenen eines anderen 
Gefängnisses im Schlitten dem Zuchthaus zueilen, um den Brüdern &amp;gt; 
Befreiung zu bringen, erscheinen die Wälder M ihren Seiten wie 
zarte Phantome, süße und träumerische Wälder, aus der Perspek 
tive der Freude gesehen. 
Der Beschreibung des Milieus läßt sich nichts Besseres nach 
sagen, als daß sie Dostojewskis Memoiren aus einem Totenhaus 
zum Leben erweckt. So muß es gewesen sein; so quälen Menschen 
die Menschen (und opfern sich ihnen). Der Führer der Politischen, 
der Oberaufseher und die Gesellschaft des Städtchens: alle diese 
Figuren sind scharf konturiert und überzeugen unmittelbar. Nur 
der Direktor ist zu outriert, zu individuell zugespitzt. Die Ironie, 
mit der er traktiert wird, wäre überflüssig gewesen. Ernst Toller 
hat den Film bearbeitet; gegen das Ende Zu scheinen Stücke aus 
gefallen zu sein. 
(Zür Aufführung in den Frankfurter Luna-Lichtspielen.) 
Itaea. 
Der Mann, der lacht. 
Victor Hugos Roman, in dem Gesichter, extreme LebenSzus 
stände, Liebe und Empörung aus dem Dunkel der Geschichte zu 
romantischen Konfigurationen auferstehen, findet in diesem. Film 
der B i e b e r ba u - L ich t s p i e l e, die das von Hugo Gemeinte 
anzusprcchen sich müht. Jedenfalls erreicht Paul Leni, der Re 
gisseur, Effekte, die kleine geschichtliche Schauer aus lösen. DaS 
dichte Beieinander von Hof und Jahrmarkt; die beleibte Königin 
Anna im Konzert und bei Regierungsgeschäften; das dirnenhafte 
Benehmen der Herzogin — diese Szenen haben den Wert 
historischerAnekdoten. Jedenfalls glaubt man, daß es so ähnlich zu 
gegangen sein könne. Natürlich krankt auch dieser Film an den 
Nachteilen der historischen Prunkfilme: er muß Ausbauten en groS 
herstellen, deren KünstlichkeiL man sofort durchschaut. Der Schind 
anger mit den Leichen, die am Galgen hängen, weckt keine 
Illusionen mehr; das viele Mittelalter ist ersichtlich Modell der 
Neuzeit; Windstärke 11 kann nur im Atelier erzeugt worden sein. 
Es gehör: Takt dazu, die Täuschungsversuche nicht zu weit zu 
treiben, und Lern hat die Grenze oft überschritten. Die Helden des 
Films sind Conrad Veidt und Mary Phil bin. Der Ver 
stümmelte und die Blinde — ihre Vereinigung ist eine Legende, 
die durch Hugo zum romantischen Ereignis ausgeweitet wird. Von 
Anfang bis zu Ende muß Veidt das schreckliche Lachen beibehalten, 
und es gelingt ihm tatsächlich durch die Grimasse hindurch die Er 
schütterung des Schluchzens, die Verzweiflung und das wirkliche 
Lachen scheinen zu lassen. Ein Virtuosenstück, das mit großer Kunst 
durchgehalten wird. Eine andere Frage ist, ob der Anblick des Ge 
sichts immer erträglich ist und auf die Dauer sich rechtfertigen läßt. 
Uns scheint mit ihm vor allem auf die Lust an der Monstrosität 
spekuliert, die nun eben doch nicht die beste ist. Sehr gut kommt 
die Blindheit der Philbin heraus, die in ihren weißen Gewändern 
wie ein guter Engel wirkt. * ^acs.. 
--- Liebe im Schnee. Dieses Lustspiel, das im „Capital* 
läuft, ist mindere Konfektionsarbeit. Seine fehlenden Einfälle sind 
zu lang ausgedehnt, und zu den Hauptpointen gehört der Chorus 
der Hunde- und Puppengrimasseü, der die menschlichen Vorgänge 
begleitet. Der Inhalt? Irgend eine inhaltslose Ehegeschichte. 
Wissen die Hersteller auch sonst nichts, so scheinen sie doch den Ge 
schmack des Durchschnittspublikums zu kennen, das, unglaublich 
genug, über die salzlosesten Spässe lacht. Der Humor strahlt von 
Livio Pavanelli, Maria Paudler und Georg Alexan 
der aus. kaca. 
m M a c n u s r c N h E o a n . ch A a L u w . s e D lt L . o u V n p o d n o on n di t g es e e h m m ö i r t t. F g i E l r m o r ße is d n t er d M o U i r t t t f e a v l o n - n L a i d u c e s m h ge t b n s e o p g m a i m b e t e e l n e n R u h n e a d - t 
t vU r o i n f nd ft, dien i m st deP e r r ubT w liak e tu i : t mw üb aa e sls r d D eiei u n r A c b h ue s fdm c e h au n ct i eh tt nu . dne D gs e 'u n Enrde H ig i d n ni t e e is rg Pg r h u eo n fteo d ieg rrt b a i p l w d ho e ier t deb e ne in .- 
W Ng A aa uo nc c th h e S tsk t t d e r lu ae sb rß , e P Mn wu o bi u e n l n i d k d mu ü ma Lb n ic ; e hr t id r h eS an k s olah sL mo iceh e b g e h g e n eh r r o te uß ian na bu dr rf t e i , g c Te uh rr en e nd ibk , ae wz un wi m rka g er ed n en s na ise ku ieh e t n ü re mb kp ea ar r n n o ze nd u . i u ng zE e ie en ler di t n -. . 
V L u i n o e d r te s n t v a . e d D r t d - i V i e ch a t g ll e - a t L n o z si e k ch a n l, z ä u c in h - tl e i d c in e h i m e ge W n sic e h h l ü t d b i s i e s c t h ^ s e r u n e s g pe i g e k r m o te ß ä n s ß t G ä ig d e t s i d s t u c a h r lt c e e h n n au S n s / u e r n be e so n w . ü ä b l D t e ig i r e - t 
H ge a d n a d n l k u e n n g los f . re W ilic e h d , er di w e e d rd ie e s n e d S i z e en a e ng n eb V r e o r c b h in en d e e n n M so o l t l, iv i e st Z s u chw E a n c d h e u g n e d - 
f h ü a h u r p t, t d n i o e ch Fa e b n e tw l ic d k e e s ln Jn s t i e ch res d s ie öZ F w ig e u r r t e . n Zu fo m lge G r l i ü c c h k tig w , it n d oc d h ie is H t e ü l b d e in r- , 
. k e ö in r e pe k rt le . in S e ie ch h in a e t sis G ch e e leg T e ä n n h z e e it rin s , ow d o u h rc l h ih A re n a n si a atis M che ay Ve W rsc o hl n ag g en v h e e r i - t 
w un ie d i z h u re de n m sc is h t ön s e ie n e K in ö e rp w er irk z li u ch Ze b i e g g e a n b . te D D as ars E te xo ll t e is r c in h . e K a u n ns ih tv r ol r l e v iz o t r , 
allem sind die Spiele, die sie mit den Augen und Fingern vollführt. 
-- Im übrigen ist eine gewisse formale Verwandtschaft Zwischen dem 
Lang-Film: „Spione" und diesem Film festzustellen. Hier wie dort 
eine auf starke Effekte hin durchgearbeittte Prunkhafte Ausstattung, 
S unc h d ah l eier i nwi d eerdonr i ct h d t sie sAbw t eseenheict jed k es G t ehalt Ü s. Einae glä d nzende 
,. 
SchiäsaLskLmpse einer Sechzehnjährigen. Dieser übereifrig 
aktuelle Titel ist dem von den Alemannia-Lichtspielen 
gezeigten Film aufgeklebt, ohne seinen Inhalt zu dÄen. Zwar 
ist die Heldin ein junges Machen, aber ihre Abenteuer sind mehr 
Zufälle als Schicks«LMrnpfe. Bei dem Arrangement der Zufälle 
hat Richard Eichberg, der Vielgewandte, dieses Mal aus 
nahmsweise eine glückliche Hand. Es gelingt ihm, gute Bilder 
aus London zu bringen und einige Artistenszenen wirksam zu 
gestalten. So daß der Film als ein Katalog verschiedener 
Milieus nicht uninteressant ist. Seine Anziehungskraft erhält 
er freilich allein von Heinrich George, der einen berühmten 
Clown spielt. Er erinnert in dieser Rolle an Werner Krauß» 
der in einem vor kurzem Lrjchlenenen Film das gleiche Thema 
des unglücklich verliebten Bajazzos abgewandelt hat. Beide, 
George und Krauß, geben der Gestalt etwas von ihrem eigensten 
Wesen; brach bei diesem die Dämonie durch, so enthüllt jener 
sein ursprüngliches Spieltemperament. Fee Malten, George- 
1 Partnerin, ist blond und ganz lieb, doch ohne besondere Kenn- 
k L c L.
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        der Reiz des Gesichtes oft rein durch. 
Raes,. 
. 
I Der Faschingsprinz. Wer ist der MMngsprrnz? Natürlich 
Harry Liedtke. Da er immer ein Faschingsprinz ist, benimmt 
er sich in diesem Film der Alemannia-Lichtspiele genau 
so wie überall: lächelnd, liebend, leichtsinnig, und im stillen 
Grunde, da schlägt das edle Herz. So rosenrot ist der Held vieler 
Magazingeschichten, so ununterbrochen mit Zärtlichkeiten beschäf 
tigt denken sich Operettenmelodien den idealen Mann. Dieses Mal 
hat er sich wenigstens eine reizende Partnerin zugesellt, das kleine 
Fräulein Winkelstern, das voller Charme ist. Man wünschte 
der jungen Dame einen Regisseur, der ihre natürliche Mitgift 
wirklich auszuwerten versteht. Hier wird sie überbeansprucht und 
zu künstlichen Exzessen der Mimik gezwungen. Dennoch schlägt 
Msphalt.I Der Film dieses Titels ist ein Musterbeispiel 
künstlich emporgezüchteter Kolportage. Ein Schupomann liebt eine 
Diebin: welch ein Thema für einen Kolportageroman. Was aber 
geschieht? Statt den Stoff, billig, mit der linken Hand, schmöker 
haft und rosa glänzend aufzumachen, wie es sich für das Thema 
gehörte, wird er aus der literarischen Unterwelt in die Beletage 
versetzt. Eine Großstadtstraße von über 400 Metern ist erstellt wor 
den, mehr als 23 000 Glühbirnen haben gebrannt. Und so ist 
auch.die Innenwelt Zur Dauerfeerie umgewandelt. Was ver 
schlossen bleiben oder nur als Ergebnis mitgeteilt werden sollte, 
wird mit Umstand psychologisch entwickelt; als handle es sich um 
eine komfortable Fabel und nicht um ein Geschehen, das sich nur 
dem raschen Zugriff der Kolportage ergibt. Jede Regung des 
Schutzmannliebchens ist so ausführlich in Großaufnahme darge 
stellt, daß man die einzelnen Wimpern sieht; von dem Schutzmann 
selber wird ein detailliertes seelisches RönLgenöild entworfen; und 
um noch etwaige Hohlräume auszufüllen, ist eine Unmenge von 
kleinbürgerlicher Moral hineingestopft. Eine solche Ueberhöhung ver 
trägt aber die ungewählte Handlung nicht. Gerade weil sie zu sehr 
gehoben und ausgebaut ist, scheint ihre Nichtigkeit überall durch, 
und das seiner Ansprüche wegen ungemäße Arrangement gibt sich 
zuletzt als kunstgewerbliche Verzierung zu erkennen. Dieses Ver 
sagen dem Gehalt gegenüber ist um so trauriger, als Joe May, 
der Regisseur, eine technisch vorzügliche Leistung bietet. Er hat die 
Finessen des Handwerks inne, er kann, was er will. Nicht viele 
Prosaisten vermöchten die Fahrt des edlen Paares m der Auto 
droschke so dicht zu erzählen wie er. Auch die Großaufnahmen sind 
stilsicher eingesetzt und durchgehalten, und die wandernde Kamera 
entschleiert äußerst geschickt das Miteinander der Menschen und 
Räume. Schade, daß wie so oft in Deutschland das technische Ver 
ständnis sich auf Kosten des Wissens um die geistigen Bedeutungen 
auslebt. Asphalt auch hier. — Albert Stein rück ist eine der 
Hauptfiguren. Der unlängst Gestorbene geht um, als lebte er noch, 
und kaum ist Zu fassen, daß man so erscheinen und zugleich tot 
sein kann. Gustav Fröhlich stellt den Schupomann: gute Phy 
siognomie und Gebärdenskala, gegen den Schluß hin psychisch 
zu ausgefeilt. Seine Partnerin Betty Amann ist für Mimik be 
gabt und leuchtet, dank auch dem Regisseur, nicht selten verfüh 
rerisch auf. 
lZ.ur Slufführung des Films in den Frankfurter Ufa-! 
Lichtspielen.), i ,, L»e». 
Der Mann mit dem Laubfrosch. Es ist schon ein Glück, daß 
sich nach und nach wieder die Detektivfilme anmelden, die seit 
. einiger Zeit reichlich vernachlässigt worden sind. Wenigstens 
spannen sie mehr als viele Gesellschaftsstücke, die es nur mit 
s Liebeleien zu tun haben. Der neue Film des Capitols spielt 
zur einen Hälfte in vornehmen Prunkgemächern, zur anderen in 
einem obskuren Hotelchen, in dem sich der übliche Mord ereignet. 
Zwischen beiden Hälften schlingen sich Fäden, und man hätte 
allen Grund, davor zu zittern, daß auch die Herrschaften in den 
Salons an dem Verbrechen beteiligt sind, wenn nicht der Mann 
mit dem Laubfrosch wäre. Heinrich George, dem Anschein nach 
ein kleiner französischer Provinzler aus Arles, zieht in der Tat 
mit einem Laubfrosch in das Hotelchen ein. Da der Laubfrosch 
Wasser braucht oder einmal davonhüpft, befindet sich sein Besitzer 
gewöhnlich auf dem Korridor. Ist er ein Detektiv, der die 
Schuldigen erwischen will? Oder ist er am Ende selbst der Ver 
brecher? Wir werden uns hüten, darüber Auskunft zu erteilen, 
und sagen nur soviel, daß mit diesem etwas unbeholfenen Pro 
vinzler Verwandlungen vor sich gehen, die in Staunen versetzen. 
Durch die Sicherheit und Plastik seiner Bewegungen überragt 
George die anderen Darsteller, als da sind: Junkermann, Evelyne 
Holt, Rilla usw. Der Film ist trotz der Zu großen Gedehntheit 
Eterhaltend, und George zu sehe i lohnt sich allein. kaca. 
-- .Harry Piel.1 Er ist &amp;lt;mf nette W-rse ein Held. Nicht 
einer, dem die Weiber zu Füßen liege», sondern mehr em Held, 
wie N» die Knabenphan^ste M ausmalü Ein Knobe ich &amp;lt;mcn 
Schmöker, lutscht dazu Bonbons und träumt^ nur Harry Pret 
kann seinen Träumen entsteigen. Er selbst hat etwas vom Knaben 
an sich mit seiner Freude am Basteln. In seinem neucn Film: 
„Die MLLternachtstaxe" hat er sich ein altes Auto aus 
geheckt, das noch die Lage der Pferdoherrjchaft erblickt haben muß, 
einen krummen, lahmen, holprigen Klapperkasten, den er mit 
rührender Liebe betreut. Wie reizend ist es, daß er nicht auf so 
einem schicken Ding in die Welt hineinvast, sondern sich der um 
ständlichen Benzinkutsche bedient, über die jeder gewitzte Chauffeur 
lacht. Indem er sich ihren Launen anpaßt, vermenschlicht er die Tech 
nik, statt sie wie die andern Zu vergöttern. Und es ist nur in der 
Ordnung, daß ihm die fossile Droschke doppelt zurückerstattet, was 
er ihr an Fürsorge zuwendet. Sie ist mit ihm völlig verwachsen, 
rumpelt, springt, Zögert, wenn er es will, und fährt ihn mitten 
in ein wunderbares Abenteuer hinein. Das muß man gesehen 
haben, wie Harry sich der Verbrecherbande bemächtigt, den Haupt 
schurken niederboxt und dann das Mädchen küßt, das schon mit 
geöffneten Armen seiner harrt. Beurteilt man die ganze Geschichte 
vom Erwachsenm-Standpunkt, so ist st« natürlich ziemlich blöd. 
Aus der Perspektive der Knabenlogik betrachtet, schließen sich aber 
die Ereignisse folgerichtig zusammen, und über allen Schmökern 
schwebt Harry als untadeliger Held. (Zur Aufführung in den 
Frankfurter Olympia-Lichtspielen.) 
Vaterlos. Wir haben über diesen Prunkfilm der Ewelka 
gelegentlich seiner Münchener Uraufführung bereits in der „Frankfurter 
Zeitung" berichtet. Karl Grüne hat die Aufnahmen geleitet. Es ist 
ein Jammer, daß dieser hochbegabte Regisseur, der seinerzeit Die 
Straße", einen der besten und Zukunftsreichsten deutschen Filme 
gedreht hat, nun Zu der Herstellung historischer Bilderbögen herab 
gestiegen ist. Denn um Geschichtsklitterung handelt es sich natur- 
lich auch in diesem Film. Wellington wünscht, daß die Nacht oder 
die Preußen kommen, Blücher sagt Vorwärts und Napoleon 
pflanzt auf Elba seinen Kohl. Lauter Anekdoten und dazwischen 
die Schlachten.-Eine Menge von Requisitenkammern müssen ge 
plündert worden sein, um die vielen Soldaten zu bekleiden, die 
durch die Wälder und Auen um München in Schlachtordnung 
aufmarsckieren. Was der ganze Zauber soll, ist nicht recht klar. 
Als Geschichtsunterricht in Bildern ist er ein Produkt des 
Dilettantismus. Dient er der Stimmungsmache für Kriege und 
nationale Heroen? Man weiß es nicht. Gewiß ist nur, daß der 
Film aus der Geschichte eine Anekdotensammlung macht und 
gerade jene Züge an ihr hecaushebt, die den Fortgeschritteneren 
unter uns heute höchst irreal dünken. — Das Talent Grünes ist 
ssgar bei der Durcharbeitung dieses nichtigen Stoffes unverkenn 
bar. Er hat immer neue Einfälle, um die Maßen zu arrangieren, 
arbeitet oft ausgezeichnet mit Beleuchtungsesfekten und versteht 
sich aufs Zeremonial. Aber was nutzt der Aufwand, wenn der 
Gehalt fehlt? Leer entfalten sich die Prachtszenerien, und der 
ernst gemeinte Pomp wirkt hohl. —- Otto Gebühr scheint eine 
- Inkarnation des alten Preußengeistes ?u sein Er stellt einen 
Film-Blücher arrf die Beine, der sich schen Lassen kann und die 
anderen historischen Größen bei weitem überragt. (Zur Aufführung 
des Films im Gloria-Palast.) 
' Das brennende Herz. Das ist eine Art von Liebesromanze, 
in der die Musik nicht nur inhaltlich eine Rolle spielt, sondern bei 
nahe die Inhalte gebiert. Jedenfalls ist die Handlung so unwahr 
scheinlich. daß sie höchstens als eine Illustration von Klangsolaen 
zu Recht bestehen könnte. Es geht um die Beziehung zwischen 
einem armen jungen Komponisten und einer armen jungen Sänge 
rin. Diese verheimlicht dem Geliebten, daß sie aus Geldnot ge 
zwungen ist, in einem großstädtischen Variete aufzutreten. Natür 
lich kommt der Geliebte dahinter und natürlich läßt er das Mädchen 
seiner Lügerei wegen im Stich. Wieder einmal einer jener Fälle, 
in denen die ganze Tragik vorn Verschweigen herrübrt Hätte die 
Sängerin nur einen Ton geredet, so wäre der KonM unmöglich 
gewesen. Da sie aber bloß singt, entsteht lauter Unheil, und erst 
am Schluß treffen infolge eines märchenhaften Glücksevrignisses dre 
Entzweiten Zusammen und sprechen sich endlich au^. Der Weg bis 
dahin ist mit Vorgängen gepflastert, die ein wenig kleinbürgerlich 
Mmmen: so wird etwa das VaristL als der reinste Sündenpfuhl 
geschildert. Ludwig Berger hat bei der Regieführung mit Recht 
auf einen allu großen Realismus verzichtet, ist aber dafür stellen 
weise in den Expressionismus entglitten. Außerdem hat er, offen 
bar in der Absicht, den Schein der UnwiMchkeit zu erzeugen, die 
Liebenden zu einem ausdrucksvollen Benehmen bestimmt, das 
weniger als die Frucht innerer Aufregung denn als Hast wirkt. 
Mady Christians, die Heldin, ist magerer als sonst und hat Augen 
Lücke, in denen sie ihre reiche Mitgift »an Charme voll entfaltet. Ihr 
Partner Gustav Fröhlich ist ein frischfrommfröhlicher Junge, 
her nur noch viel zu dick aufträgt. Am reizvoWen ist Jda Wüst, 
die in falschem Glanz daherrauscht; leider auf einer kleinen Neben 
strecke. (Zur Aufführung in den Bieberbau-Lichtspiele n.) 
H r, r^.
        <pb n="18" />
        Die kleinen Idylle sind 
füllte Saal bewies, daß 
emeinde hat. Das Pu- 
--- sEW Grab am Nordpols Dieser Foxfilm — er wird zur 
Zeit in den Frankfurter Ufa-Lichtspielen gezeigt — ist von 
den Brüdern Snow gedreht worden, die im Jahre 1924 in die 
Arktis vordrangen. Ihr Ziel war die Heroldsinsel, die nur alle 
zehn bis zwölf Jahre einmal angelaufen werden kann. Dort suchten 
und fanden sie die Ueberreste eines Teil der SLeffenson-Expedi- 
Lion, die zehn Jahre vorher unternommen worden war. 
Anders als die üblichen „Kulturfilme" begnügt sich dieser nicht 
damit, mehr oder weniger interessante Ausschnitte vorzuführen, 
sondern gibt eine geschlossene, dichte Handlung, Er vergegenwär 
tigt die allmähliche Einkehr in die Eiswelt, das langsame 
Anwachsen des Eises um die Menschen. So ausführlich berichtet 
der Film und so gut ist er geschnitten, daß man mit allen Sinnen 
spürt, wie die Einsamkeit sich mehrt, das Packeis zunimmt und 
Gaukelbilder der KUte vor den Augen schwirremMe ein Phantom 
steht zuletzt die Heroldsins-vl in der Lust. Und es ist von erschüt 
ternder Folgerichtigkeit, daß Gräber Heu Schluß bilden. 
Wunderbare Tier- und Jagdaufnahmen gehen den Erscheinun 
gen des Todes voran. Robbenbullen führen ihr glitschiges Dasein 
zwischen Wasser und Fels, gewaltige Renntierherden flüchten vor 
den paar Menschen in die Oede. Das ist überhaupt das Los aller 
lebendigen Wesen in dieser Zone: sie tauchen aus dem Nichts 
auf und verschwinden wieder im leeren Raum, der mächtiger ist 
als sie. Walfisch, Walroß und Eisbär geistern durch die anorganische 
Natur. Die Kamera hat sie peinlich genau festgehalten, und die 
Folge der Bilder vermittelt wirklich einen Eindruck von dem 
gespenstigen Walten der Geschöpfe in der lautlosen Kristallwelt. 
Vor allem wird das Geheimnis des Eisbars erschlossen, der über 
tretende Schollen ins Meer und wieder auf Schollen 
schlüpft, endlos weiter im trüben Licht. Wen verwundert es noch, 
daß er im Zoologischen Garten fortwährend auf und ab läuft und 
immer mit dem Kopf nickt? Das Nicken repetiert nur die Monotonie 
der Heimat. 
Fast erregender noch als die Fauna — zu ihr gehören auch die 
Eskimos, deren Gesichter mit der rätselhaften Runenschrift unzäh 
liger Falten bedeckt sind — ist das Phänomen des Eises. Es ragt 
in der Gestalt ungeheurer Gletscherberge aus dem Meer, ein nie 
zu betretendes Land, ein ewiges Gegenüber. Es schwimmt wie ein 
in seine kleinsten Elemente zersprengter Wer auf der Wasser 
fläche umher. Es weicht vor dem Schiffsbug zurück und schließt 
sich darr nur um so fester zusammen. Die Zähigkeit, mit der es nach 
und nach die Dinge umschnürt und sie in seinen Tod hinein« 
ziehen mochte, flößt Grauen ein. Nicht umsonst heißt das 
Grauen kalt. 
Man. sollte sich dieses Bilddokument ansehen, aus dem nur die 
Titel entfernt werden müßten, deren Asterpoesie abscheulich ist. 
(Auf der Heroldinsel wird u. a. eine Taschenuhr gefunden, die 
einem der verschollenen Expeditionsteilnehmer gehörte. Der Titel 
lautet: „Eine Taschenuhr! Tickte sie den Entschlafenen das Toten 
lied?" Weg damit.) Von dem Schönheitsfehler des Textes abge 
sehen, ist der Film ein bedeutendes Zeugnis von den Rändern 
der bewohnten Regionen. k 3, aL. 
Mob? Keile. Zur Erholung vom der DanaideMrbeiL verläßt er 
vyn Zeit Zu Zeit die WektbHne und bereist. Holstein, die VoG 
die Phrenäem UrrpoMsche Oasen, in denen er sich wie ein 
Privatmann mit der Natur unterhält Meditationen ausspinnt, 
und. ab und zu .sogar seNLimenM wird. 
dem. Kriegsmann. M — Der gefüllte 
Tucholsky auch in Frankfurt eine MM Gemeinde hat. Das Pu 
blikum jubelte radikal; beklatschte gerade die billigsten Apercus am 
! lautesten. Es wird sie verdient haben.. Kr. i 
xTUrMM irr Kr'arrkfE) T uch olskh' las gestern 
abend. rn F r änkfu r L' aus eigenen Werken. Fährt er in der 
.MelLUHne" mU dahin, so verdoppelt er durch den münd 
lichen Vortrag die Zahl der Personen, Er schnarrt 
und kommandiert, als sei er der Inbegriff des PreußenLums plap 
pert, wie ein, Kaffeekränzchen und trifft, den entschiedenen Kompro 
mißton der S. P. D. , So reden-, sie, die StaatZanwälte, die Mili 
tärs, die.Spießbürger, die. SpHen. der Behörden, so gebärden sie 
-sich. - Nachdem.er. die Widersacher aufgepäppelt hat, macht er ihnen 
rmind- und schlM den. Prozeß - mit Kübeln 
Berliner Witzes, durchbohrt sie mit Zahllosen Pointen. Mitunter stet- 
gert sich die Aggressivität Zu gutem Rebellentum, oder es geraden 
jene Bänkelsängers die eine- schöne und nützliche Unruhe 
verbreiten. Da wächst kein Gms mehr, sollte man nach dem Stück 
-Der letzte Ruf" und nach EoupletZ wie dem:. „Haben Sie schon 
mal - . ." denken. Doch das Gras wächst noch, und der Nationalis 
mus, die Reaktion auf allen Gebieten und . die jaule Bürgerlichkeit 
sind quicklebendig wie nie Zuvor, Verschlägt es angesichts ihrer 
Macht sonderlich viel- daß Tucholsky oft Ziemlich wahüos in seinen 
Mitteln ist? Er pfeffert hinein, was er gerade hat, läßt sich weder- 
auch übers Ziel hinaus. Aber groben Klötzen gehören schließlich 
5^- , 2-&amp;gt;&amp;gt;^/N-z 
Die große Leidenschaft. Rugby ist die große Leidenschaft, 
sonst nichts als Rugby. Ferner die Liebe. Lil Dag 0 ver, die 
eine Pariser Schauspielerin ist, liebt einen schwarzen eleganten 
Rugbymeister in den Pyrenäen. Der nimmt auch das Geschenk 
ihrer Liebe an, aber sozusagen im Nebenberuf, denn in Wirklich 
keit liebt er nur Rugby. Und die blonde Mary zieht er allein 
darum der Schauspielerin vor, weil sie die Rugbvleidenschast m^t 
ihm teilt. Die Handlung ist nicht nur reichlich blöd, sondern Frau 
Dagover sieht auch alt aus. Was sollen diese Nichtigkeiten die 
noch dazu von einer lächerlichen Weltfremdheit sind? Erwähnens 
wert sind höchstens ein paar Äufna^rm^^m^Pariser Stadion, 
und von den sportlichen Kämpfen. — Zum Glück läuft im Bei 
programm der Bieberbau - Lichtspiele ein von Eecil de! 
Mrlle geschickt gemachter Film: „Gärende Jugend" der 
emen ganz interessanten Ausschnitt aus dem Leben amerikanischer - 
äugend zergt. kaoa. 
--- jEm Heüseher-FLLm.j In dem Film: -Die Hellseherin" 
soll die Bedeutung des Hellsehens für die Erforschung von Ver 
brechen veranschaulicht werden. Ein Mord ist begangen worden 
und auf Grund von Indizien wird ein Unschuldiger verdächtigt: 
die Hellseherin soll den Justizirrtum rechtzeitig verhindern. Soll 
es, tut es aber faktisch nicht. Daß sie es nicht tut, kann nur auf 
die Eingriffe der Oberfilmprüfstelle zurückzuführen sein, der dem 
Vernehmen nach der Film wiederholt vorlag. Tatsächlich macht 
der Film in seiner Zweiten Hälfte einen durchaus verstümmelten 
Eindruck. Zwar verfällt die Hellseherin am Tatort in Trance, 
aber man erfährt nicht, was sie sieht, und die Entdeckung der 
wirklich Schuldigen ist nicht, wie es der Anlage des Films nach zu 
sein hätte, auf sie zurückzuführen, sondern scheint das Verdienst 
des Kriminalkommissärs zu sein. Das Hellsehen wird also eher 
diskredidiert als propagiert. Nun sind wir ja auch höchst skeptisch 
gegen die Anwendung unkontrollierbarer übersinnlicher Me 
thoden und meinen gewiß nicht, daß dort, wo die Kunst der 
Kriminalpolizei zu Ende ist, die des Hellsehens zu beginnen habe. 
Das Walten der Filmzenfur indessen hat ebenfalls seine Haken. 
Sie hat sich gegen den Filmtriumph der Hellseherin gesträubt wie 
ern Gaul, der nicht vom Fleck will, wenn er Geister in seiner 
Nähe spürt. Wahrscheinlich aus der Furcht heraus, daß ein Erfolg 
des Hellsehens das Publikum Zum Glauben an die Kraft der 
Medien und zum Unglauben an die Polizei bestimme. Das mag 
unerwünscht sein, war jedoch kein Grund zu einem Verbot oder 
zur Verstümmelung. Die Filmzenfur hat nicht die Aufgabe, der 
Vormund des Volks zu sein, sie darf nicht Dinge ausmerzen 
wollen, die nur unbequem sind. Es ist das Zeichen der furchtbaren 
Kulturreaktion, in der wir stehen, daß die Zensur sich nicht mehr 
mrt ihrer ergentlichen Verpflichtung begnügt, das blank Anstößige 
zu untersagen, sondern dazu übergeht, die Gedanken und Gesin 
nungen zu reglementieren; daß sie uns die positiven Inhalte vor 
schreiben möchte, wo sie doch lediglich das schlechterdings Unmög 
liche Zu verwehren hätte. — Zum Film selbst: die bekannte Hell- 
seherrn Frau Günther-Geffers tritt in ihm auf und hat 
glaubhafte Trance-Zustände. Im übrigen wird ein mittelmäßiger 
Krrminalfall auf mittelmäßige Weise behandelt. Durch die Mit 
wirkung Fritz Kortners und Erna Morenas darf der Film einiges 
Interesse beanspruchen. 
Dur Aufführung des Films in den 
Frankfurter Alemannia-Lichtspielen.) 
Ä 6 8». 
l3eitschrrftett-SchMr.I Das neue Heft der Zeitschrift: 
,,DLe Kreatur" (Lambert Schneider, Berlin), deren Haltung 
5ä^chNamen der Herausgeber Martin Buber, Viktor von 
Weizsäcker und Joseph Wittig gekennzeichnet ist, enthält u. a. eine 
Auseinandersetzung zwischen Eberhard Grisebach und Hermann 
Herrigel. Auf die knappste Formel gebracht, gelten im übrigen auch 
die Aufsätze dieser Nummer dem Bemühen, die Wirklichkeit frerzu- 
legen und den Menschen in sie einzusetzen. 
! «« Unpolitischen Jtalienliebhabern bietet das Marzheft der von 
Werner von her Schulenburtz henmKMg ebenen Zeitschrift: 
„Italien" (Niels Kampmann, Heidelberg) einige Berichte und 
Kuriosa, die mit dem Fascismus nichts zu tun haben. So wür 
digt etwa Alberto Gentili die Mauro Foa-Sammlung alter Musik 
wecke in der Nationalbibliothek von Turin. Gleich abseitigen Cha 
rakters ist die Mehrzahl der anderen Beiträge, und nur in einem 
von ihnen werden die Leistungen der fascistischen Regierung für 
die Aufforstung gepriesen. 
Martin Stoß hat in dem Marzheft der Zeitschrift: „Die 
Tat" (Eugen Diederichs, Jena) emen beachtenswerten Aufsatz 
über Remarque geschrieben. 
Das neue Heft des „Archivs für Buchgewerbe und 
Gebrauchsgraphik" (Deutscher Buchgewerbeverein, Leipzig) 
bringt eine kritische Erörterung von Emil Köditz über die heute 
viel geübte Photomontage. 
In der letzten Nummer der von Arthur Müller-Lehning gut 
geleiteten holländischen Zeitschrift: „i 40" findet man einen Auf 
satz Rudolf von Labans über Tanz und Musik und einige Film 
glossen von radikaler Haltung. 
m 9" dem Marzheft der Zeitschrift: „Die Form" (Hermann 
Reckendorf, Berlin) finden sich Ausführungen S. KracauerS 
über den Film der Gegenwart; ferner mehrere bebilderte Aufsätze 
über moderne Archrtekturlösungen.
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        Salon 1SZÜ 
Von Ginster. 
Eine Stille war plötzlich eingetreten, und in der 
Stille tönten die Worte: 
„Wir müssen unsere Jugend zum Abscheu vor 
Kriegen erziehen." 
Endlich. Der Bann war gelöst. Herr Berg hatte ge 
sprochen. Hatte er wirklich gesprochen? Sein Profil 
blieb weiter so unbeweglich, als seien die der Kontur 
wegen zusammengepreßten Lippen niemals geöffnet 
worden, und nur durch ein Wunder konnte die 
Behauptung ihnen entsprungen sein. Gerade weil 
Georg sie keineswegs außergewöhnlich fand, begriff 
er umso weniger, daß sie wie eine monumentale 
Verkündigung wirkte, die unmittelbar aus dem 
Himmel gefallen war. Das Monument war schon 
aus der Ferne zu sehen. Ich will an die Öffentlich 
keit, dachte Georg von neuem, und malte sich aus, 
wie schweigsam er sein werde, wenn er es einmal 
zu der Berühmtheit von Herrn Berg gebracht hätte. 
Um seine glanzvolle Laustahn sofort zu beginnen, 
suchte er sich einen Platz in dem Tumult Zu er 
obern, den der Ausspruch entfesselt hatte, aber Frau 
Heinisch kam ihm zuvor. Er hätte ihr nie die Wild 
heit zugetraut, milder sie sich gegen die Bleisoldaten 
ereiferte, in denen sieden wahren Grund des Kriegs 
übels erblickte. „Ich habe meinem Jungen immer 
verwehrt, mit Bleisoldaten zu spielen." Sie richtete 
diese Erklärung an Frau Bonnet, die ihr denn auch 
das ersehnte Lob spendete. Als sie die Abschaffung 
sämtlicher Bleisoldaten forderte, nickte das Profil 
zum Zeichen des Beifalls. Von so viel Anerkennung 
überschüttet, wölbte sich Frau Heinisch zur sanften 
Mulde zurück und schickte wider Frau Heydenreich 
ein Lächeln aus, dem die Gewalt einer kriegsstarken 
Kompanie der soeben ausgerotteten Bleisoldaten 
innewohnte. Die Strafexpedition war von sichtbarem 
Erfolg gekrönt. Georg hätte in der Mulde nicht 
liegen mögen. Bei seinem mangelhaften Personen 
gedächtnis fürchtete er sich, Frau Heinisch oder Frau 
Heydenreich in Zukunft auf der Straße zu be 
gegnen, denn er wußte bereits im voraus, daß er 
sie nicht auseinanderzuhalten vermochte. Während 
die Gesellschaft noch erbarmungslos über die Blei 
soldaten Herzog — auch Frau Heydenreich mußte 
sich wohl oder übel zu ihrer Vernichtung bekennen 
empfand er selbst eher Mitleid mit den winzigen 
Truppen. Seine Großmutter hatte sie manchmal auf 
einer Glasplatte aufgestellt und dann von unten 
mit dem Finger gegen' die Fläche geklopft, um die 
Reihen in Verwirrung zu bringen. Schließlich war 
er ein Kind gewesen wie die andern und hatte doch 
die Lust an den frühen gläsernen Ereignissen zu 
keiner Zeit auf den richtigen Krieg übertragen. Er 
wollte die Soldaten verteidigen, gelangte aber 
wieder nicht an die Front, sondern wurde bis zu 
dem bleichen Mädchen abgedrängt, in dem nach 
gerade eine Glut aufgespeichert war, die völlig hin 
gereicht hätte, um alle Bleiheere der Welt einzu- 
schmelzen. Wie ein Hochofen bewahrte das Mädchen 
die gewaltige Hitze in sich. Statt sich noch in Frau 
Bonnet zu versenken, richtete es jetzt seine Augen 
ohne Unterlaß auf Herrn Berg, dessen Profil den 
sengenden Strahlen unversehrt standhielt. Düster 
hing das Profil vor einem goldenen Rahmen und 
spornte rein durch seine Gegenwart die nach der 
Unterdrückung der Spielschachtelkriege etwas er 
mattete Gesellschaft zu neuen Taten an. In den 
Tassen der Lee war kalt geworden, es lag ihnen 
nichts an dem Tee. Sie jagten die kapitalistischen 
Unternehmer davon, sozialisierten die Bergwerke und 
vereinigten sich international. Herr Bonnet gähnte 
gegen den Patriotismus. Frau Heydenreich lief mit 
Frau Heinisch um die Wette, konnte ihr jedoch den 
vorhin erzielten Vorsprung nicht abgewinnen. Zur 
Entschädigung warf sie dem Profil einen Privatblick 
zu, der sich auf die gemeinsamen Plauderstunden 
bezog. Sie trug ein bescheidenes dunkles Kleid, das 
ihre Schönheit gerade soweit abblendete, als es das 
Bekenntnis zur sozialen Umwälzung erforderlich 
machte. „Die Klassiker," rief Fräulein Samuel und 
flog krumm W die Höhe. Was der Ausdruck 
Friedenstaube sollte, begriff Georg nicht mehr. Das 
SchLachtbeil der Liebe war ausgegraben. Fräulein 
Samuel schwang es durch die Lüfte und versetzte mit 
ihm den Klassikern funkelnde Streiche. In ihren 
Dramen fänden sich Stellen, die das Völkermorden 
verherrlichten. Unsere Jugend wird durch die 
Klassiker schon im Keim verdorben. Die Schulaus 
gaben müssen in Zukunft von Kriegen gründlich 
gereinigt werden. Ihr Organ gellte nicht eigentlich, 
sondern pfiff. Tausende von Menschen faßte das 
Lokal, zu dem sie die Salonwände auseinander 
gepfiffen hatte, eine Massenversammlung, so war es 
ihr recht. Das Profil nickte überlebensgroß. 
„Ginster, von ihm selbst geschrieben", nennt 
sich ein viel gelesener Roman, der 1928 durch 
den Verlag Fischer publiziert wurde. Wir 
brachten damals Bruchstücke aus dem Werk, 
heute sind wir in der Lage, von demselben 
Autor das Fragment eines neuen Romans zu 
bringen, dessen Hintergrund die jähen Wand 
lungen der Nachkriegszeit bilden.
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        Schalttafeln laufen die Stunden bis zum Abend davon. Man hat 
frei, aber man ist zu müde, um frei zu sein. Magazine und Gram 
mophone vertreiben die Zeit, statt sie zu halten. Schläfrig wird 
der Wecker gestellt, und morgen geht es so weiter. 
Die Monotonie dieses Lebens ist durch viele treffende Ein 
zelzüge belegt. Zu unterbrechen wermag sie einzig der Kitsch, der 
das Halbdunkel für Augenblicke erhellt. Es gehört zu den besten 
Einfällen des Films, daß dem Schlager eine entscheidende 
Rolle angewiesen worden ist. Bei den Klängen des „I love 
wähnen die Liebenden im Lanzfaal den Himmel zu 
schauen, und eben das „I love bringt sie am Ende 
zusammen. Eine Rutschbahn ist ihre Seligkeit, eine Grammophon 
platte wird ihnen zur Engelstiwme. Das Licht scheinet gebrochen 
in der Finsternis. 
„I^OVSSOVLe." 
Ein guter Film. 
Paris, Anfang April. 
Der Wm: ..I^ouSAonw", der aus Hollywood kommt — er lief 
NZ vor wenigen Lagen unter dem Titel: „8tu8iO 
äeZ und wird jetzt in einem BouleMdkino gezeigt —. 
ist einer der besten WlM, die seit langem hergestM 
Seine Fabel? Er hat keine Fabel. So alltäglich ist die Geschichte, die 
er erzählt, daß die heutigen Großkampfregisseure sich geschämt hätten, 
dergleichen Zu verfilmen. Eine Telephonistin und ein Fabrikarbei 
ter sind die Helden. Kleine Leute, wie man sie in den üblichen 
deutschen Filmen überhaupt nicht sieht. Oder man sieht sie, aber 
Zum Schluß machen sie dann zum höheren Ruhm und Nutzen der 
Gesellschaft eine reiche Partie. Hier bleiben sie von Anfang 
bis zu Ende gewöhnliche Angestellte, die sich in nichts von den 
Millionen anderer Fabrikarbeiter und Telephonistinnen unterschei 
den. Sie arbeiten während der Woche und möchten sich Sonntags 
gern amüsieren. Leider ist er ohne Freundin und auch ihr fehlt 
der Anschluß. Um der Verlassenheit Zu entrinnen, verbringen beide 
das Wochenende am dichtbesetzten Meeresstrand und schließen dort 
im Badekostüm miteinander Bekanntschaft. Längst ist der Strand 
leer geworden, und sie schwatzen immer noch. In der Nähe befin 
det sich -ein Rummelplatz, in dem sie später gemeinsam tanzen, wackeln, - 
und sausen. Durch einen dummen Zufall werden sie auseinander- 
geriffen. Verzweifelt suchen sie sich, aber die Millionen von Angestell 
ten, die gleich ihnen'den Jahrmarkt bevölkern, drangen sich stets da 
zwischen. Er geht nach Hause, sie geht nach Hause. Nun bliebe 
jeder doppelt allein, wäre nicht die Geschichte ein Märchen. Er 
und sie haben nämlich seit Jähr und Tag Zimmer an Zimmer ge 
wohnt, in einer jener Hauskasernen, deren zahllose Mieter einander 
so fremd wie die Antipoden sind. Genau in dem Augenblick, in 
dem sich die zwei Heimgekehrten für immer getrennt glauben, werden 
sie ihrer räumlichen Nachbarschaft inne. Sie sind vereint, die un 
endliche Entfernung der paar Zentimeter ist überwunden. 
Die Bilder sind nicht Illustrationen eines Textes, sondern 
stellen den Gehalt unmittelbar da. So ganz ist er in ihnen ge 
borgen, daß seine sprachliche Wiedergabe eine Uebersetzung aus 
dem Original wäre. Der Uebersetzer müßte ein bedeutender Prosa 
künstler sein, um das Urbild zu treffen. 
Beispiel der Montage: Die Szenen, die von der täglichen 
ArLeitsverrichtung handeln, erscheinen hinter einem schwach hervor- 
Lretenden Zifferblatt; nicht schlagender könnte die Einförmigkeit der 
Hantierungen versinnlicht sein als durch den gleichzeitig wahr 
nehmbaren Umlauf der Zeiger. Ein anderes wundervolles Bild 
ist der feenhaft illuminierte Juxplatz, der, Wirklichkeit und 
Glückstraum in eins, im Abend vor den Liebenden austauchü 
Und mit welcher Peinlichkeit ist ihre Zwiefache Einsamkeit ge 
staltet, die in den öden Zimmerzellen und die im grausamen 
Menschenlabyrinth! Dort Hausen sie, jeder für sich, inmitten eines 
Mobiliars, dessen Unwesen der Film schonungslos ans Licht 
zieht. Hier jagen sie einander Mischen Luftschlangen, wimmeln 
den Gesichtern und im Konfettiregen ununterbrochen nach, ohne 
je zusammenzukommen. Sie stehen ahnungslos Rücken an Rücken, 
sie streifen wiederholt an einem Buden besitz er vorbei, der weiß, 
daß sie sich beaebren. ihnen aber aus Gleichgültigkeit ie Auskunft 
Der Regisseur heißt Paul FLjos. Aus dem banalen Stoff 
hat er, unterstützt von seinen Hauptdarstellern Glenn Lrhon 
und Barbara Kent, eine bis zum Rand gefüllte Handlung ge 
schaffen, der an humaner Gesinnung in der jüngsten Literatur; 
allenfalls einige Schilderungen von Nathan Asch und Sinclair 
Lewis vergleichbar sind. Mit Anstand, Mut und guter Kenner 
schaft wird die Kamera auf den Alltag der Erwerbs 
tätigen gerichtet und nirgends ist seine Leere beschönigt. Er 
beginnt in häßlich möblierten Zimmern und führt wieder in sie 
zurück. Früh Lötet das Raffeln des Weckers den Schlaf. Die Pflicht 
ruft, oder was so heißt. In der Hochbahn kämpfsn die Menschen- 
maffen um einen bescheidenen Stehplatz. Vor Maschinen und 
Edmund Kußerk. 
Der berühmte Philosoph Edmund Husserl beqing 
rüM »8. Apnl seinen 70. Geburtstag. Seine Werke sind von 
Srovem Einfluß auf die zeitgenössische Philosophie gewesen, 
^ron Bolzano und Franz Brentano bestimmt, hat er in An 
. chnung an das scholastische Denken eine Wendung gegen den 
P.vhmog-smus seiner Zeit und gegen den idealistischen For 
malismus vollzogen. In seinen „Logischen Untersuchungen", 
in deren klassischem ersten Band er den Begriff einer 
reinen Logik herausschält, die es nur mit Sätzen an sich und 
nicht mrt seelischen Urteilsakten zu tun hat, sind bereits die 
Konturen der PHSnomenologie sichtbar, jener neuen 
philosophischen Betrachtungsweise, als deren Begründer 
Husserl anzuiprechen 'st- Ihrer systematischen Ausarbeitung 
hat er das Werr „Ideen zu einer reinen Phänomenvlogie und 
Pbcmomenologiichen Philosophie" gewidmet. Es ist nicht möm 
den Gehalt dieses Grundbuchs überschlägig zu kenn 
zeichnen. Immerhin mag angedeutet werden, daß Husserl 
selosi die Phänomenologte als „Wesenswissenschast" vom 
reinen Bewußtsein definiert, als eine Disziplin, die das-Feld 
des reinen Bewußtseins deskriptiv zu erforschen habe. Unter- 
mmologisch gesprochen: Husserl nimmt an, daß es außer der 
Wissenschaft von den Tatsachen noch eine von den Wesenheiten 
geoe, die einer an die Realität ungebundenen „reinen" An- 
IMauung zugänglich seien. So untersucht er etwa das „Wesen" 
Ton oder das „Wesen" Farbe. Was bedeutet diese Methode? 
^hr historisches Verdienst ist, daß sie wider das idealistische 
System eine Lehre setzt, die nicht wie das System bei for- 
Oberbegriffen anhebt und in sie einnmndet, sondern der 
v-ulle der Phänomene durch die unsystematische Anschau 
ung gerecht werden will. Ist die idealistische Konstruktion not 
wendigerweise wirklichkeitsblind, so möchte die Phänomeno- 
grundsätzlich die Wirklichkeit der Wesenheiten einlassen 
^«r Tatlache gegenüber, daß Husserl einen Ausweg aus dem 
Kerker des Idealismus gesucht hat, verschlägt es wenig, daß 
- »Abst niemals zu eigentlich inaterialen Wesensbestimmungen 
vorgeorungen ist und gegen das Ende seiner „Ideen" hin 
immer mehr denselben konstruktiven Idealismus wieder 
ausgenommen hat, dem er an Anfang des Werks zu begegnen 
M muhte. Ja, gerade dieses Schwanken, diese Zweideutia 
A'. --nn man will, ist seine Tiefe. Husserls größter An-! 
Hanger und Genosse ist Max Sche er gewesen. Ueber Husserl 
hlnausgehend, hat er in unzähligen Beschreibungen die Welt 
der matenalen Wesen zu durchmefsen und ordnen gesucht. In 
serner katholischen Periode ist er von dem Bestreben erfüllt 
gewesen, die Hierarchie aller Werte zu entschleiern; späterhin 
hat er von der Grundlage der Anthropologie, also von „unten" 
aus, den Kosmos erstellen wollen, den er von „oben" aus 
nicht mehr gewinnen zu können meinte. Seine Eroberungen 
aber sind nur durch Husserl möglich gewesen, der den Blick 
auf die konkreten Phänomene zuerst eröffnet hat. Von der 
Phänomenologte kommt auch Heidegger her, der frühere 
- Assistent Husserls an der Freiburger Universität, der durch die 
! Einführung des Zeitbegriffs eine wichtige Korrektur an dem 
Lehrgebäude vorgenommen hat. Die Frage ist, ob es der 
I Phänsmenologie gelingen wird, zu echten Konkretionen zu ge 
langen. Was bei Scheler zu erhoffen war, ist nach seinem 
Tode zweifelhaft geworden. Es könnte heute beinahe so 
j scheinen, als begnüge sich die Phänomenolsgie damit, den 
! ontologischen Gegenpol des idealistischen Systems in der 
- gleichen formalen, wirklichkeitsabgewandten Sphäre zu bilden, 
in der dieses System verkümmert ist. Husserl hat eine Tür auf 
gestoßen ; sie dürste nicht wieder zufallen. 
(Wr werden die hier angedeuteten Probleme bei Ge 
legenheit in einem größeren Zusammenhang zu behandeln 
versuchen. D. Red.)
        <pb n="21" />
        LichLspielen gezeigt 
Raca. 
(Adalbert Schuktz Verlag, 
au 
verweigert. Die ganze Bitterkeit ihres Verlorenseins ist aus 
geschöpft, und daß sie sich zu allerletzt doch noch umarmen dürfen, 
ist nur der Abglanz eines schöneren Lebens. 
* 
Fritz Lang dreht Zur Zeit bei der Ufa einen Film: „Die Frau 
im Monde", der in der Aera des Raumluftschiffs und in astrono 
mischen Fernen spielt. Auch die übrigen deutschen Filmerzeug 
nisse, die GesellsHaftsfilme vor allem, spielen auf dem Mond. 
Wann wird man endlich bei uns auf die Erde niedersteigen? 
Es gibt in Deutschland so gut wie in Amerika Millionen von 
Arbeitern und Angestellten, und ihr Dasein unter die Lupe Zu 
nehmen, wuoe wichtiger, als durch das Fernrohr in unwirkliche 
Weiten zu blicken. Freilich bedürfte es hierzu des Gewissens. 
S, jkracauek 
*7* lZeitschrLften-Schau.1 In der neuen Nummer der Zeit 
schrift „Der Morgen" (Pyilo Verlag, Berlin) befindet sich ein 
wertvoller Aufsatz von Margarete Susman über Franz Kafka. 
Die Größe des Dichters steht, wie so oft bei uns, in umgekehrtem 
In dem letzten Heft der „N - uen Rundschau" (S. Fischer 
Verlag) findet sich eine Betrachtung: „Europäische Perspektiven"« 
von ArckrL SuarLS. HanS Kelsen, der bekannt« RechtSphilo 
soph, äußert sich zur Frage der Souveränität. Von den belletri 
stischen Beiträgen sei eine Novelle von Hermann Kesten erwähnt. 
Die katholische Zeitschrift „Hochland" (Jos. Köselsche Buch-! 
Handlung, München und Kempten) bringt u. a. einen instruktiven 
Aufsatz von Pros. Gonzague de Reynold über die Rückkehr zum 
ThomismuS in den Ländern französischer Sprache. 
Als ein Kuriosum werde verbucht, daß die Zeitschrift: «Die 
Astrologie" (Astrologischer Verlag von Wilhelm Becker, Ber 
lin) die Horoskope von Alfred Löwenstein und der beiden Llohd- 
dampfer «Europa" und «Bremen" enthält. 
AräuZem Elfe. 
SHnitzlers bedeutende Novelle „Fräulein Elfe" hat die 
Unterlage für diesen Film abgegeben Freilich, Paul Ez inner 
hat nur Motive der Dichtung benutzt. Hätte er sich doch genauer 
an den Text gehalten, statt die Handlung mehr oder weniger frei 
zu übernehmen! Die Novelle nämlich ist ein einziger innerer 
Monolog, und die Gestaltung des inneren Monologs wäre 
auch im Film von größter Wirkung gewesen. Alles erscheint bei 
Schnitzler von Fräulein Else aus gesehen: Vater, Mutter, die 
Freunde, das Hotel und der Mann, um dessentwillen sie sich ver 
giftet. In den Schleier ihrer einsamen Assoziationen sind die 
Figuren gewirkt, vergrößern sich ihr, bringen Gefahr. Weder 
Menschen noch Gegenstände treten in der Novelle aus, wie sie sind, 
sondern ragen nur stückweise in die Erzählung hinein, so stück 
weise, wie sie dem Geist des Mädchens sich bieten. Die Psycho 
logie wird hier von Schnitzler zu Ende gebracht; sie Löst die Dinge 
auf und führt sich derart selbst aä adsuräum... 
Czinner hat die Möglichkeit nicht gesehen oder nichl sehen 
wollen, die sich aus der Vorlage für den Film ergab. Statt die' 
Handlung aus der Perspektive Frgulein Elses aufzubauen, hat 
er einen normalen Gesellschaftssilm gedreht, in dem auch Fräulein 
Elfe vorkommt. Damit verliert aber das Geschehen seinen Sinn, 
und es bleibt eine ziemlich schale Verkettung von Ereignissen 
übrig, die eines großen Aufwands nicht bedurft hätte. Zudem hat 
Czinner alles getan, um die Bedingungen vergessen zu machen, 
unter denen Fräulein Else bei Schnitzler steht und aus denen 
allein ihr Handeln begreiflich wird. Er Zeigt sie nicht etwa als 
ein Mädchen, dem das Gemisch von Unschuld und Reflexion zu- 
Zutrauen wäre, sondern fetzt sie mitten in die sportfrohe Nach- 
kriegswelt hinein. Kein heute in St. Moritz betriebener Sport 
wird uns unterschlagen, und Fräulein Else ist Werall mit einer! 
unbedenklichen Jugendlichkeit dabei, die Zu ihrem Urbild so wenig 
wie zu ihrem späteren Verhalten paßt. - 
Aus der verkehrten Regie-Einstellung schreiben sich die übrigen 
Fehler CZinners her. Da er die Assoziationen Fräulein Elses un- - 
benutzt läßt, gerät ihm die Handlung Zu mager. Was tut er also? ! 
Er füllt sie einfach mechanisch auf. Wir sind die unfreiwilligen 
Zeugen der ganzen Bahnfahrt von Wien nach St Moritz und 
werden mit wenig erwünschter Ausführlichkeit in das Leben und 
Treiben im Luxushotel verwickelt. Das alles ist überflüssig, wenn 
es auch routiniert gemacht ist. Zudem besteht es völlig aus sich, 
während es doch nur von dem Mädchen aus Leben haben sollte. 
Elisabeth Bergner hat es bei dieser Regie schwer, das 
Fräulein Else faßlich zu machen. Wie immer bringt sie ihre 
wesenhafte Erscheinung mit, die etwas besagt, ehe sie sich noch 
ausdrückt Das eigentliche Spiel dagegen ist nur an einigen 
Stellen stark So, wenn sie, erschreckt über die an sie gerichtete 
Zumutung, den Kopf gegen das Spiegelglas drückt. Und vor 
allem ganz am Schluß, wenn sie im Pelz durch die Hotelhalle 
wandelt — Scham und Todesangst Zeichnen Gesicht und Figur. 
Aber auf lange Strecken hin bleibt doch die Mimik leer. In der 
schwierigen Unterredung mit ihrem Peiniger weiß sie nichts 
anderes Zu tun, M in einem fort das T^chentuch zu zerknüllen, 
und als Signale der Heiterkeit verwendet sie hauptsächlich die 
herabhängende Haartolle und ein aufgeregtes Benehmen. Von 
innen kommt ihr nur wenig, wie auch die aufgesetzten Tränen 
deutlich beweisen. , 
Ihre Partner sind: Albert Bassermann, dessen Können 
stets bewundernswert ist; Adele Sand rock, die eine Chargen- 
rolle mit der bei ihr gewohnten Dichtigkeit ausfüllt; der anstellige 
Jack Trevor; schließlich der Lote Albert Sterdrück, der auf 
der Leinwand mit mehr Macht und Wirklichkeit dahinwandelt als 
die meisten Ueberlebenden. Dieses außerordentlichen Ensembles 
wegen lohnt es sich unter allen Umständen, den Film Zu sehen. 
Er wird im Gloria-Palast und in den Bieberbau- 
Der Patriot. 
--- Da der Film nach dem bekannten Theaterstück Alfred N e w 
manns gedreht worden ist, darf Hm die verlogene Psychologie 
nachgesehen Herden. Neumann hat die Aktion zwischen dem mahn» 
sinnigen Zaren Paul und seinem Gegenspieler, dem seelisch kom 
plizierten Patrioten Graf Pahlen, so reichlich auskonstruiert, z 
daß die Personen, ob sie wollen oder nicht, ihren letzten Bühnen- 
effekt hergeben müssen. Je mehr es nach dem Schluß zu geht, desto 
ausgetiftelLer werden die Konstellationen. Man nennt das 
Spannung, aber die Spannung ist unsauber, weil sie von einem 
Kalkül herrührt, dessen Raffinement kein Ersatz für die verfälschte 
Wirklichkeit ist. 
Läßt man beiseite, was auf NeumannS Schuldkonto zu setzen 
ist, so bleibt ein glänzend gemachter Film, der anzu'sehen sich lohnt. 
Der MeisterreMeur Ernst Lubitsch arbeitet zwar in altem 
Stil, doch er beherrscht souverän alle Mittel, von den zarten 
KammerKieltünen an bis zum barocken Pomp. Das Zarenschloß, 
das er (mit leider etwas zu symbolisch geratenen Ornamenten) 
hingestellt hat, verbreitet Furcht und Schrecken. Vorhänge rauschen 
urrd die Tür am Ende der langen Galerie birgt ein schlimmes 
Geheimnis. Wie gut ist der Wechsel der Szenen berechnet, wie ge 
schickt wird die Katastrophe vorbereitet!' Unabwendbar wie ein 
Verhängnis rückt sie näher und näher. Dazwischen finden sich 
artistisch bezaubernde Passagen, die kleine Ruhepunkte sind. So das 
von Pahlen arrangierte Abendessen, bei dem er seine Geliebte dem 
Zaren anbietet. Mit verstohlenen Blicken wird Florett gefochten, 
und wie in einem feinen Schachspiel erfolgt Zug auf Zug. 
Emil Iannings hat die Zarenrolle virtuos und erfindungs 
reich aufgebaut. Aus einem Mosaik von tausend wohldurchdachten 
mimischen Handlungen setzt er den Wahnsinn zusammen, der nur 
darum in Grausamkeit ausartet, weil sein Grund, die Angst ist. 
Wenn er durch Gänge und Zimmerfluchten rennt, so glaubt man 
ihm die Besessenheit. Packend ist sein Gesichtsausdruck vor allem 
in den wenigen Augenblicken, in denen jeweils Pahlen zugegen ist, 
dann scheint es, als dränge Licht aus der Hellen Außenwelt in sein 
Dunkel. Eine große schauspielerische Leistung, die bis Zu dem 
Grad lebenswahr ist, in dem das Stück Leben zuläßt. Die schöne 
Florenee Vidor und Lewis Stone sind die ausgezeichneten 
Partner von Jannings. 
Das gute musikalische Wompagnement stammt von Heinz 
MeleLLa, der bei der Premiere in den Ufa-Lichtspielen 
als Gastdirigent mitwirkte. Uaea. 
m /-Neue Bücherschau. (Adalbert Schuktz Verlag, 
Berlin) schließt in der Aprilnummer ihre Rundfrage „Hätten wir 
das Kmo!" ab und bringt außerdem aktuelle Beiträge von Gerhart 
Pohl und anderen. 
wertvoller Aufsatz von Margarete Susman über Franz Kafka. 
Die Größe des Dichters steht, wie so oft bei uns, in umgekehrtem 
Verhältnis zu seinem Publikumserfolg, und jeder Hinweis auf ihn 
ist darum doppelt wichtig. 
Die ausgezeichnete „Neue Schweizer Rundschau" 
(Dr. H. Girsberger u. Co., Zürich) bringt in ihrem neuen Heft 
außer Beiträgen von Bertrand Russell und Rudolf Kaßner ge- 
Wiffene kleine Betrachtungen Walter Benjamins über das große 
Thema Marseille und eine Großstadtnovelle Nathan AschS. Man 
lese auch die Glosse „Renn oder Remarque?" von Max Rychner. 
Hans Zehrer zieht im Aprilheft der „T a L" (Eugen DiederichS, 
Jena) in einem Aufsatz Achtung, junge Front! Draußenbleiben!" 
ernen Querschnitt durch unsere politische Situation. Seine be 
achtenswerten Aeußerungen, die das Schwergewicht auf die stetig 
anwachsende Wirtschaftest legen, kommen zu dem Ergebnis, daß 
heute den besten Kräften aus allen Lagern eine abwartende Haltung 
anzuempfehlen ist, damit sie in der Stunde der Entscheidung zur 
Stelle sind. 
rs- Die weißen Rosen von Ravensburg. Ein Roman der 
Adlersfeld-Ballestrem ist als Unterlage für diesen Film der 
Luna-Lichtspiele benutzt worden. Der Name verrät schon, 
Paß es sich um ein Gemisch aus altmodischen Romanmotiven und 
überreichlich dosierter Sentimentalität handeln muß. Die Haupt 
figuren find ein Graf, eine unschuldig wegen Gattenmords ver 
urteilte Gräfin, eine Tochter, die das Schicksal ihrer Mutter erst 
am Ende erfährt, ein Hochstapler und ein junger Trottel. Dank 
her Verwirrungen, die Zwischen diesen Personen angerichtet 
werden, können die Szenen abwechselnd im Zuchthaus, in einem 
stattlichen Schloß und in Monte Carlo spielen. Der Regisseur 
Rudolf MeinerL hat aus seiner Kenntnis des Publikums-- 
geschmacks heraus die Stimmung offenbar der des populären 
Filmschlagers: „Die Heilige und ihr Narr" ungleichen wollen. 
Wenigstens hat er alles getan, um das, was gemeinhin unter 
Gemüt verstanden wird, nicht Zu kurz kommen W lassen. Unter 
den Mitwirkend-en seien Diana Karen ne M bleiche Gräfin- 
und der komische Willy Forst erwähnt. Auch Jack Trevor 
ist von der Partie. R. a c L. 
' Der Adjutant des Zaren. .Man beklagt sich über die Pro 
paganda der Sowjetfilme, schweigt sich aber über die Propaganda 
aus, die in den Filmen der Emigranten ausgeübt wird. Sie ist 
durchaus reaktionär. In dem Film: „Der Adjutant des 
Zaren", den die AL emannia -Lichtspi e le zeigen, liegt 
das ganze Schwergewicht auf glänzenden Uniformen und privater 
Liebe. Iwan Mosjukin als strahlender Flügeladjutant des 
Zaren geht auf etwas mysteriöse Weise eine Ehe mit Carmen 
Boni ein, die trotz ihres südländischen Aussehens kleinbürgerlich 
mimt. Das Mysterium rührt daher, daß die Frau eine Revolutio 
närin ist und den FlügeladjutantLn nur darum heiratet, um den 
Zaren besser ermorden zu können. Was hindert sie daran, es zu 
tun. was entzweit sie mit ihren revolutionären Freunden? Die 
Liebe zum Flügeladjutanten. Einzig diese weiße Liebe ist von den 
Jupiterlampen belichtet, während das Treiben der Revolutionäre
        <pb n="22" />
        Das groke Verdienst Nannkeims ist. eine ak 
tuelle Drkenntnisbaltung Lu Dnde gedackt Ai 
kaben, die als Uögliekkeit in der jüngsten Bkase 
unseres Denkens bereits angelegt war. 8ie wird 
von einem Bewußtsein bestimmt, das sieb aller 
absoluten und siatiseben Kaktpunkts ledig weiß. 
Nb voEgliober Klarkeit weist Nannkeim die 
kistoriseks Degitimität dieses kreigesetLten Be 
wußtseins naob und versickert sieb der ikm m- 
gänglioken Bositionen in der Oegenwart. Drei- 
uek ist es trot^ der sekark-sinnigen Vorbekalte 
mekr frei von als frei kür etwas. Oewiß entgekt 
es der Bekangenkeit in beliebigen Ideologien, der 
Fixierung an m.ytkologiseke Komplexe, aber es 
beLablt die Däkigkeit des Liekselbstkabens mit 
Normalität. Leins jeweiligen Lvntkeseu sind 
Sin Brogramm, und da es kaktiLok nie naob einem 
Der Heidelberger Brivatdoxent Karl Kann- 
beirp verökkenilickt ein Bück: „Ideologie 
und Utopie" (Band III der von ^lax Lckeler 
begründeten und jetÄ von Karl ^lannkeim ker- 
ausgegebenen ^odrilten E Bkilosopkis und Lo- 
^iologie". Driedriok Ooken, Bonn. 256 Leiten.) 
Äetkodlsck vor allem an dem Denken Nax We 
bers gesckult, uns,lasiert er in ikm unsere gegen - 
wärtige Lituation. Wioktig ist nickt nur diese 
^nal^se selbst, sondern mekr nock der Ort, von 
dem aus sie erlogt. Din entm^tkologisiertes Be- 
wußtsei-n nimmt sie'vor. Und es weiß Mob einer 
entm^tkologisierten 2eit gegenüber. 
NannKeim gebt von dem Ideologiebegrikk aus, 
und Lwar Wigt er in einem interessanten Dx- 
kurs, daß die üblicke marxistiscke Brägung des 
Begriffs der Ideologie die Bmcbt einer Dntwiok- 
lung die bei der Lenuktsem-spbd an- 
bebt und über den Historismus kinweg allmäblick 
7^1 den Dormulierungen von Narx kükrt. klonte 
nun, SO meint er, ist auck diese marxistiseke 
bassunZ der IdeoIoFienlekre überkoit. vureb 
die ständige Lonirontiernn^ der versokiedenen 
Ideologien nämlwk sind wir naeb ikm xu der 
Drbenntnis vorZedrun^en. d^S es andere «is 
stLndpunbibeLO^ene „Kiekten" ukerkaupt nickt 
§idt. Marx Kai die kür^erlioken Ideologien de- 
strniert; aber die kd^e seiner Destruktion ist, 
dM auok wesentkeke Vestandstüoke der marxisti- 
seben Ikeorie sink als Ideologien entkÄen. Mt 
anderen dorten: das mensoklioke VewuLtsein 
ka-t laut Nannkeim einen Zustand der keile er- 
reiekt, der es ikm ermögliokt, die kelation 2wi- 
soken den versekiedenen (socialen und politi- 
Voken) Denkgekiiden und der jeweiligen 8eins- 
wirkli-ekkeit ikrer (kollektiv-) Träger 2U durek- 
sokauen. ks gibt kür dieses DewuAsein Keine 
absoluten Denkgebilde mekr, sondern nur noek 
Erkenntnisse, die in Veriekung m einem so oder 
so besekakkenen (soÄalen und poktiseken) 8öin 
sieben. Die ^nnakme einer soleken generellen 
DeLÜglieb keit vorn lebtet n atürbek auek den ^n- 
spruok auk ein statisokes ^bltbild und läkt 
nur ein wissen geltem bei dem von vornkerein 
einkalkuliert ist, dak es seine bestimmte 8teile 
im dMsmiseben Dro^eL bat. ^us der Ileberreu- 
gung Keraus, daü alle ^.spekte leilaspekte sind, 
fordert Nannbeim eine ^VissenssoLiolo- 
g i e, der er die ^ukgabe Lusokreibt, „wertfreie' 
Ideologienkorsekung Lu treiben und derart den 
Mok auf die 1'otalität der kelationen frei 
maoben. CVVie sieb von selbst versiebt, bat der 
Ausdruck „wertfrei" bisr nur eins relative Ls- 
deutunZ, und Nannbeim weiL im übrigen sebr 
wobl xwisoben einem kalsoben und einem riob- 
tigen Vewuktsein m untersebeiden.) Von dieser 
DisÄnlin verspriebt er sieb eine (stets.neu. Lu 
sebakkende) soiriologisobe 2eitdia- 
Znos e, d. b. einen &amp;gt;8ituationsberiebt, der niobt 
dem Dann der einen oder anderen Ideologie 
Menjou als Maharadscha. Die Neue LichLbühnZ hat 
ein gutes Doppelprogramm. In dem Film: „Der Maharad 
scha von Domelanien" (warum so blödsinnige Titel?) tritt 
Adolphe Menjou in der goldstrotz enden Uniform eines indi 
schen Fürsten auf, die ihm freilich nur als Revue-Statist zukommt. 
Er eignet sie sich aber auch als Ausgeheanzug an, um durch ein 
imponierendes Auftreten das Herz einer schönen stolzen Frau 
(Evelyn Brent) zu erringen. Ganz reizend das Gemisch aus 
Hochstapelei und chevalereskem Benehmen, mit dem er die Unnah 
bare schließlich betört. Auch die Theater- und Gesellschaftshinter 
gründe sind geschickt arrangiert. -- Der Film: „Das gewisse 
Etwas", der in einem amerikanischen Warenhaus spielt, ist 
geradezu als Wunschtraum kleiner Ladenmädchen konzipiert. Die 
niedliche Verkäuferin mit dem inneren Anstand, die nach vielen 
Wirrungen endlich den gewaltigen Chef ergattert, der ebenfalls 
über einen nicht geringen inneren Anstand verfügt — mehr läßt 
sich zunächst kaum verlangen. Die Hauptperson des nicht ohne Witz 
ausgemachten Stücks ist die wirklich charmante Clara Bow. 
— „__ Kaca, 
Äs Nkdertmchi hmgest-llt wird. Der Estische P°ttz°^n«ml 
Retter des Vaterlandes — so wert hatten w^ es alp gluLuch 
wieder gebracht. Man muß die Gesinnung olcher Prunkte est- 
naoeln sonst fressen sie sich nach und nach immer tiefer cm und 
betören das Publikum. Es erhöht nur die politische daß 
der Mm gut gemacht ist. Die Regle hat rn der Montage von den 
feindlichen Sowjetfilmen gelernt und brmgt einige vorzügliche 
Szenen zuwege. So ist das Tanzfest von i°.dem wünschenswerten 
Prunk, und die Troikofahrt am Schluß ist wirklich verteusettes 
Unternehmen. Unter den Darstellern dre »um Teil Rüsten sind 
ist ein großartiger alter General zu rühmen; desgleichen AUxander 
Gran ach als dunkler Verschwörer- 
unterworfen ist, sondern die maximale Erweite 
rung der Kiekt erstrebt. 
Die ^rt der Liebt bestimmt den poNiseken 
Vollem Ks ist daber durobaus konsequent, daL 
Mannbeim aus der den Ideologien Lugewandten 
VVissenssoNologie eine politisobe 8 o 2 ioIo- 
g i e entwickelt, die naob ikm den ^Veg mr poli- 
tiseken knisobsidung xu bereiten bat» Ibrs 
Kauptverpflioktung wäre, die leilkaktigkeit der 
polmsok gebundenen Dart-ikularerkenntniTse auk- 
LUweisen und von Kall Lu kall eine Zusammen- 
sekau der versokiedenen poNisobsn Denk Struk 
turen Ai leisten, ^obei es sieb, wie Nannkeim 
ausdrüokliok kervorkebt, keineswegs um ein in 
der Kontemplation verkaktetes sebematisobes 
Ordnen kandeln darf, das gar niobt bis in« In 
nere der Ltrukturen dringt, vielmekr allein um 
eine konkrete Orientierung, die aus dem Willen 
rair Aktion kervorbriokt. 
Was bedingt Mietet den poNtiseben Willen 
und erteilt ikm die kiobtung? Die „Dt 0 pi e". 
80 nennt Nannbeim jene seinstrans^endenten 
Vorstellungen, die mm Dntersekied von den 
Ideologien die lendens kaben, unsers Wirklieb- 
keit 2u wandeln, xu sprengen. Dr untersuokt die 
versobiedenen idealt^pisoben Gestalten, die, von 
dem Okiliasmus der Wiedertäufer an bis rum 
Kommunismus und Dasoismus unseres läge, 
die Dtopien im Dank der Oesobiokte angenom 
men Koben, ^.uf Orund dieser Dntersuobungen, 
die ein Daradigma so^iologisober O-eistesgesokiokte 
darstellen, gelangt er ru einem äkmioken Kobluü 
wie bei den Ltrukturanalvsen der Ideologien, ^u 
dem Lekluk nämliek, daä das reike DewuAtsein 
der Oegenwart siok der blinden Dniertänigkeit 
unter die Ideologien ebenso ru entxieken neige 
wie der unter die Dtopien. Wir überblicken keute 
das Nebeneinander von Ideologien und von Uto 
pien. 8ie überblicken keiüt aber notwendig sie 
entkräften. In der lat lautet NannKeims Dia 
gnose dakin, dak das Dtopisobe küblbsr sokwinde. 
(^sieben kierkür: dis neue Lacklicbkeit, oder 
etwa die Nanier, M-gunsten der Bewältigung 
konkreter Wnxelkragen auf jede OesamtÄckt xu 
verdickten.) Will man ikm glauben — die Dr- 
eignW'Stz lassen ibn nickt unbestätigt — so drängt 
eine Bewuktseinskaltung berank, vor der sieb 
alle Ideen blamieren. Dine Welt sekeint fertig 
Lu werden, blur nock xwei Mckte, so bebaup- 
tet Alannkeim, Sueben ibrs Lpannungslosig- 
keit bmtan^ukalten: die niobt arrivierten prole- 
tariseken 8ckiekten und — dis kreisekwebenden 
Intellektuellem 
Die kreisekwebtzndenlntelltzktutzl- 
I sn'! Kie bilden bei Nannbeim eine relativ 
klassenlose Orupps kür sieb. lind eben diese kort- 
gesekrittenste Orupps wird ibm i^um Deib und 
Träger des kortgesokrittensten Bewußtseins. Kie 
wird u. a. Ideologienkorsekung 2u übernekmen 
kaben; sie mag die Dörersekakt der Docksckule 
bilden, an der die von ikm postulierte politisoke 
KoÄologie betrieben wird; sie soll die Lpannung 
Mr Biopie bin waebkalten. Dr möobte dieser ln- 
telligen2, die darum social verkältnismäkig un 
gebunden ist, weil sink alle socialen Ltrömungen 
m ikr vereinigen, das gute Oewissen geben, 
möckte sie davor bewabren, sieb vorseknell ein- 
Luordnen und das saorikiÄo dell' inteketto 2U 
bringen. Indem er sie rur Drgründung der Ktruk- 
tursituationen, xu K^ntkesen in seinem Kinne auk- 
kordert, sekeint es ikm, als vertrau6 er ikr eins 
eigens Wssion an: die, „Wäekter xu sein in 
einer sonst allLu finsteren l^ackt".
        <pb n="23" />
        Inhalt LlM, Kadern siob aus dio NstbodS, ibn 
Rüden, besob^änki. ist die ibiN xugemutste 8pau° 
nung naeb der btopie bin eins Utopie. Der In- 
babÄosigkeiL wird auob dadurob niebt abgebob 
ksn, daZ Nannbsirn Es Deistungon seines krei- 
gesetLten RewuLtseins irn bistoriseben Rro^eü 
lokalisiert; bleibt doab Es Dokabsierung eins 
tbeoretisebs Dordernng, die tatsilo blieb niebt er- 
Mit wird. Die Ueberwindung der eilaspekte 
kommt Eso 6er gereinigten AMo teuer Lu sieben, 
In dem gleiebsn Nake, in dem sie siob aus der 
Dnge erbebt, entleert sie sieb und rüokt in eine 
deärobiiebe bläbs rum alten ideabstisDben Re- 
wuStsem überbanpt. 
Nannbebn ordnet das krsigssetÄe RewuLtsem 
der Oruppe kreisebwebender IntellektueÜer ^u. 
Oibt mLn ibm den Destand einer soleben Intelli- 
gen^grupps vor — ibr Idealtvpus ist auüerordent- 
lieb geistreiebdurobkonstruiert —, so meidet sieb 
sofort das Redenken an, dab sie Lnm Dräger der 
unbesobränkt waltenden Ratio niebt nur dank 
der von ibr bebanpteten relativen klassenlosig- 
keit wird, Zodern ebensosehr als ^aebiabr des 
Mr^ertumÄ, das aus lerobt durebseb.ru baren reak 
tionären Gründen der 8rüt^punkt des formalen 
idealistiseben Denkens ist. Äannbeim wird dar 
an! Lu aebten baden, dak das die Relationen be- 
berrsobende RewuLtsein sieb niebt unter der 
Rand aus samt!leben Relationen davonstieblt und 
daL die Avantgarde der Intelligenz sieb niebt in 
ZMtbesen verflüebiigt, die ^uletxt doeb der be- 
siebenden Oesellsobakt Zugute kommen. Keine 
"VVäobter wären in diesem Dali Koblakmütxen und 
ihre K^ntbesen selber Ideologien. 
Der Delsbr einer Verweobsbmg seines entm.y- 
tboloZisierten RewuLtseins mit dem ^deabstiseben 
bätte Nannbeim dureb die Angabe von Debatten 
unsebwer entheben können. ^Vas läkt sieb aus 
der Ideologienkorsebung im ^ugenbliek diagnosti 
Zieren? belebe Utopie lenkt uns beute? ^ie 
IM jetri und bier die konkrete Orientierung der 
IniMZenTgrupps aus? Rrst au! 6rund bandgreib 
lieber ^.uskünkte wird iu entsebeiden sein, auf 
welebs 8eite im socialen und politisvben Kamp? 
das fortgesobriLtene RewuLtssin seine Träger 
drängt. 8ovie!e in b alt lieb erfüllte Ktrnkturana- 
l^sen Nannbeim entwirft, er ist uns den Besobeid 
vorläufig selmidig geblieben. Dr wird ibn um so 
dringbeber liekern müssen, als ia das ganre 
Vueb, das in seinen wiKsenssoNologiseben 'leiten 
im übrigen 2m den intenSivsten denkeriseben Del-. 
stungen seit Uax ^Veber und Kebeler gebört, 
eine einÄgs metbodisebe Vorbereitung auf um- 
siebtiges Rändeln ist. 
8. kraeauer. 
,2 o.^e. 
Warum macht Walentin keine Mme mehr. 
Berlin, den 29. April. 
In der NMtvorstellung des Berliner Marmorhauses wurde eine 
Reihe von Vorkriegsfilmen gezeigt. Unter ihnen ein kleiner Ein 
akter Karl Valentins, den er lang vor den amerikanischen 
Grotesken in einem selbstgezimmerten Freilichtatelier gedreht hat. 
Das Stückchen ist heute noch komisch. Valentin, der so dünn wie 
Misogyn ist, wird im ihm von der dick aufgeplusterten Lift Karl 
stadt zum Traualtar geschleppt. Er möchte eigentlich nicht, aber 
die dicke Jungfrau will. Sie hat ein Kanarienvögelchen, das 
während des Hochzeitmahls davonfliegt. Alles stürzt nach, um das 
Vögelchen zu fangen; über die Wiesen und Aecker. Zuletzt fällt 
die Neuvermählte auf das Leichtgewicht von Mann und drückt ihn 
einfach tot. Der Leichnam wird im Handkarren abtransportiert. 
Aus. — Die Bagatelle erinnert an die frühen Filme Chaplins, 
die sogar zum Teil wahrscheinlich etwas später hergestellt worden 
sind. Dabei ist die Art des Humors hier und dort durchaus ver 
schieden. Valentin ist nicht ein Vagabund wie Chaplin, sondern 
ein Kleinbürger, der freilich durch die Melancholie sein Klein 
bürgertum austebt. Literarisch verwandt ist ihm allein die schwarze 
Komik Wilhelm Buschs, dessen Tobias Knopp und Einsiedler 
Krökel niemand anders als gerade Valentin für den Film erobern 
könnte. Warum macht Valentin keine Filme mehr? Wir wissen 
aus seinem eigenen Munde, daß.er sich zum Film zurücksehnt. Wir 
wissen aber auch, daß große Filmgesellschaften, denen sein Wunsch 
bekannt ist, ihm ihre Unterstützung versagen. Sie begeben sich da 
mit aus unerfindlichen Gründen.einer der paar Möglichkeiten, dem 
völlig herabgekommenen deutschen Film wieder aufzuhelfen. Es ist 
ihnen selbst kaum noch zu helfen, wenn sie einen Filmkomiker von 
der Größe Valentins abweisen.
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        Grotische Iilme. 
Berlin, 4m Mat. 
Zur Zeit laufen hier einige groß aufgemachie Filme, die in 
allen möglichen fernen Zonen spiel m, nur nicht bei uns. Ss wird 
im am Zoo ein Expedit isnSfilm Sv^n 
H nS gezeigt, der von Paul Lieberenz hergestE ist. Aus- 
§Äihn't wie die Mongolei ist auch der Film. Man zieht mit 
Schweden, Deutschen, Chinesen und Huberten von Kamelen durch 
Sand- und Steinwüsten, die gar nicht enden wollen. Immer wieder 
werden die Zelte angepflockt und immer wieder nach kurzer Frist 
abgerissen, weil faustischer Drang die Forscher durch neue Wüsten 
treibt. Sie gleichen den alten. Manchmal taucht ein noch unbe 
kanntes Kloster auf, in dem gerade religiöse Tänze verunstaltet 
werden. Oder es weht der „Sturm über Asien", ein ganz entsetz 
licher Sturm, der mitten durchs Lagerleben fegt. Oder die Kamele 
wollen ihre Lasten nicht mehr tragen- gebärden sich widerspenstig 
und machen Revolution. Vielleicht sind es gar keine Kamele. Auch 
die Meteorologie ist gebührend berücksichtigt, und die Kleintierwelt 
wird in Großaufnahme dargestellt. Man übersähe sie sonst, ihrer 
Winzigkeit wegen. Kurz, es ist beinahe so, als seien wir seW in 
der Mongolei gewesen. Verweilte der Film weniger ausführlich in 
den verschiedenen Wüsten, fo ermüdete er vermutlich nicht so sehr. 
Die Aufnahmen sind gut und verschaffen eine deutliche Vorstellung 
von dem Wüstenzug durch Zentralstem 
* 
Im Capital läuft der Film: „Simba". Ein Löwensilm aus 
Afrika. Er ist von Martin und Osa I 0 hns 0 n gedreht wor- 
L den, einem amerikanischen Forscher-Ehepaar, das sich vier Jahre 
in den Urwäldern Ostafrikas aufgehalten hat, um den Löwen mög 
lichst nahe vor die Kamera zu bekommen. Unter dem Protektorat 
' des amerikanischen Museums für Naturgeschichte. Außer den 
allenthalben unentbehrlichen Kamelen sind auch Autos und Maul 
eselgespanne an der Expedition beteiligt gewesen. Ehe die für den 
dramatischen Höhepunkt aufgesparten Simbas erscheinen, wird die 
ganze afrikanische Fauna einschließlich etlicher Negerstämme in 
wirklich wundervollen Aufnahmen vorgeführt. Einige Szenen sind 
wie Visionen aus Kiplings Dschungelbuch. Das Großgetier ver 
einigt sich im tiefsten Gottesfrieden an der Tränke, die Assen 
tragen ihre Jungen auf dem Buckel, die Giraffen schreiten pretiös 
durch den Busch. Die eigentliche Sensation aber ist die Löwen 
jagd der Eingeborenen, die entfernt an einen Stierkampf erinnert. 
Der Simba nämlich wird von den Schwarzen umringt und mit 
Speeren erledigt, ehe er recht Zur Besinnung gelangt. Einmal steht 
man Frau Johnson mit der Flinte im Anschlag neben öM 
vateur, der einen äußerst bedrohlichen Löwen kurbelt. Sie scheint 
— eine vorzügliche Schützin zu sein. Die von der Kamera erlauerte 
Beute hat gewiß hohen dokumentarischen Wert. 
Auch ein moderner Spielfilm aus Japan ist zu scheu (im 
Ufa-Pavillon am Nollendorfplatz). Er heißt: „Im Schatten 
d &amp;lt;A D 0 sh iwa ra" und stellt mit den fortgeschrittensten technischen 
Mitteln ein Geschehen dar, das im Jahr 1850 spielen soll, in Wirk 
lichkeit aber wie eine zeitlose Legende anmutet. Ein armer junger 
Mann ist in Liebe zu einem Freudenmädchen entbrannt, das seiner 
spottet. Die Schwester des Jünglings sucht ihn zu retten, erliegt 
indessen ebenfalls dem Verderben. Wie Reinheit und Armut sich 
verbünden, um beide Geschwister den Dämonen auszuliefern, wird 
mit einer Naivität faßlich gemacht, die dem Sinn der virtuosen 
Montage widerstrebt. Auch sonst schlägt durch die uns vertraute 
Filmwoche die fremde Erscheinungsform durch. Gestalten gehen um, 
die kaum zu enträtseln sind. Sie haben Gesichter wie auf den japa 
nischen Aquarellen, ihr Ausdruck ist eine unergründliche Hiero 
glyphe. Der Kontrast zwischen der Maskenhülle und dem allgemein 
menschlichen Inhalt 'bildet den besonderen Reiz dieses Films, der 
durch seinen Vorwurf ergreift, ohne Laß seiner Echtheit unbedingt 
zu trauen wäre. 
Vor einiger Zeit fragte mich ein Produktionsleiter einer be 
kannten Filmgesellschaft, welche Filme man nach meiner Ansicht 
herstellen solle. Ich erwiderte ihm: „Gehen Sie nicht in den Busch, 
ziehen Sie nicht quer durch Asien. Bleiben Sie zu Hause. Rüsten 
Sie Forschungsexpeditionen in die noch unentdeckten einheimischen 
Dschungel aus. Zeigen Sie etwa Las Leben eines ganz gewöhn 
lichen kleinen Angestellten..." — „Aber das Publikum will die Ar 
mut nicht sehen, es sehnt sich nach Abenteuern, nach der großen Ge 
sellschaft, nach Glanz." —„Dann zeigen Sie ihm, wie der Glanz 
der Gesellschaft in Wirklichkeit beschaffen ist." Er schüttelte den 
Kopf, er wollte von meinen Vorschlägen nichts wissen. 
Man wird auch weiterhin dem Publikum fremde Länder vor 
setzen, damit es im eigenen nichts merkt. S. Kraeauer. 
7^^^. - ^5,^0^
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        Der erste amerikanische Honfikm 
Berlin, Anfang Juni. 
Wird er nun endlich aufgeführt werden? Oder wird wieder 
nichts daraus? Seit Wochen ging der Streit hin und her. Mehrere 
Male bereits waren Vorstellungen angesetzt worden, die wieder ab 
gesagt werden mußten, weil die deutsche Gruppe (Tonöildsyndikat 
und Klangfilm G. m. b. H.) einstweilige Verfügungen erwirkt 
hatte, die eine Vorführung verhinderten. Die amerikanische Western 
Electric, so hieß es, habe deutsche Patente verletzt. Um einem 
nochmaligen Verbot zu entgehen, hat man jetzt dem Vernehmen 
nach einfach statt der amerikanischen Röhren Telefunken-Röhren 
eingebaut. Daraufhin ist denn auch in letzter Stunde die einst 
weilige Verfügung aufgehoben worden. 
Am Montag abend also ist er im Gloria-Palast angelaufen. 
Große Premierenstimmung; die uerfreulichen Schwierigkeiten haben 
auch als Reklame gedient. Der Film heißt: „Der singende 
Narr" (bin§in§ iool) und ist, was man nicht unterschlagen hat, 
eines der größten New Docker Ereignisse gewesen. Schmalzig genug 
ist er dafür. Sein Held Al Iolson —- man kennt ihn bei uns 
aus dem famosen Filmreißer: „Der Jazzsänger", in dem er seine 
eigene Lebensgeschichte erzählt hat — begeht Orgien an Sentimen 
talität, wie man sie hierzulande noch kaum kennt. Eine so gewaltige 
Sentimentalität kann nur das Korrelat einer besonderen Geschäfts 
tüchtigkeit sein. Je mehr sich das Geschäft ausdehnt, um so mehr laufen 
die Herzen über. Kabarettinhaber, Theaterdirektoren — alle Men 
schen sind gut. Nur eine Frau nicht, aber sie wird für ihre Härte 
gestraft. Zu höheren Rührungszwecken muß sogar ein unschuldiges 
Kind sterben. Kein Auge darf trocken bleiben, sonst verdient die 
Filmindustrie nicht genug. 
Der Riesenschmarren ist durchgehends vertont. Musik begleitet 
die Handlung. Sie illustriert stumme Szenen und untermalt leise 
das gesprochene Wort, das an wichtigen Stellen die Instrumente 
ablöst. (Aehr geschickt angebracht sind die kleinen deutschen Textbei- 
ßaben auf dem laufenden Streifen, die den englischen Dialog er 
läutern.) Auch Geräusche, wie Händeklatschen und der Lärm der 
Menge, sind wirkungsvoll einbezogen. Eine ganze Fülle akustischer 
Möglichkeiten ist ausgeschöpft. 
Technisch nicht immer gleich vollkommen. So plastisch die 
Orchesterklänge hervortreten, so undeutlich bleibt das gesprochene 
Wort. Auf längere Strecken hin geht das Gespräch fast verloren, 
und nur die Helle Stimme des rührenden Kindes kann sich be 
haupten. Woran der Fehler liegt, mag der Fachmann ergründen. 
Jedenfalls ist in einigen vor kurzem hier gezeigten deutschen Ton 
filmfragmenten die Rede besser Zu verstehen gewesen. 
Doch die paar technischen Mängel, denen sich gewiß über kurz 
oder lang abhelsen läßt, spielen bei der Beurteilung nicht eigentlich 
die Hauptrolle. Entscheidend ist vielmehr allein, ob der Zusammen 
hang von Ton und Bild bereits zu einer neuen Gestalt geführt hat, 
die weder stummer Film noch Kopie des Theaters ist. 
Ihrer Verwirklichung stellt sich vor allem der Einbau des ge -! 
sprochenen Worts entgegen. Es erfüllt den Raum, ohne sich 
unmittelbar auf die sichtbar Sprechenden beziehen Zu lassen. Das 
Wort ertönt, und außerdem bewegen sich die Lippen, von denen es 
aber nicht ausgeht. Damit nun überhaupt Gespräche reproduziert 
werden können, setzt die Bewegung der Kamera oft aus, und die 
Partner erscheinen während geraumer Zeit in annähernd denselben 
Stellungen auf der Leinwand. Um der vertonten Rede willen wird 
also die vom stummen Film mühsam eroberte Kunst der Montage 
teilweise wieder preisgegeben. Das ist eine Selbstverstümmelung, 
die noch nicht einmal zur anständigen Reproduktion des Theaters 
führt. Schon heute darf mit Sicherheit ausgesagt werden, daß die 
fortdauernde Verwendung des Dialogs ein Irrweg ist. Der durch 
das Wort vermittelte Sinn verlangt die körperliche Gegenwart deS 
Sprechenden oder gar keine Gegenwart. Seine Verkoppelung mir 
der Filmmontage, die ja bereits für sich selbst einen Sinn darstellt, 
tut ihm nur Abbruch. 
Das heißt natürlich nicht, daß nicht an passenden Stellen 
Worte in das Tonbildgefüge einbrechen könnten. Einmal sagt das 
ergreifende Kind: „huh", um seinen Papa zu erschrecken, und 
dieses „huh" ist sehr nett. Taucht das Wort als Ton neben der 
Musik und unartikulierten Geräuschen auf, so mag es richtig am 
Platz sein. Im allgemeinen jedoch — Las ging aus dem amerika 
nischen Film unzweideutig hervor — wird der Tonfilm nur dann 
zu seiner eigenen Form gelangen, wenn er darauf verzichte^ einen 
in sich geschlossenen Wortsinn mit Gewalt an einen in sich ge 
schlossenen Bildsinn zu binden. 
Es gibt eine winzige Szene, die vielleicht der Ansatz zu etwas 
Neuem ist. Ein Neger liegt auf dem Divan und schnarcht. Das 
GeräHch des Schnarchens wird in die Musik hereingeholt und 
bildet mit ihr eine reizende Tonarabeske. Sie findet sich in Freiheit 
mit )em Bild zusammen, das ihretwegen nicht zu verkümmern 
brauht. In dieser Szene handelt es sich nicht um eine überflüssige 
jVerdoppelung wie überall bei den Dialogen, in ihr werden viel-' 
'mehr zu gleicher Zeit mit verschiedenen Mitteln verschiedene Ge 
halte ausgedrückt, die sich ergänzen, ohne sich zu ersetzen. 
Der Beifall war laut und galt vor allem der hie und da 
glänzenden Reproduktion. Nicht selten schlug er mit dem Beifall 
zusammen, den das auf der Leinwand abgebildete PuMum spen 
dete; ein höchst merkwürdiges Ineinander realer und imaginärer 
Größen. S. Krakauer. 
^Wertvff irr Frankfurts Der bekannte russische Film- 
reMeur Dsiga WerLoff, der Vorkämpfer des ungestellten Films, 
über dessen bedeutenden Film „Der Mann mit dem Kino-Apparat" 
wir vor kurzem ausführlich berichtet haben, wird am Sonntag 
früh in Frankfurt einen öffentlichen Vortrag halten und 
daran anschließend Fragmente aus dem obengenannLen Film, 
ferner aus seinen Filmen „Lenins Wahrheit", „Der sechste Teil der 
Welt", „Dss elfte Jahr" und „Kino-Auge" zeigen. Bei dieser 
Gelegenheit sei LemeE, daß vor einiger Zeit durch mehrere deutsche 
Städte ein von V. Bbsn Montierter Film „Im Schatten der 
Maschinen" glaufen ist, der ganze Teile aus Wertoffs Lei uns noch 
unausgeführtem „Elften Jahr" ohne dessen Wissen und Willen 
übernommen hatte. Das hat die ununterrichtete Öffentlichkeit leider 
hie und da Zu der irrigen Meinung geführt, als ob Blum ein Vor 
läufer Wertoffs sei; eine Meinung, die um so gegenstandsloser ist, 
als dieser bereits vor über zehn Fahren seine eigene Filmsprache 
ausgebildet hat. Wen Freunden des neuen russischen Films sei die 
Veranstaltung Wertoffs «empfohlen. 
/o i 
- /0.F S 
! sSubmarme.^ Man schreibt uns aus Berlin: Dieser 
^amerikanische Tonfilm der Messtro, der seit ein paar Lagen 
im Ufa-Palast am Zoo läuft, st nach iool" eine Ent ¬ 
täuschung. Das leibhafte UfaorHester hätte besser gewirkt als die 
einverleibte Begleitmusik, die roch dazu mangelhaft reproduziert 
ist. Die menschliche Stimme wird kaum verwandt; es sei denn, 
daß manchmal die Leute schreien oder ein Lied ertönt, das offen 
bar hinter der Szene steigt. Außerdem mischen sich verschiedene 
j Geräusche ein: das Rauschen des Meeres, das Knirschen von 
Ketten. Das heißt, sie versuchen sich einzumischen, in Wirklichkeit 
gelingt es ihnen nicht recht. Die akustischen Anstrengungen muten 
um so hilfloser an, als der Film ohne jeden Bezug auf sie mon 
tiert ist. Er ist mejr als seine Töne. Mit technischer Virtuosität 
verkitscht er furchtbare Ereignisse zu Sensationen. Man erinnert 
sich des Unterseeboots der amerikanischen Marine, das vor einiger 
Zeit versank,-ohne daß es gelang, die Mannschaft zu retten. Im 
Film wird der Todeskampf dieser Mannschaft gezeigt, ein Todes 
kampf, der mit unverkennbarer Wonne zu vielen langen Metern 
gestreckt ist. Zur Belohnung für die Qual folgt am Schluß, dem 
tatsächlichen Verlauf entgegen, der Glanz des enck. Wo die 
Not am größten, ist der Filmproduzent am nächsten. Er versteht 
sich auf sein Handwerk, denn er hat ein übriges getan und die 
Rettung mit einem Liebesabenteuer verknüpft, um dem Publikum 
auch noch die Erotik zu bieten, die es nach seiner Meinung wie 
das liebe Brot benötigt. Zwei befreundete junge Matrosen, deren 
gemeinsames Auftreten an den bezaubernden Film: sirl in 
everA- port" gemahnt, lieben ein und dasselbe Weibchen, das eine 
Lulu der Südsee ist. Der eine, der sich als Tieftaucher eines 
großen Renommees erfreut, glaubt sich vom andern betrogen. 
Erst als er im letzten Augenblick erfährt, daß allein das Weib die 
Schuld trägt, entschließt er sich dazu, in die Tiefe zu tauchen und 
mit dem Freund auch die Mannschaft Zu befreien. Die Verlogen 
heit, mit der hier die Wirklichkeft geschändet ist, kennt nicht ihres 
gleichen. Ihr entsprechen die deutschen Titel von Willy Haas, 
deren Schnuckis und Bubis durchaus der literarischen Halbwelt 
angehören. Genießbar sind nur die Panzerkreuzer und Flugzeug- 
Mytterschisie, die zum höheren Ruhme der amerikanischen Kriegs 
marine die Leinwand erfüllen.
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        77/ -5 
r-^! Olga Tschechows in „Diane". Sie. ist schön, die Frau, wenn 
auch der Film leider historisch ist. Er behandelt eine Episode aus 
dem französischen Rückzug nach dem Brand Mos 
kaus. Wir schreiben 1812, was dem wenig erfinderischen Regisseur 
Gelegenheit gibt, Schneelandschaften, Kosaken, Gardeuniformen und 
Marodeure mit entsetzlichen Bärten durcheinander zu mengen. Die 
Statisterie scheint ihm nicht sehr opulent zubemessen worden zu 
sein. In der russischen Kälte erwärmen sich die Hauptakteure durch 
eine Unmenge von Liebe, Sinnlichkeit, Eifersucht — alle geblen 
det von der Tschechows, die in der Tat die Aufregung lohnt. Leuch 
tete sie nicht im Film, so bliebe nur der allgemeine Kriegsschla 
massel übrig, dessen serienweise Herstellung man jetzt endlich ein 
mal abbrechen sollte. kacn, 
* Demimonde. Florence Vidor hat etwas vom Charme der 
Massary. In dem von den Ufa-Lichtspielen gezeigten Film. 
„Demimonde" ist sie eine elegante, ein wenig leichtlebige 
-Witwe, von der Art jener, die in Operetten die Hauptrolle spielen. 
Sie am Toilettentisch zu beobachten^ ist ein kleines Erlebnis für 
sich, und welch ein Anblick für Männer, wenn sie im Schmuck 
ihrer vollen Kriegsrüstung erscheint. Da kann keiner gegen sie an; 
nicht einmal die eigene Tochter, die Grund genug hätte, der 
Mutter zu zürnen. Diese Familiengeschichte indessen dient der 
schönen Frau nur als Folie, wie auch der Partner der Vidor 
eine leblose Puppe ist, die allenfalls von fern an Menjou erinnert. 
Ohne das es D'Abbadie D'Arrast gelungen wäre, der Bagatelle 
einige Spannung abzugewinnen, hat er doch die Pikanterie der 
Heldin geschickt untermalt. Er ist ein Regisseur der winzigen ge 
sellschaftlichen Ereignisse. Eine nette Chargenfigur ist übrigens der 
leicht karikierte Amerikaner. Kaca, 
Der Held aller MadchentrLume. Ja, Harry Liedtke 
ist es, weil er der Konfektion^ ist. wie» er leibt und 
lebt. In dem neuen Film der Ufa-Lichtspiele vereinigt 
er wieder einmal- so ziemlich alle Vorzüge, von denen so Mäd 
chen gern träumen. Er ist Vieomte, aber damit man ihm nicht 
vorwerse, daß er ein überflüssiger Aristokrat sei, ist er zugleich 
arm. Er hochstapelt mit Charme, um sich im Frack auf den Höhen 
des Lebens Zu halten, verspricht aber auch, sich sein Leben fortan 
durch Arbeit zu verdienen. Zur eigentlichen Ausführung konnnt 
allerdings der Vorsatz nicht. Er flirtet schließlich mit einer 
msndänen Tänzerin, zieht ihr aber doch die nette, bescheidene 
Kostümzeichnerin vor. Kurzum, es ist für jeden Mädchengeschmack 
gesorgt, und wer nur immer will, mag von diesem Männerideal 
träumen. Robert Land hat das Traunrstück mit Routine auf 
gezogen. Die kleine Betty Bird ist wirklich ein freundliches 
Wesen. — Das Programm wird durch die Produktionen der 
Tänzer Titz 6 und Tarassov angenehm ergänzt. R. s e a. 
--- Re« Heimat. Der Gloria-Palast hat ein gutes Pro 
gramm. Sein Hauptfilme „N eue Heims t" ein Erzeugnis 
s^llt ein Emigmntenschicksal dar. 
Lird auch Amerrka mcht gerade mit den Augen Upton Sinclairs 
betrachtet, so smd doch als Ausgleich gegen das landesübliche keep! 
smilins emrge recht bittere Glossen angebracht. Weich am Anfang 
wenn die Auswanderer amerikanischen Boden betreten, geht es 
fehlte nicht viel, und der Gerichtsfall 
endigte wie die Sacco- und Vanzetti-Affärs. Ein Junge zieht in 
ben Krieg, und die Regie verzichtet wahrhaftig darauf, durch seine 
Rückkehr das Kapp)-enä zu vervollkommnen. Die Spuren der Kritik 
machen den sonst zur Schau getragenen Hollywooder Optimismus 
wenigstens erträglicher. Vollends überschattet werden jene Teile 
der Handlung, die man in Amerika vermutlich für lichtvdll HM, 
durch die E^cheinung Rudolf Schildkrauts, der den Aus- 
darum ein so großer Schauspieler, weil 
A-E Mensch ferne Richtigkeit hat. Seine Darstellungskunst ent- 
der Mltgegebenen Substanz. Wie er zu Beginn jeder Zoll 
em Böhme ,st; wie er sich nach und nach ins Amerikanische über- 
Wl er glücklich sein kann und dann wieder der Kummer 
H von einem virtuosen Kunswerstand zu 
Leistung durchgestaltet, die der ungebrochene Ausdruck der 
Humanität zu sem scheint. Die Ba ra n o ws ka j a, seine Part- 
S'i 'st groß im Schmerz und zärtlicher 
mächtig Wundervoll M- Augenblicke, in denen sie auch 
ihrem Mann zur Mutter wird. Der Regie sind wirkungsvolle Sze 
nen und ein dem inneren Verlauf genau angepaßtes Tempo zu
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        gestalte, 6ie in ^Virklickkeir 
6en?ariser ^uksran6 er^euZr 
karren; von 6en an6eren, 
6aL er Zuviel mir rkearrak- 
scken Lkkekren arbeire. ^Vas 
uns kekürninerr, isr er^vas 
an6eres; isr 6ie larsacke, 
6aL in 6iesern kilni, vor 
allein in seinen rvei ersten 
^kren, ^nal^sen vor^enorn- 
rnen ^vor6en sin6, 6eren bis- 
ker kaum 6ie 8pracke läki§ 
Ze^vesen isr, ßesck^vei^e 6enn 
6ie Tamera. Tosin^e^v un6 
l^rauker^ — ^votier in aller 
Melt kaben 6ie Kei6en 
)un§en keure 6ie käki^keir 
erkalten, 6as ?aris ^vakren6 
6es 70er Triebs so von 
innen keraus Lu kormen, als 
seien 6er Im- 
pressionisten Ieken6i^ ^e^vor6en? Die Oesralren- 
^velr Vlaners un6 Tenoirs ^vesr leikkakriß in 6en 
unver^eMeken ^.nkan^ssLenen 6es kilms. ^ber 
nickt 6aL sie ^reikkar um^van6elr, ist 6as Lr- 
staunlicke, son6ern 6aL sie 6urcksckaut ist. 
Ourcksckaur in ikrer Versrockrkeir, in ikrer 
keere. Tur TnrküllunZ 6es Vergangenen ^ven6en 
6ie Regisseure neue künstleriscke Mittel an. 8ie 
ke^vegen 6as ?ariser Volk nickt eigentlich ^voLu 
6ock gera6e 6er kilm verleitet, son6ern kringen 
--- RaM«. Es ist gut, daß die Neue Lichtb ühn e und dre 
Kammerlichtspiele diesen amerikanischen Kriminalfilm wie 
der einmal vorführen. Er ist spannend und bewährt sich auch bei 
der Reprise. Das Milieu ist das der Wallace-Romane: Unterwelt 
typen, Polizei, ein Detektiv und ein Mädchen, das dieser natürlich 
beiraten wird. Am Schluß erfolgt eine gewaltige Razzia, und der 
schuldig Geglaubte wird, wie es nicht mehr als recht ist, geraoe 
noch im letzten Augenblick vor der Hinrichtung begnadigt. Das 
Ganze ist mit Schmiß zu dem bs.xM «nä hingeführt, und wären nicht 
die schlechten Staffagen, so ließe sich nichts wider diese famose Kol 
portage einwenden. — Voran geht ein Lustspiel: „Hoheit inkognito , 
das einen Operettenstoff auf der Leinwand traktiert. Constanze 
Talmadge ist der Angelpunkt, um den sich nichts dreht. 
ULLL. 
kilm: „Das neue 
ab Ion" isr eines 6er 
merk^vür6i§sren V^erke, 6ie 
aus TuLlan6 Lu uns herüber 
^ekonimen sin6. Lr ^vur6e 
seiner^eir in d/loskau als 
kisrorisckes kesrspiel Lur 
keier 6er Torninune auiFe- 
kükrr un6 Kar lebkatre 
Lunsr6ebarren kerauibe- 
sck^voren. Von 6en einen 
isr ikm vor§e^orken wor 
den, 6aL er 6ie Trakte nickr 
es eker rur Erstarrung. Der 
V^arenkauskesitLer, 6ie kel- 
6iscke Verkäuferin, 6er 
1"keater6irekror un6 6er ^.b- 
geor6nere sin6 ebenso viele 
staruariscke kiguren, 6ie 
immer xvie6er lange 2eir 
okne Tegung auk 6er kein- 
^ivan6 verkarren. Da6urck 
aber, 6aL ikre Oesrckrer in 
OroLauknakme Zögern un6 
sveilen, ersckeinen sie als ge 
storben un6 vor 6as Oerickr 
gesrellr. Den Dlauprreil 6es 
kilms füllen 6ie revolutio 
nären Ereignisse aus. ks Kar 
seinen rieten 8inn, 6aL sie 
in rein äsrkeriscker kiinsickr 
abkallen, 6ak sie einen 
un^virklickeren kin6ruck 
macken als 6er Veginn, 6er 
6ie impressionistiscke Dn- 
^virklickkeir gestaltet. Im- 
merkin kaben 6ie Tünstler 
auck 6orr groke un6 über- 
rascken6e Linkälle, v/o, nack 
Lisenstein un6 ?u6o^vkin, 
DnerMarretes kaum mekr 
möglick sckeint. 8. Trac. 
Tagebuch einer Kokotte» Dieser in den Alemannia- 
Licht spielen gezeigte DuvchschniLLsfilm ist gar nicht schlecht. 
Er stellt das Schicksal eines Mädchens dar, das aus Haltlosigkeit 
und durch unverschuldete Zufälle immer mehr herabkommt. Nimmt 
man einzelne Unwahrscheinlichsten in Kauf, so ist doch der Fall 
richtig gesehen. Die Montage zeugt von Routine und manchmal 
sogar von einem mit Einfällen begabten Talent. Vor allem die 
Nachtaufnahmen und die Bildassoziationen während- der Reden 
bei Gericht sind gelungen. Fee Malten ist der Rolle der Heldin 
gegen Schluß hin immer weniger gewachsen. Für den schurkischen 
Sekretär zeichnet merkwürdigerweise Walter Hasenclever verant 
wortlich, von dem mir unbekannt war, daß er bisher gefilmt hat. 
Am besten ist unstreitig Mary Kid, die das Kokottenleben mit 
innerer Wahrhaftigkeit gestaltet. Taca. 
— Sport und Liebe. Der Gloria-Palast bringt ein 
nettes Doppelprogramm. Da ist der Film: „Schneeschuh- 
bandiLe n", in dem Aud Egede Nissen und Paul Richter 
sich der: Abwechslung halber einmal in Norwegen produzieren. 
Das Thema ist ein guter Lustspieleinfall. Der Reklamechef einer 
wenig frequentierten Staatsbahnlinie plündert mit einigen Hel 
fershelfern einen Zug der privaten Konkurrenzlinie aus, um 
jeinem Unternehmen die Hautztschar der Reisenden zuzusühren. 
Natürlich glückt sein Vorsatz, und er erntet die Tochter des 
Staatsbahndirektors. Das Ganze ist unterhaltend gemacht und 
spielt sich auf einem idealen Skigelände ab, das von allen Dar 
stellern weidlich ausgenutzt wird. Der andere Film: „Was 
kostet die Liebe?" hat sich wieder einmal Paris als Hinter 
grund ausersehen, und zwar ist er teils im Boheme-Milieu Zu 
Hause, wo man arm aber glücklich ist, teils im Palast eines un 
ermeßlich reichen Bankiers. Nachdem man zunächst glauben muß, 
daß der Reichtum verwerflich sei, werden zuletzt, damit alles gut 
ende, auch die seiner teilhaftig, die sich zu Beginn nichts 
aus ihm gewacht haben. Seiner Sentimentalität ungeachtet, 
bringt der Film ein paar hübsche Szenen. Recht apart ist Helen 
Steels als die Mimi-Figur; ein reizender Boheme-Jüngling 
Hans Thimig. U. ac a. 
Zirkusfilm. Der Film: „Ein Mädel und drei 
C l o w n &amp;lt; den der Gloria - P al a st zeiqt aehört -u ien» 
prodmiert worden""K °Ler mit „Manege" ii/Massen 
D-? Keiner hat ie den Manege-Film erreicht 
Der neue Film ipielt zwar im Zirkusmilieu, weil dieses Milieu' 
immer dankbare Effekte hrrgibt, hat aber an sich mit dem Cirkus 
nE viel zu tun. Drei junge Männer lieben ein Mädchen das 
sich zu ihnen vor einem Verfolaer flüchtet. Es entstebt mit Natur- 
n-twendigkeit Eifersucht zwischen den dreien, und der 7delfte von 
^i^^r"8^^nn schließlich das Mädchen. Daß die drei Männer 
ZirkusclowNs smd, und der Verfolger den Beruf des Löwen- 
möaNL?^?'r^?N^ gewiß nicht erforderlich. Immerhin er-' 
Verknüpfung der primitiven Fabel mit dem Hin 
tergrund des Zirkus abwechslungsreiche Staffagen und einige 
Ä'A 8?^^' Die Verknüpfung hätte noch enger sein muffen, 
Clown« Fehler daß man niemals die Nummer der 
Die drei spielen im übrigen mittelmäßig nett mit 
E Eott n ^?eutungen ihrer exzentrischen Haupttätigkeit. Eve- 
lyne Holt ha^kaum «in anderes Verdienst, als blond zu sein und 
rB" des Liebreizenden, zu bemühen. Als besonderes 
flMg «»gieren ^ackson-Girls aufgeboten, die^mitunter
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        --- Der Frosch mit der Maske» Es hat den Anschein, als ob 
wieder Detektivfilme in Aufnahme kämen. Das wäre an sich zu be 
grüßen; denn immer noch ist die offene Kolportage besser als die 
verdeckte, die mit dem Anspruch auftritt, keine Kolportage zu sein. 
Nur dürsten die Detektivfilme kein solches Stückwerk sein wie dieser 
neue, den die A l e m a nn i a - L ich L s p i el e zeigen. Er ist nach 
einem der bekannten Romane von Wallace gedreht, die einige 
durchaus schätzenswerte Qualitäten haben, sich aber gerade als 
Unterlage für Filme schlecht eignen. Denn sie enthalten sämtlich 
em verwickeltes Nebeneinander von Einzelhandlungen, die zwar im 
Buch mehr oder weniger Zusammengehen, auf der Leinwand sich 
aber mit dem besten Willen nicht zur Einheit fügen lassen. Die 
Folge ist ein Zufammensetzspiel aus Illustrationen, an dem nie 
mand seine Freude haben kann. Soll der Film als Film wirken, so 
darf man sich nicht sklavisch an die Romanvorlage halten, sondern 
muß dre Kraft aufbringen, sie völlig umzugestalten, d. h. auf ganze 
MoLwrerhen zu verzichten und die filmisch geeigneten dafür' um so 
nachdrücklicher durchzubilden. Das hat der Regisseur dieses Wallace- 
Fums verabsäumt. So ist ein Gemenge von Szenen entstanden, 
deren rvillkurliche Kombination der gewünschten Spannung wesent 
lich Abbruch tut. Uaea. 
Revolution der Zugend. 
Der Krantz-Proz^ß ha^ eine Serie von Jugendfilmen 
heraufbeschworen, denen dieser als Nachzügler sich anschließt. 
Große Ereignisse werfen nicht nur ihre Schatten voraus, sondern 
auch hinterher. „Revolution der Jugend": das ist eine Schüler 
revolte, bei der weniger die wirkliche als eine imaginäre Jugend 
agiert. So glauben vielleicht einige ältere Leute, daß die Jugend 
sei, und auch die Zuschauer sollen es glauben. Es handelt sich, 
kurz gesagt, um den Kampf einer Unterprimanerklasse gegen einen 
jener bärtigen Schultyrannen, wie es sie allenfalls vor dem Krieg 
noch gab. Der Mann treibt durch seine bösartige Beschränktheit 
einen Schüler in den Tod und einen anderen fast zur Verzweif 
lung. Unter der Führung des Klassenhelden, der entsetzliche Lira- 
den über die heutige Jugend schwingt, versammeln sich die Jüng 
linge mit Verschwörermienen im Hinterzimmer eines Cafes und 
beschließen, sich wider das herrschende Regime zu erheben. Jhr^ 
Komplott wird durch Verrat entdecket, und der Rädelsführer mit 
dem Ausschluß aus der Schule bedroht. Um so vollkommener ist 
sein Triumph am Ende Der verhaßte Lehrer erhält seinen Ab 
schied, unl der Direktor, ein Biedermann, Lächelt den geliebten 
aufrührerischen Jungens entgegen. Aber weder benehmen sich 
diese Jungens wie echte Unterprimaner, noch gibt es heute solche 
Schulmeisterkarikaturen Die ganze Fabel ist Papier. Sie ge 
winnt auch dadurch kein Leben, daß sie mit etlichen anderen 
Motivreihen verknüpft wird: dem Gegensatz von arm und reich 
und den üblichen Liebeleien. Ein Ragout, das mehr der Kon-, 
junktur als dem sachlichen Zwang sein Dasein verdankt. 
Die Regie krankt daran, daß das Manuskript nicht für 
den Film erdacht ist. Es besteht aus einer Unmenge von 
Szenen, die nur ihrem Sinn nach Zusammenhängen, statt sich 
visuell auseinander zu entwickeln. Der Hauptfehler ist der, daß 
ohne Rücksicht arch die filmische Darstellung mehrere Handlungen 
Zu gleicher Zeit spielen, die auf keine Weise durch optische Mittel 
verbunden werden können. Dem Regisseur bleibt nichts anderes 
übrig, als den einzelnen Handlungen nachzulaufen unb sie auf gut 
Glück einzuschalten oder auch zurückzudrängen. So kommt es zu 
- einem Episodengemisch, das nicht so. sehr eine Filmeinheit dar- 
stellt als Illustrationen beliebig häuft. Hätte der Regisseur noch 
eigene Einfälle! Aber sein technisches Vermögen ist beschränkt. 
Er begnügt sich damit, Theaterszenen ZU stellen, verzichtet auf freie 
Uebergänge, bildet die Staffage nicht durch und paßt die Be ¬ 
wegung der Kamera den Situationen kaum je an. 
Unter den Darstellern ragt Franz Kammauf als Schul- 
direktor hervor, Eine gute anspruchslose Chargenfigur, die mit der 
erforderlichen Würde geht und steht. Erwähnenswert vielleicht 
noch der Kaffenbote Kneidingers, der die Bonhommie des 
braven altgedienten Mittelbeamten verkörpert. Die Schüler sind, 
von den Statisten abgesehen, keine Schüler, sondern ausgewachsene 
junge Schauspieler, die sich vergeblich jünger und naiver zu 
machen suchen. e L. ! 
Das grüne Monokel. In diesem Detektivfilm der Neuen 
Sich tbühne wird der Held „StuarL WebL s" genannt. 
Aber das ist ein Mißbrauch des Namens. Denn Webbs, so hat 
jener charmante Ernst Reicher geheißen, der in einer vor mehreren 
Jahren erschienenen und dann leider abgebrochenen Filmierie das 
Muster der Detektive gewesen ist: Weltmann durch und durch, Herr 
jeder Situatkon und mit einem Scharfblick begabt, der die Konstruk 
tion der Verbrechen durchs noch ehe sie begangen worden 
waren. Sie wurden verwickelt wie ein Labyrinth angelegt, damit 
sein Triumph desto größer erscheine. Der Name Webbs ist geblie 
ben, aber nicht nur sein Träger hat sich verringert, sondern auch 
die Missetaten sind einfältiger geworden. Ralph Cancy, der neue 
Webbs, mutet wie ein Schüler des alten an und zeichnet sich 
weniger durch Witz als durch ein gefärbtes Monokel aus. Auf dem 
anderen Auge sieht er auch nicht viel. Daß er dennoch der Jn- 
trige auf den Grund kommt, ist im wesentlichen ihrer Schlichtheit 
und den' Vorschriften des Manuskripts zu danken. Es handelt sich 
um den Diebstahl eines diplomatischen Aktenstückes, dessen Ent 
deckung länger hinaus geschoben wird, als notwendig wäre. Den 
Darstellern ermangelt der pointierte Charakter, und die Regie 
verfährt nach dem üblichen Schema. So ist ein Stück von mittel 
mäßiger Spannung entstanden, das nur die Sehnsucht erweckt, daß 
der ursprüngliche Webbs selber sich wieder auf die Jagd nach 
fähigeren Verbrechern begeben möchte. Kaca. ' 
. Achtung, Achtung — HarW 
' „Verirrte Mikrophone in Paris" -- die unter diesem Titel vom ! 
Frankfurter Rundfunk veranstalteten Reportagen Mhen 
von einer völlig verkehrten Voraussetzung aus. Sie möchten den 
Hörern durch Berichte, die in Paris selber gesprochen werden, Ein 
drücke von dieser Stadt vermitteln. Aber solche an Ort und Stelle 
verübten akustischen Momentaufnahmen widerstreben geradezu dem 
Zweck, den sie erfüllen sollen. Warum widerstreben sie ihm? Nun, 
der Empfänger vernimmt allein das ins Mikrophon gesprochene 
Wort, ohne sich auf andere Weise ein Bild von der Umgebung 
machen zu können, in der sich der Sprecher befindet. Besäße der 
Empfänger noch eine Ansichtskarte, die den beschriebenen Ort dar- 
stellt; aber er hat überhaupt keine Abbildung zur Verfügung, sondern 
ist rein auf die Worte des Gewährsmannes angewiesen. Daß dieser 
erklärt, in Paris Zu sein, gibt ihm nicht den geringsten Begriff von 
Paris. Er erhielte ihn vielmehr höchstens dann, wenn der Sprecher 
verstünde, seine Mitteilungen in eine überzeugende Form zu kleiden. 
Sie müßten sprachlich durchgestaltet sein, um die zu schildernde 
Atmosphäre wirklich einzufangen. Nicht darauf kommt es also an, 
daß der Sprecher vom Fleck weg Pariser Eindrücke pflückt, sondern 
es kommt im Gegenteil darauf an, daß er sie verarbeitet und dann 
ausgeformt weitergibt. Die erstrebte Unmittelbarkeit hindert ihn 
aber gerade daran, seine Sorgfalt aufs Wort zu verwenden, und so 
mag er selber zwar die beschriebenen Köstlichkeiten wahrnehmen, 
die armen Hörer jedoch gehen doppelt leer aus. Sie hätten mehr 
davon, wenn sie vom Frankfurter Sender aus eine wirklich 
durchgefeilte Impression über diese oder jene Pariser Oertlichkeit 
empfingen, statt ihre Sensation lediglich aus der Gewißheit ziehen 
M müssen, daß der Sprecher im Augenblick an der betreffenden 
.Oertlichkeit weilt. 
Die SinnlosiMt, um nicht zu sagen die Lächerlich« 
Leit dieser sogenannten PaMer Reportagen trat gestern 
abend deutlich hervor. Die beiden Sprecher des Frank 
furter Rundfunks, versicherten zu Beginn, daß sie sich in einem 
Cafe der Rue de la GaiLL befänden. „Ich stehe hinter dem Schank 
tisch," hörte man sie sagen. „Ich vernehme das Gewirr der franzö 
sischen Straße." „Ich sitze hinter einer Glaswand." „Jetzt sind wir 
im Zentrum des Cafes." Wer das sind Unterschriften für Photo 
graphien und hat mit der Wiedergabe von Eindrücken nichts Zu tun. 
Wo sie überhaupt versucht wurde, fiel sie jämmerlich aus. Etwa so: 
„Ein Kino befindet sich neben dem anderen, eine Bar neben der 
anderen." Leicht zu begreifen: wenn man sich mitten auf der 
Straße aufhält, kann man nicht auch noch ihre wesentlichen Ge 
halte herauskristallisieren. Der Fehler steckt eben darin, daß man die 
Rue ds la Gatts von der Rue de la Gaitä aus den Hörern nahe- 
bringen will. Als handle es sich um einen Film und nicht um einen 
gesprochenen Bericht. — Von der Monparnasse-Straße ging es zum 
Carnavalet-Museum. In diesem wie in jedem Museum befinden sich 
Gegenstände, die betrachtet zu werden verlangen. Man kann auch 
den Katalog studieren; aber der Katalog erfüllt sich nur vor den 
Gegenständen selber mit Leben. Was tat der Sprecher? Er zählte 
wie ein Katalog (nur viel unvollständiger) ein paar Gegenstände 
auf, die man nicht sah und von denen er auch keine Ahnung zu er 
wecken vermochte. „In einem Winkel steht..."; „Nun folgt eine 
Vitrine..."; „es geht jetzt weiter..."; „nun kommen wir in 
Saal 45...". Das ganze unsichtbare Museum im Jargon des 
Fremdenführers und in kaum einer halben Stunde. Der Oberfläch 
lichkeit eines solchen Verfahrens entspricht der Dilettantismus, mit 
dem gerade ein derartiges Objekt zur Beschreibung ausgesucht 
worden ist. Es folgte nach über 10 Minuten das Cafe de l'Univers 
im Stadtinnern; wobei nicht zu sagen vergessen wurde, daß die 
Unterbrechung sich aus dem starken Autoverkehr erkläre. Eine Tat 
sache, die den Hörern nur,dann etwas gegeben hätte, wenn sie
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        „ 
Der amerikanische Film „Polizei" veranschaulicht den Kampf Leitmotivs vergegenwärtigt, das zum übrigen Realismus nicht 
In einigen von ihnen schlägt die Realistik, die das Dasein 
unverfälscht wiederzugeben meint, in Gestaltung um, die das bloße 
Dasein aufhebt. Sternberg läßt etwa seine weibliche Hauptfigur 
eine Hintertreppe hinaufgehen: mit einem Glanz, der bedeutungs 
voll ist, sticht der prunkhaste Abendmantel von dem Grau der 
Wände und Stiegen ab. Bei einem opulenten Festmahl der Ver 
brecherbande wird als Clou des Abends der einst gefürchtete 
Detektiv hereingeschleppt, der nzwischen den Dienst gekündigt hat 
und vollkommen ungefährlich geworden ist. Die Herren Schmuggler 
verhöhnen ihn, und die Dämchen sitzen erwartungsvoll da, als 
harrten sie auf irgend ein schreckliches Ereignis, das nun ein 
treten müsse. Wie der geblendete Simson wankt der geschwächte 
Deteklio durch die Gesellschaft der Frevler, und man hat in der 
Tot das Gefühl, daß im nächsten Augenblick das Haus zu wanken 
beginne. 
Mit erstaunlicher Kunst hat Sternöcrg seine Darsteller durch» 
paßt. Aber die paar Entgleisungen beeinträchtigen kaum die leib 
hafte Gewalt, die von den Szenen ausströmt. 
gebildet. George Bancroft als Detektiv steht gegen den Ver 
brecherkönig William Powells. Ein meisterhafter Kontrast 
zweier Figuren. Jener: schwer, brutal, nicht sehr intelligent, 
mit dem Boxerlachen und dem guten braven Herzen im Hinter 
grund. Dieser: eine Menjou-Eleganz, die ins Gemeine entartet 
ist, lauernd, von einer äußerlichen Apathie, die Furcht erweckt. 
Emt man jenen auch -gern, wenn er einem etwas tut, ss stößt 
dieser um ss mehr zurück, je gleichmütiger er sich gibt. Zwischen 
beiden bewegt sich Evelyn Brent, der vom Regisseur schönes, 
waghalsiges Leben eingehaucht worden ist. Auch die Nebenfiguren 
sind glaubhaft hingesetzt. — Der Film wird zur Zeit im Frank 
furter Ufa-Theater gezeigt. 
der Behörden mit einer wohlorganisterten Alkohol-Schmugglerbande. 
Geschmeichelt wird der Polizei hierbei nicht. Sie wacht. Razzien 
großen Stils, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen; sie wendet dort 
plumpe Gewaltmethoden an, wo sie durch List viel eher ihr Ziel 
erreichte. Josef von SternLerg, der Regisseur, rückt durch den 
realistischen Stil der Darstellung die Ereignisse in eine geradezu 
körperliche Nähe. Man glaubt die Personen greifen zu können, 
weil die Details der Umwelt minutiös ausgearbeitet sind; weil die 
Fabel weniger komponiert als dem wirklichen Leben nacherzählt Zu 
sein scheint. So steht es in der Unterwelt von Chicago aus; solche 
künstliche Spinnweben verschleiern den Geheimeingang Zur Ver 
brecherwohnung; so gefährdet mag das Leben von Detektiven sein, 
das alles wird mit einem fanatischen Wirklichkeitseifer gezeigt, 
der den Zuschauer Zum Zeugen echten Geschehens macht. An 
manchen Stellen freilich vernichtet falsche künstlerische Absicht das 
Eigenleben des Stoffs. Ein Unglückssall wird durch schwarze Katzen 
und Kalender allzu aufdringlich angekündigt, und verschiedene 
Phasen der entscheidenden Liebesbeziehung sind mit Hilfe'eines 
-- Ein „Großlustspiel". Diese kriegsmäßige Bezeichnung Hot 
sich der Film: „Aufruhr im Junggesellenheim" bei 
gelegt, der zur Zeit im Gloria-Palast läuft. Er verdient sie; 
denn alle Schwankmotive werden in ihm wie Tanks aufgefahren. 
Sie richten sich drohend gegen den Zuschauer, ihn zu Zermalmen 
bereit, wenn er nicht lachen will. So suchen sie mit Gewalt fertig 
zu bringen, was eigentlich mit Witz hätte erreicht werden müssen. 
Der aber ist fern; mag auch die alte unverwüstliche Adele Sand 
rock Posaune blasen und Siegfried Arno seine entzückende lang- 
nasige Blasiertheit mimisch vollkommen präsentieren. Weitere 
Größen in diesem Elitekorps des Blödsinns sind Kurt Gereon, 
der noch nicht den rechten Possenstil gefunden hat, und die reizende 
, Käthe v. Nagy, die Impertinenz und Harmlosigkeit gut dosiert. 
Von sämtlichen Prominenten umringt und bedrängt bricht das 
! Publikum in der Tat in die ihm kommandierte Lustigkeit aus. Das 
! Großlustspiel hat gesiegt. KaeL. 
Der Teufelsreporter. So nennt sich Eddh Psls in 
seinem neuesten SensationsfUm: „Im Nebel der Groß 
stadt", der wenigstens keine Ansprüche erhebt, sondern sich offen 
zur Kolportage bekennt. Dreizehn Millionärs! öchter aus Amerika 
sind zu Erpresserzwecken am hellichten Tag in Berlin gestohlen 
worden, und Eddy stöbert sie auf. Die Fabel ist etwas simpel, aber 
was ihr an Verwicklungen abgeht, wird durch las Tempo wieder 
wettgemacht. Eddy saust, springt, chauffiert, klettert und tele 
phoniert in einem fort hin und her und entfaltet dabei eine 
wunderbare Gewandtheit des Körpers. Sie nicht minder wie seine 
jungenhafte Liebenswürdigkeit erinnern an Harrn Piel, besten 
Vetter er sein könnte. Ueber den Tricks und Kunststücken Eddys 
werden bis UnwahrschelnUchkeiten um so leichter verschmerzt, als 
die Regie einige gute Einfälle hat und das Prestiffimo geschickt 
herausbringt. In deutschen Zeitungsgebäudsn sieht es allerdings 
Landers aus. kaeL. 
durch Bilder oder durch die Sprechkunst des Interpreten Zur Er 
fahrung erhoben worden wäre. Von dem CafL de l'Univers, das 
übrigens abends ganz uncharakteristisch ist, wurden so gleichgültige 
Dinge erzählt wie von den anderen Orten. Den Beschluß sollte eine 
„Reportage" von der Place de lDpera bilden. Sie kam nicht zu 
stande, da sich die Mikrophone zum Glück endgültig verirrt Zu 
haben schienen. 
Es wäre ratsam, wenn der Frankfurter Rundfunk auf solche 
Aon Grund auf falsch angelegte Vermittlungen verzichtete. Sie 
find um so peinlicher, als sie Paris betreffen, eine Stadt, die 
sich kaum den Augen allein, geschweige denn laienhaften Prima- 
Vista-Berichten erschließt. Ihre Darbietung ist ein Frevel, und 
nur die ununterrichtete Torhe't kann es wagen, sich derart an l 
Wser Stadt zu vergreifen. Wenn schon in einer Pseudo-Unmit- 
Lesbarkeit geschwelgt werden soll, ss täte man besser daran, das 
RadiopuLMum aus deutschen Städten anzusprechen, deren 
Umwelt ihm wenigstens so vertraut ist, daß es sich such bei der 
fragwürdigsten Reportage noch etwas vorstellen Amn. 
- S. Krakauer.
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        8. LraoLuer» 
LsrmsDK Lesiren: ^Vis lb!sbOS-DbH^. 
206 Zeiten. Osb «K Z. 
&amp;gt;,D i e Arche Noah": ein gigantischer amerikanischer Ton 
film, der Millionen verschlungen hat und Millionen umschlingen 
möchte. Müßig, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Er besteht aus 
folgenden Teilen: 
Einem Eisenbahnunglück im Atelier mit echt rötlich züngeln 
den Flammen. 
Einer Wiedergabe der biblischen Sintflut, die zur vorsünv- 
flutlichen Kolportage wird. Massenszenen, Orgien in Sadismus, 
künstliche Blitze und Oeffnung eines Wasserreservoirs. Aber seit 
den Zeiten des Ben Hur-Films ist die Mode für solchen monu 
mentalen Kitsch vorbei. 
Einer Kriegsschilderung aus dritter Hand, mit Schützengräben, 
Stacheldrähten, guten Kameraden, Bomben und elenden Hinter- 
Trundstaffagen von Paris. Verlogenes Zeug; doppelt unmöglich 
nach „Rivalen" und den dokumentarischen Darstellungen. 
Einem bapp^ enä, das durch ein Bekenntnis zum Kellogg- 
Pakt noch versüßt wird. 
Die Aufzählung wird genügen. Fast ist der Mut, mit dem ein 
derartiger Spektakel geboten wird, so groß wie die Dummheit, 
aus deren Abgründen er stammt. Man wünscht sich eine wirkliche 
Sintflut herbei. 
Was die Vertonung betrifft, so sind einige grundsätzliche Be 
merkungen am Platz, die nicht nur für diesen Film gelten. 
Es zeigt sich hier wie anderswo, daß man noch immer mit einer 
gewissen Naivetät bestrebt ist, Stellen über Gebühr zu dehnen, die 
Möglichkeiten der akustischen Illustration hergeben. Ein Aufmarsch 
von Truppen dauert stundenlang, und stürzt ein HauS ein, so muß 
es vom Scheitel bis zur Sohle verenden, damit man das Poltern 
auch wirklich hört. Der Film leidet unter diesen Verzögerungen, i 
Gesprochene Dialoge einzuarbeiten, scheint, bisher wenigstens, 
ein abwegiges Beginnen. Schon aus technischen Gründen: weder 
läßt sich die Sprechstimme dem Sprechenden zuordnen, noch wirkt 
ihre Wiedergabe glaubhaft. Ein Mädchen, dem mau ein Helles 
VWINU 
SLLM^Si LL8VLZil. 
8sb.r Assbrtsr üsrr ^sston, 
ioü üads rrütäsrwoilo lür nsuss Luoü ^oltzsoQ 
unä raöoüto Kmon, unsorsr Vsraoreäunx AernäL, 
äarüdor soüroiüoQ.*) Ls ist mir dssonäors vioi 
äaran AtzlsASQ, ÜM6L lüror ^rützit otwaZ LN 
8LZ6Q, weil ioü rnioü Ü6I äer LoictürS äoutiioü 
MQ68 (F68präoÜ8 sriimsrts, äas wir einmal in 
der Uampsstnüo Zeiüürt Laben. Ls betrat äas 
Verbältnis äes 8obriktstel!ers, um niebt 2U 
8LZ6U äes viobters, riur Lmpirie. leb bade mied 
aueb wieäer bei Ibrem neuen Vueb äavon über- 
2su§t, äa-L 8ie Lieb aus wirWekem innerem 
Lwan» unä mit einer sebr besonäeren, sebr 
merbwüräiFSn spraoblieben Lbantasie über äie 
Lealität erbeben. 8ie umspielen ^leiobsam äie 
Leabtät mit Arabesken, unä äurob äie latsaobe, 
äaL 8ie so spielen, ist sebon binreiebenä äie 
verbältnismä^i^e ^iebtiZbeit äieser Lealität äar- 
Zetan. Ironie unä 8arbasmus bellen Ibnen äavei, 
äie ^.nsprüobs äer bloßen Labten LurüobLU- 
äränMn unä äen ^L^ent auk äaZ ru le§en, 
worauk es anbommt: auk äie eebten Ls^iebunMn 
rwiseben äen Nenseben. Im Lrin^ip also wäre 
äie 8aebe in Oränun^ unä ieb bann 8ie nur 
äa^u beFlüobwünseben, äaä 8ie so rein unä 
bonserneut ibre Linie verkoken. 
^.ber eine MinÄssbeit stört miob äabei, äer, 
wie ieb glaube, von Ibnen abZebolken wer- 
äsn sollte. Lei äer Lrörterun^ äieses Lunbtes 
bomme ieb auk unser Oespräob^ von äamals ru- 
rüeb. 2um Lntersebieä von mir meinten 8ie im 
Verlaut lener LnterbLltun^, äak äer Oiebter siob 
niebt weiter tiek in äie Lmpiris einsenben 
müsse; es xenüZe äie oberLLebliobe LsrübrunZ 
mit äer Lmpirie, unä im übrigen b8.be er aus 
sieb selber LU soböpksn. Nit äer LoräerunZ, äaü 
er aus sieb selber ru sebopken bs.be, bin ieb. Zs- 
wik einverstanäen; aber äer Nan§el einer 
enteren LerisbunZ 2ur Lmpirie räobt sieb naeb 
meinem Lrmessen noeb an Ibrey Arbeiten, Ls 
sebeint mir nLmlieb, Als wäre jene von Ibnen 
, stilistiseb äanFestellte ironisebe LeberleZenbeit 
über äie Lealitäten äes Alltags erst äann Ze- 
reebtkertiFt, wenn sie aus äer reebten Lrkabrun^ 
1 eben äieses LlltaZs bervorginAS. blur äas, was 
- eräuläet unä ernstbakt erFrikken ist, äark reebt 
eigentbob bagatellisiert weräen. Lei äer Lebtüre 
Ibrer neuen Lr^blun^ bleibt nun äie Lmpkin- 
äun§ 2urüob, als sei äie von Ibnen abZesebobene 
Lealität in äer Ist niebt bewältigt woräen. Das 
aber entbrLktet äie Ironie unä verlsibt ^.euke- 
runZen äen 8ebein äes Loobmuts, ja äer ^rro- 
LLN2, äie ein ^sieben äer Irauer sein sollten. 
8ie suobsn, mit Leebt, äas V^ssen abseits aller 
LbLnomene, äie vom banalen Verstanä als Rea 
litäten verbuobt weräen; man müNe merken, 
äak 8ie äureb äiese Lealitäten binäurebZe- 
sebritten sinä, um Ibnen äas ^Vessn wirblieb ru 
glauben, ieb wünsebte, wäre: äaL Ibre Ae- 
staltun^en noeb etwas mebr 8ebwere erbieltsn, 
äaL sie so weit naeb unten rsiobten, wie sie 
naeb oben rielen. 
! Kolkentbob versieben 8ie meinen Linwanä 
! riobtis. Lr beliebt sieb auk etwas Abstellbares. 
lob bin übsrreu§t äavon, äak äie meines Lraob- 
tens notwenäiASn LorreLturen von selber ein- 
tretsn weräem 
i «v- 
In Äsm OLrob«-L«fr „7a t" W-L. 
I/'M-is) LLe^ L« /r-airsöÄss-iLn 
Kkuatto« &amp;lt;r«f 
, SAS-r 
/ortsesetst. vnt«- Äe« Nrei.i 
«-s-üE-r Lnefe ro» VokMeck öe-r» Lgo» 
i?" SessEks «remp!«- 
s«&amp;gt;er«. «vtzeLj^s»^ yxrstjgM 
rm-ü-L-uLEm«»." 
»^«rL (SeLwerLe,- ^«rLL^nL 2S^icL) tat t« 
^^otosravLre sewickme«. M 
«WgeMreL»et SsbMe^e 
FfL, ^«sa «oLoiv-^asv Ä 
Lmaerviksen «ei äi«f cks« 
- Hmgabs. Dieser Film der Gloria - Lichtspiele ist ein 
Wiener Fabrikat und beweist, daß Wien, was den Film betrifft 
nach em wemg in der Vorkriegszeit lebt. Zugrunde liegt eine total 
veraltete psychologische Novelle, in der es um Einzelschicksale gebt 
Sie niemand mehr interessieren. Der Held ist ein Bildhauer, der 
nur zu dem Zweck plötzlich zu erblinden scheint, dainit sein Freund 
^°?^°r°n muß Der tut es unter der Bedingung, daß die von 
ihm geliebte Frau des Erblindeten verspricht, sich scheiden zu lassen 
""d tun zu herraten. Die Erpressung kommt später an den Lag 
Haxgefuhle treiben zu einer Art von Duell, und allein der kärgliche 
Notausgang sichert der gestörten Ehe zuletzt doch den Fortgang. 
Wen kummern^uch^ solche Privatkonstruktionen, die auf nicht 
Voraussetzungen beruhen? Marcella Albani 
' A"mens mehr eine Haremsfigur als eine Italienerin 
ist, ipielt das hingebende Weib mit einem Mangel an Hingabe, der 
a n"« ^I r^^bglfchkeit herrührt. Der Bildhauer Adalbert 
/iri.m ist zu grob geschnitzt, und sein Mütterchen 
m? Pkeßnech gehört zu jener schrecklichen Muttersorts 
umarmt^ shren großen Jungen immerwährend 
aller VerIbtbeit^des°^ Chirurgenphystognomie Bei 
des Dtoffs hat die Regie einige recht geschickte 
L^n geliefert. Die Rührseligkeit der Handlung wird dmch 
Ansichten von Wien und vom Semmering unterstützt. Laca.
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        Groß-Frankfurt.) 
S. K^a c a u e r. 
in der scbmalen Baupt- 
der sicb ^.ütos und Laäe- 
sasiasen? 
KUSU 
Vor einigen Woche sah ich im Pariser Paramount-Theater einen 
reizenden kleinen Tonfilm. Auf der Leinwand ein gezeichnetes 
Orchester, das sich je nach der Laune des Zeichners verändert. Der 
Kapellmeister bläht sich etwa komisch auf, oder greift auf einmal in 
die Notenschrift, holt eine Note heraus und benutzt sie als Takt 
stock. Das Ganze eine optische Arabeske um ein paar nette englische 
Schlager. 
Wozu Millionen für Millionen? Sie sind unnütz vertan. 
(Zur Aufführung des Films im Frankfurter üfatheater 
Organ zutraut, zwängt dunkle, rauhe Töne aus dem Lautsprecher 
hervor. Aber auch rein ästhetisch ist die Einschaltung der Dialoge 
Lm allgemeinen vom Uebel. Sie halten den Fortgang der Montage 
auf Gesprächspartner, die sich soeben noch munter bewegten, be 
wegen auf einmal nur noch die Münder. Da der Zusammenhang 
von Bild und Wort nicht einsichtig ist, erscheinen diese Unter 
brechungen als Leerstellen. Um ganz davon zu schweigen, daß die 
reine Mimik den Inhalt der untergeschobenen Texte gewöhnlich 
viel vollkommener ausdrücken könnte. 
Schließlich erliegen die Tonfilme fast durchweg der Versuchung, 
eine musikalische Begleitung zu liefern, die mit dem Bildstreifen 
genau parallel läuft. Sie bekräftigen damit eine Tendenz, der schon 
die großen Kinoorchester huldigen. Jeder Phase des Bildstreifens 
entspricht eine gleichsinnige der Musik. Folgt auf der Leinwand 
einer Kußszene unmitelbar der Schlachtendonner, so machen ur 
plötzlich Trommeln und Pauken dem Flötensolo den Garaus. Aber 
die Musikchat nicht die Reihe der Bildeinheiten mechanisch zu repe 
tieren, sondern die Bedeutungen zu vermitteln, die durch jene Reihe 
getroffen werden sollen. Donnert die Schlacht in die Küsse hinein, 
so geht es weder um die Küsse noch um die Schlacht, sondern um 
ihr Jneinandergreifen, das allein Gegenstand der Vertonung zu 
sein, hätte. Es geht mit anderen Worten um die Zwischenräume, 
um die in den einzelnen MontageabschniLLen selbst nicht ausge 
drückten Gehalte. In den Anfangszeiten des Kinos duddelte oft 
ein Klavierspieler schlecht und recht ein Potpourri herunter, das 
sich den Bildepisoden nicht im geringsten anzupassen bemühte. Es 
führte sicherer zur Mitte des Geschehens hin als das so minutiöse 
wie stupide musikalische Mimikry der heutigen Illustratoren. 
Man kauft sie 
gesobäftsstralle, in 
gäste fortwährend miteinander vermiscken. Die 
Badegäste v/allen, vor allem vormittags, in 
berrlick leucktenden Bademänteln mit Bkantasie- 
mustern einker, Manckma! Öffnet sied der Mantel 
unten, und ein Baar entLÜckender nackter Beine 
käkrt arglos aus dem Dunkel kervor. Bekleidet 
und dock nickt bekleidet wandelt sicks an- 
genekm in dem sauberen 8tädtcken, dem kaum 
nock an^umerken ist, da6 kier einst Budwig XIV. 
Bock^eit geleiert liat. Xbgeseken von einigen 
kistoriscken Oebauden aus jenen Bugen und der 
8oNne, die dem roi soleil deute nie damals Bkre 
mackt, bat sied inzwischen alles verändert. 
OroÜe Hotels sind entstanden, mit Olasveranden, 
in denen man abends die Oäste von auüen takeln 
aiebt. (Der 8moking ist nur bei Oula-Veranstal- 
tungen nock Vorsckrift.) Bs gibt aucb billigere 
Botels obns Olasveranden, Bensionen, Apparte 
ments und bübseb möblierte Villen, deren Ober- 
gesebosse durck kleine Brückcken unmittelbar 
mit der 8trandprom6nads verbunden sind. Ver- 
sckiedene Bestaurants erleicktern die Aufgabe, 
in ibnen Bauskult xu kübren; wäkrend die Oalös 
und Bars mebr das Bedürfnis nacb Blirt und 
^peritivs befriedigen. In einem dieser Bokals 
bockt die grollbürgsrlicke dugend ^.bend für 
^.bend in einem Klüngel Zusammen und Lüblt 
sieb als ecbte Boböme. 
Die ganLS Bebensv/eise ^vird durcb den 8trand 
bedingt, ^.ucb ^vo man ibn nicbt vor ^.ugen bal, 
ist er gegenwärtig. Bine gewaltige Bläcbe, auk 
der man trotL der un?äb!igen Beute und ^elte 
genügend leeren Baum um sicb findet. 8is folgt 
dem 2ug der Bissenbucbt, der gegen das offene 
Meer bin ein dünner Inselstreifen vorgelagert ist. 
8o wenigstens scbeint es dem 8pL?iergänger, 
der vom erböbten 8trandweg aus das öfkentlicbe 
kanorama überblickt: unter ibm das undefinier 
bare bunte Oewimmel der Ladenden und im 
2aint-FeLQ-ckS»Bu^ 
Binks die Byrenäen, reebts das Meer —- da« 
Lwiscben 8t, dean-de-Bu2. Bin netter, Kondor- 
tabler, 8ommer und Sinter besuchter Ort, LU 
dessen Zpesmlitäten eins bestimmte 8orte von 
Makronen gebört. Maccarons de 8t. dean-de-BuL- 
8ie sckmecken wunderbar langsam und süll. 
Umkreis das Bund des Ufers mit dem Burm von 
Bainte-Varbe, Oiboure und dem alten Bort 8ocoa. 
Das Bild ist bald su erscbopfen und xum Aus 
wendiglernen bestimmt, ^.ber die ricbtige Ein 
stellung ist bier allein die borisontale. Dem 
Biegenden verscbwindet das 8cbema der Kon 
turen, die Bindrücke wandeln sieb ibm unauf- 
borlicb. Mit Kokosö! eingefettet, lang ausgestreckt 
und die Bände balb eingewüblt Lwiscben glatt 
gescbeuerten tlacben 8teincben erblickt er die 
anlaufenden V^'ogen, die sicb wie 8cbieler 
sebicbtenförmig von einander abbeben; Kinder 
in lotalansicbt und die unteren Körperbälften 
der Brwacbsenen; ^Vasserradfabrer, die sicb 
nacb dem Bormont su verlieren; das Ladescbiff 
Bskualduna mit seinen 8portvorricbtungen, das 
um Mittag einer vollbesetzten Brambabn gleicbt; 
flickende Kind ermüd eben auf 8tüblen, alte Berren 
in 8trobbüten, verlassene Bademäntel, 8trand- 
scbube, blauen Bimmel und Bunde. Die meisten 
scbwimmen nicbt nur, sondern spielen Ball, 
rudern, maeben Breiübungen und verunstalten 
einen DauerlauB 8ovie! Ossundbeit, wie bier 
produziert wird, ballt sicb sonstwo nicbt leiebt 
Zusammen. DrauLen stebt ein 8egel, scbwebt ein 
Blieger, surren Lwei Motorboote. 8ie verkleinern 
durcb ibrs Käserei die Bucbt Lum Bümpel und 
binterlassen eine breite 8pur, die wie eine nacb- 
träglicb erzeugte Bennbabn aussiebt. Von oben 
kritisieren die Binbeimiscben das der Brbolung 
gewidmete Brsiben. Den arcbitektoniscbsn Mittel 
punkt der gesamten Massersone bildet das im 
Vsrjabr erricbtste Kasino, aucb „Bergola" ge 
nannt; eine 8cböpfung des ^.rcbitekten Bobert 
Ma1!et-8tevens, die neue 8acblicbkeit mit Obarme 
vereint. Ibren bis ins Detail aufgelockerten 
Massen ist die Bukt nicbt Bukt, sondern ein fübl- 
bares Blement, mit dem sie sicb auseinander- 
set2sn. ^.uf der lerrasse spielt eine blegerkapelle 
und ein argentiniscbes Bango-Orobester; doppelte 
Besetrung 2U doppelten Breissn. Abends grolle 
^Lgenauffabrt vor dem Vestibül und innen das 
aus den Oesellsobaktsfilmen bekannte Oesell- 
Lebaktsleben. Au dieser 8tunde ist der 8tränd» 
bummel scbön. Die Olubbirnenserren der Bergola 
strablsn leicbtkertig über der scbwarben Bucbt, 
und windige IrLmbabnlicbtcben gleiten an ibren 
Bändern entlang. 
Ueber dem okfiriellen OlanL der ^Vasser- 
perspektive drobt die Bandscbaft vernacblässigt 
2U werden. Bs wäre scbade darum. In sie 
scbon einbeLogsn ist der Baken, ein etwas 
scbmuddeliges Bassin mit blaugesiricbenen Käbnen 
und Dampfercben. Maler, 8cbiffer und Angler 
bevölkern diese verlockende Binterbausgegend. 
weiter binaus ist das Band leicbt bügslig, offen, 
klar gegen den Bimmel abgesetst und mit kleinen 
8sen gefüllt, die unmittelbar vor dem Meeres- 
uker anticbambrieren. 8traLen und 8cbienen- 
stränge verbinden die Badeorts miteinander, die 
sicb nacbmittags gegenseitig besucken. 8o kommen 
die Beute aus Bsndays nacb 8t. dean-ds-Bux, 
das wiederum seine Visite in Bendaye macbt. 
Dieses Bad an der franxosiscb - spaniscben 
Orenre ist der Bisblingsaufentbalt Bnamunos 
und seiner rubigen Bage wegen kür Brbolungs- 
bedürktige besonders geeignet, Bin Oleicbss gilt 
für Obetbary und Bidart. Die Orte sind 
aucb ^Vinterstationen und baben ein 8trandleben, 
das sieb von dem in 8t. dean-de-Bu? grundsäiL- 
lieb kaum unterscbeiden wird. Beberall werden 
Baskenmützen getragen und baskiscbe 8piele 
verunstaltet, bei denen das BäUcben Lwiscben 
einer ^.rt von 8cbleuder und einer boben Mauer 
ein sebr beweglicbes und prekäres Dasein fübrt. 
Baupt und Krone des ganzen Küstenbetriebs ist 
unLweifelbaft 
B i a r r i t 2. 
Auk den ersten Blick bin scbeint Biarrit? 
nicbts weiter als ein internationaler Hmtomarkt 
^u sein. BranLÖsiscbe, engliscbs, amerikaniscbe 
Buxuswagen rollen unablässig über die Baupt- 
und Bebenstrallen, und der 8trallenübergang er 
fordert mindestens so viel Boutine wie etwa vor 
der Oare 8t. Basare in Baris. Die Beute geben 
bier nicbt baden, sie kabren baden; wie in dem 
bekannten Bilm Lüster Keatons, in dem Buster 
als melaneboliseber junger Beicber die 8trecke 
von seinem Baus sum Baus gegenüber im ^.uto 
2urücklegt. Bewegen sicb die -^utos nicbt, so 
parken sie und verdecken das Meer. Bnerkind-
        <pb n="34" />
        lieh i8t, wo sie alle die Backt verbringen; wäk- 
rend sicb die Mensckengaragen in bestall ge 
waltiger Botels bockst sicbtbar bedrängen. Viel« 
leickt sind die Menscken nock rablreieber als 
die ^.utos. Unter ibnen gibt es prominente und 
koke Aristokraten, über deren -^nwesenbeit die 
„barette de Biarritr" auskübrlicb bericbtet. 8ie 
verreicbnet aucb sämtlicbe kestlicke Veranstal 
tungen im weiten Dmkreis, besebrerbt genau, 
wie die Beste Pag kür Pag näker rücken, und 
bescbreibt sie binterber erst reebt. ^Ues wax 
wieder vortrekklicb gelungen. Pin ^.ußenkort der 
Ävilisatiov ist die brande klage, auk der tags 
über ein Masssnauklauk in permanenr kerrscbt. 
Die Menge promeniert, die Menge badet, die 
Menge trinkt Kakkee, die Menge bört dem Kon 
cert ru (viel Leetkoven, 8cbubert und andere 
Klassiker), die Stenge beobacktet die Menge, 
^.uk den Längen der 8erpentinenwege, die vom 
8trand rwiscben Boskstts rur 8tadt binauk- 
kükren, sitrt wiederum eine Stenge, die ibrer- 
seits die Menge dort unten betracbteb Die 
reinste Mengenlekre. Der Keir des Bildes ist der 
unvermittelte Tusammenprall der Baturmacbte 
mit dem mondänen peben. Das User bleibt das 
Meer, wie vkt immer es überklogen wird. Hier 
braust es ungebärdiger als in 8t. «lean-de-pur 
und sebeut sieb keineswegs, die Belsen mit 
Wogen ru übersebütten, die sieb gewascben 
kaben. banr Biarritr tbront auk Belsen. 8ie bil 
den verernrelte Vorposten im Meer,^ru denen 
man auk langen Brücken gelangt; sie scbwingen 
über das Bestland als sebmale gewölbte Bitte 
binaus, die dureb punnels unterboblt sind und 
auk ibrem Kücken gärtnsriscke Anlagen tragen; 
sie weieken rurück und lassen platr kür male 
rische brotten trei und kür eine kleine gesebütrte 
bar, rv der es toller rugeki als im pamrlienbad 
Wannsse. D^nk dieser elementariseben Pannen 
erökkven sieb immer weckselnde Aspekts, Man 
gebt von der brande klage aus ein kurzes mit 
pkotograpken gepklastertes 8tück, versckwlndet 
unter einem Belsvorsprung und weilt in einer 
völlig veränderten pandsebaLp Durch sslok« 
lab^rintbiscb verseblungene pkads verdreikacbt 
sicb Biarritr. ^.m stillsten und sebönsten ist es 
an der Löte des Basques. Ibr entlang kükrt die 
Bus des kalaises, einer der LLuberbaktesten 
ttöbenwege auk Brden. belb und grau sind bisr 
die Barben der Küste. 8ie ist in einen leicbten 
Dunst gebullt, den die ewig anbrausends ^leute 
der Wogen erzeugt. Br lagert, ein durcbsicbtiger 
Dampk, über dem Passer, mildert die Harte des 
Oesteins und verleibt ibm den blanr der Berns, 
bliebt immer dark an dem 8trand unten gebadet 
werden, paukt das l^eer gerade klacb über den 
8and, so scbeint es, als glitten die Badenden 
über schimmerndes Bis. 
Bin beliebtes ^acbmittagSLiel kür die Biarrit^er 
^utos und aucb von den anderen Küstenorten 
aus bequem ru erreicben ist 
6 a y o n n e. 
Das 8tädteben ist einige Kilometer vom Neer 
entkernt, was ibm nicbt 2um blacbteil gereicht, 
denn es liegt am Adoun Abends siebt er gan2 
bolländiscb aus. Man muk ibn auk einer statt 
lichen Brücke überqueren, um von der Bahn ins 
8tadtinnere r:u gelangen. Bat man ihn hinter 
sicb, so kolgt Zuerst Petit Ba^onne, dann das 
Bive-BlüKcben und endlicb brand Ba^onne, das 
kreilicb auch nicbt sehr groL ist. beraumige, 
geometrisch sauber angelegte BaumplatLe sind 
ein Bauptbestandteil jeder kranrösischsn Provinz 
stadt; aber diese verkügt aullerdem noch über 
echte 8tra6en, die in 8!^ bineinreiüen, als ent 
hielten sie ein bebeimnis. Die 8tra6e der 8traben 
ist die Bue du Port-Beuk. 8ie ist klein und ver 
jüngt sicb überdies nacb der Kathedrale im 
Hintergrund ru. protr des geringen perritoriums, 
das sie einnimmt, bringt sie es auk wypderbarS 
Weise ksrtig, eine Welt su umsoblieüen. 8er es 
Zauberei oder nicht: ihre gar nicht Londerlicü 
hoben ÜLuswande erwecken den Bin druck un 
endlich gegliederter placken, die nur auseinander- 
gekaltet werden müßten, um den Bimmel su 
überLieben, ^rkadengänge kübren Zu beiden 
äsitv» dE Ltraße durch dr» M«ssr bindursb. 
Wer in sie eindringt, srtäbrt den Mikrokosmos 
von innen. Pämpchen brennen an der Decke, 
bebautensterLüslagen glitzern, 8piegelsebeiben 
Zeigen Bruchstücke glanrendsr Dings —- man 
glaubt sieb in eine 8cbatrboble versetzt, ver 
langsamt die 8obritte und ist gebannt. In 
mitten dieser unirdiseben Helligkeit sebimmern 
kreisrunde pisebeben, deren blasplatten bunt 
unterlegt sind. 8is kolgen einander so diebt wie 
die Konditoreien, ru denen sie geboren, ver 
sperren Barrikaden gleieb dem Passanten den 
Weg und sind immer besetzt, Wenn man an 
einem von ihnen wider Br warten doeb einen 
P1at2 erwisebt, ist man ein kür allemal geborgen. 
Die 8cbokolade quirlt, die pteiler sind mit 
tarbigen Beklamemosaiken gesebmückt, und aus 
dem Musikalisngeschäkt tont die 8timms barusos. 
Blegante Bachmittagsgesellsehakten ballen kier 
Bast. Manche Damen sind lebende Bilder: das 
besieht ein Pastell, die Bingernägel grellrot 
lackiert, ^ebn rote pupken — mebr ist vom 
Krieg und der Bevolution nicbt übrig. Verlassene 
^.utokarrosserien barren binter den ^.rkaden- 
bögen, das 8ummen der Oespräcbe ermüdet die 
Anne, ^bgestumpkt gegen das Olüek, durcb- 
briebt man den magiscben Kreis, voller kurcbt 
vor Brnüebterung. 8ie stellt sieb nicbt ein. DaZ 
sie kernbleibt, liegt allerdings weniger an den 
paar nambaktsn bewalden des Bonnat-bluseumK 
als an dem musterbakten Oeist des Btädtebens 
selber. 8eine ^Välle und Oräben sind in roman- 
tiscbe Promenaden umgewandelt, die ideale 
8eblupkwinkel kür Kinder und Vagabunden bieten; 
seine Oesobäktsauslagen reugen von einem ge- 
wäblten besebmaek; seine (^akes atmen Heiter 
keit und verraten 8inn kür Improvisation. Line 
^.nmut und Belbstziobsrbeit, die §iob nicbt über 
all in der kranrxösiscben provinr kindet und ver- 
Mutliob der ^LObbarsobakt des internationalen 
badelebens ru danken ist. 
Der ^ukentbalt am Küstcvstrieb wird gern ru 
prokanen ^allkabrten naeb Kourdes (und Bau) 
ausgsnutrt. Vor alle n lockt nab im 8üd das 
sobÖLK 8MNLSN. kaMplonL liegt M Beiebweits- u»ä 
8an 8ebastiaQ 
nicbt gesehen xu haben, wäre ein unersetzlicher 
Verlust. Man kährt vormittags im ^.utocar bin 
und ist 2um Abendessen , wieder Zurück, ^n der 
Bucht Ba boncba gleicht die 8tadt einem alt^ 
modischen kolorierten 8tich aus Bebersee; es 
ist, als habe man sie in der Kinderzeit schon 
einmal erblickt. 2wei Bergkuppen von naiver 
Bxotik bewachen den Bingang 2ur Luebt, das 
Meer ist tiekblau Zekärbt, ein kleines Kriegs- 
scbikk aus Papiermache stobt vor der Insel 
8anta Llära Baachwolken aus, und auk derBels- 
wand recbts kleben Bischerbauscben, die einer 
veristiscben Oper entstammen. 8o pittoresk wie 
diese Bassaden ist die ^rmut allein. Die 8tadt 
selbst ist von einer gelassenen Vornehmheit, der 
man anmerkt, da6 sie durch den Krieg nicbt 
erschüttert wurde. 8ie besteht aus geraden 
8trabenxügen, breiten ^.venuen und einigen 
prächtigen Plätzen, die wie 8til!eben wirken. 
Bines ihrer Paradestücke ist jene unvergleich 
liche ^.llee, die oberhalb des 8and8trands8 die 
Ooncba umstreicbt. Die an ikr gelegenen Botels 
trumpksn so wenig auk wie die 8eüoras und 
baballeros, die unter dem Baubdacb promenie 
ren. ^.lle8 ist gedämpkt, alles bat den Baucb der 
8oliditat; wie pakelgescbirr, das sicb in der 
Bamilie von beneration 2u beneration vererbt, 
^.ucb keblen in den Pokalen die 8piegel, die das 
gesellscbaktlicbe XVesen der Bran^osen reklek- 
tieren. Was keineswegs beiden soll, da6 das 
peben bier nicbt nacb außen, nicht auk die 8tra6e 
drängte. 8chuhput2er verleihen dem 8chuhwerk 
lieblicher junger bents eine strahlende Ober- 
klächlichkeit, Militärpersonsn riehen in barmen- 
Bnikormen auk und Murillo-Kinder nisten s.uk 
sämtlichen Rampen und Balustraden. Bur in der 
Mittagshitre pklegt die 8tadt einer besonders 
vornehmen Ruhe. Dann kunkelt der barocke 
Beberschwang von 8anta Maria durch die leere 
btraßenklucht, und das Meer an der neuen 
borviobe gleißt noch einmal so blau. 
§- LrsosnHQ
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        ruhe ist uns allerdings viel gelegen. 
D. Red. 
10 l 
Kot oben und unten nicht beseitigt werden, solange unser Babbitt 
sortfährt, mit Scheuklappen in der Welt und der Gesellschaft herum« 
zulaufen. Von dem Grad seiner Ahnungslosigkeit zeugt die Unter 
stellung, daß wir es darauf abgesehen hätten, „unter allen Um 
ständen Modernstes zu bringen", das ihn „ziehen, kitzeln, spannen" 
solle» Nicht doch, verehrter Anonymus, es ist keineswegs unsere 
Absicht, Sie zu kitzeln und zu spannen. Das, was wir wollen, ist 
vielmehr: Ihnen die Augen öffnen über gesellschaftliche Zustände 
und menschliche Verhältnisse, von denen Sie morgens am liebsten 
nichts wissen möchten. An diesen Attentaten gegen Ihre Gemüts- 
Frankfurt, 26. Oktober. 
In diesem Film wird gefilmt, und die gefilmten Szenen er 
scheinen selbst wieder als Film. Wie in einem Spiegelkabinett. 
Eine echte Filmidee: den Konkurrenzkampf zweier „Kamera 
Männer" aufzunehmen, die bei zwei Wochenschau-Unternehmungen 
angestellt sind. Jeder der beiden möchte im Interesse der Firma 
und aus purer Sportlust der Welt beweisen, daß er ihr bester 
Kameramann ist. Natürlich ist der eine Kameramann ein Mädel; 
natürlich besiegt zuletzt das Mädel den Mann; natürlich erobert 
zuletzt der Mann das Herz des Mädels. 
Bebe Daniels geht forsch ins Zeug. Sie ist vulgär aus 
gemacht, wirst Blicke wie Bomben und benimmt sich nicht eben 
damenhaft. Girltyp in Großaufnahme. Ihr Partner Neil Hamil - 
ton: der übliche nette Junge, fix und mit jenem Lächeln im Ge 
sicht, das so wenig ausgeht wie das ewige Lämpchen. Wenn er 
kurbelt, dreht er die Mütze um. Zwei grundamerikanische Typen, 
deren Wiege vermutlich schon ein Auto war. Sie fegen wie gute 
Kinder durch den Raum, der Himmel ist blau und Amerika groß. 
Niemals werden sie altern. Wenn sie heiraten, kriegen sie einen 
do^-, der ebenfalls kurbelt. 
Auf immer sensationellere Weise machen sich die beiden die 
Sensationen streitig. Ein Höhepunkt in doppeltem Sinne ist ihre 
Jagd nach dem Zeppelin. Rein topographisch: denn sie fangen 
ihn auf dem Kopf der Freiheitsstatue ab. Rein filmisch: denn sie 
fangen ihn gar nicht ab. Nachdem sie die ganze Zeit Krieg mit 
einander geführt haben, beginnen sie sich nämlich ausgerechnet an 
dieser luftigen Stätte die ersten Zärtlichkeiten zu erweisen, und über 
ihre innige Umarmung hinweg entschwebt der Zepp wie der weiße 
Hirsch. 
Bezaubernder noch ist der unfreiwillige Tanz. Die Sache iü 
die: ein indischer Maharadscha will sich um keinen Preis photo 
graphieren lassen. Aus Aberglauben. Trotz aller Vorkehrungen ge 
lingt es unserem Kamerapaar, sich bei dem ihm zu Ehren ver 
unstalteten Gartenfest als ^änzer und Tänzerin einzuschmuggeln. 
bleibt. 
Im Namen derer, die gewohnt waren, im Feuilleton 
Wertvolles zu finden. 
Eine SchlagerUustration. „Kennst du das kleine 
Haus am Michigansee - so lautet die Frage, die 
der Film des Gloria-Palastes stellt. Er beantwortet sie im 
Sinne des Schlagers. Ein junger Mann und ein junges Mädchen 
lernen sich auf unkonventionelle Weise mitten im besungenen See 
kennen; ein Wochenendhäuschen wird zur kleinsten Hütte für das 
glücklich liebende Paar; eine auf väterlichen Befehl geschlossene 
Verlobung geht zurück, und zum Schluß finden sich alle, die zu 
sammengehören. Dem Publikum, das den Schlagern zubestimmt ist, 
wird auch der Film angemessen sein. Paul Vincenti ist ein 
echter, sportlich und erotisch gleich versierter Schlagerjüngling und 
Margot Lands ein vollschlankes jugendfrohes, dummes Mäd 
chen. Da auch Geld in Menge vorhanden ist, steht das Liebesglück 
der Leiden unter günstigen Auspizien. Im Hintergrund: ein 
Alpensee, ein künstlicher Sturm und der dicke Teddy Bill. 
KL0L. 
Dem empörten Einsender ist es also unbegreiflich, Laß wir ihm 
morgens Zum Frühstück einen Roman anzuöieten wagen, der von 
Existenzen handelt, die er verachtet. Ihm steigt der Ekel aus vor 
dem Treiben der Zuhälter und vor den Enthüllungen aus 
Prostituiertenkreisen. Wir beneiden den Mann nicht um seine 
Selbstgerechtigkeit. Statt zu erkennen, daß die Schilderungen 
Döblins ihm den Sinn für ein Leben eröffnen sollen, das des Mit 
gefühls und des Verständnisses wert ist, verschließt er sich gegen 
über diesem Leben im Interesse seines privaten Tagesablaufs. Er 
müßte dankbar dafür sein, daß ihn der Dichter in die Souterrains 
unseres Gesellschaftsbaues führt, und entrüstet sich über den ,Kot", 
den er dort findet. Aber vielleicht ist der Kot in der von ihm ver 
pönten Unterwelt nicht größer als weiter oberhalb in der Beletage, 
wo er von dem Dreck nur zu lesen braucht; und gewiß kann der 
terbrot ge 
Franz Biberkopf Zu 
platten, gemeinen Jargon, der Döblin beängstigend flott aus dem 
Munde geht. Und nichts als die Gedankengänge dieser Zuhälter, 
nur ihre primitiven, hemmungslosen Triebe... All das ist sicher 
interessant für den Psychologen, aber ein Mißgriff (zart ausge 
drückt) Lei der Wahl einer UnterhaltungslektE Wir verstehen 
auch Ihre Lage: Die Zeitung will unter allen Umständen 
Modernstes bringen, möglichst auch ganz Neues, Niedagewesenes, 
es soll „ziehen", kitzeln, spannen. Aber dies ernüchterte nur, 
ekelte an und, je länger desto mehr, empörte es. Wir haben ja 
auch allerlei dabei gelernt, das sei gern zugestanden. Wir kennen 
nun jede noch- so faulige Falte im Seelenleben der Prostituierten, 
Lei denen auch rührende Züge nicht fehlen, wir haben viel neue 
Sprachkenntnisse eingeheimst, wissen genau Bescheid, wenn es 
heißt „Ich geh verschütt", Kassiber, Lampen machen, und wie das 
Verbrecher-Vokabularium sonst lautet, wir werden uns tadellos 
benehmen, wenn wir mal in diese Kreise kommen, wir wissen 
diesen Gewinn sehr zu schätzen. Aber wir hoffen doch, und möch 
ten diesem Wunsch stärksten Nachdruck geben, daß der Genuß solch 
platter, wertloser Durchschnittslektüre uns in Zukunft erspart 
dieser e.naMche G«sellschastsfilm der Ale ¬ 
' p' ° schildert eine Ehebeziehung auf des 
^ Künstlerin; er: ein reicher Fabrikant 
Da d.e Sehnsucht der Künstlerin nach einem Kind trotz mehrjähri- 
.^Ehb unbefriedigt bleibt, begeht sie nächtlicherweise mit einem 
U Ä nbe L kannten einen Fehltritt, der sie in "» de » n S ge " w u ü " nic L kte " n KuiMnN 
A Mannes. Höchst peinlich: das Kind kommt an und 
der Seitensprung heraus. Wird der Betrogene sich mit dem freund 
rade nooks es nicht, sondern erlebt nur ge 
Weib verzeiht. Maria Corda spielt diese 
aageoliche Dulderin, der es zuletzt doch ganz gut eraebt mit 
nrehr von heute sind' Besser in 
-^ameson Thomas, eine mit sympathi- 
9/?^" ^5?. E"SKgte Figur. Insoweit die Regie Victor 
§ mcht durch die Gefühlsseligkeit und Beschränktheit der 
Effekte ^b^udlcapt wird, ist sie überlegen und erzielt diskrete 
Antwort an einen Anonymus. 
Uns ist die folgende anonyme Zuschrift Wer 
DöLlinS Roman „Berlin Alexand erplatz" 
zugegangen. Sie ist so voller Mißverständnisse und verrät 
ein so mangelndes Verhältnis zu literarischen Werken, daß 
wir ausnahmsweise einmal von der Regel abweichen und 
sie der Oeffentlichkeit unterbreiten möchten. Hier ist sie: 
Frankfurt a. M., 12. Okt. 1929. 
„Dieser Vrief ist die Meinungsäußerung weiter Kreise der 
Leserschaft Ihres Blattes, die Sie als geistigen Leiter der „Frank 
furter Zeitung" gewiß interessiert. Der Roman in den Spalten 
Ihres Feuilletons ist Zu Ende, dem Himmel sei Dank! — Franz 
Biberkopf ist Hilfsportier geworden, und wir wünschen ihm alle 
einen friedlichen Lebensabend. Ein tiefes, befreites Aufatmen 
geht durch die Reihen Ihrer Leser, denn wir haben begründete 
Hoffnung, daß «ein noch tieferes Herabsteigen in den Schmutz des 
Lebens nicht möglich ist und uns daher in Zukunft erspart bleibt. 
Wir waren freilich etwas darauf vorbereitet, da Sie kurz vorher 
„ins Schleudern geraten" waren und der üble Nachgeschmack noch 
auf unseren Zungen lag. Das genügte eigentlich völlig, warum 
aber mußte dieser „Roman" in die Spalten Ihrer Zeitung kom 
men, die Sie doch überwachen? Mr machen Sie nicht dafür ver 
antwortlich, daß das Buch geschrieben ist. Wenn es Döblin Spaß 
macht, sich im Kot zu wälzen, so mag er es tun, und alle, die 
daran Interesse haben (wir übersetzen die psychologische Seite 
nicht) mögen sich das Buch kaufen, gut. Aber warum zwingen 
Sie Ihre Leser, jeden Morgen mit Tagesanfang durch diesen 
Dreck zu waten, in diese niedrigsten Niederungen der menschlichen 
Gesellschaft zu steigen, daß einem der Ekel aufstieg. Man weiß 
. zur Genüge, daß es diese Schichten gibt, in denen Habsucht und. 
' Trunksucht, Neid, Verlogenheit, Gemeinheit, Gewissenlosigkeit, 
Roheit bis zum kaltblütig begangenen Mord an der Tagesekd- 
Harry Ein Pi F e i l l - m Fil a m us es d : em „M „M ä i n lie n u e ". r o D h a n s e M B ilie e u ru d f e " s — neue e n r 
wird in den Drechsel- und den E li t e lich t sp i el e n ge- 
M z U e m ä ig d s t c ch h — l e ä n g h en ä is , n t dl i d e s a t r. s M E „M in a e i r l r i s e e u de i r l , le H d . . a h u . p V tp o d l i n ä e tze Z d , o u r a n t n ft g d e d e h e m e r n s g ie e D w a i e h m r r b e p s fe m „ r W äß a n ig r a e e c n h " 
s Sg a aü le udka a em u lt s e—r d ik ie a s A, e l r bd S easr p t h d ä Le r on e nd i l n re t ei e cs r h e th s g s alä a t n uu t b e nigs B e e njü o n b Mg a äs c dt h c t ü u hb n ee g nr en aTly v sp e e r P m na i r t u t a e ndd l i t e . sS H c a hvi r oc r kr y -- 
! P st i e e ll l t m si a ch cht e e in s s S ich ch l a e u ic s h p t i e e r le a rm ls ili d e e u r g a r u o s ße Z fr u a h nz ä ö lt s e is r c n he u R nd epo M rt ä e d r c . h E en r 
z K u o s l a p m or m ta e g n e , fi i l n m, d g e e m wiß e , r a a b ls er G er eh is e t im m p i o t liz G i e s s t ch L ic o k rb g e e e a re rb n eit p e f t lü u ck n t d . E en in t- 
h f V a äe lt rl e td t i . eenisn M tieg a ne rse ng il ee le tht , öert w ,U ie ndwa e aß s hres le rch ib es t iicnhl u ic n hv d koer i l t e eO b n t r. , igZi g nu r a e l i h f s t ienint ü ee b rn e g r r a üw l n l eds e ee i nn n t : liceh d ne i t e n- 
dK s i c ae h t m hGe a d l e e rs n aalem za tpI u em b r e s r p h Me a ki f tt t ti e ve n el nu G n a mk ss tit e d n eNr s o e Htr in ea e -nD s dalu H mn a e fe s n dt v ee i h e tl r a t d e e ls rG , Tarr d da ie ens J bu o on l rd l d ie ed t u t e r r , r 
A je n nes ihm gig k a . l n e ti t s te c r h t e H E a is rr e p nsk h e in le a tt u , f d u a n s d d h e e n ru g n A t l e te r n um Haf d e i n e V ü e b r e b r r q e u c e h r e t. r , 
z A u n fa ih n m gen kle u tt n e d rt z H ug a le rr ic y h h d in as au S f e u n n s d ati h o e n r s u b n e te d r ü , rfn u i m s z d u ie b V ef e r r i b e r d e ig c e h n e , r 
das überhaupt in dieser amüsanten Mache nicht zu kurz kommt. 
nung sind — warum aber müssen wir es jeden Morgen aufs But 
estrichen -bekommen. Ei warum, ei darum! um mit 
berkopf Zu reden, vielmehr mit dem scheußlich echten,
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        Küf dem Tanzpodium möchten sie sich gegenseitig eine Kurbel ent 
reißen, die zu einem der versteckten Aufnahmeapparate gehört. Sie 
Dringt den Gegner an, krallt sich an ihm fest und beißt ihn; er 
wirbelt sie mehrfach herum und schleudert sie durchaus unsentimen- 
Lal zu Boden. Mitten im Gefecht besinnen sie sich manchmal auf 
ihre Rolle und machen einige Tanzschritte zusammen. Kein Wunder, 
daß der Maharadscha den Ernst des Lebens für heitere Apachen 
kunst halt und das Zeichen zum Beifall gibt. Daß er am Ende doch 
gefiknt wird, versteht sich von selbst. Eine regiemäßig glänzende 
Szene. 
Sonst ereignet sich noch: ein Schisssungtüä; eine Entführung 
auf einer Jacht; eine Verfolgung im Flugzeug, das die Jacht ein- 
neöelt. Autos, Motorräder und Radio bilden den notwendigen 
Hintergrund. Alles im Hundert-Kilometer-Tempo und so keß aus- 
genommen,'als hatten die zwei besten Kameramänner der Welt ihre 
Abenteur selber gekurbelt. Die Titel sind gut, die Einfälle lustig, 
wenn auch mitunter roh. Man sollte sich den Film ansehen. 
(„Das Mädel mit der Kamera" läuft im Frankfurter 
Ufa-Theater.) S. Kracauer. 
Der Sittenpaß. Dieser Ruffenfilm im Gloria- Palast ist 
nicht zu verwechseln mit dem früher in Frankfurt gezeigten Film 
„Der gelbe Paß". Er ist eigentlich auch gar kein Russenfilm, 
sondern anscheinend ein Warschauer Produkt. Seine Fabel führt 
in die Zarenzeit zurück und schildert die Korruption der Polizei 
in einem russischen Provinzstädtchen nahe der polnischen Grenze. 
In der Mitte steht die Figur des Polizeimeisters Tagejeff, eines 
schwergebauten Mannes, dessen Tyrannei, Lüsternheit und feile 
Gesinnung vorzüglich dargestellt sind. Als seine Geliebte und zu 
gleich als Spionin wirkt ein schwarzes, etwas outriert spielendes 
Mädchen, das als Zofe in einer großbürgerlichen Familie dient, 
die durch seine Schuld vom Verderben bedroht wird. Ausgeliefert 
wird sie ihm zum Glück nicht, da die Zofe aus Liebe zum Sohn 
des Hauses sich zuletzt doch eines Besseren besinnt und ihre ge 
fährdete Herrschaft rettet. Nebentypen: eine Bordellbesitzerin mit 
einem Vogelgesicht und ein Polizeileutnant, in dem sich Servilität 
j und Gemeinheit wundervoll mischen. Die Aufnahmen sind nach 
&amp;gt; russischen Vorbildern gemacht, doch ohne sie zu erreichen. Immer 
hin bringen es noch dre epigorralen Anstrengungen zu einiger! 
wirklich sehenswerten Szenen, um derentwillen man dem Film 
manche Schwächen verzeiht. Der Vorgang der Bestechung im 
Polizeibüro gelangt durch das Spiel der Hände von Geber und 
Empfänger zu drastischer Sichtbarkeit; die Kabarettmädchen im 
Privatgemach Tagejeffs erscheinen als gute befangene Sendboten; 
die Zimmer des Provinzbordells find eindrucksvoll arrangiert. 
— - ' 
«»- Vater und Hohn. Im No §y - Pa la st ist dieser neue. 
Har r y Liedtke - Film angelaufen, der eine ganz sympathische 
Variante des alten Liedtke-EheM bringt. Bleibt unser Lebens 
künstler Zwar auch jetzt Liebhaber und Bonvivant, so ist er doch 
mindestens ebenso sehr Vater. Der Vater eines netten jungen 
Mannes (Rolf van Goth), der ihn seiner Witwerhäuslichkcit 
entführt und mit ihm zusammen bummeln geht. Die Eintracht 
der beiden wird ein wenig dadurch gestört, daß der Papa das 
gleiche Mädchen lieb gewinnt wie der Junge, der in Liesen 
Kummer zu versinken droht, weil das Mädchen die Liebe erwidert. 
Um des Sohnes willen verzichtet zuletzt der Vater auf die Ver 
wirklichung seiner Wünsche, und eine wehmütige Resignation steht 
am Ende. Ein leichtes Konversationsstück vor Pariser Hinter 
gründen, in dem Liedtke Gelegenheit hat, sich von seiner an 
genehmsten Seite zu zeigen. Das Zusammenspiel der beiden 
Männer, des älteren und des jüngeren, führt zu einigen 
gelungenen Szenen; so zu jener, in der die zwei Herren in Frack 
und Zylinder Arm in Arm durch die Straße rauschen. Als Neben 
figuren find unter anderem Jda Wüst und der dicke Huszar- 
Puffy verwandt. Die Regie ist nicht originell, aber routiniert.
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verschiedenen Rollen nebeneinander «eben muß? 
Eines Verdikts gegen den hohlen Prunk, wenn Szenen 
aus dem Nibelungenfilm ihn rein durch sich selbst 
widerlegen? — Dank dem geschickten Arrangement 
von Text und Bildern, Beispielen und Gegenbeispielen 
erhält das Buch eine unmittelbare Faßlichkeit. Jeder 
Filmfreund sollte es lesen- und betrachten; der Filmn 
gegner erst recht. 
(Im Zusammenhang mit dieser Veröffentlichung 
sei auf Werner Gräffs: „Es kommt der 
neue Fotograf“, einen Parallelband des Ver 
lags Hermann Reckendorf, aufmerksam gemacht. Er 
gleicht nach Absicht und Ausstattung dem von Rich 
ter, unter dessen Mitarbeit er entstanden ist) 
* 
Die Filmkunst ist noch zu jung, als daß der 
Versuch zu einer Typologie oder Inventarisierung 
ihrer Erzeugnisse aussichtsreich wäre. Diese steigen 
in die Gregenwart und fallen in Vergessenheit; 
historische Dokumente sind sie einstweilen nicht. 
Vorstudie eines zukünftigen Filmmuseums 
zu sein, ist entschieden der Sinn des Buches: „F i 1 m- 
Photos wie noch nie“ (Kindt &amp; Bücher, Ver 
lag, Gießen. Kupfertiefdruck der Frankfurter Socie+ 
täte - Druckerei, Frankfurt). Eine zusammenge 
würfelte Gesellschaft von Aufsätzen und Bildern, die 
sich in dem Werk wie unter einem Notdach ver 
einigt. Man fragt nicht viel, wer man ist, man ist 
froh, vorerst geborgen zu sein. Filmgrößen entwickeln 
ihre Ideale, Schriftsteller ihre Meinung über den 
Film. (Aus der Menge der Artikel ragt einer von 
Rudolf Heilbrunn, hervor, der zu der interessanten 
Schlußformel gelangt, daß der Film das „Epos der 
internationalen Demokratie“ sei.) Auswahllos wie 
die Texte strömen die Bilder herbei. Mit Rechts 
denn wo es gilt, aufzubewahren und dem Gedächtnis 
zu übermitteln, käme die strenge Jury zu früh. Wäre 
auch zu wünschen gewesen, daß die Erläuterungen 
sich nicht jeder Kritik an schlechten Produkten be 
flissen enthalten hätten, so ist doch gutzuheißen, daß 
das System, nach dem das Material aneinanderge 
reiht wird, die Systemlosigkeit ist. und in der Nach 
barschaft des herrlichen Films: „Menilmontant“ der 
„Heilige Berg“ ansteigt. Der Eindruck, den die 
Photos hinterlassen, ist um so authentischer, als 
manche von ihnen unmittelbar aus den Filmstreifen 
gewonnen sind. 
Es ist ein Vergnügen, die Kollektion zu durch 
blättern und auf Schritt und Tritt Wiedersehen mit ♦ 
alten Bekannten zu feiern. Viele waren zu ihren Leb 
zeiten unleidliche Gesellen. Nun sind sie Stoff zur 
Betrachtung und brauchen das Licht nicht mehr zu 
scheuen wie einst, als sie es sahen. In den Speichern 
der Erinnerung ist auch ihnen ein Plätzchen gegönnt. 
S. Kracauer 
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H# gj~HoB8s, 
Hans Richter, der zu der kleinen Avant 
garde der deutschen Filmkünstler gehört, entwickelt 
in seinem kürzlich erschienenen Buch: „Film 
gegner von heute — Filmfreunde von 
morgen“ (Hermann Reckendorf, Berlin. 125 S. 
m. Abb. Geb. J 7.50.) einige Thesen über die Mög 
lichkeiten und Ziele des Films. Ihr Wert erhöht sich 
dadurch, daß sie der Praxis entnommen sind und stets 
wieder in sie einmünden. Wie es nicht anders zu er 
warten ist, unterstreicht Richter die gegenüber vielen 
falschen Versuchen gar nicht so selbstverständliche 
Forderung, daß der Film nicht zu wesensfrem- ; 
den Mitteln greifen dürfe, sondern die nur ihm 
eigenen auszuschöpfen habe. Mit Pudowkin wird die 
bildliche Darstellung an die Bewegung der Kamera, 
die Wahl des Standorts und die Variationen des Lichts 
gebunden; mit ihm die Montage als entscheidendes 
Kompositionsprinzip anerkannt. Inhaltliche Entschie 
denheit unterbaut und rechtfertigt die formal-ästhe 
tische. Radikal lehnt Richter die Verlogenheit der 
üblichen Spielfilme ab. Sie sollten Ideologien entlar 
ven, statt sie zu spiegeln; die Wirklichkeit zeigen, 
wie sie ist, und nicht Wunschträume vorgaukeln, die 
sich verflüchtigen. In der Tat: auch der Ästhetisch 
einwandfrei konstruierte Film liefe leer, wenn sein 
Gehalt die in formaler Hinsicht erreichte Aufrichtig 
keit verleugnete. 
Richter kommt vom abstrakten Film her. 
Ihn stellt er noch immer an die Spitze, wenn er sich 
in eeinem Buch zum Fürsprech der „Filmpoesie“ 
macht; d. h. einer Filmgattung, die rein aus dem 
Rhythmus geboren ist und sich allen Bedingungen 
entzieht, die ihr von den Gegenständen auferlegt wer 
den könnten. Von dieser Auffassung aus erteilt er 
etwa einer Groteske wie: „Chaplin solo“ den unbe-" 
dingten Vorrang vor den späteren großen Spielfilmen 
Chaplins. Aber ein solches Werturteil beweist nur 
die Fragwürdigkeit einer Hierarchie, deren Gipfel 
der absolute Film ist. In seiner Verherrlichung trifft 
sich das längst zum. Aesthetizismus entleerte L’art 
pour Fart-Prinzip mit dem Grundsatz expressionisti- 
I scher Kunstübung, die Gleichgültigkeit dem Eigen 
gehalt der Dinge gegenüber mit der Absage an den 
Gegenstand überhaupt. Der Expressionismus ist 
I durchschaut, und so ist auch die Gültigkeit der reinen 
„Filmpoesie“ aufgehoben. Ihr heute noch den Pris 
mat zuzubilligen, wäre gleichbedeutend mit der Flucht 
vor der Wirklichkeit in ein unkontrollierbares Para 
dies. Zum Glück scheint Richters Huldigung vor dem 
gegenstandslosen Film ein mehr oder minder gegen 
standsloser Restbestand aus einer früheren Epoche 
zu sein. Denn weit davon entfernt, sich ihm allein 
zu verschreiben, gibt er den Sachgehalten, was ihnen 
gebührt, indem er den Spielfilm auf höchst belatej, 
Themen verweist 
Sämtliche Thesen werden durch die Schlagkralt 
d : zahlreichen Bildbeigaben unterstützt Erhärten 
sie die positiven Aussagen, so machen sie die kri 
tischen nahezu überflüssig. Oder bedarf es noch einer 
ausdrücklichen Verdammung des Starunwesens, wenn 
man das «ne Gesicht von Jannings in vier oder fünf' 
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58 § 5 3 E,e8 g,35e 
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        Aer erste deutsche Tonfilm. 
-- Schwarzwald-Berlin. Der in den Ufa-Lichtspielen ge. 
zeigsrre Film: „.,SS chk w a rzz w a l d m nä dbpesl" ist nach der galleiicÄh-- 
Operette gedreht. Liane Haid muß in ihm ein süßes 
Madel Erstellen, das aus dem stillen Dorf nach dem großen Ber- 
^^A^iagen wird, dort sich einem Mann opfert, der für sie nicht 
geschaffen rst, und zuletzt wieder ins stille Dorf zurückkehrt. Teils 
m eracht terls im Stadtkostüm. Ein volkstümliches Rührstück, 
dessen zweifelhafter Held Fred Louis Lerch als russischer Emi 
grant rst. Berlin wird durch die Gesellschaftsdame Olga Lim- 
und einen Trottel von Gnaden Georg Alexanders 
schlecht und recht repräsentiert. Die Regie hätte das Stück durch 
erne leichte Wendung ins Märchenhafte wesentlich verbessern 
Encn. 
Tobissilm glücklicher verfahren, wenn man nur die vorgewiesenen 
Schriftstücke laut hätte verlesen lassen. . . 
Wie immer das Experiment ausgefallen ist, es ist sehens- und 
Hörenswert. Je mehr Anteil die öffentliche Meinung an den Ver 
suchen nimmt, um so eher wird das Provisorium überwunden. 
Der Film ist die Leistung eines Kollektivs, zu dessen paffwen 
Mitarbeitern das Publikum zählt. („Der Günstling von Schon- 
brunn" läuft im Frankfurter Gloria-Palast.) 
S. Kracauer. 
und nicht dort? Autor und Regisseur sollten wissen, was sie eigM. 
lich wollen. 
Das Happy end gibt sich als gesprochener Dialog. An sich ist es 
durchaus richtig, einen ausgezeichneten Punkt so aus dem Fluß 
der Darstellung herauszuheben. Nur eben liegt die Kunst der 
DiclloFführuN'g noch« völlig im «argen. Um von Ler Unzulängliche 
keit der technischen Reproduktion abzusehen: die Wirklichkeit des 
Tons vernichtet die des Bildstreifens. Man läßt Petrovich und 
die Dagover sprechen; aber sprechen sie auch? In demselben Augen 
blick, in dem gesprochen wird, zerstäubt die bisherige Realität der 
wahrgenommenen Personen, und Petrovich und die Dagover ver 
flachen zu photographierten Figuren. Die Stimme, die ihren 
Träger ausrunden fasste, entlarvt ihn als eine Spiegelung aus 
der Leinwand. Das rührt daher, daß der Ton in die Geschlossen 
heit der Filmzeit und des Filmvaumss einbricht wie der Wolf in 
die Hürde. Der Ton hat seine eigene Zeit, seinen eigenen Raum. 
Erst wenn es gelingt, die beiden von einander getrennten ästheti- 
I icken Welten des Tons und des Bildes ?u verschmelzen, wird das 
Wort im Film Gestalt werden. Es ist die Frage, und. vorerst zu 
bezweifeln, ob gerade die Red« der sichtbar e n Figuren leicht zur 
Kunstwirklichkeit gelangen kann. Vielleicht wäre, man in unserem 
Obwohl dieser Titel des in den Ale 
m'a- Lichtspielen gezeigten Films unmißverständlich ist, heißt 
°r d°ch noch emmal im Untertitel^Erotik". Natürlich nehmen di- 
Ausschweifungen des Mngen Mannes, dem Olaf Fjord die schöne 
Statur und das sieghafte Versührerlächeln verleiht, ein böses Ende- 
ö. h. er wlrdvoneinem betrogenen Gatten erschossen. Je weniqer 
^ gerfenst " ig b t rd ° ine ^ E E heonn i d n W f rierk il l i icch h k w eit ill si d nedr, F u i m l m so w emnä i grcehr een i hn amfteorrab li slüch h eens 
,. g 
^"-pel statuieren, als durch die Apologie der Ehe die Darbietung 
einiger halbwegs verfänglicher "Situationen ermöglichen. Womit er 
denn doch wieder die Wirklichkeit eingeholt hätte, die er mit der 
Verkündigung der monogamen Liebe verläßt. — Regie und Dar ¬ 
! stellung halten sich in den üblichen Grenzen. RacL 
Menschen-Arsenal. 
s " , Frankfurts den 8. November. 
,M enschen-Ar s e nal" ein Russenfil m nach einer 
Novelle von Barbusse, die in einem der amerikanischen Süd 
staaten spielt. Aber gleichviel, Unrecht geschieht überall. Hier wird 
es an Arbeitern aus dem Petröleumviertel verübt, vor allem an 
einem ihrer revolutionären Führer, der zu lebenslänglichem 
Zuchthaus verurteilt ist. Um ihn, der immer wieder die Mit 
gefangenen aufwiegelt, auf gute oder vielmehr schlechte Art los 
zuwerden, gewährt man ihm den Urlaubstag, der jedem Sträfling 
nach zehnjähriger Haft gesetzlich zusteht. Er tritt ihn an, von 
einem Detektiv gefolgt, der den Revolver nicht nur zum Spaß Lei 
sich trägt. Der Urlaub wird ohne ersichtlichen Grund zur lang 
wierigen Odyssee, bei der unser Held seine Penelope fortwährend 
verfehlt. Das Ende ist Krawall und Revolte. Zwar entkommt der 
Zuchthäusler dem Hörensagen nach, aber das Menschen-Arsenal 
wird mit neuen Häftlingen aufgefüllt. 
Sei es durch die Schuld der Novelle oder der Regie A. 
Noams: der Film macht es sich mit der Verteilung von Recht 
und Unrecht denn doch zu leicht. Alles Licht fällt auf die Opfer; 
jede Gemeinheit wird der Gegenseite zugeschoben. Der Zuchthaus 
direktor ist ein widerwärtiger Affe, und seine Beamten sind Büttel 
und Henker. Daß die Gefangenen unschuldig Verfolgte sind, wird 
noch nicht einmal zu beweisen versucht. Eine unmoralische 
Schwarzweißmalerei, die mit dem Gewissen des Publikums 
Schindluder treibt. In den alten großen Russenfilmen ist die 
Unterdrückung so sichtbar gewesen wie die Revolution; hier wird 
jene behauptet und diese gespielt. In „Mutter" oder „Potemkin" 
hat man den Sturz eines Systems vergegenwärtigt; hier werden 
die Gefühle mit falschem Pathos (und, nebenbei bemerkt, durchaus 
unmarxistisch) gegen peinliche Zeitgenossen aufgerührt, die es 
überall gibt. Der Film gleicht aufs Haar so manchen pseudo- 
radikalen Tendenzstücken, die heute über die deutschen Bühnen 
stufen; nur daß er noch oberflächlicher als diese ist. 
Das moralische Gebrechen wirkt sich im äschetischen Medium 
aus. Da man auf Argumente verzichtet, muß der landesübliche 
Realismus häufig genug einer Stilisierung von durchscheinender 
Hohlheit weichen. Der Rundbau ches Zuchthauses, das an eine 
antike Arena erinnert, ist ganz auf den Effekt der Symmetrie ab 
gestellt. Aber der Symmetrie ermangelt die Schlagkraft, weil ihr 
Symbolgehalt nicht erfüllt ist. Aeußerlich wie sie ist das Gebärdenspiel 
des Gefangen'LnkollM Einem höheren Sprech- und Bewegungs 
chor gleich nähern sich die Sträflinge den Zellengittern und ent 
fernen sich wieder von ihnen. Auch bei der Wanderung des Ur 
laubers und bei der Keilerei am Schluß überwiegt eine Rhythmik, 
die weniger Ausdruck als Selbstzweck ist. Der künstlerische' Leer 
lauf ist die gerechte Vergeltung für das Surplus an Gesinnung, 
i Frankfurt, den 5. November. 
^.Die Tobis debütiert mit ihrem ersten Großtonfllm: „Der! 
2 ^chönbrunn". Er ist unter allen Um-I 
E» ein .nt-restantes Experiment. Darum hätt«, nebenbei be-! 
mert! aur die Mr.che Unterlag« doch mehr Sorgfalt verwandt wer-! 
dem können. Lre Fabel: eine höfisch« Liebesinirigue in Stil-? 
kostumen. ^ie Montage: ein abgeleierter BUdschnitt, der sich, durch- 
a^- unsilrmtch, an Theatereffekte hält. Cs sind schon Tonfilme 
E nIrriger altmodisch und geistlos waren. (Z. B..Erich 
oon O..ohemi--: »Hochzeitsmarsch", ein Gemisch aus böser Satire 
. und sentimentaler Baumblüte.) ' 
e-n^A^chnifch^ das Verfahren der Tohis 
^nen vorwärts. Die Nebengeräusche fallen nahezu aam 
«?birktt Ä"5b Klavirr erklingen ungetrübter, als man: 
Ensemolemusik und allgemeiner Lärm kom- 
.ren freilich noch immer verfchwommen heraus. Das Hauptproblem^ 
dre.mcnich.lche Stimme. Nicht nur, daß die Zi'chlaute sich in 
v°"li^-d-e Gesang und erst recht im Sprechen 
..tur. d.e Stimme ihr eigentümliches. Timbre. Auch wirkt sie 
Vergrößerung des gewohnten Organs. Schließ ¬ 
° . b-i d-r Musik, daß, sie sich nur Verstandes- 
M SEhörigs Bild projezieren 
laßt. Es bedurfte - man entichuldige den laienhMn Vorschlag - 
eines akustischen Reflektorensystems, das die Schallwellen so Met, 
daß sie von der Leinwand auszugehen scheinen. 
Ei« Experiment ist der Tobissilm vor allem als künstlerische 
Gestaltung. Wir haben noch keine Tonfilmregisseure und 
können sie auch einstweilen nicht haben. Das erfordert Zeit und 
Erfahrung. - 
Auffallend ist die Unsicherheit, mit der bald das Musikalische, 
- bald das Optische in den Vordergrund gerückt wird. Dergleichen ist 
gewiß von Fall zu Fall zu entscheiden, aber es muß. auch wirklich 
emschieden werden. In dem Film spendet Iwan Petrovich mitunter 
unmoriviert Gefangseinlagen, oder Lil Dagover klimpert auf dem 
Spinett. Die Kamera weiß unterdessen nicht, wohin sie sich wenden 
soll. Sind solche Sondernummern geplant, so ist die Gesamtkompo- 
sttion mit Wissen und Vorbedacht danach einzurichten; etwa als 
Potpourri. Nicht aber dürfen sie nur angesetzt werden, weil man 
zeigen will, welcher klanglicher Leistungen der Tonfilm fähig ist- 
In einer Szene, die nur musikalisch untermalt ist, sieht man 
den Helden an die Tür klopfen. Man sieht den Vorgang nicht allein, 
man hört auch das Klopsen. Ein Späßchen, das ästhetisch fehl am 
Platz ist; denn nun erwartet jeder, auch die andern Geräusche der 
Szene zu vernehmen. Der Klopflaut wäre allenfalls berechtigt, wenn 
ihm eine Bedeutung zukäme. Sonst ist er vorlaut. Ein gleiches gilt 
für die Worte, die vereinzelt eingcstreut sind. Warum gerade hier
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        Lichtspielen.) 
S» Krakauer. 
Immerhin bezeugen einige Bilder die echtruffische Herkunft. 
Mit unvergleichlicher Meisterschaft ist wieder der Raum be 
wältigt. Der Zuchthaushof wird durch Aufnahmen von oben zur 
? Wüste geweitet, ein von Mauern eingefaßter Weg, der wie eine 
! Schnecke dem Fluchtpunkt Zuschleicht, ist das Zeichen Lähmender 
Angst. So ist vielleicht noch nie die Landschaft des Petroleum 
reviers gesehen worden: eine negative Landschaft, deren Bäume 
Telegraphen'dvLHLs sind. Sie frißt die Menschen, sie verschlingt 
buchstäblich den Zuchthäusler und seinen Begleiter. Die Kunst, 
mit der die Figuren zum Raum in eine sinnvolle Beziehung gesetzt 
werden, mag daher rühren, daß das russische Leben der gewaltigen 
russischen Landschaft noch tief verhaftet ist. 
(Der Film Ruft zur Zeit in den Fran k f u r te r Bieberbau- 
fie nur im Hauptbahnhöf selber, mitten unter den Menschenströmen, 
die sich durch mich nicht ablenken Lassen, und vor Gleisen, die im 
Dunkel liegen, weil Zu dieser Stunde Züge hier weder abfahren 
noch kommen. Oder ich begebe mich in das Cafe am großen Haupt 
bahnhofplatz, in dem Reisende mit Handgepäck, Geschäftsleute und 
seitwärts blickende Mädchen zwischen ausschweifenden Stuckornamen- 
tsn und gemalten Idyllen schwatzen, schweigen, warten und gähnen» 
Oder ich gehe die Kaiserstraße herunter, durch Konzertgeräusche 
und Restaurantgerüche, und folge den Mädchen, die paarweise 
wandeln. Wahrscheinlich gäben sie viel darum, in einem behag 
lichen Zimmer zu fitzen, während ich es vorziehe, endlos zu 
flanieren.. - 
Manchmal freilich kann ich nicht weiter. Dann suche ich mich 
vom Rausch des FlanierenS zu entwöhnen. Ich halte mich nur in 
den vertrauten Straßen aus und mache abends bei Bekannten 
und Freunden Visite. Mein bester Trick ist aber der: mich in einer 
Hotelhalle von der Straßenwelt abzuriegeln. Der Fußboden ist mit 
schönen Teppichen belegt, in einem Klubsessel findet der Flaneur 
seinen Frieden. Oder beginnt seine Wanderung von diesem PunkL 
aus erst recht? 
— BerMene Gesichter. Unter diesem Titel läuft für einige 
Lage in den Ufa- Lichtspielen ein amerikanischer Film, der in 
das Gebiet der rührseligen Kolportage gehört. Ein ehemaliger Hoch 
stapler, edel wie die Hochstapler in den Romanen, wacht über 
dem Glück seiner Tochter, die nicht ahnt, daß er ihr Vater ist. 
Seine Vaterliebe bezahlt er mit dem Tod, der als Endeffekt,m 
Amerika jetzt Häufig dem Happh end vorgezogen wird. Ostenbar 
aus dem Gefühl heraus, daß eine so prosperierende Natwn 
es sich schuldig sei, auch dem Tragischen seinen Platz einzuräumen. 
Wenn es mit dem äußeren Wohlstand so weitergeht, werden m: 
Filme mit tödlichem Ausgang noch überhand nehmen. Unter 
den Darstellern sei William Powells gedacht, der in dem Frlm: 
„Polizei" den schnöden Verbrecherkönig spielt. Clive Brook ist 
Gentlemen vorn Scheitel bis- zur Sohle. AacL. 
Gk«er, der nichts zu tu« hat. 
Wahrend des leichten Nebels, der in der letzten Woche herrschte 
— er ist das rechte Wetter geborener Flaneure «-« stieg meine 
Knabenzeit vor mir aus. Dem Knaben war Frankfurt unendlich. 
Schwamm wie so oft in der Dämmerung jedes Laternenlicht in 
einem leuchtenden Nebelhos, so wurde er wie ein Mondsüchtiger aus 
dem Haus getrieben und schweifte ziellos durch die angreifbaren 
Straßen. Ich entsinne mich noch, als sei es gestern gewesen, jener 
Streifzüge durch ein immer wechselndes Wandelpanorama von Bil 
dern. Sie wurden im Rausch unternommen und erzeugten in mir 
ein Glücksgefühl ohnegleichen. Ihr Merkmal war, daß sie mich 
stets aus dem Dunkel in die Helle führten. So ging ich von der 
Siadtbibliothek aus über die Obermainbrücke, ließ mich von den 
Sachsenhäuser Gassen verschlingen, glitt einem Flußkahn gleich 
durch die Allee am Stadel vorbei, versank im Main, der Zögernd 
ins Leere schwand, und fand mich aus der Kaiserstraße wieder, dem 
Mittelpunkt des städtischen Lebens. Oder ich sickerte aus der ein 
samen Miquelstraße allmählich und genußsüchtig in die verkehrs 
reicheren Straßen herein. Der Kombinationen gab es viele, und 
jede Straße war für mich eine Provinz, die ich als ihr angestamm 
ter Herrscher bereiste. Allerdings Zeigte ich mich nie im Glanz 
meiner Würde, sondern liebte es, unerkannt zu bleiben wie Harun 
al Raschid. Eine Zierde meines Reiches war die Goethestraße. Sie 
umfing mich wie ein wohlig gewärmter Festsaal, in dem sich lauter 
gutgekleidete Leute bewegten, und nur schwer vermochte ich mich 
von den Pelzen hinter den Spiegelscheiben zu trennen, den Buch 
läden, die Palästen glichen, den Konfitüren und Brenren. Hier 
war immer Weihnachten, der Nebel hatte hier keine Macht. 
Inzwischen habe ich viele Städte gesehen und mit Frankfurt 
vergleichen gelernt. Es besitzt nicht die Unermeßlichkeit, die eine 
Vorbedingung des Flanierens ist, ich Hoeiß es genau. Und dennoch 
bin ich in Frankfurt der Flaneur geblieben, der ich als Knabe war, 
und noch immer ist mir die Stadt die alte Knabenstadt. Wir haben 
Geheimnisse miteinander geteilt, und fest gefügt wie die Schlösser 
aus den Kinderbilderbogen ist mir ihre Erscheinung. Nicht so, als 
ob mir entginge, daß die Goethestraßs eine kleine Straße ist und 
die tzauptwache alles andere eher als ein weltstadtisches Zentrum; 
aber die früheren Eindrücke bannen stets wieder die Wirklichkeit 
und überdies habe ich selbst mich geändert. Ich finde mitunter Ge 
fallen an der Beschränkung, die gerade in Frankfurt so gar nicht 
kleinstädtisch ist. In Ausübung meines Berufs als Flaneur ziehe 
ich oft von Cafe zu Cafä. Von meiner Stimmung hängt ab, 
welches ich wähle. Hole ich einen Freund von der Oper ab — ich 
hole grundsätzlich lieber ab, als daß ich an einem Vergnügen tell- 
nähme, von dem man aögeholt werden kann —, so suche ich dm 
winzigen Cafäraum gegenüber dem Opernhaus auf, in dem sich 
Morsten, Musiker, Sofas und Kartenspieler vermengen. Die eine 
Tochter des ehemaligen Besitzers hat dieses geistige Außenfort ver 
lassen und ist zur Bühne gegangen. Zu anderen Zeiten siedle ich 
mich in dem bekannten Cafe nahe dem Schauspielhaus an. Hier 
ergötze ich mich am Anblick der Schauspieler und namhafter, ja be 
rühmter Persönlichkeiten. Manche von ihnen find Schriftsteller. Der 
Geschäftsführer kennt sie alle und unterhalt sich mit ihnen über ihre 
Werke. Nicht immer duldet es mich im Schein solcher Geborgen 
heit. Doch ich treibe dann nicht mehr aus dem Dunkel ins Licht, 
das dem Knaben die Gewahr der Seligkeit war, sondern entschlüpfe 
dem Glanz, der zweifelhaft ist, und wende mich trüberen Orten 
zu, Durchgangsstätten, an denen niemand gern weilt. Je über- 
füllter sie find, desto mehr tragen ste den Stempel der Verlassenheit; 
denn mau ist an ihnen nicht mit den Menschen zusammen, sondern 
zwischen ihnen, in jenen Lücken, in denen sich wie in Müll 
gruben verweste Gedanken und Absälle'von Träumen häufen. Ein 
solcher Ort ist der Hauptbahnhöf. Abends in seiner Quer 
halle auf und ab zu schlendern, ist ein unabweisbares Bedürfnis für 
mich, wenn ich aus der allzugewohnten Stadt fliehen will. Reiste 
ich ab, so wäre meine Flanierlüst auch nicht befriedigt. Gestillt wird 
La k'rLuLkurLsr ZtzLckor ksdä Uestern sw Lni^HsprLsL 
MalLs? von NoLo unä DniversiLLtsIsktor Losäs- 
ktLtt, äLK in äer LLuxtSLvps ätzm Droditzm äns VortES 
SLlr. Lsiäs UwEöäüsr vertraten äsn ZtLnäxunkL 
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m 80W6M vopMlLmt M Dräsiäont unä 
Möller dssLE^t pLt, verkoopt äsn Satr, äaL äer Diopter selbst 
Merks sei. Dieser Pob als Debrer äer 
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w- vioktsr mvkt mit äsm Sprsoder sedsil solle, vs sied 
äis klLuäsrm äLnk äer L-berEt äs- krLukkurtsr kuEunks -1- 
»»tviekM konnt«, xsstLttsts ouu» sied vie 
Diskussion swixs UrsoLvsiknuxsii vam lussnä- 
pkra^ äs» riLupttksmL-; Mäererseit, vsrtrux moo sied, »kksubLr 
.semus looi-bbetnkluüL, mit einer ^rleäkertiAkeit, ^ie sie 
LMUl Je der solokeu Diskussionen ru berrsoben pkleZL. Das LrZebnis 
^ar, äaL am Lnäs äre ^nnLksrun^ xMisoden Diopter 
knün. /E^orteL unä äie plannExe Lr^ieLuns rur 8preob- 
Kultur Atzkoräert vuräs;. em ^eäsr DntsrELrunx werter Munsed, 
soksrn. nur äsm xuten Spreoben auob äie rioptiZen IndLlts ru- 
^aopsen. — In rein^ Lecknisoker Linsmpt ru beanZtsnäen, äsS 
im vebsreiksr üktyrs ru FleLober 2eit spraoben, 
«LÄit«. okü, äi« lutsnsität äer 
omsrkLttunK ru st^iKsru. - 
-- Peter, der Matrox. Schüuzel stcht in diesem Film der 
A l e m a n n i a - Lichtspiele mit dem einen Fuß auf der Nordsee, 
mit dem andern auf den Alpen. Ein von ihm gewonnener Preis 
ermöglicht ihm. dem Matrosen, den Aufenthalt in einem Luxus 
hotel zu SL. Moritz. Hier trifft er die Frau, die ihn ruiniert 
hat — Renate Müller, mit ihrem handfesten Kindergesichtver- 
zecht ihr schließlich, und kehrt wieder zurück Zu seinen Schiffen. Die 
Nührseligkeit der Fabel ist schwer Z - überüieten; ihre Unwahr- 
scheinlichkeit erhöht sich dadurch, daß der Matrose auch im Luxus- 
l'üel üümu a ro7 mnbM- . N-mm Fi m eine nur 
gerade angedeutete Pointe nicht weiter ausgeöaut wird, die mn 
gutes Lustspielthema abgegeben hätte Die scheinbare Betrügerin 
hat nämlich einen Schriftsteller geheiratet, der von der roman 
haften Handlung, die durch das Wiedersehen seiner Frau mtt 
dem früher geliebten Matrosen heraufbeschworen wird, nicht das 
Geringste erfährt. Warum SchünZcl immer von neuem danach 
trachtet, seine starke Begabung durch falsche Aufgaben Zu ent 
stellen? Er hat einst im Smoking besser gewirkt als heute in der 
Matrosenbluse. ch
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        des Blauen 
der Intensität mitunter Abbruch. Aber auch das Theater Hat sich 
in ähnlicher Richtung entwickelt. ' 
Pompös wie der Beginn sind die einzelnen Attraktionen 
Tscherkessen und Kosaken umwirbeln im Flug ihre Pferde. Chinesen 
schleudern Papierschnörkel durch die Lust, schaukeln an den Zöpfen 
und schlucken Feuer. Japaner laufen auf Bambusslangen gen 
Himmel. RifleuLe setzen sich zu lebenden Mauern zusammen, bilden 
ungeheure Trauben und schlagen vielfach den Saltomortale. Die 
Lrapeztruppe leistet in Wolkenkvatzerhöhe Präzisionsarbeit, Mann 
fliegt Zu Mann, kaum scheint die Verbindung zwischen Händen 
und,Stangen noch möglich. Die Technik ist in nahezu allen Num 
mern Zur höchsten Vollkommenheit gebracht, die alten Kunstfertig 
keiten werden dekorativ präsentiert. 
Eine MerWe von Dressuren. Der Trakchner - Vollblüter ist 
ein Meistertänzer, und sogar das Kamel absolviert die hohe Schule. 
Unter den Seelowen findet sich ein Rastelli, der Bälle und bren- 
dende Lampen schlürfend jongliert. Zebras treten mit dem Nil 
pferd Oedipus auf, das an einen entsetzlichen Erdkrater gemahnt, 
wenn es das Maul aufreißt. Ein Muster von Engelsgeduld, so 
Hocken die Zehn oder zwölf Königstrger auf ihren Schemeln. Einer 
von ihnen springt über drei Kollegen hinweg, ein anderer durch 
einen Reif. Sie lassen sich alles gefallen, als seien sie ein Volk, 
dessen Diktator der Dompteur ist. Manchmal freilich brüllen sie und 
sind ungebärdig, aber ihr Meister bringt sie mit ein paar Schreck 
schüssen Zur Ruhe. Herr SLosch-Sarrasani in eigener Person 
traktiert indische Elefantenkolosse als Babys. Vielleicht folgen sie 
ihm um so freudiger, weil er sie in seinem Maharadschagewand an 
die Heimat erinnert. Wenn sie sich aufrichten oder setzen, scheinen 
sich Gebirge auf wunderbare Weise selbsttätig zu bewegen. Das 
gesamte Tierreich ist in geometrische Formen gezwungen, und nur 
der Doktor Dslittle wäre wahrscheinlich mit diesen Triumphen 
über die Elementargewalt nicht Zufrieden. Aber einstweilen ver 
steht sich noch niemand auf die Sprache der Tiere, und ohne 
Peitschenknall geht es auch selten bei den Menschen ab. 
Den Massen wird Massenkunst geboten. Wenn es noch eines 
Beweises dafür bedürfte. Laß es auf die Massen ankommt — hier 
ist er geliefert. Von einzelnen individuellen Nummern abgesehen, 
produziert sich stets ein Kollektiv. „Der brodelnde ferne Osten", 
„Hoftheater des Mikado" und „Wildwest", so lauten die Titel um 
fänglicher Sammelattraktionen. M die einen Messer werfen, 
entfachen die andern rote Brände. Das Auge kann sich kaum noch 
in die Details versenken, sondern muß sich am Schaugepränge er 
götzen. Der Hang zur extensiven Entfaltung, der sich auch in den 
bunten Balletts äußert, ist wohl amerikanischen Ursprungs. Er tut 
Zirkus Sarrasani. 
' Frmckfurt, den 13. November. 
, Das Me Bild: vor den Bretterzäunen auf der Straße um. 
lauert die Masse das Wunschzelt. Es hat freilich nichts mehr zu 
tun mit den früheren Zirkuszelten, die flüchtige Herbergen waren, 
sondern ist ein Riesenpalast aus Segeltuch, der ganz und gar elek 
trisch glänzt. Glühbirnenreihen rieseln die Fassaden kerunter 
strahlen sternartig auf dem gewaltigen Dachrund. Eine handfeste 
Fata Morgana. 
Innen der gleiche Glanz. Scheinwerferlicht in allen Farben, 
die Dienerreihen in Prunklivreen. Das Sinnbild der Großartig 
keit ist die Eröffnungsparade. Sie ist eine Parade in wörtlichem 
Sinn: voran das schmetternde argentinische Orchester, das so 
stramm wie exotisch ist. Ihm folgen die an den Zirkusspielen be 
teiligten Nationen, siebenunddreißig an der Zahl, in Trachten, mit 
Fahnen. Sie marschieren auf, sie machen Evolutionen, sie füllen 
die ganze Manege. Die Musik dröhnt Militärmärsche, Herr Sarra- 
sani erscheint selber inmitten der Heerscharen. Jubel im Kreis: 
strahlender könnte der Auftakt nicht sein. Er gleicht der Schluß 
apotheose einer Revue. 
Wird in einer Fabrik mehr rationalisiert oder im Zirkus? Au 
OrganisationsZunst ist jedenfalls Sarrasani nicht leicht zu über 
treffen. Die Handreichungen greifen ineinander wie am laufenden 
Band, der große Manegenteppich wird in einem Zeitraum auf 
gerollt und zusammengelegt, der sich nach, Sekunden beziffert. Es 
ist, als seien die Szenen nach der Stoppuhr geregelt. So werden 
einige Munden Zu Jahren; so bleibt aber auch nicht die geringste 
Lücke frei. Bezeichnend für die kontrollierte Dichte ist der Ausfall 
der Clowns. Gewiß, ein paar bemalte Zwerge kollern im Sand 
und bemühen sich komisch zu sein. Ihre Spaßmachern jedoch ist 
von der Art, die Chaplin in seinem Zirkusfilm zum Lachen ge 
bracht hat. Wo sind die echten Clowns hingeraten? (Vor einem 
Jahr erzählte mir Grock, daß er nicht mehr aufzutreten gedenke. 
Zum Glück haben Wichen im Pariser Empiretheater schon im 
September fein Wiedererscheinen angekündigt.) Es fehlt an Zeit 
j für die Clowns, wir müssen zu viel rationalisieren. Der Impro 
visation wird bald keine Stätte mehr gegönnt sein. Laos.. 
Die Lady von der Straße. 
Ein weiblicher Racheakt in diplomatischen Sphären, Ort: 
Paris vor dem siebziger Krieg. Der Militärattache der preußischen 
Gesandtschaft ist mit einer französischen Gräfin verlobt, die, wie er 
eines Abends erfährt. Zu ihrem Kaiser eine zärtliche Beziehung 
unterhält. Er schilt sie Mätresse und erklärt, dah er lieber ein Mäd 
chen von der Straße ehelichen werde. Sie läßt sich ein hübsches 
Mädchen von derSLraße besorgen, steckt es in gute Kleider und Manie 
ren uns bestellt zuletzt den Liebenden das HochZeitsmahl. Bei dieser 
Gelegenheit muß der Ahnungslose die wabre Herkunft seiner Frau 
erfahren, die ihm als aristokratische Sennorita vorgestellt worden 
war. Großer Skandal. Der gute Aüsgang ist notdürftig angeklebtst 
D. W. Griffith, der bekannte Regisseur, scheint alt geworden 
zu sein. Er stützt sich auf Kostümwirkungem auf ParkeLLglanz und 
Milieuschilderungen in verjährtem Geschmack. Die Kneipe: 
düen hui kurns" erinnert an eine TheaterZantine während der 
Pause. Automatischer Einsatz der Großaufnahmen; geringe Beweg 
lichkeit der Kamera. Auch die Charaktere sind schematisiert. Kurz: 
ein unfilmisches Sujet ist mit überholten Mitteln bewältigt. 
Unter dem Einfluß von GrisfiLH verfällt die reizende Lupe V e 
lez bei dem Uebergang vom Straßenmädchen zur Dame in die 
Karikatur. Sie ist im übrigen eine starke Spielbegabung und 
in der Animiexstube so Zu Hause wie in der großen Welt. Die 
gräfliche Intrigantin Jetta Gsndal fasziniert durch chren Wuchs, 
begnügt sich damit, die Augen klein zu machen, um Falschheit Zu 
markiern. Der preußische Gesandte ist eine rustikale Imitation von 
Msmarck, und William Boydals die betrogene Hauptperson rührt 
durch seine angestrengt dumme Physiognomie. (Der Film läuft in 
den Pieberbau - Lichtspielen und in der Ca m er a.) 
KKas. 
-- Ballett, Jazz, Harold Myd Auf H t 
suMmng -n bn der 1 des Blauen 
H K arald W N°Yd, das Ä W-e M r und su W sM MLB 
Kkkund",^ ansgez-ichn^nM- 
nahMN d^s New Norker Straßenlebens.
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        Der Kriminal-Kavalier. Eine durchsichtig aufgebaute Hand 
lung, deren Hauptpersonen ein Zuhälter und eine Dirne sind. Jener 
ist, was er ist; diese dagegen ist im Kern eine grundanständige, 
liebe Person. Der Kern dringt nach außen, das Mädchen arbeitet 
sich in die Höhe, wird Sekretärin eines Großkaufmanns und zuletzt 
dessen Frau. Wie man nicht anders erwartet haben wird, versucht 
der ehemalige Partner an ihr Erpressungen zu begehen, fährt aber 
schließlich mit einem Revolverschuß ab. Angst und Glück: Mary 
Astor stellt beide Zustände gut dar. Die eigentliche Mitte nimmt 
indessen Ben Bard als Kriminalkommissär ein. Ein reizender 
Mann, der langsam daherschlendert, Kaugummi lutscht und die Zu 
verlässigkeit in Person ist. Der Film ist recht spannend und solid 
gearbeitet, ohne extravagante Sensationen zu bieten. Er läuft in 
den Alemannia-Lichtspielen. kaea. 
OOXVsrN 2" und „1 6 OXk L r ts", so lLutsn 
Es DLtÄ LEW5 VOW Verlas der koLks, LsrUm 
LsrLULZsZsdsuHr H.ddUdunZsbLnds, die Las je 100 
FllotoZrapllten bestellen (Oeb. je 5,50). bliebt 
Wellr und modt Weniger — genau 100 Fllotosra- 
Ddisn sind Llck Arund irgend einer KslletnmtsvoUsn 
^LdlsNm^Ltik dLLu ausersellen, das Qsslekt der 
OrollstLdte widerLuspieZem. Menn später Kondon, 
Kom nock Usw Vork an die Rsids kommen sollten, 
Werden Lued bis stell vermutitoll mit WSLsr 2tkker bs-. 
müssen. Den Lundsrtsellaktsn Zellen kurro 
LunlsitunssLexte voran, die um der internationalen 
VsrsLLndliellksit killen au? Oeutsek, Franrösisell 
And §n§iised abZskallt sind. Der über Farts sellwelZt 
so Ins Llaue llineim daÜ man illm die drei Lpracllsn 
ßüodt reellt gönnt. 
OerMaine Lrull, llewLllrts Flloto- 
D^Lpllts, ssiodnet kür Farts vsrantwortltell; I-. Mil- 
ILnZsr kat stell Vsrtms ansenommsn. Beider 
DoveZunsslreilleit ist erstelltliell durell äsn 2week 
dE Verökkentliobuns etnsesellränkt Zewesen. Die 
^otWendiZkett, olftHeHs ^.rollttekturen in OlktLtsllsn 
Perspektiven darLubteten. durellkreuLt stets Stecker 
VerlanZen nacll eellt pbotosrapäisellsr Bewältt- 
ZWZ äer Objekts. Ver HelellstLZ null äer ldouvre 
Mnä ^nsielltsxostkarten, Opernlläuser unä ?rnnk- 
Ktrallen lltsr nnä äort LNsZelLuZts Vsckoutsn. Heller 
äsm Vsstrellen, das optiselle Vkltelltpensum er- 
leälZsn, kommen äte DtnLsIlleiten und Helmltell- 
ksitsn LU karr. Alllt einen U'tlrn von Larts, der 
ÄNZlstall ttoksr tn das 8tra llsnlab^rintll Isekt als 
dlsssL Mderllundert; krsLell verrtelltst er darauk, 
Fremde M küllren. Mellt Immer trskksv auell die 
AS^Llllten ^ussellnitte den etASntltellen Oellalt. Ots 
GBMLlttZe AcktsnenlLnäsollM im Umkreis des Mets- 
äreiseks sellrumpkt rum Ze^oknuedsn Vakulloks- 
dtstrtkt ZusamDem der ^.venue des OllLMpL-DlMese 
srmLnZelt Lretts und OtanL. 8o1ells Listen sind 
llLuktZer Zu verretellnen. Äe rüllren von der 2u- 
kÄItZkstt der Ztandorts ller, von den scllleellt aus- 
Zesuellten iLZeLstunäen, oder von dem Ssmüllem 
- Gtnen OeZenstand Lu erkaLsen, der.MenisM im 
Ns-ollstnander des Films Zu bildmälll^sr l^trkunZ 
MlLNZte. Die NoMellkmt, tlln tn der Ve^eZunZ Lu 
stellen, erseuZt oft den Mslln, man könns tlln nuell 
Bllns ivsttersL in der RullestellunZ arretieren. 
ZLum Olüek linden stell unter den Formationen 
Lrsuellkars Lsrntruppem Illnen ist ru danken, daü 
- stell die klare I^ukt Derlins von der ^eielleren 
Fartser ^tmospllärs äeutliell adllsllt. Vis nneellts 
^lenelsLaneepraedt der lüeutsellsn Vank ist eo eenai t 
llsodaobtst vis die dardaiisells Oraällelt der Ren- 
sslsollnsellsn ^.rellitekturen, die keines^eZs mtt 
AulriellttZkeit Lu verveellseln ist, und die LonZlo- 
Wsrats des Sptttelmarktss und des Vairtseken 
FlatreZ verdienten ein Inventar' steingewordener 
^nssttrLums ru sellmüeksn. Illrsr ^ukZalls ZemüL 
Lst Frau Krall msllr in den OMdsn der LeliZen 
N1 Muse. Zie kennt den FoiZ! des Flanlersns, bannt 
die müde FlsZanr kleiner ^utos und beftsit die 
Maos de la Ooneorde von den Oesstrsn der Sellwere. 
Bei den besten Wdern drangt siell der W'unsell auk, 
daL die FllotoZrLpllen, unZellemmt dnrell aullere 
Maksiellten, einmal rein und reäikal die wirklielle 
Kubstans der Städte vsrASMNwärti?M möelltem 
K r. 
— Andreas Hsser. Untertitel: Der Freiheitskampf des Tiroler 
Volks. Aber der Film ruft noch nicht einmal die Erinnerung an 
das heutige Südtirol wach, sondern erteilt nur Geschichtsunter 
richt. Ein illustriertes Schullesebuch, mit dem Berg Jsel, auf 
dem die Komparserie heftig kämpft. Der Berg Jsel selber ist echt^ 
auch die Alpen sind es. Hall und die Hofburg zu Innsbruck. 
In die gegenwärtigen Landschaften sind jedoch die vergangenen 
Ereignisse so theaterhaft hineingesetzt, daß die Naturhintergründe 
wie Soffitten wirken. Das Arrangement des Freilichtspiels hat 
Harms Prechtl mit wenig Aufwand an filmischer Phantasie 
besorgt. Allenfalls kann der im Roxy-Palast laufende Film 
didaktische Zwecke erfüllen. ' ' K a ea. 
1 Wenn irgend ein Film, so veranschaulicht 
dieser yelSs, Giftgase sich in unserer Nlmproduktion entwickeln, 
-me Berlmer.Frrmä Löw u. Co. hat mit ihm um jeden Preis die 
Konjunktur ausnutzen wollen. LamM ist aktuell, Giftgas ist sen- 
man nach Lampels Bühnen „Giftaas 
über ^Berlin einen Reißer. Lampels politische Tendenzen weroen, 
wre ftch leicht versteht, ausgemerzt; aber das macht nichts, bleibt 
doch das Giftgas noch übrig. Die Zensur berstümm^ Rest: 
-tem UMück,. das. Publikum wird das Giftgas schon schlucken. 
Hoffentkch stimmt das Kalkül dieses Mal nicht. Denn der Nonsens 
den man dreist vorzusetzen wagt, ist riesengroß und höchst peinlich' 
Es scheint an den Titeln herumgestrichen worden zu sein: die 
Szenenfolge ist teilweise unverständlich. Von der Verlogenheit des 
ganzen Machwerks, in dem Kortner und Abel durchaus fehl am 
Platze sind, gibt die Tatsache einen Begriff, daß eine Privataffäre 
zur Ursache des öffentlichen Unglücks erhoben wird. Triebe nicht 
erne albern genug motivierte Eifersucht den Erfinder zm Ver 
zweiflung, so ginge sein Giftgas niemals in alle Winde. Nicht 
etwa der Krieg, sondern ein persönliches Mißverständnis bringt 
hier der Bevölkerung ein prächtig arrangiertes Verderben So 
wird sie freilich vergiftet. Der Schluß überbietet diesen Uniug 
noch. Nachdem alle tot sind, stehen sie als Geister wieder auf 
schreiten durch die Flucht der Berliner Lichtreklamen und fordern 
die Menschen auf, Menschen zu sein. Möchten sie es genug sein, 
um einen solchen Film Zu brandmarken. Wenn man seiner An 
gabe trauen darf, hat ihn die Liga für Menschenrechte 
unter ihr Protektorat genommen. Sie muß über seinen Inhalt 
nicht unterrichtet gewesen sein; anders ist dieses offenkundige Ver 
sehen kaum zu erklären. (Der Film „Giftgas" läuft in den 
Frankfurter Bieberbau-Lichtspielen und in der Camera.) 
Ein Pola Negri-Film, 
Sie ist eine Dirne in irgend einer nordfranzöstschen Hafen 
stadt. Ein erotischer schwarzer Typ, der in einem aufgedonnerten 
Kostüm durch die Gasse rauscht, in die Kneipe platzt. Gute Gesten, 
ein Inbegriff des „Milieus". Nachher wird sie eine anständige 
Frau. Der Leuchtturmwächter nimmt sie zu sich, und sie kocht, 
wäscht, küßt mit betont strahlenden Mienen. Einmal probiert sie 
ein ehrbares Kopftuch vor dem Spiegel an: bildschön ist sie in die 
ser glitzernden Sekunde. Aber das Unheil braut sich zusammen. 
Der Mann stößt sie aus dem Glück, nennt sie Dirne, und in einem 
ruderlosen Kahn treibt sie dem Jod entgegen, ohne den höhere 
Filme nicht glauben auskommen^u können. (Ebenso gut hätte 
auch eine Versöhnung stattfinden können. Das schlechte Ende ist 
gewöhnlich die Angst vor dem guten.) Bedeutend ist der Augen 
blick, in dem ihr Gesicht sich wandelt, aus dem Zustand der Selig 
keit in den Abgrund des Verlassenseins stürzt. Freilich, Asta Niel 
sen hat die jähe Veränderung großartiger vollzogen. 
Verantwortlich für den Film Zeichnet Paul Czinner, der 
Regisseur der Bergner. Offenbar nehmen ihn deren Reize zu sehr 
gefangen — jedenfalls ist er in diesem Film, in dem sie ihn unge 
stört Läßt, mehr bei der Sachs. „Die Straße der verlore 
nen Seelen" ist angeblich "ein Millionenfilm. Aber bei dem 
geringen Auswand an Menschen und Staffage kann höchstens die 
Negri Millionen gekostet haben. Denn das Meer, der zweite Haupt 
akteur, ist schließlich umsonst. Czinner hat es aufmerksam studiert, 
und die Montage der Sturmszene ist ein volles Gelingen. Straffe 
Komposition ist allerdings nicht seine Sache.^Er verliert sich gerne 
ins Breite, häuft die Gassenteile und Klippen. Ein Hang zu kunst 
gewerblichen Hintergründen, der lange Partien der Bergner-Filme 
zu einer Geduldsprobe macht. Hier fällt er auch darum weniger 
lästig, weil etwa das Milieu der Hafenkneipe mit bemerkenswerter 
Sorgfalt ansgepinselt ist. 
Warwick Ward ist der Dämon, der sich an die Fersen der 
Negri heftet: ein Zuhälter von altem Schrot und Jörn. Er bewahrt 
sich vor allem bei dem schwierigen Uebergang aus der gemeinen 
SsMsicherheit an die Mattigkeit des von der Polizei gehetzten 
r Mörders. Hans Rehmann ist blond, brav und stur, wie es 
! seine Rolle erheischt. Schon dieses ausgezeichneten Ensembles 
; wegen ist der sauber gearbeitete Film sehenswert. Der Film läuft! 
m Gloria-Palast. RZ a.
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        siAH LLtrvÄäLÄL, «LNus» Äs IVsl^ 
M UutMr LMsMt^ ^Lrä O« «M äse Dsit sedod«» 
äiMs Ä r H H L S Ususedsu ckuä ^usZsdurtsu 
Äusr uusxlSstsL uuä uusrlösdarsu ßedöpLuuZ, Ms 
Äs 8räs m Drrsitsu äsr Ledauplatr äsr Nsmsutar- 
Us^altsu KSMes^L 'ist, so siuä sis äis Leute von 
Dsiäsusedaktsu, Äs ksäus dsllsrs Lotsedakt 
sZuktiZt. Iu äsu ksiäsu krLdsrvD Vüedsru Orssus 
dsrrsedts siu« DmäsusedaFt Ädsr Es ruäsrsu; iu: 
,Dsv! Ltd a u" (Didrairis ?1ou, Hans) prallsu 
msdrMO l^äsusedaLtsu rusammsu uuä vsrmedtsu 
sied ZsMuMtrK. Läul Üuärst, äsr Nslä äss usuE 
s^ords — ss srsedsint tu etva eiusr ^oeds dsi 
Gustav Liepeudsuer (Verllu) Zu äsr DsdAVstruLZ 
vsu NermLuu Lsetss — vrirä aus äsm ^iedts 
ausesMt als oms VsrdürpsruuF äsr Wsr uLöd 
Rsiedtum uuä Diode, uaek OlücL« dlur Ässs Dior 
mssitrt uuä bestimmt idu, Äs ist uusrsLttlied, sr 
mt Mdsr Äs Dior Lrau Dsuäs, äis ludadoriu äss 
dlsiDou DorkrsstaurLuts, m äem er mit smiZeu 
IDLstsu rsZÄmEZ Äs UadIMtsu sLuuimmt, stollt 
lÄs 8uedt äsr ^suZLsräs äar. Vor ^riM um äio 
lOsLWMMKW idrsr Llloutsu LU visssu, äis Zar ksius 
lOodsimMsse dadeu, verrsdrt sie der lsdeuÄASN Deid. 
Isis dat cked sius Le^sriu m ^uMe ZsMedtot, rsusm 
lULäeLsu, auk äaZ sied 6u6rots Liuus Lu§WS§loA ried- 
Itsu. ^ussöls muL im Oisust äs? ^suZisr idrsr Lsrrm 
läsu ZtammkuuäHu äm RsstaurautZ su Milieu ssiu. 
iLat Äs, Äs uuMMsedts ZedöudÄt, äsu Diodssraused 
luoed uiedt srkadrsu, so dat idu Brau ^rosZoorZs 
W Äed verLAmmsru lLS8SN.I^aed auÜou diu dart, ja 
IZrausam, srlsiäst Ässs BÄukuuävIsrLiZjädriM, äis 
luät siusm vsrmLZsuäsu, UMedAÜltiZsu Nauu vordsi- 
Iratot ist^ sLmtldLe Huadou-SWSS uuZsIodtsu Dodeus. 
»Vor Durst, äss VsrsZumte saedLudolsu, küdrt mit 
lidrsr^ DuAki^dsit, Äed aus äsr Dssrs »u dokrsisu, 
iMeu srdittsrteu LsMpD 
Dls G^taltsu !Lut«N Med Mdt Luk ^sm 
iMZÄous^eZ, Mrvk^ VrdsM "Nxsdemmt tobsu 
IÄod Äs kassiouM Lua, Vo» ^rau Douäs dsiLt es 
iausärüeNied, äaL sis äsrD ivLuatiouedrakt ermauZls. 
LZvar värä «u Zu&amp;lt;^ oktsudar, äaL- Cuörst vsuiZsr 
lÄe ILods Zls äM. Brioäou äsr 8Luus Zssuedt dat, ads? 
läreTs. BwKiedt «tsM sied erst siu, uaedäsm Äs 8iups 
IsduK Brlsäsu versu-äst Muä. Duä ss vsrmaZ aued äss 
IrsdsUMds Nsrs vsu Brau brosMorZo, äas äsr 6roL° 
Imut vodl mLedtiZ vLrs, uiedt äis ksste Lruets M 
Idsdsu, uutsr äsr es sedlioLlied srstleLt. Der Devia- 
I tdau, äas drdllseds DuZstüm, dat Äs 8ed8pkuuZ au 
Imed WrrsssK.^ 
ÄS OK Srst DW^t E 'KHUMkiAN WLväM Ms OsM 
^Mrss ÄsMäsr äsr BaZsionsN uusuÄied laus 
uuä ^r^dsu imvuÄLod sedusll. Irr Änem ^ugs^ 
blick vov äsr D«VL äss Fedieksals vsrseWttst, dLMmj 
äis Oostaltou mit orstarrtsu tzsbLräsu bis MM 
MZstsL iLx. 
lst äis Vräs M b^r Lrsum, so muL oiusr id» 
trLumsu« lu .^ärisüLs U^urat", Orssns dMsr 
xröÜtsm MsrL, smä sLmtliedsMäor ^äriouus LuZs- 
AUrM. Ks» uur ^4 Eä Ls^ 
Äs els' vou äor uuä äom Mdu- 
sius «utZeZeutrvibM. §0 LllsiL bat ss Mus Lied- 
tiZksit; ist äoed äse Zu LuLorstsr Lsiudsit vsrsiuuä 
liebt» AeMWÄsMorsK Äs 1 r k I s o dk s 
sslbsr, souäsru sivsImLZiuLtiou. Ms soleds sstct srl 
«u lVOssu voraus, äsm sr »rscdsiut. ^ärioims ist Äs- 
sss Msssu, uuä srst äsäured, ä»L LÜ» Usubedsu uum 
Dings gleiedsam aus idr dsrLusZsdolt «iuä, srdMsui 
eis. Äs au sied webt ds8tsL.su könnten, iu äsr Luust 
volles Dsbsn. Orssu bncdt im „Dsviatdan" mit äsm 
MoKokoMs iL-Häs«r. Risr ist uismLuä, »uk äsu ä»s 
ZrLLlied» 8pisl äsr BsZisräsu bsroZsu vLrs; Äs 
Borsonsu suodsu «red violmsdr aus siZsuor Lrakt W 
bodauptsu. ^uk jsäs vou idusu lLLt äis lSssedrsibuuZ 
sied Nsäsr, uuä ksiso diläst E »uäsrsu sied siu. 
Damit ist äsr Husxrued srdobsu, äaL Äs Borsousu 
virMed ssisu; ruglsied adsr vsrdÄtsu kis sied Hffis 
Äs ?dLutoms um HMsuus. 2E LxdLrsu smä 
mltsmsväsr vsrmsuxtr Äs äss l'LZIedsus uuä Äs 
äsr vom Msdu äuredstrsiktsu Hutsr^slt. vor 8M- 
druok vsrrLuZsrt Äs Lstdstiseds MrLuuZ äss ^srds, 
dnuxt Äs 2ukMs, äsrM sied äas vadsuäs VsrdLux- 
ms dsÄsut, spürbar um rdrs OsvÄt. 8is kolZsu Ziedi 
mit siusr DoFK, Äs aus äsm ^LZsttraum stammt:! 
sius 8LQÄULZ dsÄLZt daarsedark äis auärs, uuä 
dsiu ZutrumsL ist WöZIred. Da Äs ludaruatlousn 
äsr Triode aber sdus pdautLstäseds Uitts siuä, out-' 
stedt äsr ViuärueL, als dLuktsu sied äis ^ukälls iu 
äsr MMLedLAt selber, uuä mau kraZt sied stva^ 
^Lrum ^uZels- rum Vsräsrdsu »Usr VsteMZtsu 
raäs V'rLU ^rosAsorZs Wer äsu lauLeu muL 
äsr MiMedLsit ist äas Muäuis äsr ^uWs ru-I 
källix. Dis m srs Ädorzstrstsus IraumloZiL srsedsiuu 
als LoustruMor^ 
: 
er Mudt^ ÄS LutsedMtMG^ Lm sck uoed itz 
Mus Wuäs ZsItzA. 80 . STtrsm i-ist äer ZauLs ^d- 
lauk äss sediedsrädaktsu OstzMsdsu» Msträtst. Da Äs. 
dlytADuäiZdeit Lu Muss UerdmÄsu ZedKrt^ virä ss 
aus lauter MLMsu LyMtMsrA Dsuu dSvärdsu Zu-- 
Alls «iu ArMZuts, äas smtrstöL muü, Eist äs 
v«s" kür ssluö M^oMMK^LoLt ärastäKed ordrivedt. 
äs uLdsr äas 8oläelz^ ässtä rsschhyr. 
ss ru. Nvuüt stsLZsrch Wutz DysMsiMZM^ 
UaZ ss aukLuZlied rogsru, ZsAsu äsa LM ru sr-silt 
m vßrttiedsm 8iuus Äs idm Verkallsusu uuä Mied- 
ust sis beklaZ um AedlaZ. k'rau Douäs, Äs idrs 
Reüssier uiedt rLdmsu dauu, virä vou äsr ^uLsuvelt 
äaäüred adMperrt, äs^ Äs ^st^^ seklsedtor 
sisdt uuä dort; Prau SrosZsorZs maedt, muu srstss 
Ual vom Dsdsu auZsrüdr^ siusu Zeldstmoräversued; 
alls Vsrsoueu traZsu rum HuterZauZ vou Ouärst 
der, äsr rdreu IIutsrZLLZ dEukbssed^ort. ^ued- äou 
^uZölss, äsrsu Ledoudsit sr tilZt. 8iv stirbt, eis 
ist äas 8üdus0p5sr Ässer IrLRöLs. vis ^rsuuäsodakt 
rM8edsu idr uuä äsr kleäueu ^eruauäs Mdt väs sius 
Blume im Ledriedt. Das Kediedsal raktt aued Äs 
Llums mit diu. 
UAL äaL Orssu Als Ualsr begonMU bat. 
OsmLläs muä es, äis äsr Diedter sutMrkt. Nit 
saedliedsm Rsedt; äenn äis Brsedsiuüugskorm äsr 
RalluciQLtiou ist äas Bilä. Inäem er mit xeivlieder 
80rZks.lt siusu innsrou Zustauä sedilätzr^ msedt 
er idu siedtbar, vsrrauwliedt er idu; or stAlt äsu 
Vorlauk smsr Dsiäsusedakt äav, uuä es ist, M sei 
äis Dsiäsusedakt Mim Verteilen Zsbraedt Ms Lrxsuä 
ein Blisdsuäsr. Der ^ublie^, äsu Brau Do^äs bietst, 
^602 sie von idrem erdödtsu 8W AUS Wer äis 
Zklaveusedar äsr kauenäen OLsts /derrsedt, ist so 
unvedgeLlied Ms jene Lcsus, iü äsr Brau Orosgsorge 
^voMstig idreu äungeu prügelt. Xlls Brsignisse sinä 
in ein künstliedss Diedt ZstsneN, ä^s cum Olauben 
vsMbrt, sie voULögeü Lied Mwr 
magisodsn Lrsis, in äsn äas Ossededsu gsbanut ist, 
»LVLKIS'rDM«- E ELLK8: „LLVIKL»^^ 
Duärst bMdt LW. Rr vsrlaLt Mus ÄuMliodts, 
Brau, sedlLZt ^uZöls dlutLZ, vsÜ sr srkadrsu dat, 
äsL sis, äis idu dislauZ vsrsedmLdt,. vou äsu Oästou 
Brau-DoLäss Oolä uimmt. uuä tätst auk äsr Bluedt 
I6L6U altsL Uaum Iu siuom Lodleudok LAt sr uaed 
äsm ^uZstmorä iu äsr vuuLsldsit Rast. Vor sied sr- 
dlielct sr ärsi ZIsredmäLiZ Zssediedtsts Hauksu Lodls. 
NVis sisim UouÄiedt aukstsiML, eedsiusn sis idm 
lärsi sedrsedlteds Oöttsr Lu ssiu, äis siusr IraZöäis 
iLusedaüSu, iu äsr sied äas Zediedsal äsr 8ed6pkuuZ 
IMdsr sutrollt. 
I vor RroTsL äsr uuZsmiLedt^äumpksu, aus äsr 
sÜsdsruatur sMasssusu dlatur ist iu äsr Ist äsm 
Dedieksa 1 alloiu uutsrtam „O'e§r ks äestiu, 
ImoR äes-tr^, äsudt Ousrst iu ^UMudliedsu äsr Vor- 
IMrruuZ, uuä Brau 6-rosZsorZs Mrä oiumal sius vom 
IZMoLSLi miLdauäslts Brau Asuauut. Bs 2VUZt von 
läsr rsiueu uuä tioksu Bdautasis Srssus, äaL sr 2um 
IZiuudilä äss Zediedsals äas BräZGsedopk, Äs Ratts, 
Isrdsdd 8is tauedt im Kodlsudok auk, als sei sis aus 
I^Ms Zsdorsu, Mo MZt sied iu äsr dlads Brau Dou- 
läss. ölsied idr, äis äsu Wdlsu uuä Lsllsru sut- 
IsMüpkt, dsuLZt äas 8eNedM Äs irÄscdsu' 8tokks. 
I8ÄU V^altsu ist äsr siMutlieds OsZsustauä äss 
iRoMLAL. Raum douüto Äs uuad^Huädars 8trovFS, 
Imit äsr ss sied voBÄsdt, msistsrliedsr vsräsutliedt 
I vsräsu als äurod Äs mauedmal iu AuHrst aukdlitrrsuäs 
BrLouutuis, äaL sr Ms siu spiolouäss Riuä äis von 
Dorr GrosZsorZs, eiuo äsr iu äas üssedode» 
vorkläedtsLAL Borsousu, ist aus äsm ZediedsalsproreK 
ausZsstoLsu. Dr dlsidt uudsdMiZt, er ^irä ^sitori 
lodsu Ms krüdsr. Der üdor Zsed^iZjädriZs ist als Ds^ 
MMüZ ZHZediläort, äsr Viläsr uuä Meidor daukt. 
^ued mit ^uZsIs dat or sied oiuZolasbsu. Biu.21^ 
lisisrtor vutrsuämoused. Medt äas ärodsuäs, äag 
Zlatts Baris ^ärs ssiu Ort. 
Nit Rorru OroZZoorZo ist äis Odsr^slt vordauuti 
8io ist os iu soledsm UmkauZs, äaL aued idrs oedtsu 
VsvuLtssiusZodalts uiedt iu äsu Romau sluZedsui 
Ouswt müLts sEodl ssiuer ^ulaZs v^io ssiusr 8itua-! 
tioU uaed siu Rsvolutiouär ssiu; statt su rsvolutio-l 
viorsu^ eäsiäot sr ssius Bassiou. MrZsuäs ist siu 
^VoK ZoMZt, äsr uaed auLsü vüsss, iu äas Zs^oräsuo 
Uitsiuauäor. äsr O s sslisedakt. Orosu iukLmrorv 
Mo, iuäsm sr sio aussedlioLt. Dsuu uiedt? auäsrss 
dauu ädr AusselüuL dssaZeu, als äaL sio vsäsr IIv^ 
dsil uoed ÜM dsrZs uuä idrs Ususodou uiedt siu- 
Val OosodöpkG Msm 
VsrdW ^sied äsr viedtor aued uiedt ÄalsLtised 
rum dsvuLtsu Dassiu, xomoiut ist es väu idm äoed. 
Wsüu uiedt vou idm, so mit Musm ^VsrL. Dudsirr- 
dar, als od sr siusm krsmäeu ^uktra§ Zodoredo, 
träumt sr vio im Dsksedlak äsm OauZ äss slsmsu- 
tarsu V^altous uaed. V^sr sollte so Isicdt äsu 8iuu 
äss ^uktraZs sutrLtsolu? OsML ist: dsius msused- 
lieds OsMlsekakt virä ssiu, äis sied üdsr idrs Dr 
Sprünge diuivsZssiLsu äürkts. ^Ldms sis uiedt äi« 
Mu^s uusMsto LedöpkuuZ mit —- äis Blut äsr Bei 
äevsedsktsu stiege doed, uuä äsr D^vistdau vor- 
Die Usused.su Orssus müktsu uDtsrirÄseds 
Orottsu dsvodusu, so ssdr siuä sis äsr Vräs vsr- 
daktst. Vsi äsu Rattsu,. au liedtlossr 8tütte, ist Ar 
Zudauss. Medt umsoULt ver^siLt sis äsr Viedtsr 
iu Äs B r o v i u L. vsrsu ^dZeloZeudsit, Äs äured 
dauptstLätiseds OsrLusedy uuä äialsktiseds ZSMS- 
ZuuZsu nie LukZsstärt Nrä, sutspriedt äsr Ver- 
sedlosssuksit jsub? kmLtsxsQ Bsslsudammsr, iu äsr 
sied Triode uuä HMWa! dsZeZusM Z^si Dörksr, 
Diuäsu, siu BluL, sius DauästraLs, siu Raus — 
äas ist äL8 ZauM lauäsedaktlieds DusoruW. Disss 
Lrmlieds Oegsuä ist uiedt 80 ssdr äis MMieds 
Broviur als siu imaginärer Raum. Ltatt äaL sied 
äis Z^läsuseRaktsd^ Iu Hm sutkaltstsu, dausu sie 
idu um sied der auk. Aragon Äs OSrksr aued 
Namen, so liegen sis äoed uirgsnä^o, uuä äas Raus, 
äas Ouerst auspriugt, um m ^ugslss Zimmer »u 
äriugsu, KLmpkt Dsid au Dsid mit idm Ms ein 
stummer riesigsr Oegusr. Llar lossu sied Äs 
8edrsedousorts aus äsm Dunkel, voed äis Blöt2- 
liedksit idros ^uktrstsus uuä xsraäs idrs Llardsit, 
äis Uouädslls, iu äer sis uiedt sanken, ist siu 
Zsieden äakür, äaü mo - NMuLinationsL sivä. Nur 
Hallucinationen. dreedsn -Lo lautlos über äsu Vs- 
sedsuor dsrsiu uuä daltsu äanu augs'MurLslt still. 
Dis lVslt, so dM sm ^dluL. äsr 
stsrdsuäeu Engels Ms siu dössr 1raüm» Iu äer Bat, 
allsiu äis Ossiekts äss Iraums konneu äas un 
gediuäsrts 8piel äsr Bassiousm um^ 
Brovivr ist siu id äis ärsi Dimensionen ZMMuugs- 
usr ^ldäruek, uuä selbst Baris rüekt als stein- 
ge^oräsues Orausu iu äis Näds äieser aus äsm 
^.bgruuä gestiegenen Dorksr. Idrsr gevodnten Rou- 
tureu beraubt, beärodt äis 8taät siuem LsrriHselnäeu 
Ledsmsu gleied äsu Zedststeu Ouärst.
        <pb n="44" />
        glänzt Paul Graetz. 
Raca. 
I/o/tirrg: Doktor DolittleZ Dostamt.) 
bstrikkt. so 
DntdookuuL 
srkäbrt man uuu oudliob. dall or die 
^morikas dou Doldbäboru Lu dLuken 
Die Schleiertänzerin. Dieser Film der Alemannia- 
Lichtspiele ist das Produkt einer etwas peinlichen Phantasie. Das 
Geringste ist, daß Evelyn Holt als unschuldiges Aschenputtel in 
einer Marseiller Hafenkneipe einen Schleiertanz ausführen muß. 
Einen SchleiertanZ besonderer Art: denn durch einen Beleuch 
tungstrick tritt unter den Schleiern ihr Körper deutlich hervor. 
Aber das ist schon mehrmals gezeigt worden. Neu hingegen ist 
die vertrackte Quälerei, die sich der Vater des verhüllt-hüllenlosen 
Mädchens durch einen Mann gefallen lassen muß, der Grund zu 
haben glaubt, sich an ihm rächen zu muffen. Die breit geschil 
derten Demütigungen, denen der Alte ausgesetzt ist, sind nichts 
weiter als ein liebevoll aufgemachter Sadismus. Eine Spekulation 
auf Publikumsinstinkte, die so transparent ist wie der Schleier. 
Der Film ist durchschnittlich arrangiert. In einer Nebenrolle 
VOtt'rOir r»o».rrn^!8 
Die weiße Spinne. Eine Detektivsatire in den Luna. 
Lichtspielen. Walter Rilla und Maria Paudler spielen 
mit. Sie mimen smarte Sportsleute in Paris, die sich bekämpfen 
wie Ritter bei einem Turnier und' sich im übrigen auf die Ver 
brecherjagd Legeben. Nach der „Weißen Spinne", einem abge 
feimten, aber edlen Einbrecher, der nur die Wucherer bestiehlt. 
Ihn hier namhaft machen, hieße dem Stück im Voraus die Span 
nung nehmen. Es enthalt einige nette Montageeffekte und einen 
sehr komischen dicken Polizeipräfekten. Der Film selbst ist dünnere 
Mache. Wollte man seiner Konstruktion auf den Leib rücken, sie 
Zerfiele sofort. Laca. 
MMMeb äsr MolbuLabtsmLUv triM WäeL 
llabr &amp;lt;jsr Luto Doktor Dolittlo olu. Im Dt-t sr- 
sobiououou küuttorl Lauä: „Doktor Dolitt, los 
DostLiut^ (MälllLML &amp; Oo. Vorlau. Vtzrllu-Obor- 
lottoudur^ 302 8. Ood. 6.50) bält or sieb ^io- 
äor oiumLl tu ^krika auk, Lorauor Kosa^t: iw Lö- 
uiLrsiob Dantiovo uuä Muäot dort oiuo Dost. 8o 
oiuo Moltvost bat äio olt uoob uiebt ^osebou 
Ibro Drieksebroibsr sind aullor dou Norscbso ou^b 
Horo; tbro BriokträLor Leb^valbou uud audoro 
Vö^ol. Da der Doktor säuMebs DiorsoraeboT, vsr- 
stobt. ist soiuo DuktsobnoIIvost oi^ortlieb das 
dss Lolumbus. Was üdri^ous dou Lolumdus sslbor 
butto. Nuu orkübrt uoob violo DiuLs. dis disbsr kom 
Nousob Mobut bat: dull o« eins lussl §ibt, auk dor 
liors aus dsr Dr^oit ^voilou aullorordoutlieb bravo 
fiiosouLesebooko. dis LruudsätLÜeb nur Dauaueu 
krossou; daL dio 8iutklut im luuoru ^.krikas statt- 
Lokuudou bat. ^Uo dioso ^vuudorbarou LDoiLuisso 
worden dem Doktor mitLotsilt. obuo daü or sieb 
jo um sio bomübsu müllto. V^oil or dio Horo liobt, 
truLou sio ibm lbro Doboimuisso outLssou: voll or 
° ibnsu bükt, bolksu sio äbm aus iodor (^okabr. — 
NE aneb dor uouo Dolittlo-Laud uiebt so orkm- 
duuWroiob soin ^vio dio voriLou, or vormittolt d^eb 
a-loieb ibuou Lüidoru uud Drv aobsouou ausebauHcb 
dio alte und iunES ^Voäsbüt: dall dio ^aubou- 
! unsebuld im Veroin mit dor 8eb1auLMklEboit oiu 
! stärkoros borouLvuIvor ist r' Dvuamit. Hotto und 
kaÜliebo Zeb^varMvoill-Iliustl" Kmeu Nu^b Dok-- 
tiuEZ, des Diebtors und /('mors. sebMuekon in 
Lo^vobutor Moiss dou Land. Lr. 
Atlantik. 
Diesen großen Ton- und SprechUm G. A. Du Pont s 
hat bereits unser Mitarbeiter Vernarb von Brentano gelegentlich 
der Berliner Uraufführung in einem längeren Feuilleton gewür 
digt. Hier soll Gesagtes nicht wiederholt werden. Ausdrücklich he* 
tont sei nur, daß „Atlantik" das erste nach Deutschland gelangte 
TonlilmeLpcüment harstßllt, das ümftigß MoguaMten Mer 
neuen Kunstgattung ahnen läßt; nicht nur ahnen Läßt, sondern an 
manchen Stellen verwirklicht. Um von den deutlich fühlbaren 
Mängeln zu schweigen, die der Film mit anderen seiner Art teilt: 
er hat Augenblicke, in denen der Einsatz der Geräusche mehr als 
eine überflüssige und verschleppende Dreingabe ist. Ss sind die 
Schiffssignale, das fortwährende Pfeifen und Schellen, der drohende 
Hintergrund der sichtbaren Handlung. Die bald lauter werdende, 
bald sich verlierende Orchestermusik steigert das Grauen der 
Stunde. Kortner und Ballen Lin verstehen mitunter schon, 
richtig Zu sprechen. Besonders geglückt ist ein winziger Auftritt, 
in dem der gesprochene Dialog zum Relief eines unhörbaren 
Flüsterns wird Wie hier der Ton die Bedeutung des Schweigens 
unterstreicht, ist durchaus merkwürdig und erregend. Der Film 
läuft im Roxy-Palast. Jeder Wlmfrsund wüßte ihn sehen. 
-__McL. 
--- Schnecken- und BlchzugStempo. „Ja, ia, dke Frauen" 
-- dieser Film ist von Grund auf LberfMg. Eine Hafgeschichte dem 
. daZumal die langsam dahinschwebt. Da das Ganze so lang. 
AN, K °ÄWen sich Einzelheiten erst recht. Der anschließend« 
Monty-Banks-Film: „Donnerwetter, Monty!" geht wenig- 
A.E rst Monty von einer Blödigkeit, dre schon nicht 
Ä? rst, aber einige Bewegungseffekte stich reizend «&amp;gt; 
dachL Nicht nur, daß Mit einem ramponierten Auch höchst drollig« 
^andungsmanover vorgenommen werden, auch die Möglichkeit auf 
ernes rollenden Eisenbahnwagens sich gerade noch'auf. 
SVZN". wird bis zur NeM.erschöpft. Eine einzige hchaltS- 
rose Raserei. Au sehen m den Bieberbau. Lichtspielen 
und m d« Camera im Exzelflor. 
Mrr Te^el wrd drei KvkirolerS. 
— MurnauS ZirkuLstlm: ^VirrTeufel" ist vorzüglich 
HMmcht. Das Milieu U. vertvaut. Gerade, weil eK wieder und j 
wieder verwandt worden -W war seine Neugestaltung utn so 
Wwderiger. Dir dankbare HrmmM Ba Film - 
Mgrunde« Ein Mger Trapezkünstler veMtzt seine Freundin und 
Partnerin um einer eleganten Dame willen, die sich laDMLüt 
uM Abenteuer sucht. Zum Muck M auf. der. Leinwand da^ EnÄe 
kspM: der Beseffem findet Ach Zur von Kind an MWtM 
Freundin Zurück. Ein Michter, mMMcher. richvend^ Stoff, 
den Murnau nicht Mcht durch dir Schönheit der von Hm He- 
vMlten Menschen b ezwunHen hat. Es muß ein Vergnügen fern, 
in HvÄyw-M Zu schaffen Wenn muh temreinM^ derMsswie 
dort wird dem Regisseur die Suche nach paffenden Darstellern 
nirgends erleichtert. Jawl Mtznor, Manch Drexel, Charles 
Morton, Barry Norton; wer hätte schon Mr anmutigere „Teufel 
ZusEmenHeM So viel Charme summiert, und die halbe 
Schlacht ist gewonnen. Die andere Mste gewinnt Murnau durch 
den Glanz und die Präzision der Regie. MmMt sichln den 
freilich originelleren „Manege^Wm erinnert, so neu sind dre 
Ätt» AtrkuVkMe hevLuSachölt. Um nur M sedenken: 
der skroöstiM M erschemt M Wucht der Lichtreflexe auf dem 
Gesicht der mrch oben blickenden Dame. Auch die nsLMnWen 
Wiederholungen sind niemals bloße Wiederholungen, sondern 
Ergänzungen und Steigerungen der AnfangssiLuaLisn. Ein 
Prachtbild ist das Zirkusrestam Lichtreklamen hinter 
den Spiegelscheiben. Noch nie hat Mürnaü mit solcher Sorgfalt 
-montierte - l - - / /. ' 
Als Einlage hat der Nfa-Paba Grotz-FmnkfurL ,/rLV 
tdrsG L u k i rolor^ spendiert. Sie sind das Ergötzen des 
Publikums. Mit eLmMW MchL: denn Theo K ö r n e r P wirk 
lich ein -tüchtiger EonftrenKer, Thm Degen eine schmissige 
Soubrette und Öve BeHrenS ein lustiger OpemparodLst. Der 
Clou des Trios sind unstreitig ihre JaMMUlagen^ M sie 
in ihren Hütchen Beine, Stimmen und Instrumente verrenken, 
muß der RrGu der Revellers neidisch eMassem L
        <pb n="45" />
        Hochgebirge große Mode werden sollte. 
R L e s. 
' Z ä) 
sTr. Karl Mannheim nach Frankfurt berufen»! Durch 
die Berufung des Heidelberger Privatdozenten Karl Mann 
heim auf den seit kurzem verwaisten Lehrstuhl Franz Oppen. 
heimers gewinnt die Frankfurter Universität einen der besten 
Vertreter der modernen Soziologie. Mannheim hat in der Richtung 
Max Webers weiter gearbeitet und ist mit Scheler verbunden 
gewesen. In seinem unlängst erschienenen Werk: „Ideologie und 
Utopie" (Friedrich Cohen, Bonn), das mittlerweile viel diskutiert 
worden ist, hat er die Grundzüge seines Denkens entwickelt Es 
ist, wenigstens seiner Absicht nach, zuletzt doch politisch gerichtet. 
Denn erstrebt Mannheim auch vor allem eine Wissenssoziologie 
der er die Aufgabe zuschreibt, wertfreie Jdeologienforschung zu 
treiben, so stellt er doch diese Disziplin durchaus in den Dienst 
poetischen Soziologie, ihm Weg zur 
politischen Entscheidung zu bereiten hätte. Ihre Hauptvcrpflich- 
tung wäre, die Teilhafkigkeit der politisch gebundenen Partikular- 
erkenntniffe aufzuweisen und von Fall zu Fall eine Zusammcnschau 
der verschiedenen politischen Denkstrukturen zu leisten; eine kon 
krete Orientierung zu geben, die aus dem Willen zur Aktion 
hervorbrechen müßte. In dem genannten Werk hat Mannheim sein 
Programm durch einzelne ausgezeichnete soziologische Struktur- 
Eysen zu erfüllen gesucht. Die Frage ist, zu welchen positiven 
inhaltlichen Ergebnissen er auf dem von ihm eingeschlagenen Weg 
Klangt. .A-er gleichviel: seine Methode ist von inLellektWller 
Rcdllch.ert und wird, konsequent durchgeführt und ausgebaut viel 
- zur polürschen Aufklärung und zur Erhellung schwebender sozialer 
Probleme beitragen. — Eine ausgesprochene pädagogische Be 
gabung befähigt Mannheim in besonderem Maße zur akademischen 
Lehrtätigkeit. Er nimmt — man weiß es aus Heidelberg — einen 
wiEchen Anteil an seinen Studenten und ist ein geübter 
Diskussionsredner, der stets mit Leidenschaft in die Dialektik dek 
unmittelbaren Gedankenaustausches eintritt. Die Universität Frank 
furt erhält an ihm einen Dozenten, der seine Lehre durch Lehren 
vermittelt. 
— Feuer und Eis. Der Film „Großfeuer" des Gloria- 
Palasts bringt eine Reihe guter Aufnahmen aus dem Leben 
der großstädtischen Feuerwehr.. Es ist durchaus in Ordnung, 
daß die Bevölkerung einen Begriff davon erhält, wie gefährlich 
und zugleich nützlich die Arbeit der Feuerwehr ist, welchen kom 
plizierten Apparat sie beherrschen muß und für wie verschiedenartige 
Zwecks sie beansprucht wird. Das alles ist aus dem Film zu 
ersehen, der ein Keines Bildepos zum Ruhm der Feuerwehrleute 
ist. Aber gewiß hat auch ihr Heldentum am ehesten ein Anrecht 
auf Modifizierung. — In den Eisregionen der Berninaberge 
spielt der Film: „Spuren im Schne e". Seme Fabel ist 
ausgemacht dumm und seine Aufnahmen reichen nicht entfernt 
an die des Piz-Palu-Filmes heran. Dieser erst kürzlich hier 
gezeigte Film, enthält ein so vortreffliches Bildmaterial, daß dis 
Produzenten sich schon sehr anstrengen müssen, wenn jetzt das 
Kinder der Straße. Warum dieser nach Hans Rehstschs 
Stück: „Razzia" gedrehte Film als ein „AÄe F^m" vezeiaMt 
wird, ist nicht rech: klar. Sa-ließlich sind Kleinbürger in BerUner 
HLkLerhösen noch nicht ohne weiteres mit ZiLefiguren ident^ch. 
Am allerwenigsten entstammt die Handlung dem Geist des ver 
storbenen Meisters. Sie wird durch die Tatsache in Fluß ge 
bracht, daß eine Gemüsekrämerin mit falschen Gewichtm hantiert, 
und strömt dann kaum weiter. Daß das Töchterchen der Gemüse» 
krämerin den Wachtmeister, der die Verfehlung anßeZeitzt hat, 
durch ihre Liebe bestechen will und später offenbar wMich liebt, 
bringt die stockenden Ereignisse auch nicht eben vom Weck. Aber 
alle die Unzulänglichkeiten und Unklarheiten der Komposition che» 
sagen nicht viel gegenüber dem ausgezeichnet getroffenen Milieu. 
Carl Boese hat es mit großem Können und wirklicher AnfM» 
nähme aufgebaut. Die Stuben und Läden sind echt; die Be 
ziehungen der Marktweiber zur Schupo naturgetreu; sorgfältig 
auLgewählt die einzelnen Typen Martha Seemann ist ge« 
radezu der Jdealtyp einer Fischhändlerin und Gerhard Da m« 
Manns Alex ganz gewiß im Umkreis des „Alex" zu Hause. 
Heinrich George und Erika Glaeßner sind diL^Hauptper- 
sonen und zwei unverwechselbare Originalgestalten. Jener: da- 
Urbild eines dicken Ladners, der wie ein Hamster Mischen den 
Regalen sitzt, mitunter elementar brütet und ausbncht und zu« 
letzt in die kleinbürgerliche Gemütlichkeit eingcht. Die Maeßner: 
komisch-verschlagen, kunstvoll ordinär, das ganze Gesicht spielt 
mit. Durch die spezifische Art, in der sie die Rolle anpackt, über 
? trifft sie noch ihren Partner. Die Personen sind von Boese 
äußerst geschickt eingesetzt und zusammengeführt worden und einig« 
Szenen, so die rm HochKettsstaat, erzielen eine gradezu bedeutende 
Mrkvng. Der Film, der in den Bi eb erbau-L ichtspie- 
len läuft ist einer guten Aufnahme wert Kae». 
--- Siegfried Arns als Komiker. Er ist ein reizender Schnösel, 
der mit seiner unendlich gebogenen Nase und den hochgezogenen 
Augenbrauen redet wie andere mit den Handen. Mit den Händen 
redet er übrigens auch. Ein Weltstädter, dem niemand etwas weiß 
machen kann; eine Vereinigung von Wehmut und Impertinenz; 
eine durchtriebene Schmachtgestalt, der man aber trotz mancher 
anrüchigen Handlung jede Anständigkeit zutraut. In dem neuen 
Film der Al e m anni a-Lichtspiele: „Das verschwundene 
Testament" witzelt er sich von einer Clownerie zur anderen 
durch. Einmal soll er in einem Hotel mit dem an einer Spirale 
befestigten Bleistift seine Personalien ausfüllen. Er dehnt die 
Spirale mehrere Meter lang aus und gleitet dann wieder, von 
ihr herbeigezogen, wie auf Rollschuhen Zurück. Solche Pointen 
enthält der Film in ziemlicher Menge. Sein Hauptdarsteller ist 
Carlo Aldini, ein Tausendsassa, dessen Kletterkünste die der 
amerikanischen Filmhelden beinahe noch übertreffen. Neu sind die 
Tricks, die er mit einem simplen Spazierstock ausführt. Natürlich 
endigt das spannende Stück mit der glanzvollen Erledigung eines 
gefährlichen Hochstaplers und der obligaten glücklichen Braut. 
« Verbrechen und Spiel. In den Luna-Llchtspielen 
läuft einer der jetzt populär gewordenen amerikanischen Polizei-! 
filme. „Schatten der Nacht": ein vorzüglich gemalter! 
Film C. de Milles. Aus guten Typen und versiertem Gebarden- 
svicl erstehi sg etwas wie eine echtbürtige kriminelle Atmosphäre. 
Glänzend gelungen der Ueberfall auf ein Geldauto Die Banse 
ist kunstgerecht verteilt und mit gediegenen Feuerwaffen versehen 
— da nabt sich der Panzerwagen zur genau vorausberechnetsn 
Zeit: ein Augenblick äußerster Spannung. — Der andere Film 
des Doppelprogramms: „Im Banne des Spielteufels 
ist eine hockst romantische Affäre, nach einer Novelle Puschkins 
gedreht. Svielsäle. ein geheimnisvoller Kavalier und eine geheim 
nisbolle alte Gräfin — ein E. T. A„ Hoffmannsches Ensemble. 
Jennv Iugn wildert schwarz und „Moniert in diesem Revier 
Rudolf Förster ist der besessene Spieler in eigener Person. Dre 
Regie hat das phaniastrsche Milieu im allgemeinen zu sehr unter 
strichen. Auf der einen Seite kesse neue Sachlichkeit, auf der anderen 
die Traumwelt aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts — das 
geht nicht an. Die Vergegenwärtigung der Schauer des gräflichen 
Hau^ ist freilich ein Treffer, um dessentwillen man gerne manches 
verzeiht. — Kaca. 
«- Das MMcheuschiff* Der Mädchenhandel ist nachgerade ein 
aktuelles Filmthema geworden, das sich alle möglichen Abwand 
lungen gefallen lassen muß. Besonders glücklich hat sich ssmerZert 
Harry Piek dieses Stoffes bemächtigt. Von dem jetzt rm Gaprt '! 
Lulenden Film „Das Mädchenschiff" ist weit weniger Mhmens. 
zu machen. Obwohl er nach einer wahren Begebenheit gedrem fern 
soll, mutst er doch ziemlich unwahrscheinlich an. Das HgL offenbar 
an der Art seiner Durchführung. Bis Listen des MadchenhaMers 
find Au plump, die Bestechlichkeit der Polizemgenten rst mel zu 
ofienkundig. Von dem vorzüglichen Typ des Mädchenhandlers chb- 
aesehen, ist auch die Darstellung reichlich primitiv; wofür die 
hüoschen Müdcheirbeine nicht zu entschädigen vermögen. W und zu 
raucht eine exotische Landschaft mrt Palmen auf, dre vermutlich 
deutlich zu machen sucht, daß sich die Ereigmße m Südamerika ab« 
spielen. RaaL. 
s„Die Docks von New Vork."I Die Docks selber spielen* 
in diesem Film leider nicht mit. Ueberhaupt stützt sich der hoch 
begabte Josef von Sternberg in ihm nicht auf eine ereignis 
reiche Handlung, sondern spannt mehr durch die Beh rdlung der 
Wirklichkeit. Ein Heizer rettet während seiner Urlaubsnacht ein 
Mädchen vor dem Ertrinken, läßt sich prompt mit i^r in einer 
Bar am Wafserstrand trauen und entschließt sich am andern Tag 
nach vielem Hin und Her, bei ihr zu bleiben — das ist die ganze 
Geschichte. Aber wie genau und unst.ckimental ist das Lokalkolorit 
i der Unterwelt getroffen, die von der Hand in den Mund, von der 
heutigen Nacht zur nächsten lebt; wie sorgfältig sind die Typen 
eingesetzt und auf die letzte Formel gebracht; wie fttmmrg und 
ohne jede Photographische Effekthascherei ist der Vergnügüngs- 
betrieb im Hasen wiedergegeben, die trübe vagabundenhafte Lust, 
die sich ständig neu improvisiert. Man hat das alles schon oft ge 
sehen — hier sieht man es dennoch zum erstenmal. Und nimmt 
darum gerne die breiten Schildereien mit in Kauf, die Abschwei 
fungen und Zuständlichkeiten, in denen sich das Geschehen allzu 
häufig verfängt. , 
Langsam schreitet George Bancroft durch das langsame 
Stück. Er ist der Heizer. Eine proletarische Figur, eine wunder 
bare Vergegenwärtigung der guten Kraft. Kein Boxer, sondern 
einer, der unter Umständen auch boxt; kein aus Rekorde bedachter 
Sportsmann, sondern einer, der von Spielregeln und olympischen § 
Siegen nichts weiß. Da er die Macht seines Körpers im Kessel 
raum und zum Wohl der Schwachen nutzt, wirken auch ihre zweck 
losen Entladungen niemals brutal. Im Gegenteil: wenn er ge 
wichtige Männer so gleichgültig beiseite schiebt wie andere Fliegen 
verscheuchen, wächst er zum Märchenkerl heran, dessen Kraftautze- 
runqen schlechthin komisch sind. Komisch deshalb, weil ihre FEht- 
Sarkeit nicht die geringste Furcht einflößt und ein sanftes Wort 
den Koloß umzuwerfen vermag. Wie der Golem, der dre Austrage 
seines Herrn ausführt, tappt er durch die Welt, dre zum.Glück 
mit Mädchen gefüllt ist. Sternberg hat viel Kunst auf dre mrmrsch 
vollkommen aüsagedrückte AbgessttoorrbbeennhheerLit BeLty Compsons ver 
wandt. Charmant ist der Uebergang Olga Baclanovas von 
der Firne zur Frau. Der Film läuft im Frankfurter Afa- 
Theater. Lr.
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        Daplin als Prediger 
LLr Frankfurt, den W. Dezember. 
Der nun endlich auch bei uns gezeigte altere Film „Nie 
steht am Uebergang von den Grotesken zu den großen 
Werken. Schon weicht in ihm die bloße Situationskomik vor den 
bedeutenden Motiven zurück, von denen die spateren Filme be 
stimmt find. Zwar, es bleibt noch das unerhellte Nebeneinander 
komischer Typen und mancher drastische Effekt, der allein aus der 
Vitalität stammt — aber die eigentliche Ehaplin-Figur des heimat 
losen Vagabunden setzt sich doch nahezu völlig durchs 
Sie trift ihre mit den alten Watschelschritten im 
Predigerrock an. Chaplin als Prediger — ein Widerspruch in 
Person. Der Mann ohne Stückchen und schlotternde Hosen... 
Aber ihm ist nichts anderes übrig geblieben, hat er doch als ent 
flohener Sträfling keine Wahl unter den Anzügen gehabt. Nun 
laust er durch einen jener Zufälle, die ihm so treu sind wie dem 
Bettler sein Hund, einem frommen Gemeindeklüngel in den Weg, 
der ihn für den gerade erwarteten Geistlichen hält. Charlie muß 
die Hände falten und sich würdig benehmen.. Es entwickeln sich 
Szenen, in denen die Entdeckung des unfromwen VetmgZ immer 
nur um ein Haar vermieden wird. Wie tief ist die Abfertigung des 
-sektiererischen Wesens! Statt einfach als Heuchelei gegeißelt zu 
werden, wird es von dem kleinen Vagabunden äußerlich imitiert 
und derart in Frage gestellt. 
Den Chauvinisten ergeht es wie den zufriedenen Frommen. Am 
Schluß, der mit unvergleichlichem Geist gebaut ist, transportiert 
der Sheriff den mittlerweile durchschauten Chaplin wiÄnr ins Ge 
fängnis zurück. Die beiden ziehen der Landesgrenze entlang: hier 
U. S. A., dort Mexiko. Der Sheriff in seiner unergründlichen 
Güte gibt Chaplin einen Tritt, der ihn in die Freiheit Mexikos 
befördern soll. Nach und nach errät Chaplin die guten Absichten 
der Gerichtsperson und jubelt über die neu erlangte Sicherheit. 
Kaum hupst er wie ein Böckchen auf den mexikanischen Gefilden 
umber, so tauchen Banditen in Landestracht auf, die Zu schießen 
beginnen. Zuletzt entschreitet er; mit dem einen Fuß in U. S. A., 
mit dem andern in Mexiko. Die Religion ist so wenig, eine Heimat 
wie irgendein Vaterland. 
Auch die Menschen bieten kein rechtes Zuhause. E w steht wie 
ein Kinderfresser aus, ein anderer wie ein Gnom mit lang wal 
lendem Bart. Man muß sich vor ihnen fürchten und sie überlisten 
wie Dinge. Chaplin hebt auch in diesem Film nicht die Gegen-! 
stände aus der Unmenge feindlicher Wesen heraus, organischsNMd! 
anorganische Natur sind für ihn eins. Zu seinen Hauptwidersschsrn 
gehört eine hölzerne Teigrolle. Allmählich kommt er dahinter. Aäß' 
eine Rolle aus angeborenem Hang zu rollen Pflegt, hemmt ^Men; 
triebhaften Lauf durch eine Milchflasche, und spielt danmMit M 
als sei sie ein bezwungener Gegner, von dem nicht die geringsten 
Gefahren mehr drohen. Sein Uebermut wird natürlich bestMst, 
und die Rolle fällt ihm schließlich doch wieder auf den Kopf. Von 
der ganzen beseelten unf- unbeseelten Gesellschaft ist allein ein 
Mädchen ihm hold. Aber er müßte nicht Chaplin sein, wenn er sich 
mit dem süßen Schemen /näher einlassen dürfte. 
So entfaltet er sich mimisch wie stets in einem einzigen 
Monolog. Nur allzu begreiflich daß er am stummen Film fest 
halten möchte, denn ex vermag in der Tat die einsame Mion 
vollkommen in den optischen Räum zu bannen. Daß sie 
nirgends über die Sichtbarkeit hinaus weist, wird durch die blitz 
schneller Folge der winzigen Handlungseinheiten erreicht. Wie der 
rasend hin- und herschwingende Degen des legendären Fechters 
den niederströmenden Regen auffängt, so lassen sie keinen Zwilchen- 
räum frei, durch den die raumlosen Ereignisse eindringen könnten. 
Mitunter Verdichter sie sich zu glänzenden Solonummern. Der ckn! 
sich plumpere Ck mit demHüt etwa ist eine Vorahnung 
der Stiefelmahlzeit in „Goldrausch" Chaplin verwechselt euren &amp;gt; 
auf den Teller gerutschten Hut mit einem Pudding, traust Schlag 
sahne auf ihn herab, richtet ihn fresidig an und versucht ihn dann 
zu tranchieren. Das pantomimische Meisterstück aber rst unMeulg 
die Rede vor der Gemeinde. Ueber David und Goliath. So klein 
ist David; so groß, ist Goliath; so wird die Schleuder gewirbelt; 
so elend liegt der böse Riese zu Boden. Jedes weitere. Wort Ware 
überflüssig. Nach der Gestikulation benimmt sich Chaplin wie ein 
gefeierter Redner vor einem weltlichen Auditorium. Er kennt sich 
eben im Leben nicht aus; ein religions- und vaterlandsloser Ge 
selle. Darum hat er doch eine Heimat, und jeder, der ihn sieht, 
gÄBt sie mit Händen zn greifen 
(Der Film läuft in den Frankfurter 
Biebevbau-Lichtspielen sind in der Camera.)
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        5/vw -V» 753
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        Diesen Zettel bitte niebt entternen! 
868t3s^8bilöli6i- 
Ks-^cZues-, 8iegfs-ie^ 
!n!^3lt83Ng3b6 
Umf3s^g 
1 ^Zppe 
^nt8tskung826it 
19290000-19290000 
üeM8ebe8 
Iiteralin- 
ai'^iv inarbaeb 
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Esjiung 
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