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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.09/Klebemappe 1930 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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        Poton erweckte. 
L r. 
-'2- 
-2 ' 
Vs MUÜ modt ümusr Msä!L66 Wm; Luod uuI" 
dort 0 otu 6 r rum Vsispwl varstadt sied s-uks 
Lauck^rk. Dr dad in smusm UomLu: .Mackams 
8tor.y" (Ld. Lnaur Naedk.« Berlin. Osd. 2.85) 
einen ^eldlieden Detektiv 2um Leiden aemnedt. Von 
Lderloek Holmes LU Nadams Ltorv -7- die Dräuen 
dünnen sied niedt keklaMM 8ie ist eine edarmante 
Person, diese Dran 8torv; M niedt emancipiert, 
sondern vürdlied eedt nsidtied und das Mnaue (le- 
kenstüed cum Osntieman-Detedtiv. Ist der ein 
vollendeter Lerr. so ist sie die vollkommene Dame. 
Idrs ÜnternedmunMlust bleibt stets Msellsedakts- 
kädis. idr natürlieder Zedarrsinn verbändet sied mit 
diplomatisedem Oesedlek. In trüberen lladrdunderten 
dätte sie einem volitiseden 8alon vorMstanden und 
keine IntriAbn entwirrt. Dootner le^t seiner Dame 
Nordkälle vor, die so kompakt nie rätseldakt sind, 
und Nadame 8torv klärt die Däüs ant. odne je idrs 
Dle^anc eincubüüen. Lodade, dall sie niedt deiraten 
vüll! ^ber die meisten Nänner wären idr unterlegen 
und Detektive sind überdies grundsätclied llungge- 
sellen. 
Drank Hellers jüdiseder Dsvedoanalvtiker, , 
der in dem neuen Land: „Dr. Limmertürs 
Derisnabsmteuer" (Orstdlem L Oo., Dsipcig. 
223 8. Oeb. -K 4.75) wieder die Lauptrolls spielt, 
dat einige ^ednUedkeit mit Odestertons Pater 
Vrown. Von den Lasseuntersedisden abgeseden. 
keodten sie beide cum doderen Lubm der Vernunkt. 
V/eltweise, die sied notgedrungen in die ^rsna be- 
geben, IInMrn nur läüt sied Dr. Ammertür, der 
cu seiner Drdolunk? an der Liviera weilt, mit krimi- 
nalistiseden Problemen ein. ^ber dü?6 Probleme 
werden von seiner Vernunkt magised angscogen und 
kolgen idm eivkaed an die Liviera naed. Nanede 
Verbreeden wirken kreilied so konstruiert, dall der 
Verdaedt entstellt, sie seien dauptsäoblieb aus dem 
Orund erdaedt. um die ps^edoanalvtisede Intelligenz 
in Bewegung cu setceu. 2um (^läck ergedt sied 
Keller gern in reisenden gsdankliedsn ^bsedweikun- 
gen. die das Lonstimkiroesgerippe wie Blumengirlan 
den umwinden. Ds wäre übrigens cu wüvseden, daü 
er wieder einmal seinen Boedstaplsr OoUin von den 
-r- Flucht vor der LieLe. Ein junger Diplomat liebt em 
Mädchen aus einer Jahrmarktsbude. Das Mädchen liebt ihn wie 
der, und beide sind glücklich. Aber die Vermischung von oben und 
unten kann nicht gedeihen, und auf Betreiben des Diplomaten 
vaters, der für die Karriere seines Sohnes fürchtet, kehrt das 
Mädchen wieder zu ihrer Bude Zurück. Eine alte Geschichte, die 
aber ganz unterhaltend aufgemacht ist. Echter Jahrmarktsbetrieb 
ist arrangiert, der Semmering spielt herein. Jenny Jugo in 
der Hauptrolle hat reizende Szenen, und der inzwischen leider 
gestorbene Kurt Gerron glänzt als melancholischer dicker 
Budenbesitzer. Der Film läuft in der Neuen Lichtbühne. 
— '___ Raca. 
Schicksal gezeichnet ist. So sehr Krauß sich bemüht, sein^ Blicks 
- sind nicht geladen und seine L-eiblichkeit ist ohne Gewalt. Das 
Mythische bleibt aus dem Spül und die aus ihm stammende Kraft 
der Repräsentation verringert sich Zur äußerlichen Dreingabe, 
und zu viel, viel Zu viel unkörperliche Seelenkuust mischt sich 
überall ein. — Der längst nicht so exponierte englische Gegenspieler 
Bassermanns ist eine vorzüglich durchgefeilte Charakterfigur. 
R 2. e 3.. 
Die Drei um Edith. Ein Film in seiner Anlehnung an einen 
Roman von Harich Alle Romane, die einmal in einer illustrierten 
Zeitung gestanden haben, scheinen für den Film prädestiniert zu 
sein. Man hat sich offenbar sehr frei an die Vorlage angelshnt. 
aber der Roman hätte ja auch so verlaufen können wie jetzt der 
Film. In dem Gebiet der Edelkolpsrtage, das er wieder einmal er 
schließt, kommt es nicht eben genau darauf an. Edelsteine sind der 
gleißende Mittelpunkt dieser EdelkolporLage. Ein Diamantendieb 
großen Stils taucht zu einem gewaltigen Beutezug in der Gesell-, 
schaft auf, dort, wo sie am mondänsten ist, schwankt eine Zeitlang, 
ob er sich die Liebe einer Frau stehlen oder lieben stehlen soll, 
stiehlt dann zuletzt und entschwindet ungestraft. Man kann c§ ihm 
nachfühlen. daß er den Diamanten, der, nebenbei bemerkt, eine 
Fälschung ist, der Edith Camilla Horns vorzieht. Diesem Gret- 
chen wird es trotz einer Halskrause nie gelingen, der Garbo ähn 
lich zu sehen, sie ist süß wie eine Zuckerstange und auch in groß 
artiger Aufmachung ein Puppchen. Dieß! als Hochstapler kopiert: 
den dämonischen Veidt und weiß im übrigen nie recht, ob er sym 
pathisch oder abschreckend aussehen soll. Jack T r e v o r ist wie 
stets halb Liebling, halb energischer Gentleman. Dem Film, der! 
in denUfa - Lichtspielen läuft, verhelfen auch der routinierte 
Schnitt und die achtbare Photographie nicht zu Wirkungen, die 
über das Kunstgewerbliche hinausführen. Laca. E 
-- ^Segelschiff mrd Luxusdampfer.I Nicht umsonst wird 
der Film: „Das Schiffd er verlören en Menschen" als 
ein deutscher Millionenfilm angepriesen. Jedenfalls hat man in 
ihm Unsummen auf die Ausstattung eines gehobenen Kolportage- 
stcffes verwandt, der in der Sphäre der Magazinliteratur beheimatet 
ist. Uebers Meer zieht ein Segelschiff, mit „verlorenen Menschen" 
bemannt. In diese übel beleumdete Gesellschaft gerät aus Zufall: 
ein gut gekleideter, bildhübscher Medizinstudent und eine schick ge 
kleidete, bildhübsche Ozeanfliegerin. Muß gesagt werden, daß die 
junge Dame von der ganzen Mannschaft begehrt wiM Daß der 
Student sich schützend vor sie stellt? Daß Leide sich lieben? Daß 
ein Luxusdampfer sie knapp vor dem bösen Ende noch rettet? Das 
alles ist selbstverständlich, aber in der Aufmachung liegt angeblich 
der Witz. Leider ist er zu plump. Die Arrangements in der Hafen 
kneipe und den Schiffsräumen sind Operndekorationen; den Rau 
fereien ist anZUmerken, daß sie ein-studiert sind; die exotischen Typen 
vor den gestellten Kulissen sind gar so echt. Fritz Kortner führt 
diese verlorene Schar an, doch auch er ergck sich, genau wie die 
andern, in der Gebärdensprache, die nun ei -mal, auf Grund irgend 
einer stillschweigenden Konvention, für die Leute aus der Unter 
welt in nahezu sämtlichen Filmen typisch geworden ist. So wäre 
mit der Mannschaft der ganze Film verloren, spielte nicht S 0 k 0 - 
l off einen reizenden russischen Schiffskoch und nahte sich nicht 
das schimmernde Dampfermodell. Die Begegnung Zwischen dem 
Hellen Riesenkasten mit der mondänen Gesellschaft auf Deck und dem 
winzigen Schmutzkahn ist geschickt herbeigeführt und stellenweise 
effektvoll. Freilich, was nutzt die filmische Wirkung, wenn sie zu 
schlechten Zwecken verwandt wird? Student und Fliegerin werden 
im Triumph von der eleganten Welt an Bord aufgenommen, und 
die verlorenen Menschen sinken als Verlorene wieder ins Dunkel 
zurück. Mau möchte fast lieber Lei ihnen auf dem Segelschiff 
bleiben. (Der Film läuft im Frankfurter Ufa-Theater.) 
Napoleon. 
Ueber den im Roxy - Pala st laufenden NapsleonUrn ist 
gelegentlich» der Berliner Uraufführung bereits ausführlich in der 
„Frankfurter Zeitung" berichtet worden. Hier bleibt nur einiges 
Grundsätzliche nachzutragen. Der Film schildert die Lebenszeit 
des Kaisers auf St. Helena. Nicht, daß er Zustände statt drama 
tischer Wwnen darstellt, macht ihn so schleppend und handlungs 
arm, sondern dies: daß er die Zustände nicht in der Sprache des 
Films auszudrücken weiß. In großen Filmen, wie etwa in 
„Therese Raquin", wird die eigentliche Spannung stets Hemds 
durch die Verwandlung des zustandlichen Mteinanhers in Zas 
filmische Nacheinander erzeugt, und so hätte auch die EinsaMeit 
auf St. Helena zu stärkerer Wirkung verdichtet werden können als 
die Beschreibung jeder anderen Epoche des an Sensationen reichen 
kaiserlichen Lebens. Es gibt filmische Möglichkeiten, eine solche 
Einsamkeit intensiv Zu vergegenwärtigen; wie überhaupt dem z 
großen Regisseur das scheinbar ereignislose äußere Dasein -- j 
es besteht in Wirklichkeit aus einer Fülle mikroskopischer Ereignisse j 
— ein lieberer Vorwurf sein wird als ein Dasein, in dem die 
sichtbaren Greigniffs sich häufen. An sich also A die WM von 
Napoleons Ende durchaus berechtigt gewesen.. Nur hat das Können 
nicht gereicht, und an Stelle cmes Films, in dem die leeruzrn- 
fließende Zeit zu körperlich spürbarer Macht gerät, ist eine endlose 
Folge von Episoden entstanden, deren Ablauf der Zeit gar keinen 
Platz zum Eingreifen läßt. Jahre gehen dahin, in denen nichts 
geschieht: aber statt diesen gewaltigen Prozeß , zu gestalten, wird 
höchstens einmal gesagt, daß wieder eirmMl ein Jahr verstrichen 
sei, und so gelang als ob sich mittlerweile etwas zugetragen habe» 
Man hat fleißig Tagebücher und Memoiren studiert und eine Un 
menge kleinerer Begebenheiten aufgestapelt, die gewiß beglaubigt 
und annähernd naturgetreu wiedergegeben sind. Jndesien, nie und i 
nimmer konnte es sich um die (zuletzt doch unmögliche) Rekonstruk- 4 
Lion des Tatbestands handeln, sondern nur um die Darbietung 
seines Gehalts/ Der'Erstickt Zumeist unter der Last der Details, 
deren Auftreten weniger dem Zwang der Komposition Zu danken 
ist als der ^damischen Neigung, ein komplettes historisches 
Bilderbuch Zv liefern. Ob sie sich einstigen oder nicht: sämtliche 
bekannten und unbekannten Anekdoten werden zu illustrativen 
Zwecken benutzt. __l 
Findet man W 
einzelnen manches anz u erkenne u. Die GeLurtstagsmahlzeit 
in Lsngwosd; die Szene zwischen Napoleon und der Büste seines 
Salmes vor dem Spiegel; der erste Empfang des Gouverneurs; 
die Durchgestaltung des bis zum Ende bewahrten Hofzeremoniells 
— das alles ist gewissenhafte und hie und da sogar von einem 
Einfall begünstigte Arbeit. Freilich, man ist des, Geistes nicht teil 
haftig, den man veranschaulichen will, und es fehlt durchaus der 
Elan, der ein paar Abschnitte des Napoleonsilms von Abel Gance 
ausgezeichnet hat. Es sei nur an die Fahrt des jungen Generals 
Zum italienischen Kriegsschauplatz in diesem Film erinnert. Eine 
Stelle von ähnlicher Großartigkeit findet sich nirgends. 
Napoleon hat einst von Schauspieler Talma kaiserliche Ma» 
nieren gelernt; Werner Krauß hätte sie ihn nicht Zu lehren 
vermocht. Dieser bedeutende Darsteller versagt in der Rolle des 
Kaisers. Allerdings G seine Aufgabe ungemein schwierig- W er 
doch nicht den Kaiser in seiner Macht, sondern den gewesenen 
Kaiser zu spielen, Üm davon abZusehen, daß die Maske nicht ein- 
wündsrei ist, es mangelt vor allem an der Aura, die den ent 
thronten Napolon hätte umhüllen müssen. Weder merkt man, 
daß er früher Schicksale vollstreckt hat, noch daß er jetzt vom
        <pb n="2" />
        Zeitschrift: 
neuen 
„Der Ring" von dem französischen Film: „Die 
Herre n", den unser Mitarbeiter Bernard von 
Schlechte Usütrk rw grrterr Mlm. ! 
„Dieser Film mmrnt nicht Partei", heißt es in der 
Henny Portm im Film urrL Persönliche 
Sie hat sich ein Thema gewählt, in dem sie als -stolze Frau 
und Liebende glänzen darf. An Der Ostgrenze; auf dem Hinter 
grund des Kriegs. Während die Kanonen donnern, liebt sie, die 
Gutsherrin, einen Russen, genauer gejagt, einen russischen Fürsten, 
der nach der Wiedereinnahwe des Dorfs durch die Deutschen aus 
der Flucht getötet wird. Anders hätte auch der Ulm nicht enden 
können, da ihre Liebe sonst als VaLerlandsverrat gegeißelt worden 
wäre. So aber darf.sie an der Leiche knien und den Mund des 
Toten hingebend küssen. Das Stück, ein sinniger Gartenlaub es 
Roman, ist gepflegt ausgemacht, und durch die ClichS-Figur der 
Heldin leuchtet allenthalben das ursprüngliche Talent der Porten 
hindurch. Sie hat die Herrschaft über Gesicht und Gestalt, voll 
zieht sicher den Uebergang von Ausdruck zu Ausdruck und kann 
überhaupt mehr als mancher deutsche und amerikanische Star. 
Nur schade, daß sie sich veraltete und unaktuelle Rollen aussucht- 
in denen sie ihre mimische Originalität dummen sentimentalen 
Zwecken dienstbar machen muß. Freilich, die gleiche Neigung, 
die sie in die durch die Courths-Mahler endgültig bestimmte 
Sphäre treibt, befestigt den Glanz ihres Namens Leim großen 
Publikum- Deß konnte man gelegentlich ihres persönlichen Auf 
tretens Zeuge sein. Das gefüllte Haus jubelte rbr entgegen, als 
sie, in duftiges Weiß gehüllt, das Podium betrat. Sie las ein 
Gedicht, das von der völkerverbindenden Macht der Liebe han 
delte, schritt dann zögernd Stufe um Stufe hinab, verweilte 
einen Augenblick und hob lächelnd die Hand zum Zeichen des 
Danks für den unermüdlichen Beifall. Noch um ihren Waaen 
draußen stauten sich begeisterte Scharen, die ihr beinahe sämtüLe 
Pferdekrafte ausgespannt hätten. (Der Film: „Die ^errl'n 
und ihr Knecht" läuft in den BieberLau-L^cht. 
spielen und in der Camera.) Us e L. , 
«s lHMywosv präsentiert sich selber.^ Kern dokumen 
tarischer Film wie damals der ausgezeichnete HöllnegelS, sondern 
ein "handfestes Lustspiel mit schwierigem Anfang und glücklichem 
Ende. Ein Mädel (Diarion Davies) kommt mit großen Augen 
und Planen nach Hollywood, gerät in eine mindere Filmgesell 
schaft, die Groteskstucke herstellt, verliebt sich in den Komiker (Wil 
liam Hahnes), steigt zum Star an, benimmt sich größenwahnsinnig und 
findet sich zuletzt nach einem äußeren und inneren Zusammenbruch 
zu ihrem Komiker zurück. Der Witz besteht darin, daß die Fabel 
sich vor den Kulissen des wirklichen Hollywood äbspielt. Man sieht 
nebenbei (wenn auch nicht mit den Augen Kischs): die verschie 
denen Studios der Filmstadt; die Unterwelt der Extras; kleine 
und große Regisseure, Filmaufnahmen und Typen der verschie 
densten Schichten. King Vidor hat den Stoff stellenweise satirisch 
aögewandelt und eine Anzahl entzückender Szenen gedreht. So 
gleich das Debüt der Heldin: sie möchte eigentlich gar nicht in der 
ihr zugeüachten komischen Rolle auftreten und wirsi gerade darum 
sehr komisch. Dann der Kampf um die Dränen: sie soll auf Kom 
mando weinen, kann aber doch so plötzlich nicht weinen. Vergeblich 
spielt die Musik rührende Schlager, wettert und fleht der Regisseur. 
Zuletzt gelingt das Wunder, und die Tränen fließen in solchem 
Uebermaß, daß man Zehn dramatische Höhepunkte damit bestreiken 
könnte. Schließlich das Finale, in dem sie ihren Partner küssen soll. 
Der Partner ist eben jener Kameradaus den Anfängen ihrer Lauf 
bahn. Beide küssen sich eine Ewigkeit lang und merken nicht, daß 
sich die Kurbelmänner längst lachend entfernt haben. Zu den be 
sonderen Reizen des Films gehört, daß in ihm zahlreiche beglau 
bigte Stars, als untergeordnete Nebenfiguren mitwirken. Der echte 
Doug macht beim gemeinsamen Frühstück kleine Kunststückchen, und 
Marion Davies als Heldin erblickt einmal M ihrer Freude die 
.Filmdiva Marion Davies. Nach ihrem ersten Erfolg kommt übri 
gens ein unbekannter, wenig stattlicher Herr auf sie zu und bittet 
sie um ein Autogramm. Im Vollgefühl ihres Starberufs behandelt 
sie den Zudringlichen von oben herab. Als sie dann freilich von 
ihrem Begleiter den Namen hes Herrn erfährt, sinkt sie unverzüglich 
in Ohnmacht. Der Name lautet: Charlie Chaplin. — (Der Film: 
l,Es tut sich was in Hollywood" läuft im Frankfur- 
i Ler Ufa-Theaier.) Tr. 
--- AMKmkKMschAS im Usa-PslaH Grsß-Frrmkfmt. Solana? 
noch alle Möglichen technischen und künstlerischen Unklarheiten auf 
dem Gebiet des Tonfilms herrschen, sind wir vorerst in Deutsch 
land gerade nicht mit der besten amerikanischen Auslese gesegnet. 
Immerhin wird es vielleicht manche interessieren, den kleinen 
Sketch: „Die 42. Mmße" Zu hören, in dem wenigstens deutlich 
gesprochen und gelungen wird. Das Lustspiel „Erfahrene 
Frau gesucht" mit Tolle en Moore in der Hauptrolle 
ist figsnMch kein Tonfilm, sondern ein stummer Film, dem die 
musikalische Illustration offenbar nachträglich Leigefügt worden 
ist. Die Moore ist ein spaffiges Mgürchen, das sich weidlich an-. 
strenA, uns durch seine Possen zu unterhalten. Weibliche Komiken 
rinnen sind selten, und mit dem Firlefanz ließen sich einige 
Kabarettnummern bestreiten.. In dem viel zu geräumigen Stück 
kommt die Soloproduktion nicht recht zur Geltung. aa 
Brentano anläßlich der Berliner Aufführung bereits kurz und 
treffend gekennzeichnet hat, „aber er Zeigt fast zwangsläufig, wie 
&amp;gt; der parlamentarische Betrieb die Persönlichkeit absorbiert und 
zerstört, und das um so mehr, je unverbrauchter und unverbildeter 
die Menschen sind, die in ihn hineingeraten." Es hat seinen 
Grund, daß gerade der „Ring" die politische Bedeutung des 
Films unterstreicht; denn das nach dem Theaterstück der Schwant- 
fabrikanten R. de Flers und F. de CroisseL gedrehte Lustspiel 
nimmt durchaus Partei. Nicht etwa deshalb, weil es auf die in 
den Boulevardtheatern übliche Weise parlamentarische Unsitten 
verspottet. Die Satire auf unerlaubte Beziehungen zwischen Liebe 
und hoher Politik, Bestechlichkeit und offizielle Ministerbesuche 
läßt man sich gerne gefallen, und es bedarf schon einer gehörigen 
Plumpheit, um die leichte Komödie in einen schweren Angriff 
gegen den Parlamentarismus umzudeuten. Schlimm dagegen ist, 
daß der Film iw engeren Sinne ParteipolM treibt. Er stellt 
einem gräflichen WgeordneLen einen Arbeiterdeputierten gegen 
über. Während er aber auf die vorn „Ring" ausdrücklich an 
erkannten vornehmen Manieren und alten Traditionen ^es Grafen 
alles Licht sammelt, stempelt er den ehemaligen Gewerkschafter 
zum eitlen Wicht, der als Minister sofort seine Gesinnung ver 
leugnet. Ist damit dem parlamentarischen Betrieb das Urteil 
gesprochen? Keineswegs; jandern es handelt sich einfach um ein 
; Zerrbild der Wirklichkeit, das freilich reaktionären Wunsch 
träumen entspricht. Die schlechte PolM rächt sich im übrigen auch 
!n äs? sebönsn, ran Usx lbfebos? 
bsuen SsbrUtsnrÄds äsr kleuM ZebvÄrsr llnnä- 
ssbLu, in c^r nsusrämM auch VÄöZ-M StsEÄ- 
Zbuckls Lrsn klÄr Mtuncho bs.ü, ist äsr KIsms 
Vsss^: von ?nrls" von Dar* 
bauä HrLÄüsLSR &amp;lt;4L Lsitsn. 3.5Hft Mn 
IrtsrLriLebsL Luriosum, äks trotr seiner rmverbWt 
LstbstiMtLsebsn MnsMtunA Her BesLbbuLK ivsrt 
ist. Äs sm 2eiedsv äer Dlsbs Tu karis, son- 
äsrn Äs sin Zsrsxisl äss Ver^LLbsoussrNS eines Usw 
seben mit einer Stackt. TEsuä srLLblt von äsn 
karisor dlLebkrieMLbwn, UM Le tz^Mobts seiner 
siZdLM in Gsser Lsitspsnns ibw 
un^üÜLÜrliod Lur Osseblebts seiner BsLiebunZ xu 
?sns. 8s ssbr jedt sr äss I-Hbon äsr Stückt Witz 
äaL sr ibr Dasein von 6ew seinen webt trennen 
kann. Me ^nr ss, Äs äsr ?Necke viecker be§anL? 
Damals sollte secker ein sedürtiZbr kariser sein, 
? unck cke^ ^usckruek: ,Irovm2ler" KÄt Äs ein 
! Zobünvk^ort. Nns rMsencks ^nekckote belebt ckle 
Ltimmuns jener ÜÄwe. ^7er LausEt, ckem wan 
ckitz Donckoner ^ckreLSH Zab, ckamit sr ckw Lrisks nasb- z 
Mucks, demtzvLts möbt SÜDS NiÜOÜILZUQT: 
Der Lsrr reist suls Dauä?" Ls kÄZte eins Lpoebs, 
m cker siob cksr jüvM, verwML^^ 
unck sDybiZtLsübs !?rsuncksLllreLG ins Lockens Lxtrsme 
ZtürLte. Alan reiste ms ^vslanä unck uÄuo ckis cksrt 
beiNisebsn Sitten unck 6-sdrLuobs an, man setLts 
sÄntzn LdrMZ ckarsin, sm „kÄaos^ unä ZMak^LZsn- 
karissr" xu sein, man dsnutZtS dsi MebtiUM ^uk- 
entbÄtE in ?LNS viele ^rsWck^ortö; unck 
betrug sieb Äs L osmopollt. Dann Lommt ckie enck- 
MtiM MeLLebr unck mit Lbr Es HiKeMieLs Lrobs- 
runx von karis. SM^Watlseds Dn tckHNLunMrsissn 
ckureb M sinMnsn tzuartiers Mercksn veranstÄtst, 
nnck ckis breucks an cksm MrÄied Hr^orbsnen Vesitr 
verstHiKt sieb ro ckem MarrüLLten VorsMaZ, Debr- 
stübls kur karisertmn rü Arüncksm ^der Lein GLK° 
berLWr 8toIZ bebsrrsebt cksn nun Ssrslltsn karLser. 
Vr versamwÄt vislNsbr Dorn m cksx DrinnsrunZ chs 
! ksrnen Stäckte um «leb, in Mnen sr W^süt bat, unck 
WiLnxt Nr cksr DrbeDntms: ,^.ueb ibnen geboren vir 
ein biboben an, nnck kür Mß Zum minckeetHn sinä Äs 
Ms Lw ssldsn Dana §Äsgeh unck bücken mit Daris 
nur eins smÄM Ltackt, ckeisn Lentnun karis ist." — 
Di« Sebrlkt, aus ÄM ckas bisbensinancksr so versekls- 
äsner ^ntorsn vis NoranA nnck ^.raxon em 
verktLnckUebsr virck, Ist von Nax U/sbnsr aus- 
ssLsrebvstz übertragen ^oräsm Dr bat Lbr aueb 
ckn« jscksM Diebbaber van karis ZMÜL vüILowmsnO 
i dlsok^srt Lvgsküist. L L
        <pb n="3" />
        Lichtspielen.) 
Kr» 
künstlerisch, wirkt doch der sozialistische Abgeordnete im Vergleich 
mit dem adligen Herrn als eine unmögliche Karikatur 
Schade, daß Jacques Feyder seine große Regiekunst so» min 
deren Zwecken dienstbar macht. Er hat den Film mit einem Esprit 
gebaut, der in heimischen Produkten kaum je anzutreffen ist, und 
wäre nicht veralteter politischer Ungeist mit im Spiel, so hätte 
man au dem charmanten Aufgebot moderner, oft surrealistischer 
FilmsinfäLe einen ungetrübten Genuß. Feyder hat früher schon 
das tote Inventar zum Leben erweckt; hier steigert sich womk glich 
noch seine Fähigkeit, eine abgestorbene Zeichensprache Zu dechif 
frieren. Die vergangenen Ornamente am Rednerpult im Sitzungs 
saal greisen aufreizend ins Stück ein und widerlegen, nebenbei 
bemerkt, seinen Inhalt. So wird auch eine Theaterdekoration 
zum Reden gezwungen, die den Hintergrund der Transportart 
beiterversammlung bildet, so erscheint das Mobiliar in der Woh 
nung des SoZialistenführers als eine Verkörperung des Mittel 
standes. Zarte Ironie, die eines Anatole France würdig wäre, 
waltet über vielen Szenen. Sie durchdringt den Auftritt im Bal« 
lettfoyer der Oper, zaubert die erotische Phantasmagorie des 
alten Parlamentariers hervor und entfaltet sich Leim herrlichen 
Festzug in der ProvinZstadt. Wo sie nicht am Platz ist, wird sie 
sofort unzart. Schade. 
Gaby Morlay als Tänzerin, Geliebte und ProtsktionMndr 
klug, süß verlogen, gaminhaft (manchmal um eine Nuance zu 
viel) und von einer entzückenden Bewußtsein des Spiels. Feydsr 
hat sie wundervoll emmontie^, und schon um der MinwturkaL 
kaden ihrer Gesten willen ist dieser garstig-schöne Film sehenswert. 
( Er lauft in Frankfurt in der Camera und den MeLerLaM 
IN MHL8NILI.D, 
Der kürMell ersebisneno kranZosisoks Roman: 
„Jans r« marin" von Ldouard Lsissou 
(In dsr Rsibo: „Lss eakisrL vsrts" des VorlaZs 
Vsrmaid Orassot, Rarm) gekört ru jsnHn paar 
8taätrowanm. in dspsa dis btaät prellt nur Do- 
koration ist. Gonäorn v^irkliell Hip^rsikt unä mii&amp;gt; 
Miblt. Lom Munckßr. denn Lsissop ist sebiekHals- 
mMm ibr anvsrnAüät. Vr bat väbrond des Lids 
MS RunbordionstG auk einem Oampier vemsben 
und lebt deute als Unbestellter in UarssUls. ^.Iso 
yrkMt er säMtliebs Vorbeäin^unMn Zu einer er- 
Gobönienäen Lunäs der 8taät. Lein Leid, ein 
amerikanisobZr Natrose, dringt auk die einZiD. moZ- 
liobe in sie ein: eines la^es steift er vom 
Lobikk berunter, seblendert mit viel OM in den 
Pakeben dureb die tzuartiere und landet bei einer 
besseren Dirne, die ibm mit ibren Lelkersbellern 
das (leid adnimmt. MeniKStens bat br sie im Vsr- 
daebt, den näebtlieben Leberkall an^estiktet rm 
baden, an den er sieb naeb dem Vrvaeben in 
einem Lranbenbaus dunkel erinnert, fortan bleibt 
er in Marseille und vermisebt sieb mit den 2abl- 
reieben^ LxistenLen, die man Las kür Las auk der 
Oanediers beobaebten kann. Leben und unsenti- 
mental Lesebildert sind die Ziellosen Irrkabrten des 
Lungernden; ibm, dem beimatlosen Vagabunden, 
der niebts ^u eiMN bat, ersebliellen sieb die Oe- 
beimnisZe der Ltadt. Langsam maebt er Karriere, 
eine kür Narseille be^eiebnende Lariiere. Lr ivird 
unter die Lumpensammler ausgenommen, steift 
naebdem er in ibrer Vrüdersebakt die niederen 
Weiben. empfanden bat, 8um K'rsMdenkübrer empor, 
lüllt sieb von den ökkentiieben Lüusern Ver- 
WittlerMbübren AusLablen und erkämpft sieb 
eine Position im NMeu. 80 könnte und sollte es 
vmiterieben, bestebt doeb die eiMvtliobe koints 
solober desebiebten darin, daü sie keine Iointtz 
baden; ader leider Buudt sieb LeiZson einen 
dobluü sebuldj^ M sein, der eben die Roman 
tik ivaxAonvmiss ankäbrt, von der man bisber ^um 
Müek versebont geblieben v^ar. Der Lxmatross 
muü die Dirne ermorden und dureb einen Lotaus 
AMT naeb Larig entseb^inden. Dennoeb: das 
Vueb ist ein Tuter Ltadtderiebt und er Leibs der 
moMLiellen Vaedeker ein^uordnen, die kür sollte 
Llaneure Tesellrisben sind, L r, 
Jannings in: „Sünden der Mter". 
? -- Endlich wird dieser schon länger zurückliegende JanningS- 
ftlm^auch in Deutschland gezeigt. Er hat eine auf die stärksten 
.Effekte angelegte Handlung, die besonders deshalb interessiert, 
weil sie zur Zeit der Einführung des Alkoholver 
botes spielt. Jannings beginnt als Kellner und gedeiht dann, 
zum Kneipenbesitzer. Im Lrunk läßt er sich mit einem üblen 
Frauenzimmer ein, das ihn nach dem vorzeitigen Tod seiner 
vrau zur Ehe zwingt. Es kommt die Prohibition. Die Witter, 
imchtsstunde, in der sie in Kraft tritt, ist (abgesehen von einer zu 
uphigen Montagephantasie) großartig dargestellt. Unzählige Men 
scheu drängen sich in die Kneipe, feiern eine wilde Trinkorgie und 
balgen sich um die Flaschen. Unter dem schlechten Einfluß seines 
Ratgebers verlegt sich Jannings auf den Alkoholschmuggel, wird 
reich und reicher und schließlich Hausherr mit vornehmer Diener- 
Aber je höher er ansteigt, desto bedenklicher gerät sein 
Gesöff. Er will nicht mehr verkaufen, aus Schwachheit verkauft 
er doch. Was geschieht? Sein abgöttisch geliebter Sohn trinkt 
von dem Zeug und — erblindet. Gleichzeitig konfisziert die 
Polizei das Lager und verhaftet den unglücklichen Vater. Nach 
den Gefängnis wird er von neuem Kellner. Der Schluß ist 
rührselig, ein halbes end fürs Gemüt. 
m richtiges Volksstück, ein Pr^pagandafilm zugunsten der 
Prohlbttion. Ludwig Berg er hat die Sache groß aufgezogen 
und sich keine Wirkung entgehen lassen. Er versteht sich aufs 
Handwerk, hat den Sinn für Pointen und steht an Realismus 
den bedeutenden amerikanischen Regisseuren nicht nach. Das 
elegante Restaurant ganz am Anfang schält sich vorbildlich heraus, 
die Bierkneipe ist glänzend gesehen, das Kellnerfest ein famoser 
AuftE. Daß der Prunkhaushalt in der zweiten Hälfte klischee 
haft ist, liegt wohl mehr am Stoff als an der Reale. Der Ernst ist 
so schwer wie der Humor, aber Berger hat recht voran getan. 
^bEung der Fabel durch ironische Lichter zu verzichten. 
Man kann nach diesem Film begreifen, daß und warum 
Jan n rngs drüben einer der populärsten Darsteller ist. Er ist 
handfest, nicht nur als leibliche Erscheinung, er hat «"ine komö- 
dl&amp;lt;mtische Freude am Spiel, dir stets durchscheint, er konturiert 
l.E,MZurm klar und für jeden verständlich und lebt sich so in 
sie hinein, daß wirklich Leben, wenn auch grobes, aus ihnen 
MusWägt. Wenigstens gilt das für die Kellnergestalt in dem 
A .. ^Munings präsentiert sie rund vom stolzen Servieren an 
ms in die faulen Glanzzeiten hinein. Anerkennenswert ist, wie er 
dre volkstümlichen Gefühlsregungen wiedergibt und den gleichsam 
- AttEer zusammengefaßten Prozeß des Alterns durch 
lauft. Mag man anderen Leistungen von ihm kritisch gegenüber- 
stehen^ hler jedenfalls ist er Meister der Rolle. Das ganze 
Ensemble ist im übrigen gut. 
, Alm läuft im UfatheaLer. Am Dirigentenpult steht 
wieder Heinz M e l e t L a. Er hat das musikalische Arrangement 
mit der bei rhm gewohnten Sicherheit besorgt. 
Ramon Novarro und John GilberL. Die Selben amerrka- 
nischsn Männerschönheiten treten in zwei Filmen der Luna- 
Lichtspiele auf. Jener spielt einen mondänen englischen Lord 
mit dem Einglas und einem Schnurrbärtchen, das er sich zum 
Glück später abrupft. Er bemüht sich darum, einen ausgekochten ele 
ganten Rouö zu mimen, ist aber zuletzt in der Rolle des wirklich 
Liebenden ungleich glaubhafter und netter. Gilbert seinerseits gibt 
einen jungen Habenichts ab, der sich als Reporter in, die Hohe 
arbeitet. Er legt sich mit Elan ins Zeug und wirkt aufgeschlossen 
und südlich. Die beste Figur in seinem Film ist freilich der kleine 
Knabe Zu Anfang, der eine reizende Soloszene als Gassenjunge hat. 
Wedding im Kilm. 
Lr Frankfurt, 28. Januar. 
- »Mutter Krauses F-ahrt^ ins. Glück": keiues jener 
Erzeugnisse, in denen Zille-Motive zu kitschigen Zwecken mißbraucht 
worden sind, sondem/ein anständiger, sauberer Film, der dem 
Namen des toten Meisters (und auch dem von Käthe Kollwitz) Ehre 
macht. Die Prometheus-Gesellschaft hat ihn hergestellt. Frei von 
Sentimentalität. schildert er das Wohnungselend in Berliner 
Proletariervierteln und seine Folgen, Zustände also, die anzuschauen 
not tut. In einer solchen kleinsten Hütte, in der angeblich Raum 
für ein glückliches Paar ist, Hausen zu ihrem Unglück mehreve 
Paare zusammen: Mutter Krause mit Sohn und Tochter, der 
Schlafbursche und seine Geliebte, die Prostituierte ist und ein Kind 
hat. Man hat dergleichen öfters in Filmen gesehen, «Per gewöhnlich 
nur als gruselige Staffage für irgendein auSerwähltes Schicksal, 
Las in prunlhaften Vorderhäusern ksppx endigt/Hier hält'das 
HiÄerhaus bis zE t seine Insassen fest. Der Schlafbursche, der 
eine Verbrecher-Type ist, verführt unter anderem die Krause 
Tochter und bildet den Sohn zum Einbrecher aus. Das MäLsun- 
sympathisch sein; wo die Zustände indessen so jammerbar M, gsht 
man ihnen nach und ist, wie man sein muß. Nur zwei Auswege 
OkdsfrÄ. um dem Zwang zu MrinneN. Mutter Krause benutzt den 
einen: sie dreht den Gsshah« auf und fährt ins jenseitige Glück.. 
Nun har sie ivvni«st-n§ Ruh. Ihre Tochi« entscheidet sich ffir den
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        Ein Kriminalfilm. In den Drechsel- und Elitelicht 
anderen Ausweg. Sie gesellt sich Zu.Einem organisierten Arbeiter, 
der übrigens ausgezeichnet mit dem Lumpenproletariat 
wird. Vielleicht sie in ein besseres Diesseits- 
Der Regisseur,P i e l, I u tz i ist eine Hoffnung^ Nicht etwa 
LeGalL. weil er, unterstutzL vE. Eedding-Waler^ ^Qtts Nagel, 
das WLjoh wieder eiMsl susgebsuM hat» Es ist -schon min 
destens ebenso treffend AksnnZeichnet worden. ManD Lhpen 
sind zu typisch, und die übertriebene Gefräßigkeit der HoMelLs« 
MLe ist eine EntgleisunA Auch verficht sich Jutzi, einstweilen 
zu sehr ins Detail verliM, noch nicht aus die Kunst , des -Aus- 
lassens. Wer ex hat Loch mchL, wie anders den RüssAn Ärr M 
Aeußerlichkeiten aLgeguckt, sondern wirklich..von ihnen Mrrnt. 
Seine Straßen«, Häuser- usch Hofaufnatzmen sind großartig, feine 
Uebergängs sachlich begründet. Unvergessen sei ihm vor allem 
dex folgende szenische Zusammenhan-g. In der Mitte des Stücks 
findet eine ArLEerdemonstratumstaLt. Das verzweifelte Mrar^e« 
TochLerchen sucht die Reihen nach ihrem Freund ab, _ den sie mn 
Hilfe. Mm wW. Sie entdeckt ihn und schreitet nun. mit im Zug, 
da sie ihn anders nicht sprechen kann. Kann sie ihn sprechend 
Nein, .sie muß singen Ms dk es wird demonstriert. 
Wundervoll ist die allmähliche WaMung ihres Gesichts: M aus 
dem TrLnrngvund zögernd die Freude erblüht. Ganz am Schluß, 
uEftri. Muster Krause bereits ins Glück gefahren ist, kehrt-dieser 
Auftritt gedampft wieder» Nur daß man jetzt nicht mehr als die 
dcmMWWnÄ Beim, ficht. - Ein riMM StzmMr das ZM ist 
noch fern... . 
MeTr^udsHold,"-^ SchaulpietziNerrerstiorr an- 
gchört, in. dexRolke der Tochter einen starken Beföhi- 
.KMMschweis. Mt ihrem Hecken PwU.veSS.rpert:ste schwuug- 
Me. Reinheit, die dem Schmutz stmrMLL». Das ist 
lerM (wenn es sondern kommt aus der Defe» 
Alexandra S H m i d t als Mutter Krause das Wne gebückt Pro- 
letLriLLwAb- eine jener F'Mren, die MNchvsÜ auftauchM Wd^ 
VEückbLX in. der MnMrung hasten bleiben. Auch der ZuhältSL 
Ernst Br e ne.r L s. und die Dirne Vera L a ch s r s w a-s M- echre 
-(Der Film Mist in der Camera'- und den BiMLbazr-NHt- 
spielen.) 
ein Fabrikant einen ziemlich plump angelegten Versicherungs 
schwindel begeht. Er kommt nicht etwa durch die Geheimpolizisten 
heraus, die wie immer in solchen Filmen em kvlb lächerliche molle 
spielen' sondern durch Eddy Pols persönlich, der offenbar den 
Ehrgeiz hat, es Harry Pi-l gleichzutun. Aber so , gewandt und 
kräftig er auch ist. an sein Vorbild reicht er langst nicht heran. Es 
fehlt ihm selbst dazu an Phantasie, der Fahcl an Spannung, dem 
Film an technischen Einfällen. ,
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        Theater in Aranksurt. 
Iw Schauspiethaus. 
^Straße" von Elmer E. Riee. 
Eine dramatisierte Reportage über das Leben und Treiben in 
und vor einem New Uorker Mietshaus. Es liegt hinter Wolken 
kratzern und steckt voller Kleinbürgergraus. Thema: das Neben- 
und Miteinander mehrerer Mietsparteien im Souterrain, im Erd 
geschoß und im ersten Stock (Die höheren Etagen scheinen Blind 
fenster zu haben.) Es geschieht, was in einer solchen Hauskaserm 
zu geschehen pflegt. Oben wird ein Kind unter Schmerzen geboren, 
und unten flüstern sich junge Menschen Liebesworte Zu. Einer 
erleidet ein Schicksal, von dem andere nichts merken. Man haß: 
sich wegen der zu großen Nähe und erweist sich Gefälligketten, 
weil man sich nah ist. So ist das Leben. 
Warum wird es angepackt? In den alten naturalistischen 
Stücken wußte man, was gemeint war; dieser amerikanische 
Realismus von heutzutage ist in entscheidendem Sinn grundlos. 
Weder setzt er sich für eine bestimmte Tendenz ein, noch kristalli 
siert sich ihm irgendein Gehalt aus dem Stoff heraus. Stur be 
trachtet er die Tatsachen und stellt sie zusammen. Das ist die 
Welt, durch Photographien gesehen, die Welt in den illustrierten 
Beilagen, die das Untergrundbahnpublikum müd überfliegt. Doofe 
Aspekte, die ungedeutet bleiben und ohne Bedeutung sind. Von 
ungefähr nur regt sich in der Tiefe das Gefühl, daß dieses merk 
würdige Kaleidoskop eben das Leben sei. 
Der Mangel an einem Wohin und Wozu rächt sich durch den 
Mangel an jeglicher Komposition. Um das Stück über den ersten 
Akt hinauszutreiben — er ist bei weitem der beste —, müssen 
überflüssige Zwiegespräche als Füllsel eingestreut werden und zu 
fällige Passanten das Straßenleben illustrieren. Denn die Haupt- 
und StaatsaMon des Eifersuchtsdramas ist längst nicht Hand 
lung genug. Sie ist aus dem Gerichtssaal geholt oder entstammt 
einem Magazin. Eine ziemlich blöde Geschichte von einem Arbeiter, 
der mürrisch ist, weil er mürrisch ist, und seiner Frau, die sich aus 
Lebenshunger einen Geliebten hätt. Der Arbeiter erschießt das 
Paar, es knallt öfters, und die Polier behauptet das Feld. Der 
gleichen kommt in Mietshäusern gelegentlich vor. Hier kommt es 
vor, damit das Stück drei Akte lana dauern kann. 
Es bleiben die Typen und das Milieu. Die Hausinsassen sind 
genau photographiert und einzelne kleine Reportagen wohl gelun 
gen. Erwähnenswert die Dame vom Wohltätigkeirsamt, die eim 
Familie auf die Straße setzt; der Ostjude, der seinen Marxismus 
^"^rkäuL; der Flirt zwischen jungem Angestelltenvolk, das man 
I den Romanen von Sinclair Lewis kennt: das charmante 
A nische Ehepaar: die treffend wiedergegebene Liaiwn von Gut- 
iNütigkeit und hämischem Tratsch. Der soziale Druck Lastet spürbar 
Frankfurter Schauspielhaus. 
„Straß e". 
— Das amerikanische Bühnenstück von Elmer E. Rice ist 
eine Reportage über das Leben in einem Mietshaus. Es wird 
geklatscht, «S wird geliebt, gehaßt, und die Ehe gebrochen, und 
zuletzt entwickelt sich ein dumpfes Eifersuchtsdrama mit Revolver» 
schüssen und nachfolgender Polizei. Ja, so ist das photographiert« 
Leben, das Leben in Niogazingeschichten und Gerichtssaalberichten- 
Jmmerhin: gut gezeichnet« Kleinbürgertypen und ein treulich 
kopiertes Milieu. Erschütternd Ta ub,e nach der Verhaftung. Das 
Bühnenbild Walter Dinfes wirkt durch die überdeütliche Bock- 
stetnsassode. Lebhafter Beifall am Schluß. ' Lr. 
-- Die Frau Lm Talar. Dieser Film der Alemannia-! 
Lichtspiele spielt in Skandinavien. Vielleicht greift er darum Ibsen 
Motive auf, dunkle Seelenkonflikte, die sich in kleinen Fjordhäus 
chen entwickeln. Eine Frau steht zwischen zwei Männern, ein 
gefälschter Wechsel kursiert, Edelmut und Rachsucht bekämpfen 
einander — das Gemisch setzt sich aus verschollenen Ingredienzien 
zusammen, und alles ist natürlich unter der Zeitlupe gesehen. 
Kortner ist ein alter weißhaariger Fbsenherr mit unterir- 
disckem Temperament, das gegen den Schluß hin sich vulkanisch 
entlädt. Ein Glück, daß er dabei ist, denn sonst wäre es in den 
kleinen Fjordhäuschen überhaupt nicht zum Aushalten. Trotz Zilzer 
und Aud Egede Nissen. R-aca. 
--- Fruchtbarkeit. Im Capktsk läuft dieser neue Van de 
Velde- Film. Ein Aufklärungsfilm, der in vernünftiger Weise 
Ne Geburtenregelung propagiert. Hier, wo es um die 
Verbreitung nützlicher Erkenntnisse geht, mag man sich damit ab 
finden, daß die eigentliche Spielhandlung ziemlich primitiv ist. 
Ein alter Arzt und ein junger, die beide inmitten einer Fabrik 
bevölkerung wirken, treten einander als die Exponenten zweier 
verschiedener Weltanschauungen gegenüber. Der alte Doktor steht 
auf dem Standpunkt: seid fruchtbar und mehret euch; der junge 
vertritt die Forderungen der Zeit und trägt, wie es nicht anders 
sein kann und soll, den Sieg davon. Ganze Kultursilmarchive 
müssen geplündert worden sein, um die zahllosen Aufnahmen aus 
dem Bereich der zeugenden Natur beizubringen, die allenthalben 
ewgestreut sind oder in Gestalt von Ueberblendungen spukhaft 
auftauchen. Wer der gute Zweck heiligt die plumpen Mittel. 
Raea. ? 
-- IBörsenfieber.1 In „GarganLua und PanLagruel" befragt 
ein Jüngling den weisen Panurg, ob er heiraten solle. Panurg ent 
wickelt ihm die Vorzüge der Ehe. Der bedenkliche Jüngling meint, 
das sei ja ganz schön, aber er habe schon so viel von der Untreue 
der Frauen gehört usw. Panurg bestätigt die Untreue und rät ihm 
nun von der Ehe ab. Aber der Jüngling möchte doch gar zu gern. 
Panurg rät wieder zu. Rät ab. Zu, ab. Bis in die Unendlichkeit. 
Wie hier der Ehe, so ergeht es in „Börsenfieber", einem hochnoblen 
amerikanischen Filmfabrikat, der Börse: man will aus Geschäfts 
interesse unbedingt ihre Sensationen und will sie aus Angst unbe 
dingt nicht. Da einmal beschlossen ist, dem Publikum Börsenfieber- 
kurven zu bieten, muß natürlich ein skrupelloser Fabrikant die 
Hauptperson sein. Es hieße indessen, den guten Ruf von Wallstreet 
gefährden, wenn man dem Jobber gestattete, ungestraft seine 
zweifelhaften Transaktionen in Kupferaktien vorzunehmen und 
- nicht^hnende kleine Leute ins Verderben zu stürzen. Also muß 
er zur höheren Ehre der Börse gebrandmarkt werden. Ist er jedoch 
ein schlechter Kerl, so kann er nicht der Held eines glorreichen 
Paramount-Filmes sein. Also muß er im Grund ein guter Kerl 
sein, ein Mann von Gemüt, der nur um eines Weibes willen zum 
Haifisch wird. Wenn er aber zu seelenvoll geriete, käme dabei 
wiederum die Börse zu kurz. Also muß ee... Und so fort, bis in 
die Unendlichkeit. Man wählt einen packenden Vorwurf und packt 
ihn nicht an, sucht sich feig aus einer Affäre zu ziehen, in die man 
sich couragiert verwickelt hat. Börsenfieber? Untertemperatur. Auch 
George Bancroft vermag dieser Echternacher Spnngvroze'sion 
nicht aus die Beine zu helfen. Er wirkt wie ein urtümlicher Dumm 
kopf, dem niemand den Umgang mit drei Tischtelephonen Zutraut, 
und jongliert mit seiner Boxergestalt hilflos zwischen Kupfer und 
Liebe. So watscheln Eisbären im Zoologischen Garten hin und her. 
Olga Baelanova, das Weib, für das er börsenfiebert, kann 
ebensowenig aus einer Rolle etwas machen, die keine ist. Eine 
frostige Angelegenheit. Das kommt davon, wenn man mit der 
! Börse spekuliert, ohne einen Einsatz zu wagen. (Der Film läuft im 
^Frankfurter Ufa-Theater.) Xr. 
Gesinnunq solcher Filme, die auf hoffnungslose Wunschlraume 
spekulieren,. istMrchaus verwerflich. Sie enthalten nicht nur dem 
Publikum die Wirklichkeit vor, die zu ändern wäre, sondern ver 
tuschen sie überdies, damit nur ja nichts geändert wird. Zu der 
schlechten sozialen Tendenz gesellt sich in unserem Falle noch die 
offenkundige Unmoral. Die Tatsache nämlich, daß die Lärvchen aus 
dem Modchaus sich im Hotel von fremden Herren beschenken Las 
sen, wird als harmloser Usus hingestellt; so daß man den Eindruck 
erhalten muß, dergleichen sei bei uns Sitte. Angestellte und 
übrigens auch Chefs sollten sich für diese Lustware bedanken. — 
Trusus van Aalten entfaltet als Lehrmädchen ihre starke 
Begabung zur Groteske. Freilich ist die Mimik Zu dick aufgelegt. 
— Phantasten aus einem Modehaus. Der Film: „I ennys 
Bummel durch die Männer" — er läuft in der Ca - 
mera und denBieberbau-Lichtspielen - will nichts weiter 
sein als ein Amüsement. Die Hauptpersonen find em Lehrmao- 
cheir, ein Mannequin und die Chefeuse nebst ihrem Farnllienan- 
hang. Man flirtet im Modehaus selber, man flirtet m schevemn- 
aen und in Spa. Ramensderwechslungen und sonstiger Jux, der i 
fustiq sein soll, ziehen das Spiel in die Länge; bis es am Ende. 
sicher in den Hafen der Ehe einläuft, die nach den vorangegan- 
aenen Erfahrungen allerdings schwerlich ungetrübt sein wird. Gut! 
also, ein leichtes Vergnügen ist den Zuschauern zu gönnen, und 
wir find gewiß nicht für lauter schwerbesrachrete Stücke. In diesem 
aber kautt mau die Leinen Ladenmädchen denn doch für zu naw. 
- Öder will man ihnen etwa einreden, daß es in großen Mode 
Häusern so heiter ist? Daß sich den weiblichen Angestellten das 
Paradies ösfnet, wenn sie nur einigermaßen hübsche Beine haben? j 
Daß st« in mondänen Hotels wie Fürstinnen leben können und &amp;gt; 
reiche Amerika/««: auftauchen, wo^ie nur neben und stehen? Diel
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        Marseille ist klein. Marseille ist groll. Line ?ro- 
vinrstadt. Die V^eU. 
In der Lrübe um künk Dbr trekken mehrere Lern- 
rüge aus der 8chneir und aus Deutschland ein. 
auf dem ganzen Personenkreis. Eine Art Anschauungsunterricht 
über die Zustände in einem dürftigen Weltstadtviertel. Manche 
Aufnahmen unterhalten sogar. ! 
Eugen Felber hat recht daran getan, die Regie auf Stim 
mung und psychologische Kleinmalerei zu stellen. Mit der Unter 
streichung von Kollektivwirkungen etwa wäre er doch nicht durchge 
drungen. Er nutzt die Straßengeräusche aus und versteht sich auf 
Pausen. Alle diese von früher her bewährten Mittel genügen frei 
lich nicht, um die Leere der realistischen Bilderflucht zu tilgen, 
machen sie vielmehr erst recht deutlich. Vielleicht hätte man noch 
ein wenig schnöder vorgehen sollen. Das Lokalkolorit hält die Mitte 
zwischen dem New Yorker Osten und dem Berliner Norden. — Die 
Inszenierung wird durch das ausgezeichnete Bühnenbild von Wal- 
ther Dinse unterstützt. Seine Backsteinfassade mit dem peinlichen 
Zahnfries und den gußeisernen Schnörkeln der Treppengitter ist 
ein echtes Gleichnis der kleinbürgerlichen Hölle. 
DCa-rsoLUo 
V^äkrenä dleapel eins 8iaät mit einem Haken ist, 
bestimmt cler blaken Marseilles ckie Ltackt. Der 
alte Ilaken Lkr Lilck, äer neue ibr lieben. 
Der alte Ulaken: ein rechteckiges dlaturbassin, 
um ckas sieb ckas blenckencke Amphitheater Mar 
seilles aukbaut. ^.uk ihn als äen Fluchtpunkt aller 
Perspektiven sind ckie Xircken ausgericktet, ihm 
äie noch unbeäeckten Ilügel ruge^vanät, sollen, 
Uotorbarksn und ?inassen küllen äie 8ai, ^.n 
ihrer okkensn 8eite kükrt äer Iransboräeur über 
sie kin^veg, äer äie Verbindung mischen äen 
blkern hsrstellt. Diese riesige Konstruktion mit 
äer 8cb^ebekahre, äsn Drahtseilen, äen Lisen- 
gerippen unä äsn altmoäischen bkauschen ist ein 
^unäernerk vergangener lechnik. Der ganre 
^asserplatr ist vom ?ark des ?asteur-Instituts 
aus mit einem einzigen Nick 2U umkassen. V^er 
sich gegen -^bend, et^va an Lord eines der klei 
nen Dampker, die den Verkehr rum Lhateau 
d'Ik vermitteln, auk ihn rube^vegt, genieÜt krei- 
lieh ein nock groüartigeres 8chauspiel. Lr er- 
käbrt im wahren, ^vie allmählich hinter dem kei 
nen biligrannetr des l'ransbordeurs die 8tadt 
terrassenkörmig aus dem Orund unrähliger 8egel 
ansteigt. Ihre Llausermassen stehen hell in der 
kukt, und reckts aus der Höhe blitrt I^otre-Dame 
de 1a Oarde. 
Dangst dient der alte Haken nicht mehr dem gro 
llen Verkehr. Die OLeandampker legen am (Zuai 
de la doliette und den benachbarten Kais an, 
die sich in weitem Logen hinriehen. Dort bekin- 
den sich die Oebaude der Lchikkahrtsgessllschak- 
ten, reihen sich die krönten der Dagerhäuser ein 
tönig aneinander. Dort erhebt sich auch die mo 
numentale Kathedrale, die selber den Lindruck 
eines Lagerhauses kür ungezählte Letermassen 
erweckt. 8chikksirenen pkeiken, Laxis rasen an, 
-^us^vandererkamilien mit Kisten und Kasten 
Hocken in der okkenen Halle. Neugierige um- 
drängen den Dampkersteg. In den neuerdings be 
liebten Lilmen, die sich mit« dem Mädchenhandel 
bekassen, kehren solche 8renen von der doliette 
immer nieder. Der unausgesetzte Kreislauk der 
Reisenden, die täglich landen und abkahren, 
durchblutet die 8tadt. 
Hans Albers Don Juan. In einem Film der Alß- 
mannia - Lichtspiele "Ja, ja, die Frauen...") mimt 
Hans Albers das ^üßgenie, den Abgott der Mädchen. Aber, 
seine Unwiderstehlichkeit besteht nur in Unausstehlichkeit. Wenn 
man ihn das Monokel einklemmen und Umarmungen verabreichen 
sieht, bittet man Harry Liedtke im stillen manches Unrecht ab. 
Sollte ein solches küssendes Ekel wirklich Sympathien einflösen? 
Die Verfertiger des Films sind jedenfalls davon überzeugt. Es 
erübrigt sich, das Machwerk näher zu charakterisieren, das nicht 
nur läppisch ist, sondern auch von falschen Details strotzt. Raea. 
Herr Taube, der nichts dazu kann, daß er eine dumm kon 
struierte Arbeiterfigur spielen muß, hat seinen großen Augenblick 
nach der Mordtat. Von den Polizisten und der Menge umdrängt, 
spricht er mit feiner Tochter. Spricht er mit ihr? Die Sprache ist 
so zerbrächen wie das Gesicht, wie die ganze Gestalt. Man fühlt: 
das scheinhafte Ich hat sich aufgelöst, die harte Kruste ist, zu spät, 
explodiert. Seiner Partnerin Lilly Kann glückt das Gemisch aus 
Gedrücktheit und vitaler Sehnsucht, ohne daß sie die Rolle ganz 
auszuwattieren vermöchte. Elaire Winter als beider Tochter: 
eine reizende Erscheinung, die richtige Blume im Kehricht. Sie gibt 
junge Unschuld; das Entsetzen über den Word meistert sie w 
Mit Frau E i n z i g s drastisch-vulgären Tönen und Gebärden 
wird niemand so leicht wetteifern können. (Unnachahmlich führt sie 
den Hund spazieren.) Ein berückender Fruchteisitaliener ist Herr 
I m p e k o v e n, durchaus italionissirno, mit neapolitanischem 
Dialekt. Die kleine Szene von Herrn Verhornen und Frau 
Menz ist eine Solonummer für sich; er ein Eastendlucki, sie völlig 
beschwipst. Sybil Rares, die durch ihre Stimme wirkt, macht 
Wenigstens an einer Stelle die sonst verschleierte Innerlichkeit des 
allzu herben jüdischen Mädchens transparent. Herr Arie ist ihr 
sensibler Bruder. An charakteristischen Episodenfiquren wären noch 
zu nennen: Herr Biberti, Herr Engels, Herr K a t s ch,'Frau 
Obermeye r, Hilde Marin Kraus. 8. Krämer. 
Flieger gibt. Der Schwiegersohn muß unter allen 
ein Seemann sein. Natürlich wird der Kapitän zuletzt 
eines besseren belehrt. Der Film, der in der N e u e n st 
buhn e lauft, hat groteske Züge und endigt mit einem Verbrecher- 
Ler^ netter Kerl ist der Mowie^ 
d veesr o h nd i eerrs di ered R eon l d l e dee i rneasuc M h a i u n s i a a nd t e u re r n is fil t men 
beobachteter, scharf montierter amerikanischer 
PolrZerfrlm. Er spielt in dem durch sein Verbrecherleben 
mternatwnal bekannten Chicago. Detektive und Revolverhelden, 
?^be arnd Polizei sind ineinandex verfilzt — ein unsichtbarer 
Kneg ber dem man beinahe vergißt, um was es geht, so sehr ent 
arten yre Kampfe zum Sport. Auch noch in anderer Hinsicht be- 
geben srch oie Hüter der Gerechtigkeit aufs Niveau der Gegenpartei 
herab und entwerten damit ihre höhere Sache. Sie stellen nämlich 
Z^hbre an, deren Barbarei in einem zivilisierten Staat nicht 
geduldet werden, sollten, und unterziehen di- gefangenen Verbrecher 
unmenschllchen Quälereien. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so 
tautet hrer die Parole. Da die Rache kein primitiver Gegenscklag ist 
sondern auf Grund wohlüberlegten Handelns erfolgt, ist ihr Voll- 
zuxp ziemlich widerwärtig. Bleibt die Spannung, die in der Tat 
darrt der Regie Roland Wests der eines Wallace-Romans nicht 
Mchsteht Sie wird durch die äußerst geschickte Exposition erzielt, 
Äb aus lauter blitzartig aufspringenden Fragmenten besteht, deren 
Smn sich erst nach und nach erhellt,- sie ist die Konseguenz raffi- 
merter Parallelführungen und kunstreicher Verzögerungen: Ihren 
Höhepunkts jener SZenenreihe, in der ein PolM- 
spitzel entlarvt wird. Der reizende Bursche hat die ganze Bande 
erngewlckelt und glaubt ihrer schon sicher zu sein. Mit einem Male 
erfolgt in seiner Abwesenheit die Enthüllung. Die Minuten bis zu 
semem Wiedereintritt sind nervenzerreißend. Eine splendide Aüs- 
stattung trägt zur schlagkräftigen Wirkung bei. Pompös ist vor 
allem das weltstädtische Vergnügungsetablissement, das den Ver- 
brcchern als Hauptquartier dient. Unter den Darstellern tritt außer 
dem erwähnten Spitzel Regis T oomeys nur Ehester Morris 
hervor Er verkörpert den Verbrecherttzp, dem man das Verbrechen 
mcht glaubt. Em netter, wohlgefälliger Jüngling, der höchstens in 
Menen Augenblrcken seine düstere Natur preisgibt. — Der Film 
laust in den Ufa-Lichtspielen im Schwan.
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        stickigen 
saktig geschminkte 
her, 
Ber Tag in Marseille ist ein kräktiges 
rin. Blau sind die Umrahmungen der 
Bltrama- 
Bädchen, 
verwitterte Ornamente über einem 
Bingang. 
^a^sslüs. SlravsnsrsnS 
kluten elegante Berren und 
hier eine X^eile, die Tascken mit Leid geküllt. 
^m andern Tag sind die Tascken gewöknliek 
leer. Immer wieder bleibt einer kängen und sinkt' 
ins Bumpenproletariat kerab. Bs gibt genug 
trostlose Bxistenren in Marseille, kür die der 
Baken kein Baken ist. V^Le Poes Nann in der 
Stenge durckwandern sie unermüdlick und okne 
Büke die §1ra6en. 
Notre-Bame de la Larde grüÜt von dem Lipkel 
und unberükrt von dem Blend k Met die 
8tadt. Vielleicht trägt das Blend zu ihrem Beuch 
ten bei und gewiÜ küllt sie die Bumpen in Llanr. 
Kr. 
Kolonialsoldaten und Matrosen säumen 
Bürgerdamen über die Lannebiöre, ist der an 
nähernd quadratische Platz, in den etliche 
Blakengasssn einmünden, die pkorte rur Bust. 
Palmen, Bedürkniskäuser und ein Benkmal zieren 
den Platz. 8ehwarre lungern müssig auk ihm um- 
blau die Matrosenblusen, blau die Anzüge der 
Arbeiter und Packer. Bs ist, als habe das I^eer 
die blaue Barbe bereingespritrt, die sich nun auk 
unzählige Bläeben und bewegte Punkte verteilt, 
^m ^.bend keiern die Llükbirnen ihre Triumphe. 
8ie reihen sich zu rotgelben 8cknüren aneinan 
der, werden von Llassekeiben und 8piegeln tau- 
sendkack reklektiert und verwandeln bestaurants 
und Lakes in kestlicbe Biebtinseln. 8ie sind das 
rausekbakte Teichen des Amüsements, sie strah 
len von der kleinen 8ckie6bude aus, in der 
bleiche Kügeleben über einer Eniaturstadt bin 
und wieder kliegen. Tur Teit ihrer Blerrschakt 
^er um diese Teit ankommt, mu6 sich unter 
Bmständen ein paar 8tunden gedulden, bis ibn 
ein Hotel auknimmt, Br trinkt vielleicht zuerst 
im Bestaurationsraum nebenan Kakkee, aller ewig 
Kakkee trinken kann niemand. Dann geht er die 
marmorne prunktkeppe hinunter zur 8tadt. 8ie 
schläkt noch, die 8tra6en 8ind leer, Br schlen 
dert durch die Lannebiere und wundert sich 
über ihren Kulrm: denn 8ie, von der es Hei6t, 
dal) sie die 8tra6e der 8tra6en sei, ist nach 
Bänge und breite nickt sonderlich ausgedehnt, 
Der Haken liegt ausgestorben unter dem stump 
ken Bimmel, und aus den LLÜcben rieseln 
8cbmutzbäcbe herab. Das Lanze ist leicht ZU 
umspannen, der bäum ist gering. 
^.ber am Tag — am lag ist die Lannebiere keine 
gewöhnliche 8tra6e mehr, 8ie ist zum Jahr 
markt ohne Hnkang und Bnde geweitet, zum un 
übersehbaren Versammlungsort der Nationen, ^.n 
den Laketiscbcben braust der Trubel vorbei, man 
sitzt verzaubert, kür immer gebannt. Narokkaner 
in Burnussen wallen, Bündel weiKer Tücher, 
durch die bevölkerte Liste, Negergents kübren 
ihre 8tehkragen spazieren, über ungerodete ar 
menische Bärte kuchteln Bände. Mädchen wehen 
dahin, karbig eingewickelte Bonbons aus dem 
Bazar, Bine kreuzt die 8tra6e, es leuchtet rosa 
zwischen den Trams, Labs und Lbinesen, das 
Wagnis gelingt, sie erreicht das anders BIker. 
Die Verkäuker der neuesten pariser Teilungen 
stellen in kurzen ^.bständen artikulierte 8chreie 
aus. Line rotglühende Lognacmarke zittert vor 
XVonne. Nirgends ein ^bscbluÜ, eine Möglich 
keit, bis Zur Lrenre zu dringen. 
Die Legensätze sind nah zusammengerüekt. Vom 
beichtum bis zur äußersten ^rmut ist nur ein 
8cbritt. 
Im prado bat sich der V/oblstand eingerichtet. 
Buxuskarosserien gleiten über schnurgerade 
Baumalleen, Berrsckaktsvillen prangen im Lrün, 
Bier drauüen entwickelt sich auch eine ^.rt von 
8trandleben mit Badeanstalt, Lartenrestaurants 
und kostspieligeren Laststätten. Tu dieser Bicbt- 
und Buktgegend tükrt am I^leer entlang die Lor- 
nicke, eine präcktige Bkerstralle, die kürzlich 
mit einem Kolonialdenkmal geschmückt worden 
ist, das sich nicht sehen lassen kann und dock 
schon von weitem zu sehen ist. Telsen, Palmen, 
Kitsch, Oeröll und Paläste — das üppige Kunter 
bunt der Nittelmeeruker übt seine Verkübrungs- 
krakt aus, 
Unvermittelt, wie die Nacht im 8üden berein- 
bricht, tut sich dicht neben dem modernen Le- 
scbäktsviertel das Bakenquartier auk, Bs beginnt 
bei den Kais und klettert zur 8pitze eines Bügels 
empor, Bin Blaus- und Lassenlabyrintb, dessen 
Topographie schlechterdings nicht zu ergründen 
ist. ^Var es einst der Mittelpunkt städtischen 
Bebens, so ist es heute der Ort, an dem sich die 
^.bkälle sammeln. Twar es enthält ein Bospital, 
und in der Böbe linden sich einige kriedliche 
8trL6cken und Kleinbürgerplätzchen, die an ein 
-Xlmdörkcben gemahnen; aber seine Bauptpartien 
sind voller unbürgerlicher 8chrecken. piscb- 
geruch schwelt durch die Lassen, die sich wie 
zerknüllte Papierschlangen ineinander mengen, 
^us den Kitzen der Bauswände, die das Bicbt 
kernhalten, Kriechen Kinderrudel hervor. 8ie 
spritzen Nasser und lassen Vorkenschikkchen im 
Kinnsal treiben. Nabe dem Bker ist eine endlose 
8tra6o der Biebe geweiht. Birnen aller Nationen, 
alte und junge, stehen und sitzen vor ihren 8tüb- 
chen, in die man ungescheut hineinsehen kann. 
Bas Mobiliar besteht aus einem Bett, einer 8pie- 
gelscherbe, einem 8tukl und einer bunten ^k- 
kicbe, Ben premden wird, ein uralter Trick, der 
Hut aus der Bland gerissen, um sie zum Bleiben 
zu zwingen. Orebestrionklänge, die aus sämt 
lichen Kneipen strömen, mehren noch das Le- 
tümmel. Bläulich getünchte Bustknaben bieten 
sich an; 8chlepper möchten zu den Bordellen 
locken und klüstern mit Versucherstimme „Li- 
nema"; Matrosen, Trimmer und Beizer schlen 
dern gruppenweise an den X^eiberbauken vorbei. 
In der Bukt liegt 8l ? Manchmal schwingen
        <pb n="8" />
        Die Hauptpersonen sind Lilian Harveh und Willy Fritsch. 
Jene hält zwischen der Bergner und der Garbo die modische Mitte 
und stellt etliche hübsche Bilder, die wohlgefälliger sind als ihr 
Organ; woran die Reproduktion schuld sein mag. Dieser ist ein 
netter Junge, ganz Deutschamerikaner, mit dem Tee? smilmZ 
von innen heraus. Georg Alexander gewinnt durchs Sprechen, 
er ist reizend, wenn er gedehnt rei—zend sagt. Der Frankfurter 
Dialekt Hans Junkermanns bewegt die Gemüter. Viktor 
Schwan necke muß immer Bobby rufen; es ist, als sei nicht er 
der Urheber dieses Wortes, sondern als mache das Wort ihn erst 
sichtbar. Ein kleines Meisterstück ist Willy Prägers Rabbiner: 
Gebärdenspiel in Großaufnahme mit dazugehöriger Stimme. 
Dom Stoff wäre am besten zu schweigen. Ein Operettchen voller 
altbewährter Motive. Sie scheinen nie auszusterben. Aus der einen 
Seite österreichische Hocharistokratie, auf der anderen amerikanische 
Milliarden. Pointe: die kleine Erzherzogin heiratet den Sohn des 
Autokönigs. So erhält sich der verarmte Adel, so möchte das Kapital 
sich adeln. Zum Entzücken des Publikums. Warum immer wieder 
diese läppischen Fabeln? Aber freilich, wenn die Industrie einen 
Tonfilm mit hohen Kosten herausbringt, will sie ihres Erfolges 
unter allen Umstünden sicher sein. Je teurer die Herstellung, desto 
billiger der Geschmack. Hoffentlich kommt bald der Dreigroschen 
Tonfilm. 
Starker Beifall am Schluß. Die Darsteller des Liebespaares 
zeigten sich persönlich. Sie wirkten neben ihren Vergrößerungen 
auf der Leinwand wie winzige Lebewesen, die man zum ersten 
Male mit bloßem Auge erblickt. (Der Film läuft im Ufa-Theater 
Groß-Frankfurt.) 
Wie alle unter Erich Pommers Leitung entstandenen Filme ist 
auch dieser gepflegt aufgemacht. Wilhelm Thiele, der Regisseur, 
scheint in Lubitschs Schule gegangen zu sein, so sicher arrangiert 
er höfisches Leben. Statisten und Requisiten stimmen, Leitmotive 
gehen durch, die Nuancen sind abgewogen. Um so schwerer wird 
man die quälende Empfindung los, daß die ganze Mache zuletzt 
doch nur Mache ist. Schale ohne Kern, Effekt ohne Gehalt; wie 
so oft heute bei uns. 
„Liebeswalzer." 
Die neue Tonfilmope rette. 
LLi* Frankfurt, den 21. Februar. 
Der deutsche Tonfilm macht rasche Fortschritte. Dieser neue 
hundertprozentige kann sich schon sehen und hören lassen. Er 
experimentiert nicht nur, er beginnt sich in der Bildklangwelt 
häuslich einzurichten. 
» c- "Einmal um Mitternacht...« Auf dieser Schlagermelodie 
'st der „Gesang- und Musikfilm" der N e u e n L i ch t b üh n e auf. 
gebaut. Wie das Motorrad das Auto des kleinen Mannes ist, so 
ist er der Tonfilm des kleinen Mannes. Er ist nämlich gar kein 
nchtrger Tonfilm, sondern zwei Sänger im Orchester singen die 
Schlager und Lieder, die den Leuten auf der Leinwand 'in den 
Murw gelegt sind, singen in so genauer Uebereinstimmung mit 
den Frlmftguren, daß in der Tat der Eindruck entsteht, der Film 
bm Tonfilm, Im übrigen handelt es sich bei diesem anachronisti 
schen Erzeugnis um ein Volksstück, das lustig anfängt und ohne 
Erund traurig endet. Ein armes Mädchen (Betty Astor) und 
em Zu Ruhm gelangter Operntenor, der später seine Stimme ver- 
lrert (Alfons Fryland), sind die Hauptpersonen. Eine min 
dere Angelegenheit. Der Gesangspart ist ganz geschickt durch 
geführt. Uaea. 
Die Wunder Asiens. 
- Dc. Mattm Hürlimann, der Herausgeber, der ausge 
zeichneten Monatsschrift: „Atlantis", hat diesen schönen Reise 
film gedreht, der Zur Zeit im Ufa-Theater im Schwan 
läuft. Irr einem kurzen Einleitungsvortrag erläuterte Hürlimann 
das Thema: er schildert in seinen Bildern nicht das politische 
Asien, das heute im Vordergrund steht, sondern die alten Kultur 
dokumente, die Landschaften mrd die bleibenden Eigentümlich 
keiten der Völker. Nun wohl, auch das ist schon mehr als genug, 
und vielleicht folgt einmal ein Film über das aktuellere Asien 
nach. Durch das außerordentlich geschickte Arrangement ist es 
Hürlimann gelungen, seine "Riesenaufgabe einigermaßen Zu lösen. 
Er arbeitet mit einem plastischen Erd Modell, auf das die 
Reiseroute stückweise eingetragen wird; so daß man die sonst ge 
wöhnlich vernachlässigte Möglichkeit erhalt, stets kontrollieren Zu 
können, wo der Kurbelmann sich im Augenblick befindet. Die An 
schaulichkeit wird zudem durch folgenden hübschen Trick erhöht: 
bewegt sich der Streifen,' der die Reiseroute markiert, auf dem 
Modell vorwärts, so sieht man gleich hinterher die wirklichen 
Reisenden auf der wirklichen Route. Mit Dampfer, Auto, Eiseru- 
bahn usw. Mängeln sie sich von Tripoli über Syrien nach In 
dien, Ceylon, Nepal, Burma und China. Verwirrend ist die Fülle 
der Städte, Tempel, Paläste und Votkerscharen, die ihnen be 
gegnen. Aber durch eine kluge Oekonomie ist es Dr. Hürlimann 
immerhin gelungen, die Unzahl der Bilder einigennaßen ver 
ständlich aminanderzureihen und den Eindruck krasser Oberfläch 
lichkeit Zu vermeiden. Er ist ein vorzüglicher Photograph, -er das 
Typische festzuhalten weiß; wenn er sich auch kaum je um die 
feinsten Reize bemüht, die sich nur aus besonderen Perspektiven 
ergeben. Nicht zuletzt versteht er sich darauf, die Kamera so lang 
sam wandern zu lassen'^ daß man Zeit hat, das gerade vorge 
führte Stück Leben voll aufZunehmem Kurzum, der Film gehört 
zu den seltenen Kulturfilmen, die sich sehen lassen können, weil 
sie tatsächlich etwas zeigen, das sehenswert ist. 
Voran geht der Scherenschnittfilm Lotte Reinigers, der 
! von Doktor Dolittle und seinen Tieren handelt. Kunstgewerblich, 
! aber nett. Kaca. 
-- ^Chaplin in allen Filmen. I Man hat wieder einmal eins 
Reihe alter Chaplin-Gr.tesken zu einem FilmganMr („Kar 
riere") zusammengesetzt. Ihr Anblick Löst nicht nur Freude aus, 
sondern auch jenes wunderbare Gruseln, das sich überall dort 
einftellt, wo die Ursprünge großer Werke aus Licht treten. Noch 
sind die wesentlichen Motive von „Goldrausch" und „Zirkus" nich 
offenbar; noch stünden andere Möglichkeiten zur Wahl, die nicht zu- 
späteren Wirklichkeit führen müßten. Eine reizvolle Unentschieden- 
heit, die aber genau so wie die Kindheit ihr eigenes Daseinsrech- 
hat. In den Milieus dieser frühen Grotesken ist allein Charlie 
selber lebendig geblieben Der Rockschnitt der Herren, die Kleide^ 
und Hüte der Damen das alles steigt gleich den konventionellen 
Gebärden jener Zeit aus dem Grab hervor und kann nicht gehalten 
werden. Aber das Stückchen, die zerfetzten Stiefel und das ganze 
Vagabundenkostüm mit den schlotternden Hosen fahren heute wü: 
damals jung durch die Räume. So vergänglich sind die Ober 
klassen im Gegensatz zum Lumpenproletariat; so veralten die ge 
hobenen literarischen Werke, während die Märchen dauern. Das 
Märchenhafte, das die späteren Schöpfungen durchdringt, ist schon 
in den Anfängen zu spüren. Vielleicht, ;a sicher geht es auf die 
Eindrücke des Kindes zurück, das in »den Straßen Londons zu ! 
Hause war. Hier mögen ihm die gewaltigen Riesen und die bär 
tigen Männer erschienen sein, mu denen er sich gleich in den 
ersten Filmen umstellt. Feig und unverwüstlich tänzelt er zwischen 
ihnen hindurch; wie ein Gassenjunge, voller Listen und Reflexio 
nen. Aber der Gassenjunge 'st in Wahrheit ein Prinz aus Nie, 
mandsland. Prinzlich gleitet Charlie mit seiner Dame über die 
Rollschuhbahn, er ist in seinem Element angelangt, wahrhaftig, er 
schwebt der Märchenheimat entgegen. Die minutiöse Feinheit 
seiner Figur wird zum Gleichnis der höheren Abkunft des Vaga-. 
i bunden, der in dieser Welt ausgestoßen ist. (Der Film läuft in de«' 
Frankfurter Camera und den Vieberbau-Lichtspielen.) Lr. 
Zum Glück darf man sich am Technischen und an einzelnen 
Einfällen freuen. Daß der Ton reiner als früher klingt, daß die 
Sprechstimmen, vor allem die der Männer, gut herauskommen, ist 
noch das Wenigste. Ungleich wichtiger: daß Ton und Film mit 
unter in einer Weise Zusammentreffen, die nur dieser Kunstgattung 
eigen ist. Ein Beispiel. Zwei uradlige Damen telefonieren mitein 
ander, aber während die eine fortschwatzt, hat sich die andere längst 
von der Strippe entfernt. Man sieht den ausgehängten Hörer und 
vernimmt zugleich das Geplapper, das sein Ziel nicht erreicht 
Glanzvoller noch die Einbeziehung des Rundfunks. Zur ,elben Zeit, 
in der die Hoffestlichkeiten stattfinden, geht es in einem riesigen 
Bierkeller hoch her. Früher hätte man die beiden Veranstaltungen 
durch eine einfache Parallelführung miteinander verknüpft, nun 
aber erweist das Radio seine Völker- und szenenverbindende Kraft. 
Mitten in das Volksgelage hinein dringen nämlich die Sätze t^s 
Sprechers, der im Lolalreporterstil die Vorgänge im Schloß be» 
schreibt. Die Montage wird durch die Dazwischenkunft des Worts 
nicht gehemmt, sondern gelockert. Wo wäre dergleichen bisher mög 
lich gewesen? Weder im stummen Film noch im Theater. Daß auch 
von Gesangsvereinen und Kapellen Gebrauch gemacht worden ist, 
versteht sich von selbst. Merkwürdig ist, daß die bloßen Geräusche 
diesmal beinahe künstlicher klingen als die artikulrerten Laute. 
Verschiedene Dialoge halten zwar immer noch auf, aber im Ganzen 
sind doch die Gesprächs geschickt eingeschaltet. Kurzum, man weiß, 
worauf es ankommt, und der Film ist jedenfalls ein Stück Pionier 
arbeit.
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        . DIN AONNRKL«. 
Glück enthält sie einige hübsche Bewegungsesfekte. 
B s c a. 
— ^Vom Rrmdfrmk.I 
In der ktsibs der Lsriobts aus dem tägliobcn Beben ^vurde gestern 
im Krankkurter Rundkunlr von Dr. Bavsn ein hankdirektor 
verhört. ^Vas ist eine 6ank? belebe ^rten von Direktoren gibt es? 
Was treiben 8ie tagsüber? ^is boeb ist Ibr LinkommeN? Wie pfle 
gen 8ie sieb abends Lu entspannen? Das ist eine Auslese der Kragen, 
auk die der Lankdirektor Rede und Antwort ru stellen llatte. Br 
befriedigte die unersättlielle V^illbegier durell einige unverbindllells 
^uskünkte und vermied natürlioll intimere Bekenntnisse, die der 
Drager vielleiellt erllokkte. 8o erkullr man nur, ^vas ^'eder Zeitungs 
leser sellon ollnellin v^eiü. Das gesolliellt den Veranstaltern reollt. 
In dem an siöll legitimen Lsdürknis, die Uögliellkeiten des Radio 
ausrunutren, selllagen sie auoll bei dieser Reille den gründverkellrten 
Wog der Improvisation ein. ^.us der Debendigkeit des klüelltig gs- 
rimmertsn despräolls soll sioll das Beben ergeben, ^.ber selbst dis 
kleine Bebens-^irkliollkeit eines Rankdirektors ergibt siell niellt dem 
! ad lloo llergestellten Interview, und das Resultat des ganzen Reds- 
und ^.nt^vortspiels ist bestenkalls ein nettes UagaLin-btzplausoll, das 
infolge der taktisollen Rüoksiollten, die bei ötkentlioken Bnterllaltun- 
gen ru nellmen sind, nur noell undurelllässiger ^vird. Der Verbreitung 
von Kenntnissen Über das tägliells Beben ist mit solollen sellein- 
lebendigsn Veranstaltungen am allerwenigsten gedient, ftnter die 
gleiellgültige Oberkläelle drängen allein Reriollte, die niellt eine ru- 
fällige ^ugenblioksbegegnung, sondern ein sorgkällig vorbereitetes 
Irekken wären, eine ^useinanderKetrung mit den latsaellen selber. 
Ern Kriminalfilm. Die N^ue Lichtbühne bringt den 
Film: „Ga u n e r l i e b ch e n", ein Kriminal- und AbenLeurer- 
stück. Mit dem Kriminellen ist es trotz einem Affektmord nicht 
weit her. Zwar, es fehlt nicht an Detektiven: aber sie sind von 
untergeordneter Arr und haben nichts Richtiges aufzuklären. 
Immerhin ist Siegfried Arno der eine von ihnen. Ein glänzen 
der Komiker, der durch seine Großstadtaesten erheitert. Mierendorf, 
Halm und Ralmondo von Riel bemühen sich nach Kräften, dem 
Stoss etwas abzugewinnen. Max Reichmann hat schon erheb 
lich bester Regie geführt. -- Es läuft noch einMonty Banks 
Film: „Aller Anfang ist schwer." Die übliche Groteske, Zum 
heipLig. V!!!, 271 8. Bek. 7.50 Bm.). Berr 8mit0 
Ist Lwar Abteilungsleiter in der Dennison Manu 
laeturing Oo. und Dorent am Harvard Oollege, 
aksr ick kann mir nickt helfen, Kein Opus 
schmeckt verteufelt nach amcrikanisehen Bimo- 
naäen. Wie sie ist es lad, rosenrot und mora 
lisch. Bin paar tropfen gosehmuggeiton Alkohols 
hätten dem Bemisch gut getan. 
Die Psychologie in dem Buch arkeitet mit Be 
griklcu wie Bewohnheit und standard- ^e nach 
dem man seine Bewohnheitev reguliert, komm; 
man gut oder schleckt voran, de nach der Arl 
der standards richtot sieb die Besekaffenkeit 
einer Belsgsckaft. Ond rwar gibt es naek smitk 
nickt nur OHwohnoMssLaM auf 6cm Beklet 
der Band- und Kopfarheit, sondern an cd „stan 
dards der Moral, die man gewöknlick mit ,Oe 
wissen* keLeicknet". Man siekt, der standaro 
disssr ptzFcholOgie ist nickt sehr Hook. ^u Aren 
Dipselleistungen gekört etwa dia peststvllung, da^ 
in dsr Industrie „Bekermüdung, Zorn und purchr 
die vorherrsokendßn Defakrcn" seien. 
Der piaGmatiSmus mündet in eine seßlsnteck' 
nik ein, die so plan ist nie er sslker, .sorge für 
rasckes hikrakttreten äer neuen BSwohnhoit," 
rät Berr smiih. sollte siek einer bei einer be 
stimmten Belegßnheit vor 6er Versuchung fürck- 
ten, Bemerkungen persönlich ru nehmen, so 
empfiehlt ihm Narr smitk, sieb ganL im 8mn^ 
Ooum öfters vorLusagen: „Ick werde Bemer» 
Kunden piekt mehr persönlich nehmen" Berr 
8mirk ermähnt iedev Menscken, der kehl 
stecken plerd kak sieh sofort eines suLulegen; 
Heim HM ,.richtU6s steckenplerdist ein mäck 
tigsr BundeMgenysse im Kampf gegen den Verlust 
der geistigen Beweglichkeii^. llerr 8mitk ist 
vor allem um die psychische Diät der Verleset? 
ten besorgt^ „Vor einer schwierigen Konferenz 
rum Beispiel sollte ein VyrgesetLter schauen, daß 
er genügend schläft. Bumittelkar vorher tut es 
1km vielleicht gut, einen spaLiergang ru machen, 
eine Zigarre ru rauchen, oder sonstwie ausLu 
spannen..." Werden sämtliche UeMpte von 
hieran smitk befolgt, so erhöht sich unstreitig 
die Prosperität. 
in ihrem Interesse wird auch Oewiekt auf dic 
richtige Behandlung der Arbeiter und Vngestel! 
ten gelegt. 8ie sind unserem Psychologen eine 
Klasse kür sich, deren Denken und Kühlen dem 
Vorgesetzten oft unverständlich ist. „Was ihm 
vielleicht gar nichts ausmackt und ihn nickt er 
regt, kann wesentliche Bedürfnisse seiner Ange 
stellten möglicherweise schmerzhaft reisen." Ilerk 
8mith verguckt die wesentlichen Bedürfniss»- 
dieses Hemden Völkerstammes ru ergründen und 
gelangt s B. Tu der Erkenntnis: Angestellte 
worden allgemein durch sarKasmus in ^Vut ge- 
l&amp;gt;raekt". Da nun das Oedeihen der Betriebe auch 
davon abbängt, daü die Angestellten nickt in Wut 
geraten, erteilt Berr 8mitk kür den Verkehr mit 
ihnen Vorschriften, die eines modernen Knigge 
würdig wären. „Besonders wichtig.. meint er 
PZ Ist kcm WiiL: äas Buch äss Amerikaners unter anderem, „ist der Tonfall eines VorgesetL- 
Bllioth D. smitk deM wirklich „?s^- ten, wenn er Anweisungen gibt oder auf eine 
ckologie kür VorgesetLte" IBeher- Beschwerde antwortet." Manche Begeln, die sr 
setLUng von B. B. Mehmks und 1. Mekmkb-OanivH. auskramt. gleichen den Warnungstafeln -m Zoolo- 
Deutsche Verlags-Anstalt. stuttgart. Berlin und gischen Barten, aus denen es keM, da^ man die 
Bautdiere nickt mit stocken und schirmen bs- 
läsrigen solle. 
Immerhin macht der fortgeschrittene ameri 
kanische common sense auch vor gewagteren 
Aussagen nickt kalt und trägt überhaupt durch 
weg Mis schone hmbelangenkeit rur schau, die 
von altersker das ^ugendkorrelat der Banalitst 
ist. so fordert Berr smitk. dak „der kortsckrM 
bei den höheren Vorgesetzten dem bei den mitt 
leren vorausgeken" müsse, und erklärt ohne 
scheu: „Die Oewohnbeiten bei den Angestellte' 
einer Kirma sind meist so gut oder schlecht, wie 
sie ihre Angestellten behandelt kat". An der uv- 
miü-bsstand!ichen Deutlichkeit, mit der er üde^ 
die Nachteile der Beruksmonotonie spricht, könn 
ten sich einheimische social politiker und 
Betriedswissensehafter, die amerikanischsr als 
dieser Amerikaner tun, ein Beispiel nehmen. 
Aum Unterschied von ihnen weigert er sich, das 
MonotonieprM su bagatellisieren. „Wenn... 
das Arbeit so monoton ist." schreibt er. „daü 8^ 
weniger Aufmerksamkeit und Denken rulsbt als 
der Arbeiter aukul&amp;gt;nngen vermag, dann wird 
nicht allein seine geistige BeistunMfZhigKeiL un 
entwickelt bleiben, sondern die Bewöhnung an 
halbe Aufmerksamkeit, die eine solche Tätigkeit, 
mit Notwendigkeit rur polge hat, wi-^d sich in 
seine kreiselt übertragen." Bme Brksrmtnis, die 
ungleich heler' ist als die oft bei uns verkündete, 
dak der gute Oebraueh der Kreirbit mehr oder 
weniger leicht die schädlichen Wirkungen des 
öden Arbeitstages aulbeben könne. Ich habe suk 
die Oberflächlichkeit dieser Denkweise bereits 
in meinen AngestoMen-AufM hingewiesem 
Ob die Bokfnung von Berrn smitk begründet ist, 
daü die Vervollkommnung der Masckinen die Be 
freiung der Arbeiter nach sick Liebe, mag hier 
unerörtert bleiben. 
sämtliche Batsckläge, AnalMen, Krmak' 
nungen und Wünsche entspringen natürlich dem 
Bemühen, kür den gesicherten Fortbestand des 
Wirtschaftslebens die notwendigen seMschsn 
Garantien 2u schaffen. Daher hat denn auch 
Berr smith eine Höllenangst vor „destruktiven 
Konflikten", so nennt er Konflikte, die aus einem 
starken sosialen oder politischen DegensatZ 
Lwisehen Arbeitnehmern und Arbeitgebern Ker- 
vorbrechen. Bm ihrer Berr Lu werden, pAMho» 
logisiert er die sachlichen Motivs, in denen sie 
wurLeln, einfach weg. Btwa nach diesem sckema: 
Arbeiter glauben, dak ihnen Bnreckt geschehen 
sei, berauschen sich an Phrasen, und schließlich 
„wachsen sich die Phrasen vom Bnrecht ru soh 
chsn vom guten Becht und der selbstkilke aus «- 
LU vollen Bationalisatinnen für Be.walttaten." 
Bin Knigge. Kr tätschelt, er paukt praktikMd 
Apstandslehren ein. Die portgesckriitenen wer» 
den lächeln. Die Zurückgebliebenen werden 
wenigstens aus dem Vademeeum erfabren, dak 
Hin Gutes Benehmen den ^utLep verdoppelt» 
Z. Urac^vOr.
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        Schneckentempo nicht wett. Es ist, als gebiete der Schupomann 
dem Verkehr Einhalt, um die Prunkkarosse mit Taubers Stimme 
durchzulassen. Unter dem Beifall des Publikums fährt sie gleißend 
dahin. (Der Film läuft im Gloria-Palast.) 
Der Film, ein Erzeugnis der Emelka-Tobias-ProdukLion, heißt: 
-,J ch gla u b' nie mehr an eine Frau"; womit im Grund 
schon alles Notwendige übet ihn gesagt ist. Ein auf Volkstümlich 
keit bedachtes Arrangement von' Tauber-Couplets. Die um 
ihretwillen fabrizierte Fabel handelt von einem jungen Seemann, 
der nach der Heimkehr seine Schwester als Dirne wiederfindet. Der 
'Lange, hübsche Werner Fuetterer besorgt das ganz lieblich. 
Während er die larmoyante Geschichte erlebt, singt Tauber wie 
der und wieder, daß er nie mehr an eine Frau glaubt. Sehr 
traurig, sehr süßlich; nur sollte den Zuhörern die Qual erspart 
bleiben, ihren gefeierten Tenor andauernd in Großaufnahme sehen 
zu müssen. Zur Erhöhung der Stimmung und weil ein Tonfilm 
um jeden Preis Zu tönen hat, wird an musikalischen Effekten alles 
aufgeboten, was irgend greifbar ist: eine Ziehharmonika- ein 
Tanzhallenorwester. usw. Noch nie war die Nachfrage nach Ton 
Werten so gewaltig wie jetzt. Aus dem optisch-akustischen Gefühls- 
Letrieb ragt im übrigen als einzige geglückte Figur der pfeifende 
Zuhälter hervor, dem man wenigstens glaubt, daß er nie mehr 
an eine Frau glaubt. 
"Richard Zarröerstlw irr Krankfirrt. 
ILZ- Frankfurt, 28. Februar. 
Wenn nur der Gehalt der Tonfilme sich im selben Maß ver-' 
vollkommnete wie ihre technische Durchführung! Der Ton Taubers 
in diesem Film klingt makellos rein, die Nuancen werden getreu 
wiedergegeben und sämtliche Stimmen kommen aus den zu ihnen 
gehörigen Mündern. (Mit dem 8-Laut scheint es immer noch seine 
Schwierigkeiten zu haben.) Warum die Geräusche so viel mangel 
hafter als der Gesang und die Dialoge ausgefallen sind, ist nicht 
recht Zu verstehen. Schritte Hallen unglaubwürdig, und hohl rauscht 
die Bürste über den Stoff. 
s 
Im Vergleich mit der Regieleistung im „Liebeswalzer" wirkt 
die Max Reichmanns doppelt rückständig. Vermutlich ist die 
Macht des Regisseurs der Macht des Gesanges erlegen. Himm 
lische Stars wollen kilometerlang angehimmelt weHen, und so 
kommt die Montage nicht richtig in Fluß. Sie gerinnt, stockt und 
bleibt stehen, wenn Tauber mit seinem negativen Preislied be 
ginnt. Dann sind die malerischen Seemannsgruppen in Gruppen- 
gemälde verwandelt, und Bilder, die leben, werden zu lebenden 
Bildern. Auch der gute Einfall mit der Spieluhr macht das 
Der neue Menjsu-Film Die reizende SchluMsns dieses 
Films könnte aus /einem likerarischen KammM 
Menjou, ein Marquis, der pro iormL eine reiche Amerikanerin ge 
heiratet halte, aber dann doch Zu anständi-g war, um mit der un 
geliebten Erbm zusamMnM ist nach der Flucht vor seiner 
Frau und seinen Gläubigern als Verkäufer in einem New VoE: 
Buch laden unLeMkonMLm Während er gerade der Schaufenster 
auslage Bücher entnimmt, geht draußen vor den Spiegelscheiben 
das junge Mädchen vorbei, das er liebt, das er aber trotz seiner 
Liebe damals der Erbin wegen im Stich gelassen hatte. Sie war 
ihm sehr böse gewesen, bleibt aber dennoch vor dem BuHladen 
stehen. Und nun verständigen sie sich: nicht auf dem Weg! der 
Blumensprache, sondern mit Hilfe der neuartigen Buchtitelsprache. 
Menjou legt ein Buch nach dem andern in die Auslage, und jedes 
der von der LiebeWerke trägt einen Titel, 
die Beziehung Wischen, den Liebenden anspielt. Zuletzt stellt eü 
neben ein dickleibiges Opus über Ehescheidungen das Schild: 
».Soeben erschienen". Glück des Mädchens, Umarmung im Laden 
— Die eigentliche Fabel ist im übrigen eine etwas dürftige Kon 
struktion, die mit viel Zu viel Zwischentiteln arbeitet. Aber schon 
um Menjous willen ist der Film trotzdem sehenswert. Menjou is 
ein moderner Don Quichste, wenn man will, der letzte Kavalin 
in einer Welt, die nicht mehr auf Kavaliere eingerichtet ist. Sein 
Anzüge scheinen nicht von Schneidern erdichtet, sondern eine Mit 
gift aus höheren Sphären, und die Delikatesse seiner mimischer 
Aktionen sucht ihresgleichen. Partnerin dieses tadelnswerte/ 
Ritters ohne Tadel ist die entzückende Nora Lan e. EheM 
stellt die'famose Parvenuesigur des DollarmillionärS 
auf die Beine — (Der Wm: „E ^ 
jrau^n' Kutt i n, u f a - Theater.) kaca
        <pb n="11" />
        Mmdnmk. 
! Iiu rrAkmeit seiusr ÄM b r Ä n Ic k ir r r 6 rü 6 a &amp;lt;16 r verMStÄltHttzu 
! VOrtrAKLreiks:. ,.UbU8ob im6 ULsollins" kam Vr. 8 6 Qär ik. d e 
N Lm vorMstsrii Lot dis ^nKss teilten Lu spreoksn; ^odsi.br 
68 mein nnteMeÜ, Bsieli LeK'iim äm in der .^'rMkrurwr LeitnuZ" 
ersMisnene«. ^nK^Z^Uten-^ulMZe 8 ^rLoLuers Lu Mdenhen. Lsm 
6wsxrLodLVLriuer ein VuedkiMer. ^Veim L^ei untsrrioNete Mn- 
ner einen venloK t'Mren, llM der LuLörer äsn Asnänn. UM. ^elMAlL 
Zn äsm Lrsssdnis, daU Ze^iWe ^n^eslelltentMissksiten ^eniZsr durch 
die LVkWrMK der Un^emns Lls änrek die sekon irMer vordMäene 
^rdsÜLlsillm^ entZeistiAt vorden sind. Ls ist räedt, erst, die ^.ppL- 
rLtzur. die Lur NeellMisierunK lreidl. sondern die Or^LnisMon äes 
^rdeitsproLesses. (^der nntdrlisU stärkt die ^.ppnrÄtnr die NeollMn 
sitzrunMMder^eL der OrKMlsM SelduLreZuItats der Unter- 
redunK klMMn oxtiMistisell. Nnn änri. so nw.rde keöt§6LteHt, hei 
weiterer UervoMommmMss äsr DMm'k mit NLsMneu reokuen, - die 
dem Neuselien imter^r smä.' st^tt ihn Lm deLervLeLeu. BereitÄ„.LeE 
Kede /es eine Mek ru öuekm^,s^sekeu 8etzi§nstß Uäsekme&amp;gt; äsrsy 
Le-äieMUK Msäer äsn VuoMLltbr der LleiLhetMde Mir 
ForLÄLsbtLmrU hLds. 
--- Ehe m Not. Ein Film, der die ProblemaLik der Ehs 
zum Thema hat. Natürlich macht er von der Tatsache, daß die 
meisten Ehen problematisch sind, reichlich Gebrauch. Das junge 
Paar, an dem demonstriert wird, erträgt den gemeinsamen Alltag 
nicht. Der Mann lernt ein Mädchen kennen, das ihm sympathisch 
ist, und möchte sich scheiden lassen; aber die Frau holt ihn unter 
Berufung aufs Gesetz wieder zurück. Sie leben weiter zusammen, 
es erfolgt später noch einmal eine Explosion des Mannes, und das 
Ergebnis ist: man istaneinandergeschmiedet, man muß Geduld mit 
sich haben. Also eigentlich ein Film, der unausgesprochen für die 
leichtere Ehescheidung eintritt. Seine Gestaltung ist mager. Die 
Bildszenen sind nicht mehr als Illustrationen des Romanstoffes, 
und die Ausstattung gibt das Notwendige, ohne darüber hinauszu- 
aehen. Walter Rillas Bemühen, Seele zu transpirieren, mutet 
etwas peinlich an. Wie die andern Darsteller beschränkt er sich im 
übrigen darauf, die gewünschten Posen zu stellen. In Nebenrollen 
wirken Aböl und Kampers mit. (Der Film läuft in den Bieder 
bau - Lichtspielen.) Maca.
        <pb n="12" />
        mir sebon manebmal gesobeben, AI leb an irgeu/einsr 
ist 
seln. Spresben sie aueb, so sinä sie in I^irkliebkeit stumm. InAm 
sie ssbeiAn, steben sie an einer SebeiA, unä nur Aesssits oAr 
Anseits Ar Orenss wäre As KeA sinnvoll. Der ^ugenblisk, in 
Am As KSAr anfangen su rollen, ist DanAung obne XusAuek. 
Geburt unä I'ock birgt Aeser ^ugenbliek in sieb, ^oeb bsute 
entsinne leb mieb As Olüeksgefübls, üas mieb vor vielen /obren 
ösim Linst eigen in /enen besebeickenen Dersonensug überkam, üer 
mieb für immer aus einer verbauten StaA e-rtfübrte. Sebon im 
Ooups war Leb Lbrer leAg, unü als ibre Lm DaeAker gerübmte 
Silbouetts sieb verflüebtigte, kebrte Leb vollenA sum Deöen su- 
rüek. leb werA mieb bütsn, An blamen Ar Staüt Lu nennen, 
Ae UittelstSAe sinck naebgeraA so empfinälieb wie groLe I^errörs 
gsworA». Kein l^unssb würe: einmal noeb swiseben swei L^ügen 
mieb in Aeser StaA aufsubalten unä Arnn snügültig aus ibr 
absufabren. l^sr freilieb etwa von Laris wegreisen muA, ist in 
Ar Bare A PSst ein I'oAskanAäat. Dr sitst in seinem Abteil, 
unck As DoulevarA, Ae er soeben verlassen bat, tosen obne ibn 
weiter, als sei er bereits aögesebieAn. Dr fäbrt in As Z^aebt brnern, 
äas 7ossn im Obr, unä kein neuer I^ag sebeint ibm su blüben. 
N^enn man mieb fragte, welebe 2/ügs Leb am liebsten -enutse, 
so fiele mir As Antwort niebt sebwer. Die internationalen D^- 
prs/lsügs natürlieb. §re sinü elie einzigen, in Anen Ae Deise 
noeb Deise ist, in Anen man wirklieb vom festen Ort losgerissen 
wir/ unck nirgenA su baften glaubt. Ssrlin—Dom, Daris—^ien— 
Bukarest: von lVamen r?u lVamen tragen Asse 2ügs, über /eA 
nationale Orenss binsus. ^ielleiebt reist man in ibnen nur ein 
paar Stationen weit, aber /er Dang Ar Stö/te auf cksn l^agen- 
sebilArn verlerbt aueb /er knapp bemessenen Dabrt Olans. Dr 
Station aus Am Sebnellsug in eine^ Dersonensug umsteigen 
muIte, um mei?r Diel ru errsiebsn. Line Degra/ation,- ieb bade sie 
nie obne ein (Isfübl /er Besebümung erlitten. ^4ueb /as Dersonal 
/er Sebnell- o/er gar Du^usLüge /ünkt sieb, so sebien mir irnmer, 
böber geartet als Ae langsamen Dollegen,- was sieb nrebt su- 
lstst aus r'brer größeren LrlometerLabl erklärt. ^'erläIt Ar 
Lebnellsug /ie Station, so bleibt man im kleinen Waggon wie 
Die Drsenbcrlrn 
Sebon als Din/ öesuebte Leb gerne Babnböfs. leb saI 
st?/nA7rlang auf einer Bank urr/ beobaebtets gs/ankenlos glüsk- 
lieb Ae DeiseTr/en, As vereinzelt eintrafen un/ irr SsbwÄrmsn 
bi-rausströmten. leb versank in /en Dafeln /er ^4öfabrts- un/ 
^nkunftsseiten un/ empfan/ eins r/tselbafte DreuA Arider, 
wenn As, was sie verbieIen, pünktlieb auf As Uinuts in Dr« 
füllung ging. leb löste mir DabTrsteig Karten LU beso-rAren Dügsn, 
geriet in Drregung, wenn plötMeb Ars run/s Diebt an äs? Olas- 
sebürse erstrablte, Ars /er Vorbote /es groIen Dreignisses «rar, 
lreI mieb in Ar ^/enssbenmasss vor An langgestreekten l^agen 
wi/erstanAlos serren un/ stoIen un/ trieb ruletst weit Linaus 
in As Dinsamkeit, in /er fernab vom Dublikum As ungebsure 
Lokomotive sieb /ebnte. Boeb über mir rauebte /er Dokomotiv- 
fübrer mir gelassener Mene sein Dfeifeben. leb bewUTö/erts ibn, 
un/ /er DLmonaAnverkSufer, /er DeitungsbÜTr/ler un/ As (?s- 
püekträger «raren, obne AI sie ss wuIten, meine Damera/en. 
Sie /urften An ganzen Lag in Ar Balle bantisren, sie lebten 
immer auf Am Sprung im ^erkebr, von Signal su Signal. Der 
Dug glitt binaus, un/ aueb meine Deit «rar vorbei, traurig Lehrte 
reb aus Am süIsn, frostigen Dnbebagen in As unöewsgliebs 
Sta/t, in An warmen Düfrg surüek. On/ erwaebts Leb naeNs, 
so glaubte Leb manebmal noeb Ae pfiffe su bören. 
t/nveranArt ist mir meine Diebe su Babnböfen geblieben. Sie 
sin/ wie Ae Büfen ein Ort, Ar keine Stätte ist. Bier verweilen 
Ae Uensebsn niebt, bier treffen sie Zusammen, um anseinanArsn? 
geben. Leben sie überall sonst gebnnAn, so sin/ sie im Babnbof 
trot2 ibres Oepäeks aus -eAr Bin/ung gelöst. ^4lles ist möglieb, 
/as ^4lte liegt binter ibnen, Ars Beue ist unbestimmt, Lür 
kur^e Deit werArr sie roie/er su ^agabuAen,- wenn aueb /er Dabr- 
7-lan ibre ^ussebwsrfungen streng reguliert. Baum ein OenuI ist 
Arum Am Oaueraufentbalt in Babnböfen vergleieböar. Inmitten 
/er lauste /es Alltags si-r/ sie Ae Oasen Ar Improvisation. 
* 
leb reage niebt srr entsebeiAn, welebe KsisenAn glüekliebsr su 
nennen sin/.- Ae in StaAen mit Lopfstationen o/er Ae in 
Stü/ten mit Durebgangsstationen. Ane sin/ gewöbnlieb vor 
l/sberrasebungen sieber. Ibr Dug stöbt bereit, un/ mit Blatskar- 
terr ausgerüstet stürsen sie sieb in ein Abenteuer, /as für sie 
Kern Abenteuer ist. Diese /«gegen wer/en in beftige Dämpfe ver- 
wiebelt, über Aren ^4usgang niemand etwas vorbersagen kann. 
L'be Ar Dug ernfübrt, /urebleben sie Mnuten gualvoller Span 
nung. ^rr/ Llats genug vorbanAn seinb bült /er riebtige 
I^'agen^ Narr verstsbt niebt Ae Bube A§ Bsbnpsrsonals. Dann 
beginnt /as Oetürnmel, Aß Uenseben verwandeln sieb i-r li^ilA 
Lurüek, uncl feüer ist Ar Deincl eines fsÜen . . . Derrsebt in An 
Lopfbabnböfen ein Zivilisierter I^erkebr, so vollsxiebt sieb in An 
Durebgangsstationsn Ar kopflose rlusbrueb aus cler Civilisation. 
Sie sinri eirrer cler letLte^r ^ufluebtsorte für Konguistaüoren. leb 
für rneinen T^eil Liebe Ae Kopfstatronen vor. 
t/rer uncl üort spriebt für Ae Oewalt As Vorgangs elsr X ö - 
f a b r t, A/i er sieb spraeblos abspielt. MrgenA ist Ar DinAuek 
seiner Onabwenübarkeit so Aastiseb wie bei Ar Dissnbabn. Das 
^uto Ka7?n -varterr, Ar ^ug riebtst sieb naeb Am Lursbueb. 
^bfabreuA urrci ^urüekbleibenA vermögerr vor Am Derannaben 
Ar festgesetLterr Uinute nur noeb gleiebgültige ^orte su weeb-
        <pb n="13" />
        M ^nsgesto/lener LArüek. Der Maggon bolpert, wenn sr sieb 
überbanpt bewegt, nnck seine gan^e Bewegung ist nur ckis knrse 
Danse swiseben 2wei langen ^nfentbalten. leb baöe nie begriffen, 
wis btenseben irr Ortsebaften wobnen können, Me niebt snm min- 
ckestsn eine SebnsBLMgZstatron sinck. 
Die FecksntAng einer Fabrt im FernLrng anssAsebopfsn, ist niebt 
Vielen gegeben. Hr einiger Seit reiste iob Von Denf naeb Uar- 
seLlle. In meinem Abteil sa/l eine Familie, ckis sieb einer mir nn- 
Verstöncklisben Kpraebs beckiente. Dnreb ckis Gegenwart cker weit 
gereisten Dante wnrcke ckis Draebt cker Fissnbabnsprsocke womög- 
lieb noeb gesteigert. Sie wnrcke nerniebtet, als ckis Familie einen 
ckieken Fanckkoffer bernnterbolte nnä eine Uabl^eit Von fünf Gän 
gen einsnnebmen begann. Fs waren ginnen,- sie laufen gut nnck sie 
essen gut. Deberbaupt pflegen Labirerebe Deute sogar in Kebnell- 
sügen ineinemfort Mtgebraebtes su essen. Im wörtlieben Kinne 
Vertreiben sie sieb ckie Fabrt ckamit; äsnn i-^ckem sie ibre ber- 
miseben Frockukte Vsr^ebren, beösn sie ckis Desebwinckigkeit auf 
unck erriebten sieb ein küns^ liebes Zubause. ^4öer ckre gewobnten 
Vier MLncks müssen fallen, wenn ckas Bewußtsein cker Fabrt ersteben 
soll. Mer in ibm lebt, ckem wirck cker Forrickor sum Manckelgang, 
cker ins Feieb cker MaebtrLüme fübrt. Mann immer ieb in cken 
Ktuckentenfabren sur Dniversität fubr, eroberte reb mir swiseben 
Ooup^tür unck Fensterwanck Uensoben unck Ktückte. ^4ueb cker 
Speisewagen Vsrsebafft ckem geborenen Ksisencken besonckers Freu- 
cken. Dr suebt ibn Weniger in ckem Beckürfnis auf, seinen Funger 
SA stillen, als nm cker sauöerbaften Fafelmusik willen, ckie Von cker 
Dancksebaft ckraußen Veranstalket wirck. Dnck auf cken Babnsteigen 
cker seltenen Zwisebenstationen Promeniert sr nur ckesbalö gern 
bin unck bsr, reell er sieb naebckrüeMeb eiNPrüge» möebts, ckaß er 
bisr niebt anwar^eln maL, sonckern Wecker einstsigen, wiscker fort- 
sebweben ckarf. 
* 
Is weiter ckis Ferse ist, ckesto mebr wirck sie snm Aebweben. 
Sie Vollencket sieb, wenn sie ckis Fsograpbie encklos cknrebmi/lt. Dann 
Vergsgenstönckliebt sieb cker DroseL cker Fabrt im raseben Meebsel 
cker Bilcker. I^iebt cker Mcker allein, souckern aller Dinge, ckis nn- 
sere Kinne öerübren. Die Fatsaebe cker Fewsgang wirck anf ein- 
mal ckackureb bekrckftigt, ckaß an cken Ktationen statt cker frübere« 
Mürsteben mit Kenf Orangen in gefloebtenen Löröen auftau^ 
eben. Blötslisb ertönen ckie bellen Dokomotinenpfiffe cker Bro- 
Venee, unck wo noeb Vor Kursem Bügel cken Blick begrensten, siebt 
sieb ckas User in äsn Fimmel binein. Die Filier geben nisbt 
Lneinancker über, sie Verankern sieb spru-rgbaft. Dnnermittelt 
stürmt cker Deiö in sie binein, unck erst ckureb ckie überrasebencke 
Begegnung mit ibnen wirck sr cker Fabrt riebtig Lnne, cksren 
Stetigkeit sr auf ckis Dauer kaum su smpfrncken Vermag. 
lVoeb etwas ancksrss sreignst sieb, Wenn ckis Feiss sieb änreb 
clie ^agesssiten srstreebt: man rollt niobt msbr selber äabin, 
sondern elrs l^elt beginnt LA fabren. ^srstreiebt äer ?ag all- 
mLblieb bintsr öem ^orbang äer KMergerSAsebs, so nSbsrt sieb 
cker ^öenä ans eigener Lraft. §s ist webt so, ckaF man ibm ent- 
gegen/übrs, sr, eler ^4öswi, bewegt sieb, als sü/?e sr in einem rie 
sigen Sag. Die Oümmernng fübrt Fisenbabn nM übsrDbrt ckis 
UenSebsn, ttie ans cksm Mttag stammen, l^enn elann UHMgbeit 
clie FSrxsr so festbült, ckaL sie sieb niebt regen können, kommt 
M iVaebt angebranst uwl rattert nnermüMeb rlnreb rAs (7s- 
lübmten binrinreb. Lie sincl für wer wei/? wie lange an clenseiben 
I'leek geöan ' " nwl spüren geracke noeb, ria/l man sie wie Kolckaten 
aögelöst bat, äaF Inebter an/ sie sn eilen nwl ckre Freie ror- 
rüekt. Föebsts Form eler FewegAng. ckaA sie snm Ktillstancl su 
gelangen sebeint, wSbrsncl rings nm sie sieb alles bewegt. Frst 
in cker Frübe wirü clis Nnteröroebsne Fabrt wieder anfgenommen, 
nncl äas FanÄ, elas Von cker ^asbtsebiebt beimkebrt, rnbt ans. 
O 
leb gestebs, ckaA Leb lecke Keiss nngern össncks»' anob wenn 
ckas Ziel sins gelisöts Ktackt ist. l^ckrs ckis ^4nknn/t an/ cksn 
Angenöliek össebränkt, in cksm cksr Zng bM, so lis^s sis sieb 
Vislleiebt ertragen. ^4ösr sie gleisbt einem langsamen Kterösn. 
Denn man ist sebon geraams Zeit angekommsn, ösVor man wirk- 
liob ankommt, nnck bintsr Falls öe/incket man sieb bereits in Ber 
lin. Zwar ckansrt ckis OssebwinckigkE nnVsrmincksrt fort, cker 
Fabrgast inckessen maebt ckis Fabrt nur noeb als Oast mit. §r 
bat anfgebört, sieb an ibr L« beteiligen, er siebt eins Ansiebtöars 
Bremse nnck bringt sieb snm Kteben. Fnnaebsiebtig rollt cker Zag,' 
sr rollt allein. I^is tranrig ist es, nisbt msbr ckaösi sn sein, wäb- 
renck sr weiterfübrt, als sei gar niebts gessbsbsn. Die Toiletten- 
fran, ckis Von Magen sn Magen gebt, ist cker Vorbote ckes nn- 
seligen Fnckes. Steigt man aas, so ist es, als ob man gegen einen 
Brellbloek flöge. Ktarr, breit, sebienenlos riebtst sieb cker Bocken 
anf, Anck wäre selbst ckas Barackies erreiebt — es sebweöt ckoeb 
niebt, es rast ckoeb niebt an Felsgragbenstangen Eber. Der Babn4 
bof, sonst cker Frost aller ^4nsLssig§n, wirck snr niebtssagencken 
Bassags. Das Feim winkt ocker ein fremckes Zimmer,- feckenfalls 
ein Amseblossener, Vergitterter Fanm. Obns FnterlaK fabren 
ckran/lsn ckis Züge. F r.
        <pb n="14" />
        Len 
Awisobsn den Faisons., 
Die ^intersLison ist vorbei. 8ie soll niebt eben groÜartif 
sein, nur ein paar Hotels baben geökLnet. Vermutlieb maebt 
man LU wenig Anstrengungen, um das KubliKum Zu gewinnen; 
denn die ^bneelandsebakt von LoeKstein bis DoLgastein ist 
so sebon und praKtiKabel wie nur irgendeine im Hoebgebirge« 
Dange Lage bindureb bat es im NarZr noeb gesebneit. Lei dem 
Minterwetter stiebt die evangelisebs KirebturmspitLS genau 
so bell in die Lelle des überKonLessionellen Himmels wie die 
Katbolisebe, und HausKörper und Maldtlaeben versebmelLen 
Lu einer einLigen weiüen ^Voebe. Lins weibnaebtlicbe 8piel- 
LSugsebaebtel, ein Nitbringsel kür die Kinder. Der Oruvd der 
Oletsebermüblen ist gekroren, der ^Vasserkall von DisstalaK-- 
iiten eingekaN, LremsKetten die sieb um die Hinterräder der 
Lastwagen seblingen, lasssen ÄeKLaeKmuster im 8cbnee ru« 
rüeK. Idanebmal begegnet man einem einsamen laxi, es ist 
immer dasselbe Laxi. 8ebeini die 8onne, so ist sie bsi6 wie 
die von 8t. Uoritr und bräunt am Mttag die Oesiebter auk 
der LiSgetsrrassS. Die Kult ist strati und rein, und wie ein 
8egeltucb strerebt der ^Vind über die langem 
Noeb ist der Krübling Lern. Dinige Kiesenbotels gleiebes 
verlassenen Burgen, die von der Besatzung vorübergebend 
preisgegeben worden sind. Ibre Kingangstüren sind mit Bret 
tern vernagelt, ibre dalousien gsseblossen. Die fanLS Maupt- 
straKe ist wie Dornroseben in 8oblai geiallen. ^Väre niebt 
das Drissurgesebäkt, der Buebladen, der BaLar, die ApotbeKe, 
man bewegte sieb Lwiseben ausgestorbenen Drdgesebossen 
und verwunsebenSO Bassaden. Kein Nenscb wandelt abends 
unter den Bogenlampen, und nur der ^Vasseriall, der niebt 
wie die 8ebaukenster mit eisernen Baden verseblossen wer 
den Kann, vertreibt das Oeiüb! der gespenstiseben Beere. 
2um OlüdK ist ein Oate übrig geblieben, das sieb in einer 
Art von Dämmerzustand bekindet. Bs entbält einen Kellner, 
der ab und zu einnieKt, und etliebe illustrierte ^eitsebriLten, 
die eine notdürftige Verbindung mit der groben ^elt ber- 
Die tzuelle ewiger dufand. 
Ds sind die aus dem Urgestein sprudelnden lleilwasser, die 
Oastein den Hbrennamen: ,,Die Ouelle ewiger dugend" ein 
getragen baben. 8ebon ?araeelsus bat sie gebannt und ge- 
2ur öklentlieben a s s e r k a l! a n s i e b t- 
Nitten dureb die 8ebluebt stürmt der ^asserkall. Dr be- 
stebt aus einer oberen und einer unteren IMite, die aber 
beide fleieb starK Lallen, An weleber 8tel!e des Orts man 
aueb weile, man ist immer in seiner Nabe. Kurbauser Klam 
mern sieb an ibn, Mefe feben ibm das Dbrenfeleit, BrüeKsn 
setzen in allen Döbenlafen über ibn binwef. Von einer 
Kleinen Blattlorm LU8, die ,,^ur öllentlieben ^Vasserlall- 
ansiebt" fenannt wird, lallt er sieb am liebsten bewundern« 
In der Lat bieret er sieb an dieser öllentlieben 8teHe mit 
einem Bomp dar, den die AnsiebtsKarten ferne verewifen, 
mit demselbenBomp, in dem die lefendären bistoriseben?er- 
sonlicbKeiten bei den okkiziellen Oescbiebtsebreibern auizu- 
treten pilegen. Ds ist, als Lakre er in die Dotellerie binein 
und zerspalte sie, und natürlieb wirbelt er wie jede OroLe 
viel 8taub aui. ^Vabrscbeinlieb sind aueb febeime &amp;gt;Vasser- 
Lallansicbten verbanden. 8iebt man ibn ausnabmsweiss weder 
febeim noeb oLLentlieb an, so bört man ibn doeb. Dr rausebt 
mit einem maebtifen Kauseben, das niemals abbriebt. Im 
8ommer soll er noeb unfleieb starKer drobnen als Lur ^Vin- 
tersLeit. ^.ber man stumxkt raseb fefen das refelmällife Oe- 
töse ab und vernimmt es dann far niebt mebr. Nur in der 
nacbtbeben 8tille prallt es mitunter an den Drwaebten an, 
und er wabnt im llalbseblaL, da6 die dunKle V^elt sieb 
laut mit sieb selber unterbaute. 
ÄA,äß^A,8^GÜL s-us Lsr LILr^NTrspsktivs 
Die 8tadt in der 8ebaebtel. 
Badgastsin lieft in seiner ^Valdsebluebt wie in einer 
8ebaebtel. Die 8ebaebtel ist boeb und sebmal, und es gebt 
eins Uenfe in sie binein. Man bat sie aueb febörig gelallt, 
^ablreiebe Motels sebiebten sieb neben- und übereinander« 
alle säuberlieb verstaut. 80 gut ist der Blatz ausgenutzt, daL 
er trotz seiner Buge Keine Orenren zu babsn scbeint. ^enn 
man endgültig an den Band der bewobnbaren Bläebe zu 
stoben glaubt, drangt sieb immer noeb ein Durbans da- 
zwiseben. ^ie 8trümpLe im Kotier- ^er will, Kann in die 
(Gründe der 8eb1uebt taucben, bis Zur untersten Bage. Dr 
bliebt naeb oben, und die gewaltigen 8teinma§8en einer 
amerLKanisoben ^olKenKratzerstadt bebauen aul ibn berab. 
Dm kuü Lassen zu Können, versteifen sieb nämlieb mancbs 
Botels auk der 8eite des Abgrunds zu seebs bis aebt 8toeK- 
werben. Dieselben Hotels sind aui der dem Abgrund ent- 
fegengSsetzten 8eite, dort also, wo sie von der Bergwand 
auigeLangen werden, Oebäude von besebeidener Hübe. 80 
daü man zu ebener Drde eintreten maß und doeb noeb mit 
dem Bitt ins Barterre binunterlabren mub. Die ganze 8eblucbt 
ist mit Nadelbolz durebwacbsen. Ds dient als ÜolzwoUe, da 
mit die einfepacKten Oefenstände Keinen 8ebaden erleiden. 
An ibnen vorbei und dureb sie bindureb scblüpksn die 
^efe. Bab^rintbisobe Oänge« die ott abzubreeben sebeinen, 
aber zuletzt immer unverbleit ins Kreis iübren. 8is maeben 
sieb blausritzen zunutze, Lieben treppauk und treppab und 
umkalrren die Hotels vom Daeb bis zum 8oeKel. Die Haupt- 
spazierpLade beiden Bromenaden und trafen erlauebte 
Namen. Kaiser V^ilbelm - Bromenade, Kaiserin Wsabetb- 
Bromenade, Drzberzof dobann-Bromenade: jeder ^aldsteif 
erinnert an eine Oröbe, die Natur wird zum ^aebsLifuren- 
Kabinett. Das Del der DürstliebKeiten ist meistens eins 
dausenstation. Kebrt ^Vilbelm im Ordnen Zaum ein, so Liebt 
Dlisabetb das Kurbaus von BoeKstein vor. Ds fibt aueb noeb 
einen Kaiserin Dlisabetb-^eg, die Kaiserin ist eine grobe 
Mobltäterin gewesen. leb Kannte eine V^asebtrau, die aebt 
Kinder besaL. Der Lebte 80bn wurde wie der erste Oeorf 
gerulen, weil die Masebtrau Keinen anderen Vornamen mebr 
gewußt batte. Die Bromenaden sind reifend anfeleft, mit 
Launen reebts und linKs, VerKauLsbuden und wundervollen 
AusblieKen auls Noebfebirfe. Da sie sieb, bequeme Horizon 
talen, an den 8ebluebtwanden entlauf seblängeln, Kann man 
fewöbnlieb von der einen Bromenade aus die Bindungen 
der andern Kontrollieren. Die Debersicbt wird noeb dadurcb 
erleiebtert, dab der 8ebaebtel die vierte 8eitenwand Leblt. 
Weit ollnet sie sieb naeb dem sonnifen Bai von ldolfastein 
2u, in das ibr lnbalt allmablicb ausläuLt, 
sobatLt. leb entnebme diese l^itteilunf einem an die bundert 
dabre alten 8ueb, in dem sieb der sinnige Albert von Uucbar 
ausseblieülicb mit Oastein bekaA. XVie poetiseb preist der 
Verlasset des altKeltiseben und romiseben NoriKums die 
V^irKung der OueHen: „Dieses wunderKrältigs Mineralwasser 
bat - - . die Difensebait, daL völlig verwelKte Dlumen und 
Oewaebse, wenn sie bei einer Lemperatur von 37 Orad bis 
40 Orad in demselben mit den 8tanfeln fetauobt gblassen 
werden, wieder aulblübsn, Lum DarbensebmelL Und Zum lri- 
seben Orün der ersten blüte wieder gelangen, und in dieser 
sobonsten Allegorie dem entKralteten und dabinsieebenden 
KranKen ldoklnung und Heilung verspreeben." Noeb poeti- 
seber als l^Iuebar selber quillt eine andere von ibm Zitierte 
„Nmpkindest du ein wildes Febieöen, 
Das dir niebt Rub' laLt Lag und Naebt, 
Komm ber« nimm dir niebt lang' Dedaebt « . 
Das Oediebt reiebt über nabeLu vier enfbedrueKte 8ei- 
ten, auk denen samtliebe Oebreeben in Knittelversen von 
den V^ildwassern geb eilt werden. Die neue 8aeblic:bKeit bat 
mit der Koesie aulgeräumt, aber die Ouellen sind so erlolg- 
reicb geblieben wie in den weiten des Karaeelsus. 8ie bei 
Nervenleiden, OelenKKranKbeiten, Alterssobwaebe usw. LU 
benutLSN, ist geradeLU ein OenuL. In allen tlotels bekinden 
sieb Lader, die Lur ewigen «lugend verbelken. Drübmorgens 
sebon oder aueb abends steigt man in die VersenKunf, setZit 
sieb auk ein submarines Kodesteben und sebwelgt dann im 
Klaren, radioabtiven V^asser. 8eine AKtivität wird noeb dureb 
einen ^Vasserstrabl erbebt, den man vermittels eines 8eblau- 
ebes an jede bedrobte Korperstelle leiten Kann. Nit der Oe- 
walt des groLen ^asserLalles sebieLt der Kleine 8trabl aul 
das Oebel Lu, nur bört und siebt man ibn niebt, denn er gebt 
wie ein D-Loot die keinde an« Halt man ibn fegen die Ober- 
klaebs, so Kräuselt sieb allerdings der Wasserspiegel; als 
sebwammen da drunten Delpbine. Naeb soleben entxüeKen- 
den LieLssespielen winKt dann die Lettrube, der man sieb 
mit umso gröLerem Keebte bingeben darb als Dr. Cüstav 
?rÖll in seinem 1862 ersebienenen Lueb über Oastein die 
Lbese aukstellt: „Daulbeit, sonst überall ein Daster, ist 
wabrend der LadeKur eine Lugend!" 8in Klassiseber 8atL, 
dem ieb bei der Niedersebrikt dieses ArtiKels vermutlieb 
LU meinem eigenen 8ebaden LuwiderbLNdle. 
Ouelle über die Ouellen, ein Dobgediebt aus dem seebLebn- 
dabrbllndert, in dem es L. 8. beLLt:
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        siebliebkeit und kuxus, die 8zenen be- 
sieb an dem gezäbmtSO Naturwunder erbauen. 
kr. 
S. Kramner. 
7° 2SL-2F8 
trügender ktikette und selbstgemaebter Oualsitten . . . 
sind bis jetzt noeb aus diesem einsamen ^Zildbade entkernt 
geblieben . . kurzum, wenn einmal 8ommer ist, dann wer 
den ^ebntausende sieb bier die ewige .lugend zurüekerobern. 
Dann wird aueb der Masserkall dreimal wöebentlieb benga- 
liseb beleuebtet sein. Kr wird in Kot, Orün und Oelb er- 
strablev, ökkentlieb wird er wie dureb einen gesebmüekken 
Zwinger dabinsausen, und die Oaste auk der Drucke werden 
Berlin^ im AM. 
Immer wieder Krieg. 
„Blockade": ein Nachzügler unter den dokumentarischen 
Kriegsfilmen, ein unnützes, dummes Produkt. Der Film, das 
Ergebnis englischer und deutscher Zusammenarbeit, veranschaulicht 
die verschiedenen Etappen des Seekriegs; vor allem den Kampf 
der D-BooLe gegen die feindlichen Minenfelder und ^-Boot-. 
Fallen. Die posthuM Enthüllung der ozeanischen Tricks.und 
Gegentricks käme nicht zu spät, wäre sie wenigstens vom richtigen 
Geist eingegeben. . Wer K wird mit jener stumpfen Neutralität 
bewerkstelligt, die bei uns heute so oft an die Stelle der klaren 
Erkenntnis und des ausgesprochenen Willens tritt. Man möchte, 
nicht den Krieg verteidigen und ihn noch, weniger anM 
kurzum, man möchte überhaupt nichts anderes, als es allen recht 
machen. Die Folge ist eine sinnlose Aneinanderreihung technischer 
Kriegsdetails, die es niemandem recht macht, und am Ende die 
pathetische Mitteilung, daß der Meeresgrund nun Freund und 
Gegner berge. Als ob die Jnternationalität der Leichen ein Trost 
wäre. Der stupide Hinweis aus sie ist in Wahrheit der illegitime 
Abschluß eines illegitimen Unternchmen^ Die Aufnahmen des 
Films, der im Atrium läuft, sind offenbar teils nach der aus den 
Archiven geholten Natur, teils merklich gestellt. Durch seine 
Langeweile erzielt der Film immerhin die unbeabsichtigte 
Wirkung, vom Krieg abzuschrecken. 
HochgebirgszaubeK 
Das Hochgebirge ist echt, der Zauber falsch; worauf schon der 
Titel: .,D L s h .e i ltgen drei Brunne n" des im Ufa-Palast 
am Zoö gezeigten Films zu schließen erlaubt. Um wieder einmal 
möglichst viel Gletscherwelt und Höhenluft zusammenzuraffen, hat 
Arnold Fanck die Idee gehabt, die keine ist: in ein abgelegenes 
Alpennest einen Ingenieur zu schicken, der die We Gegend dadurch' 
aufrührt, daß er einen mächtigen Staudawm errichtet und zugleich 
das Herz eines einheimischen Eheweibs gewinnt. Tosen der Ele 
mente, Wunderwerke der Technik und Stürme der Leidenschaft — 
ein einziger pseudoheroischer Bombast, der nur verrät, daß der 
Verfasser nicht weiß, wo wirkliches Heldentum zu finden ist. Das 
sentimentale Hochgebirge ist der rechte Hintergrund für den Inge 
nieur Luis Trenkers, der ein hundertprozentiger Mann ist, wo 
immer er bergsteigt. Zu seiner Vollkommenheit fehlte allenfalls noch 
die Ritterrüstung. Einige wundervolle Höhlenphotographien ent 
schädigen weder für die abgeleierten Montagen der Staudamm 
szenen noch für die unerträgliche Rhetorik der Fabel. 
Kriminal-Tonfilm. 
Im Ufa-Theater Kurfürstendamm ist der erste' Kriminal-Ton 
film: „Der Tiger" zu sehen. Eine geschickt aufgebaute Maga 
zingeschichte, deren Spannung bis zur Schlußpointe anhält. Da sie 
Zum Glück keine höheren Ziele verfolgt, erreicht sie wenigstens das 
gar nicht so verächtliche: gute Unterhattungsmache zu sein. Der ein 
geschaltete Ton er kommt nahezu durchweg rein heraus -- unter 
stützt an mehreren Stellen die filmische Wirkung. So ist die Laut- j 
losigkeit, mit der sich Einbrecher ins Haus schleichen, nach den vor 
angegangenen Dialog- und Lärmszenen doppelt bedrückend; so 
wird der Eindruck , des Apachmtanzes durch das mit den BilLaus 
schnitten stetig wachsende Stimmengewirr der Umgebung außer- 
Jas Kaus der deutschen Messe. 
K r Berlin, Mitte April. 
Das neue Haus der deutschen Presse — es wurde 
wn 1. April in Betrieb genommen — ist ursprünglich ein feudaler 
Pnvatpalast gewesen. Durch die Liquidation des Lohmann-Kon- 
Zerms fiel er ans Reich, das ihn für vorläufig zehn Jahre dem 
Reichsverband der deutschen Presse vermietet hat. Aus den von 
Severrng zur Verfügung gestellten Überschüssen der „Dradag" 
j(Drahtlose-Dienst A.-G.) und den eigenen Mitteln des Verbands 
rst dann das Haus innen umgestaltet und außen frisch angestrichen 
Doröen. Noch heute wirkte es als Privatbesitz, trüge nicht die 
Fassade hoch oben die Aufschrift: „Der deutschen Presse". 
In der auf Glanzpapier gedruckten EinweihungS-Festschrift hat 
Emil Dovifat seinen Ausführungen über den Geist des Hauses 
das Motto vorangestellt: „Es ist der Geist, der sich den Körper 
baut". Der Geist, in dem dieser Körper ausgebaut ist, entspricht 
dem Glanzpapier der Festschrift. Große Aufmachung wie in feinen 
Möbelgeschäften. Hallen, Salons und edelholzgetäfelte Säle — 
Van glaubt sich in die Gesellschaftsräume eines modernen Ver- 
Mgungsdampfers versetzt. Uns geht es gut. 
Zur Unterhaltung der nachwilhelminischen Pracht ist der „Klub 
der deutschen Presse" ins Leben gerufen worden. Wer durch Ent 
richtung eines Jahresbeitrags Klubmitglied wird, darf sich immer 
in den Hallen ergehen. Er kann hier speisen, seine und die geg- 
«erischen Zeitungen lesen und in den Klubsesseln sitzen. Nur 
arbeiten kann er hier nicht. Denn außer einem Schreibzimmer und 
zwei Telephonzellen dient nach der Absicht der Gründer alles ge 
sellschaftlichen Zwecken. Die Presseleute sollen in dem ihnen gewid 
meten HauS sich entspannen, einander kennenlernen, Beziehungen 
vnknüpfen usw. Ein einziger GotteSfriede, der höchstens dadurch 
Manchmal unterbrochen wird, daß die Säle und Salons im Inter 
ne der Rentabilität an Presseorganisationen und andere, dem 
Reichsverband nahestehende Organisationen vermietet werden. Wer 
Such dann herrscht geselliges Treiben im Haus. 
Der Palast liegt an der Tiergartenstraße. Rechts und links 
psw Hm sind lauter Wohnungen zu vermieten, er Mer glänzt 
funkelnagelneu. Hoffen wir, daß der Geist, von dem seine Glanz- 
paprereinrichtung zeugt, nicht weiter an ihm baut: jener Geist der 
leeren Repräsentation, der auch unsere Rundfunkzentralen etwa 
daran hindert, wirklich Geist zu entwickeln. Sonst flitzt die Zeit 
an dem Pressehaus so rasch wie irgendein Taxi vorbei, das über 
die Trergartenstraße saust. 
stellen. IurmtteQ cker ^.bZes^bieckenbe^t sie niebt selten 
üderklüssiZ nnä bomiseb. -^.der äarckn sinä die Illustrationen 
sebuld. 
^enn einmal Sommer ist . . . 
8ebon letzt beginnt sieb der Ort tür die kommenden 8ommer- 
«Lurmanöver zu rüsten. Agenten und Oesebattsreisende mit 
klappen unter dem ^.rm naten unverdrossen dureb die ank- 
Ze^eieblen 8traVem biebtdares ^sieben des baldigen Uoeb- 
dstrieks: an allen Ueken und Lnden v/ärd eitrig gebaut. Zwar 
ist die 8ebacbtel längst voll, aber so unAaublieb es klinZt, 
überall tindet sieb doeb noeb ein ?lätzeben. ^Zenn es niebt 
krer ist, wird es aus dem Mebts gezaubert. Nan stoekt aut; 
man baut an; man nüblt ein Xino in die Lrde und überböbt 
es dureb Verkaukspavillons; man erriebtet sogar neue Häu 
ser, 'wn immer kaum kür sie ist -^ueb in den alten regt sieb's 
allmablieb, sie müssen modernisiert und instandgesetzt 
werden. 
Die kolonisatorisebe Oesebaktigksit ivird sieb auszablen, 
^venn einmal 8ommer ist. Dann strömt das Publikum in die 
aus dem 8eblak er^vacbten Hotels, lind kein Zimmer ist mebr 
zu baben. Dann sind die Kader von vier klbr trüb an be 
setzt. Dann ergieÜL sieb eine solebe Nenge über die ?rome- 
naden zu den dausenstationen, da6 es den ^.nsebein bat, als 
bielten Kaiser V^ilbelm und Kaiserin Klisabetb Oalaempiange 
ab. Dann ist der Ztraubingerplatz mit Kurgästen gexklastert, 
und niebt das geringste Auto kann mebr passieren, kann 
sebnellen die kreise der groüen Ktablissements zu einer Höbe 
binan, die nur die böebsten 8ebiebken noeb zu erklimmen 
vermögen. Dann duckten die Wälder und leuebten die Orpkel. 
Dann werden naeb dem blaebimab! die Kierstüberl besuebt, 
aber gegen elk Ickbr ist un^veigerlieb 8eblu6. ^enu aueb viel- 
leiebt niebt mebr ganz zutrikkt, 'lvas der ebr^vürdige I^luebar 
zu rübmen ^vei6: ,^V 
ordcntüch gesteigert. Man bat m.kMer Z-üt viel gelernt. Freilich 
tritt immer noch der Ton zu yE des Tones willen auf und 
hemmt so die Handlung. Wozu eine Couplet die nicht nötig 
M und meterlang das gleiche Bild Zum Verweilen zwingt? Ton 
- film ist kein Theater mit stehenden Hintergründen. Und dann 
werden^scheinbar aus der mrbezähmbaren Lust zum Tonen heraus,^ 
die Geräusche alhu deutlich eine RiesenschreLL- 
maschine klapperte so laut wie die hier beschäftigte, und in der Regel 
gehen die Leute auch, nicht mit- Nagelschuhen Mer Steinfliesen, 
Russische Ballade. 
Nach Motiven von Maxim Gorki ist das in der Alhambra 
gezeigte „Lied vom alten.Marrt^ Held 
ist der starke Artem,. in dem sich das dumpfe gewaltige russische 
Volk verkörpert. Wie der los gelassene Golem tappt er durch die 
Menge auf dem Markt, Gegenspieler des kleinen Juden, den alle 
mißhandeln. Nach einem MordüM dem er beinahe zum 
Opfer gefallen wäre, findet sich Artem mit dem Juden zusammen, 
der ihn in die Heilslehrs der Revolution einsthrt. Artem wird 
sehend und hört genau in diesem Augenblick auf, glaubhaft zu 
sein. Die aufgepfropste Tendenz verdirbt den Balladenkoloß. — 
Die Regie Petrow-ByLows lehnt sich an die großen russischen 
Vorbilder an. Eine treffliche Schularbeit ohne besondere 
Originalität und etwas befangen in theatralischer Romantik, die 
allerdings vom Stoff, mit bedingt ist. Zur Selbständigkeit gelangt 
die Leistung in den MördersZenen, die aus mittelalterlichen Bil 
dern Zu stammen scheinen, und der Höhepunkt ist entschieden die 
Vergegenwärtigung des Entsetzens- durch die mit Hilfe von Hohl 
spiegeln hergestellten Zerrbilder der Mördergestchter» Unvergleich 
lich ist die Thpenauswahl und, trotz mancher zu mechanischer 
ÄssozM die Aktion der Landschaft/Die russische Erde hilft 
den russischen Regisseuren.
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        -ZV3 -305 
Zum neuen Richard 
S. Krakauer. 
Die Tauber-Tonfitm-Produktw 
Film produziert, man kann es ihr 
gurrt und Tauber singt, immerfort muß er in dem Film singen, 
ein himmelblaues Gegurre, eine ununterbrochene Schwelgerei in 
Martha-Arien, Volksmelodien und Liedern. So ist es in Ord 
nung, denn das Publikum will seinen Tauber singen hören. Aber 
die Ohrenweide ist keine Augenweide, und Tauber singt nicht in 
einem richtigen Film, sondern schmettert auch noch den Film 
aus sich heraus. 
Ich will den Inhalt des Films nicht ausführlich erzählen; 
genug, daß er himmelblau ist wie der Tenor. Aber die Schluß 
szene ist immerhin der Wiedergabe wert; sie Zeigt, daß es die 
Bläue in sich hat. 
Am Anfang ist Tauber ein gesangsfroher Hochgebirgler, der 
brav im Kirchenchor mitsingt und sein Mädchen herzt. Er wird, 
wie es sich gehört, von einem Impresario entdeckt und verwandelt 
sich mit Blitzesschnelle in den gefeierten Tenor, der er ist. Seine 
dörfliche Braut — Lucie Englisch ist reizend und ein Trost in dem 
Elend -- fährt eigens nach Berlin, um ihn, wie wir alle, singen zu 
hören, verfehlt ihn durch eine Jntrige, die zerstört worden wäre, 
wenn sie ihn vorher von ihrem Kommen benachrichtigt hätte, aber 
dann wäre die Jntrige nicht erfolgreich gewesen, und reist sofort 
traurig wieder zurück, im Glauben, daß er sie nicht mehr liebe. 
In der Heimat nimmt sie dann einen ungeliebten anderen Mann. 
Man kann sie dazu nur beglückwünschen. 
Doch jetzt geschieht dies: unser Tenor, der angibt, das Mädchen 
Zu lieben, eilt in die Heimat und trifft gerade rechtzeitig Zur 
Hochzeit ein. Seine alte Filmmutter beschwört ihn, nun, da es 
zu -spät sei, unbemerkt abzufahren und den Seelenfrieden der Ge- 
Tauber-Film. 
Berlin, im April. 
hat wieder einmal einen 
nicht verbieten. Die Taube 
uu/' eben Vermahlte ihn unter allen 
Finale hat Publikum seinen ungetrübten Genuß am 
Nehme ich den Film zu ernst? Weil kaum ein-. 
können sie immer wieder produziert werden. Weil fast niemand 
hnen^entgegentrltt, ruiniert ihre Produktion Gewissen und Kunst 
^^rF^bkik^E^ 
^um heißt. „Da s lockende H ? s" 
Uraufführung hielt vor dem Capital der Luxuswagen Zauber« 
l Eocr k eins d t ehnim Zi me l eelnblaeun t gaenggeenst f r ü ic h hreen D unads f P ich w t ik g u anmz s u o maus L I asls t o l b ^ « 
. 
au^aM^^ i^reffelosem Wohlgefallen am Auto, teils 
aus wohlgefälligem Interesse an der Kirnst. Oh, du himmelblauer 
S. Kramn«. 
MoleLarische Schnellbahn. 
Berlin, im April. 
Vor einigen Tagen wurde die Hauptstrecke der Untergrundbahn 
Neukölln —Gesundbrunnen eingeweiht. Sie gehört zu 
dem nördlichen und östlichen Schnellbahnnetz, das früher zugunsten 
der Verbindungen mit den westlichen Vororten vernachlässigt wor 
den war. Wahrscheinlich im Herbst kommt noch die Linie durch die 
Frankfurter Allee hinzu; womit wenigstens für den Osten einiger 
maßen gesorgt wäre. Das großzügige Bauprogramm sah darüber 
hinaus weitere Streckenbauten vor, aber nicht alle Verkehrsblüten- 
träume reifen, die ZeiteE'sind schlecht, und auch die jetzt errichtete 
Linie hat ihrer Finanzierung'wegen schon Anstoß erregt. 
Sie führt mitten durchs ^Stadtzentrum aus Proletariervierteln 
in Proletarierviertel, von Fabriken Zu Fabriken. Eine grenzenlos 
ausgedehnte Arbeiter- und Geschäftswelt wird von ihr unterminiert. 
Die Bahnhöfe sind technisch und Zweckmäßig wie moderne Spitäler, 
mit einfachen Eisenstützen, blank gekachelten Wänden, schmuckloser 
Beschriftung und allen möglichen Lichtsignalen. Eine gute Orga 
nisation, praktisch und völlig hygienisch. Manchmal ist die Eisen 
konstruktion mit Säulenschäften umkleidet, die wahrhaftig ein 
Kapital auf dem Kopf haben; schöne runde Säulen, die man bei 
nahe lieben muß, weil sie ein Anachronismus sind, ein Gruß aus 
einer anderen Oberwelt. Der Bahnhof Rosenthaler Straße sucht 
sogar durch seine rosig angehauchten Wandplatten die Illusion zu 
erwecken, als ob diese Gegend ein Rosental sei. 
Das Publikum, das die Strecke benutzt, sieht freilich nicht eben 
illusionsfähig aus. Die Zeiten sind schlecht, und auch die netten 
Wagen, die sauberen Bahnhöfe helfen nicht darüber hinweg. Männer 
mit Werkzeugmappen, Burschen in Lederjoppen, Büroangestellte, 
Arbeiter, Frauen mit Laschen und Kindern füllen die Bänke und 
Gänge. Sie kommen vom Einkauf oder fahren zum Arbeitsplatz. 
Auf anderen Linien geht es heiterer zu als hier, in den Unter 
geschossen des Wirtschaftslebens. Äele müde Gesichter und nicht 
das mindeste Konfektionsgeschnatter. Zum Glück kräht mitunter ein 
ahnungsloses Kind. Immerhin, die Bahn wird den Hundert 
tausenden in ihrem Umkreis ein wenig das Dasein erleichtern. 
Steigt man irgendwo während der Fahrt aus und aus Licht, 
so wird man, umgekehrt wie in Tausendundems Nacht, nicht im 
glänzende Schlösser, sondern in aufgerifsene Steinlandschaften ver 
setzt. Aber das Unbehagen, das von ihnen ausströmt, ist besser als 
der Scheinfriede der Paläste. Da ist, mitten auf der Strecke, der 
Alexanderplatz: zur Zeit noch sin riesiger Abstellraum, in dem 
Bretterzäune und halbe Hausse aufgespeichert sind. Der Wind 
fegt durch die Lücken ins Bodenlose hinein. Da ist Gesund 
brunnen: ein weitverstreuteZ Gemenge aus Schienensträngen und 
Häuserblockfetzen. Alles nach jeder Seite hin geöffnet und wie 
es gerade kommt; nirgends die Spur einer perspektivischen Glie 
derung, eines für kontemplative Menschen bestimmten Abschlusses. 
Dazwischen larrge Straßen, graue Straßen, Straßen mit Bal 
könen, hinter deren Gittern im Sommer Grün eingesperrt ist, 
Backsteinfronten, Kirchen, Beerdigungsinstitute, Höfe und Kinder. 
Doch Las Leben in diesen Wüsteneien ist unverwüstlich, und gerade 
an den beiden Endpunkten der Bahn signalisiert es gellend. Laß 
es sich nicht unterkriogen läßt. Am Hermannplatz in Neukölln 
erhebt sich der gewaltige Warenhauszwinger von Karstadt, eine 
Msnumentalarchitektur, die mit drohender Geste alle Welt Zum 
Eintreten auffordert, und unmittelbar Hinter dem Bahnhof Ge 
sundbrunnen steigt wie ein nächtliches Plakat die weiße Fassade 
dsx „LichLLurg" empor, die aus lauter schwingenden Horizontalen 
besteht und überhaupt ein Niederschlag neuester Sachlichkeit ist. 
Wenig über eins halbe Stunde Omnibusfahrt, und man ist 
am Kurfürstendamm. Aufgang nur für Herrschaften, Luxus 
karosserien, gut. gekleidete Leute. (Auch hier sind allerdings die 
Zeiten schlecht.) Die beiden Stadtteile, die ineinander übergehen, 
scheinen unabsehbar weit voneinander entfernt. Wieder und wieder 
erschüttert die Erkenntnis, daß der Abstand zwischen ihnen durch 
keim Schnellbahn Zu verringern ist.
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        1. Mai in Jerlin. 
Zwischen Neukölln und Lustgarten/ 
Vor dem Abmarsch. 
Früh gegen 8.30 Uhram Hermannplatz m Neukölln. Ein strah 
lender Morgen; so Leglänzte das Kaiserwetter vor dem Krieg die 
großen Paraden^ In der Nähe eines der kommunistischen Ver 
sammlungsorte bilden sich Zerstreute Gruppen, die ernstweilen un 
tätig herumstehm. Viele Leute aus der Kriegsgeneration. Sie! 
haben noch die alten Militärgesichter, die jetzt nur zu anderen 
Zwecken verwändt werden. Ein Mann verkauft für zehn Pfennige 
proletarische . Maiblumen, rote Blumen aus Papier, die in jedem 
'Knopfloch glühen. Blitzblanke Schupomannschaft rollt an, steigt 
ab, , verteilt sich. Immer Zwei und zwei, mit neutralem Ausdruck. 
Fest steht und treu die Polizei, während ein Propagandawagen 
der Roten Hilfe vorbeifLhrt und die Begrüßung Rotfront ertönt. 
Alles wartet, der Sonnenschein wirkt wie ein Bürgschein für den 
friedlichen Verlauf. Daß es an so schönen Tagen je zu grimmigen 
Schlachten kam, ist schlechterdings nicht zu begreifen. 
/ .De^ 
Um A.36 Uhr etwa beginnt sich der kommunistische Demon 
strationszug zu entwickeln. Sie marschieren mit ihren Musikkapellen 
m emZelnen Abteilungen hintereinander, die Steinträger, die 
Rohrleger, die Erwerbslosen, die Angehörigen, der verschiedenen 
Betriebszellen, die Melker, die Sportler und Sportlerinnen im 
leichten, bunten Badekostüm. (Nicht durchweg sieht die Nacktheit 
gut aus, wie revolutionär immer sie gemeint sein mag.) Rüstig 
schreiten Frauen in Reih und Glied, deren Züge verarbeitet sind, 
und ein Kindertrupp fordert die Freiheit der Lehrmittel, von der 
er noch nichts versteht. Ueberall folgen blaue Uniformen, rechts, 
links und von Zeit zu Zeit auf Lastautos mittendrein. Sie ver 
körpern Ne bestehende Ordnung, die von den Demonstranten be 
kämpft wird. Aber beide Parteien haben gewissermaßen einen 
Wafsenfried^n miteinander abge^ und arbeiten Hand in 
Hand. Der Protest gegen die Ordnung ist von dieser geregelt. 
Sie marschieren und marschieren. Sie haben nicht den strammen 
militärischen Schritt, sondern einen festen, schweren, der durch 
seine Ruhe wirkt. Eine Straße nach der andern tut sich vor ihnen 
auf, immer neue Straßen mit immer denselben Mietshausfronten. 
Aber wo der Zug eindringt, erweckt er die toten Fassaden zum 
Leben. Er dröhnt, tönt, singt und ruft, und die Angestellten in 
denBüros lassen ihre Arbeit sein, und alle Leute blicken zum 
/Fenster heraus. Im zweiten Stock eines Hauses strampelt gar ein 
kommunistisches Baby, von der Mutter gehalten, vor Entzücken mit 
Beinen und Händen. 
- Rot ist die Farbe des Zuges. Radier haben ihre Vorder- und 
Hinterräder rot dekoriert, und oberhM der endlosen Prozession 
wallen die roten Banner so dicht, daß man über sie -hinwegschreiten 
könnte. Ein einziges rotes Gewoge, das die grauen Hauswände 
beiseite drängt und wundervoll mit dem grünen Laub kontrastiert. 
Es ist beschriftet, marxistische Sentenzen und Proklamationen heben 
sich schreiend ppm roten Untergrund ab. Der Siebenstundentag wird 
verlangt und andere, noch einschneidendere Wünsche werden laut, 
das Bild Lenins schwebt wie das eines Heiligen voran, oder es 
"finden sich auf den wehenden Draperien auch Texte wie dieser: 
„Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser und 
Tribun". Parolen, die sich von der Metaphysik bis zur Tageslosung 
erstrecken. Sie sind oft nicht ohne Witz hingemalt und ausgeschmückt, 
dem Erfindungsgeist der Gruppen ist Spielraum gelassen worden. 
Im Lustgarten. 
Kurz vor Ml Uhr. Man kann sich ohne jede Schwierigkeit 
und Ausweis dem Schauplatz der Demonstration nähern, die Poli 
zisten halten sich diskret zurück oder haben eine Tarnkappe auf. 
(Sie werden schon dort sein, wo ds nötig ist.) Rechts droht das 
Schloß und hinten steigt die Marmorkulisse des Domes auf, ein 
wilhelminischer Restbestand, dessen Hohlheit bereits so offen zu 
Tage getreten ist, daß er sticht zur leisesten Geste den Empörung 
mehr aufreizt. Es denkt auch niemand daran, sich, zu empören. Die 
Menge, die auf . der Riesenfläche ZusamMmströmt, scheint sich zu 
einem Volksfest vereinigt zuch und Speiseeis wer ¬ 
den feilgeboten, saure Gurken in Wascheimern herbeigeschleppt, 
kommunistische Flugblätter und Zeitungen an den Mann gebracht. 
Die Züge, die wie aus Neukölln so aus dem Wedding eintrefsen, 
machen bei klingendem Spiel ihre Evolutionen. In dem Schauge 
pränge fällt unter anderem auf: das hölzerne Modell eines Traktors, 
das den Fünfjahresplan darstellen soll, und ein gewaltiger Schüpv- 
helm, der die Inschrift: „Republikschutzgesetz" trägt. Es fehlt nicht 
an Jnvektwen gegen die Sozialdemokratie. Mittlerweile haben 
scheinbar die Reden begonnen, doch man kann aus der Ferne nichts 
hören. Von ihrem Inhalt Wngt auch vermutlich nicht so viel ah. 
Ein Kameramann kurbelt auf einer rot ausgeschlagmen Plattform 
den ganzen 1. Mai. 
- Ueb er Mittag» 
Es ist heiß geworden. Ein Paar Meter weit vorn.Lustgarten 
entfernt, und man ist/durch Welten vom Weltfeiertag geschieden. 
Vor der Universität gibt es den Weltfeiertag einfach nicht. Die 
Studenten stehen korporationsweise beisammen. Sie haben Schmisse 
wie vor hundert Jahren, ste lebm unter einer Glasglocke wie nie 
zuvor, und tragen noch immer ihre bunten Mützen und Bänder, 
damit man sie ja nicht für gewöhnliche junge Leute hält wie die 
auf der Straße. Unter den Linden: die Autos rollen, die Cafes 
sind besucht,.dtt Heschäfte haben geöffnet. Alles wie sonst, der Be 
trieb geht weiter, ein unergründliches Nebeneinander. 
Später auf dem Hausvogteiplatz. Hier harrt eine größere 
. sozialdemokratische Gruppe, zum Start nach dem Lustgarten bereit. 
Sie kommt an die Reihe, wenn die Kommunisten dort das Feld 
geräumt haben. Dank der Organisationskunst der Behörden, die 
sich ebensogut schon vor einem Jahr hätte bewähren können, ist 
dafür gesorgt, daß. sich -die feindlichen. Züge weder Zeitlich noch 
räumlich begegnen. Welch eine Ordnung; auch die Krieger der 
Zukunft wüßten sich so behutsam ausweichen. 
Die SoZialdemokraten führen ebenfalls rote Fahnsn mit sich, 
sehen aber dennoch weniger revolutionär aus, ein Eindruck, der 
durch die beigemengte Reichsbannerkompanie verstärkt wird. Es 
herrscht hier gleichsam ein offizieller Ton, man hat Teil an der 
Macht im Staat und weitz daß man sie hat. Manche sind besser 
gekleidet, die Reichsbannergemeinen grüßen ihre Vorgesetzten halb 
militärisch, und unverkennbar ist eine schwache Spur von klein 
bürgerlichem Komfort. Auf einer der Fahnen flattert der Spruch: 
„Einigkeit macht swrk". Er we^ den Kom ¬ 
munisten im Wind. 
Rückkehr. 
Zwischen 1 und 2 wieder in Neukölln, zur gleichen Zeit mit 
den Heimkehrern vom Lustgarten. Sie nahen von neuem, die 
Steinträger, die Betriebszellen, die Badekostüme. Sind sie müde 
vom langen Weg, vom Marsch in den Kolonnen? Sie scheinen 
jetzt, da die Haupt- und Staatsaktion vorüber ist, sich frischer und 
freier zu fühlen. Zwar, die Ordnung wird gewahrt wie zuvor, 
aber die Fäuste ballen sich häufiger zum Gruß und in einem fort 
erschallen, Responsalien gleich, die Bekräftigungen: Hoch, Nieder, 
Wir. Zuletzt lösen sich dii Züge auf, denn gegessen muß unter 
allen Umständen werden. 
Am Nachmittag finden Festveranstaltungen statt. Die Kom 
munisten versammeln sich in Kliem's Sälen, die Sozialdemokraten 
gegenüber in der Neuen Welt. Hier und dort füllen Frauen und 
Männer mit der proletarischen-Maiblume die Räume; aber wird 
dort der „Kampfmai" begangen, so hier die „Maifeier". Ein 
feiner Wortunterschied. Er kennzeichnet den Riß, der sich durch 
unsere gesellschaftliche MMchM zieht. 
T S. Kracauer.
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        S. Krakauer. 
aus^ve 
i)on/ne^k. 
.3^8-^ Vv 
Paradieses Niemand darf allerdings passieren und niemand hätte 
auch die Zeit dazu, denn schon produziert sich an einer einsamen 
Stange im Himmel, hoch dort oben, wo die Flugzeuge und Adler 
horsten, ein von weißen Lichtkegeln ins Kreuzfeuer genommener 
Artist mit italienischem . Namett. Die Stange schwankt, und der 
Artist schaukelt auf ihr so winzig, daß man seine Existenz ohne 
Fernstecher nur ahnungsweise verfolgen kann. Wer es liegt auch 
nichts daran, daß er deutlich erscheint, die Gefahr an sich ist es, 
die das Publikum reizt. Kaum ist sie voM rollt eine Kugel 
ganz von selber eine Spirale hinan, eine riesige Kugel, der am 
Ende eine Frau entsteigt, bie der duftige Kern des PerMtuum 
mobile war. Das Glücksgefühl, das diese aus der Kugel geborene 
Venus hervorruft, wird durch die Schlußapothe^ 
deren Verlauf sich der ungreifbare Schimmer einer Wasserkunst M 
der Stimme eines OperetLenLenors vermahlt, die ebenfalls 
bengalisch beleuchtet ist. Die Poesie hat sich aus den Trümmern der 
alten Oper in den Lunapark gerettet. 
Nachdem das offizielle Vergnügungsprogramm abgewickelt ist, 
zerstreut sich die Menge in dem der PrivaLinitiatitze eingeräumten 
Teil des Geländes. Hier gehen Wunschträume prompt in Erfüllung. 
Ein besonders dringlicher ist offenbar der. Besitz eines eigenen 
Wagens, denn die Autos auf der hölzernen Rundbahn kommen 
niemals zur Ruhe. Meistens Haussieren Mädchen, arme junge 
Dinger, die geradewegs aus den vielen Filmen stammen, in denen 
Verkäuferinnen als Millionärsgattiynen enden. Sie Haussieren zum 
Schein und nähren sich vorn Schein. Unter Gekreisch fahren sie 
mit ihren Freunden über Berg und Tal, ja&amp;gt; es lohnt sich zu 
leben, wenn man nur hinabstürzt, um dann zu zweit in die Höhe 
zu sausen. Den Hintergrund der Berg- und Talbahn bildet nicht 
mehr wie im vorigen Jahr eine Wolkenkratzerstadt, sondern eine 
mächtige Alpenlandschaft, deren Gipfel jeder 
Panoramen sind überhaupt beliebt, sie ragen auch in einer Boxer 
koje am Horizont und sind die Staffage des RoulettetiM — stnm. 
fälliges Zeichen der oberen Regionen, die man aus den sozialen 
Niederungen nur selten erreicht. Zahllose Glücksbuden helfen dar 
über für ein paar S^ hinweg Man schießt, man schleM 
man stößt, man wirft für teures Geld Ringe über Damenfüße und 
erntet einen Gewinn, der beflügelt, der wie ein schwaches Kerzen 
licht das nächste Stück Weg beleuchtet. Lauter winzige Glücksritter 
scharen sich um die glänzenden Zellen, in denen lauter kleine 
Verheißungen stecken. 
Um 11 Uhr ist Feierabend. Dann kehrt die Menge geordnet 
aus der LuWLtte zurück, die sie geordnet durchzogen hat. Sie U 
für kurze Zeit aus dem organisierten Alltag ausgebrochen, mitten 
hinein ins Glück, das für sie nach rationellen Plänen organiste- 
worden ist. Die Illusion ist 
Organisiertes Glück. 
Zur Wiedereröffnung des Lunaparks. 
Berlin, Anfang Mai 
Auch das Vergnügen ist bei uns organisiert. Die Samstag 
Abend-Menge, die durch die frisch gestrichene Eingangshalle strömt, 
deren Buntheit und Säulenpracht an die Zaubergemächer in 
Weihnachtsstücken erinnert, wird auf dem großen Festplatz des 
Lunaparks sofort von Scheinwerfern und einem Lautsprecher erfaßt. 
Die Scheinwerfer leuchten die Rummelfläche und den ganzen 
Himmel ab; zum Glück richten sie sich nicht auf feindliche Aero-' 
Plane, sondern nur auf die jeweiligen Attraktionen. Und die 
Stimme, die aus dem in der Platzmitte aufgestellten Kasten schallt, 
gibt dazwischen immer wieder wertvolle Direktiven. Man kann gar 
nicht fehl gehen, man braucht überhaupt kaum zu gehen. Die 
unsichtbare Organisation sorgt dafür, daß sich das Vergnügen in 
vorgeschriebener Reihenfolge an die Massen herandrängt. Vielleicht 
wollen es die Leute so haben, sie werden ja auch tagsüber Lurch 
Lichtsignale, Parteiprogramme und Verbände geleitet. Auf den 
Pariser Moires ist der Taumel jedenfalls ungeregelter. Dort wird 
jeder zum Abenteurer und genießt nicht nur den wilden Jahr 
marktstanz, sondern auch die Freude, Schaubude um Schaubude' 
selbsttätig zu entdecken. Aber hierzulande regiert nun einmal das 
laufende Band. 
Immerhin, Pläsier bleibt Pläsier, und wer vermochte dem 
Feuerwerk zu widerstehen, das sich mit genau bedachter Steigerung 
in den nächtlichen Raum ergießt? Einzig der Mond,, ein braver, 
alter Viertelsmond, hält ungerührt still, während lauter funkel 
nagelneue Sternbilder in seiner unmittelbaren Nachbarschaft auf- 
rauschem Sternbilder, die bunt wie Speiseeis sind und mit der 
Gewalt von Brauselimonaden emporzischen und versprühen. Sie 
schwinden hin, um einem speienden Feuerdrachen Platz zu machen, 
Wer den ein Goldregen niederträufelt. Die lichtvollen Verwand-' 
lungen werden immerfort von militärischer Musik begleitet, deren 
Marschrhythmen das Publikum auch innerlich illuminieren. Zuletzt 
knallt und kracht es, eine blendende Helle entsteht, und ist, als 
schaute man für einen Augenblick durch die geöffneten Pforten des 
Sonntagsausflug. 
Berlin, Anfang Mai. 
Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, und alle Ber 
liner schlagen sich zur Natur durch. Ein Heißhunger nach dem 
Grünen hat sie erfaßt. In den Warenhäusern locken Zelte zum 
Kampieren, und auf dem Dachgarten eines bekannten Verkaufs 
etablissements sind über Nacht Wochenendhäuschen erblüht, kleine 
strahlende Dinger, die man bequem in die Tasche stecken kann. 
Draußen liegt man dann selber.in ihnen wie in der Hosentasche 
eines Knaben, in die immer noch mehr hineingeht. 
Als sei eine Panik ausgebrochen, so hastig wird am Sonntag 
morgen die Stadt geräumt. Stadtbahnzüge, Trambahnen, Omni 
busse und AutoS befördern die Schwärme hinaus, die gern im 
Freien schwärmen möchten, dort, wo statt der Büros die schönen 
Wälder und Seen eingerichtet sind, statt des roten Signals die 
Sonne glüht, statt der Vorgesetzte» höchstens die Mücken Plagen und 
der Dienst am Kunden zum Dienst an der eigenen Volksgesundheit 
wird. Irgendein Dienst muß es bei uns immer sein. Sie paddeln, 
schwimmen, wandern, lagern. Die ganze Stadt zieht aufs Land, 
um sich von der Stadt zu erholen. 
Da Berlin die Natur überschwemmt, flüchtet sich die Natur nach 
Berlin und entfaltet hier in aller Heimlichkeit ihre Reize. Wer ihr 
ungestört begegnen will, braucht daher Sonntags nur zu Hause zu 
bleiben. Das ist wohl auch die Meinung Meister Slevogts gewesen, 
als er mir einmal auf die Frage, welches Ausflugsziel in der Mark 
er besonders schätze, die Antwort erteilte: „Das romanische Cafe". 
Slevogt sieht aus wie der liebe Gott m den Kinderbüchern der vor 
marxistischen Zeit. Es muß nicht das Romanische sein; die Stadt 
viertel im Umkreis tun es auch. 
Der Kurfürstendamm in der Sonntagsfrühe: eine fürstliche Kur 
promenade, deren Fassadenpracht die unmittelbare Nähe des Mittel 
meers vortäuscht. Rauschen die Wipfel oder die Wogen? Niemand 
weiß es genau, dieselben Lokal-und Schaufensterarrangements, die 
selben Karosserien, dieselben vereinzelten Gents gleißen hier und 
an der Riviera. Sanft schleicht der Landwehrkanal unter den Laub 
kronen dahin, es ist, als flösse er durch die lieblichen Täler 
Thüringens, in denen allenfalls die Schafe blöken, und Fricke, der 
Hirte, behütet sie. An den Häusern, die den Kanal begleiten, hat 
sich noch keine Streikwelle gebrochen, und den Frieden des Reichs 
wehrministeriums trübt nicht der leiseste Hauch. Die Straßen des 
alten Westens sind unentdsckte Landschaften, die kaum je der Fuß 
des Forschers betritt. Verirrte sich einer d-rthin, so könnte, er, hinter 
den Glasscheiben der Wintergärten seltene tropische Gewächse be- 
obacb^en, und die herrlichsten leerstehenden Elfzimmerwohnungen- 
nschlchfen sich ihm. Und welcher Ort der weiteren und engeren Um-i 
i gebung käme an Abgeschiedenheit dem Tiergarten gleich? Er ist 
i still wie die Vergangenheit, und seine locker aneinandergereihten 
Baumstämme, seine Blumenbeete, seine BoskeLLZ und Teiche sind 
mit der bürgerlichen Kultur, die sie schuf, lautlos wie alte Paläste 
aus dem Leben zurückgetreten. Jetzt muß er sich nicht mehr an- 
strengen, um mit der Entwicklung Schritt zu halten, jetzt hat er 
seine Ruhe, jetzt stört ihn niemand so leicht auf. Sorglos spielen 
die Kinder in ihm, zwei ältere junge Mädchen, die schon im OrLA- 
nal ein photographiertes Gruppenbild sind, lassen sich zum Ueber- 
fluß noch einmal photographieren, Kriegsinvaliden und Beamtem 
familien durchmessen die Wege.. Aus einem großväterlichen Stahl 
stich sprengt manchmal eine stolze Kavalkade herbei, kreuzt die 
Straße und verschwindet gravitätisch, wie sie gekommen. So war es 
einst in verblichenen Sommerfrischen, Erinnerung und Gegenwart 
sind hier eins. Und nicht anders wie die Vögel sind auch die zahl ¬ 
losen Denkmäler ein rechtmäßiger Bestandteil dieses Parks, der 
selber längst zum Denkmal geworden ist und darum endlich ganz 
Natur sein darf. Der steinerne Wagner ist ein einziges Siegfrieds 
idyll, und in der Siegesallee die marmornen Sieger haben ein- für 
allemal auf ihre militaristischen Pläne verzichtet. Hinter dem Tier 
garten folgt dann der Potsdamer Platz mit seinem Verkehrsturm, 
der am ausgestorbenen Sonntag eine technische Ruine ist, eine Aus 
sichtswarte auf einer Ansichtskarte. Gelangweilt gähnend hilft 
sich die Potsdamer Straße über die tempolose, die schreckliche Feier 
zeit hinweg. 
Bis am Abend Berlin wieder nach Berlin strömt, bis die Lichter 
rings um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche irrsinnig strahlen 
und alle Welt sich in den Vergnügungslokalen von der vielen Natur 
erholt.
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        h 6/ »0- 
Kheintand Konjunktur. 
Berlin, Anfang Mai 
Las Rheinland wird demnächst befreit sein; Grund genug, sich 
an seiner Popularität emp^ und einen Tonfilm vom 
deutschen Rhein zu drehen, den sie nicht haben sollen mit seinen 
fröhlichen Weinbergen, seinem Karneval und seiner Schwerindustrie. 
,M h e i nlandm ü d ch e n" nennt sich das Machwerk, das mit den: 
Rhein sem machen will. Ich mein, was es bedeuten soll, 
daß ich so traurig bin, denn der Rhein fließet hier nicht ruhig, 
sondern ist ein Schmutzwasser, in dessen Trübe eifrig gefischt wird. 
An-der Angel bleibt alles hängen, was noch aus der Vorkriegszeit 
Lm Strom mitschwimmt: die Saufgelage und Schmisse desStudenten- 
Wens, die Burgen und die Dampfer der Poesie-Alben und die Lore 
Wr dem Tore.-Krieg/ Rnhrkampf sind spurlos an ihnen 
vörübergegangen. Die Burschen strahlen vor materiell gutfundiertem 
Ingendfrohmut, un jeder Gelegenheit werden Rheinlieder ge- 
sunWn^ -weil ein Tonfilm nun einmal tönen muß. Am lautesten 
simn der Dampfer. 
-'Oder sollte Mses Rheingöldemsemble-die Zeit doch nicht ver 
schlafen haben? Gegen den Schlich hin enthüllt sich, daß es dur^ 
aus anst der Hohe ist. Ein Korpsstudent, der so leer, rein und rosig 
Mär, "daß- ihm selbst der alte SimM 
können, damals, als er noch jung war und grollte — kurz, Werner 
Fütterer liebt seine Lore, die er für das Mitglied seiner Damen- 
kapelle' hält/i Seit die Musiker in den . Kinos nicht mehr soviel ge 
braucht werden, tauchen sie auf der Leinwand immer häufiger auf.) 
Ditz beiden ' küssen sich edel und meterweise wie in gepflegten 
Romanen, aber der Vater des Jünglings ist ein Großindustrieller. 
Früher war er gewöhnlich ein Fürst,, der Unterschied ist nicht groß. 
Er-möchte das Musikmädchen, das ihm zu vulgär für seinen Thron- 
eMnchfi -- es ist auch in der Tat sehr vulgär —, mit einem Scheck 
ahfinden, dex natürlich entrüstet zurückgewiesen wird. Wie wendet 
sich Mguterletzt dennoch alles Zum Besten? Durch ein soziales 
Wunder, das so einfach wie unsozial ist. Der Großindustrielle er 
fährt, daß die Lore gar.nicht vor dem Fore ist, sondern eine 
Studentin, eine Werksingsangstudentin, die abends musiziert, um 
tagsüber chemische Formeln schreiben zu können. Run muß. er nicht 
mehr einer Mesalliance wegen zittern, das Mädchen aus dem Volk 
ist ein Mädchen aus girier Familie, das den Doktor macht, und 
Braut und Bräutigam dürfen sich großindustriell umarmen. 
Die Dummheit, Mit der dieses Ding .gedreht ist, sucht ihres 
gleichen. Erst werden die Unters ,-de unseres gesellschaftlichen Da 
seins mit einem Rheinstrom von Seligkeit überflutet und dann 
werden sie aus purer Fahrlässigkeit wieder trocken gelegt. Man häuft 
Bierleichen und andere Ruinen vor der Wirklichkeit auf, um sie 
unsichtbar Zu machen, und zeigt hinterher ihr kahles Gerippe. 
Ideologien ausstreuen und mit demselben Atemzug auf ihre ökono- 
miMe Basis Hinweisen — das heißt noch sich selber entlarven. 
Aber vielleicht ist die Dummheit doch nicht zu groß, denn das groß 
städtische Publikum, das keineswegs aus lauter Industriellen und 
studierten Töchtern besteht, hat bei der Uraufführung 
applaudiert. Sie lassen^ sich vom rheinischen Gemüt ergreifen und 
merken nicht, daß zu industriellen Zwecken Mißbrauch mit ihm ge 
trieben wird; obwohl der Film in seiner Albernheit die Beziehung 
zwischen Industrie und Gemüt offen preisgibt. 
Das „Rheinlandmädchen" ist im Steglitzer Titania-Palast Zu 
sehen- eMer jener Neuberliner Architekturen aus Licht, Glas, Luft 
und Bet-n, deren Ehrgeiz es ist, ihr eigenes Plakat zu sein. Sie 
sind opt-mistische Verheißungen, die sich nie erfüllen, und sollten 
von rechtswegen als Reklameburgen am Mlmrhein stehen. 
S. Kmeamr, 
Merttner Notizen. 
Walzer und Marseillaise. 
ES lohnt sich nicht, von den meisten Filmen zu sprechen. Sie 
sind Jndustrieprodukte, sie haben ihr Publikum oder haben es nicht 
und damtt Schluß. Auch der jetzt hier uraufgeführte Film: „Walzer 
könig", der schlechter als notwendig ist, wäre keiner Erwähnung 
wert, wenn er nicht mit einer Szene endigte, die den Untergrund 
dieser und anderer scheinbar harmloser Zerstreuungen bloßlegt. Ort 
und Zeit: das revolutionäre Wien 1849. Ein Trupp Aufständischer 
verwechselt Johann Strauß mit einem der verhaßten Aristokraten 
und fordert auf seinen Protest hin, daß er sich durch Geigenspiel 
legitimiere. Walzer. Königlich setzt er den Bogen an und fiedelt zu 
nächst die von den Revolutionären gesungene Marseillaise. Sachte, 
ganz sachte führt er aber dann in den Marschrhythmus, in den 
Walzerrhythmus über und noch ein wenig später das zur Tanz 
melodie abgeschwächte Aufruhrlied in „Die schöne blaue Donau". 
Durch die Macht der Musik werden gleichzeitig die dionysisch blicken 
den Revolutionäre in apollinisch lächelnde Kleinbürger verwandelt. 
Sie legen einer nach dem andern die Karabiner weg und schwingen 
sich zu guter Letzt allesamt selig im Dreivierteltakt. Der Walzer als 
Sieger über die Marseillaise: das Maskenarsenal der politischen 
Reaktion ist schier unerschöpflich, und hat man ihr die eine abge 
rissen, so hält sie zehn neue bereit. 
Lautes Heldentum. 
DaS Amerika der Filme lebt noch mitten im Heroenzeitalter. 
Immer wieder ist der Filmheld ein richtiger Held, irgendein netter 
Boy, der nach unscheinbaren Anfängen große Taten auf der Lein 
wand vollbringt, die dann der ganzen Nation als Beispiel vorleuch 
ten. Den Augiasstall reinigt er freilich nie. Im Gegenteil, er 
avanciert nur zum Recken, damit die Prosperity sich recke und recke. 
So in dem Tonfilm: „Flieger", in dem ein Jüngling dem ameri 
kanischen Fliegerkorps beitritt, das mit seinen Sergeanten und 
Majoren in einem fort fliegt. Die Amerikaner sind ein junges Volk, 
ein naives Volk; da zur Zeit der Pazifismus herrscht, der dem 
Jüngling keine heldischen Gelegenheiten bietet, entfesseln sie einfach 
eine kleine Rebellion in Nicaragua, bei deren Erledigung er Wun 
der an Kühnheit verrichtet. Sie verstehen sich darauf, solche Banden- 
aufstände zu finanzieren, und aus den Kapitalhelden ihrer Filme 
schlagen sie gut verzinsliches Kapital. Am Schluß prangt der neu 
gebackene Nationalfliegerheros als Offizier und Bräutigam — eine 
strahlenoe Widerlegung der oft gehörten Auffassung, nach der sich 
Heldentum und rationelle Wirtschaft nicht miteinander vertragen. 
In Wirklichkeit ist diese auf jenes angewiesen und weiß genau, 
warum sie es züchtet. Die steigende Nachfrage nach Absatzgebieten 
ist dem Wachstum des Heroenkults direkt proportional. Der 
„Flieger"-Film, der im Ufa-Palast am Zoo läuft, ist pompös auf 
gemacht, virtuos geschnitten und reich an glücklichen Bildeinfällen. 
Kurios klingen die deutschen Worte aus amerikanischen Mündern; 
aber das Uebel der fremden Mundform wird durch die Belanglosig 
keit der Gespräche einigermaßen aufgehoben. 
Kurze Kurztonfilme. 
An die Stelle der stummen Kulturfilme kleinen Formats treten 
mehr und mehr die kurzen Kurztonfilme, die das lebende Orchester 
vollends entbehrlich machen und dem Triumphwagen des tönenden 
Hauptschlagers wie arme Verwandte vorgespannt sind. Im 
Marmorhaus werden sie zur Zeit rudelweise gezeigt. Unter ihnen 
sind jene gezeichneten Trickfilme am besten gediehen, die unver 
kennbar vom Kater Felix abstammen. Reizende Potpourris aus 
zerstückelten Figuren, deren Bruchstücke sich zu immer neuen 
Arabesken vereinen. Wenn statt des angelsächsischen Humors sur 
realistischer Ingrimm das Kaleidoskop in Umlauf brächte, wäre 
unsere scheinbar so festgefügte Anschauungswelt bald auseinander 
gesprengt. — In einer Sonderschau wurden dieser Tage Mario- 
netten-Tonfilme der Pinschewer-Filw A.-G. vorgeführt. Pu- 
honnys Marionettentheater ist hübsch, und ein Kurztonfilm kann 
Hübsch sein. Aber ein Kurztonfilm, in dem ein Marionettentheater 
erscheint, — das ist, wie wenn einer ein Tischdeckchen noch ein 
mal mit einem Tischdeckchen bedeckt. S. Krakauer.
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        Es läßt sich nicht behaupten, daß Herr von Wiese mit dieser 
ernsten Erkenntnis Lei der Versammlung Glück hatte. Die Dis 
kussionsredner, unter denen sich Kulturbeiräte und Prominente wie 
Professor Dessoir befanden, trugen beinahe durchweg einen Opti 
mismus vor und zur Schau, der ihrer engen Beziehung zur Rund 
funkorganisation genau entsprach. Abgesehen von zwei beziehungs 
losen kommunistischen Sprechern, die den bestehenden Rundfunk 
als ein Kampfmittel der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichneten 
und den proletarischen Sender forderten. 
Die Diskussion förderte, wie immer in solchen Fällen, höchst 
ungleichwertige Einsichten zutage. Zum Teil feierten in ihr leicht 
durchschaubare Ideologien ihre rauschenden Orgien. Um nur ein 
Beispiel zu nennen, meinte ein besonders rundfunkseliger Redner, 
daß durch das Verdienst des Rundfunks ein neuer organischer Be 
griff der Nation im Wachsen sei. Oder es wurde der Bedeutung 
des Rundfunks für die Stärkung der Volksgemeinschaft gedacht. 
Man kennt diesen Ton, der wie vor dem Krieg so auch heute und 
immerdar durch alle Festreden schwingt, diesen Idealismus, der die 
Berührung mit der Wirklichkeit ängstlich vermeidet. 
Die Gesamthaltung war im großen und ganzen die: daß man, 
Herrn von Wiese entgegen, die bloße Vermittlerrolle des Rundfunks 
bestritt und an seiner Tiefenwirkung festhielt („Tiefe kann auch 
volkstümlich sein", sagte einer der Reder, der Herrn von Wiese in 
diesem Punkte wohl mißverstanden hatte); daß man aus der Praxis 
heraus einen verhältnismäßig engen Kontakt mit dem Publikum 
feststellie; daß man nicht zuletzt sämtliche Möglichkeiten unterstrich, 
k über die der Rundfunk trotz seiner Neutralität verfüge. Wenn aller 
! dings die Pastorale Aeußerung fiel, daß der Rundfunk jede destruk 
tiv wirkende Veranstaltung auszuschalten und zur Duldsamkeit zu 
erziehen habe, so zeigt das schon, mit wie falschen Inhalten die 
R Ne d utrali b tät g if e f füllt d werd i en l kan d n i . A C m h richt b igste i n h wurde sie v i on h jen A em - 
ener egren, erseas e ance ezecnee,gegnersce n- 
schauungen kontradiktorisch einander entgegenzusetzen. — Von den 
praktischen Vorschlägen sei nur der eine erwähnt, der empfiehlt, 
nach englischem Muster Rundfunkzirkel zu schaffen. 
Aussprache üöer den Mundfunk. 
FestsitzunganLäßlichdessünsjährLgenBestehens 
der Reichs-Rundsunk-Gesellschaft. 
Berlin, 15. Mai. 
Die Reich-Rund funk-Gesellschaft, die heute vor 
fünf Jahren gegründet worden ist, verunstaltete Zu Ehren dieses 
Ereignisses eine Festsitzung im Plenarsaal des Reichswirt 
schaftsrates. HoffenÜich werden die Dienst- und Dichterjubiläen 
eines Tages nicht auch noch in so kurzen Abständen gefeiert. Man 
hatte den richtigen Gedanken, die Festsitzung als eine Arbeits 
sitzung abzuhalten, wie deren schon mehrere im internen Kreis statt- 
gefunden haben. An der Versammlung, zu der diesmal die Presse 
zugelassen war, nahmen Vertreter der Kulturbeiräte und die Vor 
stände und Prsgrammleiter sämtlicher Rundfunkgesellschasten teil. 
Redner der Tagung war Professor Leopold von Wiese, 
der sich über das Thema: „Die Auswirkung des Rund 
funks auf die soziologische Struktur unserer 
Zeit" verbreitete. Herr von Wiese ging als Universitätslehrer 
und Soziologe an die schwierige Untersuchung heran. Das heißt, er 
gelangte nicht eigentlich von den empirischen Tatbeständen aus 
zu der besonderen Problematik des Rundfunks, sondern leitete sie 
vorwiegend aus allgemeinen Betrachtungen ab. Ohne daß feine 
Darstellung ungeahnte Aspekts eröffnet hätte. Zeigte sie doch die 
sozialen Phänomene, die mit dem Rundfunk neu gegeben sind, 
keineswegs in dem üblichen rosa Licht. § 
Im Verlauf der Strukturanalyse wurden verschiedene Fra 
gen angeschnitten, die in der späteren Diskussion immer wleder- 
kehrten. So die nach der Zusammensetzung des Publikums. Es 
ist Herrn von Wiese zufolge eine Masse, die aber die Rundfunk 
offenbarungen nicht als Masse entgegennimmt, vielmehr in der 
Hauptsache aus isolierten, einsamen Hörern besteht. Ferner: diese 
Masse ist anonym und kann den Darbietungen des Rundfunks 
nicht wie andre Empfängermassen mit einem deutlichen Echo 
antworten. 
Wichtig auch die Einbeziehung des Neutralitätsproblems, bei^ 
dessen Erörterung Herr von Wiese freilich selber etwas in die 
Neutralität zurückwich. Jedenfalls trat nicht ganz klar hervor, wie 
er sie nun beurteilt wissen will. Bezeichnete er zunächst die dem 
Rundfunk auferlegte Neutralität als einen Kompromiß, so machte 
er bald danach aus der Not eine Tugend und erklärte, daß die 
Sendegesellschaften ihre Neutralität im Sinne des „Volksdienstes" 
aufzufassen und zu verteidigen hätten. Also wäre Neutralität das 
eine Mal ein leidiger Zwang und das andere Mal das Zeichen 
oder Vorzeichen irgendeiner Angreifbaren höheren Einheit. Man 
erfährt nicht genau, was sie nun eigentlich für den Redner ist, 
versteht auch nicht recht, warum er seine These, daß der neutrale 
Rundfunk nicht im Interesse der besitzenden Klassen ausgenutzt 
werden könne, gerade mit dem Hinweis auf die öffentliche Kon 
trolle stützen möchte, der das Rundfunkprogramm untersteht. Wo 
nach richtet sich denn die „öffentliche Kontrolle"? Nach den Macht 
verhältnissen der großen politischen Parteien, nach Kräften mithin, 
die keineswegs den Ausschluß bestimmter Interessen garantieren. 
Schließlich prüfte Herr von Wiese die Art der Wirkung, deren 
der Rundfunk fähig ist. Er kam Zu dem Ergebnis, daß die von den 
Sendegesellschaften verabreichten Darbietungen schon ihrer Mannig 
faltigkeit wegen niemals eine Dauerwirkung erzielen können, die 
in die Tiefe geht. Viel eher ist der Rundfunk ein Instrument des 
sozialen Verkehrs, ein Zubringer zu den in anderer Form über 
lieferten Werken, an die er die Hörer heranführen wag. 
Der Verlauf der Sitzung bewies, daß fünf Jahre heute eine 
lange Zeit sind. Schon hat das Denken das Leben eingeholt, schon 
scheint der Augenblick gekommen zu sein, in dem die Probleme 
auskonstruiert werden müssen, die der Rundfunk aufgibt. Je mehr 
h R e a rr u s m che u r n fe d st Zeit beherrscht werden, desto weniger S steh K e r n ac d a ie uer Be- 
. ..
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        «LVOSL« 
Zu dem Luob von BLr 18 8 L B 6 l k ll 6 r. 
Die unter dem litel: „Oktober" vereinten 
ausgewäblten 8ebrilten von Barissa Beik- 
ner sind in neuer erweiterter Hmilage erselue- 
nen (Xeuer Deutseber Verlag, Berlin. XXVII, 
522 Leiten. Leb. 6.50). Vieie8 i8t noeb von 
krüber ber lest in Erinnerung; 80 die Sebilde- 
rungen ,,^U8 dein Bande Lindenburgs". Nan 
Iie8t Bekanntes 2um Zweiten Nal, bo^t Vergesse- 
N68 beraul und bewundert wieder und wieder 
den revolutionären Man, die Bust an sinnvollen 
Abenteuern und die Dnersebroekenbeit die8er 
Mau, die weder allein mit der Keder kämplte 
noeb au8 bloßer Xeugier rei8te. Xiebt immer be 
wundert rnan ibren 8til; wo er au8 Beber- 
sebwang die Boesie der Ereignisse 2u g68talten 
traebtet, wird die Brosa 2ur sebleebten Boesie. 
^.kgbanistan ist eine all^u üppige ^ropenpraebt. 
Dem Duob wieder 2U begegnen, ist uin 80 wieb- 
tigsr, als die «labre des ruesiseben Bürgerkriegs, 
aus denen seine Lauptteile stammen, in die Oe- 
sebiebte 2urüekgb8unken sind. "Was ibrn in- 
2wisebsn an Aktualität verloren gegangen ist, 
bat es an dokumentarischer Kkalt gewonnen. Bs 
beginnt transparent 2u werden, und Züge der 
Wirklichkeit schimmern dureb den lext bin- 
dureb. 
^n einer Stelle beriebtet die Beikner von 
einer nächtlichen Diskussion über den Leroi8- 
mus, die xwisoben böberen ^rmeelunktionären 
wäbrend des Bürgerkriegs in einer Lobiklskajüte 
stattkand. Bin Nitglied des revolutionären Kriegs 
rates „bestritt dabei jede Lomantik in der Bevo 
lution. er betraebtets die letztere als ein Land 
werk'. Nan spürt sebon aus der "Wiedergabe der 
S^ene beraus, daß die Beißner den eobt revo 
lutionären Standpunkt des Sprechers niebt teilt, 
und überdies sebreibt sie arn Sobluk: „"Wenn 
rnan jet2t niebts erkennt, niebt die Larmber2ig- 
keit, niebt den Bubm, niebt den Zorn empkinder, 
mit denen aueb der graueste, ärmste lag dieses 
in der Desebiebte einzigartigen Kamples gesättigt 
ist — lobnt es sieb dann überbaupt 2U leben und 
2U sterben?" 
In der lat: der Krieg ist in diesem Luch 
voller Bomantik. Die Involution wird Kleiseb; 
aber das Kleiseb bebauptet seine Digenmaebt 
und überwuebert stets von neuem die revolutio 
näre Erkenntnis. 8o sebr sieb die Beißner be- 
mübt, den Bürgerkrieg als einen besonderen 
Krieg ersebeinen 2u lassen, er ist aueb, und ge 
rade in ibrer Darstellung, ein Krieg wie alle 
anderen. Viele Sebüäorungen sind m^tbologisebs 
Dresken und gleieben auks Laar den Dullstins 
der kapitalistiseben Dänder. Die Deinde werden 
aueb dort gesebmäbt, wo sie einkaeb das tun, 
was vaeb soldatisebem Spraebgebraueb DIliebt 
beikt, wäbrend die im eigenen Dager immer nur 
„beilige Laobe" üben. Lntarten die seekranken 
Lngländsr 2u Karikaturen, so wäebst ^.sin, der 
ebenkalls niebt durebweg plausibel ist, 2ur 
Degendengestalt an. „^.sins Sporen baben rabl- 
lose Döeber in den von Wanken belebten Samt 
der Msenbabnwagen gesebnitten; er bat die ge- 
kangenen Deserteure eigenbändig ge^üebtigt.. 
er bat Dutzende von gegangenen Otki^iersn 
niedergebauen und lausende weiker Soldaten in 
Kreibeit gesetzt oder mobilisiert. . . Ds ist Xsin, 
der seine kreeben Dieblingsbursoben datür durob- 
peitsebt, dak sie einem Dauern ein Kerbel ge 
nommen baben, und aueb derselbe ^.sin, der 
sebwarse lange lVäobte dureb mit Nusik, Sebnaps 
und Weibern wie ein lier leiert, aber nur naeb- 
dem er . . . sieb davon überzeugt bat, dak die 
Stadt von allen Seiten gut gesebütöt ist." Mit 
unter ist es, als lass man die l.yrisoben Ergüsse 
irgendeines Kriegsberiebterstatters aus irgend 
einem Krieg an irgendeiner Krönt. Das Ninen»- 
sebikk wird als eine berrliebe Kriegsmasebine 
be^eiebnet, und weleb ein Heros ist Kolosenko, 
^6r Klieger. „Wenn Kolosenko laebt, reibt der 
Wind dieses Däobeln von seinen Kippen, und 
Aoit unten explodiert die binabgeworkene 
Bombe." Oder der L^mnus aul die Klaggen eines 
Natrossnorebesters: „Wie im Lalbsoblak be- 
wegen sieb kaum merklieb die Kalten sie 
träumen von tieker Küble des Limmels, von dem 
trüben nordiseben Krübling, von den ersten 
Uöwen über Kronstadt, von den ersten Sebnee- 
tropken, die im ^.pril ru klieben beginnen." örok- 
artiger bätten die Klaggen aueb in den napoleoni- 
soben Kriegen niebt träumen können. Me Ver- 
suebe der Beibner, derartige Analogien kernru- 
balten, seblagen kebl; ibre Bebauptung r. B., dab 
die Krsebiekung mebrerer Kommunisten etwas 
anderes gewesen sei als „die Kolge jenev ,Exem- 
pel statuierenden alten militäriseben Ktbik", ent- 
bebrt jeder rureiobenden Begründung. Niemand 
wird darum dem russiseben Lürgerkrzeg den 
revolutionären Sinn abspreeben wollem I^ur 
eben: ein Krieg ist ein Krieg, glerobviel, ob die 
in ibm verliebenen Orden grün sind oder rot. 
Die Beikner v^rsobliekt sieb soleben Kakten 
gegenüber, sie möebte die grobe ^eit auk marxi- 
stisebe Kategorien abrieben. ^ber unter der 
Lulle dieser Kategorien treten stark nationale 
2üge bervor, die sieb den Marxismus bestenfalls 
2unut26 maeben. „Lnd doeb bat die Bsvolution 
viele solebe Nenseben bervorgebraebt," sebreibt 
die Beibner einmal, „Nenseben im besten Sinne 
des Wortes, und das ist ein Zeieben dakür, dab 
Lubland gesundet und wäebst." Das bier ollen 
kundgegebens nationale Bewußtsein prägt sieb 
gerade dort deutbeb aus, wo es rugunsbsn des 
Klassenbewußtseins sebeinbar gan2 aukgebobsn 
ist. Uit lolgenden Sätren besebreibt die Beißner 
das Verbaltsn der russiseben «lugend naeb der 
Bevolution: „Ks ist ein wildes unversöbnliebes 
Völkeben von Materialisten. Ks bat aus seinem 
Beben und aus seiner Weltansebauung mit wun-! 
dervollem Nute alle .Oeset^mäßigkeiten' und 
Sebönbeiten, alle Süßigkeiten und m^stiseben 
'Brostsprüebe der bürgerlieben Wissensebalt, der 
bürgerliobon ^estbetik, Kunst und Beligion aus- 
gemerrt. — Nan sage diesen Studenten der ^.r- 
beiterkakultäten das Wort ,8ebönbeit', und sie 
langen an, obrenbetaubend su pleilen..." lind 
sie läbrt dann kort: „^lber indem ibr das bürger-! 
liebe 8entiment auspleikt und verspottet, müßt 
ibr eueb büten, ibr jungen proletariseben Nen- 
seben, in die alte bürgerliebe Kalle ru geraten.. 
Wenn es kür eueb keine bürgerlieb-individuali- 
stisoben Biebesgelübls, Inspirationen und H.uk- 
sobwünge gibt, so bleibt die Lnsterbliebkeit die 
ser in einem Nssre von Klammen, im ^pbus 
und Lungerkieber vorübergerogenen ^abre be- 
steben." Das ist weniger eine sorialistisebe Na- 
nikestation oder praktizierter Narxismus als ein 
Bekenntnis rum ursprünglieben russiseben Da 
sein, ein Aukstand gegen die Lerrsobakt der 
Westler. Bussisobe Brimitivitat lebnt bier die 
Süßigkeiten der bürgerlioben ^.estbetik ab, und 
Solovjekl und Dostojewski bätten die bürgerliob- 
individualistisoben Biebesgeküble Europas niebt 
sebarker 2U geißeln vermoebt. Unter dem Deck 
mantel des Narxismus lebt sieb das Slawentum 
2bitgemäß aus. Leiertet von marxistischen Le- 
grillen kann es nun wider den Individualismus, 
den es gar niebt kennt, einen Kollektivismus aus 
spielen, der seinem angestammten Lemeinsebakts- 
gelüb! mebr entgegenkommt. Nan versiebt den 
russiseben Kommunismus nur bald, wenn man 
seine nationalen Bedingtbeiten gekbssentlieb 
übersiebt. Sie, die sebon das Bueb der Beißner 
durebwirken, sind ja aueb im Dank des leisten 
«labr2ebnts immer spürbarer an die Oberklaebe 
gedrungen, und es ist gewiß kein Zukall, daß 
beuie ein Nanu in Bukland regiert, der den 
Loden des Auslands niemals betrat. 
Daß die Verwirklichung, die eine politisebe 
Ibeorie im einen Band gekunden bat, auk das 
andre niebt obns weiteres ru übertragen ist — 
diese so banale wie brauchbare Erkenntnis wird 
2ur Zeit leider vielkaeb außer aebt gelassen; und 
2war gerade von denen, die ibrer im eigenen 
Interesse inne werden müßten. Sie verdient 
darum einen Kbrenp1at2 in jedem Bbitladen der 
praktischen Kobtik.
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        ck 
S. Kracauer. 
Revuetraum vertreiben. 
„Der große Gabbo" — die deutsche Ausgabe des Films läuft 
jetzt im Ufapalast am Zoo — heißt nach seiner Hauptperson, einem 
Bauchredner, der an seinem Größenwahnsinn zugrundegeht. Gin 
Fall von Schizophrenie, eine Angelegenheit, die exemplarisch sein 
soll und klinisch ist. Das eine Selbst GabLos, das bewußte, ist der 
Hochmutsteufel, der in seinem Eigensinn das geliebte Mädchen 
von sich weist, das andere unbewußte Selbst ersehnt sich die Ge 
liebte wieder zurück. Dieses bessere Ich hat sich in die Holzpuppe 
geretteL, in den kleinen Otto, mit dem der Bauchredner stunden 
lang Zwiegespräche führt, die in Wirklichkeit . Monologe sind. Otto, 
dessen Plappermäulchen durch eine Gummistrippe bewegt wird, 
trauert der Verstoßenen nach, während Gabbo böse erklärt, daß^ 
er allein bleiben wolle. Erst zuletzt weicht seine Besessenheit, und, 
emsgeworden mit Otto, verlangt auch er nach dein Mädchen. 
Aber nun ist es zu spät. 
n- n 
Vielleicht meint der Film die Rebellion des Einzelnen gegen 
den Alltag, vielleicht ist Gabbo nur aus ironischem Protest wider 
-das normale Leben so wüst und verstockt. Man weiß es nicht. 
Und jedenfalls ist die Verwirklichung solcher und ähnlicher Ab 
sichten nicht gelungene Sonst hatte der Film die Verlassenheit 
seines Helden dartun und gegen das Ende hin immer sinnfälliger 
veranschaulichen müssen, daß faktisch nicht Gabbo, sondern der 
Alltag unselig und verschlossen isü Doch nichts dergleichen geschieht. 
Mhho ist biZ5 Züm Schluß eitel, und das äußere Leben, das er 
durchbrechen möchte, verliert niemals die nüchterne Helle. Wie. 
früher schon, so geht auch hier statt der Welt — und nicht einmal 
mit ihr — Stroheim sAber entzwei. 
* 
In zwei Szenenfolgen dieses großartig hergerichteten, wenn 
auch stellenweise viel Zu breit ausgesponnenen Films erzielt der 
Ton einen besonderen filmischen Effekt. Zunächst in den Dialogen 
mit dem hölzernen Otto. Durch die außerordentliche Kunst, mit 
der Stroheim als Gabbo das Gebärdenspiel der Puppe regiert, 
entsteht die Illusion, als ob diese in der Tat spräche. Ein Triumph 
der Einbildungskraft: während im allgemeinen die im Tonfilm 
gesprochenen Worte sich niemals restlos auf die Münder projizieren 
lassen, aus denen sie eigentlich kommen, scheinen sie sich in dem 
einen Fall, in dem sie wirklich eine imaginäre Herkunft haben, 
genau dem Puppeninnern zu entringen, dem sie gar nicht ent 
stammen. Und noch an einem anderen Ort springt der Ton ins 
Bild hinein: im Revuefinale, das von langer Hand vorbereitet ist. 
Gabbo, der erfahren hat, daß die Geliebte ihm nicht mehr an 
gehören will, sitzt einsam in seiner AnkleideMe, indes auf der 
Bühne die SchlußaM anhebt. Fragmente der Revue um 
stellen, - glänzend montiert, den Verzweifelten, der mit unartikulier 
ten Schreien zwischen den Visionen in der Garderobe hin und her 
fuchtelt. Im TranceZustand taumelt er dann auf die Bühne hinaus, 
wo dieselben Revuebruchstücke, die ihn soeben gespenstisch heim 
gesucht hatten, sich leibhaftig zu einer strahlenden Komposition ver 
einen. Wo ist die Grenze Zwischen Wachen und Traum? In 
dieser einen kurzen Szene, allerdings nur in ihr, ist Gabbo der 
Wache, und seine unverständlichen Laute möchten den wüsten 
Altes Berlin. 
Zur Eröffnung der Berliner Sommerschau 1930 
Berlin, 23. Mai. 
Der Eröffnung der vom Messeamt der Stadt Berlin verun 
stalteten Sommerschau: „Altes Berlin" ging am Vortag eine 
Pressevorbesichtigung voran, die ihrerseits wieder durch Be 
grüßungsansprachen eingeleitet wurde. Dr. Stengel, der Direk 
tor des Märkischen Museums, der für die Gesamtschau verantwort 
lich zeichnet, skizzierte die Anordnung und die Inhalte der Aus 
stellung, und so entwarf auch Freiherr von Pechmann, der 
Leiter der staatlichen Porzellanmanufaktur, ein Bild des von ihm 
Gebotenen. Später wurde den Pressevertretern wie üblich der 
gedruckte Text.der bereits vernommenen Reden in die Hand ge 
drückt, .und dann erst kam, einem Gegenstand gleich, der nach dem 
Brauch feiner Geschäfte wiederholt eingewickelt ist, die eigentliche 
Sommerschau selber. 
Ich möchte sie hier nicht ganz auspacken. Sie füllt sämtliche 
Funkturmhallen aus. Und der Sommer ist lang. Um nur ein 
paar wichtige Abteilungen Zu nennen: Es wird die Baugeschichte 
Berlins veranschaulicht, die ein Studium für sich bildet; literarische 
und künstlerische Ereignisse aus alter Zeit rücken den Besuchern 
hart auf den Leib; längst versunkenes Straßen- und Volksleben 
ist von neuem gebannt; Theaterszenen von ehedem werden aus 
der Rumpelkammer der Geschichte aus die Bühne des Tages ge 
schleift; die eingemeindeten Vororte und Jnnenbezirke Berlins 
stellen sich dar und vor. Ueber mehrere -dieser Einzelveranstaltungen 
wird noch gesondert zu berichten sein. 
Ohne ihrer Würdigung Vorzugreifen, muß unverzüglich nach 
dem ersten Rundgang ausgesprochen werden, daß die Aufmachung 
der Sommerschau nicht den Anforderungen entspricht, die an ein 
solches Unternehmen der Stadt Berlin zu stellen wären; auch im 
Sommer, auch unter der Regie des Messeamtes. Wenn die Welt 
stadt Berlin schon einmal ihre Fundamente zu zeigen beabsichtigt, 
so hätte sie die Verpflichtung gehabt, eine Ausstellung aufzubauem 
die solide Fundamente besitzt, nach einem durchdachten Plan an- 
steigt und als Gesamtkomposition der Ausdruck eines Willens ist, 
der wirklich weiß, was er will. Die Ausstellungsleitung hat es nicht 
recht gewußt. Oder sie hat es gewußt und dann doch lauter Kom 
promisse gemacht. Zur einen Hälfte liefert sie eine Volksmefle, zur 
anderen wissenschaftliche Kabinette. Sie belustigt die Unmündigen 
durch Panoptikumsfiguren und kommt den Erwachsenen mit 
exakten Modellen. Bei jenen begnügt sie sich mit puren Schau 
objekten, während sie diesen Spezialkenntnisse abverlangt. In 
ihrem Bedürfnis, alle Geschmäcker zu befriedigen, wird sie stillos, 
und an der Mischung findet niemand Geschmack. Nicht umsonst 
erhebt sich der Rundfunkturm in bedrohlicher Nähe. 
Werden Beispiele gewünscht? Hier sind sie, auf den ersten 
Blick hin zusammengerafft, als wandle man durch die Filmateliers 
von Neubabelsberg, so naturgetreu und lebensgroß sind die Brüder 
straße und die Parochialstraße von anno dazumal vor dem Publikum 
aufgepflanzt worden. Eine echte Ufa-Genrearchiiektur mit einem 
Leinwandhimmel darüber und Hunden mitten auf dem Pflaster. 
Der Hund in der Parochialstraße ist selbstverständlich weniger vor 
nehm als der in der Brüderstraße. Oder es wird das Arbeits 
zimmer Alexander von Humboldts mit einer so dilettantischen Sorg 
losigkeit wiedergegeben, daß sich in der reproduzierten Original 
bibliothek ungestraft die „Rang-Liste der königlich-preußischen 
Armee 1907" aufhalten kann, die Alexander von Humboldt ganz 
bestimmt nicht gelesen hat. Oder es wird die schöne Hallenkonstruk- 
tion durch den Einbau einer verkleinerten Schinkelfassade ver 
unziert. Oder es alpenglüht von innen heraus Berlin als Festung, 
ein Riesenmodell aus durchsichtiger Masse, über dem eine Kuppel 
schwebt, die an einen Pilz erinnert, wenn sie nicht vielleicht doch 
einen Regenschirm darstellen soll. Oder „Das Berliner Wappen 
tier stellt sich vor", wie es im Katalog heißt: der bekannte Bär in 
einer ihm geweihten EhrenroLunde, auf deren Fries lauter Bären 
in Relief ihre Purzelbäume schlagen. Sie tun recht daran, in diesen 
Zerten der Sklareks. 
Die Kritik an der AusstellungsweLhode ist beileibe keine Kritik 
an der Pracht der Ausstellungsgegenstände selber. Sie sind von 
allen Seiten herbeigeströmt und geben sich nur für wenige Wochen 
ein einmaliges unwiederholbares Rendezvous, bei dem niemand 
fehlen dürfte, der sich ernsthaft um die Vergangenheit und die 
Berlins bekümmert. Und scheut er die Anstrengung nicht, 
sich durch das Material durchzuarbeiten, so wird er Zuletzt trotz 
mancher Barrikaden doch auf die Fundamente der Weltstadt stoßen. 
S. Kracauer. 
Der große Gaööo. 
Berlin^ Mitte Mai. 
Sämtliche bei uns bekannten Filme Erich von Stroheims üben 
eine Zwiespältige Wirkung aus. Abgesehen von ihrer scharf ge 
würztem Mache überragen sie den Durchschnitt auch noch dadurch, 
daß. sie unter die Oberfläche greifen und die garstige Wirklichkeit 
Zeigern bxe sonst. von Ideologien zugedeckt ist. Aber zugleich 
scheinen- sie ein Mt der Privatrache zu sein, die rein subjektive 
Antwort, eines vom Schicksal Geschlagenen auf sein Los. Eine 
Bitterkeit die sachlich nicht-Zureichend be ¬ 
gründet ist, und persönliche Pathologie überwuchert die soziale 
Kritik. Mit dem „Hochzeitsmarsch" etwa hatte es eine solche Be 
wandtnis. Sie sind in gutem Sinne anstößig, diese Filme, und 
stoßen im schlechten ab.
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        jeden ein Trost. 
S. Kr a c aue r. 
Kirche ist, wird zum Hort des Vergossenen und Vergessenen und 
strahlt so schön, als sei es das Merheiligste selber. Heimliche 
Tränen finden so ihren Gedächtnisort. Nicht im verborgenen 
Innern — mitten auf der Straße wird das Unbeachtete, Unschein 
bare gesammelt und verwandelt, bis es zu scheinen beginnt, für 
Ein Tonfilm vom Krieg, nach Johannsens: „Vier von der 
Anfanteri e" gedreht. Ich kann mich nicht erinnern, daß der 
Krieg, und zwar der Stellungskrieg in seiner letzten schrecklichsten 
Phase, im Film je so realistisch dargestellt worden wäre. Sollte 
auf der Leinwand nachgeholt werden, was in der Literatur bereits 
geschehen ist? 
Zwar, der Blickpunkt, von dem aus die Ereignisse ausgenommen 
sind, ist nicht durchaus einwandfrei. Oder vielmehr, es ist über 
haupt kein einheitlicher Blickpunkt vorhanden. Manchmal scheint 
es, als solle wirklich die Monotonie dsir Hölle, die stete Nachbar 
schaft des Todes gebannt werden. Dann wieder drängt sich Genre 
haftes dazwischen, das sich vorlaut benimmt. Die Affäre des Stu 
denten mit der Französin hat einen zu parken Akzent, und die 
EHekalamität des Urlaubers, der einen Gchlächtergesellen im 
Schlafzimmer seiner Frau antrifst, hätte nicht bis zum Rande 
ausgeschlachtet werden dürfen. Auch ein paar Figuren sind über 
belichtet; die persönliche Ekstatik, des Leutnants durchbricht das 
Einerlei der Westfront, und Fritz Kampers ist mit einer dicken 
Privatatmosphäre umgeben. Umgekehrt fehlen typische Züge des 
Sampfjahres 1918. Werden auch einmal abgehärmte Frauen ge 
zeigt, die vor dem Fleischerladen anstshen, so bleibt doch insgesamt 
die Front in der Heimat unsichtbar. Ebensowenig tritt die Mate 
rialnot in den Schützengräben deutlich hervor. Das Auftauchen der 
Tanks, die ein Zeichen des Endes waren, wirkt nicht unheilver 
kündend genug. 
Dennoch ist unter der Regie von G. W. Pabst ein Stück 
Kriegswrrklichkeit erstanden, wie es bisher noch niemand zu rekon 
struieren gewagt hat. Ich möchte nicht allen Motiven nachspüren, 
aus denen das Entsetzen neu heraufbeschworen worden ist, sondern 
einfach feststellen, daß es aus lauge Strecken hin echt aänmtet. Ein 
Eindruck, der wohl auch daher rührt, daß die Stacheldrähtland- 
schaft den Bild- und Lebensmum beherrscht, statt wie m.früheren 
Ariegsfilmen nur eine eingestreute Episode zu sein. Ihr ordnet sich 
das ganze menschliche Dasein unter, und aus ihr stammt noch die 
vertrackte Lustigkeit bes Frontkabaretts, dessen Arrangement von 
besonderer Überzeugungskraft ist. Dem Drang zur wahrheits 
getreuen Wiedergabe des Grauens, der hier obwaltet, entwachsen 
zwei Szenen, die schon beinahe die Grenze des Aussagbaren über 
schreiten. Die eine: ein Einzelkampf endet damit, daß ein Infan 
terist vor aller Augen im Sumpf erstickt wird. (Daß man spater 
noch eine Totenhand aus dem brodelnden Schlamm herausragen 
sieht, ist überflüssige Effekthascherei.) Die andere: das FrontlazaretL 
in der Kirche mit Verstümmelten, Schwestern und Aerzten, die vor 
Erschöpfung kaum noch ihr Handwerk weiter betreiben Annen. Es' 
M, als seien mittelalterliche Marterbilder lebendig geworden. 
Das Elend wird durch die Vertonung, für die Guido Bagrer 
und Joseph Ma solle verantwortlich zeichnen, in eine so grau 
same Nähe Zerückt, daß der Abstand, den sonst künstlerische Werke 
zwischen dem Publikum und dem ungeformten Geschehen fetzen, 
stellenweise aufgehoben ist. So schlecht meistens die menschliche Rede 
herauskommt, die Reproduktion des Geschützspektakels ist gelungen. 
Geglückt sind auch mehrere Versuche der Tonmontage: etwa die 
mit Hilfe lautlicher Entwicklung bewerkstelligten Usbergänge zwi 
schen zwei Bildeinheiten. Bor allem aber wird der Ton mit Er 
folg als Mittel der Versmnlichung ausgenutzt. Wenn man einen 
Verwundeten, der nicht gerettet werden kann, stöhnen hört, ohne 
ihn je zu sehen, so geht das unter die Haut, und der Betrachter 
bleibt nicht länger mehr Betrachter. Und nicht minder sprengen' 
die Seufzer und Schreie aus dem Lazarett den Brldrahmen und 
dringen unmittelbar in die Wirklichkeit. 
Zweifellos geht der Film in ästhetischer Hinsicht ein bedenk 
liches Risiko ein. Er zerstört an den genannten Orten'die Schran 
ken, die dem Abbild gezogen sind und erzeugt wie irgendeine 
Panoptikumsfigur den widernatürlichen Schein der außerkünstleri- 
schen Natur. Die Frage ist, ob er zu Recht inS Dreidimensionale 
überspringt. Ich neige dazu, sie in diesem einen Falle zu bejahen, 
in dem es gilt, die Erinnerung an den Krieg um jeden Preis fest 
zuhalten. Schon ist eine Generation ins Alter der Reife gerückt, die 
jene Jähre nicht mehr auS eigener Erfahrung kennt. Sie muß 
scheu, immer wieder scheu, was sie nicht selber gesehen hat. Daß 
ihr das Angeschaute zur Abschreckung d-ient, ist unwahrscheinlich, 
aber wissen soll sie, wie es gewesen ist! Es kommt hier aufs Wissen 
au, nicht auf den mit ihm verbundenen Zweck. 
Während der Vorstellung —- der Film lauft im Capitol — ver 
ließen viele Zuschauer fluchtartig das Lokal. „Das ist ja nicht zum 
Aushaltens ertönte es hinter mir; und: darf man uns js 
Ansichtspostkarte. 
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Lei Nacht. 
Berlin, im Mai. 
Die KaLser-Wlhelm-GedächLniskirche am Abend: wer sie, vom 
Bahnhof Zoo herkommend, erblickt — und der Großstädter erblickt 
sie überhaupt nur abends, da sie ihm tagsüber nichts weiter als 
ein riesenhaftes Verkehrshindernis ist —, dem wird ein merk-! 
würdiges, ein beinahe überirdisches Schauspiel zuteil. Von der 
religiösen Baumasse strahlt ein sanftes Leuchten aus, das so be 
ruhigend wie unerklärlich ist, eine Helle, die mit dem profanen 
rötlichen Schimmer der Bogenlampen nichts gemein hat, sondern 
sich fremd von der Umwelt abhebt und ihren Ursprung in den 
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniswänden selber zu haben scheint. 
Dringt der fahle Glanz aus dem Kircheninnern hervor? Aber 
dieser Kuppelbau, der Schwert und Altar miteinander verkuppelt, 
hat ersichtlich nur den einen Ehrgeiz: nach außen hin zu repräsen 
tieren. Das trägt eine romanische Uniform und ist inwendig gar 
nicht zu benutzen. Das könnte mit Steinen ausgefüllt sein. Das 
beschwört die Erinnerung an Bezirkskommandos, Hofprediger und 
Kaiserparaden herauf. 
Der geheimnisvolle Glanz ist in Wirklichkeit ein Reflex. Reflex 
der Lichtfaffaden, die vom Ufapalast an bis über das Capitol hinaus 
die Nacht Zum Tage machen, um aus dem Arbeitstag ihrer Be 
sucher das Grauen der Nacht zu verscheuchen. Die haushohen 
gläsernen Lichtsäulen, die bunten überhellen Flächen der Kino 
plakate und hinter den Spiegelscheiben der Wirrwarr gleißender 
Röhren unternehmen gemeinsam einen Angriff gegen die Müdig 
keit, die zusammenbrechen will, gegen die Leere, die sich um jeden 
Preis entrinnen möchte. Sie brüllen, sie trommeln, sie hämmern 
mit der Brutalität von Irrsinnigen auf die Menge los. Ein hem 
mungsloses Funkeln, das keineswegs nur der Reklame dient, son 
dern darüber hinaus sich Selbstzweck ist. Aber es schwingt und kreist 
nicht selig wie die Lichtreklame in Paris, die ihr Genüge darin 
findet, aus Rot, Gelb und Lila ihre verschlungenen Muster zu 
bilden. Es ist viel eher ein flammender Protest gegen die Dunkel 
heit unseres Daseins, ein Protest der Sebensgier, der wie von 
selber in das verzweifelte Bekenntnis zum Vergnügungsbetrieb 
einmündet. 
Der milde Glanz, der die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche um 
fließt, ist der unbeabsichtigte Widerschein dieser finsteren Glut. Was 
vom Lichtspektakel abfällt und vom Betrieb ausgestoßen wird —! 
vde Mauern bewahren es auf. Pas Aeußere der Kirche, die keine j 
etwas bieten!" Möchten sie auch im schlimmen Ernstfälle erklären,! 
daß es nicht zum Aushalten sei und daß, sie sich so etwas nicht! 
länger bieten lassen. Doch wie sie den Anblick des Krieges scheuen,! 
so fliehen sie in der Regel auch die- Erkenntnis, deren Verwirk-j 
lichMg ihn verhindern könnte. S. KrücmreL» .
        <pb n="24" />
        Wie in anderen Tonfilmen, so treten auch hier deutsche 
Sprecher für die ausländischen Darsteller ein. Aber das ist ein 
Unfug, mag er auch durch eine deutsche Erfindung, das sogenannte 
rhythmographische Tonfilm-Aufnähmeverfahren herbeigeführt sein. 
Es ist nachgerade an der Zeit, gegen diese U«rbersetzungs-! 
Methode laut und öffentlich zu protestieren, sonst wird i 
durch den Sprechfilm noch der letzte schwache Rest des Sprach-^ 
gefühls getilgt, den wir zu verlieren haben. Unerträglich, daß die 
auf den Pariser Argot zugeschnittene Figur der Heßling deutsche 
Mutterlaute tönen muß, daß Murfkis Muschik-Visage biderb- 
einheimisch redet. Man glaubt die babylonische Sprachverwirrung 
Wo der Untergrund eingetrocknet ist, kann das Kunst 
, gewerbe gedeihen. Seine Art ist: Stilblüten hervorzutreiben, 
! die sich vom Stil dadurch unterscheiden, daß sie ohne Stiel sind und 
erst recht keine Wurzeln haben. Wäre noch dieser Film einheitlich 
stilisiert! Aber seine Hersteller sind so jedem Zwang enthoben, den 
die erfahrene Wirklichkeit auferlegt, daß sie gleich mehrere Stil- 
könsteleien miteinander vermischen. Aus gewissen französischen 
Avantgarde-Filmen, so einer seiner Zeit im Studio des Ursulines 
gezeigten Schlagerfantasie Cavalcantis, scheinen sie die Be 
wegungsgesetze geschöpft zu haben, nach denen sich Catherine 
Heßling drehen und wenden muß. Ihre Mimik paßte zu einem 
Pariser Chanson, verträgt sich jedoch durchaus nicht mit dem 
Gebärdenspiel Jean Renoirs, der, vermutlich nach dem Willen 
der Regie, einem Wedding-Cavalier aufs Haar gleicht. Dazwischen 
mengen sich naturalistische Landschafts- und Budeneffekte. Ist 
wenigstens die Haupt- und Staatsakten des eigentlichen 
Silhouettenfilms in sich geschlossen? Ach, auch sie, die einige 
hübsche, routiniert aufgemachte Bildeinfälle enthält, durchbricht 
wiederholt die Grenzen der Scherenschneiderei und strömt über 
gesprenkelte Flächen ins Jenseits der strengen Schwarzweißkunst. 
Um ganz davon zu schweigen, daß Lotte Reiniger Sei ihrer Jagd 
nach dem Glück nicht die geringste Idee im Köcher gehabt hat. 
Alles in allem ist so der Film ein kunstgewerblicher Querschnitt 
durchs Modische wie der „Querschnitt", eine Sache für anspruchs 
losere Snobs, der noch dazu Titel von gewollter Primitivität die 
nötige Süßlichkeit verleihen. 
„Ermattet gibt er auf das Spiel, 
Denn was zuviel ist, ist zuviel", 
hecht es einmal. Was richtig ist, ist richtig. 
^7/. /U-rL 
Die Handlung könnte schön sein. Zwei junge Leute, Liebende 
natürlich, ziehen mit dem Vater des Mädchens im Schaubuden- 
wagen durch Südfrankreich. Da das Geschäft schlecht geht, be 
schließen sie gegen den väterlichen Willen ein Theater mit beweg 
lichen Scherenschnitten zu eröffnen. Nach Lausend Schwierigkeiten 
gelingt ihnen endlich ihr Vorhaben, und sie führen im ausver 
kauften Leinwandzelt ihr Schwarzweißstückchen: „Die Jagd nach 
dem Glück" auf. Nun lächelt Fortuna auch ihnen. 
Daß die Fabel dürftig ist, wäre 'nicht schlimm, wenn ein starker 
Atem ihre kleinsten Elemente bewegte. Der echte Film zieht ja 
seine Kraft nie aus der in Worten ausdrückbaren großen Gesamt- 
handlung, sondern stets nur aus der Spannung, mit der seine 
winzigen Bildeinheiten geladen sind. Aber in dieser „Jagd nach 
dem Glück" sind die einzelnen Szenen nichts weiter als Füllsel, 
die leere Flächen ausfüllen, statt die Komposition wirklich zu er 
füllen. Sie sollten das Leben des Ganzen keimhaft enthalten, und 
sind bloße Dekorationen. Was nutzt die reizende Matrosenszene mit 
den GuckkasteaSildern oder die ausgezeichnete Rummelplatzmontage? 
Sie gehen nicht als Bestandteile ins Ganze ein, schimmern viel 
mehr wie Reklamemalereien auf großstädtischen Bauzäunen. Einmal 
sucht Jeanne im Jahrmarktstrubel verzweifelt ihren Freund 
Mario — eine Bildfolge, die offenbar dem unvergeßlichen Film: 
„Zwei junge Herzen" entlehnt ist. Während sie aber dort einen Ge 
halt verkörpert, der nicht zu missen wäre, ist sie hier eine mehr 
oder minder überflüssige Dreingabe. Es fehlt der fruchtbare Grund, 
aus dem die Details sprießen müßten, und beziehungslos reiht 
sich Mache an Mache. 
I)ie Jagd nach dem Htück. 
Berlin, Ende Mai. 
Die Uraufführung des Films: „Die Jagd nach dem 
Glück" im Marmorhaus, war mit allen Mitteln der Propa 
ganda in Szene gesetzt. Glänzender Aufmarsch der Namen: Lotte 
Reiniger hat sich, nebst Carl Koch und Rochus Gliese, um 
Manuskript und Regie bemüht. Hauptdarsteller sind die Fran 
zosen Jean Renoir und Catherine Heßling, der Russe 
Alexander Murski und die Amerikanerin Amy Wells. Eine 
internationale Assemblee und als Thema das Neueste vom Neuen: 
eine Verbindung von To n - und Silhouettenfilm. 
Was ist bei dieser schon lang mit Trompeten angekündigten 
Jagd nach dem Filmglück erjagt worden? Kunstgewerbe. Nicht 
einmal gutes. 
zu beheben und stifte: eine heillose Verwirrung zwischen der Geste 
und dem dazugehörigen Wort. Und das in Aera der „Körper 
kultur", in der alle Jünglinge und Mädchen so ausdrucksvoll 
hopsen. Hier hilft nur zweierlei: entweder man läßt nach dem 
Rezept: „Deutsche, trinkt deutschen Wein" deutsche Darsteller 
deutsch sprechen, oder man nimmt mit den ausländischen Schau 
spielern auch ihr angestammtes Idiom in Kauf. In diesem zweiten 
Falle kann ja wie Lei den ersten importierten Tonfilmen der 
deutsche Text an wichtigen Stellen unauffällig beigefügt sein. 
S. Kracauer.
        <pb n="25" />
        8. Kraoauer. 
Kolorit verleiden. 
aueb niebt an 8eRrikten rur Barteipolitik; sie 
sind im Interesse des Ferkelten Verkebrs ersiebt- 
beb mebr auk reeRtgläubige Leser abgestimmt 
als auk linke Häretiker. Immerbin ist das Vor- 
banäensein soleben lnkormationsmaterials erkreu- 
beb, xeugt es äoeb von einer leisen Bolitisierung 
äer Nassen. 
In äem RoeRwalä äes ernsteren 8ebrikttums 
wueRert kräktig äas Bnterbob äer krotik unä äer 
Kolportage. Immer noeb klärt Vanäerveläe äie 
Mwissenäen auk, äie es von ibm nie lernen 
werden, immer noeb wird das Brovisorium der 
KameraäseRaktseRe ertragt. Der Missensäurst 
der Leser stebt in einem rübrenden NikverRält- 
nis xu ibrer DnkäRigkeit, das Oelesene praktiseb 
Lu verwerten. Zu der erotiseben bleugier tritt die 
okkulte, die naeb den sabbeieben RekteRen über 
Ranälesekunst, Astrologie und OrapRologie ver 
langt. 8ie blüben mitten unter den teebniseben 
kinriebtungen und lassen sieb dureb keine Batio- 
nalisierun^ verdrängen — eine Batsaebe, die 
niebt so sebr das metapb^sisebe Bedürknis als cbe 
sociale blot anxei'At. Zum (Mek Fedeäben aueb 
äie Detektivromanserien munter kort: N^allaee 
und Konsorten in bunten Dmsebla^seiten, äie 
leiäer käst immer aukreFenäer sinä als äer In- 
balt. Bs wäre an der Zeit, dab die Brüder 8aü 
einen Detektivroman sebrieben. 
Dmrabmt wird die gebundene und ^ebektete 
Blora von der sebnsllebiKen Diteratur der Illu 
strierten und der Na^a^ine, die 2u Beginn der 
Beise verseblunMn werden und vor ibrem ^b- 
sebluk längst vergessen sind. Da sie nur so Kur? 
besteben, müssen sie am lautesten sebreien, und 
in der Bat sind sie es, die den Kiosken das Bokab 
L»4irL8 UMI&amp;gt; 
„BsberaU ist an die Stelle äss alten, okt troeke- 
nen keiLekübrerstilL ein anregender, eleganter Ver 
trag getreten", 30 verkündet der Brespekt der seeden 
ersebienenen 19. Anklage von driebens keiM- 
kübrer: „Baris nnd Brngebung", äer inner 
kalb seines Oebieks die Brage ksantwerten meelite: 
Mas ist kür den modernen Beisenden wesentliek?" 
(Land 21. Orieben-Verlag Albert Oeldsebmidt, Ber 
lin). Nin Olüek, daÜ bei der Benovierung die 
Breekenbeit deeb niebt gans: der Lleganx 2nin Opker 
gekallen ist nnd sieb sablreiebe präcise Angaben 
bnden, die kür den modernen Nensoben genau so 
wesentlieb sind wie kür den vergangenen. Der Lbr- 
geix, sie in elegante Betraebtungsn einsebmeben /m 
wollen, wäre aueb durebaus verkebrt; denn ein 
Bübrer dient dem Beisenden mit liebtigen Bat- 
saeben mebr als mit nnkontrolberbaren Neinungen 
und Ltandpunkten, die man sieb selber an Ort und 
8teile bilden kann oder aus den bterariseben (imBen 
seböpken mag. 
Lingeleitet wird der neue Orieben dureb einen 
guten und nütdieben lieb erblick Dr. Karl Hermann 
Bssners über das Ltadtbild und die 
kntwieklung. (Zur Vervollständigung der Kennt 
nisse sei das ausgEiebnete Bueb des verstorbenen 
Brit? 8tabl über Baris empkoblen.) Die Darstellung 
des gewaltigen Naterials ist c.uk knappe Borm ge 
braebt, kaülieb geordnet und' gaN2 darm angetan, 
unkundigen kovi^en den Dintritt ins Bariser Beben 
erleiebtern. Im einzelnen wäre bis und da eine 
Korrektur erkorderlieb. 80 mutet die rigorose Best- 
Oellnng merkwürdig an, daü man in Restaurants 
ä prix kixe obne Kntsebuldigung an einem Biscb 
Da Reute äie meisten NenseRen, vor allem in 
Berlin, immer auk äer Beise sind, unterseReiäet 
sieR iRre Reiselektüre kaum von äer gewöRu- 
RoReu Lektüre. da, viele Melier sinä seRou von 
vornRerem auk das Reisepublikum xugeseRmtteu; 
so äie Loukektiousware Bmil Luäwigs, äie natür- 
lieli in allen BaRuRöken unä Zeitungskiosken xu 
Raben ist. ^ueR treiben sieti äort sämtlieM Novi 
täten äer normalen LueRRanälungen um: bleu 
manns RübseRe MoRstaplernovelle, DöRRns 
^lexanäerplatx, äer jüngste Langweiler von 
OalswortR^, Merkels Barbara, äie so kromm wie 
äiekleibig ist, Nanns spinäeläünne Zauberernoveile 
uswe blur äureb äie LatsaeRe, äa6 diese neu- 
RürgerlieRen Merke bleuerseReinungen sind, 
Rängen sie mit den krkoräernissen des modernen 
ReiseverkeRrs Zusammen. l^aeR kurzer Zeit, und 
viele der einstigen Virtualitäten bexieben kür 
immer äie gute 8tube, in deren BibliotReks- 
seRrank sie von reeRtswegen geRoren. 
Nutzer der böberen Belletristik, die gewisser- 
maben ins geistige MoeRenenäe küiiren soll, 
sebeinen aueb wirtseRaMeRe und politiseRe 
ZeRrikten eikrig konsumiert Lu werden. Deberall 
siebt uns Ltresemann an, sprieRt Olemeneeau, 
liegen die Büeber Keilers und kireRers auk. Mir 
sind 8taatsbürger geworden, man merkt es vor 
jedem Kiosk. Besonders Rektig rumort die Mirt- 
sebaktskrise in den Brosobüren. „^.bbau und 
Umbau", „bleue Ziele und Mege ^ur NeeRani- 
sierung", „MirtseRaktsgeneralstaR oder Zusam- 
menbrueb", so lauten die Lite! einiger sebmaler 
Bänäeben. 8ie Klingen unReilverkünäenä, da aber 
ibr Lext in äer Regel nur pessimistiseR ankängt, 
um optimistiseR Lu enäen, wirä er äie kerien- 
lust niebt alRuseRr ReeinträeRtigen. ks keblt 
Blat2 nebmen könne, an dem ein 8tubl kroi ist. ^uob 
bei kesten Breisen sebaden Beweise der Bökliebkeit 
nie; am wenigsten ausländigeben Reisenden. Dort, 
wo der Bübrer seine Oetreuen naeb dem Lesueb 
der Vergnügungsstätken auk den grollen Boulevards 
2um Souper sebiekt, bütte der Hinweis auk das Oake 
^Veber niebt keblen dürken, eines der paar Lokale, 
in denen nran überbaupt xu so später Stunde no b 
2U soupieren pklegt. In der Regel speist man ja 
bekanntlieb vor dem Bbeater xu ^bend. Dnter den 
im Ouartier Latin erwäbnten Oakös — der Kaktee 
ist trot2 der Versieberung des Bübrers keineswegs 
käst überall sebr gut — vermiet man das Oake des 
deux Nagel s, das von Deut geben und Amerikanern 
gern krepuentäert wird. Daü die BaR Nrssttes dem 
Bremden weniger Interessantes böten, ist eine böebst 
gewagte Vebauptung. die der ausdrüeklieb betonten 
^bsiobt, stets das Nesentliebe auk^uxeigen. stracks 
Luwiderläukt. Leider sind' die Bälle in der Zitierten. 
Rue de Lappe wäbrend der leisten dabre von der 
Bremdenindustrie so überscbwsmmt worden, dab 
man sieb, entgegen dem Rat des Bübrers, getrost 
aueb obne die (lesellsebakt eines eebtbürtigen Ba- 
risers dortbin begeben kann. Der ^Vert des beige 
betteten 8tadtplane8 wird dadureb singeseliränkt, 
daü er sieb niebt bis nur Lanlieue mstreekt, Ner 
2wei Noeben oder länger in Baris bleibt, wird also 
gut daran tun, sieb den wundervollen Blau Lands 
LWulegen, der in jedem grelleren Z-eitungää -ZK er- 
bältlieb ist. 
Das sind ein paar Kebonbmtslebler. Ibrer nnge- 
aebtet ist der Bübrer ein brauebbarer Begleiter. 
. Br
        <pb n="26" />
        Französische 
S. Kraeauer. 
beblümte Geschichte. 
Beetitt, Anfang Juni, 
Afrika mit Zwischenfragen. 
Auch die schönsten LanWastsbilder, unuuterSrschm anein 
andergereiht, ergeben stets nur einen Kulturfilm. Es gibt sehr 
schöne Kulturfilme, aber ein bißchen langweilig sind sie alle. Und 
dann sind ihre Bildtitel meist viel Zu poetisch, ich weiß nicht, woran 
es liegt, daß man sie immer mit lauter wohlklingenden Metaphern 
versüßt wie mit Sacharin. Die Ufa hat es jetzt einmal anders ge 
macht. Sie hat einen Ton- und Sprechexpeditionsfilm „Am 
Rande derSahara" hergestellt, in dem das, was am Kultur 
film die Kultur ist, durch eine Rahmenhandlung gewissermaßen 
eingeklammert wird. Ein trefflicher Gedanke: die Vertreibung der 
Langeweile mit Hilfe der Fabel. Nur leider ist hier die Fabel so 
hilflos geraten, daß sie auf die Dauer langweiliger wirkt als die 
KMurb'ilder, die ausgezeichnet sind. Zu einem Afrikaforscher, der 
eine Abneigung gegen neugierige Journalisten hat, kommen einige 
schlecht maskierte Angehörige dieses Berufs, die mit ihren. Fragen 
den Forscher ausforschen. Vor allem ein Mädchen fragt in einem 
fort, und so dumm. Es wäre doch auch möglich, gescheiter zu fragen 
und dennoch populär zu bleiben. Aber da die Produzenten sich ge 
wöhnlich auf dem gleichen Niveau mit dem Publikum befinden, zu 
dessen Aufklärung sie sich verpflichtet fühlen, können sie es nicht 
zu sich hinaufziehen und lassen sich gern zu tief herab. Ein Glück 
nur, daß die Afrika-Aufnahmen selber gut ausgefallen sind. Höhlen- 
städte, Vipernfresser, Hochzeitsfeiern ziehen vorüber, und mitunter 
ist auch das akustische Lokalkolorit beigemengt. Kenner des Arabi 
schen werden entzückt sein... Der Film ist ein interessantes Experi 
ment, zu dessen Fortsetzung ermuntert werden muß. Statt zusam 
menhanglose Expeditionsfragmente mit einer Zu kompakten Rahmen 
geschichte zu umfangen, sollte man aber das nächste Mal lieber die 
Geschichte einer Expedition in ihrem Zusammenhang veranschau 
lichen. 
Vor xund einem llallr taZte in Wnobeü der 
Zweite internationale batboIisebs ? 11 m- 
bon § re L und der erste internationale b a.tb o - 
1Lsebe Uundkunb Kon § reü.. Der jet^t er- 
sebienene Aesamtberiebt über beide Veranstaltungen 
(„V i I m und Ru n cl k u n Uerausgegeben von 
Dr. OeorZ Lrnst und Lernbard, Uarsebatl 
eben, Internt. batbol. bÜlimLüro. 432 Leiten) ist 
ein dieber Vand von dobumentarisebsm V^ert, Lr 
belegt vor allem, Mas man kreilieb obuebin sebon 
v^eill, dall die batbolisebs? ^Velt dem bblm LOAmbl 
^ie. dein Uundkunb eine niebt deiebt. su unter- 
sebätLende Bedeutung beimillt. ^Vas jenen betrikkt, 
so prüft der Longrell seine tMsebsn Inbalts und 
die ^rt seiner - VaMbrung. MreM^ 
nie die von Dr. D- Ausser, der Drexors „dobanna 
von Orloans" gegen das religiöse-Uo^ 
der Lönig-s" aussxielt und sieb Lu ^e^ders Mm: 
„Pberese Uaguin" bebennt. weniger Hräeulieb die 
'Littbebbeitssvbnükkelei, die Dieb mitunter breit maebt. 
Immer nieder der, erbitterte' Lampk gegen 
darsteUunAem aueb dort, ^o sie ^irblieb barmlos 
Pud, d und ' ein misogMes NiLtrausngegen den 
okkentliebeu instand, das sieb Lu der muelLeriseben 
Forderung verdiebtet : ,M bestellt - ein moraljselleL . 
und KpÄaW s Interesse erster .Ordnllug, daA die 
VILM UM» MUMNVUMLL. 
Wis, äsiq Ktslr „Vor ll'üvkilw. 8ru»ä- 
IsAvV äsx PEis ssiüsr ^«küskiüs iwck VisZsiPLks", 
ist eins 2Usammenkasseuäs vArstsUunZ ersodjtzusn, 
äis ckas Osdist ckss ^oukilms Lum srsteümal s^sto- 
matied Ldsedrsitst (derauLKeFsben von Dr. L. Uol- 
tsudsrA, rsäMort von R. Ilmdobr. VsAaZ äsr 
„DLehtbLIckdübns'^ Lsrliü. 495 TMou. tzsd. 8.80). 
^io.6 §uts, Ishträibbs' Arbeit, äis sieh mit HiniZsm 
Pi-MZ ckarum dsmüht, auob äsm Daieu uutsr äsn 
lutorssZeutsn äsn Müssu . kryssü äor kroäuLtiou 
unä UsnroäuLtion von PpMIMou KLIieh ru maeLeu. 
Ran Mirck üdyr äis kür2S, Ldsr iLNA^isQAs VorZo- 
sebieiits äsr Musn Drkmäuu§ uutsrriedtHt; mM er 
hält Mudljets In ckie v^rsehisäensu VerkabriMAS- 
Mau nimmt an äsn vGrtMÜen VaxKWon 
' im loukitmatylier ttzfl, als ckeren, Lnäerssdnis Vit- 
äer eutstedeu, äie dem Original im ^örtiieimn Zinne 
sprsedenck ähnlieü sind. Die deiZeAedene krebs 
aiues lenkilm-Örebbuobs unä Lablreiebe ^bbiläunAvn 
erlsiebtern das Verständnis der Msoris. ^VeUts 
man eins allZsmeinsrs dlut^an^endunA Las .dem 
Lueb Lieben, stz ^äre es die: dall Po- teeWisebe 
Uebeustrubtiou der LrLebeiuunM^elt desto seb^ie- 
riZer n^ird, je Keüausr sie diese MderMWieAeln 
suebt. Die bünstliebs VerdoxxeiunA Fes -unendUeb 
einkaeben VMMs ist unendÜM bompliLiert. 
Ueber tzarry Piels neuestes Fabrikat: „Achtung! — 
Auto--Diebe!" ist nur zu sagen, daß es sich viel zu sehr 
dehnt, um spannen zu können. Es tut mir leid um Piel, ich be 
wahre noch Pietät für ihn aus jenen Zeiten, in denen er richtige 
Sensationssilm herstellte, blendende Kolportage, die wie sein 
Tigerstück: „Panik" nichts sein wollte als Kolportage. Nun geht 
es mit ihm bergab, weil er bergauf gehen möchte. Die Glanzrolle 
des Gentleman-Ritters in der Frackpelerine genügt ihm nicht mehr, 
es muß ein netter Privatjüngling sein, so ein Liebling des Volks! 
und der Illustrierten, der arm ist und darum nur von innen 
glänzt. Die Strafe für die erstrebte Tiefenwirkung folgt auf dem 
Fuß. Das unbeschnittene Gemüt beeinträchtigt den Bildschnitt, und 
durch die Zugabe an Innerlichkeit verlangsamt sich das Tempo. 
Das kommt davon, wenn man Autos, in denen nicht viel Platz 
ist, mit gewichtigen Sentiments vollstopft. Dem Publikum freilich 
gewährt der Anblick gutgebauter Autos ein solches Glücksgefühl, 
daß es ihre unzulässige Belastung gern mit in Kauf nimmt. Nach 
der Uraufführung stand der Heldenwagen, der im Film leidet und 
triumphiert, in Originalgröße vor dem Atrium, von einer dichten 
Menschenmenge belagert, die unter allen Umständen Harry Piels 
Abfahrt genießen wollte. Führe er nur wieder in die alten 
Knabenabenteuer hinein, die forscher und Heller waren als diese 
Mbm altm Seit vor drei «d« 
-»— L «LL' 
"Ensang besonders, die unverbindliche Arabeske vor so 
Mch- - -« 
^aglg. rn ein montagemäßig wundervoll gesteigertes Prestiffimo 
uL«, bis zuletzt die ganze Gesellschaft wie besessen 
Agen nachrennt. Reizend der Endschnörkel: dem ins Gms ae- 
um A^ °in eleganter Herr, der sich sofort 
VMuMS? mit aufwirft. Schade daß die 
^rrtuosttat, mrt der hrer über dre Kunstmittel verMat wird ni^f 
eme größere SLoffmasse seriöser durchdringt. " 
DiebtsMelGeater beleuMet Werden. Die Vsleueb- 
tung . . die Lodit genügt, dah das Verbalten 
der Zusellauer beobaebtet Werden baun, ist teebniseb 
Lu verWjMiMeü," I^UuMüM erkennt der Uön, 
grell elnmWg ein iMtrumhnt der Verbreitung katbo. 
liZeksn Naubens, katbolisebßr tVeltauffassung. („Lr 
bann eins kosaune. dsa Evangeliums sein, dessen 
Hänge ungestört die Mauern durebdringsn biß 2ur 
Intimität der Familie.-) Manebe klugen Linsieb- 
teu, die in Aekerateu und AusZPraobsn formuliert. 
Werdens verdienten die ^ufmerbsambeit der leitend^ 
Uündkuubbrsise: so der, Protest gegen die „Siebte- 
risobe Reportage^ und' die Uritib am IleberWiegen 
musibaliseller Oarbistungsn.. Dsstzudsrs Wiebtig sind 
die ^.usküllrungen über die „Rundfunb-kredigt" von 
iUere Pbande, 8. R (Parie), der sinigs Vrieks von 
Hörern mitteill, die duxeb seine Predigten am Pa 
riser Leudsr bel-ebrt Worden sind. Vlle kolgeriobtig 
im batllolisebsn Linus man den Pundkunb ausLubauen 
gedenbt, veransellauliebt der beiuesWegL utopisebe 
LubÜuktstraum von ^bbse Delvoid; „Uögs bald 
in diesem päpstliebsu Ltaat. . . naeb den Zu 
gaben des gröllten Lrkiuders und Loystrubteurs des 
Uuudkunbs, Mareoni, dessen Mms Wie. Prompeten- 
sekall erblingt, die Uasiliba des UundkunbL srriebtet 
Werden! l Daß beillt der ZraEosssts MÄ dex voll- 
bommenLte PuLMunbseudär der V^lt 
-' i VPL. Uraoauer. .
        <pb n="27" />
        Meise im Schaufenster. 
Berlin, im Juni. 
Der Asphalt glüht, und die Reisezeit rückt bedrohlich näher. 
Bedrohlich: denn in Berlin werden auch angenehme Ereignisse 
mit einer Betriebsamkeit angekündigt und eingeleitet, die ihnen den 
Schein von Zwangsmaßnahmen verleiht. Man reist hier nicht; 
man muß reisen. Ich bin nur auf Weihnachten gespannt; welcher 
moralische Druck dann auf die Bevölkerung wird ausgeübt werden, 
damit sie das Fest richtig feiert. 
Von allen Seiten hagelt es jetzt bereits Ermunterungen zur 
Urlaubsfahrt, die ebensovielen Ermahnungen gleichen. Nur selten 
freilich werden die Gewissen auf eine so uneigennützige Weise wach 
gerüttelt wie durch die große Glastafel, die im Anhalter Bahn 
hof steht. Die wunderbare Einrichtung dieser Tafel, auf der das 
europäische Eisenbahnnetz abgebildet ist, gereichte dem kaufmänni 
schen Organisationsbüro jedes Großbetriebs zur Zierde. In un 
unterbrochener Reihenfolge blitzen die verschiedenen Bahnstrecken 
auf, die von Berlin aus in die Weite führen, und während sich 
die dünnen Leuchtlinien einsam durch die gläserne Nacht schlängeln, 
erstrahlt zur Linken oder zur Rechten wie eine Glücksverheißung 
der Name der Hauptstadt, der sie jeweils entgegenglühen. Barce 
lona, Nizza, Konstantinöpel. Nach Paris sind es nur sechzehn 
Stunden von hier. 
Aber läge auch das Paradies dicht vor Berlin, der Mensch darf 
es nur in ausgerüstetem Zustand betreten. Wie hat er für die 
Ferienwochen beschaffen zu sein? Die Schaufenster, deren viele 
von Kopf bis zu Fuß auf die Reisesaison eingestellt find, lehren eS 
ihn. Bei ihrer Betrachtung, der niemand entrinnt, wird man di- 
Empfindung nicht los, daß das Reisen weniger ein privates Ver 
gnügen qls ein allgemeines Massenaufgebot ist. Sind die kritischen 
Monate gekommen, so werden die Massen einfach aus den Berufen 
geholt und von den Geschäften zu den Sommerfrischenmanövern 
einberufen. Es ist dafür gesorgt, daß sämtliche Familien, die es sich 
überhaupt leisten können, im vorschriftsmäßigen Aufzug an den 
Sammelstellen erscheinen. Koffer in allen Größen schichten sich 
hinter den Spiegelscheiben an, schwarzlackierte Koffer, Koffer aus &amp;gt; 
Leder und Schrankkoffer, die so geräumig und zweckentsprechend! 
eingeteilt wie eine Siedlungswohnung sind. In sie hinein wan 
dern, wenn es ernst wird, die bunt bedruckten Kleider, die sich 
einstweilen in den Ladenauslagen öffentlich zeigen. Ihr Dasein 
wird durch weiße Wochenendtischchen und grünes Laub verklärt, 
damit die Käufer zu beurteilen imstande sind, wie sie sich später 
in der Natur rein malerisch ausnehmen. Die Armee besteht schließ 
lich aus Freiwilligen und muß angelockt werden. Ein bekanntes 
Warenhaus hat sich in ein einziges Werbebüro für Ferienexpeditio- 
nen verwandelt, und feine Schaufenster sind Visionen, wie sie den 
Reiselustigen beim Durchblättern des Kursbuches überfallen. Vor 
den Augen derer, die meist gewöhnliche Holzbänke benutzen, tut sich 
etwa ein, behagliches Abteil der Polsterklasse auf, oder man erblickt 
einen internationalen Expreßzug, der ungeduldig in der Bahnhofs 
halle schnaubt. Trotz des Gedränges kann kein Gepäckstück abhanden 
kommen, da wir noch in Deutschland sind und zwei brave Schupo 
männer den Verkehr überwachen. Auf der Fassade des Waren 
hauses werden in großer Schrift einige Weltorte namhaft gemacht, 
die man wohl als Mittelpunkte der sommerlichen Uebungen auf-- 
zufassen hat. Sie wirken wie feindliche Kriegsschauplätze. 
Manchmal erhält man schon einen Vorgeschmack der Ferien- 
seligkeit. Man schleicht durch die Stadthitze und wird Plötzlich von 
einer kühlen Brise angeweht, die aus der Seebad-Dekoration eines 
Spezialgeschäftes stammt. Vor einem tiefblauen Mittelmeerhimmel 
stehen und liegen dort Puppen in Badekostümen, schlanke Wachs 
mädchen, die so unnahbar aussehen, als ob sie einen Strandbum 
mel mit feschen Herren nicht verschmähten. Solche Herren sind in 
anderen Läden dutzendweise zu fickden. Lauter sportgeübte Gestal 
ten, die sich zu ihrer Erholung aus Meer auf dem Hintergrund 
Segeben haben. Sie scheinen eben erst aus der Großstadt einge 
troffen zu sein, denn noch sind ihre Badehosen tadellos trocken, und 
der Tennisdreß glänzt ungetrübt neu. Wahrscheinlich werden sie 
bald mit den Mädchen Bekanntschaft schließen. Dann wird die 
ganze Puppengesellschaft gemeinsam. Wasserspiele veranstalten, 
Segelpartien unternehmen und die Nächte hindurch tanzen. Die 
Sonne wird ihre Körper bräunen, und das Wachs wird schmelzen. 
Ilnd alles wird sein wie in. den beliebten Magazingeschichten, mit 
denen sich die Sommerfrischler die Langeweile vertreiben. 
S. Kracauer. 
Aür höhere Töchter. 
Zu Henny Portens erstem Tonfilm. 
sL Berlin, Mitte Juni. 
Es rauscht auS vergilbten Backfischromanen, und die alte 
Gartenlaube ist zu Ehren von Henny Portens Tonfilm: 
„Skandal um Eva" festlich illuminiert. Auf dem Lauben- 
tischchen liegen Familienzeitschristen, und in den lauschigen Ecken 
rascheln die Fliegenden Blätter. Ueber allen Wipfeln ist Ruh... 
Die blonde stttige Künstlerin hat sich mit unfehlbarem Instinkt 
dieses verschollene mittelständische Milieu ausgesucht, das zu ihr 
paßt. Sie wirkt als Lehrerin an einem Lyzeum, aber nennt sie sich 
auch Studien-Assessor und Fräulein Doktor gar, so ist sie doch 
taufrisch und wandervogeljung. Sehr zum Unterschied von den 
Kollegen, die ausgetrocknete Sümpfe sind, damit man das Jugend 
wunder besser sprudeln hören kann. Was wäre ein solches Back 
fischideal ohne den hochwohlgeborenen Bräutigam? Der Glückliche 
ist UnterrichtSminister des Kleinstaates, also ein Mann, mit dem 
sich nach den Begriffen höherer Töchter großer Staat machen läßt. 
Da die Geschichte ihr vorzeitiges Ende fände, wenn die Braut ihn 
gleich kriegte, muß er eine Vergangenheit haben. Und nun denkt 
euch, ihr Mädchen: unser liebes Fräulein Doktor nimmt in aller 
Heimlichkeit den Knaben zu sich, der die Frucht jener Vergangenheit 
ist, böse Restdenzstadtgerüchte laufen über sie um, und erst nach 
kilometerlangen Verwicklungen, die schon zur Zeit eurer Groß- 
eltern Ladenhüter waren,' dürft ihr den Ausbund von Studien- 
Assefsor als Ministersgattin begrüßen. 
Die Staubwolken, die das geschickt inszenierte Skandälchen auf- 
wirbelt, sind mit keinem Vakuumreiniger zu beseitigen. Sämtliche 
verbrauchten Motive, deren man hat habhaft werden können, feiern 
hier ihre Auferstehung, und ihre Zahl ist so wenig zu errechnen 
wie die der NippeS-Sachen, die einst zum Schmuck trauter deut 
scher Heime verwandt worden sind. Da ist sie wieder, die ältliche 
Jungfrau, die sich des im Dunklen erhaltenen Kusses schämt. Da^ 
« bekommen es Spießer mit der Angst zu tun, weil sie badende, 
Frauen durchs Astloch beobachtet haben. Da werden harmlose 
Witzchen auf eine Art gerissen, daß sie wie drastische Zoten wirken. 
Und Herz, was begehrst du mehr als Mädchen, die Laute zupfen 
und in den Abend hinein singen? Als das süße Sümmchen eines 
Bübchens in Großaufnahme? Als die holde Schalkhaftigkeit 
Henny Portens selber, wenn sie, vom Scheitel bis zur Sohle ein 
Gretchen, ihren Minister umarmt? Vermutlich steht der Minister 
rechts von der Deutschen Volkspartei. 
Skandal um Eva? Ein Skandal, jawohl, aber gewiß nicht 
um Eva. Skandalös ist viel eher, daß ein Regisseur wie G. W. 
Pabst, der „Westfront 1918" gedreht hat, das Arrangement 
eines solchen Plunders besorgt. Um eine Regiekunst, die jeden 
Stoff verarbeitet, der ihr gerade vorgesetzt wird, kann es nicht 
gut bestellt sein. Der größere Skandal jedoch ist die beifällige Auf 
nahme des (im Ufa-Palast am Zoo uraufgeführten) Films durchs 
Publikum. Oder vielleicht kein Skandal, sondern ein traurige Be 
stätigung dafür, daß der Krieg vergessen ist und breite Volks 
schichten nichts hinzugelernt haben. Sie sind stabilisiert. Sie 
fühlen sich schon wieder in der Stickluft von anno dazumal wohl. 
Die Gartenlaube ist Trumpf, Herzblättchens Zeitvertreib wird 
zum Filmgeschäft. Wir haben es weit gebracht.
        <pb n="28" />
        Von den Fenstern des Metallarbeiter-Nachweises blickt man auf 
das Erwerbsleben, das sich in den Vorderhäusern abspielt. Sir, 
die vom Produktions- und Verteilungsprozeß ausgefüllt sind, ver 
decken den ganzen Horizont des Arbeitslosen. Er hat keine eigene 
Sonne, er hat immer nur den Arbeitgeber vor sich, der ihm höchstens 
dann nicht im Licht steht, wenn er Arbeit gibt. „Wir sind in erster 
Linie eine Organisation für Arbeitgeber/ erklärt mir ein Abtei 
lungsleiter. Daß das Hinterhaus des Arbeitsnachweises im Schatten 
des vom Arbeitgeber bewohnten Vorderhauses existiert, prägt sich 
Durch alle Poren sickern die mit ihm gefetzten Begriffe in den 
Arbeitsnachweis, und w^nn sie irgendwo unbestritten herrschen, so 
in diesem Raum der aus ihrem engeren Machtbereich Entlassenen. 
Im MetallarbeiternachweiS ist eine Mahnung folgenden Inhalts 
angeheftet: 
Wie die Arbeitslosenunterstützung zum Arbeitslohn, so verhält! 
sich der Arbeitsnachweis zum regelrechten Büro. Er liegt gewöhn-! 
lich ungünstiger als die normale Arbeitsstätte, man merkt dem 
Raum an, daß er von der Gesellschaft notgedrungen den Freigesetzten - 
eingeräumt worden ist. Seine Unterbringung in einem eigenen 
Arbmt8l086, kütst unä sokMrt 
Lll§6rnsirw8 Ligeutuin. 
Sie fehlt bei den Textilarbeitern, die im Durchschnitt freilich 
weniger kräftig gebaut sind als etwa die Schlosser. Das Mobiliar im 
Vexfammlungsraum besteht aus Tischen und Bänken, solider recht'? 
Gebäude, das früher eine Schule gewesen sein mag, mutet schon 
beinahe wie eine Ausnahme an. Der Leiter einer erst kürzlich ge 
schaffenen Vermittlungsstelle für Kraftfahrer, Piloten usw. bedauert 
mir gegenüber, daß sein Nachweis so schlecht gelegen sei. Im 
Interesse der Vermittlung; denn die Arbeitgeber sprächen nicht 
gern in einem Quartier vor, in dem sie Angst haben müßten, ihre 
oft kostbaren Wagen ohne Aufsicht auf der Straße stehen zu lassen. 
In der Tat ist die nähere Umgebung mit Zillefiguren bevölkert und 
nicht der geeignete Aufenthalt für edle Karosserien. Andere Ar 
beitsnachweise sind in den rückwärtigen Teilen großer Gebäudekom 
plexe angeordnet. Einem, in dem Metallarbeiter vermittelt werden, 
ist gerade noch in den dunkelsten Regionen Platz gegönnt. Um zu 
ihm vorzudringen, muß man von der Straße aus zwei Höfe durch- 
meflen, die von verdrossenen Backsteinmauern eingekeilt werden. Der 
Druck, den die Steinmassen ausüben, erhöht sich dadurch, daß in 
ihnen immerhin noch gearbeitet wird. Zuletzt spürt man die Straße 
nicht mehr. Der Arbeitsnachweis selber befindet sich drei Treppen 
hoch am äußersten Ende dieser Winkelwelt und gleicht insofern 
einem umgekehrten Schlaraffenland, als man sich auf dem Weg zu 
ihm hin erst durch die endlose Geruchszone einer Volksspeiseanstalt 
durchzuarbeiten hat. Daß er den Eindruck eines an die Hinter 
front verstoßenen Speichers macht, hat durchaus seine Richtigkeit. 
Auch die Arbeitslosen harren an der Hinterfront des gegenwärtigen 
Produktionsprozesses. Sie scheiden aus ihm" als Abfallsprodukte aus, 
sie sind die Reste, die übrig bleiben. Der ihnen angewiesene Raum 
kann unter den herrschenden Umstanden kaum ein anderes Aussehen 
als das einer Rumpelkammer haben. 
Ueöer Arbeitsnachweise. 
Von S. Kraeauer. 
Konstruktion eines Raumes. 
Jede Gesellschaftsschicht hat den ihr zugeordneten Raum. So ge 
hört zum Generaldirektor jenes neusachliche Arbeitszimmer, das 
mtm aus den Filmen kennt, die ihr Original oft nicht einmal errei 
chen. Man täuscht sich über die Kolportage: sie bleibt an Erfin 
dungskraft meist hinter der Wirklichkeit zurück. Als charakteristischer 
Ort der kleinen, abhängigen Existenzen, die sich noch immer gern 
dem verschollenen Mittelstand zurechnen, bildet sich mehr und mehr 
die Siedlung heraus. Die paar dort verwohnbaren Kubikmeter, die 
auch durchs Radio nicht erweitert werden, entsprechen genau dem 
engen Lebensspielraum dieser Schicht. Der für die Erwerbslosen 
typische Raum ist reichlicher bemessen, aber dafür das Gegenteil 
eines Heims und gewiß kein Lebensraum. Es ist der Arbeitsnach 
weis. Eine Passage, durch die der Arbeitslose wieder ins erwerbs 
tätige Dasein gelangen soll. Leider ist die Passage heute stark ver 
stopft. 
Ich habe mehrere Berliner Arbeitsnachweise be 
sucht. Nicht um der Lust des Reporters zu frönen, der gemeinhin 
mit durchlöchertem Eimer aus dem Leben schöpft, sondern um zu 
ermessen, welche Stellung die Arbeitslosen faktisch in dem System 
e'rnnchmen. Weder die verschiedenen Kommen 
tare zur Erwerbslosenstatistik noch die einschlägigen Parlaments 
debatten geben darüber Auskunft. Sie sind ideologisch gefärbt und 
rücken die Wirklichkeit in dem einen oder anderen Sinne zurecht; 
während der Raum des Arbeitsnachweises von der Wirklichkeit 
selber gestellt ist. Jeder typische Raum wird durch typische gesell 
schaftliche Verhältnisse zustande gebracht, die sich ohne die störende 
Dazwischenkunft des Bewußtseins in ihm ausdrücken. Alles vom 
Bewußtsein Verleugnete, alles, was sonst geflissentlich übersehen 
wird, ist an seinem Aufbau beteiligt. Die Raumbilder sind die 
Träume der Gesellschaft. Wo immer die Hieroglyphe irgendeines 
Raumbildes entziffert ist, dort bietet sich der Grund der sozialen 
Wirklichkeit dar. 
bei der Vermittlung aus. Zu bestimmten Stunden werden jeweils 
bestimmte Berufe vermittelt: Dreher, Rohrleger, Konfektionsschnei 
der usw. Ein Beamter besteigt einen kleinen erhöhten Podest in 
mitten des Saals und gibt die ausgeschriebenen Stellen bekannt. 
In der Regel umdrängen ihn dichte Scharen, die auf Arbeit warten. 
Sie lauschen den Verkündigungen, die aus der Höhe des Arbeit 
geberreicheS auf sie RiederLräuferr ein immer LiederketzrendeK 
! Bild, das sinnfällig die völlige Abhängigkeit der Erwerbslosen von 
! den Vorderhausnrächten belegt. Suchen diese den Arbeitsnachweis 
auf, so steht ihnen ein besonderer Arbeitgeberraum zur Verfügung, 
in dem sie mit den Arbeitskräften verhandeln können. Ein unmittel 
barer Verkehr, den angesichts der heutigen Beschaffenheit 
des Arbeitsmarktes nur wenige erhoffen dürfen. „Auf 2000 Be 
werbungen", so erfahre ich im Nachweis fürs Textilgewerbe, 
„kommen zur Zeit etwa 10 Angebote". Man nennt mir hier und 
dort nicht minder trostlose Zahlen, die wiederzugeben keinen Zweck 
hat, da sie sich allesamt in der Statistik finden. Wesentlicher und für 
die Lokalität bezeichnend ist etwas anderes: der Aspekt nämlich, 
unter dem von ihr aus der Produktionsprozeß erscheint. Wie ein 
dunkles Verhängnis lastet er auf den Gemütern.' Während man in 
besser gelegenen Himmelsstrichen seinen natürlichen Verlauf über- 
steht und ihn zu regulieren, wo nicht abzubrechen tracht, 
-Mrm ^n Äelen Speicherräumen im Flüsterton von ihm und mit 
einem Fatalismus, als sei er das Schicksal. Man sagt mir: „Seit 
drei bis vier Wochen sind zwar die Entlassungen abgeflaut, aber 
neue Aufträge gehen nicht ein." Oder: „Junge, kräftige Leute 
werden stärker berücksichtigt als die alten." Oder: „Bei den Gold 
arbeitern, nach denen nicht gefragt wird, dauert die Arbeitslosig 
keit oft drei Jahre und länger, bei den günstigsten Gruppen sechs 
Wochen bis ein Vierteljahr." Lauter naturwissenschaftliche Konsta- 
tierungen, ohne ein Wort der Kritik, die an diesem Platz allerdings 
auch nicht am Platz wäre. Es ist so, es muß wohl so sein. Die 
dumpfe Ergebenheit in die Wechselfälle der Konjunktur ist gerade 
zu ein Merkmal der Arbeitsnachweise. Hier, wo man im Rücken des 
allgewaltigen Produktionsprozesses sein Dasein fristet, schimmern 
noch die Kategorien, die ihn zu einem unabwendbaren Naturer 
eignis gestempelt haben, in ihrem alten Glanz. Hier ist er noch Ab 
gott, und nichts gibt es über ihm. 
winkliger Ware, die einen derben Puff schon verträgt. Unter die 
Rubrik allgemeines Eigentum fällt sonst nur noch der Wandver 
putz, dem in der Tat die dauernde Berührung mit den Massen der 
Erwerbslosen nicht gut bekommen zu sein scheint. Bei dem gering 
entwickelten Sprachgefühl in Deutschland ist anzunehmen, daß die 
öffentliche Ermahnung harmlos gemeint ist und wohl auch harmlos 
aufgefaßt wird. Aber die Worte entwinden sich leicht dem Be 
nutzer, der sie nicht zu benutzen versteht, und verraten: nicht was er 
sich gedacht hat, sondern was ihm so selbstverständlich ist, daß er es 
gar nicht erst bedenken muß. Und zwar predigt der Aushang die 
Heiligkeit des Eigentums mit einer Ungeniertheit, wie sie nur der 
Nachtwandler besitzt, er, der sich nicht um die aufreizende Wirkung 
bekümmert, die eine solche Predigt an solchem Orte erzielte, wenn 
alle Beteiligten wach wären. Gewiß, es heißt: allgemeines Eigen 
tum; für die Erwerbslosen jedoch, deren viele gegenwärtig als 
Objekt der öffentlichen Wohltätigkeit enden, ist auch das allgemeine 
Eigentum nicht allgemein genug, um den Privatcharakter einzu- 
büßen. Zum Ueberfluß sollen sie dieses Eigentum, von dessen regu 
lärem Mitgenuß sie ohne ihre Schuld ausgeschlossen sind, noch hüten 
und schützen. Wofür der ganze Aufwand an großartigen Vokabeln? 
Für ein paar elende Tische und Bänke, die weder den anspruchs 
vollen Namen Eigentum verdienen, noch des Schutzes oder gar einer 
besonderen Hut bedürfen. So hütet und schützt die Gesellschaft das 
Eigentum; sie umgibt es auch dort, wo seine Verteidigung gar nicht 
nötig wäre, mit sprachlichen Gräben und Wällen. Vermutlich tut sie 
es absichtslos, und vielleicht merkt kaum ein Betroffener, daß sie 
es tut. Aber das eben ist das Genie der Sprache: daß sie Aufträge 
erfüllt, die ihr nicht erteilt worden sind, und Bastionen im Unbe 
wußten errichtet.
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        durft den unbedingten Vorzug. Aber sie ist ihrer Vorläufigkett wegen 
mit Trauer umgeben, und daß in einer ihrem Zugriff entzogenen 
Sphäre individuellere Ansprüche nach wie immer fragwürdigen 
Grundsätzen befriedigt werden dürfen, verleiht ihr mitunter den 
Schein der Inhumanität und mehrt noch die Trauer um sie. Ein 
schlechter Individualismus drückt auf die gute Grobheit, die den 
Einzelnen vernachlässigen muß. Nur mit der Masse selber kann eine 
Gerechtigkeit nach oben steigen, die wirklich gerecht ist. 
„Im Interesse eines reibungslosen Verkehrs ist den Anordnungen 
des Pförtners bedingungslos Folge zu leisten." Dieses Reglement 
am Hofeingang eines Geschaftshauskomplexes ist dem im Hinter 
grund befindlichen Arbeitsnachweise vorangeschickt wie die Ein 
leitung eines Buches seinem eigentlichen Text. Was das auf Massen- 
Wirkung berechnete Schild verheißt, die Plakate im Rauminnern 
führen es weitschweifig aus. Sie beziehen sich auf die elementaren 
Lebensbedürfnisse, die den Massen der Erwerbslosen von rechts 
wegen zukommen. Aus wer weiß wie triftigen baupolizeilichen 
Gründen oder auch solchen des Wohlanstands wird ihnen das Rau 
chen immer wieder verboten, aus noch triftigeren Gründen rauchen 
sie dennoch und aus den triftigsten drückt das Aufstchtspersonal beide 
Augen zu. Neben dem Rauchtrieb gibt es noch Hunger und Liebe 
Jenen können die Metallarbeiter gleich im Arbeitsnachweis selber 
stillen. In der einen Ecke ist eine Kantine aufgebaut^ die als 
Hauptgetränk Milch feilbietet. Milch ist gesund, aber wie genießt 
man sie? „Nie ohne etwas zu essen", verkündet ein sichtbar unge 
ordneter Schriftsatz. „Ein Glas Milch, auf einmal in den leeren 
Magen gebracht, bildet dort einen schwer verdaulichen Käse 
klumpen." Belegte Stullen, die mithin eine Grundvoraussetzung ge 
sunder Milch sind, häufen sich dicht nebenan auf dem Büfett Die Bil 
der von dem Käseklumpen und dem leeren Magen beweisen drastisch, 
daß die Menschen in diesen Räumen so nackt und bloß dastehen wie 
die Wände, ein Objekt der Hygiene, die sich freilich durch ihre 
plumpe Direktheit manche Möglichkeiten verscherzt. Keine Aura hüllt 
gnädig das Körperliche ein, die Körper treten vielmehr ohne Be 
schönigung ins grelle Licht der Öffentlichkeit, und die dazugehöri 
gen Menschen sind nur noch Systeme, die bei Zufuhr von Milch nach 
vorangegangenem Essen schon funktionieren werden. In den Hinter 
häusern der Gesellschaft hängen, Wäschestücken gleich, die mensch 
lichen Eingeweide heraus. Ihnen gelten auch die Plakate, die sich 
über Geschlechtskrankheiten und Geburtenregelung verbreiten. Daß 
die elementaren Lebensereignisse resolut angepackt werden, ist in 
der Ordnung und entspricht durchaus dem Walten der primitiven 
Gerechtigkeit. Aber wie das Warten im Arbeitsnachweis keine Er 
füllung findet, es sei denn durch die blinde Laune des Produk 
tionsprozesses, so ist auch das elementare Dasein hier nicht einges 
baut und umfangen. Es starrt ins Leere, ohne vom Bewußtsein 
ausgenommen zu werden und seinen Platz zu erhalten. Offenbar 
aus dem Bedürfnis heraus, es ein wenig zu besonnen, hat man die 
Mauern ab und zu mit Buntdrucken geschmückt. Unterbrechen Land 
schaften die Oede oder künstlerische Porträts? Ganz und gar nicht, 
sondern Bilder, die der Unfallverhütung gewidmet sind. „Denk an 
deine Mutter", steht unter dem einen, das wie die übrigen vor den 
Gefahren warnt, denen die Arbeiter im Verkehr mit den Maschinen 
ausgesetzt sind. Wunderbar genug: die paar Illustrationen ünfreund- 
licher Vorgänge schimmern freundlich über den Köpfen. Nichts 
kennzeichnet aber die Beschaffenheit des Raumes mehr, als daß in 
ihm sogar Unfallbilder zu Ansichtskartengrüßen aus der glücklichen 
Oberwelt der Tariflöhne werden. Könnten die Erwerbslosen aus 
dem Arbeitsnachweis unmittelbar dorthin gelangen, so erübrigte 
sich vermutlich das Plakat: „Unnötiger Aufenthalt auf den Treppen 
nicht gestattet", das eine Zierde sämtlicher Treppenhäuser ist. Es 
klingt wie ein Nachwort zu der Sammlung von Texten, die durch 
das Schild am Hoseingang eingeleitet 
warten. Vechältn^ damit, zu 
SNcklich vernachlässigt werden da? k der Stellen äugen- 
d zu - rm A Senlbsgtzw L eck t .a u Ic l h k habe beoba»? &amp;gt;, das Warten beinahe 
stumpst, um an ihre Auserwäkltbeit s, Ed zu abge. 
Burschen und ältere Leute i/d cken Klü! J«g 
sie ohne Beschäftigung allaeme?? ? . "nd schützen 
-der den Hut ^gentum. Daß sie die Mütze 
Freiheitswillens sein. Nur im ^waches Zeichen des 
demoralisierend wÄrk Um ganz davon avzuschen, daß ihr in 
diesen Zeiten der Stagnation das Ziel fehlt: es fehlt ihr vor 
allem der Glanz. Weder ist der Empörung gestattet, hier laut zu 
werden, noch erhält der ausgezwungene Müßiggang irgendeine 
andere Weihe. Im Gegenteil, das Nichtstun vollzieht sich durchaus 
im Schatten und muß auf den gesellschaftlichen Adelstitel ver 
zichten, der ihm gebührte. Und doch wäre viel zu überglänzen,! 
denn die Armut ist immerwährend ihrem eigenen Anblick aus 
gesetzt. Bald macht sie sich breit mit sichtbaren Flicken und Lappen,, 
bald zieht sie sich bürgerlich-schamhaft ins Verborgene zurück. Bei 
einem besser gekleideten Schneider etwa hat sie sich als letzten 
Schlupfwinkel die Manschetten des Hemdes ausersehen. Gelingt 
es ihr an der einen Stelle, sich zu bedecken, so schlägt sie an der 
anderen um so sicherer nach außen durch. Die Körper sind häufig 
ungepflegt, und ein stickiger Dunst schwelt in den Sälen. So dem 
unverklärten Beieinander preisgegeben, wird den Leuten das 
Warten zur doppelten Last. Auf jede mögliche Weise suchen sie! 
sich die sinnlose Zeit zu vertreiben, aber wohin sie auch treiben, 
die Sinnlosigkeit folgt ihnen nach. Sie schlüpfen in Gespräche 
hinein, die vom Warten ablenken sollen und vor seinem unend 
lichen Hintergrund zuletzt doch vergehen. Sie spielen Mühle, Schach 
und Karten, lauter Glücksspiele, die nur Spielereien des Unglücks 
sind, weil die hier zum Schicksal emporgesteigerte Not den Durch 
bruch des Glücks verwehrt. Die Aelteren freunden sich vielleicht mit 
dem Warten wie mit einem Genossen anp für die jugendlichen Er 
werbslosen dagegen ist es ein Giftstoff, der sie langsam durch- 
dringt. 
Ich bin Zeuge folgenden Gesprächs. Ein Mann beschwert sich 
Leim Beamten: „Nun bin ich ein Jahr ohne Arbeit und habe die 
Stelle doch nicht bekommen." — „Aber der andere ist schon andert 
halb Jahre arbeitslos," wird ihm erwidert. Ein Bescheid von bün ¬ 
diger Klarheit, der auf Grund der Bestimmung erfolgt, daß sich bei 
gleicher Eignung die Vermittlung nach der Dauer der Arbeitslosig 
keit zu richten habe. StellenanwLrter können in manchen Berufen 
nur berücksichtigt werden, wenn sie über eine gewisse Zeit hinaus 
freigesetzt sind. Die primitive Gerechtigkeit, die in den Nachweisen 
regiert, ist auf Massen gemünzt, und auch der Arbeitslose ist ein 
Partikel der Masse. Daß Massen ein und aus gehen, drückt den 
VermittlungssLlen den Stempel auf. Immer wieder erleben diese 
Wände, diese Tragstützen das Schauspiel, daß sich vor den Schaltern 
endlose Schlangen bilden, daß lose Gruppen zusammenströmen und 
zerrieseln, daß sich um den Mittelpunkt eines Sprechers ein regel 
mäßiger Menschenhaufen kristallisiert. Wo solche Massenmuster sich 
regen, kann die Gerechtigkeit nichts weiter unternehmen, als die 
Massen zu mustern. Sie muß Quantitäten abwägen, Zeit- und 
Raummaße werden ihr zur Richtschnur. So ist es gut, und niemand 
trüge einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge, ware-diese Welt 
der Masse die einzige. Zu ihrem Schaden ist sie es nicht. Man 
erklärt mir im Arbeitsnachweis für Chauffeure: Gewiß, je länger 
einer arbeitslos ist, desto eher wird er vermittelt. Aber die Be 
sitzer wertvoller Autos vertrauen ihre Wagen nicht gern einem 
Chauffeur an, der Monate hindurch gefeiert hat, sondern fordern 
gewöhnlich einen Mann, der möglichst kurze Zeit ohne Tätigkeit 
gewesen ist. Da müssen wir eben nachgeben und gegen unsere Prin 
zipien handeln «« . Die Gerechtigkeit in den Niederungen wird so 
von einem Akt der Willkür durchkreuzt, der freilich alles andere 
eher als pure Willkür ist. Er fährt in die Unterschicht wie ein 
Blitz aus dem heiteren Himmel der oberen Schichten. In ihnen 
! herrscht statt der Masse der Einzelne, und ihm könnte eine Gerechtig 
keit angepatzt sein, die je nach den Umständen sich umständlich ent 
schiede, eine, die genauer wäre als die primitive. Ein jeder weiß, 
daß und warum sie dort oben faktisch nicht in Kraft ist, und im 
Vergleich mit ihrem Zerrbild verdient sicher die barbarische der Not
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        unmöglich hielten. Nach einer kurzen Zeitspanne, die sich endlos 
dehnte, war die tollkühne Dame am Ziel angelangt und wechselte 
ein paar leise Worte mit der gebräunten Gesellschaft. Und siehe, 
kein Blitz vernichtet die Frevlerin, sondern wider jedes Erwarten 
ereignet sich ein entzückendes Wunder: sofort wird das Fenster ge 
schlossen, der Tisch hinter das Fenster gerückt. Ohne auf ihrem 
Recht zu beharren oder auch nur den Kellner zu rufen, verrichten 
die Herrschaften selber mit fteundlichen Mienen das kleine Werk der 
Gefälligkeit. Alle Gaste atmen erleichtert auf; nun, da statt der 
Zugluft endlich gute reine Luft das Lokal erfüllt, können sie wieder 
atmen. Es fehlte nicht viel, und sie feierten die unscheinbare Dame, 
die vergnügt an ihren Platz zurückkehrt, wie eine der Todesgefahr 
entronnene Heldin. Nur der Geschäftsführer blickt aus der Ferne 
so mißmutig drein, als ob ihm der Glaube an die göttliche Welt 
ordnung zerstört worden sei. 
Was geschah in dem Restaurant? Ein einzelner Mensch 
hob den KriegSzustand auf, der alle von allen trennt, schlug die 
Angst vor dem Wort nieder, das die Kraft der Versöhnung hat. 
Wie ein Komet zeigte sich der Friede am Horizont. 
S. Keaearrer. 
Ariedliche Lösung. 
Kleine moralische Erzählung. 
l Berlin, im Juni. 
Ich möchte einen winzigen Vorfall erzählen, der sich in einem 
Berliner Restaurant abgespielt hat. Las durch seine gute Kirche 
vnd seine noch bessere Organisation eine starke Anziehungskraft 
üufA Publikum ausübt. An einem schönen, windigen Abend 
»paren alle Fsnstertüren zur Terrasse geöffnet, und in einem der 
Neuster stand ein gedeckter Tisch. Vielleicht war er für Sports 
leute reserviert, für Menschen, die ohne die dauernde Zufuhr von 
frischer Lust zu ersticken glauben. Jedermann wäre mit der 
Politik der offenen Tür einverstanden gewesen, hätte sich nicht 
der hygienische Luftzug, kaum daß er das Rauminnere bestrich, 
ln eine unhygienische Zugluft verwandelt. Unter ihr litten zwar 
Me Gäste, die nahe beim Fenster saßen, aber niemand wagte an 
der unumstößlichen Tatsache des Tisches zu rütteln. Nur eine 
Utere Dame, die sich in der Gesellschaft mehrerer befreundeter 
Personen befand, schien dem Schicksal trotzen zu wollen. Sie bat 
den Kellner mit höflichen Worten, das Fenster zu schließen und 
den gedeckten Tisch dahinter zu stellen. Die Kellner des Restau- 
Mnts sind gut gezogen, seine Organisation ist noch besser. Offen 
bar war der Tisch eine organisatorische Veranstaltung, denn der 
Kellner bedauerte, die Bitte abschlagen zu müssen, und verstand 
sich nur schwer dazu, einen der Geschäftsführer zu holen. Während 
die Zuglust ununterbrochen weiter wehte, blickten sämtliche Gäste, 
von Furcht und Mitleid bewegt, auf die ältere Dame, die so un 
scheinbar aüssah. Der Geschäftsführer kam, ein Herr, der einen 
feineren Frack als den der Kellner trug und im Schmuck seines 
Taschentuchwimpels wie ein öffentlicher Festdampfer durchs 
Lokal gM. "Die Dame wiederholte ihr Ansinnen mit einer Be 
scheidenheit, die der gedämpften Strenge des kleinen Gewaltigen 
entsprach. Ließ er sich rühren? Er erklärte die Bestimmung 
Nicht ändern zu können, auf Grund deren der Tisch 
nun einmal stand, wo er stand, und erst nach einigem Zögern 
fand er sich dazu bereit, einen der Direktoren in der An- 
Selegenheit zu bemühen. Inzwischen waren die Gäste erschienen, 
denen der Tisch gehörte, gebräunte Damen und Herren, die nicht 
den Eindruck machten, als ob sie gerade während der Mahlzeit auf 
die frische Luft verzichten wollten, die sie sicher den ganzen Tag über 
genossen hatten. EZ zog munter fort. Eine geraume Frist verstrich, 
ehe der Direktor auftauchte, dem gegenüber die Bitte der Dame zum 
Flehen wurde. Er rauschte nicht etwa in einem noch vornehmeren 
Frack als der Geschäftsführer daher, sondern begnügte sich mit einem 
schlichten dunklen Anzug. Je höher der Posten, desto unauffälliger 
werden, von einer gewissen Sprosse der gesellschaftichen Stufen 
leiter an, die Abzeichen der Würde. Auch der schlichte Direktor be 
teuerte seine Ohnmacht. Unter Umständen hätte sich die Dame jetzt 
noch an einen der Generaldirektoren wenden können, aber, 
Generaldirektor wäre vermutlich ebenfalls unfähig gewesen, in Sas 
geheimnisvolle Walten der Organisation einzugreifen. Kraft ihrer 
Vorkehrungen mußte der Tisch an seinem Orr verbleiben. Und so 
war allem Anschein nach jeder weitere Appell vergeblich. 
Er war es nicht. Die ältere Dame tat etwas Ungewöhnliches, 
etwas, das gegen die hier üblichen Spielregeln verstieß. Sie erhob 
sich, ließ trotz der verzagten Einwände ihter Freunde die ganze 
Organisation links liegen und näherte sich mutterseelenallein den 
Freiluftleuten am hartnäckigeli Tifck^ Den Gästen im Umkreis ver-j 
ging der Appetit. Mit einem beklommenes Schweigen verfolgten fiej 
den Vormarsch der einsamen Expedition, deren Gelingen sie für' 
8. L. BerLin, im Junfl 
Der unter dem Protektorat der Deutschen Liga für 
M e n sche n recht e hergestellte Film „VÄgahu n d" möchte die 
öffentliche Aufmerksamkeit Mf das Vacmbundengesetz lenken. Eine 
stumme soziale Reportage, bei der Gregor G o g, der bekannte 
Vagabundenführer, und einige von der Landstraße geholte Typen 
mitgewirkt haben. 
Wenn man in diesem Film — er wird im Marmorhaus gezeigt 
7- veranschaulichen wollte, wie ungerecht die Gesellschaft das Vaga 
bundentum behandelt, so ist man zum mindesten nicht sonderlich 
geschickt verfahren. Zwar w ird ausdrücklich mit geteilt, daß das 
Gros der Tippelbrüder aus Arbeitslosen besteht, aber auf. dem 
Bildstreifen überwiegen doch die Vagabunden aus Neigung und 
Abenteuerlust. Der junge . Bursche, dessen Wanderungen nahezu 
die ganze Leinwand füllen, ist ein echter Zigeuner, der es nirgends 
lang aushält und bei der geringsten Unannehmlichkeit losmar 
schiert. Mag ihm die Ungebundenheit gegönnt sein: weder ist der 
romantische Stolz auf sie angebracht, noch gehört im Augenblick 
die Sorge um den geborenen Vagabunden, der UutsmW die 
Seßhaftigkeit E zu dkn dringlichen Pflichten der Gesell 
schaft? Sie muß erst einmal ihre Arbeitslosenheere ernähren und 
beschäftigen, ehe sie an jene denken kann, die sich der sozialen 
Eingliederung entziehen. Womit gewiß nicht die im Ulm wieder 
holt geschilderte Härte irgend eines fetten Spießbürgers gegen die 
SchlechLwetzgekomme entschuldigt werden soll.) Und/ sind wirk 
lich alle Vorsteher von Gendarmeriestationen Befehlsfiguren mit 
einem bösartigen Monokel? Begegnet das Elend immer nur dem 
verstocktLn Herzen? Der Film verfällt gleich den meisten Zeit 
stücken, die jetzt unsere Bühnen überschwemmen, in den Fehler, 
die von ihm verfolgte Tendenz dadurch abzuschwächen, daß er dem 
Publikum gerade die übelsten Exemplars aus dem feindlichen 
Lager vorsetzt. Während die gute Polemik den Gegner stets dort 
Zu treffen sucht, wo er scheinbar nicht zu verwunden ist, und die 
Schädlichkeit einer Einrichtung am allerwenigsten aus den beson 
deren MWräüchen ableitet, N ihr getrieben werden» 
Nach Abzug dieser leidigen UeSergriffe bleibt ein sehenswerter 
Bildbericht aus dem merkwürdigen Dasein der Landstraßenprole- 
tarier. Daß ihm mitunter ein kräftiger Schuß von Wandervogel 
poesie beigemengt ist, wird auf dasselbe unklare Wollen, der Her 
steller zurückzuführen sein, das auch ihre Tendenz verunreinigt. 
Unnötig wäre gewesen, zu der Reportage noch den Reporter hin- 
zuzufügen, der sie Veranstalter: eine wahre Windsbraut von Re 
porter, der im Auto und Wettermantel angerast kommt, seine 
Beute hurtig ab- und ausschlachtet, und die bekränzten Opfer ohne 
jeden Verzug den Rotationsmaschinen zum Fraß vorwirst Nicht 
genug damit, erfahren die Zuschauer auch noch den Namen der 
Zeitung, in der die Ergebnisse dieser fixen Expedition erscheinen. 
Ihn preiszugeben, ist um so überflüssiger, als er sich aus dem 
Tempo des Reporters unschwer erraten läßt. 
Der Regisseur Fritz Weiß, ein neuer Mann, hat von den 
Russen gelernt, Typen zu verwerten und den Landschaftsraum zu 
bannen. Unstreitig eine Begabung, die eigene optische Einfälle hat, 
wenn sie auch noch ungleichmäßig in der Montage ist. HaupDar- 
steller: der junge, etwas Zu stark gesüßte Walter E d ^ der 
mit blitzenden Zähnen die Freude am Schweifen verkörpert.
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        q 7^ - 
Besuch im Waisenhaus. 
Lr Berlin, Ende Juni. 
Fm Osten Berlins, hinter Fabriken, Speicherofen, Miets 
kasernen und Kleinsiedlungen, die nur noch nicht groß genug sind, 
um schon Kasernen zu sein, liegt ein riesiger Park, in dem die 
Bäume so wild und regellos wachsen, wie die Natur sie geschaffen 
hat. Seine weiten Rasenflächen sind zum Herumspringen aus 
gespart, seine schmalen, gewundenen Wege eignen stch für Prome 
naden und Versteckspiele. Das grüne Festland geht allmählich in 
den Rummelsburger See über, der mit seinen Booten und seiner 
Badegelegenheit selber ein Wasserpark ist. Von Zeit zu Zeit Lauchen 
zwischen Laub und Gebüsch Backsteinbauten auf, altmodische 
Dinger, die an jene pedantischen Entwürfe erinnern, durch deren 
Anfertigung beflissene Baugewerksschüler in den Vorkriegsjahren 
ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Dachkonstruktion und der 
Balkenlagen bewiesen. 
Das ist das Städtische Waisenhaus Rummels- 
bürg, eine Anlage aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. In 
diesem Erziehungsheim findet bestimmt keine Revolte statt. 
* 
Die Stadt Berlin hat die Presse zu einer Besichtigung einge 
laden. Ihr Ergebnis ist eine Summe freundlicher Eindrücke. Im 
Lehrlingsheim, der Schule, dem Knaben- und Madchenhaus: über 
all begegnet man aufgefrischten Stuben, netten, ansprechenden 
Farbtönen, appetitlich zubereiteten Betten und an allen Ecken und 
Enden Blumensträußen aus der eigenen Gärtnerei. So zwischen 
Rekonvaleszentenheim und schlichtem Paradies. Die kleinen Mäd 
chen haben ihr Spielzeug und ihre Püppchen und werden gewiß 
das Inventarverzeichnis übersehen, das, ein Ueberbleibsel erwach 
sener Amtsgewalt, kund und zu wissen tut, daß sich in dem rosa 
Kinderraum 2 Schränke und 0 Nähmaschinen befinden. In den 
Schulklaffen sind Sandbehälter angeordnet, aus denen Phantasie 
landschaften erblühen, die von Plastellinluftschiffen überflogen wer-! 
den. Von altpreußischer Nüchternheit ist eigentlich nur die Anstalts-^ 
kirche, deren Besuch aber im freien Ermessen der Kinder steht. 
Hier läßt sich allem Anschein nach leben, und es bedürfte gar 
nicht der Erklärung des Direktors, daß ehemalige Zöglinge gerne 
der Anstalt gedenken und sie öfters nach Jahrzehnten noch auf 
suchen. Der Direktor sieht sehr kinderlieb und ein wenig mar 
tialisch aus. Trotz des endlich eingetroffenen Sommerregens treiben 
die Buben in Badehosen irgendeinen Sport auf der Wiese; unter 
ihnen der ebenfalls unbekleidete Lehrer, der sich mit seinem mäch 
tigen Körper wie ein Gulliver inmitten der Liliputanerscharen aus- 
nimmt. Die Kinder müssen nicht paradieren, sondern dürfen tun, 
was sie auch sonst täten. Sie sind vergnügt und benehmen sich 
ungezwungen. Sie haben Paddelboote, machen, wie man erfährt, 
manchmal DampserparLien und hie und da sogar größere Reisen, 
' weit hinaus ans Meer, ins Gebirge. Während die Besucher am 
Wasser entlang spazieren, produzieren sie sich als kühne Schwim 
mer und winken.stolz ihrem Direktor zu, der zurückwinkt. 
Nur ein kleiner Prozentsatz von ihnen zählt zu den Voll-^ 
Waisen. Zum großen Teil sind sie uneheliche Kinder oder auch Halb 
waisen, und nicht wenige bedürfen der öffentlichen Hilfe darum, 
weil sie aus zerrütteten Ehen stammen oder kranke Eltern haben. 
Ihrer sozialen Herkunft nach gehören sie in der Rege! der Arbei- 
Lerbevölkerung an. An die Anstalt werden gemeinhin nur die 
Kinder überwiesen, die nicht für die Familienpflege taugen, da 
sie irgendwelche Schädigungen erlitten haben; sei es durch Verer 
bung, sei es durchs Milieu. Zu Tausenden quellen sie aus jenen 
Großstadtquartieren hervor, in denen Arbeitslosigkeit und Woh 
nungselend herrschen. Sind sie erst einmal im Waisenhaus aus 
genommen, so machen sie die Schule bis zum 14. Lebensjahr 
durch. Dann kommen die Jungens nach Berlin in die Lehre 
oder werden in den Anstaltswerkstätten ausgebildet. Die Mädchen 
gehen in die Hauswirtschaft über, ergreifen einen der üblichen 
Berufe oder werden wohl auch in eine Aufbauschule geschickt. 
Man wacht über den Entlassenen solange, bis sie sich selbständig 
in der Welt regen können, aus der sie einst vertrieben worden 
sind. . * 
Die Erziehung sucht nach Möglichkeit das Familienleben zu 
ersetzen. Eine kuriose Sache: während infolge der sozialen Ver 
hältnisse draußen vor den Anstaltstoren die Familie problematisch 
geworden ist, wird innerhalb der Zelle ihr Schein künstlich ge 
nährt. Man wird ein leises Unbehagen nicht los, wenn der Direktor 
von der Sonne im Herzen spricht oder das Walten des mütter 
lichen Einflusses preist. Wer der abgenutzte Schimmer solcher 
Worte verklär: eine Praxis, die sich, wie es heißt, seit acht Jahren 
bewährt hat. Knaben und Mädchen sind, von einander getrennt, 
in Familrengruppen vereinigt, denen jeweils ein Erzieher und 
eine Erzieherin vorstehen; diese, eine ausgebildete Hortnerin, hat 
die Kinder hausmütterlich Zu betreuen. Dadurch, daß sich die 
Jungens einer Frau, die Mädchen einem - Manne anvertrauen 
können, werden nach der glaubwürdigen Versicherung des Direk 
tors manche frühen sexuellen Spannungen gelöst. Wohnen die 
Geschlechter auch in verschiedenen Häusern, so spielen und lernen 
ste doch gemeinsam. Der Unterricht wird nach den Methoden der 
Arbeitsschule erteilt. Man macht nicht den Dock zum Gärtner, 
sondern den Gärtner zum Lehrer. Er weiht die Kinder in die 
Naturkunde ein und zeigt ihnen, wie man mit Pflanzen verkehrt. 
Um den Zusammenhalt zu fördern, hat jedes Kind (wie bei der 
Montcsson) sein klemes Amt; deckt eines den Tisch, so holt ein 
andres die Löffel herbei. Körperliche Strafen sind sowohl in 
dreser Anstalt wie überhaupt in allen städtischen Erziehungsheimen 
streng untersagt. Mehr noch als das allgemeine Verbot bürgt für 
den Geist des Waisenhauses die Aeußerung des Direktors, daß 
er die Kinder so behandle, aA ob sie seine eigenen wären. 
Es ist nicht unwichtig, die neuen Erziehungsgrundsätze kennen 
zu lernen, die Obermagistratsrat Knaut, der Leiter des Landes 
Wohlfahrt?- und Jugendamtes der Stadt Berlin, in sämtlichen ihm 
unterstellten Anstalten angewandt wissen will Sie zeugen ersicht 
lich von dem Einfluß der Schulreformer. Die erste Maxime ist, daß 
die Erziehung nicht vom Erzieher, sondern von den Kindern aus 
zu erfolgen habe. Ihre Eigenart muß den Erzieher bestimmen, ihm 
das Gesetz seines Handelns vorschreiben. Ferner erscheint es im 
Interesse der Heranbildung „freier Persönlichkeiten" als wün 
schenswert, die Aktivität des Kindes zu fordern, seine tätige Mit 
arbeit beim Aufbau des eigenen Wesens in Anspruch Zu nehmen. 
Schließlich ist unter „Führerkameraden", die den inneren Kontakt 
mit der Jugend haben, eine Erziehung zur Gemeinschaft anzu- 
streben. Die Gemeinschaftserziehung allein mache stark für daS 
spätere Leben im Staat. 
Soweit Herr Knaut. Seine Grundsätze beweisen, daß der 
deutsche Vorkriegsidealismus noch fortlebt. Ich begnüge mich damit 
anzumerken, daß die herrschenden sozialen Zustande das Ideal der 
freien Persönlichkeit längst aä adsuräam geführt haben und die 
Gemeinschaft, Zu der erzogen werden soll, ein formales Unding 
bleibt, wenn unter ihr nicht ein Kollektiv verstanden wird, das sich 
auf inhaltlich bestimmte Erkenntnisse gründet. Das Zeigt die Praxis 
des öffentlichen Lebens tausendfach. Parteien und Bünde erhalten 
stch in der rauhen Lust lange Zeit, während Gruppen, die sich 
dialektisch nicht bewähren können, leer und unkräftig bleiben oder 
bei dem leisesten Anhauch verwehen. Aber die Kritik an den ideo 
logischen Voraussetzungen der Anstaltserziehung soll diese selbst ge 
wiß nicht treffen. Richtige Leistungen entspringen oft fragwürdigen 
Gedanken, und die im Waisenhaus empfangenen Eindrücke von 
Menschen und Dingen bestätigen nahezu unwiderleglich, daß 
das Landeswohlfahrtsamt unter guter Obhut steht. 
So gehört die Anstalt zu den wenigen Oasen in dieser wüsten 
Welt, in der von freien Persönlichkeiten oder gar von Gemein 
schaft nicht viel zu spüren ist. Ein Glück nur, daß die Anstalts 
leitung darauf bedacht ist, die Erziehung lebensähnlich zu gestalten; 
sonst wären die aus dem Paradies Verstoßenen später verloren. 
Denn das Dasein, in das sie treten, wird von keinem Waisenhaus- 
direktyr verwaltet, und wer sich in ihm behaupten will, ist ein 
armer Waisenknabe im Vergleich mit den behüteten Waisenkindern.
        <pb n="32" />
        War in der Zeit vor dem Krieg die Biogra- 
pbie das seltene Werk der Belebrsamkeit, so 
ist sie beute ein verbreitetes literariscbes Br- 
reugnis. Bs sind die Biteraten, die Brosakünsi- 
lsr, denen die Biograpbie Lur Borm der Aussage 
^vircB In Brankreicb, England, Deutscbland be- 
scbreiben sie das Beben der von Bmil Budwig 
nocb übrig gelassenen ökkentlicben Bersonen, 
und bald wird es keinen großen Bolitiker, Beld- 
berrn, Diplomaten mebr geben, dem niebt ein 
mebr oder weniger verganglicbes Denkmal ge 
setzt wäre. Bber sebon einen Diebter; denn 
diese sieben lang niebt so in Bunst wie jene 
Kamen, dureb die das gesebiebtliebe Beben be 
stimmt worden ist. Bin auffälliger Wandel ge 
gen trüber: wäbrend einst die Künstlerbiogra- 
pbien unter den Bebüdeten gedieben, entstam 
men die gegenwärtigen Beiden Zumeist der 
Historie und werden von den belletristiseben 
Verlegern in Nengs kür die Nenge gedruckt. 
Nan bat die Keigung rur biograpbiscben Dar 
stellung, die sieb seit einiger Zeit in Westeuropa 
eingerostet bat, kurserband als eine Node abker- 
tigen wollen. 8Le ist es so wenig, wie die Kriegs 
romane es waren. Vielmebr sind ibre unmodi- 
Zeben Bründs in den weltgescbiebtbeben Ereig 
nissen der leisten andertbalb «labrLebnte ru 
sucben. Icb verwende das Wort Weltgesebicbte 
nur ungern, weil es leiebt einen Bauscb bervor- 
rukt, der ibm böcbstens dann Lukommt, wenn 
die Weltgescbicbte wirklieb 2ur ^llerwsltsge- 
sebicbte wird. Im Bundfunk 2. B., aus dem 68 
oft „Kier Baris" oder „Kier Bondon" tönt, er 
füllt die Kennung der Weltstädte die Nission 
eines ordinären Buseis. ^.ber es läßt siob nicbt 
leugnen, daß der Weltkrieg mitsamt den politi- 
scben und gesellsebaktlioben Veränderungen in 
seinem Befolge, daß niebt LuletLt aueb die 
neuen tecbniseben Erfindungen den Alltag der 
sogenannten Kulturvölker tatsäcblicb erscbüt- 
tert und umgebrooben baben. ^.uk dem Bebiet, 
um das es bier gebt, baben sie das Bleicbe be 
wirkt wie die Belativitätstbeorie in der Bbysik. 
Ist dureb Binstein unser Zeit-Baum-8^stem Lum 
Brensbegriik geworden, so dureb den ^.nsobau- 
ungsunterriebt der Besebiebts das selbstberr- 
iiebe 8ubjekt. ^lKu naebbaltig bat in der jüng 
sten Vergangenbeit jeder Nenseb seine Kiebtig- 
keit und die der andern erkabren müssen, um 
noeb an die VollLugsgewalt des beliebigen Bin- 
Lelnen 2u glauben. 8ie aber bildet die Voraus 
setzung der bürger^oben Biteratur in den Vor- 
kriegsjabren. Die Beseblossenbeit der alten Bo- 
mankorm spiegelt die vermeintliebe der Bersön- 
bebkeit wider, und seine Broblematik ist stets 
eine individuelle. Das Vertrauen in die objek 
tive Bedeutung irgendeines individuellen BeLUgs- 
svstems ist den 8obaffend6n ein kür allemal ver 
loren gegangen. Nit dem 8ebwinden dieses 
festen Koordinatennetzes baben aber aueb alle 
darin eingetragenen Kurven ibre Bildgestalt ein 
gebüßt. 80 wenig sieb der ^briktsteüer nocb 
auf sein lob berufen kann, ebensowenig gewäbrt 
ibm die Welt einen Kalt; denn beider 8truk- 
turen bedingen einander, ^enes ist relativiert, 
diese mit ibren Bebalten und Biguren in einen 
undurobsiobtigen Bmlauk gebraobt. Kiobt um 
sonst spriobt man von der Krisis des Bomans. 
8ie bestebt darin, daß die bisberige Bomankom 
position dureb die ^.ukbebung der Konturen des 
Individuums und seiner Begenspieler außer 
Krakt gesetzt ist. (Darum ist noeb niebt der 
Boman als Kunstgattung bistoriseb geworden. 
Denkbar wäre, daß er in einer der verwirrten 
^Welt angepakten Borm neu erstünde, daß die 
Verwirrung selber episebe Borm gewönne.) 
Inmitten der erweiebten unkaßlieben Welt 
wird der Zug der Besebiebte Lum Blement. 
Die Besobiebte, die siob uns. eingebrookt bat, 
tauobr als Bestland aus dem Neer des Bestalt- 
Von Dr. K. Mr&amp;gt;s«s«H^. 
losen, KiobtrugestaltendLN auf. 8is verdicbtet 
siob dem beutigen 8obrift8teller, der sie niebt 
wie der Historiker unmittelbar anpaoken kann 
und mag, im Beben ibrer weitbin siobtbaren 
Kelden. Kiobt um des Keroenkults willen wer 
den diese rum Begenstand von Biograpbien; son 
dern aus dem Bedürfnis naob einer reobtmäki- 
gen literarisoben Borm. In der lat sobeint der 
Ablauf eines bistoriseb wirksamen Bebens sämt- 
liobe Bestandteile 2u bergen, die unter den berr- 
sobenden Umständen ein Brosagebilde ermög- 
lioben. Das in ibm eingefangene Dasein ist eine 
Kristalbsation des gesoniobtboben Waltens, 
dessen Bnantastbarkeit außer Zweifel stebt. Bnd 
wird niobt die Objektivität der Darstellung dureb 
die bistorisobe Bedeutung des Urbildes verbürgt? 
^kn ibm glauben die literarisoben Biograpben 
endliob die 8tütL6 gefunden xu baben, die sie 
anderswo vergebbob suobten, das gültige LeLugs- 
s^stem, das sie der subjektiven Willkür entbebt. 
8eine Verbindlichkeit ist ganr offenbar eine 
Bolge seiner BaktiLität. Die Kauptperson der 
jeweiligen Biograpbie bat wirklieb gelebt und 
alle Züge dieses Bebens sind dokumentarisch 
belegt. Der Kern, den einst die erfundene Kand- 
lung bot, wird in einem 8obioksal wiedererlangt, 
das beglaubigt ist. Bs ist rugleiob aueb die 
Barantie der Komposition. Zede geschichtliche 
Bestatt bat bereits in siob selber Bestalt. 8ie 
bebt Z:u einer bestimmten Zeit an, entwickelt 
sieb im Widerstreit mit der Welt, gewinnt Bm- 
riß und Bütte, tritt ins ^tter rurüok und erbsobt. 
Der ^.utor ist also niebt auk ein individuelles 
8obema angewiesen, er erbält eines, das ibn wie 
jeden verpflichtet, fertig ins Haus. Des freut 
sieb niebt so sebr seine Bequemlichkeit als sein 
Bewissen; vorausgesetzt, daß es sieb niebt um 
die serienweise Babrikation von Biograpbien aus 
Konjunkturgründen bandslt. Denn die Biogra- 
pbie maobt dem Boman beute nur darum Kon- 
kurrenL, weil sie rum Bntersebied von diesem, 
der frei schwebt, 8tokke verarbeitet, die ibre 
Borm bedingen. Die Noral der Biograpbie ist: 
daß sie im Obaos der gegenwärtigen Kunstübun- 
gtzn die einzige scheinbar notwendige Brosakorm 
darsteltt. 
Bins des stabilisierten Bürgertums. 
Dieses ist kreiliob daru gezwungen, sieb allen 
Brkenntnisssn und Bormproblemen ru verwei 
gern, die seinen Bestand gekäkrden. Ls spürt 
die Naebt der Desebiebte in den Knooben und 
merkt sebr wobl. dak das Individuum anonym 
geworden ist, riebt aber aus seinen Binsiebten, 
die sieb ibm mit der Bewalt pb.vsiognomiseber 
Brkabrungen aukdrängen, keinen wie immer ge^ 
arteten 8ebluk, der die aktuelle Situation ru er 
beben vermöebte. Vor der Konfrontation mit 
ibr sebeut es im Interesse der ^lbsterbabung 
rurüek. Weder läkt sieb die literarisebe Blite 
der neuen Bourgeoisie ernstbakt darauf Gin, die 
materiabstisebe Dialektik ru durebdringen, noeb 
stellt sie sieb offen dem Anprall der unteren 
Nassen, noeb wagt sie sieb irgendwo aueb nur 
einen 8ebritt über die von ibr erreiebte Brenre 
Ninaus ins jenseits der Klasse. Bnd doeb könnte 
sie erst dann auf Orund stoken, wenn sie sieb 
obne jede ideologisebe 8ebutLbübe an die 
Bruebstebe unserer Oessbsebaktskonstruktion 
begäbe und sieb auf diesem vorgesebobenien 
Bosten mit den sorialen Näebten auseinander- 
setrte, in denon sieb beute die Wirkliebkeit ver 
körpert. Hier und sonst nirgends sind die Br- 
kenntnisss rü bolen, die, vielleiobt, eine eebte 
Kunstkorm gewLbrleisten. Denn die Gültigkeit, 
deren diese bedarf, kommt allein den Aussagen 
des korigesebrittensten Bewußtseins ru, das siob 
bier, nur bier entwickeln kann, ^.us ibm, das 
Kalt scbenkt, mag die literarisebe Bestall er- 
waebsen; oder sie erwäcbst niebt aus ibm, dann 
bliebe uns eben in der Begenwart die Bestallung 
verwebrt. (Wenn oben gesagt wurde, daß die 
Verwirrung selber epische Borm gewinnen könne, 
so ist jetLt binLULukügen: nur auk dem Funda 
ment des kortgesebrittensten Bewußtseins, das die 
Verwirrung durchschaut.) Die Biograpbie als 
Borm der neubürgerboben Literatur ist ein bel 
eben der B1 uebt; genauer: der Ausflucht. Um 
sieb niebt dureb Erkenntnisse bloßLustellen, die 
das Dasein der Bourgeoisie in Brage Lieben, bar 
ren die Viograpben unter den 8obrift8teUern wie 
vor einer Wand an der 8ebwebe, bis Lu der sie 
von den Weltereignissen Vorgetrieben worden 
sind. Daß sie von ibr aus wieder ins bürgerliebe 
Hinterland Hieben, statt sie vu übertreten, be 
weist die ^.nal^se des Durobschnitts der Biogra- 
pbien. Diese betraebten rwar das gesobiobtliebe 
Walten, verlieren sieb aber so in seiner Betraob- 
tung, daß sie sieb niebt mebr Lur Gegenwart 
Lurüekkinden. 8ie trekken unter den bistoriseben 
Kroßen eine wenig wäblerisobe ^uswabl, die 
jedenfalls niebt dureb die Anerkennung der 
aktuellen 8ituation bedingt ist. 8ie . möobten der 
Bs^obologie ledig werden, von der die Vorkriegs- 
prosa bestimmt war, und arbeiten tret? der 
tzobeinobjektivität ibres 8tokkgebiets teilweise 
mit den alten psychologischen Kategorien. 8ie 
baben den suspekten Individualismus Lur Hinter 
tür binausgeworken und geleiten offiziell abge 
stempelte Individuen dureb den Kaupteingang 
von neuem ins bürgerliebe Blaus. Womit Lu- 
gleieb ein Zweites erreiebt wäre: die unausge- 
^»roebene Absage an ein. Begiment, üas aus den 
rieten der Nasse aulsteigt. Die literarisebe Bio- 
grapbie ist eine OrenLersebeinung, die binter der 
(IrenLe bleibt. 
8ie ist noeb etwas anderes als blöke Bluebt. 
80 gewik sieb das Bürgertum beute im Beber 
gang befindet, so gewik wdbnt jed^r seiner Bei 
stungen eine doppelte Bedeutung inne. Bs be- 
absiebtigt, mit der Beistung- seine BxistenL 2U 
verteidigen, und bewabrbeitet unäbsiebtlieb mit 
ibr den Vollzug des Bebergangs. Wie Auswan 
derer ibre Babseligkeiten Lusammenraklen, so 
sammelt, die bürgerliebe Biteratur den Hausrat, 
der bald niebt mebr die alte 8tätte baben wird. 
Das Notiv der Bluebt, dem die Bn^abl der Bio- 
grapbien ibre Bntstebung sebuldet, wird von dem 
der Bettung überblendet. Wenn es eine Be 
stätigung kür das Bnde des Individualismus gibt, 
ist sie in dem Nuseum der groken Individuen 
Lu erblicken, das die Biteratur der (Gegenwart 
boobtübrt. Bnd die ^.uswabüosigkeit, mit der 
sie sieb aller ^taatspersonen-bemaebtigt, bezeugt 
niebt nur das Unvermögen nur riebtigen Leit- 
gebundenen Wabl, sondern ebensosebr die Bild 
des Betters. Bs gilt einen Bildersaal einLÜrieb- 
ten, in dem sieb die Brinnerung ergeben kann, 
der jedes Bild gleieb wert ist. Wie fragwürdig 
immer die eine oder andere döiograpbie sei: der 
OlanL des ^.bsebieds rubt. auk ibrer Oemein- 
sebakt. 
8oweit ich sebe, gibt 68 nur- ein einLiges 
biograpbisebes Werk, das Von der 8umme der 
übrigen grundsätLliok gesobieden ist. Da 8 
^BroLkis. In ibm sind die Bedingungen durob- 
brooben, denen die literarisebe Biograpbie unter- 
stebt. Die Bebensbesobreibung des bistorisoben 
Individuums ist bier niebt ein Nittel, um der 
Brkenntnis unserer 8ituation ausLuweieben, son 
dern dient nur da^u, sie Lu entbüllen. Darum 
formt sieb in dieser ^lbstdarstellung aueb ein 
anderes Individuum aus als 63,8 in der bürger- 
lioben Literatur gemeinte. Bines, das insofern 
bereits übergegangen i8t, als 68 nur dureb 8eine 
Bransparenr gegen die Wirkliebkeit wirklieb 
wird, niebt Leer die eigens Wirkliebkeit be- 
bauptet. Bin neu68 Individuum, außerhalb ds8 
Dunstkreises der Ideologien: 68 defekt genau 
bis rm dem Brade, in dem 68 sieb im Interesse 
der erkannten aktuellen Notwendigkeiten auk- 
geboben trat.
        <pb n="33" />
        boobstens dort äurob kalsoben Viläungs^aubsr 
ein 
' 
venig bseinträobtigt v^ird, vo sie siob in die Vil- 
äungsspbäre selber vorv^agt, er^äblt sie von äer 
^ngst der kranken Rollogin vor dem ^bbau; von 
! dem Debrling, den ein betrügsrisebes Oesebäktsge- 
baren korrumpiert; von einer kleinen Vürostreberin, 
die siob durob ibre kitsobige 8ülls die Ounst des 
Vorgesetrien erobert. ^Vas die Obeks betrifft, an die 
Brau Brüok bei ibrer unfreiwilligen 'Wandörung 
dureb versebiedens kleinere und grollere Betriebe 
gerät, so ist der eins eins liederliobs "Uinkslexi- 
stenL, der anders ein Lüstling und noob ein an 
derer ein Autokrat, äem .-^eibllobe Rräkts gerade 
gut genug für untergeordnete Rosten sind. Mr ein 
mal kommt sie TU einem netten Rabrikantsn, und 
der bat einen unleidlioben Onkel. Nag sie vom 
Reeb verfolgt sein: die traurigen Binrslkälls ver- 
ansobaulioben rum mindesten die Lob^isrigkeiten, 
denen die Brauen okt im ^ngestelltenberuk ausge- 
setst sind. Dnä um niobt in dieser 2eit virtsobaft- 
liebsr Depression entlassen ru werden, ertragen 
viele seb^eigenä ibr Dos. 
Die individuelle Vetraobtungsart ist die 8tärke 
des Buobs und Lugleieb seine LobMobe. ^n einer 
Ztelle sagt die Verfasserin LU einem jungen Rolle 
ren, der sieb über seinen Arbeitgeber beklagt: „Bs 
liegt am Obaraktsr, ^.ueb unter eueb sind viele, die 
niebts taugen . . Msr dieser ausgesxroobsns In- 
diviäualssmus rübrt nirgends an die OeseUsobaktL- 
konstruktion selber, die das ^ngesteUtensebiekal 
bestimmt. Br möebte aus einzelnen Obarakteren b'n- 
Lulängliebkeiton ableiten, deren Vorbandensein kak- 
tisob in äen socialen Verbältnissen begründet ist, 
die ibrerseits an äen Obarakteren die Mtsebulä 
tragen. Bin Olüek nur, äall die Verfasserin ibre 
Darstellung naob äen Orunäsatren individueller 
! Noral ru Bnäs kübrt und durebveg darauf verrieb- 
tet, soblimms Bivärüeks ru verallgemeinern. Bo 
bleibt sie^enigstens davor bevabrt, ^nsprüebe ru 
stellen, die sie niebt befriedigen kann. Ibr Vuob ist 
ein treMieber Beitrag rur Lestandauknabme äer ^.n- 
gbLtellten^elt; Bolgerungen auk Äe Oesamtsitua- 
vis HmZesteUttzn beginnen literLtuMbiZ ru ner- 
äen. Ibr xemeinsames Lebioksal, äas in äer Meb- 
krieZbLeit eine teste Lontur erkalten kat, kann 
niebt rvebr üdsrssben vsräen unä verMiebtot nur 
Darstellung. Linelair Devis versnobt in seinem 
grollen Roman: „llod" (unter äem Mtel: „Rrnerb" 
bei lernst Rovoblt ersobisnen) äkm Vürolsben rvie 
überbauet äem Alltag äer Angestellten äie tz-pi- 
soben Mgs abnugsvännen. In Deutsoblanä baden 
sieb Zrsitbaok unä R. Brauns um äis Msäergabe 
gewisser ^ngestelltenmilieus bemübt. Dsiäer ent- 
viekslt sieb mit ämssn vorerst vereinrslten Lobil- 
äsrungsn niobt ruZleiok aueb äas riebtigo Be^ullt- 
ssin von äer sosialsn DaZe äer ^.ngvstsllton. Im 
Gegenteil: zs mebr sie äas ökkentliobs Interesse auk 
sieb lenkt, ässto mebr Anstrengungen veräen unter 
nommen, äsn gesellsobaktlieben Ort unksnntllob 
2U maoben, an äem sieb äis Angestellten in ^abr- 
bsit kskinäsn. ^bsr äas kat politisobe Orüuäs unä 
gebärd niobt kierbsr. 
Die Inventarisierung äes ^ngsstelltenäaseins ist 
neueräings äurob äen Roman: „Lobieksale 
bintsr ZebreibmasebLnsn" von Obrista 
^.nita Vrüok niobt unrvsssntliob gekoräert vor- 
äen. (Lieben-Ztäbe-Verlag, Berlin.) Das Bueb, äas 
vorvllsgenä äie ^enig bsitersn DebsnslLuks v^eib- 
liober Angestellten vermittelt, ist unL^eikelbakt au» 
äem Bedürfnis entstanden, äis eigenen bitteren Br- 
kabrungen auk eine anstänäigs ^rt los^u^veräen. ^ber 
v^enn frgenäivo so ist bier (niobt minder nie seiner- 
2sit bei den Lrisgsromanen) äie autobiograpbi- 
sobs Rorm am klatL. Lie verbürgt äie V^irkliob- 
keitsnübe, äurob äis allein solebe Rrontberiobts ge- 
reobtkertigt werden, unä überdies ist in äer indi 
viduellen klot äis allgemeine beseblossen. 
^ub einer social gebobenen Lebiobt v^ird äie Ver^ 
kasserin in die Niederungen versoblagen. Lie ist vaob 
und klug und vermag äabsr, Zustände su umreillen 
und die fremden Lobioksale so aukLUnebmen Ms ibr 
personliobss. In einer ungekünstelten Spraobe, äie 
Aranzöstsche Honflsm-Neportage. 
irr Berlin, Anfang Juli. 
Der hiesige Filmsommer ist von einer trostlosen Langeweile. 
Gewisse amerikanische Tonfilme, von denen draußen alle Welt 
spricht, kommen der Patentstreitigkeiten wegen nicht ins Land 
Seit einer Ewigkeit läuft der „Blaue Engel", der wahrscheinlich 
' erst verschwindet, wenn alle Berliner die Beine der Marlene 
Dietrich bewundert haben, und das kann noch eine weitere Ewig 
keit dauern. Manchmal wird in irgendeinem Kino irgendein Lust 
spiel angesetzt, das von vornherein für die Provinz gedreht ist 
Einige sattsam bekannte Darsteller spielen Rollen in ihm, vie eben 
falls altbekannt sind. Taucht aber wirklich in langen AbständeN 
ein neuer Film .auf, so wäre er besser unterblieben. Ich habe 
nicht die Absicht, über ein so unfilmisches, dilettantisches Machwerk 
wie „Zärtlichkeit", in dem sich Carola Neher schlimmer als eine 
beliebige Anfängerin benimmt, auch nur ein Wort zu verlieren 
Das Publikum der Uraufführung belachte die Kläglichkeit aus 
Purer Verzweiflung. 
In die sommerliche Oede ist nun ein Film hereingebrochen, der 
ein Zeichen der Hoffnung wäre, wenn eine Schwalbe bereits den 
Winter machte. Er nennt sich: „Abenteuer unter Kanni 
bale n", und Andrö - Paul A n ! o i n e, fein Autor, bezeichnet 
ihn mit Recht als eine Tonfilm-Nep'rlage. Ihrem Titel nach 
könnte diese Repo-tags auch in Europa veranstaltet worden sein, 
stund .gewiß mär. S,besonders interessant gerade me ein. 
heimischen Kannibalen M beobachten, die ihre Opfer in unserer 
Mitte suchen. Aber Herrn Antoine hat es nun einmal nach den 
Neu - Hebriden gelockt; obwohl die dortigen Menschenfresser im 
Vergleich mit den Zivilisierten.zweifellos harmlose Knder sind. Da 
für wohnen sie auf einer welLentlegenen Insel,, zu der niemand so 
leicht dringt. Daß heute eine Hausse in Expeditionsfilmen cherrscht, 
rührt wohl nicht zuletzt von der gewaltsamen Erweiterung unseres 
Raumbewußtseins durch die jüngsten technischen Erfindungen hex. 
Die Erde ist zusammengeschrupft, und wir müßen sie mit allen 
unseren Sinnen ermessen. M ist es ein weniger kitzliches 
Geschäft, sich tausend Meilen weit in die Südsee vorzuwagen als 
zwei, drei Schritte in die nächste Umgebung; mögen jene Insulaner 
immerhin vor kurzem eine englische Kolonistenfamilie verspeist 
haben. 
Die (im Ufa-Pavillonam Rollendorfplatz gezeigte) Lpnfllm- 
Neportage des Franzosen ist durch ihren vernünftigen Aufbau dem 
unlängst von mir besprochenen Sahara-Tonfilm 
logen, der zerstreute Expeditionsbilder in eine Rahmenhandlung 
preßt, statt dre Handlung aus der Abfolge der Bilder selbst Zu 
entwickeln. Herr Antoine landet an der kannibalischen Insel, be 
gegnet den Wilden, lebt ein halbes Jahr unter ihnen, macht einen 
Angriff auf einen feindlichen Stamm mit und bricht während des 
Siegesfestes, das bedrohliche - Formen annimmt, seine ZeLL-s schleu 
nig wieder ab. Immer m Gnsellschaft seiner Kamera, die alle 
wichtigen Vorgänge automatisch notiert. (So müßten sich Tage 
bücher von selber schreiben.) Vielleicht sind manche Szenen und Ge 
räusche um der ästhetischen Geschlossenheit willen nachträglich re- 
konstrmert worden- Dank dieser etwaigen Verfälschungen und Zu 
taten aber Zeichner sich der Film vor den meisten anderen Kultur- . 
filmen aus, Leren Hersteller meinen, es genüge schon, daß sie über- 
haupz in exotischen Landstrichen kurbelten. Nein, es ist nicht genug' 
damit, und wenn der französische Tonfilm eine Lehre erteilt, so 
orese: Laß ein guter Kulturfilm einen Anfang und ein Ende, for 
dert und nicht minder planmäßig durchkomponiert sein muß wie 
jeder normale Spielfilm. 
Nur um die Neugierde zu erregen, liefere ich einen Auszug 
aus dem reichhaltigen Inhalt, der übrigens gut und gern mehrere 
Striche vertrüge. Man ist Zeuge eines glänzend photographierten 
Orkans, der in die Wogen und Palmen fährb Man begleitet die 
kleine Expedition ins Dunkel der Urwälder und vernimmt den 
Gesang der Eingeborenen auf ihren Kähnen. Man lebt mit dem 
Stamm und erfährt, daß dieses Lebey genau so seine Ordnung 
(oder Unordnung) hat wie das der üblichen Europäer. Die Män 
ner fischen, baden, trinken Kokosmilch und erzählen sich sensatio 
nelle Geschichten. Es gibt unter ihnen antike Gestalten: einen 
BacchusgotL, einen alten Eilen. Der Zauberer hält mit den Jüng 
lingen ein theologisches Seminar ab, in dem er ihnen den gehei 
men Sinn der Götterbilder erklärt. Regelrecht arbeiten müssen 
eigentlich nur die Kinder und Frauen, deren eine mit ihrem auf 
gedunsenen Bauch wie eine Wasserleiche aussieht. Einmal im Jahr 
allerdings erleidet dieses gesittete Dasein eine kurze Unterbrechung. 
Dann werden den Göttern Menschen geopfert, unablässig" ertönen 
die Trommeln, und die ganze Bevölkerung tanzt wie besessen. 
Durch die Dreingabe des Tons gelangen Herade diese Raufch- 
szemu zu einer außerordentlichen Wirkung,
        <pb n="34" />
        Worte von der Straße. 
Topfgewächsen besteht. Aber sie wollen die reine, ungemischte Na 
tur: Bäume, die fest im Boden stecken, und richtige Laubkronen 
über den Tischen. Naturgarten — das Wort muß aus jenen ver 
sunkenen Zeiten stammen, in denen die Natur noch weit weg von 
Berlin lag. Von der Sehnsucht nach blauem Himmel und Nachti 
gallengesang ist es wie mit einem glitzernden Spinngewebe über 
zogen. 
Die wirkliche Natur in den Naturgärten reicht längst nicht an 
die erträumte heran, schmachtet vielmehr in der Gefangenschaft von 
Rückfronten und Hinterfassaden. Gewiß, ihre Bäume sind echt, aber 
sie decken doch im günstigen Fall nur gerade die Blößen der Haus 
wände Zu. Mitunter wird nicht einmal diese Aufgabe bewältigt, 
sondern ein paar magere Stämmchen markieren wie auf der 
Shakespeare-Bühne das natürliche Wachsen und Weben. In ihren 
Blechhülsen, von denen sie zum Schutz gegen Beschädigungen um- 
gürtet sind, sehen sie zum Verwechseln den Schirmständern ähnlich, 
die, großen Nutzpflanzen gleich, der Erde entsprießen. Daß ober 
halb solcher Gartenerzeugnisse statt der Nachtigallen Lautsprecher 
und Grammophone ertönen, entspricht durchaus den Gesetzen dieser 
Natur, aus der es auch nicht herausschallen darf, wie es in sie 
hineinschallt. In einem der ausgesparten Reviere jedenfalls werden 
die Gäste herzlich gebeten, zu vorgerückter Stunde unter allen 
Wipfeln die Ruhe zu wahren. Der Freiheit des Naturgartenburschen 
sind enge Grenzen gezogen. 
Da heute alle Berliner in die Natur ausschwärmen, die nicht 
von Mauern eingesperrt ist, hat jene Schwärmerei ihr Recht ver 
loren, der ein Hinterhausbäumchen zum Walde wurde. (Inzwischen 
beginnt schon eine andere, noch kaum erkannte Natur an uns ihre 
Verführungskünste zu erproben: die Stadtnatur mit ihren Urwald 
straßen, Fabrikmassiven und Dachlabhrinthen.) Ist aber der Natur 
garten nicht mehr ein Ort der Sehnsucht, so muß er sich freilich als 
eine altjüngferliche Erscheinung enthüllen. Nur an dem Wort, das 
ihn benennt, ist noch etwas von dem Duft hängen geblieben, den 
einst sein Gezweig und sein Blätterwerk ausströmten. Als eine 
kleine rührende Sprachruine ragt es ins Wochenende der Gegen 
wart, 
Zurückbleiben?! 
Eins, zwei Sekunden vor der Abfahrt eines jeden Stadtbahn 
Zuges erschallt "auf den größeren Stationen der'Ruf: „Zurück 
bleiben!" Er wird nicht etwa von einem sichtbaren Beamten aus 
gestoßen, sondern bricht geheimnisvoll aus dem AeLher herein. Ein 
Ruf ohne Ursprung, eine überirdische Warnung. Daß sie trotz ihrer 
ungewissen Herkunft nicht von einem Engel stammt, beweist der 
Ton, in dem sie erteilt wird. Sein rauher militärischer Klang ver 
wandelt die zerstreuten Publikumsgruppen in eine geschlossene 
Schützengrabenkompagnie, die dem Befehl eines weit hinten im 
Etappenquartier befindlichen Obergenerals untersteht. Das kann gut 
werden im nächsten Krieg, wenn zu den leibhaft anwesenden Kom 
mandos noch die drahtlosen kommen. Aus welchen Zweckmäßigkeits 
gründen immer man neuerdings das „Zurückbleiben!" durch den 
Lautsprecher übermittelt: die mechanisierte Sendung des Mahn- 
worts entstellt seinen Sinn. Wenn der Stationsbeamte am Zug 
entlang brüllt, redet er die verspätete Hast unmittelbar an. Der 
Untergeneral dorrn Mikrophon dagegen spricht buchstäblich in die 
Luft, gibt ein Signal, das allen und daher niemand gilt. Denn 
die geschulte Berliner Bevölkerung benötigt es nicht, und die un 
geübten Fahrgäste können es seiner Leilnahmslosen Allgemeinheit 
wegen erst recht nicht im Augenblick auf sich persönlich beziehen. 
Eher staunen sie darüber, daß ein gespenstischer Papagei im Glas 
gewölbe sitzt, und tun vor Schreck das Verkehrte. Dieser Laut 
sprecherspaß ist ein dröhnendes Zeichen jener Lei uns heimischen 
Organisationswut, die aus den begrenzten menschlichen Gegenden 
immer wieder in die unmenschlichen abirrt. Wird sich aber das 
Publikum nicht allmählich an die lustige Warnung gewöhnen? Man 
sollte es lieber daran gewöhnen, nicht gegängelt zu werden, sonst 
bleibt es auf das fortgesetzte Kommando: „Zurückbleiben!" hin 
wirklich zurück. - S. Kracauer. 
üoL Zlsssr LeLieLt QäsrgarLukckas AElIsekakts- , 
System, äem sis sut^äekst, lassou siek uiokt aus, 
ikm rLsLeu. 
Immsrkin virä, am ^nkau§ vor allsm, eins Dskrs 
l^ut, ärs ckas Drgsdnis manedsr 8okr6ldmaseliiosn- 
laukdaku ru sein sekelnt: äis Dekrs, äaL äsr Lsruk 
kür äio LUelnstsksnäs Dran stets nur ein Dorek- 
gLngsstaäium sein kann. LLnmal muL äis Vorkasso- 
riu von Lkrem ^.Lteilungslsltsr kören: „VerZessen 
8Ls äoek um Oottss killen niekt, äaL jeäs kaldneAs 
annskmbars Lks Idrs oinLixs UsttunK ist. . unä 
Luek eins LoIIsgm sagt ru ikr: „Denken 8Ls an 
mied, keirnten um jeäsn kreis!" Zuranns I^ormaoä 
ist in ikrsm (bei 8. kiseker in äsutseker Dsdsrsst- 
2UQA ersekienenen) Luek: „künk krauen auk äse 
Dawers" 2ur seiden resiZnierten kinsiedt gslanZt, 
äis dier LViLeden äsn teilen stellt. Die Dransn- 
eman^ipation ivirä erst mit äer LmanLipation äes 
NenseLsn am 2is1 sein, 8. Lraeausr. 
Berlin, Anfang Juli. 
Rücksichtslos. j 
An den Schaufenstern mancher Berliner Läden kleben Wichen, 
die das Publikum davon benachrichtigen, daß wegen Geschäftsauf 
gabe oder aus anderen landläufigen Gründen die Preise „rücksichts 
los herabgesetzt" worden sind. Wie verbreitet, groß und selbstver 
ständlich muß die Rücksichtslosigkeit sein, wenn sie so weit getrieben 
wird, daß sie sich gleichsam aus Versehen in ihr Gegenteil verkehrt. 
Denn rücksichtslos setzt man doch gemeinhin höchstens die Preise 
herauf. Hier werden sie reduziert, und cS läge auf der Hand, ihre 
Ermäßigung mit der Rücksichtnahme auf die Kundschaft zu recht 
fertigen. Aber ehe man sich dazu entschließt, den Schein eines rück 
sichtsvollen Benehmens zu wahren, leitet man lieber die Zuvor 
kommenheit aus irgendeiner Rücksichtslosigkeit ab. Das Publikum 
hielte auch vielleicht den Preisabschlag für eine Falle, wäre nicht 
ausdrücklich betont, daß er ein Kampf bis aufs Messer ist. Ein! 
Sprachschlendrian, der die unfreundliche Herkunft vieler Freund 
lichkeiten aufdeckt. Seine Komik besteht darin, daß er das Wort 
rücksichtslos veranlaßt, MtterseM durch dir UM der Kerah- 
gesetzten Preise zu schlendern, ohne ihm einen greifbaren Wider 
sacher zu bieten. Man weiß nicht recht: will es besagen, daß sich 
der Geschäftsinhaber mit dem Ellenbogen selber beiseite schiebt, 
oder bezieht es sich auf die Preise. Wahrscheinlicher ist, daß es sich 
aus Zerstreutheit gegen diese richtet. Die Preise möchten sich wie 
bisher aufrecht erhalten, werden aber unnachsichtig zu Fall gebracht. 
Brutalität um jeden Preis: nach ihrem Vorbild sollte sich auch 
anderswo die eiserne Rücksichtslosigkeit zur goldenen übersteigern. 
So ist unsere Steuerpolitik bei weitem nicht rücksichtslos genug, und 
von den Hitlerleuten etwa wäre zu fordern, daß sie sich wenigstens 
auf der Straße rücksichtslos eines gesitteten Betragens befleißigten. 
Naturgarten. 
In den asphaltierten weltstädtischen Verkehrsstraßen Preisen 
viele Restaurants mit Riesenlettern die Herrlichkeit ihres „Natur 
gartens" an. Immer wieder begegnet man dieser Wortverbindung, 
die offenbar das Mißtrauen der Berliner beschwichtigen soll. Was 
hülfe ihnen auch die Ankündigung eines einfachen Gartens, dem 
die Dreingabe der Natur fehlte? Es könnte ein künstlicher sein, 
ZiM!, der aus transMtMen WuMiere^ KtaketMäunen
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        671 öl Kv- , 
-5L3 
Conan Doyle -f. 
Conan Dohle soll sich zuletzt dem Okkultismus zugewandt 
huben, eine Neigung, die sein Sherlock Holmes vermutlich kühl 
belächelt hätte. Jedenfalls gründet sich der Ruhm des englischen 
Schriftstellers nicht auf seine etwaigen Erkenntnisse über das Jen 
seits, sondern auf die scharfsinnigen Analysen, mit denen er dem 
menschlichen Diesseits zugesetzt hat. Ihm ist einer der klastischen 
Typen des Detektivromans zu danken. Hat Edgar Man Poe das 
dämonische Dunkel und die skurrilen Zwischenschichten geklärt, so 
triumphiert 'bei Dohle der auf Eis gelegte Weltverstand, der das 
Empire der verbrecherischen Taten und Tricks beherrscht. Sherlock 
Holmes verkörpert ihn in britischer Nationaltracht. Eine hagere, 
durchtrainierte Erscheinung, mit der unvermeidlichen Pfeife im 
Mundwinkel, zum Auswachsen phlegmatisch und der Chemie holder 
als allen Frauen. Mit ihm siegt der eommon 8eu8s über den 
trüben Abfall des normierten Lebens, ein zu genialer Findigkeit 
gesteigerter eommou §SN8s, der aber keineswegs mit der kapitalisti 
schen Ratio identifiziert werden darf, vielmehr das entscheidende 
Attribut des vollkommenen Gentleman ist. 
Ein Ritter vom Scheitel bis zur Sohle ist Holmes. Kraft 
seiner Deduktionen trifft er den Schuldigen und entreißt die 
Unschuld jedem Verdacht. Auch diesem umgekehrten Don Quichote 
ist ein Sancho Pansa beigesellt, und vielleicht bezeugt nichts die 
mittlere Intuition straft DoyleH schlagender als die Figur Dr. 
Watsons, des Arztes, von dem Holmes umkreist wird wie die 
Sonne von der Erde. Er ist der Trabant des Meisters und vor 
allem der Mittler, dessen Holmes schon darum bedarf, weil er 
durch Beruf und Würde verhindert ist, für sich selber zu sprechen.— 
Seit Conan Dohles Musterschöpfungen sind mehrere Detektivstars 
aufgetaucht, die den Glänz des großen Zweigestirns Holmes- 
Watson zum Verbleichen gebracht haben. Aber auch das Dickicht 
in der Welt ist mittlerweile undurchdringlicher geworden, und der 
hagere Engländer mit der Pfeife vermöchte es wahrscheinlich gar 
nicht mehr zu zerteilen. Dennoch wird ihm eine Ecke im lite 
rarischen Olymp gegönnt sein, ist er doch einer der letzten Gestalten, 
in denen der ideale Gentleman die Personifikation der idealen 
Aufklärung ist. Ar. 
Hraörennen in Wariendorf. 
Kein Sportbericht. 
Lr Berlin, im Juli. 
Mariendorf: ein Berliner Vorort, südlich von Tempelhof. Eine 
jener endlosen, schnurgeraden und viel zu breiten Straßen führt 
dorthin, die den Außenbezirken aller Weltstädte gemeinsam sind. 
Ihr Fuhrverkehr ist so unregelmäßig wir ihre Bebauung. Links 
im Hintergrund der Flugplatz, später Siedlungen, eine Art von 
Hochhaus, freies Land. Am Ziel stauen sich Trambahnen, Omni 
busse, Wagen; es ist, als hielten sie einen Fahrzeugkongreß ab. 
Eismänner, Brezelweiber und Zeitungsverkäufer harren in der 
Spätnachmittagshitze aus, die sich dick anfühlt und nicht abfließen 
will. Auf den Zehenspitzen scharen sich ein paar Leute um irgendein 
Astloch im Bretterzaun, hinter dem das Dab-Dab von Pferdehufen 
ertönt. 
* 
Ich bin, zu meiner Schande sei es gesagt, noch nie bei einem 
Pferderennen gewesen, geschweige denn bei einem Trabrennen 
Es ist schön, von einer Sache gar nichts zu verstehen, man versteht 
sie dann unter Umständen viel besser. In der parkähnlichen Anlage 
beim Eingang entfalte ich die soeben erstandene Rennzeitung, 
aber sie gleicht aufs Haar dem Handelsteil der Tageszeitungen, 
eine mit Kennworten und Ziffernkolonnen bedeckte Seite, deren 
Geheimnissen ich schlechterdings nicht gewachsen bin. Viel be 
kannter schön, ja geradezu vertraut muten mich die Tribünen an, 
der kleine Holz- und Glasturm und das Rasenrund mit der grünen 
Baumfolie am Horizont und dem weiten Himmel darüber. Wo 
sind wir uns nur früher begegnet? Im allgemeinen bin ich durch 
den häufigen Kinobesuch gegen Überraschungen gefeit, und exotische 
Landschaften etwa verblüfften mich nicht im geringsten. Hier 
dagegen verwirklichen sich weniger Filmeindrücke als impressio 
nistische Bilder. Diese Freiluftgruppen, diese Glasschürzen, diese 
Farbskalen: auf vielen Gemälden habe ich sie erblickt. Der Im 
pressionismus, dem die meisten Gegenstände gleich wert waren, 
hat die Welt der Rennbahn so gründlich ausgeschöpft, daß sie 
mit keinen anderen Augen mehr betrachtet werden kann. 
M 
Ein Rennen beginnt, das heißt, es beginnt noch lange nicht, 
sondern die Jockeys fahren willkürlich in der Bahn umher, mit 
Nummern versehene Jockeys in rot, gelb, grün auf niedlichen 
Wägelchen. In der Nähe des wichtigen Türmchens gehen zwei 
große weiße Tafeln in die Höhe, und die Wettlustigen streichen 
sich in der unverständlichen Zeitung Namen und Ziffern an. End 
lich wird an einer entfernten Stelle bis drei gezählt und wie beim 
Stiergefecht ein roter Lappen geschwenkt. Ich verfolge an der Bar 
riere das Dab-Dab der Pferde. Eins macht einen besonders starken 
Eindruck aus mich, aber gerade dieses eine wird disqualifiziert, 
weil es springt, wo doch nur getrabt werden darf. Neben mir 
schwört eine Frau auf einen Jockey, der immer im Hintertreffen 
bleibt. „Sie kennen ihn nicht," sagt sie über mich weg zu meinem 
Nachbarn, „ das ist alles nur Taktik." Mich beachtet die Frau 
überhaupt nicht; offenbar gibt es geheime Merkmale, an denen 
sich die Habitues untereinander erkennen. Vielleicht hat der Jockey 
wirklich gewonnen, ich weiß es nicht, denn das Rennen ist vor 
über, ehe es eigentlich angefangen hat. Nachher wird durch den 
Lautsprecher das Resultat verkündigt und die ganze Publikums 
fläche mit Musikstücken bedeckt. Alten Reitermärchen und aus der 
Cavalleria. Man kann sich die Welt kaum noch ohne Lautsprecher 
denken. 
* 
Die Pausen sind ungleich ausgedehnter als die Rennen selber, 
ohne doch arm an Inhalt zu sein. Schon allein das Publikum 
füllt sie hinreichend aus. Es ist bei diesen Trabrennen eine merk 
würdige Legierung aus eleganten Interessenten beiderlei Ge 
schlechts und einer weniger mondänen Menge in betonten Feier 
tagskleidern. Ein vierschrötiger Herr mit rechteckigen Kinnbacken 
walzt zur Totalisatorbude hin, die wie eine Garderobe für abstrakte 
Gegenstände aussieht. Dort wird er den Zehnmarkschein anbringen, 
den er bereits lang vorm Ziel der Hinteren Hosentasche entnommen 
hat. Wird er tatsächlich? Er hält ihn in der Hand, weicht wieder 
zurück, bleibt zögernd stehen, liebkost das Scheinchen und trabt 
schließlich nach einem gewaltigen Seelenkampf siegreich vorwärts 
Beleibte Männer wie er sind in großer Zahl auf dem Platz, und 
ich wundere mich solange über ihre schlachtgewohnten Erscheinungen, 
bis mir ein Fachmann mitteilt, daß der Trabrennsport bekanntlich 
aus den Kreisen der Schlächter und Bäcker hervorgegangen ist. Sie 
haben ihren ganzen Anhang mitgebracht: Mütter, Tanten und 
Nichten, denen niemand die Routine zutraute, mit der sie die 
Rasenereignisse begutachten. Meinungen und Gegenmeinungen 
werden in einem reizenden, von Endell erdachten Gartenrestaurant 
laut, einer terrassenförmigen Anlage, die so komponiert ist, daß 
immer eine Blumenreihe mit einer Reihe menschlicher Köpfe ab- 
wechselt. Von den Tischen aus übersieht man die ebenmäßig ge 
formte Bahn, auf die gerade ein Gießwagen seinen transportablen 
Wasserfall niederschickt. In der Luft surrt es, obwohl sich zufällig 
kein Flugzeug blicken läßt. Aber es gibt so viele Motorräder auf 
der Welt. 
* 
Während der Abend seine Vorbereitungen trifft, findet ein 
Rennen statt, bei dem die Hälse der Zuschauer aus den Körpern 
fahren und die Augen aus den Köpfen. Der Favorit ist ein be 
rühmter Rappe, der zwischen Start und Ziel hundert Meter auf- 
zuholen hat. Sein Jockey triumphiert unter dem Jubel der 
Tribünen. Er macht es wirklich mit der Taktik: Am Anfang 
schießt er vor, dann spart er seine Kräfte, und erst zuletzt gibt er 
alle Reserven her. In der Dunkelheit, die nun den Tag Zu über- 
wältigen droht, entzünden sich die elektrischen Bogenlampen. Ein 
wunderbares Schauspiel hebt an: die Rennbahn leuchtet, sie ist 
ein leuchtender Riesenring, der frei in der Liefen Bläue des 
Himmels schwebt. Ein Turm im Norden erglüht, Helle Perlenketten 
schimmern an den Pavillons, die Jockeys glänzen bunt, und fremde 
Geräusche füllen die Nacht. Ich gehe vorm Ende. Auf der billigeren 
Tribüne am Ausgang drängen sich junge Burschen; vermutlich 
Arbeiter aus den Fabriken. Die Trambahnen, Omnibusse und 
Wagen draußen halten noch immer ihren Kongreß ab. Solist es 
aber bei allen Kongressen: die Leute können nicht aufhören zu 
reden
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        getreu zu übernehmen. Sie vollzieht sich Zum größten Teil in einem 
Gerichtssaal, dessen altfränkische Nüchternheit eine ausgezeichnete 
Folie ist. Der Regisseur Gustav Ucickh zeigt ihn in den ver 
schiedensten Perspektiven, sucht überhaupt nach Möglichkeit die 
Effekte der Sprache durch die filmischen zu ergänzen. So läßt er 
während mancher Reden von der Richterbank den Blick über die 
Zuschauermenge gleiten; unterbricht sinngemäß die Verhandlung 
durch Bilder von der Versteigerung; schaltet einen Lokaltermin 
auf schaukelnden Kähnen ein, der seine Komik rein aus der Bild 
montage herleitet. Wo die Mittel der Regie versagen, helfen die 
Darsteller weiter. Otto Wallburg stolpert wieder einmal über sämt 
liche Worte, Gustav Gründgens verkörpert den messerscharfen 
Staatsanwalt, Oskar Homolka präsidiert mit dunkler theatra 
lischer Würde dem Gericht und Kurt Lilien berlinert, daß man 
seine Freude daran hat. Die Favoriten sind Willy Fritsch und 
Lilian Harvey, die diesmal, eine niedliche Garbo-Imitation ist. 
Daß die schauspielerischen Leistungen einigermaßen gerundet sind, 
ist nicht zuletzt der außerordentlich vervollkommneten Klangfilm 
Apparatur zu danken, die zwischen dem Flüsterwort und der er 
hobenen Sümme neuerdings eine Menge von Nuancen gestattet. 
Auf dem Weg, den die Ufa mit „Hokuspokus" eingeschlagen hat, 
kommt man freilich nicht weiter. Denn dieser Film ist gar kein 
Film, sondern ein auf die Leinwand gezerrtes Theater. Seine 
Personen benehmen sich wie auf dem Podium, seine Szenenfolge 
gehorcht, von wenigen Montageeinheiten abgesehen, den Gesetzen 
der Bühne und seine Spannung entspringt dem Wort. Der Ton 
film aber kann nur Zu sich selber gelangen, wenn er sich die Mög 
lichkeiten des stummen Films zunutze macht, statt sie einfach bei 
seite zu schieben. 
Alte stumme Filme 
sind jetzt in Berlin wiederholt gelaufen. Da die neue Produktion 
fehlt, ist man gezwungen, mit der alten die Lücke zu stopfen. So 
wurden der unvergeßliche Film: „Zwei junge Herzen" von 
Paul Fejos und Fehders: „C rai n q u eb ille" aus der Ver 
senkung geholt. Der Vergleich mit ihnen fällt zuungunsten der 
Tonfilme aus. Wo ist der freie weite Bildraum hingekommen, 
den jene stummen Filme erschlossen, Wo steckt die anonyme Menge, 
die in ihnen sichtbar wurde, wo das Stadtlabyrinth, das sie 
durchschweiften? Es wird die nächste Aufgabe des Tonfilms sein, 
sich alle die Reiche zurückzuerobern, die wir vor kurzem noch im 
Kino besaßen. 
Lr Berlin, im IM. 
Am eritani scher Fusel. 
Ob der neue, jetzt ins Capitol eingezogene AlIolson - Film: 
„Sag' es miL Lied ern" genau so minder ist wie „Lonn^ 
oder gar noch weniger taugt, «wage ich nicht M entscheiden. Lieber 
möchte ich Zu erklären versuchen, in welchem Klima so ein Tränen- 
imd Sonnenerzeugnis überhaupt gedeihen kann. Seine unerläßliche 
Voraussetzung ist Zweifellos das New Wörter MenschMgewimmel. 
Es wird in die Untergrundbahnen gequetscht, von der Geschäftshast 
vernutzt und durch den Radau malträtiert. Da das äußere Leben 
diese Menge tagsüber aufreibt, verlangt sie Zur Entschädigung in 
den Mußestunden nach dem inneren. Abgespannt, wie sie ist, ver 
mag sie aber nur gerade seinen Ersatz zu genießen, mit dem sie sich 
um so eher begnügt, als ihr andere Tröstungen durch die Prohi- &amp;gt; 
bition verwehrt sind. Die Mission des Alkohols erfüllt der Fusel 
fürs Gemüt. 
Was dem Broadway recht ist, ist im Umkreis der Kaiser- 
MHelms-Gedächtniskirche zu billig. Der Film fängt zwar ganz 
nett damit an, daß Al Jolson Reklamelieder auf Autos, Seifen 
usw. ins Mikrophon singt, geht aber dann schleunig in eine Ehe 
geschichte von unerträglicher Rührseligkeit über, aus der er sich, 
nicht mehr herausfindet. In ihrem Verlauf wandert unser 
Publikums liebling unter anderem ins Zuchthaus, wo er unauf 
hörlich schluchzen und während des Schluckens singen muß. Ganze 
Lrünenbüche entstehen Damit sie nicht vorzeitig versiegen, muß 
noch der von früher her bekannte sonnzs sein Köpfchen in 
Großaufnahmen Hinhalten und mit dem Sümmchen krähen. 
Wurden früher die Kinder Zur Fabrikarbeit verwandt, so dient 
heMe ihre Unschuld den Erwachsenen als Rauschmittel. Kaum 
Kne Wochenschau kommt bereits ohne Babies aus. 
Noch dazu ist dieses heulende Elend schlecht hergerichtet. Offen 
bar hat die Inanspruchnahme Al Jolsens so viele Dollars ver 
schlungen, daß für die Aufmachung nichts mehr übrig geblieben 
ist. Im Vertrauen auf den Liedersegen am laufenden Band sind 
ein paar langweilige Hintergründe aufgebaut, vor denen sich die 
Kamera nicht vom Fleck rührt. Der für deutsche Ohren zu rasch 
gesprochene amerikanische Text wird durch sie nicht amüsanter. 
Ueberdies ist die Wiedergabe des Tons trübe und viel undeutlicher 
als etwa im jüngsten Ufa-Tonfilm: 
„Hokuspokus", 
der nun endlich den „Blauen Engel" aus dem Gloria-Palast ver 
trieben hat. Leider ist der Blaue Engel nicht unverzüglich in den 
Filmhimmel entschwebt, sondern hat seine irdische Behausung 
einige Schritte weiter am Kurfürstenkamm aufgsschlagen Wahr 
scheinlich ist er aber auch der einzige Engel, der den Kurfürsten 
damm unsicher macht. 
„Hokuspokus", nach dem oft aufgeführten Bühnenstück von Curt 
Goetz gedreht, ist ein sauberer, geschickt arrangierter Unterhaltungs 
film, der unstreitig Erfolgschancen bietet. Sie sind ihm mehr Zu 
gönmn als dem Henny Porten-Lustspiel: „Skandal um Eva", 
das trotz oder wegen seiner stickigen Atmospäre noch immer aufs 
Publikum wirkt. Bei Goetz kann man doch atmen. Der Hokuspo 
kus, den er treibt, besteht darin, daß die junge Frau eines Malers 
des Mords an ihrem Mann bezichtigt wird, der aber den Mord 
nur fingiert hat, um als vermeintlich toter Künstler seine Bilder 
besser loszuschlagen. Da das Stück nicht nur theatermäßig zuge 
schnitten ist, sondern auch die Hauptpointen im Dialog hat, der 
den Indizienbeweis harmlos verulkt, blieb den Manuskriptver 
fassern nichts anderes übrig, als die Bühnenhandlung ziemlich
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        S. Kracauer. 
wirklich nicht genau. 
Paares, das stch gestritten haben mochte und nun Arm in Arm 
zwischen Mond und Asphalt lustwandelte. Das dritte Mal bedeutete 
der Schrei zweifellos Mord. Ich lief um die Ecke, kaum daß ich 
ihn vernahm, und verdoppelte meine Anstrengungen, als ich mit 
mir noch andere Leute laufen sah. Wir überquerten den- Fahr- 
damm und bogen in die Straße ein, aus der das Schreien ge 
drungen war. Dort blickten uns die wenigen Fußgänger verwundert 
nach. Sie schlenderten langsam. Eine Tür fiel vor uns ins Schloß. 
Heute vermute ich, daß nicht die Menschen in diesen Straßen 
schreien, sondern die Straßen selber. Wenn sie es nicht mehr er 
tragen können, schreien sie ihre Leere heraus. Aber ich weiß es 
Schreie auf der Straße. 
Berlin, im Juli. 
Die Straßen im Westen Berlins sind freundlich und sauber, sie 
haben eine gehörige Breite, und oft reihen sich nette grüne Bäumchen 
vor ihren Häusern. Aber trotz des angenehmen, ja herrschaftlichen 
Eindrucks, den sie machen, wird man nicht selten ohne jeden Anlaß 
von einem panischen Schrecken in ihnen erfaßt. Woher er stammt? 
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß sich manchmal, wenn ich die 
mir gewohnten Straßen kreuze, die Angst meiner bemächtigt, es 
müsse sich unverzüglich ein Auflauf bilden und irgendetwas 
Schlimmes geschehen. Vielleicht rührt die Angst daher, daß sich diese 
Straßen in der Endlosigkeit verlieren; daß sie von Omnibussen 
durchrattert werden, deren Insassen während der Fahrt nach ihrem 
entlegenen Bestimmungsort auf die Landschaft der Trottoirs, der 
Schaufenster und der Balköne so gleichgültig herabblicken wie auf 
ein Flußtal oder eine Stadt, in der sie nie auszusteigen gedenken; 
daß sich eine zahllose Menschenmenge in ihnen bewegt, immer neue 
Menschen mit unbekannten Zielen, die sich überschneiden wie das 
Liniengewirr eines Schnittmusterbogens. Jedenfalls ist mir mit 
unter, als läge an allen möglichen verborgenen Stellen ein Spreng 
stoff bereit, der im nächsten Augenblick eine Explosion hervor- 
rusen kann. 
Mit unverminderter Deutlichkeit erinnere ich mich an einen 
Abend im Umkreis der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Wir saßen 
in einer kleinen Gesellschaft zusammen, als ich auf einmal merkte, 
daß die weite Platzfläche einen Skandal ausbrütete. Es ereignete 
sich nichts, kein Glas klirrte, und die Autos beschrieben wie sonst 
ihre Bahnen. Aber jene Atmosphäre, die nachmittags verbrauchte 
Menschenmassen und abgewetzte Hausfronten zu umlagern Pflegt, 
war mit einer unerträglichen Spannung geladen. Nach einer kurzen 
Atempause brach dann auch richtig ein Krach herein. Ein national 
sozialistischer Trupp — die Leute trugen damals noch Uniform — 
glaubte sich von den Gästen im Cafe verhöhnt, stieg über die 
Brüstung und begann zu Loben. Zuletzt rückte die Schupo an, die 
den Frieden herstellte... 
Doch ich hatte eigentlich nicht diesen Krach erwartet, sondern 
einen anderen, der gar keine bestimmte Herkunft hätte haben dürfen, 
und der nun wahrscheinlich nur darum nicht eintraf, weil durch den 
nationalsozialistischen Radau die Luft bereits wieder gereinigt 
worden war. 
Gewiß, es gibt ganze Stadtteile, denen der durchdringende 
Geruch politischer Krawalle anhaftet; Neukölln etwa ^vder der 
Wedding. Ihre Straßen sind von Natur aus Aufmarschstraßen, 
und auch im Einerlei des Alltags bedarf es keines besonderen 
Ahnungsvermögens, um zu spüren, daß Arbeiterdemonstrationen 
für sie ein häufiges Schauspiel sind, daß sich zu manchen Stunden 
sämtliche Fenster mit Weibern und Kindern füllen, die auf das 
Gewoge unter ihnen starren, daß der gleichmäßige Schritt vieler 
Tausende immer wieder die Häuser erzittern läßt, daß Prokla 
mationen und rote Fahnen unaufhörlich an den grauen Wänden 
vorübergleiten. Aber diese Szenen haben einen greifbaren, einen 
beinahe nüchternen Inhalt, der sich auch den Straßenzügen mit- 
teilt,^ in denen sie vor sich gehen. Zum Unterschied von solchen 
Räumen flößen jene Straßen des Westens ein Grauen ein, das 
gegenstandslos ist. Weder werden sie von Proletariern bewohnt, 
noch sind sie Zeugen des Aufruhrs. Ihre Menschen gehören nicht 
Zusammen, und es fehlt ihnen durchaus das Klima, in dem ge 
meinsame Aktionen entstehen. Man erhofft hier nichts voneinander. 
Ungewiß streichen sie hin, ohne Inhalt und leer. 
Ist es diese Leere, die sie für Sekunden so unheimlich macht? Ich 
wiederhole, daß ich es nicht weiß. Ich kann nur sagen, daß die 
Tauentzienstraße bös in der Sonne glitzert wie ein unmenschlicher 
Feind, und daß sich in allen den Straßen, die ich meine, ab und zu 
eins Erregung ansammelt, die, zur Sichtbarkeit gezwungen, dem 
wütenden Zickzackheer der SchniLLmusterlinien gleichen müßte. Und 
ich weiß auch, daß in der Nachbarschaft des Kurfürstendamms, dort, 
wo Kinder hinter den offenen Parterrefenstern arbeiten oder ein ' 
Tierarzt den Hund, den er gerade behandelt, im Vorgarten spazie 
ren führt, von Zeit zu Zeit merkwürdige Schreie zu hören sind. In 
drei verschiedenen Sommernächten habe ich die Schreie gehört. Sie 
Zeichnen sich dadurch aus, daß man nie ihren Grund erfährt. Das 
erste Mal, als der Schrei ertönte, ging ich ihm nach und stieß auf 
einen Betrunkenen, der stumm davonschwankte, sobald ich in seiner 
Nähe war. Das Zweite Mal schwebte der Schrei — es mußte der 
gellende Schrei eines Mädchens sein — oberhalb eines jungen 
Aas Werkiner Kyrenmat. 
Vorläufige Bemerkungen. 
Lr Berlin, im Juli. 
Wie wir mitgeteilt haben, ist in dem Wettbewerb, der zur 
Umgestaltung der Schinkelschen Neuen Wache in eine Gedächtnis 
stätte für die Toten des Weltkrieges ausgeschrieben war, die Ent 
scheidung des Preisrichterkollegiums gefallen. Sechs bekannte 
Architekten waren zur Teilnahme aufg fordert. Die Gutachter, 
zu denen unter anderem der Reichskunstwart Dr. Redslob, 
Generaldirektor Wätzoldt und Professor Wilhelm Kreis gehörten, 
haben Professor Heinrich Tessenow mit dem ersten Preis bedacht, 
den Architekten Mies van der Rohe an zweiter und Professor 
Pölzig an dritter Stelle ausgezeichnet. Die Wahl des zur Aus 
führung bestimmten Entwurfes liegt nunmehr beim Ministerium 
und wird in diesen Tagen erfolgen. Sofort danach werden auch 
die Arbeiten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 
Ausgelobt worden ist der Wettbewerb von den Regierungen des 
Reiches und des preußischen Staats. Sie mochten nicht zu Unrecht 
der Auffassung sein, daß der Schinkelbau in mehrfacher Hinsicht 
für seinen neuen BestimmungsZweck geeignet ist. Er liegt inr 
Stadtkern, an einem der repräsentativsten Orte Berlins. Ferner: 
er ist, nicht anders wie das Grab unter dem arc de triomxke, 
dem weltstädtischen Verkehr ausgesetzt und ihm zugleich durch das 
Kastanienwäldchen entzogen. Hinzu kommt die klassische Form des 
Monuments, die sich dem Bewußtsein des In- und Auslandes ein 
geprägt hat und selbstverständlich unverändert beibehalten wird. 
So wie der historische Schinkelbau sich äußerlich darbietet, ist 
er zweifellos eine anständige Hülle für die Gedächtnisstätte, zu der 
sein seit langem unbenutztes Innere umgewandelt werden soll. 
Aber bedarf es denn jetzt und gerade in unserer Situation 
eines solchen Erinnerungszeichens? Die Antwort auf diese ver 
trackte Frage kann hier dahingestellt bleiben. Tatsache ist jedenfalls, 
daß der Gedanke des Ehrenmals die deutsche Öffentlichkeit viel 
Zu sehr beschäftigt hat, als daß ihm nicht in irgendeiner Weise 
Rechnung getragen werden müßte. Das Berliner Projekt kommt 
ihm entgegen. Es wäre vollends gerechtfertigt, wenn durch seine 
Verwirklichung der unglückliche Plan eines Reichsehrenmals nun 
endgültig von der Bildfläche verschwände. Man könnte dann aber um 
so leichter auf ihn verzichten, als die Schinkelsche Wache nicht nur 
ein lokales Architekturerzeugnis ist, sondern ein großes Werk 
deutscher Baukunst. Wird es den Gefallenen des Weltkriegs ge 
weiht, so -ehrt in ihm das ganze Reich seine Loten. 
Wir haben einstweilen die preisgekrönten Entwürfe noch nicht 
gesehen. Es ist anZunehmen, daß sie verschieden beschaffen sind, 
daß der eine vielleicht eine Monumentalität erstrebt, die der andere 
zu vermeiden sucht. Jenen Stellen, die sich jetzt über die von den 
Gutachtern ausgewählten Lösungen schlüssig werden müssen, möch 
ten wir in letzter Stunde Zu bedeuten geben: daß uns nur das 
Einfachste, das unwilhelminisch Schlichte gemäß ist. Weder steht 
uns heute die monumentale Geste Zu, noch verfügen wir über die 
Sprache der Symbolik. Deutschland ist arm wie Zu Schinkels Zei 
ten und muß arbeiten. Unstreitig wird der Entwurf der beste sein, 
der sich jeder falschen Großartigkeit enthält, der so nüchtern ist, wie 
wir sein sollen, und nicht mehr darstellen will, als uns zukommt. 
5L^-52^t.
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        Co 
AMERIKA IN EUROPA 
möchte Lewis die 
ausrunden und hat 
einzig passende Folie, so 
fremde Umwelt plastischer 
ihm 
Ein 
daß 
ben 
und 
lieh 
einen idealen Amerikaner zu fabrizieren. 
Erziehungswerk, das damit gekrönt wird, 
der in Europa sichtlich gereifte Sam drü- 
in Zenith eine Siedlung zu bauen beschließt 
sich eine neue Frau wählt, die nun wirk- 
seiner wert ist 
„Er war kein Babbitt", behauptet Sinclair 
Lewis von dem Helden seines Romans: „Sam 
Dodsworth“ (Ernst Rowohlt Verlag, Berlin. 
621 Seiten. Geb.10). Aber ich glaube, hier 
in irrt Sinclair Lewis, der es doch eigentlich 
wissen müßte. Das kommt daher, daß er in 
diesen Sam Dodsworth vernarrt ist und im Be 
dürfnis, Sympathien für ihn zu werben, seine 
Babbitt-Natur am liebsten verleugnen möchte. 
Ueberdies scheint Lewis längst nicht mehr jenen 
Zwang zur Gesellschaftskritik zu spüren, aus 
dem heraus er einst die Babbittgestalt schuf. 
Er hat offenbar auf den rechten Weg gefunden 
und sein Zelt mitten in der besseren Gesellschaft 
aufgeschlagen. Aus dem Erfinder des Babbitt 
ist, seinem neuen Buch nach zu schließen, ein 
Sittenschilderer geworden, so eine Art Humo 
rist von angelsächsischer Breite. 
Als eine Darstellung des amerikanischen Pri 
vatlebens in gehobener bürgerlicher Sphäre ist 
der Roman immerhin interessant. Sinclair 
Lewis beehrt sich in ihm vorzustellen: den fünf 
zigjährigen Autofabrikanten Sam Dodsworth, der 
sich in einigen Jahrzehnten ununterbrochener 
Arbeit Vermögen und städtisches Ansehen er 
worben hat, und seine Frau Fran, die während 
dieser Zeit das Muster eines Eheweibs gewesen 
ist. Zwei Kinder sind dem geregelten Haushalt 
entsprossen, und so wäre alles in Ordnung. Daß 
es mit der Ehe durchaus nicht in Ordnung war, 
will Sinclair Lewis beweisen. Seine Absicht ist, 
die Leere jener typischen Lebensgemeinschaft 
aufzudecken, die durch den Alltag ums Leben 
kommt. Es bedarf eines Tricks, um den Plan 
zu verwirklichen. Denn blieben die 1 eiden bra 
ven Leute bis zum Lebensende in Kirer Heimat 
stadt Zenith, so machte Fran weiter in Wohl 
tätigkeit und Sam hörte nie auf, Golf zu spielen 
und mit den Freunden wichtige Männerge 
spräche zu führen. Was tut also Lewis? Er 
schickt die altbewährten Ehepartner auf Reisen. 
Die Hauptpersonen durchschweifen ein inter 
nationales Ensemble von Nebenfiguren, und die 
dünne Fabel wird durch Unterhaltungen über 
europäische und amerikanische Zustände be 
trächtlich verdickt. Was Europa betrifft, so ist 
es in der Hauptsache vom Standpunkt der ameri 
kanischen „Expatriierten“ aus gesehen, jener 
zahllosen Leute, die nach dem alten Kontinent 
kommen, um dort das Leben zu erlernen. Das 
heißt, es ist so gut wie gar nicht gesehen, oder 
doch nur von den Hotels und den Vergnügungs 
lokalen ^us und auf Grund zufälliger gesell 
schaftlicher Erfahrungen. London, Paris, Vene 
dig, Berlin ist in dieser Sphäre so ziemlich ein 
und dasselbe. Aber zugegeben selbst, daß das 
ganz zum kleinen Hintergrund eingeschrumpfte 
Europa ein beachtlicher Gegenstand ist, es kann 
noch viel genauer nicht gesehen werden als hier 
bei Sinclair Lewis. Seine europäischen Studien 
ertragen nicht den Vergleich mit denen Heming 
ways, der in seinem (ebenfalls bei Rowohlt er 
schienenen) Roman: „Fiesta“ mit wundervollem 
Zynismus Europa zur eindimensionalen nichts 
sagenden Blech-Schablone verflacht. Gibt er mit 
ihr dem Nachkriegsbummler aus U. S. A. die 
De 
Von S. Kracauer. 
widerwillig das Geschenk einer Freiheit an- 
nimmt, die ihm nichts bedeutet, gibt sich Fran 
gern allen Reizen hin, mit denen die Arrivierten 
und die reichen Müßiggänger in Europa das Da 
sein auszustatten pflegen. Sie ist stolz darauf, 
von den mehr oder weniger zweifelhaften Ver 
tretern der großen Kulturnationen als ihres 
gleichen anerkannt und als Weib bewundert 
zu werden, und weist sie auch noch in London 
den ersten Liebhaber entrüstet ab, so macht sie 
doch später in Paris vorn zweiten Gebrauch. 
Allmählich zerfällt die Ehe, die keine war. Unser 
pädagogischer Autor hält es aber nicht mit 
Fran, die er zum Opfer ihrer Eitelkeit werden 
läßt, sondern sucht um jeden Preis seinen Bab 
bitt heil durch die Freiheit zu führen und aus 
In Europa hebt das Jammern an. Man er 
kennt, daß man an der Grenze des Alters steht, 
ohne die Jugend genossen zu haben, und es ge 
schieht, was geschehen muß. Während Sam, aus 
dem gewohnten Trott herausgerissen, den Bo 
den unter den Füßen schwanken fühlt und nuri 
doch nicht die Mittel dazu. Die Bilder etwa, die 
er vom Berliner Leben entwirft, sind unscharf 
eingestellt und halten gerade ihres Anspruchs 
auf Inhaltlichkeit wegen nicht stand. Lehrreicher 
ist schon, wie er vom vermeintlich eroberten 
Europa aus die eigene Heimat erblickt. Der 
eben nach New York zurückgekehrte Sam findet, 
daß die Menschen hier „mit dem absurden Eifer 
von Insekten durcheinander wimmeln“, und ein 
amerikanischer Auslandskorrespondent in seiner 
Gesellschaft erklärt, nach seinen Reisen durch 
Europa und Asien dahingekommen zu sein, „daß 
wir das ganze Gehetze, das ganze Gedränge in 
der Untergrundbahn, das Gerufe vor den Fahr 
stühlen nur haben, damit wir mit etwas be- 
scnäftigt sind und davor bewahrt bleiben, etwas 
zu tun!“ Besonders ernst sind allerdings diese 
Erkenntnisse nicht zu nehmen, da sie vor dem 
Anprall des amerikanischen Tumults rasch wie 
der verblassen. Sie gleichen zahmen Arabesken, 
mit denen die wortreiche Geschichte des Eheun 
glücks verziert ist. 
* 
Auch als Romancier verfährt Lewis diesmal 
ein wenig obenhin. Er' gestattet seinen Men 
schen, mehr zu schwatzen, als zu ihrer Charak 
teristik oder im Dienst der Sache erforderlich 
wäre, wiederholt zu häufig und .immer mit der 
selben Ausführlichkeit ähnliche Situationen, läßt 
Episodenfiguren in einer Breite auftreten, die 
weder durch ihre kompositionelle Bedeutung 
noch durch die Exaktheit ihres Umrisses ge 
rechtfertigt ist, und dringt selten bis zu der 
Schicht vor, in der echter Humor erst anzu 
greifen hätte. Soweit man nach der Uebersetzung 
urteilen darf, die einen mittelmäßigen Eindruck 
macht, glücken ihm nicht oft Formulierungen 
wie diese: „Die Comtesse de Val Montique, die 
in Chikago geboren war, neun Millionen Dollar, 
zwei Chteaux und Teile eines schon auflackier 
ten Gatten besaß...“ Dennoch ist das Buch 
immer noch von Sinclair Lewis und als eine 
unterhaltende Lektüre zu empfehlen, die den 
Leser auf amüsante Weise mit amerikanischen 
Verhältnissen und europäischen Bummlerexisten 
zen bekannt macht. Wir wünschten nur, daß 
nach dieser leichteren Gabe das große Erzähler 
talent von Sinclair Lewis sich wieder die Ziele 
steckte, die ihm von Rechts wegen zukommen. 
. S. Kracauer.
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        relief des Reichsadlers vorgesehen. Es werden die gedanklichen 
Motive der .Komposition gewesen sein, die den ReichskunstwarL 
Dr. Redslob, den Berliner Stadtbaurat Wagner und den Mini 
sterialdirektor Kießling dazu veranlaßt haben, sich für sie auszu- 
sprechen. Wäre nur etwas mit solchen Intentionen -getan! Wie 
faßlich immer sie sind, ihre Durchführung ist zweifellos fragwürdig. 
Nicht so, als ob es Mies van der Rohe am Können gebräche; aber 
die Macht, in Symbolen zu sprechen, hängt nicht allein vom künst 
lerischen Vermögen ab, sondern von Bedingungen, über die der ein 
zelne keine Gewalt hat. Vielleicht hat der Künstler diese Bedingungen 
für gegeben erachtet. Daß sie es nicht sind, beweist sein Entwurf.Wider' 
jede Erwartung gleicht er nämlich gewissen komfortablen Vesti 
bülen, die der Stolz manchen Großunternehmens sind; wozu noch 
die Lichtröhren auf der Eingangsseite und die Tür im Hintergrund 
beitragen, die den Gedanken der Totenkammer halb und halb 
wieder aufhebt. So schlägt jedes objektiv nicht zureichend fun 
dierte Pathos in sein Gegenteil um. Aber es ehrt Mies van der 
Rohe, daß er mit seinen großen Mitteln das Unmögliche versucht 
hat. Er ist nur und erst dort gescheitert, wo wir alle zwangsläufig; 
scheitern und mußte wahrscheinlich für seine Person einmal die Er 
fahrung der Grenze machen. 
Professor Poelzig hat sich an die Forderung des Preis 
ausschreibens gehalten und ein unbedachtes Atrium errichtet. Zahl 
reiche Pfeiler, die oben frei endigen, umgeben einen kleinen Hof, 
in.dem sich ein Grab befindet. Die Pfeiler sind, offenbar der grö 
ßeren Feierlichkeit wegen, lang und schlank wie Spargel geraten 
und stehen nicht nur in keiner Beziehung zur Schinkelschen Außen- 
architektur, sondern widerstreben ihr sogar. Das Grab, auf das sie 
herabblicken, ist ein zweifelhaftes literarisches Apercu, das in der 
Diskussion ums Reichsehrenmal eine gewisse Rolle gespielt hat. 
Ein Naturgrab, dessen Erde den verschiedenen Schlachtfeldern ent 
nommen werden soll. Schlimmere Auswüchse hat die bei uns leider 
heimische Gesühlsverblasenheit wohl selten gezeitigt. Denn das 
Kriegergrab, in dem niemand liegt, wird gerade durch seinen Natu 
ralismus zur reinen Dekoration erniedrigt. Es ist weniger ein 
Symbol als eine peinliche Farge. Und wie hoffnungslos ist der 
abstrakte Wahn, durch die mechanische Addition der Schlachtfeld 
erden alle erdenklichen Trauermöglichkeiten befriedigen Zu können! 
Poelzig hat sich , nicht nur diese glorreiche Rechenkunst zu eigen 
gemacht, sondern läßt zum Ueberfluß auch'noch zwei mächtige 
Flammen aus den Eckpylonen der Fassade hervorschießen, die genau 
so nichtssagend sind wie die Grabkopie. Kurzum, der ganze Ent 
wurf ist ein gigantischer Leerlauf. 
Ein Wort noch zur nicht in Vorschlag gebrachten Arbeit von 
Peter Behrens. Sie ist kalt und kommt dem Thema mit 
bekannten Mitteln Lei, ohne sich in geistige^Unkosten zu stürzen. 
Vermutlich hat der Auftrag Behrens nicht recht gelegen. Daher 
die Farblosigkeit des Projekts und seine überlebte Haltum 
Hessenow baut das Berliner GyrenmaL 
Berlin, im Juli. 
Die Regierungen des Reichs und des preußischen Staates 
haben sich in dem Wettbewerb um das Berliner Ehrenmal, über 
den wir hier vor einigen Tagen berichteten, für die Ausführung 
des Entwurfes von Professor Tessenow entschieden. Man darf 
sie zu diesem Entschluß beglückwünschen. Von heute vormittag ab 
sind die eingereichten sechs Arbeiten im großen Saal des Herren 
hauses öffentlich ausgestellt. Auch ist schon ein Bauzaun um die 
Schinkelwache errichtet; ein sichtbares Zeichen dafür, daß mit der 
Ausführung bald begonnen werden soll. 
Ich möchte, ehe ich auf die von den Gutachtern ausgezeichneten 
Arbeiten eingehe, die in der Tat auch die besten sind, die all 
gemeine Bemerkung vorausschicken, daß die Aufgabe eines Ehren 
mals in unserer gegenwärtigen Situation kaum zu bewältigen ist. 
Gewiß, man kann pathetische Denkmäler aufrichten und die ihnen 
zügeschriebene Bedeutung durch irgendwelche Sinnbilder unter 
stützen — aber hatten wir nicht an unseren Bismarcktürmen 
genug? Es ist nun einmal so: die positive Aussage ist uns zur 
Zeit nahezu völlig verwehrt. Weder ertragen wir- sie in der litera 
rischen Sprache noch in der Sprache der Architektur. Daß die 
modernen Kirchen wie Getreidesilos oder wie Bahnhöfe aussehen, 
ist sicher kein Zufall, und ebenso ist durchaus in der Ordnung, daß 
gerade die reinen Zweckbauten, die nur der nüchternen Praxis 
dienen, noch am ehesten den Eindruck zweckfreier Gestaltungen 
erwecken. Sie sind die einzigen echten Monumente der Zeit. Woher 
das rührt. In Deutschland unter allen Umständen daher, daß wir 
in bezug auf die wichtigsten Lebensverhältniffe viel zu uneins sind, 
nm uns in einer Erkenntnis, die alle verbände, wieder zu finden. 
Sie wäre nicht wirklich für uns. Sie mag erstrebt werden, aber 
sie ist nicht vorhanden. Nur um eine Notlösung kann es sich also 
bei dem Ehrenmal handeln. Nicht die beflissene Darstellung seines 
Gehalts ist geboten — was wissen die meisten Menschen heute vom 
Tod? —, sondern die äußerste Enthaltsamkeit ihm gegenüber. Eine 
Gedächtnisstätte für die Gefallenen im Weltkrieg: sie darf, wenn 
wir ehrlich sein wollen, nicht viel mehr als ein leerer Raum sein. 
Das eben ist der Anstand des Dessen owschen Entwurfes, 
daß er nur geben möchte, was wir besitzen. Von den Gutachtern 
haben ihn Generaldirektor Waetzoldt, Professor Kreis, Ministerial- 
rat Bchrendt, Karl Scheffler und Ministerialmt Rudelius vom 
Reichswehrministerium seiner Einfachheit, seiner allgemeinen 
Verständlichkeit und seiner MbereinstimmM mit dem Schin'kel- 
bau wegen an erster Stelle empfohlen. Das Kollegium hat sich 
in diesem Falle (wie auch bei ein paar anderen Entwürfen) von 
der Auslobung emanzipiert, in der erklärt wird: „Die vorhandene 
Grundrißanlage und die Zweckbestimmung sprechen dafür, den 
Mittelpunkt der Gedenkstätte unter freiem Himmel, in einem kleinen 
Hof, anzuordnen. Der Gedanke einer atriumartigen Anlage ist 
daher der Lösung Zugrunde zu legen." Eine Vorschrift, deren 
Befolgung, wie die Beispiele Zeigen, zu keiner glücklichen Lösung 
geführt hat. Tessenow ist von ihr Zugunsten eines nackten Jnnen- 
raumes abgewichen, dessen Wände den schönen SteinschniLL der 
Schinkeff wiederholen. Sonst fehlt es der Halle Ganz an 
Symbolen und Ornamenten. Das heißt, um nicht zu unter- 
Lreiben: in ihrer Mitte erhebt sich ein simpler Block, der einen 
Kranz trägt. Diese höchst unprätentiöse Angelegenheit ruht im 
Licht, das auf sie aus der kreisrunden Deckenöffnung fällt, deren 
Gewände mit den Jahreszahlen des Kriegs versehen sind. Außer 
dem stehen noch zur Rechten und zur Linken des Kranzsockels 
zwei Leuchter, die dünn in die Luft ragen. Das ist nicht viel, 
das ist sogar sehr wenig; aber es ist in Anbetracht unseres augen 
blicklichen Wirtschafts- und Geisteslebens gerade genug. Die 
gute Bescheidenheit Tessenows hat den Schmuggel mit meta 
physischer Konterbande Zu vermeiden gewußt und sich auf die 
würdige Proportionierung des Gedächtnisortes beschränk. Seine 
Komposition ist vielleicht zu zart, zu empfindungsselig für den 
Zweck, den sie Zu erfüllen hat. Doch immer noch besser die lautere 
Privatheit, die sich erlogene Gefühle verkneift, als eine hohl dröh 
nende Objektivität ohne individuellen Einsatz. 
Mies van der Rohe, dieser ausgezeichnete VauWnstler, 
hat sich in das Abenteuer gestürzt, das Tessenow aus richtigen 
Gründen nicht wagte. Zum Unterschied von diesem unternimmt er 
es, dem Gedanken des Ehrenmals seine volle Gestalt Zu verleihen. 
Er will der Erinnerung ein Körpergehäüse schaffen, in dem sie 
sich wirklich ergehen kann. In solcher Absicht entwirft er einen 
Lichtlosen Jnnenraum, der nur durch die Fassadenfenster notdürftig 
erhellt wird. Die Wände der Gruft sind aus dunklem Marmor, 
und inmitten der Finsternis ist eine Grabplatte mit dem Flach
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        her, ein unübersehbares Gefolge, das Lieder vom 
neuen Leben" 
Szenen oder auch nur ihre Titel sind, 
wie wir hören, 
Rat eines von der Filmprüfungsstelle zugezogenen 
I Anwendung aus ein primitives Geschehen, das noch dazu durch ¬ 
&amp;gt; aus bejaht wird, mutet sie künstlich an, so virtuos sich Dowschenko! 
ihrer auch bedient. Die deutschen Regisseure könnten von ihm um 
so mehr lernen, als er noch von einem anderen Stilmittel häufig 
Gebrauch macht. Zur Vertiefung gewisser Eindrücke läßt er immer 
wieder das Leben wie unter der Zeitlupe erstarren; so daß der 
kontinuierliche Filmstreifen gleichsam in eine Serie von Photo 
graphien zurückverwandelt wird. Schon der Russenfilm von der 
Pariser Kommune ist so verfahren. Die Technik ist überall dort am 
Platz, wo es gilt, in den Kern einer Zuständlichkeit zu dringen; sei 
es, um sie zu destruieren, sei es, um ihrer wirklich inne zu werden. 
Ueberslüssig zu erwähnen, daß viele Aufnahmen glänzend geraten 
sind; mag auch die Komposition des Details der im letzten Eisen- 
steinsilm nachstehen. * 
singt. 
Diese 
auf den 
Prälaten hin abgelehnt worden. Mir scheint: aus religiöser 
Prüderie. Sind denn die Gläubigen so schwankend in ihrem 
Glauben, daß man nicht einmal wagen darf, ihnen eine atheistische 
Lebensführung entgegenzuhalten, die mit dem nötigen Ernst ver 
anschaulicht ist? Eine solche Rücksicht geht entschieden zu weit. 
Die Zensur mag, Auswüchse beschneiden, sie darf uns nicht bevor 
munden wollen. 
Eine andere Frage ist, wie man die Gesinnung zu beurteilen 
hat, die der Film propagiert. Es sieht so aus, als strebe in ihm die 
antikirchliche Aufklärung nach ihrer positiven Ergänzung. Schlimm 
genug, daß sie dabei auf den plattesten Pantheismus hereinfällt, 
der in keiner Weise die Gehalte trifft, die vom kirchlichen Zere- 
monial angesprochen werden. Die gleiche Natur, gegen die Rußland 
auf ökonomischem und sozialem Gebiet Sturm läuft, gelangt hier 
wieder durch eine Hintertür ins Haus und kommt zu hohen Ehren. 
Wird der kirchliche Glaube nur darum unterdrückt, damit sich eine 
plumpe Mythologie an seine Stelle setzen darf? Wahrhaftig, der 
Begräbniszug mit den Liedern und dem Apfelzweig erinnert von 
fern an eine Wandervogelschar, die sich in ihrer singsangseligen 
Naturschwärmerei wunder wie frei wähnt und doch befangener ist 
als manches orthodoxe Gemüt. Der Prälat, der die Striche befür 
wortete, hat offenbar kein großes Vertrauen zu seiner Herde 
geML. 
Verschiedene Einzelheiten bezeugen im übrigen, daß die im 
Film betriebene Verherrlichung der Erde nicht so sehr eine An 
gelegenheit der Bauern als der intellektuellen Führer ist. Tritt 
das Volk in ihm auf? Viel eher verkörpert sich hier die typische 
Jntellektuellensehnsucht nach dem Volk. Agierte es etwa bei Pudow- 
kin noch, wie es war, so ist es in „Erde" schon merklich zurechtge- 
stutzt. Es trägt der besseren Lichtwirkung wegen blendend weiße 
Kittel und schreitet bei jedem erdenklichen Anlaß stolz erhobenen 
Hauptes einher. Um wie viel echter und revolutionärer wirkten 
die demonstrierenden Arbeiter im deutschen Film: „Mutter 
Krauses Fahrt ins Glück", den, nebenbei bemerkt, auch ein Russe 
gedreht hat, als diese Bauern, die in einem fort ihr Kollektivbe 
wußtsein zur Schau tragen. Ich werde den Verdacht nicht los, daß 
„Erde" ein Produkt literarischer Schollenromantik ist. 
Hierfür spricht nicht zuletzt die intellektuelle Mache, die, wenn 
nicht alles täuscht, von einem Bauern-Publikum nur unter Schwie 
rigkeiten ausgenommen werden kann. Sie arbeitet, um es abge 
kürzt auszudrücken, nicht linear, sondern mehrdimensional. Das 
heißt: statt eine Handlung von Anfang bis zu Ende durchzuführen, 
reiht die Montage mehrere kleinste Bild- und Handlungseinheiten 
mosaikartig aneinander, ohne Vetbindungsbrücken zwischen ihnen 
zu schaffen. Eine surrealistische Methode, deren eigentlicher Sinn es 
ist, die feste Kruste der Oberfläche rebellisch zu sprengen. In ihrer j 
Der Vollständigkeit halber gedenke ich noch zweier Filme, die 
gerade angelaufen sind. Dr. Friedrich Dalsheim, ein Neuling 
unter den Filmregisseuren, hat mit Gulla Pfeffer eine Afrika 
expedition unternommen und von dort einen (im Marmcrhaus 
uraufgeführten) Film: „Menschen im Busch" heimgebracht, 
der später nach dem System der Tobis mit großem Geschick synchroni 
siert worden ist. Dalsheim tritt den Gegenständen mit sympathischer 
Zurückhaltung gegenüber und besitzt die Fähigkeit, sie geschmackvoll 
zu arrangieren. Sein Thema ist der Tag eines Negerdorfes, das 
von der Zivilisation schon reichlich angefressen rst Eine Art 
schwarzer Pastorale, eine Idylle, die noch friedlicher wirkte, wenn 
nicht am Anfang der Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg so 
viel dazwischenredete. Freilich, es wäre jetzt endlich an der Zeit, 
mit diesen exotischen Reisefilmen Schluß zu machen. Expeditionen 
nach dem heimischen Afrika sind wichtiger und fördern mindestens 
so viel Exotik zutage. 
Der im Ufa-Palast am Zoo gezeigte Film: „Nur am 
Rhein . . will vermutlich weniger die Rheinbefreiung feiern, 
als aus ihr seinen Nutzen ziehen. Er treibt auf eigene Faust Völ 
kerversöhnung, kennt keine heimische Industrie, sondern nur 
rheinische Herzen, und spielt alles in allem in jener berühmten 
Ufalandschast, in der auch der Stephansturm und das Heidelberg! 
Schloß liegen. Regie geführt hat Max Mack, der die Leinwand 
fläche mit einer Drehbühne zu verwechseln scheint. 
! S. Kracauer. 
Die KikmprMelle gegen einen Wussenfilm 
Berlin, im Juli. 
In der vorigen Woche wurde der Russenfilm: „Erde" des 
ukrainischen Regisseurs A. Dowschenko vor „einem beschränk 
ten Personenkreis und zwar vor ausweislichen Mitglieder der 
! Filmindustrie, der Filmfachpresse und der Tagespresse" gezeigt, 
wie es in der Einladung hieß. So hatte die Filmprüfstelle verfügt, 
der manche Abschnitte des Films als bedenklich erschienen. Da 
die Prometheus-Gesellschaft fürchtete, daß durch die von der 
Zensur geforderten Striche seine Verständlichkeit einbüße, verzichtete 
sie darauf, ihn verstümmelt der Öffentlichkeit darzubieten, und 
unterbreitete ihn lieber in der ungekürzten Fassung dem geschlos 
senen Kreis der Sachverständigen. 
Worum geht der Kamps? Der Film vereint zwei Tendenzen: 
eine politische und eine religiöse. Jene greift in die aktuelle Auf 
bauarbeit ein und eifert im Interesse der Kollektivierung gegen die 
Kulaken. Ich finde, daß sie es mit unpassenden Mitkeln tut. Um 
das Publikum wider die Großbauern einzunehmen, läßt Dow- 
schenko den jugendlichen Anführer der Dorfgemeinde durch den 
Kulakensohn ermorden. Meiner Meinung nach gäbe es andere, 
sachlich überzeugendere Stimulantien fürs Kollektiv als gerade die 
Untat irgendeines reaktionären Maschinenstürmers. 
Aber das ist Geschmackssache, und überdies hat die Film-! 
, prüfstelle nur am r e l i g i ö s e n Tenor des Films Anstoß 
! genommen. Sein Titel: „Erde" ist mehr als ein Titel, er ist 
! ein Bekenntnis. Am Anfang stirbt ein uralter Bauer, der Zum 
i Zeichen seines Einverständnisses mit dem irdischen Schicksal vor 
dem Tod einen Apfel ißt, ohne sich weiter um die religiösen 
Tröstungen zu kümmern. Das antikirchliche Motiv wird bei der 
Beerdigung des ermordeten Jünglings ausgesponnen und fort 
geführt. Dessen Vater verweigert dem Popen die Teilnahme m 
Begräbnis und bittet statt dessen die Dorfgemeinde, seinem Sohn 
die letzte Ehre Zu geben. Und während der abgewiesene Pope 
allein in der Kirche zurückbleibt und vorm Altar inbrünstig um 
Erleuchtung fleht, zieht hinter der Leiche, die aus Symbolgründen 
vom Zweig des Apfelbaumes gestreift wird, das ganze Kollektiv
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        eins Lsutsebo ^usZabs vsranstaltst 
nen wollen. 
8. Lraeauor. 
mir osi darüber, daß sie hier frieren. 
S. Kracausr. 
von Raris 
^voräsn ist. 
oin ^.U82UZ 
kranrösi sebon 
Vorkasssrin 
sebimpkun§on 
(Rlito-Verlag, Dsip2i§.) 
aus äsm Vorwort 2ur 
^ukla§s bsiZsküZt. in 
böebst tsmporamsntvoll 
rurüekvsist, äis ibr äiossr 
RsportaZs ^vogsn ^viLsrlabrsn sinä. Und r^va? rsebt- 
ksrtiZt sie ibr Ilntornobmon Laniit, Lall sis ?uin 
Untsrsebioä vom ZsküblssoliFsn Victor NarZuoritts 
unä Lem ästbotiLisronäsn Oareo äis Rrostitution 
oinriZ unä allein in äor nioralisebsn ^bsiebt 
otuäiort babs, äurek ibrs LekiläorunZon äio 
^ukdsdunA äsr Voräslls in Rrankroieb 2u bo^virksn. 
MOM8OWUIM4AMDZ8L: 
Nar^ss Oboist, eins Rarissr Roportsrin, 
bat mit ^vsibliebor ^suMer unä mannliebsm Nut 
äis V^slt unä Umwelt äsr Rarisor Rrouäsnbäusoi' 
äurebinosson unä ibrs Rrkabrun^sn in oinsm Ruck: 
„Du mois sbs2 los killst" nioäsrZoIoAt, von äsm 
nnn aueb unter äsm Mol: „In äsn Dioksn 
Ibr ist 
200000. 
äsm äis 
äio Rs- 
Zo^NAton 
/8/ - 
&amp;gt; 
Der Zettungsverkäufer. 
Berlin, Ende Juli. 
Mein Zeitungsverkäufer ist nicht mehr da. Seit einigen Tagen 
schon ist der Platz auf der Potsdamer Straße leer, auf dem er zur 
Mittagsstunde immer Zu stehen pflegte. Ich kaufte mir jedesmal 
die Zeitung bei ihm, bevor ich in den Omnibus stieg, um nach 
Hause zu fahren. Nun fahre ich ohne Zeitung im Omnibus, denn 
ich kann mich beim besten Willen nicht dazu entschließen, meinem 
Zeitungsmann untreu zu werden. Wahrscheinlich hätte ich vor ein 
paar Wochen noch die Lücke gar nicht bemerkt, sondern mich einfach 
an irgendeinen anderen Verkäufer gewandt, die Potsdamer Straße 
ist ja mit ihnen förmlich gepflastert. Aber inzwischen ist jenes 
winzige Ereignis eingetreten, von dem ich berichten will. 
Auf der Potsdamer Straße herrscht, wie man weiß, tags 
über ein starker, ein geradezu weltstädtischer Verkehr. Wichtig in 
diesem Zusammenhang ist, daß sie nicht so sehr von Flaneuren be-. 
gangen wird als von Passanten, die ihr Geschäftsweg hierher führt. 
Sie tragen Mappen und haben keine Zeit, auf ihre Gesichter zu 
achten. Und schlenderten sie auch müßig dahin, so fänden sie doch 
nicht leicht die Gelegenheit, vertraut miteinander zu werden, da 
alle Tage ein neuer Menschenstrom sich über die breite Straße er 
gießt. An der Ecke, die mein Zeitungsmann mit Nachrichten be 
lieferte, ist der Mittagstrubel in der Regel sehr lebhaft. Dort 
mündet eine Straße ein, die auf dem jenseitigen Ufer zum Wann- 
seebahnhof weiterführt. Sie kommt aus dem Tiergartenviertel, 
und wer sie etwa mit dem Omnibus befährt, genießt ein Schau 
spiel, das auch in einer an Gegensätzen so reichen Stadt wie Berlin 
selten genug ist. Er wird zum Zeugen des plötzlichen Zusammen- 
pralls zweier Welten. Glitt er eben noch durch die stille Abge 
schiedenheit des Alten Westens, so ergreift ihn im nächsten Augen 
blick ohne jeden Uebergang ein unerbittliches Tosen. Vergangen 
heit und Gegenwart schneiden sich rechtwinklig, statt sanft inein- 
andergewachsen Zu sein... 
Angesichts der Beschaffenheit dieser Gegdnd wird man es 
entschuldbar finden, daß ich den Mann, der mir meine Mittags 
lektüre bescherte, früher niemals beachtet hatte. Ich drückte ihm 
regelmäßig das bereitgehaltene Geldstück in die Hand, der ich die 
ebenfalls schon zur Uebergabe hergerichtete Zeitung entnahm. Eine 
gleichgültige Szene, die sich stumm vollzog. Kaum wurde ich mir 
dabei bewußt, daß die Hand lebte und zu einem Menschen gehörte. 
An einem Montag Mittag — ich hatte es besonders eilig, da 
der Himmel nach Regen aussah -- geschah das Unerwartete.;, der 
Zeitungsverkäufer sprach mich an. 
„Sie waren vorgestern abend im Lunapark.^ 
Ueberrascht gestand ich die Tatsache ein. Wir waren eine kleine 
Gesellschaft gewesen, ein auf der Durchreise in Berlin befindlicher' 
Freund hatte den Lunapark besichtigen wollen. 
„Ich habe Sie dort gesehen/ fuhr der Mann fort, „Sie müssen 
nämlich wissen, daß ich abends immer im Lunapark Zeitungen ver 
kaufe." 
Es hatte zu tröpfeln begonnen, und ich suchte Mich mit meiner 
Zeitung auf gute Art zu entfernen. Schon war ich etliche Schritte 
weit vorgerückt, als mich der Mann wieder zu sich rief. Ein wenig 
unwillig kehrte ich um. 
„Wenn Sie wieder einmal in den Lunapark gehen/ erklärte 
er, „sagen Sie es mir nur einen Tag vorher. Ich kann Ihnen 
eine Freikarte geben." 
Zum ersten Mal sah ich dem Mann richtig ins Gesicht. Er war 
ein älterer Mann mit freundlichen Augen und einem Bart, der M' 
beiden Seiten des Mundes gutmütig herabhing. Er hatte eine 
Kapuze um, deren feuchter Glanz mir verriet, daß der erwartete 
Regen mittlerweile wirklich eingetroffen war. 
„Auch für den Sonntag habe ich Freikarten/ versicherte er, 
zum Ueberfluß, als fei er noch nicht aufmerksam genug gegen Mich 
gewesen, „Sie müssen es mir nur rechtzeitig sagen/ 
Ich dankte ihm und verabschiedete mich. Ich war verwundert, 
beschämt. In dieser ungeheuren Stadt, in der die meisten Menschen 
nebeneinander herleben, ohne sich je zu gewahren, hatte mitten auf 
der Potsdamer Straße, dort, wo das Gewühl besonders dicht ist 
und mehr noch als anderswo jeder seine eigenen Zwecke verfolgt, 
ein Mann unmittelbaren Anteil an mir genommen, der mir nie 
vorher aufgefallen war, und dem ich selbst nichts weiter sein konnte 
als einer von vielen Paffanten, die sich im Vorübergehen die 
Zeitung erstehen. Er hatte mich nicht nur als täglichen Käufer 
vorgemerkt, sondern sich die Umrisse meiner Figur eingeprägt und 
sie so säuberlich aus der Umwelt herausgehoben, mit der sie ihm 
sonst verschmolzen waren, daß er sie im Gedränge des Lunaparks 
wieder zu erkennen vermochte. Und schließlich hatte er ein übriges 
getan und mir, dem Unbekannten, eine Gefälligkeit zugesagt, von 
der er mit gutem Recht voraussetzen durfte, daß sie mir etwas 
bedeutete. Denn in Berlin die langen Abende zu füllen, kostet nach 
allgemeinen Begriffen einen Haufen Geld, und kommt man gar 
am Sonntag umsonst in den Lunapark, so ist man gewiß ein vom 
Glück außerordentlich begünstigter Mann. Der Zeitungsverkäufer 
hatte diese Umstände bedacht und, ohne irgendeinen Gegendienst 
erhoffen zu dürfen, für mein Vergnügen Vorsorgen wollen. 
Seit er nicht mehr an seinem gewohnten Platz steht, erscheint 
mir die Potsdamer Straße leer, auch wenn sie von noch so vielen 
Menschen bevölkert wird. Er fehlt mir, der freundliche Mann mit 
. dem Schnauzbart. Vielleicht hat er sich Lei dem schlechten Wetter 
eins Erkältung zugezogen und taucht doch bald wieder anst Ich 
habe mich nach jenem Gespräch bemüht, die Menschen anzuschauen, 
mit denen ich unterwegs in Berührung komme. Aber es ist schwer, 
sehr schwer, und fast nie blickt einer von ihnen zurück. Sie klagen 
Vs ^irä sebon so sein; äonn ist) sis aueb aus mob- 
rsrsn vornokmon 8alons vsrstoüon ^oräon, so Lat 
ibr äoeb Rsrr Obiapps, äor sittonstronFS Roli^ei- 
prasiäsnt von Raris, einen ^norkonnunAsbrisk §o- 
sebrisbsn, unä oin (Zeistlieder im nörLliebsn Rrank- 
roieb eins Nesss kür nie lesen lassen. 
leb derveikls, ob sied äis Vsriasssrin bei uns 
goraäs äie Ussss vsräient bätto. Ibrs RsportaZen 
sinä kür äoutsebo Lexrikke ru loiebt ZssebürLt, als 
Lall sie je äsn §utsn Avsek srrsiebsn könnten. 
Wir kabron in RraebtäLinpIsrn. Labor, ^vo man in 
Rrankrsieb ^vis ein IVirbelvänL üdsr äie ^VoZon 
^leitet, ^der aueb in Rrankroieb bat äis gute Rto- 
rarisebs RoportaZs im allgemeinen wsbr DiskZanF, 
unä mii- ist ein Vueb über äie Iranrösisebsn Ror- 
äells bekannt -- über äas „Voräell^vesen", vüräs 
man visll siebt in DsutseblanL sagen —, äas orbob- 
lieb seligerer ^viegt als Liess Rotte Lollektion, ebne 
äarum langweilig ru sein. 
Oooebiekt ist Dran Obois^, äas muL man ibr 
lassen. Nit jenem kranLösisebsn Rsprit aus rweiter 
Ranä ausgerüstet, äsr Las unsebeinbarsts Detail 
niebt etwa ru Leuten, sonäern Lübseb Lu krisieren 
versiebt, begibt sis sieb auk ibre pikante Lxxe 
äition. Äs lallt sieb als 8tubenmääebsn in einem 
ökkentlieben Laus anwsrben unä bsobaebtst äort aus 
näebstsr blabs Las Treiben Ler Mäebsn. 8is äringt 
ins „Milieu^ ein, in Lie Hauptquartiers äsr Au- 
baltsr, mit Leuen sis unsrsebrockon Rokanntsebakt 
seblieLt. 8ie ergebt sieb in äsn Rromsnoirs äer 
Uusie-Ralls, besuebt galante Rrivatrirksl, bomo- 
sexusllo unä lesbisebs Dekalo unä Renäsavous- 
Raussr unä äurebstrsikt so Lie ganre Region, Lie 
sieb Lwisebsn äsm Obabanais unä äsn Zeinsbrüeken 
äsbnt. 
Lin burtiges Rotpourri, äas manebe ausgersieb- 
nete Vsmerkungen, Lebiläerungsn unä Vonmots out- 
bLlt. 80 ist äis mukkigs ^.tmospbäre äor Drovinr- 
boräsllo siebsr srkaüt, äis versebisäsnsn Dirnen- 
tzqren treten äsutlieb bervor, unä es keblt aueb 
niebt an prin^ipiolleren Dinsiebtsn in äsn Kleinbürger 
lieben Alltag Ler Rrvstitulortsn, wis übsrbaupt in 
äis ^rt äss Regiments, äas Liese untergessllsebakt- 
lieben 8ebiebtsu rusammenbült. Dsnnoeb ist äas 
Vueb allru okt in seblsebtem 8inns obsrkläeblieb. 
8eblügt ss aueb ksins sentimentalen Dons an, so 
krönt es Loeb äsm Daster äor Zslbstbespiegelung. 
I^iobt selten verweebselt es Las klüebtige Erlebnis 
mit äer wirkliebsn Rrkabruvg oäer reitigt ein psin- 
liebes Oemiseb aus 8snsations1ust unä ^ukklärungs- 
ärang. Nan merkt niebt äis ^.bsiebt unä ist ver 
stimmt. ^ber so gebt es bäukig bei Lsrartigsv Rs- 
xortagsn: sis vsrlisren sieb im Dsben, äas sis ban-
        <pb n="42" />
        bat. 
Bis Untersuellungsn Brau Lullrs vsräisnsn 
Minllel llinsinleuelltet. 
8. Braeauer. 
äabsr 
etv^a, 
srnsts Beaelltung. Nan srkällrt aus illnsn 
äall äie ^eidliellen ^.ngestellten sellon vom 
In äsr sosbsn orsMenonon 8ellrikt von 8 usLnns ! 
, Lullr: „Dis ivsibliellsn ^.ngestslltsn" 
(Berlin, 2sntralvsrbanä äer ^.ngesteUten. 47 Leiten. 
Osb. 1.40) v^sräen äie Brgebnisse einer Umkrage 
LusZe^srtet, äis äer 2sntra1vsrbanä äe^ ^.ngesteH- 
ten unter einem Breis keiner Nitglieäer Veranstalter 
bat. Ls danäelt Lied also in äer Uauxtsaells um 
äie unteren ^ngsstelltensellielltsn; um äie ^.rdeits- 
unä Bedensverkältrisss von Vsrkäukerinnen, Lonto- 
ristinnen, Ltenot^xistiuuen, BaZeristiuuen, lelexdo- 
nistinnen ULv?. Das Ziel äer Verkasserin ist: äen 
Tamxk 86§en äie ZerinZere Ve^ertunZ äer ll'rauen- 
ordeit äured äie VeLodatkunA genauer OrunälaAsn ?u 
unterstützen. 
Die Ledrikt, äie in maneder Uinsiodt eine v^ied- 
tlge Lr§äu2uuZ meines Luelles: „Die Unbestellten" 
. biläet, gellt von äem Ltrulltur^anäel äer Frauenar 
beit aus. Veit geraumer 2eit sellon einä äis srnerlls- 
tätigsn Brauen in soleller Neuge von äer lläusliellen 
unä ge^-erllliellsu Arbeit ^eg in äis ^ngestsUtsn- 
deruks geströmt, äaü siell äie 2alll äer ^eilllielleu 
^gestellten llsuts auk 1,4 NMonen llelaukt. Orunä 
genug, siell mit äsr Bags äer neu lleraukgellommeueu 
Braueuselliellt 2U llsselläktigeu. Ourell äis umsielltigs 
^.rt, in äsr Brau Lullr illr 2alllenmatsria1 allseitig 
dekragt unä nutst, ^eräen äis nsllslllaften Vorstel 
lungen vertrieben, äis llisller äiesss (Aellist singe- 
dMt llallen. Mn, äa sein lullalt äsutliell llervor- 
tritt, ist alleräings su verstellen, äall sr sisll lauge 
äsn Mollen entzog. Denn aus sinsm dsgreiÜielleu 
lnstiullt verteilt uiemauä gern llsi uuerkreulielleu 
ll'atsaelleu, äie sell^sr aus äer Welt 2U sellakken 
kiuä. Iluä äoell sollts äis Oesellsollakt im Interesse 
äsr eigenen Brllaltung niellt vor äer Brllenntnis von 
Mllstänäen ^urüellsellreellen, äis sie selbst erzeugt 
äreiüigston äallrs an als alt gslten (nallrenä äis 
mänuliellen ss ungsstratt bis 2um visr^igsten äallre 
dringen äürken); äaü äis vielen Brauen, äenen äer 
Bsruk niellt ein Ourellgangsstaäium 2ur Blls ist, 
minäestens so sellleellts ^.ukstisgsmöglielllleiten lladen 
väs äis Nännsr; äall äsr Ourellsellnittsgellalt äer 
von äer llmkrags Brkaüten 146 Narll beträgt unä in 
äer Begel um 10 bis 15 Bro^ent geringer ist als äsr 
(lellalt äer männliellen Angestellten; äaü äie jüngste 
Oensration in äsn v^sibliellen ^.ngsstelltenberuken 
siell 2um überviegenäen leil aus Volllssellülerinnen 
2usammsnsst2t. Ueber äiess Angaben sellrsitet äis 
Verkasserin äort llinaus, v^o sie äen Ultag äer ar- 
beitsnäen Brauen 2U erllellsn suellt, äsn Alltag, 
ässsen Min^iglleiten von unermsülieller Beäeutung 
kür äas Bin^elleben sinä. Lie analysiert äen mi- 
llroslloxissllen Organismus äes Uausllaltsbuägets, sie 
berielltst von äer Lellnsuellt äer Verlläukerinnen naell 
äem kreisn "Woellenenäs, von äen Lell^isriglleiten, 
äis unter äen ob^altsnäen Umstänäsn eine ge- 
nügenäe Lorxerxüegs bereitet, unä von äsn Nüllsn 
äsr lläusliellen Arbeit naell beenäetsm Dienst. „Dis 
Brage: Irsibsn 8is Lport? bsant^ortet eine ^.ngs- 
stellte mit bitterenr Humor: äa^olll — ^ukräumen 
in meiner Wollnung!" V^ollnsn äis Mäellen bsi 
illren Litern, so llabsn sis äakür okt llsin eigenes 
Zimmer. 
Noellten äer llleinen Lellrikt, äis so saelllieb ^is 
lluman ist, balä ällnliells sorials Nonograxllien naell- 
kolgen. 'Uenn niellt alles täusellt, ist äie 2eit reik 
kür eine grünällells Lestanäsauknallmo unseres gs- 
sellsellaktliellen Daseins, äie in sämtliells Bellen unä 
Iitm-Wottzen. 
Lr Berlin, Ende Juli. 
Der Tonfilm bringt es an den Tag. 
- Dem „Tiger" ist als zweiter Kriminal-Tonfilm der Ufa der im 
Ufa-Palast am Zoo uraufgeführte „Schuß imTonfilmate- 
Lier" gefolgt. Ein Zeichen dafür, daß sich mit der Einführung des 
Worts das Interesse an DeLekLivstücken wieder zu heben scheint. 
Die Gattung ist auch nicht zu verachten; und wäre es nur darum, 
weil die reine Spannungskost immer noch besser mundet als die 
windige Nahrung gefälschter Hochgefühle. 
„Nach einer Idee von Kurt Stodmak," heißt es im Programm. 
Die Idee ist weniger schlagend als die im „Tiger" und wird den 
Kenner der neuzeitlichen Detektivroman-Literatur nicht gerade in 
Ekstase versetzen. Aber sie hat den Vorteil, daß sie Sein und 
Schein an einem Ort vermengt, der die Neugier erregt. Mitten im 
Tonfilmatelier ereignet sich ein genau ausgeheckter Mord, und die 
Suche nach dem Täter gibt die erwünschte Gelegenheit, dem Publi 
kum einen Einblick ins Leben und Treiben hinter den Kulissen zu 
verschaffen. Begünstigt wird die Milieuschilderung durch die ge 
schickte Komposition der Fabel, die das Milieu aktiv mit einbe 
zieht. Sie verwebt nicht nur die gespielte Mordszene mit der echten, 
sondern sorgt auch dafür, daß der Uebeltäter durch die Tonfilm 
Apparatur zur Strecke gebracht wird. In einem von dieser wider 
sein Wissen aufgenommenen Gespräch verrät er sich selber. 
Es muh für den Regisseur Alfred Zeisler eine Lust ge 
wesen sein, die Kamera auf die Kamera zu richten und aus der 
schalldichten Schule zu plaudern. Er hat sich der Aufgabe, den 
Betrieb im Filmatelier zu veranschaulichen, ohne darüber die Hand 
lung zu vernachlässigen, anständig und adrett entledigt. Durch den 
gelenkigen Wechsel der Einstellungen gewinnt er den Raum; durch 
di« raffinierte Variation der mehrmals wiederholten Spielszene, 
um die stch das ganze Stück dreht, erzielt er die notwendige Stei 
gerung. Dennoch bleiben Breiten bestehen, die hauptsächlich von 
der zu dünnen Fabel herrühren, und auch jener so harmlose wie 
fade Humor, den die Ufa nun einmal W pflege» lieb^ hilft Wer 
sie nicht hinweg. 
Die Wiedergabe des Tons hat sich merklich vervoMommnet, und 
das gelispelte 8 wird wohl bald ganz verschwinden» Dank dem 
technischen Fortschritt sind die darstellerischen Leistungen Lockerer, 
freier. Gerade Gerda Maurus und Harrh Frank machen allerdings 
von den neuen Möglichkeiten noch wenig Gebrauch. Unbefangener 
als sie wirkt der junge Robert Thoeren, der sich im drama 
tischen Schlußaustritt überraschend gut zur Geltung bringt. Auch 
Alfred Bsisrle ist im Film ein neuer Mann. Er ist ein vor 
züglicher Sprecher und zeichnet stch wie sein kriminalistischer Kol 
lege Ernst Stahl-Nachbaur durch die gute Maske aus. 
Schon Lei Gelegenheit des Films „Hokuspokus" habe ich 
darauf hingewiesen, daß die Nachahmung des Theaters den Ton 
film in eine Sackgasse lockt. Was damals gesagt wurde, trifft auch 
auf das jüngste Ufa-Erzeugnis zu. Die großen Chancen des Lönen- 
Films werden vertan, wenn man die Leute Dialoge führen 
läßt wie auf der Bühne und eigentlich nur die Zahl der Szenen 
vervielfacht. Macht man die Zusammenhängende Rede zum Hand 
lungsgerüst, so ist das rein visuelle Geschehen eine bloße Zutat 
und kann sich nicht mehr ungehindert entfalten. Wie dürste aber 
der Tonfilm die Eroberungen des stummen Films Preisgeben 
wollen? Er muß stch vom Theater entfernen, um ganz er selber zu 
werden. Dazu gehört unter anderem, daß er sich nicht wie in die 
sem neuen Kriminalfilm vorwiegend aufs Wort stützt, sondern die 
Dialogform zerbricht und Bild und Ton gleich stark belastet. 
Tönender Mischmasch 
Es gibt amüsantere Hochstaplerstücke als den km CaMol ge 
zeigten Greenbaum-Film „Der König von Paris". Der 
„König" ist ein junger Gauner, der von einem alten zum Heirats 
schwindel angehalten wird, zuletzt aber doch aus rudimentärem 
Anstand das Rennen aufgibt. Mts spielt in Marseille, in Paris 
und zwischen Dekorationen, ist ohne jeden klaren Komposttions- 
willen gemixt und Zum überwiegenden Teil schlecht besetzt. Auch 
die Reproduktion des Tons läßt Zu wünschen übrig. . 
Wenn man dennoch der Regie Leo Mittlers etwas gutschreiben 
darf, so dies: daß fle, absichtlich oder unabsichtlich, keine Theater 
effekte erstrebt. Statt das Wort Zum Träger der Handlung zu 
erhöhen^ stoppelt sie den Film aus Dialogfetzen, Geräuschen und 
kurzen BildabschmtLey zusammen. Ein Mischmasch, gewiß; aber 
einer, der zum mindesten als Experiment wertvoll ist. Wird doch 
in ihm, wie gedankenlos immer, die Sprachführung so gehandhabt, 
daß sie nicht gleich die Vorherrschaft über die Bilder an sich reißt» 
Um wirklich ein Ganzes zu ergeben, müßte das geschluderte Kalei 
doskop freilich zum bewußt gestalteten Mosaik werdem
        <pb n="43" />
        jener Tauber-Film: „Das lockende Ziel" parodiert, dessen wir uns 
noch mit Schrecken erinnern. In einer anderen Zwischenszene ge 
langt ein Sängerwettstreit Zum Austrag, der wie ein Boxkampf 
aufgemacht ist. Dann kommt Jannings in der Maske Professor Un 
rats an die Reihe; natürlich hängen ihm die Hosenträger herab 
Und so fort. Immerhin, manche Einfälle sind reizend. Der 
Generaldirektor der kuriosen Gesellschaft fährt etwa mutterseelen 
allein in einem riesigen Autobus vor; die flüsternden Patienten 
eines Halsspezialisten sollen den Eindruck erwecken, als ob sie Ge 
sangsschüler seien; verschiedene Stimmen werden während eines 
Auftritts plötzlich miteinander vertauscht. Aber die Komik ver 
sandet immer gleich, und im schwatzhaften Konfektionshumor, der 
nicht weiß, was er eigentlich will, gehen die besten Pointen unter. 
. Max Hansen singt seine Schlager mit einem Wiener Charme, 
der nur — offenbar aus Rücksicht gegen das Berliner Milieu — 
etwas dick aufgetragen ist. Wie er, so machen auch Morgan und 
Jöken, der ein Bonvivant von einem Tenor ist, die Leinwand zum 
Kabarett. Einmal taucht im Vorübergehen die Werbezirk auf 
und gebärdet sich als Marlene Dietrich. Man lacht überhaupt hie 
und da; das ganze Larifari stimmt aber eher traurig. 
Außer Paul Nikolaus konferiert noch Werner Fink, der 
vor kurzem in der -Katakombe" den Ansager spielte. Dort in der 
Bellevuestraße, inmitten eines jungen Ensembles, standen ihm 
reizende Unverschämtheiten zu Gebote, die munter durch die Decke 
der gemachten Schüchternheit drangen. Im Riesenraum und im 
Smoking ist ihm nicht viel mehr als die Schüchternheit verblieben, 
und auch der Nikolaus hat keine Rpte bei sich. Es geht ein wenig 
über Frick her, über die Staatspartei und den Reichstag, aber 
heilige Gefühle werden nirgends verletzt. Die akustische Täfelung 
hat einen grauen, indifferenten Ton. 
Tänze sind wortlos und können das vor den Wahlen besonders 
empfindliche Publikum nicht leicht entzweien; schwöre es nun 
auf Hugenberg oder Mahraun. Also wird viel getanzt. Die Diener 
Gruppe Gisa Geerts hüpft und springt wie in der Sommer 
frische umher: nette Mädchen in netten Kostümen, aus der guten 
alten Zeit, mit Gymnastik. Auch Aida Kawakami mimt nicht 
gerade unsere Wirtschaftsdepression oder moderne Erotik — eine 
kleine Japanerin, die sich im Silbergewand kultisch windet. 
Rascher als sie, deren Gebärden einer Zeit angehören, die mehr 
Zeit als die unsere hat, kommt das Paar Vivian und Darewski 
vom Fleck, das von Kopf bis zu Fuß auf Salonakrobatik einge 
drillt ist. 
Warum heißt Las musikalische Bild Maria Neys ausge 
rechnet: „Matrosen in Marseille?" Sie sitzt, umgeben von Matro 
sen mit Zieharmonikas, vor einer Dekoration, die Zwar bunt ist, 
aber nicht Marseille darstellt, und singt Seemannslieder aus Ham 
burg. Dazwischen klöhnt sie ein bißchen, und das Ganze nennt 
sich Choreographie. Eine St. Paüli-Leinwand hätte besser dazu 
gepaßt. Warum just in Marseille? Für die vielen Snobs vermut 
lich, denen ein Bouillabaisse lieber ist als die Marseillaise. — 
Daß man auch ohne die südliche Hafenstadt auskommen kann, 
beweist Paul O'Montis, dem ein Monokel genügt. Seine 
geschliffenen Coupletvorträge enthalten sogar einige literarisch^ 
Pointen. 
Der Hauptbestandteil des Abends ist das Stück: „Majestät 
macht Revolution", ein Operettchen von einer Operette. Majestät 
ist ein guter Junge, der mit einer Amerikanerin... aber die Idee 
ist so hauchdünn, daß sie zergeht, wenn man sie nur anrührt. 
Wenigstens hilft sie dem jüdischen Finanzminister Sig'i Hofers 
auf die Watschelbeine und ermöglicht ein von Gerda Maurus 
und Fritz Schutz gesungenes, wirklich scharmantes Kartenspiel 
Duett, das aus der Fabrik von Friedrich Holländer stammt. Aus 
der Werkstatt zu sagen, wäre ein Anachronismus. 
Als ÜLM end steigt: „Der Sensationsprozeß Katharina 
Kreß". W'as geschieht darin? Man lacht. Hans Waßmann lacht, 
Otto Wallburg lacht, und so bleibt auch dem Publikum nichts 
anderes übrig, als über den Blödsinn zu lachen. Noch draußen an 
der Garderobe habe ich einen dicken Steuerzahler lachen sehen. In 
diesen Zeiten... 
Auf der Leinwand: 
Max Hansen, Paul Morgan und Carl Iöken haben sich 
zu einem im Capitol uraufgeführten Tonfilm: „Das Kabinett 
des Dr. Larifari" zusammengetan, der eine Art von Ulkrevue 
ist. Man will von der Leinwand herab in die Breite wirken; schade, 
daß auch der Ulk so breit wirkt, statt knapp oder gar tief. Ueberdies 
nährt er sich viel zu ausgiebig von Anspielungen, die gerade in 
Berlin gängig sind, um in den fernen Provinzstädten sein Ziel Zu 
erreichen. 
Rahmenhandlung: das immerfort lustige Trio beschließt, durch 
die Gründung einer Tonfilm-Gesellschaft reich und glücklich zu 
werden. Was es mit dieser Gesellschaft auf sich hat, kann man sich 
ungefähr denken. Ihre Hauptrequisiten sind prunkvolle Büros, eine 
Zu Poussierzwecken geeignete Sekretärin und mehrere verwegene 
Mmprojekte, die als Einlagen dienen. So wird in einer Szene 
Ist es auch nicht glutheiß, so doch immer noch Sommer. Und 
außerdem hat Herr Robitschek in seinem Programmheft eine ganze 
Wunderbar von schönen Sachen versprochen. Wir wollen auf die 
Wintersaison warten und ihn einstweilen zur guten Akustik be 
glückwünschen. 
Kabarett und Hperette. 
Lv Berlin, Anfang August. 
Auf der Bühne. 
Herr Robitschek hat sein Kabarett der Komiker um 
bauen lassen. Ein vertiefter Orchesterraum ist geschaffen, eine neue 
Täfelung angebracht worden. Aus akustischen Gründen. Der Klein 
kunstsaal gleicht nun ganz und gär einem Theatergroßbetrieb. Nur 
achtundzwanzig Tage haben die baulichen Arbeiten gedauert, 
kaum war die Zeit, richtig zu proben. Herr Robitschek bittet daher 
um Nachsicht. 
Die Tonfilmoperetten beginnen eine Plage Zu werden. Immer ! 
neue kommen zur Welt, die immer die alten sind. Die jüngste, die im! 
Universum gestartet ist, nennt sich: „Ein Tango für dich". 
Sie enthält Ungarn ohne Paprika, Schlager, die nicht schlagen, und 
gleich zwei Jazzsänger auf einmal, deren einer (Willy Forst) auch 
noch Al Jolsen mit Glück imitiert. Ein zäher Brei aus abgestande 
nen Motiven, der dem Publikum umständlich eingelöffelt wird. 
Warum schluckt es stets wieder diese Mixturen, wo es sich doch im 
Leben vor den Quacksalbern hütet?
        <pb n="44" />
        '8 8 
cö 
sr 8 
er wäre unter Dm8tänden an eine dem novelÜ8ti- 
8eden ^ri8at? e^preedende Dointe ßeraten. ^der 
er dleidt ein Oe^erreieder, der niedt an8 Lol- 
ledtiv und an die neuen ß686Ü8edaktlied6n Dor» 
men ßlaudt, die vermutlied ein ^.r8enal kür ried- 
tiße NoveÜ6N8edlÜ886 8ind. 80 verleßt er den 
8edwerMndt auk8 Drivatleden de8 Helden, odne 
die revolutionäre ^irdlieddeit au82unut2en. Der 
ßekanßene Okki^ier will niedt etwa im Dien8t der 
8owjet8 weiterleden, weil er 8ied 2u idrer 
erdennunß duredßerunßen dätte, 8ondern er 
unterwirkt 8ied, weil er 8ied davon üderxeußt 
dat, dak 8eine Drau idn noed dedt. 8tatt dak 
die D8ededa und der Lürßerdrieß die Dorm^ der 
Novelle de8timmen, werden sie nur derdeide- 
müdt, um die 8takkaße ein68 P8^edoloßi8eden 
^.dlauk8 2U düden. Dnd ein^iß und allein au8 
Rüod8iedt ßbßen die von idm ßeküdlten Drkorder- 
ni886 der Nove1lendompo8ition drinßt Deruts noed 
einen Rnd8ednördel an, der üder da8 Individuells 
in8 Äälßemeine dinau8küdren 8oll. Der dem Re 
den ^urüedßbßedene erdält kortan den Ileder- 
namen: „läsrr, erdarme Died meiner!"; woran 
die Lemerdunß ßednüpkt wird: „Dnd manedma! 
dende ied, dak alle Nen8eden die8er Drde..., dak 
wir alle, die wir leden und dämpken, dieeen 
Namen traßen dönnten". Line L1o8de1, deren 0d° 
jedtivität ein 8edein 18t. 
L8 i8t niedt dün8tleri86de 8edwäede, die den 
Rrued in die8en Novellen er^eußt. Im Deßenteil: 
ßerade die D6wi886ndaktißdeit, mit der Lernte 2U 
"(Verde ßedt, de8edwört 8eine Niederlaßen der- 
auk. Lr 8edeitert eret dort, wo die Novelle al8 
Lorm un8erer 8o^ialen 8ituation unänßem688en 
18t. ^Nß68iedt8 di68er 8ituation, die ein reedt- 
mäkiß68 Novellenende verdietet, da8 ^ußleied 
adtuell wäre, muk er, wenn 8eine ^d8iedten 
lauter 8ind, ßenau 80 verkadren, wie er tat8äed- 
lied verkädrt. Das deikt, er muk 8iod entweder 
den Hinterßrund verßanßener Lpoeden 8iedern 
und seinen 8tokk mit di8tori86den 8tilmitte!n de- 
wältißen, oder in die D8.yedoloßie au8weieden 
und 86eli86de Bekunde mytdoloßi8ed üder8teißern. 
Die eaedlieden 8edwi6rißdeit6n werden ä8tde- 
ti8ed widerß68pi6ßelt. Line 8praede von dri8tal- 
lini8eder Llardeit waltet in diesen 6e8ediedten, 
eine 8praede, die autoritativ üder die ^uken- 
welt vsrküßt und ßan2 auk den Dmßanß mit 
Ladten 6inß68te11t i8t. 8oda!d 8ie ader die Lon- 
tinuität de8 866ii8eden 8prunßlo8 einde^ieden 
^ill, demäedtißt 8ied idrer eins 8pürdare lin- 
8iederdeit. Lald 8uedt 8ie 63,8 inwendiße Redsü 
in di8dret ßeßeneinander adß686t2te LreißM886 
2U Zerteilen, dald kolßt 816 dem inneren Llieken 
unä verliert idre Härte. In äer Diede88Zene 
2wi8eden ^olo8ed,7N und lelena ?um Bei8piel, 
oder dort, wo der Leldwedel 0dwa8ted 86ine 
Verßanßendeit dured8edweikt, üderwießen die 
Ni8odtÖne. 
8ie M886N 2u den 2wi86den86diedten, in die 
Derut^ immer wieder einpendelt. leite der 
noveüenartißtzn 8tüede und vor allem die dem 
Band deißeßedenen Lur2ße8ediedten 8ueden den 
dämmerißen Ort auk, an dem innere und äukere, 
p8.7edi8ode und doemibede Oewalten idre merd- 
würdißen Beßeßnunßen kelern. An die86m Ort 
i8t Derut?:, wie 8eine krüderen Büeder deweisen, 
in Wadrdeit xu Dau86. Kalddundet derr8edt 
dier, und Lodolde treiden idr llnweeen. Linem 
Adel8ß686dl66dt wird der Nond 2um Verdänß- 
ni8; oddulte Näedte ßreiken krev1eri86d in8 Die8- 
8eit8 ein. De6ink!u886n 866li86de Lräkte da8 ^Velt- 
ß68eded6n, oder erreßen die Oe8tirne jene 2U 
Ldde und Blut? Die ßan^e 8pdare 18t niedt 8edr 
reinlied, und im Dewukt8ein idrer Dnriulänßlied- 
deit maß 8ied Derutr: in8 dlare Riedt der Novelle 
vorßewaßt daden. „Da8 Oa8tdau8 2ur Lartät8ede" 
entdält eine eelten ßeßlüedte 8telle, die noed vom 
^wieliedt verkin8tert wird, au8 dem er auktauodt. 
L8 i8t die von den Dionieren. 8ie, die ein8tmal8 
die Derren ds8 Oa8tdau868 waren, werden vom 
Deldwedel Odwa8ted in die dundel8te Lede der 
Vvjrt88tude ver8token. Kaum ader 8edläßt die 
Verßanßendeit üder dem Deldwedel r:u8ammen, 
80 verßedt idm die Ru8t darin, den Dedermut der 
Dioniere 2u dändißen. Die86 klattern wie Die- 
dermäu86 dervor und de8edlaßnadmen li86Ü6 
und Bänlce. 
Die Lri8i8 der epi8eden Lormen i8t nur ein 
ferner MLder8edein der Lri8i8, in der 8ied die 
kurßerdede 6e8e1l8edakt dekindet. Dak die86 
viele idrer ?O8itionen ßeräumt dat, ßedt aued 
au8 der Anales der Derut^oden Novellen der- 
vor. 8ie könnten niedt drüediß 8ein, dätte das 
Bürßertum, dem 8ie ent8tammen, noed ein wet- 
t6rk68te8 Daed üder dem Lopk. Die llnmößüed- 
lceit, da8 Dormß68et2 der Novelle ?u erküüen, 13t 
ein deutliede8 ^eieden kür die Lr8edütterunß 
der ßeßenwärtißen Ordnung 
8. Lraeau 6 r. 
»L« mLW^LL8L1M«M K-»I»LX.*) 
M«NDW^L NVVLLL^Sl. 
xÄ LL 
Z 
I^eo DerutZ dat 8einem 8ammeldand: 
„Rerr, 6r darin 6 Died in 6 in 6 r!" ä6n 
lintertitel: „Novellen" verlieden (Ddaidon- 
Verlaß, ^Vien.) Rein ä6r Ivon8trudtion naed 
dommt in ä6r lat in6dr6r6n Dro8aLtüeden ds8 
V/erir8 äi686 DeZeiednunß Zu; niedt 80 idr6in 
Oedalt, äer 8ied ßeßen äie Art seiner Verdied- 
tunß 8träudt. Die Novellen sinä drüediß. Kaum 
dann 68 aued anä6r8 86in. 
Novelle: äa8 i8t eine LrZädlunß von Beßeden- 
deiten, unä Zwar eine LrZädlunß, äor 68 vorder- 
d68tirnint i8t, in 6in6 Üderra8ed6nde Dointe ein- 
Zumünden. Al8 6in6 ß68edl0886Ntz Lompo8ition 
dat äi6 Novelle eine ß68ed1o886N6 de86Üsedakt 
2ur Vorau88et2unß, dedark 816 ä68 Kori^ontos 
ke8ter BeZrikke, lz^pen, Adtionen. Derut^ wtzik 
ßLNZ ßenau, äak 68 äi686 6e86Ü8edakt d6ut6 niedt 
ßidt, unä ver8uedt ßewik niedt, 8ie irn Intere886 
äer Novellenkorm anaedroni8ti8ed 2U dedaupten. 
^Va8 tut er, uni äie Novelle äoed 2U ermößlioden? 
. Lr daut 8eine Beßedendeiten 80 aur, dak idr 
„Bälde" ein Lreißni8 i8t, äurod de88en Eintritt 
eied irßendein deäeutenäe8 P8.yedoloßi8ede8 Bad- 
turn dewädrt. 80 äient etwa äie latsaede, dak 
ein genialer junger Natdematider vor dem Duell, 
äa8 kür idn tödlied verläukt, noed eine ßroke 
iNLtd6inati8ede Lntdeedunß auk^eiednet, Zui- 
I11u8tration die8er Lineiedt: „Viedeiedt 18t 68 80, 
dak äa8 8edied8al nur Nen8eden add6rukt, äi6 
niedt8 rn6dr ZU ßeden dad6n, die am Lnde an- 
ßelanßt unä l66r unä au8ßedrannt 8ind." Oder 
6in 8eld3tmord muk die lde86 erdärten: „L8 
ßidt dein ßrök^re8 Rnßlüed kür ein6N Neneeden, 
al8 wenn 6r unver8eden8 in seine eißene Ver- 
ßanßendeit dineinßerät." 
Ader 8oled6 Dointen ließen niedt in äer 
8pdäre äer D^ßedendeiten, äie ?u idnen dinküd- 
ren. Me sieder iinrner DerutZ äie Novellenkorm 
äaäured auskMt, äak er einen Ausammendanß 
äukeren Oesensdens domponiert — er dleidt äer 
ßekorderten Aeukerdeddeit niedt di8^ Zum Lnde 
treu, 8onäern dießt arn entsedeidenden Dundt 
von idr ad unä sindt in äie Ds^edoloßie, in äie 
Innerdeddeit Zurüed. Oerade 8ie .ledoed dann 
dein Adsedluk irn 8inn äer Novelle 8ein. Die8e 
verlangt einen odjedtiv ^ülti^en 8edluk,^ äer 
eden8o dünäi^, unantagtdar unä au8v^enäi^ 18t 
wie äie Heide äer Le^edendeiten, äie in idn 
üder8prin^t. Idn 2u dieten, i8t äa8 P8^6do1o^i8ede 
6e8eded6n niedt kadi^. D8 ^leiedt einern unenä- 
lieden Dluk, au8 äern 8ied darte Dornieleät^e 
nie unä nirnnier ^e^vinnen la88en. Deikt ^vird- 
ded äa8 8edied8al äie Neneeden reedt^eiti^ in8 
Orad? äeä6nkaÜ8 i8t äie86 ^U88a^e niedt 80 8edr 
de8täti^t al8 auk D68t3tiMn^ an^e^vie86n, unä 80 
dann aued äie Dedauptun^, äak ein Düed^u^ in 
äie Ver'^an^endeit Dn^lüod dev^irde, niedt ei^ent- 
lied äer Üauptekkedt einer Novelle 8sin. Da 
8olede Drdenntni886 ^v686N8inäki^ prodleniati8ed 
8inä, deäark idre 6e8taltun^ okkener Dorinen. 
Der Donran ist idnen LuZedblirt; vielleiedt aued 
äie Dr^LdlunA. 
Nur eine ein^i^e eedte Novelle kinäet 8ied 
In äern Hansen Dued: „Die Dedurt äe8 ^nti- 
edri8t". Dak 8ie di8tori8od i8t, 8priedt kür äen 
dünstlsri8eden ^.nbtanä äe8 Diodter8. Dinern ent- 
ZprunAbnen Nöräer unä einer entlaukenen Nonne 
wird ru ^eidnaedten ein Unä ^edoren, äa8 
naed äern ^Vadr8prued eine8 dideldunäi^en 
^.lten äer ^.ntiedri8t in Deinen 8ein 8oll. Der 
krornrne Nöräer v^ül 8ein Linä töten, urn äie 
Odri8tendeit ?u erretten. ^8 ent8pinnt 8ied ein 
vernäodelter Larnpk 2v^i8eden Nutterliede unä 
Dläudi^deit, au8 äern äer ^.ntiedri8t deil der- 
vor^edt. Dr8t Tutetet erkädrt rnan 8einen Narnen: 
! Oa^1io8tro. Die86 Dointe i8t le^itirn, äenn 8ie 18t 
aukerlied 'wie äie Dadel unä ein 8edlukpundt 
von all^erneiner Verdinälieddeit. Dreilied i8t 8ie 
^u äünn kür äie deuti^en De8er, äie äer 2auder- 
! rnaedt äe8 Narnen8 Oa^1io8tro niedt rnedr un- 
rnitteldar unterließen. 
Dew6i8t 8edon äie Dluedt in äie 6e86diedte, 
äak äie Novelle 8ied in äer ßeßenwärtißen Situa 
tion daurn verwirdlieden lakt, 80 wärä idre In- 
adtualität äured äie Dr^ädtunß: „Derr, erdarrne 
Died rneiner!" äiredt unä 8odlaßenä äarßetan. 
8ie 8pielt in äen er8ten ladren äer ru88i8eden 
Revolution. Rin Dekanßener äer ä^ededa, ede- 
rnalißer ^arenokki^ier, dann äie Dreideit wieäer 
erlangen, wenn er, in ^.U8üdunß 8einer krüderen 
Dätißdeit, eine äen Dol8edewi8t6n in äie Hände 
ßekallene DepS8ede deedikkriert. Die D686diedte 
8edliekt damit, dak idm Zuletirt da8 8ed1ü88e1- 
wort: „Rerr, erdarme Died meiner" in den 8inn 
dommt, da8 der Depeeede ^ußrunde ließt. ^Var- 
um dat er 8ied naed lanßem Reißern 2ur De- 
edikkrierunß verstanden? lind wae dedeutet der 
Rindrued de8 8ed1ü88e1wort8? Hätte Derut?: eied 
in die ru88i86N6 Vor8tellunß8welt einß^eddeden,
        <pb n="45" />
        daß seine Reden keine Reden mehr seien. Jawohl, so ist es; und hat 
die Rede, die keine ist, noch überdies einen schlechten Inhalt — doch 
Herr Grabowski verzichtet darauf, die Inhalte zu analysieren und 
stellt statt dessen lieber der guten Rede die Aufgabe, dem Vaterland 
zu dienen und für die Völkerversöhnung zu werben. Mit großem 
rhetorischen Schwung. Nach den Mentoren besteigen die Schüler 
das Podium, deren jeder zehn Minuten frei spricht. Macht zusammen 
genau eine Stunde. 
Pros. Hoetzsch gibt als der Vorsitzende des Preisrichterkolle 
giums die Preise bekannt. Bezeichnend genug, daß zum deutschen 
Sendboten in Washington ein junger Rheinländer gekürt wird, 
dessen Rede ein einziges Kulturgeschwätz ist. Dieser neuge 
backene Ur. ein hübscher, korrekter Jüngling, redet 
von der Hingabe ans Objektive, das er nicht kennt, leugnet die 
Utopie ab, als sei er ein Greis, und will die Kulturtraditionen 
weiter entwickeln, die er nicht hat. Ein unverdautes, unverdauliches 
Gemenge ausgelaugter Wahrheiten, die fließend an den Mann ge 
bracht werden. Dafür, daß sie den Beifall der Zuhörer finden 
ist der Junge nicht verantwortlich zu machen. Aber warum über 
nimmt er einfach die abgestandenen Weisheiten, ohne irgendetwas 
eigenes mitzuteilen? Ist es schon traurig, daß die Aelteren so 
wenig aus der Geschichte gelernt haben: doppelt traurig stimmt 
eine Jugend, die sich in diesen aufgewühlten Zeiten widerstands 
los einen Formelkram anheften läßt, der zu ihrer Wirklichkeit 
gar nicht paßt. 
O- 
Sonst treibt sich in den Reden noch häufig verschollener Idea 
lismus um. Tatphilosophie und Lebensphilosophie, die aus den 
Niemand erwartet von Achtzehnjährigen eigene Gedanken. Und 
haben sie einen, so werden sie gewiß nicht öffentlich von ihm 
zeugen. Von vornherein anzunehmen ist vielmehr, daß sie in der 
Hauptsache vortragen werden, was sie in ihren pädagogischen 
Provinzen sich angeeignet haben. Dafür sorgt ja auch schon die 
Sichtung, die widerborstige Elemente vermutlich ausgeschieden hat. 
Die Frage, die an eine solche Konkurrenz zu richten ist, kann 
also nur lauten: in welchen Anschauungen wird unsere höhere 
Schuljugend erzogen? Ich muß gestehen, daß ich mir die Antwort 
nicht so hinterwäldlerisch vorgestellt hätte. Das Thema lautet: 
Was sagt uns Jungen die Geschichte? Sie hätten 
ihnen, d. h. der älteren Generation, von der sie unterrichtet werden, 
vieles zu sagen. Wir haben einen historischen Lehrgang zurück 
gelegt wie kaum ein Geschlecht vor uns. Deutschland hat den Krieg 
verloren und ist zur Republik geworden. Die russische Revolution 
hat zum ersten Mal dem Proletariat zur Herrschaft verholfen. 
Schwere Wirtschaftskämpfe erschüttern die Erde, und große Völker, 
die bisher geschlummert haben, erwachen zum historischen Leben. 
Sagt den jungen Leuten diese Geschichte etwas? Nichts sagt sie 
ihnen. Sie reden, wie sie vor 1914 hätten reden können, ihre 
Sprache ist durchaus die alte geblieben. Die soziale Frage scheint 
sie nicht zu betreffen, die Tatsache, daß Deutschland eine Republik 
ist, regt sie nicht weiter auf.- Wären nicht einige Phrasen über 
den Frieden und Europa, man merkte überhaupt nicht, in welcher 
Zeit wir jetzt leben. Schlimm für die Lehrer und schlimm für die 
Jugend. 
Wie die Allen fungen... 
Zum dritten deutschen Schülerrede Wettbewerb. 
ZLL- Berlin, 11. August. 
Im großen Saal der Hochschule für Politik. Sechs 
Schüler, die nach dem auch bei Schönheitskonkurrenzen 
üblichen Sichtungsverfahren in den Provinzen und zuletzt in Berlin 
als die besten jugendlichen Sprecher ausgesiebt worden sind, treten 
Zum. Redewettkampf an. Dem hochoffiziellen-Akt wohnen bei: das 
Preisrichterkollegium, das sich aus Lehrern, Dozenten der Hoch 
schule, Vertretern der Ministerien usw. zusammensetzt; der amerika 
nische Botschafter; zahlreiche Photographen. Diese schrauben ihre 
Kameras auf die hohen Stative und nehmen sämtliche Prominente 
ins Kreuzfeuer. Man wird dem Ergebnis bald in den Illustrierten 
begegnen. 
Herr Sackett weist in ein paar Vegrüßungsworten auf das 
internationale Redeturnier in Washington hin, wo sich neben den 
Abgesandten der anderen Staaten auch der heutige Sieger Zu be 
währen haben wird. Dort wird sich dann zeigen, wer der Weltmeister 
ist, der Redechampion des Universums. Den Sinn, den die Ver 
anstaltung etwa für Deutschland haben kann, sucht Herr Grabow- 
ski zu deuten. Er erblickt in dem SHülerwettbewerb eine Vor 
bereitung aufs Parlament, das unter anderem auch daran leide, 
Mue Tonfilme. 
Einiges grundsätzliche Bemerkungen. 
Berlin, Mitte August, s 
„Unter den Dächern von Paris." 
Der Mozart-Saal ist in ein Tonfilmtheater umgewandelt wor 
den, dessen Wände über und über mit glutrotem Stoff bespannt 
sind. Der Stoff selber hat wohl akustische Gründe. Me neue 
Bühne, die unter der Leitung von Hanns Brodmtz steht, wurde 
gestern mit dem Tonfilm: „Tons !es toits äe Uaris" 
von Rene Clair eröffnet. Zum Glück hat man -die französische 
Fassung des nach dem Tobis-Verfahren hergestellten Films beibe 
halten und ihm nur — vielleicht in der Absicht, ihn bei uns ein- 
Zubürgern — eine kurze deutsche „Tonfilm-Conference" vorange 
schickt, die Joachim Ringelnatz versieht. Ich mag Ringelnatz 
gern, aber seine Conference wäre'überflüssig gewesen. Der Film, 
der drei Monate hindurch mit unbestrittenem Erfolg in Paris ge-! 
laufen ist, spricht für sich selber. 
ch 
Rene Elair hat auch das Manuskript geschrieben. Die Hand 
lung entwächst einem Argot-Schlager und schildert jenes Pariser 
Volksleben, das ans „Milieu" grenzt. Ihre Hauptpersonen sind 
ein Straßensänger, dem Albert Prejean nahezu die' Anmut 
Chevaliers leiht, ein Mädchen, das in der Darstellung von Pola^ 
Jllery ein nettes Mittelding zwischen Gosse und Midinette ist,^ 
und ein schicker Zuhälter mit schwarzem Bärtchen (Gaston Mo- 
d o t). Das gruppiert sich Zwar zur geschlossenen Komposition, wächst 
aber kaum je scharf profiliert aus der Umwelt der Straßen, der 
Ual3 nm8ette8 und der Dachkammern heraus. Nicht allein die 
Menschen lieben und hassen sich, es ist, als liebe und hasse die 
Stadt mit ihnen. Sie stecken in ihr wie in einem Anzug, den sie 
nie ablegen. Ein kleiner Schreiber, eine dicke Bourgeoismadame, 
Flies und ein Dieb — in allen diesen Nebenfiguren lebt Paris. I 
Sein Alltag ist mehr als nur Hintergrund oder Füllwerk, er ist 
die eigentliche Triebkraft der Fabel. 
O 
Daß aus ihm das Geschehen aufsteigt und in ihn wieder ein- 
mündet, ist ein entscheidendes Merkmal des Films. Rene Clair 
gehört zur französischen Avantgarde. Man sah hier von ihm im 
Frühjahr einen Groteskfilm: „öntr' acte", der Fragmente des ge- § 
wohnten Daseins nach den strengen Gesetzen der Traumlogik ge 
staltete. In diesem neuen Film läßt er das herkömmliche Leben in 
größerem Umfang bestehen, und schafft einen Ausbau von Ereig 
nissen, der sich auch dem normalen Bewußtsein erschließt. Darum 
löst er doch allenthalben die Oberfläche auf, schweift von ihr ab 
und durchkreuzt sie mit eigenwilligen Mustern. Die Handlung spielt 
nicht in Paris, sondern Paris spielt diese Handlung. Statt daß sie 
das Zentrum wäre, ist sie nur die Ausstrahlung eines anderen, 
schwer faßlichen Zentrums. Wie zufällig ergibt sie sich am dem 
Anfängen des Jahrhu^ stammen, sind trotz allem, was die 
Geschichte sagt, unverändert erhalten geblieben. Mit ihnen im 
Tournister ist die Kriegsjugend damals ins Feld gezogen. Die 
neue Jugend wird es auch tun; obwohl in den rhetorischen Er 
güssen eine Art von mittelständischem Friedensoptimismus mit- 
schwingt. Aber der wiegt ziemlich leicht und wird außerdem nicht 
von allen geteilt. Jedenfalls entpuppt sich einer der Redner, der 
zum Glück an die letzte Stelle rückt, als ein wütender Nationa 
list. Er wirkt wie die verkleinerte Ausgabe eines völkischen Dema 
gogen. 
Nur einer von den Sechsen scheint etwas erfahren zu haben. 
Er pfeift auf die Kriegsgeschichte, auf die politische Geschichte und 
die gelehrte Historie, er möchte eine Geschichte, die uns von den 
Menschen und vom Eingreifen Gottes in die irdischen Schicksale 
erzählt. Das hat er wirklich gesagt, und es ist echt herausgekom 
men. Ein reizender Junge aus Schleswig, der Pfarrer werden 
will. Man hat ihm den vorletzten Platz zuerkannt. 
Ob die bei diesem Redewettbswerb betroffene Auslese ein typi 
sches Bild der heutigen Jugend ergibt? Ich glaube es nicht. Ich 
meine, daß viele Jugendliche doch weniger zeitblind sind und 
selbständiger denken. Typisch ist die Veranstaltung schon eher für 
die Lehrerschaft und andere maßgebende Kreise der älteren Gene 
ration. Sie beweist vielleicht, daß die Sprechkultur sich ein wenig 
hebt und bezeugt unzweifelhaft, daß die allgemeine Kultur bedenk 
lich erstarrt ist. Es wäre an der Zeit, daß sie sich auflockerte und 
das deutsche Bewußtsein der Situation nachkäme, in der wir gegen 
wärtig stehen.
        <pb n="46" />
        Straßenpflaster, unter den Glühbirnreihen der Tanzlokale und in 
dunklen Treppenhäusern. 
Revolutionäre Absichten haben die Avantgarde zur surrealisti 
schen Zersetzung des üblichen Sehbildes geführt. Die Sprengung 
der Kunstformen sollte die des bürgerlichen Lebens Widerspiegeln 
und vorwegnehmen. Inzwischen hat sich gezeigt, daß das bürger 
liche Leben den Mächten, die seine Aufhebung erstreben, doch stand- 
zuhalten vermag, und die ästhetische Destruktion ist mehr und mehr 
zur reizenden Arabeske geworden. Opposition gegen die herrschende 
Gesellschaft verwandelt sich in eine romantische Vorliebe für 
Apachen und Dirnen zurück. Rene Clair macht denn auch von 
ihnen reichlich Gebrauch und flüchtet in ihr soziales Outsidertum 
wie in eine Oase. Das heißt aber, daß er als Rebell abdankt und 
sich in einer sanften Resignation gefällt, der es mit dem Kampf 
gegen die bourgeoisen Formen nicht ganz ernst ist. Sie wird durch 
die, Sentimentalität bestätigt, die im Film obwaltet. Sentimental 
ist der Ablauf der Liebschaften und ein wenig zu süß die Traurig 
keit an allen Ecken und Enden. Die Gewalt der gesellschaftlichen 
und ästhetischen Traditionen hat das Aufrührertum der Avant 
garde gebrochen und verniedlicht. 
* 
Mag das Mosaik dieses Films auch romantische Manier sein, 
die Manier wird doch charmant gehandhabt und durch immer neue 
Einfälle belebt. Ich erwähne nur die entzückende Bildglosse über 
die Wirkung des Schlagers. Der Blick klettert an einer Miethaus- 
fassade empor, und in jedem Stockwerk summen, gröhlen, spielen 
die Bewohner den Schlagerrefrain. Dann wieder folgen Emstel- 
lungen, die man schon kennt: schreitende Beine, Gasse von oben, 
Bruchstücke von Architekturen. Lauter halb ironische Streifzüge 
durch die merkwürdige Zwischenwelt, in der Dinge und Menschen 
sich reizen, berühren und streicheln. Da die Ironie keinen durch 
aus festen Halt hat, entartet sie manchmal zur kunstgewerblichen 
Tändelei. Allzu breit ausgesponnene Harmlosigkeiten nisten sich 
ein, wie die Bettszene zwischen dem Straßensänger und dem 
Mädchen; die epische Dichte verflüchtigt sich etwa Sei dem Be ¬ 
mühen, die Schilderung eines längeren Zeitabschnitts unauffällig 
an die des gefüllten Augenblicks anzuschließen; Exkurse werden 
unternommen, die ziellos sind und das Milieu überbestimmen. 
Sämtliche Schwächen rühren unzweifelhaft davon her, daß das 
Prinzip nicht klar gegenwärtig ist, das ursprünglich die Aufspal 
tung der traditionellen Zusammenhänge hervorrief. 
Der Film ist ein Tonfilm, von dessen Montage unsere Re 
gisseure viel lernen können. Sie entspricht der Forderung, die ich 
an dieser Stelle schon wiederholt erhoben habe. Hier wird nicht 
Theater gespielt, hier ist das Neuland nicht preisgegeben, das die 
besten stummen Filme erobert haben. Vielmehr: Wort und 
Bild sind einander nebe ungeordnet. Während in den 
deutschen Tonfilmen jenes gewöhnlich die unbedingte Vorherr 
schaft an sich reißt und damit die Freizügigkeit der Kamera 
hemmt, werden bei Claire Augen und Ohren gleichmäßig bean 
sprucht. Sein Film könnte, vor allem der Bedeutung des Schla 
gers wegen, nicht stumm sein; aber ebensowenig sind die wech 
selnden Gesichtseindrücke zu Illustrationen von Dialogen entwer 
tet. Die richtige Proportion wird dadurch gewonnen, daß das 
Wort nur stellenweise einbricht, und dort, wo es ausgespart ist, 
eine passende musikalische Untermalung die beliebige Entfaltung 
der Bilder erlaubt. Da so das Auge ungehindert von den Schorn 
steinwäldern der Dächer zur singenden Volksmenge herabschweifen 
darf, läßt es sich um so lieber bei allen fürs Vorwärtskommen 
der Handlung notwendigen Gesprächen arretieren. Eine klug aus 
gewogene Rhythmik, deren systematische Durchbildung die dring 
liche Aufgabe der nächsten Zukunft sein wird. 
Unter den Dächern von Berlin. 
Unsere heimische Tonfilmproduktion scheint noch nicht aus der 
Sackgasse herauszukommen, in die sie sich verrann: hat. Man 
hat einfach die Bühne zum Film erweitert, statt auf der Leinwand 
jede Erinnerung aus Theater zu tilgen. Wäre es noch richtiges 
Theater — aber die Darsteller sprechen, sehr zum Unterschied 
von den französischen, beflissen langsam und halten so nur noch 
Mehr den Wechsel der Bilder auf, aus dem der Film das ihm 
eigentümliche Leben bezieht. Hinzu kommt, daß stch Lei dem 
Mangel an tauglichen Texten die gutgemeinte UeberdeutlMeit 
fast nie auszahlt. So kann es nicht fortgehen. Wenn der deutsche 
Tonfilm gedeihen soll, muß die Tyrannei des Wortes gebrochen 
werden, das doch nicht das rechts ist, muß das Bild wieder in 
Aktion treten und mindestens so vernehmlich sprechen wie die 
Rede. 
Im Ufa-Theater am Kurfürstendamm ist ein Schwank: 
„Zweimal Hochzeit" angelaufen, in dem viel mehr Worte 
gemacht werden, als man über ihn derberen kann. Eine Allerwelts- 
ware mit ein paar Einfällen, die Zwar nicht witzig sind!, aber 
doch Lei jeder Gelegenheit einfallen. Wo die Sprache nicht mehr 
ausreicht, muß sich der unförmige Huszar Puffy im Badetrikot 
herumwälzen. Das hätte man auch M-Hummen Film haben 
körnen. Daß er oen größten Lacherfolg erzielt, ist die beste Kritik 
am Manuskript, um dessen Fabrikation sich gleich drei Leute auf 
einmal bemüht haben. — Paul Lindaus Stück: „Der Andere" 
ist jetzt als Tonfilm im Capitol zu sehen. Es gehört zu jener 
Erbmasse einst wirksamer Theaterstücke, die, wie ich fürchte, alle 
noch einmal ihre Auferstehung erleben, obwohl sie längst ver 
modert sind. Robert Wiene hat das wurmstichige Zeug nicht 
ohne Geschmack renoviert und lackiert, ohne daß daraus das ge 
worden wäre, was man früher einen guten Film nannte. Man 
ist also gezwungen, von den Schauspielern zu sprechen, und 
möchte beinahe um Heinrich Georges willen dem Film doch 
ein gutes Wort 'gönnen. George: ein dicker Einbrecher, der so 
urtümlich, waschecht und liebenswürdig geraten ist, als sei er 
ein Original aus der Gegend des Alexanderplatzes. Kortner als 
Staatsanwalt treibt praktische Charakteranalyse, bei der man 
eiskalt bleibt. Aber kann sich auch einer im Verkehr mit Ge 
spenstern erwärmen? 
H 
Eisensteins: „Potemkin" ist nachträglich mit deutschen 
Sprechern synchronisiert worden. Mußte das sein? Der Unfug 
kommt einer Denkmals entweihung gleich, und die tönende Fassung 
setzt alles daran, um das stumme Werk zum Schweigen zu bringen. 
l Außer dem geschändeten Potemkin läuft noch im Marmorhaus ein 
in Paris gedrehter kurzer Tonfilm Eisensteins, der sich „Sehn 
sucht" nennt. Er ist weder in Moskau noch in Paris beheimatet, 
und man fragt sich besorgt, wohin die Sehnsucht Eisenstein treibt, 
S. Kracauer.
        <pb n="47" />
        kann. IrotL des 
Ideals? 
krkül- 
8enti- 
Boxer fugegen. 
Das ist niebt äie Weltstadtjugend, äas ist 
Mädoben, das siob ibm näbert, 
vollenäs in Verruk. 8ie bat aller- 
sebon lange Lbren ebrboben Mmen vor- 
unä ist ?um korrupten bewerbe gewor- 
Mebr oäer minder unbekannte Kritiker 
äie lagesreitungen unä ^eitsebrikten mit 
ieb komme nun 
ks ist niebt äas 
8ein selbst" ist bw.r 1&amp;gt;näenf. kine Zobweinerei 
Zu äer man äen Verlag ^solna^ mit dem besten 
Dennoob warne iob lüsterne Deser vor diesem 
Vuob. Wäre es noeb eins gute Dornograpbie — 
anständige Dorno - grapbien indessen sind - galant 
und . von Mnem sa - ub . eren Zyni . smus, der au - s d . er 
8obattenreiobs 6 68 Bros — 
enäbeb 2u 8tekan Zweig. 
Willen niebt beglüokwünsoben 
11. bis 15. Tausends. 
aus, deren Körper plastisob b68ebrieb6n wer- 
äen. Unä dann? „In einem übermäobtigen ^.uk- 
wallen seines Blutes umsoblok er sie." 8obat- 
tenreiobe des Bros. 
klin ULäoksn s-us äsm Ssrlinsr ^sstsn, äss 
nur AiliÄ» ksiksn kann unä LN^skliok stuäisrt, 
ist äis VsrkörpsrunF äss ?rims.ts äsr Wollust, 
8is lskt in sinvm Lrsis von NLäsksn unä stu- 
Kritik 
äings 
loren 
äen. 
kMen 
,Inä 8is?" 
„IL" 
smsin .Asusok äss Olüelces'? ... ^Vis war 
es äsnn? Lrlsktsn 8is äis ArküllunZ? vis vr- 
„grikken das 
„Ibre Bande," beikt es von einem 
Defensionen, äie entweder abnungslos sind oder 
vom persönlieben Vorteil diktiert. Dilettantisobe 
Willkür, Oliquenwirtsobakt und unsaebliobe In 
teressen beberrsoben das ksld. Wenn nun auob 
die verdienten und verdienenden ^briktsteHer, 
die es gar niobt nötig bätten, das ibnsn ent- 
gegengebraobie Vertrauen mikbrauoben, wird 
äis BnLUverlässigkeit Zar noeb sanktioniert unä! 
äer 8obmutf bald niebt mebr Lu beseitigen sein. 
Was ist gesobeben im literarisoben Deutsob 
land? Bnd wobin sind äie reälieben Kritiker 
gesobwunden, deren 8ebvermögen ungetrübt 
ist? 8ie täten un8 dringend not. 
aüenkalls eine versobwindenä kleine 8obiobt 
junger Ikerrsobakten, äis siob einbiläen, unbür- 
gerliob Lu sein, wenn sie siob mit dem väter- 
boben 6s!ä ausleben und Vobems spielen. 
Vielieiobt kübren aueb wirkbeb manobs von 
ibnsn so verlogene und läppisobe Dsden. Wenn 
einer äsn 8tokk ernstbakt angepaokt bätts, wäre 
es seine Aufgabe gewesen, das Treiben dieser 
besonderen 8orts von BourgeoisMgsvä trans 
parent su maoben, es ru entlarven. Ks batte als 
das ersobeinen müssen, was es ist: als ein 
86lbstbetrug, als erbärmliobe Karos. 8o bat 
Hemingway die amerikanisobe l^aobkriegsjugenä 
gesobildert, und seine Darstellung webt Üokk- 
nungslosigkeit um den ^bkal! einer deneration. 
^arek aber, mag er immerbin im klintergrunä 
ein paar kinanfielle Transaktionen andeuten, 
weik niobts von der beutigen lugend, von äer 
Weltstadt, vom modernen Wirtsobaktsleben unä 
von unserer 2sii. Wie seine Dapierbeläen, so 
sobwelgt aueb er im Oesobwöge. „Kr barg siob 
bei ibr, er tauokts in die Umarmungen, die sie 
ibm bot, wie in ein weitbin blübendes keld, in 
ein Meer von Numen, aus dem die Dükte von 
DsbsnZgier, die wilden 8obrsie der Daseins- 
kreude, die taumeligen Zluokungen äer bsseli- 
g , genäen Mtur aukstiegen..In äioken Klaäen 
do vermutet bätte, einen spraoblieben ^us- entlädt siob der tzuark. Die Wollust bat den 
! Primat, das „Dswubtwsrden äsr "kenäenf fum 
Die begeisterten Worte 8tekan Zweigs? 8ie 
^inä auk jedem Bmseblag Lu lesen und lauten: 
„8elten ist so kübn in die unsiebtbarsten Ve- 
Lirke der Orokstadt, in die 8ebattenrei6b6 des 
fkros bineingeleuebtst worden." 
8obLti6nrsiobe des Kros — iob komme am 
kLobluk auk 8tekan Zweig Lurüok. 
* 
erste Mal, dak er sieb su einer Dobbudelsi über 
einen unwürdigen Oegenstand berbeiläLt. Lueb! 
äem Boman kleinrieb Kduard kaoobs: „Nut unä 
Zelluloid", dessen Baltung in unserem vorigen! 
Diteraturblatt mit Beobt angegrikken wurde, bat 
er einen KsZa^ gewidmet, äer von einer seltenen l 
Verwakrlosung äer Urteilskraft reugt. „Darum 
bebält es so viel Brio," sebreibt er darin, „darum 
liest es Zieb so leiobt, dieses Luob, so wie edler 
Wein Zieb leiobt trinkt; ein sebr keiner Bausob 
^bt von ibm aus, niobt eine jener groben lrun- 
kenbeiten, die die Zeele veräumpken und äen 
Willen im Beib verdösen, sondern jene andere 
bakisisobe lrunkenbeit, äie spitZe unä keine, äie 
nervenerbellende, äie sinnlieb belebende, äie 
urdiobterrsobs, äie..." Dnä so weiter. Welob 
eine Verwirrung äer Oeküble unä äer Adjektive - 
um solober Produkte willen! leb krage: was ist 
gesobeben, dak ein geleierter unä einkluk- 
reieber ^utor siob so leiobtsinnig äer Ver 
antwortung entäukern kann, äis er äer 
Oekksntliokkeit sobuldet? kr minäert sein 
eigenes ^.nseben; sr verbükt sobleebten Maob 
werken Lur Leitung; er bringt äie literarisobe 
küllun^ Ikres Essens? Oder Ibrer 
Oäsr Ikrsr Münsoks?" 
dentiseben Jünglingen, äie sieb allabendliob in 
einer ^.telierwobnung trekken. Zu dieser Ober 8tekan: „... ks war seboner als äie 
weit ist noeb eine Unterwelt binrukonstruiertlung..." 
eine rioktige kilmunterv/elt mit kasebemmen „8ie erlebten also äie Lebonbeit des 
äem Matrosen Dieter unä äer Vollblutdirncmentalen — wenn ieb reebt verstebe?" 
liebst einer Anmerkung über Biteraturkritik. 
VON G. ML KQÄKIVZr. 
E Oegen die gewissenlose lintenklexerei unserer Zeit unä gegen äie äemnaob 
immer böbersteigenäe 8ünäk!utb unnützer unä sokleobter Büoker sollten äie 
BitteraturLeitungen der Damm sein, in dem solobe, unbesteobbar, gereobt und 
strenge urtbeilend, jedes Maobwerk eines Dnberukenen, jede 8obr6ib6rei, mittelst 
weleker der leere kopk dem leeren Beutel ru Bülke kommen will, kolgbob 
wob! bo aller Büeber, sobonungslos geigelten und dadurob pklioktgemak "dem 
dekreibekitfel und der Prellerei entgegenarbeiteten, statt solobe dadurob Lu 
bekördern, dak ibre niederträebtigs loleranx im Bunde stekt mit ^.utor und 
Verleger, um dem publiko Zeit und Oelä 2u rauben. 
8obopenbauer (über Lobriktstellerei und 8til). 
Wera. Zwisoben beiäen 'Welten treiben Lun 8eelenjau6b6. Dabei ist 8tekan noeb pro- 
Beberkluü russiseks kmigranten ibr Bnwssensaisob im Vergleiob mit kilian, von äer Zarek 
^luob ein Boxer äark in äiesen „unsioktbarstereinen seiner Weltstadtjungen stammeln läkt: 
Bewirken der Orokstaät" niobt keblen, die übri „Ibre Diebe verdienen wir niebt. Ibr Wesen, 
gens viel siobtbarer sind, als 8tekan Zweig meintibre Oestalt... Wir verdienen niobt, dak sie da 
Was tun äis MNFM I^suts Sommers un&amp;lt;zist... Ikrs Seele ist eil, sekwsllWäss voll 
Mieters, dsi u»ä bei ^sokt? Arbeiten sis^ommsrlieber kreokl srküllt... i^iokt zeriux 
Sprseksn sie, wie jenM l^suts mitsinenäsr r^mit äem sekwsllsnäsn Isl, sie ist euok, rris 
sprsoksll pklsgsn? liiiokts äevon. Sie peilen siedes enäsrsrvo ksikt, „eukZstsilt in mekrsrs Mssea 
LN, sie soklLksn rusLmmsn suk 700 Leiten unämit siZsven LmpkinäunZSMvsn, eigenen 6s- 
^Vsissn. In äsr Oberwelt unä in äsr 6ntsr^sltsstrsn unä, äas ist äas k'uredtbers, äsr eins teil 
privat unä ükksntliek, -u rvreit unä su ärittKrs ^Vsssns jext äsn enäsrsn, Zs-Zt sis, rudslos, 
lälisn mit eilen; äsr ksrrlieks Listen mit Wsre^is rum ^Vsikkluten — lris sis sinmel vsrblu- 
äis Aussen mit Linebsn; äie ülirizsn js nLedtsn virä —' äes ist kürentl)gr. rrsulen, 
6eIsFSnkeit unä wie es sivk trikkt. wenn men einen Lenlcäirsktor ^um nst, 
vis Sokiläerunx äieser Srsnsn ISkt sn ^U-Kenn men siok suek mekrsrs VVtzsen leisten, 
MmeinvsrMnrllickksit niokts ru vünsoksnäis siok ieZen. 
übrig. Bei einem kest des Kreises ist aueb der 
8eitsn umkaüt. Wer kaukt beute eine so dieke " probe von vielen. Dn- 
BeUsstristik, vorausgesetri, dak sie niobt von rmierbrooben rieben sieb krauen und Männer 
lbomas Mann oder Wassermann stammt? lind 
was loekt die lausende LU diesen 700 8eiten? 
. , barte Muskelkleisob, als prükten sie äie (Gestalt 
Von Otto 2areks ttoman: „Begierde ^r^kliobkeit unä diese rage Berüb- 
b— er nennt sieb im Dntertuel: „B o m a n jungen Msnsobsn empor." ^.uk 
einer Weltstadtzugend —- ist das 11. dem Boxer äie Lagen 
bis 15. lausend ersobienen (Paul ^oma^ Ver- Vtzx-iiürungen lästig, und er entkernt sieb mit 
lag, Berlin, Wien, BeipLig). Line ^unagenböne, Bemerkung: „... drei Krauen an einem 
die um so erstaunlieber ist, als das Bueb 700 mir mein lrainer niobt er- 
wuräe sr webrlos;^ gierig; aukgerissen ^on niebt von Pappe ist, sondern ätbe- 
Zexualitat; dem ,Primat äer Wollust unterwor- Dieter etwa, der Matrose Dieter, ant- 
ken." 6ut so, diese krkenntnis ist ^war weder ^o^-ttzt pi^e, warum Wera ins Bor ¬ 
neu noob genau, aber äoob brauobbar. Man Ag^AQgen sei: „Niemand rik sie beraus, nie- 
äenke an äie moderne Dibertinage... mand. Ibr eigenes Blut trieb sie... die dunkle 
Aueb Zarek denkt an sie. kr denkt so sebr U^bt ;^r — der dunkle Oott, ja, so möobte 
an sie, dak er darüber ganr vergikt, seine kr-job tzA nennen". Bnd was kür eine Makulatur 
Kenntnis von der Behebung Lwisoben dem sogenannten Oberwelt geredet! 
modernen Wirtsobaktsleben und äer 8exualität «^^kan — aber wer ist 8tekan? „8tekan, das 
kür den Dom an nutzbar 2u maoben. Wird aber üer Mensob, der Lugrundegebt an der krau 
das WirtsobaDsleben weggestrio^ bleibt^. g,n irgend einer... am Weibe sobleobtbin." 
!nur noob die 8exualitat übrig. Mit Wollust kniet gtekan also unterbält sieb mit ^rne über 
er sieb in sie binein. Luk 700 8eiten, äm im oiüek. 
wsseutlioksu von äsr „Aswuktvvsräullx äsr Isn- ,^v^r6N Sis nis MMioK?" kr^t sr. „In 
äsnr rum 8sin ssIKst" ksnäsln. 8is sinä eins Aausok äss Olüolrss, msins iok ... His?" 
Lokvsinsrsi. 
. , lraurigkeit kommt. Bier aber gebt es unrein- 
Lin ^.ngeböriger von Zareks Weltstaätzugena, Statt die 8innliobkeit LU kommandieren 
der äen boobtrabenäen lvamen ^rne von Lrabeskenbakt ausfusobweiten, umnebeln 
Westerkamp tragt, äekiniert einmal äre Wol-Msnsoben ibre kriebe mit ^oken Oeküb- 
lust als äie „Vewuktweräung der ä'enäenL ?um die sie niobt baben, und dünsten ibr In- 
8sin selbst". I^un, da man v^sik oder vielmebr kort aus. Die Bukt ist so von 
srst reebt niobt weik, was die ollust eigen - Vtz^tzn^tnissen verpestet, dak man in ibr sobleob- 
liob ist, käbrt er kort: „Bnsere b-uiZe- ^rdings niebt LU atmen vermag. 8obon in den 
spellt, das moderne Wrrtsebakt8leben isobeNe ^gobemmen kinden krlebnisse, die man dort 
den Mensoben äer berrsebenäen Klasse.
        <pb n="48" />
        wesensfremd 
Bindungen zurückzubegeben, die 
ihnen durch ihre antimarxistische Gebäroe empfiehlt. Sie treiben 
der Diktatur zu, und meinen durch die Anwendung von Ge 
walt der Unzufriedenheit Herr werden zu können. Sie schließen 
sich den nationalistischen Elementen an, und hoffen so den 
Karren der Wirtschaft aus dem Dreck zu ziehen. Indem sie sich 
den chauvinistischen Hetzern verschreiben, die den Patriotis 
mus für sich beschlagnahmen, und den starken Männern, die von 
Heroismus schwatzen, glauben sie ideologisch ausgesorgt zu 
haben und das Heft in Händen zu behalten. 
Frankf«rt, 1. September. 
Kann das deutsche Unternehmertum 
sich leisten, reaktionär zu sein? Die 
Zeit ist gekommen, in der es zwangs 
läufig zu einer geistigen Entscheidung 
gedrängt wird. Man darf sagen: end 
Me geistige 
Entscheidung 
des 
Unternehmertums. 
Zweifellos führt sie weniger das Vertrauen zum Ideen 
gehalt der politischen Reaktion als die geistige Notdurft und 
die scheinbare Ausweglosigkeit der Situation ins Lager der 
Rechten. Sie erblicken keine Möglichkeit, mit der Sozialdemo- 
kratie fertig zu werden, und entdecken bei der Suche nach einer 
zugkräftigen Losung nur die fascistische. Aber einem solchen 
Schritt widerrät doch auch dem Unternehmertum jede wirt 
schaftliche und politische Einsicht. Eine Diktatur in Deutsch 
land, das nicht Italien ist, hätte unter den jetzigen Ver 
hältnissen unweigerlich einen verzweifelten Kampf und das 
quantitative und moralische Anschwellen der radikalen Links 
parteien zur Folge. Es ist nicht auszudenken, in welches 
Chaos uns die Katastrophe eines Bürgerkrieges stürzte. 
Aber der eigentliche Gefahrpunkt ist noch ein anderer: er 
besteht darin, daß die Verquickung der wirtschaftlichen mit 
den politisch-reaktionären Interessen jenen auf die Dauer 
Abbruch tun muß. Ist die Wirtschaft in der Republik 
darum von den Bindungen befreit worden, die ihr auch noch 
in den späteren Dezennien des kaiserlichen Deutschland durch 
die Vorherrschaft des militärisch-feudalen Regimes auferlegt 
waren, um jetzt die Republik zu verleugnen und sich wieder in 
lich. Denn die Art, in der bisher unentschieden und ungeklärt 
gewirtschaftet wurde, ist für die Wirtschaft selber kaum länger 
tragbar. Nicht wenige fortgeschrittene Wirtschastsführer haben 
diese ideologische Entkräftung des Unternehmerstandes fest 
gestellt und beklagt. So etwa Direktor Karl Lange, der vor 
einiger Zeit in sehr beachtenswerten Ausführungen darauf 
hinwies, daß die weltanschauliche Fundierung des Unter 
nehmerstandpunktes im eigensten Interesse der Wirtschaft not 
wendig sei. 
Wie war es denn während des vergangenen Jahrzehnts? 
Die deutschen Unternehmer, wo nicht alle, so doch viele und 
einflußreiche, haben gewissermaßen im Dunkel gearbeitet, das 
heißt, sie haben den Ideen, die gerade von links her gegen 
sie anprallten, kleine selbständige Ideen entgegenzusetzen gewußt. 
Es gibt genug Milderungsgründe für dieses Versagen. Einmal 
waren die Unternehmer überhaupt erst nach dem Krieg dem 
Druck entronnen, den vorher der alte Obrigkeitsstaat auf sie 
ausgeübt hatte, und mußten sich nun mit der neuen Verant 
wortung vertraut machen, die ihnen ihre Unabhängigkeit auf 
erlegte. Zum andern wurden sehr viele von ihnen durch die 
Revolution und in den Jnflationsjahren aus alten Positionen 
herausgeworfen und weiterer ideeller Stützen beraubt. Schließ 
lich nahm die unerhört schwierige Umstellung der Wirtschaft 
soviel Kraft in Anspruch, daß zur Selbstbesinnung keine mehr 
übrig blieben. So geschah es, daß viele in einen Zustand 
geistiger Lähmung gerieten, der ihnen nicht nur Vertrauen 
entzog, sondern sie auch selber entmutigte. 
Die Unausgesprochenst dieses Zustandes bedingt ein 
schwankendes, viel zu wenig positiv unterbautes Verhalten zu 
den Arbeitnehmerorganisationen. Man erkannte die Gewerk 
schaften an und suchte doch wieder ihren Einfluß möglichst zu 
schwächen. Man kam, unter politischem Zwang, manchen 
sczialdemokratischen Forderungen entgegen und bekämpfte zu 
gleich den Zwang mit politischen Mitteln. Aber weder der 
Kompromiß noch die erklärte Absage an ihn erwuchsen aus 
einer Hellen, selbstbewußten Ideologie. Wollte man die Haltung 
der Unternehmer innerhalb eines langen Zeitraumes kenn 
zeichnen, so war sie viel eher dumpf und verschlossen. Ihr fehlte 
eine den Massen einsichtige Rechtfertigung. Sie berief sich zu 
letzt immer auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die sicher 
lich niemand unterschätzt, die aber selbst durch geistige Not 
wendigkeiten begründet werden müßten, um den breiten 
Schichten der Bevölkerung faßlich zu werden. Sobald sie sich 
anders als rein wirtschaftlich Zu legitimieren suchte, geriet sie 
in verschwommene Konstruktionen. Da sie sich angesichts der 
Massenorganisationen und der veränderten Wirtschaftsform 
nicht, mehr an den Individualismus alten Schlags anlehnen 
konnte, bemühte sie sich entweder darum, den Wirtschaftsegois 
mus vag zu verschleiern, oder nahm ihre Zuflucht zu einer so 
schwachen Theorie wie jener, die das Werk als solches zum 
Selbstzweck erhebt. 
Kurzum, die Unternehmer-Haltung entbehrte allzu lange 
der ideologischen Stoßkraft. So geht es nicht weiter, denn die 
Verhältnisse selber fordern gebieterisch, daß nun Farbe be 
kannt wird. Die Wirtschaftskrise hat eine politische Konstella 
tion herausbeschworen, die ein weiteres Ausweichen vor der 
„weltanschaulichen" Auseinandersetzung unmöglich macht. Zu 
ihr drängen die Massen hin, die bald ihre Äimmzettel ab 
geben werden. Sie nahen mit Fragen und Lösungen, die über 
das rein Wirtschaftliche hinausgreifen, und das Unternehmer 
tum wird sich ihrem Ansturm wohl oder übel stellen müssen. 
Von seiner Entscheidung hängt das Schicksal des Volkes und 
unserer Wirtschaft ab. 
Unverkennbar ist, daß viele Funktionäre des Großkapitals 
schon seit einiger Zeit bewußt scharf rechts steuern. In Er 
mangelung einer Ideologie, die aus der Wirtschaft selber auf 
stiege, suchen sie Schutz bei einer politischen Ideologie, die sich 
sind: Sie grübe sich selber ihr Grab, wenn sie augenblick 
licher Vorteile wegen den Pakt mit einem engstirnigen Natio 
nalismus schlösse, der ihren Bedürfnissen widerstrebt, und auf 
ein völkisches Gewaltregiment baute, das sich ebensogut gegen 
sie richten kann. 
Die Wirtschaft ist nur dadurch zu behaupten, daß sich 
die Unternehmer den ihr innewohnenden Entwicklungsten 
denzen an-vertrauen, statt Zuflucht bei reaktionären politischen 
Maßnahmen zu suchen, die diese Tendenzen beeinträchtigen. 
Das ist die große Verantwortung und zugleich die Chance 
des Unternehmertums heute: sein Selbstbewußtsein auf die 
gewaltigen Aufgaben zu gründen, die unsere moderne Wirt 
schaft zu erfüllen hat. Die Technisierung de^ Welt, die zivilisa 
torische Durchdringung der Völker, die Schaffung eines 
Netzes internationaler Beziehungen keine andere Macht 
vermag einstweilen die Unternehmer von der Bewältigung 
solcher Probleme zu entlasten. Sie haben es nicht nötig, 
stumm zu sein, sie können sich auf ihre Mission berufen. Zu 
gegeben, daß die Funktionen, die ihnen obliegen, menschlich 
nicht ohne weiteres einsichtig sind. Darum sind sie aber doch 
nützlich und im historischen Prozeß unentbehrlich. Sie ver 
kehren sich erst ins Unmenschliche, wenm sie sich blindwütig 
mit Hilfe der ihnen nicht entsprechenden fascistischen Methoden 
! durchsetzen möchten. 
Es kommt in dieser Stunde darauf an, daß die Unter 
nehmer erkennen: die Erfüllung der ihnen gestellten Aufgaben 
verbindet sie dem menschlichen Fortschritt und nicht 
dem menschlichen Rückschritt. Aus dieser Erkenntnis heraus 
muß sich ihnen aber von selber ein aufgeschlossenes Verhältnis 
zur Arbeiterschaft ergeben. Mehr als ein aufgeklärter Indu 
strieller weiß ja schon, daß man nur mit der Arbeiterschaft 
wirtschaften kann, nicht ohne sie und keinesfalls gegen sie. Im 
Interesse der Wirtschaft selber darf das Bewußtsein hier 
von auch nicht durch ihr Ressentiment gegenüber der Sozial- 
demokratie zurückgedrängt werden. So schwierig sich die Aus 
einandersetzung mit der Sozialdemokratie in der nächsten Zu 
kunft gestalten wird, es erscheint ausgeschlossen, daß man die 
Arbeiterorganisationen auf dem undialektischen Wege der 
Diktatur bezwingen wird. Denn die sozialen Ideen, denen die 
Massen anhangen, weisen nach vorwärts und haben eine ge 
waltige Lebenskraft; während die zur Diktatur chrängenden 
Kräfte das Rad der Geschichte nach rückwärts drehen wollen. 
Es ist nun einmal so, ob es auch viele Unternehmer zur Stunde
        <pb n="49" />
        So bleibt uns nur noch eines: die Freude über die Klar-! 
heil, mit der Herr Kommerzienrat Röchling sich gegen 
die Dikiaturgelüste ausspricht und fürdaspar- 
lamentarisch-demokratisch« System, auch dann, 
wenn ihm in seiner Handhabung manches nicht gefällt wie 
uns ja auch. Er plädiert für den Zusammenschluß des Bürger 
tums. Wir wünschten, daß man gerade in seinen Kreisen er 
kenne, woran dieser Zusammenschluß scheitert: an der Politik"' 
des Herrn Dr. Schölz, der die Deutsche Volkspartei einseitig 
nach rechts zum Bündnis n^t den Konservativen führen will. 
Wir haben die schwere Gefahr, die sich hier durch diese 
Gruppierung „Scholz plus Westarp" für die ganze 
innerpolitische Entwicklung in Deutschland auftut, in unserem 
Artikel in Nr. 638 der „Frankfurter Zeitung" eindringlich 
aufgezeigt. Und wir haben in dem Leitartikel vom 1. Sep 
tember das ausgeführt, was sich für die geistige Ent 
scheidung des Unternehmertums — dessen In 
teressen in Wahrheit mit denen der Arbeiterschaft unzertrenn 
lich verknüpft sind und das es sich aus seinen eigenen Lebens 
notwendigkeiten heraus nicht leisten kann, reaktionär zu sein 
— unseres Erachtens daraus ergibt. ___ 
Aufenthalt in der Bretagne. 
St. Malo, Ende August. 
Lebendes Bild. 
Im Schaufenster einer Bilderrahmenhandlung dicht beim 
Kurfürstendamm hing während langer Monate immer das 
gleiche Gemälde. Fünf Gestalten in Fischerkostümen beugen sich 
nebeneinander über eine Brüstung und starren, wohin? Offen 
bar ins Meer unter ihnen. Das Meer selber kann man nur 
ahnen, da es durch die Brüstung verdeckt wird. Man sieht 
nicht mehr als die fünf mächtigen Kehrseiten in Ultramarin 
und einen blutroten Horizont. Auf solchen Oelbildern geht 
die Sonne stets auf oder unter. Obwohl ich täglich mehrmals 
an dem Gemälde vorbeikam, drehte sich nie eine der Gestalten, 
nach mir um. Sie waren vom Meer fasziniert, das der Maler 
uns vorenthielt. 
Da ich zu meiner Erholung auch über die Brüstung blicken 
wollte, fuhr ich nach St. Malo in der Bretagne. Spät 
abends komme ich an, müd von Paris und der öden Fahrt 
bis zur Küste. Das Zimmer im Hotel wird mir seiner Stille 
wegen gepriesen. Wenn es still ist, muß Sä Malo noch viel lauter 
sein. Gerade unterhalb meines Fensters scheint sich ein Park 
platz für Autos zu befinden, denn in jedem Augenblick springt 
ein Motor an und entfernt sich mit Radau. Auch braust und 
rauscht es draußen von Zeit zu Zeit, in regelmäßigen Ab- 
ständen. Wahrscheinlich das Meer, denke ich im Bett, und freue 
mich schon im voraus. „I äont MiM 80," ertönt eine 
Stimme im Nebenzimmer, und „'VMnt" und „I tkluL 80". 
Die gleichmäßige, unbeteiligte, naßkalte Stimme eines Eng 
länders, die zweifellos dazu fähig wäre, den zartesten Traum 
zu zerstören. Ich könnte die Stimme unbarmherzig erschießen. 
Schritte Hallen in meinen Schlaf hinein und durchmessen ihn 
wie einen Korridor, der sich bis zum Erwachen dehnt. Es ist 
hell. Ich blinzle dem Tag zu, und stehe: 
Fünf Gestalten neigen sich über die Brüstung einer 
Festungsmauer, die vor meinem Fenster hinstreicht und mir 
jede Aussicht versperrt. Genau wie auf dem Bild kehren sie 
mir den Rücken zu; also wird es das Meer sein, das sie be 
trachten. Wie ich ans Fenster trete, merke ich, daß das nächt 
liche Rauschen und Brausen von einer Bedürfnisanstalt in 
der Mauer herrührt. Mag es Aberglaube sein oder nicht: das 
lebendig gewordene Gemälde erscheint mir als eine besondere 
Fügung, und daß ich die sehe, die das Meer sehen, beruhigt 
mich über die Wahl des Orts. Zuletzt ereignet sich überdies, 
was ich vor dem Bild immer vergeblich erwartet hatte: die 
fünf Leute drehen sich nach mir um. Und nur, weil ich, so 
früh am Morgen, noch nicht auf eine Besichtigung eingerichtet 
bin, ziehe ich mich in den Hintergrund des Zimmers zurück. 
Ringbahn zu Fuß. 
Die Mauer vor meinem Fenster ist ein Stück des alten 
Ringwalles, der ganz St. Malo umgürtet. Er ist der reizendste 
Spaziergang, den es gibt. Einmal weil er nur knapp drei 
viertel Stunden dauert, und dann, weil er so abwechslungs 
reich ist, als sei er viel länger. Natürlich befindet sich auf der 
Steinpromenade ein Denkmal von Chateaubriand, der ins 
Meer hinein sinniert. Wenn einer noch nicht gewußt hat, daß 
Chateaubriand aus St. Malo stammt — war er nur einen 
Tag hier, so weiß er's für alle Zeiten. Hotels heißen nach ihm, 
Straßen, Anstalten und Schiffe, und noch in der weiteren 
Umgebung dient er-als Fetisch. Die Leute sind glücklich, wenn 
sie einen Namen haben, den sie immer anwenden dürfen. Nach 
außen grenzt der Wall ans Meer, an die Hafenanlagen und 
an ein paar Straßen mit Trambahnen und Lastfuhrwerken. Das 
Meer ist von einem hysterischen Wankelmut. Will man an den 
Strand, so wird er sicher gerade von der Flut überschwemmt. 
Dicke Wassermassen rollen dann geräuschvoll herbei und weichen 
wieder dünn wie Oblaten von hinnen. Es ist, als schleudere 
ein wütender Verkäufer Tuchballen auf den Ladentisch und 
lasse jedesmal eine einzelne Stofflage zurück, damit die Dame 
das Muster beurteilen kann. Will man dagegen im Motorboot 
fahren, so herrscht unter allen Umständen Ebbe. Die Tuch 
- ballen sind fort, wo Meer war, ist eine Sandfläche, auf der sich 
die Kähne schief herumdrücken, und der Landungssteg liegt 
irgendwo draußen. Ich begreife übrigens nicht, daß man immer 
nur Landstreicher sagt; Meerstreicher wäre mindestens ebenso 
richtig. 
Abend für Abend gehe ich über den Wall und folge dem 
Beispiel der fünf Gestalten, die sich mir zugekehrt haben. Hier 
i tut man sich leichter als auf der Stadt- und Ringbahn, die 
! viel zu rasch fährt. Wo ich mag, kann ich halt machen, und 
überall erschließt sich mir das Innere der Stuben. Ein Mütter 
chen aus dem vorigen Jahrhundert näht am offenen Fenster, 
um Licht zu sparen; Besucher sitzen zeremoniell inmitten eines 
Louis-LVI-Mobiliars; Gäste einer Familienpension speisen, 
eng aneinandergepreßt, unter roten Ampeln zu Abend; ein 
Ehepaar bastelt in seinem Schlafzimmer herum. Sie wissen 
zwar alle, baß sie vom Wall aus beobachtet werden können, 
denken aber nicht immer daran, und benehmen sich dann erst 
^echt wie Schauspiels in einem Theaterstück mitwirken. 
t In r i t e e h r n es n s l e i n ch i m i v it e i d rk e n n ü en p i ft d . e M r a A g r d f b ie d e se it a e u P c r h s , c i in h s a ow f d t e i it u k s n ie z p i e o r l l i i - - 
! s t l i ta s is c nc h ghee or dW g a a isr n ts i U s c i n e ht r ae t frtn is e t dhu ( m w rce e hr n t i u g em s in t e e s n e s slboez a ir u al f nisi d tcis e hc m t hae P n a as p bel i iö e ns r ee ) r , n A d uw ie fog k lale a bne p : it v a se l o i r - -- 
z efso w ionr. e tbsN i a f c e irhce lt hrn , ittt k lani a clu n sh n re,ms e d s iat ßV s d ic ede h rirhe je aRW d let e eai n rnkt f st a ico ll hn s z-au e fDrt h s e afü r ssah m ckrhel i il t rinc d hdge e ut n r rpc A ha Br r a b eed e indo it ex e eu, r nt s tuas c bnc h heg a ire ft deiehs v n e riee r s - srt 
F be u f n e k s t t i i o gt n e e n n , s d ie ie k m äm en e s n ch a li u c c h h fa in ßli g ch ru e nd fü le g g t e e n n de u n nd W s i o rts si c c h h a m fts o f r r a a li g s e ch n 
weniger mit den Arbeiterorganisationen als mit den Rechts- 
g s r e u in pD e p ae C ns ha iUn n n ce tKer a on u ne s fhl , ikm w te. e r n tu n m es m s u ic ß h u s n ic a h b e h n ä t n sc g h ig eid v e o n n . je E n s en nu M tz ä t ch n te u n r 
hält, die in das moderne Wirtschaftsleben wie ein Ana 
chronismus hineinplatzen. Hat es den Glauben an seine 
M nä is re si n on U , n d t e e n rs e ta s n h d ab z e u n f d lü a c r h f, te s n o , b i r n auc d h e t m es es nic a h m t in all d e e rw n e r n e i a g k s t t i e o n - 
v F o re rm ien Un s w ta e n t d te u r n b d ew a a u h fg r e t s b c l h e l i o b s e s n en w g ir e d g . en Ih üb m er h a ä ll l e t n es M v ä ie c l ht e e h n er d i e m s 
Fortschritts.
        <pb n="50" />
        Worte zu einer unverständlichen Luftbrandung, die ganz an 
genehm klingt, und manchmal singt sogar Chevalier, Nach dem 
Essen benutze ich das Eäfs am entgegengesetzten Platzende, 
zwischen leeren Stühlen beinahe der einzige Gast. Zch träume 
unter einer aelben Markise, berausche mich-an dem Gedanken, 
daß es zahlloie Casss gibt und komme mir wie ein Robinson 
vor, der in einen Jnselarchipel rötlicher Marmortischchen ver 
schlagen worden ist. Auf vielen von ihnen stehen blaue 
Siphonflaschen wie Palmen einsam im Süden. 
Bald nach dem Abendessen hebt das Unglück an. Die Cafs- 
stühle rücken noch weiter in den Platz Hinein und verwandeln 
sich unmerklich in Zuschauersitze. Vor ihnen sind weiße Lein 
wandflächen gespannt, die an hölzernen Galgen hochgezogen 
werden. Vier Freilichtkinos — es genügt. Es genügt 
scheinbar doch nicht, denn außerhalb der also auf dem 
freigelassenen Platz, der allerdings nicht vorhanden ist, drängen 
sich die Einheimischen in Scharen. Sie stehen oder benutzen dre 
Feldstühlchen, die sie mitgebracht haben. Die Leinwandflächen 
erstrahlen, die CäM verdunkeln sich. DäS ist nicht recht von 
ihnen, denn ein Caf6 muß hell sein. Nur eines von den sechs 
bleibt als Caf6 erhalten, weil es sich einem von Fenstern 
durchlöcherten Haus gegenüber befindet, auf das schlechterdings 
nichts projiziert werden kann. Aber dieses Caf6 liegt abseits 
von den übrigen und wirkt überhaupt so verlassen. 
Gleich nach meiner Ankunft habe ich einer Aufführung bei 
gewohnt und dann nicht wieder. Kaum lehne ich mich erwar 
tungsvoll in mein Strohstühlchen zurück — es ist bereits finster 
und man hat durchaus die Empfindung, in einem abgeschlosse 
nen Raum zu sitzen — so wird mir bewußt, daß ich nicht nur 
auf die Leinwand sehen kann, derentwegen ich Hier meinen 
Kaffee trinke, sondern auf die Flächen zur Rechten und zur Lin 
ken. Sie gehen mich eigentlich nichts an, locken mich aber un 
widerstehlich. In der ersten Stunde laufen überall. Reklamen 
ab, dreimal dieselben, nur in verschiedener Reihenfolge, ganz 
St.-Malo inseriert. Später kommen die Filme. Ich befinde mich 
unmittelbar einem Liebesdrama gegenüber, das sich so langsam 
abwickelt, daß ich hinreichend Zeit habe, nach beiden Seitch W 
blicken. Links rast ein komischer amerikanischer Grpteskfilm, über 
den die Leute wie toll lachen. Einer überkugelt sich fortwährend, 
veranügt sich unter Wasser bei den Fischen, usw. Rechts da 
gegen zieht ein spannendes Kriminalstück herauf, mit Ver 
brechern im Hotelflur und blitzenden Autos: Während ich in der 
Mitte weinen müßte, weil der.Held seine Geliebte im.Mich 
läßt, hätte ich, streng genommen, links mit den andern zu 
lachen und rechts den Atem erregt anzuhaltem Ich zerspalte 
mich zuletzt in drei Zuschauer, die nichts mehr miteinander 
eemein haben. Die verlassene Geliebte schlägt Vurzelbäume, 
und der Held geradeaus wird zUM Mörder. Die drei Zuschauer 
Überwerfen sich auf dem Heimweg und wollen nicht länger zu- 
sammenbleiben. Nachts braust und rauscht die Bedürfnisanstalt 
lauter als sonst. ° 
Mei Filme auf einen Schlag - meine Kinoleidenschoft hat 
ryre Grenzen (Wie wäre es übrigens, wenn man in St. Malo 
dafür drehte? Das Städtchen eignet sich ausgezeichnet 
Sehenswürdigkeiten. 
Wer sich m St-Malo aufhält, kann dem Mont-St.- 
Michel mcht entgehen, Ansichtskarten, Farbdrucke und Pho 
tos spiegeln ihn tausendfach wider, und man weiß bald das 
Original auswendig, ohne es je erblickt zu haben. Seine 
Besichtigung wäre mithin überflüssig, aber wer vermöchte der 
Verfuhrungskraft der vielen Autocars zu widerstehen die Tag 
ftw Tag dorthin fahren und ihre Exkursionen auf Schritt und 
Tritt anpreisen? Die Konstatierwut der Menschen ist unersätt- 
und auch ich unterliege ihr an einem Tag, den mein 
Hoteiportier schön nennt. Warum, ist mir unklar, denn heißer 
konnte es nicht gut sein, und wir fahren noch dazu über lauter 
baumlose Alleen. Endlich kommt zu Gesicht, was ich in und 
ohne Rahmen schon so oft zum Ueberdruß vor Augen gehabt 
habe Das Objekt macht natürlich nicht den erwarteten Ein 
druck, wirkt überhaupt nicht wie ein Urbild, sondern eher wie 
eine nach den Vervielfältigungen hergestellte Rekonstruktion. 
Das rst die Rache an der Photographie: daß das Original 
durch seine Echtheit verliert. 
Wenn man das Gebiet des Mont-St.-Michel betreten hat, 
ist man unverzüglich seiner Bewegungsfreiheit beraubt. Die 
Ankunftzeiten der meisten Autocars sind mit den Besichti 
gungszeiten so geschickt kombiniert, daß man zuerst eine Stunde 
in einem der zahlreichen Restaurants zubringen muß, von 
denen die einzige Straße des Orts besetzt ist. Diese Straße 
ist einem Alpdruck ähnlich und erinnert an die von Lourdes. 
^st der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert, so 
der zum Himmel frommer Sehenswürdigkeiten mit eitel Tand. 
Ein unerträgliches Gemisch von religiösen Gegenständen, 
Touristenbelangen und Andenkenartikeln füllt die Enge, in 
der es nach Küche riecht, nach Trinkgeldern und nach 
Fremden. 
Es ist heißer als heiß, und der erste Schub wartet vor 
der Kathedrale auf Einlaß. Eine Menschenherde, die sich, so- 
Zauberers ein Täubchen nach dem anderen herausflattert, 
so tauchen innerhalb der Wälle lauter verschiedene Quartiere 
auf. Die Hexerei wird durch das Mm begünstigt. 
Eine Art von Hauptstraße halbiert zwar die Stadt, aber sie 
ist so gewunden, daß ich öfters eine Seitenstraße mit ihr ver 
wechselt habe. Nicht zu meinem Schaden bin ich regelrecht in 
die Irre gegangen und nach wildfrenkden Gegenden verschla 
gen worden. Da ist ein beinahe moderner Baumplatz mit 
mehreren offiziellen Gebäuden; eine mittelalterliche KomM 
nation aus Kathedrale, Torbogen und Treppchen; eine stille 
Provinzstraße zwischen Wall und Wall. Abgeschlossene Winkel 
aM Genua sind eingespxengt Und ein richtiges Matrosen- 
viertelchen mit einer Music. Hall, die wie ein Osterei grell 
angemalt ist und sich in einem Gastenschlauch verbirgt. 
Dieses Klein-Marseille öffnet sich nach dem, F i sch markt 
zu. Nicht so, als ob sich nur hier die Fische sammelten. Ueber- 
all auf dem Straß enpflaster Hocken Weiber mit Körben, in 
denen Fische liegen, schöne Fische, die wie Perlmutt glänzen und 
so zierlich ornameUtiert sind, als seien sie in den Wiener Werk 
stätten hergestellt. Der Fischmärkt. selber wird fast ganz von 
den kreisrund angeordneten Ständen ausgefüllt, über die sich 
ein Zeltdach spannt. Ein Karussell, das von Restaurants um 
ringt ist, in denen man verspeisen kann, was unter dem Zelt 
heftig zappelt. Voller Todesangst wehren sich die Langusten 
dagegen, bei lebendigem Leib nach Gewicht verkauft zu werden. 
Aber es hilft ihnen nichts, denn die Händler packen sie einfach 
bei den Scheren und fesseln die Körper mit Bindfäden. Ich 
möchte den Tag der Langusten-Revolution nicht erleben. Es 
wird ein Tag der Rache sein, wenn sie anrücken, die roten 
Legionen, und ihre Feinde in die Beine zwicken, gefolgt von 
den Tanks der Krustentiere And den Kampfformationm der 
Schnecken und Austern... 
Woher es rührt, daß die vpn Mauern eingeschnürte Stadt 
sich so grenzenlos weitet, ist mir ein Rätsel. Sind es die fünf 
stöckigen Häuser? Die vielen vollgepfropften Geschäfte? Die 
Menschenströme und das: „l tbiM so"/das ewige: „VKat"? 
Ich weiß es nicht. Ich bewundere nur den Geist der Ein 
wohner, die diesen mikroskopisch kleinen Jnselraum so einge 
richtet haben, daß man in ihm Visionen haben kann wie sonst 
nur in riesigen Städten. Und sch verstehe gut, daß außer 
Chateaubriand auch noch Lümennais und andere berühmte 
Franzosen gerade in St. Malo zur Welt gekommen sind. 
Drei auf einen Schlag. 
Ich liebe leidenschaftlich das Kino (was nicht heißen soll, 
daß ich mich für den heutigen Tonfilm einsetze). Daß auch 
diese Liebe nicht schrankenlos ist, habe ich erst in St. Malo 
erfahren. 
Man wird sich schon gefragt haben, wo die Caf 6 s liegen. 
Denn was wäre eine Stadt,vor allem eine französische, ohne 
Caf^s? St. Malo verfügt über einen einzigen großen Platz, 
der auf der einen Seite von Häusern, auf der anderen von der 
unvermeidlichen Ringmauer begrenzt wird. Der Platz ist natür 
lich gar nicht groß, aber das gehört eben zur Hexerei. Auf ihm, 
der ein länglicher Korridor ist, sind nicht nur sechs Cafäs, 
sondern auch noch ein Restaurant untergebracht. Macht zu 
sammen sieben Lokale. Sie schieben ihre Tische so weit vor, 
daß sich die Autos nur schwer durchzwängen können. Wie sie 
sich behutsam vorwärts bewegen, gleichen sie den Dampfern, 
die sich während der Ebbe eine schmale Fahrrinne suchen. Da 
ich je nach der Tageszeit das Caf6 wechsle, sehe ich den Platz 
rmmer aus einer neuen Perspektive. Vormittags zum Beisviel 
sitze ich in einem Cass, das dicht bei einem Radiogeschäft 
liegt. Durch den Schalltrichter wird: „Hallo, hallo!" gerufen 
und in einemfort laut gesprochen. Seit der Erfindung des 
Radios hat die Geschwätzigkeit im der Welt noch beträchtlich 
zugenommen. Hört man aber nicht zu, so verschmelzen die 
LLS-HMSM 
SWWMIW 
^IMWLMMZ 
Param« glänzen im Master. Der Mond rst ganz gelb. 
Großstadt s» mlmaturv. 
Da die Wallpromenads nur kurz ist, müßte die Stadt von 
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        bald das Portal geöffnet wird, in eine Schar von Sklaven 
verwandelt. Die Aufseher sind strenge Gebieter, die ihre 
Schutzbefohlenen treppauf und treppab jagen, durch ein 
Steindickicht aufs Dach. Manchmal halten sie Appell ab und 
geben Erklärungen, nach denen die Architektur aus Jahrhun 
derten stammt, ich weiß nicht, aus welchen. Die Leute staunen 
über die Jahrhunderte, die sie nicht kennen. Schöner als der 
Kreuzgang, dessen Bedeutung durch seine Schwüle beeinträch 
tigt wird, sind ein paar Säle, in denen es wenigstens kühl ist. 
Wo immer sich ein Blick aufs Meer oder das Hinterland 
bietet, muß er genossen werden. Sie kommen hierher, um sich 
über den Mont-St.-Michel zu vergewissern, und betrachten von 
ihm aus wieder die Gegenden, aus denen sie kommen. Nur 
dort, wo sie sind, wollen sie niemals sein. Einige, die gar nichts 
sehen, haben sogar Feldstecher bei sich. Die Führerbegabung 
der Aufseher zeigt sich besonders deutlich am Ende, wenn 
es gilt, die Gefangenen so aus dem Portal herauszulassen, 
daß die Nachzügler des neuen Schubs nicht die Gelegenheit 
erhalten, ins Innere zu schlüpfen. Nichts einfacher als das. 
Der Türwächter wirft sich mit der.ganzen Gewalt seines Kör 
pers gegen das Portal, durch das die Besichtiger abziehen 
sollen. Da er nicht mitbesichtigt hat, ist er stärker als sie, und 
so geschieht es, daß sich immer nur die eine oder andere 
Person den Ausgang erzwingen kann. Sie darf zufrieden sein, 
wenn sie nicht zerquetscht draußen landet. 
Die Hitze ist weiter angewachsen. Der Autobus fährt erst 
nach einer Stunde im lokalen Interesse der Lokale. Ein 
schöner Tag, sagt mein Hotelportier nach der Rückkunft. 
Vielleicht ist dsr Besuch des Mont-St.-Michel bei bedecktem 
Himmel vorzuziehen. Ich meinesteils begnüge mich fortan 
mit Ansichtskarten, Farbdrucken und Photos. 
High-LLfe. 
Die Nachmittage sind dem eleganten Dinard geweiht. Das 
Motorboot trägt in zehn Minuten hinüber. Meistens fährt es 
an einem Wasserflugzeug vorbei, das von früh bis spät immer 
die gleichen Bogen beschreibt und sich dann wieder auf.dem 
Wasser niederläßt. Uebrigens scheinen sich die Vögel schon 
genau so an die Aeroplane gewöhnt zu haben wie die Haus 
und Stcaßentiere an Autos. 
Dinard hat drei Casinos, deren eines sich ausdrücklich 
High-Life-Casino nennt. Das High-Life ist bunt. Von meinem 
Beobachtungspysten aus, einer entzückenden Konditorei an der 
Hauptstraße ,verfolge ich das Defilee der Phjamas, die sich 
durch ihre Farbenpracht gegenseitig zu übertrumpfen suchen. 
Sie sind bald indianisch zugeschnitten, bald chinesisch - 
eine Maskerade bei hellichtem Tag. Erst unterdrückt man die 
Volker, dann schmückt man sich mit ihren Kostümen, um Reize 
zu entfalten, die man nicht hat. Nur gut, daß es die Seebäder 
gibt. Die Männer sind noch eitler als die Frauen. Ist bei 
diesen die Eitelkeit ein Kriegsmittel, so bei jenen ein Bedürf 
nis. Sie tragen weiße Hosen, kunstgewerbliche Sweater und 
Baskenmützen und werfen in einemfort selbstgefällige Blicke, 
die oft genug ziellos sind und dazu dienen, andre Blicke auf 
sich zu lenken. 
Der Strand ist so groß, daß er ein weitschweifiges 
Strandleben ermöglicht. Es ist mondäner als das in Si Malo 
und spielt sich vor langen Reihen grüner Badekabinen 
ab, die zum Rollen eingerichtet sind und an eine Lauben 
kolonie gemahnen. Von der Estrade aus gleicht das Gewim 
mel dem von Pinguinen in der Filmwochenschau; nur daß 
die Pinguine weiser sind als die Menschen. Außer den Kin 
dern treiben sich vor allem junge Leute im Sand herum. 
Franzosen, Engländer, Amerikaner —° es ist eine merkwürdige 
Generation, die sich da sonnt und sozusagen ertüchtigt. Sie 
ist trainiert, technisch gewandt und gesund. Aber ihre Gesund 
heit ist von einer Art, daß sie Angst erregt, und man wird 
das Gefühl nicht los, daß jedes von diesen jungen Mädchen 
und Männern gelenkte Auto mehr Empfindung hat als sie 
selber. Man merkt ihnen nicht an, daß Krieg gewesen ist, und 
nirgends haftet an ihrer Erscheinung etwas von der ent 
setzlichen Not in der Welt. Das eben ruft jene Angst hervor: 
daß man ihnen nichts anmerkt. Es sei denn, daß sie leben. 
Und ich weiß noch nicht einmal, ob sie gern leben. 
An den Strand schließt sich ein bewaldeter Villenhügel 
an, um den sich, dicht überm Meer, ein herrlicher Spazierweg 
hinzieht. Zu ihm schimmert aus der Ferne St. Malo herüber: 
ein weißes Steinphantom, das in der Bläue von Wasser und 
Himmel schwebt. 
Zu Schiff nach England. 
Wenn gerade Flut ist, liegt abends das Schiff nach 
Southampton abfahrbereit im Hafen vonSt. Malo. „Dinard", 
„Rouen", „Wera" heißen die Kästen. Sie sehen etwas unförmig 
aus, weil sie in zwei getrennte Decks zerfallen, zwischen denen 
sich in der Tiefe der Laderaum öffnet. Dort unten Hausen bei 
den Koffern die Autos, in dicken Knäueln drängen sich die 
englischen Touristen über den Schisfssteg; ohne daß darum 
das: ,/WIiut", das: „I tüLuk 80" und das: äou't 
tüink so" in St. Malo abnähme. Offenbar werden die Rei 
senden nach ihrer Ankunft in England sofort wieder heimlich 
Zurückgebracht. Stumm lehnen sie am Geländer und starren 
! auf den Kai nieder. Ein ältliches Mädchen küßt noch einmal 
Mr Berlin, im September. 
Die Kriminalstücke, die in der Endzeit des stummen Films 
von der Leinwand verschwunden waren, sind mit der Herauf- 
kunft des Tonfilms wieder in Mode gekommen. Ich möchte mich 
nicht in Spekulationen über die Gründe dieser Renaissance ver 
lieren. Immerhin ist interessant, daß die Gattung, die einst durch 
Reichers Stuart Webbs-Filme nicht schlecht vertreten war, gerade 
jetzt von neuem auf der Btldfläche erscheint. Man Hat den Ein 
druck, als ob die Sensation heute erst beim echten Pistolenschuß 
begönne und viel« Worte gemacht werden müßten, um das 
Publikum in Spannung zu halten. Wenn die unbestreitbare Zug 
kraft der tönenden Kriminalstücke aber wirklich diesem billigen 
Naturalismus zu danken ist, so bedeutet das nichts anderes, als 
daß die Nerven in erschreckendem Maße abgestumpft und dem 
entsprechend auch die Ansprüche gesunken sind. Knalleffekte sind 
gegenwärtig nur Effekte, die tatsächlich knallen. 
Eine Feststellung, die durch die in diesen Tagen angelaufenen 
Filme bestätigt wird. Richard Eichbevg zeigt im Ufa-Palast am Zoo 
-m Krtminalstück: „Der Greifer", in dem, frei nach Wallace, 
ein begabter Detektiv eine Verbrecherbando zur Strecke bringt. 
Legte sich nicht Hans Mers mit seiner forschen Natur als Detek 
tiv ungeniert ins Zeug, so wäre der etwas konfus angelegte Film 
keiner ausdrücklichen Erwähnung wert. Noch weniger verdient die 
in einem anderen Ufatheater herausgekommene Kriminalkomödie: 
„V a Banque", baß von ihr Notiz genommen wird. Sie will 
eine Komödie sein und ist ein witzloses Erzeugnis, das auch durch 
die Mitwirkung LU Dagovers nicht lustiger wird. 
Warum ich dennoch solcher Machwerke gedenke? Weil sie zur Zeit 
Konjunktur sind unÄ werk sich gerade in diesen Kriminalstücken die 
falsche Tendenz der augenblicklichen Tonfilmproduktion besonders 
drastisch enthüllt. Sie setzen ihren Ehrgeiz darein, hunderprozentig 
zu sein und durch «ine möglichst getreue Kopie wirklicher Vor 
gänge Erregung, Gruseln und Aeberraschung hervorzurufen. Aber 
in demselben Maße, in dem sie das reale Leben zu reproduzieren 
suchen, verzichten sie darauf, die Mittel anznwenden, die dem 
stummen Film einst zu Gebote standen. Sie lassen Schreie ertönen 
und verschleppen die Handlung; sie nehmen Dialoge aus und zeigen 
Bilder, die gar keiner Worte bedürften. Nicht umsonst wirken die 
atzten Kriminalstücke so tolpatschig und langsam, und der stumme 
Stuart WebbS war zweifellos viel gewandter als alle seine Kolle 
gen, denen nunmehr die Sprache gegönnt ist. Wenn es so weiter 
geht, entartet der Tonfilm zur puren Imitation, an der die 
Freude nur kurz währt. Er sollte lieber danach trachten, gleich dem 
stummen Wm jenes Leben umzugestalten, das sein Borwurf ist. 
einen jungen französischen Burschen, ehe es sich zum Schrff 
beoibt. Dann blickt es ihn zärtlich an und lutscht unausgesetzt 
Bonbons, um sick (und ihm) den Abschied zu versüßen Zwei 
Bretonen singen Weisen, die traurig wie Warfen sind, und 
ernten zum Dank die letzten Sous, die vom Deck aufs Pflaster 
klatschen. Die Lieder werden vom Geschrer der Algerier uver- 
tönt, die aus der wehmütigen Stimmung der Engländer chren 
Nutzen ziehen möchten. Sie halten ihre Teppiche und Pen- 
schnüre hoch — ein kleiner Orient mit Gefeilsche, das kunst 
voll weitergetrieben wird und allmählich verebbt. Ueber den 
roten Fezen funkeln die Sterne und an den Masten zwer 
Lichter. Das Schiffsseil wird in ein Boot geworfen, das mit der 
Last ans andre Ufer gleitet. Schon löst sich die riesige Masse des 
Dampfers vom Land. Sie treibt der Hafenmitte zu und wen 
det sich hier überdeutlich und langsam. Immer noch stehen 
die Engländer nebeneinander am Geländer und schauen aus 
die Rampe zurück. 
Eines Tages werde auch ich heimfahren. Vielleicht hangt 
dann in meinem Bilderrahmengeschäft beim Kurfürftendamm 
ein anderes Gemälde: Vor einem blutroten Horizont sticht ein 
&amp;gt; Ozeandampfer in See, auf dem sich zahllose Meerstreicher uber 
die Brüstung lehnen. Aber sie blicken nicht auf den Betrachter, 
sondern kehren ihm und der Küste unnachsichtig den Rucken zu. 
S. Krakauer.
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        Der Dichter im Warenhaus. 
Berlin, im SepLeMer. 
In einem bekannten Warenhaus des Berliner Ostens finden Zur 
Zeit um die Stunde, in der man den kivs o'oloek tes. einzunehmen 
pflegt, literarische und musikalische Veranstaltungen statt. Ich habe 
dieses Warenhaus schon öfters besucht, ohne je seiner Beziehung 
Zur Kunst innegeworden zu sein. Es ist ein stolzes, drohendes 
Warenhaus, das sich wie eine Bastei inmitten der Proletarier 
gegend erhebt und einen Dachgarten sein Eigen nennt, auf dem 
man hoch über allem Menschlichen wohnt. Sein Inneres ist ganz 
nach modernen Grundsätzen eingerichtet. Die Aufzüge, deren Türen 
sich mit einem einzigen Hebeldruck öffnen und schließen lassen, 
fahren gleichsam von selber hinauf und herunter, die Rolltreppen 
rollen unablässig, auch wenn sie niemand betritt, die Verkaufs 
stände sind wie für die Ewigkeit aufgebaut, die Verkäuferinnen in 
ihrer braunen Tracht funktionieren wie feine Apparätchen, und 
durch die breiten Gänge wälzt sich, einem Blutkreislauf gleich, der 
Strom des Publikums in vorschriftsmäßiger Richtung. Im Augen 
blick fließt er allerdings der Arbeitslosigkeit wegen etwas dünn und 
füllt das Flußbett nicht aus. 
Dieser wunderbare Mechanismus also hat sich zu Beginn der 
Wintersaison auf Kunst eingestellt. Bald werden die Bäume ihre 
letzten Blätter verlieren, und dann wird es im Inneren ansangen 
zu grünen und zu sprießen. Bücher werden gekauft werden und 
Klavierauszüge, und die ganze Bevölkerung mit Einschluß der 
Nationalsozialisten wird sich in die Stuben Zurückziehen, wo es 
warm sein wird, vorausgesetzt, daß man die nötigen Kohlen be 
zahlen kann. Die Zeit für das Geistige und die Hausgenüsse ist 
wieder einmal gekommen. 
Für einen Betrag, der gering Zu nennen ist, weil er nicht nur 
die Anwartschaft auf einen Dichtervortrag, sondern auch auf ein 
Gedeck gewährt, erhält man Einlaß in einen der Speisesäle des 
Warenhauses. Der Speisesaal ist holzgetäfelt, nüchtern, wie die 
Zeit es verlangt, und kolossal wie ein richtiges Etablissement. Wäre 
er nicht voller Menschen, die den Dichter erwarten, so gliche er 
einem gewaltigen luftleeren Raum. Zum Glück enthält er mehrere 
Telephonzellen, in denen man sich mit der Außenwelt verbinden 
kann, und daß seine Glaswände den freien Durchblick auf die Ver- 
taufsabteilungen erlauben, ist immerhin tröstlich. Es gibt eine Ab 
geschiedenheit, deren Hohlheit schlechterdings nicht zu ertragen ist. 
Der Dichter besteigt das niedrige Podium. Der Dichter heißt 
Heinrich Mann. Es ist eine kuriose Begegnung, die sich hier 
zwischen ihm und der Warenhausmenge vollzieht. Verdrießlich nur, 
daß sich sofort ein photographischer Apparat wie ein Gewehrlauf 
gegen ihn richtet und neben dem Rednerpult ein beflissenes Mikro 
phon die ganze Rede verschluckt. Warum in aller Welt muß immer 
alles gleich in alle Welt? Die Veranstaltung an diesem Ort erreicht 
doch wirklich schon Menschen genug. Ihnen ist die Stunde zuge 
dacht; von Angesicht Zu Angesicht gesprochen, hat die Vorlesung 
einen Sinn. Der aber geht verloren, sobald die armen Worte auch 
noch in den Aether gejagt werden, um eine unbegrenzte, unbekannte 
Zuhörerschaft zu behelligen. Solche Wellenspiele sind eine nutzlose 
Spielerei. 
Der Dichter liest, und es ist, M ob ein leichter Nebel die 
braunen Kellnerinnen umhülle, die behutsam servieren. Während 
die Tassen zum Mund geführt werden, rauscht und surrt der Vor- 
trag wie ein Speisewagen. Das Publikum bemüht sich, die Schlag 
sahne lautlos zu löffeln. Abgesehen von einigen besser aufgemachten 
Fremden, die wie bezahlte Statisten wirken, und vereinzelten An 
gehörigen der literarischen Welt und Halbwelt, besteht es in der 
Hauptsache aus eingeborenen Mittelstandsfamilien. Diese Jüng 
linge, Mädchen und Eltern, die Angestellte oder Beamte sind, haben 
sich für den Samstagnachmittag nett zurechtgeputzt. Sie lauschen 
andächtig, sie freuen sich, daß sie wie in einem eleganten Hotel 
einer Conference beiwohnen, daß die berühmten Dichter zu ihnen, 
und sie zu den berühmten Dichtern kommen und daß sie alles ver 
stehen, was dieser Heinrich Mann ihnen erzählt. Er liest aus 
seinem neuen Romans eine Voxkampfszene, in der k. 0. ge 
schlagen wird, und eine aufregende Reise im Flugzeug. Die Dichter 
sind heute schick; sie gehen, nein, fliegen mit unserer Zeit. Hinter 
den Glaswänden ertönen Grammophone, rollen die Leute stumm 
und automatisch wie Schießbudenfiguren, die nicht getroffen wer 
den, auf den Rolltreppen hinan. Aber das Publikum ist so ver 
zaubert, daß die Grammophonschlager nicht hereindringen, die 
rollenden Figuren sich zu Schatten verflüchtigen und in den Tels- 
phonzellen die Drähte abgeschnitten zu sein scheinen. 
Der Vortrag ist aus. Wir erfahren, daß der Dichter jedes ge 
Leder und Mode. 
vis internationale veäersobau in Berlin, deren in unserem Ran- 
dslsteil gedaebt worden war (vergl. äis ^usgabs vorn 16. 8spt.), ist s 
Lnnr gesoblosssn, absr äis ibr eingekügts 8ondsrsebau: „v säsr &amp;gt; 
unä Noäe" -- sis ist in äsr RunkbaBe am Laissrdamm untergs-! 
braebt — bleibt noeb bis ^nkang Oktober gsökknet. Bis riebt einen 
Quersebnitt dureb äis vedsrerreugnisss äsr Leiten unä Völker, äsr 
alles anders als ledern ist. Ibre Reiobbaltigkeit verdankt sie sum 
ZroLsn ^sil äsn Lokätrsn äss vsutseben vedermuseums 
in Okkeebaeb, äesssn 8eböpker Rrok. Hugo Lbsrbardt eins 8ammlung 
rusammengetragen bat, äis ksin Raunst- oäer Lulturbistoriker vsr- 
naeblässigen äürkts. vsnn äas vsäer ist sinss zsnsr Orunäinats- 
riaüsn, äas im Dienst äsr Lnsek- unä ^usäruoksdsäürknrsss äsr 
Nsnssksn von äsn vrimitivsn an bis Lur Os§sn^art äis visMltiAsts 
VsrnsnäunA Sekunden bat. lob dsSnüSv miok mit einiSsn 8tiok- 
vrodsn, äis nur Ssraäs einen Begrikk von äem IImkanS der Ss- 
sekiekt und üdersielitUcrk arrangierten Ausstellung geben sollsn. 
Ls nsrdsn gezeigt: zavanisebe unä siamssisebs Lobattenspisls, äeren 
Figuren von unnennbarem ksir sind; Buobeinbände, Räsonen, 
Lasten, lapeten aus den versebisdeven äabrbundertsn; bistorisebe 
^raebten und einzelne Lleidungsstüeke nie Lebubs und Oürtek 
Linen Lauptteil dieser Ledernelt nebmen natürlieb die krisge- 
risobsn vtensilien und äas Bkerdsgesobirr ein. vie luaregZ nwsdN 
möräerisebe Oesellen sein, aber äie 8ättel, auk äenen sie ibre beinde 
niederstreoken, sind vraebtstileke, dis kriedbeb glmLsn. Labllos sind 
die Bsb^ertgebLnge und die 8ebildsr, unter denen die indisoben mrer 
8ebönbsit negen bsrvorsteoben. 8is sind aus transparenter Las- 
bornbaut angskertigt, deren vurebsiobtigkeit man den dieksn Diersn 
nie rugstraut bätte. 8ebmüekte man krüber die mibtLrisoben Instru 
ments künstlerisob aus, so gsbt man bsute auk diesem 6ebmt boebst 
prosaiseb 2u Werk, vie veäerausrüstung der 8obupo, der Deuer- 
Webr und der Gruppen, die in niedreren Räumen vorgekubrt vurd, ist 
niebts sonst als nüobtern und bandkest. ^ber aueb die ^riegs- 
mstboden babsn za aukgebört, romantiseb ru sein, vm so mebr sind 
die modernen vuxusv^aren von den Orundsätren der Individual- 
psvebologis durobdrungen. vedereinbanäs, 8ebub-lverk das strotrt 
von kunstgsEbbober veinbeit. Besonders entrüokenä sind viele 
Oegenständs in den äer Reise gewidmeten Vitrinen, vas kommt, 
davon, weil wir so gsrne reisen. Rr. ! 
kaufte Exemplar seiner Romane auf Wunsch eigenhändig signieren S 
wird, und entnehmen daraus, daß der rauschende, surrende Speise-! 
wagen an seinem endgültigen Bestimmungsort eingetroffen ist Das 
Dichten hat aufgehört, das Geschäftsleben nimmt seinen Lauf Die 
Glaswände weichen auseinander. In der Uhrwarenabteilung ticken 
oie Uhren m der Spielwarenabteilung rasseln die Autos. Immer 
fort rollen dre -reppen, gleiten die Aufzüge hinauf und herab Sie 
werden bis zum jüngsten Tage rollen und gleiten. Draußen ist der 
Abend angebrochen, und Straßen, in denen viel Elend wohnt 
laufen aufs Warenhaus zu. S. Krakauer, '!
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        Ueöer den Umgang mit Hieren 
S. Kracauer. 
mit der künstlichen Kinderei. 
Wenn man schon Filmexpeditionen ausrüstet: müssen sie immer 
nur zu den Primitiven oder den Tieren führen? Man sollte lieber 
an die vereinzelten Bildreportagen anknüpfen, in denen versucht 
worden ist, die Menschen über ihre menschlichen oder unmenschlichen 
Verhältnisse zu unterrichten. Es gibt noch viel zu kurbeln in 
Deutschland. 
Anläßlich eines Jagdfilm es. 
Berlin, im September. 
Das Bedürfnis, sich von Tieren ansehen zu lassen, ist Lei unZ 
neuerdings zur Sucht geworden. Ein bekanntes Verlagsunterneh 
men führt im Inseratenteil seiner Zeitungen dem Publikum 
immer wieder Tiere vor, die das eine oder andere Erzeugnis des 
Verlags bewundern müssen. Die Tiere wechseln von Zeit zu Zeit, 
aber das Tierreich ist groß. Es ganz auszuschöpfen, scheinen sich 
die illustrierten Zeitungen zum Ziel gesetzt zu haben, und daß es 
eine Mlmwochenschau gäbe, in der keine Tiere Vorkommen, ist 
völlig unmöglich. Meistens Lauchen sie zwischen einer Explosion und 
einem Sportfest oder einem Sportfest und einer Explosion auf. 
Nicht genug damit: auch die Expeditionsfilme haben sich in der 
jüngsten Vergangenheit stark vermehrt, und handeln sie nicht von 
primitiven Völkern, so nehmen sie doch bestimmt exotische Tiere 
aufs Korn. Um allen Ansprüchen zu genügen^ werden übrigens 
diese in der Regel mit jenen Zusammengemixt. 
Erst dieser Tage ist wieder (im Ufa-Pavillon am Nollendorf- 
Platz) ein solcher Film angelaufen. Er nennt sich: „A uf Tiger 
jagd in Indien" und schildert den Verlauf eines Jagdfeld 
zuges. Als ob es nicht wichtigere Dinge in Indien zu schildern 
gäbe! Dort gehen folgenschwere revolutionäre Umwälzungen vor 
sich, dort finden Tag für Tag Ereignisse statt, die ein würdiger 
Gegenstand für unbestochene Bildberichte wären. Vielleicht könnten 
uns diese Berichte die Augen öffnen. Aber den Ulmproduzenten ist 
mehr daran gelegen, daß uns die Augen verschlossen bleiben, und so 
werden statt der bevölkerten Städte die menschenleeren Dschungel 
gezeigt und statt der Eingeborenenmassen lauter Elefanten,, Tiger 
und besondere Nashornsorten. Und fehlen auch die Gewehre nicht, 
so richten sie sich doch nur gegen das Getier. Dabei ist der Film 
trotz vieler schöner Photos noch nicht einmal gut ausgemacht, 
sondern ein Flickwerk, das aus dem einzigen Grunde, weil jeder 
Film heute ein Tonfilm sein muß, mit allerhand Geräuschen und 
echtem Raubtiergebrüll aus Stellingen beschickt worden ist. 
Ich hätte seiner kaum ausführlich gedacht, wenn er nicht in 
mehr als einer Hinsicht exemplarisch wäre. Er wird von einer 
Conference durchzogen, die Herr Hagenbeck besorgt. Manchmal hört 
man Herrn Hagenbeck nur, manchmal sieht man ihn auch in Groß 
aufnahme auf einem bequemen Stuhl sitzen. Bezeichnend ist nun 
die Art, in der er die Tiere dem Publikum schmackhaft macht. 
Sie soll humoristisch sein und wirkt kindisch. Wenn etwa ein weib 
licher Elefant erscheint, nennt ihn Herr Hagenbeck unverzüglich 
die Frau Mama. Oder er zieht Vergleiche zwischen menschlichen 
und tierischen Familien, die von jener peinlichen Harmlosigkeit sind, 
zu der sich Erwachsene oft im Verkehr mit Kindern verpflichtet 
glauben. Nicht einmal in den Zoologiebüchern der Schuljugend 
finden sich Beschreibungen, die so wissentlich naiv sind. Ich bin 
weit davon entfernt, Herrn Hagenbeck daraus einen Vorwurf zu 
machen. Er schlägt nur den läppischen Ton an, in dem gegenwärtig 
überhaupt von den Tieren gesprochen wird. Heißt es zum Beispiel 
in einer Filmwochenschau: „Babys bei der Wäsche", so darf man 
sicher sein, daß riesige Dickhäuter mit Wasser begossen werden. Was 
beweist dieser Ton? Er beweist, daß sich die Lust an den netten 
und niedlichen Tieren aus der Infantilität erklärt — einer In 
fantilität, die entweder in gewissen Bevölkerungsschichten vorhan 
den ist ode; ihnen doch angezüchtet werden soll. Man will nicht 
den Blick auf unsere soziale Lage richten, will verhindern, daß sich 
Erkenntnisse durchsetzen, die eine gefährliche Unruhe erzeugen — 
und so entwickeln sich reife Menschen ins infantile Stadium zu 
rück. Das Wesen, das aus den Tieren gemacht wird, ist ein Merk 
mal der Flucht. 
Es zeigt zugleich ein Beharren an In dem Jagdfilm spielt sich 
wiederholt die folgende Szene ab. Die Jäger nähern sich dem 
Großwild, Flintenläufe fahren in die Bildfläche, Schüsse knallen, 
und danach erscheint sofort der Kadaver, von dem in einigen Fällen 
ausdrücklich gesagt wird, daß er ein prachtvolles Museumsstück sei 
Daß Tiere gejagt werden, mag in der Aktion der Jagd selber zu 
verstehen sein. Hier aber wird die Jagd zur kaltblütig gekurbelten 
Bildfolge, die mit schlechtem, unnachdenklichem Zynismus den 
Rausch des Lötens verrät. Das Beharren des Menschen im mytho 
logischen Zustand, das so oft den Kriegen Nahrung gegeben hat — 
diese Filmaufnahmen preisen es unverhüllt. Und die verstockte 
Naturbefangenheit, deren sie sich annehmen, verträgt sich durchaus 
makellosen bigun maebt sie tur Rauntperson äer! 
..beiäsn Büeber: „Das 8 aus am B 1 u ll" unä: ' 
..Die Msille Lräbe" in äsnen äis Verbreebsn 
Mie Oleiebungen böberen Oraäes konstruiert siuä. 
äie äer DeRktiv mit äer vlegant äes genialen Va 
tbematikers löst. „Die MSille Rräbe" ist einer ä-r 
spannbnästen Detektivromane, äis ieb seit langen, 
gelesen babe. Einmal äarum. Msil sieb äis 8nuren 
äer Untat in ibm tur kunstvollen Usbsimsebrikt 
verseblingsn, lum anäsrn äarum. Msil Oetbrvn diese 
Uebsimsebrikt von ^nkang bis tu vnäe mstboäiseb 
äeebikkriert. Der blutige vebler ist allenkalls. äall 
üetbrvn sins glüeKMbe Ube käbrt: MO äoeb Detek 
tive grunäsattlieb niebt verbeiratet sein äir sn. 
^Venigstens Mirä äsr 8ebaä6n äaäureb Mieäer balb- 
Megs gutgemaebt. äall äie unsrlaubts Brau Mübr-mä 
äsr Rsarbsitung äes Dalles auk äem Rontinent Meilt 
Lr. 
2sitlLllK sekisll SS auüsr äsn Lüeksrii von 
vVMses ksms Liiäsrsn OsEtivromsus mskr M 
LULssssluckts velsktiv- 
^orvs Etookksabar nickt allem ckis Verbrecher son- 
äis konkurriSEcksn Detektivs rur Ztrseks 
ssorsckt, unck überall, in cksr Oskksntlicbksit cker 
^annbote soMobl MIO in äsr ^.bgSZebieäenbsit äsr 
oortimentsbuebbaM erbliekte man imme? nur 
äis glembsn Ränäe, auk äsrsn gskäbrlieb buntbr Um- 
senMMLsits äsr Nanu mit äer langen Zigarre ab 
gebildet nar. Ls Mar eine Zeit Her Ubbe. Denn 
tcsnut mau ein Rueb von V^allaee, so kennt mau sis 
uaussu alle, äa ibrs Batsr uuä Untaten, ibre Hel- 
Uon unä Reläenbraute ein an äsr 2um VerMeobseln 
abnbob sinä. 
Innvisobsn baben siob. rum Rubin äer Oattung 
unä lum Ulüek äsr Vsser, versobieäens neue Lri- 
minatromans bsrvorgev agt. äis sieb keinesMegs 
Kebüobtsrn benebmen. sonäern ebenkalls ärsi Kark 
basten unä mit ibrsn grellen ^ullenssit6n äsn 
LQbrmsnäsn Dassaäen äsr MaUaee-Lanäe uner- 
Zobroeken äis 8tirn bieten. Rreilieb versterbt sieb 
unter äem glanzvollen Ritsl: „Lriminalroman" eins 
Ksngs von Lontsibanäs, äie sieb sebon auk äsn 
ersten Blieb bin als LobmuggelMare entbüllt. Da 
man absr in äisssn Regionen msmliob Mabiäos ist, 
Ei ieb es mit äsr Miksttenkrags niobt so genau 
nsbmen. leb stelle nur lest, äaü äis bsiäsn Lüebsr- 
.Mis rote Nssss" von V. Milliams unä: 
„Das vsrseblosssns Bueb" von B U. 
Raekarä aus äsr Lsris äss ^monssta-Verlags 
(Usiu^i^ unä U^isn) — äsr l^ams äss Verlags vran^t 
vor äsn Inbaltsn äsr Mebsr ^is sins seb^srs Ua- 
MLLtuortisrs. Sinter äsr ein Vsrbrsebsn xssebebsn z 
ist — x^an2 Ls^öbniiebs ^bsntsursrromans sinä. 
äsren Lsnsationen niebts mit äsnsn von Oonan Uovls 
gemein babsn. vas sinä äis stoÜbslaäsnsn ^Vsrbs, 
äis man in seiner rsiksrsn äuKsnä vsrseblan^ ^.ueb 
äsr Roman: .,8ebnsll2UL UsninLra ä—8 s - 
V L 8 t 0 v 0 l" äss Russen u. Vorisso^v (UsorL 
Mller Verlas Nünebsn) verliebtet auk isne Lrre- 
^UNLSN, äis aus äsn sebarken Deäubtionen sebtsr 
Lriminalromans aukstsi^en. ^.ber so unsr^isbis: sein 
MoräiaH ist, so tssselnä sinä seine ÜebiläerunKSn 
russiseber 2ustänäe aus äsr Zeit äer vsrvmbrlo^tsn 
Rinäsrboräsn. , Obne Z^sikel bat BorissoM stnas 
von einem Uiebtsr. Unä lsbsn seine Bolillstsn, 
8mtlsl unä Irrenbäuslsr aueb niebt in äer Rasbolni- 
bo^v-^tmosnbäre, äis lu bannen vieUsiobt bsabsieb- 
ti^t -^ar, so sinä sie äoob ^anl bestimmten blima- 
tiseben Vsrbältnisssn untsr^vorien. äereu Uauvtbenn- 
lsieben äis säaubbakt gestaltete 8ebvÄe ist. 
Unter« unä Obsr^vslt: bsiäe sinä bsute viel vsr- 
traebter unä unäurebäringUebsr als in äsr ^era äes 
glorrsieben 8bsrloeb Uolmss. 8is übersebnsiäen sieb. 
sie üiellen insinanäsr, unä o,kt ^vsill man niebt reebt, 
^vas oben. Mas unten ist. vis Autoren von vsteb- 
tivromanen baben es äabsr sebMsrer als ie unä 
müssen, lum minässten tbeorstiseb, bssonäers gs- 
Mitlt sein. Kit äsr Zeit gegangen ist U. V. 
Rumpkk, äsi» sieb in seinem Lueb: .,v ie vür - 
stin V o l e s e u^ (sbenkalls Usorg Küiler Verlag) 
eins ganl gesebiebt ausgeblügelte Uoebstavlsige- 
sobiebte Zusammen reimt. 8ie reiebt von bleavel bis 
Löln unä lallt ein kein gesponnenes UsMebe von 
Uaunereisn äureb einen Detektiv aüklössn. äer aUer- 
äings äis Dääen niebt äurebaus in äer Uanä bat. 
Die sigentlieben Ksisterästebtivs sinä sbsn immer 
noeb in vnglanä lu Hause, unä s« ist ein Vertierst 
äss genannten ^monesta-Verlags, äaü er äas 
äeutsebe Bublibum mit einigen neuen bekannt maebt. 
8ie betätigsn sieb in I. I. 0 onningtons ge- 
sebeitem Ruob: ,,D er Kann obne ^.ntlill"; 
in Vll. 8. Kastsrmans „2 V 0", einen psvebo- 
logiseb interessanten Rsiüsr: im: ,,K o r ä naeb 
äsr Ubr" von Rukus Ling. äsm es nur äas ää- 
monisebs W'eib 2U ssbr angetan bat. Ibnsn allen 
überlegen ist aber unstreitig Obewt ^.ntbonv 
Uetbrvn. äer obne jeäs Uebertreibung als äer MÜr- 
äigs blaebkabr äer grollen klassisoben Detektive an- 
gesnroeben Meräen äark. Lr ist niebt nur ein voll 
kommener Uentlsman. sonäern auob eine vollkom 
mene Intelligent: äabei noeb sarkastiseb unä tazüsr 
Mis Oiä. Bb. Kaeäonalä. äer 8ebönksr äieser
        <pb n="54" />
        Kresse und öffentliche Meinung. 
Berlin, Ende September. 
Der preußische Kultusminister Herr Grimme machte in 
der Ansprache, die er dieser Tage zur Begrüßung des 7. Deut 
schen Soziologentages hielt, die witzige Bemerkung, daß die 
Soziologen, wenn sie einmal tagten, die Chance hätten, ihren 
Kongreß selber als einen Gegenstand der Soziologie auffassen 
zu können. Eine scherzhafte Anregung, die ernsthaft verwirk 
licht werden muß. Es ist in der Tat notwendig, wo nicht die 
ganze Tagung, so doch den Verlauf der öffentlichen Haupt 
versammlung soziologisch zu beleuchten. 
Jhr Thema lautete: „Presse und öffentliche 
Meinung". Ich nehme den Gesamteindruck vorweg, wenn 
ich das Urteil eines der beiden Hauptreferenten anführe, der 
am Ende erklärte, daß die Aussprache einen außerordentlichen 
Mangel an Vertrautheit mit den behandelten Pro 
blemen verraten habe. (Dabei fließen Quellen genug, aus denen 
sich schöpfen ließe; es sei vor allem an Otto Groths Standard 
werk: „Die Zeitung" erinnert.) Schon äußerlich trat eine 
gewisse Lustlosigkeit zutage. Die Versammlung war, beson 
ders bei der Nachmittagsdiskussion, nicht eben gut besucht. Es 
blieben Gelehrte aus, die eigentlich das Wort hätten ergreifen 
müssen, es fehlte die erregende Atmosphäre, in der sich wich 
tige Diskussionen sonst zu vollziehen Pflegen. Der lauen Stim 
mung entsprachen matte Auskünfte. Man brächte Meinungen 
vor, die nur gerade Meinungen waren, wie sie jeder gebildete 
Laie hat, und begnügte sich damit, bedeutende Komplexe zu 
streifen, ohne in ihr Inneres zu dringen. Kaum je stieß erm 
Redner zum Kern vor. 
Woher rührte die Unergiebigst? Sie mag einen methodi 
schen Grund haben und einen — soziologischen. Jener besteht 
darin, daß anscheinend immer noch manche Soziologen das 
idealistische Wissenschaftsideal vergötzen, das sich in gewissen 
Stoffschichten, dort nämlich, wo von Rechts wegen die konkrete 
Aussage am Platz ist, nun einmal nicht verwirklichen läßt. 
Ein Problem wie die Presse und die öffentliche Meinung kann 
einzig und allein im Material selber auskonstruiert werden. 
Das heißt, um zu greifbaren Erkenntnissen über die Funk 
tionen der Presse, über ihr Verflochtensein in Wirtschaft und 
Politik usw. zu kommen, wird man diese Erkenntnisse durch 
die Analyse exemplarischer Fakten und Einzelfälle auffinden 
müssen. Man tat mehr als einmal das Gegenteil. Statt in der 
engen Tuchfühlung mit dem Material Einblick in seine Struk 
tur zu gewinnen, unterstellte man es häufig in Bausch und 
Bogen der einen oder andern allgemeinen Formulierung. 
Empirische Tatbestände jedoch wollen von innen her erschlossen 
und nicht von oben her gefolgert werden, sie erteilen Antwort 
nur dem, der sich wirklich mit ihnen einläßt. Da das viel zu 
selten geschah, da man sich im großen und ganzen ihnen gegen 
über spröde verhielt, blieben auch sie spröde wie ungeliebte 
Personen. Und eine Anzahl von Erkenntnissen erreichte zwar 
eine hohe Allgemeinheitsstufe, war aber dafür unverbindlich 
und leer. 
Das Desinteressement, von dem die Verhandlung zeugte, 
hängt ersichtlich mit unserem gesellschaftlichen Zustand zu 
sammen. Jene Anteilnahme am Problem der Presse, die eine 
Grundbedingung fruchtbarer soziologischer Aufklärung wäre, 
hat eine inhaltlich bestimmte Einstellung zur Voraussetzung. 
So gewiß die Presse ein politischer und wirtschaftlicher Macht 
faktor ist, ebenso gewiß ist die Erforschung ihrer Beschaffen 
heiten an eine politisch und wirtschaftlich durchgesormte 
Haltung geknüpft. Je konkreter die Materie, desto weniger 
ergibt sie sich einem Betrachter, der seine Konkretheit ver 
leugnet. Die meisten Redner aber scheuten den hier sachlich 
geforderten Einsatz, und mitunter hatte man das Gefühl, daß 
sie sich zu allgemeinen Thesen nicht erhoben, sondern zurück- 
zogen — eine Abstinenz, die sich mehr noch als aus den 
traditionellen Vorurteilen der Gebildeten gegen die Tages 
presse aus der sozialen Position des Universitätslehrers 
erklärt. Sie mag dem gleichen Bedürfnis nach „Sekurität" 
entspringen, das Pros. Hans von Eckardt (Heidelberg) in 
seinem Vortrag der bürgerliche * n Presse zuschrieb. 
Er und Pros. Carl Brinkmann (Heidelberg) waren 
die Referenten der Tagung. Ihre Darlegungen wirkten weniger 
als einheitliche Leistungen denn als Summe beachtenswerter, 
oft glänzend formulierter Aeußerungen, deren einzelne in der 
Aussprache aufgegriffen und verarbeitet wurden. Ich teile die 
Hauptergebnisse mit. 
Immer wieder kamen die Erörterungen auf die verschie 
denen Abhängigkeiten zurück, in denen heute die Presse steht. 
Man berührte etwa ihre Beziehungen zum Großkapital, 
ohne sie freilich genau zu verfolgen. So blieb es bei generellen 
Feststellungen wie der, daß die Wirkung einer Zeitung erschüt 
tert werde, sobald die Industrie sich ihrer bemächtige. Mit 
einer solchen Erkenntnis ist wenig anzufangen; um ganz davon 
zu schweigen, daß sie sich im einzelnen nicht bewahrheitet. 
Wichtig der Hinweis v. Eckardts auf die Bedeutung der kleinen 
Presse, die auch in viel stärkerem Maße als die große politisch 
beeinflußbar sei. 
Als Mittel der Einflußnahme wurden die Press estel - 
len genannt. Beide Referenten betonten ihr Wachstum so 
wohl bei den Behörden wie bei den Privatunternehmungen und 
machten keinen Hehl daraus, daß sie in diesen Einrichtungen 
eine Gefahr für die Bildung einer freien öffentlichen Meinung 
erblickten. Die Industrie schreitet, wie Herr von Eckardt tref 
fend bemerkte, zur Gründung solcher Stellen, weil sie nicht 
weiß, wie sie sich sonst den Zeitungen nähern soll. Aber sie be 
weist nach ihm mit der Schaffung derartiger Zwischenglieder 
nur, daß sie die Presse unterschätzt. Denn diese wird stets ihre 
Informationen lieber bei den führenden Wirtschaftspersönlich 
keiten einholen wollen als bei Institutionen, die begrenzte Be 
fugnisse haben und selber abhängig sind. 
Auch des Verhältnisses zwischen der Presse und den Par 
teien wurde gedacht; wobei man allerdings von der eigent 
lichen Parteipresse absah und nur die großen Weltblätter 
summarisch betrachtete. Herr Stampfer, der Chefredak 
teur des „Vorwärts", der in einem historischen Rückblick die 
Verdienste der Sozialdemokratie um die Freiheit der Presse 
und der Wissenschaft feierte und die Wissenschafter ermähnte, 
sich auch ihrerseits der Pressefreiheit anzunehmen, lehnte es 
ab, diese Zeitungen noch immer als politische Machtmittel 
aufzufassen. Die großen Zeitungsverlage, so meinte er, wurden 
am 14. September geschlagen, und Sieger sind die „kleinen. 
Wurstblätter" geblieben. Ihm erwiderte Herr von Eckardt, 
daß es sich bei der Wahl nicht um Parteien, sondern um Be 
wegungen mit neuen organisatorischen Methoden gehandelt 
habe. Die allgemine Ansicht schien dahin Zu gehen, daß sich 
die bürgerliche Großpresse in einem Prozeß der Ablösung von 
den politischen Parteien befinde. 
Im Mittelpunkt der Aussprache stand zweifellos die Be 
ziehung zwischen der Presse und den Massen. War man 
sich darüber einig, daß jene immer mehr auf diese angewiesen 
sein werde, so unterschied man sich in der Beurteilung des 
Einflusses, den beide auf einander ausüben. Der Ueberzeu 
gung, daß die Presse die Massenbedürfnisse von sich aus be 
stimme, trat die Ansicht entgegen, daß es das Maffenpublikum 
sei, das die in den Zeitungen getroffene Auswahl diktiere. 
Ihr pflichteten Pros. Kapp (Freiburg) und Prof. Dovi- 
fat bei, der Vertreter der Zeitungswissenschaft an der Ber 
liner Universität. (In Wirklichkeit bestehen innerhalb dieses 
Gebiets feine Wechselwirkungen, deren Studium sehr auf 
schlußreich wäre.) Da von Zeitungswissenschaft die Rede ist, 
möchte ich den Lesern das Bonmot nicht vorenthalten, das 
Prof. Tönnies, der Senior der deutschen Soziologie, auf 
diesen Begriff prägte. Er erklärte sich mit ihm bei aller Hoch 
achtung vor der betreffenden Disziplin nicht einverstanden, 
und meinte, daß man dann in der Zoologie ebenso gut von 
einer Hühner- oder Entenwissenschaft reden könne. 
Viel besprochen wurde die zunehmende politische Neu 
tralität einer Reihe von großen Zeitungen. Ich habe 
schon oben die Abteilung Dr. v. Eckardts zitiert, nach der die 
bürgerliche Presse aus dem Verlangen nach Sekurität die 
Massen aufs unpolitische Gebiet abzulenken trachte; also etwa 
aufs Bild der Erde. Man wolle politisch beruhigen oder gar 
einschläfern und rege darum unpolitisch an und auf. In einer 
geistreichen Ansprache, die dem Begriff der öffentlichen Mei 
nung galt, bezeichnete Prof. Carl Schmitt, der freilich 
nicht so sehr an der Presse als am Rundfunk exemplifizierte, 
diese Neutralität als einen Zwischenzustand. Sie ist, so äußerte 
er, nicht positiv wie die echte Objektivität, sondern ein vor 
läufiges Verhalten, das der Aktion, dem Kampf um die Herr 
schaft aus dem Wege geht. 
Was die Zukunft der Presse betrifft, so erwies sich 
eigentlich nur Prof. Brinkmann als dezidierter Optimist; hofft 
er doch auf „die Herausbilduna einer neuen aristokratischen 
728-^^
        <pb n="55" />
        Der Film, an dem zwei Jahre gearbeitet wurde, übertrifft auch 
als Tonfilm die meisten neueren Erzeugnisse und gewiß alle 
deutschen. (Bei uns können natürlich auch nicht die Mittel auf 
gebracht werden, die hier zu Gebote standen.) Das liegt zunächst 
an der Wahl des Stoffes. Diese Negergemeinde war von vorn 
herein für den Tonfilm prädestiniert. Musik ist Lei ihr keine seltene 
Dreingabe, sondern gehört mitten in den Alltag hinein, und der 
Die Neger treten als Kollektiv auf. King Vidor hat sie 
nicht unter den Weißen gezeigt, er ist dort hingegangen, wo sie noch 
Lei sich selber sind. In den Baumwollplantagen des Südens leben 
sie als Stammesgemeinschaft, die zugleich eine religiöse Gemeinde 
ist. Das Schicksal eines einzelnen dient nur dazu, das der Gesamt 
heit sichtbar zu machen. Zeke, der so dunkel wie leidenschaftlich ist, 
erschießt in einer Kneipe versehentlich den leiblichen Bruder. 
Bei der Trauerfeier daheim widerfährt dann dem Reuigen die „Er- 
weckung". Er wird ein berühmter Wanderprediger und Zieht mit 
den Seinen durchs Land. Welche Szenen erstehen! Die Massen 
empfangen ihn, der auf einem Esel Einzug hält; sie lauschen mit 
allen Sinnen verzückt seiner Predigt; sie nehmen, weißgekleidet, 
scharenweise im Fluß die Taufe entgegen; sie feiern ein Fest, Lei 
dem sie ekstatisch tanzen, zucken, brüllen und taumeln. Noch nie viel 
leicht ist ein solcher Rausch der Leiber gekurbelt worden. Mitten 
aus dem Aufruhr der Wiedertäufer stiehlt sich Zeke mit der Dirne 
davon, die ihn begehrt, die er immer begehrt hat. Er lebt in der 
Fremde, er ist unglücklich, er tötet das Mädchen auf der Flucht. Dem 
düsteren Balladenende klappen, vermutlich der Publikumswirkung 
wegen, ein paar versöhnliche Bildchen nach, auf denen sich unser 
Held wieder mit seiner Familie vereint. Man merkt ihnen an, daß 
sich King Vidor zu dieser ihm abverlangten Fröhlichkeit nur ungern 
verstanden hat. 
Es ist alles andere eher als ein Zufall,-daß der Film in Photo 
graphie und Montage überraschende Aehnlichkeiten mit den 
Russenfilmen zeigt. Diese Aehnlichkeiten sind sachlich begrün 
det, denn hier und dort herrscht das Kollektiv, und hier und dort 
leben die Menschen in Verbundenheit mit der Landschaft. Ein 
Russe könnte die Baumwollernte gedreht haben, den Zug der 
schwarzen Landleute durch die Plantage. Die Uebereinstimmung 
folgt von selber aus den Gegenständen, die übereinstimmen, und 
aus der Hingabe der Regisseure an sie. Auch die Einstellungen sind 
einander verwandt. Wie ein einzelner, auf dem gerade der Akzent 
ruht, sich aus der Masse hebt, wie die von der Natur geprägte und 
in sie eingebettete Physiognomie benutzt wird, wie das vom Stand 
punkt der Gemeinschaft aus Fremdartige in ungewohnter Perspek 
tive erscheint — die Russen machen das alles genau so. Ich erinnere 
etwa an den Dowschenko-Film: „Erde". Der Vergleich mit ihm 
lehrt allerdings auch den Unterschied zwischen Leiden Welten er 
kennen. Die Menschen Dowschenkos wollen im Einklang mit der 
Erde leben, Vidors Neger leben aus ihr. In diesem Falle: primi 
tive Selbstverständlichkeit. In jenem: bewußte Konstruktion, ein 
nahezu pathetisches Bekenntnis zum Land. (Bei Gelegenheit der 
geschlossenen Berliner Aufführung des Dowschenko-Films habe ich 
seine ideologische Haltung zu enthüllen versucht. Vergl. den Artikel: 
„Die Filmprüfstelle gegen einen Russenfilm" im Abendblatt vom 
Mittwoch, dem 23. Juli d. I.) Es muß gesagt werden, daß 
das russische Bauernkollektiv bei Dowschenko längst nicht so echt 
wirkt wie das der Neger. Das Bewußtsein kann den natürlichen 
Bindungen entwachsen und sie kommandieren; sie neu anknüpfen 
kann es nicht. 
Kaileluj-Y. 
Berlin, Anfang Oktober. 
Die Sphäre, in der King Vidors jetzt endlich im Mozartsaal 
angelaufener Negerfilm: „Hallelujah" spielt, hebt sich an einer 
Stelle besonders deutlich ab. Gegen das Ende hin wird der Neger 
held aus dem Volksleben, das er mit seinen SLammesgenossen ge 
führt hat, in ein Holzsägewerk verschlagen. Solche Holzsägewerke 
sind vermutlich schon hundertmal veranschaulicht worden. Sie 
wirken in der Regel als normale Bestandteile des zivilisierten Le 
bens, über deren Anblick niemandem etwas einfällt; vorausgesetzt, 
daß sie nicht zu einem Triumph der Technik aufgebauscht werden, 
der uns erheben soll. Hier ruft das Holzsägewerk andere Empfin 
dungen wach. Es erscheint nicht als normales Zubehör unseres 
Lebens, sondern als eine Einrichtung von unheimlicher Leere. Und 
statt die Zuschauer technisch zu begeistern, gähnt es sie an. Die 
Zivilisation, die sich in ihm darstellt, bricht in die Fülle der Neger 
ereignisse nicht überlegen ein; vielmehr: sie unterbricht diese Fülle 
nur für ein Paar Meter und gleicht durchaus einem Nichts. (Ich 
glaube übrigens, daß sie auch aus einer anderen, uns gemäßeren 
Perspektive als der des primitiven Volkes einem Nichts gleichen 
wüßte.) 
PAHLAWL S 
weroe, lenen Masten, die mcht auf Arbeitsfreude sondern auk 
o^n vorhanden ist, wird den Kampf ae- 
gen dre Mastentultur aufnehmen, deren Herauflun^ Dr 
MZLM^L-LKä 
aussichtslos ser, steht keineswegs fest. 
aeir^?"^^nnt aus dem flüchtigen Ueberblick ungefähr wie 
xKSWTtSNL 
Press? Dan/b°^?^^-° Untersuchungen übe^ di? 
Presse. Dann hatte sie eme gute und nützliche Wirkung gehabt 
WMsMSML
        <pb n="56" />
        stumme Film hätte eine solche Wirklichkeit um so weniger be 
wältigen können, als ihr Lokalkolorit mindestens im selben Maße 
akustisch wie optisch bestimmt ist. Amerikanische Sätze in Neger 
mündern: das sind Naturlaute, sinnvolle melodiöse Katarakte, die 
auch dem etwas bedeuten, der das Amerikanische nicht beherrscht. 
Der Regisseur von „Masse Mensch" und „Die große Parade" hat 
seine glückliche Hand schon damit bewiesen, daß er gerade dieses 
.vorgeformte Material auswertete. Und er hat ihm niemals Gewalt 
angetan, seine realistischen Absichten vielmehr auch dem Ton gegen 
über durchgesetzt. Es wird gesungen, wo gesungen werden muß. 
Geräusche und Sprache werden nirgends herbeigezerrt; sie stellen 
sich ein, sobald die Komposition es verlangt. Man wird, wie ich 
hoffe, bald zu Tonfilmen kommen, in denen die Töne nicht mit 
den Bildern übereinstimmen, sondern, scheinbar unabhängig von 
ihnen, ihre eigenen Kurven beschreiben. Bei Vidor sind sie noch 
synchronisiert und nicht so frei verwandt wie z. B. in dem neueren 
Rene-Claire-Film: „8ou8 los troit8 äe ?ari8". Dafür haben sie 
aber eine Kraft der Aussage, die mehr als nur illustrativ ist. Ich 
denke etwa an die Rufe des verlassenen Mädchens, das in der 
Nacht ihrem Geliebten nacheilt: Klagerufe, die ein selbständiges 
Leben führen — man weiß nicht, ob sie den Bildeindruck ver 
tiefen helfen ,oder ob die Bilder ihnen erst entströmen. Mehr noch: 
der Ton, so nachdrücklich er eingreift, lähmt kaum je die Beweg 
lichkeit der Kamera. Sie wandert wie im stummen Film unge 
hindert umher, und auch die Montage läßt sich keine der Mög 
lichkeiten verkümmern, die von der Mehrzahl unserer Regisseure 
preisgegeben worden sind. Es fehlt nicht an optischen Phantasien, 
wenn die Situation sie fordert (das Solospiel der Hände während 
der religiösen Ekstase). Eine außerordentliche Leistung ist die 
Szenenreihe, in der Zeke seinen Widersacher verfolgt. Durch Was 
serläufe und Wälder hindurch jagt er den Mann. Man hört das 
Plätschern, das Rauschen und Keuchen; man sieht die Undurch- 
dringlichkeit der Laubmassen und der Baumstammheere. Urrd es 
ist, als seien Gewalten niedergestiegen, von denen wir als Kinder 
aus den Sagen wußten. 
Soll ich die einzelnen Darsteller aufzählen? Aber das 
wäre ein Unrecht gegenüber der Leistung des Kollektivs. King Vidor 
hat sich seine Leute aus allen Ecken und Enden zusammengeklaubt, 
die wenigsten waren Schauspieler von Beruf. Ich nenne Daniel 
H. Hahnes, der den Zeke spielt und früher wirklich einmal 
Wanderprediger gewesen ist. Ich nenne vor allem Nina Mae 
McKinneh, die über sämtliche Verführungskünste gebietet, die 
so verderbt wie unschuldig blicken kann und eine große Meisterin 
auf dem Gebiet der Groteskkomik ist. Aber auch die anderen sind 
Stars; obwohl gerade dieses Wort auf niemanden von ihnen an 
gewandt werden dürfte. Woher rührt es, daß sie so spielen können? 
Weil sie sind, was sie spielen. Sie lieben wirklich und sie glauben 
wirklich. Sie sind Menschen. Während man bei unseren Darstellern 
manchmal das Gefühl nicht los wird, daß sie nur spielen, weil sie 
nicht sind. Die Substanz ist geschwunden, die Hast verloren und 
übrig geblieben die Schauspielerei an sich. Wie oft greift sie nicht 
daneben, wenn sie Haß, Eifersucht, Schmerz zu vergegenwärtigen 
hat, übertreibt oder verblaßt zum Schattenbild. Ihr fehlt die Er 
fahrung, die Verbundenheit mit der menschlichen Existenz. Und 
jenes Ineinander von Dirnentum und Reinheit, das zuvor gelebt 
sein muß, um dann den Schein des Lebens zu gewinnen — kaum 
einer unserer Künstler vermöchte es gefüllt wiederzugeben oder 
seine Wiedergabe auch nur zu wagen. 
* 
Man kann, wenn man will, „Hallelüjah" auch als einen 
Kulturfilm bezeichnen. Sicher ist, daß er uns über einen 
fremden Zustand besser aufklärt als die meisten Filme, die Kultur 
filme heißen. Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, daß Original 
aufnahmen das abgebildete Leben mit dokumentarischer Treue 
spiegelten. Gar nichts spiegeln sie, wenn der Photograph nichts 
gesehen hat als die Oberfläche, und auch die nicht einmal richtig. 
Die sogenannten Kulturfilme und Expeditionsfilme sind in der 
Hauptsache geistlose Arrangements langweiliger Bildberichte von 
Leuten, die dann allein etwas zu berichten wissen, wenn sie anders 
wo als Zu Hause sind, und einen Elefanten schon darum für eine 
Sehenswürdigkeit halten, weil er in Indien herumspaziert und 
nicht bet uns. Aber ein Elefant ist noch lange keine Sehenswürdig 
keit. Fremdes Leben ersteht nicht aus einer Summe von Bildern; 
es erscheint nur in seiner bewußten Gestaltung, 
S. Krakauer. 
z-o 
Kleine Signale. 
Berlin, Anfang Oktober. 
Das Personal ist strengangewiesen... 
In einem neu eröffneten kleinen Cafä im Berliner Westen sind 
die Getränkekarten mit dem Satz überschrieben: „DasPersonal 
ist streng angewiesen, jeden Gast zufriedenzu 
stellen." Man traut seinen Augen nicht, aber der Satz prangt 
auf allen Tischen. In Fettdruck. Ein durchaus vorbedachter Satz, 
der wie eine Blendlaterne dunkle Zustände erhellt. 
Sein Inhalt ist eine Vorschrift, die von Rechts wegen über 
flüssig wäre. Jedenfalls kommt ihr ein halbwegs vernünftiger Sinn 
nur unter der Bedingung zu, daß eine höfliche Bedienung keine 
Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Dreingabe, mit der niemand 
mehr rechnen darf. Wann aber wird sie zum besonderen Luxus, der 
eigens beigesteuert werden muß? Wenn die Menschen — in diesem 
Falle die Angestellten des Lokals — nicht als Menschen aufgefaßt 
werden, die kraft ihres Menschseins ein richtiges Benehmen ent 
falten. Die Rationalisierung der Wirtschaft hat offenbar die 
Meinung entstehen lassen, daß auch die Menschen zu rationalisieren 
seien. Vielleicht sind ihrer viele wirklich schon zu Apparaten abge-! 
baut worden. Zum mindesten beruht der Wortlaut des Satzes auf 
dieser Ueberzeugung. Mehr noch: er verrät eine völlige Unkenntnis^ 
aller menschlichen Obliegenheiten, die über technische Manipulationen ' 
hinausreichen, kann also selber nur einem Apparat entsprungen 
sein. „Das Personal ist streng angewiesen..." Was zu tun? Höf 
lich zu sein. Unhöflich möchte man Höflichkeit kommandieren, die 
sich auf Kommando nicht einstellt. 
Obwohl die Instruktion des Personals das Publikum nichts 
angeht, wird der Satz doch öffentlich ausgestellt. Er ist also für die 
Gäste bestimmt. Vermutlich soll er ihnen Zureden, getrost zu sein. 
Seid guten Mutes, sagt ihnen der Satz, hier kommt ihr nicht zu 
Unmenschen, wie ihr wahrscheinlich glaubt, sondern zu einem 
Personal, das gezähmt worden ist. Die Plakatierung des Satzes 
bestätigt, was aus seinem Inhalt erschlaffen wurde: daß das unter 
Menschen übliche Verhalten außer Uebung zu kommen droht. Sie 
stempelt zugleich den Gast Zu einem höheren Wesen, das gleichsam 
in der Unterwelt einkehrt. Daß er zum Uebermenschen gemacht 
wird, entspricht der Entmenschlichung des Personals. Es fehlt der 
menschliche Kontakt Zwischen den Menschen, sie sind nur noch die 
Vollstrecker ökonomischer und sozialer Funktionen. Apparate und 
Idole stehen einander hart gegenüber. 
Der Vollständigkeit halber füge ich hinzu, daß das Cafe mit 
dem Satz allen anderen Cafts aufs Haar gleicht. Seine Kellner 
sind Kellner und seine Gäste sind Gäste. 
f Rot - Gelb - Grün. 
An den wichtigsten Straßenkreuzungen in Berlin wird der Ver 
kehr bekanntlich durch bunte Lichtsignale geregelt. Das rote Sperr- 
signal weicht aber nicht gleich dem Grün, das die Straße freigibt, 
sondern verwandelt sich zunächst in ein leuchtendes Gelb. Dieses 
Gelb bezeichnet den Uebergang vom einen entschiedenen Zustand 
in den anderen. Es ermähnt Passanten und Wagenlenker zur Auf 
merksamkeit und befreit sie von allen Ueberlegungen, die der Zwang 
zur Rücksicht auf Menschen und Fuhrwerke bei einem plötzlichen 
Wechsel der Signale erheischte. Durch die Einschaltung des 
Zwischenlichts wird die Rücksichtnahme gewissermaßen objektiviert 
und die Initiative aus den Menschen herausgesetzt. 
Auch in Paris finden sich an einigen Hauptstraßen Lichtsignale. 
Nicht Signale eigentlich, sondern jeweils ein einziges rotes Licht 
zeichen, das Halt gebietet. Erlischt es, so ist die Straße sofort 
wieder dem Verkehr geöffnet. Was völlig fehlt, ist der gelbe Ueber- 
gang. Und dennoch rollen die Wagen sanft dahin, ohne sich gegen 
seitig zu stören, durchkreuzen die Fußgänger Labyrinthe, ohne sich 
je zu verirren. Die Verantwortung ist bei den Menschen geblieben. 
Ich wünschte, daß auch bei uns das gelbe Licht draußen er 
löschte und in die Menschen zurückkehrte. 
S. Krakauer.
        <pb n="57" />
        Lemalte kalmenbaine erküllen Zartgrün die 
wände, leibbakte Lambusstämme und Rambus, 
robre ragen mitten im Raum empor, unä eebte 
kalmenbüsebsl stecken aui äsn baumrinden, 
die alle Reken dekorieren. Die Illusion 
Rremde, deren 8innbild die Ralms bier 
wird dureb einen besonderen l'riek noeb 
bobt. Nan weilt nämlieb niebt sebon in 
bxotik, sondern kommt erst in ibr an. 
entsinne mieb noeb der RröRnung eines 
Lakebauses im berliner besten: das 
war vom ersten lag an überlüllt. ^us 
Oründen; ist es docb ein kleine Oase, 
leb 
neuen 
Dokal 
guten 
der 
ist, 
er- 
der 
Mt 
wenigstens ungestraÜ -4Wter° ^almsn^Y^^ 
wMss-E 
weitaus in den meisten Fällen dienen sls 
als ein 2eicben der Rerne. Da das 8cblecbts 
so nabe liegt, wird da» Oute in exotiscben 
Legenden gesucbt, dort, wo die Kokosnüsse 
gsdeiben, die ^ienscbenkresser kriedlicb bei 
sammen Dolmen und niemand etwas von 
Arbeitslosigkeit weiL oder von ^lationalsozia- 
listen. Das wacbstum der Ralmen ist, wenn 
man will, dem des blends direkt proportional. 
Iritt man binein, so ist man in einem ^obn- 
raum, der sieb rur wunderbaren Innenwelt 
weitet. Hier sind die Ralmen niebt etwa ein 
^.bglans der kerne, eine Duktspiegelung, deren 
Anblick über das seblimme Lubause binweg- 
trosten soll, sondern riebtige ^immerptlanren, 
die ein 2ubause sebmüeken, das trotz de» 
Rlends weiterbestebt. 8is baben in boben, 
dünnen Dolzpkeilsrn Wurzel geseblagen und 
beberrseben das Reieb der oberen 8tuben- 
bältts. In ibren grünen Wedeln gibt es viel ru 
entdecken, ^.tten und 8eblangen treiben sieb 
darin um, und mancbmal leuebten aus dem 
Rlätterdiekiebt rote Orangensebalen bervor. 
Rins besebwingts Drwaldvegetation, die von 
dem Rauscben vieler 8pringbrÜQneben wider- 
klingt, deren Rarbenspiels sieb in einem Oe- 
kunkel verlieren. Im grenzenlosen Oekunkel des 
gewellten Rlecbs, mit dem sämtlicbe V^and-^ 
tüllungen bekleidet sind, um sie vergessen zu 
maeben, Dnterbalb dieses 8tubenböbenrausebs 
ist der Raum in lauter kleine Rojen Lutget^^It, 
in denen sicb Diebends genau so einnisten 
können wie die 8cblangen und ^tten in den 
Ralmen. Der ganze Raum ist in wirkliebkeit 
eine einzige Roje. Nan Riebt niebt in sie, man 
riebt sieb in sie zurück. Dnd statt immer 
weiter nacb Iremden Oegenden abgetrieben zu 
werden, dringt man nur immer tieker ins be 
kannte binein, das dann zu iunkeln anbebt wjs 
das bleck an den Wänden. 
Angestellte, Raubente, 8tudenten besucben 
dieses Dokal. 8ie retten sieb bier keineswegs 
aus dem Alltag in die bnge der guten 8tubs, 
sie entdecken böebstens, was sie besitzen, und 
enthalten Räbigkeiten, an die sie nicbt daebten. 
Die Ralme ist ibnen ein Wegweiser zum Olück, 
Mt geröteten Wangen tanzen sie und balten 
sicb in den Rojen zärtlicb umscblungen. Das 
gedampits Dicbt tilgt die ^.ermlicbkeit der 
daeken und blussn. bs wecbselt vom Rot zum 
6rün berüber, und so leicbt strömen aucb die 
Rmpiindungen der tanzenden Raare dabin. Dnd 
wie im Raradis b l^u in Raris umscbwebt 
sie jene Iraurigkeit, d^ den Olücklicben gilt. 
8. Rracauer.^ 
voller ^.bsiebt sind die blaupträums als 8cbiRs- 
verdecke ausgebildet worden. Dadurcb gleiebea 
die Oaste Reisenden, die wie aut den klakaten 
der Lobikiabrtsgesellsebakten aus der grauen 
Heimat dem Lonnengestade entgegentabren. 8ie 
liegen in bequemen Deckstüblen und erwarten 
die ^nkunkt der gepinselten I^eger, die sieb 
gerade in einem boot dem Vergnügungsdampker 
nabern, 8is baben Aelttücber über sieb, die den 
Andruck tropiseber Ditrs erwecken und zu- 
gleieb vor der imaginären Hitze bewabren. bind 
wäbrend sie ibren ^lokka trinken, ist es dureb- 
aus so, als vermisebs sieb ibnen der LenuL am 
-^ukentbalt in jenen Rindertraumlandsebaiten, 
von denen die brietmarken künden, mit dem 
Lekübl der ^.bgelöstbsit, das der ^.utbrueb zur 
Dtopis vielleiebt in ibnen bervorrukt. beinabe 
sebeinen sie angelangt. 8anlts Lrammopbon- 
klänge dringen bereits an ibr Obr, und über 
ibren Häuptern sebaukeln die zartgrünen 
Ralmen an der wand. 
Das Rublikum, das siel^ in diese unwrrk- 
liebsn Kontinente Rücktet, bestebt bauptsäeb- 
Rcb aus jungen keuten: Rünstlern und kite- 
raten, oder soleben, die es sein sollen, und 
kaukmänniseben Räreben, die einen 8inn iürs 
' angeblieb Höbers baben. Die kukt, in der sie 
bier atmen, ist dick und -sebwül. ^ber die 
8cbnüle rübrt niebt allein vom tropiseben* 
Rlima ber, das die Ralmengemalde ausstrablen, 
sondern v/ird aucb von den Lssuebern selber 
erzeugt, blnter ibnen sind rnveikellos viele, die 
den blauen Himmel über den selten mit dem 
blauen Dunst ver^vsebseln, den sie sieb vor- 
macben; die sieb sebon darum besser dünken 
als die andern, iveil sie in den kebnstüblen aut 
dem 8ebittsverdsek liegen; die sieb das bin- 
pbantasierte ^lärebeneiland nur vorgaukeln 
lassen, um der eigenen Deere niebt inne LU 
werden, 8ie balten den Dampt der Oespräebe 
tür Olut, die Rata ?4organa tür ein ^syl. 
^lancbmal sebwillt ibr Oemurmel an und wogt 
bäuserbocb dureb die Räume, Dann verblassen 
die Ralmenwälder und treten in die ^ande 
Zurück, die i^leger tletscben ibre 2äbne, und 
das ganLs 8ebitk strandet an einem Rorallen- 
ritt. 
80 sind tast alle Ralmsnlokale. Rins ^us- 
nabme bildet eigentlieb nur das eine, das im 
Centrum Rerlins liegt, rwiseben 8tadtbabn. 
.ügen und weltstädtiscbem 8tra6envsrksbr. 
Unter Malmen. 
Die Ralms ist ein kiauptbestandteil jener 
kata A4organa, die beut« immer wieder am 
Horizont der berliner ^.lltagswüste auksteigt. 
^.ucb in äsn kleineren Dokalen aller 8tadttei!s 
sind diese südlicben Oewäcbss jetzt Node ge 
worden. 'bs ZilT- salRlos^ '^KMdSN^ mM
        <pb n="58" />
        andern, 
schwebt, 
Jannings. 
Hanns Schwarz hat den im Gloria-Palast angelaufenen Film 
mit singenden Jungfrauenvereinen, Künstlergarderobengeplaus 
südamerikanischen Schönen uüd würziger Landluft bis zum Rande 
gefüllt. Eine provinzielle, routiniert hergestellte Mischung, die 
wohl auch für die Provinz bestimmt sein wird, wie manche Leute 
in Berlin sie sich denken. Zum Glück wirken Hans Moser, Willi 
Präger und Sokoloff als Ehargenfiguren mit. Aber die paar 
ausgezeichneten Zutaten machen noch keine Götterlieblingsspeise. 
Götterliebling. 
ZLr Berlin, im Oktober. 
Zertrümmerte Fensterscheiben. 
Berlin, 14. Oktober. 
Es ist mir wieder einmal so geschehen wie bei vielen früheren 
Krawallen: ich bin zu spät gekommen, ich war nicht dabei. Immer 
wenn ein Tumult ist, ist er wo anders. Ich sehe nicht die Steine, 
sondern die Scherben. Und mir bleibt nur übrig, als ein Friedens- 
Lerichterstatter die Nachlese zu erhalten. 
Die Leipziger Straße, auf der es gestern national 
sozialistisch zugegangen ist, sonnt sich heute um die Mittagsstunde 
im tiefsten Pazifismus. Inmitten zahlloser Passanten, die wie ich 
von der Neugierde hergetrieben werden, schlendere ich an den 
Läden vorbei, den Blick auf die Spiegelscheiben gerichtet. Sie 
spiegeln jetzt nur noch zum Teil. Das große Warenhaus am 
Leipziger Platz zum Beispiel hat von seinem Glanz viel verloren. 
Manche seiner Scheiben sind zu negativen Spinnetzen geworden: 
dort, wo die Spinne zu sitzen Pflegt, gähnt ein kleines Loch, und 
die Fäden sind Sprünge. Andere Scheiben sind überhaupt nicht 
mehr vorhanden, und die künstlichen Pelikane, die hinter der 
einen unter einem schönen Blütenbaum stolz die Auslagen be 
wachten, vertrauern nun ihr Dasein im Freien. Ich gehe weiter 
und bemerke, daß die meisten Geschäfte immer noch aus Glas be 
stehen. Die Steinwürfe scheinen sich nach der Religion gerichtet zu 
haben, denn in der Hauptsache sind die jüdischen Namen getroffen. 
Wenigstens hat sich der Krach ausgezahlt — für die Glaser. 
Sie sind schon eifrig bei der Arbeit und verpassen neue Spiegel 
scheiben, die dann wieder zerschlagen werden können. Ihr Anblick 
erschüttert mich, beweist er doch, daß das Leben sich immer gleich 
lautlos einrenkt. „Vorsicht" steht auf einem Schild geschrieben, das 
die Leute von der Arbeitsstätte der Glaser fernhalten soll, und 
über Nacht gedruckte Aushänge verkünden dem Publikum, daß 
trotz der demolierten' Schaufenster der Laden geöffnet sei. Viele 
Risse sind mit Papierstreifen zugeklebt, zersprungene Glaswelten 
mit Brettern vernagelt worden. Es gibt keinen Aufenthalt, die 
Bedürftigkeit richtet sich sofort wieder häuslich ein. Und sind auch 
Kriege und Revolutionen gewesen; hinterher kommen dann doch 
die Glasermeister, und es ist, als sei gar nichts passiert. 
So sieht es freilich vorerst noch nicht aus. Die Straße ist mit 
Schupotruppen besetzt. Sie partouillieren zu zweit, sie rasseln in 
Wagen vorbei und reiten auf hohen Gäulen. Wenn ein Passant 
sich ansammeln will, um in die Sprünge und Splitter zu starren, 
jagen sie ihn unverzüglich auseinander und ermähnen ihn, weiter- 
zugehen wie das Leben. Wer gerade ihre Gegenwart lockt immer 
von neuem die Menge herbei. Man wittert Sensationen in ihrer 
Nähe, und führt ein Polizist an irgendeinem Kandelaber ein Tele 
phongespräch, das wer weiß wie harmlos ist, so wird das Publi 
kum vom Kandelaber ungezogen wie von einem Magneten. Die 
Schupo hat es wirklich schwer: sie muß nicht nur die Straßen- 
Levölkerung zerstreuen, sondern dient auch zu ihrer Zerstreuung. 
Sogar aus den höchsten Stockwerken blicken kleine Ladenmädchen 
auf sie herab. 
Ich bin noch zum Alexanderplatz gefahren, aber es hat sich 
nirgends etwas ereignet. Das Unglück ist nur, daß stch, sobald ich 
abwesend bin, jederzeit wieder ein Unglück einstellen kann. Und ich 
kann doch nicht überall zugleich sein. 
,S. Kracauer. 
Wie sich die Ufa einen Götterliebling vorstellt, ist unbeschreib 
lich. Ich werde es aber doch beschreiben. Natürlich muß der Lieb 
ling ein Operntenor sein. Einmal, weil ein Tonfilm zu tönen 
hat — gäbe es keine Tenöre, man erfände sie nachträg 
lich um des Tonfilms willen hinzu —; zum andern, 
weil so ein Lohengrin oder Othello auf den Flügeln 
des Gesanges über der traurigen Gegenwart schwebt, 
deren Betrachtung nach der Meinung der Filmindustrie 
den Kinobesuch schädigen könnte. Die Politik verdirbt das Geschäft. 
Da ein Götterliebling alles im Plural haben muß, gönnt ihm 
die Ufa außer den Gesängen vielerlei Weinsorten und Weiber in 
Fülle. Und wo dürste er anders leben als in jenem Wien, das 
zugleich an der Donau und am Rhein liegt und sein goldenes Herz 
genau zwischen Grinzing und Altheidelberg verloren hat; das 
mehr von Heimweh-Schlagern als von Heimwehrschlägern erfüilt 
ist; das Straßenaufläufe nur vor Bühnenausgängen verunstaltet? 
Freilich, nicht in Wien allein; denn auch Amerika hat verbriefte ' 
! Rechte auf den Götterliebling der Ufa. Nach ihrem unerforschlichen 
Ratschluß soll er aber drüben vorübergehend seine Stimme ver 
lieren. Also schickte sie ihn nicht nach U. S. A., wo ein solcher Schick 
salsschlag ungünstig wirkte, sondern nur nach Buenos Aires, wo 
es doch nicht darauf ankommt. Die Pylitik nützt dem Geschäft. 
Armer Iannings, der vom Letzten Mann zum ersten auf 
gerückt ist und vom Blauen Engel zu diesem: „Liebling der 
Götter"! Da prangt er nun als Star am Tonfilmhimmel, der 
gar kein Himmel ist, und soll in einem fort glänzen, um hohe Ge 
winne abzuwerfen. Und wirklich spielt er unverdrossen alles, was 
man ihm auf den Leib geschrieben hat. Säuft, frißt und liebelt; 
reißt den Mund weit auf, damit die Töne ungehindert heraus 
quellen können; melkt fusch die Kühe; plätschert wohlig in jener 
besonderen Humorbrühe, mit der heute vielleicht darum so viele 
Filme bewässert werden, weil sie den kleinen Mittelstand noch 
weiter verdummen hilft. Einmal muß er auch tragisch werden, da 
er bekanntlich eine Tragödie ist, und dann kommt er uns eben tra 
gisch, kurzum er produziert sich total. Das Ergebnis ist keine künst 
lerische Leistung, sondern eine Ausstellung von Kunstfertigkeiten 
und ein Götterliebling, der von allen Götter verlassen ist. Armer
        <pb n="59" />
        Was ist zu tun? Aber diese Frage kann, wie er nachdrücklich 
unterstrich, nicht von der anderen abgelöst werden, was die 
Franzosen tun. An einer entscheidenden Stelle wandte sich! 
der Dichter seinen französischen Freunden zu und forderte auch 
von ihnert Besinnung. Er bat sie zu bedenken, daß die beste Sicher 
heit Frankreichs die Gesundheit des deutschen Volkes sei. Eine 
auch rhetorisch stark herausgehobene Erkenntnis, der er die Mahnung 
anschloß, daß die Franzosen im Dienst der deutsch-französischen Ver 
ständigung über die unerträglichen Punkte des Versailler Ver 
trags mit sich reden lassen möchten. 
Noch einmal: was soll das deutsche Bürgertum tun? Aus dem 
Bescheid, den Herr Mann erteilte, ging hervor, daß die Ereignisse 
der letzten Jahre sein Denken tief beeinflußt haben. Gewiß ist er 
noch an manche Anschauungen gebunden, die in der Vorkriegszeit 
zu den Fermenten deutscher Bildung gehörten und in ihrer alten 
Gestalt zweifellos nicht mehr Lragfähig sind —aber er setzt sich doA 
auch als ein Lernender über diese verständlichen Bindungen hin 
weg. Mit einem Ernst, wie ihn nur die eigene Erfahrung gebiert, 
empfahl er den Bürgerlichen, sich nicht länger an jenem Wort zu 
stoßen, das ihre politische Orientierung verhindere: am Wort 
Marxismus. Trotz seines Bemühens, das ominöse Wort zu 
entgiften, bleibt allerdings zu befürchten, daß das von ihm an 
gesprochene Bürgertum es bis auf weiteres nicht schlucken wird; 
weniger aus chtonischen als aus machtpolitischen Interessen. 
Gleichviel: es ist geistesgeschichtlich und biographisch denkwürdig, 
daß dieses späte Selbstgespräch, das Stresemann nicht zu feiern 
vergaß, zu bekunden wagte, der Platz des deutschen Bürgertums sei 
an der Seite der großen deutschen Arbeiterpartei, 
Das Publikum jubelte dem Dichter am Schluß mit einer Be 
geisterung zu, die geradezu chronisch genannt werden durfte. Sie - 
war nicht zuletzt ein Protest gegen die vielen Zwischenrufes 
Wortrag mtt Zwischenrufen. 
Lr Berlin, im Oktober. 
Thomas Mann ksm in einer aufgeregten Zeit nach Berlin. 
Die Stürme im Reichstag, das SteinbomLardement und die Schüsse 
auf den Straßen — war zu erwarten, daß es bei seiner „Deut 
schen Ansprache" so ruhig zugehen werde wie bei einer 
Sonntagspredigt? Es ging nicht ruhig zu, und Herr Mann war 
sich wohl auch dessen bewußt, daß sein öffentlich geführtes „Selbst 
gespräch" auf laute Gegnerschaft stoßen müsse. Vor allem, wenn man 
es mit solchen Gegnern zu tun hat. 
* 
„Ich bin ein Kind des Bürgertums," sagte der Dichter 
zu Beginn, „und habe nie meine Herkunft verleugnet". In der 
Tat, er verfocht auf der Tribüne die Sache eines Bürgertums, 
von dem nur zu wünschen wäre, daß es unter uns lebte. Verfocht sie 
mit einem Verantwortungsgefühl, das jeder, auf welcher Seite 
immer er stehe, zu achten hat. Schon dies: daß er aus der Abge 
schlossenheit der schriftstellerischen Privatwelt heraustrat, um ein 
politisches Glaubensbekenntnis abzulegen, mochte für ihn, der nach 
seinem eigenen Geständnis alles andere eher als ein unerbit^cher 
Aktivist ist, keine Kleinigkeit sein. Und kuragiert wie der EntjcyLuß 
zur Ansprache war ihre Haltung. Sie wurzelte in den guten 
Traditionen jenes Humanismus, der sich mit der Aufklärung 
freundschaftlich Zusammenfindet; und sie bewies, daß die alten 
Traditionen noch einigermaßen elastisch sind. Die Frage ist nur, ob 
das Bürgertum sie im Sinne seines Fürsprechs zu wahren und 
zeitgemäß zu verändern bereit ist. Vorderhand sieht es nicht danach 
aus. Man hat vielmehr den Eindruck, als seien gerade die Gruppen 
in Wirtschaft und Politik, die sich mit Vorliebe bürgerlich nennen, 
unendlich weit von dem Bürgertum entfernt, das Herr Mann meinte. 
* 
Ihre Verblendung dürfte ihn selber am allerwenigsten ver 
wundern. Erklärte er sich doch das Wahlergebnis des 14. September 
unter anderem aus der Heraufkunft chtonischer, geistfeindlicher 
Kräfte, deren Erwachen er wiederum auf den Niedergang der 
Mittelklassen. und die damit zusammenhängende allgemeine 
Empfindung einer Zeitwende zurückführte. In beherzt ziselierten 
Wendungen, die von den Nationalsozialisten vermutlich 
nicht begriffen werden, suchte er ihre ihm (und uns) unbegreifliche 
„exzentrische Barbarei" Zu begreifen. Er sprach von der Natur 
religiosität des Neosozialismus, von seiner orgiastischen Unter 
strömung, von dem Einschlag der Germanistenromantik aus akade 
mischen Sphären. Ist das deutsch? Keineswegs, sagte Herr Mann, 
und überdies läßt sich in einem vielerfahrenen Geschichtsvolk wie 
dem deutschen die ersehnte blutreine, blauäugige Primitivität gar 
nicht verwirklichen. Solchen Wunschbildern stellte er als deutsch 
gegenüber: Würde, die auf Besinnung beruht und den Fanatismus 
von sich weist. 
die den Vortrag fortwährend unterbrachen. In der Hauptsache 
rührten sie von nationalsozialistischer Seite her, und man wird sich 
unschwer denken können, wann, wie und warum sie einsetzten. Mit 
unter kam es zu Tumultszenen wie in einer Volksversammlung, 
und Herr Mann mußte sich darauf beschränken, als politisch 
unpolitischer Betrachter auf den Lärm unter ihm schweigend herab 
zublicken. Da man sich nicht anders zu helfen wußte, wurde die 
Schupo geholt, die einige der Hauptstörer aus dem Saal eskortierte. 
Unter ihnen Herrn ArnolL Bronnen. 
Herr Bronnen versteht sich auf solche Attacken. In seinem, 
dieser Tage erschienenen Buch „Roßba ch", einem Doku 
ment jenes von Thomas Mann gegeißelten deutschen Un 
geistes, heißt es dort, wo die ersprießliche Tätigkeit des Freikorps 
Roßbach im kommunistischen Essen geschildert wird; „Langsam 
kehrte, in den ersten Tagen des April, die Ordnung zurück. Hier 
bewährten sich die Roßbacher nicht nur als Krieger, sondern auch 
als Erzieher. Da trat in der Hauptstraße Essens ein Mann an 
einen Freikorps Posten heran und bemängelte ironisch dessen aller 
dings nicht gerade überzeugend republikanische Uniform. Der Roß 
bacher, der einen feinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivi 
listen zu machen verstand, knallte dem Ironiker eine in die 
Fresse..." Das ist das „grelle Licht des Nationalsozialismus", 
von dem Herr Bronnen spricht; das sind die Argumente, mit denen 
seinesgleichen knallt. Der Mann, dem in die Fresse geschlagen 
wurde, war der Korrespondent des „Manchester Guardian". Wie 
das Wort „Freikorps Posten" sind, nebenbei bemerkt, in diesem 
Machwerk alle Verbindungsworte getrennt; offenbar um anzu- 
deuten, daß man die Elemente, die von Rechts wegen Zusammen 
gehören, unter keinen Umständen miteinander verbinden will. 
Werden die mutigen Worte Manns von denen vernommen 
werden, an die sie gerichtet sind? Oder geht die Geschichte Wer sie 
hinweg? An der Einsicht des deutschen Bürgertums ist viel gelegen.
        <pb n="60" />
        ^--7^-77/ 
Voll 
Ehre 
tags- 
abzu- 
d) eine Tänzerin, e) keine Störung wünscht. 
Kurzum, die technischen Installationen sind von einer 
kommenheit, die der Direktionsabteilung eines Konzerns 
machte. Ihre Hauptaufgaben bestehen zweifellos darin, den 
über rationalisierten Besuchern abends die Anstrengung 
Berlin, Ende Oktober. 
In einem der bekanntesten Berliner Vergnügungslokale be 
obachtete ich jüngst einen Mann, der gewissermaßen sein Büro in 
dem Lokal aufgeschlagen hatte. Zum Verständnis des besonderen 
Vergnügens, das er sich verschaffte, ist zu erwähnen nötig, daß 
das Lokal selber wie ein Großbetrieb eingerichtet ist. Auf jedem 
der vielen Tische befindet sich: 
1. ein Telephonapparat, der zur Verbindung mit der Außen 
welt der übrigen Tische dient. 
2. eine Rohrpostanlage, die den brieflichen Gedankenaustausch 
mit sämtlichen Personen im Raum ermöglicht. 
3. eine Signalvorrichtung, mit deren Hilfe öffentlich bekannt 
gegeben werden kann, ob man an dem Tisch: a) einen Tänzer. ' 
WeßMon im Kino. 
Berlin, im Oktober. 
Auf der Leinwand: 
Der stumme Rufsenfilm: „Der blaue Expreß", der im 
MozarLsaal gezeigt wird, kommt etwas zu spät nach Deutschland. 
Er spielt in dem von skrupellosen Abenteurern beherrschten China 
und stellt Ue Rebellion chinesischer Proletarier in einem Expreßzug 
dar. Während der Zug durch die Nacht braust, entspinnt sich im 
Speisewagen, auf dem Führerstand der Lokomotive und den be 
benden Waggondächern ein erbitterter Kampf zwischen den weißen 
und gelben Ausbeutern und ihren Opfern. Das episodenreiche 
Tohuwabohu endet mit dem Sieg der Proletarier und der Flucht 
des Expreßzuges über die russische Grenze, hinter der die Sonne 
symbolisch strahlt. 
Jlja Traubergs Regiekunst ist virtuos i r kleinen, enträt 
«aber der großen Linie, die den klassischen Filmwerken Eisensteins 
und Pudowkins zur machtvollen Geschlossenheit verhalf. Weder ist 
die Handlung klar durchkomponiert noch sind alle Details so ins 
Gesamtschema eingebaut, daß sie ihren Sinn sofort Preisgaben. Die 
Gestaltung des Wirrwarrs eines Aufruhrs darf aber nicht selber 
verwirrt sein. Um so nachhaltiger wirken Einzelzüge, mit denen 
verglichen die meisten deutschen Leistungen zu traurigen Klischees 
herabsinken. Ich denke an die Montage jener außerordentlichem 
Speisewagenszene, in der getanzt-und getafelt wird; an die Ver^ 
sinnlichung des Zugtempos, das den Rhythmus aller Vorgänge be 
stimmt; an gewisse Abschnitte, in deren Verlauf sich die Bildfolge 
um der größeren Eindringlichkeit willen in eine Folge lebender 
Bilder verwandelt, die einander langsam ablösen. Schon einmal, 
im Film von der Pariser Kommune, hat Trauberg mit Kosinzew 
zusammen dieses Bilderbuch-Verfahren mit Glück benutzt, um die 
Hintergründe des französischen Impressionismus zu entlarven. 
Dennoch: der Film kommt Zu spät. Man erträgt das Pathos 
nicht mehr, mit dem hier die Rebellion im Zug für den Zug der 
Revolution ausgewertet wird. Wieder einmal haben sämtliche An 
gehörige der herrschenden Klasse ein und dasselbe Gesicht; wieder 
einmal sind sie alle nur niederträchtig. Eine Vereinfachung, die 
nachgerade spottbillig geworden ist und überdies hinter unseren Er 
fahrungen zurückbleibt. Dergleichen paßt in die Epoche des offenen 
revolutionären Kampfes; in einer Zeit schwieriger, lautloser Arbeit 
täuscht eine solche SchwarZweiß-Malerei über den Ernst dieses ' 
Kampfes hinweg. Von ihrer Jnaktualität zeugt nicht Zuletzt die 
manirierte Zeichensprache, mit deren Hilfe die revolutionären Be 
deutungen vermittelt werden. Waren die Fahnen bei Eisenstein 
noch bildhafte Erkenntnisse, die aufzuführen vermochten, so sind 
sie beim Epigonen zum konventionellen Hinweis erstarrt. Das 
kommt davon, wenn man fortwährend das freilich dankbare revo 
lutionäre Anfangsstadium in glänzende Festparaden umsetzt, statt 
die bittere Gegenwart mit den ihr angemessenen Kategorien filmisch 
zu durchdringen. 
Dem Film ist eine musikalische Illustration von Edmund 
Meisel beigegeben, die wie der Expreßzug rattert, die jeweils 
fälligen Gefühle treulich untermalt und sich im ganzen gleich dem 
Film selber fixierter Ausdrucksmittel bedient. 
Im ZuschauerraumP 
Das Berliner Kinopublikum hat gelegentlich der vor 
wenigen Tagen erfolgten Uraufführung eines neuen deutschen 
Tonfilms seine Urteilskraft laut und schlagend bewiesen. Zuerst 
scharrte es mäßig; dann, als das Schauspiel auf der Leinwand 
immer unerträglicher wurde, rebellierte es unverblümt. Haupt 
gegenstand seines Zornes war der Held des Stückes: ausnahms 
weise kein Tenor, sondern ein Bariton. Aber auch der mußte, wie 
es neuerdings in den heimischen Tonfilmen Brauch geworden ist, 
Schlager auf Schlager singen. Die von dem unsinnigen Machwerk 
gequälten Zuhörer und -schauer riefen ihm „Schluß!" zu, als, 
sei er ein lebendes Wesen. Da er zum Unglück eine Illusion wak; 
die nicht willkürlich abbrechen konnte, übertönten sie heulend und 
pfeifend das Getöne und bereiteten sich so selber das Vergnügen, 
das ihnen der Tonfilm nicht bot. Nachdem er endlich verendet 
war, warteten sie noch eine Weile auf das übliche Erscheinen der 
Stars, die sich indessen in Voraussicht der drohenden Lynchjustiz 
gar nicht erst auf der Rampe zu zeigen wagten, und zerstreuten 
sich Zuletzt unter Murren gegen ihr Los. 
Der Film heißt: „Zwei Krawatten" und ist frei nach 
dem gleichnamigen Stück Georg Kaisers fabriziert worden. Michael 
Bohnen und andere erste Kräfte wirken in ihm mit. Bei der 
zweiten Aufführung hat man einfach jene Stellen herausge 
schnitten, die den stärksten Anstoß erregten; was schon zur Genüge 
beweist, wieviel die Hersteller selber von dem Zeug halten. Wenn 
das Berliner Publikum, das sich so glorreich auf dem Schlacht 
feld behauptet hat, seine Tonfilmfeinde rücksichtslos weiter ver 
folgte, wären sie vermutlich bald in die Flucht geschlagen. Und um 
die paar, die dem Ansturm standhielten, lohnte es sich dann 
wirklich. S. Kracauer. 
nehmen, die ihnen ein Amüsement auf eigene Faust kostete; in 
kleineren Angestellten die Illusion zu erwecken, sie seien ihre per 
sönlichen Vorgesetzten; das Publikum von der Angst vor eine^ 
Apparatur zu befreien, die für gewöhnlich kein harmloses Spielzeug 
ist, sondern bitterer Ernst. Wie gut diese Aufgaben gelöst werden, 
beweist die Fülle, die allabendlich im Lokal herrscht. Sie mag nicht 
zuletzt der Lichtflut zuzuschreiben sein, die den Saal in stets wech 
selnder Färbung überströmt und einen Vorgeschmack von den Herr 
lichkeiten des Paradieses gibt, in dem die Menschen mit den ent 
zauberten Gewalten der Technik dereinst friedlich beisammen wohnen 
werden. 
Jener Mann faßte die Apparate keineswegs so auf, wie sie auf 
gefaßt werden wollen. Weder wiegte er sich in Illusionen, noch 
spielte er mit den Signalen, noch ließ er sich von der Lichtflut be 
stechen. Vielmehr, er betrieb den Spaß im Ernst, und eben dieser 
Ernst wurde ihm zum Spaß. 
Die längste Zeit über saß er allein am Tisch. Sein Scheitel be 
fand sich genau in der Mitte, seine Augenbrauen waren zwei Halb 
kreise, und seine Backen wurden nach unten immer voller wie bei 
vielen besser situierten Herren zwischen vierzig und fünfzig. Wäh 
rend er sich von Zeit zu Zeit mit einem Schluck Champagner 
stärkte die schlechter Situierten können sich auch bei Mokka, 
Vier oder Limonade vergnügen — setzte er ununterbrochen die^ 
Tätigkeit fort, zu der ihn offenbar sein Beruf verpflichtete. Er 
achtete nicht auf die Tanzenden, er weilte in seinem Büro. Es 
telephonierte. Mit der Miene des vielgeplagten Geschäftsmannes, 
der die Anfrage irgendeines gleichgültigen Kunden vermutet, griff 
er zum Hörer und lauschte. Wider Erwarten schien es sich um einen 
vorteilhaften Abschluß zu handeln, denn die Hängebacken füllten 
sich zusehends und der Scheitel glänzte vor Seligkeit. Unterdessen 
waren zwei Rohrpostsendungen im Netz gelandet, die er ein Paar 
Minuten uneröffnet liegen ließ, um sich den Anschein größerer Wich 
tigkeit zu geben, ohne den mün im Leben nicht vorwärts kommt. 
; Die eine verstimmte ihn so, daß er sie Zerriß. Er schüttelte den Kopf 
und zog die Augenbrauen in die Höhe, über denen sich lauter Fal 
ten in Form konzentrischer Halbkreise bildeten, eine geradezu 
geometrische Verkörperung geschäftlichen Aergers. Zu einem um so 
entschiedeneren Eingreifen bewog ihn die andere briefliche Ordr^ 
Nachdem er sich im Telephonverzeichnis über den Tischplatz des 
Absenders vergewissert hatte, führte er zuerst endlose Ferngespräche 
und erledigte dann gleich eine umfangreiche Korrespondenz, die er 
per Rohrpost beförderte. Solange er schrieb, glich der gedeckte Tisch 
einem Schreibtisch mit zahllosen Auszügen und Gefächern. 
Der Betrieb, der nur selten einmal still stand, vergrößerte sich 
noch durch eine kalte Platte, die er mit Genuß verzehrte. Da sie 
seinen Kredit bei der Damenwelt befestigte, konnte er sich vor An 
rufen und Botschaften kaum retten. Seelenruhig nahm er in der 
Stille seines Büros, das unsichtbare Fenster vom Lärm des 
Lokals abschlossen, Auftrag um Auftrag entgegen und fertigte? 
seinerseits mündlich und schriftlich große Bestellungen aus. Die- 
Augenbrauen gingen hinauf und herunter, der Scheitel verwan 
delte sich bald in eine leuchtende Aureole, bald in einen zornigen 
Pfeil. Wie bei allen bedeutenden Geschäftsleuten war über seine 
Erfolge nichts in Erfahrung Zu bringen. Benutzten andere Gäste 
die verschiedenen Verbindungsmöglichkeiten, um einen geeigneten 
Partner zu treffen, so benutzte er sie gleichsam um ihrer selbst 
willen oder zu verborgenen Zwecken. Jedenfalls erhob er sich nie 
mals von seinem Platz und empfing auch keinen Damenbesuch. 
Aber vielleicht hatte er insgeheim doch eine große Sache getätigt. 
Zu vorgerückter Stunde wurdm ihm drei Herren an den Tisch 
gesetzt. Sie sahen mit Bewunderung zu, wie er von seinem Büro 
aus das Ganze sozusagen dirigierte. „Man amüsiert sich nur gut," 
erklärte er ihnen herablassend, „wenn man allein über einen Tisch 
verfügt." Als sie nicht weichen wollten, stellte er sie kurzerhand in 
seinem Betrieb an. Einer der Herren mußte das Telephon be 
dienen, ein anderer schreiben. Nach einer kleinen Frist zahlten die 
drei und gingen. Entweder waren sie abgebaut worden oder hatten
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        selber gekündigt. Der Chef Meb fortan ungestört an seinem 
Schreibtisch und widmete sich mit allen Kräften dem Riesenunter- 
nchmen weiter. Las ihn vergnügte... 
., Wahrscheinlich wird er es Nacht für Nacht so treiben. Wenn 
sie Gaste das Lokal verlassen haben und die Lichter erloschen sein 
werden wird er noch immer in den Apparat sprechen, ohne daß 
»hm Mhörte, und Briefe beantworten, die ihm niemand ge- 
schütt hat. Die Rohrpostsendungen werden hin- und herfliegen, 
und an den leeren Tischen werden Signale erglühen. Und er 
geiagt von Dämonen der Geschäftigkeit, wird im Dunkeln mutter 
seelenallein das Amüsement tätigen, zu dem er verdammt ist. 
S. Kracauer. 
Ueber den musikalischen Honsitm. 
Berlin, Ende Oktober. 
Unsere Tonfilrnproduktion hat sich auf eine bestimmte Richtung 
festgelegt, die eine von mehreren möglichen ist und nicht die bestes 
Im Glauben, daß das Hauptelement des Tonfilms der Ton sei, 
belastet man diesen allein. Und da man die Nachteile erkannt hat, 
die^ ein Uebermaß des gesprochenen Worts für die Montage mit 
sich bringt, sucht man den Ton dort auf, wo er zwar ebenfalls die 
Handlung lahmt, aber doch rein als Ton eine bedeutende Wirkung 
erzielt. So sind die vielen Tenor- und Schlagerton 
filme entstanden, die heute unsere Kinos überfluten. Ihre Vor 
herrschaft beruht auf einem Mißverständnis, dem nachzugeben frei 
lich bequem ist. Tatsächlich ist der Tonfilm mindestens ebenso sehr 
Film wie Ton, und nur dann, wenn das Optische gleichberechtigt 
neben das Akustische tritt, kann er sich als Gattung erfüllen. Rene 
Clair hat bisher als der einzige in seinem Werk: „Unter den 
Dächern von Paris" die Kräfte abgewogen, die das Auge antreffen 
und zum Ohr hindrängen; worauf ich gelegentlich der Berliner 
Aufführung ausdrücklich Angewiesen habe. Zum Unterschied von 
seinem Film, der eine Verheißung ist, begnügen sich, jene M 
scheu Erzeugnisse damit, die Tonleistungen durch Bilder zu illustrie 
ren, die selber das Ganze nicht tragen und auch keinen visuelles 
Zusammenhang haben. Um davon zu schweigen, daß in ihnen außer 
den filmischen Effekten die Geräusche über Gebühr vernachlässigt 
werden. Und gerade sie warten darauf, im Tonfilm erschlössen zU 
werden, der ihnen dasselbe Leben schenken muß, zu dem einst der 
stumme Film dem Spiel der Schatten und Lichter verhalf. 
Für die hier gekennzeichnete Richtung ist der im Ufa-Palast 
am Zoo angelaufene Film: -D ie singende Sta d t" reprä 
sentativ. Eine mit Geschmack hergestellte Komposition, die dem ein 
seitigen Prinzip, nach dem auch sie verfährt, alles abgewinnt, was 
aus ihm herauszuholen ist. Sie setzt gewissermaßen den Schluß 
punkt unter die Abart des musikalischen Tonfilms. Weiter geht es 
nach dieser Seite nicht mehr, und man sollte nun endlich einen 
Weg verlassen, der eine Sackgasse ist. 
Die Fabel besteht aus einem Tenor und einer reichen Wiener 
Dame, die sich beide vor schönen Ansichtskarten aus Neapel, CaM 
und Pompeji bewegen. Der Tenor ist Fremdenführer und fingt, 
und die reiche Dame liebt ihn eine Zeit lang. Nachdem die Zeit 
verstrichen ist, kehrt er wieder aus Wien, wohin ihn die Dame mit 
genommen hatte, in seine Ansichtskartenheimat zurück und fährt 
fort, zu singen und die Fremden zu führen. Carmela heißt seine/ 
eigentliche Freundin. Dieser schlechte, längst verjährte UnLerhal- 
Lungsroman, ist übrigens insofern geschickt arrangiert, als sich der 
Tenor nur dort hören läßt, wo es die Fabel verlangt. Während 
sonst, umgekehrt, die Fabel in der Regel ein Anhang zu den Musik 
nummern ist. 
Der Regisseur Carmine Gallone hat eine Szene geschaf 
fen, die den Ulm überragt. Am Vorabend seines Wiener Kon 
zerts wandelt der Tenor in Begleitung des alten Pförtners durchs 
nächtliche Konzertgebäude. Sie stoßen auf den Klavierstimmer, der 
zwischen Soffitten den Flügel prüft. Die verlorenen Klänge et- 
innern den Wächter an jenen Abend, an dem vor Jahrzehnten der 
damals noch unbekannte Caruso das Lied: „Ach, wie so trügerisch" 
sang. Unser Tenor will dem alten Mann eine Freude machen und 
beglückt ihn ebenfalls mit dem Lied, dessen Inhalt nachzuempfin- 
den er im Augenblick allen Grund hat. Gleichzeitig schweift der 
Blick durch den leeren Riesensaal, in dem der Alte sitzt, dringt nach 
oben und bleibt an den tanzenden, zitternden Lichtern des Kron 
leuchters haften. Das Miteinander des Gesangs und der einsamen 
Lichter ist ein Gehalt, den darzustellen nur der Tonfilm vermag. 
(Schade, daß sich verschiedene grobe Mängel eingeschlichen Habens 
so die verrückte Filmarchitektur und die Orchesterbegleitung zu 
Freilichtgesängen.) 
In der Rolle des neapolitanischen Sängers glänzt Jan 
Kiepura, dessen Stimme nun mitsamt seiner Figur der Nach 
welt a-ufbewahrt bleiben wird. Brigitte Helm ist von der 
Regie ausgezeichnet eingesetzt worden. Erfreulich vor allen!, daß 
sie ohne jede Uebertreibung spielt und nur durch die präraffaelitische 
Erscheinung und eine zarte Mimik wirkt. Ein entzückender Junge 
ist der kleine Francesco Maldaees, den die FilmexMLion- 
wie es beißt, unten in Italien auMtrieben hat. 
8einem vor oini^Sn gabren HiVadisnonsn Bued 
übsr äsn Ulm: „Der siedtdLr« Nensed" kat Läla 
LLIL 2 s ein rnsitos: .,V 6 rÖsist äss iI ms" 
tollen lassen. (Verlas lVildslm Xnanv. AaHs-Zaals. 
All, 2^7 8sitsn. Osd. 9.M.) InLv/isadsn ist äor 
lloniüm 2ur Uaedt Miaust, sinä Isnäsuksu äes 
stummsu Filius dsrausMardeitet ^oräeu, äis äamals 
nur sed^sr Lu erkennen narsn. Das neue V^erk 
beredt sie ein, erörtert äie Manälunsen unä 
deriedtist maneds trüberen ^nualimen. Ls ist ^is 
äas erste niebt so sebr eine ^ilmüstbetik im enso- 
ren Kinne, als äer Versnob, äie äurob äen bblm 
unä äurob ibn allein äarMbotenen Leäsutun^en 2U 
ermitteln. lVobei es sieb keines^eM äamit be- 
senilst, äis beäeutenäen kbänomene naeb ^rt äer 
kbänomenolosie 2U besobreibsn, sondern Lusleieb 
ibre Interpretation unternimmt. 8is sesobiebt im 
srollen unä san2sn vom marxistiseben Ltanäpnnkt 
aus. (genauer: auk Orunä senässer an Rulllanä 
orientierter ^.nsobauunsen. 
LalaW vervärkliobt seine ^belobten auk eins 
metboäisob riebtise ^Veise. Die materialistisobe 
Dialektik binäsrt ibn äaran, seinen Ltokk unter 
iäealistisobe Oberbesrikke ru brinsen. äie so ab 
strakt väe leer sinä. 8ie binäsrt ibn niebt äaran, 
sieb äsn eisentümlieben Intentionen äer Oebalte 
2U ökknen, äie im Dilm auktauebsn. Lin Verkabren, 
äas L^veikellos äurob äie Kenntnisse besünstist, ^vo 
niebt ermosliobt ^irä, äie Lala2S als Dilmpraktiker 
sssammelt bat. lob babe sobleebte Dilms von ibm 
seseben. k'ilms. äie neäer teebuiseb überreu^ten, 
noeb iäsolosiseb senilsten, ^.ber slsiobviel: seinem 
j tätisen Verbältnis 2um Material bat es äer ^boo- 
retiker Daläns .ieäenkalls 2U äanken, äaü sr im 
8tokk konstruieren kann unä konkreter ^ussasen 
kLbijr ist. Dr lallt sie in eine einsänsise Kpraebe, 
äis sieb niebt selten 2U blenäenäen Dormulierun- 
sen veräiebtet. 
Der Vertrautbeit mit äem Oesenstanä entsurinseu 
kiuebtbare Dinrelanal^sen. 8o äis äer Orollauk- 
nabms. 8is seist, ^vie Lala2S tretkenä bemerkt, äa^ 
O esiebt unter äem Nienevspiel, äas Ossi obt, äss 
man niebt ssben kann. Ibre Holle bei äer llebe?- 
blenäuns ^eist er an äem Leispiel vmnäsrnäer Loh 
äateiMlle auk, äeren 8tiekel sieb in Lantokkel unä 
2ulet2t in äie naekten Dülle selber verbandsln. V^ie 
ist eine solobe Ileberblendunsskolse mosliob, äie 
lause Zeitraums vortäusobt? Die Orollauknabme 
„isoliert niobt nur, sis bebt äen Oesenstaud über 
bauet aus dem Kaum beraus . . . Das Bild, das 
niebt mebr raumsebuudsn ist, ist aueb niebt reit- 
sebuuäeu. In dieser eisenen, seistisen Dimension 
der Orollauknabme vürä das Lild 2um Lesrikk unä 
kaun sieb sandeln nie der Oedanke." ^ebnüob auk- 
seblullreieb sind versobiedene Erkenntnisse über, die 
Linstelluns und die Noutase: niobt 2ulet2t die äen 
ein2elnen Lilmsattunseu senidmeten ^bZobuitte. aus 
deren Leibe die slüokliebe Lräsuns: „montierter 
Dssav ernäbnt sei, die auk „ll'urksib" semün2t ist. 
Die Dntersuebunsen über äen Donkilm kalten etnas 
ab. 
^lls diese LedeutuuMaualvsen nur^eln mebr oder 
minder in einer Oesellsebaktslebre. die sieb ibrer- 
seits auk äie sonistrussisobe kraxis stüt2t. 8o be- 
2iebt Lala^s von äortber den Lesrikk des inbaltlieb
        <pb n="62" />
        können? Aber diese angedrohte Prüfung ist eine blanke Ideologie, 
deren Abhängigkeit von Interessen sofort durch den Plan enthüllt 
wird, kritische Störenfriede bei ihren Verlagsunternehmen anzu- 
zeigen. Das sind die Methoden von Raubrittern, die nicht mit 
Argumenten, sondern mit. Pressionen kämpfen; um ganz davon 
abzusehen, daß es schließlich den Verlagen überlassen bleiben muß, 
sich ihre Kritiker auszuwählen. 
„Die extrem-politische Einstellung mancher Kritiker in sonst 
anders gerichteten Blättern", fährt der Lagungsbericht fort, „führe 
häufig zu einer grundsätzlichen Ablehnung von Filmen im deut 
schen Milieu, während häufig ausländische Filme wegen einer 
radikal-politischen Tendenz die besondere Begünstigung der gleichen 
Beurteiler fänden. Aufgezeigt wurde auch die sinnlose Geschäfts 
schädigung, die darin liege, daß ein Kritiker mit leichten witzig 
sein sollenden Worten einen Film abtue und dadurch die Export 
möglichkeiten verhindere, jedenfalls die Ertragsmöglichkeiten ver» 
ringere." In diesen Sätzen offenbart sich mit Deutlichkeit die 
schlimme Verknüpfung von Patriotismus und Geschäft. Mam 
fabriziert miserable Tonfilme aus Altheidelberger Requisiten oder 
vom Rhein und verdächtigt dann den Kritiker, der einen solchen 
Quark mit Recht verneint, et lehne das „deutsche Milieu" zu 
gunsten radikal-politischer Filme des Auslands ab. Ein 
Anwurf, der den einzigen Zweck verfolgt, der unabhängigen 
Kritik den Garaus zu machen. In Wahrheit greifen die führenden 
Kritiker jene Erzeugnisse nur an, weil sie kitschig sind und das 
„deutsche Milieu" entstellen. Und sie loben Filme 
wie die „Liebesparade", „Unter den Dächern von Paris" oder 
verschiedene Russenfilme keineswegs der politischen Tendenz 
wegen, sondern weil sie etwas taugen und der deutschen Film 
industrie zum Vorbild dienen könnten. Woraus die patriotische 
Elegie der Spio abzielt, gibt dem, der es immer noch wissen 
sollte, ihre Auskunft zu erkennen, daß durch die Kritik häufig die 
Ertragsmöglichkeit des kritisierten Fabrikats verringert werde. 
Richtig ist daran nur, daß die betreffenden Produktionen oft noch 
unter dem Geschmacksniveau des durchschnittlichen Kinopublikums 
liegen, das denn doch nicht so dumm ist, wie Manche Film 
fabrikanten es machen wollen. 
Zum Schluß wurde in der Sitzung gefordert, „daß die 
Theaterbesitzer im Reich" die Verlagsanstalten ersuchen sollten, die 
Kritik auf Grund der Anschauung der eigenen Redakteure vorzü- 
nehmen". Es bedarf wohl keiner Erläuterung dieser Absicht. Sie 
spekuliert auf . die materielle Äbhängigkeit der Provinzkritiker von 
ihren Zeitungsverlagen und wiederum auf deren materielle Ab 
hängigkeit. Oiviäe et irapera heißt hier die Parole. 
Die Filmindustrie hat mit diesem Vorstoß, der einem Dolch 
stoß zum Verwechseln ähnlich sieht, ihrer Sache in der Öffentlich 
keit nur noch mehr geschadet. Statt die Schuld an ihren Mißerfol 
gen bei sich selber zu suchen, klagt sie die Kritiker an, die däs 
ihnen änvertraute Amt redlich verwalten. Sie sollte gute Tonfilme 
herstellen und möchte jene Sprecher unterdrücken, die schlechte Ton 
filme schlecht finden. Sie sollte endlich erkennen, daß der Gewinn 
an saubere' Leistungen gebunden ist, und zieht es vor, ihn durch 
Mittel zu erzwingen, die nicht eben als fair Zu bezeichnen sind. 
Daß auch diese plumpe Attacke Zu einem Mißerfolg führt, dafür 
wird dieselbe öffentliche Meinung sorgen, auf deren Beeinflussung 
nicht zuletzt die Filmindustrie soviel Gewicht legt. 
Aus Anlaß des- Vorgehens der Spitzenorganisatton der Deut^ 
scheu Filmindustrie haben sich M in Berlin die Filmkritiker 
der Berliner und auswärtigen - Zeitungen sämtlicher Rich 
tungen zu einem „Verband Berliner Filmkritiker" 
zusammengeschlossen. Zweck des Verbands ist die Erhaltung der 
Unabhängigkeit der Filmkritik der Tagespresse und die Wahrung der 
Berufsinteressen, vor allem gegen äußere Beeinflussung. Der Vor 
stand besteht aus den Herren IHering, Kersten, Krafft, 
Olimsky, Pohl. ! 
erfüllten LoIIsktivs unä äon nositlven ^.nsats 6er 
Nasse. I^iedt ru dsstreiten. äak er von seinem ^us- 
LanLsw'ukt aus eine Airradl väoktiLsr unä nütr- 
Uodsr Diadlioks xeninnt. Vor allem äie. äak äer 
Rilm als soleüer. inäem er äie Distanz äss /^u- 
selmuers ankdedt. äie disüer in samtlielmn siokt- 
daren Lünsten «e^aürt blieb, ein äsn Nassen zmxs- 
ksdrtss RunstmittsI ist. äem äie Funktion äsr 3nb- 
larvunL rruMt. (8ebr riebtis ksikt es am ZMuü. 
äak äie Russen nur äarum so auLeroräentliebs M 
misebe DsistnnLSU vollbraebt babsn, ^eil ^br ^Vollen 
mit äen im Vilm auLsIsLtsn IsnäenMN Zusammen- 
trM.) 2u äen soZioIosiseb wertvollen lntsi'ms- 
! tationen. äis Ralä^s Keiner Rosition selruläet. es- 
s bört etwa noeb äie äer ^VoebensebaunroLramme oäs^ 
äis eines Rilms wie „Nenseben am Konnta^", äsm 
als ..Lleinbür^erromantib mit negativem Vorbei- 
eben" auk^ekaüt-wirä. 
Rreilieb, äie russiseben Dsdrsn sinä 2um Zebaäen 
äer Deutungen all^usebr in Rauseb unä Rosen sinLe- 
seiLt. Vala^s verbält sieb ibnen LSLsaüdsr un^ekäbr 
wie ein Konvertit. Dr lebt niebt aus ibnen. er küblt sieb 
bei ibnen unter Daeb unä Vaeb. Vorbebaltlos be 
nutzt er äen xanLen Komplex äer russiseben läsolo- 
sis. Da er sie in äsr kert-i^en Rorm übernimmt, in 
äer sie bei uns LanL unä Lebe ist. ebne sie bis «u 
ibrsm IlrsprunL 2urüeb2uverrolLen unä äerart von 
innen ber 2u erkabren. reiebsn natürlieb äie aus ibr 
LeroLbnen Leblüsse niebt in äie Riete. leb äsnks an 
äie viel ?u simvis DrklärunL äes LleinbürLertüms 
— äie Osstalt äes Dstsktivs 2. R. kommt um ibr 
Reebt an äis nroblematisebe ^snKsrunL. äak 
äis OroKauknadms, übsrbaupt äie Müs äer Camera 
beim Objekt, äen allgemeinen Drang Lur Rinkaeb- 
bsit Verrats, äer ,,von äer Lkensis äer beutigen Os- 
neration gegen äis bergebraobten ^usäruekskormev^ 
äes keuäalen unä altbürgerUeben Oeistes" l.errübre; 
an äie rsieblieb naive Doräerung. äis anlaMeb äer 
Herrsebakt äes Ronkilms gestellt wirä: „äetrt müssen 
enälieb äis Diebter an äen Rilm beran. Die besten, 
äis größten. Dsnn jetrt ist es 2eit!"; an äie 
Osbersobätrung äes einen oäer anäeren russiseben 
Lrrsugnissss. in äem sieb kaute läeologisn umtrsi- 
bsn (so äes Dewsebenko-Dilms: ,,Rräs"). Um gan2 
davon Lu sebweigen. äak äis unkontrollierten ^n- 
sebauungen keine Nögliebkeit gewäbrsn. äsn Linn 
jener Düms aukLULeigen. in äenen niebt äas Nassen- 
bakts regiert. Das sebsint Rala^s aueb einLuseben. 
denn mitunter kinäen sieb ^bweiebungen von äer 
Rauptlinis. stilksebwsigenäe Lou^essionen an äie 
bürgerliebs Vorstelluvgswelt. lnsgesamt leidet äie 
Einstellung an ibrer Unsedärks. 
Dennoeb: äas Lueb ist ein Vorlüuker. unä Vor 
läufer baden es sebwer. Ds entbält eine Nengs 
guter Linsiebten. Und man wirä es unter allen Drn^- 
Ständen mit Rutren lesen. Lr. 
Oine plumpe Attacke. 
Filmindustrie gegen Filmkritik. 
LLr Berlin, Anfang November. 
Die Spitzenorganisation der deutschen Filmindustrie, Spio 
genannt, hat sich bei ihrer letzten Tagung mit der Filmkritik der 
Tagespresse befaßt. Nicht etwa, um von ihr zu lernen, was sie nötig 
hätte, sondern aus dem Bedürfnis heraus, unbequeme Stimmen 
zum Schweigen zu bringen. Je tönender der Tonfilm wird, desto 
stummer sollen seine Kritiker sein. 
Ich zitiere ausbem im Neichssilmblatt vom 25. Oktober veröffent 
lichten Tagungsberichk „Bei der ausgedehnten Besprechung über 
allgemeine Tonfilmsragen," heißt es dort, „kamen aus der Ver 
sammlung Worte der schärfsten Entrüstung über die ganz willkür 
liche und unsachliche Mitik der Lonfilmpremieren in einem Teil 
der Lagespresse. Auf Antrag des Verbandes der Filmindustriellen 
soll in jedem Falle einer derartigen Kritik sowohl in der Öffent 
lichkeit als auch den einzelnen Verlagsunternehmen gegenüber das 
Unsachliche und Ungehörige unter genauer Prüfung der Eignung 
und Vorbildung des Kritisierenden bekanntgegeben werden." Hierzu 
wäre Zu bemerken: Es ist bisher nicht üblich gewesen, in der eigenen 
Sache den Richter zu spielen. Zugegeben selbst, daß manche Kritiken, 
dre man in den Tageszeitungen liest, insofern „willkürlich und 
unsachlich" sind, als sie einen ungehörigen Tonfilm gutheißen — 
dre Filmindustrie hat darüber am allerwenigsten zu befinden. Sie^ 
die für unsere TonsilmproduM verantwortlich zeichnet, sollte 
vorurteilslos die Eignung und Vorbildung der Kritiker prüfen
        <pb n="63" />
        Mr' Berlin, Anfang November. 
scheidendsten Kapitel ist jedenfalls der Vertrag mit Brechts und. 
Die Vorgeschichte des Prozesses ist ein vielverschlungener 
und mit gesellschaftskritischen Pointen gespickter Roman, der mehrere 
hundert Seiten umfassen würde. Ich sehe wich außerstande, seinen 
Inhalt auch nur andeutungsweise wiederzugeben. Eines der ent- 
Weilt, der von den üblichen Verträgen insofern abweicht, als er 
den Verfassern der Dreigrofchenoper das Mitbestimmungs- 
Der Prozeß um die Verfilmung der Dreigrofchenoper hat, wie 
bereits gemeldet, mit einem Sieg des Komponisten Kurt Weil! 
geendet. Die Urheberrechtskammer des Landgerichts I hat seiner 
Klage stattgegeben und der Nero-Filmgesellschaft (bzw. Warner 
Brothers und der Tobis) untersagt, auf Grund des von ihr her- 
gesteüten Manuskripts die Dreigroschenoper durch Verfilmung zu 
vervielfältigen, vorzuführen und vorführen zu lassen. Abgewiesen 
wurde die Klage Bert Brechts, der, dem Urteil zufolge, seine 
Mitarbeit abgebrochen und so der Beklagten das Recht Zum Rück 
tritt vom Vertrage gegeben habe. Brecht, der auch für die Kosten 
Lufkommen muß, hat Berufung eingelegt. 
den finanziellen Lockungen und behütet sein Werk; im Zweiten 
Falle scheM er ihnen Gehör und Zeigt sich desinteressiert am Film. 
Gemeinsam ist beiden Fällen der Verzicht auf die Auseinander 
setzung zwischen den Trägern des literarischen Ruhms und den 
Filmpotentaten. Es kann ein Beweis der Sauberkeit sein, wenn 
einer sein Werk radikal vor der Verfilmung schützt; während die 
Rechtfertigung seines Verschleißes nicht leich-t gelingen dürfte. 
Aber wie dem auch sei: eine richtige Zusammenarbeit 
der gestaltendenMächte wird so niemals erreicht 
(von der einzigen Ausnahme aögeschen, daß der Dichter, wie 
Chaplin, im Filmmilieu selber beheimatet ist) Brecht und Weill 
haben durch ihr Vorgehen die Schrecklichkeit dieses spannungslosen, 
undialektifchen Zustands bewußt gemacht. 
Der Prozeß ist schon deshalb wichtig, weil er auf die Be- 
denkenlosigkeit aufmerksam macht, mit der die Filmindustrie 
gegen Werke von Rang verfährt. Man erinnert sich noch des Films 
„Die Liebe der Jeanne. Reh", der nach dem bekannten Roman 
Jlja Ehrenburgs- gedreht wurde und ihn nicht nur entstellte, 
sondern seinen Sinn beinahe ins Gegenteil verkehrte. Ehrenbürg 
beschwerte sich damals in einem offenen Brief über die Ver- 
schandelung des Buchs, ohne allerdings mit dem nachträglichen 
Protest eine praktische Wirkung zu erzielen. So ist auch mit de^ 
Werken von Dostojewski und anderen umgesprungen worden, die 
sich nicht mehr wehren konnten, und erst neuerdings hat die gänz 
lich untalentierte Verfilmung von Georg Kaisers Stück „Zwei 
Krawatten" zum Glück nichts weiter als ein Kinotheaterskandälchen 
gezeitigt. Beim stummen Film waren die Verfehlungen noch nicht 
einmal so schlimm, wie sie jetzt beim Tonfilm sind. Jener durfte 
sich auch seiner vielen eigenen Möglichkeiten wegen von der Vor 
lage entfernen, und ein malträtierter Text mochte immerhin einen 
guten Film ergeben; dieser dagegen steht in einer ungleich ver 
trackteren Beziehung zu den ohne Rücksicht auf ihn erdachten 
Werken,' weil er ihre Worte und ihre Musik nicht frei abwandeln 
kann, sondern entweder bewahren oder völlig umgestalten muß. Die 
Verantwortung ist hier besonders groß, und gerade die Aufgabe, 
eine Oper in einen Tonfilm zu Überfuhren, der ihren Gehalt ver 
mittelt und wirklich standhält, birgt Zahllose Gefahren. 
Der von den Autoren der Dreigrofchenoper eingenommenen 
Haltung stehen Zwei Auffassungen entgegen, die für die dialektische 
Behandlung des Falles nicht unwesentlich sind. Ein Vertreter der 
Filmindustrie erklärte mir jüngst bei der Besprechung des Pro 
zesses: „Wenn sich ein Autor mit uns einläßt, muß er schließlich' 
den Notwendigkeiten Rechnung tragen, die für die Herstellung von 
Filmen nun einmal gelten. Will er das nicht, so bleibt ihm unbe 
nommen, sein Werk überhaupt nicht verfilmen zu lassen. Alle 
Achtung vor einem solchen Autor." Diese Ansicht wird durch das 
Verhalten eines berühmten Schriftstellers ergänzt, der, wie ich 
erwhre, unlängst das Recht auf die Verfilmung seines neuen,- 
rasch bekannt gewordenen Romans verkauft hat, aber nicht g.e- 
sonnen ist, sich um die Ausführung des Films zu bekümmern. Der 
Roman Zeugt für mich, mag er denken, und: gebt dem Film, was 
des Film es ist. ' 
Am ersten, nur hypothetischen Falle entzieht sich also der Autor 
rechL am kurbelfertigen Drehbuch zusichert. Dieser Kontrakt hatte 
Sonderäbschlüsse Zur Folge, die Leide Autoren zur Mitarbeit am 
Film verpflichteten. Die paar Monate zwischen der Unterzeichnung 
des Vertrags und der Klage waren eine ununterbrochene 
Kette von Mißhelligkeiten. Erwähnenswert ist etwa: daß Herr 
Nebenzahl von der Nero, die übrigens ihre Rechte am Film an' 
Warner Brothers und die Tobis verkauft und nur die Produktions 
leitung behalten hatte, den Beginn der Atelierarbeit auf den 15. 
August festsetzte, einen Termin, der den Autoren als verfrüht er 
schien; daß sich Brecht und der mit der Verfilmung beauftragte 
Regisseur Pabst, gleichviel aus welchen Gründen, nicht über die 
Art ihrer Zusammenarbeit einigen konnten; daß die Filmgesell 
schaft der Meinung war, Brecht sabotiere ihr Vorhaben, währeüd 
der wiederum annahm, sie verleugne die getroffenen Abmachungen; 
daß Weill im Atelier Einspruch gegen Aenderungen erhob, die von 
Zer anderen SÄte nicht für Aenderungen gehalten wurden. Die 
Ereignisse, in die eine Menge von Personen verwickelt waren, 
spielten sich, wie es sich für einen modernen Gesellschaftsroman 
gehört, in einem wahrhaft internationalen Rahmen ab: an der* 
französischen Riviera, am Ammersee, in Berlin und in London. 
Mehr als müßig wäre, im einzelnen feststellen Zu wollen, wd 
juristisch das größere Anrecht liegt. Die Nero spricht von dem 
„Leidensweg", auf den sie durch Brecht gestoßen worden sei, und 
dieser erklärt, was ihm unbedingt zu glauben ist: daß rein sachliche 
Erwägungen sein Verhalten bei der Manuskriptbearbeitung geleitst 
hätten. Für die Allgemeinheit ist nur die eine Tatsache von 
Interesse, daß die künstlerischen und die wirtschaftlichen Kräfte 
in einen Konflikt geraten sind. In Filmkreisen ist jetzt wiederholt 
vernehmlich geäußert worden, daß gerade der Tonfilm auf die 
Mitwirkung der Dichter angewiesen sei. Nun, der Dichter war 
unstreitig vorhanden. Mag er sich vielleicht nicht durchweg weit 
läufig benommen haben, so hat doch zweifellos die Filmgesellschaft 
die Bedeutung seiner Insubordination unterschätzt und ihn über 
haupt nicht mit Maßstäben gemessen, die ihm gebühren. Wenn der 
Prozeß etwas lehrt, so dies: daß Zwischen der Filmindustrie und 
den Vertretern der litterarischen Avantgarde eine Verständi 
gung schwer möglich ist. Beide Parteien haben darunter zu leiden. 
den Filmproduzenten. „Weshalb besteht der Kläger Weill auf dem 
Mitbestimmungsrecht?" fragt Goldbaum. „Um die Nero zu schä 
digen? Aus Eigensinn? Keineswegs. Die Dreigrofchenoper ist ein 
ebenso erfolgreiches wie prekäres Werk ... Die Lransposition ins 
Optisch-Akustische des Films ist nicht mit einem Abklatsch des 
Theatralischen geleistet. Sie erfordert nicht geringere schöpferische 
und eigenartige Qualitäten wie die Umsetzung in den Bühnen- 
vorgang. Brecht und Weill glauben nicht, daß diese Transposition 
nach der von der Nero vorgenommenen Verteilung der Verfll- 
mungsarbeit geleistet werden kann. Die Rechnung hat eine große 
Unbekannte: die Wirkung auf das Publikum. Der Lheatererfolg 
der Dreigrofchenoper hat bewiesen, daß ihre Schöpfer den Beweis 
der Erfassung großer Massen erbracht haben. Die Nero hat aber 
mit ihrer über dem Niveau der gewöhnlichen Filmproduktion 
stehenden. Zum Schaden des Erfolgs aber von Wedekind tief ab 
fallenden Gestaltung des Lulufilms das Gegenteil bewiesen. Die 
Manier, das Ansehen berühmter Werke für das Filmgeschäft aus^ 
zubeuten, diese Werke aber ihres Ansehens ganz zu entkleiden und 
dem Verleihergeschmack anzupassen, die Manier des „als ob" ist 
verwerflich. Sie ruiniert die Werke. Die Dreigrofchenoper, die 
durch ihren Erfolg „Verkehrsgeltung" erlangt hat, die dazu be 
stimmt ist, ein Repertoirewerk Zu werden, wollen die Autoren vor 
dieser Entwertung bewahren, in ihrem und in dem von ihnen 
besser verstandenen Interesse der beklagten Filmgesellschaft." Das 
ist es eben: auch im Interesse der Filmgesellschaft haben sich Brecht 
und Weill eingesetzt. Niemand wird die technischen und finan 
ziellen Schwierigkeiten verkennen, mit denen heute die Filmindu 
strie zu kämpfen hat. Aber sie sollte endlich lernen, daß sie sich! 
nicht über Mißerfolge und schlechte Kritiken beklagen darf, wenn 
sie immer nur die Künstler und ihre Werke den Routiniers des fil 
mischen Produktionsprozesses zu unterwerfen sucht, statt die 
Produktivkräfte der Schaffenden selber zu nutzen. 
Dr. Wenzel Gold bäum, einer der Anwälte Weills, ha^ 
ein Plädoyer gehalten, dessen Argumente übrigens beim Gericht 
nicht ganz durchgedrungen sind. Ein Abschnitt dieser Ansprache ist 
von außerordentlichem Gewicht, definiert er doch in mustergültiger 
Der Urozeß um die Dreigrofchenoper 
Einige nachträgliche Randbemerkungen.
        <pb n="64" />
        tue Angst ist 
Verkehrsstraße 
befand mich 
und billigem 
es, die ihn so 
gelungen war, 
auf ihr; ' unter 
Hausrat vor 
das Fenster dann offen bleiben? Ein Autoreifen explodierte neben 
mir, und ich fühlte, daß ich mich zusehends verwirrte. Mitten 
im Lärm fiel mir ein, daß vielleicht die ganze Straße als Schlupf- 
FL6-FZS 
dem ungekämmten Haar beachtet mich so wenig wie seinen Koffer. 
Nichts ist für ihn vorhanden, ganz allein sitzt er auf seinem Stühl- 
chen im Leeren. Er hat Angst, 
Erinnerung an eine Zariser Straße. 
Von S. Kracauer» 
- Fast drei Jahre ist es her, daß ich in jene Straße im Quartier 
Grenelle verschlagen wurde. Der Zufall führte mich dorthin; das 
heißt, nicht eigentlich ein Zufall, sondern der Rausch. Der Straßen- 
rausch, der mich in Paris immer ergreift Damals, als ich der 
Straße begegnete, verbrachte ich vier Wochen ganz allein in Parts 
und lief jeden Tag mehrere Stunden durch die Quartiere. Es war 
eine Besessenheit, der ich nicht zu widerstehen vermochte. Von ihrer 
Macht legt am besten die Tatsache Zeugnis ab, daß ich es als Ver 
rat empfand, wenn ich einmal über die Schlafenszeit hinaus in 
meinem Hotelzimmer blieb oder einen Abend dem Theaterbesuch 
opferte. Sogar die gelegentlichen Zusammenkünfte mit Frauen er 
schienen mir wie eine Pflichtvergefsenheit, wie eine törichte Ablen 
kung von den Straßen, die mich ungleich stärker beanspruchten 
als irgendein einzelnes Mädchen. Ich genoß sie blindlings und 
ließ mich von ihnen verbrauchen, und kehrte ich auch stets matt 
von den Ausschweifungen heim, so hielt mich doch nichts davon zu 
rück, meiner Leidenschaft am andern Tag wieder nachzugeben. Jtn 
Gegenteil: hinter dem Nebel, den die zunehmende Müdigkeit um 
mich verbreitete, winkten mir die Straßen nur noch verführerischer. 
Straßen gibt es in allen Städten. Während sie aber sonstwo aus 
Trottoirs, Häuserreihen und leicht gewölbten Asphaltflächen be" 
stehen, spotten sie in Paris der Zerlegung in die verschiedenen Ele 
mente. Was immer sie seien: enge Schluchten, die in den Himmel 
einmünden, ausgetrocknete Flußläufe und blühende Steintäler — 
ihre Bestandteile sind ineinandergewachsen wie die Glieder von 
Lebewesen. Oft fließen die Seitenwände und Pflasterböden unmerk- 
lich zusammen, und ehe er sich's versieht, gerät der Träumende wie 
zu ebener Erde über senkrechte Mauern bis zu den Dächern und 
weiter, immer weiter ins Dickicht der Schornsteine hinein. Auf 
diesen Routen trieb ich mich umher und mußte in jedem Passanten 
den Eindruck eines ziellosen Schlenderers erwecken, llnd doch war 
ich, streng genommen, nicht ziellos. Ich glaubte ein Ziel zu haben, 
aber ich hakte das Ziel zu meinem Unglück vergessen. Es war mir 
zumute wie einem Menschen, der in seinem Gedächtnis nach einem 
Wort sucht, das ihm auf den Lippen brennt, und er kann es nicht 
finden. Von der Begierde erfüllt, endlich an den Ort zu gelangen, an 
dem mir das Vergessene wieder einfiele, konnte ich nicht die kleinste 
Nebengasse streifen, ohne sie zu betreten und hinter ihr um die Ech 
zu biegen. Am liebsten hätte ich sämtliche Höfe ergründet und Zim 
mer für Zimmer durchforscht. Wenn ich so nach allen Seiten spähte^ 
aus der Sonne in die Schatten und wieder zurück nach dem Tag, 
hatte ich die deutliche Empfindung, daß ich mich, auf der Suche 
nach dem gewünschten Ziel, nicht nur im Raum bewegte, sondern 
oft genug seine Grenzen überschritt und in die Zeit eindrang. Ein 
geheimer Schmugglerpfad führte ins Gebiet der Stunden und Jahr 
zehnte, dessen-Straßensystem ebenso labyrinthisch angelegt war wie 
das der SiadL selber. 
Jene Straße, von der ich erzählen will, liegt in einem prole 
tarischen Viertel. Ich muß hier einschalten, daß ich zwar ohne jede 
Auswahl bei meinen Gängen verfuhr, aber doch unwillkürlich die 
ärmeren Stadtteile bevorzugte. Nicht so, als ob es den Gegenden, 
in denen Glanz, Reichtum und Vergnügen Hausen, an den von mir 
begehrten Reizen gebräche. Auch sie sind verwickelt wie alte, unpßr- 
ständlich gewordene Gebrauchsdinge, ineinandergeschachtelt und, 
fremden Schriftzeichen gleich, kaum zu entziffern. Nur eben dort, 
wo die unteren Beamten, die Gewerbetreibenden und die vielen 
alten Leute wohnen, scharen sich die Häuser planloser, häßlicher, 
dichter, wagen sich Gerüche und Dünste hervor, deren körperliche 
Umrisse die sichtbaren Formen überschneiden. Alle diese Straßen 
stehen nahe vorm Aufbruch; ungeordnete Rotten, die sich bald zer 
streuen oder auch gemeinsam marschieren werden. Und manchmal 
ist es, als werde in der Ferne ein Trommelwirbel geschlagen. 
Ich entdeckte die Straße, als ich mich an einem frühen Nach 
mittag dem Abschluß einer Sackgasse zu nähern glaubte, die auf der 
einen Seite von einem hohen, unförmigen Vorstadttheater begrenzt 
wurde. Das Theater war geschlossen und sah so verlassen aus, als 
ob in ihm nie mehr gespielt würde. Noch bevor ich mich bis zum 
Grund der Sackgasse durchgezwängt hatte, merkte ich, daß sie gar 
keine Sackgasse war, sondern an ein anderes Gäßchen stieß, das 
hinter dem Theater vorbeisührte. Mitten auf die weißgekalkte, 
fensterlose Rückwand des Theaters lief die Straße zu. Sie war 
schnurgerade, nur wenige Minuten lang und verhältnismäßig breit. 
Wie ich jetzt erst gewahr wurde, hatte ich sie gewissermaßen hinter 
rücks Überfällen; denn sie öffnete sich ohne jede Versteckspielerei an 
ibrem dem Theater gegenüberliegenden Ende nach einer belebten 
Verkehrsstraße. 
Rasch wollte ich tue kleine Strecke durchmessen, die mich von der 
Verkehrsstraße trennte. Aber nun geschah es: kaum hatte ich mich 
von der weißen, übertrieben hohen Lheaterwand abgelöst, so fiel 
.mir das Weitergehen schwer, und ich spürte, daß unsichtbare Netze 
mich aufhielten. Die Straße, in der ich mich befand, gab mich nicht" 
-frei. In geringer Entfernung ratterten Autobusse und Lastwagen 
vorbei, glashell tauchten sie auf und verschwanden wie an einem 
jenseitigen Ufer, das ich nicht zu erreichen vermochte. Ich versuchte, 
mir über meine Lage klar Zu werden. Es war noch vor drei Uhr, 
und nur vereinzelte Passanten kreuzten die Straße. An den nichts 
sagenden Mietshäusern rechts und links waren zu meiner Ver 
wunderung ein paar Hotelschilder angebracht, schwarze, ge 
schwungene Aushängeschilder von der in Paris üblichen Art, die 
nichts sonst als die Aufschrift „Hotel" tragen. Ihre schwache Krüm 
mung wirkte in dieser Umgebung durchaus zweideutig. Ich trat,! 
obwohl in meiner Bewegungsfreiheit gelähmt, an ein solches Hotel 
heran. Seine Tür, eine gewöhnliche Privattür, war verrammelt, 
seine Fenster, hinter denen zum großen Teil die Gardinen fehlten, 
glichen zahnlosen Mündern. Neben dem Klingelzug hing eine Tafel, 
auf der in verwischten Buchstaben Zu lesen stand, daß das Hotel 
nicht von hier, sondern um die Ecke herum von der Verkehrsstraße 
aus zugänglich sei. Offenbar nahm schon lange niemand mehr von 
-dem Hinweis Notiz, denn das ganze Haus machte einen unbe 
wohnten, ja verwahrlosten Eindruck. Während meine Blicke von 
seiner Fassade zu &amp;gt; n andern F. ssaden glitte r, ward ich mir plötz^ 
lich bewußt, daß ich beobachtet worden war. Aus den Obergeschoß 
fenstern mehrerer Häuser sahen Burschen in ^^dsärmeln und 
schludrig gekleidete Weiber auf mich nieder. Sie sprachen kein 
Wort, sie schauten mich immer nur an. Eine schreckliche Gewalt 
ging von ihrer bloßen Gegenwart aus, und ich hielt es beinahe 
für eine Gewißheit, daß sie es waren, die mir die Fesseln angelegt 
hatten. Wie sie stumn^ und reglos dastanden, schienen sie mir von 
den Häusern selber ausgebrütet worden zu sein. Sie hätten jeden 
Augenblick ihre Fangarme nach mir ausstrecken und mich in die 
Stuben hereinziehen können. 
Wie ein Schwimmer, der gegen den Strom ankämpft, strebte 
ich mit einer verzweifelten Anstrengung der Straßenmündung zu. 
Die Weiber werden Dirnen sein, tröstete ich mich, und redete mir 
ein, daß eine von ihnen mir zugenickt hätte. Ein wenig beruhigt, 
wollte ich ausschreiten — da wurde mir Halt geboten. Nicht etwa 
unmittelbar durch die Burschen und überhaupt nicht in Worten, 
j sondern durch ein lebendes Bild. Wie zur Strafe für meinen Leicht 
sinn stellte es. sich mir in den Weg. Ich sah: ein junger Mann sitzt 
auf einem Stuhl mitten in einem Zimmer. Das Zimmer ist ein 
Hotelzimmer dessen Fenster geöffnet sind. Es enthält ein Bett, da^ 
benutzt worden ist, einen WaMstch und einen Schränk. Die Gegen-; 
'stände harren wie angewurzelt und starren mich so aufdringlich 
an, als seien sie überdeutlich gemalt. Das schmutzige Waschwasser 
ist ein Teich ohne Abfluß, der Schränk trägt seine Kratzer und 
Riffe schamlos zur Schau. Zu Füßen des jungen Mannes kauert ein 
offener halbgepackter Koffer, in den eilig Wäsche hineingestop'st 
worden sein muß. Umringt vom Mobiliar, hat der Sitzende seinen 
Kopf in die Hände gestützt. Der Fußboden des Zimmers kann 
nicht höher als das Straßenpflaster liegen. Ich stehe vor dem 
Fenster, das sich längst verflüchtigt hat, aber der junge Mann mit 
lähmt... 
Wie mir der Durchbruch zur 
weiß ich nicht mehr. Genug, ich 
SchlächterSuden, Kleid erauslagen 
Spiegelscheiben. Rechts öffnete sich eine Straße, die wie ein Pfeil 
davonschotz und sich wie ein Hotelschild krümmte. Die mußte ick 
unter allen Umständen noch kennen lernen. Während ich im ver 
trauten Tumult versank, begleitete mich immerfort das Bild des 
jungen Mannes im Hotelzimmer. Nachträglich hielt ich es für 
wahrscheinlich, daß der junge Mann ein Verbrecher war, der in 
jenem engen Zimmer vor seinen Verfolgern das Weite gesucht 
hatte. Das Hotel ist eine Höhle, sagte ich mir. Aber wie konnte
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        Dab er dennoeb seinen guten 
8inn gebabt 
8einer Auk- 
Mann auf seinem Stuhl mitten im Zimmer. Der Koffer ist halb 
gepackt wie vorhin, das Waschwasser ist nicht ausgegossen worden. 
Und immer noch hat der Sitzende seinen Kopf in die Hände gestützt 
Ist es vielleicht ein anderer junger Mann? Ich entsinne mich, daß 
ich sein Gesicht nie gesehen habe. Gegen meinen Willen betaste ich 
die Mauer des Hotelgebäudes, sie ist fest und aus Stein. Wie ich nach 
oben blicke, rückt die Theaterwand langsam auf mich zu. Sie, die 
doch fensterlos war, ist jetzt mit richtigen Mietshausfenstern besetzt, 
aus denen die stumme Gesellschaft wieder auf mich herabschaut. 
Die Theaterwand wird immer größer und schleicht mit ihren 
weißen Zinnen durchs Dunkel. Es ist dunkel geworden, und ich 
entdecke, daß die Kinder weggefegt sind. Nur ihr Lachen drmgt noch 
zu mir, so leise schon, als käme es aus dem Theater. Ich laufe 
ihm nach, hänge mich an das Lachen wie an einen äußerste? 
Zipfel. Hinter mir schließt sich die Straße. 
Sooft ich seitdem in Paris war, ich habe mich nie mehr in die 
Nähe der Straße gewagt. Uebrigens gibt es noch viele Straßen 
in allen möglichen Stadtteilen, mit denen ich besondere Erinne 
rungen verknüpfe. Jede einzelne von ihnen hat ihren eigenen 
Geruch und ihre eigene Geschichte. Und diese Geschichte ist nicht 
vergangen, sondern lebt weiter, als sei sie von heute. Die Kirche 
St. Julien le Pauvre zum Beispiel wacht morgens auf und geht 
abends schlafen wie irgendein Warenhaus. Vielleicht rührt es daher," 
daß, umgekehrt, in Paris die Gegenwart den Schimmer des Ver 
gangenen hat. Während man noch durch die leibhaftigen Straßen 
wandelr, sind sie bereits entfernt wie Erinnerungen, in denen sich 
die Wirklichkeit mit dem vielstöckigen Traum von ihr mischt und 
Abfälle und Sternbilder sich treffen. 
naob Reioktümern 2U streben, die ikr die Brsi- 
keit gewäbren. Wenn der Diobter ikr die „grobe 
8aoke" Lusokiebt, gesobiekt es 2U dem einzigen 
2week, um sie so 2u entfesseln, dab sie an die 
rusetren vermögen oder niebt: die latsaebe ibres i 
erneuten Binbruebs ist wiebtig. Bann es doob! 
der zungen Intelligenz nur dienliob sein, sieb 
mit den ^eiterkenntnissen eines Nannes ru 
messen, der das Beberbekerts nutst. 8ie bat niebt 
viel Belegenbeit daru, denn die Aelteren räumen 
ibr in der Regel kampflos das Beld. Entweder 
sind sie unberübrt von der Gegenwart und 
sebreiben weiter, wie sie sebon vor dem groken 
Bmbrueb gesebrieben baben; oder sie laufen der 
lugend naeb, die es dann immer noeb besser 
maebt. Reinrieb Nann läkt sieb mit ibr ein, 
obne sieb 2u verleugnen. 
* 
Die Handlung spielt in einem neudeutseben 
Industrie- und 8ebiebermi1isu, das dureb die 
Biguren 8obattiebs und des Rerrn von Bist ver 
körpert wird, lener, der sebon einmal Reiebs- 
kanrlsr war, ist Beneraldirektor des sagenbakten 
Xon^erns, der naberu alle Rersonen des Luebs 
besebäktigt; dieser ein skrupelloser 8pekulant 
groben 8tils. Beide betreiben dunkle Oesebäkte 
miteinander, die in ein belles Biebt gesetzt wer 
den, und erkalten sieb krakt ibrer Behebungen 
an der Naebt. 8ie sind rweikellos balbe 8eblüs- 
selkiguren; aber es erübrigt sieb bier, die 8eblö8- 
ser 2U ökknen. 
Vor dem sebmierigen Rintergrund entfaltet 
siob moderne lugend, die 2ur Rauptsaobe vom 
Oberingenieur Lirk gezeugt worden ist. Die 
erotiseb begabte Inge, Nargo, die treu ru ibrem 
Nann Bmanuel bält, usw. — ein voluminöser 
! klaebwuebs, dessen entsobeidende Bigensobaft 
darin bestem, zung 2U sein. Bng verfloobten mit 
den Beutoben sind versobiedene l^pen, unter 
denen etwa der Boxer Brüstung, ein verkomme 
ner unebeliober 8obn 8ebattioks und ein böebst 
be^iebungstüobtiger lüngling erwäbnt 2U werden 
verdienen. Lirk selber erbebt siob als Reprä 
sentant des Alters über diese Wirrnis. Br wird 
als Kann dargestekt, der seinen Anstieg der Ar 
beit verdankt. Raob der Inflation, die ibn um 
sein Vermögen braobte, ist er äuberliob gesun 
ken und innerlieb gewaobsen. 
Dureb einen Binkall bringt Virk samtliebe 
Biguren auk die Beine. Belegentlieb eines Le- 
suobs seiner Bamilie im Brankenbaus, in das er 
naeb einem 8tur2 transportiert worden ist, ver 
traut er Bmanuel ein Bäekeben an, das angeb- 
lieb ein 8prengpulvsr eigener Brkindung entbält. 
Die „grobe 8aebe", die der 8obwiegbr8obn im 
Interesse der Bamilie an den Nann bringen soll, 
ist aber in ^Vabrbeit gar niebt vorbanden. Lirk 
bat die Brkindung nur vorgetäusobt, um ein Bx- 
periment mit dieser neumodisoben lugend amu- 
stellen und ibr auk seine Weise ru belken. Bine 
grobe Ret^zagd beginnt, die so lange wie der Ro 
man dauert: drei ganse läge. Die Linder Lirks 
und die Brobsobieber bekämpfen sieb in dieser 
endlosen Zeit bis auks Nesser, Autos sausen bin 
und ker, und eine tolle Intrige naeb der andern 
wird augebeekt. Lis sieb am Bnde entküllt, dab 
der windige Aukrubr umsonst war. 
WIN 8IL»V TM8LLN ^V8? 
LuRvinrlobNanns neuem Roman „Die grobe 8 aeb a" 
Von 8. LrseaHLLr. 
bat, das gerade will Nann Zeigen. 
kassung 2ukolge ist die Lebensform der beutigen 
lugend Lewegung und Lampk. Aber im Unter 
grund bat sie Angst: die Angst der Angestell 
ten, die zeden Pag von ibrem Bonnern entlassen 
werden können. Bnd genau dieses Brauen vor 
der Abkängigkeit treibt sie äa?u, siob wie be- 
bext 2U tummeln und auk dem sobnellsten Weg 
Winkel diente. Dem widersprach nur ihre Öffentlichkeit. Oder 
existierte sie am Ende gar nicht, und die Burschen und Weiber 
droben mitsamt den Hoteleingeweiden waren Erscheinungen, die 
sich aus meinem eigenen Zustand erklärten? Die Pfeilstraße sog 
mich ein, und ich beschrieb ihre Krümmung mit. Es ging kreuz 
und quer, die Fuhrwerke krachten, Fassaden und Tore gaben mich 
weiter. Auf einmal — es mochte über eine Stunde verstrichen sein 
stand ich wieder am Eingang der Straße. 
Ich sah sie jetzt von rückwärts. Ihren Hintergrund bildete die 
weiße, fensterlose Theaterwand, ein pralles Mauerwerk, das nicht 
weichen wollte. Die kleine Straße ruhte still, als warte sie auf die^ 
Dämmerung. Sollte ich noch einmal durch sie hindurch? So sehr ich 
! auch zögerte, ich bezweifelte keinen Augenblick, daß ich sie wieder 
betreten müsse, daß ich überhaupt nur Zu dem Zweck herumgeirrt 
war, um zu ihr zurückzufinden. Der Bann, in dem mich meine 
Unschlüssigkeit hielt, wurde durch einen Kinderhaufen gelockert, der 
einem roten Backsteinhaus auf der Verkehrsstraße entströmte. Die 
Schule war aus. Es waren muntere Kinder, die aus der scheuß 
lichen Backsteinfront quollen. Ein Teil von ihnen stob auf mich zu. 
Sie schwatzten und schrien und brachen zu meinem Erstaunen be 
denkenlos in die Straße ein. Erleichtert schloß ich mich ihnen 
an. Wo ihre Unschuld wehte, konnte kein Unheil geschehen, und in 
der Tat schritt ich so sicher neben ihnen einher, als sei ich in eine 
Wolke gehüllt. In der lärmenden Kinderwolke erschien mir die 
Straße wie jede andere Straße. Einige Fenster glänzten, eine 
Haustür war angelehnt. Schon wähnte ich, glücklich hinüber zu 
sein, als sich die Wolke zerteilte und jenes Bild wieder vor mir 
stand. Der junge Mann im Hotelzimmer — das überdeutliche Bild 
! war unberührt von der Zeit geblieben. Immer noch sitzt der junge 
8 ein rieb Nanns neuer Roman: „Die 
sroke Saobe" (Bustav Liepenkeuer, Berlin. 
Beb. 7.50) ist sokon deskalb ein Alters- 
wsrk, weil sein Autor sied bewukt der älteren 
Beneration rursoknet. Auob andere Romanciers, 
deren Rubm der Vorkriegszeit entstammt, kaben 
ans ikrer keike keinen Rekl gemaebt. 2um Bn- 
tersobied von ilmen grenzt siok aber marin von 
der lugend nur ab, um sied ikr desto naok- 
drüokliober ruruwenden. 8ein Auge rukt auk ikr, 
seine Bekenntnis soll die ibre mebren. 
Bben dadurob, dab sink liier das Alter mit 
der Tugend und der von idr bestimmten 2eit 
auseinanderseth, erkält das Luob sein Bewiokt. 
Die Biteratur, die uns deute betrifft, ist 2um 
überwiegenden Peil die 8obÖpkung des l^aek- 
kriegsgesobleobts. Der Roman Nanns nun ge- 
wäbrt die Nögliobkeit, gewisser gemeinsamer 
Mge dieser Zungen Biteratur inns su werden. 
Wodurob? Indem er in der gleioben Arena auk- 
Ritt wie sie. Aueb er greift die Begenwart an, 
sobildsrt Verbältnisss, die ein beliebtes Pkema 
moderner Autoren sind. Nur von einem anderen 
8tandpunkt aus als dem ibren und mit Rilke 
anderer Netboden. Bnd 2war geboren die Brund- 
sät2b, naob denen er verkäbrt, rum besten Resitr 
der Vergangenbeit. Binsiebten, deren Bedeutung 
damit noeb niebt obne weiteres binkällig ist, daß 
sie aus den Vorkriegstraditionen bervorgeben, 
- werden in dem Roman mit einer VVelt konkron- 
tiert, die von ibnen aus maneben Bränden niokts 
wissen will. Bleiebviel, ob sie siob beute dureb-
        <pb n="66" />
        Bialektiseb wäre gekordert, dak sieb äer vor- 
biläbakte Binxelmenseb. dessen Pürspreeb äer 
Biebter ist, mit äen Zustänäen auseinanäerset^te, 
äie gegeben sinä. Bas Bueb krankt äaran, äak 
es sieb äieser Dialektik enthebt. 8eit der Oe- 
äanke des Kollektivs Boden gewonnen bat, seit 
eme der Letraebtung der Zustände gewidmete 
In einem ^uksatr, äen Beinriek Mann jüngst 
in einer Berliner Zeitung über seinen Boman 
verökkentliebte, sebreibt er unter anäerem, man 
babe sebon vor äem Urselleinen seines Buebss 
vermutet, es sei tendenTiös, „unä eine solebe 
Oarstsllung äer beutigen Zustände maebe ge- 
raderu Ltimmung kür eine gründliche ^ende- 
rung äes Lsstebeoden. Was beikt aber ,äas 
Bestehende'? BaTU gehören vor allem äie Men- 
seben, unä ieb bsTeuge, äak äie mitlebenden 
Mensebsn erstens alle denselben 8tempsl tragen 
unä ibn rweitens sobald niebt losweräsn kön 
nen — ganr gleieb, ob sie sied politisch links 
oäer reents berumlsgen... 8ie reäsn von äem 
„absterbendsn 8Mem"; aber noeb stebsn sie 
selbst unä ibrs Beidensebakten in Blüte, unä in- 
Twiseken kilkt es gar niebts, wenn sie sieb auk 
äsn plats äsr anäsrn setzen unä äas 8.vstsm 
umtauksn; — es bleibt." Biese 8ätT6 betrskken 
äis LsTisbung äes Biebters Tu äsn Zuständen. 
Unter äsm 8eblagwort von äen Zuständen wer- 
äsn beute äie ökonomisebsn unä socialen Ver- 
bältnisse eines Bandes unä ibre institutionellen 
Auswirkungen vsrstanäen. Bine bssonäers stark 
bervortrstends Biobtung unserer Naebkriegslite- 
ratur, äie sogenannte linksraäikale, kann gerade- 
2u als „2 u s t a n ä s l i t e r a t u r" angesnroebsn 
weräen. 8is bstraebtet äie gesellsebaktlieben unä 
menseblieben Ursebsinungen vom 8tanäpunkt 
äes LLarxismus aus; eines Marxismus, äsr aller- 
äings eine epigonale Vsrgröberung äer ursprüng- 
liebsn Bsbrs ist. Bis meisten ^Verks äieser 6at- 
tung beruben auk äer Voraussetzung, äak äie 
Menseben rein äas Broäukt äsr jeweiligen gsssll- 
sebaktlieben Umwelt seien, unä sebenken äar- 
um aueb niebt äen geistigen Uebalten selber, 
sondern böekstens ibrsr ^bbangigksit vom Un 
terbau Lsaebtung. In äsr ^.bsiebt, äis „2u- 
stanäs" ru bessern, weräen so äie Nenseben als 
?roäu26nten der Zustände ausgesebaitst. ^ber 
das bsikt 2u sebr in Bauseb und Bogen 
verkabren und bezeugt weniger den 'Willen, 
revolutionären Wandel ru sebakken, als den 
Mangel an 8ubstan?. Us gibt nur 2wei 
liobkeitsn, äer „Zustande" wirkliob babbakt 2U 
werden. Untwedsr man gebt von jenen be 
stimmten materiellen Zuständen aus, die Marx 
selber gemeint bat; dann aber wird man ibm 
aueb darin kolgen müssen, dak man niebt ein- 
kaeb sämtliebe mensebliebe ^.eukerungen sum- 
mariseb als „Usberbau" abstempslt unä äerart 
entwertet. Ober man versuebt, wogegen ernst 
bakt niebts einriuwsnäen ist, äureb äie leibbakti- 
gen Mensebsn binäureb 2u äen Zuständen vor- 
^ustoken. t^ausebs ieb mieb niebt, so ist Bion 
Bsuebtwangers Boman: „Brkolg" in äieser Bieb- 
tung bemübt; ein Lueb, äessen auk äer Uanä 
liegende 8ebwä6ben niebts wider die 8auber- 
keit besagen, mit der es das weite Oebiet der 
politiseben Bealität durebdringt.) Was sieb aber 
sebleebteräings verbietet, ist dies: den Mensebsn 
um eines vagen Lsgrikks von Zuständen willen 
2U annullieren. 
Ueinrieb Mann wsndst sieb mit dem Postu 
lat, dak es mebr auk die Mensebsn als auks 
8.ystsm ankomme, praktiseb gegen dis Zustands 
literatur. Der Individualismus der Vorkriegszeit 
gebt, wie abgewandelt immer, in dem Boman 
um. Birk ist sein Vertreter, und wenn er gewisse 
Zustände beeinklusssn kann, statt ibnen ?u unter 
liegen, so verdankt er diese Maebt der dureb- 
gebädeten Mensebliebkeit. 8ie sekenkt ibm un- 
gewöbnliebe 8eelenkräkte, mit deren Bilke er das 
wilde Treiben der jungen Beute magiseb diri 
giert. Nur noeb die liebende Margo bat an der 
Bäbigkeit des Vaters teil, dureb personalen Bin- 
sata ankere Verbältnisse ab^uwebrsn; wäbrenä 
Besobiobte bat also eins Moral, unä diese Moral 
wird an mebreren LtsUsn deutlieb verkündet, 
-^m ^.nkang etwa keikt 6Z von äsr 8aebe, äis 
Birk vorbatte: „Ibr letzter krtrag sollte kreude 
sein," so meinte er: mebr preuäe an äsm Bebem 
wie es nun ist. Br bokkte äsr lugend Teigen Tu 
können, äak von äsn äukeren Bedingungen, äis 
uns äis Welt aukdrängt, alles, nur niebt äis 
treidelt unserer 8ssl6 abbängt. Und noebmals 
gegen äsn 8ebluk bin: „Bsrnt eueb treuen, 
daebte sr inständig. Die groke 8aebs existiert 
niebt, äie erkindet man. Wirklieb sinä eure 
BerTen, — äis noeb gesund sinä." Unä wie 
kommt man Tur prsude? Bureb Arbeit, mit äer 
sied Beschiekbebkeit unä glüekliebs Zukälle 
paaren mögen. 80 bssebakken sinä äie Bebren, 
äie ru erkabren Birk äis lugend anlsitst. Lis 
werden von ibr am weiteren knäe beberTigt. 
die übrige lugend, so bektig sie sieb aueb regt, 
tatsäebliob von den Zuständen bedingt wird, weil 
sie niebt genug bei sieb selber ist. Der viebter 
möebte sie, durebaus kolgeriebtig, niebt ?ur 
Bmpörung wider den Konzern ergeben, sondern 
trägt lieber Vorsorge dakür, dak sie innerbalb 
äes Tongerns 8ubstan2 gewinnt. (Vielleiebt ver- 
Lnäert sieb äann aueb^ äie 8truktur äes Xon- 
Lerns, mag er denken.) 
^.us äieser Einstellung erklärt sieb äie Kon 
struktion äes Bomans. Br lebnt sieb niebt wie 
die Zustandsliteratur an den vorgekormten 8tokk 
der Wirkliebkeit an; vielmebr: er gestaltet die 
Wirkliobkeit von Begrikken und ^.bsiebten aus 
um, die tzuer ru ibr sieben, le mebr äis Men- 
seben beute gleiob der im Boman gesebilderten 
Tugend Produkte von Zuständen sind, desto krem- 
der muk ja die ein^elmensebliebe Obwalt wir 
ken, äie der Biebter in den Mittelpunkt rüekt. 
8ie aber bestimmt die Bliekriebtung und die 
Komposition. Bis „preibeit unserer 8e6le", die 
niebt von Zukeren Bedingungen abbängt, prägt 
bier die Lukere Welt, kein Wunder, dak das 
^uken verzerrt in den Boman eingebt. 8tatt dak 
es seinen Zusammenbang wabrte, wird es auk- 
gelöst und kortwäbrend von Oebilden übersobnit- 
ten, die niebts sonst als seelisebe Expressionen 
sinä; statt dak es nüebtern aukträte, erebeint es 
binter Nebeln wie ein pbantom. kaum je gespen- 
stiseber als in der Puppens^ene. Marge wird 
dureb Bindkäden an eine Puppe gekesselt, die 
8ebattieb8 kbenbild ist, damit die prau des 6e- 
neraldirektors, wenn sie von ärauken berein- 
späbt, im Wabn bekangen bleibt, ibr Mann säke 
am 8ebreibtiseb und diktiere der 8ekretärin. Bei 
der leisesten Bewegung, die Margo maebt, be 
wegt sieb aueb die Puppe 8igi, und 2ulet?t ist 
es so, als kübre sie ein selbständiges Beben, 
^.ueb anderswo weräen innere Vorgänge ?um 
siebtbaren 8puk. Vor allem in maneben Oe- 
spräeben. 8ie geben niebt wieäer, was äie Beute 
sagen, sonäern sinä imaginäre Bialoge, äeren In- 
balt äie kmpkinäungen spiegelt, äie äureb äiese 
Beute ausgelost weräen. Orunäsät^lieb in 0rä- 
nung ist niebt suletst, äak äie Ver^eiebnungen 
mit äem Oraä äer Irrealität ^unebmen, äer, von 
Birk aus geseben, äen Lreignissen jeweils ?u- 
kommt. 
Zeitliteratur in veutseblanä entstanden ist, kann 
sieb das Individuum weder in der Bealität noeb 
im Boman ungebroeben bebaupten. Oswik be 
kümmert sieb Mann um äie gesellsebaktbeben 
Verbältnisse unä traktiert sie manebmal — vor 
allem 2u Beginn — mit einer kalten 8ebnöäig- 
keit, äie 2u seinen besten prosaleistungyn gebort. 
Vom verarmten Birk beikt es etwa: „Birk mukte 
sieb von seinem lugenäkreunä 8ebattieb reebt 
unä sebleebt anstellen lassen unä noeb äankbar 
sein. Im Zusammenbang mit allen äiesen Ver 
lusten ging noeb etwas anderes verlören: äer 
personliebe Name. Die Berübmtbeiten tauebten 
2u äieser Zeit in äas anonyme Heer äer Arbeit 
-2urüek. Keineswegs, äak sis niebt mebr ge 
nannt unä gezeigt worden wären, aber es ge- 
sebab in Oesellsebakt tausend anderer. Allein 
äie Zeitsebrikt äieses Konzerns kübrte vier^ebn- 
tägig etwa sieben^ig veräiente ^eebniker alter 
Oraäe ibnen selb8t unä äer Mitwelt im Bilde vor." 
Biese gesellsebaktskritiseben 8arkasmen bleiben 
aber vereinzelt, unä es gesebiebt ?um Beispiel, 
was niebt gesebeben äürkts: äak äer kon^ernge- 
waltige am 8ebluk als äeus ex 'maebina eingreikt 
unä wie ein Märebenäespot alles 2um Besten 
wenäet. 8o märebenbakt ist unsere Welt äsnn 
äoeb niebt eingeriebtet, unä überbaupt bat äas 
eebte Märeben viel eber äie ^ukgabe /u entzau 
bern, als ein gleiksnäer Zauber kür Angestellte 
2u sein. Um äen Beweis kür äie Maebt äes In- 
äiviäuums ?u erbringen, kätte äer Biebter ?u-! 
^äebst äie der ökonomisebsn und socialen 
Rv/angslänkigkeittzn riebtig einsebät^en inüssen. 
Visllsiebt rübren von der 8ebwisrigksit, in 
mitten äsr ausgeäsbnten Dsssllsebaktswüste einen 
blübenäen Barten anAupBansen, jene unerträg- 
liebsn Bärten gegen äie Wirkliebkeit ber, äie ibr 
nur Bewalt antun, obne eine andere an ibrs 
8tslle Tu setTsn. Bis ^.blsbnung bsutigsr Bsbens- 
kormsn kübrt Tu willkürliebsn Manipulationen 
mit ibnen, und so ergeben sieb: Naivitäten beim 
Intrigenspiel, expressionistische Irenen wie äie 
im Baus äes Berrn von Bist, äie niebt glaubbakt 
sinä; kigursn, äsren Umrisse sieb vsrkiüebtigen. 
Bine paraäoxis: um äes äeutlieben Biläes vom 
Mensebsn willen wsräsn äis Menschenbilder un- 
kenntlieb. In den Zustandsromanen erkalten die 
^renTS äsr Hemmungslosigkeit unä äsr ^ngst 
MlauLt. Dort sr8t, an äsr OrenTS, kann äsr Bm- 
schlag srkolgen, äsr dio lugend daTU Twingt, 
sieb selbst Tu besinnen unä äsr eebten groksn 
8aebs innen TU werden. „Bie krage ist.'. .,^vis äis 
jungen Beute sieb in äsr ^ngelegenbeit verkal- 
unä wie das KBebnis innen anseblagt. Bis
        <pb n="67" />
        ^Warenhauses verlieren. 
S. Kracauer. 
Der Dornan 80llte, äer Art 8einsr Droklsmatik! 
v^exen, ^eraäe von äer l^aekkrie^^eneration ^e- 
1s86n v^eräen. Dr kann ikr Oekalte vermitteln, 
äie naek äem ^raäitiON8kruek niekt okt in 80 
auk^68eklo886ner Dorrn an 8ie keranxetrsten 8inä. 
Dr kann 8ie tieker in äie rum Lekaäen äe8 ^e- 
8ell8ekaktlieken Dort8ekritt8 vernaeklä88i^te Dia 
lektik rv^i8eken äen „2u8tänäen" unä äen ^len- 
8eken kineintreiken. Dr kann 8ie, inäem er 8ie ru 
einer 8o1eksn äialekti8eken Au8einanäer8etrun^ 
nötigt, auk äie Drenre äer 2u8tanä8literatur ank- 
merk8am maeken. Tun8t nutrt niekt äen vor^e- 
^ekenen 8tokk v^ie äie36, 8w reretört ikn unä &amp;gt; 
N ve i8 r 8 ^ 6 v N en i ä m et 8t ä o a k 8 k. Akkruekmaterial ru Drkennt- ! ' 
Am Uaradies voröei. 
Berlin, im November. 
Weihnachten wirst seine Lichter voraus. Da es ein Fest der 
Kinder ist, fällt der hellste Glanz auf die Kinderspielzeug - 
abteilungen der Warenhäuser, die stch so herrlich schmücken, j 
als sei es ihnen nicht um den Nutzen zu tun, sondern ums 
Jubilieren. Sie feiern gewissermaßen Weihnachten zu Ehren Gottes 
in der Höhe und Zur eigenen Freude. Ihre Verkäuferinnen gleichen 
gütigen Engeln, und ihre Bescherungen sind aus einem unermeß 
lichen Füllhorn niedergeströmt. Vermutlich reichte der Gabensegen 
für alle Kinder, wenn die Eltern aller Kinder Geld genug hätten, 
um ein Stück der Pracht zu erwerben. Aber sie haben es nun ein 
mal nicht, und die Kinderspielzeugabteilungen werden dadurch nur 
noch überirdischer. 
Die Weihnachtsschau eines bekannten Warenhauses ist geradezu 
ein leuchtendes Wunder. Schon von weitem flimmert sie zwischen 
den Pfeilern hervor, und wer sich erst bis zur Halle durchgekämpft 
hat, die ihr eingeräumt ist, vergißt unwillkürlich, daß er stch hier 
in einem Warenhaus befindet, daß die Tische Ladentische sind und 
ringsum lauter Gänge stch hinziehen, trübe Verkehrswege mit 
Registrierkassen und Personenaufzügen, die gewöhnlich im sechsten 
Stock schweben, wenn man im Erdgeschoß in sie einsteigen will^ 
Wie eine Glücksinsel liegt die Weihnachtshalle im Meer des alltäg 
lichen Bedarfs. Sie gedeiht unter einem Sonnenhimmel, der immer 
fort strahlt, und wird durchs Mikrophon mit Jazzmelodien und 
Schlagern beschickt, von denen sie erklingt wie von Sphärenmusik. 
In den einzelnen Kojen dieses Märchenreviers sind sämtliche 
Kinderwunschträume wirklich geworden, die nach den Begriffen der 
Erwachsenen begünstigt zu werden verdienen. Die Welt der Großen 
bietet stch hier den Kleinen mit einer Zuversicht dar, die mir über 
trieben zu sein scheint. Als eine fertige Welt gibt sie sich aus, 
deren Vollkommenheit jeden Zweifel verwehrt. Daher regt sie sich 
Zwar, aber verändert sich nicht. Ununterbrochen brüllen die Löwen 
in den Lag hinein, drehen die Giraffen ihre endlosen Hälse, 
klettern die Aeffchen an den Baumstämmen hinauf und herunter. 
Eine Wiederkehr des Gleichen, die auch auf die menschlichen Ver 
hältnisse ausgedehnt wird, von denen sie entschieden weniger gilt. 
So durchtanzen feine Kinderpaare einen Vallsaal, der von bürger 
licher Seligkeit strotzt. So marschieren stramme Puppensoldaten 
mit der Stetigkeit himmlischer Fixierungen um ein Mäuerchen 
herum und beweisen dabei eine sinnlose Ausdauer, die den An ¬ 
schein erweckt, als ob die Kriege ewiglich währten. Zum Glück sind 
nicht alle Panoramen für künftige Generäle bestimmt. Die GebirgsT" 
bahn etwa, die sich kühn über Abgründe schwingt, dient durchaus 
friedlichm Zwecken, und auch der wunderschöne Zirkus, in dem sich 
Seelöwen und Akrobaten produzieren, ist von der Heiterkeit guter 
Werke erfüllt. Und wie leicht fließt erst auf der riesigen Spielwiese, 
die inmitten dieser Weihnachtsphantasien errichtet ist, das Leben 
dahin! Winzige Herrschaften reiten a"f ihren Schaukelpferden 
spazieren, ein Puppenpenstonat lustwandelt im Freien, und im 
grünen Laub fremdartiger Bäume blühen wahrhaftig bunte Gummi 
bälle, die man nur zu pflücken braucht, um mit ihnen zu spielen. 
Greifen die Kinder nach den Bällen, en Figuren und Tieren? 
Sie wagen es nicht. Befangen starren sie in ihre Träume, und es 
ist, als wunderten sie stch darüber, daß die Bilderbücher mit einem-» 
mal so lebendig geworden find, lebendiger eigentlich als die Welt,! 
in der sie sich tagsüber bewegen. Der Kinderzug hört nicht auf. 
Immer neue Scharen strömen herbei, von den Erwachsenen be 
gleitet, die stch für Augenblicke selber in Kinder verwandeln. So 
gerne möchten die kleinen und großen Kinder verweilen, aber der 
Ruf: „Immer weitergehen! Nicht stehen bleiben!" erinnert die 
verzückten Säumigen stets wieder daran, daß ihnen im Paradies, 
keine Stätte gegönnt ist. Wie ein Wächter mit dem feurigen Schwert 
treibt sie der Aufseher vorwärts, reißt sie von den Feerien lgs 
und drängt sie an den Schnüren vorbei in vorschriftsmäßiger 
Richtung dem Ausgang Zu, hinter dem sie stch in den Gängen des 
Usbeken, äie keine 8inä, änrek äen iknen rnit- 
r»s^ekenen 8teekkriek ^veniL'stenZ ikren Ort in äer 
2eit unä irn Danrn. Deinriek Nann äa^exen 
^vei^ert 8iek, genaue ankere Daten einxnira^en, 
v^eil ikin ikre Uitteilun? äen Durekkrnek äer 
per80nalen 2ü^e 2u kinäern 8ekeint. Daäurek 
aber, äak er äie 1aik68tänä6 näe Os8trüpp ke- 
8eiti^t, äa8 äen ^Ve^ ükerwnekert, verlieren 8eine 
Akteure ikre Dorperkekkeit. Derri8ek -wie er 15t 
Lakka rnit äer Dealität verkakren, an äb88en Dor- 
stellun^art stv^a äie äe8 Dau8e8 von 8ekattiek 
erinnert, ^ur kat Dakka äie8e DeaKtät an einer 
Aültixeren 26r8ekeIIen Ia886v; v^äkrenä äie sni- 
ti^en ?er8onen Nann8 niekt äie Trakt kätten, äie 
von iknen gemeinte Dreikeit in un8erern 0e86lI- 
8ekakt88^8tern ru erringen oäer 68 Aar ank^n- 
keken. 
Da8 Alter kat kier Kereit8 rnit^ekorrnt. Ikrn, 
äsin äa8 körperkeke Da^i8eken unä viele 2n- 
8Linrnenkän^e äer ^Virkiiekkeit rerkröekeln, i8t 
unr^veikelkakt äa8 Verklagen äer Aukenwelt ru- 
^un8ten äer Dxpre88ionen ruru8ekreiken. Auk 
8eine DeoknnnA ^virä auek äa8 Dvan^eknrn äer 
Drenäe ru 8etren 8ein. ^Väre äa8 Oanre äe8 8vrn- 
kok8eken Xonrern8 ein Oekiläe, äa8 in 8einen 
teilen, äen Nenyeken, re8tlo8 auk^in^e, 8ie kätte 
ikr unkeäin^te8 Deekt. An^iekts äer Di^en^e- 
8etrliekkeit äer xe86ä8ekaktkeken Verkk!itni886 
keäeutet 8ie aker auek De8iMation; äie äs8 
Alter8, äa8 au8 äen 2u8tänäen rurüektritt. Au8 
8einer Dntrnektkeit quält 8ekkekliek äis kieke 
kervor, nn't äer Dirk In^e nkeräenkt, äie kieke 
rurn jungen 6e8eköpk, äa8 8iok keäenkenl08 kin- 
^ikt, v^eä unä 8olan^e 68 jun^ i8t.
        <pb n="68" />
        Mißverstandener Knigge. 
Analyse eines Berliner Wettbewerbs. 
Berlin, im November. 
Ein bekanntes Berliner Abendblatt Veranstalter lauter Wett 
bewerbe, die nur das Blatt selber und seine Konsumenten beträfen, 
wenn sie sich nicht mit einem bemerkenswerten Geschick in unsere 
gesellschaftlichen Verhältnisse mischten. Und zwar gebärden sie sich 
so, als ob sie das öffentliche Leben der Reichshauptstadt reformieren 
wollten. Wir hätten ja eine Besserung der Sitten gewiß nötig, aber 
durch die Art Und Weise, in der jenes Blatt zu seinem eigenen 
Ruhm den Knigge spielt wird sie unter keinen Umständen bewirkt 
werden. Im Gegenteil. 
Dem letzten Wettbewerb, „Ritter vom Steuer" betitelt, ist nun 
ein neuer gefolgt, bei dem es wieder um nichts Geringeres als um 
die Höflichkeit geht. Er nennt sich: „Das Blaue Band der 
Höflichkeit" und wird mit folgenden Sätzen eingeleitet: „Als 
Schiedsrichter ist das gesamte Publikum aufgerufen. Jeder Kunde 
wird gebeten, uns eine Verkäuferin oder einen Verkäufer, über 
dessen höfliche oder entgegenkommende Art er sich Lei Einkäufen in 
der Zeit vom 15. November bis zum 20. Dezember gefreut hat, 
namhaft zu machen mit kurzer Begründung und Benennung des 
betreffenden Geschäftes. 500 Verkäuferinnen und Verkäufer werden 
dann unter dem Weihnachtsbaum... mit der Ehrennadel ausge 
zeichnet werden. „Natürlich unter dem Weihnachtsbaum." Als 
nähere Bestimmung ist noch hinzugefügt: „Zugelassen zum Wett 
bewerb sind nur die Angestellten, Verkäufer und Verkäuferinnen 
der Warenhäuser und sämtlicher Geschäfte des Einzelhandels. Ge 
schäftsinhaber selber dürfen an dem Wettbewerb nicht teilnehmend 
Die Veranstalterin dieses edlen Wettstreits hat auch einige 
Interviews mit Verkäuferinnen und Verkäufern sowie zahlreiche 
Zuschriften von Personalchefs und Geschäftsinhabern veröffentlicht, 
aus denen insgesamt hervorgehen soll, daß die Beteiligten hoch 
erfreut über die Kampagne sind. Wie man sehen wird, geht noch 
manches andere aus den abgedruckten Aeußerungen hervor. Ange 
sichts des vollkommenen Einverständnisses wäre somit alles in 
Ordnung? Nichts ist in Ordnung. Der ganze Höflichkeitsfeldzug 
läßt vielmehr auf eine Verwirrung der Begriffe schließen, wie sie 
größer nicht sein könnte. 
ch 
Wird hier wirklich die Lugend der Höflichkeit erfragt? Die 
Einsendungen und Erläuterungen zeigen, daß unterm Weihnachts- 
Laum nicht eigentlich die Höflichkeit gefeiert werden soll, sondern 
ein Verhalten, das nur in ihrem Kostüm auftritt. Und zwar ein 
Verhalten des Verkaufspersonals, das im Interesse des größeren 
Umsatzes liegt. Allerdings wird dieser sein Hauptzweck nicht 
überall zugegeben. So schreibt ein Geschäftsinhaber sehr verschämt 
vom Blauen Band: „Diese Auszeichnung, unter Mitwirkung des 
kaufenden Publikums erworben, wird einen starken erzieherischen 
Wert in sich tragen, dessen Auswirkung auf das Personal nicht 
eusbleiben und somit gerade auch für das kaufende Publikum 
seine Vorteile dadurch zeitigen wird, dgß es die Früchte dieser 
erzieherischen Maßnahme Leim Einkauf ernten wird." Andere sind 
offener und gestehen ein, daß die geernteten Früchte vor allem der 
Firma Zugute kommen. „Alle großen Firmen," heißt es im Brief 
eines Chefs, „legen seit jeher das Hauptgewicht aus die Schulung 
des Personals im Verkehr mit der Kundschaft. Vieles hat sich 
durch Einrichtung von Verkäuferschulen schon gebessert. Trotz 
dem aber läßt hier und da die Bedienungsart noch zu wünschen 
übrig. Da kann nun der Wettbewerb . . . außerordentlich viel 
dazu Leitragen, den Verkäufern und Verkäuferinnen das Gefühl 
zu geben, daß sie jetzt unter ständiger Kontrolle der Öffentlichkeit 
stehen, und daß sie sich deswegen besondere Mühe geben werden." 
Ob eine Höflichkeit, die auf Grund einer besonderen Mühewaltung 
entsteht und überdies durch öffentliche Kontrolle verschärft wird, 
gerade den Eindruck der Höflichkeit macht, möchte ich sehr bezwei 
feln. Bedürfte es noch eines Beweises für ihre rein utilitaristische 
Ableitung, so wäre er durch die nachstehende Erklärung eines Pro 
kuristen erbracht: „Das Blaue Band . . . wird das früher in 
Berlin leider zu sehr eingewurzelte Wort ^6 adsuräum führen: 
„Die Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!" 
Nein, man kommt „ohne ihr" nicht weiter, heute nicht mehr! 
Warum heute nicht mehr? Wegen der Wirtschaftskrise, die nicht 
Zuletzt die Ausnutzung aller im Verteilungsapparat angesetzten 
Kräfte erfordert. So auch die der gemeinten Höflichkeit. Sie ist 
nichts weiter als eine Funktion der Wirtschaft, und der Zwang 
zu ihr ist der Konjunktur umgekehrt proportional. 
Ein solcher Wettbewerb könnte kaum ein Echo hervorrufen, 
wenn er nicht mächtige Bedürfnisse anspräche. Sie, die befriedigt 
sein wollen, verhindern, daß die Anwärter auf die Ehrennadeln 
der gesellschaftlichen Bedeutung des ihnen äbverlangten Verhal 
tens inne werden. Jetzt werden sie es nur noch mehr mit Höflich 
keit verwechseln. Ueberhaupt ist ein wahrscheinlich ungewollter, 
aber vielen angenehmer Nebeneffekt des Preisausschreibens der: 
das falsche Bewußtsein Zu versteifen, das die Mehrzahl der wirt 
schaftenden Menschen von den sozialen Zuständen hat. 
Angereizt wird von ihm hauptsächlich das Bedürfnis der ein 
zelnen, sich her und weiterzukommen. Es regt sich in der 
abhängigen Bevölkerung um so stärker, je mehr diese sich unter 
dem Druck der ökonomischen Bedingungen zur Masse formieren 
muß; zur Masse, die weniger das Subjekt als das Objekt 
äußerer Zwangsläufigkeiten ist. Daß es im Dienst der geschäftlichen 
Belange verwertet werden soll, bekennen mehrere Briefschreiber 
mit einem Freimut, der den Ehrennamen des Zynismus ver 
diente, wenn er auf der klaren Einsicht ins Getriebe der gesell 
schaftlichen Verhältnisse beruhte. „Ein außerordentlich gescheit^ 
Gedanke," so äußert sich einer, „den einzelnen Verkäufer einmal 
am individuellen Ehrgeiz zu packen und ihn aus der Masse des 
Personals herauszuheben. Dadurch wird ein sehr gesunder Sport- 
und Wettbewerbsgeist in der Verkäuferschaft wachgerufen . . ."Eine 
andere „maßgebliche Seite" meint, „daß man auch deswegen den 
Gedanken des Blauen Bandes so hoch einschätze, weil diese Aus 
zeichnung sehr dazu Leitragen werde, fruchtbare Rivalitäten unter 
den verschiedenen großen Warenhausfirmen hervorzurufen". 
Schließlich stellen einige Chefs Extraprämien für die Gewinner 
in Aussicht, und ein Geschäftsinhaber spricht sogar unverblümt 
aus, die Firma „wolle das Personal noch eigens auf die Wich 
tigkeit dieses Wettbewerbs für Fortkommen und Stellung Hin 
weisen". Es kann nach solchen Selbstzeugnisfen nicht gut Lestritten 
werden, daß die Höflichkeit, deren Kurs der Wettbewerb wie den 
irgendeines Spekulationspapiers in die Höhe zu treiben sucht, 
nicht so sehr eino menschliche Ausdrucksform als ein Mittel zur 
Steigerung des Distributionsprozesses darstellt; und ferner: daß 
das Mittet zu ihrer eigenen Steigerung ihre sportive Ausübung^ 
ist. Der Sport erfüllt heute auch die wesentliche Aufgabe, dem 
wirtschaftlichen Gebrauchswert der Massen zu erhöhen. 
Nichts, aber auch gar nichts wäre gegen eine Propaganda für 
aufmerksame Bedienung in den Geschäften einzuwenden, die sich 
ehrlich Zu ihrer Absicht bekennt, und jenes Berliner Abendblatt 
mag getrost dem tüchtigen Verkaufspersonal unterm Weihnachts 
baum Blaue Bänder stiften, wenn es sich einen Erfolg davon ver 
spricht, der den seinen einbegreift. Mein Bedenken richtet sich einzig 
und allein gegen die falsche Verwendung des Begriffs Höflichkeit. 
Daß es übertrieben sei, glaube ich nicht, denn die Verstellung der 
Worte ist ja nur ein Anzeichen für die der Zustände und Menschen. 
Wahrhaftig, ein führender Geschäftsmann kann behaupten, daß der 
Wettbewerb dazu beitragen werde, „den Ruf Berlins als höflichste 
Stadt zu begründen". Wie verhängnisvoll ist die Ahnungslosigkeit 
eines solchen Satzes! Weder vermag der Wettbewerb einen Ruf zu 
begründen, noch für die Höflichkeit Berlins zu zeugen. Bewiese er 
überhaupt etwas, so höchstens dies: daß man in Berlin nicht wisse, 
was Höflichkeit sei. (Aber in Wirklichkeit ist die Berliner Bevölke 
rung sehr Höflich, und nur der Unverstand kann so, wie es hier 
geschehen ist, ihre Höflichkeit als zweifelhaft hinstellen.) 
Echte Höflichkeit ist, um von der des Herzens Zu schweigen, eine 
gesellschaftliche Tugend, die vom Menschen zum Menschen strömt. 
Mag sie unter anderem auch einen Nutzwert haben, den nämlich, 
die Bildung der menschlichen Gesellschaft zu erleichtern, so ist sie 
doch gewiß nicht eine Funktion geschäftlicher Interessen. Sie dar 
auf reduzieren zu wollen, heißt sie im Dienst des glatten Ab 
satzes zu einer Warenzugabe machen. Wäre es also denen, die den 
Wettbewerb ausgeschrieben und ihm zugestimmt haben, tatsächlich 
um die HöflichEeit zu tun, so hätten sie sich nicht auf den gelegent 
lichen Hinweis beschränken dürfen, daß das gute Verhalten der 
Verkäufer vielleicht auch die Höflichkeit der Kunden mehre, sondern 
hätten die Auslobung von vornherein anders anlegen müssen. Statt 
die Geschäftsinhaber von der Konkurrenz auszuschließen, hätten sie 
auch ihre Höflichkeit, die keinen unmittelbaren geschäftlichen Vor 
teil mit sich bringt, auf die Probe stellen sollen, und ebenso die des 
Publikums. Das wäre ein Gebot der Höflichkeit gewesen; während 
der Wettbewerb in seiner jetzigen Form nicht Zum wenigsten durch 
seine Unhöflichkeit verletz:. 
Nur ein kleiner Schritt führt von der unscheinbaren Verwir 
rung, die er angezettelt. Zur Umkehr der gesamten menschlichen 
Ordnung. Er wird auch glücklich getan, der Schritt. „Der Gedanke 
des „Service" (Kundendienst) und des „üeep srniUnA" ..so 
lautet ein Abschnitt der an der ersten Stelle abgedruckten Zuschrift, 
„kam ursprünglich aus Amerika. Wir dürfen wohl sagen, daß wir 
heute in Deutschland, was den Kundendienst anbetrifst, kaum hinter 
Amerika zurückstehen, was das sogenannte „keep an- 
betrifft, dagegen insofern weitergekommen sind, als wir zwar 
unter allen Umständen das freundliche Gesicht verlangen, uns aber &amp;gt; 
nicht mit der Maske begnügen, sondern alles daran setzen, damit 
sich eine tatsächliche, eine echte, freundliche Stimmung im Gesicht 
spiegelt." Nach der Meinung dieses Briefschreibers sollen die 
Menschen nicht die Wirtschaft gestalten, sondern ihrerseits bis Zum 
Grund von der Wirtschaft zurechtgemodelt werden. Eine unge 
heuerliche Zumutung, die in der Tat weit über die der Amerikaner 
hinausgeht, denen mit Recht das ob erstach enhafte „keep §rnilin§" 
genügt. Sie Lescheidet sich nicht mit der Anpassung des Aeußeren 
an die Aeußerlichkeit, sie möchte auch noch zur reibungsloseren 
Abwicklung des Geschäftsverkehrs eine ganze Innenwelt errichten. 
Schlimmer kann der Mensch nicht verdinglicht werden. Er müßte 
sich aber gerade aus der Verdinglichung neu aufrichten, damit es 
in Deutschland endlich wieder besser wird. S. Krakauer.
        <pb n="69" />
        In 
Abend 
Der Klavierspieler ist ein beleibter Herr in mittleren Jahren 
mit einem Kindergestcht. Er spielt in einem fort leise vor sich hin, 
so leise, daß die Besucher, die in seiner nächsten Nähe sitzen, sich 
ungestört unterhalten können; als sei die Musik ein Murmeln und 
erklänge von weit her. Obwohl ununterbrochen gespielt wird, ist 
es aber doch nicht der Klavierspieler, der spielt. Seine Hände viel 
mehr, nur sie allein, gleiten über die Tasten. Wie zwei selbständige 
Lebewesen tändeln sie unbeständig und verfolgen jeden Augenblick 
eine neue Melodie — während er selbst sich von ihnen zurück 
gezogen hat und wo ganz anders weilt. Es ist, als gehörten die 
Hände überhaupt nicht zu ihm, als seien sie fremde Diener, die für 
ihn die Arbeit des Klimperns verrichten. Und statt sie wenigstens 
zu beaufsichtigen, laßt er sie treiben, wohin sie wollen, und benutzt 
die Muße, die ihm ihr Spiel gewährt, zu einer unbegrenzten 
Urlaubsreife. 
Daß er in dieser Freizeit zuweilen eine Beziehung Zur Außen 
welt herzustellen sucht, ist nicht Zu bestreiken. Ein paar Stamms 
gäste treten ein, die ihn kennen: er begrüßt sie mit einem so naiven 
wie abgebrühten Lächeln und führt eine Liefe Verbeugung aus, die 
den Abstand nicht minder unterstreicht wie die Vertraulichkeit. Gut 
gestimmt durch die richtige Mischung des Grußes, verfehlen die 
vorzüglich Wertschätzten niemals, den Herrn am Klavier freund 
lich anzusprechen. Gern wechselt er auch einige Worte mit dem 
livrierten Zigarrenbübchen, das immer, wenn es am Flügel vorbei- 
streift, einen kurzen Aufenthalt einschaltet und die schicken Damen 
auf den Noienheften betrachtet, die verfänglichere Dinge zu sagen 
wissen als die wirklichen in der Bar. Besonders ausgeprägt ist 
das Verhältnis zwischen ihm und den Oberkellnern, die sich, so oft 
sie auf ihren Amtsgängen die Musik kreuzen, zu ihm herabneigen 
und tuscheln. Manchmal bringen sie ihm Zettel, die er begutachtet, 
oder nehmen ihrerseits schriftliche Nachrichten von ihm in Empfang. 
Dann gewinnt es den Anschein, als ob er sich im Mittelpunkt 
eines weitverzweigten Kurierdienstes befände. Und unaufhörlich 
spielen die Hände. 
Von solchen flüchtigen Begegnungen abgesehen, die ihn wahr 
scheinlich so wenig betreffen wie das Schlagerrevier, in dem seine 
Finger lustwandeln, ist er ganz und gar sich selbst überlassen und 
-L6-1' 
Aer Klavierspieler. 
Berlin, Anfang Dezember. 
einer mondänen Bar, die ich mitunter besuche, musiziert 
für Abend ein Klavierspieler, der sich zu dem einzigen 
Zweck am Flügel niedergelassen zu haben scheint, um endlich mit 
sich allein zu sein. Und zwar wirkt er doppelt verlassen, weil, wie 
man zu sagen pflegt, ein gewisses Fluidum die Bar erfüllt, von dem 
er ausgeschlossen ist oder sich selber ausschließt. Das Lokal ist ein 
Treffpunkt von prominenten Fremden, Leuren Kokotten, Finanz 
leuten, denen es nicht schwer fiele, sie sich zu leisten, Rechts 
anwälten, Schauspielern und gehobenen Literaten, die sich hier alle 
wie auf gegenseitige Verabredung ein Rendezvous geben. Der Geist 
läßt sich gerne vom Geld bestechen, dem wiederum die Anwesenheit 
des Geistes schmeichelt. Dadurch, daß beide den Raum miteinander 
teilen und überdies viele Gäste sich kennen, entsteht eben jenes ge 
wisse Fluidum, das dick um die Tische schwelt und eine Art un- 
Lürgerlichen Höhenrausches erzeugt. Die Unbürgerlichkeit ist freilich 
eine Täuschung, und auch von Höhe kann nicht gut die Rede sein,' 
denn die Balkendecke, die sich über der Bar hinzieht, ist auffallend 
Wedrig. Vielleicht rührt es daher, daß die meisten Damen und 
Zerren den Eindruck großer Gestalten erwecken. Jedenfalls sind sie 
wohlgebaut und manche besonders schön anzusehen, mag immerhin 
ihre Schönheit dem Reichtum zuzuschreiben sein, der ihnen erlaubt, 
sie zu Pflegen und in kostbarer Hülle herauszustellen. Nicht selten 
glänzt nur die Hülle, und wieder und wieder wallen Pelzmäntel 
durchs Fluidum, aus denen wie aus dem Kajütenauge einer 
Luxusjacht Lärvchen hervorlugen, die leer sind wie Nullen, 
Bemerkungen zu Tonfilmen. 
Li Berlin, im November. 
Wird der Tonfilm eines Tages seine eigene Form erlangen? 
Er hat sie noch nicht, und er sucht sie gewöhnlich dort, wo sie nie 
mals Zu finden ist. Das rührt vielleicht auch daher, daß er schon 
in seinen Anfängen von den Routiniers des stummen Films über 
nommen wurde, die nun einfach weiter wursteln. Die schwerste 
Hemmung aber, die sich seiner Ausbildung entgegensetzt, ist un 
streitig die Belastung durchs Wort. Während der stumme Film 
ungehindert ins Jenseits der begrifflichen Fixierungen dringen 
konnte, muß der tönende sich der Sprache bedienen. Damit wird 
er in die Krise einbezogen, in der heute, sei es auf dem Theater, 
sei es in der Literatur, alle sprachlichen Aeußerungen stehen. Sie 
als die Träger der Erkenntnisse sind durch den sozialen Kampf, 
der die gegenwärtige Gesellschaft zerreißt, in ihrer Aktionsfreiheit 
gelähmt, und eine strenge (offizielle und inoffizielle) Zensur wacht 
darüber, daß sie sich nicht Zu weit vorwagen. Die Tonfilmindustrie, 
die in erster Linie Geschäfte machen will, hat natürlich erst recht 
kein Interesse daran, die dem Wort gezogenen Grenzen Zu über 
schreiten. Aus dieser Zurückhaltung folgt notwendig die Unzuläng 
lichkeit ihrer Produkte. 
Man sucht sich Zu helfen, und man hilft sich schlecht. Der vor 
kurzem im Capital angelaufene Taub er film: „Das Land 
des Lächelns" zeigt wieder einmal, wie es nicht, aber auch gar 
nicht zu machen ist. Er überträgt einfach die LehLrsche Operette 
aus die Leinwand, mit einer Rahmenhandlung, die aus dem Leim 
geht und gewiß nicht dazu hinreicht, eine Operette in einen Film 
zu verwandeln. Ich habe nichts dawider, daß einer singt, dem 
Gesang gegeben, meine nur, daß er nicht gerade immer den Ton 
film als Publikationsorgan für sein Organ verwerten solle. Der 
Schaden, den eine solche elementare Verfehlung anrichtet, wird 
auch durch die gute klangliche Wiedergabe nicht aufgehoben. 
Richtiger geht schon E. A. Du Pont in seinem jüngsten, im 
Gloria-Palast vorgeführten Film: „Menschen im Käfig" 
zu Werk. Zwar auch er greift nach einem falschen Stoff, denn das! 
englische Schauspiel, das dem Dianuskript Zugrunde liegt, war 
bestenfalls in der Strindbergzeit modern, und mit neuen Mitteln 
abgelebten Themen öeizukommen, heißt diese nicht aktualisieren, 
sondern jene verschleißen. Um die Fabel nur gerade anzudeuten, 
K- handelt fie von mehreren Männern und einer Frau, die zu ¬ 
sammen in einem weltentlegenen Leuchtturm Hausen. Die Einsam 
keit schürt das sinnliche Begehren und beschwört schlimme Schick 
sale herauf, deren Entwicklung allzusehr unter der Zeitlupe l 
auskonstruiert wird. Dennoch: ich kenne keinen deutschen Tonfilm, 
der so sehr Tonfilm und nichts anderes wäre wie dieser. Er ist 
es vor allem darum, weil er die akustischen und die 
optischen Partien gleichmäßig zu akzentuieren 
sucht. Der Dialog beherrscht in ihm nicht die Bilderfolge, ist ihr 
vielmehr nebengeordnet. So allein hat es auch seine Ria-tigkeit, 
da nur der Tonfilm diese Ineinander der Eindrücke zu leisten 
vermag. Dupont erreicht ihre filmische Fusion auf zwei Weisen. 
Einmal dadurch, daß er die Kamera möglichst frei wandern läßt. 
Sie schleicht den Liebenden über die Wendeltreppe nach, zeigt das 
Gesicht eines Sterbenden hinter verregneten Fensterscheiben; 
kurzum: sie be-gibt sich endlich wieder auf einige der Wege, dre sie 
in den Tagen des stummen Films eingeschlagen hat. Zum andern 
schaltet Dupont zwischen Wort und Bild das bisher zu Unreä&amp;gt; 
vernachlässigte Geräusch ein. Nicht ünmer mit Gluck. Dre 
Wellen branden oft vordringlich, und manche Objekte be 
nehmen sich so lärmend, als sei der Lautsprecher hinter chnen 
her Wer diese mehr technischen Mängel besagen nichts wider 
die' fruchtbare Anwendung des Stilmittels der urmrtikul^ 
Ereignisse. Wie sicher wird das Lachen alsBindeglied 
Zwischen Überblendungen benutzt, und wie schön ist dre klerne 
Szene am Schluß, in der Musik ein Gespräch üb ertönt, des en 
Inhalt sich durchs Gebärdenspiel deutlich eröffnet Dre dichten 
und mitreißenden Wirkungen, die der Film erzrelt, sind nicht 
Zuletzt den Schauspielern zu verdanken. Heinrich George als 
Leuchtturmsgehilfe macht aus der Not seiner Beleibtheit eme 
wunderbare Tugend. Er sitzt, geht schwerfällig umher spncht das 
Notwendige ohne Aufwand, und schon ist die ganze Gestalt rundum 
fertig, ein dunkles Gemisch aus Körperinstinkten, Gutmütigkeit und 
Brutalität, das Konturen hat, eine Geschichte und festen Bestand. 
Kortner gibt, von einem unnötigen Gebrüll abgesehen, feinem 
Captain die Verhaltenheit einer dumpfen Natur, die sich nur schwer 
ausdrücken kann, und Veidt spielt, wie schon oft, die Rolle des 
Verführers, die ihm gemäß ist. Von Lala Birell laßt sich kaum 
mehr sagen, als daß sie über eine wandlungsfähige Mimik verfügt. 
Bezeichnend genug, daß der Film, der ernste Situationen ernst, 
ja mitunter ergreifend darstellt und seit langem wieder einmal 
gute Schauspieler zu würdigen Aufgaben heranzwht, vom Publi 
kum kühl entgegengenommen wurde. Vom gleichen Publikum, das 
der albernsten Tonfilmoperette nicht Beifall genug spenden kann.
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        entscheidender sind ihre anderen Eigentümlichkeiten, die samt und 
sonders beweisen, daß sich in ihr der Gedanke nützlicher Auf 
klärung mit dem des Kollektivs verbindet, das sich sein 
Wissen selber erarbeitet. So lernen die Kinder weniger die fer 
Ugen Produkte als den Prozeß des Schaffens kennen. Manchmal 
ist zum Beispiel ein Bildhauer anwesend, der rhncn wie ein gute. 
Onkel auf Verlangen alle möglichen Tiere knetet, und auch su 
dürfen dann gleich an Ort und Stelle mit den Lonklumpen hau. 
Lieren. Ferner sind die Gegenstände nicht wie sonst dem Zugriff 
entzogen, sondern bieten sich Zur selbständigen Prüfung dar. „Das 
Kind erforscht alles," sagt Dr. Meksin, „und es glaubt nichts." 
s Schließlich, und das ist für die Anwendung der „dynamischen" 
^Methode besonders wichtig: das Kindermuseum wird durchweg 
von Kindern selbst bedient. Wo immer die Wanderausstellung 
hinlömmt, die es durch die ganze Sowjetunion entsendet, sofort 
werden ortsansässige Schulkinder und Jugenoirchc in der Hand 
habung der Objekte unterrichtet. Bei der Erörterung dieser Grund 
sätze meint Herr Meksin, daß sein Kindermuseum von len paar 
amerikanischen, die vermutlich viel reicher ausgestättet seien, zwei 
fellos in der schärferen Erfassung desabweiche. 
Im übrigen stellt er keine Vergleiche an und gedenkt weder der 
Vorläufer noch der Mtstrebenden; auch darin der echte Ange 
hörige eines Volkes, das mitunter in primitivem Stolz zu glauben 
scheint, mit ihm finge alles neu an. Ich erinnere meinen Ge 
sprächspartner an Fröbel, an die Montessori und überhaupt an die 
verschiedensten pädagogischen Versuche bei uns; weise ihn auch auf 
das Deutsche Museum in München hin, das er vom Hörensagen 
kennt und bewundert. 
Beispiele werden am besten seine theoretischen Absichten er 
läutern. Im Kindermuseum steht etwa, wie er erzählt, ein großer 
Guckkasten, der: „Zeiten und Bücher" heißt. Er enthält in seinem 
unteren Lerl vier Szenen aus verschiedenen Jahrhunderten und 
in seinem oberen Teil Kinderbücher aus den betreffenden Epochen. 
Die beiden Hälften lassen sich einzeln drehen, und dem Kind fällt 
Wendet er sich ihnen in den späteren Abendstunden einmal Zu, 
so ist er erst recht von ihnen entfernt und ganz weg. Es kommt 
etwa vor, daß er die Notenblätter auf dem Pult umdreht, aber 
diese Bewegung verrät nicht, daß er abspielt, sondern erfolgt nur 
aus Zerstreutheit. Seine Abwesenheit ist groß genug, um ihn eine 
Handlung vornehmen Zu lassen, die sonst gerade für die wache 
Gegenwart zeugt. Und so beweist auch die Tatsache, daß er stch 
über seine Hände neigt, alles andere eher als die Teilnahme an 
ihren Läufen und Trillern. Sie ist vielmehr ein Zeichen seiner 
entschlossenen Abkehr von der Umgebung, und wer genau zu ihm 
hinblickt, der gewahrt auch, daß er durch die Hände und Tasten 
hindurch auf unsichtbare Bilder starrt, zu denen das Spiel der 
Hände nicht dringt. Die Bilder sind zweifellos Erinnerungen, die 
ihn bei sich festhalten möchten. Gelähmt steht er der Vergangen 
heit gegenüber, und fern Kindergesicht zeigt überdeutlich, daß er 
nicht mit ihr fertig geworden ist. Nun kommt das Alter, ohne daß 
er ein Mann gewesen wäre, und er wird allein sein, allein. „Wenn 
die Elisabeth..." entquillt es den Fingern und: „8ons Iss toits 
äs karls". Ich entsinne mich eines anderen Klavierspielers, der in 
den Zeiten des stummen Films, damals, als es noch nicht die! 
entschwindet nach unbekannten Orten. Auf der Flügeldecke stehen 
Getränke für ihn bereit, und je nach der Verfassung, in der er 
gerade ist, greift er bald zum Champagnerglas, bald zum Bordeaux. 
Da. das Spiel unterdessen nicht stockt, muß er entweder eine dritte ; 
Hand zur Verfügung haben, oder mit der einen so fortfahren, als 
seien beide in Tätigkeit. Wenn er nicht trinkt, schluckt er in ge 
wissen Wständen Beobachtungen, die er still für sich macht. Er 
streckt leicht die Zunge heraus, denkt dabei nach und läßt sie mit 
samt dem Ergebnis seines Nachdenkens wieder in den Mund zurück 
schlüpfen. Was er stch während dieses Vorgangs vermerkt hat, gibt 
ihm offenbar ein Gefühl der Ueberlegenheit, denn hinterher bläst 
er die Backen auf und Zieht die äußeren Enden der Augenbrauen 
hochmütig nach oben. In der Regel erspart er sich jedoch die über 
flüssigen Abschweifungen und Gebärden und bleibt lieber innerhalb 
der vier Wände, deren undurchdringlichste sein Kindergesicht ist. Die 
Hände spielen unausgesetzt. 
Mussische KinderaussteMmg. 
Ein Ge s p r L ch. 
Mir Berlin, Anfang Dezember. 
Vor kürzern fand in Berlin eine Ausstellung des „Wander- 
museums des sowjetrussischen K i nderb u ch s" statt, 
die von der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas und 
dem russischen Volksbildungskömmissariat verunstaltet worden war. 
Sie hatte schon in Reval und Rrga debütiert, ist jetzt nach Hamburg 
übergesiedelt und wird sich dann in Prag niederlasfen. Ueberall 
auf europäischem Boden ward bisher dieser pädagogischen Schau 
ein schöner Erfolg zuteil. 
Ich hatte die Gelegenheit, mich mit Dr. I. Meksin, ihrem 
Gründer und Leiter, zu unterhalten. Meine erste Frage galt der 
Herkunft seiner Neigung für Zinder. „Sie rührt daher," anwortete 
er, „daß ich selbst eine Kindheit ohne Kinderbücher hatte, die auch 
sonst keine Kindheit war." Was er nicht besessen, wollte er schon 
als Student, also lang vor dem Krieg, den fremden Kindern ver 
mitteln. Er begann damals mit dem Aufbau seiner internatio 
nalen Kinderbücher-Sammlung, die außer den westeuropäischen ; 
Werken auch die japanischen und chinesischen umfaßt. Nach dem 
Apsbruch der Revolution gab er stch nicht etwa mit den schwieri 
gen Problemen und Experimenten der Erwachsenen ab, sondern 
suchte lieber durch die Schaffung eines Kindergartens und eines 
Kinderspielplatzes in einem Moskauer Aröeiterbezirck das Dasein 
der Kinder paradiesischer Zu gestalten. Später wurde er Redakteur 
für Kinderbücher im russischen Staatsverlag, und vor ungefähr 
fünf Jahren stellte er mit Professor Selenko, der die einschlägigen 
amerikanischen Verhältnisse studiert hatte, in den Kellern des 
Museums für bildende Künste seine effte Kinderschau: „Von 
Tieren für Kinder" zusammen. Girre freiwillige öffentliche Lei 
stung, die so starken Anklang fand, daß ihr bald andere folgen 
konnten. Vor anderthalb Jahren entstand aus diesen Bemühungen 
die vom VollMWungskommLssariat und dem SLaatsverlag sud- 
ventiomerte: „Z e n L r a l a n st aL t für K i n d eraus stel 
ln n g e n", die in Moskau, ihre eigenen Räume besitzt. Sie ist die 
Keim-elle des K i n d e rnzüs e u.ms, das Herr Meksin in nächster 
Zukunft verwirklichen will. 
Kindermuseuw: was ist das für ein anmutiger Begriff! Er 
entstammt der EKnntuis, daß die meisten Museen in der Welt 
nur für die Erwachsenen sind. Oder, wie Dr, Meksin sich zu äußern 
beliebt: „Sie dienen mehr den vornehmen Ausländern als dem 
werktätigen Volk". Woraus hervorgeht, daß er auch die Mehrzahl 
seiner erwachsenen russischen Landsleute in allen Bildungsfragen 
für halbe Kinder hält, die sich in den überladenen, großen, 
schweren Museen nicht recht Zu bewegen wissen. 
Mekflns Kindermuseum ist natürlich kein Museum im eigent 
lichen Sinn, sondern eher eine auf das kindliche Verständnis Zu 
geschnittene Schau aller möglichen instruktiven Gegenstände. (Ihre 
Räpme werden täglich von mehreren hundert Moskauer Kindern 
besucht: Einzelgängern, Schulgruppen, Pionieren usw.). Die 
Ausstellung nimmt nur eine Stunde Zeit in Anspruch; erfrischt 
durch ständige. Gegensätze im Material, im Stil und in der Stim 
mung ihre Besucher; legt den Hauptakzent auf die anonymen 
künstlerischen Leistungen statt auf die Namen der Künstler. Nnh 
Filmorchester gab und niemand daran dachte, kunstvolle musikalische 
Illustrationen zusammenzustellen, in einem kleinen Kino vom frühen 
Nachmittag bis in die Nacht hinein aufspielte. Er war ein ehe 
maliger Konservatorist, ein verbummeltes Genie, wie die Leute 
sagten. Da er von dem Platz aus, an dem der Raumnot wegen das 
Instrument stand, die Leinwand nicht sehen konnte, spielte er, was 
ihm durch den Kopf ging: Militärmärsche mit Variationen, empfind 
same Lieder und glitzernde Passagen, die er je nach Bedarf improvi 
sierte. Wenn ein tragisches Ereignis eintrat, ertönte oft lustige 
Tanzmusik, wahrend Verlobungsaussichten immer wieder durch 
düstere Klänge gefährdet wurden. Schon längst paßt die Kinomusik 
haargenau zu den einzelnen Szenen des Films, aber ich habe nie 
wieder eine vernommen, die besser Zu ihnen gepaßt hätte als jene, 
die sich gar nicht nach dem Film richtete. Ein ähnlicher Zusammen 
hang, so meine ich, besteht auch zwischen dem Spiel der Hände des 
beleibten Herrn in der Bar und den Bildern, die vor seinem 
inneren Auge abrollen. Sie gleichen einem geheimen Filmstreifen, 
den der rasche Wechsel der Melodien wider Willen untermalt. 
Nur in seltenen Fällen taucht der Klavierspieler einmal aus 
seiner Versunkenheit auf. Dann hebt er laut zu singen an und 
gröhlt mit der dunklen Stimme des Trinkers einen Schlagertext. 
Die Hände sind bei ihm, und er ist bei seinen Handen. Auf seinem 
Gesicht liegt ein seliges Kinderlächeln, und der Gesang sprengt bei 
nahe die niedrige Bar. Aber wie durch ein Wunder scheint er den 
Gästen so leise zu klingen' wie die Fingerübungen, und sie reden 
weiter, als hörten sie nichts, als werde überhaupt nicht gesungen^ 
Und dennoch verändert der Gesang alle Dinge im Raum. Solange 
er dauert, weicht das Fluidum, die Pelzmäntel verlieren ihren 
Glanz, die Schönheit verblaßt. Der singende Spieler, der seine 
Hände wieder getroffen hat, herrscht über die Bar. Er weiß es 
allerdings nicht, er singt nur mit selbstvergessenem Lächeln. Wer 
ohne daß er es weiß, erhebt sich neben ihm sein Begleiter, das 
Elend, vor dem er in den Gesang und das Lächeln geflüchtet ist. 
Stumm richtet es sich auf und wirft einen Schatten auf die Gesell 
schaft, in der er allein sein muß, ganz allein. 
S. Kracauer.
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        „Im Westen nichts Jenes." 
Zum Remarque-Tonfilm. 
Berlin, Anfang Dezember. 
Der amerikanische Remarque-Tsnfilm, der beinahe überall im 
Ausland gezeigt worden ist, hat bereits vor der Berliner Pre 
miere die deutsche Öffentlichkeit erregt, ja sogar eine Meinungs 
differenz zwischen Zwei hohen Behörden heraufbeschworen: dem 
Auswärtigen Amt und dem Reichswehrministe 
rium. Aeußerte jenes auf Befragen der Filmprüfftelle, daß es 
keine Bedenken gegen den Film habe, so behauptete dieses, daß 
der Film das Ansehen der deutschen Armee und damit das deut 
sche Ansehen überhaupt gefährde. Auch eine deutschnationale 
Kleine Anfrage, die im Preußischen Landtag eingegangen ist, wollte 
schon im voraus angebliches Unheil verhüten; erklärt sie doch un 
umwunden, in dem Firm werde „unsere deutsche Jugend ver 
höhnt und als unmännlich dargestellt. Die Tendenz laufe auf eine 
Verächtlichmachung der opferbereiten Vaterlandsliebe hinaus". 
Die Filmprüfftelle hat zum Glück den Film doch freigegeben. 
Er ist im Mozartsaal angelaufen und mit Ergriffenheit aus 
genommen worden. Aus eigener Kraft widerlegt er die törichten 
Anschuldigungen, die ein falsch verstandener Patriotismus und 
parteipolitische Bedürfnisse gegen ihn erhoben haben. Weder ver 
ringert seine deutsche Fassung — sie ist eine verkürzte Ausgabe 
der amerikanischen — das Ansehen der alten Armee noch ver 
höhnt sie die deutsche Kriegsjugend. Aber ich verstehe gut, daß 
ihre Vorführung manchen Leuten unangenehm ist. 
Denn immerhin: der Film macht de* Krieg nicht schmackhaft. 
Weniger durch seine Schreckensbilder als durch den strikten Nach 
weis, daß das Heldentum draußen in den Schützengräben nicht 
standhält Es wird gründlich desavouiert. Hat der Film ein Ver 
dienst, so dieses: die Hohlheit des widerwärtigen idealistischen Ge- 
schwöges Zu entlarven, mit dem der Schulprofeffor seine Jungen 
in den vorschriftsmäßigen Begeisterungstaumel versetzt. Sie ziehen 
als Kriegsfreiwillige hinaus und erfahren schnell, daß die Wirk 
lichkeit des Kämpfens, Hungerns und Sterbens sich von den 
schwindelhaften Trugbildern unterscheidet, die ihnen im Hinterland 
vorgegaukelt wurden. Der Heroismus fällt von ihnen ab, die Ideen, 
denen sie zu gehorchen glaubten, verwandeln sich ihnen in 
Ideologien, und ein Sinn ist nicht mehr zu greifen. Wenn sie 
trotzdem weitermachen, geschieht es hier aus Notwehr und aus 
jenem Herdentrieb, der dem einzelnen die Absonderung untersagt. 
s Wird durch diese planmäßig durchgeführte Entzauberung der 
Krieg geschändet? Es hat zwar den Anschein, als wolle das Film 
werk Stimmung gegen ihn machen, aber in Wirklichkeit dringt es 
genau so wenig wie das Buch von Remarque über die Stimmung 
hinaus bis zum Kern vor. Gewiß fallen in den Dialogen ernrge 
Bemerkungen, denen das Premierenpublikum laut und beifällig zu- 
stimmte. So meint einer, daß zwei Völker sich schlechterdings nicht 
beleidigen könnten, und ein anderer schlagt vor, daß in Zukunft sich 
nur die Kriegshetzer, die Fürsten und Generale bekriegen sollen. 
Doch was besagen solche unverbindlichen Floskeln wider die Tat 
sache des Kriegs? Statt die Frage nach feiner Herkunft zu stellen 
oder ihm mit politischen und sozialen Argumenten auf den Leib 
zu rücken, bleiben Film und Buch in kleinbürgerlichen Ausbrüchen 
des Mißbehagens stecken, die den Bildern des Grauens keine ge 
nügende Unterstützung Zu leihen vermögen. Paul, einer der jungen 
Freiwilligen, wird gelegentlich seines Urlaubs vom Schulprofeffor 
aufgefordert, vor die Klaffe zu treten und sie durch eine kurze An 
sprache zu entflammen. Er weigert sich, dem Professoraten Helden 
gewäsch Zu sekundieren, beteuert verzweifelt, nicht reden zu können. 
Diese Stummheit kennzeichnet die höchst anfechtbare Neutralität 
! des Films (und natürlich auch des Romans). Sie ist der Er 
kenntnis feindlich. Sie steigert den Krieg zum mythischen Schick 
sal empor, das er nicht ist, und belaßt ihm die Ünabwendbar- 
keit, die er nicht hat. Ich befürchte, daß die Kriegslüsternen unter 
den Jungen durch den Film nicht imvon zurückhaltsn werden, neue 
Heldentaten Zu begehen. Und ich schätze, das Reichswehrministerium 
habe gar keinen Grund, so sehr in Sorge zu sein. 
Das soll nicht heißen, daß der Film die Gemüter unbehelligt 
entläßt. Er strapaziert sie nicht minder wie „Westfront 1918", der 
bekannte Kriegsfilm des Regisseurs Paöst. Beide Werke stimmen 
in der Grundhaltung miteinander überein; nur unterstreicht der 
deutsche mehr als der amerikanische die Monotonie der Whützen- 
grabenjahre und tritt auch vielleicht etwas ausdrücklicher gegen den 
Kricgswahnflnn auf. Dafür arbeitet der Remarque-Film die^ 
Einzelgestalten mit unvergleichlicher Deutlichkeit heraus, ohne um 
ihretwillen den Gang der allgemeinen Ereignisse zu vernach 
lässigen. Sein Hauptthema: die Ernüchterung der kleinen Sol 
datengruppe, wird in einer Szene festgehalten, die hatten bleibt. 
Die Jungen umstehen im Lazarett das Bett ihres Kameraden, 
und einer von ihnen vergißt buchstäblich den Sterbenden über der 
Mer nach seinen Stiefeln. Da er immer Blasen an den Füßen 
hat, nimmt er sich einfach die Stiefel angesichts des Todes. Das 
ist unsentimental gemacht, das ist wahr. 
Unter der Regie von Lewis Milestone ist der Film mit 
i großem Apparat, bewundernswertem technischen Können und einer 
außerordentlichen Wirklichkeitstreue hergestellt worden. Der alt 
modische Schlachtendonner differenziert sich zum Ineinander der 
verschiedensten Höllengeräusche, und alle KrisgZbilder früherer Zeit 
verblüffen vor den Nahkampfszenen, die sich hier nah an den Be 
schauer herankämpfen. Die Episoden wuchern ein wenig zu üppig, 
aber in ihrem Gerank findet sich eine wunderschöne, die wie eine 
kleine traurige Blüte aufsprießt. Es ist jene, in der Paul der 
Französin einen Besuch abstattet. Man sieht die beiden nicht, man 
hört sie nur im Schlafgemach, dessen rührende Armut sich unge ¬ 
schminkt darbietet, über ihr flüchtiges Zusammensein und das 
Unglück des Krieges reden. Leider passen sich die nachträglich ein 
montierten deutschen Worte den Mundbewegungen der Amerikaner 
oft nur mangelhaft an. (Soll der tönende Film die Internatio 
nalist des stummen bewahren, so muß man entweder das Schwer 
gewicht von den Dialogen zurück aus die Bilder und auch auf die 
Geräusche verlegen oder jeden Film von vornherein in allen 
Hauptsprachen drehen. Der Versuch, amerikanische Sprecher für 
deutsche auszugeben, ist ein Unding.) 
Was ich seinerzeit über die begrenzte aktuelle Bedeutung von 
„Westfront 1918" schrieb, gilt auch für den Remarque-Film. „Schon 
ist eine Generation ins Alter der Reife gerückt," lautete die be 
treffende Stelle in meinem t^maligen Bericht, „die jene Jahre 
nicht mehr aus eigener Erfahrung kennt. Sie muß sehen, immer 
wieder sehen, was sie nicht selber gesehen hat. Daß ihr das Ange 
schaute zur Abschreckung diene, ist unwahrscheinlich, aber wissen 
soll sie, wie es gewesen ist. Es kommt hier aufs Wissen an, nicht 
auf den mit ihm verbundenen Zweck." Anschauungsunterricht ist 
zweifellos nützlich. Aber es scheint mir, noch nützlicher wären 
jetzt Filme, die uns nicht nur die Greuel der Kriege zeigten, son 
dern ihre Entstehungsursachen aufdeckten und ihre wirklichen 
Folgen» S. Krakauer. 
-die Aufgabe zu, das jeweils Zusammengehörige zu ermitteln. 
Eine ähnliche Mühe wird ihm auch beim „Zaub e rschra nk" 
zugemutet. Dieser Schränk birgt eine unbetleidete Puppe und 
mehrere Kostüme, die den typischen Trachten Robinsons, W lhelm 
Tells, Robin Hoods und anderer bekannter Kinderbuchhelden aufs 
Haar gleichen. Nach dem Eintritt ins Museum empfängt nun 
jedes Kind eine Kupfermarke mit dem Namen einer dieser 
Figuren und mag dann mit Hilfe der Kostüme die Puppe im 
Schränk zum Ebenbild des Namensträgers verzaubern. Es kann 
sich auch in einem Raum, der: ,Mas gefällt mir mehr?" genannt 
wird, seine eigene Ausstellung arrangieren. Die Wände des Raums 
hängen voller Papptafeln, die vorne und hinten mit einander 
kontrastierenden Bildern beklebt sind. Unter jeder von ihnen wird 
der kleine Besucher ausdrücklich aufgefordert, beide Seiten zu be 
trachten und die Pappe einfach umzudrehen, wenn ihm das rück 
wärtige Bild mehr Zusagen sollte. Nicht zuletzt ist der Druckerei 
Zu gedenken, in der sich die Kinder Versähen, Einladungstarten 
i und ihren Namen drucken. 
Lustig sind ihre Urteile über das Gesehene, die sie auf 
&amp;gt; einer Wandzeitung niederschreiben dürfen. Eines teilt mtt. daß 
ihm in der Ausstellung die und die Gegenstände gut gefallen hät 
ten „und besonders alles". Ein anderes beklagt sich oarüber, daß 
das Mädchen, das d ' Druckerei bediene — es war erst zwölf 
Jabre alt — die Bescher nicht heranlasse, sondern immerfort 
selbst drucke. „Ist das in Ordnung, Onkel?" fragt das Kind und 
fügt hinu, daß es selber diesen Zustand ruckt billigen könne. Ein 
drittes wünscht, daß seiner Bibliothekarin von Dr Meksin befohlen 
' werde, alle Bücher anzuschasfen, die Zwar hier rn der Ausstellung, 
nicht aber in der dem Kind Zugänglichen Bücherer vorhanden seien. 
— Ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß das Gesicht des-Er- 
Zählers vor Freude erglänzte, als er mir von diesen winzigen^ 
z Ereignissen berichtete. Trifft die Erklärung zu, mtt der er die 
Herkunft seiner erzieherischen Tätigkeit begründete, so muh er. es 
i wirklich in seiner eigenen Kinderzeit sehr schlecht gehabt haben.
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        - 
wie die leer- 
der nmß un- 
ReichsHauPL- 
Die Gruden- 
stehenden großen Wohnungen oder das Roggenbrot, 
willkürlich auf den Glauben geraten, daß die ganze 
stadt unter dem Zeichen dieser Veranstaltungen stehe. 
renkrawalle, die Umzüge der Erwerbslosen und vor 
erwarten muß, es könne doch gleich etwas losgehen. Ich fuhr an 
einem der letzten Abende zum Nollendorfplatz, um mich unter die 
Demonstranten zu mischen. Sie waren wer weiß wo geblieben, aber 
dafür bot der Platz den Anblick einer gerade eroberten feindlichen 
Stadt. Schupoleute patrouillierten an sämtlichen Straßenecken, 
quollen aus dem Untergrundbahnhof, gingen über die leeren Platz 
flächen und behüteten den Mozartsaal, in dem gerade der Film 
Zu Ende ging, der den Deutschen die Achtung vieler Nationen 
eingetragen hat, nur nicht der Deutschen selber. Da mich niemand 
Zum Stehenbleiben ermunterte, kehrte ich wieder um, und auf dem 
Heimweg geschah es; ich roch die dicke Lust. An der Ecke Kurfürsten- 
damm—Ählandstraße, einer Stelle also, die sonst zu den sanfteren 
Himmelsstrichen gehört. Hier war ein Trupp von Polizisten 
postiert, und überdies verteilten sich geringe Scharen junger Bur 
schen über die TrottoirA Sie beschäftigten sich damit, zu warten. 
Einige von ihnen trugen dicke Stöcke, die nicht viel Gutes ver 
sprachen. Das Beklemmende war, daß sich eigentlich gar nichts 
ereignete. Die Taxis und Omnibusse rasten durch, sobald die Signal 
ampeln sich grün färbten, die Pfeile und Schriftbilder der Licht 
reklamen erstrahlten wie immer bunt in der Nacht. Und doch 
breitete sich Panikstimmung über dem Pflaster aus. Sie wurde 
gemildert, ohne darum behoben zu sein, als aus dem Dunkel der 
Uhlandstraße ein Auto austauchte, dessen Bemannung sich sofort 
mit den jungen Burschen durch Geschrei verständigte. Es war das 
Auto der Führer. Ihm folgte ein unabsehbarer nationalsozialisti 
scher Demonstrationszug, der sich in straffer Ordnung vorwärts 
bewegte. Ich habe die betreffenden militärischen Ausdrücke ver 
gessen, aber jedenfalls marschierten die Mannschaften in Reih und 
Glied wie regelrechte Soldaten, und ihre Zivillleider, die sich von 
denen des übrigen Straßenpublikums in nichts unterschieden, schienen 
lauter Uniformen zu sein. Von Zeit zu Zeit unterbrach Schupo die 
Formationen, die ohne Musik einem unbekannten Ziel zuschritten. 
Dies gerade: daß sie so schweigend durch die Straße zogen, be 
drückte am meisten. Keine Erkenntnis leuchtete über ihnen, die 
hell und vernünftig gewesen wäre, und keine Parole ging von 
ihnen aus, es sei denn die sture gegen den Remarque-Film.. 
Wie anders waren damals am ersten Mai die Züge der Demon 
stranten gewesen, Sie marschierten nicht in schrecklicher StummheLt 
dahin, sondern gingen wie kameradschaftlich verbundene Menschen 
Und sie führten Inschriften mit sich, die mindestens zu diskutieren 
waren, statt in der Disziplin einen ihrer obersten Zwecke zu 
erblicken. 
Wie ich anderen Tags in der Zeitung las, machte späterhin 
das von mir beobachtete nationalsozialistische Aufgebot am Knie 
noch Krawall. Zur gleichen Stunde, als der Geist der Sympathie 
GerHauPL noch einen Berliner Bürger, der friedlich ins Büro 
Zehen kann und etwas anderes im Kopf hat als Aufläufe, Schupo 
und ProtestsI Es gibt solche Bürger, denn das Nebeneinander in 
Berlin ist nicht minder unbegrenzt wie die Stadt selber. Vorgestern 
Nacht empfing zum Beispiel Max Reinhardt im Foyer derKam- 
merspiele die Darsteller der Pariser Comedie, die zur Zeit in 
Berlin gastieren, und während der „Geist der Sympathie , , . 
park und willig über dieser Tafel vieler großer Leuchten » » / 
schwebte, wie ein Berliner Blatt zu melden weiß, suchten gerade 
wieder einmal nationalsozialistische Demonstranten durch Stein 
würfe, faule Eier und andere Argumente die Oeffentlichkeit davon 
zu überzeugen, daß der Remarque-Film, den sie nicht kennen, nun 
endlich abgesetzt werden müsse. Ach, Herr Dr. GZbbels will sich 
vom Geist der Sympathie nicht lenken lassen, und die insgeheim 
tagende Oberfilmprüfstelle wird vermutlich seinen Drohungen 
nachgeben, obwohl sie den Remarque-Film doch kennen gelernt hat. 
Das Nebeneinander, wie gesagt, ist sinnverwirrend, und in der 
gleichen Stadt, die vom Aufmarsch der demonstrierenden Kolonnen 
widerhallt, finden sich noch viele ruhige Ecken. Eine davon ist 
etwa die Sophienstraße im Zentrum, eine verschlafene Gegend mit 
einer Kirche darin, das Ganze erinnert von fern an Paris, Dort 
sind jetzt für zwei Wochen eins Menge von Abbildungen und Zahl 
reiche statistische Tabellen ausgestellt, die einen Begriff von der 
Durchführung des Fünfjahresplanes verschaffen sollen. Aber nur 
ein Paar Arbeiter, Erwerbslose vielleicht, füllen den altertümlichen 
Saal, den sie nicht Zu Wen vermögen. Rußland ist weit von 
hier.? sx 
Trotz dieser chaotischen Verhältnisse ist doch im Berlimr Straßen- 
lchen eins leichte Veränderung zu spüren. Die Straßen sind nicht 
mehr wie noch vor wenigen Monaten stumme unbeteiligte Zeugen poli 
tischer Manifestationen, fordern strömen selber ein starkes Unbehagen 
aus. Es ist, als seien sie von den Tumulten angesteckt worden, die 
sich aus ihnen entwickeln. Sie werden bei Tag und bei Nacht von 
Lastwagen mit Schupomannschaften durchfahren, und so drohend 
ist ihre Gebärde, daß schon ein kleiner Haufen friedlicher Passan 
ten, der nur eben den Fahrdamm überqueren will, den Eindruck 
einer Massmansammlung erweckt. Die Menschen sehen auch, was 
kein Wunder ist, gar nicht weihnachtlich drein; mögen immerhin 
Mr Erhöhung der Festesfreude und des Absatzes vor einigen Ge-^ 
Wer außerhalb Berlins von den Straßendemonstrationen liest, 
die jetzt hier so zur Mtagserscheinung geworden sind 
allem die so 
lärmenden wie schlagkräftigen Kundgebungen der Nationalsozia 
listen gegen den Remarque-Film, den sie nicht kennen — gibt es 
über der Tafel Max Reinhardts schwebte. Ta, e'ert werden 
! die Gäste von der Oomsäis daheim ihren Parisern berichten 
können. 
Msten und Kaffeehäusern illuminierte Riesentannenbäume prangen, 
die für viele Erwerbslosenfamilien reichten. Kaum könnte der! 
Ernst unserer innerpolitischen Situation sinnfälliger bewiesen 
werden als durch diese Erregung, die sich heute den Straßen- 
räumen mitgeteilt hat. Freilich, man gewöhnt sich daran, und wir 
haben seit Kriegsbegirm bereits schlimmere Erfahrungen hinter 
uns gebracht. In einem ftanMchen Revolntionsroman: „Die 
-Götter dürsten" erzählt Anatole France, daß während der 
! Schreckensjahre manches Idyll ungetrübt sortbestand. So ist es: 
das Leben geht weiter, und es muß doch einmal Frühling werden. 
Wenn auch der Frühling, der den Deutschen vielleicht blüht, 
bestimmt anders ausschauen wird, als die Anhänger des Dritten 
Reiches wähnen. 
Das genau- Kennzeichen der allgegenwärtigen dicken Lust ist 
^Lie Tatsache, daß man auch dort, wo nichts los ist, jederzeit 
Alle Hage Demonstration; 
Berlin im Dezeinber.
        <pb n="73" />
        ^ickcbnann erlebt Berlin 
Der neue Dolittls 
ksuts vortrsWok Asdrauokso« 
8.L 
S. Kracauer. 
will. 
MsiLs. iLr 8okut2patrr&amp;gt;Q. klärt Äs Lintsrksr Llsiek 
äarübsr auk. äaü äis dudsn auek brave ksutH seiem. 
BbsnsonsniL vermag äis latsacbs. daL ein duvKS 
Lu einer kürsorLaanstalt sekleokt bskanäelt noräen 
ist, iki^n Glauben au äis kinriebtunLen äsr Br- 
nacksenen ru srscküttern; äsn2 äsr dunse v^ird 
später mit Güte umLo-bsn. unä aBes ist ^isäsr in 
Oränuns 
ll'ami Oslkkev kat diess Gesokiekten in äem 
mit -m--e-k-r-s--r-s-L- sanr avarten kkotomonta^M Bs 
dpsmanns auLLestattst-e-n B--uek: ..UKekS!- 
M-a-n- nErl"tzdt L br 1 i u" (VerlaL NMsr L 
t. l^lbpenkeusr, Botsäam&amp;gt; sinkaek unä anmutig sr- 
räklt. lek glaube äall sskr viele GroLstaätlLiiräer 
Lerne mit kiekelmann im vertrauten MetLkaus ker- 
^8troleken unä äurek sekr viele Ltraüenlanä- 
sekaitHn Zandern iveräen. dliekt unters^klaLen kann 
iok alleräEs, äaL mit äsr Geruek kleinbürLerlieker 
BekLLlickkeit stört, äen äas Buek kie unä äa aus- 
strömt. kr rükrt von äer kelLoksn Niläs ker. rnit 
äer äie LekLäen äer Oesellsedakt tra^tlert sinä. 
2eiLt man sie üderkaunt äen Kindern, so darf man 
sie niekt auk eine V^eise korriLisren äis ikren 
Krnst absek^äekt Dekts Näreksn sinä nie ein Vsr- 
stoll vp'iäer äis bessere krkenntnis. 
kliokelmanv äas ist der dlams eines kleinen 
Letten Mäekeus. dessen Nuttsr in dieser sekrveren 
Seit rum Glück eine ^nsteUuns keim Arbeitsamt 
Sekunden kat. Müte sie stempeln Loken, so könnte 
Uiekelmann vermutliek niekt so sorglos in äer sre- 
üen 8taät Berlin auk^aekssn. die siek nie ein 
treuer Kamerad rum Lind kerabnemt. kine rkrer 
Bsrsonikikationen ist äer smte Koitior Nietke äem 
neck die klüsel leiden, damit er auek äuüer- 
liek einem LnsÄ Lleiekt. BebriLens kenne iek einen 
Derbner kartier^ der wirkliek so rettend nie Uistke 
ist. Dieses Nüster an Bnermüäliekkeit desedirmt 
unä Nackt äas Nietskaus. in dem Nickel-urann 
ikr 2elt aukLesekIaLen kat. Bier leiert sie ein 
pracktiLSs kamilienneiknacktskest und von kier aus 
unternimmt sio auek 8treilen in äis nake unä lHins 
BmLebunL. auk äenen ikr wunderbare Abenteuer 2U- 
stollen. 8ie banäelt mit einem Bund an: sie ieob- 
acktst im ^Varenkaus eins Baäenäiebin: sie bssiekt. 
als Oonbov verkleidet, einen kioderkostümbaU unä 
wirkt nickt rulettL bei einer ricktiLbn kilmauknckme 
mit. 8osar äort. no äurck äie Larte bunte Bülb. in 
der sis Leäeikt, äis böse ^uüsnnelt einäriust ver- 
öücktmt sick rasek isäe 8eknieriLkeit. unä das vebsl 
wendet sick märekenkakt ^um 8eLen. ^ 2nar köt sie 
än der Lekule 8ckimukreäsn Lesen äis du äsn, absr 
ür jsäsm dakr so ist aueb in disssm 
wisdsr am nevsr DoliLBs-Band von Ru § k 
DoktlQF vrsekisueu („Doktor Dolittlss 
2 o o**. Verlas Williams L 60^ Bsrkn-Grrms- 
wald. Gsrads rsektrsitiz vor ^Vsiknaokten 
kommt äis Kokons Gads ksraus, unä iok 
wünsokts, dak sie nook unräklisse LortsstrunFSn 
KZLLs, äenv äis Dssekiokien vom §utsn Onkel 
Dolittls Lausen xleiok sskr kür Linder unä Br- 
waokZsns. Darin stimmen sie mit äen Ääroken 
Andersens üderein, denen sie niekt selten aueb 
im Ion Lknkok sind. Das Glüok, das äie 
Züeksr Doktinsss äsn Oroken und den kleinen 
ksreitsn, rükrt niekt nur von ikren wunderbaren 
^.uksoklüsssn über äis Tierwelt ker, sondern 
mskr nook von ikrer sauberen, riektisen DaltunF. 
Doktor Dolittls, der die Lpraoken samtlieker 
Disrs vsrsLskt, dewäkrt sie in äem neuen Duek 
niekt minder wie krüksr. Dr kat einen rooloFi- 
soksn Garten kür äis Diere sesründs^laber einen 
2oo von besonderer ^.rk Statt daL er den Diersn 
als Gekanssnis dient, ist er ikr Leim. Ds §ikt in 
ikm rum Beispiel sin Diekkorneken-Hotel, eine 
Daekskneips unä vor allem einen Klub kür 
rasselose Runds, da, dieser Doktor kat es 
äiok kinter den Obren, wie Zankt immer er siob 
sebardet, und mir sokeivt, dak die Grundsätze, 
naek denen sr die tierisoke Ordnung verbessert, 
auek auk dis mensoklioke anAbwandt werden 
sollten. Zedenkalls woknt seinen Abenteuern mit 
äsn Zieren sins brauokbare Noral inne, die nur 
äanaok verlansst, in unserer kookst kraswürdisen 
Gsssllsodakt praktiziert ru werden. 2um Glück 
tritt sis ssltsn so äeutliok kervor wie in der Br- 
rLkluns der Oekansnismaus, die einen einsesperr- 
tsn Revolutionär aus der 2ells bekreit, kalt siob 
vielmekr ffswöknlrdk bssoüeiden ruruek und 
vsrsokwindst okt sanr kinter der Büke drolliger 
Linkälls und Dabeleien. ^Vis reirend ist die Ge- 
Zokioktv von äer Vulkanmaus, die in einer ver- 
soküttsten Ftadt mit ikren ^.rtsenossen ein kook- 
kultiviertes Rerrenleben kükrt; wie lustiss die 
Resesnuns des Doktors mit rwei bissigen ^Vaekt- 
kunden, die ikn rum Lrstaunsn ikres Desitrers, 
niobt ankallsn, sondern naok einer Kurren 2wie- 
spraoks umsekmsiokeln. Vielleiokt manselt dem 
lstrtsn Land ein wsnis die Lrkindunsskrakt und 
äis xroüs Dinke der ersten; aber auok in ikm 
webt eins krisoke Bukt, und viele seiner Dinreb 
rü§s entstammen einer leiobten, willisen Daune, 
kok wäre krok, wenn sr allen deutsoben Kindern 
in äis Rands käme und auok die Drwaokssnen 
daru bewöge, siob kiv und da naok den Erkennt 
nissen Doktor Dolittles ru rioktsn. 8ie konnten 
äis ^.ukklä'runx, äis sr iknen ru ssben vermag, 
, 
- 0 
^7) 
Berlin, im Dezember. 
Seit einigen Tagen Lebt an den Berliner Litfaßsäulen ein 
Plakat, das alle national empfindenden Deutschen aufsordert, fortan 
eins bestimmte Zigarettenmarke zu rauchen. Durch ihren ^Genuß 
arbeite man den Machenschaften des internationalen Finanz 
kapitals entgegen und begehe insofern gewissermaßen eine vater 
ländische Tat. Unnötig noch hinzuzufügen, daß in der Mitte des 
Anschlags ein riesiges Hakenkreuz Prangt. 
Ich berichte von diesen patriotischen Zigaretten nicht etwa, um 
die merkantile Verwertung der nationalsozialistischen Bewegung 
zu geißeln. Da hätten man viel zu tun. Es gibt auch Armoand- 
ullren mit eingraviertem Hakenkreuz und zahlreiche andere Artiker, 
cie frank und frei ein politisches Bekenntnis ablegen, das ihnen 
nun! Je weniger die Gesinnungstüchtigkeit mit Erkenntnissen be 
schwert ist, desto leichter rankt stch die Tüchtigkeit geschäftlicher 
Gesinnung an ihr hoch; nach dem Sprichwort, daß sich im Dun 
keln gut munkeln läßt. 
Warum ich dieses Plakat erwähne? Weil es eine kleine Be- 
geüenbeit ins" rechte Licht setzen kann, die mir vor kurzem zu- 
stieß. Sie hat wie die Afstche eine Zigarette zum Helden, die 
l-benfalls mit der Vaterlandsliebe in eine enge Verbindung tritt. 
Aber im umgekehrten Sinne: während dort auf dem Anschlag die 
Nationalität der Zigarette Zu Reklamezwecken unterstrichen wird, 
ist die Zigarette hier das schlichte Erkennungszeichen von Ange 
hörigen derselben Ration. Im einen Falle soll die Angabe der 
Herkunft den Wert der Ware erhöhen, im andern Falle dient 
die Ware, die damit aufhört, bloße Ware zu sein, als Merkmal 
der Herkunft. , 
Eines späten Nachmittags hielt mich an einer belebten Groß 
stadtecke eine Frau durch den Zuruf an, ich möge einen Augen 
blick warten. Da ich in Eile war, drehte ich mich ein wenig un 
willig um. Der ärmlich gekleideten Frau humpelte hastig ein 
Mann auf Krücken nach. So eine Straßenexisienz; ich dachte, 
ohne Zu denken, es sei einer der vielen Bettler. 
„Sind Sie ein Russe," fragte der Mann in gebrochenem 
Deutsch. 
„Nein," antwortete ich automatisch. 
Der Alarm sah mich enttäuscht an. Er war also rein Bettler, 
aber ich konnte ihm nur um so weniger helfen 
„Woran wollen Sie erkennen, daß ich ein Russe seih" Ich 
fragte in der dunklen Wstchi, ihn nicht ohne die Andeutung eines 
Gesprächs laufen zu lassen. 
„An der Zigarette," erwiderete der Krückenmann. „Sie rauchen 
eine russische Zigarette." Er entfernte stch und murmelte etwas, 
das wie Verzeihung klang. Die Frau war ihm schon auf die an 
dere Straßenseite vorausgegangen. 
Das ist die ganze Geschichte, und sie wurde mir noch dazu — 
ich war in Eile gewesen — erst hinterher klar. Ja, ich rauchte 
eine Zigarette mit Papiermundstück, die von fern an eine russische 
erinnern mochte. Aber sie stammte in Wirklichkeit gar nicht aus 
Rußland, sie war nur eine schwache Nachahmung, die sich zu 
ihrem Vorbild wie eine elende Übersetzung zum Originaltext 
verhielt. Und doch bewog schon der Anblick dieser Kopie, dieses 
kleinen nichtssagenden Dings den Mann dazu, unter allen Men 
schen mich, den Wildfremden, aufzuhalten und anzusprechen. Das 
Papiermundstück stellte inmitten der Straßenmenge eine Gemein 
samkeit zwischen uns her, die Zigarette, die niemals jenseits der 
Grenze gewesen war, beschwor das Bild Rußlands herauf. 
Die Heimat folgt dem unscheinbarsten Gegenstand nach, und 
Krücken werden ihr zu Siebenmeilenstiefeln, wenn sie ihn ereilen
        <pb n="74" />
        dem es aufblüht wie in einem Sumpf. Eben als Passage ist der 
Durchgang zugleich auch der Ort, an dem sich wie kaum sonstwo 
die Reise darstellen kann, die der Aufbruch aus dem Nahen zur 
Ferne ist und Leib und Bild miteinander verbindet. 
Unter den der Körperlichkeit gewidmeten Schaustellungen nimmt 
das Anatomische Museum den Ehrenplatz in der Lindenpaffage ein. 
Es ist eine Passagenmajestät, die inmitten der Kartuschen, Ranken 
und Delphine ihr rechtmäßiges Reich aufgeschlagen hat. Da sämt 
liche hinter die Front vertriebenen Gegenstände doch noch ein 
bürgerliches Gewand tragen müssen, sind die Inschriften schein 
heilig, die Zum Eintritt ermuntern. „Die Ausstellung ,Der Mensch' 
dient der Hebung der Gesundheit," heißt eine von ihnen. Welche 
Enthüllungen der Besucher im Innern harren, verrat ein Bild im 
Schaufenster, auf dem ein befrackter Mediziner in Anwesenheit 
zahlreicher Herrschaften^ die so altmodisch gekleidet sind wie er, 
eine Bauchoperation an einer nackten Frauensperson vollführt. Die 
Person war ehemals eine Dame. Ja es geht hier um den Bauch, 
um die Eingeweide, um alles, was rein des Körpers ist. Seins 
Wucherungen und Monstrositäten werden drinnen peinlich ver 
folgt, und für die Erwachsenen grassieren außerdem sämtliche Ge 
schlechtskrankheiten in einem Extrakabinett. Sie sind die Wirkung 
unbesonnener Sinnlichkeit, die nahebei in einer Buchhandlung an- 
gefacht wird. Während der Inflation war einmal in der Passage 
einer deutschen Großstadt eine kommunistische Buchhandlung unter 
gebracht, die sich aber dort nur kurze Zeit hielt; obwohl die Passage 
der Vorkriegsneuzeit entstammte und mit ihren schmiedeeisernen 
Sonnenblumen eher an eine ausgeschmückte Unterführung er 
innerte. Ihre schwache Beziehung zu einer Passage genügte jedoch 
schon, um die Propagandaliteratur herauszudrängen; denn die 
Illegalität will zum Tag durchbrechen, während die Pornographie 
im Zwielicht zu Hause ist. Die Buchhandlung in der Lindenpaffage 
weiß, was sie ihrer Umgebung schuldet. Broschierte Werke, deren 
Titel Gelüste wachrufen, die durch den Inhalt kaum gestillt werden 
dürsten, sprießen in einer absichtlich harmlosen Buchvegetation, und 
manchmal geht das Erlaubte mit dem Unerlaubten eine so kuriose 
Verbindung ein wie in dem Buch von den Sexuell-Perversen, das 
einen Kriminalkommissär Zum Verfasser hat. In der Nachbarschaft 
der Körpertriebe gedeihen die Allotria, die Zahllosen kleinen Ob 
jekte, die wir mitschleppen und um uns aufstellen; teils weil wir 
sie gebrauchen, teils weil sie so unnütz sind. Sie wimmeln im Bazar 
der Passage durcheinander: die Nagelzangen, die Scheren, die 
Puderdosen, die Zigarettenanzünder, die ungarischen Handarbeits- 
deckchen. Der Krimskrams tritt wie Ungeziefer in Massen auf und 
erschreckt durch seinen Anspruch, immer bei uns zu sein. Das möchte 
uns auffressen; das krabbelt durchs wurmstichige Gebäude, in dem 
wir leben, und wenn eines Tages die Balken Zusammenkrachen, 
wird es noch den Himmel verdunkeln. Auch Straßengeschäfte, die 
unsere besseren leiblichen Bedürfnisse befriedigen, ziehen in die 
Passage herein, um dem Anatomischen Museum ihre Huldigung 
darzubringen. Da leuchten Pfeifen aus Bernstein und Meerschaum, 
Oberhemden blenden wie eine ganze Abendgesellschaft, Jagdflinten 
richten ihre Läufe nach oben, und am Ende des Durchgangs duftet 
und winkt ein Friseurladen» Er plaudert im Halbdunkel seine Ver 
wandtschaft mit dem Cafe aus, das im Kuppelraum liegt. Ihre Be 
sucher wandern, und sei es auch nur durch die illustrierten 
Zeitungen; entschweben mit dem Geraun; folgen ein Stück weit dem 
Bilderzug, der hinter dem Zigarettendunst wallt. Die Parole heißt: 
Fort! 
Es ist ein sinnreicher Zufall, daß an den Linden zwei Reisebüros 
den Eingang der Passage flankieren. Die Reisen, zu denen ihre 
Schiffsmodelle und Plakathymnen verlocken, haben allerdings nichts 
mehr mit den Fahrten gemein, die man einst in der Passage unter 
nahm, und auch das moderne Koffergeschäft gehört nur an 
näherungsweise in den Durchgang hinein. Seit der merklichen Ver 
kleinerung der Erde hat sich das bürgerliche Dasein die Reise 
genau so zunutze gemacht wie etwa die Boheme; es erhält sich da 
durch, daß es derartige Ausschweifungen für seine eigenen Zwecke 
beschlagnahmt und zu Zerstreuungen entwertet. Wieviel ferner und 
vertrauter war die Fremde in der Zeit der Andenkenartikel! Mit 
ihnen ist ein Passagengeschäft vollgestopft. Souvenir äs Verlin steht 
auf Tellern und Krügen geschrieben, und das Flötenkonzert von 
Sanssonci wird oft als Mitbringsel Diese Gedächtnis ¬ 
hilfen, die sich betasten lassen, diese echten Kopien ortsansässiger 
Originale sind Leib vom Leibe Berlins und zweifellos besser dazu 
geeignet, ihren Käufern die Kräfte der von ihnen vertilgten Stadt 
mitzuteilen als die Lichtbilder, zu deren eigenhändiger Anfertigung 
das Photographengeschäft einlädt. Die Photos wähnen die bereisten 
Länder heimzubringen; das Welt-Panorama dagegen gaukelt die 
ersehnten vor und entrückt erst recht die bekannten. Es thront in 
Girr Film «ach ihrem Herze«. 
Demonstrationen bei der Uraufführung. 
Lr Berlin, 19. Dez. Bei der heutigen Uraufführung des 
HugenLerg-Wms „Das Flötenkonzert von Sans- 
souc i" kam es im Ufapalast am Zoo zu heftigen Demon st r a- 
lr onen. Dank der im Saal verteilten Schupo konnte die Vor 
stellung nach einigen Unterbrechungen im halbdunklen Raum zu 
E.rde gebracht werden. Am Schluß jubelte der nationalsozialistische 
Teil des Publikums vor Begeisterung über die Militär 
märsche, die Soldaten und Otto Gebühr, rn dem es 
Friedrich den Großen zu erblicken glaubte. Der Film ist stellen 
weise gut inszeniert; im ganzen ein Gemisch ans Gartenlaube und 
Parade. Wir kommen noch auf ihn zurück. 
Die Lindenpaffage hat aufgehört zu bestehen. Das heißt, 
sie bleibt der Form nach eine Passage zwischen der Friedrichst'raßs 
und den Linden, aber sie ist doch keine Passage mehr. Als ich vor 
kurzem wieder einmal in ihr lustwandelte wie so oft in den Stu 
dentenjahren vor dem Krieg, war das Werk der Vernichtung schon 
beinahe vollendet. Kalte glatte Marmorplatten verkleideten die 
Pfeiler zwischen den Geschäften, und darüber wölbte sich bereits ein 
modernes Glasdach, wie es deren Dutzende gibt. Nur an einigen 
Stellen sah zum Glück noch die alte Renaissance-Architektur hervor, 
jene fürchterlich-schöne Stilimitation unserer Väter und Groß 
väter. Eine Lücke im neuen Glasdachgerippe erlaubte-den Durch 
blick auf die Obergeschosse mit der endlosen Konsolenfolge unterm 
Hauptgesims, den verkoppelten Rundfenstern, den Säulen, den 
Balustraden und Medaillons auf den ganzen welken Bombast, 
den jetzt kein Passant mehr genießen wird. Und ein Pfeiler, der 
offenbar bis zuletzt aufgefpart werden sollte, trug unverhüllt sein 
Backsteinrelief Zur Schau, eine Komposition aus Delphinen, Ranken- 
werk und einer Maske in der Mlttelkartusche. Das alles sinkt nun 
ins kühle Marmormassengrab. 
Ich entsinne mich noch des Schauers, den mir in der Knaben 
Zeit das Wort Durchgang einflößte. In den Büchern, die ich damals 
verschlang, war der dunkle Durchgang gewöhnlich die Stätte mörde 
rischer Ueberfälle, von denen hinterher eine Blutlache zeugte, oder 
doch zum mindesten die paffende Umwelt zweifelhafter Existenzen, 
die darin beisammen standen und ihre düsteren Pläne berieten. 
Mochten die Knabenphantasien zu ausschweifend fein — etwas 
von der Bedeutung, die sie den Durchgängen beimaßen, haftete 
auch der einstigen Lindenpaffage an. Und nicht nur ihr, sondern 
allen echten bürgerlichen Passagen. Es Art seine guten Gründe, 
daß „Therese Raquin" im Hinteren Teil der Pariser „kassaZs äss 
kauorLmos" spielt, der mittlerweile ebenfalls von der Betonlast 
prächtiger Neubauten erdrückt worden ist. Die Zeit der Passagen 
ist abgelaufen. 
Ihre Eigentümlichkeit war, Durchgänge Zu sein, Gänge durchs 
bürgerliche Leben, das vor ihren Mündungen und Wer ihnen 
wohnte. Alles, was von ihm abgeschieden wurde, weil es nicht 
repräsentationsfähig war oder gar der offiziellen Weltanschauung 
Zuwiderlief, nistete sich in den Passagen ein. Sie beherbergten das 
Ausgestoßene und Hineingestoßene, die Summe jener Dinge, die 
nicht zum Fassadenschmuck taugten. Hier in den Passagen erlangten 
-diese Passageren Gegenstände eine Art von Aufenthaltsrecht; wie 
Zigeuner, die nicht in der Stadt, sondern nur an der Landstraße 
lagern dürfen. Alan ging gleichsam unter Tag an ihnen vorbei, 
Zwischen Straße und Straße. Noch ist die Lindenpaffage mit Läden 
gefüllt, deren Auslagen solche Passagen inmitten der bourgeoissn 
Lebenskomposition sind. Und zwar befriedigen sie vor allem die 
körperliche Notdurft und die Gier nach Bildern, wie sie in Wach 
träumen erscheinen. Beides: das ganz Nahe und das ganz Ferne 
entweicht der bürgerlichen Öffentlichkeit, die es nicht duldet, und 
Zieht sich gern ins heimliche Dämmer des^Durchganas zurück, in 
Mchieb von der Lindenpaffage 
Von S. Kracauer (Berlin).
        <pb n="75" />
        der Passage wie die Anatomie, und vom greifbaren Körper bis zur 
ungreifbaren Ferne ist in der Tat nur ein winziger Sprung. Wann 
immer ich als Kind das Welt-Panorama besuchte, das sich auch 
damals in einer Passage verbarg, fühlte ich mich wie bei der Be 
trachtung von Bilderbüchern in eine Weite versetzt, die schlechter 
dings unwirklich war. Kaum könnte es anders sein: denn hinter 
den Gucklöchern, die so nah wie Fensterrahmen sind, gleiten Städte 
und Gebirge vorüber, die in der künstlichen Helle weniger Reise 
zielen als Gesichten gleichen: Mexiko und Tirol, das im Panorama 
selber zum zweiten Mexiko wird. 
Beinahe sind diese Landschaften schon obdachlose Bilder, Illu 
strationen passagersr Regungen, die hie und da einmal durch die 
Rlsse im Bretterzaun schimmern, der uns umgibt. Ihresgleichen 
müßte durch eine Zauberbrille sichtbar werden, und wunder nimmt 
nur, daß der Optiker in der Passage keine feilbietet. Sein Glas 
blatterwerk, das sich hart und rund an der Schaufensterwand hoch 
rankt, scheint die Dinge jedenfalls nach den Begriffen richtig zu 
stellen, die im Durchgang Gültigkeit haben. Für die in ihm ge 
forderte Zersetzung aller trügerischen Bestände sorgt der Brief- 
markenladen, in dem Köpfe, Architekturen, Wappentiere und exotische 
Gegenden eng mit Ziffern und Namen zusammenkleben. (Richt 
umsonst hat mein Freund Walter Benjamin, dessen Arbeiten seit 
Jahren auf die „Pariser Passagen" hindiängen, dieses Bild der 
Briefmarkenhandlung in seiner „Einbahnstraße" entdeckt.) Hier 
wird die Welt solange gerüttelt und geschüttelt, bis sie zum Hand 
gebrauch des Passanten dienen kann. Er, der durch sie geht, mag auch 
in dem Lotteriegeschäft versuchen, ob das Glück, sein Begleiter, ihm 
wohlgesinnt ist, oder es durch Spielkarten auf die Probe stellen. 
Und wünscht er seinen Glanzpapiertröumen leibhaft gegenüber- 
zutreten — im Ansichtskartenladen findet er sie vielfach und farbig 
verwirklicht.^ Blumenarrangements begrüßen ihn in sinniger 
Sprache, Hündchen laufen ihm treuherzig zu, das Studentenleben 
prangt herrlich und trunken, und die Nacktheit rosiger Frauen- 
körper taucht ihn in Lust. Um den Hals und die Arme der üppigen 
Schönen schmiegen sich wie von selber die Similiketten nebenan, 
und ein veralteter Schlager aus der Musikalienhandlung beflügelt 
den Passagenwanderer inmitten seiner gefundenen Illusionen. 
Was dre Gegenstände der Lindenpassage einte und ihnen allen 
dieselbe Funktion zuerteilte, war ihre Zurücknahme von der bürger 
lichen Front. Begierden, geographische Ausschreitungen und viele 
Bilder, die aus dem Schlaf rissen, durften sich dort nicht blicken 
lassen, wo es hoch herging in den Domen und den Universitäten, 
bei Festreden und Paraden. Man exekutierte sie, wenn es möglich 
war, und konnten sie nicht ganz zerstört werden, so wies man sie 
doch aus und verbannte sie ins innere Sibirien der Passage. Hier 
aber rächten sie sich am bürgerlichen Idealismus, der sis unter 
drückte, indem sie ihre geschändet- Existenz gegen seine angemaßte 
ausspielten. Erniedrigt, wie sie waren, gelang es ihnen, sich zu- 
sammenzuscharsn und im Dämmerlicht des Durchgangs eine wirk 
same Protestaktion gegen die Fassadenkultur draußen zu verun 
stalten. Sie stellten den Idealismus bloß und entlarvten seine Pro 
dukte als Kitsch. Rundbogenfenster, Kranzgesims und Baluster 
reihen — die Renaissancepracht, die sich so überlegen gebärdet-, 
wurde in der Passage geprüft und verworfen. Während man noch 
durch sie hindurchging, also die Bewegung ausführts,-die uns allein 
gemäß ist, durchschaute man sie schon, und ihre GroApurigkeit trat 
unverhüllt an den Tag der Passage. Nicht minder litt das Ansehen 
der höheren und höchsten Herrschaften, deren garantiert ähnliche 
. Porträts hinter den Schaufenstern des Hofmalers Fischer standen 
und hingen. Die Damen des kaiserlichen Hofes lächelten so huld 
voll, daß die Huld ranzig schmeckte wie ihr Gemälde in Oel. Und 
die vielgepriesene Innerlichkeit, die hinter den Renaiffancesassaden 
ihr Unwesen trieb, wurde durch Beleuchtungskörper Lügen gestraft, 
die das Inwendige in Gestalt roter und gelber Rosen schrecklich 
beschienen. So übte der Durchgang durch die bürgerliche Welt an 
ihr eine Kritik, die jeder rechts Passant begriff. (Er, der ein 
Vagabundierender ist, wird sich dereinst mit dem Menschen der ver 
änderten Gesellschaft zusammenfindsn.) 
Dies: daß die Lindenpassage eine Dassinsform desavouierte, 
der sie noch angehörte, verlieh ihr die Macht, von der Vergänglich 
keit zu zeugen. Sie war das Werk einer Zeit, die mit ihm zugleich 
einen Vorboten ihres Endes schuf. Früher als anderswo löste sich' 
in der Passage, eben weil sie Passage war, das gerade Hervor 
gebrachte von den Lebenden ab und ging warm in den Tod ein 
(daher auch die Passage der Sitz von Cäsiums Panoptikum war). 
Was wir geerbt hatten und ungebrochen unser eigen nannten — 
im Durchgang war es wie in einem Schauhaus ausgestellt und 
zeigte die erloschene Fratze. Wir selber begegneten uns als Gestor 
bene in dieser Passage wieder. Aber wir entrissen ihr auch das uns 
heute und immer Gehörige, das dort verkannt und entstellt funkelte. 
Jetzt, unterm neuen Glasdach und im Marmorschmuck, gemahnt 
die ehemalige Passage an das Vestibül eines Kaufhauses. Die 
Läden dauern zwar fort, aber ihre Ansichtskarten sind Stapelware, 
ihr Weltpanorama ist durch den Film überholt und ihr anatomisches 
Museum längst keine Sensation mehr. Alle Gegenstände sind mit 
Stummheit geschlagen. Scheu drängen sie sich hinter der leeren 
Architektur zusammen, die sich einstweilen völlig neutral verhält 
und später einmal wer weiß was ausbrüten wird vielleicht den 
Fascismus oder auch gar nichts. Was sollte noch eine Passage in 
einer Gesellschaft, die selber nur eine Passage ist? 
Der öHuöelte knäeriems Rsx. 
Berlin, im Dezember. 
Seit der Remarque-Film den Krieg verloren hat, werden die 
Filmausführungen mehr und mehr zu politischen Aktionen, Es 
gibt natürlich auch Filme, die nichts mit Politik zu tun haben 
und daher ohne Polizeiaufgebot ablaufen könnem Aber sie beschäf 
tigen sich dann entweder wie der Film: „Boykott" mit dem über 
reizten Ehrgefühl von Oberprimanern, einem Thema, das in der 
Wildenbruchzeit dringlich war; oder sie bemühen sich wie die Ufa 
komödie: »Einbrecher" blöd Zu sein und Zugleich heiter. Dieses 
Lustspiel, in dem die unvergessene Margarethe Koeppke aus dem 
Totenreich zurückgekehrt zu sein scheint, entfesselte übrigens wahre 
Stürme der Begeisterung. Warum, ist wir unerfindlich, denn der 
Ufahumor, der sich darin breit machte, stimmt mich seiner grob 
schlächtigen Albernheit wegen eher traurig. Ich bin zur Annahme 
gezwungen, -daß das Berliner Publikum ihn als Gegengift be 
nötigt, als eine Art von Nervensanatorium, in dem es sich von den 
Aufregungen der Politik erholen kann. Tatsächlich ist es ja heute 
kaum noch an einem Orte vor Tumulten sicher; obwohl schon 
allerorten Christbäume, Weihnachtsmärkte und Zeitungsartikel das 
Nahen des Friedensfestes verkünden. Und glaubt es einmal seine 
Ruhe zu haben, so kommt gleich die chinesische Regierung daher 
und beschwert sich bei der deutschen über den Revolutionsfilm: 
„Der blaue Expreß", der bis jetzt ungeschoren geblieben war. Das 
Auswärtige Amt wird in der Sache vermitteln. 
Welche Kinopolitik einstweilen Sieg um Sieg erringt, verrät 
das Verhalten der Filmoberprüfstelle. Sie, die den Remarque-Film 
vollends erledigte, hat mittlerweile nicht nur den Stahlhelm-Film 
freigegeben, sondern auch mit knapper Mehrheit Hugenbergs neues 
Fridericus-Produkt zugelassen. „Das F l ö t e n k o n Z e r. t von 
Sanssouei", so lautet der musische Titel dieses kriegerischen 
Ereignisses, das im Ufa-Palast am Zoo unter lärmenden Demon 
strationen das Licht der Welt erblickte. Daß die Schwergeömrt 
überhaupt vonstatten ging, war nur der Anwesenheit der Schupo 
zu danken, die gewissermaßen als Hebamme fungierte. Ihre 
Gegenwart bei allen möglichen Gelegenheiten ist fast unerläßlich 
geworden, und ich könnte mir eigentlich keinen Umsturz mehr 
denken, der sich nicht unter ihrer Aufsicht vollzöge. 
Wer den Film gesehen hat, wirb die Kundgebungen begreifen, 
die sich Lei seiner Uraufführung entwickeltem. Es LestHt für mich 
kein Zweifel daran, daß Hugenbergs Ufa ihn mit Rücksicht auf die 
nationalistischen Instinkte fabriziert hat. Geschäft ist Geschäft, 
und der Nationalismus ist zur Zeit nicht das schlechteste. Den 
spekulativen Absichten entspricht durchaus, daß dieses Flöten- 
konzert mit Geschick getätigt worden ist. Der Regisseur Ucicky hat 
eine vorzügliche Exposition geschaffen; Photographie, Montage 
und Ton find stellenweise musterhaft; das Ensemble setzt sich aus 
guter?. Kräften Zusammen, die ihre Schuldigkeit tun wie fride- 
rizianische Soldaten. Der Inhalt allerdings verdirbt sämtliche 
Effekte. Welche Quellen immer der Manuskriptverfaffer studierte, 
den Hegeumnn hat er bestimmt nicht gelesen. Er stellt einen Fried 
rich auf die Beine, wie ihn sich die männlichen und weiblichen 
Backfische erträumen: einen Monarchen aus der Gartenlaube, der 
mit der Wirklichkeit nichts gemein hat. Dieser König macht seine 
Augen nur groß- um gütig drein Zu blicken; hält ivahrhaftig der 
jungen Frau seines Majors eine KanZelrede über die Tugenden 
und Pflichten eines rechtschaffenen Eheweibs; entscheidet sich 
für den Siebenjährigen Krieg auf eine Manier, wie sie irgendeinem 
Heros der Schullesebücher ansteht, aber nicht ihm, dem König» 
Nach den hingeflöteten Lieblichkeiten, die von der Ufa Leise durch 
unser Gemüt gezogen werden, folgt dann mit Pauken und Trom 
peten die große Schlußapotheose, die ein einziger unerträglicher 
Bombast ist, Otto Gebühr, dessen Stimme mehr m den Damen- 
salon als zu Männergesprächen und Pulverdampf paßt, hält 
Parade ab über die kostümierte Statisterie. Der Hohenfriedberger 
ertönt und die Sonne funkelt — eine schauerliche Farce. Und 
das wagt man uns zu bieten, die wir wissen, wie es weiter geht, 
die wir den Krieg verloren haben, dessen Wirklichkeit der 
Remarque-Film uns zeigte. 
Nicht so empfanden die Demonstranten bei diesem Gemisch aus 
Gartenlaube und Parade, Volk und Sentimentalität. Der Spek-
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        Ee! fing an, als eine der Hohlstellen zum Widerspruch gegen dir 
falsche Mache reizte. Das Gebrüll, das den zahmen Protest bald 
zudeckte, steigerte sich im weiteren Verlauf zu einem Taumel des 
Entzückens, wie ich ihn selten erlebt habe. Er überbot stch selber 
während der Militärmärsche am Ende, die von dem größeren Teil 
des Publikums glorreich und taktfest beklatscht wurden Ich hätte 
noch begriffen, wenn die jungen Burschen unter den National 
sozialisten, die den Krieg gar nicht kennen, mit Feldgeschrei aus 
getreten wären. Aber das Ungeheuerliche war, daßauchFrauen 
zu toben begannen, Mütter, deren Söhne vielleicht gefallen, 
sind, daß fie in einen Rauschzustand gerieten, der wider die Natur 
und die Erkenntnis ist. Und als hinterher Gebühr auf der Bühne 
erschien, jubelten fle ihm zu, als sei er der leibhaftige Friedrich der 
Große und als hätten sie immer noch Söhne, die sie hinaus schicken 
können ... 
Es wäre so töricht wie unklug, diesen Enthusiasmus allein 
auf die nationalsozialistische Hetze zurückführen zu wollen. Sie ist 
vorhanden, aber ihr wird auch geantwortet. Wie sehr muß das 
Volk eines Halts entbehren, daß es ihn in einem solchen Glanz 
kriegsstück zu entdecken glaubt! Denn die Begeisterung ist ja nicht 
nur künstlich gemacht, das echte Verlangen nach ihr sucht vielmehr 
einen Gegenstand, an den es sich zu klammern vermag. Ihn kann 
es begreiflicherweise im Remarquc Film nicht finden, der stch 
darauf beschränkt, das Grauen des Krieges zu veranschaulichen, 
und den Frieden so faul sein läßt, wir er seit langem schon ist. 
Nur aus dem Ungenügen an diesem Frieden erklärt sich die Ver 
wechslung der nationalsozialistischen Illusionen mit Idealen, die 
in der Wirklichkeit standhalten. Die Massen sind irregeleitet, und 
möchten doch richtig geführt werden. Wenn es nicht gelingt, ihrem 
Sehnen gute, menschenwürdige Ziele zu geben, werden ihre 
Explosionen fürchterlich sein. 
Der Boman? „Botel Amerika" von Naria 
Dsltnsr (Neuer Deutsober Verlag, Berlin. 320 
Kelten,. (leb. -F. 5) ist ein nütÄiobss Bueb; nüts- 
bob insofern, Als er von amerikanisoben Debens- 
verbäitnissen erxäblt, äis in äen üblioben ^.merika- 
büobern unberüsksiobtiiZt bleiben, wieviele 6-ests 
eine« Ne^v Yorker Duxusbotels bätten sieb sebon. 
ze (l-eäanken über äie Daselnsbeäin Zungen äer rabl- 
losen BotelanAe stellten Aemaebt? Der v^räsn sie 
übnen Mmaobt. IInä v^as noeb mebr ist: äie Ver- 
lasserin eobiläert niebt nu? äie proletarisoben 
BxistenWn, äie äen §IänLbnäen Betrieb aukreobt- 
erbalten, sie äurobsetLt ibre romanbatte BeportaAS 
auob mit riebti^sn Bokenntnissen über äie 8truktur 
äer amerikanisoben (leselisebait. 
In einer s^mpatbisoben Lpraobe, äie viele Be- 
obaobtun^en einiaob unä äoeb niebt kunstlos mit- 
teilt, v^irä äie IVolkenkratLer^elt von unten bis 
oben erlorsobt. Beliebtet ist, v^as sonst ins Dunkel 
zurück tritt: jene Brovinz äes Ze^altiZen Beiobs, 
in äer äis Ktubenmääeben, 8ebeuerirauen, LeU- 
nerinnen unä Kellner, OepäekträZer, Naobtvfäebter. 
Ba^en unä Büobenbeäienstets bausen. Bins -äünne 
BanälunA set^t äiese Nüssen in Be^vexunZ. Ibre 
Beläin ist ein 'Mäsobermääel, äas Zuerst keinen 
^röKeren BbrAeiL bat, als selber in äis ausernäblte 
Oästesebar zu ärinZen, unä später erkabren muK, 
äaK äer reebte sociale ^nstie^ nur äurob äie 8oli- 
äarität aller Br^verbstätiZen erreiobt v^eräsn kann, 
^ber äie Babel ist Nebensaobe im Verblei ob mit 
äem Beiwerk äer BesebreibunZen unä BinzeM^e. 
^ul äen Bintertrepnen, in äen Koblaträumen äer 
^imes teilten, äem Lüobenlaboratorium, äen unter- 
iräiseben Lantinen, überall äort, vo äie Oasts nie 
binZelanZen, bat äis Verfasserin ibre Binärüeke ge 
sammelt. Dnä sie bericbtet von äem BaMnerk äer 
versebieäsnen OruMen; von äen sebvieriZsn Ve- 
LiebunZen äes nieäeren Bersonals xur ^uksiebt; von 
äer Bolitik äer Direktion, äie mit Dlke eigener 
Detektive äas Leer äer ^nterMbenen in Lebaeb 
bält; von äen ^VetraobtunFen äer Ztubenmääoben 
über äie Bs^obner äer Appartements; von kleinen 
ungeübten Verr^eiflunZsaktionen, äie ve§en äes 
sebleebten Bssens entsteben unä rasob nieäer^e- 
sebla,§en ^eräen. ^.uob äis obere Nemispbärs äer 
Uoxusliotol von 00 ton Zesolien 
Von S. Krararrer. 
Naobtbabsr unä Beleben, äLe im Botel berum^ 
lautenden, BonkerenLSn abbalten unä BoobLeiten 
leiern, 'virä äarrustellsn versuebt. Doeb ins Vliek- 
kelä äer ^.ntorin lallen nur, äbniiob ^ie mitunter 
bei Bpton Linelair, ein paar sebematiseb Fessieb- 
nete Bzrpen^nobs, pompöse bapitalistisobs Baub 
ritter unä sebmieriZe Brpresser. 80 gefüllt äis 
Bl§ursn in äer 1'iele sinä, äas Berrsobaltsi sben ist 
ein Blakat. Im Interesse ibrer Wirkung sollten sieb 
äie revolutionären 8ebriktsteller um genauere Nn- 
blieke in äie OesellLobaktssebiobten bemüben, äie 
sis aukbeben sollen. 
Brot? äer Dnsebärke am Banä Zibt äas Bueb 
einen vorxüZlieben BeZrikk von äen 8tättsn, an 
äenen äie Oberen lausenä mit äen Vertretern äer 
unteren Nillionen notZeärunZen susammenstoLen. 
Bs entbält, ^vas närkiieb niebt im Bääeber stebt, 
äer äoeb alle Botels auk^blt. IInä es siebt aueb 
keines'veZs einen beliebigen ^usrsobnitt, sonäern 
arbeitet mit einer Lieberbeit, äis von §uter 8ebu- 
iunA 26u§t, äie exemplarisoben ^ustanäe bsraus. 
Der Inäiviäualismus äer Unbestellten ^virä §e- 
^eiKelt, ibr kleinbürZerliober Instinkt äurob«ebaut, 
ibrs Xümmerliobkeit obne kalsobes Nit^elübl ana- 
l^siert. Diese saubers Musionsloss Baltunz nimmt 
äoxpelt tür äas Buob ein. 
i'c^
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