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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.10/Klebemappe 1931 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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        4 
FrLnMsch gefprschen — ein beglückender Mischmasch von 
Vokalen, der wi^er einmal den lang entbchrten Geruch von 
Europa herweht. ,^Zn welchem Wagen fahren Sie/ Exzellenz?" 
fragt ein Herr, der nur ein Direktor sein kann, einen anderen 
Herrn; fragt es in einem Ton, als sei nicht von Eisenbahnwagen 
die Rede, sondern mindestens von einer Vullman - Limou - 
f ine. Hohe SLationsbeamte, deren Festuniformen kein 
Ständchen trübt, überwachen wie Regisseure den Start. Die span 
nenden Szenen werden vsn einem zahlreichen Pcemierenpublikum 
verfolgt, unter das sich statt der Theaterkritiker mehrere Reporter 
mischen. Nicht ein einziger Zuschauer neidet, wie ich glaube, den 
Auserwählten die Fahrt; im Gegenteil, die soziale Empfindlich 
keit tritt zurück, und alle ohne Unterschied freuen sich über die 
blaugoldene Pracht, als ob sie ihnen allen gehöre. 
Ich treibe, wenige Minuten vor Abfahrt, mit der Menge zur 
Maschine, einem hochgelagerten Koloß, der jugendfrisch blinkt. 
Auf der Plattform stcht ein Herr in Zivil, dessen Anwesenheit 
feierlich stimmt. Die Feierlichkeit wird noch dadurch erhöht, daß 
der Lokomotivführer nicht das übliche Pfeifchen zwischen den Lip 
pen hängen hat. Er ist ein Mann mit festen Zügen, die Vertrauen 
erwecken. Während er gerade, nervös wie ein Star unmittelbar 
norm Auftreten, mit den Fingern auf seinem Sitz trommelt, 
taucht — Punkt 12.53 — die weiße Scheibe über den Köpfen auf. 
Er dreht den Hebel, und schon bewegt sich der Zug. „Gute Fahrt!" 
rufen ihm einige Zuschauer zu, und er dankt ihnen von hoch oben 
mit einem ernsten Nicken. Sanft, lautlos, langsam schwebt die 
blaue Wagenreihe hinaus, nach Cannes, Florenz, Rom urG- 
Neapel. S. Krakauer. 
Wvrera—Mpott - ßrpreß. 
Start eines Luxus zuges. 
Berlin, den 3. Januar. 
In der weiten rutzgeschwärzten Halle des Anhalter Bahnhofs, 
den ich seiner Ehrwürdigkeit wegen liebe, steht um die Mittags 
stunde ein funkelnagelneuer Zug, der sich in dieser Umgebung 
wie eine Modedame in einem Bierrestaurant ausnimmt. Es ist der 
Riviera-Napoli-Expreß, der heute vollbesetzt seine 
Jungfernfahrt antreten wird. Die Namen auf den Wagenschildern 
sind ebenso viele Verheißungen. Cannes-—Florenz—Rom—Neapel: 
aus dem naßkalten Berlin fahrt er über Frankfurt und Basel 
mitten in die Sonne hinein. 
Die Abfahrt ist erst in dreiviertel Stunden, und einstweilen 
fehlt noch die Lokomotive. Ich bin zu früh gekommen, aber es ist 
ja auch schön, am Abend einer großen Theaterpremiere lang vor 
Beginn im beleuchteten Zuschauerraum zu sitzen und Zeuge der. 
immer stärker anschwellenden Erregung zu sein. Genießerisch streife 
ich die Reihe der leeren Wagen entlang, deren Bläue ans Mittel 
meer und an Frankreich erinnert. Sie sind englisches Fabrikat und 
mit einem feinen goldenen Streifen versehen, der auch die beiden 
Gepäckwagen vorne und hinten durchzieht. Ihre äußere Eleganz 
gleicht der von gallonierten Dienern vornehmer Herrschaften. In 
den Appartements selber — von Abteils zu sprechen, hieße sich 
einer Lästerung schuldig machen — schimmern Ornamente aus 
eingelegter Intarsia, funkeln Griffe mrd Stangen. An die Türen 
nach dem Korridor zu sind Visitenkarten geheftet, die ein wenig 
indiskret verraten, wer in diesen entzückenden Asylen wohnen wrrL. 
Es ist, als fände sich auf dem schmalen exterritorialen Gebiet eine 
geschlossene Gesellschaft Zusammen. Bild wird sie im Speisewagen 
tafeln, dessen Lämpchen dann rötlich erglühen werden. Eine win 
zige Lichterkette, die durch die Dämmerung gleitet. 
WeuZayr in der Iriedrichstadt. 
Berlin, Anfang Januar. 
Es war ein Neujahrsfest, als ob wir mitten rm Frieden lebten, 
als ob es keine Parteien gäbe und kaum eine Wirtschaftskrise. In 
den Lokalen flössen wie jedes Jahr sämtliche besteuerten Getränke 
in Strömen; obwohl genug leere Stühle verrieten, daß das Geld 
nicht mehr so strömt. Aber trotz der Anzeichen eines gedrückteren 
Lebens herrschte eine Lustigkeit, die sogar, mochte sie immerhin mit 
Galgenhumor gemixt sein, auf die Schupomannschaften Übergriff. 
Wahrhaftig, die Schutzleute waren Menschen und lachten freund 
lich, wenn einer sie einmal verulkte 
Ueber die Friedrichstraße ergoß sich in den ersten Stunden nach 
Mitternacht die traditionelle Karnevalsmenge. Die Geschäfte 
schliefen, die Berufe schliefen; wach war das Volk ohne Geschäft 
und ohne Beruf. Volk aus den Vororten, aus dem Osten und 
Westen — in dieser einen Nacht wogten sie alle ununterschieden und 
losgelafsen dahin. Maskenputz sorgte dafür, daß sie sich ohne Zwang 
miteinander mischten. Sie trugen komische Bärte und lange Nasen, 
sie schrien, weil sie sich freuten, und freuten sich darüber, daß sie so 
schreien konnten. Hohn auf die Autorität ging widerspruchslos mit 
ihrer Anerkennung Zusammen. Eine kleine Bande hatte sich in alte 
Militäruniformen von unbezweifelbarer Echtheit gekleidet, und der 
Bursche im Offiziersmantel schwankte so trunken hin und her, als 
wolle er den Sturz des Kaiserreichs persiflieren. Zur Entschädigung 
für solche Ausfälle statteten sich andere, die sich ebenfalls nichts 
dabei dachten, mit den Attributen der höheren Stände aus. Jüng 
linge und Mädchen, denen das Einglas nicht in der Wiege gesungen 
war, klemmten ein Zehnpfennig-Monokel aus Horn ins Auge, und 
bemooste Häupter ohne Universitätsbildung fühlten sich in ihren 
Corpsstudentenmützen verjüngt und gehoben. 
Auffällig war die Harmlosigkeit des Betriebs. Wer ich habe 
schon oft beobachtet, daß gerade die Bevölkerung der Weltstädte, 
denen das Beiwort verderbt von der Provinz nicht leicht geschenkt 
wird, besonders harmlos ist und sich vergnügen kann wie die Kin 
der. Die paar ganz großen Städte sind eigentlich keine Städte 
mehr, sondern Landschaften, eine zweite Natur, die ihren Bewoh 
nern eine neue Ursprünglichkeit verleiht. Jedenfalls wallfahrte die 
Menge dem neuen Jahr mit einer Beschwingtheit entgegen, die, 
soweit ich festzustellen vermochte, nirgends zu zertrümmerten Fen 
sterscheiben führte; es sei denn, daß eine Frau von einem Mann 
blau geschlagen wurde, aber das aeschiebt nicht nur in der Sil 
vesternacht Verwegene Gestalten, deren Ernst sonst blutig ist, ver 
ständigten sich durch ungefährliche Scher Worte, und Maharad 
schas tanzten mit Königinnen, die ein Papierdiadem krönte. Sie 
waren auf ungeschickte Weise annxutig, und wenn sie sangen: 
„Es war einmal 
Ein treuer Husar, 
Der Liebte ein Mädchen 
Ein ganzes Jahr", 
so wohnte das Glück schon unter ihnen, das sie vom neuen 
Jahr erwarteten. 
Doppelt verwunderlich in dieser Zeit der Demonstrationen 
:var, daß die Silvestermassenkundgebung durchaus unpolitisch 
verlief. Aber mehr noch: die politischen Leidenschaften traten nicht 
nur beiseite, sie schienen einem Gefühl der allgemeinen Verbun 
denheit gewichen Zu sein. Vielleicht regte es sich, weil die Menschen 
instinktiv begriffen, daß der Jahresbeginn ein Elementarereignis 
ist, das sie nur gemeinsam überstehen können. Und wenn mich nicht 
alles täuscht, waren sie nicht Zuletzt auch darüber fröhlich, daß 
sie sich endlich einmal Zusammenscharen und sein dursten, wie sie 
sind, oder doch sein möchten. Ach, wäre nur jeden Ta-g Silvester! 
Die Not jeden Tages verkörperte ein Betrunkener, der mit 
dem eintönigen Gebrüll: „Prost Neujahr" über die lange 
Friedrichstraße torkelte. Etwas anderes als diesen der Welt dar- 
gel-rachten Glückwunsch wußte er nicht von sich zu geben. Die 
Schutzleute ließen ihn gewähren, die Autos, auf die er nicht 
achtete, fuhren sorgfältig um ihn herum, und die Leute lachten 
über ihn und gingen dann eben weiter. Er mochte ein längst aus 
gesteuerter Erwerbsloser sein, und sicher ist, daß ihm sein Prost 
Neujahr so bald nichts nutzen wird. Ohne sich beirren zu lassen, 
zog er die endlose Straße herunter, immer den gleichen Ruf aus 
stoßend, bis zum Halleschen Tor und' darüber hinaus. 
Von drei Uhr an fuhren schon viele nach Hause. Auf den 
StationsLanken saßen schläfrige Pärchen, hielten sich umschlungen 
und dösten. Die Untergrundbahnen waren besetzt wie zur Zeit des 
GeschLftsschlusses. Ein junger Mann wickelte, ehe er ausstieg, 
in einem letzten Anfall des Uebermuts den letzten Rest einer 
Lustschlange um die Klircke des Wagens. Vor einer Haustür lag 
ein schlummernder Herr in Gamaschen, der offenbar nicht mehr 
fähig gewesen war, den Ueöergang von den Steinstufen zum Bett 
zu vollziehen. Das neue Jahr war bereits angebrochen. 
Der Bahnsteig beginnt sich eine halbe Stunde vor Abfahrt zu 
füllen. Die Insassen, des Personeuzugs gegenüber: Schüler in Gym 
nasiastenmützen, Arbeiter und Frauen bestaunen das luxuriöse 
Wunder, drängen zur Lokomotive, die eben angekoppelt wird, und 
tauschen technische Bemerkungen miteinander aus. An der Zug 
spitze haben sich auch mehrere Photographen urtd ein Filmoperateuc 
eingesunden, deren Aufnahmen man zweifellos in den nächsten 
Illustrierten begegnen wird. Je weniger Leute solche Züge be 
nutzen können, desto mehr Leute wollen sich doch an ihrem Abbild 
ergötzen. Allmählich — nicht zu zeitig und nicht zu spät — nähern 
sich die glücklichen Inhaber der Visitenkarten/ N werden von den 
livrierten Schaffnern empfangen, die so schmuck aussehen, als seien 
sie ebenfalls von der Internationalen Schla?wags:rgesellschafl neu 
hergestellt worden. Das Zeremoniell vollzieht sich allerdings nüch 
terner als bei der Abfahrt des I.-Zugs: iwcbe die ich 
einmal an der Oare cin d' orä in Paris miterle-öte. Treten hier 
die Reisenden immerhin eine Eisenbahn fahrt an, so bezogen sie 
dort eine Art von Elirehotel. Ein Stab von Hotelangestellten be 
willkommnete sie, und kaum waren sie eingestiegen, so sah man 
sie auch schon hinter den Spiegelscheiben des Pullman-Cars in 
ihren mächtigen Kluöfauteuils sich dehnen und strecken 
Eine Viertelstunde vor Abfahrt. Wichtige Herren, die Zum Teil 
in amtlicher Eigenschaft mitzufahren scheinen, begrüßen sich, 
erteilen Anweisungen und schreiten von Zeit Zu Zeit die Frynt 
ab. Zwei dunkle unansehnliche Männer, denen ich die Jungfern 
fahrt nicht ohne weiteres zugstrauL hätte, entpuppen sich bei 
genauerem Hinhören als Italiener. Es wird auch Englisch und
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        Werüner IiMchrM 
Wer glaubt, baß es mit dieser ToriMmproduktian nicht meßk 
Io weiter gehen könne, ist in einem Irrtum befanden: es gebt doch 
so weiter. Zwar klagen hie Produzenten selber über den Mangel 
^nn brauchbaren Manuskripten, und die Mkwzeitschkift'en stoßen seit ^ 
einiger Zeit regelmäßig den SchM nach guten 
aber hie Autoren kommen nicht, und die Manuskript bleiben fern. 
Das muß seine Ürsüchen haben, uO ich Mübe. sie ftnd gar nicht 
sehr verborgen. Solange sie fortwirken, so, lange sich die Industrie 
nicht dazu entschließt, mit dem bisherigen Schlendrian zu bischen, 
werden wir jedenfalls unaufhörlich mit Lheaterimiiationen. Te- 
nören, Operetten und SchlagelstuckknM Ich hätte nie 
für mSgM gehalten, haß es so viele Operetten gibt- Die Tonfilme 
dieses Genres unterscheiden sich nur dadurch, daß in ihnen immer 
die gleichen Schauspieler in denselben Rollen andere Couplets 
singend Damit man sie noch identiftzieren Änn, mW z eigent 
lich fortlaufend^ numeriert werden. 
. ' - » - . - . - 
In dem neuen Carl Froehlich-Ulm: „Ha ns in allen 
Gassen" nimmt Albers einen -Reporter, wie er vielleicht in 
der Romanvorlage Ludwig Wolsfs. vorko^ bestimmt nicht 
in einem wirllichen Zeiwngsverlag. Der amoureuse Vatentkcrl 
perwiSelt sich in eine sensationelle MorMäre, die höchst un- 
smsatiomll. abgewickelt wird.. Albers hat Schmiß; ist keß, knorke s 
und was man nur will doch wenn er sich zum-Gtar solcher- 
Tonfilms hergibt, bringt er sich bald um Kraft und Kredit. Der 
Hintergrund ist mit Genf und den Alpen gefüllt, im Vordergrund 
swird gesungen^ - - 
Nach einem uralten Lustspiel ist der Film: „Geld auf der 
.Straße" arrangiert, der in Wien spielt, dem Wien der Kam- 
I mersänger und der in Kammersänger verliebten Rädchen, Die 
romantische reiche Erbin und der gutmütige elegante Habenichts 
(Georg Alexander) — es ist, als sei niemals ein Weltkrieg ge 
wesen. Wirkte nicht der unvergleichliche Hans M o fe r mit) so 
wäre die ungeschickt inszenierte Geschichte kaum zu ertragen, llm 
sie noch zu dehnen, wird natürlich fortwährend gesungen. 
Statt des Remarque-Films läßt jetzt Hekr Brodnitz im Mozart-- 
.saal den Namon N o v a r r o - Film: „Der jüngste Leut 
nant" spielen. An schlechter . Tausch; aber die GlmprWelle 
trggt die Mitschuld daran. Wenn sie sich so aus Verbieten gew'. hnt 
wie in der letzten Zeit, darf sich niemand darüber wundern, daß 
die Produzenten, Verleiher und Theaterbesitzer ängstlich werden« 
Man produziert und nimmt dann nur noch das Sichere, d. h. die 
gleichgültige Ware. Dem „deutschen Anssken" aber ist mit dieser 
negativen Zuchtwahl am allerwenigsten gedient „Der jüngste Leut 
nant ist ein Helden» und Liebesstück aus navolconischen Zeiten, 
m dem der schöne Novarro sowohl als Held wie als Liebender 
Spitzenleistungen vollbringen muß. Das artet zu Pgrsorcs-Nitten 
und , u Küssen aus, deren Dauer das Premierenpublikum belachte, 
zwischen je zwei Kußperisden werden von ihm Liebeslieder 
gesungen. 
E-n Sondersall ist der amerikanische ExpeditionZUm: „Afrika 
1p richt", der im Berlin Anerkennung und Empörung aukgcM 
hat. Beides mit Recht. Er enthält großartige Ausnahmen, wie sie 
vielleicht noch nie der Kamera zugcstoßen sind; unter anderem einen 
Heüschreckenzug, der an die biblische Schilderung der ägyptischen 
Plagen erinnert. Aber die Leidenschaft, das Unerhörte zu kurbeln, 
überschreitet in ihm die gebotenen Grenzen. Man steht, wie ein Ein 
geborener von einem Löwen hingestrcckt wird und vernimmt Schreie 
der Todesangst: die, Kiiioleute, die in diesem Fall nicht ihren Appa 
rat im Stich lassen,, wirken schlimmer als Kannibalen. Leider hat 
die Filmzensur die günstige Gclegerheit verpaßt, sich einmal aus 
tWigM GrMM eWflMich 
In der gut geleiteten „Kamera" wird dieser Tage der Ruffey- 
film: „Erde" anlausem über den ich seinerzeit bei Gelegenheit 
einer geschlossenen Vorführung ausführlich berichtet habe. Er ist 
Isich- einigen Aenderungen endlich freigegHen worden. Lr« 
Zertrümmerung und KuMu. 
Berlin, rm Januar. 
Me Vokabeln, öle Zur Zeit in Berlin am meisten benutzt 
werden, sind ein ausgezeichneter Beleg für die gegenwärtige 
Geistesverfassung. Der unwissende Ausländer, der sie in einem- 
fort hörte unÄ läse, müßte Zum mindesten annchmen, daß wir 
uns mitten in einem schweren Umsturz befänden. So schlimm ist 
es allerdings nicht, aber die Wirtschaftskrise und die innerpoliti 
schen Schwierigkeiten haben das Gemüt so abgestumpft, daß ihm 
nur noch durch die bedrohlichsten Worts überhaupt Leizukommen 
ist. Wenn die Zaunpfähle, mit denen ihm gewunken wird, nicht 
gleich Gummiknüttel oder Totschläger sind, regt es sich gar nicht 
mehr über sie auf. 
Die Geschäftswelt hat das begriffen. Mit Ausdrücken, die 
jedem Volksgenossen Schrecken einjagen, lädt sie in Inseraten 
und Affrchen zu ihren Inventurausverkäufen ein. Sie 
erklärt in Schlagzeilen den Krieg, prägt Worte, die wie Fanfaren 
schmettern, und übertrW an Vermchtungswillen die ehemaligen 
Tagesberichte. Wer ist der Feind, gegen den sie sich einmütig 
wendet? Der Feind., das sind die Zu hohen Preise. Sie, die 
uns böswillig quälen, werden jetzt in einem Ton angegriffen, der 
seit einiger Zeit sozusagen Zum guten Ton gehört; oder doch zum 
parlamentarischen, nach den letzten Reichstagsfltzungen zu schlie 
ßen. Vielleicht kann man auch wirklich nicht mehr anders gegen 
die Preise an. Daß man ihnen „radikal" Zu Leibe rückt, ist noch 
das Geringste, und ich weiß nicht einmal, ob bei dem augen 
blicklichen Verschleiß an radikalen Deklamationen dieses Ver 
fahren die Preise ernstlich zu erschüttern vermag. Aussichtsreicher 
ist schon, daß viele Reklamen ihnen ein „Knockout" ansagen, das 
immerhin aufhorchen läßt. Dem vom Ring hergeholten Gleich 
nis steht ebenbürtig jenes Versprechen Zur Seite, nach dem sie 
einfach in den Abgrund ,,sausen", ohne erst über ein paar lum 
pige Prozente Rabatt zu stolpern. Ich sehe ordentlich, wie sie von 
kräftigen Leuten mit heraufgestülpten Hemdsärmeln die Treppe 
herunterbefördert werden. Es werden übrigens die gleichen 
Leute sein, die das Wort: „Rrraus damit" wahrmachen, das an 
manchen Schaufenstern angeschlagen ist — dieses Hausknechtswort, 
das die billig gewordenen Waren aus dem Laden verscheuchen 
soll. Gefährlicher noch als ein Hinauswurf ist die „Zertrüm 
merung". Sie scheint die beliebteste Kampfansage wider die Preise 
zu sein und entspricht wohl auch am ehesten dem Denken der 
Masse. In der Tat: nicht leicht konnte eine Parole wirkungs 
voller sein als diese, die an so gebräuchliche Alltagsdinge wie 
Fensterscheiben, Staaten, Atome ruck SprengmiLLel erinnert. 
Die Schlachterr und Boxmatchs sind bisher, wie es heißt, sieg 
reich verlaufen. Wir haben feindliche Preisnester ausgehoben und 
dem Gegner alles in allem schwere Verluste zugefügt. Dennoch 
male ich mir in schwachen Stunden eine glücklichere Zukunft aus, 
m der es bei solchen Anlässen unblutiger zugcht, in der die 
Preise und die Menschen nicht mehr Zertrümmert, sondern mit 
Sanftmut behandelt werden. 
O 
Richt durch die niedrigen Preise, sondern durch die Getränke 
steuer ist in den Berliner Restaurants die Pfennigrechnung 
wieder in Aufnahme gekommen. Ungeachtet der ökonomischen 
Naivität des Sprichworts, nach dem der einen Taler wert ist, 
der den Pfennig ehrt, Lassen sich doch aus der Art, in der die 
Menschen mit den Pfennigen verkehren, Schlüsse Ziehen, die mehr 
als einen Taler wert sind. 
Vsrausgeschickt müssen die unwesentlichen Tatsachen werden: 
daß ich in einer bestimmten Gegend eines weitläufigen Restau 
rants zu speisen Pflege, daß ich täglich dieselbe Zeche mache; daß 
unter den zahllosen Kellnern des Etablissements jeden Tag ein 
anderer dazu ausersehen ist, meinen Tisch zu bedienen. Ich bin 
vermutlich die Reihe der Kellner immer noch nicht durch. Da nun 
viele Gäste ungern mit Pfennigen wirtschaften, haben die Kellner 
zwischen verschiedenen Möglichkeiten die Wahl: entw^er können 
sie die Rechnung bis auf den Pfennig genau präsentieren oder die 
in Betracht kommenden Beträge gleich nach oben aörunden. Je 
nach dem Kellner, der mich bedient, erhalte ich denn auch für 
das gleiche Mahl von einander abweichende Rechnungen. An 
genommen, mein Konsum belaufe sich mit Trinkgeld und Steuer 
auf ungefähr 2 Mark, so müßte ich bald 1.99 Mark bezahlen, bald 
2.02 Mark oder gar 2.05 Mark. Ich habe die Erfahrung gemacht, 
daß die Kellner, die sich mit dem geringsten Betrag begnügen, zu 
gleich die tüchtigsten und teilnehmendsten sind, und halte es nicht 
für unerlaubt, aus diesen Anzeichen auch auf ihre sonstigen ver 
borgenen Qualitäten zu schließen. Die Vertreter der mittleren 
Summe sind MittelsortZ. Was die Vorkämpfer des Maximal 
Programms betrifft, so üben sie ihren Beruf rein geschäftlich aus 
und lassen mich, menschlich gesprochen, kalt. Der winzige Aus? 
schlag um Mei oder drei Pfennig gleicht dem eines Präzisions 
instrumentes, das beträchtliche unsichtbare Schwankungen ver 
zeichnet. 
Ich gestehe, daß ich mich mit der Getränkesteuer halb und 
halb ausgesöhnt habe, seit sie mir die Gelegenheit gewahrt, mich 
während des Essens durch charalterologische Studien zu zer 
streuen. Und es ist mir eine besondere Genugtuung, wenn ich 
schon im voraus errate, ob der Endbetrag 199 Mark sein wird. 
2.02 Mark oder 2.05 Mark. Eine unnütze Spielerei, mit deren
        <pb n="3" />
        Preisgabe ich, nebenbei bemerkt, keineswegs die moralische Absicht 
verbinde, das Lob der Bescheidenheit zu verkünden. 
Die Zerstörungssucht/chie zur Zeit so gang und gäbe ist, daß 
sie für Reklamezwecke ausgebeutet werden kann, vertragt sich 
Merkwürdig gut mit einem geradezu kolonialen Aufbauwillen. Ge 
bietet diese großartige Stadt über Versührungskünste, so gewiß 
nicht über die, die sie selber für Verführungen halt. Aber sie übt 
andere aus, die sehr wirksam sind, und einer ihrer Hauptreize'be- 
steht zweifellos darin, daß sie jenseits ihrer Großspurigkeit und 
je^es Phrasenschwalls mit stummer Verbissenheit um ein ge 
räumiges Dasein ringt. Für Melancholie ist Berlin ein schlechtes 
Pflaster. 
Den Lebensmut der Stadt bezeugt der Alexanderplatz 
auf drastische Weise. Im Zusammenhang mit der vor kurzem er 
folgten Eröffnung der Strecke nach Friedrichsfelde ist nun auch 
sein dritter Untergrundbahnhof dem Verkehr übergeben worden^ 
Das Gesamtbild dieser Anlagen muß jeden überwältigen, der noch 
Kind genug ist, um sich an Schienen, Bahnen und hübschen tech 
nischen Tricks zu erfreuen. Die drei Bahnhöfe, die über- und 
nebeneinander liegen, bilden etwa ein geheimnisvolles Ge- 
winkel, sondern wirken gewissermaßen wie ein blitzblankes Mo 
dell ihrer selbst, ein Modell, das von einem Liebhaber in Stun 
den der Muße mit allen möglichen Schikanen für die Enkel an 
gefertigt worden ist. Rolltreppen, die man immerzu hinauf und 
hinabfahren möchte,. verbinden die verschiedenen Geschosse mit 
einander, gewöhnliche Treppen nehmen die Passanten auf, die 
wider Erwarten nicht rollen, und ein breiter Gang gestattet dem 
Publikum nicht nur den Uebergang von Station zu Station, son 
dern Zwingt es durch seine Verkaufsläden sogar Zum Verweilen. 
Das heißt, einstweilen stehen d'ie Räumlichkeiten zu beiden Seiten 
noch leer, aber eines Tages werden ihre Auslagen ebenso schön 
erglitzern wie die der Metro-Passage unterhalb der klare 
Die Pariser Bahnhöfe sind allerdings, wenn man will, abgrün 
diger als die Berliner, und gleichen diese modernen Badezimmern, 
so jene altertümlichen Verließen; was nicht besagen soll, daß sis 
unpraktischer eingerichtet seien» Im Gegenteil, ihre Organi 
sation ist vielleicht klarer als unsere gerühmte . . . Auch der über 
irdische Teil des Alexanderplatzes befindet sich mitten im Auf 
bau. Neben dem Stadtbahnhof ersteht das Bürohaus von Peter 
Behrens, und an anderen Ecken wachsen wieder andere Stahl- 
und Eisenbetongerippe in die Höhe. Dazwischen fegt der Wind 
über Bretterböden und durch Baulücken. Und noch etwas ganz 
Unwahrscheinliches versteckt sich dazwischen: ein abgeschiedenes 
Stück Welt. 
Ich meine den Georgenkirchplatz. Man erreicht ihn über einen 
Vohlengang, der an Verschalungen vorbeiführt. Die häßliche Back 
steinkirche, die schon leichte Patina angesetzt hat, wird von 
klassizistischen Kleinstadthäusern umstanden, denen niemand ihre 
enge Beziehung zu Untergrundbahnen anmerkt Das träumt noch 
von Postkutschen und kann nicht mehr mit. Muß dieses ahnungs 
lose Idyll einmal den Anforderungen des weltstädtischen Ver 
kehrs weichen, wie man sagt, so wird es hoffentlich nicht mit 
einem Knockout ausgerottet werden wie jetzt angeblich die 
Preise. S. Kracauey, 
Drei Dichter weniger. 
Lr Berlin, im Januar. 
Nach Hermann Hesse find jetzt wieder drei Mitglieder der 
Dichterakademie zurückgetreten: Wilhelm Schäfer, E. 
Guido Kolbenheyer und Emil Strauß. Der Grund 
ist folgender: Gelegentlich der letzten Hauptversammlung war von 
verschiedenen Mitgliedern, vor allem den auswärtigen, der Antrag 
gestellt worden, daß Beschlüsse nur in Hauptversammlungen gefaßt 
werden dürften. Man fand vermutlich, daß die Berliner Gruppe 
durch ihre Anwesenheit nr der Reichshauptstadt bevorrechtet sei, 
und wollte den übrigen Mitgliedern die gleichen. Chancen ver- 
Wafren. Der Antrag ging durch. Um die Erledigung der laufenden 
Nrbenen nicht zu erschweren, wurde ihm die Bestimmung beigefügt,, 
daß in dringenden Fällen Beschlüsse von den Berliner Mitgliedern 
ohne vorheriges Befragen der Auswärtigen gefaßt werden könnten. 
Trotz dieses Kautschukparagraphen brach sich aber in Berlin bald 
dre Ueberzeugung durch, daß diese neue Geschäftsordnung unhalt 
bar sei. So bat man denn die Mitglieder im Reich, mit der Auf 
hebung des ganzen Beschlusses einverstanden zu sein. Sie erfolgte 
ohne nennenswerten Widerspruch. Ihre Wirkung ist das Aus 
scheiden der drei genannten Akademiemitglieder. 
So erfreulich der Drang nach Aktivität ist, dessen Stauung 
offenbar zu den Rücktritten geführt hat: die Frage taucht auf, wohin 
er sich denn nach der Meinung der manifestierenden Dichter hätte 
X. - 
entladen sollen. Um die in Berlin zu leistenden Kleinarbeiten wird 
es sich wohl nicht handeln. Weder ist die Beratung des Kultus- 
ministeriumA durch Hauptversammlungsheschlüsse zu erreichen, noch 
die Veranstaltung von Vorträgen in der Universität. Auch wäre 
es Lei eiligen Aktionen zu umständlich, immer erst die Zustimmung 
der Auswärtigen einzuholen. Was aber die Akademie in Berlin 
tatsächlich macht, sind in der Hauptsache solche mehr verwaltungs 
technischen Dinge. 
Woher also rührt in Wirklichkeit die Unzufriedenheit der zurück 
getretenen Dichter? Glauben sie sich benachteiligt? Oder tragen sie 
sich mit Plänen, die der Akademie endlich einen Inhalt zu schenken 
vermöchten und die sie sich vergeblich durchzubringen bemühten? 
Wir andern wünschten ja ebenfalls, daß die Akademie zusehends 
ihre Daseinsberechtigung bewiese. Man munkelt hier, daß bei dem 
ernen oder anderen die abweichende politische Gesinnung den eigent 
lichen Anstoß zum Rücktritt gegeben hätte. Wie dem auch sei: wir 
sind begierig darauf, die wahren Gründe des Ausscheidens kennen 
zu lernen, und warten auf die Erklärungen der drei Dichter, dene&amp;gt; 
gewiß ein Gott zu sa^en gab, was sie leiden. 
Wärmehallen. 
Von S. Kracauer. 
Berlin, im Januar. 
Die Natur in ihrer Güte behandelt alle Menschen trotz ihres 
ungleichen Einkommens gleich, und so müssen bei sinkender Tem 
peratur auch die Armen frieren. Da wir nicht die segensreiche Ein 
richtung des Winterschlafs kennen, sind jetzt vor allem die aus dem 
Arbeitsprozeß ausgeschalteten Personen in eine schwierige Lage 
versetzt. Sie empfinden bittere Kälte, ohne die Mittel zu ihrer 
Abhilfer zu haben. Um die gröbste leibliche Not zu lindern, unter 
halten die verschiedenen Berliner Stadtbezirke und auch private 
Wohltäter Wärmehallen, die von Oktober bis April in Be 
trieb sind. Der Gedanke an ihr Vorhandensein mag gerade denen 
zum Tröst gereichen, die in Gegenden mit Zentralheizung woh 
nen. Uebrigens funktionieren nicht einmal alle Zentralheizungen 
richtig; was vermutlich mit dem Zwang zum Sparen und der 
allgemeinen Verarmung zusammenhängt. Zum Glück werden wir 
in Bälde ein prächtiges Rundfunkhaus besitzen. 
* 
In der Acke r straß e liegt die große Wärmehalle des Wohl 
fahrtsamts Mitte, die jedermann ohne Ausweis betreten kann. 
Ursprünglich war sie ein Depot, in dem statt der Menschen Tram 
bahnen aufbewahrt wurden. Man sieht es dem tiefen Raum heute 
noch an. Er hat Oberlicht und enthält lauter sachliche Stützen — 
eine fachmännische Jnnenkonstruktion, die der Gleise bedürfte, um 
ganz vollkommen zu sein. 
Wo einst die Wagen geputzt wurden, wimmelt es jetzt von 
Menschen, die schon lange nicht mehr geblinkt haben. Trübe und 
Armut sind bis auf weiteres Geschwister. Wieviele Leute sich hier 
täglich versammeln? „Ungefähr 1800 bis 2500", bedeutet mir der 
Hallenleiter, ein wohlmeinender Mann, der sein Stammpublikum 
kennt und mit den Besuchern anscheinend auf gute, Art fertig 
wird. Sie stehen — junge Burschen, Männer und Greise — in 
Gruppen zusammen, sitzen wie in den Arbeitsnachweisen auf 
Wartesaalbänken und genießen die Wärme, die eine Voraussetzung 
nackten Lebens ist, als besondere Wohltat. Gespendet wird sie 
von einem in der Mitte des Raums untergebrachten Ofen, dessen 
Rohr sich beflissen an den Stützen vorbeizieht und rein durch seine 
unermeßliche Ausdehnung den Hauptzweck der Halle versinnlicht. 
Die Ueberdeutlichkeit der Wärmevorrichtung ruft mir jene Ofen 
anlage ins Gedächtnis zurück, die wir während der Militärzeit in 
unserem Mannschaftsraum dazu benutzten, um dünne Kartoffel 
scheiben zu rösten. An die Kasernen erinnern nicht zuletzt auch die 
Aborte, denen die Türen fehlen, weil man es sonst, wie mein 
Führer erklärt, vor Geklapper nicht aushalten könnte. In dieser 
vielbenutzten Oertlichkeit waltet ein Schuhputzer seines Amtes. 
Eine andere Stube, die an die Halle grenzt, ist der Arbeitsraum 
des Friseurs. Sein Schönheitssalon unterscheidet sich von denen 
im Westen nicht nur durch die billigen Preise — Rasieren 10 Pfen 
nige, Haarschneiden 30 Pfennige —, sondern auch durch den Um-
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        stand, daß er ein ausgeräumtes Zimmer ist, in dem die Klienten 
vor spiegellosen Wänden sitzen. Wer schließlich geht es ja so, 
und wer wollte gern Las eigene Elend bespiegeln? 
Der Müßiggang,. der sicher auch dort, wo er nur zwangsweise 
herrscht, aller Laster Anfang ist, erzeugt ein Geflüster, das die 
Halle genau so erfüllt wie das Ofenrohr. Aus diesem Raunen 
heben sich nach und nach immer wiederkehrende Gespräche heraus, 
die sich auf Rauchwaren, Schuhe, Sweater und andere Objekte be 
ziehen. Obwohl auf den Wänden geschrieben steht: „Handeln 
strengstens verboten", wird eben doch in gewissem Umfang ge 
handelt, und die Verwaltung tut recht daran, daß sie die Leute 
stillschweigend gewähren läßt. Denn die Paar Dinge, die hier von 
Hand zu Hand gehen, sind schlechterdings lebensnotwendig. Ich 
habe sie betrachtet, diese Zigaretten und Gummisohlen, und es 
war mir dabei zumute, als hätte ich sie Zum ersten Male gesehen. 
In der Hallenwelt hören sie auf, bloße Waren zu sein, sie werden 
zu unersetzlichen Gütern, und nichts vermöchte mehr zu rühren als 
der Schimmer, der ihre Armseligkeit umgibt. 
Ausgesteuerte und Leute, die in der Wohlfahrt sind, bilden das 
Gros. Auch Doktoren seien unter ihnen zu finden, betont der 
Leiter nicht ohne einen Anflug von Trauer und Stolz. Er be 
gleitet mich durch den Saal, um einen der Doktoren aufzutreiben, 
kann ihn aber nirgends entdecken. Sobald er sich nähert, treten die 
improvisierten Handelsherren möglichst unauffällig den Rückzug an. 
Zur Entschädigung für den ausgebliebenen höheren Wärmekunden 
zeigt er mir den durch Holzwände abgetrennten Frauenraum, in 
dem die Weiber so durcheinandergewürfelt Hocken und schwatzen, 
als erwarteten sie an einer östlichen Grenzstation die Ankunft des 
Zuges. Der Zug kommt aber nicht. Sie sind jung und alt, häßlich 
und hübsch. Eine flickt einer anderen den zerrissenen Rock, und 
mehrere von ihnen betätigen sich wahrscheinlich in zweifelhaften 
Berufen. Ich bemerke, daß es bei ihnen und in der Männerhalle 
friedliebend zugeht, um nicht zu sagen harmonisch. Der Führer be ¬ 
stätigt diese Beobachtung und fügt hinzu, daß Verlauste und Be 
trunkene nicht ausgenommen werden. Die Trunkenbolde, nebenbei 
bemerkt, heißen „Brennabor", eine Wortbildung, die weniger von 
den Gummireifen als vom Brennspiritus herrührt. 
„Wie leben alle diese Leute?" erkundige ich mich Leim Leiter, 
„Viele von ihnen", erwidert er, „verbringen hier die Zeit, 
zwischen 7 und 3; solange ist die Halle täglich, auch Sonntags ge 
öffnet. Um 5 Uhr suchen sie das Asyl auf, wo sie schlafen können 
und verköstigt werden. Das Asyl schließt um 6 in der Frühe und 
dann kommen sie wieder zu uns." — 
Nach einer Pause: „Arbeit zu finden, ist schwer. Und wenn sie 
gefunden wäre, müßten die Leute erst noch eine Zeit lang unter 
stützt werden, um sich wieder an ein menschenwürdiges Dasein zu 
gewöhnen." 
Geboten wird den Besuchern ein halber Liter Kaffee für 5 Pfen 
nige und vier Brötchen zu 10 Pfennigen. Eine Kostprobe über 
zeugt mich davon, daß der Kaffee anständig schmeckt. Die mehr 
geistigen Ansprüche werden durch einen Radioapparat und -ins 
Bibliothek zu befriedigen gesucht. Das Lesebedürsnis soll kuriosei- 
weise an den eigentlichen Sonntagen größer sein als an den werr-, 
tägigen; vielleicht aus dem Wunsch heraus, die Erinnerung an jene 
Fcierzeit zu bannen, die mit dem Einerlei des notgedrungenen 
Feierns nichts gemein hat. Ich durchstöbere die sogenannte Biblio 
thek, eine Zufallskollektion abgelegter Werke, die wer weiß wo ihren 
Weltlauf begann, dann vielleicht in ein Krankenhaus gekommen ist, 
und nun in einem Schränk von mittlerer Größe ihre letzte Ruhe 
statt gefunden hat. Sie bestreitet ihre Existenz mit HarbouZ und 
Brachvogels, erstreckt sich von den „Quitzows und ihrer Zeit" bis 
zu Anzengruber und erhebt sich in einem Anfall von Uebermut zu 
Knechts Kommentar zur biblischen Geschichte. Am meisten Gewicht 
haben die Pensionierten Zeitschristenbände von „Nord und Süd" 
und der „Gartenlaube" aus den achtziger Jahren. Die Unter- 
Haltung, die sie liefern, ist den Interessen der Gegenwart nicht 
minder entrückt wie die Halle selber und ihre Besucher. 
Das Lagesheim in der Neuen Konigstraße muß früher eine 
Wohnung gewesen sein. Ihre Leiden geräumigen Zimmer liegen im 
Parterre und blicken auf einen ruhigen Hof. Seine Abgeschieden 
heit drückt den Zustand aus, in dem sich die Gäste des Heims be- 
fmden. Diese Sozialrentner, diese Unterstützungsempfänger, die 
durch einen Unfall zu Schaden gekommen sind — auch ihnen hat 
das Leben den Rücken gekehrt. Nun überdauern sie hinter ihm die 
endlosen Nachmittage in den zwei Stuben. 
Herrscht in der Ackerstraße die Armut, die nichts zu verlieren 
Hai und darum immer noch einen Ausstieg erhoffen darf, so hier 
eine die endgültig herabgesunken ist und nichts mehr gewinnen 
kann. Jene wäre der Rebellion fähig; diese muß verzichten lernen. 
Die meisten der 40 bis 50 Männer und Frauen, die das Heim 
bevölkern, haben bessere Zeiten gesehen. Einer von ihnen war 
26 Jahre lang Dolmetscher, ein anderer Reichsbankbote. Ihre 
Kleidung und ihr Benehmen bezeugt noch das Verlangen, den 
Schein der Verhältnisse zu wahren, aus denen sie kommen, und 
ein ehemaliger Eiseleur wirkt beinahe als Herr. Sie erinnern sich 
ihrer Herkunft und erlangen dadurch einen Halt; sie addieren un 
willkürlich zum trüben Licht, das die Zimmer vor der Dunkelheit 
rettet, den Glanz der Bürgerlichkeit hinzu, in deren Schatten sie 
sitzen. Kleiner verarmter Mittelstand — er wird sich nicht wieder 
erheben. 
Der Ort, an dem er seine letzte Zuflucht findet, ist kein Depot 
wie die Halle in der Ackerstrabe, sondern im wörtlichen Sinne ein 
Heim. So ist es in Ordnung; denn da die Besucher ohne Anschluß 
an die kämpfenden und aufstrebenden Schichten sind, kann ihnen 
nur eine Stätte Vorbehalten bleiben, die zugleich eine Sackgasse 
ist. Das Heim gewährt ihnen einen Unterschlupf, aber man zieht 
durch ein Heim nicht hindurch. „Die Leute bei uns", sagt mir der 
gutmütige Verwalter, der jeden Kunden freundlich behandelt, 
„kommen in der Regel hierher, um ihrer Einsamkeit Zu entrin 
nen. Wenn sie auch alle ein einigermaßen geordnetes Zuhause 
haben, so stehen sie doch allein in der Welt und sind auf die 
Freuden angewiesen, die ihnen ihre Gesellschaft bereitet". Als ein 
Bollwerk gegen die Oede draußen ist das Heim in der Tat von 
einer Gemütlichkeit, die den Außenstehenden ungleich trostloser 
anmutet als das unbehagliche Wesen der Ackerstraßenhalle. Noch 
hängt oberhalb der Durchgangstür das girlandengeschmückte Oval: 
„Fröhliche!!! 
Weihnachten!!!", 
Hessen Ausrufungszeichen die Anstrengung verraten, die hier 
die Fröhlichkeit kostet. Es soll vielleicht in der Absicht überwintern, 
durch seine magische Gewalt die entschwundene Fröhlichkeit fest 
zuhalten. Und an der einen Schmalwand hat sich auch das Klavier 
eingestellt, das wie die verblichenen Girlanden zu den unver 
meidlichen Repertoirestücken solcher Zimmer gehört. 
Die Alten rauchen ihr Pfeifchen, dösen vor sich hin und spielen 
Skat, Schafskopf und Schach. Sie wärmen sich nicht nur in den 
Räumen, sie erwärmen sich mehr noch aneinander. Wie die Be 
sucher der allgemeinen Wärmehallen sind sie mit den Errungen 
schaften des Radio ausgestattet und verfügen über eine Bibliothek, 
die sogar verschiedene neuzeitliche Kriminalromane enthält. Der 
Verwalter drückt den Wunsch nach Zeitungsspenden und illustrier 
ten Blättern aus, und es wäre den Zurückgezogenen auch wirklich 
zu gönnen, daß sie ein Echo des Lebens erreichte. Denn das leib 
hafte Leben geht am Hof vorbei und über sie weg. 
Ein kalter Wind fegt durch die Straßen, die ohne Sanftmut 
sind. Auf dem Bülowplatz leuchten Transparente mit den Namen 
von Lenin und Stalin. Und gestern ist wieder einmal eine deutsche 
Schönheitskönigin gekürt worden.
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8oU^Q, vLry Zu Vtzl verlsuZt, VsLebtst Zu ^sräem 
vsrälMt sÄns Umuuv^, äLÜ äis Köläusr äsr 
lst ohne Zweifel ein außerordentlicher 
Komiker dessen Bankdrener durch seine gelenkige Betretenheit 
Um Lachen zwingt; . Hermann Thimig ein nobler BankdirekLor; 
Senate Müller ein LippEdchen wie aus den Romanen der 
illustrierten Zeitungen. Aber wedep ihr Zusammenspiel noch die 
rommi^be Mache vermag den im Capitol laufenden Film: „Die 
H r r d a r fe k r e L ä ri n" Zu retten, in dem wieder einmal die 
nsbrers llsüro, äsren kebrsekHusHrtziAmsss trotZ äsr mnu Muräs in kruMMell ZM ärs „VehMsrns^irt- 
rbsseböniZtbn ^rsäsrZLbs kaum vorstsilbLr smä. sebakt" Lusmerbkum unä srnanntG Zum UuMvlAsr 
ulstZt srlösts ibn sind seb^Hrs VrkrLnLunZ Aus äss disbsrigsn UymmLnäsnten VLwn ä^ZMisa' 
sm lnksrno. äsn Uls N,MrmZ.tor äsr krLnZMZebM GMnMisso 
SLensthpistin ausgerechnet den BaMirekLor bekommt Diese von 
der Filmmdustrie mit , Vorliebe gestifteten Partien Manen wicht 
MM der Wahrheit ins Gesicht, sondern befestigen auch schädliche 
SS-.-SLLk- -- 
nmnsodGn M'sräHo was Mx. ^chsnäLnt Z'LdiAm unä Ueb Zu vsrnsbmsü. Das VrZsbnis ssmer RMGulLbr 
äsr ssrASTnt ?LN8Ärä. M sd cks TknkÄMsaüs Lonns Ist i — u äßW - V - u - e — b: - r - »VZ.viH bL , t m - , e . bts Zsssbdv" 
viobt sobou MIMA vuk'sü Luriedts, miauen Ä« vwämMlssst Svssss MseksmM dsvrrkts, v»s ES 
immer »E Uartsr um wrs K» 
nc ganz,so oc ewese, er en 
ollem der im Mozansaalgezeigie Film: „D eH e g n a ch R i o", 
des verstorbenen Regisseurs Manfred N o a. Ein 
l7 !? aus der serre der Mädchenhändlerfilme, die in den stummen 
Mten grastlerten Aber das schadet nichts: , denn einmal ist die 
Wiederaufnahme d,e,es rmmer noch aktuellen Stoffes erfreulicher 
» 5°",?MEigen Großväterlustspielen, und Zum anderen 
werden die typischen Vorgänge, die das Schicksal der Heldin be° 
daß sie wie eine Illustration zu 
der Reportage von Albert Londres anmuten. Man kann aus dein 
^L. jo^ezn er fesselt auch durch seine, 
.phrasenhafter Dekorationen bringt er rea? 
^LrHe M statt des noch vielfach üblichen Schneckentempos 
oer Büdsolge euren raschen Wechsel der EinstMmgem In der 
Literatur gehörte das Werk zu den spannenden Unterhaltungs- 
schurkischen Mädchenhändler Homolküs könnte man 
Ws ' VnALSMKMs ÄE ÄE UAmbwKsr 
FlisnkG nvtsr äZW AM; „Vin ?ro!st in 
äsr ^xDWäßylHZisN^ (LAis-^sriKZ, 
MriiL) ^rökkeMlcd^ neiedsu von äsn Msür oSsr 
^snIZor dokaontev VsrioLtsn Wsr Äs DsAwn äsrm 
^.d, LL M LtLväMnkt äss 
brolotÄkiofs UM WLebnbdHN sinch Diasy bimnä« 
LLltuLg; äls ß ' M ' m ' I " ÜM ' VE Vxkurssv unä ZM " - 
rsiebsu krMZebdu ^nmtzrkunZHN vsräsuMM, drlQZt 
sdsr mrMuäs äis ll'LtsLebou um ibr RsM, soväsru 
fMdt ms nur um sy sabärksr bsrAUs. Vs ^rä 
-^smss ZbbUäßruuxsu äsr FrbMäMlsAou Ksdsm äio 
80 MQLU unä ärZstised äis srUttHAGA UMsuguLlHu 
vsrZsZHv^ArtiZHR uuä sied Zugisiob so bs^onnM 
LsebSüsekM MsZsu Lbsr äis bnwäO äss brsusl- 
«vstsms. 
vsr LEKr, ^au rlmpls Kprso^ mittelbar 
Ms i o« b V i mM J L V M it ssrsiu 1 s S r M ^uakW ^ ior d bu M uusslsl ab b s S stL W Ü ^ gt, Uek 
siob im JViutsr 1SM au rdM, psabSW 
lladrs KnZ änrvk LoUanch M^sa anä ^orä- 
MLnkrswd Kstippslt -^nr. Ms chZ mmKtsn trieb idn 
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u^eZiov. ^UUN var er smZGrsibt, so wnräs sr 
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Lnttzn Uüä 6MLM spÄorbA NuebtvsrFueb Zu MÜL Vs 86Ü6mt, äak äis von Am ckar^sstsIItHB 
ZÜrsn ^^LQZSLrdbit vsrurtMt. lu äsn vsrsebißäs- kommniLss zsnsr ÜLdrs soALp äus Null äW sonst in 
rsn VtraklLKsrn NaruMos verbruobts sr Zann äbr üdremäHulsxiou üMliobsn llbsrsebrsiisu. Osnn 
bskM»M LMtw MsM». di-M S«r 
ckesss ünwMM ALNuos bssssrion mcb Ls Vsrds.lt- 
nis«: venu »uej» mius» Kut«» Msiobtsu SrsuMU 
ZssstZt ^LrM, äis äst VrZÄülsr sreksrliblr rrekAZ! 
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liekksit kMrts Ldbr voek Zu smsW lmäsrHN, vieM- 
Koran Lrmxms! rnr ksiss vo» Llbsrt Lo»-! 
strss LLsb äs» vsportLtiouslsMru Erikas. Qiisuke 
xrsW mit V«bt äisssu bsrlikmtsv llonrvrlietsv,! 
stör ein krsuuä »ller Ilutsrärüeict«» ist. Lr v»r — 
sur Mrs I&amp;gt;s.ukrsieb» sei es 8WäZt — vorn Lri^s-i 
Ministerium dsnnktrazt vorcken, jsäsu siurslasn 6o- 
WerNner Iitmchronik. 
Berlin, in! Januar. 
An einheimischen Produkten wäre schließlich „Die Marcmise 
v o n P o m p a d o u r" zu erwähnen, eine Operette im Stilgewand 
die so belanglos ist. wie die andern Filmoperetten auch. Die aanze 
Gattung gehörte auf den Aussterbeetat. — Friedericus Rex mit 
seinem Ndtenkonzert hält sich unerbittlich im Ufa-Palast am Zoo, 
und behauptet dort vielleicht noch 7 Jahre hindurch seine Stellung 
L.ank jener srenzenlosen Lust am Militär, die den Remarque-Filni 
m«t ertragen, kann, ^der dafür dem Schwank: „Drei Tage Mttel- 
arrest' eine Lebenszeit von bereits drei Monaten ermöglicht, 
* 
Äußer den! vorzüglichen amerikanischen ExpeditionSsilm: 
Mit Byrd zum Südpol" (Marmorbaus) läuft zur Zeit 
im neu eröffneten Tauentzien-Palaft ver Harold-Llohd-Film: 
„Harold der Drachentöter" in der Originalfassung. Mag 
die Vehemenz der amerikanischen Groteske durch den Ton auch 
etwas eingeschränkt werden — sie rast immer noch mit einer herr 
lichen Unlogik und unaufhaltsam dahin. Obwohl der Film ein Paar 
tote Stellen Hai und gar nicht zu tönen brauchte, um verstanden 
zu werden, ist er für uns, die wir jetzt fortwährend die törichten 
Dialoge sprachunkundiger Manuskriptverfasser anhören muffen, ein 
lang entbehrter Genuß. Wie in den entschwundenen Tagen des 
stummen Films überrennen sich die witzigen Einfalle und 
komischen Bildsituationen, und das ganze Kaleidoskop ist von einer 
großartigen Unbefangenheit, die Lei uns, so scheint es. nicht mehr 
gedeihen will. S. Kracauer. 
äeuleUwrn äsrsn Osviss: „Narsobiß-rs säsr vs..r° 
reeLb^ luutst, äisss LarolG äeremst m emsw 
ueusn Kinns WZ-brnrLeben unä siob Zu mnsr „kurebt^ 
dursu KtoüdnZLäv äes HÄSKbnkmnxkbs^ Et^-iekslv 
können. 
Z» LrnbLUsr, 
lLsssu Ls 6sk»v8susv bur»8«m m,ä ckursts», »i« öarmr äLssumr mä M 
Mrvichdo^» vo^ «ch vony Lnss^snobt &amp;gt; sr»»tvortss 
nnä Ors VM§s ist, 6^.3 sied As ünsä- WMtON. 
^äks dsvöl^srn nnä visis sieb verMwmsln aäer 
oäsr: „OrßHmsrt^ Ldsr meN 
unä m äsr sntMMscchtsn VwMdnnA HMNU sa Um EunWüßN m M^sssnbtzit äsr VorZssstÄGn psr^öv 
" 
erst-r Tonfilin: „Ihr e Ma s e stä t di e Li eb c" 
(Gloria-Palaft) ist «in Schwank aus der Fabrik von Bernauer 
Österreicher usw der zwischen einem armen Bar-mädel und einem 
reichen sungen Industriellen spielt. Mrd er das Mädchen trotz 
her Verwandtichaft heiraten oder nicht? Die Ani- 
'teckt schon rm Titel. Bis er ganz am Schluß zu ihr kommt, 
wickeln sich regiemaßig geschickt ausgemachte Szenen ab, die aber 
alles ,n allem doch nur den verderbten Geschmack neiideutschrn 
Umust.mcnts bezeugen. Dos ist schwer, wo es leicht sein sollte: 
v^s vermengt unaufhörlich den naturalistischen Stil mir dem der 
KD das hat einen Dickwanst und fällt auf die Nerven. Zum 
.^luck Wirkt v. Nag!) mit, die in einem wunderschönen Auf 
tritt vor '^-luck vow Lachen zum Weinen übergchen muß. Diese 
winzige Episode rst ein Stück Echtheit im unechten Stück.
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        / . ^6^-63 
Sendekalion. 
I. Das Haus / S» Kraesuerr 
Wer dem neuen Berlrner Rundfunkhau s Auge in 
Auge gegenübersteht — es befindet sich an der NlasurenMee, dicht 
beim Funkturm und den Ausstellungshallen wird beinahe ge 
waltsam dazu genötigt, die erstaunlich raschen Erfolge des deutschen 
Rundfunkwesens zu Überschlagen. Aus unscheinbaren privaten An 
fängen hat es sich in Kürze zu einer allgemein sanktionierten Ein 
richtung entwickelt, die nicht mehr aus der Öffentlichkeit wegzu- 
denken ist; aus provisorischen Behausungen beginnt es in riesige 
Bauten überzusiedeln, die repräsentieren möchten. So wichtig die 
Frage nach den Gründen und dem Sinn dieses unerhörten 
Triumphzuges wäre — ich habe nicht die Absicht, sie gerade bei der 
Einweihung des Hauses von Poelzig zu stellen. Denn ihre Be 
antwortung reichte weit über den gegebenen Anlaß hinaus und 
führte mitten in die Erörterung unserer sozialen und geistigen. Ge- 
samtsituation. Dergleichen hat seine Zeit Inzwischen lassen sich 
vielleicht aus der Betrachtung des Hauses an der Masurenallee 
einige Aufschlüsse gewinnen, die nicht nur das Architektonische be 
treffen. 
Der große symmetrische Komplex, der die Verwaltungsräume 
der Reichs-Rundfunkgesellschaft, der Deutschen Welle und der Ber 
liner Funk-Stunde umfaßt, ist außerordentlich zweckmäßig und 
übersichtich gegliedert; wofür übrigens schon die Tatsache spricht, 
daß sein Grundriß wie der jeder guten Raumlosung den Reiz eines 
schönen Ornaments besitzt Er hat ungefähr die Gestalt eines Drei 
ecks, dessen größte Seite die Haupifront bildet. Die beiden anderen 
Seiten sind leicht geschwungen. Pon dem unmittelbar hinter der 
Frontmitte gelegenen Lichthof strahlen die drei Sendesäle der Funk 
Stunde mit ihren Probesälen und dem Senderaum der Deutschen 
Welle fächerförmig nach den geschwungenen Rundbauten aus eins 
Anordnung, durch die nicht nur der Schutz der Rämne gegen den 
Straßenlärm, sondern auch ihre bequeme Zugänglichkeit von allen 
Perwaltungsstellen erreicht wird. Die Außenteile der Dreiecksaulage 
beherbergen unter anderem Vortragszimmer, den Sitzungssaal der 
Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, die Räume des Rundfunk-Kom 
missariats und einen Saal für das zukünftige Rundfunkmuseum. 
Ferner ist im Souterrain eine Schwemme für die Künstler und ober- 
^Llb des MiLLelsaales ein Dachgarten vorgesehen, an den sich ein 
Angestelltenkasino schließt. Die Fürsorglichkeit wird bis zu vier 
Hotelzimmern voraetriebem in denen die auf der Durchreise 
„1914." 
Lr Berli«, im Fansar. 
Die Spannung, mit der viele dem Film: „1914" entgegen» 
sahen, ist, wie die heutige Premiere im Tauentzien-Palap bewies, 
nickt gerechtfertigt gewesen. Ohne mich auf die politische Bedeu 
tung dieses Erzeugnisses einzulassen, die an anderer Stelle unseres 
Blattes behandelt worden ist, stelle ich nur fest: daß es weder 
den Manuskriptverfassern noch dem Regisseur Richard Oswald 
gelungen ist, mit filmischen Mitteln die Mächte zu bannen deren 
Zugriff oder auch deren Ohnmacht zu den Kriegsentscheidungen 
führten. „Die letzten Tage vor dem Weltbrand" heißt der Unter 
titel des FilmS. In der Tat: er veranschaulicht lediglich das 
Unwesen der historischen Figurinen, die in zwölfter Stunde zu 
sichtbaren Exponenten des großen Krastespiels wurden. Waren 
selbst alle ihre Gespräche, ihre Unterhandlungen und Telegramme 
aktenmäßig beglaubigt - ein Teil der Szenenfolge ist es keines 
wegs, sondern Stilisierung oder seelischer Schmuck —&amp;gt; so enthielte 
der Film dock nicht die geschichtliche Wahrheit, da er viele schwer 
wiegende Tatsachen mitzuteilen verabsäumt, aus denen sich dre 
KabinettsbeWüsse und Ministerintrigen erst erklären. Er ist eine 
Kombination nach der Art, wie man sie früher in den Schul» 
lesebüchern fand. Und die Episoden, die er vergegenwärtigt, sind 
nichts weiter als ein Gespensterreigen. Richtige Gespenster sind 
schaurig; diese schablonierten nur leer. 
Die ungenügenden Absichten haben eine mangelhafte künstle 
rische Ausführung zur Folge. Nach ein Paar Meter Bethmann-Holl- 
weg kommen zwanzig Meter Innenleben deS Zaren und Geschluchzt 
der Zarin; und so fort. Eine rasend gewordene Drehbühne, deren 
Bilderwirbel wie die Illustration zu einem Text anmutet, den sie 
durch ihr zusammenhangloses Ungestüm noch einmal desavouiert. 
Es fehlen die montagemäßigen Bindungen zwischen den Auftritten, 
es fehlt die überragende optische Einheit, die dem ganzen Film eine 
Gestalt verliehe. „Die letzten Tage vor dem Weltbrand" — sehr zu 
seinem Nachteil ruft der Titel den eines Meisterwerkes von Pu- 
dowkin inS Gedächtnis zurück. Aber das ästhetische Kuddelmuddel 
ist nur die Rache für den Dilettantismus, der hier Geschichte zu 
verfilmen unternimmt. . „ . 
Da sich die Schauspieler in der Hauptsache darauf beschranken 
»mflen, gehaltlosen Repräsentationspflichten nachzugehen, läßt sich 
nichts über sie sagen. Aus ihrer Menge ragt der Zar Reinhold 
Schünzels hervor, dem allerdings schwere psychische Kämpfe abver 
langt werden. 
befindlichen Rundfunkgäste nach Gefallen näGiger^nägen 
^ch schweige von der Fernlüftung, dem Geschick, mit dem die 
wH Korridoren umergebracht sind, und anderen 
techngchen «chlkanen. Von allgemeinem Interesse ist imwer- 
dre Emrichtung der drei Säle. Sie suck in jedem Geschoß 
^..schackdamM Gängen umgeben und haben der besseren 
- akr-nfchen^ Wirkung wegen eine schwach konische Form. Ueber 
den großen Mittelsaal läßt sich einstweilen nichts weiter saaen 
als Laß er unermeßliche Dimensionen hat. Sein Ausbau soll 
erst erfolgen, wenn noch mehr akustische Erfahrungen vorlieaem 
Wahrend der eine der beiden seitlichen Säle, in Putz gehalten ist 
besteht der andere durch und durch aus Holz. Das heißt, es bedarf 
nur der Drehung seiner verstellbaren Wandbekleidung, um Täfe 
lungen aus weißlichem Celotex hervorzuzaubern, die irgend 
welchen Schallzwecken dienen. Um alle drei Säle laufen Galerien 
und Orgeln gehören zum guten Ton. 
Die Ausstattung ist sparsam und streng. Dunkelbraune Keramik 
streifen, die mit rabiater Systematik vom Erdboden senkrecht auf 
steigen und einander in so Lichten Abständen folgen, Laß^an^sie 
umblättern zu können glaubt wie die Seiten eines Buches/ be 
stimmen Las Lurch Llauschwarze EiseMinker verdüsterte Gesicht 
der 150 Meter langen Fassade. Zum Glück sind die Seitenwände 
weniger fanatisch urw begnügen sich mit den Glanzeffekten Heller 
Klinker. Im Innern wäre zu verzeichnen: der ebenfalls mit 
Keramik bedachte Lichthof, in dem es nichts zu lachen gibt; der 
geschäftliche Ernst der Farbtöne in den Fluren; das rein sach 
liche Gehaben der Säle, denen auf der Stirn geschrieben steht, 
daß sie technisch vollkommen ausgerüstet sind und alles, was 
in ihnen schallen kann, darf und will, prompt weiterleiten. Von 
Mr Wichtigkeit, Ke im ganzen Dreieck herrscht, heben sich eigent 
lich nur die graziösen Beleuchtungskörper der nach den Höfen 
zu gelegenen Treppenhäuser ab. 
Kurzum ein Bauwerk, das eher drohend als heiter ist und ent 
schieden mehr an das Verwaltungsgebäude eines Konzerns als an 
eine Stätte geistiger und künstlerischer Leistungen erinnert. Ich 
fürchte fast, daß eine Art vom Mißverhältnis zwischen seiner Büro 
schwere und den Rundfunkprogrammen besteht und kann auch 
nicht umhin, mir bei seinem Anblick das große Warenhaus am 
Hermannplatz ins Gedächtnis zurückzurufen, das eine gewaltige 
Festung ist, die mit heimlichen Kanonen gespickt zu sein scheint, 
statt mit Verkäuferinnen und Waren. Wie lauten denn die Rund 
funkprogramme? Sie reden gewiß von so bedeutenden Themen 
wie dem gemeinnützigen Wohnungsbau, den Herztönen, dem Ski 
sport, dem Arbeitslosenproblem und den Bahnbrechern der Heil 
kunde, aber sie bringen auch ebensoviele rein unterhaltende Dar 
bietungen: Lustige Abende, Kabarettveranstaltu^ Hörspiele 
und Konzerte. Es wäre möglich, daß die Künstler nicht ohne Be 
klemmung die Senderäume betreten/ und daß die Musen in der 
Umarmung der Verwaltungskorridore ein wenig frösteln. 
Fest steht jedenfalls, daß das Gebäude nicht durchaus die 
Leistungen repräsentiert, um derentwillen es errichtet wurde. 
Auf der anderen Seite erstrebt es unverkennbar eine repräsenta 
tive WMung. Was aber stellt es nun eigentlich vor? Ich weiß 
es nicht recht. Ich weiß nur das eine, daß es gleich manchen 
anderen Gebäuden, die einen bestimmten Inhalt zu formen 
hätten, ein Pathos an den T-ag legt, das sich mit diesem Inhalt 
nicht deckt, ein gewissermaßen vecselbständigtes Pathos, Las auf 
eigene Faust durch die Welt klirrt. Warum so allein und feierlich, 
ist, man zu fmgsn versucht. 
Im Galle des Rundfunkhauses, dessen großartige Disposition 
die Meisterhand Poelzigs verrat, kann, wie ich meine, der Grund 
für den Ueberschuß an Würde und gerunzelter Stirn nur darin 
liegen, daß die Idee des Gebäudes nicht kräftig genug ist, um 
eine ihr angemessene Gestalt Zu ermöglichen. Die Neutralität des 
Rundfunks ist ein Kompromiß, der keiner höheren Einheit unter 
steht, sofern sich Zwangsweise aus den Machtverhältnissen der 
politischen Parteien ergibt. Und so ist seine Fülle oft notge 
drungen ein Füllsel endloser Stunden, und seine Buntheit das 
Widerspiet zusammmhangsloser Publikumsansprüche. Der Bau 
künstler findet sich also der Aufgabe gegenüber, den Gehalt einckr 
Institution räumlich darzustellen, die sich trotz ihrer anerkennens 
werten Bemühungen um Qualität unter den augenblicklichen 
Umstanden kaum einen positiven Gehalt erkämpfen kann. Es bleibt 
ihm nichts anderes übrig, als sich von den unzureichenden Stützen 
zu emanzipieren und das Fckrmengewand nach freiem Ermessen 
ZU schaffen. Auch sonst lassen ja die Inhalte den Architekten häufig 
im Stich; was allerdings keine Entschuldigung für die pomp 
haften Fassaden ist, denen man gerade in Berlin immer wieder 
begegnet . 
Aber daff Poelzighaus offenbart nicht nur mittelbar die be ¬ 
gründete Verschwommenheit der Rund^unkidse, es gibt darüber 
hinaus einen wesenllichen Zug des Madiobetrrebs preis. Nicht 
aus Willkür ist es so rigoros und ähnelt dem Sitz einer in 
dustriellen Zentmlbchörde. Durch sein ganzes Stilgebaren kenn» 
zeichnet es höchst genau den Warencharakter der geistigen 
Leistungen, die hier vonstatten gehen. Sie werden in den drei 
Sälen wie ein beliebiges Fabrikat erzeugt, verpackt und auf draht 
losem Weg den Konsumenten ins Haus geliefert. Eben diese ihre 
DoppelbedeuLung als Schöpfung und Ware verleiht ihnen jene 
Unhermlichkeit, die auch das hervorstechendste Merkmal des neuen 
Hauses ist. Wider Willen vielleicht macht es die verborgene Eigen 
schaft des Rundfunks sichtbar: ein Großunternehmen Zu sein, das 
die Produktion der Forscher, Literaten und Künstler in gebrauchs 
fertige Produkte verwandelt.
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        LOS^kiM MI1M IK OD XVLI.'rOLZLttlLtt'r^ 
und der anderen gegenrevolutionären Oenerale 
die Kosaken versetzt, bestätigt sieb durok Arenen 
weiter kortgekübrt werden und Ringe ansstLen 
wie ein Raum. 
an, un er a s auo e esnsoa, e 
Akassinja und den jungen Kosaken Rrigorij mit 
einander verbindet. Das ReimatidM, das keines 
ist, sondern ein unaukbörlieber Kampk wie der 
in der Ratur überbaupt, mag sie noeb so kried- 
Das Lweibändige Werk: „Der 8 tilIeDo n" 
sübersetLt von Olga Ralpern. Verlag kür Literatur 
und Bobtik, Wien-Berlin. Reb. je 7) ist nicbt 
nur in räumliebem 8inne weit wie die russiscbe 
8teppe 8ein Autor Micbail 8obolocbow, 
der beute als einer der begabtesten Lebriktsteüer 
des Orauens. 
Die episobe 8ubstanL der Russen, die in ibren 
großen Romanen und filmen am Werk ist, bat 
aueb diese Lwei Lände emporgetrieben. lob 
meine niobt einmal, daß sie besonders gut ge- 
sobrieben wären, ^ber gleiobviel: die Zeit er- 
kertig glänzen — dieses ganLe sebeinbar stebende 
Dasein wird dureb den Kriegsausbruob in Wal 
lung gebraebt. l)er Zweite Land bebt mit der 
Lesobreibung jener Ereignisse an, die wir alle 
aus der Wirkbcbkeit und aus den Kriegsbüobern 
der versebiedenen Kationen - kennen. 8cbütLen- 
graben, Bin^elgekeobte, Lügenscbwaden, das 
Linterland und verwüstete Orte — eine entsetL- 
licbe Monotonie, die in Rußland kaum anders 
besobakken ist als in den übrigen Ländern. Lrst 
mit dem Beginn der Revolution Liebt sieb Ruß 
land wieder auk sieb selber Lurüok, und es ver- 
lobnt sieb sebon aus bistorisebem Interesse, die 
Darstellung dieses Zeitabsobnittes bei 8obolo- 
okow naebLulesen. Daß sie weder tendenLiös ist, 
nook aueb belangen in einer ausgeprägten Volksspraobe ein, und ibre Vorkämpfer sieben 
Terminologie, bat gewiß seinen Orund darin, claß keineswegs alle im Liebt. Wäbrend 'n Larissa 
der LrLäbler sieb gleiob stark den revolutionären Reikners: „Oktober" die revolutionären Maximen 
8oldat aus Ausbau. Der war immer so neugierig, 
kragte immer, wie die Kosaken leben wie und 
was sie sind. 8ie glauben, der Kosak bätte nur 
seine Ragaika —- und sonst niobts, 8ie glauben, 
der Kosak sei wild und unbändig, und statt einer 
8eels babe er eine 8cbnapsk!a86b6 ... dabei sind 
wir doeb genau dieselben Menscben wie sie: 
Weiber und Mädoben lieben wir genau so wie 
sie, weinen über unser Unglück, kreuen uns über 
unsere Dreude.. ." Wie die Kosaken sieb kreuen 
und weinen — das ist der lnbalt des ersten 
Landes. Lr spielt noeb im Drieden und vergegen 
wärtigt die immer gleiobe Oegenwart des Dorkes: 
das Familienleben mit Reburt. Roob^ßit lind l'od, 
die Landwirtsobakt, die enge BeLiebung Lwiscben 
Menscb und Rkerd und den Klatsob, der siob in 
dicken 8träbnen von Raus Lu Raus soblingt. 
Uon S. Kvararrev 
Ideen und den Regebenkeiten des Kosakenlebens 
verpkliobtet küblt. In diobter Rabe LU den 6e- 
sebebnissen wird die 'Tätigkeit der dolsobewi- 
stiseben Agitatoren in der alten Armes gesokil- 
dert; die ^narebie der Uonate, in denen das 
stumme Volk Lum ersten Nale reden dark, ebne 
noeb Lu wissen, was es eigentliok redet, spriobt 
siob selber tausendkaob aus; die ^.era Kornilows 
wirkliob unter der Rerrsobakt gewisser ökono- 
misober und Livilisatorisober Bedingungen dabin. 
Insokern der Roman 8oboloobows sie bewakrt, 
gleiobt er dem Bpos. 8eine Komposition verkügt 
niobt über die Zeit, sondern die Zeit umgreikt 
seine Handlung. 8ie ist so leibkakt Zugegen, daß 
man sie anküblen Lu können glaubt, und wie in 
einem ungebeuren meeräbnlioben 8trom be 
wegen siob in ibr die Mensoben, die Dinge und 
Katastropben. ^us dem Rrieden spinnt sie siob 
in den Bürgerkrieg kort, und die kurobtbaren 
Kämpke der Revolution werden vor ibrer uner- 
sokütterlioben Dauer Luniobte. Keine durob- 
gebends Dabei kann siob ibr gegenüber be- 
baupten, keine BinLelbeit vermag sie Lu über- 
mannen, keine Idee sie völlig ?u wenden. BeLeiob- 
nend genug, daß niobt eine der Rauptkiguren das 
8obi6ksalo kormen und den Rang der Handlung 
bestimmen, werden bier die ^besen der Revolu 
tion binter konkreten Randlungen und mensob- 
lieben 8obioksalen siebtbar, die siob gerade in 
der Lpoobe des Bürgerkrieges stauen und beson 
ders nektig entladen. Serien von romanbakter 
8pannung entsteben, in denen die Zeit den Atem 
anrubabbn sobeint Aber dann besinnt sie siob 
wieder und streiobt über das Leben und 8terben 
binweg. 
8o gewaltig kann sie siob dem Oesobeben 
gegenüber durobsetribn, weil sie einen Träger 
bat: das Kosakenvolk. Land, Volk und Zeit: 
sie sind einander versebrieben. Besitzt dieses 
Vuob überbaupt einen Re'den, so ist es die natür- 
liobe Remeinsobakt der Kosaken. 8ie nennt ein 
8tüok der Brde ibr eigen und will siob selber 
in Lwigkeit. „Als krüber die Kosaken im Retman- 
regiment ibre Dienstzeit beendet batten", er^äb- 
len siob die Revolutionäre, „waggonierte man sie 
ein, um sie naob Lause ru sobioken ... Der Zug 
liek, liek, und vor Woronesob, wo man Lum 
erstenmal den Don überqueren mußte, ließ der 
Lokomotivkübrer den Zug langsam, ganr langsam 
kabren... Kaum kubr der Zug auk die Brücke... 
Rerrrrgott!... was da alles los ging! Die Ko 
saken waren wie toll! „Don! Unser Don! Der 
stille Don! Unser Brnäbrer! Unser Väteroben 
Don! Ru—-u—u-urra—a—a!" lind nun warken 
sie aus den Fenstern Mützen, Mäntel, alte Rosen, 
KissenbtzLüge, Remden, allen möglicbev Blunder 
in das Wasser. Von ibrem Dienst Lurüokkebrend, 
besobenkten sie ibren Don. Das war ein uralter 
Brauok..." In den kabren der Revolution wird 
diese volksbakte Verbundenkeit, die nicbt mebr 
die unsrige ist, auk eine soksvere Rrobe gestellt. 
Und iob erblicke die Bedeutung des Bucbes 
kür europäiscbe Leser darin, daß 8cbolocbow den 
Widerstand der Kosaken gegen die soLiaie Rm- 
scbiebtung so voll belastet, wie er es verdient. 
Weder verberrlicbt er in Bauscb und Bogen die 
Revolutionäre, noob verLerrt er die Anbänger der 
krüberen Ordnung unter den Kosaken xu Karika 
turen. Im Oegenteil, er trägt den Kampk wirkliob 
aus, er will nicbt die Revolution an sieb, sondern 
die Revolution im Volk und durob das Volk. Und. 
er weiß genau, daß es auob die Ratur ist, die 
siob in seinen Kosaken wider die revolutionären 
Lrkenntnisse aukbäumt, die Uatur, die wobl um- 
gebogen und gestaltet, aber niobt verkürzt werden 
dark. Aus dieser Binsickt beraus bejakt er die 
Revolution, obne das Volk xu verneinen. Wird es 
aber geglaubt wie bier, so muß die Zeit über alles 
Irdisobs berrscben. 
läuseke ick mick nicbt, so können wir aus 
diesem Werk wie auob aus anderen russiseben 
Dokumenten eine Lebre Lieben, die gerade von 
denen, kür die sie gelten sollte, bäukig vernacb- 
lässigt wird. Die Lebre nämliob, daß jede Ver 
änderung der gese'Isobaktlioben Verbältnisse in 
steter l'ucktublung mit den Ligentümliobkeiten 
der Bevölkerung Lu erkolgen bat, um deren Wan 
del es gebt. 
des neuen Rußland gilt, bat sebon kaum vier- 
Lebnjäbrig an den Kämpken der russiseben 
Revolution teilgenommen und ist dann nacb 
mebrkaoben Verwundungen von gegenrevolu-^ bebt siob deutbob vom verworrenen Hintergrund 
tionären Iruppen aus seinem Reimatdork ver- ab; der Zwiespalt, in den die Revolution gerade 
sobleppt worden. Rmkängbobe Li kabrungen wer 
den von ibm episob gestaltet. Das Bucb erstreokt 
sieb vow Driedensjabr 1913 bis in den Bürger 
krieg binein und sebliekt mit einem leilsieg 
revolutionskeindliober Kosaken. Bs könnte immer 
Auk Waobtposten sagt ein Kosak Lum andern: bält in ibnen Oestalt, jene Zeit, die viel Zeit 
„'Wenig wissen die Mensoben voneinander, lob bat, die das untrügliobe Merkmal eobter Lpik 
war im Lommer im 8pitak Reben mir lag ein ist. ^ur wenige deutsobe 8obriktsteller ermessen 
sie beuts noob, und viebeiobt sobwindet sie aueb 
grenzten Zeit, die sieb über ibm rusammem 
sobbekt, tauoben immer neue Oestalten auk, die 
weder ankangen noeb endigen, sondern einkaeb 
verbanden sind- der Lockige, der eine Verkörpe 
rung laebender Orausamkeit ist und dem Zwi- 
sebenreieb entstammt, in dem die Dämonen 
bausen; der Kommunist Buntsebuk, der Liemliob 
gradlinig seinen Weg bis Lum ^sod verkolgt; der 
wütende Latriot Lestnixkij, der polternde alte 
Rantelej und Labllose andere. Das kluobt, liebt, 
spriobt Worte der Zärrliebkeit, sobießt und wird 
eines lages ersr bossen. Rnü aueb die Revolution 
regiert niobt eigentliok die 8tunde. 8ie löst siob 
in viele 8Lonen auk, ibr kestgekügter Vokabel- 
sobatL Lerkällt und sinkt nur brockenweise in die 
Lrdgevucb baktet den Vorgängen und Zuständen 
an, und erdbakt ist auob die Leidsnsobakt, die Buob beberrsobt. Die Oeliebte Drigorjjs erlisobt 
Akassinja und den jungen Kosaken Rrigorij mit- an irgendeiner 8telle, obne tiekere 8puryn LU 
binterlassen, und Origorij selber, der wilde, 
unsoblüssige, verstookte Kosak, tritt auk lange 
8treok6N bin von der Bildkläebe ab. In der unbe-
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        Lei 
und 
für 
zeugt. Materielle Not, erzwungener Müßiggang, Sinnleere 
Unabsehbarkett eines Wandels sind gefährliche Brutstätten 
wilde Aktionen. 
zogen, das vor allem den Widersprüchen in ihren Aussagen gilt. 
SLolpe ist ein junger Arbeiter von brutalem Aussehen, der keinen 
unintelligenten Eindruck macht. Er neigt meistens den Kopf 
vornüber, und es ist, als ob ihn die Last der Tat und die 
schwere Aufgabe der Selbstverteidigung niederdrücke. Auch Lies 
chen Neumann verkriecht sich vor den vielen Blicken, die sie auf 
sich ruhen fühlt. Sie hat dichtes .^aar und mag von den Männern 
ihrer Gesellschaft als eine Schönheit angesprochen worden sein. 
Während der Vernehmung Stolpes schluchzt sie viel; wie man 
überhaupt trotz des jetzigen Abstandes zwischen den beiden die 
Enge ihrer Beziehung durchspürt. In der Mitte der Bank sitzt 
Benziger, blond, farblos und stumm. 
Am Anfang der Verhandlung beklagt sich Stolpe in offenbar 
memorierten Sätzen darüber, daß er und sein Freund kurz nach 
der Verhaftung durch die Anreden der Beamten „mißhandelt" 
worden seien. Er zitiert die betreffenden Redewendungen, die wahr 
haftig nicht so schlimm sind wie die eigene Würgtätigkeit. Eine 
psychologisch merkwürdige Empfindlichkeit, die darauf-zu schließen 
erlaubt, daß der junge Mensch noch nicht zum Bewußtsein seiner 
Tat gekommen ist und weniger unter dem Druck ihrer Schwere als 
dem der Angst vor ihren Folgen steht. Danach sucht der Gerichts 
vorsitzende dem Stolpe mit unendlicher Geduld eine Schilderung 
jener Gespräche und Ereignisse zu entreißen, aus'denen man seinen 
Schuldanteil errnessen kann. Trotz seines Zuredens macht Stolpe 
nur spärliche Aeußerungen, die seine Geliebte belasten, und verfällt 
im übrigen in ein hartnäckiges Schweigen. Es mag zum Teil 
daraus zu erklären sein, daß er sich nicht unnötig in Lügen ver 
wickeln will; zum anderen Teil ist es sicherlich eine Art von 
Starrkrampf, in den der dialektisch Ungeübte angesichts des Zwanges 
gerät, sein Verhalten geordnet und folgerichtig aufzurollen. Hinzu 
treten wird ein Rest von primitiver Scham, der ihn daran hindert, 
über verschiedene der Klarstellung bedürftige Intimitäten zu reflek 
tieren oder gar in der Qefsentlichkeit Auskünfte zu erteilen. Daß 
dem so ist, geht aus seiner Aussage hervor: er habe bei der ersten 
Konfrontation mit der Kriminalpolizei eine entsetzliche Angst ge 
habt. Für die sogenannten unteren Schichten des Volkes wird die 
Berührung mit dem formalen Denken, das über ihnen waltet und 
ihre Angelegenheiten regelt, beinahe stets zum bedrohlichen Zu 
sammenstoß. Es ist ja auch so, daß ein vorwiegend stofflich ge 
bundener Mensch wie Stolpe das Geschehene überhaupt nicht ein 
wandfrei rekonstruieren kann. Vielmehr: da er das Geschehene er 
fahren und begangen hat, ohne es gedankenmätzig Zu beherrschen, 
muß es sich in der Erinnerung verwirren, die sich seiner logisch 
bemächtigen will. Die Folge der vergeblichen Anstrengung ist eben 
das Schweigen... 
Lieschen Neumann ihrerseits steht ziemlich forsch Rede und 
Antwort. Sie ist, was man hell nennt, verrät Energie und bestreitet 
die Initiative, die Stolpe ihr zuzuschieben sucht. Es ist Zwischen 
den beiden manches vorgegangen, was nie Wort werden wird, und 
man hat das deutliche Gefühl, daß die abgegebenen Erklärungen 
aus einem unerhellten Grund aufsteigen, der im Interesse der 
Wahrhertssorschung aufgedeckt werden sollte und sich doch niemals 
bloßlegen Läßt. Im übrigen spricht aus dem Gebaren der Neumann 
Armut und Oede. Aber das ist auch eine Mitgift der Verhältnisse, 
in denen heute unzählige Menschen aufwachsen müssen. 
Es wird zur Zeit in Berlin viel gemordet, und das Bewußt 
sein von der Kostbarkeit des Lebens scheint in weiten Kreisen 
geschwunden zu sein Freilich hat man auch Zustände einreißen 
lassen, die es auszutreiben vermögen. Wohin sie führen, zeigt 
dieser Prozeß. Drei blutjunge Großstädter, die ohne rechte Leiden 
schaft sich eines Tages als Mörder wiedecbegegnM — nur schwer 
ist zu fassen, daß das Dasein so leicht wiegen kann. Sie unter 
scheiden sich bestimmt nicht auffällig von vielen Altersgenossen, 
sie sind lediglich, etwas weniger gehemmt, einen Schritt weiter 
gegangen. Insofern ihr Verbrechen symptomatisch ist, wird es 
zweifellos nicht allein durch die Not bedingt, in die sie die Arbeits 
losigkeit versetzt hat, sondern mindestens ebenso sehr durch ihren 
Mangel an einem Halt. Mag die Jugend, der Benziger, Stolpe 
und Louise Neumann angehören, politisch eingegliedert sein oder 
nicht: sie wird in einer Umwelt groß, die ihr kaum eine bündige 
Richtschnur für den Alltag gewährt. Wichtige Traditionen sind ab 
gefallen, obne daß sich neue gebildet hätten; , die Maßstäbe, an denen 
die Folge der kleinen Handlungen zu messen wäre, sind in Ver 
wirrung geraten; die Lebenshaltung der mittleren und-führenden 
Schichten ist nicht dazu geeignet, ein V zu sein. Der von den 
drei Jugendlichen verübte Mord ist auch ein Zeicben der Schwie 
rigkeiten, in denen sich die gegenwärtige Gesellschaft befindet. 
- S. Krakauer. 
Während der paar Vormittagsstunden, die ich der Sitzung 
wohne, werden die zwei Hauptschuldigen einem Verhör unter 
Urozeß Lieschen Menmann. 
Berlin, Ende Januar. 
Auch am zweiten Tag des Prozesses Lieschen Neu man n 
drängt sich das Publikum schon in den frühen Morgenstunden vor 
dem Eingang des Neuen Kriminalgerichts. Unter den Wartenden 
befinden sich offenkundig viele Arbeitslose. Sie haben allen 
Grund, sich für die Verhandlung zu interessieren, denn die drei 
jugendlichen Untäter entstammen ihren Kreisen. Der 23jährige 
Kutscher SLolpe, der etwas jüngere verführte Benziger und 
das 16jährige Mädchen: sie sind sämtlich ohne Arbeit gewesey. Ich 
meine nicht, daß aus dieser Tatsache allein der Mord am Uhr 
macher Ulbrich abzuleiten ist; aber hätten die drei Jugendlichen 
Arbeit gehabt, so wären sie wohl kaum gemeinsam ins Verbrechen 
getaumelt. In den Berliner Arbeitsnachweisen habe ich mich 
wiederholt unter die Massen der Erwerbslosen gemischt, die dort 
Lag für Lag nichts weiter tun können als herumzulungern und 
nach einer Arbeitsgelegenheit zu spähen, an deren Kommen doch 
niemand recht glaubt. Das ist ein schlimmer Zustand für junge 
Menschen, denen die Uebung des Lebens fehlt, und man sollte sich 
eigentlich darüber wundern, daß er nicht noch mehr Verbrechen er
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        S Kracauer. 
Eine Dame und ein Herr spazieren vor den Toren Konstant^ 
nopels auf und ah. Sie sind in ein Gespräch vertieft, dem eine be 
sonders Wichtigkeit Leizumeffen ist. Dennoch vernimmt man nicht 
das ganze Gespräch; vielmehr: je weiter sich die beiden vorn imagi 
nären Publikum entfernen, desto unhöröarer werden auch ihre 
Worte, und erst wenn sie umkehren und sich vergrößern,, entringt 
sich die Sprache wieder den sichtbaren Gebärden. So erfährt Ler 
Zuschauer die entscheidenden Satze, die von keinem Ballast beZ 
schwert sind, und prägt sich zugleich das Bild der Wandelnden .ein, 
das nicht minder bedeutungsvoll ist. 
Dieser echte LsnfilmeffekL, der mit dem Theater nichM-Wchr 
zu schaffen hat, findet sich in dem von Kurt Bernhardt gedrehten 
Lerrafilm: „D e r Mann, d erde n M o r d Leg i n dem 
der bekannte Roman gleichen Titels von Glaube Faröre zugrunde 
liegt. Ein Liebesabenteuer aus den Vorkriegstagen,.das sich in der 
vornehmen Fremdenkolonie am Bosporus abspielt» Außer dem. 
Mangel an aktuellen Stoffen, der Angst vor.ihnen.u Not- 
wendigkeit,/ den Apparat Mitsamt den Stars zu beschäftigen, lag 
wohl kein zwingender Anlaß vor, gerade auf diese schwüle/ psycho 
logische Fabel zurückzugreifen. Wer nun ist es geschchech. und. ich 
räume gerne ein, daß sich die Regie der mühsamen, ja undank 
baren Aufgabe, ein heute nicht mehr populäres Liebesereignis 
zu veranschaulichen, gut entledigt hat. Gelungen ist ihr vor allem, 
das langsame T e m p s innezuhalten, dessen. die zwischen 
menschlichen Beziehungen zu ihrer ^Entwicklung-bedürfen — ein 
Es wird weiter verboten. 
Berlirr, Anfang Februar. 
Beginnen die Zeiten Mettermchs wiederzukehren? Rein äußer 
lich betrachtet, scheint es jedenfalls so. Und wenn auch heute andere 
Belange als gerade Throne zu schützen sind, ist doch den Zensur 
behörden die gleiche Angst wie damals in die Knochen gefahren. 
Aus dieser Angst heraus gelangt sie Zu Verboten, die schließlich 
unhaltbar sein werden und eine Stickluft erzeugen, in der ein Volk 
Die das deutsche auf die Dauer nicht atmen kann. 
Das Opfer des neuesten Eingriffes ist ein kleiner sozial- 
dsmokratischer Propagandafilm, betitelt: „Ins 
dritte Reich". Der Zur Vorführung in geschlossenen Mitglie 
derversammlungen bestimmte Trickfilm —- er wurde den Vertretern 
der Presse in einer Sonderveranstaltung gezeigt — verdeutlicht 
seinem Publikum auf lustige Weise die Beziehungen der National« 
sozialisten zum Kapitalismus und auch zu Mussolini. Ich finde 
nicht, daß er die Zustände völlig richtig wiedergibt. durch deren 
Schilderung er die Massen gegen den Nationalsozialismus mobil 
machen will. Die Karikatur des Hitlernrannes ist zu flach und 
obenhin, und der Unternehmertypus trägt nicht durchaus die Züge 
des modernen Kapitalisten; um von dem fragwürdigen Einsatz der 
Lohnpolitik ganz zu schweigen. Aber immerhin: die Gegenseite 
liefert viel gröbere Schablonen, und der Zuschauer erfährt doch, 
daß die Hakenkreuzler die Widersacher der Arbeiterschaft sind. Er 
wird beim Anblick des Films die Faust ballen; allerdings nur bis 
kurz vorm harmlosen Schluß. Am Schluß entspringt nämlich wie 
Pallas Athene dem Haupt des Zeus der Leinwandfläche ein 
rüstiges Weib, das die deutsche Republik darstellen soll, und den hin 
ter einem Hakenkreuzgitter schmachtenden Arbeiter aus dem Ge 
fängnis befreit. 
Eine prächtige sozialdemokratische Apotheose, die nur leider 
Made durch das Verbot der Prüfungsstelle desavouiert wird. 
Das heißt, in erster Instanz ist der Film für geschlossene Ver 
sammlungen zugelassen worden, aber die Filmoberprüf- 
stelle hat dann seine Aufführung generell untersagt. 
Und zwar wendet sie sich darum gegen die Darbietung in Partei 
kreisen, weil bei der nach Millionen zählenden Mitgliederschaft der 
SoZLaldemokratie eine geschlossene Veranstaltung einer öffentlichen 
gleichkäme. Ist das ein Zureichender Grund? Es ist mk AuMuchL, 
Iußßall, Uorknegslieöe und Wevotution. 
Ein paar Filmeindrücke. 
o Berlin, im Januar. 
So oft ich in den letzten Monaten das Kino besucht habe, Lm 
W ein unfreiwilliger Zeuge von Fußballwettspielen gewesen. Sie 
gehören zum immer wiederkehrenden Repertoire der tönenden 
Wschensch a n, die, mag sie von Fox, von der Ufa oder von 
Paramount hergestellt sein, keinen größeren Ehrgeiz kennt, als die 
ganze Welt Zu umspannen. Wer die Welt in diesen Wochenschau 
berichten ist gar nicht die Welt selber, sondern das, was von ihr 
übrig bleibt, wenn alle wichtigen Ereignisse aus ihr entfernt werden. 
Ein schäbiger Weltrest, den die Filmindustrie entweder tatsächlich 
für den Kosmos hält oder den sie dem Publikum nur darum vsr- 
setzt, um ihm den Anblick der wirklichen Welt zu unterschlagen. 
Denn Zeigte man die Dinge, wie sie heute sind und zu geschehen 
, Pflegen, so könnten manche Leute beunruhigt werden und gar an 
der Vortrefflichkeit unserer derzeitigen Gesellschaftsordnung zu 
zweifeln beginnen. Das will natürlich die an ihr interessierte Film 
industrie unter allen Umständen vermeiden- And da sie nicht in 
der Lage ist, dem. Volk Brot zu verschaffen, spendiert sie ihm wenig- 
stens^ZirkW es mit Illusionen unterernähren: elementare 
Katastrophen statt der sozialen; militärische Manöver statt der 
Manöver, die Zu militärischen Rüstungen führen; Bilder aus dem 
Tier- und Kinderreich statt der Illustration von Zuständen, die 
uns viel näher betreffen. Eines der HaupLbetauÜungsMiLLel ist nun 
gerade der Fußballsvielleicht, weil Lei seiner Aus 
Übung so viel gebrM wird und der Tonfilm beweisen möchte, wie 
laut er sein kaum In Deutschland, in den Vereinigten Staaten, 
in England — überall wird auf den gleichen Schauplätzen und 
immer unter dem ungeheuren Andrang begeisterter Massen Fußball 
gespielt. Ich hätte gar nichts wider diese weitgereisten Vergnügun 
gen einzuwenden, wenn sie auf der Leinwand nicht so entsetzlich 
einförmig und langweilig wüten. Volle Tribünem rasende Läufer, 
Gejohle und Bälle das wiederholt sich mit unerbittlicher Hart 
näckigkeit von Woche Zu Woche. Ein Triumph der Gedankenlosig 
keit, der es um nichts weiter Zu tun ist, als die Augen und Ohren 
Zu stopfen, damit einem Hören und Sehen vergeht. Es ist auch 
schon vielen vergangen. Die Wochenschau, die der Berliner Aus 
führung des Hallelujah-Films voranging, enthielt einen amerika- 
mfchen MonstrefußballM der in höchst erregender Weise von 
den nachfolgenden Negersz^ SpörtpMikum und 
die schwarzen Bo^ w'll'stnner: Leide schrM aber 
als die eigentlichen Barbaren wirkten doch nur die Weißen in der 
Arena, die ihrer Lebenslust und ihren Verdrängungen in Lärm- 
exzefsen Luft machten, wie sie nicht einmal afrikanischen Wilden 
beigekommen wären, geschweige denn jenen Negern. Die Sinnleere 
der Wochenschau entspricht der ihrer Objekte. Dabei könnte sogar 
die Filmindustrie, ohne irgendeine Gefahr zu lausen, etwas/ mehr 
Welt veranschaulichen, als sie jetzt zu umspannen beliebt. Es käme 
nur auf den Versuch an, und er verlohnte sich zweifellos auch- ge 
schäftlich. guten Gründen fürchte ich allerdings, daß sie das 
Experiment nicht riskieren wird. Und so müssen wir eben weiter .auf 
die Wochenschau warten, in der es etwas zu schauen gibt. 
Tempo, das über dem der Aeroplane beinahe-Ln Vergessenheit ge 
raten ist, obwohl es bei genügender Dichtigkeit des Gehalts nicht 
minder atembeklemmend wirkt. Um es zu bewahren, sind freilich 
viel zu viel LandschaftMlder eingeschaltet worden, dis nur den 
Eindruck der Breite erzeugen, statt der Vertiefung zu dienen. Aber ! 
trotz der falsch ausgewerteten Exotik: es ist wohltuend, daß hier mit 
LauMchm MM eine Begsbenheir der Vorkriegszeit gerettet 
wird, die ein Anrecht auf Erinnerung hat. Conrad Veidt ist vom! 
Scheitel bis zur Sohle das Muster eines Kavaliers; George über- 
treibt seinen englischen Lord; Trude von Molo sesselt durch ihre 
charmante Erscheinung und ihr Ausdruckstalent. Eine fabelhafte 
Episodenfigur Gregory Ehmara als Lebemann im Rausch. 
H - s 
Der im Mozartsaal gezeigte Film: „D anton" ist Fritz 
Kortners wegen sehenswert. Kortner als Danton: ein Volks- 
tribün, der durch die Gewalt der Rede so hinzureißen vermag, daß 
man den Jubel der Anhänger glaubt.. Fast spricht er schon über 
die Leinwand hinaus — eine runde Gestalt, die nicht aus Be 
griffen entsprungen ist, sondern rein durch ihr Dasein überzeugt. 
Gutmütigkeit, LiebesbedürfniS, Härte und Ueberdruß mischen sich 
unzertrennlich, und ein besonnener Kunstverstand waltet über der 
ganzen Figur. Zur äußersten Entfaltung gelangt dieser Danton in 
jener Szene, in der er sich vor dem Konvent verteidigt; der ein 
zigen Szene, die dem Regisseur Hans Behrendt wirklich geglückt 
ist Nach glänzenden Steigerungen mündet sie in die Marseillaise, 
und eine Ensemblewirkung entsteht, wie st- bisher im Tonfilm nur 
selten erreicht wurde. Sonst ist der Film ein Produkt der zur Zeit 
üblichen neutralisierenden Geschichtsklitterung, die sich mit Anek 
doten begnügt, wo sie Zusammenhänge geben sollte, und ihre Ab 
kunft von Emil Ludwig deutlich verrät. Ich nenne noch Gustav 
Gründgens, dessen blitzgescheiter und sehr Plausibler RobeSpierre nur 
am Anfang zu weich ist.
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        bei 
gewesen, in der Zuckerwirtschaft und bei dem 
der 
die 
Glück und Elend der Oekonomen, und würzige Reime, die von 
schönen Unverblümtheit eines Dunghaufens sind, erklären ihm 
Galgen man die Krüppel band, 
wär" es auch der Fabrikant", 
Gegenbeispiel geschrieben. Ich bin auch 
und ein Ehrenmal wird die Verdienste feiern, die sie sich im Welt 
kriege erwarben. Wenn sie den Entwurf beurteilen könnten, hätten 
fle vermutlich nur ein Lächeln übrig für die Torheit der Dkenjchen. 
Da die Landwirtschaft in der Natur liegt, wird auch der Natur 
schutz eifrig betrieben. Ruhig und menfchenrein will der Jäger seine 
Wälder haben, wenn er die Hasen und Rehe schießt. Durch FotoS 
und Panoramen wird die Häßlichkeit übertriebener Papierkörbe 
entlarvt und das Unwesen aufdringlicher Hotelschilder und 
Streckenplakate einwandfrei an den Tag gebracht. Die Einbrüche 
der Zivilisation schänden die Ursprünglichkeit des grünen Reviers, 
und nur schuldbewußt erinnere ich mich daran, daß mir bei meinen 
Wanderungen einige barbarische Wegtafeln sehr willkommen ge 
wesen sind. Sie sind gegen das Interesse der Landschaft, in der sich 
der Großstädter von seinem Alltag erholen will, von den Straßen- 
kämpfen und von der Politik, die er leider auch im Plakatlosesten 
Gottessrieden immer wiedersindet. Die gesäuberte Natur in Ehren 
— aber wenn sie nicht bleibt, wo sie ist, sondern die Wohnungen 
überschwemmt, wird sie fürchterlich. Ich habe Geweihstühle an- 
getrofsen, auf denen sich zweifellos auch Hermann Löns nur mit 
Unbehagen niedergelassen hätte. Da haben es die emeritierten 
Kapitäne doch besser — ihre mit Liebe angefertigten Segelschiff 
modelle dienen wenigstens nicht zum Sitzen. Und die vielen Wald- 
und Wiesengemälde werden sich auf den für sie bestimmten Wänden 
ebenso unnatürlich ausnehmen wie die Butterbrotpapiere im Freien. 
Von der im übrigen glänzend arrangierten Ausstellung strömt 
die Grüne Woche nach Berlin herein Ueberaü begegnet man den 
Stutzenhütchen, den schmucken Forsteruniformen, den Pelzen, den 
knorrigen Stöcken. Sie füllen die Lokale, wallfahren über die 
Asphaltäcker und ernten die Vergnügungen, die ihnen in Berlin 
entgegengereist sind. 
Natur der Natur. 
„Am 
Wert 
steht unter einem 
den Honigbroten 
Alten Fritz, der in Büstenform den Seidenzuchtpavillon patronisiert, 
sehe mich aber außerstande, die verschiedenen, nur dem Einge 
weihten verständlichen Geheimnisse zu lüften, da ich noch viel 
weniger als Fritz Tiddelfritz weiß und mich unter keinen Umstiurden 
vor Onkel Bräsig blamieren möchte. 
Das heißt, bei den landwirtschaftlichen Tieren muß ich doch 
kurz verweilen. Sie sind ja nicht eigentlich fachwiffenschastlich, 
sondern gewissermaßen Allgemeingut — diese prächtigen Kaninchen 
mit den persönlich ausgebildeten Ohren, diese Bruthennen und ihre 
Kücken, diese Wasservögel aus dem Zoo, die sicherlich glauben, daß 
der für sie zubereitete Teich ein echtes Naturschauspiel sei. In 
einem Saal treten die Tiere gleich regimenterweise auf. Er hallt 
Wider vom Getose Zahlloser Kikerikis, das ich der Filmindustrie 
zur Aufnahme in ihre Wochenschauberichte empfehle, damit das 
Publikum nicht immer nur sich selber aus den Sporttribünen 
brüllen hören muß. Die dazugehörigen Hähne tragen ihre Lappen 
wie einen Kriegsschmuck und haben das selbstbewußte Auftreten 
von Generälen, gegen das die Tauben in der Nachbarschaft nichts 
auszurichten vermögen. Sie, die unsere Briefe durch die Lüste be 
fördern, sind von abgeklärter Dicke, gurren still vor sich hin und 
blicken mit franziskanischer Milde in die düstere Welt Erhaben 
über die menschlichen Wirren, helfen sie doch nach Taubenkräften, 
Grüne Woche. 
LLr». Berlin, im Februar. 
Ich bin durch die Grüne Woche gegangen, in den Aus 
stellungshallen am Kaiserdamm, und habe mich wie aus dem 
Land gefühlt. Wie auf dem Land? Wie in zehn Ländern zu gleicher 
Zeit. Es ist, als habe sich die Landwirtschaft vervielfacht und sei 
mit der Landwehr und dem ganzen Landsturm ausgerückt, um die 
Reichshauptstadt zu erobern. 
Da ist sie nun mitten in unserem Winter eingetroffen, und ich 
gestehe, daß ich ein solches Massenaufgebot von Ländlichkeit noch 
niemals erblickt habe. Scharen von Pflugscharen, Dreschmaschinen- 
gewehre und Aufzuchtapparate — welcher Großstädter hätte auch 
nur eine Ahnung von der Unsumme technischer Wunderwerke, die 
ihm zur Tafelbutter und zu seinen Eiern verhelfen? Hier dringt 
er ins Herz der Agrikultur, hier wird er belehrt. Gefällig un 
geordnete Tabellen unterrichten ihn auf statistischem Wege über das 
die eigentlich die Hersteller dazu veranlassen müßte, das LazM enä 
ihres Films unverzüglich Zu ändern. 
Für Ue Öffentlichkeit war der Film von vornherein nicht 
gedacht. Dennoch erklärt die Filmoberprüfftelle genau, weshalb er 
sich auch in der Öffentlichkeit nicht blicken lassen darf. Mag er im 
Dunkeln vermodern — schade wäre es Zweifellos, wenn einige 
ihrer Gründe nicht an die Öffentlichkeit kämen. So meint die 
Filmoberprüfftelle ckwa, daß die Zulassung dieses einen Propa 
gandafilms auch die anders gerichteter Propagandafilme zur Folge 
hatte; was dw Ruhe und Sicherheit in Gefahr bringen könne. 
Gewiß! Aber eine durch das Verbot jeder politischen Aeußerung 
erkaufte Ruhe ist ungleich mehr mit bedrohlichen Spannungen ge 
laden als eine, die vielleicht weniger »ruhig ist, aber' dafür Aus 
sprachen ermöglicht. Und wahrt denn die Filmoberprüfftelle wirk 
lich nach allen Seiten, hin ihre Parität? Sie hat den Nemarque- 
Mm verboten und das „Flötenkonzert von Sanssouci" zügelnsten 
— dieses nationale Eigengewächs, das in der Tat das deutsche 
Ansehen Lm Ausland schwer schädigte, wenn es überhaupt ins 
Ausland dränge. -- Ferner weist die Filmoberprüfftelle den Ein- 
wand ab, daß es nicht ihre Sache sei, den radaulustigen Elementen 
das Handwerk Zu legen, kapituliert also vor dem Herrn der 
Blindschleichen und weißen Mäuse. Sie scheint sich mit de*r Po 
liZei zu verwechseln, der es allein zrckäme das Publikum Zu 
b escI h c ü h t zenw . ill die Öffentlichkeit mit den übrigen, kaum stich 
haltigeren Begründungen des Verbotes verschonen. Niemand wird 
einer Zensur, die selber auf einer rational faßbaren politischen 
Willensüildung beruht, von vornherein das Recht absprechen, be 
stimmte, den einsichtigen politischen Zielen des Staates abträgliche 
Kundgebungen zu verbieten. Die Zensurmaßnahmen der Film- 
oberprüfstelle aber verleugnen den politischen Willen, maßen sich 
den Schein der Neutralität an und stützen sich aus windige Kon 
struktionen. Sie sind kulturreaMonär und begünstigen rings um 
uns einen Muff, den die durch sie eingeschüchterte Filmindustrie 
nur noch vergrößern wird. Es tut gut, um dergleichen zu wissen.
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        E 106 
Bor ein«« Vierteljahr habe ich an dieser Stelle in einem Auf 
sich Wer den Prozeß um die Dreigroschenvper den spannungSlosen 
uttdialektischen Zustand beklagt, der heute Zwischen der Filmindustrie 
und unserer künstlerischen Vorhut besteht. Die Tobis und Weill 
versuchen ihm für ihren Teil ein Ende Zu machen. Man kann sich 
dem Experiment gegenüber skeptisch verhalten Und etwa den Ein- 
wand erheben, daß die Filmindustrie durch die ihr innewohnenden 
ökonomischen Tendenzen und sozialen Interessen über furz oder 
lang gezwungen sein werbe, dem Künstler die Gefolgschaft zu 
kündigen. Oder man mag auch besorgen, daß die in den technischen 
Produktionsprozeß hineingezogens künstlerische Aktivität Schrden 
erleide. Aber gleichviel: das nun geschlossene Bündnis ist gut und 
inderOrdnung. Es schlägt eine Bresche in den mechanisierten 
deutschen Filmbetrieb und nötigt Vertreter der Industrie und der 
Avantgarde Zu einer Auseinandersetzung, die unter allen Umständen 
nützliche Folgen haben wird. Denn glückt sie, künstlerisch und ge 
schäftlich, so schafft sie eine Aenderung der bestehenden VerW 
die zur Nachfolge anregen und Kreise ziehen muß; und glückt sie 
nicht, so Zeigt sie doch zum mindesten dieseVerhaltniffe deutlich auf, 
Sie werden nicht mehr ungestört im Dunkeln fortdauern können 
und auch das wäre schon viel. 
Gin gut ausgenutzter Sieg. 
Kurt Weill und dir Tobt». 
LL^. Berlin, lm Februar. 
Der Streit um bis Verfilmung der Dreigroschenoprr ist, wie 
Kersits durch die Blätter ging, beigelegt worden. Und zwar hat 
der Komponist Kurt Weil! aus das ihm zustehende Recht ver 
zichtet, die Vorführung des vorn Regisseur PaLst gedrehten Drei- 
groschenopersilms Zu verhindern, dafür aber Vereinbarungen mit 
der Tobis getroffen, die eine fruchtbare Zusammenarbeit in der 
Zukunft emöglichen. Dank der Einsicht Leider Parteien ist ein für 
jede von ihnen unergiebiger RechtsZustandin einen 
produktiven Vergleich umgewandelt worden. Fände man 
sich nur überall so aus der Sackgasse heraus! 
Das Abkommen ist über den besonderen Fall hinaus wichtig, 
weil es eine echte und brauchbare Beziehung zwischen der Film 
industrie und der künstlerischen Avantgarde herstellt. Wenn auch die 
Filmindustrie schon seit einiger Zeit den SOS-Ruf nach Dichtern 
susgsstoßen hat, um vorm Ertrinken in schlechten Manuskripten 
gerettet Zu werden, so ist sie doch bei uns niemals wirklich dazu 
geneigt gewesen, sich den durch die künstlerischen Notwendigkeiten 
gesetzten Bedingungen zu fügen. Sie ist vielmehr immer weiter 
abgetrieben in die Gewässer des Kitschs, die voller heimtückischer 
Gefahren sind... 
Der zwischen der Tobis und Kurt Weill abgeschlossene Vertrag 
gewährt diesem Möglichkeiten, wie. sie bisher noch kein Künstler 
innerhalb des Mmbetriebs gehabt hat. Weill erlangt nicht nur ein 
Lntscheiderches Mitöestimmungsrecht bei der Herstellung seiner künf 
tigen Filmwerke, er wird auch alle „kunstschädlichen und personlich- 
keitsschadlichen Methoden" ausschalten können. Im Gegensatz zu 
der üblichen Praxis kommt also endlich einmal ein Künstler in 
die Lage, seine Absichten rein durchzuführen. Um diese günstige 
Situation tatsächlich auszuwerten, hat Weill Zur Bedingung ge 
macht, daß der Beginn der DrHzeit nur im Einvernehmen mit den 
Autoren des Drehbuchs anberaumt werden darf. Wie einschneidend 
gerade die Terminfvage ist, weiß er aus eigener Erfahrung; war 
Loch den Manuskriptautoren Lei der Verfilmung der Dreigroschen 
oper nur eine begrenzte Frist gelassen worden, die ihnen als zu 
gering für die Verwirklichung ihrer Pläne erschien. Gegen eine 
solche Vergewaltigung durch den Apparat hat jetzt der Komponist 
mit Erfolg rebelliert. Er gewinnt so die Chance, bis zum Anöruch 
der Atelierarbeit alle textlichen und musikalischen Voraussetzungen 
erfüllen zu können, die zu einem filmischen Kunstwerk gehören. Die 
Verantwortung fällt damit auf den Schaffenden zurück, statt dem 
herrschenden Usus gemäß unter betrieöstüchtige Routiniers aufge- 
LM zu sein, deren Erzeugnisse ja auch danach aussehen. 
Per Mörder Dimitrij Karamasoff. 
Einige grundsätzlichcBetrachtungen zum 
Tonfilm. 
Berlin, im Februar. 
Ahmt der Film die Wirklichkeit n&amp;lt;O oder diese den Film? 
Jedenfalls häufen sich hier und dort die Mordfälls, und zweifellos 
besteht eine innig? Wechselwirkung zwischen der gedichteten Kol 
portage und der gelebien. „Der Mordprozetz Mary 
Dugan", „Der Mann, der seinen Mörder sucht", 
„Der Mörder Dimitrij Karamasoff" — ein wahrer 
Blutrausch scheint sich der Filmindustrie bemächtigt zu haben. 
Von diesen drei in den letzten Tagen urausgeführten Filmen 
transponiert der erste das bekannte Theaterstück auf die Lein 
wand, wo es der, einförmigen Umwelt und der vielen Dialoge 
wegen nicht eigentlich hingehört. Den zweiten, der sich eine Ton 
filmgroteske nennt, hat die Ufa von Robert Siodmak her 
stellen lassen, auf den die Öffentlichkeit anläßlich seiner Bild 
reportage: „Menschen am Sonntag" aufmerksam geworden ist. 
Diese neue Groteske bezeugt zwar immer noch die Begabung des 
jungen Regisseurs, .verrät aber leider keine Substanz. Sie walzt 
ein literarischcs Aper?u bis zur Bewußtlosigkeit aus, sucht gro 
teske Effekte mit realistischen Mitteln zu erzielen ,und benötigt 100 
Meter für Witzpointen, die eine bessere amerikanische Groteske 
auf 10 Meter zusammenpreßt. Unterwegs gehen natürlich die 
meisten Pointen verloren. Es bleiben nette Einfälle ohne Gehalt 
und gefällige Arrangements, die wenig zu arrangieren haben. Der 
Geist der Ufa schwebt über den Wassern. 
Weit über das GewoWre erhebt sich der im Capitel gezeigte 
Karamasoff-FLlm der TAra. Er ist, ich schreibe das mit 
vollem Bewußtsein nieder, der er; ste deuLsche Tonfil m , der 
einen Vergleich mit den guten stummen Filmen aushalten kann. 
Durch ihn wird verdeutlicht, was viele Beurteiler nach den bis 
herigen Erfahrungen in Zweifel zogen: daß der Tonfilm eigene 
Möglichkeiten der Gestaltung hat. Hoffentlich wächst er sich zu 
einem geschäftlichen Erfolg aus, damit die deutschen FilmgewalLigen 
endlich erkennen lernen, daß sie auch in ihrem materiellen Interesse 
nicht mehr so weiter wirtschaften dürfen. Es ist die höchste Zeit, 
daß der Operettenkram und die übrigen Seriensabrikate aus den 
Kinos verschwinden. 
Schon rein aus pädagogischen Gründen verlohnt sich die Ana 
lyse dieses ausgezeichneten Films. Was Zunächst seine Handlung 
betrifft, so ist sie von Leonhard Frank aus dem Roman 
Dostojewskis herausgeschnitten worden. Man merkt sofort, daß hier 
nicht die üblichen Konfektionäre das Drehbuch geliefert haben. 
Denn anders als Lei den üblichen Rowanverfilmungen ist der 
epische Stoff nicht einfach als Unterlage M illustrative Szenen 
ausgenutzt, sondern von Grund auf in die Filmspmche übersetzt 
worden Das heißt: Frank hat mit Recht keinen Anstand da-ran 
genommen, die vorgegebene Fabel so umzugeMten und zusammen- 
zuschmelzen, daß sie nun eine Komposition darstellt, die aus den 
optischen und cckustischen Mitteln des Films lebt, ohne zu ihrem 
Verständnis noch irgendeines Bezugs auf das außerfilmische Kunst 
werk zu bedürfen. Statt des barbarischen Mosaiks, das von den 
Routiniers gemeinhin zusamm-engestückt wird, gibt er ein Film 
ganzes, dessen Teile sich gegenseitig bedingen und tragen. Viel 
leicht hat er im Streben nach filmischer Einheit den dramatischen 
Konflikt ein wenig zu stark akzentuiert. Wer einmal entgeht er 
dadurch der Gefahr unverbundenen Flickwerks, die gerade dem Be 
arbeiter von Romanmanustripten droht, und Zum andern ist gerade 
die Verwandlung der Romanepik in die Filmepik ein besonders 
schwieriges Unternehmen. Soviel ich wich entsinne, ist jene epische 
Form, die im Film gestaltet Zu werden verlangt, nur in Ausnahme- 
Wen bewältigt worden; etwa in einigen Russenfilmen und zu 
Beginn von „Therese Raquin". Der Dichter des Manuskripts hat 
sie um der größeren Geschlossenheit willen vernachlässigt., und ich 
beklage mich auch nicht weiter darüber, sondern wünschte viel eher, 
daß die Konzentration seines Drehbuchs den Leuten vom Bau zum 
Vorbild diente. 
Außer Frank sind noch andere Künstler an dem Zustandekommen 
des Films beteiligt. Carol R a rha u s hat die Musik besorgt, Erich 
Engel die Dialoge geleitet und Fedor Ozep die Gesamt- 
regie geführt, der Russe Ozep, dessen herrliche Bordellszene im 
Film: „Der gelbe Paß" mir für immer im Gedächtnis haften wird. 
Ihrer gemeinsamen Arbeit ist vermutlich die Verwirklichung des 
Manuskriptes Zu danken. Mit welchen Mitteln haben sie es in 
Szene gesetzt^ ML den großen des stummen Films, die seit langem 
in Vergessenheit geraten zu sein schienen. Hervorzuheben ist vor 
allem eine Lehre, die dieser Tonfilm erteilt: daß das ge 
sprochene Wort nicht den Vorrang haben darf, sondern 
sich einordnen muß ins Bildgefüge. Auch der sprechende Film spricht 
vorwiegend Zu den Augen. Bezeichnend genug, daß unter OZeps 
Regie die Leitmotive in der Hauptsache optischer Art sind. Die 
Station mit der Eisenbahn, die in entscheidenden Augenblicken 
wiederkehrl; die Uhren, die eine wichtige Stunde vergegenwärtigen 
helfen; das Heiligenbild, das immer von neuem auf den Mord 
hindeutet: di^ Kerzen des^Kronleuchters, die den Taumel verfinn-
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        Im Gegenteil, er fühlte sich unbehaglich in seiner Farbenpracht, dich 
er, so schien es, nickt eigentlich aus freien Stücken, sondern aus/ 
Zwang angelegt hatte. Dennoch führte er den ihm erteilten Aus. 
trag mit dem bei uns sprichwörtlich gewordenen Pflichtbewußtsein 
durch. Er stand aufrecht da, wie ein braver Soldat, der sich mtv 
dem Gedanken an den Tod im nächsten TanzlokaL vertraut, gemacht' 
hat. Während er aber ängstlich darauf achtete, daß die Uniform 
nicht verrutsche, begann das Rote Meer ohne äußeren Anlaß Zw 
Zeigen. ZU leuchten. Zu rinnen, und auch die schwarzen Srich^ 
reservate drohten ein Opfer der selbsttätigen Zerstörung M. werden. 
Es war, als weinte der Fasching, und in der bunten Brühe trieben 
steuerlos zwei vorzeitige Aschermittwochsaugen umher. 
Am WiLtenbergplatz stieg er aus. Niemand ülickw ihm nach. 
Einsam opferte er sich dem Vergnügen. 
Die Stimme. - 
Bon.-Durchreisenden ist mir wiederholt vsrsichert wE daß' 
ihnen die vielen'Bettler in Berlin auffielm. Ihre Zahl hat sich, 
auch durch den Zuzug von Erwerbslosen, in der Tat stark ver 
mehrt, und Zwar bevorzugende vor allem den besuchteren Teil des 
Kurfürstendammes, wo sie — ob mit Recht, soll gar nicht aus 
gemacht werden -- besonders wohltätige Passanten vermuten. Wer 
dort täglich vorbeikünunt, lernt bald die einzelnen Bettler unter 
scheiden. Sie haben, ihre Stammplätze, undhdie roten, gelben und 
grünen Sonnen der Lichtreklamen, die den Strom des stets 
wechselnden Publikums beschsmen, spenden auch ihnen ein Stück 
Dauerglanz. 
AngestrahlL von dem Namen omeS-mondE Seebades, irr dem 
es zur Zeit kaum warmer sein dürfte als in Berlin, harrt Abend 
für Abend ein Blinder am Vorgartsnrand, aus dessen Gewalt ich 
' mich immer nur schwer Zu befielen vermag. Dabei hat/er es nicht., 
einmal auf übertriebene Kläglichkeit abgesehen. Er ist in mittleren 
Jahren, tragt eins Art von Schirmmütze und bieteL Streichhölzer 
feil. Ungewöhnlich ist em ihm weder das Bild des Verfalls noch 
die Bitte um Mmosen, sondern'einzig und allein seine Stimme. 
Andere pfeifen , aus dem letzten Loch; diese Stimme sprüht aus 
ihm. 
„Streichhölzer, Streichhölzer... Bitte, helfen Sie.. mir/ &amp;gt; sagt 
der Bettler ohne Unterlaß ins Straßenleben hinein. Wer wie er 
es sagt! In einem Ton, der nicht klagt noch anklagt, der nicht s 
ergreifen will und sich auch nicht im geringsten erhebt — in einem 
völlig unbeteiligten Ton vielmehr, den man gerade darum hören 
muß, weil er sich aus jeder Beziehung .zum Sprecher, und Zu den 
Angesprochenen gelost hat. Ich glaube nicht, daß er vom Bettler " 
herrHrt oder irgendwo , hinziett Es ist, ÄS W dick Stimme 
Begegnungen mit iMMen AMren. 
Berlin, im Febrrmr. 
Berliner Fasching.. / 
' Der Berliner Fasching — ich bin ihm gewissermaßen persönlich 
begegnet, am Sonnabend, genau um Mitternacht. Die Begegnung 
erfolgte in der Untergrundbahn, die sogar ausnahmsweise einmal 
nicht überfüllt paar. Sonst erinnert die Art der Unterbringung in 
diesen Zügen eher an einen MaterialLransM als an die Beförde 
rung von Menschen, aber das Publikum weiß, daß es auch nur 
MenschenmaLerial ist, und findet sich darum mit seinem gedrückten 
Zustand geduldig ab. 
Der Wagen, .in dem ich . führ, war mit gewöhnlichen Zivilisten 
besetzt, die vermutlich an alles andere eher als gerade au den 
Fasching dachten. Es gibt ja heute eine Menge von Dingen, mit 
denen unser Kopf mindestens ebenso vollgestopft wird wie die 
Untergrundbahn: die Mordüberfälle, die Arbeitslosigkeit, und was 
fangen die HiLlerleüts nach ihrem Exodus aus dem Reichstag au? 
..Ein Wirbel erregender Ereignisse, der wie in einem. Zirkus 
vorab erbraust und die Bewerbung-Sarmsan^ Berliner 
Obsrbürgermeisterpost beinahe zu rechtfertigen vermag. &amp;gt; 
Mitten in dem nächtlichen Alltag stand mir gegenüber eine vsr« 
einzelte Faschingsperson. Der junge Mann, der nicht den besseren 
Ständen entstammte, bemühte sich ersichtlich darum, den Karneval 
im feindlichen Ausland würdig Zu vertreten. Er trug Zwar der 
" Kälte wegen, die auch den grundsätzlich chrohsmmgm Menschen nicht 
verschont, einen UeberZieher, aber unter dem Mantel erzeugten 
Tanzschuhe einen leicht Zerknitterten Glanz, und den oberen Ab 
schluß bildete eine giftgrüne Halskrause, der wie einem Rissen- 
kelch die knallige Blüte des Gesichts entquoll. Es war eine einzige 
Röte, die nur durch den künstlichen Schnurrbart und die peinlich 
hingestrichenen Augenbrauen unterbrochen wurde. Wie Spuren 
eines schwarzen Festlandes ragten sie aus dem Roten Meer hervor. 
Vier Stationen weit bin ich mit dem jungen Mann Zusammen 
gefahren. Daß er lustig gewesen wäre, wage ich nicht Zu behaupten. 
lichen — ihr Aufiauchen erhält die Handlung in Gang und 
verleiht ihr den erforderlichen Rhythmus. Während die Masse 
der deutschen Tonfilme den Sinnzusammenhang jeweils aus den 
mehr oder weniger sinnlosen Dialogen, Schlagern usw. gewinnen 
mochte, setzt dieser Film dem falschen Prinzip das richtige ent 
gegen, nach dem sich der Sinnzusammenhang in der Hauptsache aus 
den Beziehungen der optischen Elemente zueinander ergeben muß. 
Besagt ihre Vorherrschaft, daß der Ton abzudanken Wie? 
Keineswegs- Er ist im Tonfilm genau so notwendig wie .das 
Optische, wenn er nur nicht die Führung beansprucht. Auch Tas' 
wird im Karamasoff-Film bewiesen, der ohne die stete Dazwischen- 
kunft der Töne unzulänglich wäre, wie stark immer er visuell, 
bestimmt ist. Ein Satz stellt den Uebergang von einer Montage 
einheit zur anderen her; die musikalischen Anknüpfungen, an die 
Stattonsgeräusche sind nicht 'zu entbehren; die akustische Ueber- 
blendung Meier Gespräche, deren eines hinter einer Tür von 
statten geht, ergänzt den gezeigten BildmrGchniLL; die Steigerun 
gen des Bacchanals im Zigeunerhaus wären ohne die Tonmalerei 
nicht möglich. Gewiß stützt sich der Film nicht auf die Musik und 
- die Dialoge; aber das tönende Element ist ihm doch 
wesentlich und mehr als nur Zutat. Wie ein Stahlskelettbau 
auf bis Mauerfüllungen angewiesen ist, so bedarf der echte Ton« 
film der Geräusche und Worte, um sich zu schließen. 
Nach alledem versteht sich beinahe von selber, daß sich die Bild-. 
Montage ungehindert entfalten kann. Frei wie in den guten 
Zeiten des stummen Films werden die Bilder Miteinander asso« 
ziiert, und aus ihrem Fluh erstehen die wesentlichen Bedeutung 
gen« Mag O-G die Zeichensprache der Landschaft zu sehr belasten- 
und die herrliche Zi-geunersrgie über Gebühr dehnen — nicht jede 
Breite ist epische Breite er verfügt doch meisterlich Wer die 
Syntax der sichtbaren Weltbestandteile. Statt kunstgewerblicher 
Arrangements gibt er beredte Konstellationen; statt nichtiger Aus 
schnitte vielsagende optische Daten (ich denke etwa an den Blick 
auf die Tafel des alten Karamasoff). Und auch die Einmontierung 
des Tons ist von ihm in Gemeinschaft mit Rathaus treffsicher an 
gepackt worden. In dieser Hinsicht stehen wir allerdings erst am 
Beginn. 
Ksrtner als Karamasoff: da fehlt kein I-Lüpfeichen, Wer 
vieleicht Verwiegt um eine Spur zu viel das Raisonnement. Seine 
Partnerin ist Anna SLen, eine Vampfassade, die wunderbar Zu- 
sammenbricht, und unverbrauchte Liebe strahlt frei nach außen. 
Fritz. Rasp und Max Hohl stehen durch ihre Kunst der Charak 
terisierung den. Hauptspielern ebenbürtig zur. Seite. 
Nichts Ware unerfreulicher, als wenn der Kamnmsoff-FTm 
den Anstoß zu einer Serie inhaltlich verwandter Filme gäbe. Schon 
meldet die. Terra, wie ich . zu. meinem Schrecken erfahre, nach dem 
Erfolg dieses Werts einen zweiten Dostojewski-Film an. Als ob 
der-Erfolg dem Stuf zuKuschreiben wäre und nicht dem filmischen 
Gehalt! Gerade die StoffwaU des Films ist keineswegs Vorbilds 
hast, und ich weine, daß . sich in der heutigen Zeit wahrhaftig genug 
Themen finden lassen, die uns mehr betreffen als das Schicksal 
Karamasoffs. Was allein studiert und nachgecHmt werden sollte ist 
der Versuch zur richtigen GeMLung eines ernsthaften Tonfilms. 
S. Kramueck
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        Zusammenschmilzt. 
S. Kracmrer. 
beiseite, und die Schreib- 
wird die Walze abgenutzt 
S. Kracauer. 
zulande immer eilig haben, stoßen sie 
maschinen klappern über sie hinweg. 
Der Leierkasten ist verstummt. Bald 
sein. 
Schlager im Grit. 
Berlin, im Februar. 
Zu meiner Bürostube dringen durchs geschlossene Fenster die 
Klänge eines Leierkastens herauf. Ich w "ß nicht, was der Mann 
im Hof unten spielt, und wahrscheinlich hört ihm auch sonst 
niemand zu. Es ist kalt draußen, ein schlechtes Wetter für Melo 
dien. Schritte Hallen durch den Korridor, und die Schreibmaschi 
nen klappern unausgesetzt in den Vormittag hinein, der so mit 
Geschäftigkeit vollgspropft ist, daß die Drehorgelmusik einfach 
keinen Unterschlupf in ihm findet. 
Während sie noch ertönt, erinnere ich mich eines anderen musik 
labenderen Vormittags, in den ich während meines letzten 
Pariser Aufenthaltes verschlagen wurde. Straßenpublikum, wie 
es der Zufall zusammenfährt, umstand in einer kleinen Gaffs 
hinter dem Palais Royal zwei Musikanten und eine Frau. Die 
Frau trug gerade einen Schlager vor, dem die Menge andächtig 
lauschte. Nachdem sie geendet hatte, ging sie herum und bot das 
Notenblatt mit dem Text feil, das auch wirklich von den meisten 
Passanten käuflich erworben wurde. Es ist ungefähr ein halbes 
Jahr her, und ganz Frankreich feierte damals den Triumph der 
Ozeanflieger Csste und Bellonte. Ihre Heldentat besang dieser aller 
neueste Schlager Kaum war er in den Händen des Publikums, 
so beobachtete ich, wie viele Lippen sich lautlos und eifrig be 
wegten, um die Verse auswendig zu lernen. Und als dann die 
Fmu zum zweiten Male das Ruhmeslied zu singen begann, schloß 
sich der Menschenkreis allmählich zu einer Gemeinde zusammen, 
die von Strophe zu Strophe kräftiger mitsang. Handwerker, Klein- 
burgerfrauen und junge Burschen mit der Mütze auf dem Kopf: 
äs bildeten eine einzige große Familie, die zwei glorreiche Söhne 
einträchtig pries. Obwohl ich an einer solchen Szene zum ersten 
Male Leilnahm, war mir doch bewußt, daß ich ihr früher schon 
öeigewohnt hatte. Ws in aller Welt war er gewesen? Indes die 
Leute auseinander strömten, um wie Bienen die süße Last des 
Schlagers weiter M tragen, fiel mir plötzlich ein: in Rens Clairs 
Film: „8ans!ss toLt« äs karis*. Ich hatte ihn in Berlin kurz vor 
meiner Abreise nach Paris gesehen und nicht recht geglaubt, daß 
er nur die bare Wirklichkeit schildere... 
«§our lsr totts äs karis" — das ist ja der Schlager, den der 
Drehorgelmann im Hof unten spielt. Vergeblich möchte sich die 
Melodie an den Hinterhausfronten emporranken, sie ist welk und 
müde geworden. Ich vergegenwärtigte mir, wie sie einst an ihrem 
UrsprungsorL von dem Volk verhätschelt wurde, das sich selber 
besang, indem es sie sang. Von Paris ist sie später durch unsere 
Kinos gewandert, wo sie immer noch halb zu Hause war, weil 
Bilder der heimatlichen Plätze und Gaffen sie umrahmten. Eine 
Weile danach, und sie ist in die Salons und die Cafes gedrungen, 
wie ein exotischer Besuch, dem man gerne für kurze Zeit Asylrecht 
gewährt. Aber die Menschen lieben die Abwechslung, und so hat 
man sie schließlich auf die Straße gesetzt. Straßen, in denen sie 
sich nicht auskennt, sind jetzt ihr Exil. Die Passanten, die es hier 
selbständig geworden und Lahne sich aus eigener Kraft ihren Weg. 
Sie dringt mit der Hartnäckigkeit von Schriftzügen durch die Lust, 
stellt wieder und wieder wie eine Tabelle ihr: „Streichhölzer, 
Streichhölzer" und das: ,Mitte, helfen Sie mir" fest, und rückt, 
unbekümmert um Erfolg oder Mißerfolg, einer nicht geschlagenen 
und niemals Zu schlagenden Heeressäule gleich gegen die Licht 
reklamen vor. Eine schneidende, finstere Stimme, die sich auch von 
dem mondanen Seebad nicht aufhalten läßt. 
Bevor sich der Bettler noch Zeigt, kommt sie mir jedesmal schon 
entgegerr. Wie ein von der Armut entsandter Lotse holt sie mich 
ab und geleitet mich eine Strecke weit über den Kurfürstendamm, 
ohne abzunehwen oder lauter zu werden. Längst ist die Geld- 
rnünze in ^n Streich gefallen — sie aber kann nicht 
verstummen, 
Chaplin am Trapez» 
Ist Chaplin selber der Leinwand entstiegen? Jedenfalls 
tsatschelt er dreidimensional über die Bühne, auf der Zwei Trapez 
künstler üben. Sie vollführen schwierige Lustmanöver, greifen nach 
ihren Händen, ohne sich je zu verfehlen, und sind alles in allem 
durchaus selbstbewußte und Zielsichere Männer im Raum. 
Auch Chaplin möchte einer sein, ist und bleibt aber ein Wunder 
an Hilflosigkeit. Rutscht aus, wenn er emwurzeln müßte, verfängt 
sich mit dem Stückchen, als wuchere unsichtbares Schlingkraut aus 
den Brettern hervor, kann das Hütchen eines Drahthindernisses 
wegen nicht aufsetzen und lüftet es dann zu Ehren einer mühsam 
gefangenen Laus. In dieser verkehrten Umgebung,, in der ein so 
merkwürdiges Durcheinander von Menschen und Dingen herrscht, 
verirrt er sich fortwährend wie in jenem SpiegelkabmeLt, das wir 
Me aus dem Zirkussilm keM 
Dennoch ist er in feiner tieM den Hilf- 
kösen ein Tros^ I wieder gelingt es ihm, starken Leuten 
einen Schabernack zu spielen und die heimtückischen Gegenstände 
zu überlisten. Zwar taumelt er überall, wo die Erwachsenen un 
entwegt ausschreiterr, aber dafür findet er auch dort ein Plätzchen, 
ws sie gar nicht zu weilen vermochten Ein dünnes Seil wird ihm 
Zum Notanker, und stürzt er schon ab, so fällt er wenigstens gleich 
in sein Hütchen hinein. Er zeigt auf drollige Weise, daß eins 
Ohnmacht wie die seine sich doch zuletzt durch die Wett schlägl, 
der gegenüber sie stets versagt, und praktiziert die große Lehre, 
nach der ein Glück Zu jedem Unglück gehört. Grund genug für ihn, 
sich manchmal mit der Geste des Lriumphators über die just unter 
jochten UMstände zu erheben. Nur leider richten sie sich wie Steh- 
LufMännchen sofort in die Höhe, und das Nüchlaufspiel beginnt 
wieder von vorne. Die entstellte Melk wird von Chaplin nicht Zu- 
rechtgerückt, aber er kann sich in ihr behaupten und zupft sie Leim 
Ohr. 
Charlie Rivel, der sich rm Rahmen des unterhaltenden 
Februarprsgramms der Skala mit seinen beiden Partnern pro 
duziert— die Clownsnummer des kleinen Ensembles ist muster 
haft aufgÄöaut und voller komischer Pointen — hat sein Original 
genau belauscht und stilgerecht weiterentwickelt. Zug für Zug er 
steht die zierliche Gestalt, und eignet ihr auch die rührende Vehe- 
menz des Urbildes nicht ganz, so bricht sie doch einmal in jenes 
Chaplingelachter aus, das wie ein Blitzstrahl Irrsinn und Glück
        <pb n="14" />
        &amp;gt;'onx) 
S. Kracauer» 
zusetzem 
Wkm-Kochsaison. 
Berlin- Im Februar» 
NLendanzug erbeten. 
Der Dreigroschenoperfilm ist nicht geglückt. Und ich 
bezweifle sogar, daß er hatte glücken können, wenn es nicht zum 
Prozeß zwischen den Autoren des Stücks und der Tobis-Warner 
gekommen wäre. 
Denn auch Brecht wäre nicht imstande gewesen, diese Oper, 
die aus dem Theater lebt, tonfilmfahig zu machen. Sie hat 
einen Stil, der nach der Bühne verlangt, weil er eine eigene Wirk 
lichkeit setzt, die mit realistischen Kunstmitteln nicht Zu erreichen 
ist. Einen exzentrischen Stil, wenn man will, dessen Hauptelemente 
gesellschastskritische Apercus, possenhafte Arabesken, lyrische Aus 
sagen und Travestien sind. Das steht dem Kabarett beinahe näher 
als der großen Bühne und dem Film am allerfernsten. Der zielt 
seiner ganzen Verfahrungsweise nach auf die optische Durch 
dringung der Realität ab. Ich möchte damit keineswegs sagen, daß 
der Film die sichtbare Welt so abzuöilden habe, wie sie normalen 
Augen erscheint. Im Gegenteil, die amerikanischen Grotesken be 
weisen deutlich genug, daß er Zeit und Raum bis zur Unwirklich- 
Leit verzerren kann, und bei Chaplin etwa wird die gesamts 
Realität eingeklammert und mit einem anderen Vorzeichen ver 
sehen. Wer, und das ist entscheidend: die Verwandlung der Reali^ 
tat im Film muß stets unter Zuhilfenahme rein filmischer Mitte! 
erfolgen. Chaplin drückt das von ihm Gemeinte mimisch aus, und 
noch der tollste Groteskfilm setzt sich aus Einfällen zusammen, dis 
das Gebiet des Visuellen nirgends verlassen. Der Übertragung 
in diese optische Sprache widerstrebt nun gerade die Dreigroschens 
Oper mehr als viele andere Merarische Stoffe. Sie ist die Bekun 
dung eines ausgeprägten Stilwillens, der sich gegen den Zauber 
realistischer Effekte in einer Zeichensprache richtet, die fürs Theater 
erdacht und in ihm allein Lcheimatet ist. Auf der Bühne mag der 
optische Zusammenhang beliebig zerstört, die Wirklichkeit mit 
Reflexionen und Lyrismen sabotiert werden; im Film ist die Reali 
tät nur innerhalb ihres eigenen Mediums anfzuhebem 
Nicht der Mörder also, sondern die Ermordete ist hier schuldig» 
Immerhin haben die Manuskriptverfasser Laura, Bijda und 
Balasz im Verein mit dem Regisseur G. W Pabst noch ein 
-übriges getan, um die Unmöglichkeit der Verfilmung Zu demon 
strieren. Statt daß die realistischen Teile Zugunsten der wesentlichen 
Einzelszenen und Gesangsnummern auf ein Minimum gebracht 
worden wären, sind sie über Gebühr in die Länge gezogen und be 
reiten den Pointen erkleckliche Schwierigkeiten. Das London ums 
Jahrhundertende ersteht, mit einem liebevoll ausgemalten Hafen 
viertel und Zeitgemäßen Kostümen. Eins richtige historische Welt, 
in der sofort zum Unding wird, was auf der Stllbühne glaub 
würdig ist. Der Realismus der Darstellung entkräftet auf Schritt 
und Tritt den Sinn der Leitmotive, die wiederum den Realismus 
Lügen strafen. Die Beziehungen Mackie Messers zunr Londoner 
Polizeipräsidenten, der in irgendeinem alten Journal abgebildst 
sein könnte; die leicht bewerkstelligte Flucht des Helden aus einem 
modernen Gefängnis; der Zusammenstoß des BettlerZuges mit dem 
Krönungszug: das alles paßt nicht zueinander und ergibt ein stil 
widriges Gemenge. Da, wie gesagt, die naturgetreuen Arrange 
ments überwlegen, werden die besten Situationen, Formulierungen 
und Ltzrismen des Theaterstücks selber oft unter einem Wust von 
Bildern erstickt, der ermüdend wirkt, weil er keine Spannung in 
sich enthalt Der «LgeZnderte oer em netter Merarischer 
Einfall ist, kommt nicht zur Geltung, und die Musik WeW nur 
selten zu Gehör. Sie, die dem Text erst Zur Existenz verhilst, wird 
im Film Küsemandergezerrt und stellenweise zur Illustration herab 
gesetzt.. . ' 
Gute Details machen den Schaden nicht wett. Ich erwähne die 
reizende und gefüllte Introduktion, die sich etwa bis zur Hochzeit 
erstreckt. Zu Anfang setzt sich auch Carola Neher als liebende, 
sanftmütige Polly durch, während fitz später als herrisches Wesen 
versagt. Rudolf Försters Mackie ist nicht unheimlich genug ge« 
raten. Ich entsinne mich noch deutlich, wie Theo Singen in der 
gleichen Rolle zum ersten NM über dre Bühne schritt; den Schauer, 
den er einflößte, vermag der Mackie Messer des. Films nirgends Zu 
erzeugen. 
Der Film wurde im Atrium als Festvorstellung uraufgeführü 
^.AbendanZug erbeten", stand im Programm. Dieses Ver 
langen kennzeichnet den Geist der Mlmproduzenten genau so wie 
ihr Werk selber. Es wäre, gerade Leim Dreigroschenoperfilm, auch 
ohne den ALendanzug gegangen. Um ganz davon abzusehen, daß 
die Kleidervsrschrift angesichts einer pausenlosen Darbietung dop 
pelt großspurig wirkt. Zum Glück waren einzelne Herren in grauen 
Stoffen erschienen. 
A r r 2 n s. 
Elisabeth Bergner als Arlane im Film gleichen 
Titels: etwas vertrackt Jungmädchenhaftes, mit Natur- und Kunst, 
tonen ausgestattet, die jedes Wort in ein eigenes Geschöpf ver 
wandeln, spröd, schelmisch, tiefernst, sehr anmutig, launisch bis da 
hinaus und was weiß ich noch alles. Die ganze Skala ist schlechter 
dings nicht zu durchmessen. Ein bewundernswertes Spiel das sich 
freilich in einer kleinen Umwelt auslebt. Dafür wird jede Nuance 
genutzt, die sich bietet, und es entsteht aus tausend Zügen ein 
Madchenbild, das weniger Anet vorgeschwebt haben mag als Schnitz- 
u"d gebrochen, wissend und nichtwiffend, hingebend und 
ichsüchtig, so erfährt dieses grazile Zivilisationsprodukt dem man 
nur nicht recht glaubt, daß es Mathematik studiert, seine'erste Liebe 
oder war Liebe heißt. Sprüht Kindlichkeit, fabuliert entzückend im 
Schwips, gibt mit großen Unschuldsaugen EMSrungcn ab Und 
so werter. All- Verehrer der Bergner haben Grund, zufrieden zu 
^"de mit Absicht die Schilderung ihrer Art voraus- 
weil der ganze Film überhaupt nur aus der Bergner 
besteht. Das hecht, es ist noch ihr Partner da, Rudolf Förster so 
em groger distinguierter Herrentyp und Don Juan, der zuerst nur 
M,s Abenteuer sucht und am -Ende in Liebe verfällt War 
Ariane -in unberührtes Mädchen oder nicht - um dieses Konflikt- 
chen von einem Konflikt, über das sich niemand mehr sonderlich 
ausregen wird, dreht sich das StüL / 
Es dreht sich sehr langsam, und man mich aufpaffen, daß sein 
Utem nicht plötzlich aussetzt. Zur Entschädigung sieht man immer 
die Bergner; in der Hauptsache von vorn und von lirM. Paul 
Czinnsr, ihr Dauerregisseur, hat die Theaterrämne, Hotel 
zimmer und Wartehallen mit Sorgfalt ausgewählt und sie in 
diese Milieus wie in gut paffende Schals gehüllt. Eine ge 
pflegte Atmosphäre, in der nur leider die Konversation teilweise 
unverständlich bleibt. 
Alltag? 
Der Film? „Brei Tage Liebs" M em „MmMeL 
dös Alltags" sein? So stellt ihn sich höchstens Jse Lederer 
vor, die offenbar mehr auf den Hügeln der Dichtkunst als in der 
Ebene der Alltäglichkeit zu verweilen pflegt. Diese Autorin läßt 
das Stubenmädchen Lerm, das als adrett und anständig geschil 
dert worden ist, den Brillantring der Gnädigen Frau stehlen, die 
übrigens selber ein Juwel an GnabiML ist laßt Lena das 
SchrmMück aus dem einzigen Grunde entwenden, weil sie von der 
verflossenen Freundin ihres gerade erst erworbenen Geliebten ge 
hört hat, daß dieser nur prächtig gekleideten Frauen die Treue 
Halts. Die unbescholtene Lena sucht nicht etwa Zunächst heraus^ 
brmgen, sö das 0n ckit überhaupt wahr sei, sondern wird lieber 
Wich Mr Diebin. Das ist-das Leben, wie G sich, unsere Dich ¬ 
terin denkt. Von Gewölk umnebelt, reiht fie eine UnwahrschLM- 
lichkeiL an dis andre, und zuletzt muß die arme Lena den über 
stZ verhängten Fehltritt mit dem Tode büßen, das 
Publikum in eine höhere Rührung gerate. Das verlogene und 
ambrtronöse Zeug schmeckt ranzig wie eine verdorbene Speise, 
Beinahe zwei Stunden hat man an ihr zu würgen. Sie dauM 
so lang wie die drei Tage Liebe selber, weil der Theaterregisseur 
Heinz Hilpert in diesem seinem ersten Tonfilm das schon ohne 
hin Gedehnte noch weiter aus dehnt und m einemsort leeres Füllwort 
mit Kammerspielwir^ verwechselt. Das Milieu ist überbe^ 
stimmt, die Stimmung ausgeschlachtet, und die Bagatellen dürfen 
sich spreizen. Hinzu kommt, daß manchmal, so in der Schutzmann 
szene am Schluß, mit theatralischen Mitteln gearbeitet wird, die im 
FUm versagen. Vor allem Käthe Dorsch, eine auf plastische, 
dreidimensionale Effekte angelegte Natur, hat unter der schlechten 
TranspoMion zu leiden. Sie wirkt matt, und ihr Spiel bleibt un- 
ausgefüllt wie ein abstrakter Begriff. Hans A! öers ist natürlich 
knorke genug, um sich auch unter den widrigsten Umstanden durch-
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        Kutokutt. 
Berlin, im Februar. 
Wenn ich es noch nicht gewußt hätte, so märe ich jetzt, nach dem 
Besuch der Internationalen Auto-Schau am Kaiser 
damm, endgültig davon überzeugt: daß das Auto einer der wenigen 
Gegenstände ist, die heute allgemeine Verehrung genießen. Ich 
kenne kaum ein anderes Objekt, das so in der Volksgunst steht. 
TaxiMufseure und Herrenfahrer, junge Burschen proletarischen 
Aussehens und Schupomannschaftsn, elegante Schnösels und 
Motorradanwärter: sie alle, die sich sonst gar nicht miteinander 
verLmaen, pilgern gemeinschaftlich durch die Hallen und verrichten 
ihre ndackt or Kühlern, Zündungen und Carofferien. Es ist, als 
seien angesichts des Fertigprodukts die sozialen Klassenunterschiede 
aufgehoben, die, nach der trefflichen Reportage Jlja Ehrenburgs 
zu schließen, Lei seiner Fabrikation eine beträchtliche Rolle spielen. 
Eine Wallfahrt wie die Zu Lourdes, die sich langsam von Station 
M Station bewegt und immer neue Offenbarungen erlebt. Ver 
mutlich werden viele die Ausstellung in erleuchtetem Zustand ver 
lassen. 
Auf ihn vorbereitet sind jedenfalls die meisten Besucher. Noch 
niemals bin ich in eine Menge verschlagen worden, die soviel von 
den Dingen verstünde, um derentwillen sie sich angeschart hat. Mag 
man in Volksversammlungen ihr alles mögliche ausschwatzen 
Wunen: hier laßt sie sich nicht betrügen, hier dringt sie bis ins 
Innere der Motoren vor. Sie besteht überhaupt nur aus Fach 
männern, und ich bin sicher der einzige, der an der Oberfläche haften 
bleibt und den schönen Schein mir dem Wesen verwechselt. Das 
Wesen der Vorderräder, Kutbelungen und schweren Transport 
wagen — die andern erforschen es, nchmen es sachkundig unter 
die Lupe und Wen Kritik. Vom Mann in der Windjacke an bis 
zum hohen General geben sie sich seinem Studium hin, eine moderne 
Scholastik, die jeder gleich eifrig betreibt. Der General trägt einen 
blitzenden Stern am Hals und wird von mehreren Adjutanten 
gefolgt, die gewissermaßen Mischen ihm und den Autokonstruk- 
iionen vermitteln. 
Vor den billigen Volkswagen staut sich die Menschenmenge be 
sonders dicht. Sie erwecken die Begehrlichkeit und werden mit 
einem Wohlgefallen angestaunt, das keineswegs Interesses ist. 
Man erklärt sich gegenseitig ihre Bestandteile, zwängt sich w sie 
hinein und findet sie so komfortabel, als hatte man sie bereits 
erworben. Wenn mittlerweile die Wirtschaftskrise behoben sein 
sollte, prangen vielleicht manche von ihnen beim nächsten Weih- 
nachtsfest auf dem Gabentisch. In der nächsten Nachbarschaft dieser 
Liliputgeschöpfe haben sich wahre Riesenungetüme von Wagen 
angesiedelt, alles bunt durcheinander, auch die Reiche kommen auf 
ihre Kosten. Durch die Anordnung der Modelle wird zum mindesten 
dem Wissensdurst Genüge getan. Mitunter ist das Gehäuse ab 
montiert, und der technische Restbestand dreht sich oberhalb einer 
Spiegelunterlage gemächlich um sich selber wie ein Mannequin. 
Oder ein Wagen ist einfach in der Mitte seiner ganzen Länge nach 
halbiert und wirkt nun wie ein Präparat in der Anatomie. Von 
den Bilanzen und Fabrikationsgeheimnissen abgesehen, zeigen sich 
alle Eingeweide im vollen Lichte der Öffentlichkeit, und noch das 
geringste Schräubchen strebt danach, möglichst -volkstümlich zu 
werden. 
Habe ich auch von dieser durchscheinenden Innenwelt nicht eben 
viel begriffen, so sind mir doch einige Spezialitäten ausgefallen, die 
selbst dem Laien ettvas bedeuten. Unter ihnen verdient ein Wagen 
erwähnt Zu werden, dessen vier Sitze sich zu Zwei Schlafgelegen 
heiten zusammenklappen lassen. Ein Bekannter erzählte mir kürzlich 
von einer nächtlichen Autopartis ins Bois: wie sie ein Reh vor 
den Scheinwerfern austauchen sahen und wie romantisch überhaupt 
die Waldeinsamkeit war. In Zukunft wetden es die Romantiker 
weit bequemer haben und mit dem Genuß des Waldes auch noch 
den der Ruhestätte verbinden können. Und dann das fahrbare 
Woch-enendhäuschen, das sich an jeden Wagen anhängen läßt, vor 
ausgesetzt, daß man ihn besitzt. In dieser kleinsten Hütte fft nicht 
nur Raum für e i n glücklich liebend Paar nein, sogar ein zweites 
findet im Notfall Platz darin. Nur Sinclair Lewis vermöchte das 
Raffinement der Einrichtung gebührend zu würdigen: die aus- 
klappbaken Zeltteile, den Spirituskocher, den versenkbaren Boden 
und den ganzen Hausrat, der in dem Kasten steckt, obwohl er eigent 
lich nicht in ihn hineingeht. Es muß schön sein., so genau nach 
Zentimetern abgemessen zu nächtigen und dann einmal wieder in 
einem richtigen Hotelzimmer zu schlafen. 
Wer nach einem Kinobesuch ins Freie tritt, glaubt unwill 
kürlich, daß der Film sich draußen fortsetze und das ganze Getriebe 
künstlich sei. So mag es manchen beim Verlassen der Hallen ergehen. 
Die Straßen vor der Ausstellung find mit Autos vollgestopft, und 
alle diese Geb-muchsinsttumente gebärden sich jetzt so, als seien sie 
pure Schauobjekte und parkten nur, um betrachtet Zu werden. Kaum 
wage ich in ein Taxi einzusteigen. Vielleicht zeigt es plötzlich seine 
Kugellager oder zerlegt sich selbsttätig in zwei Hälften. 
S. Krakauer
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        tVie erklärn sied Aw/Se Sueder/oiM? 
^Si 
Richard Uoß: „Z^eL NenscLen- 
Von 8. L^aeauer 
Der vor bald ZwanZig iladren im Verlag 
Rngeldorns Naedkolger (8tuttgart) orsedionone 
Roman: „Zwei Nonsodev" von Riedard 
Vod gedört Zu den groken bueddändleriseden 
Lrkolgen in veutsedland. Lr liegt Konto Lm 660. 
'Lausend vor, und wieviele vüeder dürken sied 
so gewaltiger Zikkern noed rüdmen? vabei ist 
Ldm soino Popularität keineswegs an der V^ioge 
gesungen worden. Als der Roman 1911 dem Ver 
lag Lngeldorn eingeroiedt wurde, riet der erprob 
teste untor äsn damaligen Verlagslektoren von 
seinem Lrwerb mit äor Begründung ab, dak das 
Book Zu 8ekwierigkeiten mit äom katdoliseden 
Llerus küdren werde, unä aued seiner Lebor- 
spanntdeit unä Verstiegendeit wegen niedt auk 
oin breites Publikum rooknon könne. vor Berater 
bliekte auk eine etwa öOjädrige Lrkadrung Zurüek 
unä kannte sämtdedo krüdere ^Verke von Vok, 
Zu denen 8o glüekliede Rrikke wie „Villa paloo- 
niori" unä „Bin Lönigsdrama" gekörten. 
^Velods 8edLedten äos Volkes baden äio 
660 000 Rxemplare Zur Brdauung unä Zu 6s- 
sedenkZweeken kauklied erstanden? vio soge 
nannten gebildeten unä literarised interessierten 
jedonkalls niedt. vor Roman ist idron Lreisen 
kremd unä enträt aued naksZU völlig äos 8ekutZ- 
geloits äsr Kritik; von sinom versedollenon Ver- 
rik abgesedsn, äsn in seinem Lrsedeiuungsjadr 
der selige Oarl vusss in „VoldaFon L LlasinZs 
Nonatsdoktsv" pudliLierts. vennood Mäekst unä 
xeäoikt äas vued munter kort unä ist so^ar 
^vieäerdolt verkämt woräen. vor vilm dringt 
alles Verdorbene an äsn l'aF. „vs ist Zeraäs so, 
als od äie ^uklaAen veräunstoten", sedrsidt mir 
äsr Verleger, äom solder, vrie er sinZestsdt, kein 
oin2i§er voser äos ^srks üdor äsn ^VeF Zelaukon 
ist. Vnä er kädrt kort:: ,Man liest unä sedrsidt 
immer so viel üdor alle möAdoden Vostsollers, 
adsr äor ^dsats äioses vuedss, äas sieder eines 
äor ökkontliodsten ist, sodeint sied kür mied untor 
^ussedluk äsr Oskkentdedksit r;u vollLiodsv." 
vie Vrünäe kür äis starke Wirkung äeZ Ko- 
mans auk äis niedtökksntliede Oskksntliedkeit ^sr- 
äsn r^vsikellos aued äie ökkentliede interessieren. 
vnstroitiF veräankt äas vued seinen Hiossn- 
adsatr unter anderem äsr vnvsrdlümtdeit, mit 
äor es, äsr eedtdürtiZen LolportaFs Alsied, odns 
zsäen vmsed^veik auk äis xroksn Nsnseddeits- 
tdemsn losstsusrt. 8sin ObAonstanä sinä, sedliedt 
ZesaFt, 2^vsi Nsnsedsn, As^visssrmakon ^äam unä 
Lva. „8is ledten einanäor so nads, äak eins 
kur^e dalds 8tunäo sie dätts versiniZen können; 
unä sie waren äured V^oltsn vonoinanäer Ao- 
sedioäon: äisssr Nann unä dieses Weid, äisse — 
Zwei Nensedon!" (Lm voman gesperrt). 8sldst- 
verstänälied lisden sie sied deiäs, luäitd platter 
unä Hoedus Orak von vnna, mit einer visde, äis 
dis Zum loä roiedt, unä edsnso ssldstvsrstänä- 
liod wurZsln sis im Volk unä in idrem vmmat- 
lanä l'irol, äas viel dsimatliedsr ist als LrZenäoin 
anäeres vanä. „vs war sin Volk", wirä einmal 
FssaZt, „wie es immer seltener wirä in diesem 
Zeitalter neuer Oesedleodter: wokl^ediläste, 
sedlanke unä äoed markige Oestaltsn mit dellem 
Haar unä draunsm Oesiedt, darin FsnZianendlaus 
^uZen leuedtetsn." Und wie voedus naed ladren 
der ^dwesendeit wieder dis ptsed stromauk wan 
VirbvZmuesiw dsMxsil LiteraturblLtt sin» ^vksr^ssris Wer Äis Srüwjs 
xroüer Luekerkolgs, äis i» -MMZIossr Lolxs srsedsmM soll. Lrs Msiobt ist: siui-s 
«ruiiäs Mi smuttsiu, Lus äsusu ss ws.ii°ksv Siieksra xsUvst, sroüs Lssormsssso M 
erobern. 8m llsuMuseuwerL möebtsn vir bei aisser VerLnstnitullZ »uk «oloks Lrkol«s- 
bueksr riebten, äis aueb aaä vornskwliod ru äs» Utsrarisek uvssbüästM Lekiobts» 
^r LevolksruuZ sxrsedsn. Laura köuutsu vir uns etvas Sssssres vüusvbsu, als äurak 
Äis sms oäor auäors äsr kisr seMutsu ^ualxseu sinsu Lsitra« -um VsrstLuäuis äsr 
anon^msn ML8SSÜ Zu lisksru. 
dert, zudslt er oder vislmedr sein vor?: „Heimat, 
Heimat!" vie 2adl der LusrukunZsZeioden ist 
dem Oraä der vnmitteldarkeit direkt proportio 
nal. visdten sied dis viedenäen nur, so wZre äis 
Oesediedts rasek aus. vader geraten sie in einen 
Lonklikt, der ader so weniF auks rsin Individuelle 
dssodränkt dlsidt wie idr ei^snes 8ein, sondern 
ZewaltiFS wsltansedauliede vimensionsn an- 
nimmt. Anders könnte er ja aued idrsr kolossa- 
dsedsn visde niedt Widerpart dalten. voedus 
muL Zsistded werden und verwandelt sied in 
Hom in den Au^ustinerpater Paulus; wädrenä 
Fuäitd im weltlieden 8tand vorkarrt und sied 
soZar dis ans pnds §e§sn die Oläudi^ksit sträudt. 
Als ein m^tdisedes Volksnaturwessn wird sie F6- 
sedildert. 8edon die kleine luditd „ist eins ^rods 
Zauberin, der l'iers unä Nenseden unterließen. 
8ie dat sied eins vollstänäiße Nsnaßoris wilder 
Vsstisn ßSZädmd Als 8edokdünäeden läukt idr 
ein junior Edelmarder naed; Zwei draune pal- 
ken umklattern sis wie ä'äudlein, und an Lbrsr 
8eits stolZisren bin Heidsr und sin 8ildsrkasan. 
Das Lind wäre im üdrißen niedt das vrdild, das 
68 ist, wenn es niedt die „Oottssßadtz" dosake, 
„Zu wirtsedakten, ru ordnen und in seinem klei 
nen Lreiss Zu derrsedsn." Aued Roedus ist 
m^tdised von Orunä auk. psitet der Lnade^ aus, 
Ho klisßt sein „palde" ßleied wie ein „Lalke" da- 
din, und in vedereinstimmunß mit diesen Allite 
rationen nimmt sied deroits der „junße Naienr 
monsed" vor: „Unterwerken will ied mir einmal 
äie Nenseden, üder sie derrseden!" vsr ßanZe 
Roman ist erküllt von äem inneren Lampk äes 
Viedenäen wider seinen ßsistiieden veruk und 
äie eigene verrsedsuedt. vie Lreatur wedrt sied 
äaßsßen, adßetötet Zu weräen, ador äie Lirede 
kesselt äio Lreatur unentrinnbar an sied unä 
nutZr äsn Naedttried kür idre Zweeke. V^io äioss 
Zwei Nonseden, in äsnen sied kür jedermann ver- 
Ltänddede prinZipien verkörpern, vor Lieds Zu 
einander verßoden, wir erkadren es ersedöpkenä 
ßenau und in einer ^Veiso, üder äis noed Zu 
reden sein wirä. 
Volkstum, Liede, Natur und Ledernatur — 
äas sind die Llemonte äes Vueds. Odwodl sied 
ßowiedtißsrs niedt ßut kinäon lassen, verdürben 
sie äoed keineswegs äsn Lrkolg, nadte sied idnen 
ein aukgek^ärter Reist mit äen Nitteln kortge- 
sedrittener Lrkenntnis. Vod dat sedon darum das 
groke Los geZogen, woll er niedt im LesitZ dieser 
Mttel gewesen ist. Lr dat dio ^Velt- und Aller* 
woltselemente in jene tragisede Lonstellation ge- 
draedt, äie seit der klassiseden Aestdotik Zum 
Remeingut der mittleren 86driktst6llerei derad- 
gesunken ist. ^Vann immer mensedliede Verdält- 
nisso als tragised gekennZoiednet worden, Ist idre 
Lnadänderliedkeit desiegelt. Das veäürknis der 
katdoiiseden unä der niedtkatdoliseden Leser, 
naed idror passon selig Zu worden, wirä äured 
diesen Roman niedt etwa untergraben, sondern 
^der gesteigert. Allerdings neigt sied am 8ekluk 
die ^Vaage Zugunsten des Nvtdised-Prokanen. 
^uditd tötet sied Zwar äured einen AbsturZ von 
den „Lönigswänäev" — jede andere l'oäesart 
wäre idror niedt würdig aber sie tut es aus 
unbesiegbarer Liebe. Lnd erklimmt aued Pater 
Paulus 8tuke um 8tuke der kiredlieden Rierar-
        <pb n="17" />
        äie ikr 
glaube, 
präge, 
Ruckes 
solcken 
sckakt xu erblicken kokkt. Der Reginn, der 
^suäitks kod erxäklt, nimmt sckon das knäe 
weg, das auk diesen koä ausgeriobtet ist. 
wie im ganxen, so wird auck im einxelnen 
kakren. Die Rekekrung äes Rockus etwa 
erst äie Leiten, nackäem die katsacke äer 
kekrung mitgeteilt woräen ist. 
Raben Rüeker ikre Lckieksale, so sinä Auck 
8ckicksale an Ruekerkolgen Lbxulesen. preiliek 
niekt auk äen ersten Rück. Ick verökkentlieke im 
folgenden eine mir vom Verleger kreunälickst 
von 
vor- 
Dnd 
ver- 
küllt 
Le- 
gleick waren..." Dsw. ks ist, wie ick 
äiese deutscke Dösung äer romiscken 
äie nickt xuletxt äer Verbreitung äes 
Vorsekuk geleistet bat. Dak es um einer 
Haltung killen ins Volk gedrungen ist, 
ckis, 80 bekennt er dock am Lckluk: „Nensek 
hätte ick kleiden müssen, äie Kräe meiner Väter 
im 8ckweike meines ^ngesicbts bebauen, ^uäitk 
platter xu meinem ^Veibe maoken, mit luäitk 
platter Kinder xeugen, Lökne, äie mir, köokter, 
^bsicktlick also wirä allentkalben die stokk- 
lieke Lpannung unterbunden, kür ikren ^uskak 
suckt Vok äurck eine Darstellungsweise xu ent- 
sckääigen, äie wakrsckeinkck äie Rauptsekulä 
an äer Resonanx des Ruckes trägt. 8ie strotxt von 
jener literarisck ungekormten Oeküklsseligkeit, 
äie xu äen anonymen Volksmassen sprickt. Der 
literariscke ^usäruok sagt iknen nickts, unä die 
äurckorganisierte kapitalistiscke ^Velt treibt sie 
in siek kinein. 8o werden Oeküklsmengen ange 
staut, die weder einen Rrkenntnisort kaben, nock 
eine legitime Noglickkeit der Gestaltung. 8ie 
karren auk Namen unä Rinäung; äenn wie soll 
ten Diebe unä Rak, äie dock verbanden sind, je 
umgesetxt werden, wenn äie Rabnen keblen, in 
äenen sie abklieken können? Vok regelt den 6e- 
küblsverkebr, indem er das prall angeküllte Innere 
auksticbt und den wortlosen kmotionen xum 
ankeren Dasein verbilkt. Lobon dak der Pater 
Paulus seine Leele in ein kagebueb ergiekt, er- 
leicbtert dem Publikum die ^ukgabe, nun aucb 
seinerseits das Inwendige ausxuleeren und dem 
xwiscbenmenscblicben Distributionsproxek einxu- 
verleiben. Rm von äem lobton xu scbweigen: 
äie ganxe Lpraebe ist so innig und xugleieb so 
Verblasen, äak von äer ^äelsäame an bis xum 
kücbenpersonal jeäer Reteiligte glauben kann, 
sie sei äie genaue Darbietung der von ibm ge- 
begten Oeküble. luditb beikt „äas luäitblein", äie 
prst gegen Kriegsende Also sckiekt äer Roman 
ricktig ins Kraut. 4e mekr kanonenkutter ärauken 
gebranckt wird, äesto mekr Pxemplare äienen 
als Desekutter., Die prnäkrung war damals 
sekleekt, unä sogar äie Rinäkääen bestanden aus 
kapier. ks folgte äie Revolution, aber Inditb 
und Rockus behaupteten sieb wie xwei Dolo- 
mitenkelsen, äie äer 8turm umbrausb Der Dollar 
stieg unä stieg, äie Lleinaktionäre verarmten, 
unä äie Rentenbesitxer wurden ausgepowert: äas 
Ruck kielt siok auk seiner Röke, als sei es ein 
8ackwert. Dnverwüstlick wie sein Oesokenkein- 
banä rettete es äie V^ertbeständigkeit auck in 
äie stabile Seit kinüker, unä als äie Betriebe 
rationalisierten, gelang es ikm, sieb allen ^bbau- 
maknakmen xu entxieken. Rnä keute? V^ie mir 
äer Verleger mitteilt, bat jetxt „äas Ruck sogar 
wieder einen neuen ^.ukscbwung genommen, so 
äak wir seit V^eiknaekten bereits gegen 4000 Ex 
emplare abgesetxt kaben unä nock knäe äes 
Monats äas 661.—680. kausend drucken müssen". 
Angegeben, dak äie ausgekungerten Nassen 
ikrs Desebedürknisse am knäe äes Krieges genau 
so wenig wäklerisck bekrieäigten wie äie Nuste- 
rungskommissü neu äas Reäürknis nack Men- 
sckenmaterial: äer rausokenäe Orokkampferkolg 
äes Bucks ist damit nickt erklärt. Laratkustra 
und kaust sind aus dem Tornister längst wieder 
in äie Znsterklickkeit xurückgekekrt. Vok aber 
blükt wie im 8oküt26ngrab6n so auck am keimi- 
soken Kerä. 2u äieser ^.rt von Dauer gelangt 
ein Duck nur äann, wenn ein breites Publikum 
immer wieder äie Oelegenkeit kat, seine wecksel- 
vollsn 8ckieksal6 in ikm Lu spiegeln. Das keikt, 
die Vestanäteile äes Romans müssen so arran 
giert sein, äak im Dau! äer 2eit zeweils andere 
Oruppen äas allgemeine Interesse ru kesseln ver 
mögen. Vermutlick kat äie katsacke, äak 8üä- 
tirol äie äeklarierte Heimat äer Romankeläen ist, 
rum LnsekweUen äer Anklagen im krieg erkeb- 
kck beigetragen. Dnä keikt es niekt überäies von 
luäitk ausärückliok, äak ikr „alles wylscke V^e- 
sen bis in äen Orunä der 8eel6 verkakt, ikr gans 
unä gar Zuwider ist..."? ^Vo so dattig gesät 
wurde, konnte äie krnte nickt Ausbleiben, ^.uck 
äie Rolle äer Lireke als äes einzigen krieäens- 
kortes auk kräen mag äie Aufmerksamkeit auk 
ein Duck gelenkt kaben, in äessen Mitte ein 
Priester stekt. 8cklieklick entsprack äer Iragik, 
2u äer es siok verstieg, äie vulgäre Aukkassung 
^om krieg, nack äer er weniger äie kolge 
mensckkcker Nackinationen als ein Verkängnis 
ist. In äen lakren äer ^narokie trug vielleickt 
gewäkrt einen wicktigen ^uksokluk über äie Oe- 
sinnung äer Konsumenten, «luäitk keikt äer 
königswanäe wegen auck äie „königskrau", unä 
äie ganxe Vokproäuktion war in ^äelskreisen 
immer keliekt. Rinxu kommen mag äer kleinere 
Mittelstand. OK das käelmensckentum unter äen 
^.rbeiterkamilien viele ^bnekmer Kai, ist nickt xu 
ermitteln. 
rum krkolg des Romans nickt unwesentliek äer 
Umstand bei, äak in ikm Vierte postuliert sind, 
die einen ^usammenkalt su gewäkrleisten sckei-' 
nen. Hier ist das Volk nickt in Klassen aukgespal- 
ten, die siok gegenseitig bekämpfen, sondern 2u 
einer knorrigen Oemeinsckakt verbunden; kier 
werden nickt fortdauernd alte Osset^e umge- 
stür^t, kür äie ^akrkunäerte Zeugen, sondern äie 
Oeset^e bekaupten siek gegen äie Nenscken. 
Viele, die sied vom Oberkläckentaumel in und 
naok äer Inklation abgestoken küklten, mockten 
sick späterkin, wie kümmerliok immer, am über- 
reicken Innenleben von ^uäitk unä Rockus auk- 
riekten. 8o arm 2U sein unä dock voller Diebe 
unä weltunabkängig — den ins Rintertrekken ge 
ratenen 8okickten wurden äie beiden sum Vor 
bild. ^ls 2wei ausgewacksene kin^elwesen die 
nen sie auck dem Protest gegen die Lollektivisie- 
rungstenäenren als Rückenstärkung, die in der 
Gegenwart immer äeutlicker kervortreten. 8ie 
widerstreben groken keilen äes äeutscken Volkes, 
äas einst äen Inäiviäualismus kür siok gepacktet 
2u Kaben glaubte; ^'edenkalls beweist die V^ir- 
kung des Romans, äak „kersonlickkeiten" vom 
Range luditks und äes Paters Paulus mindestens 
dieselbe ^ugkrakt kaben wie Porträts von Nas- 
senmenscken. leder Angestellte will lieber eine 
persönlickkeit sein als das, was er unter einem 
Proletarier versiebt, ^uck der verstärkte Natio 
nalismus und äie Kulturreaktion — krsckeinun- 
gen, äie okonomisok gut unterbaut sinä unä mit 
äer Abneigung gegen äen Kollektivismus eng xu- 
sammenkängen — kinäen an äem Roman ikren 
Halt. Oerade seine m^tkiscken ^ügs kükren ikm 
2ur 2eit neue Deser 2u, denen äie Menagerie äer 
^luäitk vermutlick eine ebensölcke Restätigung ist 
wie das barbariscke ^ukbegekren des Rockus. 
8o gesekickt aukgeplustert und be^iekungs- 
reiek gemixt äie Klemente äes Ruckes sein 
mögen: äak es unaukkaltsam äurck ^akllose, nie 
xu kontrollierende Kanäle dem Volk xuströmt, 
liegt vielleickt mekr nock an seinem ^Vie als 
an seinem ^Vas. Darin untersckeidet es sick von 
äer Kolportage, äeren küknkeit es besitzt. 2ielt 
äiese auk eine Lpannung ab, äie in äer immer 
neuen Kombination von Reberrasekungen bestellt, 
so vermeiäet unser Roman mit Vorbeäackt jede 
Lensation. Im Oegenteil: er näkrt nock nickt ein 
mal äie besokeiäenen krwartungen des Resers, 
äer auk äer ^Vanäersekakt äuroks Ruck bei 
irgendeiner Wegbiegung eine unbekannte Rand- 
xur Verkügung gestellte Ltatistik über 
äie Druck- 
Anklagen 
von: „2wei Nenscken". 
äabrr 
RxsMpIarsr 
äakrr 
kxsmplars: 
1911 
8000 
1921 
60 000 
1912 
2000 
1922 
60 000 
1913 
4000 
1923 
20 000 
1914 
2000 
1924 
40 000 
1915 
6000 
1925 
40000 
1916 
11000 
1926 
20 000 
1917 
25000 
1927 
20M) 
1918 
75 000 
1928 
40 000 
1919 
125 000 
1929 
20 000 
1920 
60000 
1930 
20 000
        <pb n="18" />
        auktreten kann, 
BederkluL au8. 
Oer Boman 86düttst 68 irn 
5uditd8 Breitod §ilt ale eine 
Nur der Bsllständigksit halber erwähnte ich noch den Film 
Friedrich Fehe rs: „I h r Jung e", ein Schmacht^ und Rühr^ 
stück ohnegleichen, das offenbar zu dem einzigen Zweck aus Muttsr« 
lisbe, Tränen und wildem Präger Großstadt!eben zumrumengekocht 
worden ist, um den kleinen Hans Feher der OeffentlichkeiL zu PrT 
seMeren. Daß das Bübchen reizend und vielleicht auch begabt ist. 
entschuldigt nicht wie mißbräuchliche Verwendung seiner Kinder 
Unschuld zu trüben Effekten. Außer Magda Sonja bemüht sich noch 
der Oeiger Koctan, dessen Kunst allerdings Vorwiegend der Kam 
parserie Beifall entlockt, um die allgemeine Erweichung der Herzen, 
Der Widerspruch des PremierenpMM war berechtigt. 
Braut wird Zmm „Bräuiloiri", das NorFeuAraueu 
ist „rvio ein N^terium", und die Nutisr, ja, ^de 
tzpriekt v/oftl ein reedter ^uuZ6 von 86iner Nut 
tor? „^eü, moirm kleine, keine, ftimmIi8eÜ6 Kut 
ter! 6slt du, Kütterlein!" Be8onder8 üder8ekwenF- 
lieü v/ird die Bu8t, alle8 von 8i6Ü 2u Zeden, v^enn 
68 um lluditü §6Üt. Die ISjätiri^e ent^ieLelt kol- 
Zenden Beden8plan: „Va8 v^ill Gk in Tukunkt 
tun: V6rrvo1kt68 nieder 2um Biüüon dringen, 
Lrank68 nieder A68und inaeken, üald Br8torde- 
N68 2iu neuern Beden er^eeden." Da8 Ickauptmork- 
nial der Lpraede iot, ^vie rnan deutlied erkennt, 
die Bnverdindliedkeit, dured die 8ie ^ervik viele 
8tumm6 Lum Beden de§6i8tert. ^Ver sollte niedt 
Zo 8ein v^ie Fuditd und ^ver kann 8iod dei idreni 
Projekt irn Brn8t etna8 denken? Dis86 Bnver- 
dindliedkeit ent8priedt der radlreieder ^rapüo- 
IoFi8oder Outaedten, die ja aued den llnmün- 
diZen die ereednte K^eiterAade idrer Bereöniied- 
keiten 2u Zeetatten eedeinen. ^IlerdinZZ dat 68 
nur dann 2rv6ek, der ^.non^mität 2u entrinnen, 
^enn rnan al8 8iedtdare8 led rnit einigeln Batdo8 
^er die OeZelleodakt verändern vüll, muk 
Be8edeid um idre K^irkliedkeit nÜ88en. 8ie 2u er 
kennen, v/ird aued dured die ^nal^een Broker 
BuederkolZe ermöZdedt. ,.^-&amp;gt;vei Ken8eden" 8pi6- 
^elt, rvis mir 8edeint, 2üZ6 de8 Ae^en^ärti^en 
deuteeden ^Ve86N8 nüder, die niemand leiedt- 
din wird überreden dürken. 
Der Clown Grock Mas Adrian Weiiach, der im VarrM an 
geblich nicht mehr zum letzten Mal austreten will, hat sich einen 
Tonfilm zusamwsnschustern lassen, um wenigstens auf diese Weise 
in der Öffentlichkeit fortzudauern. Zum Gluck für ihn und uns 
mündet der Film in eine genaue Wiedergabe seiner Nummer em„ 
Ich halte es für ungemein wichtig, daß die weltberühmte Clown 
szene nun gewissermaßen archivarisch festgelegt und federzeit nach- ' 
prüfbar ist. Man kann sie auf der Leinwand viel besser verfolgen 
als auf der Bühne, weil die Großaufnahmen und der Wechsel der 
EinsÄMgen gleichsam hineinver^ eine Wunden 
* volle Prazi^ erhöht die Aufhebung, der Distanz eher 
noch die Äomik und treibt überdies Finessen ^rauS, die bisher 
kaum wahrZunehmen waren. Dennoch hat die unmittelbare Nähe 
auch ihre Gefahren, offenbart sie doch deutlich, daß die Nummer 
ein dumpfes Konglomerat' ist. Trotz ihrer herrlichen EinzelessM 
ergibt sie kein Ganzes, das zu, erhellen wäre und einen Sinn hätte 
- wiedrgsndein altes Chaplin stück; das Ganze ist vielmehr eine Folge 
chm Zusammenhang, die unbefreit Wei und foltzenloK bleibt. Der 
Szene geht eine SpieHandlung- voran, die man dem Publikum 
hatte ersparen sollen. Ich habe selten etwas Läppischeres gesehen 
als diele für Herrn Wettach alias Grock Zurechtaechnütene Aallell 
die so dilettantisch hergerichtet wie undelikat ist. Allenfalls läßt sich 
aus ihrer Darbietung bis Lehre Ziehen, daß ein bedeutender Clown 
ein mäßiger Schauspieler sein kann. 
„eedte lluditü?Iatter-1at", und lagert eine trete 
Bude üder der „erdadenen W'elt der Dolomiten", 
8o i8t 68 natürlied eine ,,-luditd Blatter-Bude". 
Die V^elt, in die Lied die Beeer dank 8oleder 
LpraeddildunAen dineindednen dürken, zvird 
idnen noed da^u in einem goldenen Badmen ^6- 
doten. Der 17jädriZe Boedu8 2um Beiepiel be 
dient 8ied im Dran§, die «luFendseit 2U verklären, 
rdetori86der B1o8keln, die eiZentlied einem döde- 
ren ^.lter 2ukärnen, aber da ein Dreie niedt 2ur 
8telle iet, muk er eelber 8ie prägen. ° „K^ie da8 
iet," rukt er au8, ,,^enn man eeine duZend in 
allen Odedern ver8pürt, in jedem Blut8tropken, 
in jedem Oedanken." Dnd: „Da8 öde Baue tönt 
von uneerer Meklieden lugend." Die86 Lxraede 
dat 660 000 Ken8eden die 2un§e ^elöbt, v^enn 
aued 2U trübem Oebraued. 
Mm-UMzen. 
BerlLrr^ Anfang März. . 
Dieses Nebenernander von Muren — an den Kinobesucher wer 
ben Anforderungen gerW an ein Chamäleon. Er muß 
sich von Operetten auf Tragödien umstellen, von Miliiärmärschen 
auf Friedenssch^ von Sportplätzen auf SeelenkonfMe und 
von Tannenbäumen auf Palmen. Unaufhörlich speit der Apparat 
die Stücke aus, der Apparat mit seinen Handlangern und Helfers 
helfern, der nun einmal da ist und nicht brach liegen darf. Langst 
schon befriedigt er nicht mehr wirkliche Bedürfnisse, sondern künst 
liche, die von ihm selber erzeugt worden sind, damit die Inve 
stitionen sich lohnen. Em die mit Kunst so gut wie 
gar nichts zu tun hat. Und die Kritik ist nur insofern gezwungen, 
sich in diesen Prozeß von Angebot und Nachfrage einzumischen, als 
wichtige KonsumenteniE auf dem Spiel stehen. Denn leider 
üben die Filme einen stärkeren geistigen Einfluß auf die Dlassen 
aus als die meisten ander§n industriellen Produkte. 
ExpMstonssiM M mkreffantL GesenNnde 
auf langweilige Art. DienWeW Reportagen gleich, suchen 
sie durch den Stoff zu wirken, reihen die Episoden unverarbeitet 
aneinander und überlassen es dem Publikum, sich das Gemenge 
von fremdem Raubtieren und .Architek ¬ 
turen selbsttätig Zusammenremmr. Der Franzme L ä o n Poir i e r 
"bricht mit seinem Tonfflm: ,Ea i/n/ mit dieser MeLhoded Statt 
des Wischen Reiseberichtes hat er einen Spielfilm arrangiert, der 
ihm hinreichend Gelegenheit gibt, in prachtvollen Aufnahmen die 
SüdseZ und die Schönheiten des - Urwaldes zu Zeigen. Held des 
Stücks ist ein SchLffsheizer, der wie Gauguin die Flucht vor der 
KvM ergreift, die. er allerdin-aZ nur aus der Perfektive 
eines Keffeltaums kennen gelernt hat. Er lande! auf einer unbewohn- 
ien Insel entführt' Wilden,-die zu Besuch kommen, ein Weib und 
verwandelt sich ganz und gar in einen Primitiven, krankte er nicht 
an der Schnsucht nach seinem früheren Leben. Mag diese Rvbins 
soniade Romantik sein und von den Hauptdarstellern THsmtz 
Bourdelle und Nama Tatze Zu chmtMlisch vermittelt werden: sie 
hält doch in einer gewissen Spannung und rückt die Natur in den 
Hintergrund, in den Re gehört. Jedenfalls ist^ sie mitsamt ihren 
gestMen Szenen aMsanter als irgendeine ReisebLschreillung. die 
kein JnsM unterschlägt. Ich kann MerKaupt nicht einschen, warum 
wir gerade in.Echnogravhisund Botanik.so gut Bescheid 
wissen sollen, wo doch M naherliegenbe Kenntnisse den meisten 
Volksgenosse
        <pb n="19" />
        Weisßaus im Werlmer Westen. 
Berlin, im März. 
. Das . Haus, in dem ich wohne, ist eines von Lausenden im 
Berliner Westen. Ein völlig normales. Haus, das nicht den ge 
ringsten Wert darauf legt, aus der Masse der übrigen hewsrZu- 
stechen. Es- hat so Mb soviole Kubikmeter umbauten Raumes, vier 
Dockwerke, in deren jedem &amp;gt; zwei Wohnungen angeordnet sind, und 
einen Lifr, der fast immer funktioniert. Die Treppe ist mit einem 
Läufer bedeckt/und drückt man gleich/links hinter der.Haustür /auf' 
einen Knopf, so geht das Licht im ganzen Treppenhaus an. Ver^ 
antwEngsbewußL kommt das Haus seinen großstädtischen 
Pflichten nach. Nur ein kleines geschwungenes Erkerdach sucht nach 
dep-Simtze zu die Nüchternheit Zu unterbrechen, mit der die 
Fassade der gemeinsamen Sache dient. 
Dieses Haus, 'das scheinbar so fest im Boden wurzelt, ist aber 
nicht ganz geheuer. Freilich kann einer tagelang ein- unö aus 
ausgehen, ohnZ ivgendetwas Zu gewahren, das-wider p-ie Natur- 
gesetzewsMeße. Die Ereignisse ushmen. sich Zeit' und betragen sich 
Werhau-pt so bchutsam, daß-man sie zunächst .für Zu-We Mt. Nach 
uns nach ^st entdeck? man, daß sie nicht ZuMig auftreten, sondern 
MmM Mer -methodischen ZatzigLeLt auLMMderreihen, wie sie- sollst 
nur der Wahnsinn kennt. . ' - . 
/Statt mich in müßige Betrachtungen zu verlieren, will ich lieber 
Mch/öie Tatsachen berichten. Also,, wann /immer,ichsidas Haus ver ¬ 
lasse oder heimkehrs, geschieht es in der unerbetenen Gesellschaft 
fremder Leute. Seien es Mieter oder Besucher: sie überschreiten Zu 
jeder Tages- und Nachtzeit mit mir gemeinsam die Schwelle.-Auf 
den rätselhaften Zuspruch aufmerksam geworden, dessen sich das 
Haus erfreut, habe ich während einer gewissen Frist absichtlich die 
Stunde-Meiner abendlichen Rückkunft bald früher angesetzt, bald 
länger hinausgeschoben; mit dem Ergebnis, daß ich dennoch nie 
mals allein das Haus betrat. Unheimlicher ist aber noch dies: daß 
stets neue Gesichter'austauchen, Herren lind Damen, die sich vorher 
nicht Zeigten. Es ist, als ahnten sie im Dunkeln wein Kommen 
und ballten sich in der menschenleeren Straße plötzlich zusammen. 
Und alle scheinen sie zum Haus zu gehören und finden sich in ihm 
wie selbstverständlich zurecht. Manchmal treiben sie ihren Schaber 
nack mit mir, den ich allerdings längst Zu durchschauen gelernt habe. 
Ich nähere mich etwa dem Haus, ohne eins. Spur von meinen 
AVangsbegleüern zu bemerken. Aber die Helle im Treppenhaus 
verrät mir schon an der Tür, daß sie kurz vorher eingedrmMn sein 
müssen. Mit einer Art von Genugtuung stelle ich fest, daß sie gerade 
iw List hinaufführen, den ich selber verwenden will, und erst im 
vierten Stock landen. Hoch dort oben ist ihr Asyl. Es dauert eine 
Ewigkeit, bis der'List zurückkommt, und-mittlerweile verfinstert sich 
wieder das Haus. Oder die Leute schließen unmittelbar hinter mir 
auf und verlangen noch im Fahrstuhl mitgenommen Zu Werden. 
Nicht selten werden beide Fälle miteinander kombiniert, so daß sich 
gewissermaßen eingeklemmt bin. Unablässig gleitet der List durch 
meinen Schlaf, und erwachs ich nachts einmal, so rauscht er im 
Schacht, und über dis Treppenpodeste stolpert ein fernes Geflüster, 
Das Haus wird von Kaufleuten, einem Fabrikanten, zwei Aerz^ 
Len, einer Schauspielerin, einer Geheimratsfamilie und ein paar 
anderen Berufen bewohnt- Aber selbst werm alle, dlese ParL^ 
Untermieter härten, wäre damit noch keineswegs die Menschen 
fülle erklärt, die gleichzeitig mit mir die Etagen benutzt. Vergeblich 
frage ich mich, wie sie in den Kubikmetern umbauten Raumes. 
untergebracht werden kann. Vielleicht verlängert sich das Haus 
nach Liner mir unbekannten Richtung oder besitzt geheime M 
bauten, die nicht im Adreßbuch stehen. Jedenfalls ist es erschreckend 
überbevölkert. Und ich möchte nur eines wissen: ob auch die anderen 
Mieter gleich mir wie sin Magnet unbekannte Leute ünzishen und 
einfach mit sich inS Haus lockern 
Es wäre durchaus denkbar, daß sich ihrer viele aus dem unge- 
meinen Betrieb heraus nach einem Naturhäuscheu sehnten mit 
einem Mrtcheu. dabei- Ja, das Haus selber ersehnt zaghaft seine 
UerMnerung; nach jenem geschwungenen Erkerdstch zu schließen, 
das entschieden einen AnflW eine 
Torheit! Besteht doch die Herrlichkeit dieses Mietshauses gerade 
darin, daß es wie ein Hafenquartrer tagaus lagern frische An^ 
kömmlinge aufnimmt und nicht nur an der Straße. Liegt, sondern 
auch Straße ist- ' . S. Ameauer^ .. 
/ L. - 
KMurboWewismus / 
Berlin, im März. 
Vor einigen Tagen hat der Abgeordnete Dr.-Wtnschuh 
von der Deutschen StaatsparLei im Reichstag über die Gefahren 
des „Kulturbolschewismus^ gesprochen, der zynisch alte Werts 
herunterreiße. Bei dieser Gelegenheit griff er auch Heinrich 
Mann an, den Präsidemen der Dichierakademie. Und zwar kenn 
zeichnete er „Die große S a ch e", Heinrich Manns neuesten 
Roman, als ein Werk, das nicht weit von der Grenze jenes Bolsche 
wismus entfernt sen 
Dieses- Urteil, das da plötzlich am Rand einer ReichsLagsreds 
austaucht, kennzeichnet mit einem Schlag die Entfremdung, die 
zwischen den literarischen Produzemen und ihren Konsumenten 
eingetreten- ist. Wie tief sie reicht, beweist übrigens nicht nur der 
Ausfall Winschuhs, sondern auch der Prozeß gegen Penzoldt, über 
dessen Verlauf unsere Leser durch den Artikel: „Der Dichter und 
die Welt" unseres Münchener Mitarbeiters gerade jetzt vorzüglich 
unterrichtet worden sind. Wenn die Prozeßverharcklungeu eines 
gelehrt haben, so dies: daß vsm Publikum zu den Dichtern kaum 
noch ein Notsteg führt. Die Werke, der Dichter leben von Mißver- 
Mchmffen; aber die Mißverständnisse, die ihnen heute zustoßen, 
betreffen sie gar nicht mehr. Es ist, als würden die Worte der 
Schriftsteller auf ihrem Weg zum Leser durch einen Dämon ser- 
tauscht. 
Um die Aeußerung des Abgeordneten Mnschuh Wer Heinrich 
Mann richtig zu stellen: dessen Roman grenzt nicht nur nicht an den 
ominösen „Kulturbolschewismus", er richtet sich im Gegenteil 
wider manche Mächte der Zerstörung und mittelbar auch wider 
jene. Tendenzen, die bei uns gern und vag unter dem Namen 
Bolschewismus Zusammengefaßt werden. Gewiß handelt das Buch 
von Schiebern und GrsßspekulanLen und Zeigt eine Jugend, die in 
den Fragen des Geldverdienens und des Geschlechtsverkehrs skrupel 
los ist; aber doch nur zu Zwecken, die gerade im bürgerlichen Sinne 
als durchaus moralisch anzusprechen sind. Muß der Leser erst lange 
suchen, um diese, moralischen Absichten Zu entdeckend Keineswegs; 
der Dichter stößt ihn vielmehr mit der Nase darauf. Ausdrücklich 
läßt er durch feinen Mittelsmann im Buch, den Oberingenieur 
Birk, die irregeleitete Jugend darüber aufklären, daß die „große 
Sache" im Leben Arbeit, sei und nicht unverdienter Gewinn, Liebe 
und nicht die Befriedigung flüchtiger Bedürfnisse, gehaltvolle FrZude 
und nicht öder Betrieb. 
Daß Aussagen von solcher Unzweideutigkeit, die, nebenbei be 
merkt, die Komposition des ganzen Romans bedingen, einfaK nicht 
zur Kenntnis genommen werden, ist um so erstaunlicher, rüs ein 
Anlaß zu politischer Gegnerschaft in diesem Falle nickt belteht- 
Ewseil' nten und Uebertreibungen sind eine erklärliche Folge des 
politistz.n Tageskampfes, und ein Dichter, der die Politik ein-- 
ÜLZiebsi muß bei Andersdenkende mit Verweckslungen rechnen. 
Aber hier geht es ja nicht um das Werk eines Mannes, der sich 
im feindlichen Lager befände, sondern um den Roman eines. Vor 
kämpfers der Demokratie. Wie Heinrich Mann von jeher ein guter 
Europäer gewesen ist, so hat er sich stets für die Verwirklichung 
echter Demokratie eingesetzt. Wenn er in ihrem Dienst — ich 
erinnere an seinen Vorkriegsroman: „Der Untertan" — die 
Similiwerte entlarvte, die im wilhelminischen Deutschland Geltung 
besaßen, darf man ihn darum noch nicht in die Nähe derer rücken, 
die nach Winschuhs Worten alte Werte herunterreißen. Das Um 
gekehrte trifft zu. Wie ich in meiner Analyse des Romans: „Die 
große Sache" (vergl. LiLeraturblatt der „Frankfurter Zeitung" 
vom 9. November 1930) uachgewiesen habe, ist er gerade ein 
Träger der Tradition. 
Vermutlich ist Klsi Winschuh von Heinrich 
Mann gar nicht so weit entern/ Daß er dennoch die Stimme des 
Dichters nicht hört, ist ein erschütterndes Zeichen für den gegen 
wärtigen ^-prachzersall. Viele Sprachen werden im heutigen 
DeuL'chland gesprochen, und kaum eine, es sei denn die plane des 
Durchschnitts, dringt über eine enge Gemeinde hinaus. Es wird 
einer viel größeren EckennLmsüereitschM als der jetzigen und der 
Anstrengung des guten Willens bedürfen, damit dieser anarchische 
Zustand einem der Verständigung weiche. 
S. Krakauer-
        <pb n="20" />
        offenbar aus einer gewissen 
zu schließen gestattet. Nur 
daß sie das Buch preisen- 
^2/- 'S 
Entfremdung „dem" Buch gegenüber 
Leser, die keine sind, glauben damit, 
schon beinahe gelesen zu haben... 
? - ' . - ' / ' rjr ' . 
Bezeichnend genug, daß der Aufruf, 
^6, zs 
Schanchaftigkeift.h einzige Merkmal verschweigt, das 
sämtlichen Büchern anhaKt und daZst berechtigt, von dem Buch 
Zu reden, statt von verschiedenen Büchern. Realität besitzt das 
Buch als Ware. Es wird produziert und konsumiert, es ist ein 
Zum Hag des Muches. 
Auch in diesem Jahr wird der „Tag des Buches" er 
schreckend zeremoniell begangen. Er nennt sich: „Frau und 
B u ch" und findet unter Mitwirkung von nicht weniger als 1Z5 
Verbänden statt, deren Namen alle in dem offiziellen Aufruf alpha-. 
beLLsch hintereinander prangen. Das Protektorat hat Reichsminister 
Dr. Wirth übernommem Es können auch mehr Verbände sein, ich 
habe nur oberflächlich gezählt. Der „Allgemeine Deutsche Hebmm 
menverband", der „ReichsverLand der Säuglings- und Kleinkin- 
derschwestern", der „DeuLsche Landgemeindetag" lauter brave, 
würdige Vereinigungen, die sich auf einmal stark für das Buch 
interessieren, weil es jetzt seinen Ehrentag hat. Sie sind, dem Auf 
ruf zufolge, „durchdrungen von der hohen Aufgabe der Frauen als 
Mittlerinnen Zwischen Buch und Volk", wünschen, daß die Frauen 
„tu Geschlossenheit allerorts. . . sich zusammensinde^ 
überdies „auf die lebendige Mitarbeit aller Volkskreise". Am 
22. März werden sie sämtlich verbandsweise antreten und dem Buch 
ihre Glückwünsche darbringen^M werden an diesem 
feierlichen Tag die „Erziehung zum Buch" betreiben, und zahllose 
andere Veranstaltungen die Bedeutung des Geburtstagskindes auf 
ihre Art unterstreichen. Kurzum, der ganze, lange Tag wird mit 
Büchern aus gefüllt fein. Die Frage ist nur, wie ihnen selber das 
Fest bekommt. Ihrer manche werden es zweifellos schwer Haben, 
zugleich den „KaiserswerLher Verband deutscher Diakonissen^ 
Häuser" und die „Spitzenorganisation der Deutschen Filmindustrie" 
zu befriedigen,, und ich Möchte einigen meiner besonderen Lieblinge 
nicht anraten, sich ein dem „Evangelischen Reichselternbund" 
oder dem „Deutschen Reichsausschuß für LeibesüLungen" allzu 
heftig Lufzudrängen. Mehr Aussichten werden sie vielleW 
^Mund für angewandte und freie Bewegung" haben. 
* 
Mögen 135 Verbände eine Realität' darstellen: das Buch als 
solches ist, wie schon diese harmlosen Komplikation^ 
Phantom - (vorausgesetzt/dM -nicht in einer- Well von 
Schulkindern oder Analphabeten befinden). Zur UnwirklichkM 
verflüchtigt es sich vollends? dann,, wenn es um sogenannter idealer 
Zwecks willen propagiert werden soll. Auf den Widersinn, der 
darinsteck/ daß. man für das Buch , im allgemeinen . E 
demselben Atemzug eine. KulLuM Zu vollbringen, meinl,. ha^ 
wir bei Gelegenheit des ersten Buchtages vor mehreren Jahren 
iu einem Aufsatz hingewiesen, dem sich kein Wort weiter hinzu ¬ 
fügen laßt. Es gibt angesichts der „Kultur" gar nicht das Buch; 
ss gibt gyLe Bücher und schlechte oder nützliche und schädliche, und 
die- „Formkräste deutscher Kultur", die in der wiederholt zitierten 
offiziellen Kundgebung ausdrücklich angesprochen werden, stehen nur 
dort auf dem Spiel, wo man vornherein'jene B 
Zu sondern gewillt ist. Gewiß, wenn alle Volksgenossen am Tag 
des Buches erfaßt werden sollen, verbietet sich.eine Auswahl der 
Zu verabreichenden Güter, die wirklich maßgebend wäre,« 
minder wie beim Rundfunk, der ja auch neutral bleiben muß. 
Diese Neutralität, die Angst davor hat, irgendwo anZusLoßen,?M 
aber notwendig mit einer Verarmung an bestimmten Inhalten 
verbunden. Und führt, sie zum Begriff des Buches schlechthin, 
ist es jedenfalls unmöglich, einem solchen entleerten Begriff hinter 
her noch alle- erdenklichen Bedeutungen aufzuhälsen. Unmöglich, 
gerade in einem Volk wie dem deutschen, das heute über ver 
schwindend wenige Gemeinsamkeiten verfügt und in vielerlei Par 
teien und Weltanschauungsgruppen zärfallen ist. Was die einen zü 
ihrer geistigen Nahrung benötigen, wird von den andern verschmäht, 
und jene Werke, in denen alle sich treffen, -sind erfahrungsgemäß 
nicht eben die Träger der wirklich entscheidenden Gehalte. Mir 
scheint, daß das idealistische Pathos, mit dem der „Tag des 
Buches" in Szene gesetzt wird, nicht so sehr eine engere Beziehung 
Zu den „Formkräften deutscher Kultur" verrät, als auf eine tiefe 
GhapNn kommt ant 
BerLLrr, 9-, März ¬ 
. HM fünf Bahnhof Friedrichstraße: der Bahnhof ist 
nicht belebter als sonst um diese Zeit und macht überhaupt gar 
kein Aufhebens von sich. Das ist verdächtig. Ich verlange am 
Schalter eins Bahnsteigkarte, und in der Tat, mein Verdacht be 
stätigt sich schon. „Die Ausgabe von Bahnsteigkarten ist gesperrt/ 
erwidert der diensttuende Beamte und schickt mich zum Bahnhofs 
Vorstand, der mir erst nach strenger Prüfung verschiedener wichtiger 
Ausweise das Betreten des Bahnsteiges gestattet. Wenn der Chaplin 
der Filme in dem Büro, erschienen wäre, er hätte bestimmt nicht 
Zu seinem eigenen Empfang gedurft. 
Noch ist der Bahnsteig leer. Ein Zug läuft ein, der nach Schneide- 
müU weiterfahren muß, ganz traurig wird einem dabei zumute. Es 
- folgt ein stattliches Aufgebot von BahnpoWsten, die einstweilen 
müßig herumstehen. Manchmal treten sie an, und ich stelle mir vor, 
Wie geschickt Chaplin sie überlistet hätte, Unmerklich 
?st inzwischen aus den paar vereinzelten Personen eine richtige 
Menschenmenge geworden. Zu den Bevorzugten gehören in der 
Hauptsache Leute vom Film und Pressevertreter. Man tauscht Be 
grüßungen aus, nimmt zur Kenntnis, daß man wieder einmal ganz 
unter sich ist, und schlendert von Gruppe Zu Gruppe. Es ist kalt, 
bitter kalt, und einige Skeptiker meinen sogar, daß Chaplin schon 
am Bahnhof Zoo aussteigen werde, um sich dem Begeisterungs 
taumel zu entziehen. Auch zwei Herren vom evangelischen Bahn 
hofsdienst sind zugegen. 
Kurz vor der fahrplanmäßigen Ankunft ist der Fernbahnsteig so 
dicht besetzt, daß sich niemand mehr frei bewegen kann. Nicht nur 
der eine Bahnsteig: auch die andern sind mit Menschenmassen über- 
sät. Nicht nur alle Bahnsteige, sondern ebenso die Zugänge und die 
BorrLume im Erdgeschoß. An die Gitter gepreßt, harren sie dort 
unten: Mutier mit ihren Kindern, Arbeiter, junge Burschen und 
Mädchen. Der ganze Bahnhof ist lebendig geworden, es rieselt in 
ihm von Menschen. Aus ihrem Alltag herausgehoben, sind sie für 
eine halbe Stunde nur eines: Erwartung. Erwartung auf den, der 
ihnen vertrauter als kaum ein anderer Mensch ist, weil er sonst 
nichts ist als Mensch. 
Dann kommt der Zug; wie alle Wunder Zu früh. Zwei Minuten 
vor der Zeit bohrt sich die mächtige Lokomotive langsam in die 
Halle hinein. Bor dem Speisewagen der rote Wagen: in diesem 
Wagen nur kann er sein. Die Menge lockert sich, um sich sofort 
wieder und dem roten Wagen sntgegenzustür- 
msm Gedränge, Stöße, Schupo, ein einziger Aufruhr -und jetzt: 
Chaplin steig tau s. 
„Charlie!", „Hoch, Chaplin!", Lrausts durch die Halle. Das also 
ist er. Ich habe unverhofftes Glück gehabt, ich stehe ganz bei ihm- 
Dss also ist. er «iß deMAvauen^HsM^der 
ohne Hut aus dem Magen-hsMUstritt uMMcht.- M 
von Photographien habe ich ihn gesehen, und dennoch setze ich ihn 
in diesem Augenblick zum ersten Mal. Er lacht mit offenesM 
und was ich nach den Abbildungen nie begriffen habe, wird mir 
mit .einem .Schlag - klar: -daß der- wirkliche. Chaplin - genau- übeMN- 
stimmt mit dem Vagabunden im Film. Das ist das Lachen, das 
ich aus dem ZirkusfiLm kenne, dieses aufgelöste Gluckslachen des 
Hilflosen, der wider jede Rege! einmal das große Los zieht. Zwei 
Begleiter rechts und links haben ihn unterlaßt wie ein kost 
bares zerbrechliches Gut, und Schutzleute suchen ihm einen Weg Zu 
ebnen, wo doch gar keiner ist, riesige Männer, vor denen er Angst 
hatte, wenn er ihnen auf der Landstraße begegnete. Das kurze 
Stück bis Zur Treppe dehnt sich unendlich. Zwischen Hüten und 
Helmen erscheint mitunter wehrlos und wie verloren das Zarte 
Gesicht. Und immer noch lacht er- . 
Er geht, von der Schupo behütet, die Treppe hinunter, dem 
Ausgang Zu. Mitten in das grelle Licht der Jupiterlampen hinein, 
hinter denen eine Menschenmauer ihn auffängt. Das V o! k v o n 
B e r l i n empfängt ihn dort draußen, das Volk ohne Unterschied 
der Klasse, des Standes, der Religion. Sie füllen den Bährchofs- 
platz, so lang und breit er ist, durchbrechen die Absperrung, über 
fluten das Auto und. rufen jubelnd den Namen, der, ihrrep. teuer 
ist und ein Versprechen des Glücks. Langst schon sehe ich ihn nicht 
mehr, sondern werde im Menschengewoge vor- und zurückgetriebem 
Aber ich kann mir denken,, wie er sich, zaghaft beinahe, zu seinem 
Wagen durchkampft und lacht, mit offenem Munde lacht. Und so 
fest ich davon überzeugt bin, daß er jetzt sehr, sehr glücklich ist, 
für nicht minder gewiß halte ich, daß die Frau neben mir recht 
hat, die auf einmal schreit: 
„Er hat doch Angst! Man sieht ja, daß er Angst hat!"
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        Dexte 2u untersedieden. Deider sind die draued- 
daren Erkenntnis so, M denen niedt Zuletzt die über 
das rledtIZe tonkilmisede 8;&amp;gt;roeden Zedöwn, in eine 
Nasse von LraZwürdiZen und oderkläedlieden OlosLen 
einZedettet. Nir leuelrtet etwa Zar niedt ein, daü 
die ldealkorm des Zuten Donlilms „die eines Lild- 
teuilletons" sein soll, und edensoweniZ kann Led 
deZreikon, wärmn einer eine solede ^dneiZunZ ZeZen 
„^tonalitäten oder dewuüte 8xielerei kontraMnk- 
tisedor Reedenkünstler" deZen muü, wenn er die 
Melodien von Verdi liebt, Vermutlied dänZt mit die 
sem NanZel an ästdetiseder DuredbildunZ die spraed- 
liede Zelü-ud-erei Zusammen. Sie HrrsuZt Derlen wie 
die: „Ds kedlte die aus dem innersten erlebte tiek- 
ZründiZe Derle des ewiZ ertvollen^, die sied im 
innersten eines dramaturZiseden Works unter 
keinen Umständen linden dürkten. -- Die 8edrikt, 
der im WndanZ Droben aus Dredbüedern beiZeküZt 
sind, wird dured Dried Dommer einZeleitst. L r. 
Wirtschaftsartikel. wie Leinen und Porzellan. UnM der 
„Tag des Buches" seine Absatzstockung verringern.helfend Warum 
ergeht man sich anläßlich dieses Tages in idealen- Forderungen, 
die sich dann doch als Ideologien entpuppen, und nennt nicht 
lieber gleich die. Sache bei, ihrem richtigen'Namen? Die Rache 
dafür ist,, daß. der ganze rhetorische Aufwand so gut wie wirkungs 
los verpufft. Wenigstens hat mir ein angesehener Verleger erst 
unlängst versichert, die Ergebnisse der bisherigen Buchtage seien 
äußerst geringfügig gewesen. Ich halte die Beobachtungen, die er 
.mir mitgeteilt hat, für wichtiger un^ als die 
komfortable Verlautbarung der 1Z5 Verbände unter dem Protektorat- 
des Reichsinnenministers und will zum mindesten seinen Hupt- - 
Vorschlag einstweilen der Oeffentlichkeit unterbreitend Da das Buch 
eine Ware ist, so meint dieser VeA 
Wegs an Sinn kulturelle FoMkräfte usw. 
gebricht,- weil - er etwas, von den. Gesetzen des Marktes versteht, 
dürfte ein ,,Tag des Buches" nicht viel , anders arrangiert, werden, 
als eine „Weiße Woche". Das'heißt, der Tag müßte eigentlich 
eine Woche des Buches sein, die gleich der Weißen die Kauflust wirk 
lich anzuregen M etwa, daß man in dieser- 
Woche Buch-Ausverkäufe verunstaltete, preiswerte Sonderausgaben 
gewisser Werke feilböte und insgesamt die Bücher billiger losschlüge 
als während des übrigen Jahres. Tatsächlich wirkt ja in einer Zeit, 
in der immer mehr Schichten des Volkes verarmen, die wohl 
meinende Propaganda für die Steigerung des Bücherkonsums unter 
gleichzeitiger Beibehaltung der normalen Preise eher aufreizend 
als anreizend. Ich möchte mich indessen in diesem Zusammenhang 
gar nicht näher mit dem erwähnten Vorschlag beschäftigen, sondern 
nur bemerken, daß eine Angelegenheit, die nicht zuletzt wirtschaft 
licher Art ist, am besten auch wirtschaftlich an gepackt wird. Das 
Buch als Ware:, das läßt sich hören; das Buch als Kulturinstru 
ment: ein bedenklicher Mischmasch. So gewiß aus der klar erkannten 
Wirtschaft Wege zum. Geist führen, ebenso gewiß wird der Geist 
durch ideologische Verbrämungen des ökonomischen Untergrunds 
hoffnungslos verfälscht. 
Das dünne Vüedlein von Hans Xadan: 
„Dramaturgie &amp;lt;16 8 Donkilms" (Nax Nat- 
tm8on, Berlin. 175 Seiten) ist aued indaitlied dünn. 
Obne seinen 8tokk Lu Zliedern, suedt es einige Orund- 
sätxe Lu entwickeln, die kür den Wukbau von Von- 
kiimen xn Zelten baden. Unter den BetraedtunZen, 
die aus diesem ^nlak waldlos duredeinanderZemenZt 
werden, Linden sied MM Oiüek versediedene 
merkunZen, aus denen die DilmdersteUer unmittel 
baren i^utLen mieden können. 8o jene, die von den 
Odaneen der modernen Oesellsedaktskomödie dan- 
deln; oder die DorderunZ, dak die deutsede Dro- 
duktion sieli etwas medr über die DeMoZendeiten 
in den Zodobonon Oesellsedaktskreisen orientieren 
möZe, deren Darstellung sie däukiZ verkodlt. leb 
xkliedte aued Ladan darin dei, daü es besser sei, 
ausländisede Donkilme dured dineiukopierte Drklä- 
runZstitei dem deutseden Dubiikum nade xu briuZen, 
als sie öu dloüen Nusikkilmen xu verkürzen oder 
Zar den amerikaniseden NundbeweZunZon deutsede
        <pb n="22" />
        Lichter der Großstadt. 
Z u r d e u t s ch L n u r aufs ü.h ru n g d e Cch apPtu f dL m K.f 
- '- ^-Berlin,-'Ende'März^ü^ 
„Lichter der Großstadt — eine Folge der-MMchstM-PantA- 
minren^ Chaplin beweist in ihnen von neuem,'- LäßPer die We- 
bärdensprache auf eine Weise zu reden verstcht, -Äe..jhM. ge- 
Drochene Wort zum Schädling macht. Wehr, noch;- er-e rf i n^d e t 
Gesten und mimische Situationen, durch die eine H 
sich sprachlich nur schwer umschreiben läßt, mit einem Schlag den 
Kindern und Erwachsenen aller Völker verständlich wird. 
Einstein hat dem Künstler in Berlin seine Photographie mit der 
Unterschrift: „Charlie Chaplin, dem Nationalökonomen" geschenkt, 
-Ob Chaplin sich viel mit Nationalökonomie beschäftigt hat, weiß 
sich nicht. Aber aus seinen Filmen weiß jeder, daß er ein Freund 
der Schwächeren, der SchlechtweggekommeM und ' mit gutem 
Herzen und scharfem Auge unsere gesellschaftliche Wi 
mißt. Als ein rechter Mensch versucht er sich in ihr zu behaupten, 
und die einzelne Pantomime stellt nichts weiter dar als .eine solche 
Begegnung zwischen ihm und der unrichtigen Welt. 
Ich will auf gut Glück eitrige Szenen aus dem neuen Film 
herausgreifen, die belegen, bis Zu welchem Grade das M 
Sprachschöpfertum Chaplins einem exemplarischen menschlichen 
Grunde entwächst. Gleich am Anfang zeigt er sich auf einem .eben 
enthüllten Denkmal, das dem „Frieden und Wohlstand" des Vol^ 
lles gewidmet ist. Man muß dieses voluminöse Henkmas gesehen , 
haben und den in seinen Stemmassen verlorenen kleinen Vaga 
bunden, dem Noch dazu das Riesenschwert einer der drei Friedens 
figuren die Hose zerschlitzt! Eine komischere Travestie auf M kon 
ventionelle Heuchelei ist kaum je ersonnen worden, und wenn 
Gelächter zu Löten vermag, so wird das durch Liese Episode ent 
fesselte rwch ganze Denkmalsdynast^ 
Eine unvergleichlich schöne Verdichtung, wie sie nur den größten 
Humoristen unter den Romanciers gelang, ist auch der exzentrische 
Millionär, der im Suff Charlie als seinen Freund umarmt, und 
im nüchternen Zustand ihn immer wiede^ ward 
drastischer versinnlicht worden, daß das durch den bloßen Reichtum 
ermöglichte Regiment eines der Willkür ist? Nebenbei bemerkt, 
parodiert diese geschlossens Mimische Figur Zugleich das Prohch 
bitionsgesetz, denn es bedarf ja stets erst des Alkohols, um aus dem 
Millionär einen Menschen Zu machen. 
Daß einer, ist er schon Mensch, die irdischen Güter nicht Zum 
Fetisch emporsteigern wird, lehrt die geistreiche Szene mit dem 
Zigarrenstummel. Charlie steht vor dem Rolls Royce, den ihm sein 
trunkener Gönner verehrt hat- und sehnt sich nach etwas Rauch- 
Larem. Begehrlich folgt er einem M mit dm Blicken, der ge- 
.Menschen, als ein Million^ Und auch er benimmt sich 
ihr gegenüber so ungezwungen, als habe sein Stock eine Elfenbein 
krücke und als sei überhaupt sein Inkognito schon gelüstet. Der 
Tag weicht wieder Nr Na nachdem die Blinde durch seine Bei 
hilfe sehend geworden ist. Sie erblickt ihn irr seinem schäbigen 
Aufzug und ist blinder, als sie es je Zuvor war. Der Welt Ver 
fällen,, der verzerrten Welt, wendet sie sich von ihm ab, wahrend 
er mit einem Mienenspiel, das zu den erschütterndsten Leistungen 
seiner Kunst gehört, bittend, gläubig, aufmunLernd, ängstlich, hoff- 
rmngslos um fM 
Es dürfte nicht gax so schwer sM Schwächen in 
zu entdecken. Die GesamthandluW ist dünner als die im „Gold 
rausch" und enthält wohl auch die eine oder andere taube und 
sentimentale Stelle. Die Musik, für die Chaplin verantwortlich 
zeichnet, gefällt sich mitunter in Imitationen der sichtbaren Vor-, 
gange. Schließlich wird hie und da vom Kapital gezehrt und ein 
Effekt heraufgeholt, der bereits früher ausgewertet worden war. 
eine M die zu der angMchen Aeuß^ 
stimmt, daß er in semen kommenden Filmen den Vagabunden- 
..typus preisgeben wolle' Aber diese Ausstellung Die sich höchstens 
im Vergleich mit anderen, bereits klassisch gewordenen Werkem 
großen Künstlers aufdrängen, schränken die Helle, den Sinn und 
die komische Gewallt der neuen Pantomime nW im mindesten ein, 
JkMe-Mrtrifft vielleicht sogar jene Werke in einer bestimmten 
Hinsicht: daß sie sich nämlich beinahe' tiefer als der Zirkusfilm mit- 
den Schwierigkeiten und der Trübsal unserer menschlichen Gesell 
schaft eingelassen hat,. S. KraenUer.aa 
Mßfrvh M Zigarre AM Der Mann wirft.spater W Zigarre 
foM.CMchlM Charlie ihm rmch, entreißt einem Bettler, 
der etwas früher zur Stelle war, den schäbch 
und lenkt dann, , wollüstig paffend, den Prunkwagen Zurück. Der 
StümMel als Ziel für den Rolls-Royce — so kommt doch dieM 
wieder" in Ordnuntz. a" 
Jagn die Pfeifszene, die überdies dem Tonfilm Zu hohen Ehren 
verhiW Charlie nimmt als Gast- des Millionärs an einer sus- 
MlasMen Gesellschaft teil und verschluckt dabei aus Versehen ein 
Pfeifchen. Jm ffeM Augenblick soll, , wie es bei Soireen üblich 
ist, ein GesangMortrag vonsLattsn gehen. Alls Damen und Herren 
- klatschten begeistert, nur Charlie muß in einem fort pfLifeu -Die. 
WesMchastist indigniert und er selber untröstliche was kann 
' er tun gegen daszwangsläunge innere Pfeifchen? Wie Sr, mitten 
im Pfeifen, durch ein bedauerndes Achselzucken oder gar Durch 
MontL M auszudrücken sich beWhL^.-Haß'.'nicht 
eigentlich er, sondern nur das Pfeifchen die Schuld an der Exung 
trägt: das ist von einer schlechterdings unwiderstehlichen Komik. 
Die "Reihe der Episoden, die allesamt das Mißverhältnis 
zwischen dem Vagabunden betreffen, der ein Mensch ist, und der 
Welt, die^ oft unmenschlich ist, könnte noch lang fortgesetzt werden. 
. Sie - liegen.. keineswegs durchweg in der . gleichen Dimension. 
Chaplin, der au Dickens geschulte Erzähler, weiß sehr wohl, daß 
mitunter zur Entspannung Spaß eingeschaltet werden muß, und 
macht von harM gern Gebrauch. Dann wieder 
taucht er in ^n' Abgrund, dem das Komische erst entquillt, und 
legt ihn freu Am nachhaltigsten in der Haüptfäbel des Films, 
die selber nicht mehe als eine Episode ist. Ihr Inhalt ist seine 
Liebe Zu einem blinden Blumenmädchen. Solange das Mädchen 
nichts sieht,, erscheint er ihr wie er ist: als. der wunderbarste- aller
        <pb n="23" />
        er, und nicht auf das Klatschen. 
scheint man sehr aufpassen zu Gründen, sondern bedaure nur, in ihrem eigenen Interesse, daß 
' sie ineinemfort nackt zusammen sind. Daß sie aus unserer Unkultur 
erwarteten Darbietungen selber. lnrausverlangen — wie gut ist es Zu begreifen! Aber ihre prin- 
gezogen, und heraus springt ein zipielle Nacktheit ist sa keineswegs eine reinere Natur, sie ist viel- 
Auf die Tat komme es an, sagt 
Wo so viel Weltanschauung ist, 
müssen, 
Es folgen die mit Spannung 
Die Schneegipfct werden beiseite 
„HM schön, haben die'.Herrschaften schon unser neuestes Heft: 
Freude am Körpers 
So fragt im G r o ß e n S cha u sp i e lha u s ein halbwüchsiges 
Mädchen mit Zöpfen, das die Körperfreude in einem ähnlichen 
Ton verkauft wie Zündhölzer, Schnürriemen oder Blumen. Zahl 
lose Menschen füllen das Theater bis unters Dach. Was hat sie 
an dem strahlenden SonntagworgLn herbergelockt?'Eine F r e i - 
As r'ch erku! Ärbnter,'./Angestellte,' kleine'. B§- 
amtt — dichtgedrängt sitzen sie teils Mischen den Stalaktiten 
Poelzigs, teils zwischen den Dekorationw Zum Meißen RM, 
schön gemalten Almen und GebirgSdörfern, die sich rundum ziehen. 
Mich wundert nur, 
Bor den dunklen Waldhintergrund M der offenen Bühns, Wer 
dem die Schnsegipfe! gleißen, tritt Herr Adolf Koch» der Letter- 
der fozialpädagogischeu KorperkulLurschulL, und begrüßt namens 
aller möglichen angeschlossenen Verbände die anwesenden Abgeord 
neten, Schulräte, sozialistischen AerZts, Pressevertreter und über 
haupt das ganze Publikum. Herr Koch Mahlt uns, daß die kleine 
Sekte derer, die sich um 1900 Zum nackten Körper bekannten, Heute 
Zu einer Massenbewegung anaewachsen sei, nennt Ziffern von 
erstaunlicher Höhe und befaßt sich dann in der Hauptsache mit den 
Zielen der so zie l i sti s ch § n F r s i k ö r p e r k u l L u rh e w e- 
g u n g. Dieses Wort ist genau so umständlich Zusammengesetzt wie 
die Ziele selber. Wären sie nur hygienischer Art, man müßte 
sie mit Freuden b e s ahe n; denn nichts ist erwünschter als Vor 
kehrungen, die der werktätigen Bevölkerung zur Gesundheit ver 
helfen. Aber die Freikörperkultur begnügt sich nicht mit 
Gymnastik, Brausen usw„ sondern begibt sich noch dazu aufs höhere 
Gebiet der Weltanschauung. Man kann bei uns kaum eine Zahn 
bürste einkaufen, ohne gleich eins Weltanschauung als Dreingabe 
zu erhalten. Aus Weltanschauungsgründen also erMren Herr Koch 
und seine Jünger der Badehose den Krieg. Die Badehose, sagt 
Herr Koch, ist ein Aberglaube, der bekämpft werden muß. Nacktheit, 
sagt er ferner, ist Ehrlichkeit innerlich und äußerlich. Und Zum 
Ruhme der Nacklerziehung weiß er nichts Besseres Zu sagen, als 
daß durch sie all das Schwüle fortsalle, das in der Pubertätszeit 
sonst Wer die Wenschen komme, er preist das badehoselofe Bei 
einander wie eine Porwegnahme des Paradieses hie^ 
Metaphysik der Nacktheit, die ihn übrigens auch zu der Auffassung 
verführt, die Freikörperkulturbcwe sei ein Bollwerk gegen die 
kulturpolitische Reaktion in Deutschland., 
Begeisterte Zuhörer klatschten an verschiedenen Stellen des Vor- 
trags, ohne in ihrer Ahnungslos mit der WeltanM ge 
rechnet Zu haben, die ihm aus allen Poren quillt. Eben aus Weltt 
ansKauung nämlich lehnt Herr Koch kategorisch das Klatschen ab. 
nacktes Mädchen, das in Unschuld sein gymnastisches Können Zeigt. 
Andere nackte Mädchen springen ihr nach, und dann treten mehrere 
Jünglinge auf, wie Gott sie geschaffen hat, und haben ebenfalls 
Freude an ihrem Körper. Ein wenig später/und beide Geschlechter 
üben gemeinsam. Als einzig Lekleideter m diesem Garten Eden 
sitzt Herr Koch am Klavier und gibt seinen Eleven die Tempi an. 
Manchmal entfesselt er die Gruppen Zu bacchantischer Wildheit, um 
sie danach sofort wieder Zu sänstigen, wie es der Hygiene entspricht. 
DaS sagt sich/hüpft, legt den Körper nach rechts und nach links 
und verschränkt die Arme hinter dem Nacken. Zuletzt geht eine Art 
von Massendemonstration der Nacktheit vonstatten. 
Gegen Zweihundert Körper bevölkern das Podium, männliche und 
weibliche, junge und alte, kunterbunt durcheinander. Einige häß 
liche Exemplare sind in den Hintergrund abgeschoöen worden, aber 
man sieht leider Loch, was man besser nicht sahe: überschäumende 
Brüste, dicke Beine, ausgemergelte Leiber. Ihr Anblick, den die 
Humanität verböte, scheint die Beteiligten nicht weiter zu stören. 
Vergnügt hopsen sie alle nach Vorschrift he m, singen sich ein 
Liebchen dazu und treiben überhaupt ihre gatt^ Freikörperkultur 
mit' der seligen Unbefangenheit von Kindern. — — — .. 
Ich weiß nicht, ob es anderen Zuschauern bei der Matinee so 
ergangen W aber mich hat das Mitgefühl mit diesen Menschen 
ohne Badehose erfaßt Es sind vermutlich zum überwiegenden Lei! 
geplagte weM sich durch das Bekenntnis zur 
Nacktkultur ihren Anteil an der Lebensfreude zu erobern hoffen. 
Werden sie ihn auch wirklich erhalten? Mir scheint viel eher, daß sie 
sich durch das ständige Abstreifen des Lendenschurzes um entschei 
dende Freuden betrügen. 
Nicht so, als ob der Einwand der Mucker zuträfe, nach dem 
der nackte Körper angeblich sündhaft ist. Er ist es nicht, und gerade 
dann, wenn man ihn gewohnheitsmäßig zur Schau trägt, wird 
kein Anblick am allerwenigsten die Lüsternheit wecken. Im Gegen 
teil: dieser AM die Sinne nur über das gebotene 
Maß hinaus ab. Das aber ist genau die Gefahr, der die Anhänger 
des NaLLkultes leicht unterliegen. Um so willfähriger unterliegen, 
als sie den Kampf gegen dis arme Mne Badehose mit weltt 
anschaulichen Argumenten führen, die sie am freien Umblick ver 
hindern. 
Nacktheit ist Ehrlichkeit, meint Herr Koch. Wer zeigt man denn 
seine Seele immer nackt und spricht man von allem Zu allen? 
Man tut es mit Recht keineswegs und verzichtet auch mit dem 
gleichen Hecht gemeinhin auf die völlige Entblößung des Körpers. 
Das ist nicht etwa der Prüderie Muschreiben — die Prüderie 
übertreM höchstens das legitime Verlangen der Menschen, sich nur 
bei besonderen Gelegenheiten wechselseitig zu offenbaren. 
: Wenn die Fre^ die Nacktheit zum Grund ¬ 
satz erhebt, so schüttet sie, wie ich fürchte, das Kind mit dem Bade 
saus und Legt mit der Badehose Empfindungen ab, die nicht un 
gestraft verletzt werden. Einen Beweis hierfür erblicke ich in der 
Feststellung von Herrn Koch, daß durch das nackte Zusammensein 
während der Pubertätsjahre die Schwüle beseitigt werde, die in 
dreier Zeit heraufzuziehen M die Erfahrungen, die er 
als Schwüle entwertet, nicht ein kostbares Besitztum erwachender 
Menschen? Und so machen noch andere Regungen den Menschen 
zum Menschen, die dort zu ersticken drohen, wo die Nacktheit Zum 
Mäaa.wird.. . - 
Ich will nicht falsch verstanden werden. Ich protestiere nicht 
gegen die Freunde der Nacktkultur aus sogenannten moralischen 
mchr lediglich das Widerspiel des mechanisierten Lebens, dem sie 
entrinnen möchten. Und dadurch, daß sie ihre Körper mit philo 
sophischer Konsequenz hüllenlos voreinander preiZgeben, ver 
armen sie sich freiwillig und erschweren sich den Eintritt in 
manche realen Beziehungen, die unter anderem auch der leiblichen 
Scham bedürfen. 
Arme, kleine Badehose — man sollte sie wenigstens nicht aus 
Weltanschauung fallen lassen» S. 
Kampf gegen die Badehose. 
Berlin, Ende März.
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        her- 
Die M^trostationen sehen hier alle so urtümlich auS: wie 
aus dem Felsen gehauen, voller Kohlengeruch und mit lauter 
hin- 
zum 
Kantstraße denke, 
Verlangen, ohne 
der irgendwo im 
funkhaus. 
die Straßen gar — wenn ich etwa an die 
so befällt mich sofort das unwiderstehliche 
Aufenthalt ihrem Fluchtpunkt zuzujagen, 
Unendlichen liegen muß, nahe beim Rund ¬ 
Untergrund. 
ihn zu einem handgreiflichen Instrument, das unsere Sprache 
versteht. Und ich habe wirklich mehrmals eine Verbindung 
bekommen. 
Flanieren. 
Das Tempo ist eine Folge der Bauart der Städte. Kann 
ixl o 
einer in Paris ein Berliner Tempo einschlagen, selbst wenn 
er es überaus eilig hat? Er kann es nicht. Die Straßen in 
den inneren Stadtteilen, sind eng, und wer sie passieren will, 
muß sich nach unseren Begriffen in Geduld üben. Und sind 
auch die großen Boulevards breit angelegt, so verbinden sie 
doch dichtbevölkerte Bezirke miteinander, die einen Dauer 
menschenstrom über sie schicken. Der Zwang zum Flanieren 
ist allerdings süß, und selten ist aus der Not des begrenzten 
Raumes eine so herrliche Tugend gemacht worden. Leider 
läßt sie sich nur schwer nach Berlin übertragen. Unsere 
Architektur ist entsetzlich dynamisch: entweder jagt sie un 
vermittelt senkrecht nach oben oder sucht auf horizontale Weise 
das Weite. Und 
Fernen. 
Im Paramount werden zwischen den Filmen immer 
farbenprächtige Einlagen amerikanischen Geschmacks auf der 
Bühne gezeigt. So sah ich diesmal: eW schöne Frau, die hell 
vom dunklen Hintergrund MtW, siNgt ein schmalziges Lied. 
Während sie singt, erglimmt allmählich ein Rot, das sich 
immer mehr ausbreitet, Kontur annimmt, und sich zuletzt als 
eine Kolossalvase von griechischen Formen entpuppt. Sie 
schwebt auf einem Sockel, der mit einem Relief von Meister 
hand verziert ist, das drei nackte Frauengestalten stellen. Das 
Rot wechselt ins Grün hinüber, und der Finsternis entringen 
sich lauter Mädchen, die Tänze vollführen. Einer von ihnen 
ist die Blaue Donau, und es versteht sich von selbst, daß die 
Vase in der Nationalfarbe dieses berühmten Walzers erstrahlt. 
Unterdessen hat sich das Relief schon mehrmals verändert. 
Am Ende leuchtet wieder das Rot auf, die Vase ist plötzlich 
mit Blumen geWt, und die schöne Frau singt ein Abschieds 
lied. Ob sie in Paris solche Schauspiele lieben, weiß ich 
nicht, aber sie vertragen jedenfalls eine Menge von dem Zeug, 
ohne dabei zu Schaden zu kommen. Der „Blaue Engel" ist 
bereits über dreihundert Mal aufgeführt worden, und seit 
kurzem gibt es sogar auf dem Montparnafle eine neue Bar: 
„I/svM bleu", in der es sehr hoch und teuer zugeht. 
Krise. 
Trotz dieser und anderer Bars: die Lokale sind leerer als 
sonst. In Caf^s auf dem Montmartre, die früher am späten 
Abend dicht besetzt waren, klaffen jetzt empfindliche Lücken, 
und auf dem BoulevM de Clichy herrscht werktags ein Ge 
triebe, das bescheiden zu nennen ist. Ein neusachliches, durch 
aus artfremdes Caf6 dort oben, dem ich schon vor einem halben 
Jahr den Ruin vorhersagte, hat tatsächlich inzwischen zuge 
macht. DiN neuen Bürohäuser und die vielen Mädchen werden 
es ein wenig schwer haben, ihrer manche sitzen allein an den 
Tischchen und warten sehnsüchtig auf die Fremden und bessere 
Zeiten. Auch das Dome bietet noch Platz genug, und ein 
Taxichauffeur beklagt sich bei mir darüber, daß er nun seit 
drei Stunden die erste Fuhre habe. Wahrscheinlich war ihm 
mein Fahrziel zu nah. Lauter Merkmale der Krise, die sich 
fühlbar zu machen beginnt. Sie sind sparsam hier, und wenn 
sie spüren, daß etwas heraufzieht, schränken sie sich gleich ein. 
Etliche Eingeborene oder solche, die es gerne sein wollen, 
freuen sich sogar der stilleren Zeit und meinen, daß Parts setzt 
wieder einmal zu sich selber komme. 
Jungalt. 
Im Caf6 Weber, das seit jeher ein beliebtes Ziel der 
Theaterbesucher nach der Vorstellung ist, erscheint gegen Mit 
ternacht eine Frau, die weiße Haare hat. Sie müßte von 
rechtswegen alt sein, aber ihr Gesicht ist jung und noch ziem 
lich unverbraucht. Ob ich will oder nicht: ich muß sie immer 
wieder anstarren wie ein Problem, das mich quält, weil ich eS 
Röhren, Nebenstrecken und unterirdischen Stollen versehen, 
die ins Erdinnere führen. Es ist, als seien sie unmittelbar 
der Natur abgerungen worden. So zweckmäßig sie eingerichtet 
sind: sie ermangeln der Glätte, die durch Routine entsteht. 
Man merkt diesen Tunnels Und Schächten, diesem ganzen 
archaischen Labyrinth noch an, daß es aus dem Nichts 
vorgegangen ist, daß Gestein war, wo jetzt Höhlen sind. 
verewigt, und die Häuserfundamente, zwischen denen es 
durchführt, sind wirklich Fundamente geblieben. Sehr 
Unterschied von der Berliner Untergrundbahn, bei der man 
die Spuren der Herkunft sorgfältig verwischt hat. Sie er 
innert nicht an Kellerverließe, sondern an hygienische Brause 
bäder, ihre Kachelwände funkeln spMMlatt und ihre Wagen 
sind schmuck wie ein neues Kinderspielzeug. 
Gin paar Hage Maris. 
Aus einem Taxi ins andere. 
In aller Frühe mit dem Taxi über den Kurfür^ 
der frischlackiert aussieht wie eine Kurpromenade auf älteren 
Stichen. Elegante Herren mit Backenbärten werden später 
die Allee entlang reiten und irgendwo wird ein FrühkonzerL 
in der Nähe eines Kochbrunnensprudels rauschen, der eben 
falls rauscht. Bahnhof Zoo. Der ^V-Zug fährt ein, zwei 
Minuten Aufenthalt, die Reisenden beeilen sich, in den 
Pariser Wagen zu dringen. Im erhebenden Bewußtsein, vor 
den anderen Reisenden ausgezeichnet zu sein, die nur nach 
Hannover fahren, nach Dortmund oder nach Köln, benehmen 
sie sich sofort ganz international. Die Räder rollen, es wird 
Französisch gesprochen, und bei CharloLtenöurg liegt Deutsch 
land schon beinahe hinter uns. 
In meinem Abteil sitzen drei Russen und eine Englän 
derin. Die Russen, die aus einem Vater, seinem Sohn und 
einem jüngeren Mann bestehen, können nur ein paar Brocken 
Deutsch und auch sonst keine europäische Sprache. Um so 
größer ist ihr Mitteilungsbedürfnis. Es ergibt sich, daß sie 
sich morgen von Cherbourg nach Kanada einschiffen werden, 
wo sie als Ingenieure tätig sein wollen. Da die Fahrt aus 
dem einen gelobten Land ins andere ziemlich lange dauert, 
sucht sich der jüngere Mann die Zeit durch einen Flirt mit 
der Engländerin zu vertreiben. Sie trägt eine Brille, ist ein 
halbes Jahr als Erzieherin in Berlin gewesen, hat sich dort 
unlängst das ,Meiße Röß'l" angesehen, ganz wundervoll mit 
den vielen Dekorationen, und spricht ein so überdeutliches 
Englisch, als ob wir alle noch ihre Zöglinge seien. Dem 
Russen nutzt aber ihre Aussprache nichts. Er zieht ein kleines 
englisches Wörterbuch hervor, das er vielleicht erst in Kanada 
einzuweihen gedachte, blättert darin und zeigt der Englän 
derin bestimmte Stellen. Mit der Zeit kommt eine lebhafte 
Unterhaltung in Gang, die heikle Themen zu berühren 
scheint» denn das Mädchen beginnt zu erröten und seine Vokale 
werden immer gedehnter. Während die beiden auf dem Gang 
verschwinden, frage ich mich, ob der Russe lieben möchte, um 
Englisch zu lernen, oder Englisch aus Liebe studiert. Sie sind 
besonders lerneifrig, die Russen. Bei Bielefeld erkläre ich 
ihnen: „Textilfabriken", im Industriegebiet: „Eisen und 
Kohle". Das macht sie sehr glücklich. In Aachen gehen Vater 
und Sohn verloren, wir merken es erst in Herbesthal. Sie 
haben offenbar beim Kaffee auf dem Bahnsteig den Zug ver 
säumt und konnten sich nicht verständigen. Der jüngere Russe 
ist zuerst ganz unglücklich, sagt: „Schwach", ein Wort, das 
ihm am besten die Lage zu bezeichnen scheint, und gewinnt 
^dann mit Hilfe des Diktionärs und der Engländerin rasch 
wieder sein Gottvertrauen zurück. Gott ist hier allerdings nicht 
das richtige Wort, aber ist er auch abgeschafft, so werden sie 
sich doch dereinst in Kanada gesund Wiedersehen. In der 
Dunkelheit dösen sie alle, die Lokomotiven pfeifen schön hell, 
und jetzt kommt Paris. 
Paris -- die fünfzehn Stunden Fahrt sind ausgelöscht. 
Es ist mir, als ob ich eben erst über den Kurfürstendamm ge 
fahren sei und nun aus dem einen Taxi ins andere steige. 
Durch die schmalen Straßen, ich erkenne sie alle noch, in die 
Hallengegend, die wie immer um diese Stunde mit Wagen 
vollgestopft ist, an Gerumpel und Baugerüsten vorbei über die 
Seine, mitten durch geschwungene Reihen gelber und roter 
Lichter und wieder ins Häuserdunkel hinein, 
J—n—v. 
Sie führen wie bei uns das automatische Telephon ein, 
Apparate mit niedlichen Scheiben, an denen man dreht Md 
dreht, und manchmal pfeift es dann oder zwei Leute sprechen 
zu gleicher Zeit. Ich habe sogar wiederholt eine Verbindung 
bekommen. Aber davon abgesehen, das eigentlich Nette ist 
dies: In Berlin werden, die Aemternamen bei der Automati 
sierung durch Buchstaben und Ziffern ersetzt, so daß man 
etwa 0 8 zu wählen hat, um ein Gespräch über das AMt 
Hansa zu erhalten. Wenn wir in Deutschland schon rationali 
sieren, so geschieht es gleich gründlich, und was hätte ein 
Eigenname wie: „Hansa" oder „Oliva" noch innerhalb des 
automatischen Betriebes zu suchen? Wir reißen ihn mit der 
Wurzel aus, begeistert von der blanken Wählerscheibe, hie 
sich über ihn nicht minder mechanisch hinwegdrehen soll wie 
über die Stimme der Telephonistin. Anders verfahren sie in. 
Paris. Hier erfolgt die automatische Wahl vermittels der 
ersten drei Buchstaben des jeweiligen Amtes. Das Amt 
Od6on wird zu: O—d—e, Gobelins zu G—o—b, Invalides 
Zu I-n—v. Sie wollen nicht auf die Namen verzichten, die 
ihnen vertraut sind, sie montieren noch einen letzten Rest des 
früheren Eigennamens in die Apparatur ein. Mit einer 
Zähigkeit ohnegleichen heftet er sich an die Wählerscheibe, die 
ihn nachschleifen muß, wenn sie gedreht wird. Hemmt das 
Gewicht des Namens ihre Umlaufsgeschwindigkeit? Im 
Gegenteil: aus einem tyrannischen Automaten wird sie durch 
. Die 
menschlichen Anstrengungen, die es gekostet hat^ sind in ihm
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        nicht zu lösen vermag. Dieses Zugleich von Jugend und Alter, 
von blühenden Wangen und verblichenen Strähnen beunruhigt 
mich, es ist so etwas wie ein hölzernes Eisen, ein Phänomen, 
das nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich hat und sich 
selbst widerspricht. Dennoch ist es wirklich; so wirklich wie die 
Stadt Paris. Auch Paris trägt die Zeichen des Alters Mf 
der Stirn. Aus den Poren seiner Häuser quellen Erinnerungen 
hervor, und immer wieder wäscht der Regen die Säulen der 
Madeleine, sodaß sie weiß sind wie Schnee. Das Weiß des 
Alters ist die Farbe der Stadt. Unter der Hülle aber lebt sie 
geschützt und ist frisch wie am ersten Tag. Man muß sie jetzt 
im Frühjahr gesehen haben, wie sie aus dem Morgendunst 
aufsteigt. Einem Schiff gleich schwimmt sie langsam davon und 
treibt in den blauen Himmel hinein, der sie lautlos umplätschert. 
Zurück. 
Heimfahrt. Gleich hinter Paris unterhalten sich zwel 
deutsche Herren über Patentschwirrigkeiten, der Ernst fängt 
schon wieder an. In ihre Geschäfte hinein blicht eine ältere 
geschmückte Dame aus dem Magdeburgischen, sie hat uns 
unverzüglich mitgeteilt, daß sie von Magdeburg ist. In Paris 
ist sie bei der Bakker gewesen, worunter sie die Josefine Baker 
versteht. Es kommt heraus, daß auch die Herren über den 
Patenten nicht das Vergnügen vernachlässigt haben. Zwei 
patente Herren, die Dame hat eine Tochter, ich lese einen 
Kriminalroman. Bei der Fahrt über den Rhein zeigt mir der 
Speisewagenkellner zahlreiche Kohlenschiffe, die sich untätig 
ausruhen: „Die Stinnesflotte — der ganze Betrieb liegt 
lahm." Ich spüre, daß wir in Deutschland sind, an der Front, 
und daß ich hier leben muß. In Hamm weckt mich ein dort 
zufällig eingestiegener Bekannter aus dem Schlaf. Wir geraten^ 
als hätten wir seit Monaten ununterbrochen miteinander 
geredet, sofort in eines jener Gespräche, die nicht anfangcn 
und nicht endigen können. Das deutsch-österreichische Ab, 
kommen, die Notverordnung, die Industriellen in Moskau —&amp;lt; 
von der politischen Aktualität ausschwärmend, verlieren wip 
uns in den sozialen Problemen, schon ist Hannover vorüber, 
aber die Not bleibt bei uns, und je weiter die Zeit fortschreitet, 
desto dringlicher wird die Frage nach Fundamenten unserer 
Gesellschaft gestellt. In solchen Gesprächen ist heute Deutsch 
land. Heerstraße — Charlottenburg — da ist unversebens 
Berlin zurückgekehrt. Langsam fahren wir in die nächtliche 
Stadt hinein, die mir drohender, zerrissener, gewaltiger, ver 
schlossener und vielversprechender erscheint als je zuvor. Kurz 
nach Mitternacht Bahnhof Zoo. Die Lichterserien um die 
Gedächtniskirche funkeln irrsinnig wie Aufbruchsignale. 
S. Krakauer. - 
Berliner Meöenemander. 
Berlin, im April. 
Die FremÄensais 6 n ist seit den Osterfeiertagen eröffnet. 
Der internationale Chirurgenkongreß hat eine Menge ausländi 
scher Gäste nach Berlin geführt, und schon sind als Vorboten 
kommender Ereignisse die ersten amerikanischen Industriellen, Prä 
sidenten und Vizepräsidenten emgetroffen. Ueberhaupt rechnet man 
mit einem starken InrporL von Millionären aus N. S. A. Wie 
es heißt, sollen die internationalen Reisebüros bereits große 
Buchungen für die deutschen Hotels vsrgemerkt haben. 
SÄ 
Das Berliner Arbeitsamt hat F o r t K i l d u n g s k u rse f ü r 
Arbeitslose eingeführt. So finden Nähkurse für junge Mäd 
chen und Frauen statt, stellungslose Kaufleute erhalten die Ge 
legenheit, sich im Maschinenschreiben, in Deutsch und im Rechnen 
-Zu vervollkommnen. Friseuren wird die Möglichkeit geboten, mit 
der Mode zu gehen, und. ausrangierte. Musiker können unter 
einem vom Arbeitsamt engagierten Kapellmeister weiter üben und 
proben. Eine produktive Hilfsleistung, die unter den gegen 
wärtigen Umständen viel für sich hat. Sie gibt nicht nur den Frei 
gesetzten einen gewissen Halt, sondern gestattet auch die besser 
Unterbringung mancher Kräfte. Man hofft in den Besitz der 
nötigen Mittel Zu kommen, um diese Fortbildungskurse noch mehr 
auszubauen. 
. Das seit langem durch einen riesigen Plakatzaun schamhaft ver 
deckte Gelände auf dem Potsdamer Platz soll endlich bebaut werden. 
Natürlich mit einem H o ch h a u s, das sich stolz Kolumbus-Haus 
nennt. Wir hahen^ auch bereits ein Europa-Haus am Anhalter - 
Bahnhof, die Hochhäuser tun es nicht unter Kontinenten und welt 
berühmten Personen. Der Kolumbus-Bau wird von Erich Mendel 
ssohn errichtet und erhält als besondere Spezialität ein frei aus 
ladendes Flugdach. Bald kommt man nicht mehr von unten in die 
Häuser herein, sondern von oben. In einer hiesigen Zeitung war 
der Entwurf abgebildet: eine Art von Bürösestung aus lauter 
Horizontalen, und dazwischen ist Glas, 
»ic 
Da wir bei der Monummtalkunst sind : die Umgestaltung der 
Schi Mischen Neuen Wache zum Ehrenmal iü in vollem Gang. 
Man glaubte seinerzeit, daß durch die Verwirklichung dieses Pro 
jekts der Plan eines Reichsehrenmals endgültig von der Bildfläche 
verschwände. Wie wir damals schrieben, hätte man umso leichter auf 
ihn verzichten können, „als die Schinkelsche Wache nicht nur ein 
lokales Architekturerzeugnis ist, sondern ein großes Werk deutscher 
Baukunst. Wird es den Gefallenen des Weltkriegs gswei'ht, so ehrt 
in ihm das ganze Reich seine Toren." Nun ist es doch anders 
gekommen. Die Reichsregierung hat die Errichtung eines Reichs 
ehrenmals in Berka beschlossen, und außerdem ein der Befreiung 
des Rheinlandes gewidmetes Ehrenmal am Rhein in Aussicht 
genommen. Wir werben also mit Ehrenmälern nicht leicht in Ver ¬ 
legenheit geraten. Vielleicht gelingt es Heer MehM,. außer W 
Erinnerung an den Krieg auch den Wderstand gegen -ihn wach« 
zuWten.. 
Glücksspiel e sind in Berlin immer noch sehr im Schwang. 
In den Seitenstraßen des Kurfür stendamms wird-„Meine Tante, 
deine'Tante" zu Umsätzen gespielt, deren Hohe allenfalls durch die 
Wirtschaftskrise eine gewisse Beeinträchtigung erfährt. Ausschweifen 
der soll es merkwürdigerm^ Norden der Stadt zu- 
gehew Dort besteht die Kundschaft aus Bäcker- und Schlächter 
Meistern, die sich solche Sensationen unschwer leisten können, und 
in der Nähe des Zentralvisbhofs verunstalten die Viehhändler sogar 
schon am Vormittag kleine Partien. Fliehen schon die Befferfituier- 
ten in abgelegene Glücksoasen, so kann man es dem abhängigen 
kleinen Mittelstand erst recht nicht verargen, daß er dem grauen 
Alltag entrinnen möchte. Die jetzt geschlossene Cafäba^ 
mit ihren bunten Panoramen, Zehnstühlen, lauschigen Kojen und 
erotischen Phantasmagorien war nur einer Insel der Seligen 
zu vergleichen, auf der es sich zahllose Angestellten^ 
für Abend wohl sein ließen. Sie wird Nachfolge finden, und gewiß 
ist, daß die Zunahme der Mechanisierung aller LebensfrrnkLionen 
automatisch zu einer Vermehrung der farbigen Prospekte in den 
Großstadtlokalen führen muß. Die ausgestoßenen Träume werden 
im Glücksspiel narkotisiert und wiegen sich in den Cafehauspalmen. 
Wir haben vor einiger Zeit an dieser Stelle den düsteren 
Ernst des neuen Berliner Nundfunk^uses zu beschreiben ver 
sucht. Ein Bon mot, das jetzt hier umläuft, hat ibn mit Blitz 
licht und Büchse getroffen. Die „S i n g - S ingakadew i e" 
— so Wirts das Haus an der Masurenallee m den beteiligten 
Kreisen genannt.
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        ^-^72 -277 
Mue MMWare. 
Berti«, im April. 
Es ist zur Zeit nicht möglich, über neue Filme viel Mitteilens- 
wertes zu berichte«. Der Warencharakter ist ihnen sa fichtvar 
ausgeprägt, daß sie andere, sachlichere Funktionen kaum noch er- 
süllen. Es sei denn immer wieder die eine: dem Publrrmn -uft- 
schlöjser vorzngaukeln, die es für die schlechte Unterkunft im A.-tag 
entschädigen sollen. Aber das ist von, mir schon 
worden und nachgerade bekannt. Verstärkt hat sich allenfalls rn . 
der letzten Zeit der Drang nach Stabil is'^rung. Man erverimen-- 
ttert nicht gern, man scheut davor zurück, pch mit bedenklichen 
Themen auch n,ir einzulassen. Hemmmmsn, die nicht eben vom 
Nuternehmergeist der Produzenten zeugen und durch dre Meri- 
sehen Eingriffe der FilmoberprüMelle noch verstärkt werden mögen. 
So kommt es, daß die Filme mehr und mehr den Eindruck ge- 
normier Fabrikate Machen. Sie find nrit Routine hergestellt, haben 
nur den Ehrgeiz, marktgängig zu fein, und halten insgesamt eine 
ungute Mitte ein. Jene Mitte» die nicht einen Ausgleich der Kräfte 
erstrebt, sondern sie überhaupt nicht ins Spie! mit einbezieht. 
-Schwer lastet der Druck der kulturrcaktionären Mächte auf dieser 
ganzen Produktion. Im selben Primus-Palast, in dem Monats 
hindurch der Film: Drei Tage Mittslarrest" lief, kann man sich 
neuerdinas an dem Militärschwank: „Der Schrecken der Garnison 
erqöken/und die Wiener Walzer-Filme nehmen kein Ende. Wie 
ein Medikament wird die gute alte Zeit der neuen eingeflößt, der 
es dadurch sicher nicht besser geht. 
H - 
Der zu früh verstorbene Lupu Pick hat fürs Deutsche Lichtsprel- 
Syndikat einen Film: „Gassenhauer" hergestellt, in dem 
allerhand schmackhafte Ingredienzien zusammengemilcht werden: 
künl nette junge Straßensänger das Motiv ist von Rü-Ne Cwf.r 
übernommen ein Mädchen, -das die Burschen betreut; ein 
Kriminal-all, der d-m lnftcre Ensemble eine Zeit,lang düster grmm 
diert; ein ganz hübscher Schlager, dem es nicht Zu viel wird, 
immer wieder dremzuschlagem Wandervogelromantik, Boh^me- 
leben und mondäner Barzauber — man hat ersichtlich damit ge 
rechnet, den geplagten Zuhörern sozusagen ein geistiges Wochen 
ende zu bieten. Der Regie Picks find ein paar schöne-Einzelheiten 
gelungen, m die er so verliebt gewesen ist, daß er.fie-zu breit aus 
gemalt, hat. Maria DalSajcin spielt eine spanische Tänzerin auf 
charmante Weise vulgär. 
Auch der . Fasching ist noch stets eine Qrse gewesen. Seine 
Reize nutzt der Joe Mah-Film: „...und das ist die ^Haupt- 
suche!?" aus und ab. Beinahe der ganze Film ist mit Faschmgs- 
treiben anaemllt, mit Konfetti, komischen MaÄcn, Geknutsche rn 
TelephonZEen und dem Wirbel tanZender Paare. Eine technisch 
vorzügliche Leistung, die HinLerZrundsgerLusche, Musik und Ge 
sprächs geschickt übeMendet, aber lei.der in den Dienst geringer 
Zwecke gestellt wird. Denn die riesige Aufmachung ist nur die 
Foliebsmer Gelegenheit zu pikanten Szenen 
gibt. Man kann galante Bsulevardstücke lieben, ohne von dieses 
mMlanten Vergröberrmgen entzückt zu sein, denen man schon 
von weitem ihre Aufgabe aMnerkt, das Mit erotischen 
Gewaltmitteln Zu betäuben. Harry Liedtkes Stimme trübt das 
Rosenrot seines Lächelns. Die Augen von Ursula Gmbley such 
Zwei lustige Jongleure. Es fehlt natürlich nicht ein Kriminal- 
lmnmissae mck der landesübliche Schlager. 
ü H. . 
„Greta GarLs spricht deutsch^ — Liese Lockung ist keine 
mehr, wenn man sie in dem Film: „Anna Christie" gehört 
hat. Ihr dunkles, rauhes Orgaw paßt nicht zu ihrer Figur, mögen 
andere, von der Schönheit der Frau verzaubert, sich auch em-- 
bil-dLn, das Gegenteil träfe zu. Ueberdies ist ihr Spielvermogek 
bLscheiden zu nennen« Sie soll eine Dirne darstellen, die trinkt, 
raucht und abgegriffen ist: aber wer glaubt ihr schon die Ver 
kommenheit, auch wenn sie noch so wegwerfend: Quatsch" sagt 
und ausgelaugt vor sich hmsLarrt? Mau ist nicht ungestraft ein 
makelloses Weltideal, mch die Pflicht, den schönen Schein Zu ver 
körpern, vertragt sich schlecht mit der anderen, körperlich Zu er 
scheinen. Das Stück selber: .ein oller, ehrlicher Seemanns 
schmarren, der Jacques Feyder in Auftrag gegeben worden war. 
Er hat ein paar gute Mhelbilder geliefert. Das ist alles. 
. S. Kraeauer. 
Was M Kerr Kacke hm? 
Von S. Kraeauer^'/ - . 
Ein Student namens Gustav H 0 ck e hat an A lfredDöbli n 
mstM Brief gen dew. er ihn anfragt/wie en 
jMP gMidete Menschen sich heute zu verhalten hätietn Ich finde 
durchaus in Ordnung und jedenfaN viel- 
vWtecheM mLschiedMM Radikalismus Mncher-Awan- 
WjWiger, denLn schon vvrbestimmt ist, daß sie mach aber zehn 
Jahren iln ärgsten Spießbürgertum enden werderr. Dennoch glailüe 
Md Hockes^ Brief die Einstellung unserer 
MidWLWjM exemplarisch darbietet. Und Zwar desWü nicht, 
weil. Hocke rucht nur ununtLrrichtLt ist, sondern auch eine Leere 
verM, die sich schwer ausMen laßt. Dieser Student Hocke ist. 
wahrhaftig eine Lücke, in die alles hlneingestopst werden kann. 
Partoirichtuttgen, WelLärrschauuj^ politische WillensbUdungen 
Kd.Hm nicht mehr als äußere ErscheinüngLn, die er ohnehin auh 
Zählt, ohne eine von ihnen völlig zu verabscheuen oder sie an sich 
W pMen, od^ sie M Zu verstchen' Gü unheschrkben^ Blatt, 
dW M dage^ Wirklich beschrieben Zu werden. „Da 
WchelU freMdM her das schöne Frankreich", meint 
Hücke-M entdeckt gleich hinterher dort drüben 
Ms Harmonie, die Zu unserem Zustand -nicht passe. Ebenso bündig 
erledigt er Amerika mid Rilßland, und das gegenwärtige Italien 
erWink ihm emer ZnpLntarlfienlng rricht einmal wert. Nach dem 
ganM MMmperdU M Mmen stellt unsek Sr mplrZius 
dann seine Gretchenfrage; wobei er immerhin auch von jenem Teil 
der Fugend abrückt, der sich eindeutig zu den rEonären Mächten 
bekennt. Wenn er sich nur überhaupt Zu etwas bekennte! Aber ich 
halte beinahe -dafür, daß Hockes. Brief bereits ein Zeichen der 
fürchterlichen Neutralität ist, die sich, heute in Deutschland aus- 
breitet. Dieser Neutralität aus OhmMchk, die Lei uns fast alle 
öffentlichen MamfsM und cntrminnt, und -die 
eirunder nicht etwa ins GleichgewichL zu 
bringen sucht, sondern sich der dialektischen Auseinandersetzung 
Mit ihnen einfach entzieht. - 
Höblin hat, wie man sich erinnert, während her zweiten Halste 
des Vorjahres als-Antwort'auf den Hocke-Brief vier Aufsätze in 
de^Mchrist-:' „Lage-Huch" veröffentlicht. Sie bilden den Kern 
seines neuen Buches: ,Missen und Verändern! Offene 
Briefe an einen junge u M ensche n" (S. Fischer Verlag, 
Berlin 1931. 169 S. Geb. Mk, 4.90), in denr er das einzige tut, 
was m der Tat fruchtbar ist: 
rlchmen. Zum Anlaß, die Lag e de r d e ut sch-en 
F nLelligenzschicht Zu veSreiLen. ""„Akademiker und Nicht- 
akademiker gehören zu ihr. Junge und Alte, Studenten, PvoMre^ 
HUMN -ünd Polksschulleh^^ Juristen, Ttzeo^ 
VoflMirMafLer, B-esnlk^ Freie Schrüft^ ... Es ist eine unge- 
heM. und wichtige Schicht; sie steht sich immer angefaßt als 
hängsel -und Zubehör zu irgerrdwelchen Parteien, Gruppen und 
Organisationen, wo sie mitlaufen darf, wo sie irgendweM 
esserck von sich vertreten sieht, wo nwn sich lächelnd im. übrigen 
vor ihr verbeugt und sie auch lächelnd ihre abseitigen 
lW/ 
AudWtz^ M den: Studenten Hocke sagt, wo er stehen und 
waL^auk^ solle,. .ZnLLlligM..übLr„K^ 
Rolle mMären, die sie zu spielen hat. 
* 
üAie wird' grundsätzlich die Seite 8er Unterdrückten, der 
Niedergehaltenen, der Arbeiterschaft treten, müssen — .das ist daK 
erste', Wässer'ihr anbefiMt^ Mit einem Freimut, de^ ehrt, er 
klärt er sich gegen den Kapitalismus. Es ist neben dem national 
ökonomischen Betmchter vorwiegend her Arzt und der Physiogno- 
miker, der sich hier äußert. Er'geißelt die „gnadenlose Nuhlich- 
keit", die sich in derr Gesichtern promE Wirtschaftsführsr 
auspräge, und unterstreicht deir „Schädlingscharakte/ des Herr 
schenden WirtschasMhstems in. psychischer und LiologW Hinsicht. 
Ich Wie es für umso überflüssiger, das Gewicht dieser Argu-
        <pb n="27" />
        gesellschaftlichen Lebens" zuwende. „Während die Staaten sich 
hentraWisch und büromäßig verbreitern, betreibt derjenige, der die 
Regeneration der Gesellschaft wünscht, die Neuordnung des privaten 
Lebens." Und: „Es kann sich nur um eine machtvolle Steigerung 
her wirklichen, das heißt der kleinen gesellschaftlichen Gruppen und 
- ihres .privaten^ Lebens und um eins von da betriebene/Entkräf- 
. tigung des Staates handeln." Im Hintergrund dieser Forderungen 
steht-ein neuer Nationsbegriff, als dessen wesentlicher Träger die 
- soMlistischen Mcheu-ünge werden. ' : 
^2 ^Nftmand wird sich dem Eindruck entziehen können, dass- 
IituaLjon, in die DMin Herrn Hocke verweist, nur schwer tragbar, 
ja, schon verzweifelt zu nennen ist. Dem jungen Mann wird eine 
Ack&amp;lt; des r-rMsschAchE Existenz vor Nutzen geführt, diff wie ich 
unterstellen will, so befümmte Konturen hast daß er sich danach 
Anrichten kann. Dann aber erhält er den Auftrag, für bie allge 
meine Verwirklichung des Sozialismus im Sinne der erwähnten 
Desin^ ssorgem und findet sich Mgleich der Mttel beraubst 
etwas Wirksames in dieser Sache zu unternehmen. Denn daß er 
.Zu den Arbeitern gehst verwehrt höchstens und nicht einmal, not-. 
wendig seine eigenen Einsichten. Und die Vereinigung Gleich- und 
Gutgesinnter zum Zweck des Aufbaus eines rechten „privaten" 
Lebens — wir haben beSKriegsausbruch erfahren, ums aus der 
ak, daß man ein ungetrübtes BM von der Lage erhält, in die 
Herr Hocke durch Döbliu versetzt wiG. Ste ift etwa wie folgt be 
schaffen: Auf der einen Seite soll die derzeitigen Machthaber 
Mehnen, das heißt, sich unter keinen Umständen zur Partei der 
„Minorität, der Besitzenden, der Unternehmer und Rentner, der 
Kultivierten, der Privilegierten" schlagen. Auf der anderen Seite 
ist ihm verwehrst sich der kämpfendm Arbeiterschaft einzugliMm. 
Sein Platz ist dazwischen, mit Döblins Worten: neben der 
Arbeiterschaft. An diesem Ort, von dem . noch auszumachsn bleibt, 
M er einer ist, wird Hocke die ,Ms Menschheitssache des echten 
Sszialismus" zu vertreten haben. 
- Wblin beschließt seine Direktiven mit Sem Satz: „Seien Sie 
ohne Sorge, LamiL wissen Sie auch bald, was Sie zu tun haben." 
Aber das ist eben d i e Frage. 
Zwar, er gibt dem jungen Mann oder vielmehr der deutschen 
JntelligenZschA verschiedene praktische Ratschläge. Sie mag ins 
Holst gehen und sogar die Mitgliedschaft von Arbeiterparteien er- 
Mrben, um die Massen des Proletariats wirklich kennen zu lernen. 
.Msl leistet auch langer Wohnsitz in Arbeitervierteln, Arbeit in 
Fabriken." Ferner verlangt er im Interesse des richtig verstan- 
dENM die Oeffs ntlich kett und das 
nur „bluLleer" und nebenher, erstrebt worden se^ 
gewollt, so ist der Kommunismus nicht der Weg zu ihm hin. 
-Warum nicht? Das entscheidende Argument Döblins 'lautet: .^ 
kann ästs keinem Ding etwas hervorgehen, was nicht schon in ihm 
stsckt,ü ^ es kann aus dem mörderisch geschärften 
Gerechtigkeit, aber kein Sozialismus her^ 
„LuMnd.. exemplifizierst dessen „despotischer Staatskapitalismus 
mit dem westlichen SoZialismus nicht verwechselt, werden dürfe: 
Obwohl ich der Meinung bin, daß DMin die Gerechtigkeit falsch 
plazierst wenn er sie irgerchwslchen E 
frckten Menschheit nachordnest-- was bedeut der Mensch, wäre er 
nicht eine Verwirklichung der Gerechtigkeit? —, so glaube ich 
doch, dass seine Einstellung die vieler heutiger Marxisten empfind 
lich trifft, und daher gerade den Linksradikalen zu denken geben 
süLte. Um so mehr, als er^ immer von seiner Grundhaltung aus, 
zu einigen beachtenswerten, wenn auch leider manchmal nicht ganz, 
exakt durch geführten Angriffen wider Verfestigungen der nmrxi- 
stischen Lehre ausholt. So attackiert er, wie mir scheint zu Recht, 
"die nicht--zulässige Ausweitung des JdeologiebeM die schon 
Nun bin ich in der Mitte des Buches. Es hat — nmn merkte 
es, auch wenn man nichts davon wüßte, der gesteigerten Leiden? 
schuft dieser Abschnitte an — seinen Hauptursprung ersichtlich in 
Diskussionen Döblins 'mit Linksradikalen, Kömmunistett, VMre- 
lern des orthodoxen Marxismus. Ihren Lehren, , die er auch unter 
dem Namen der „ArLeiterthsoriL" zusammenfaßt, wird eine unzwei- 
heutige Absage erteilt. Und zwar vom Standpunkt des Sozia s 
Sozmfismn-, das ist nach DMin: „Freiheit, spontaner Zu- 
/sammenschluß der Menschen, Ablehnung jeden Zwanges, Empörung 
gegen Unrecht und Zwang, Menschlichkeit, Toleranz, friedliche 
Gesinnung". Oder anders ausgedrückt: Sozialismus ist die vollen? 
dete B e s rein n g des M e n sch e n, die Luther nur halb voll 
bracht hat, Seine Aktivierung im DiessseiLs, M 
„Naturismus" oder „Naturalismus" nennt DMin seine Anschau 
ung vom Menschen, , Zu der er den von ihr' gewiWMäWn UW 
schlossenen dialektischeil Materialismus hinführM möchte. 
, Me es. sich auch damit verhalte: jedenfalls macht er von diesem WMnWoriW'M^ -dem wir heute stecken, ab gebaut 
.Sozialismus aus Front gegen "LhssriermdPtds/dU EMen. zperde und Sie Aktivität sich der „Wiederherstellung eines wirklichen 
Arbeiterbewegung. Allen seinen Einwänden liegt drr Begriff vom 
„endlich .fälligen, neuen, naLürllDn", Menschen Zugrunde^ 
desM"Herkunft nicht zuletzt von Marx und Lenin, allerdings 
mente näher.zu. prüfen, als DobLirr selber mit viel mehr Nachdruck 
bei- seinen Analysen des deutschen Bü r gertums verweilt^ 
durch die, er Herrn Hocke und mit ihm vie Intellektuellen dazu 
bestimmen möchte, den Begriff des Bürgers/ rüchtigzM 
Bürgertum, das der Träger des Kapitalismus ist, wird von ihm 
auf Luther Zurückgeführt, dessen zwiespältige Haltung die „Ver- 
unteNanung" der Deutschen AngelALet habe. Bekanntere historische 
Gedanken gange geistreich nutzend, umreißt er notgedrungen knapp 
und wohl auch stellenweise zu abgekürzt die Entwicklung des deut 
schen Untertans: wie er humanistische Bildung &amp;lt;und Bedienten 
buckel miteinander vereint; wie er, rmchdem er 1848 vergeblich 
gegen den Stachel gelockt hat, zum verdienenden Scheinbürger wird, 
dee..st an die KudaliW anschließt und sie nach 
unten hin ungehemmt weitergibt; wie er in der Wachkriegszeib 
den. Untertan M in den „entfesselten Unter ¬ 
tan" üb ergeht, dessen Ideal entweder die Verewigung der 
mönarchiM MmmaNdogenoalt oder das ungestörte Verdienest 
M Döblim kennzAchnet dieses verbogene BürgeM 
Tügendm des Gehorsams Fleißes und der Sachlichkeit, die 
niM so sehr Tugenden einer menschlichen Person als eines Haud^ 
reichers sind, und kormutzum Schluß: „Es wird nicht gelingen, uns 
(inen unabjMüM Und in Uebereinstim ¬ 
mung mit Liesen mehr theoretischen Ausfallen bekämpft er die prak 
tischen Folgen- „ökorwmistisckßt'"' WrMuWen.4. yor.Mm den Mer- 
spitzten Kollektivismüs, der sich weit über das gebotene Maß 
hinaus äntiindividuaM gebärdet. Wie sollte ihm der Mensch 
entwachsen könnM^d^ hat? 
„Sie, geehrter Herr," sd formuliert Döblin die EnlpfthLung, 
hie er aus diesen und anderen Gründen Herrn Hocke gibt, „können 
Ihr prinzipielles Ja zu dem Kampf (des Proletariats) nicht 
eMMWest, M sich in die proletarische Front einürdnen. 
Sie müssen B Lewenden lassen bei der erregten und bitteren 
Billigung dieses Kampfes, aber Sie wissen auch: tun Sie mehr, 
so bleibt eine ungeheuer wichtige Position unbesetzt. .die ur- 
komMmM menschlichen mdWvM Freiheist Sex spon- 
Lanen Solidarität mch Verbindung der Menschem Diese 
Position, geehrter Herr, ist es, die als einzige Ihnen zufällü" Eine 
We'se-die durch d^e ändere Zu ergänzen ist, daß man „die allgemein 
menschliche Veränderung nicht abwarten oder dem Zufall über 
lassen" dürfe, sondern sie Unail so wie die ökonomische nach einem 
Wm zu voWchesi habe' ' ' . ' 
/ - .- ck 
das, was sich heute in Deutschland Bürger nennt, als Bürger . Mit Absicht lMe ich rnich in der Hauptsache auf eine Weder- 
aufzureden." Seine erneute Forderung an die Hockes: der Ar- gs b e d er G e d an k en Döbli ns b esc h r ä n kt; d enn es k omm t m i r d ara uf 
b'eiterscha^ weil sie jetzt die Kampfposttion 
. beMgen/lWbe, id von dem deutschen Scheinbürgertum preisgegeben - 
/wachen sei. / -- - .
        <pb n="28" />
        Soweit ich beurteilen kann, 
Rückständig 
? ei L oder dre Verstocktheit der Branche. Während jede bessere 
Jndustriefirma heute weiß, daß Qualitätswaren den Gewinn er- 
bähen, und darum Fachmänner engagiert, die ihr diese Qualität be 
schaffen, verschmäht die Branche nach Möglichkeit jede fachmännische 
Beihilfe und setzt ihren Ehrgeiz darein, selber den Geschmacks 
richter Zu spielen. Um Zunächst.auf den Filmverleih einZu 
gehen, so maßt er sich Funktionen an, zu deren Erfüllung ihm 
notorisch die Voraussetzungen 'fehlen. Er hat nicht nur Asta 
Nielsen ignoriert und hält sich noch immer davor Zurück, ihre 
Arbeit finanziell zu fördern, er behauptet nach, sich in den 
Puölikumsbedürfmffen auszukennen, und beeinflußt auf Grund 
dieser vermeintlichen Erkenntnisse die gesamte Filmproduktwn. 
Wider solche dilettantischen Ambitionen wäre nicht das geringste 
Einzuwsnden, wenn sis große Erfolge zeitigten. Aber die Er 
fahrung lehrt, daß sie, von jenen Filmfabriken abgesehen, die wie: 
G r u n d f L tz l L ch e B e m e r k u n g § n. 
Berlin, im ApE 
Deutlich erinnere ich mich einer kleinen Szene aus einem Film 
von Asta N i e l s e n, der vor vielen Jahren gelaufen ist, damals, 
als die Kinos noch unscheinbarer kvaren und die Filme weit besser. 
Ich glaube, es ist der Film: „Absturz* gewes^ Vielleicht deckt sich 
mein Ermnernngsbild nicht ganz mit der Wirklichkeit, aber jeden 
falls sehe ich bis Nielsen mit unverminderter Schärfe, wie sie, eine 
Dirne, in ihrem Kämmerchen vor einem Spiegelscherben steht und 
sich betrachtet. Eben ist sie von ihrem jüngeren Geliebten 
verlassen worden, und nun erkennt sie, daß ihr Leben 
fortan leer verstreichen muß. Sie wird vor dem Spiegel und den 
Augen des Publikums plötzlich alt, noch viel älter, als sie im Film 
tatsächlich sein mag. Wodurch dieser unvermittelte, sichtbare Ueber- 
gang zustande gekommen ist: ob durch die veränderte Stellung der 
Mundwinkel oder durch eine Summe unmerklicher physiognomischer 
Wandlungen, weiß ich bis heute nicht. Genug, er ist ein Wunder 
der Darstellungskunst gewesen, das mir frisch inr Gedächtnis hastet 
und mich manchmal neu Überfälle 
DaS wird jetzt acht Fahre her sein. Inzwischen ist Asta Nielsen 
immer seltener im Film erschienen und seit drei Jahren üLer - 
Haupt nicht mehr aufgetreten. Hat sie aus freien 
Stücken dem Film abgesagt? Sie denkt nicht daran. Was also ist ge 
schehen? 
Man hätte keinen Anlaß, das Schicksal dieser außerordentlichen 
Künstlerin aus seiner, augenblicklichen Verborgenheit hcrvorZuZiehen, 
wenn es nur ein Sonderfall wäre. Aber es ist ein Schicksal, dessen 
Kurve nicht so sehr durch individuelle Eigentümlichkeiten als durch 
allgemeine Verhältnisse bestimmt wird. Eine bedeu 
tende EinzeleristenZ stößt mit der Filmbranche zusammen und wird 
von ihr ausgeschieden. (Auch Paul Wegeuer ist es nicht viel anders 
ergangen.) Da das Filmwesen eine öffentliche Angelegenheit ist, 
hat die Oeffentlichkeit ein Recht darauf, zu erfahren, wie Kämpfe 
mit solchem Abschluß möglich sind, , 
Die Tatsachen sind im einzelnen verwickelt, im großen gesehen ein 
fach. Nach jenem Film: „Absturz" verhänate der Filmverleih über 
Asta Nielsen eine Art von Boykott, der, wenn ick reckt unterrich 
tet bin, eigentlich nicht der Künstlerin selber galt, sondern der In 
dustrie, die erKärt hatte, daß die hohen Leihgebühren der Filme auf 
die hohen SLorgagen Zuxückzusthrkn seien. Es bedürfte einer aus 
führlichen Schilderung, um darzulegen, daß Asta Nielsen nur durch 
cm Mißverständnis in den Verdacht ungebührlicher Geldforderungen 
geriet, die, nebenbei bemerkt, immer noch nicht den Vergleich mit 
den heutigen Sürrbezügen aushielten. So lohnend diese Schilderung 
wäre, die bei manchen Details besonders liebevoll zu verweilen 
hätte — ich muß auf sie im Interesse der grundsätzlichen Anmer 
kungen verzichten —, der Boyrott dauerte ein paar Jahre an, nach 
deren Ablauf wieder verschiedene Filme mit Asta Nielsen inszeniert 
wurden: ,MrneniraaM „KtMstMsünder", „Das gefährliche 
Alter" und „Gehetzte Frauen". Die Zwei letzten Filme waren nun- 
derwerügL Machwerke und brachten nichts ein; woraus die Branche 
wohl den falschen Schluß zog, daß mit der Künstlerin keine Ge 
schäfte zu machen seien. (Wenn man überall nach diesem Rezept 
vorginge, müßten noch manche Darsteller nur darum von der Lein 
wand verschwinden, weil sie einmal das Unglück hatten, im Mittel 
punkt schlechter Filme Zu stehen, die zum Glück ein Mißerfolg 
waren.) Fest steht jedenfalls, daß sich in der Folgezeit der Verleih 
und die Herstellerfirmen — diese aus.bestimmten, gleich zu erörtern 
den Gründen — sprsd gegenüber Frau Nielsen verhielten. Die spär 
lichen Angebote, mit denen man doch noch an siecheranftat, betrafen 
Stücke, die'sie nicht gutheißen konnte, und unwichtige Episoden 
rollen, die ihrer nicht würdig waren. 
Ich Ltzabfichtiae . nicht, mich ins Dickicht der kleineren und 
kleinsten Tatsachen zu verirren. Worum es hier geht, ist einzig 
und allein dies: daß die Filmbranche es fertig gebracht hat, eins 
Darstellerin vom Range Asta Nielsens Leiseite Zu schaffen. Das ist 
nicht ein trauriges EinzelereigniZ, das ist ein Zeichen des all 
gemein-» Niedergangs. 
* 
Jch will mit dem Hinweis auf das Dilemma, in dem sich Hocke 
befindet, keineswegs das große Verdienst schmälern, das sich Döblin 
mit seinem Buch erworben hat. Das Verdienst, von einem ent 
scheidenden Punkt aus in eine Debatte eingegriffen Zu haben, die 
bei uns seit langem unter der Oberfläche schwelt. Es geht in ihr 
um die Ortsbestimmung der deutschen Jntelttgenzschicht. 
Wohin gehört sie, wo ist sie zu Hause oder nicht zu Haufe'? Döblin 
hat zum mindesten ihre fragwürdige Zwischen^ klar fixiert. 
Das ist wichtig genug; denn weder wissen zahllose Intellektuelle 
um ihre soziale Situation Bescheid, noch gelingt es ihnen, sich 
der Verführungen M von verschiedenen Seiten 
her . drohen. Piele verschreib sich blind „der Reaktion, manch- 
bringen bei 'ihrem- UebetgMrg M Arbeiterbewegung das schädliche 
Opfer stichhaltiger Erkenntnisse, und dann sind da noch die Hockes, 
die überhaupt nicht ahnen, WM eigentlich los ist. Fast alle, die sich 
hier-oder dort einreihen, sind Flüchtlinge und müssen das schlechte 
Gewissen in sich ersticken. Indem Döblin sie nicht nur auf den ihnen 
zukommenden Platz stellen, sondern ihnen auch das gute Gewissen 
-zurückgeben will, unternimmt er freilich zu viel; wie die Schwierig 
keiten zeigen, mdie er Hocke verwickelt. Ja, es ist sogar zu be 
fürchten, daß er, der eigenen Absicht zuwider, durch die Art seiner 
. positiven Zielsetzung der von ihm aufgerufenen Intelligenz eine 
Ideologie liefert, die sie dazu befähigt, im Namen des Sozialismus. 
sich nicht um den Sozialismus zu kümmern; daß er unfreiwillig 
mehr die RomaM fördert und nicht so sehr 
dir Selbstbesinnung aktiviert als die Besirmlichkeit weckt. Wie die 
Zage heute ist, scheinen mir s^ wenigstens 
möglich. Um sie von vornherein aus dem Weg zu räumen, muß als 
der wesentliche Gewinn des Döblinschen Buches festgehalten 
werden: daß es endlich unserer Intelligenz den Ort zwischen zwei 
großen Fronten sichtbar macht, an dem sie tatsächlich sich auMlt. 
Was soll sie tun? Hierüber vielleicht Klarheit zu schaffen, bleibt dem 
Dauergespräch Vorbehalten, das nun zu beginnen und an Döblin 
anAuknüpftzn haben wird. 
von allen, guten Geistern verW OefftznLttchke.it ge ¬ 
worden - ist. Kurzum, ich kann mit dem besten Willen.nicht er 
kennen, wie durch die Maßnahmen, die- Döblin vorschlägt, dem 
Sozialismus auf die Beine zu helfen ist. So sehr ich begreife, 
daß er dem Studenten ab rät, sich "einfach und unnachdenklich mn 
den blankradikalem Intellektuellen zu vermischen (die er an einer 
Stelle nicht unzutreffend als „rachsüchtige Bürger" bezeichnet), so 
wenig verstehe ich, daß er den umgeschaffenen Hocke ganz aus der 
Oeffentlichkeit herauslotfeu und vor den fruchtbaren Schwierig 
keiten bewahren möchte, die das problematische Verhältnis zwischen, 
ihm und den Ärbeitercheoretikern Zweifell sich brächte. Hier 
Zieht, sich Döblin entschieden Zu weit Zurück, hier verlangt er den 
Abbruch der realen Dialektik, in- die doch, gerade von ihm. aus 
gesehen, die Intellektuellen eintreten müßten, mn sich an den: ihnen 
zubestimmten Platz aktiv Zu betät^ „neben 
derArbeiterschaft" sein; aber das undialektische DaneLeu 
ist aller Vowussicht nach gar nicht zu realisieren. Jedenfalls besteht 
die Gefahr, daß d^ Hocke viel mehr auf He, 
Vervollkommn^ seiner Privatperson als auf die Verwirklichung 
allgemeiner menschlicher Veränderungen zu achten beginnt. Es 
fehlen ihm ja auch die Handhaben dazm Und während er und 
seine Freunde die Oeffentlichkeit abbauen -- auch diese Gefahr ist 
keineswegs zu unterschätzen—, -dauert sitz ununterbrochen fort rmd 
wird- um so ungehemmter Finsteres ausbrüten. 
Also noch einmal: was soll, was kann Hocke unter den Hm 
gestellteu Bedingungen für den Sozialismus tun? Ich weiß es. 
nicht, klebrig bleibt ihm: den „Sozialismus wieder als ,Utopie 
herzustellen, als reine Kraft, Element in uns...", wie Döblin 
sagt, um dann gleich forizufahren: „feine Verwirklichung oder die 
Annäherung an ihn mit neuen Mitteln zu versuchen." Das genau 
wäre allerdings die vertrackte Aufgabe, die Hocke zu bewältigen 
hätte, aber nicht lösen kann.
        <pb n="29" />
        worden ist. 
S. Kraeauer 
N 
S. Kracaurr. 
stände Zu 
schon seit 
So wichtig es ist, eine Darstellerin dem Film wiederzugswinnen, 
die Zu seinem Aufbau entscheidend beigetragen hat: ich schreibe 
diese Zeilen nicht um ihretwillen allein. Mindestens ebensoviel 
liegt mir 
p- -d 
daran, die Aufmerksamkeit auf die unzulänglichen Zu 
lenken, durch die das Schicksal der großen Künstlerin 
langem bedingt 
-äE.sl... r»V Fi alsh v "unck 
knackn ckor ller 
„Der wahre Jakob" oder „Drei Lage Mittelarrest" auf miß 
geleitete Instinkte spekulieren, in der allerMtersien Sphäre Zu 
Hause sind und in öden ProvinZstädten sich schon deshalb durch 
setzen muffen, weil es dort keine anderen Zerstreuungen gibt - 
die Erfahrung lehrt, daß der Verleih, der im geschäftlichen Inter 
esse von sich aus die Art und die Qualität der Filme bestimmen 
Zu sollen glaubt, damit in Wahrheit gegen sein geschäftliches 
Interesse handelt und aus einem Irrtum in den anderen fällt. 
Viele Schwierigkeiten in der Filmindustrie haben ihren Grund 
einfach in, der Einbildung von Agenten und Kaufleuten, Kunst 
sachverständige und Publikumssorscher Zu sein. Daß sie es nicht 
sind, schändet sie keineswegs; daß sie es dennoch sein wallen, 
beweist ihre kommerzielle Urüüchtigkeit. In Wirklichkeit stehen sie 
vielfach — zahlreiche Filme erhärten diese Lhfe — auf der 
niedersten Stufe des PrMikumsßfchmacks, und schon der Philosoph 
Georg Simmel hat doch die. Tatsache evident gemacht, daß das 
Durchschnittsniveau immer etwas Äer der unteren Grenze liege. 
Man sollte die Philosophen in praktischer Hinsicht nicht so ver 
achten. Es ist immerhin ein kleiner Trost, daß sich die ünkaüf- 
männische Hyöris der Branche- zu rächen beginnt. Sie muß MS 
wieder erleben, daß sie Zu ihren: eigenen Schaden Fehlprognoftu 
stellt, und die Klagen aus der Provinz über die Belieferung mit 
schlechter Firmware mehren sich jetzt. Um ganz von den Protesten 
des prachtvollea Berliner Kinopublikums gegen die 'häufige Be? 
lästigung durch untaugliche Fabrikate Zu schweigen— lärmenden 
Kundgebungen, denen es allerdings nicht Zu gelingen scheint, die 
Branche aus ihrem narkotischen Schlaf zu wecken und zu sich 
selber zu bringen. 
In den Fragen der Qualität — ich muß mich hier serder 
dieses scheußlichen Wortes bedienen — verhalten sich dir eigent 
lichen Her st alle r s i r m e n kaum minder lsienhaft und fan- 
tastisch^ wie der Verleih. Das laßt sich gerade im Falle Asta 
Nielsen exemplarisch belegen. Man stelle sich vor, was diese Schau 
spielerin sich herausnmrml: sie verlangt die Manuskripts zu lesen, 
ehe sie Zu spielen beginnt, und wagt es nicht nur, schlechten Dreh 
büchern kritisch Zu begegnen, sondern lehnt auch die Beteiligung an 
solchen Elaboraten ab. Kurzum, sie. legt ein noch durch Offenheit 
verschlimmertes Betragen an den Tag, dem sie selber die Haupt 
schuld daran beimißt, daß sie in ProduzentenkreiM unbeliebt ist. 
Viele Regisseure, die durch die Willfährigkeit ihres Künstler« 
Völkchens verwohnt find, bezeichnen sie als schwierig, und die Ufa 
l^L es nicht für nötig befunden, sie mit richtigen Aufträge« Zu 
beehren. Ich finde, diese Einstellung der -Producenten und 
ihres Anhangs durchaus unprodnkt.iv ist. Sie brauchen 
meinetwegen nichts von Kunst Zu verstehen, aber sie müßten im« 
stände sein, ihren Nutzwert einzukalkulieren und rein aus Zwecke 
mäßiMLsgründen so verfahren, wie ein fortgeschrittener In 
dustrieller, der wiMchs Künstler mit Aufgaben betraut. Die Tat 
sache, daß die großen Asta Nielsens Zuletzt ein gutes 
Geschäft gewesen find, scheint von der Filmindustrie längst ver 
gessen worden Zu sein. Was sind das für Unternehmer, die lieber 
blindlings ihrer SelbstüberM nachgsben, statt dem Unter 
nehmen die Zu seinem Gedeihen notwendigen ausübenden Künstler 
und Experten zu verpflichten! Wenn das Publikum heute immer 
unlustiger die Kinos besucht, so wird es Zum guten Teil durch 
Produzenten zuruckge scheucht, deren fachmännisches Wissen erstaun 
lich gering ist. 
Vor kurzem hat Asta Nielsen ihre Mitwirkung an einem Ton 
film abgesagt, der nach ihrem alten stummen Film: „Dirnen» 
tragodie" hergestellt werden sollte. Auf diesen aus künstlerischen 
Bedenken erfolgten Entschluß hin sind ihr Zweihundert bis 
dreihundert Briefe Zugegangrn, in denen ihr lauter . Un 
bekannte erklären, daß sie nicht das Recht' habe, sich aus der 
Öffentlichkeit Zurückzuzichen, daß ihr Dasein dem Film gehöre 
usw. Wird die Branche solchen Zuschriften das entnehmen können, 
worauf es ankomE Wird sie endlich, einsehen lernen, daß sie 
wie in diesem Falle, so fortwährend und beinahe prinzipiell wider 
ihre eigenen Interessen verstößt? Ich enthalte mich der Ver 
mutungen und füge nur noch hinzu, daß Asta Nielsen voller Pläne 
steckt. Vor allem hat sie einen Stoff bereit, der nach meiner 
Meinung und der anderer Kenner ein vorzügliches Filmsujet 
abgäbs. und sogar vielleicht neue Tonmontagen .erforderlich 
machte. Es ist an der Zeit, mrt dem bei uns beliebten Verfahren 
Zu brechen, das den Hauptakzent auf die Dialogs legt, und durch 
eine Bevorzugung der stummen Partien für eine größere Jnter« 
Nationalität des Tonfilms Zu sorgen... 
Genemkmustkdrrektor 
vor dem Arbeitsgericht. 
h Berlin, im April. 
Das Arbeitsgericht ist gewöhnlich nicht der Treffpunkt 
der höheren KunstwelL. Dort klagen sonst Gekündigte auf Aus 
zahlung ihres Restgehalts oder einer Abfindung, Angestellte be 
schweren sich über die Zeugnisse oder eine unbillige Eingruppicrung. 
Reisende streiten sich mit ihren Firmen wegen der Spesen und 
Provisionen herum. Ein sehr prosaischer Ort, an dem in der Regel 
nicht die Künstlerehre in Frage steht, sondern ein Sammelsurium 
von Kleinigkeiten, die allerdings für viele Menschen Existenznot 
wendigkeiten bedeute»!. Wenn irgendwo, so werden an diesem Ort 
die Dessous unseres Wirtschaftslebens enthüllt. 
In das Einerlei der Bagatellen, das dem mechanisierten Ar 
beitsprozeß entspricht, fährt Klemperers Klage gegen 
den preußischen Fiskus wie ein Komet herein. Die letzte 
Verhandlung in dieser außergewöhnlichen Angelegenheit war denn 
auch beinahe eine Sondervorstellung zu nennen. Schon das Publi 
kum 'glich dem bei Premieren: eine Unzahl von Journalisten; 
kunstbegeisterte Damen; fachmännisch interessierte Herren mit 
Musikerköpfen. Kurzum, das Tribunal wurde Zur Szene, die man 
nach den neuesten TheaterprinZipien fortwährend ummontierte. 
Bank auf Bank mußte in den zuerst vorgesehenen kleinen Sitzungs 
saal geschleppt werden, um ine SitzLsdürfnisse der immer starker 
Zuströmenden Öffentlichkeit zu befriedigen. Dann zog die ganze 
Versammlung mit allen Requisiten in einen größeren Saal um, 
in dem bei offenem Vorhang auch noch manche Verwandlungen 
stattfanden. 
Held der Szene war unbestritten Generalmusikdirektor Klem- 
perer selbst. Das heißt, er ist nicht eigentlich ein schlichter „Gene 
ralmusikdirektor", sondern „amtierender Generalmusik 
direktor in vollem Umfang". Um die praktische Aus 
wertung dieser gewaltigen Titulatur geht bekanntlich sein Streit 
mit dem Fiskus. Wird sie ihm bei seiner etwaigen „TranZferie« 
rung" zur Lindenoper eine übergeordnete Position eintragen, odep 
ist sie doch zu ohnmächtig, um ihn vor der bloßen Koordinierung 
zu retten? Das eben ist die Frage. 
Die jüngste, zur Klärung dieses Problems angesetzte Verhand 
lung war ein Schauspiel, das von fern an den „Lasso" erinnerte. 
Wenigstens trat der als Partei vernommene Generalintendant 
Tietjen, dem klagenden Künstler wie ein neuer Antonio gegen 
über. Er interpretierte mit der Diskretion des Weltmannes und 
der Behutsamkeit des hohen Beamten Punkt für Punkt des mit 
Klemperer geschlossenen Vertrags und Nachtragsvertrags; klärte 
auf, was „OperndirekLor" und was „in vollem Umfangt zu be 
deuten habe; verwunderte sich gemäßigt darüber, daß die Gegen 
partei nach längerer freundschaftlicher Zusammenarbeit so plötzlich 
den Rechtsstandpunkt eingenommen, habe; erkannte die besondere 
AMLMM KleMe zur Leitung eines sozialen KunstM 
wie der Krolloper freimütig an. Hierin traf er sich mitMimsterial- 
rat Pros, Ksstenberg, der zu Beginn der Beweisaufnahme 
die musikalische Persönlichkeit des Generalmusikdirektors pries, 
aber genau so wie Herr Tretjen bestritt, daß der problematischen 
Titulatur eine rnagische Kraft innewohne. Das Wort „amtierend" 
ist nach ihm keineswegs eine Zauberformel, sondern nur eins 
technische Einschaltung zum Zwecke der finanziellen Gleichberech 
tigung Klemperers mit Gensmlmufldikrektor Kleiber, der sich zu 
dem in seinem Vertrag ausbedungen hat, -daß ihm kein anderer 
Generalmusikdirektor übergeordnet werden darf. Noch läuft dieser 
Vertrag, und da es einstweilen Generälfeldmarschälle der Musik 
nicht gibt, ist die Entscheidung sehr schwierig. 
In das Dickicht der Verträge und NachtragZvertrage brach 
Klemperer mit einem Temperament ein, das in vollem Umfang 
amtierte und vow Gerichtsvorsttzenden, der nicht tue Machtvollkom 
menheiten des Fürsten im „Lasso" besitzt, mitunter zart eingeschränkt 
werden mußte. Eine Demonstration, die in Augenblicken ästheti 
scher VerlorenheiL geradezu musikalisch wirkte: diese Folge pracht 
voller Dissonanzen zwischen der Direktheit des selbstvewM 
Künstlers und dem mehr mittelbaren Wesen der beamteten Herren. 
Womit nicht gesagt sein soll, daß Klemperer der vertrackten Ein 
richtungen unserer Welt unkundig sei und nicht auch viMeM seine 
kleine Freude daran habe, Entladungen der Leidenschaft fornM- 
recht zu Ziselieren. Zwar, er braust auf. „Durch die Art der mir 
Zuteil gewordenen Behandlung ist in mir jeder Funke von Vertrauen 
zum preußischen Fiskus erloschen", führt aber doch etwas später 
einen Mozartbrief an, gedenkt beiläufig des baldigen Antritts 
seiner Amerikareise und erwägt eine Sekunde lang auf charmante 
Weise und beinahe verspielt einen von: geplagten Vorsitzenden ge 
schickt eingfädelten ersten Verg^ um ihn hinterher 
sofort emphatisch zu verwerfen. Immer ist er der Künstler, der sein 
Recht in einer ihm fremden Umgebung erkämpfen möchte; immer 
auch der Kämpfer, der sich als Künstler gibt. 
Es war ein großer Lag fürs Arbeitsgericht. Ein Gastspiel, 
das sogar vielleicht besser ins alte Gebäude auf der Prinz Albrecht 
straße mit seinen theatralischen TreppE gepaßt hätte 
als in das seit kurzem bezogene Kriegsministerium, dessen Inneres, 
nebenbei bemerkt, nett und anspruchslos hergerichtet worden ist.
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        sich auch dem nur lexikalisch geschulten Betrachter auf — sind die 
Meisten Kartenspiele Mikrokosmen. Eine Welt wird in ihnen 
auf kleinstem Formst zusammengedrängt. Sie dienen den Göt 
tern und Mschichtsherosn zum Stelldichein oder beherbergen Sze 
nerien aus dem prostmen Leben des Balls, das sich unter Eicheln 
lustig ergeht. Später wecken sie zum Sammelort allegorischer 
Aanderfiguren, inventarisieren Redensarten, wie: „Mein Prozes 
hat einen guten Fortgang", oder: „Der Schein betrigt", oder: 
„Ein Narr macht Welle*, und bemühen sich noch in der Mitte 
des 19. Jahrhunderts um vollständig« Ueberblick« über das Jagd 
leben, die fünf Weltteile und die italienischen und napoleonischen 
Kriegs. Von jeher sind beim Kartenspiel die Elemente der jeweils 
gültigen West auf gut Glück durcheinandergemischt worden, und 
vielleicht ist es überhaupt die entscheidend« Funktion des Spiels, 
das Gesetz dieser unserer Welt immer wieder autzuheben und sich 
einem sickeren unbekqnnten anzuvertrauen. Ursprünglich mögen 
Glück nick Prophetie zusammengegangen sein. 
Ich bemerke schließlich noch, daß im Konversationslexikon ver 
schiedene Grundwerke über das Kartenspiel angeführt sind. 
Von he» Spielkarten zu den alten Landkarten ist zum 
mindesten räumlich nicht weit. Sie sind im Warenhaus 
Wertheim ausgestellt — «ine schöne Schau, hie im 16. Jahr 
hundert auhebt und bis zum 18. reicht. „Das 18. Jahrhundert", 
so heißt es lapidar i» meiner Quelle, einem reizend gedruckten 
Weilchen: ,,Alt« Karten*, das Wertheim als Leitfaden für 
Sammler und Liebhaber herausgeüracht hat, „wird von andere» 
Gedanken beherrscht als dem Geist der Entdecker und Kolonisa 
toren. Die künstlerisch« Qualität verschwindet. Einige Ansätze 
zeigen matte und wertlose Kopien früherer Arbeiten. Auch an 
eMem Wissen verwischt sich manches." 
Kurzum, der Leitfaden für Sammler und Liebhaber scheint vom 
18. Jahrhundert nichts wissen zu wollen, und so folg« ich ihm 
einfach und lass« mich zurückleiten zu der Weltkarte des Fernando 
Verteilt aus dem Jahre 156S, zu de Jode, Mercatar, Jansson 
und Blaeu. Ihr« kosmographischen Studien sind prachtvolle Kunst- 
Alle Spiel- und FandkarLen. 
Zwei Ausstellungen. 
Air Berlin, im April. 
W« erste sicher LeMMgie Erwähnung der Spielkarten in 
Deutschland stammt, wie ich dem Konversationslexikon entnehme, 
aus dem 14. Jahrhundert. Das Konversationslexikon ist ein unge- 
«ri« nützlicher Werk. Es unterrichtet uns Wer Gegenstände, von 
denen, wir nichts zu wissen brauchen, und ermöglicht uns, so Zu 
tun, als ob wir doch etwas Wer sie wüßten. Vomusgosetzt, daß 
wir klug, genug sind, die Quelle unserer plötzlichen Kenntnisse zu 
verschweigen. . 
Ich bin es nicht, und räume daher außer dem verstohlenen 
Gebrauch des öffentlichen Lexikons bereitwillig «in, daß ich als Dilet 
tant die Ausstellung alter Spielkarten besucht habe, 
die zur Zeit in der Berliner Kunstgewerbest^ 
thek gezeigt wird. Der Dilettant hat den Fachmännern gegenüber 
eine, große Unbefangenheit voraus Verfügt man nur Wer sie allein, 
so kann man natürlich nicht viele Aussagen machen. Immerhin 
glaube ich mich zu der Feststellung berechtigt, daß dies« Spislkarten- 
Kollektion, die mit Proben aus der Früh,zeit beginnt, herrliche Bei 
spiele alter Kunstübung enthält. Um nicht als gar Zu »«historisch 
zu gelten, trage ich hier nach, daß mein Konversationslexikon zu 
der Ansicht neigt, die Kartenspiels seien bei uns wahrscheinlich von 
den Sarazenen eingeführt worden. Eins Hypothese, auf die ich mich 
fest verlasse, da die anders Behauptung des Lexikons, daß die ersten 
Karten gemalt worden seien, durch die Ausstellung selber bestätigt 
wird. In der Tat, ein österreichisches Kartenspiel aus dein Jahre 
1510 ist auf Pergament handgemalt und muß ein kostbares Besitz 
tum gewesen sein. Holz- und Kupferstiche beherrschen in der Folge 
zeit den engen Kartenraum. Unter den Künstlern, die ihn mit 
Kompositionen füllen, taucht auch ein Unbekannter auf, der einfach: 
„Meister der Spielkarten* genannt wird und mit einer wunder 
vollen Reihergrupps vertreten ist, die m Dürers Gräserstudien auf 
'und ab stolzieren könnte. Meister der Spielkarten: niemand weiß, 
roas dereinst von ihm übrig bleibt und worauf sich sein Nachruhm 
gründen chag/Auch die Gräfin v. Zennison-Valofol hat gewiß 
nicht geahnt, daß man noch nach weit über hundert' Jahren ihre 
Kunstfertigkeit anerkennen wird, Sie hat uns einen von Cotta her- 
ausgegebsnen Kartenalmanach hinterlassen, der mit Figuren im 
Zeitgeschmack ausgestattet ist und die kahlen Kartenzeichen auf 
sinnige Weise konkretisiert. So findet sich auf der Treffsechseckrte 
ein Arrangement auZ sechs kleinen Nsgerlein. Dergleichen ist um 
1800 üblich gewesen, und wie Schippe sich in «ins Mönchskutte 
verwandelt, so Eckstein in ein Diwanklssen und Coeur ins Gesäß 
eines seine Notdurft verrichtenden Kindes. Der Witz dieser Kom 
positionen hat darin bestanden, die Figuren so anznocknrn, daß 
die Zeichen ungezwungen den richtigen Platz auf der Kartensläche 
sinnchmsn. 
Kis in die bürgerliche Aera hinein — diese Beobachtung drängt 
Mtter, deren Länder und Kontinente noch kaum an Geographie 
erinnern, sondern eher an Wiedergaben einer nur geahnten bizarren 
Welt. Aus ihren vier Ecken blasen die Winde, ihren Meeresfloren 
entsteigen Walrosse, und an ihren Modern kämpfen Bogenschützen 
mit Löwen. Es ist nicht recht scheuer an diesem durch viele Karten 
vergegenwärtigten Zwischenakt, an dem himmlische und irdische 
TopogWphts miteinander verschmelzen. 
Die Entdeckung Amerikas und der anderen fremden 
Landstriche hat den Eifer der Kartenkünstler beflügelt. Sie tragen 
neue Konturen ins Gradnetz ein und gleichen unseren sozialistischen 
Utopisten, dis das Bild der kommende» klassenlosen Gesellschaft 
vorauskonstrüieren wollen, auch darin, daß sie Irrtümer begchen, 
die dem rückwärts gewandten Blick als rührend erscheinen. Gin 
. großer Südkontinent kann sich lange behaupten; Japan muß dicht 
an Mexiko rücken; Kalifornien wird durch ein Paar Federstrichs 
vom amerikanischen Festland getrennt und gilt noch ewig als 
Insel. Irrtümer, die in einer Zeit gang und gäbe sind, in der 
schon New Aork auf den Karten auftaucht. Aber was für ein 
New Dort! Ein Märchsndorf aus der Kinderstube mit einer Wind-" 
Mühle, einer Kirche, einer Stadthertzergs und lauter Puppenhäus- 
chen, deren Dächer zinnoberrot angepinselt sind. Wenn einmal eine 
Ausstellung moderner Landkarten Veranstalter werden sollte, wird 
der dazugehörige Leldfoden für Sammler und Liebhaber dieses 
Spielzeugörtchen sicher nur zu dem Zweck erwähnen, um die Fort 
schritts unserer Zivilisation desto nachdrücklicher zu rühmen. 
Wie «in bewußter Abschied von E»n Darstellungen der alten 
Kartographen, die in einem anderen Raum als dem WsnM tzrr 
Hause gewesen sind, mutet eine Karte aus dem Jahre 1779 an; 
die „Charte von dem Quelle der Wünsche und den Ländern, welche 
dessen Ströme durchstießen, zum Besten derer entworfen, welche 
Wünsche zum Neuen Jahre bedürfen. Sie ist in dem Weü: „Der 
Quell der Wünsche" enthalten, das die Breitkopfische Buchhand 
lung in Leipzig heraurgegsbsn hat, und verzeichnet bis auf den 
Kilometer genau die Lage aller jener Landschaften, Städte und 
Weiler, nach denen dis Menschen sich sehnen. Da ist das große 
Land der Ehre, in dem sich der Wald des Verdienstes und die 
Orts Tittelkauf und Stolzsnhausen befinden; da ist das Land der 
Ruhe, das dem Fremdenverkehr lockend- Ziele wie Gleichmuts 
und Friedenthal bietet; da fehlt zuletzt nicht das glückliche Länd- 
chsn, ein kleiner Binnenstaat, der Freudenfest, auch Wonnestadt 
birgt. Ich Habs die Wunfchkarts nach der Lange und Breite durch, 
messen, ohne auf eine Gegend gestoßen zu sein,in der ich mich dauernd 
ansiedeln möchte, Sie ist allerdings 10 Iah« vor dem Ausöruch 
der französischen Revolution erschiene», die neue Karten und 
Wünsche erforderlich geumchr hat. 
Es wird, auch so bald mit ihnen Wn Ende nehmen.
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        reaktionäre Tendenzen verfolgen — sind mit den parasitären Er« 
Meinungen des Schrifttums zugleich die .Gehalte angegriffen, die 
Tretjakow in seiner Ahnungslosigkeit als Fetische bezeichnet? Er 
streift sie noch nicht einmal und scheint den Individualismus, die 
Eingebungskm oder die mit der Spräche gefetztem Bedeutungen 
nur in der Karikatur kennengelernM 
so er. Fetischist einer Weltbetrachtung, die vielleicht für ' die,'Ver- 
wirklichung des russischen Fünfjahresplanes von Nutzen" ist, aber 
an den Stand des europäischen Bewußtseins heranreicht und 
E Marxismus kaum noch etwas zu tun hat. Ich meine, daß man 
Marx, der ja schließlich auch aus der französischen und englischen 
Aufklärung stammt, in Schutz nehmen soktL vor einer Nachfolge, 
die den dialektischen Materialismus nicht Weniger entstellt wie die 
gegnerischen Positionen. Daß Tretjakow der Dialektik entsprungen 
und im stursten Dogmatismus befangen ist, wird mittelbar durch 
die und ia l ek Lisch e H a m is Kk ei t bewiesen, mit der er seine 
Plattnüden nicht etwa wider den Individualismus, sondern Wider 
dessen Zerrbild aussM v - 
In Sowjetrußland ist TreLjakow vermuMch schon W M 
. Produkt des Prozesses, in dessen Verlauf die alten Schriftsteller 
M neuen MgedrillL Werdern Sein Bericht über die hierbei ange 
wandten Methoden enthält wichtige Informationen. Als Vor 
schule der Schriftsteller gelten die Z e i t u n gen in ihrer russischen 
Form. Die Mitarbeit an ihnen treibt nach Tretjakow den LiterEn 
ihren Dünkel aus; zwingt sie zur Anonymität; lehrt sie, bestimmte 
Aufträge Zu erfüllen und planmäßig zu arbeiten; gewöhnt sie ans 
Kollektiv; entreißt sie der Kontemplation und führt sie der Praxis 
zu. Mehr noch im Sinne des sozialistischen Aufbaus ist das seit 
1927/28 geübte Verfahren, das darin besteht, die Schriftsteller in 
die Betriebe und Dorf kollektive zu schicken. Dort sollen 
sie Arbeiter und Bauern werden und zunächst einmal beschreiben, 
was sie sehen. Beschränkten sie sich aber auf unverLüMiche S 
derungen, so trügen sie „nur" die Veranwortung für ihren Stil. 
Sie müssen also über das Beschreiben hinaus gelangen, d. h. die 
Lage kritisieren, Vorschläge machen und sich voll Einsetzen für ihre 
Figuren. Dann erst schließt sich, immer Tretjakow Zufolge, der 
Riß Mischen Kunst und Leben. 
Der Proletarisierung der Literaten entspricht die Li^ 
der Proletarier. Aus der Bewegung der Arbeiter« und 
B a u e r n k o r r e s P o nde n t § n gehen immer mehr Menschen 
Hervor, die, bei der Drehbank bleiben und zugleich schriftstellerisch 
tätig sind. Sie schreiben Bücher über das Wachstum der Betriebe 
und den UM entweder allein oder zusammen mit dsn 
Genossen. Die Broschüren dieser literarischen „Stoßbrigaden" 
ihrer viele sind schon veröffentlicht worden — können als In 
struktionsbücher aufgefaßt werden. Ihre Themen lauten etwa: 
„Wie ein Faulpelz unter dem Einfluß seiner Genossen veränderL 
wurde", oder: „Wie man Arbeiter Zum sozialistischen M 
wirbt". Verschiedene Autoren haben für .derartige Schriften den 
Lenin-Orden erhalten. Vielleicht kommt eine Zeit, erklärt TreLjakow, 
in her sich Leute, die des SchMMe^ so 
schämen muffen wie einer, der mit ungsputzLen ZähnM heruE 
Mir scheint, daß diese m Rußland mfternomm Experimente 
unsere Anteilnahme verdienen. Zuzustimmen ist. Tretjakow darin, 
daß nichts unangebrachter ist. als der HochrM^ mit dem sich viele 
sogenannten freien Schriftsteller über das JE sr-- 
heben, obwohl sie in den meisten Fällen weit besser gefahren wären^ 
wenn sie sich einmal in einem ZeitungSbetrieb zu disziplinieren ge^ 
lernt hätten. Ich glaube übsrhaupL, Paß keinem Literaten eine 
praktische Tätigkeit schaden kann. Im Gegenteil, sie wird ihm nur 
nützen, und wenn sie- ihn von der Schriftstellerei.abbringt, so ist 
das vermutlich nicht zu beklagen. Mit solchen Einsichten verbindet 
aber TreLjakow llen folgenschwer ihn schon Zu 
seinen M Anwürfen wider den angeblichen „alten" Typus 
HD Schriftstellers genötigt hat: den Irrtum, einen Menschen, der 
gewisse Erfahrungen halbwegs richtig niederzuschreiben versteht, 
berMs für einen Schriftsteller Zu halten. Er ist es nicht; was 
Wrads durch ein von Tretjakow vorgelssenes Stück aus einer Stoß- 
brigadenÄroschüre bündig belegt wird. In ihr fixiert ein Arbeiter 
Autor — vielleicht sind es auch mehrere — gewisse im Betrieb 
empfangene Eindrücke Zu propagandistischen Zwecken. Eins An« 
itrengung, bis mit schriftstellerischer Arbeit nicht mehr Zu schaffen 
hat als irgendein kunstlose? Briefbericht. Aber etwas anderes geht, 
nebenbei bemerkt, aus der Lextprobe unzweideutig hervor: daß die 
systematische Aufzucht von „Schriftstellern", wie sie gegenwärtig 
W Rußland HM wird — das heißt, die Förderung von 
LMtm, die Hre Muttersprache normal handhaben und diese Fertig« 
keit im JnLereW des E Kurses anwenden --- eine 
G e s i n n ü n g s st r e b e r e i ohnegleichen erzeugen kann. Holitscher 
hat das bereits in der Diskussion angedeutet, und ich muß gestehen, 
baß die brave Beflissenheft Zum Vortrag gebrachten Publikation 
M Erinnerung an gewisse Feldpostbriefe und fatale Frontschilde 
rungen unserer Kriegsberichterstatter frisch heraufbeschwört. Der 
eigentliche Schriftsteller, den Tretjakow attackieren möchte und gar 
nicht antrifft, ist von den Herstellern derartiger Bekundungen jeden« 
falls Lief unterschieden. Richtschnur ist ihm allein die fortgeschrit« 
LenW Erkenntnis, die sich im Glauben eines Kollektivs nieder 
Wagen kann, a^ nicht muß. Und er kampft für sie mit der 
SpeMlwM nicht jedermanns Sache 
ist, sondern eben die seine. 
Welche Erwartungen von der „Internationalen TrVüne" an 
den BorLrag Tretjaksws geknüpft worden sind, weiß ich nicht. 
Sollte sie prapagandistische »sichten mit ihm verbunden haben, so 
sind sie ihr gründlich fehlgeschlagen. Denn der ganze Vortrag zeigt 
«r das ei^ Entwicklung heute in Ruß ¬ 
land ist/- 
InjlrMimsstmlde inMewtw- 
Zu einem Vortrag des Russen LreLjakow. 
Von-S» Kraemrer.. ' 
Der russische "Schriftsteller S. M. T r e^ju k o w, dessen wirk« 
famcs Tendenzstück: „Brülle China" über Mehrere deutsche Bühnen 
gelaufen ist, hat vor einigen Tagen im Rahmen einer Veranstaltung 
der Berliner „Internat i o n alen Lriöü n e" seine Ge-- 
sanken über „den neuen Typus des Schriftstellers" 
zum besten gegeben. Es handelt sich nicht um seine persönlichen 
Gedanken allem, sondern um die Auffassung einer radikalen 
russischen Literaturgruppe vom Wesen der Schriftstellern. 
Tretjakow ist ein geübter Sprecher, der sich auf Deutsch gut 
ausdrücken kann und nicht einen der Effekte anZuöringen vergißt, 
mit denen man sich die Massen Zu Willen macht. Seine äußere Er 
scheinung unterstützt nach die geistige Haltung, die er dem Publikum 
simeden möchte. Ein FunktionärsLypus mit einem Schädel von 
harten Konturen, auf dem wie aus Protest gegen Veraltete Formen 
der Schriftstellern sämtliche Dichterlöckchen liquidiert worden sind. 
Wenn er eine Uniform trüge, erinnerte er an einen Literatur 
Brigadeunteroffizier. 
Genährt wird diese Vorstellung durch dir Borniertheit, mit der 
er den Berufsschriftsteller oder doch das behandelt, was man in 
Rußland offenbar Zur Zeit unter (nichtkommumstiW Beruft- 
schriftstellern Zu verstehen beliebt. Er hält ihresgleichen für eine 
Art von Zivilbagags, die er ob ihres unmiliM Benehmens 
anhaucht wie einen Haufen akademischer Rekruten auf'dem 
Kasernenhof. Das gehört Zur verschollenen Klaffe der Händler oder 
Kleingewerhetreiöeuden; das hat sich Ruhm und Einkommen auf 
Grund von Vorurteilen erworben, die ebensoviele Fetische sind. Ein 
Fetisch ist Zum Beispiel die Individualität, auf die sämtliche 
Schriftsteller pochen; ein Fetisch ihr vermeintlich singulärss Talent; 
ein Fetisch die unkontrollierbars Inspiration, die ihnen wie ein 
geheimer Wunderquell reglemenAwidrig sprudelt, Weg mit den 
Fetischen, kommandiert Unteroffizier Tretjakow, und verspottet 
Goethe, weil er seinem Gretchen kein empfängnisE 
Mittel gönnte, und Puschkin, weil er erklärt hat, daß die Poesie 
manchmal ein wenig dumm sein wolle. 
Es lohnt sich nicht, solche Behauptungen ernsthaft zu entkräften. 
Auch wenn man zuzugestehen bereit ist, daß sie auf manche Pseudo« 
schriftsteller Zutreffen, die von Inspiration reden, ohne eine Zu 
Wen, ihre nicht vorhandene Person eine Persönlichkeit nennen, 
und unter dem Deckmantel des Idealismus Geschäfts treiben und
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        L-1 
51^ 
Leider wird in beiden Filmen die Aufklärung nicht bis zu Ende 
getrieben. Wo die Gefahren der Geschlechtsliebe vor Augen geführt 
werden sollen, ist ein Hinweis auf die empfanMisverhindemden 
Mittel unerläßlich. 
Aufgeklärt im inerteren Sinn soll such im Film: „Vor 
untersuchung" werden, dem Älsbergs bekanntes Theater 
stück Zugrunde liegt. Die Verfilmung, -die das Kriminalistische stark 
hervorkehrt, arbeitet die Fragwürdigkeit der in der üblichen Vor 
untersuchung gewonnenen Ergebnisse gut heraus. Der junge Re 
gisseur Siodmak zeigt seine Begabung in den Details, ohne 
von der Schablone der Ufa-Spielfilme allzusehr abZuweichep. Die 
Dialoge überwiegen, die Situationen werden optisch nicht genug 
ausgekofiet. Dennoch: eine anständige Mache, die M fesseln vermag. 
Nasser wann, dem neuerdings das Gerichtsfach auvertraut 
worden Zu sein scheint, spielt seinen achtbaren unpsychologischen 
Landgerichtsrat mit wundervoller psychologischer AkkumtLffe. 
EMINENZ und Oskar Simag glänzen in kleineren Rollen- 
Kuüstgewerbe mit Songs- 
Der anfänglich verbotene Granowsky- Film „D asLied 
vorn Leben" ist nach geringfügigen Aenderungen sreigegeben 
und nunmehr sogar von der Bildstelle des ZentralinstiLuis für 
Erziehung und Unterricht unter Vorsitz Dr. Völgers als künstlerisch 
wertvoll anerkannt worden. War die Unterdrückung des Films 
vielleicht eine überflüssige Härte, so ist das. ihm erteilte Leumunds 
zeugnis bestimmt ein Irrtum. Denn mit Kunst hat dieses präten 
tiöse Sammelsurium von Bildern und Liedern nicht das geringste 
zu tun. Eine junge Braut entflieht dem Verloöungseflen, will sich 
ertränken und wird von einem ebenso jungen Schifsskonstrukteur 
in MaLrosenkostüm gerettet. Das ist der einigermaßen klare Be 
ginn des Films, der sich danach zu lauter Szenen verwirrt, die in 
ihrer Gesamtheit offenbar ein Hymnus aufs Leben sein wollen. 
Sie Zeigen die Seligkeit des Paares, eine Umständlich vorgesührre 
Kaiserschnitt-Operation, Träume, sm neugeborenes Kmd und 
immer wieder das Meer, dem anscheinend symbolische Bedeutung 
zukommt. Ein konfuses Durcheinander; die Ausgeburt eines miß 
leiteten Talents, das um jeden Preis originell sein uwchte. Worin 
aber besteht die Originalität Äränowsky^ Daß er Bilder stellt, 
die an „Wege zu Kraft und Schönheit" erinnern; russische Montage- 
mModen kunstgewerblich ausnutzt; den durch Spiegel leicht zu 
erzielenden Effekt, bestimmte Gegenstände Mehrfach auf die Lein 
wand zu bringen, mememfort sinnlos wiederholt. Tritt der Zu 
schauer hinterher auf die Straße, so ficht er unwillkürlich den 
Nollendorsplatz doppelt. Dazwischen find bei jeder unpassenden Ge 
legenheit Songs von Mehring emgestreut, der:n Plattheit kaum 
noch zu überbieten ist. Schlechte Nachfolge der Dreigroschenoper; 
dre Kompositionen stammen von Friedrich Holländer und Adams. 
Das süffige Schlutzlied vow Baby hat es dem Publikum ungetan. 
S. Krakauer, 
Berün, im April. 
Filmzens u r. 
Die Filmprüfstelle hat sich in der letzten Zeit wieder 
unliebsam bemerkbar gemacht. Kurz hintereinander find Zwei 
Verbote von ihr erlassen worden, die dieses Mal, gewissermaßen 
zum paritätischen Ausgleich, unpolitische Filme betreffen. 
Das eine möchte die Louis Perneml-KomödiL: „Die Cousine aus 
Warschau" ausmerzen, die nach der Auffassung der Kammer ent 
sittlichend wirken soll. Wogegen auch ohne Kenntnis des Films em- 
gewandt werden muß: daß seine franzosiische Fassung den Blatter 
meldungen Zufolge seit einiger Zeit in Warschau läuft; daß die 
Allianz-Filmgesellschaft, Trübes ahnend, die Deutlichkeiten des 
Theaterstücks von vornherein verwischt hat; daß dieses selber mit 
der Orska in dar Hauptrolle niemals beanstandet worden ist. Nach 
Let entsittlichenden Cousine ist der Detektivsilm der Ufa: „O Zug 13 
hat Verspätung" an die Reihe gekommen. Er gefährdet angeblich die 
öffentliche Sicherheit und Ordnung, da er irgendjemanden dazu 
bewegen könnte, ein Attentat aus das Staatsoberhaupt Zu begehen. 
Solche Verbote erwecken den Eindruck blanker WMür. Wo liegt 
die Grenze, bis Zu der ein Film Zulässig ist? Im Joe Mop-Film: 
Und das ist die Hauptsache" etwa, der die Sittenkontrolle 
glücklich passiert hat, finden sich einige Szenen, hie das verfeinerte 
Empfinden unserer behördlichen" Tugendbolde eigentlich gewaltig 
hätten aufreizen müssen. Ich erwähne das nicht, um einen aufs 
Geratewohl herausgegriffenen Film nachträglich zu verklatschen, 
sondern um die Launenhaftigkeit der neuesten Zensurbescheide zu 
kennzeichnen. Auch erinnere ich mich mancher Unterweltsreißer und 
Fridericus Rex-FaLrikate, die leicht der Gefährdung unserer öffent 
lichen Sicherheit hätten verdächtigt werden können, und doch unge 
hindert erschienen 'sind. Wenn aber die Grenzen so fließend sind, 
wäre die Filmprüfstelle bei ihren Entscheidungen Zu doppelter Vor 
sicht verpflichtet gewesen. Sie hat es an ihr fehlen lassen und damit 
ihre eigene Autorität untergraben, ohne die öffentliche Sicherheit 
Zu retten. Statt nur in den äußersten Fällen einzuschreiten, nimmt 
sie sich faktisch das Recht heraus, ein reifes Volk Zu bevormunde. 
'Ein Verhalten, das um so peinlicher wirkt, je isolierter es austritt, 
je weniger ihm andere staatliche Maßnahmen entsprechen. Solange 
der entsittlichenden Wohnungsnot schwer abzuhelfen ist, solange die 
Arbeitslosigkeit weiter herrscht, die unsere öffentliche Ordnung 
mehr als irgendein Film gefährdet, erscheint die Häufung der Zen 
surdiktate als ein UeL ergriff ohne Vollmacht; um ganz von dem 
subalternen Geist zu schweigen, dem die Verbote entwachsen. Ihre 
praktische Folge ist eine V e r ä n g st i g u n g der Filmindu - 
stri e, der durch das Wüten der Filmprüfer jede Lust Zu Wagnissen 
genommen wird. Ob- man sich noch an die Verfilmung von Döblins: 
„Alexanderplatz" herantraut, ist mehr als fraglich geworden. (In 
zwischen wird bekannt, daß die von dem Verbot des Films „Die 
Cousine aus Warschau" betroffene „Alliance-Film-Ge- 
sell s ch a f t" tatsächlich ihre gesamte weitere Produktion von dem 
Urteil abhängig macht, das am Dienstag von doc Oberprüfstelle 
gefallt werden wiÄ. Sollte dre „Cousine aus Warschau" auch rn 
zweiter Instanz verboten werden, so will -die „Miance", die u. a. 
den „Alexanderplatz" verfilmen wollte, in Zukunft auf die Her- 
stellmrg von künstlerischen Filmen verzichten und nur noch 
G ch wank- F i l m"e drehen. Die Red.) 
Aufklärung. . 
Zwei sexuelle Aufklärungsfilme sind immerhin durchgelaMn 
worden. Der interessantere von ihnen ist der Ru t Lma n n-Mlm: 
„Feind i m Blu L", der im Verein mit der Deutschen Gesell 
schaft Zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gedreht worden 
ist. Eine „Lonsymphonie", die drei Einzelfälle geschlechtlicher 
Ansteckung mit statistischen Daten und Belehrungen über die ver 
schiedenen venerischen Krankheiten und ihre Heilungen geschickt 
kombiniert. Das große Talent Walter Ruttmanns bewährt sich 
in diesem Film, in dem es einen bestimmten Stoff in bestimmter 
Richtung entwickeln muß, viel besser und gelöster als in dem Film: 
„Berlin". Die Handlungsfragmente sind ausgezeichnet überschnitten 
und emmontiert; die Beziehung Zwischen diesen Abschnitten und 
den der allgemeinen Aufklärung gewidmeten ist auf echt filmische 
Weise hergesteLL worden: die Spreche wird nur dort angewandt, 
wo sie wirklich nötig ist. Der einzige Einwand, der aber keiner 
ist: daß der Ulm gerade wegen seiner fortgeschrittenen Lösungen 
zu hohe Anforderungen sn ein breiteres Publikum stellt. —Der 
andere Film: „Gefahren der Liebe" verknüpft eine durch 
gehende, reichlich komplizierte Spielhandlung mit Instruktionen 
- und Krankenvisiten, die ihren Vorsatz: abzuschreckrn, beinahe Zu 
ausgedehnt verwirklichen. Manch einer wird rmtunter die Augen 
geschloffen haben. Die DemonstraLionen schaden sicher mcht^. gber 
sie nutzen auch wenig. Eigentlicher Held der Handlung, der außer 
einem syphilitischen Trunkenbold auch der kriminalistische Einschlag 
nicht fehlt, ist Albert Bassermanns prachtvoller StrafveriM 
Toni van Eyk ist eine Dulderin von bewußter Einfachheit. —
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        erklären Lieb AroKe Bueber/oiAe? 
Wie 
A 
^-^-3 
Die Werks von Krank TbisK (samtliob bei 
ä. Dngelborns blaobkolger orsebisnsn) sind, besonders 
in ^orääeutsoblanä beliebt, Herden aber au ob in 
grollen Teilen von süddeutsebland gesobät^t. seinen 
breiten Drkolg begründet bat äor Roman: „Dis Vsr- 
dammten" aus dem äabrs 1921 (21.—25. Tausend). 
Din anderer Roman: „Das Tor äsr Welt" bat es in 
einem Zeitraum von vier äabren auks 3s. Tausend 
gebraobt. Drstaunliebsr ist äis ^uklagenbobe äes. 
Dssavbanäes: „Das Oesiobt des äabrbunderts", äer 
bereits im 11.—15. Tausend vorliegt. Wo ist äer 
^utor, äessen ^.bbanälungen in äiessr allgemeinen 
Ounst stünden? Vom rhsiten Dssa^band: „Drriebung 
rur Dreibeit" (1929) sinä glsieb 10 000 Dxemplare 
gedruokt Horden. 
Mob äer scbätrung eines von mir bekrAAtsn Ver 
legers sinä äie Konsumenten äer Vüober von TbieL 
unter äer inteUigenten bürgerlieben äugend ru Sueben, 
Lu äer dann noob äer gute Durobsobnitt äsr Bour 
geoisie trete, dis binauk in groLbürgsrliobe Kreise. 
Allerdings gebe es auob eine Kengs Bürgerliober, äie 
von TbieL niobts hissen sollten, heil er ibnen 2u 
krei sei. Diese ^bsteekung stimmt mit anderen mir 
Luteil gshoräsn Informationen überein, aus äensn 
bervorgebt, has vor allem äie äugenälioben ru TbieÜ 
binriebt. „Dr ist einer, äer uns ethas geben kann", 
sogen viele junge Deute, unä rvar niebt nur äüng- 
linge, sondern aueb äsr heibliobs Kaebhuobs 2hi- 
seben 17 unä 23. Dübrerinnen von äugenägrupxen 
maeben ibrs Zobutrbekoblenen auk Tbieü aufmerksam, 
unä äie Naäeben begegnen bei ibm allentbalben 
Rroblemen, äie ibrs eigenen sinä. Kebr noeb: äis 
^.rt äer ^.bhioklung äiessr Probleme regt sie auk. 
Der gesamte ^nbang erstreckt sieb in die Lebiebten 
äsr l^aektkulturleuts unä ^ntbroxosopben binsin. 
Dinen sobriktsteller von solebsm Dinkluü kennen 
2u lernen, ist viebtig. Wlebtiger: äureb äis Lstrnob- 
tung einiger seiner IVerke ^einen Dinbliok in äas 
Verboten unä äis Veäürknisss äer von ibm ungs- 
sxroebenen Bevölkerungsgruppev ru gewinnen, ^nn- 
l^sen vielgslesener Büeber sinä ein Dunstgrikk rur 
Drkorsebung von Lobiebtsn, äeren Struktur sieb auk 
direktem IVeg niebt bestimmen lüÜt. 
MieL ist kein bürger 1 reber Zobriktstsllsr 
in sngsm 8inn. ^ueäruekliob erklärt er AN vereobie- 
äsnen stellen seiner beiden DsEbs-näe, Auk äie iob 
micb in diesem ^bsobmtt beliebe, deK die Lite eure- 
pLisebe Lultur erloseben sei, und maebt der Demo 
krLtis äsn DroreÜ. l^aeb seiner ^nsiebt „äark es uns 
niebt wundern, dnÜ die geringste Begeisterung im 
Umkreis des äemokrLtiseben Oeännkens gedeibt" und 
„. . .dis gsrübmts demokrntisebs Dübrernusless 
selten oder nie jenen D^xus krei 1äüt, der jugenäliebes 
Debnsverbültnis moglieb maebt". Der Bürger ist ibm 
der „sebleebtbin Objektgläubigs unseres änbrbun- 
derts", und eins Orunderkenntnis lautet: ,,^del und 
Lirebe baben ibrs Dübrerstsllung verloren, der Bür 
ger bat sie ver^irtsebaktet..." 
Dis Hukt r^viseben derartigen Oeäanksn und 
ibren kaktiseben ^.bnebmern v^ird sobon dureb dis 
Baltung aukgeboben, mit der DbieL sieb dem 8 o 2 iA- 
lIsmus und seinen Drägern näbert. Die gan^s 
Biebtung paÜt ibm so nenig, daÜ er bei ibrer Be- 
kämptung v^iederbolt seblimm entgleist. 8o bebauptet 
er 1921: „Der Bolsebevüsmus ist keine nationale 
^.ngelegsnbsit, sondern eine sebopkung äsr jüäiseb- 
internationalen - radikalen Diteratenelikiue", ein 
8atr, der übrigens in der vierten veränderten Ank 
lage vom äabrs 1927 erbalten geblieben ist. ^n sinsm 
anderen Ort reebnet er Bitterliebkeit, Oroümut, 
inäividualistisebs Besinnung, Lelbst^uebt und MUs 
rum Bisiko 2u den Orundlagen des 8xorts und meint 
dann, daÜ diese Ideale im Broletariat verpönt seien. 
Disss villkürliebe Aussage v^ird dureb die Datsaebe 
des Arbeitersports binreiobend widerlegt; mag das 
absobätrig beurteilte Broletariat aueb keinen Orund 
baben, gerade die individualistisebe Oesinnung 2U 
pklegen. bliebt minder äullerlieb redet Dbieü vom 
„Dnsinn des Lollektivismus", von der ,Abtötung des 
InäividualZlüoks Lugunsten eines nebelbakten Nasssn- 
glüeks" und von der kaseistiseben Diktatur, die jetrt 
vi^es „gehaltigs BanorAma des tragisoben Bero- 
fsmus" entspriebt und anthortet einem guten Teil 
der jungen IntMgens. äensr n i eb tpr o l e ta r i- 
^ebon äugend vor allem, die dank äsr äugend- 
behtzgung sieb niebt mebr als Vorstufe der Drhaebse- 
Bsu küblt, sondern eigene Debenskormsn berausge^ 
bildet bat. 8is stebt noeb immer unter dem DinÜuÜ 
des äsutseben Idealismus und im Banne von Tradi 
tionen, die sie Lur Debsrhinäung aller äuLsrsn 
Zebhisrigkeiten auk die unmittelbare sinrslmsnseb- 
licbe Kommunikation mit dem (leiste verheissu. Ibrs 
Naltung im allgemeinen und hobl auob im besonde 
ren ist die von Tbwik äugendlieb gebt er hiäer dis 
Gehalten der ökonomisebsn Apparatur und der 
Ktarreu Organisationen vor, deren metboäisobs ^na- 
lMS ^u praktisobsn ^heoken dem Kanne anstünde 
ein Verbalten, das ibn maneben bürgerliobsn 
Dessen Lebenshert maeben mag. äugsnälieb im 
Zinns einer niebt durebs soblimmste Dlend geprüften 
äugend verleibt er der inneren Drnsuorung eine 
kprsngkrakt, die ibr der Reifs niebt obns heiteres 
Lubilligte, und läN nur von kerne abnen, has und 
hie denn gesprengt Herden soll. Damit sobeint er 
einen ^uZheg aus äer VaekZaLss LU bieten, in der 
Mb beuts Labllose jungen Ksnsebsn aus bürgerlieben 
Mlisus und in bürgerlioben. Berufen befinden, sie 
Bemerkungen w Frank Thieß 
.V/on 8. Lraeauor. 
in Buüland berrsebe. genauesten, v^enn aueb 
niebt eben genau, kormuliert er seine Dinvmnäe gegen 
den sorialismus noeb in Sendungen "vie der kolgen- 
äen: „Der moderne Lapitalismus ist . ° , niebt 
allein ein vürtsebaktliebes Bbänomen unä äesbalb 
niebt mit marxistiseben Kitteln 2U über^inden . . ." 
Kundige werden aus diesen ^ngrikken bereits er 
raten baben, no ^bieü eigentlieb stebt. Dr tritt kür 
eins aristokratisebe Debensbaltung ein, 
möobte eine neue beläisebs Dübrer- 
Kebiobt sobakken. varuta liegt ibm primär niebt« 
an äsr Veränderung der gessllsebaktUebsn Dinrieb-- 
tungsn, sondern an der „Verhandlung des Nenseben 
den Nenseben". ,Mr dureb erneute Verinner- 
Hebung des Nenseben kann hiedsr sins Kultur go 
sobakksn Herden", hie es aueb bsiLt. Ms soll äsr 
srnsut Verinnerliebts ausseben? Ibm ist das IVissev 
um die Tragik eingeboren, eins „tragisebe Dr- 
msbung muÜ ibn dabin kübrsn, äaK er niebt nur in 
Keiner äugend, sondern in seinem ganzen Deben 
lebt... ibn Lum Lampk gegen äsn leblosen Kensoben 
kübrsn..ibm den 8inn der 8ebmer2en srseblisLen". 
TbieL begnügt sieb aber niebt damit, nur den 
skMenLMen Dntvüirk des tragiseben Kenseben ru 
lisksrn, er beanthortet aueb äis Drags naeb dem 
Mob er äer von ibm gekordertsn Oligarobie. Düribis 
Keimrelle bält er den 8 p o r t t p unserer ÄM. Die 
haebsende Bklegs des sports sebeint ibm ein ^sieben 
dakür M sein, daü die ,,Instinkts des Volkes , . » 
in Brebtung eines, neuen BsroismuL" hittern. „Ue 
Wollen Hollen", so käbrt er kort, . . hmder Uäu^ 
Leben, äiG den Nut baben, sieb mit allem, has sie 
sind, kür ein Werk, einen Willen, einen Kampk sin- 
^usstren." Wenn... aus dieser primitiven Beiden^ 
Lobiobt einmal siob die döbsre des .geistigen Mtiers 
gebildet baben sollte, so kann kein ^heikel Mn, dab 
äie Völker Duropas binter ibm stoben Herden. 
Dis Wirkung solober ^.ukzmebtprojekte hird äureb 
Nrs konkrete ^uMbrung vertiekt. 8o rsklektiert 
TbwÜ in einer lesensherttzü ^bbäMung über die 
riebtige Dbs, in einer anderen über die Diebtung, in 
einer dritten über neue Religion. Das Problem der 
Zheokmäüigen Drnäbrung Wird Zngesobmtten, dis Vs» 
dsutuüg des Blu^ betont, die Mektkultur inLykerL 
hel^nsvbauliok bejabt, als sie äsn Nenseben ermög- 
liebs, ,Meb krei 2u baden von äsn lastenäsu Vsäing- 
nissen des Tages". Mobt unerhäbnt dark blsibsn, 
äaÜ Mieb eine VerbinduugAlims Lhisobsn der äurob 
äis Kommende ^delssebiebt beraukgeruksnen „neuen 
deuteob-europäisobon Kultur" und Rußland mebt 
„OsnÄ hds die Dinge Äob im Osten heiter enthlekeln 
Wögen» es hird keine Kultur entstellen können, dis 
heniMtsnA mit einem Tro^ Oels 
gesalbt üst"^ '
        <pb n="34" />
        „Ich Muüte W nicht dbSöer^ sis. 
Ichney aul Orund äse unerbelltsn unä doch spürbaren 
Vsdingungen ibrss Lassins die sogsnannts Cultur 
der VorkrisgWsit ab, aber, ibrer ganzen Rr^isbung 
^md Rerkunkt nach, auch nivbt mit dem Rroletariat 
MEammMZebsn, dem sie in ökonomischer Riüsicht 
HsilweisS bereitA angebörsn. Rewuüt ist ibnen nur 
das SMS: 80 gebt W niebt weiter, äWSW uügskormtH 
Mben muK in die Rand genommen, muk verändert 
werden. Lud da stoKt MieK M ibnen, sagt ungsUbr, 
was S!S emMnäen, und bskriedigt ibren gestaltlosen 
Vrang naob SMM Wandeb „Darum werkt nicht die 
LMrsEls uw, MrZt nicht die Mrchen, e^ 
Dicht äis Ltaatsmänner, sondern bewirkt, wenu ibr 
könnt, den gvoKsn LmstMZ lautlos M Mtzr siZMem 
Kssle'd Lin lautlober IIwstM, eins RsvollltLonierung 
Vbns RevolMon -- an Lolchen Du k tsebl öK Z s r u 
erbaut MAN sich krMch gern. 
- O" - ' - ' 
MisL MM Mß KMlWMMLLM M MLrLWMtuksZL 
Luk. Z^slG VrLÄ MsrL ARM Beispiel s sm Lisrebsm 
äL8 MSLiAsr Nach äsm ^äsismsüschsNtuN Lls LZch 
Zs^öduliedsm Olüch trachtet. 8is vsrträA ksiüSN 
KSML Nach Misss immerMiN schltzch 
—- unä, liest äsn Dschmsrons. Ldsnss korZkältiZ sinä 
Ligursn ds äsr irrsnäs äuKsnädilänsr Listried 
OraT- unä Olaus Romsr (im „^sutaur") äureLLom- 
Wmsrt «- Rormsln von NsnschM, äie idrer xsvech 
scheu ^us^MieruuF eius ^rt von veräan- 
ken. Lur^um, jsäsr Roman dsmüdt sied ^runäsätL- 
lich äAMM.. ein Lomxenäium vieler inäiviäuellsr 
ch.NLuktz^ch ssiNv 8o ^irä äü äsL Lssern äis Ledsk* 
LsugunA ZbMsekt- äak Hiisss idnsn eins ^ulsitunZ 
MM sxGMplLrischeu Lsden Mch. Lr Aedt ja von 
rdrsr WuEon Lus unä ^rsnschLnllcht idnEN 
LiLäsrnMM; VedlbLdnes ünä LöMNWN. LnÜ 
FuKsüäLch'^ chn dsZchrsn, snGxr-in'Ft chrsm Wunsch 
NÄch LsichWlsN ÄchtiZSQ unä uchlchtiMU chr- 
dMchs. ' / ch . ch ? / . ' 
Der ^ukMsIs äsr iunsren RrMdwatik unä äss 
GsiÄss sr-kocht immer ^isäsr iu ViläunZZ.-- 
Zssxr 8.6 ds n, äis Alle Romane durchsetzen. Nau 
erMchnt Rietmchex Mxt sied Mcher Von RamMN 
unä VoKtoje'UM unä dereäet unaukdvrlich äie zsiveL 
ligen LochMts. Mü MiMZGs 8tüch aus äsn „Dzr- 
äammtsQ"? 
. „Mas M gut ZeWn Lelä?" IraZte LäiÄNues. 
^^rdsit ^ L^ sie. 
„(Alanden 8is nicht, äaü man äas Leiä erst Md 
sich dsNUUüZsy dadsn muüz Ode man es LsrardsitM 
kann? Arbeit ist nur ein RetAuduuMmittel, Zenau 
vis. Wsiüz /^snu. auch, äas Hälsrs/^. ' . d , 
- Vaü äis Struktur äeZ-Lssexublikums sieb aus 
äer 8truktur äsr Romans unä chbbanälunbE er 
mitteln ML ist ein Verdienst äss Zchriktstsllers 
l'bissb. Rr kann, vas -u' unternimmt, er erledig! 
nichts bald, und Lein Rrkolg ist wirklich auk ^.r- 
beit gegründet. Las Lebensideal -. kür .das er Wirbt, 
ich allerdings eins chuskäuebt 
^uskluebt einer äugend, äie ibren revolutionären 
Man entladen Will, obns ibren Idealismus 2u 
ochern. Vin. kalsches VeWuktsein x verbindet äiess 
Rroäüktion mit ibren RonsumeMen. Ls Wäre aus 
der immanenten Analyse der Werke — sis bätts 
die oben angechellt soLiologisebs Retrachtung LU 
srgan^en ' uM'ch stütLsn — im einzelnen naeb^u- 
Weisem leb begnüge mich mit einer Bemerkung 
über äie bpraebe. Ibr Lenebmen ist, Wie schon die 
Wate verdeutlichen,- durchaus konWMrmsll -W 
entkräktet Immer Meiler die Aussagen, von den 
Stellung des ^delsmenseben,. die. ibre Vollmacht 
doch g s r a ä s v.o n d e r 8 p r a e,b o ber emcham 
gen mükten. ,chuk, bejabt das vchde, unbekannte, 
verwirrende beike Leben. Lakt .eueb kassM, lakt 
euch um den Rrdball treiben wie. öturmvögelz lakt 
euch tragen von allen Winden und lauscht dem 
Lücken in euch, dem anderen Reiche, d 
wird und wächst und Rorm und Leben tindet." 
8o geschwollen, redet ein Rrinmner. ^ueb aus an 
deren Lügen könnte man kolM'n, dak die von 
Miess. chkakte . 8chicht der Dsschwörung sinM 
scheinbakten Lebens verkällt. Loch iob breche bier 
die Untersuchung ab, denn ibr Lwsek ist srküllt. 
Die Ro m Z u 6 ich kWrs vorwi^snd äis 
pVsrdammwn^ AN --- Ausirieren äis NaRuug von 
Misü, äis ochs diess vielkaltiM Vebilderung kaum 
«o populär geworden wäre. Riebt Nur» äaÜ sis als 
BMstMM Msn NtilZ vGrlmItmsMÄÜiK leicht ein- 
MuM bind, sis kügsn auch äsn bersits srMchtsv 
MMgsgründen neue binM. 
. Linsn EtschsiäenäM sMichs ich daiän. Äak sie 
ibren Lesern eine ^.rt ^ von Ich benZ p r^ ax 1 s ^u 
vermitteln buebsn. Dmgekchrt ^is jene Literatur, 
äis das ^bbäugigkeitsverbältnig des Nevbeben von 
den Zuständen demonstrisren will, wenden sis sich 
äsm sin^elmMschlichen Lobieksal 2u^ das angebliob 
äis Nacht dssiM, Lustänäe .^u verändsrn. 8is schll- 
äsrn 68 Lu Aller ^üskübrliebkeit, unä mau kann voll! 
sagen, dak bei Msü äsr indiviäuslls Weg mit 
Rroblemsn gepklastsrt ist. Wo er sieb vollendet, 
ist sr, im Linklang mit äsn Orundmaximen, noL 
wendig tragisch. Da gibt ss kein bapp^ end, ää gibt 
ss Nur den bsroiseben Vergebt. ^.xel unä DrsulA, 
äis siek liebenden Oeschwister. in äM „Verdamm- 
Lsu^z MN8SM ichs Lieds übsrwinden, und .vom dobM 
Ms AsM äsr LtsÜH, au der ikm der ZMiZs 
Ltsmpb! aukgeärücht wird: „RlotMchZrkennt sr wie 
M ViLwu ^wsi Wege: dieser dadurch äis Lust am 
Weibs Liüdurch ins Leben. Vor andere: äurch äis 
AdtotuvK der Natsris Mr LchMutuis .,. Ich will ch 
Gott l schreit sr sied M und Zertrampelt die blut." 
Uuch äer Msgsr Mw^uist, äsr Leid äss „LsutLur", 
äsr- äus Asus Aus äsm Lxort chrvorZSALNAWS 
UMrHrtum vsrkörxsrt, bsschrMt sius LchsusLuchs, 
M m äW krm^iM mNMüNäst. vsn läsuL 
persousN Zsssllsn sich uuäsrs Zu, äis Uö§1ichkeitM 
MchNchmMz äsrsN VOrviMichMG iM Lssre Acht. 
n8is MiütsQ 68 Ächt besser? Mr eins RrLU 
ss niedts Rsineres. Vor Nann muL äsnchm^ 
Ao Mdt 68 in siusmkort. „Der ^entaur^ entdält 
lanZe Rxdurse Wsr äis RntMMunZ äes R1u§&amp;gt; 
Essens mit xchsidallöchen Lormelm sm Meltansedau^ 
iich kunäiertes LMem über ^temFMnastL unä 
LntechaltnüMn über äas Ochistentum. ^.uch äis 
(AvmnLFiasten iW „Lor Lnr Welt" ächchsu sich recht 
Wdrläet aus. OaÜ Rrodlems kunstgerecht trauediert 
HveräsL, Leüvtuisss KssxrLchsMsiss vermittelt unä 
auk äer ÄraZs Zum neuGn NsMeden iLuter Asd 
stigs Vssit^tlimer dernmkadren, erdödt MeikeUos 
äie ^vÄHdunxskrakt äiesGr Dücher. Wissen medrt 
uüLtzre Nacht, uüä LlläuLMtächtM LsrsLMsn Red 
wen unä LaZerWltM 2um Ledmuek. 
Die Nsüschen von Mich schroben chre Lreideit 
unä MZleied idie RLdchkeit, MM neroisedsn 
Äedt mit Vorliebe auk s r o tise d e m OeMst, Ollen 
äsdnt es sich vor äer äuWnä, WisLen Zu betreten 
unä MZchneiäsr sin^usedlÄgeN, ist nicht mekr ver- 
Mchxt.. ^U8 äer in äer äie Leute äie-ZM Volks 
park denutLen, lLÜt sied erkennen, bis Lu ^eledsm 
Graä sis innerlich erneut sinä. Miess vmMekslt 
sie in äie versedisäevsten Noglichkeiten äss srotL 
schen Vschaltens, damit sie ilirs dekreitsn Lorper 
auch Mirklied dELdrsn lernen. Rlutschanäs ist äa8 
LaupMsmL äer „Veräammtchd in äsnsn auüsr 
äem sedeutzn äodannes noch ein Lamsndöschsn- 
AtisMst chargiert. In anäersn Romansn spielen 
äis Komosexualltät unä äer Mäagogische Lros eine 
gewisse Rolle, I)ie Regegnung äes jungen ^imMist 
mit äem Mansvestätsn DLna^ äsn, sr kür - ein ILä- 
chen kalt, ^irä auÜsroräentlich Leköngeistig be 
schrieben: „RlÖtMch sekrie Oina raub auk. Rr 
küblts ibre Raust vor seiner Vrusd M chät. 
bliebt vor ibrem Zeblage taumelte sr rüchEM. 
Rtivas RurchtbarW Mar in ibn einZeseblaWn, äurob 
ibs brnäurch, unter äer Zch^elle äes Red Weins 
verseiuMäenä. Zurück blieb Labmung Leers, 
toäliebs 8tLÜs." 6roüs ^uaytitäten von Rubertats- 
motik mibchev sieb mit subM äosierten VorgänWN 
normaler geschlechtlicher Mnäberung. Im lutsr- 
Es äsr Iragik kommt es- ärmlich nur seltsn Mr 
regularsn VskrisäiguM^; Mnä - ^abrenä - äss Vorst^ 
ämmtzz ä'L8'-' &amp;lt;-siMn brslltzb - Aaum sinmmmL ^UsiR 
man okt nicht recht, MWntlirb los isb lob 
glaube,. äak viele Leser äurch äie reiebbch ein- 
gegen äie sachlich.nicht äas geringste mmmiveuäev 
ich äa sis Zmr Varstsllung äer drunäbabjtng an 
äsn ibr ANgewiENM Ort gedört.
        <pb n="35" />
        In der Unterwelt scheint es lustiger zuzugehen als in 
der Untergrundbahn. Eine polizeiliche Razzia hat bekanntlich vor 
einigen Lagen das zehnjährige Stiftungsfest des berühmten Ring 
vereins „Jmmertreu" heimgesucht, ohne dah es ihr gelungen wäre, 
die Fröhlichkeil empfindlich zu dämpfen. Im Gegenteil: nach den 
Berichten Zu schließen, ist die offenbar erwartete Ueberraschung 
beinahe ein Punkt des Abendprogramms gewesen. Jedenfalls hat 
der eigentliche Festakt trotz des Einbruchs der Schupo pünktlich zur 
festgesetzten Stunde begonnen. Elf gold- und silbergestickte seidene 
Banner sind von Herren in Frack und Smoking feierlich durch den 
Saal getragen worden, und der Bruderverein „Heimatklänge" hat 
während dieser Prozession Mozarts Weihe des Gesangs angestimmL. 
Danach wieder Tanz, Tombola, Wein und die Damen, in großer 
Abendtoilette. Wenn der normale Bürger solche Veranstaltungen 
in Filmen sieht, hält er sie für erlogen. Die Wirklichkeit ist den 
Kolportageromanen immer um mehrere Nasenlängen voraus.. 
Die Ringvereine rekrutieren sich zum Teil aus gewissen wil 
den Jugend cliquen, mit deren Sitten und Gebräuchen sich 
die Öffentlichkeit neuerdings beschäftigt. Ueberhaupt ist das warme 
Wetter den Halbwüchsigen in die Glieder gefahren. In der Beussel- 
straße fand unlängst eine Schlacht zwischen vierhundert Jugend 
lichen statt, die mit Gummischläuchen, Stöcken, Riemen und Holz 
knüppeln ausgefochten wurde, Verkehrsstockungen hervorrief und 
zum Eingreifen des Überfallkommandos führte. Die Abschaffung 
des Krieges scheint doch nicht so einfach zu sein. Was nun die 
wilden Cliquen im besonderen betrifft, so haben sie dieser Tage 
ihr erstes Frühjahrsmeeting gehabt, bei dem es sich unter anderem 
um wichtige Fragen der Führerschaft gehandelt haben soll. Die 
Cliquen zählen, wie ich einer Zeitungsmitteilung entnehme, etwa 
4000 Mitglieder. 80 Prozent sind unpolitisch eingestellt, 5 Prozent 
rechtspolitisch und die übrigen linksradikal. Ihre Namen lauten: 
Modderkrebs, Tatarenblut, Nordpiraten, Schwarze Flagge, 
Apachen, Langes Messer usw. Abenteuerlust paart sich mit Räuber 
romantik, Jndianerwälder verschmelzen mit schnurgraden Groß 
stadtstraßen, Kneipen und Hinterhöfen. Daß die Unruhe so leicht 
ins Kriminelle umschlägt, daran sind zweifellos die allgemeinen 
Verhältnisse schuld, die eine Menge Jugendlicher freigesetzt haben« 
S- Kracauer. 
Musiker sind in einer schwierigen Lage. Statt in allen Kinos 
leibhaft angetrofsen zu werden, sieht und hört man jetzt nur noch 
einen Bruchteil von ihnen in den Tonfilmen, die alle Kinos 
durchlaufen. Der seinerzeit von mir besprochene Film: „Gassen- 
hauer^ des verstorbenen Regisseurs Lupu Pick hat bereits eine 
Methode veranschaulich, nach der sich junge Musiker heute ihren 
Unterhalt zu verdienen suchen. Dilettierende Studenten oder 
Geigenspieler ohne Stellung: sie gehen gruppenweise auf die 
Straße und produzieren sich in den Höfen. Von einem Impre 
sario entdeckt und die hochbezahlte Glanznummer eines groß 
städtischen Kabaretts zu werden, dieses dagxv enä des Films 
bleibt ihnen das Leben allerdings schuldig. Da die Kunst nach 
Brot geht, wird sich durch die Rationalisierung auf musikalischem 
Gebiet die Zahl der ausübenden Musiker zwangsläufig verklei 
nern. Das muß nicht Zum Schaden der Kunst sein. 
Trotz der Krise, aber sicher im Zusammenhang mit der Not 
wendigkeit wirtschaftlicher Zentralisation werden außer den hier 
schon erwähnten Bauten immer mehr Hochhäuser in Angriff 
genommen oder projektiert. So entsteht in der Gegend des 
Alexanderplatzes eine ganze Hochhauskolonie; darunter das Bero- 
lina-Haus und das neue Hochhaus des Karstadt-Konzerns. Die 
Arbeiterbank und die Gewerkschaft der Transportarbeiter werden 
Gebäude beziehen, die man wirklich nicht mehr Heime nennen kann. 
Am Kleistpark mag, wer will, vom 14. Stockwerk herabblicken, am 
Oranienplatz bald vom 12. Das Shell-Haus im alten Westen nähert, 
sich der Vollendung. Ein Teil dieser Riesenbauten soll nebenher 
noch Restaurationsbetriebe, Mefferäume, Autoläden usw. auf 
nehmen. Die Dachgärten sind für die Angestellten vorgesehen. Dort 
oben können sie sich erholen, Gymnastik treiben und in den Arbeits 
pausen auf die Bürowelt Herabschauen, die sie wahrend der Arbeit 
verschlingt. So.lche Entspannungsgelegenheiten gehören vielleicht 
schon zur „Bürokultur", von der man jetzt zu sprechen beginnt. 
Hoffentlich dringt sie von den Dächern durch die 14 Stockwerke bis 
zum Kellergeschoß herunter. Das der ArbeiterLank wird übrigens 
eine 140 Quadratmeter große Tresoranlage enthalten. 
* 
Dürfen die Hochhäuser nach oben schießen, so ist den Bäu 
men verwehrt, in den Himmel Zu wachsen. Die zwei Baumreihen 
in der Mitte des K u r fü rst e n d a m m s sind abgeholzt worden. 
Man wird durch ihre Beseitigung mehr Platz für den Autoverkehr 
WMmnen. So gewichtig diese technischen Erfordernisse sein mögen 
— die Liquidierung des Grüns ist ein Jammer. Per im Früh 
ling über den Kurfürstendamm ging, war schon halb in der 
Sommerfrische. Er sah nicht Wände noch Dächer, er lustwandelte 
durch eine Wipfelallee, die eher an den Strand eines Weltbades 
führte als Zur Gedächtniskirche oder nach Halenfee. Nun kommen 
auf Schritt und Tritt Monumentalportale, Balköne und Karya 
tiden hervor, und wo sie abgehauen sind, dort spürt man noch 
hinter glatten Fassaden die wilhelminische Ornamentik. Der Kur 
fürstendamm ist im Begriff, eine breite Ausfallstraße Zu werden, 
in der nicht einmal dje Geschäfte florieren. 
Mit der Niederlegung von Bäumen ist es.leider nicht immer ge 
tan. Was kann etwa gegen die Ueberfüllung der Untergrund 
bahnen in den Hauptverkehrszeiten geschehen? Ein hiesiger 
Berliner Nebeneinander. 
Berlin, Anfang Mai. 
In der letzten Zeit haben mehrere Vergnügungslokale ge 
schlossen: so das Palais am Zoo, Wien-Berlin und das Palais 
6s 6LN86. Andere Lokale, deren Inhaber ' Lei dem geringeren 
Umsatz im Sommer nicht noch wehr zulegen wollen oder können, 
wevden folgen. Daß die Krise in der Vergnügungs - 
Industrie nur eine Leilerscheinung der allgemeinen Wirt 
schaftskrise ist, duldet keinen Zweifel. Sollte die Verdoppelung 
der Biersteuer durchgehen, so vergrößert sich noch der Druck und 
wird für eine weitere Anzahl von Betrieben unerträglich werden. , 
Veränderte ökonomische Bedingungen andern die Physiognomie 
der Stadt. 
Mit den Chancen für die Zerstreuung suchende Bevölkerung 
verringern sich auch die für die Zerstreuenden. Vor allem die 
RkchtsanwalL hat sich jüngst, einer Blättermeldung zufolge, an den 
Polizeipräsidenten gewandt und ihn auf die Gefahren hingewresen, 
die aus diesen schlechten Verkehrsverhältnissen entstehen. Man hat 
ihm erwidert, daß eine weitere Verstärkung des Zugumlaufs nicht 
gerechtfertigt sei und mit dem Eintritt der wärmeren Jahreszeit der 
Verkehr auf der Untergrundbahn von selbst Zurückgehen werde Ge 
wiß; aber auf den Sommer folgt wieder die kältere Jahreszeit, 
und die Fahrt in den übervollen Wagen ist in der Tat eine Folter. 
Vor allem f - ür die geplagten erwerbstätigen Men cm sch n en, die 5 h ^ ie — r ta ^ g- 
agl-ch mehrmals M einer undeftmerbaren Mäste . zu . sammen.e- 
schweißt werden. -&amp;gt;e Zuge verkehren nicht allzuoft, lasten ncy 
den Stationen rerchuch Zeit, und es kann nicht jeder zu den 
Auserwählten zahlen, denen die Eroberung eines Sitzplatzes ge 
lungen ist. Wahrscheinlich kommen sie von weit her; von Pankow 
oder vom Reichskanzlerplatz.
        <pb n="36" />
        Eröffnung der deutschen Kan-Ausstellung 
möglich. Und zwar ist die Zeitschrift „Film W elt" der Ort, 
an dem die Sehnsüchtigen das Ziel ihrer Wünsche erreichen. 
Dieses vielgelesene Magazin, das in den Kinos Zugleich mit den 
Programmen verabf^ wird, enthält eine Rubrik, die eine Art von 
Starwarte darstellt. Von ihr aus können die Filmfreunde und 
Filmsreudinnen in Dortmund, Bautzen, Magdeburg Blicke in die 
höheren Regionen tun und dabei Einzelheiten erspähen, die man 
mit dem bloß»en Auge nicht sieht. Allerdings sind ihnen manche Fra 
gen von vornherein verwehrt. Hart erklärt die Redaktion: „Das 
Alter der Filmstars veröffentlichen wir nicht" und weist jeden zu 
rück, der sie über diesen Punkt ausholen will. Zum Troste versichert 
sie allen Einsendern, die das Alter auf eigene Faust zu erraten 
suchen, daß sie ungefähr richtig geraten hätten, teilt die Geburts 
tage und Adressen der Künstler mit und verspricht, ihnen Grüße 
zu übermitteln. 
Mit einem rührenden Wissensdurst, der sich nur anderen Gegen 
ständen Zuwenden sollte„nähern sich die Üngekannten in den Niede 
rungen ihren himmlischen Lieblingen. Sie brennen darauf, die von 
den Stars bevorzugten Blumen zu erkunden, und wir müssen 
etwa hören, daß Willi Forst ein Freund von Rosen und Nelken 
ist, während Brigitte. Helm Hortensien und Orchideen schätzt. Ich 
hätte mir das übrigens von Brigitte Helm gleich gedacht, denn sie 
hat so etwas Exotisches. Ein Filmkünstler ohne Lieblingsblumeb 
ist nach alledem beinahe unmöglich. Und wie verhält es sich mit 
seiner äußLren Erscheinung, unterwegs und daheim? 
„Liane Haid ist blond und braunäugig/Forst und Verebes haben 
schwarzes Haar und braune Äugen", so. antwortet die „Filmwelt" 
einem Verehrer. Auch die Haupttatsachen des Privatlebens gibt 
sie anstandslos preis. „Sie haben recht," bekräftigt sie, „Henry 
Stuarts Vater war Schweizer". Man vernimmt ferner: daß Käthe 
von Nagy von Constantin.David geschieden ist; Rühmann zu den 
Ehemännern und Gustav Fröhlich noch nicht einmal zu den Ver 
lobten gehört; Marlene Dietrich und Hans Albers ein Auto be 
sitzen. Manche Fragen entspringen der begreiflichen Sorge um das 
Ergehen der Stars. „Sie können sich.beruhigen", so wird einem 
offenbar aufgeregten Kaffeekränzchen in Neukölln mitgeteilt, „Dina 
Gralla hat sich nicht, erschossen V Gralla ist tatsächlich seit läm 
gerer Zeit nicht mehr zu sehen gewesen, und wessen Künstlerinnen 
in ihrer Leidenschaft fähig sind, kann niemand genau wissen. So 
gut die „Filmwelt" aber auch informiert ist,, das Publikum fragt 
nicht selten mehr, als zehn Filmwelten zu beantworten vermöchten. 
MV Berlin, 8. Mai. 
Am Samstag findet die Eröffnung der deutschen Bau- 
Ausstetlung statt. Dem Eröffnungsakt ging heute nach 
mittag eine Pressebesichtigung voran, die durch Ansprachen 
des MessedirekLsrs Dr. Schick und des Leiters der Aus 
stellers, Albert Wischek, eingeleitet wurde. Jener wies 
u, a. darauf hm, daß der msprüngliche^ Plan einer Dauer 
ausstellung zwar fallen gelassen worden ist, aber immerhin in 
der Abheilung des ländlichen Siedlungsbaus 22 Gebäude 
während" der folgenden Jahre erhalten bleiben sollen. Als 
hübsches Kuriosum.sei die von ihm erwähnte Tatsache ver 
zeichnet, daß der französische Raum erst in einigen Tagen 
fertig eingerichtet werden kann, weil der vor zwölf Tagen aus 
Paris abgesandte Waggon irgendwo an der französisch-bel 
gischen Grenze verloren gegangen war. Er ist inzwischen aüf- 
gefunden worden und schon unterwegs. 
Der erste Eindruck beim Rundgang ist verwirrend. 
Eine solche Fülle von Objekten hat sich noch selten zusammen 
gefunden, und man ist in der Lage eines Aongreßbesuchers, 
der zwischen hundert Vorträgen wählen muß, die alle in 
zjvei Tage hineingepreßt sind. Ich verzichte darauf, einen 
Generalüberblick zu geben, der doch die genauere Betrachtung 
nicht ersetzen kann, und nenne statt dessen "lieber ein paar 
Hauptthemm und den einen oder, anderen Gegenstand, der 
sofort ins Auge fällt. 
Gleich die Halle 1 umfaßt Abteilungen, deren Studium 
auch für das breitere Publikum von Wichtigkeit sein 
wird: so die „Internationale Ausstellung für Städte 
bau und Wohnungswesen" an der M 22 Staaten beteiligt 
haben: die entsprechenden deutschen Abteilungen; eine 
Ausstellung der Stadt Berli m Die Halle 2 hat durch 
Mies van der Rohe ihr Gesicht erhalten: ein einheitlich 
gegliederter, in scharmante Fasson gebrachter Riesenraum, der 
„die Wohnung unserer Zeit" enthalt; außerdem eine Aeine 
schöne Sonderschau der preußischen Staatshochbauverwaltung. 
In dieser Halle werden alle möglichen Häuser, Haus 
fragmente und Wohnungen voraefüürt. in denen sich gut 
leben ließe. Es folgen die dem neuen Bauen gewidmeten 
Hallen, die vorwiegend das fachmännische Interesse be 
friedigen werden. Sie beherbergen die verschiedensten Bau 
materialien, gewähren Einblick in moderne Verfahrungs- 
weisen und sind überhaupt bis zum Rande mit instruktiven 
Dingen gefüllt. Quer durch das „Deutsche Dorf" gelangt 
man auf das von Pölzig und Wagner erstellte Frei 
gelände, das durch einen parabelförnügen Pergolabau be 
grenzt ist und den Kern der künftigen Ausstellungsanlagen 
bilden soll. 
Zum Glück kann es mit einer L ilr put b ahn befahren 
werden, von der aus sich herrliche Weitblicke auf Kupferhauser, 
einen Schweinestall mit Wasserspülung, eine Gärtnerei usw. 
eröffnen. Im Mittelpunkt des Geländes prangt der noch nicht 
vollendete Rundbau: „Ring der Frauen" von Peter 
Was den Charakter der Ausstellung betrifft, so ist sie teils 
eine Messe, teils eine Schau, die Lehrzwecken dient. Urteile 
ich recht, so ist die Schwierigkeit, zugleich das Laienpublikum 
und den engeren Kreis der Sachverständigen zu befriedigen, 
oft glücklich überwunden worden. Das mag vor allem den 
verbesserten Methoden der Vkranschaülichung von Begriffen 
und Zahlengrößen und den vielen Demonstrationsmethoden 
zu danken, sein. Wir werden die Ausstellung noch eingehend 
würdigen. Schon heute ist zu sagen, daß sie inmitten der 
Wirtschaftskrise eine erstaunliche Leistung darstellt. 
Wund um die Mmst 
Lr Berl^ 
Die Filmstars: Abend für Abend Ziehen sie am Leinwand 
horizont herauf und beschreiben glänzende Bahnen. Ihre 
Jugend kann nicht altern, ihre Schönheit nicht welken. WiM- 
Heidelberg, Montecarlo, Paris alle Herrlichkeiten der Welt 
haben nur den einzigen Zweck, ihnen -als Hintergrund zu 
dienen. Immer erblüht ihnen zuletzt ein Liebesglück und ein 
Kabriolett. Und weinen sie auch einmal, so werden doch ihre 
Tränen getrocknet, und dann strahlen sie wieder wie neu. 
- Sie, die -so hoch über uns flimmern, scheinen in Kontorräume, 
Töchterschulen und Fabrikbüros herein, und erfüllen die Wunsch 
träume Zahlloser Stenotypistinnen, Verkäufer, Ladenmädchen und 
Lehrlinge. Wahnwitz wäre, die Stars in den Achtstundentag 
zerren zu wollen. Aber sollte es denen, die sich an ihrer über-
        <pb n="37" />
        welt" mahnt die Säumigen oder redet den Wartenden zu, nicht zu 
verzagen. „Daß Gösta Ekmann Ihre Autogramm-Bitte nicht er 
füllt, tut uns ja aufrichtig leid. Aber leider können auch wir 
Ihnen nicht helfen. Vielleicht versuchen Sie es noch einmal! Sie 
wissen doch: „Was lange währt, wird gut!" Unter Umständen 
wäre hier auch das Sprichwort: „Steter Tropfen höhlt den 
Stein" nicht schlecht am Platze gewesen. 
Einige besonders glühende Verehrer und Verehrerinnen geben 
sich nicht einmal mit dem Besitz der teuren Namen Zufrieden. 
Sie möchten selber bei den Seligen wohnen, sich im Licht der 
Jupiterlampen sonnen und jene Höhen erstürmen, in denen das 
Sternbild Fritsch-Harvey kreist. Aber die Redaktion der „Film 
welt" stellt sich wie der Engel mit dem feurigen Schwert vor 
die Pforten der Filmatelierparadiese. „Wenn Sie zum 
Tonfilm wollen", äußert sie wieder und wieder, „müssen Sie sich 
zunächst einmal in Sprechtechnik ausbilden lassen." Oder sie stößt 
aus Pflichtbewußtsein die verschiedenen Filmfreunde und -ratten 
einfach vor den Kopf: „Um vor Enttäuschungen zu bewahren, 
raten wir von einer Filmlaufbahn ab." Recht so. Ich bezweifle 
nur, daß der Rat immer nachhaltig wirkt, denn die Gewarnten 
können sich ja auch auf das oben angeführte Sprichwort berufen, 
daß Zuletzt doch gut wird, was lange genug währt... 
Aus diesem Frage- und Antwortspiel, das regelmäßig mehrere 
enggedruckte Seiten des Filmmagazins füllt, geht unzweideutig her 
vor, von welchen Träumen viele junge Menschen heimgesucht wer 
den. Der Filmkitsch hat sie in ihnen erregt. Er lügt eine 
wunderbare. Oberwelt zusammen, die von lauter Prinzen und 
Prinzessinnen bevölkert wird, und die Unwissenden verwechseln 
fortan Sein und Schein und starren wie betäubt auf die höheren 
Feerien. So werden sie unbrauchbar gemacht und von einem Kampf 
abgelenkt, der ihnen vielleicht wirklich zu besseren Daseins 
bedingungen verhelfen könnte. Die auch dem Film gestellte Aufgabe 
wäre aber gerade: sie nicht im Banne des Schlafs Zu halten, son 
dern Betörte zu wecken. Indessen, wir scheinen einstweilen noch 
weit von der Zeit entfernt zu sein, in der allen Filmrollen der 
fläche vor sich gehen. Nicht unwichtig, daß sich Oberbürgermeister 
Dr. Sahm von der Schau und den Funikongress^ 
Stärkung der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit auf dem Gebiet 
des Städtebaus und des Wohnungswesens erhoM 
ch 
Die von Mies van der Rohe eingerichtete Halle, die Woh 
nungen unserer Z e i t beherbergt, ist selber ein Beispiel 
anständiger Zeitgemäßer Vaugesinnung. Gleich weit entfernt von 
dem Fassadenpathos des Rundfunkhauses und jener sturen Sach 
lichkeit, hinter der kleinbürgerliche SentimentS wohnen, schließt 
sie sich zu einem Raum zusammen, in dem man atmen kann. Er 
ist unprätentiös und doch echt anmutig; leicht m den Gelenken 
und doch fest gegliedert. Wenn irgendwo, so ist Hier der Mlhel- 
minismus vertrieben. Die glatte Brüstung der Galerie, von der eine 
Gehrampe mach unten führt, umklammert die asymmetrisch ange 
ordneten Häuschen und Hausfmgmente, die zwanglos herumstehen 
wie bei einem Picknick. Ein angenehmes Bild: diese kiesbestreuLen 
Dächer, diese Spuren von Grün, diese ganze lockere Assoziatisn, 
deren freies Beieinander keineswegs anarchisch ist. Unter den Ob« 
jekten, die erst zum Teil fertig-gestellt sind, befinden sich eine Ein 
. raum-Wohnuno, eine Doppelgeschoß-Wohnung, Ausschnitte aus 
einem Boardinghaus, eine Studentenwshnung, Modelle von Woh 
nungen im Hochhaus usw. Im Zustand der Vollendung wird die 
Abteilung zweifellos dem Laienpublikum nützliche Anregungen 
bieten, die über das Problem des Wohnens noch hinausweisen. 
Deutsche BauausstMlng. 
Vorläufige Bemerkung 
Berlin, im Maü 
Diese riesige Schau, die größte Fachausstellung seit Jahren, 
kann nicht im ganzen überblickt, sondern muß nach und nach 
durchgearöeitet werden. Sie macht den heutigen Stand dez Bau 
wesens in einer großen Zahl von Abteilungen Zugänglich, deren 
jede ein Studium für sich ist. Um nur verschiedene Methoden des 
neuen Bauens zu ersassen, wäre ein Lehrgang von mehreren 
Semestern notwendig. Das Nebeneinander der in sich geschlossenen 
Abteilungen entspricht durchaus den anarchis^ 
die innerhalb der Wirtschaft herrschen. Gut so, daß die Aus- 
stellungsleiLung nicht versucht hat, die Gruppen formal oder gar 
inhaltlich Zu einer Scheineinheit zusammenZuschweißen. Denn es 
ist immer besser, den faktischen Zustand zu spiegeln als ihn zu 
beschönigen; und etwaige gemeinsame Entwicklungstendenzen M 
entdecken, die sich innerhalb des gewaltigen Gebietes hier oder 
dort verraten, wird um so leichter sein, je weniger der Aus 
stellung irgendeine Tendenz von vornherein aufgepreßt worden 
ist. Ich bin überzeugt davon, daß das in den acht Hallen aus 
gebreitete Studienmaterial von gewissen allgemeinen Be ¬ 
strebungen sozialer und politischer Art Kunde bringt, die in 
vielen Menschen und Kreisen lebendig sind, ohne doch schon 
bewußt geformt und eingreifend wirksam zu sein. Man muß sie 
nur auffinden. " 
s 
Vermutlich enthüllen sie sich vor allem in der i n L er - 
nationalen Ausstellung für Städtebau und 
W o h nungswesen, der eine Abteilung angeschlsssen ist, die 
bauliche Leistungen der Gegenwart zeigt. Dreiundzwanzig Staaten 
veranschaulichen, was in den Jahren 1900 und 1930 geplant 
wurde — eins Gegenüberstellung, durch die das Grundverhalten 
des modernen Städtebauers besonders deutlich demonstriert wer 
den kann. Bei der ersten flüchtigen Betrachtung fällt immerhin 
schon auf, daß die fortgeschrittenen städtebaulichen Maßnahmen 
von einem Geist durchdrungen sind, der sich mit manchen privat 
wirtschaftlichen und politischen Grundsätzen kaum noch verträgt. 
Es wäre der Mühe wert, die Gesinnung zu prüfen und. M be 
nennen, aus der heraus die moderne Landesplanung erfolgt. Sie 
führt zur Beschwerde über willkürliche politische Grenzen urch 
bemüht sich um eine systematische Organisation von Stadt- und 
Landgebieten, die, wenn man will, den Charakter der Planwirt 
schaft hat. Der Drang nach rationeller Projektierung verbindet 
sich in einigen Abteilungen unverkennbar mit sozialen Absichten. 
Möglicherweise ist diese Städtebau-Ausstellung ein Signal 
wesentlicher gesellschaftlicher Veränderungen, die unt^ der Ober 
HiMarLe und ein adressierter, frankierter Rückumschlag beizu- 
fügen", Mitunter bleiben die Huldbeweise aus; doch die „Film- Filmstar gestochen wird. 
Die Halle enthält auch eine freundlich hergerichtete Ssnder- 
schau der preußrschsn SLaaLZhschbauverws! Lung, 
in der Räume von Bauten gezeigt werden, die gerade in Aus 
führung begriffen sind. So delikat ist der preußische Staat seinen 
Bürgern noch selten gegenübergetreien. Wahrhaftig, er lächelt bei 
nahe und geht mit der Zeit. Nicht Lm Paradeschritt, sondern wie 
einer eben geht. In Brandenburg an der Havel errichtet er ein 
Gefängnis, dessen Gemeinschastszellen in mir nur den einen 
Wunsch erregt haben: schleunigst dorthin üLerzusiedeln, um endlich 
einmal ungestört arbeiten Zu können« Die Zelle ist hell und ge 
räumig und enthält ein abgetrennteS Spülklosett, fließendes kaltes 
Wasser und überhaupt alles, was ein Mensch braucht, der ver 
nünftig ist und nicht am Besitz hängt. Die Polizeikrserne in 
Köpenick wird mit Recht eine Pol'iZeiunLerkunst genannt, denn ihre 
Wachtmeisterzimmer strömen ein Behagen aus, das zu dem her 
kömmlichen Begriff von einer Kaserne nicht patzt. Und dann das 
Gewerbeschulheim Zu Rheydt: Zwar sitzen die Mädchen auf Stahl 
stühlen, aber den Stahl ist elegant gekrümmt, die Farvenwahl zart 
und das ganze Innere von klarem Geschmack. 
* 
Die Ba u wi rtschaft füllt in der Hauptsache die übrigen 
Hallen. Holz, Stein, Glas, Farben, Wasser, Wärme, Gas, Lust, 
Kraft, Zement, Stahl, Beton -- sämtliche Stoffe und Faktoren, 
„Wieviel die Künstlerin wiegt, Wen wir bis jetzt nicht feststellen 
können", lautet einer der negativen Bescheide, der immerhin hoffen 
laßt, daß das Gewicht der Künstlerin später doch noch be 
kannt werden wird. 
Die betreffende Künstlerin ist Lilian Harvey. Sie und ihr 
Partner Willy Fritsch sind geradezu mythische Figuren, 
mit denen sich die Volksphantasie wieder und wieder beschäftigt. 
Da sie in der Vorstellung der Filmliebhaber unzertrennlich Zu 
sammengehören, können diese schlechterdings nicht verstehen, daß 
das Doppelgestirn neuerdings auseinartdergerissen ist. „Später 
werden Miau Harvey und Willy Fritsch bestimmt wieder zu 
sammen filmen" — oft genug muß die „Filmwelt" Enttäuschte 
auf die Zukunft vertrösten. Oder sie sieht sich zu der Erklärung 
veranlaßt, daß die beiden Stars trotz ihres gemeinsamen Auf 
tretens nicht miteinander verheiratet seien, und Lilian Harvey 
gar nicht daran denke, sich zu vergiften. Wie weit die Heldenver 
ehrung getrieben wich, ist aus der folgenden Antwort zu ersehen, 
die sich bemüht, keine Illusion zu zerstören: „Ob Willy Fritsch 
in der Schule ,gescheit' war, wissen wir nicht, nehmen es aber 
als sicher an." 
Jene, die sich selber als „Filmratte Fridel H. Sch.", „Neu 
gieriger Filmnarr", „MM Maus aus Hamburg", „Film-Ruth 
9696 aus Düsseldorf" titulieren, werden natürlich vom Wissen 
um ihre Lieblinge allein nicht satt. Können sie die schimmernden 
Vorbilder nicht mit Haut und Haaren verzehren, so möchten sie 
doch zum mindesten ein Zeichen in Händen halten, das ihnen 
einen Anteil-an der Existenz, der Jdealtypen gewährt. Sie fahn 
den nach Auto gram wie die mittlerweile ausgerotteten 
Indianer nach Skalps. Zum Glück scheinen sich die Stars darüber 
klar zu sein, daß sie nicht nur leuchten, sondern auch Unter 
schriften niederträufeln lassen müssen. „Sämtliche Filmstars," 
schreibt unsere Auskunftei, „geben Autogramme. Sie können sich 
direkt an sie wenden. Selbstverständlich ist immer die betreffende
        <pb n="38" />
        die überhaupt fürZ Bauen in Betracht kommen, werden in diesen 
Räumen abgehandelt. Man Kinn in Werkstätten ihre Bearbeitung 
verfolgen, wird mrt neuen Materialien bekannt gemacht und erhält 
Einblick in die modernen VerfahrungSweisen. Auch der Außen 
stehende muß bemerken, daß die Bauwirtschaft mitten im Ratio. 
nalisierungSprozeß steckt. Methoden und Substanzen 
die dem Bauen lange Zeit zugrunde lagen, werden abgetan und 
durch andere ersetzt. Ein« Dhnamisterung der Bauvorgänge, die auf 
der Wechselwirkung von ProduktionSfortschritt und ökonomischen 
Zwangsläufigkeiten beruht. Sie hat zur Folge, daß manche Er- 
w^rbsZweigs sich umstellen müssen. Seit etwa dirs Kupfer, das Zur 
Bekleidung der flachen Dächer dient, wie SLaniol susgewalzt 
werben kann, stehen die DachziegekhechEer auf verlorenem Pasten 
Den Spezialisten bleibt auch die Würdigung der Ausstellung? 
„Ländlicher Giedlungsöau" Vorbehalten, die das Frei* 
gelände bevölkert. Wer es nicht in der Kleinbahn durchfährt, bt« 
geht es auf Straßen, die nicht nur zum Gehen eingerichtet find, 
sondern auch zum Betrachten; denn jede von ihnen ist aus einem 
anderen Material hergestellt, das ergründet zu werden verlangt. 
Ich will nicht die Gehöfte, Stallungen und Gärtnereien 
an denen sie vorbeiführen, sondern begnüge mich mit der Erwähl 
nung der Tatsache, daß die Zweckmäßigkeit dieser Bauten in de« 
folgenden Jahren von den Fachleuten suLgewertet werden soll. 
Ein Experiment größeren Stiles also. — Zur ÜnvoWLndigkeit 
gezwungen, gedenke üh noch der Vollständigkeit halber der Siebs 
lungswandemuSstellung, der Gebäudegruppe: „Im deutschen Dsrf^ 
die einige exemplarische Haustypen umfaßt, einer großen Garage«« 
ausstellung in der Wandelhalle und einer Grvbmalschau. Auch eine 
von Bruno Paul bearbeitete Abteilung, die sich, grammatikalisch 
nicht ganz richtig, „Bildende und Bau-Kunst" nennt, P irgendwo 
untergebracht. 
O 
Die Gebäude- und Mrtenanlagrr „Ring ÄsL FraKes^ 
von Peter Behrens ist noch im Entstehen. Ohn« ihrer Beurteilung 
vorgreifen zu wollen, möchte ich doch schon sagen, daß der amtliche 
Katalog an sie genau jenen fragwürdigen Kulturbegrifs 
heranLrägt, der zum Glück durch einige Abteilungen der Ausste^ 
lung praktisch desavouiert wird- „Dieser Pavillon," heißt es bori, 
„ . , , ist dem Kulturwirken und den kulturellen Bedürfnissen der 
Frau gewidmet. Hier werden sich im Laufe des Sommers über 
hundert Frauenverbände für Veranstaltungen zusammensinde«. Die 
großen Verlsysanstalt-n werden Tage für die Fmu veranstalten. 
Es werden Kulturfilme gezeigt werden. Die Deutsche Buchgemem- 
schaft wird literarrsche Nachmittage atzhalten ,.. / Und so weiten. 
Ueber hundert Veranstaltungen, und gar noch Merarische Nach- 
mitiage - hier wird Kultur en gros zu Vsrrstszwecken gehamstert. 
Aber diese Aufspeicherung und Verabreichung von KulLmmarkeM 
artikeln hat mit wirMcher Kultur nichts zu tun. Am Interesse 
ihrer Herstellung liegt viel eher eine Landesplanung, die neue 
organisatorische Vorkehrungen trifft, oder ein rationelles Bsuver- 
fahren, das der Erleichterung des menschlichen Zusammenleben- 
dient. Kultur ist heute mehr denn je richtige Praxis; nicht Kon-s 
templation, die schmückt. Aufgesetzter Schmuck findet sich auch noch 
an anderen Stellen des Komplexes. Man müßte ihm im einzelne« 
nachgehsn, ihn mit den sinnvollen Bestrebungen konfrontiere« und 
ihn dadurch freisten. 
K 
Das große Publikum fühlt sehr deutlich, baß sich im neue« 
Bauen fortschrittsfreundliche Tendenzen verkörpern, die sich a«s 
derswo noch nicht bis zur Oberfläche durchgekampst haben. Auch 
durch Verarmung und Wohnungsnot dazu gedrängt, nimmt es i« 
seinem eigenen Interesse an den Versuchen der modernen Archiv 
tekten, Ingenieure und Städtebauer einen besonderen Anteil. Ihm 
sind die AusstellungSleiter, Veranstalter und Firmen durch viele 
schöne Modelle und eingängige Veranschaulichungen des teilweise 
abstrakten Materials entgegengekommen. Um von dem pompöse« 
Gipsmodell des römischen Stadtzentrums abZusehen, begegnet ma« 
etwa einem instruktiven Modell des unterirdischen Dlexanderplatzes, 
dem Schnitt durch ein Haus mit sämtlichen Installationsleitungen, 
der riesigen Darstellung von Berlins Wasserversorgung, einer Be^ 
tontreppe, die nach oben immer breiter wird, usw. Die überall durchs 
geführte oder doch angestrebte Methode schlagender Demonstrativ« 
verleiht der Ausstellung den Charakter der Lehrschau. Sie ist 
allgemeinverständlich, wo immer sie es kann, ohne irr falsche Popu 
larität zu verfallen. Ihr Nutzwert wird so erhöht. 
E. Srsesuer. 
lu seLusm Leböneu, uoed viel 2U ZelsZeE 
Lued: „Kpursn" (kM OASÄrsr, Lerlm),. einem 
neuen Leda^Lästlein, 6^8 lauter ^MaKsZesediedten 
unä Lr^LdlunZen entdüit, äie kremäurtiZ leuedten 
unä ZlitLsrn, verZleiedt Drnst VIoed einmal äsn mit 
äer Msendalin ^dkadrenäen einem kkeil unä seinen 
rmrüelMeidenäsn LeZleiter einem Li. Der kwil ist 
äas Linnbilä äisses Aroüen kdilossplien selbdr. 
Immer ist er ein H^alirenäer, von allen Punkten 
aus brielit er Lur „Moxie" nuk. Idr ist sein Uauxt&amp;gt;i 
^erir: „Verbs ist äsr IItoxi s" tzs^lämst, 
äas Vlosds Ramsn naed äsm LrisZ mit sinsm 
KedlaZ derülimt Zemaelit bat; äsr R-sise Lu idr 
liin Zeiten seins sämtlieden Ksliriktsn, Iltoxis äas 
ist äas Vanä HirAenä^a unä Ilsderall, in äsm äis 
Uenseden noed äis let^ts m^tdolsZiseüs NMs ad- 
Zs^srksn dabsn unä nun snälied sied ssldsr an^ 
trskken v^is sonst nur in äsn Näredsn. Das Missen 
um äissss Nsied ist Noed sedon von ^.nfanZ an 
eingeboren Zs^esen unä er erstürmt es Immer 
^ieäer mit äsr derrlieben. Ilnbekümmertbeit äsZ 
Lnabsn, äsr auk Abenteuer Liebt. äunZenbakt äst 
seins Visbs Lu Lar! Naz^ ^is überbauet Lur Lol- 
xortaZs, in äsr sntsebsiäsnäs ^atsZorisn vsrrrsrrt 
auktaueben; junZenbakt äis ^.rt, in äsr sr mit äsm 
vasso viele OinZs känZt, um ibnsn ibrs VsäsutunZ 
abLuxrsssen; junZenbakt seblisÜlieb äas ZsrinZs 
Lsäürknis, sieb ansässiZ Lu maeben unä äis stets 
Vereitsebakt Lum Manäern. Msr äsr äunZs, äsr 
seinem vüläsn Mestsn Lubraust, ist LuZIeäeb ein mit 
äsn Attributen äsr Meisbeit ausZestatteter ^Itsr. 
Vr Läblt aebtLsbn unä aebtÄZ äabrs; verZiüt über 
äen bsrausebsnäen vrsborZelLlLnZsn äer äabr-r 
markte niebt äis ünbs^eKlieben VisZsnsebakisn, äis 
äas beZsnteil LUsammenklaxxbLrer 2slts sinävsr- 
kolZt ssinsn MeZ in äis 2ubunkt, äis immer üsZsn^ 
v^art sein kann, unä Zeäsnbt äoeb, ein bsrsedtsr, 
äes VerZLnZsnsN^ in äsm äis Iltoxris sebon ibrs 
Lxuren. bintsrlassen batts, Mas je von ibr LsuZts, 
er nimmt ss mit: Nsvolutionär unä Vs^abrsr in 
eins, beraäs äisser bssonäers Konservativismus 
ksnn^eiebnet ibn als äsn sebten Hsvolutionär, äsr 
sr immer Zeusen ist, Mebt so, als ob Lbm äie 
Vtoxis mit äem LoLialismus versebmölLe: aber äsr 
LisZ äes krolstariats unä äis Verstellung äer 
klassenlosen bssellsebast ist ibm äis vsäinZunZ äsr 
Utopie, ^ueb sein kommsnäss Bueb: „Das übsr- 
Zebenäs vürZsrtum^ Mirä äsr Saebs äsr Kevolution 
äiensn, äis Sr bSrsits im „ll'bomak NünLsr" 
vertrat. ^raeausr.
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        -6) , ^8-W^Z^i 
Kostspieliger Weltfrieden. 
Der gigantische Film: „Ende der Welt" von Abel 
Gance mutet gar nicht französisch an. Ein monströses Werk, das 
eher ein Nachfahre von „Metcopolis" zu sein scheint. Allerdings hat 
dieser ältere Lang-Film seinerzeit in Paris gut gefallen, And über 
haupt haben die Franzosen genau so ihren Kitsch wie wir den 
unsrigen Nur die Vorliebe für unproportionierte Riesenmaße ist 
drüben neu. 
Durch Weltuntergang zum Weltfrieden: so 
lautet, auf ihre kürzeste Fassung gebracht, die These des Films. 
Oder anders.ausgedrückt: erst muß ein Komet die Erde bedrohen, 
ehe der Friedenswille der Völker sich durchsetzen kann. Ich finde, 
daß der Weltfriede durch dieses himmlische Eingreifen denn doch 
zu teuer erkauft ist, und zöge irdische Methoden zu seiner Verwirk 
lichung vor. Wären sie von Abel Gance berücksichtigt worden, so 
. hätte er aber weder sein Prunkschauspiel herstellen noch einen so 
gegenstandslosen Idealismus entfalten können. Träger dieses 
Idealismus ist ein Astronom, der unter Berufung auf die nahende 
Weltzerstörung gegen die Kriegsparteien kämpft und die Friedens- 
Neue Iitme. 
ILs* Berlin, im Mai. 
Unterwelt. 
Die Unterwelt blüht nicht nur in Chicago, sie ist auch in Berlin 
in Mode gekommen. Bei uns haben die Ringvereine den Fremden 
verkehr gewissermaßen in eigene Regie übernommen. Der Verein 
„Jmmertreu" verunstaltet Feste, Zu denen er lithographierte Ein 
ladungskarten verschickt, und läßt sich das Vergnügen, bei ihm zu 
Gast zu sein, teuer bezahlen. Wozu erst einbrechen, wenn man be 
quemer zu Geld kommen kann? Ich nehme an, daß die Snobs aus 
dem Berliner Westen bei solchen Gelegenheiten ein ähnliches Gru 
seln überläuft wie früher bei den Piscatorpremieren. Waren sie dort 
mitten in der Scheinrevolution, so sind sie hier im „Milieu", das 
noch dazu echt ist. Die Bürger werden heute von allen Mächten an 
gezogen, die jenseits der bürgerlichen Grenze stehen. Nur weiß ich 
nicht, ob die zunehmende Popularität der Ringvereinsfeste ein 
Zeichen für die Verbürgerlichung der Verbrecherorganisationen 
oder für das Schwinden des Eigentumsbegriffs ist. 
Die Filmindustrie beutet neuerdings das Interesse des großen 
Publikums an den Vorgängen in der Unterwelt aus. Ihnen ist vor 
allem der jetzt uraufgeführte Fritz Lang-Film der Nero: „M" 
gewidmet. Er ist das artistische Glanzstück eines außerordentlich be 
fähigten Regisseurs. Von den „Nibelungen" über „Metropolis" zu 
einem weltstädtischen Polizeifilm mit allen möglichen Schikanen 
und Sensationen — ein langer Weg, dessen Richtungssinn durch 
aus zu rechtfertigen ist. Denn das Hemd ist uns näher als der Rock, 
und ein Massenmörder betrifft uns in dieser Zeit mehr als etwa 
Hagen. Allerdings gibt Lang den Mythos nur preis, um auch das 
aktuelle Geschehen zu mythologisieren. 
„Eine Stadt sucht einen Mörder. Zwei ganz verschiedene Men 
schengruppen, Kriminalpolizei und Unterweltorganisationen, fahn 
den nach seiner Spur und finden ihn . . Der in diesen knappen 
Sätzen des Programms zusammengefaßte Inhalt ist unter Beteili 
gung Thea v. Harbous von einem Kollektiv hergestellt worden, das 
sämtliche Wirkungschancen haarscharf ausklügelt und berücksich 
tigt. Man liebt heute Tatsachenberichte: also sind dem Film lauter 
Tatsachen zugrunde gelegt — polizeilicher Erkennungsdienst, Er 
regung des Publikums, falsche Selbstbezichtigungen, Razzien usw. 
— die in blendenden Reportagen verarbeitet werden. Man disku 
tiert in der Öffentlichkeit leidenschaftlich gewisse Paragraphen und 
Tendenzen: der Film pirscht sich an sie heran und beantwortet sie 
klugerweise nicht. Was hat es auf sich mit der Standesehre von 
Verbrechern? Soll ein Kindermörder, der wie Kürten sein Unwesen 
treibt, hingerichtet oder nur eingesperrt werden? Das Kollektiv stellt 
diese und andere Probleme gleichsam zur Schau. Und da man nicht 
gerne ohne eine Belehrung entlassen wird, ermähnt es durch den 
Film das Publikum, die auf der Straße gefährdeten Kinder zu 
schützen und überhaupt für die Verhütung von Verbrechen M sorgen, j 
Mit einem riesigen Aufwand und doch zugleich rationell wie 
nur der erfahrenste Fachmann hat Lang diese Spiel- und Repor 
tagehandlung in Szene gesetzt. Die Virtuosität seiner Arran 
gements ist unter allen Umständen zu bewundern. Wie er das 
angstvolle Warten der Mutter auf ihr Töchterchen steigert; wie er 
das Grauen vergegenwärtigt, das den Mörder umgibt — ich 
denke an die Szene, in der er seinem kleinen Opfer einen Ballon 
kaust, an sein Pfeifen, an seine kurze Rast hinter der Laube eines 
VorstadtcaseZ —; wie überhaupt das In einund erspiel von Poli 
zei, Presse,. Str^ und Bettlerorgani ¬ 
sation bewältigt wird: das ist filmisch gekonnt, fein detailliert, 
ohne in Kleinkrämerei auszuarten, und mit starker Hand Zu 
sammengebaut. Das Bedürfnis, allen alles zu geben, hat freilich 
doch Zu Breiten geführt. Manche an sich instruktiven Passagen er 
müden, wie geschickt immer sie eingebaut sind, und im Streben 
nach UeberdeutlichkeiL quellen auch verschiedene Abschnitte viel zu 
kraß und stilfremd heraus. Man könnte streichen. Dem Tonfilm 
bringt Lang nichts Neues; es sei denn, daß er sich weitgehend die 
optische Freizügigkeit wahrt, gut auskalkulierte Uebergänge macht 
und die Figuren mitunter von ihren Worten trennt. Aber im 
ganzen überwiegen die Dialoge. 
Die bereits erwähnte Tendenz zur Mythologisie- 
rung erzielt schwelgerische Effekte, die nur leider nicht die sach 
lich geforderten sind. Es scheint, als könne Lang von den Nibe 
lungen nicht lassen; jedenfalls verfolgt ihn die grdße Oper mit 
ihren Apotheosen bis in den kriminalistischen, Stoff hinein. Er 
hätte seinen Vorwurf in einem Sinne zu Ende führen sollen, der 
unserer sozialen Wirklichkeit entspricht. SLaMessen biegt er von 
ihr ab und heroisiert das Verbrechertum. Um pompöser Massen- 
auftritte willen muß dieses auf der Suche nach dem Kindsmörder 
ein riesiges Bürohaus bei Nacht und Nebel durchwühlen und 
dann Wer den Erwischten zu Gericht sitzen. Das sieht so großartig 
aus, ist aber unwahr und tilgt den Nutzwert der vorangegangenen 
Reportagen. Immer wieder diese Fassadenkultur, diese wilhel 
minische Pracht. Wenn Lang es über sich brächte, die Bramarbas 
gelüste zu unterdrücken, führen er und wir besser. 
Der in ein exakt umrissenes Schauspielermilieu eingestellte Peter 
Lorre ist ein unheimlicher Mörder. Formlose Sanftmut ver 
wandelt sich in fürchterliche Besessenheit, erschlaffte und bestialische 
Zuge wechseln miteinander. Schade, daß ein outrierter Gebrauch 
von rollenden Augen gemacht wird und das Mimische im Schluß 
akt zu stark unterstrichen ist. 
Montmartre-Singspiel. 
Rens Clair ist in Gefahr, ein Publikumsliebling zu wer- 
Sem zweiter, in Berlin begeistert aufgenommener Großfilm: 
„Die Million" zeigt gefällige Dinge, die niemand in Un- 
v^setzen. Die Fabel: Ein junger Maler, der inmitten eines 
Kunstlervolkchens aus Murgers Boheme hoch unter den Dächern 
von Paris Haustz wird von einem Gläubigerchor gehetzt, entdeckt 
' aber gerade im Augenblick der Verzweiflung, daß er in der Lotterie 
eine Million gewonnen hat. Nur steckt das Los in einem Rock, der 
von seiner Freundin verschenkt worden ist. Es beginnt ein komisches 
Hindernisrennen aller Beteiligten mit Eifersuchtseinlagen, Kon 
kurrenzkämpfen und polizeilichen Intermezzi nach dem herum 
irrenden Glücksrock. Erst ganz am Schluß findet das Los zu seinem 
Inhaber zurück. 
Ich habe den Inhalt angedeutetz um auf das Entgleiten Clairs 
in die H a rml o s i gke iL des Vaudeville aufmerksam zu machen. 
Noch „8ous les toitg äe karis" enthielt wehmütige Satire und 
Motive, die unverkennbar den Geist der Avantgarde verrieten. Hier 
spürt man kaum etwas von Kritik, und sei sie auch mittelbar, von 
Outsidertum und Fremdheit. Atelierluft, Gläubiger und Grisetten: 
das alles zusammen ergibt eine etwas verschollene Umwelt, die 
durch die Jagd nach der Million nur verfestigt wird. Rein stofflich 
betrachtet geht uns der Budenzauber nichts an, und ob es sich 
bei solchen Farcen um Künstler oder Prinzen handelt -- roman 
tische Spielzeugfiguren sind beide. 
Mit Spielzeug kann man sich immerhin unterhalten, zumal 
wenn es anmutig ist. Rene Clair versteht sich auf Schick. Er baut 
die Methoden aus, die er schon früher angewandt hat, und gibt 
überhaupt eine Menge praktisch verwertbarer Anregungen. Ent 
scheidend ist sein Verhältnis zur Sprache. Die Vorherrschaft der 
Sprache wird gebrochen, und an ihre Stelle tritt eine breite 
rhythmische Bewegung von Bild- und Tongruppen, deren Zug 
seinerseits dem Wort den Platz anweist. So werden die Dialoge auf 
ein Minimum eingeschränkt — ein Verfahren, das nicht nur den 
Tonfilm erst zum Film macht und jeden Vergleich mit dem Theater 
zurückdrängt, sondern auch die Jnternationalität wieder anöahnt, 
die einst dem stummen Film zukam. In ihrem Interesse hat Clair 
ferner mit außerordentlicher Virtuosität kurze Szenen einmontiert, 
in denen zwei Sprecher, die sich der jeweiligen Landessprache be 
dienen können, den Gang der Handlung fortlaufend erläutern. Aller 
dings benutzt er zur Ausschaltung des Wortes Mittel, deren Ein 
seitigkeit bedenklich ist. Um von der musikalischen Untermalung ab- 
zusehen, reiht er Schlager aneinander und verfällt, wo er nur kann, 
ins Operetten hafte. Wie es scheint, ist die Verniedlichung 
auch formal gefordert. Aber ein Künstler wie Clair müßte imstande 
sein, den Dialog auszutreiben, ohne dabei auf den Abweg kunst 
gewerblicher Arabesken zu geraten. 
Nur in einer einzigen wundervollen Szene erreicht er seinen Ur 
sprung. Es ist die Szene in der großen Oper: eine vollendete 
Satire auf entleertes Pathos. Während im Vorderplan eine zentner 
schwere Sopranistin und ein Tenor, die sich beide am liebsten die 
Augen auskratzen mochten, süße Arien ausschwitzen, Lauert hinten 
im Kulissengebüsch der junge Maler mit seiner Freundin dem Rock 
auf, der gerade im Besitz des Heldensängers ist. Papierblütenblätter 
rieseln auf die Paare nieder, die Papprosen duften, und das Publi 
kum schmilzt dahin. Selten ist der alte Opernstil scharmanter ironi 
siert worden als durch die Konfrontation des tenoralen Edel- 
glanzes: nicht mit der Nüchternheit des Millionenjägers, sondern 
mit einem Kunststil, der die Welten des Sängers und des Malers 
umspannt.
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        bereitschaft der Völker aufpeitschen will. Ein Phantast, wie er M 
schlechten Büchern steht; ein astronomischer Hanswurst, der tieri 
scher Angst abpretzt, was bestenfalls die menschliche Vernunft zu 
erzwingen vermag. 
Trotz der Schauerlichkeit des Weltspektakels: seine Inszenie 
rung enträt nicht einer gewissen Größe. Häusereinstürze, Ueber- 
schmemmungen und Erdbebenkatastrophen aus Wochenschauberichten 
sind kunstgerecht ineinanderzewoben und durch raffinierte Mon- 
togeeffekte überhöht worden. Ausgezeichnet das Bild von der toll 
gewordenen Börse. Aber das Gelingen im einzelnen vertieft nur, 
noch den Eindruck vom Unsinn des Ganzen. 
Der Kurfürstendamm als Siegesallee. 
BerLm, im Mai. 
Der KuMrstendamm ist die moderne Siegesa!!.es. Statt 
mit Herrschermarmordenkmälern, die ein Bein vorstellen, ist er mit 
Photos von Prominenten übersät, die etwas vorstellen 
ode^ doch vorstellen wollen. 
In diesen schönen Sommertagen, in denen dort alle Bäume 
grünen, die man noch nicht gefällt hat, die Luxuswagen auf- und 
aörollen und die Cafehausterrassen mit Menschen vollgepfropft 
find jetzt während der Nachmittagsstunden ist die richtige Zeit, 
um von Lichtbild zu Lichtbild zu schlendern. Auf Schritt und Tritt 
folgen sich die hochkünstlerifchen Photographen. Ihre Vitrinen 
schmücken die Vorgarteupfostm, beleben die Wände und ziehen sich 
tief ins Dunkel der Hauseingänge aus Kunststein hinein. Gefüllt 
sind sie mit Porträts, die nicht durch ihre Licht- und Schatteneffekte 
entzücken, sondern mehr noch durch die in Zierschrist beigefügten 
Namen der Originale. Wer in dieser Bilderallee verewigt ist, dessen 
Ruhm ist besiegelt, der, hat das Rennen gemacht. Und die paar 
Namenlosen, die sich mitunter doch eingeschlichen haben, hängen wie 
arme Verwandte unbeachtet zwischen den Größen. 
Zwar auch Kinder sind der Siegesparade eingereiht worden, 
unschuldige Kinder, die von ihrem Triumph noch nichts wissen. 
Aber sie gehören vornehmen Eltern und heißen alle besonders 
schön. Ina und GriL, Marie-Luise und Regina, Vera und Sylvie 
— da stehen sie in ihren Kostümchen, lächeln ahnungslos und sind 
schon ausevwählt vor anderen Kindern. Meistens neigt sich noch 
eine Dame zu ihnen herab, die ihre Mutter ist, und das Ganze 
ist dann ein Bild ungetrübter Mutterliebe aus gutem Haus, wie 
es die illustrierten Zeitungen gern zeigen. 
Häufig ziehen die Damen vor, sich von den kleinen Engels 
wesen zu trennen und ganz allein auf der Bildfläche zu erscheinen. 
Sie tragen Pelze oder Gesellschaftskleider und immer einen aristo 
kratischen Namen. Ist eine von ihnen aber einmal einem reichen 
Bürgerlichen angstraut, um noch aristokratisch auftreten zu kön 
nen, so wird bestimmt ausdrücklich erwähnt, daß sie eine geborene 
Baronesse ist. Ein Hauch von großer Welt umgibt diese Damen, 
sie sind selber von den Photographen ehrfürchtig hingehaucht wor 
den. Die Jungen sehen einander Zum Verwechseln ähnlich, die 
Netteren strahlen Huld aus, und hinter allen ist ein Zu 
ahnen, dessen Wogen noch höher gehen als die am KurfürstendamM. 
Bon den Heeren der Schöpfung ist selbstverständlich jeder eine 
illustre Persönlichkeit, ein Adelsmensch sozusagen, sei es nun von 
Geburt, von Geld oder von Geist. Botschafter^ Generaldirektoren 
und Ministerialdirektoren geben sich hier ein Stelldichein — eins 
erlesene Versammlung, -der zur Zeit Exz. von Seeckt mit blitzen 
dem Monokel präsidiert. Auch mfter Reichspräsident hat sie schon 
wiederholt mit seiner Anwesenheit beehrt. Starrem Kastengeist 
abhold, gewährt sie Dichtern wie Heinrich Mann und DMiu, die 
der Dichterakademie angehäreu, willfährig ein Asyl und ver- 
schtteßt sich sogar nicht dem poetisthen Revolutionär Toller. Wir 
leben in einem demokratischen Land. Die Photographen haben es 
darauf abgesehen, den Mannerköpfen bedeutende Züge Zu ver 
leihen. Manche entwachsen dämonisch den Schatten, andere wirken 
durch die Augen, die Haarpracht oder scharstmodellierte Konturen. 
Wären sie aus Stein oder Bronze, sie stünden weithin sichtbar 
auf einem Postament, 
Ihre richtige Leuchtkraft erhält die Gesellschaft erst durch die 
Stars. Marlene Dietrich, Gerda Maurus, Lee Parry; sämtliche 
Filmdiven find in den feenhaften Toiletten zugegen, in denen sie 
die Rennplätze besuchen oder nach Premieren an der Rampe er 
scheinen. Sie gleichen den Lilien auf dem Feld und schimmern. 
In ihrer Rahe drangen gefeierte Schauspieler mit interessanten 
Stirnfalten, -Tänzer, die sich verrenken, und die Muskeln von 
Boxern. Einige Künstler und Künstlerinnen sind im Schaufenster 
eines Friseurs ausgestellt, dem sie die Güte seiner Frisuren eigen 
händig bestätigen. Es ist der Himmel auf Erden. 
Der Marmor ist zum Photo geworden — aber wo sind die schnei 
digen Leutnants geblieben? Auch für sie gibt es Ersatz. Eine 
Sorte modischer Jünglinge bevölkert heute den Kurfürstendamm, 
die sich der neuen Siegesallee genau so natürlich eingliedsrn wie 
jene Leutnants der alten. Um treffendsten könnte man sie als 
männliche Girls bezeichnen. 
In diesen schonen Sommertagen grünen sie unter den Bäumen, 
lustwandeln auf und ckb wie Luxuswagen und füllen die Cafe 
Hausterrassen. Jünglinge, die sich wie die photographierten Mädchen 
aufs Haar gleichen, aber trotz ihres einförmigen Aussehens den 
Eindruck von Qualitätsfabrikaten machen. Jedenfalls sind sie mit 
Geschmack hergestellt worden. Die Hosen sitzen ihnen straff um die 
Hüften, Hemden, Schlipse, Schuhe und Seidentuchwimpe! passen 
zusammen, urrd das gekrärrselte Haar ist augenscheinlich mit 
WasserstossiupM gebleicht. Ihre Augen blicken leicht seemän 
nisch, ihre Haltung ist ein Gemisch aus Anmut urG Stadion. Sie 
sind den Mädchen, um die sie sich kaum kümmern, ein Wohlge 
fallen, und noch mehr den Männern, die nach ihnen Ausschau 
halten. Manche von ihnen haben sich aus Freude an Abenteuern 
in verschiedenen Erdteilen umgetrieben und dann einige Beobach 
tungen mit nach Häufe gebracht. Die schreiben sie nieder. Oder sie 
gehen zum Film; oder sie leben, ohne etwas zu tun. Wovon sie 
leben, ist rätselhaft. Es ist, als habe der Kurfürstendamm sie 
gezeugt. Wie Sieger befchreiten sie ihn. Und die Prominenten, die 
etwas vorstellen, blicken auf sie herab. 
S. Kracauer.
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        ligaridiert. 
S. Kramuer, . 
7)^ bt^oOk , A^' 
-2^ 
Ueber äie Herausgabe von HeberseiLUUAe-^17 
LLrr 
Hins und Krise 
V«""' * 
In der Scala sah ich vor einigen Tagen die Alfr e d Iack- 
son - GLrls, die, wie das Programm miLLeilt, gerade von ihrer 
Auslandstournee zurückgekehrt sind. Diese Truppe besteht nicht etwa 
aus 16 Mädchen — ich kaum mich in der Zahl irren —, sondern 
jedes Mädchenbein ist der 32. Teil einer Apparatur von wunder 
voller Präzision. Wer je in einem Vergnügungsdampfer gefahren 
ist, hat sich gewiß schon, mit dem Rücken gegen irgendeinen Vier- 
waldLstättersee, über die Brüstung im Innern gelehnt und auf die 
funkelnden Schiffsmaschinen herabgeblickt. An das regelmäßige 
Spiel ihrer Kolben erinnern die Posen der Girls. Sie sind nicht 
von militärischer Exaktheit, sie entsprechen dem Ideal der Maschine. 
Drückt man auf einen Knopf, so wird die Mädchenvorrichtung an 
gekurbelt und leistet die gewaltige Arbeit von 32 DZ. Alle Glieder 
rollen, alle Wellen geraten in Umlauf. Und während der Mechanis 
mus stampft, zittert und dröhnt wie ein Sägewerk oder eine Loko 
motive, trieft fortwährend das Oel des Lächelns in die Gelenke, 
damit nicht plötzlich ein Rädchen versagt. Zuletzt wird auf ein un- 
hörbares SirenenZeichen hin die maschinelle Tätigkeit aögestoppt, 
und das tote Ganze Zerlegt sich automatisch in feiM lebendigen Teile. 
Ein ZerstörungsproZeß, der das traurige Gefühl hinterläßt, daß 
diese Teile gar nicht selbständig weitcrZuexistieren vermögen. 
Die Wirkung der netten Girls ist gespenstisch zu nennen. Sie 
muten wie ein Ueberbleibsel aus verschollenen Jahren an, die jetzt 
zur Unzeit heraufsteigen, und ihre Tänze sind entleerte Montagen. 
Was wird durch sie wie durch ein fleischgewordenes Gleichnis ver 
körpert? Das Funktionieren einer blühenden Wirtschaft. In 
jener Nachkriegsära, in der die Drosperst^ unbegrenzt schien und 
man noch kaum etwas von Arbeitslosigkeit ahnte — damals wurden 
die Girls in U. S. A. künstlich gezeugt und dann serienweise nach 
Europa exportiert. Sie waren nicht nur amerikanische Produkte, sie 
demonstrierten zugleich die Größe der amerikanischen Produktion. 
Deutlich entsinne ich mich des Auftretens solcher Trupps in der 
Saison ihres Ruhms. Wenn sie eine Schlange bildeten, die sich auf 
und nieder bewegte, veranschaulichten sie strahlend die Vorzüge des 
laufenden Bands; wenn sie im Geschwindtempo steppten, klang es 
Wie: LuZines-Z, Business; wenn sie die Beine mathematisch genau 
in. die Höhe schmetterten, bejahten sie freudig die Fortschritte der 
Rationalisierung; und wenn sie stets wieder dasselbe taten, ohne daß 
ihre Reihe je abriß, sah man innerlich eine ununterbrochene Kette 
von Autos aus den Fabrikhöfen in die Welt gleiten und glaubte zu 
wissen, daß der Segen.kein Ende nehme. Jhr^ Gesichter waren mit 
einem Optimismus geschminkt, der jeden Widerstand gegen die 
ökonomische Entwicklung schon im Keim erstickte, und die kleinen 
Lustschreie, die sie in sorgfältig auskalkulierten Abständen von sich 
gaben, priesen die Herrlichkeiten dieses Daseins immer aufs neue. 
Einförmig wälzten sie sich über die Bretter dahin, erregten gerade 
soviel Sinnlichkeit, als Zur Entspannung von den Geschäften ge 
nügte, und Nichten unverdrossen die gute Konjunktur aus, die sich 
selber in ihnen darstellte. &amp;gt; 
Das ist heut anders geworden. Ein Börsenkrach nach dem andern 
hat die Wirtschaft erschüttert, und längst hat die Krise das Ver 
trauen in die Ewigkeit der Prosperität Lügen gestraft. Man glaubt 
ihnen nicht mehr, den rosigen Jackson-Girls! Zwar liegen sie mit 
derselben Peinlichkeit wie früher ihrem abstrakten Gewerbe ob, aber 
die Gläcksträume, die sie erwecken sollen, sind schon seit Jahren als 
törichte Illusion entlarvt. Und schwingen sie noch so sehr ihre 
Beine: sie kommen, ein Schattenzug, aus dem gestorbenen Gestern. 
Ihr Lächeln ist das von Larven; ihre Zuversicht ein Restbestand 
aus besseren Tagen; ihre Akkurateste ein Hohn auf die Schwierig 
keiten, in denen sich die von ihnen vergegenwärtigten Mächte be 
finden. Mögen sie sich immerhin schlangeln und wellen, als sei gar 
nichts geschehen die Krise, der so viele Betriebe zum Opfer ge 
fallen sind, hat auch diese Mädchenmaschinerien stillschweigend 
uns Herüber kommen, müssen erst ASSpräckiA AS» 
mackt rceräen. Lnä man Hebt ikre Weisung sur 
Stummkeit am aller-oe-ripsten äaäurck auf, äa/? man 
sie Me äie einkeimiscken M^euFnisse dekanäeit unä 
uns UitteilunpeN über ikr Moker vorentkäll. Mn 
llerfakren, äas äer ^rägHeit entspringt unä äie Herr- 
sckenäe Wirtsckaftlleke Xnarckie Wiäerspicpeit. Ls 
kinäert niekt nur äas llerstänänis übersetzter 
Merke, es Mekrt LUgieick äie ^ermirrung. 
Dem Debet Wäre äurck fotpenäes Uittet teick^ 
abLukeifen. Isäer ausiänäiscken lVeuersckeinung 
mü/?te ein Steckbrief ikres Autors mitge» 
geben leerten, äer siek auf äem Dmsckiag oäer an 
srgeuäeiner anderen Steile bequem unterbringen 
iie/?e. Mis ait ist äer Verfasser? Meicke Stellung 
öekieiäet er? Mis rcirä sein irterarisekss Mirken in 
äer Leimat öeurteiit? Lur^um, äer Steckbrief Hütte 
Daten su entkaiten, äeren Lenntnis Lur Dercertung 
äe§ betreffenden Duckss uneriä/?iick ist. Dm etma 
äas eruiä/rnte Merk über „Deroait unä Terror in 
äsr Levoiution" ricktip einLusckätLen, sinä einiAS 
Linreeise auf äie poiitiscke Daufbakn Steinbergs 
nickt su entöekren. Sie könnten äem Referenten 
äie Vorarbeit erieicktern unä äen Lesern als Xnkatt 
äienen. 
In mancken Lallen ist äer Hier erkobsnen Lor* 
äerung bereits vorbiiäkaft entsprocken rcoräen. S&amp;lt;r 
Hei/it es in einer äem Loman: „Die Straf? e okns 
Sonne" beigefügten Lotrs.- „Mn fapaniscker Drucke 
reiarbeiter sckrieb ikn im lakre 1929. Sein Stoff ist 
äer gro/?e Streik gegen äie Lpoäo-Xktrengesellsckaft, 
eine äer Frönten Druckereien Tokios. Dieser Streik 
äauerte von äaNuar bis UärL 1926 . . ." Im Ds. 
sits äieser Dnteriagen kann Mer Drteiisfäkige Zn 
äem Doman Steiiung nekmen. Ls kommt aber äaranf 
an, äa/? man überall äie nötigen Auskünfte erkält, 
äaF einer Hie nnä äa erfüllten Lfiickt sgste-. 
matiscH genügt mirä. DeöersetLungen okns äer* 
artige Informationen gieicken Düster äie sicH 
nickt vorste/ien. Mst ein Steckbrief gestattet «airk^ 
tick ikre bsrfoigung. ^§r. 
^4llfäkrllsK rcsräcn m Dsukscklanä sakkrercHc 
Debersct § ungen bellctristiseker. PMisc/rer, 
öroAraMsckcr, nationalökonomisckcr Merks auf äen 
Uark? Abworfen. ^rceifellos srüä sie nickt alls rebens- 
notEäiF für Aus, Anä Ek äie ^4rt ikrer Mn* 
äeutsckunA verstört oft AeAsn reelle sxrÄskttcke 
DrmräsStsc. ^4öer ick E'll -nick Hier nickt anf mese 
Eisrö-rterten DraAen ei-äasse-r, sonäer-r eines anäeren, 
seite-rer keSProckenen Bm-Ktes Aeäenken. 
Immer -cieäer tsmeke-r ausiänäiscke Düc/rer. auf, 
äie -L-rs rom ^utor kaum mekr verraten ais 
seinen Namen. So kat Dok-coit vor kurzem äas ^erk 
„Sercait unä Terror iu äer Kevoiutiou von I. Mern- 
kerg kerausAeörockt. Mer ist I. Lteiuberg? ^uf äer 
lumuseite äes DmscwüZ erfakreu uür nur, äast äreser 
Uouu einmal uEkrenä äer russiscken Kevoiu ron 
^oikskommissar äer lustig genesen ist,- sonst nrckrs. 
Mne micktige, im 6. Mscker ^eriag ersckienene Dro- 
scküre über äen Dünf/akrespia-r rükrt von Krckael 
Darbman Her, über äen sick aus äen bergeMenen 
Angaben geraäs nock ermitteln kästt, äap er ern 
DnAiänäer ist. Lekon äie üatsacke. äa/? er als Lor- 
resMnäent äes „Uanckester Suaräian Kustianä be 
reist Hat, unrä uns versckMSAen. Das Dunkel, äas 
im allgemeinen äie llomanautoren umlagert rst 
überkauPt nickt §u Zickten. Kiäous DuvieZ/, ^äou- 
W-ck ?eissem, L-am 0'rr&amp;lt;r/rertN — iL--e LeUet^stE 
uiirä eines I^äAes anFßmekt, unä niemanä -cerst 
nau aus rceicker DimmeisAeAenä sie stammt. 
Xus äieser Eifack geübten ^er/egerKra^is er- 
rcackserr Nackter? e für äie Lonsumen- 
t e n. Ma^t auck vielleickt äie Hauptmasse äes Du- 
diiküms nickt äen Locken nack, äie ikm äen Desefrast 
Lubereiten, so entraten äock äie Luckkritiker ent- 
sckeräenäer Lanäkaben, -cenn sie vom Xutor äes fe- 
u'eits su ksurteiienäen Merks auster seinem Lamen 
mcktS u-issen. Ikre Ueinunp öeeinflu/?t aber Msäerum 
äie äes Publikums. DeuB ^oll äas Merk für seinen 
Verfasser sprecken unä es ist beAreifllckerWbise nickt 
sckWer, äsutscken OriAinaiWerken äie ^unge Zu io'sen. 
Merks feäock^ äie aus fremäen Sprackpebisten LU
        <pb n="42" />
        Von 8. LraesiLvr. 
meint rugleieb äie Versöbnung 
ch 
Bntkerntsr 
wegen sebieke 
Brledigung: es 
rnit ibm. 
tbematiseber Verwandtsebakt 
ieb der Betraebtung dieses aus- 
unterstellt — es bewäbrt sieb ja aueb erst in 
der Konfrontation mit der Bekenntnis —, gelangt 
er 2ur einzig aktuellen Brosa unserer läge; das 
beißt, ?u einer Beosa, die wirklieb prosaiseb 
ist und alle unbeauksiebtigten 8ebwelgereien 
vermeidet. Keine 8timmungsaura umbüllt die 
Objekte, und bart gegeneinander abgeseträe Br- 
sobeinungen treten an die 8tebe seeliseber 
Uebergänge. Va er andrerseits die 8ubstan2en 
und Bmpfindungen besteben läßt, die von der 
Brkenntnis niebt angegriffen werden, bleibt in 
der klaren Dukt vie18eiende8 lebendig. vie Borm, 
in der es existiert, ist der Rumor und kann 
nur Rumor sein. Denn er entspringt genau an 
jenem Bunkt, an dem Hers und Brkenntnis sieb 
trekken, ebne einander miksuversteben. Ibre 
Verbindung erzeugt, eine LZrtliebe 8ebonungs- 
losigkeit, die den Boman wundervoll untermalt. 
Das OelLebter, das er bervorrukt, stammt aus 
der Vernunft, die niebt berrlos ist, sondern die 
Zukluebt des Redens. 
8is erklärt sieb um so unzweideutiger, je 
mebr die Verbältnisse sieb ruspit^en. Lolange 
die 8owjetmaebt Bisebbein niebt bebebigt, bleibt 
sie kür ibn eine dunkle unbestimmte vrobung; 
von dem Augenbliek an, in dem sie ibn und 
seinesgleieben ru liquidieren beginnt, bleut sitz 
ibm aueb die Vründe ibres Verbaltens ein. 
Rierdureb wird in der Gestaltung naebge- 
wiesen, daß sitz das Gegenteil einer m.ytbiseben 
Oewalt ist. Ibr 8preeber ist der jüdisebe Kom 
munist Babinowitseb, der dem endlieb über- 
wältigten Bisebbein mit der Grausamkeit des 
Ibeoretikers die Augen Öffnet. lind auk der 
Babrt in die Verbannung am Bage naeb Denins 
lod siebt der wissende Bisebbein selber dieses 
bittere Besümee: „4a, Arbeiterklasse, das ist 
wirklieb eine Klasse! Berükr den einen mit 
einem Binger und ein anderer von ibnen kakt 
dieb gleieb mit allen künken an. Aber wir? Ver 
snob mal und ruk: ,Kaufleute aber Dänder, ver 
einiget eueb!' — was wird daraus? Aus Kon 
kurrenz werden wir einander die Keblen dureb- 
bei-ßen, und einer wird den anderen mit den 
Oedärmen auffressen! va bast du die Ver 
einigung! ..." 
Bisobbein bat ein für allemal die Waffen ge- 
streokt. Br ist durob einen vrteilssprueb getilgt 
worden und niebt das Opfer verblendeten 
Rasses. 8o dark die Diebs ibm naebgeben und 
seine traurige Gestalt aukbewabren. lind das 
Daeben, das die Binsiebt über sein Bun an- 
stimmt, gilt einem größeren Ziel als nur seiner 
gereiebneten Werkes einen Hinweis auk den 
koman: „vis Kebellion des Inge 
nieurs Lariski" von vmitrij ^sebet- 
werikov naeb (Verlag ver Büeberkreis, Ber 
lin. 245 8eiten). Dr bebandelt ebenfalls private 
Debensläuke in 8owjetrußland, und rwar die von 
Barteibürokraten und 8p62iabsten. va die Zu 
stände sieb allmäblieb stabilisieren, fängt die 
Brotik an, wieder eine Bolle 2u spielen. Ist die 
Diebe veraltet, oder kommt ibr aueb beute 
noeb ein gewisser Vebrauebswert ru? — so 
ungekäbr fragt der Verfasser und tritt mit der 
besebtzidenen Verfübrungsgabe, über die er ge 
bietet, gegen die Bigoristen der Bartei kür die 
Entfesselung irrationaler Diebs ein. ver 
parteilose Ingenieur Lariski ist ibr Bräger. Von 
den Bkeben Vott Amors getroffen, stürmt er 
sieb trotx der Vorstellungen seiner Kollegen in 
die unökonomiseben tzualen und 8eligkeiten 
eines aukerebeboben Diebesverbältnisses, das er 
später legalisiert, vie Bedenken, die etwa wider 
diese Btzjabung des vorkommunistiseben Triebes 
auktauoben könnten, werden böebst primitiv 
dureb die Beklexion Kariskis ^uniebte gemaebt, 
daß die Diebe ja aueb gewaltige Broduktivkräfte 
erzeuge. Kariski legt sieb Kinder ?u; Kariski 
verspürt naeb seiner erotiseben 8ättigung einen 
mäebtigen Arbeitsdrang. Also, sebließt er, wird 
es mit der Diebe sebon seine Biebtigkeit baben. 
Bin bausbaekenes Bueb, dem allenfalls die 
eine oder andere Information und die gleieb- 
gültige Erkenntnis 2U entnebmen ist, daß 8pieß- 
bürger in allen Dändern und ^irtsebakts- 
s^stemen geäeiben. vie Argumsnte, mit denen 
es die elementare Krotik gegen rationale Be 
grenzungen 2u verteidigen suobt, greifen niebt 
dureb; seine Babel ist langweilig; seine Lpraebe 
so abgestanden wie die sämtlieber mittel 
mäßiger Diebesromane. 
ort: Noskau —, ist eines der bezauberndsten 
und reinliebsten Büeber, die ieb seit langem 
gelesen babe (Bruno Oassirer, Berlin. 322 8. 
Veb. 6.50). Leine Haltung ist riebtig; sein 
Rumor unsentimental; seine Brosa neu. 
vargestellt wird in ibm äer längs Kampk 
des jüäisebsn Kaufmanns Aron 8alomonowitseb 
Bisobbein rnit äer 8owjetrepublik. Wer i8t 
Bisebbein, daß er 68 überbaupt wagen kann, 
einen soleben Kampk auk^unebmen? Br ist 
niebt nur ein beliebiger Vertreter jener Ränd- 
lersebiebt, äer man in Bukland in^wiseben äen 
Daraus gern Lebt bat, sondern ein in allen 
Wassern — außer irn laukwasser — gewasebe- 
ner 4ude. Brodukt von Oesebleebtern, äie irn 
alten Bußland geprügelt, be8toblen unä ge- 
rnoräet worden sinä, übertrikkt er an Disten äen 
Od^sseus unä an Oesebiekliebkeit seine ebrist- 
lieben Mitbürger. Nit äiesen Wakken äes Ran^ 
äelsgeistes, einem Dager keiner 8eiden unä 
einem stattlieben Vermögen ausgerüstet, windet 
er sieb keilsebend, jammernd, kombinierend unä 
be^iebungstüebtig dureb äie l^et^s, äie von äen 
Bolsebewiki gesnannt sinä. Br rettet reebt- 
^eitig seine Wertsaeben; gebt mit einem 2weikel- 
bakten Kommissar äer Koten Armee, äer später 
ersebossen -wirä, eine Verbindung ein, äie ibm 
unä seinen AngebÖrigen 2um Legen gereiebt; 
läßt sieb als Bilialleiter äes „Zentrotextil" an 
stellen unä in einer Kbaki-Vlilitärbluse pboto- 
grapbieren; blübt unä gedeibt in äer Beriods 
äes l^ep. Kurzum, äie 8owjetregierung bat 
niebts Lu laeben, laebt aber Luletrt. vie Nasoben 
ibrer bletrs sieben sieb Zusammen, unä sogar 
Bisebbein bann niebt mebr bindurebseblüpken. 
Uan requiriert seine entbebrbeben Wobnungs- 
räume unä bebanäelt ibn mit allen Lebibanen 
als einen „okonomiseb sebäälieben Bürger". 
Vie Zeit äes sosialistiseben Aufbaus beginnt. 
Das jüdiseb-russisebe Nilieu, in 
dem äieser säbe Randelsstreiter wurzelt, wird 
äureb sablreiebe, sebark umrissene Borträts 
vergegenwärtigt, va ist Brau Oäeilie, äie man 
ordentlieb vor sieb siebt, wie sie Bamilienge- 
küble ausbrütet; äa ist voäja, äer Augapfel von 
8obn, äer wie alle 8öbne kübrenäer Desebäkts- 
leute bobere geistige Interessen pklegt; äa ist 
äer OMäkologe vr. Karassik, äer einen 
sebwungbakten Brillantenbandel betreibt unä 
ins Ausland verduktet. Im Hintergrund waebsen 
neutrale Kleinbürgert^pen und klassenbewußte 
Kommunisten. Als Rauptnebenkigur wird der 
alte Lebames Beb Lalman berausgetrieben, 
Bisebbeins Blügeladjutant gewissermaßen, dem 
sein ei^entlieber Beruf binreiebend Zeit läßt, 
in mebreren Braneben mit Vrovisionsanteil 
tätig su sein, vine Vraebtkigur, die wabrsebein- 
lieb Oott und sieber die ^Velt kennt und ange- 
küllt ist mit passenden Lprüeben der V^eisbeit. 
„leb werde so sagen", Lukert er sieb einmal 
über die Vage der ^uden, „ein kluger und ge 
Lebeiter Bankier versteekt sein Veld in ver- 
sebiedenen Lakes. Ktieblt man aus dem einen, 
bleibt noeb in den anderen. Der Herrgott bat 
geseben, wie man die 5uden seblägt, da steekte 
er sie in versebiedene vänder: erSeblagt man 
sie in dem einen, bleiben sie in den anderen 
beik" Diese kleine Drivatwelt wird vom Autor 
aukerordenilieb gesebiekt dureb die kritiseben 
Zeiten gelenkt. MZbrend sie am Ankang die 
Wtte des Buokes einnimmt und sieb bis ?ur 
glänzend gesebilderten voebreit des kamilien- 
sobnebens einigermaßen entkalten dark, irerset^t 
sie sieb gegen das vnde bin mebr und mebr. 
Bin mäebtiger WMe stellt sieb ibrem Lelbst- 
erbaltungstrieb entgegen und leitet einen Däuv 
nispro^ek ein, der die äußere Zerstörung dureb 
die innere ergänzt und besiegelt, visebbeins 
Untergang ist ^ugleieb die Auklosung seiner 
Kamllie, seiner ganren Lebiebt. 
vie Lpraebs des Buebes —- sitz ist Tweikellos 
von losek Xalmer und Boris Krotkow gut 
wiedergegeben worden — kesselt dureb ibren 
Nangel an Zwisebensebiebten. In 
den meisten äeutseben Büebern beseblagen 
immer noeb seelisebe Ausdünstungen alle 
Benstersebeiben, und ieb kenne genug geprie- 
sentz Bomane, in denen man vor Vekübls- 
dämpken überbaupt niebts mebr siebt. Nanebe 
moderne Autoren geben allerdings vor, von dem 
Ltztzlenkram niebts wissen su wollen, und kom.- 
msn kabi und saebbeb daber; aber ibre 8aeb- 
bebkeit ist in der Kegel niebt die Druebt saeb- 
beb geforderter Besebränkung, sondern ein 
ungebroebener Ausäruek der Deere, koesmann 
4 ver Boman: „Bisebbein streekt die bat Ner^ und Bekenntnis, va er jenes dieser 
Waffen" des noeb völlig unbekannten Bussen 
Uatwej Boesmann — Alter: 28; Wobn-
        <pb n="43" />
        Zur Einweihung desAertmer Ehrenmals. 
Berlin 2. Zum. 
Heute findet die feierliche ^Einweihung des Ehrenmals 
in der Schinkelchrn Neuen Wache Unter den Linden 
statt. Ich habe seinerzeit (vergl. Reichsausgabe vom W. Juli 
4930) die. Vorzüge des mit dem ersten Preis bedachten Entwurfes 
von Pros. Heinrich Tessenow gewürdigt und begründet. 
Heute ist zu sagen: daß die Ausführung des Entwurfs alle Er 
wartungen erfüllt, die damals von uns an ihn geknüpft wurden. 
Das klar herauszustellen, ist um so notwendiger, als das Projekt 
sich in einem Teil der Berliner Presse die heftigsten und unsach 
lichsten Angriffe gefallen lassen mußte. Tessenow und mit ihm 
der preußische Staat sind jetzt glänzend gerechtfertigt. 
Vorm Betreten der Gedächtnisstätte hat man die Säulen des 
Schinkelbaus zu Pastieren, die, riesigen Lrauersoldaten gleich, 
stramm stehen und salutieren. Wie ihre strenge Gruppe, so ist auch 
das ganze Aeußere des historischen Monuments unver 
ändert erhalten geblieben; abgesehen von der Eingangswand, 
deren drei Fenster durch vergitterte Türen ersetzt worden sind. Die 
Gitterstäbe stehen weit auseinander und ermöglichen den Vorüber 
gehenden, einen flüchtigen Blick in die Halle zu tun. Sie ist, was 
sie zu werden versprach: ein großer kahler Raum mit einem kreis 
runden offenen Oberlicht in der Mitte, durch das der Himmel 
hereinscheint. In dem abwärtsströmenden Licht erhebt sich ein aus 
Schweden beschaffter schwarzer Granitkubus, vor dem ein niedriger 
Sockel angeordnet ist, der die vielsagende Inschrift: „1914 — 1918" 
trägt und den Kränzen als Unterlage dient. Auf dem Kubus selber 
ruht ein KranzgeLilde aus Gold und Silber, das aus der Halle 
heraus auf die Straße blitzt. Nicht der übliche Lorbeerwulst, sondern 
ein kunstvoll aufgelockerter Eichcnlaubkmnz. Er ist von Professor 
Ludwig Gies angefertigt worden und hat alles in allem ungefähr 
40 000 Mark gekostet. Rechts und links vom Kranzpostament 
ragen zwei schmächtige Bronze-Kandelaber hoch, die Kerzenlicht 
entsenden. 
Das ist alles. Aber jedes Mehr wäre auch ein Zuviel gewesen. 
Denn in einer sozialen und geistigen Atmosphäre wie der unsrigen 
werden sämtliche Zeichen, die sich uns als Symbole aufzwingen 
wollen, notgedrungen zu leeren Attrappen. Tessenow hat sie mit 
Recht vermieden. Statt in das Geviert Sinnbilder hineinzupressen, 
die nichts mehr auszudrücken vermögen, es sei denn Phrasen oder 
zweifelhafte Parolen, hat er es vorgezogen, den Raum rein als 
Raum sachgerecht durchzubilden. Seine Decke ruht hart und ohne 
Uebergang auf den vier Wanden; aber in ihn eingesenkt sind 
Proportionsgefühl, Materialverständnis und Feinheit des Geistes. 
Sie schenken ihm eine Sprache, die sich aus vielen Vokabeln zu- 
sammensetzt. Aus dem Steinschnitt der Kalkstemwände; der über 
legten Komposition des Mosaikfußbodens; den Profilen des zart 
geschwungenen, bronzenen Oberlichtrunds, die das wandernde 
Auge zu einem kurzen Verweilen in den oberen Regionen ein 
laden, ohne es doch bei sich festzuhalten. Nur die Kerzenträger, 
deren Bronzecharakter nicht ganz deutlich hervorLritt, sind um eine 
Spur zu privat; freilich haben sie es auch besonders schwer, in der 
allgemeinen Lebenssphäre Zu bleiben. Alle diese Einzelheiten 
kommen erst nach und nach zum Vorschein und sind auch gar nicht 
dazu bestimmt, einzeln bemerkt zu werden. Ihr Zweck ist, zu ver- 
chwrnden, unterzugehen tm HalSdunkel,. dessen Weihe sie gewähr- 
ersten. Dennoch sind sie dem Beschauer gegenwärtig. Ohne daß 
« sich Rechenschaft über sie ablegte, spürt er dank ihrem Dasein 
5^"^ menschliche Qualitäten sich im Raum darstellen, 
füllen ihn mehr als Figuren. 
Als ich heut- vormittag das Ehrenmal besuchte, siel Regen 
surch dl« Deckenöffnung nieder. Sein Einbruch störte nicht dn 
Archuektur, sondern machte sie erst vollkommen. Er rann auf den 
Fußboden, der sich durch die Feuchtigkeit dunkler färbte, und lief 
-m Granitblock in schmalen, tiefschwarzen Strähnen herunter. Es 
war, als weintr das Postament. S. Kraeaue r. 
Kteine^airouMe durch dieMauausstelkung 
Berlin, im Juni. 
Paris. 
Das Alte und das Neue verhalten sich in Frankreich anders 
zueinander als Lei uns. Wir gäben am liebsten die Vergangenheit 
um der Gegenwart willen preis; in Frankreich kreisen beide um 
eine empfundene Mitte. 
Der Pariser Raum der Ausstellung enthält außer einem Stadt 
modell, das den Schick gewisser LadendeZorationen in den Champs- 
Elysees ausweist, Darstellungen von rührender Naivetät. Nicht so, 
als ob sie den Beschauer ungenügend aufklärten, aber sie haben 
den Stil verschollener Jahrzehnte und stammeln das ABC herunter 
wie eine Fibel. Die Papphäuschen, die das künftige Aussehen 
der Oitä IIuLvsrMLirH veranschaulichen, könnten unter dem Weih 
nachtsbaum stehen, und die Figurengruppen, durch die das Er 
werbsleben in den verschiedenen Stadtvierteln allegorisch verkör 
pert wird, scheinen einem abgegriffenen Bilderbuch entnommen zu 
sein. Und gar die Dioramen von Straßenzügen und Metro 
Stationen — sie leuchten in flammenden Farben, als schmückten 
sie das Innere einer alten Passage, und sind wie für unsere 
Kleinen geschaffen. 
In einem anderen Hallenteil schreitet eine Schar moderner 
französischer Architekten, Künstler und Schriftsteller, unter denen 
man Le Corbusier und Blaise Cendrars begegnet, zu architekto 
nischen Umwälzungen, deren Radikalität geradezu herzzerreißend 
ist. Sie mähen zum Beispiel die Quartiere zwischen der Seine und 
der Gare de l'Est einfach" nieder und bepflanzen das liquidierte 
Gebiet in regelmäßigen Abständen mit Wolkenkratzern. In dem 
dazugehörigen Aufruf heißt es: 
„II kaut kaire äs In eitö äss lempZ Noäsrnss. 
kariZ 68t uns vills vivants. 
II kaut eontirmer ?ari8!" 
Die Blague ist ernst gemeint und zwingt doch ein Lächeln ab. 
Denn durch ein hauchdünnes Zwirnsfädchen ist sie unzertrennlich 
mit den rosigen Dioramen verknüpft. 
Ring der Frauen. 
Dieser den Frauen zubestimmte Pavillon von Peter Behrens 
ist ein flacher Rundbau, aus dem einige Wülste hervorquellen, die 
ebenfalls rund sind. Er sieht wie ein Observatorium aus, in dem 
statt der Sterne seelische Phänomene beobachtet werden; voraus 
gesetzt, daß sie kultiviert genug sind. Ich könnte mir etwa denken, 
daß Mschtilde Lichnowskh durchs Teleskop blickte. Innen geht es 
ganz innerlich zu, mit zarten Nunancen. Kakteen gedeihen neben 
kunstgewerblichen Sächeichen, und ein wohltemperierter Flügel 
schwebt harmonisch in einem der seitlichen Ringe. Die Tanzterrasse, 
die sich hinter den Frauenrundungen dehnt, ist durch einen Teich 
von der feindlichen Außenwelt geschieden. In dem Teich müßten 
eigentlich drei oder vier Schwäne ringförmige Bahnen beschreiben, 
und auch Rosen sollten hier blühen, delikate Live o'clock Tea- 
Rosen. 
Kunst und Dekoration. 
Die dekorativen Künste sind auf einen Wandelgang hinter der Re 
stauration beschränkt worden. An diesem ungestörten Ort erheben 
sie sich hoch über die niederen Sphären der Baustoffe. Daß sie darum
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        erhebend wären, wage ich nicht zu behaupten. Im Gegenteil, die 
Komposition eines Jüngsten Gerichts weckt Sehnsucht nach dem 
Paradies kahler Wände, und ein zu kurz geratener Mann im Bade 
mantel erregt nur die Begierde, ihn ein für allemal abzuwaschen. 
Hohlplastiken lassen sich leider schwerer beseitigen. Vielleicht aus 
dem Bedürfnis heraus, sich den schlimmen Zeitläuften anzupaffen, 
erscheinen die meisten gemalten Figuren gleich in zerstückeltem Zu 
stand. Entweder werden sie durch ein Sieb von Quadraten ge 
quetscht, oder sie verwickeln sich zu einem ornamentalen Ereignis, 
das undurchsichtig ist wie eine Bilanz. Manchmal gebärden sie sich 
wenigstens normal, aber dann kommt hinterher wieder eine Webe 
arbeit — vor diesem Webestück hörte ich eine Schulklaffe herzlich 
lachen. Es stellt eine dicke Mama mit einem Bündel von Kind 
dar, und die Gesichter der beiden sind wie aus Streichhölzern 
zusammengesetzt. Das Lachen wiederholte sich und klang mir noch 
nach, als ich schon längst zwischen Betonkonstruktionen verweilte, 
die sich schlechterdings nicht anschmieren lassen. 
Eigenheime. 
Der Liliputbahn im Freigelände entsprechen die Eigenheime — 
winzige Dinger, in die man aber bequem hineinschlüpfen kann. 
Sie sitzen wie angegossen und enthalten auch für Minderbemittelte 
den statistisch notwendigen Raum zum Atmen und Leben. Eine 
Puppenküche ist darin, ein Schlafzimmerchen zum Ablegen der 
müden Glieder, eine Wohnstube und eine Veranda, die für eine 
große Kaffeekanne mit mehreren Tassen reicht. Daß die verschie 
denen Räumlichkeiten sich nicht gegenseitig die Quadratzentimeter 
streitig machen, ist entschieden ein Werk'der Zauberei. Ich weiß 
überhaupt nicht, woher es rührt, aber die Häuschen sehen alle so 
aus wie Prospekte ihrer selbst. Es ist, als sei um sie herum immer 
schönes Wetter, und die Käufer erhielten die Sonne gewissermaßen 
gratis dazu. Und leuchtet sie draußen nicht, so scheint sie zweifellos 
desto strahlender in den Herzen, und die Hausfrau waltet wie ein 
Eigenheimchen am Herd. Denn entstünde je ein Familienstreit in 
den Stübchen: die Wände bögen sich krachend auseinander und dlH 
Paar Kubikmeter verflüchtigten sich in den leeren Raum. j 
Kupfer. 
Das Kupferhaus glänzt schon von weitem. Es ist nicht unge« 
fährlich, sich ihm bei starkem Sonnenlicht zu nähern, da sein« 
Fassaden schrecklich funkeln und blitzen. Ein völlig mechanisches 
Kunstgeschöpf, das in einer Autoladung am- Bauplatz eintrifft und 
dort binnen 24 Stunden ausgestellt werden kann. Die Wände sind 
abwaschbar und innen mit Stahl verkleidet. Der technischen Hen 
richtung Widerstreiten freilich die hausbackenen Formen, die der 
früheren Villenbauweise entlehnt sind. Wie auf gewöhnlichen Backs, 
steinmauern sitzt oben ein Satteldach, und in den Zimmern glaubt 
man sich zwischen Lincrustatapeten zu befinden. Wer in Kupfer 
wohnt, will aber lieber an einen blanken Kessel erinnert werden 
als an Vorortshäuser mit guten Stuben. Die vorurteilslose Archiv 
tektur, nach der eine solche metallische Unterkunft verlangt, wär« 
unbedingt durch ein mit Zinkblech belegtes Gärtchen zu ergänzen, 
in dem Bleibäume blühen müßten, die niemals verwelken. 
Stahl. 
Die Not, die Eisen Lricht, scheint Stahl zu gckären. Wohin 
man nur blickt, überall stehen Stahlstühle bereit, und der Eindruck 
vertieft sich, daß das Holzzeitalter endgültig vorbei ist. Ich sehne 
mich angesichts der ausgezehrten Stuhlgerippe nach ihm zurück. 
Mögen sie immerhin den Gesetzen der Statik genügen: ihre 
Schwingungen sind mir verdächtig, und ihre Schlankheit paßt nicht 
recht zu der Fülle des Körperteils, der mit ihnen die regsten Be 
ziehungen unterhält. Es ist, als würden sie nicht von den Menschen 
selber, sondern von ihren Röntgenbildern zum Sitzen benutzt. 
Manche von ihnen beschreiben so kühne Schnörkel, als seien sie 
Tänzer, andere benehmen sich kleinbürgerlich und genormt. Wahr* 
scheinlich halten sie bald ihren Einzug, in die Drei- und Vier 
zimmerwohnungen, die dann ein Stahlbad sein werden wie einst 
der Krieg. S. Krakauer. 
Sozialistische Städte. 
Zu einem Vortrag von Ernst May. 
Berlin, im Zum. 
Im überfüllten Saal des Herrenhauses hielt Ernst May am 
Freitag abend einen vom internationalen Kongreß für Neues 
Bauen verunstalteten Vortrag über den Bau neuer Städte 
i n S 0 w j e L r u ß l a n d. Er ist gerade aus Moskau zurückgekehrt 
und wird seinen Urlaub in Deutschland verbringen. Unsere Leser 
find durch Mays eigene Aufsätze bereits über die gewaltigen Auf 
gaben unterrichtet, die er mit dem Stab seiner Mitarbeiter in 
Rußland zu lösen hat. Ich begnüge mich also mit der Wiedergabe 
der Leitgedanken, die er in seinem außerordentlich lehrreichen Vor- 
trag umriß. Vorauszuschicken bleiben nur einige unmittelbare Ein 
drücke. Vor allein der, daß May mit großer Kühnheit und Folge 
richtigkeit aus den politischen Grundsätzen die städtebaulichen ent 
wickelt. Ferner der: daß er über die nötige Stoßkraft verfügt, um 
das Erkannte in der Wirklichkeit durchzusetzen. Die Erfahrungen, 
die ihm seine einzigartige Praxis zusührt, werden auch Deutschland 
später zugute kommen. 
Trennung der Industrie- und Wohngebiete, zweckmäßige Ver 
kehrsregelung und Einschaltung der erforderlichen Grünflächen: 
diese elementaren Richtlinien des kapitalistischen Städtebaus gelten 
selbstverständlich auch für den sozialistischen. Bei ihrer Anwendung 
beginnen sich aber sofort die Unterschiede fühlbar zu machen. So 
sind die städtebaulichen Projekte in Rußland nicht mehr an die 
Bodenpreise oder den Markt geknüpft, sondern hängen allein von 
der Lage der ProduktionsstätLen, sozialhygiemschen Erwägungen 
und der recht verstandenen Wirtschaftlichkeit ab. Dann wird in 
Uebereinstimmung mit dem Fünfjahresplan, der eine Dezen 
tral i sa L ro n der Bevölke r u n g vsrsieht, prinzipiell 'davon 
Abstaud genommen, neue Großstädte, das heißt Städte von über 
150 000 Einwohnern, zu errichten. Eine von Lenin gebotene Be 
schränkung, die im Interesse der Beseitigung dörflicher Einsamkeit 
erfolgt. Sie geht auf das Kommunistische Manifest zurück, das 
nachdrücklich die Aufhebung des Unterschiedes von Stadt und Land 
verlangt. 
Zwei Stadtitzpen werden in der Hauptsache ausgeführt. Einmal 
die Band-Stadt. Dort, wo sie überhaupt in Betracht kommt, 
Läuft sie hinter einer Grünfläche parallel mit dem jeweiligen 
Industrie-Kombinat, in dem die Arbeit am fließenden Band erfolgt. 
Durch diese Anordnung'wird der Einwohnerschaft ein kurzer und 
gleichmäßiger Arbeitsweg zur Fabrik gewährleistet. Zum andern 
baut man T ra ba n t e n -S tä d ts, die sich satellitenartig um 
das Kulturzentrum gruppieren und vor den Band-Städten den 
Vorteil haben, immer erweiterungsfähig Zu sein. May hat diesen 
Zweiten Typus auch für Moskau in Vorschlag gebracht. 
Die Gliederung der Siadt ergibt sich aus der kommunistischen 
Grundthese, nach der alle menschlichen Arbeitskräfte in den Dienst 
des Gemeinwohls zu stellen sind. Diese Maxime enthält die Forde 
rung der Frauenarbeit, deren Verwirklichung wiederum die 
Uebernahme der Kindererziehung und der Er 
nährung durch die öffentliche Hand zur Folge 
haben muß. Es ist darum nur konsequent, daß beim Entwurf der 
neuen Städte besondere Rücksicht auf die praktische Anordnung und 
die genügende Zahl von Krippen, Kindergärten und Schulen ge ¬ 
nommen wird. Ost liegen sie auf den 200 bis 250 Meter breiten, 
auch Zu DemonstraüonsZwecken bestimmten Grünflächen Zwischen 
den Häuserblocks. Sorge getragen wird ferner gleich von vornherein 
dafür, daß jedes „Quartal" — d. L. ein Wohnbezirk, der ungefähr 
8000 bis 10 000 Menschen umfaßt — seine Küchen und Speise 
anstalten erhält. Sie werden meistens durch das Ernährungs 
Kombinat der Stadt mit Halbfabrikaten beliefert. Außer den 
an einem hervorragenden Punkt gelegenen Kultur- und Verwal 
tungsgebäuden, die der Gesamtheit dienen, sind noch den einzelnen 
Bezirken Klubs zuaeteilt. Die Hochschulen rücken, ganz im Gegen 
satz zu den in kapitalistischen Ländern verbreiteten Tendenzen, mög 
lichst dicht an die Fabrik heran, damit das Bedürfnis nach Absonde 
rung gar nicht erst aufkommen kann.
        <pb n="45" />
        Ein Zeichen der Jllusionslosigkeit, mit der die Sowjetregierung 
das Mögliche in Angriff nimmt, statt sofort Zielen nachznjagen, 
die noch nicht durchaus spruchreif sind, ist das Nebeneinander dreier 
verschiedener Wohntypen. Der erste ist das JndividualhauS 
im Wert bis zu 10000 Rubel, das vielfach vorherrscht, obwohl 
es keineswegs dem Streben nach Kollektivisierung entspricht. Der 
Zweite ist das K.ollektiv Haus, das Gruppenküchen enthalt, 
die eine Unterbringung pon Küchen in den Wohnungen selber 
überflüssig machen. Der dritte, das Kommunehaus, ist der 
radikalste. Ein solches Haus beherbergt 400 lis 800 Menschen, 
deren jedem 6 bis 9 Quadratmeter Zustehen —- eine erschreckend 
geringe Fläche, die aber angesichts des gegenwärtigen Wohnungs 
mangels und der Verhältnisse im Zaristischen Rußland in vielen 
Distrikten immer noch einen Zuwachs an persönlichem Lebens 
spielraum bedeutet. Abgesehen von den Zimmern ist allen Mit 
gliedern der Kommune alles gemeinsam: der Speisesaal, der 
Klubraum, die Krippe, der Kindergarten. Die schulpflichtigen Kin 
der kommen ins Schulrnternat. Er versteht sich von selbst, daß 
man im Einklang mit der politischen Kollektivisierung den Pro 
zentsatz der Kommunehauser Zu erhöhen hofft. 
Der Ausführung der nach diesen Gesichtspunkten projektierten 
Städte stehen zahlreiche ernste Schwierigkeiten entgegen. Kann die 
deutsche Industrie ihre Arbeiter nicht beschäftigen, so fehlt es in 
Rußland an Arbeitskräften für die primitivsten Verrichtungen. Dis 
Bevölkerung weiter Landstriche befindet sich noch in völlig unzivili- 
siertem Zustand. Der Mangel an Transportwegen hindert vor allem 
die rasche Erschließung der asiatischen Gebiete. Nicht Zuletzt muß 
der Tatsache Rechnung getragen werden, daß die Baustoffindustrie 
ungenügend entwickelt ist. Kalkuliert man diese Hemmnisse ein, so 
ist das Arbeitstempo heroisch Zu nennen. Bis Zum 31. Dezember 
wird May 700 000 Menschen angesiedelt haben. Er realisiert den 
Aufbau in „SLoßaktionen" und nimmt Zuflucht zu rücksichtsloser 
Lypisierung und Standardisierung. 
4- 
Das Publikum, das Zum Teil aus Fachleuten bestand, folgte 
mit angespannter Aufmerksamkeit dem durch Lichtbilder unterstütz 
ten Vortrag, der wirklich einen Begriff von den Gedanken-- und 
Arbeitsprozessen im heutigen Rußland vermittelte. Mochte er im 
merhin bestätigen, daß manche dort gemachten Anstrengungen der 
anders gearteten Vorbedingungen wegen auf europäische Verhält 
nisse nicht Zu übertragen sind, so Zeigte er doch nicht minder deutlich, 
daß der ungeheure russische Systementwurf Zu haltbaren Kon 
struktionen fuhrt. S. Kracauer. 
IHrt im Sonderzug. 
Besuch der Reichsbahn-Zentralschule 
Brandenburg-West. 
Berlin, im Juni. 
Der Zug. 
Im Vormittagsfrieden des Potsdamer Bahnhofs ruht der 
Sonderzug. Noch hübscher wäre es, wenn er vom Anhalter 
abginge, weil er dort im Reisetrubel mehr ausfiele. Aber man kann 
nicht alles zugleich haben. 
Schon als Kind habe ich mich danach gesehnt, einmal in einem 
Sonderzug fahren zu dürfen. Solche Züge spielen mitunter in 
Detektivromanen eine Rolle: ein amerikanischer Milliardär mietet 
sich etwa an einer kleinen Station einen Sonderzug, besteigt ihn 
mutterseelenallein und trifft ermordet in London ein. Der im 
Potsdamer Bahnhof dient allerdings weniger verbrecherischen 
Zwecken. Er ist von der Reichsbahndirektion Berlin 
zusammengestellt worden und soll die Vertreter der Presse zur 
Reichsbahn-Zentralschule Brandenburg-West 
bringen. Leider liegt sie nur eine Stunde Bahnfahrt von Berlin 
entfernt. 
Die Organisation dieser Studienreise ist bereits ein Wunder 
der Technik. Jeder Teilnehmer erhält einen graphischen Fahrplan, 
aus dem er ersehen mag, um welche Zeit ihm welche Züge während 
der Hin- und Rückfahrt begegnen; er wird einer bestimmten Be 
sichtigungsgruppe zugewiesen, ehe noch etwas zu besichtigen ist; er 
erfährt zu seiner Beruhigung, daß die Lokomotive 31 cdrn Wasser 
faßt — kurzum, für die Dauer von 5 Stunden und 46 Minuten 
ist er unverrückbar eingegliedert und untergebracht. Eigentlich 
brauchte er gar nicht mitzureisen, denn die Dispositionen sind so 
genau festgelegt, daß er die Fahrt gewissermaßen vor ihrem Antritt 
gemacht hat. 
Der Sonderzug selber besteht aus zwei modernen D-Zug 
wagen I. und II. Klasse, einem Eilzugwagen neuer Bauart, in dem 
nan sehr bequem eilen kann, und zwei Unterrichtswagen. Diese 
der fortlaufenden Instruktion des Personals dienenden Wagen 
werden von Wanderlehrern bewohnt, die wie Zirkusbesitzer durchs 
Land reisen, an allen möglichen Stationen Station machen und 
sich nach Erledigung ihrer Pflichten wieder an einen Zug anhängen 
lassen. Auf dem Bahnsteig verwandelt sich das. gehobene Gefühl, 
einen Sonderzug zu benutzen, geradezu in einen Höhenrausch. 
Dank der Zuvorkommenkeit der Schaffner, die keine Billette knip 
sen, sondern zum Empfang salutieren. Sie müssen — aus Gründen, 
die man noch kennen lernen wird — außerordentlich kluge Leute 
sein. 
3 0 Perser. 
Die Reichsbahn-Zentralschule, vor deren Hauptportal der 
Sonderzug hält, ist während des Krieges ein Feuerwerkslabora 
torium gewesen. Ein behäbiger Gebäudekomplex, der so freundlich 
arsfleht, daß niemand von selber auf den Gedanken geriete, es sei 
Munition in ihm hergestellt worden. Aber auch manche Giftgase 
sollen sich ja ins Gemüt einschmeicheln. Jetzt werden in dem idyl 
lischen Besitztum, das fern von der Eisenbahn zu liegen scheint, an 
die es unmittelbar grenzt, sowohl Unterrichtskurse für Dienstan ¬ 
fänger wie ErgänzungSlehrgänge für untere und mittlere Beamte 
abgehalten. Mehrere Wochen lang leben die Schüler in der An 
stalt wie in einer weltabgewandten Akademie. Sie haben nette 
Zimmer, ein Kasino und modern ausgestattete Schulräume und 
Laboratorien. In einem Klassenzimmer sind die Bänke sogar mit 
Stahlbeinen versehen, die sich eisenbahntechnisch krümmen. 
Reichsbahnbeamte wirken als Lehrer. Einer erzählt nicht ohne 
Genugtuung von 30 Persern, die hier vor etlicher Zeit ihre Aus 
bildung genossen. Es seien intelligente, leidenschaftlich veranlagte 
Jünglinge gewesen. Als sie nach Persien zurückkehrten, um im 
Betrieb der neu erbauten Eisenbahnen ihrer Heimat tätig zu sein, 
hätten alle Zeitungen Teherans ihre Verdienste in Wort und Bild 
ausführlich gefeiert. 
Einige von ihnen hätten inzwischen schon dicke Bücher über das 
Eisenbahnwesen im allgemeinen und im besonderen geschrieben. 
Sicherheit. &amp;gt; 
Aengstlichen Reisenden wäre die Teilnahme am Unterricht zu 
empfehlen, da er ihnen bewiese, welches Gewicht die Reichsbahn 
auf Betriebssicherheit legt. Wie ein Versuch im Lehrstellwerk ver 
anschaulicht, werden zum Beispiel die Weichen nicht nur gestellt, 
vielmehr überdies durch schikanöse Maßnahmen in ihrer neuen 
Lage befestigt. Ein Schülergruppe auf dem Lehrbahnhof übt die 
Sicherung der freien Strecke. Ist etwa ein Abschnitt unbefahrbar, 
so wird der Lokomotivführer schon 700 Meter vorher durch Knall 
signale auf der rechten Schiene davon benachrichtigt, daß er bremsen 
muß. Nach diesem Blick hinter die Kulissen, werde ich nie mehr 
die Harmlosigkeit Zurückgewinnen können, mit der ich bisher Eisen 
bahn fuhr, sondern unterwegs alle Signale beargwöhnen. Nur eines 
ist mir unerklärlich geblieben: wie bei so vielen Schutzvorrichtungen 
Eisenbahnunglücke überhaupt möglich sind. Theoretisch sind sie 
jedenfalls ausgeschlossen. Aber wahrscheinlich spottet die mensch 
liche Unvollkommenheit auch der vollkommensten Erfindungen, und 
wie sie Gesetze Übertritt, so überfährt sie manchmal Signale.
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        Kund end i enst. 
Kurz vor Beginn der Reisezeit erhalten die v-Zugschaff- 
ner in der Zentralschule noch den letzten Schliff. Ihnen wie 
überhaupt sämtlichen Verkehrsbeamten wird eingepragt, daß 
Wirtschaftlichkeit zu den obersten Grundsätzen der Rsichsbahngesell- 
schaft gehört. Sie haben sich als AnaMellte eines riesigen kauf 
männischen Unternehmens aufzufaffen, dessen Kunden die Reisenden 
sind. Kunden aber sind unter allen Umständen höflich zu bedienen. 
„Schon ein deutscher Philosoph hat gesagt," erklärt der Lehrer 
seinen Schülern, „daß Höflichkeit gleichbedeutend mit Klugheit ist." 
Dann fragt er zu meiner Enttäuschung nicht weiter, welcher 
Philosoph das gesagt habe, sondern stellt die Weiche um und er 
kundigt sich, was nach alledem Unhöflichkeit sei. 
„Dummheit," antwortet ihm ein Gewitzter. 
Ein Dialog, aus dem zweierlei hervorgeht. Einmal zeigt er, 
daß der Unterricht gesprächsweise erfolgt, wie es die neuzeitlichen 
pädagogischen Methoden verlangen; züm andern beweist er nach 
träglich die Klugheit jener salutierenden Sonderzugschaffner. Mt 
dem Salutieren allein ist es freilich nicht getan. Lichtbilder weihen 
die Zugbeamten in die Geheimnisse der Fahrtausweise ein, be 
lehren sie -darüber, wie man sich zu älteren Damen oder in den 
häufigen Fällen eines Zwistes Zwischen Reisenden zu verhalten 
habe usw. Das Vorübergleiten dieser Bilder, die wie Illustrationen 
Zu einem imaginären Knigge anmuten, erzeugt in mir den heißen 
Wunsch nach einem entsprechenden HöflichkeitSkursus' für das 
Eisenbähnpublikum. Er müßte für Reisende aller Wagenklassen 
obligatorisch sein« 
KonkurrenH. 
Die Konkurrenz ist das Auto. Man spricht nicht gern von 
Hm, und wird es doch erwähnt, ss in einer leicht despektierlichen 
Weiss. Die Zunehmende Beliebtheit, deren sich Autoreifen erfreuen, 
und das Wachstum des - Lastwagens erkehrs verringern in der Tat 
mehr und mehr die Einnahmen der Reichsbahn. Vom Standpunkt 
der Eisenbahner aus gesehen, gleicht das Auto am ehesten einem 
robusten Eindringling, der mit Methoden, die nicht immer über 
jeden Zweifel erhaben sind, eine altrenommierte Firma derselben 
Branche kaputt machen will. Sticheleien gegen den unbequemen 
Konkurrenten wechseln mit .Schilderungen ab, die ebensoviele Hym 
nen auf die Vorzüge des eigenen Verkehrmittels sind. Wer in 
aller Welt wollte etwa eine lange Reise nicht lieber in der Eisen 
bahn unternehmen? Während er im Auto ununterbrochen auf 
seinem Platz sitzen bleiben muß, kann er in den Korridoren der 
Q-Zugwagen auf- und abpromenieren, im Speisewagen sich sätti 
gen, im Schlafwagen ungestört schlafen und in seinem Abteil 
Lektüre treiben und die Landschaft betrachten. Statt ins Gefängnis 
des Autos gesperrt Zu sein, durchmißt er sozusagen als ein Freier 
die Lande. Es ist, als beflügle der neuerstandene Nebenbuhler die 
Phantasie der Eisenbahner, so schwelgerisch malen sie die Herrlich 
keiten einer großen Gisenbahnfahrt aus. Und ich glaube beinahe, 
daß ihnen jeder für Poesie empfängliche Mensch recht geben muß. 
Ueberhohe Brücken. 
Auf einem durch Gras verdeckten Nebengleis wartet der Son- 
Verzug auf die rückkchrenden Gäste. Die Lokomotive steht mitten in 
der Wiese wie eine ungeheure mechanische Kuh, der bei Zuchtvieh 
ausstellungen schon mehrere Medafllen verliehen worden sind. Wir 
fahren aber ist das noch die märkische Landschaft? Ueber hohe 
Brücken, die sich endlos dehnen, rattern wir in Tunnels hinein, an 
deren Mündung uns fremde Städte entgegeneilen. Die Täuschung, 
daß wir wirklich alle diese Strecken befahren, könnte nicht vollkom 
mener sein. Hervorgerufen wird sie durch einen im verdunkelten 
Unterrichtswagen gezeigten Werbefilm der Reichsbahn, zu 
dessen Bildern der Sonderzug die natürliche Begleitmusik macht. 
Erst Seim Verlassen des Wagens merke ich, daß wir eben nicht den 
Rhein, sondern Potsdam passiert haben. Draußen scheint eine 
Sondersonne zu Ehren des Sonderzugs, der auf die Minute pünkt 
lich einläuft. 
„Wie schnell sind wir gefahren," frage ich den Schaffner aus 
Höflichkeit. 
„100 Kilometer" erwidert er höflich. Aber nicht aus Klugheit, 
sondern voller Stolz. S° Kraeauer» 
Zwei Jongleure. 
Berlin, im Juni. 
I. 
Harald Lloyd in seinem Film: „Harold, halt dich 
fest!" — ein Jongleur, der seine Kunst betreibt, um das nackte 
Leben Zu retten. Er will nicht jonglieren; er muß. Auf ein unge 
sichertes Brett geraten, das von Zwei am Dachrand stehenden 
Maurern hochgezogen wird, gaukelt er vor der Fassade eines 
Wolkenkratzers durchs Leere. Sie wird mitunter in ihrer ganzen 
Unermeßlichkeit vorgeführt, damit alle-Zuschauer fassen, wie winzig 
und hilflos er ist, und gleicht dann einem senkrechten Ozean, den 
er auf einer Holzplanke bejahrt. Bald kippt das Fahrzeug um, 
und er findet erst im letzten Augenblick einen Halt, der einen 
Augenblick später keiner mehr ist; bald wird er an den Strand 
einer Markise gespült, deren Tuchbahnen er selber durch sein 
Gewicht zerreißt; bald glaubt er ins Landesinnere eines Zim 
mers entkommen zu können, sieht sich aber durch ein aufschlagendes 
Fenster Zu schleuniger Flucht genötigt. Gesimse, Bauornamente 
und Steinfugen: das ganze äußere Architekturinventar hält ihn 
zum Narren. Und was den normalen Hausbewohnern, die im Lift 
bequem hinaufgleiten, als glatte, ununterschiedene Mauerfläche 
erscheint — ihm, der da draußen taumelt, hängt, rutscht, ist es ein 
Gewirr wilder Zacken. Vorsprünge von Millimetern vergrößern sich 
ihm zu gewaltigen Anlegeplätzen, und unmerkliche Hohlräume be 
deuten für ihn Verderben. Schreiend und schwitzend jongliert er 
von einem Pünktchen Zum andern; nicht wie ein Seiltänzer, der 
über Abgründe geht, um seine Geschicklichkeit zu beweisen, sondern 
als ein Verzweifelter, der gar nicht weiß, daß er jongliert. 
Eine Akrobatik, die weniger Gelächter als Grauen hervorruft. 
Ob sie will oder nicht: sie ist das treffende Sinnbild des schwierigen 
Anstiegs in der Gesellschaft. Einem Wolkenkratzer gleich türmt 
sich diese empor, und wer in ihre oberen Stockwerke dringen möchte, 
ohne zu den Auserlesenen zu gehören, die ein Fahrstuhl in die 
Höhe befördert, muß sich abschinden wie Harold. Sie bietet ihm 
ihre Außenseite, und Angst packt den Schwindelnden. Wo immer 
er sich anzuklammern sucht, droht er ins Bodenlose Zu stürzen. Er 
wähnt sich auf einem ruhigen Posten und wird sofort wieder ver 
trieben; er bettelt um Hilfe, ohne je eine Antwort zu erhalten; 
er begeht in seiner Bedrängnis waghalsige Abenteuer, deren Folge 
ist, daß er schachmatt gesetzt wird, und hinter jeder Ritze, durch die 
er sich glücklich gezwängt hat, steht schon ein anderer. Ss Zappelt 
sich der Ausgestoßene an der Front des Gesellschaftsbaus ab — ein 
Spielball unberechenbarer Mächte, die ihm als blinde Zufälle 
entgegentreten. Und da er sie weder bändigen, noch gar durch an-, 
gestammte Lugenden zu Reichtum gelangen kann, bleibt ihm nichts 
anderes übrig, als die Konjunktur geschickt auszunutzen. Wenn 
er sich gut genug anpaßt, läßt ihn die Gesellschaft eines Tages 
zweifellos ein. 
Lerne jonglieren: so lautet das Rezept, das Harold Llohd allen 
Strebenden verordnet. Wie ein Riesentransparent leuchtet diese 
zeitgemäße Maxime, die von der Benjamin Franklins durchaus 
verschieden ist, über New Dork und allen Citys 'der Welt. 
II. 
Ein Herr, der sich ReSla nennt, jongliert zur Zeit imWin - 
Ler garten mit allerlei Gegenständen. Daß einer mehrere Bäll 
chen oder Teller hvchwirft und dann wieder auffängt, haben wir 
schon häufig gesehen. Rebla tut zwar dasselbe wie seine Vorgänger, 
aber man spürt doch, daß er an seiner Beschäftigung keine Freude 
hat. Ja er ist ausgesprochen mißvergnügt über sein Treiben. 
Manchmal ereignet es sich, daß er plötzlich — zwei Bällchen sind 
gerade in der Luft unterwegs — daß Rebla sich innerlich dagegen 
sträubt, das unsinnige Spiel weiter mitzumachen. Von schweren 
Gedanken umdüstert, harrt er auf seinem Platz und vergißt die in 
Raum und Zeit entschwundenen Bällchen. Schon kehren sie zurück, 
ohne daß er ihrer achtete. Da sind sie jetzt, bestimmt dazu, wie 
unnütze Dinge auf den Boden zu rollen — aber genau in der 
Sekunde, in der jeder unwillkürlich erwartete, daß sie das traurige 
Schicksal ereile, landen sie wohlbehalten in Reblas Händen und 
fliegen gleich wieder nach oben. Ist er überhaupt der Tatsache inne 
geworden, daß die Bällchen sich zu ihm gefunden haben? Jeden 
falls hat er sie nicht absichtlich eingeholt, sondern die lästigen 
Objekte höchstens entgegengenommen. Wenn sie seinen Weg kreuzen 
und nun einmal zu ihm wollen— er kann ihnen leider nicht weh 
ren. Geistesabwesend macht er verschiedene mechanische Be 
wegungen, die den Bällchen bedeuten sollen, daß er endlich genug 
von ihnen hat. Der Erfolg dieser Maßnahme ist jedoch nur, daß
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        kens voraus 
Klaus Llann ist an einem wied- 
äaru dienen können, idm selber das 
MedekLuerstatten, und mit der pom 
rieden, in äer sie gerade li^en. Dr erkennt äis 
«oLialen Verxkliodtungsn der äugend an, ^ird M 
einem Rarteigunger Ooudondovs-Kalsrgis und for 
dert 6O2ia1s Befreiung vermittels der Leodnik und 
mögliodst odns sociale Revolution. Kurr und gut, 
der junge Duroxäer ist fertig. Mieder drei äadre, 
und er dat sied weiter entväekelt. Der einstige Ver- 
nunktdasser billigt der Ratio jetrt den Rrimat in 
der Rolitik Zu und bekämpft die Nationalsosiadstsn. 
Zugunsten eines geeinten Luropa? ^ued über 
Duroxa sind idm Zweifel gekommen. Immer deut 
lieder spürt er undeutlied, äaL vir uns Mviseden der 
8oMa von Lonjetruülanä und der Odar^bäis eines 
Kuropa befinden, das Krönt gegen RuNand maodt. 
Und vüe er sied vor den dletdoäsn Roskaus füred- 
tet, so ängstigt idn die „blinde Verstooktdeit des 
kapitalistiLsden L^stems". 
tigen Runkt angelangt und, wie ied gern unter 
stelle, von ernstem Millen erfüllt. Dm so webe 
sollte er die Bedeutungen äer Morts kennen lernen, 
mit denen sr als 8edriftsteUsr ru Lautieren dat, und 
sied seine Ueinungen niedt auf Drund von Derüed-? 
ten bilden, sondern sie dured SMtematisodes 8tuäium 
erobern. Das wäre das Brsts. Denn wer einen 
Meg suedt, mull «um mindesten kür äis Manäerung 
ausgerüstet sein. 
pösen Brklarung: „Mir sind..4 konsequente ?L2l- 
fistsn mit soLialistiLoder BnätendenL". ^ls datte sied 
niedt von jeder äis Untätigkeit dinter soleden Nanl- 
fsstsu versedanLt! Danr am Bnäe, äaL ieKs niedt 
vergesse, drückt er noed den Munsod aus, „dured 
ständige Arbeit, ständige Vemüdung teilLndabsn an 
äer gedeimnisvollsn Vorwärtsbewegung äer Nensed- 
dsit.. z", 
led wüllte sedon, was sr runaedst anrukangsn 
datte, um sied mit vorwärts ru bewegen und niedt 
nur müLig auk der 8teUe «u treten. 8eins dring- 
liedsts Verpäledtung wäre; sied einmal wirklied in 
äen Osbieten unWussden, über äis sr jetrt von 
auLsn der sedreibt. Dann könnte es idm «um Bei- 
«pie! niedt msdr gesedsdsn, äaü er bsinads in einem 
^tem da« „eigens gottgewollte 8edieksal" anrieks 
und einer „soLialistiseden Lndtsnäenr" duldigtv; 
den Kommunismus als „äen einrigsn patdetisedsn 
Dlauben, äis einrigs rsligiöss Idee" vvrsdrts und 
in diesem 8til kortwädrend unrusammengedörigs Be 
griffs duredeiLLndermeLgte; sied «u so obsrüäed- 
lieden Aussagen wie der folgende^ verstiege: „via 
Meltansedauung des Naterialismus set^t eins ge 
waltsame Vergröberung unä Vereinkaedung des Den- 
Da «todt er nun. lind ^ar ungekädr auf dem 
Runkt, auf dem Döblin in seinem kürMod von 
mir im Keuilleton bssproedenen Vued: „Missen und 
Verändern!" den Ltudenten Roeke ab gestellt dat. 
Niedt so, als ob Klau« Uann mit Döblin äurodaus 
übereinstimmte! Meder möedts er sied so entsedieäen 
v^is dieser neben der Arbeiterscdakt aufdalten, noed 
denkt er daran, etva die Kunst xu sabotieren, noed 
ist er überdaupt völlig im Bilde. Binom RrinLen 
gleied „Idr seid vie sögsrnäe Bringen", Lat idm 
ein Kritiker vor äadren gesagt — steigt er viel- 
medr aus seinem Diteraturpalast in äis okfsntliode 
^rsna dernieäer. Dood aued er vürä sofort in äis 
leidige 2^isedenposition gedrängt, die Döblin ein- 
nimmt. In einer largen, um niedt Lu sagen verwirrten 
Lerminologie vergleiedt er äis euroxäisoden Verdält- 
nisss mit den russiseden und gelangt rum Lodluü, 
äak uns beide niedt passen» „Russisods Zustands 
kommen für uns niodt in Brags, und led nünsedte, 
äaü man sie uns niemals aukLULwingen versuedte. 
Mer ebensovenig -werden auf die Dauer Zu 
stände in Brage kommen- die, von äem... Beispiel 
Rußlands unberüdrt, entwieklungsfeinäliod in idrsn 
krassesten Bedlern bsdarren." Mas tun in dieser. 
Lage? Denn tun will man ja etwas als Duropaer und 
Intellektueller, äer man nun einmal ist» Klaus Uann 
begnügt sied mit einigen vagen Rekormvor2enlägon, 
die bestenfalls 
gute OewisMr 
Von Lr sEausi»« 
Haus Nanu dringt unter äsm Litel: u k 
8er 8uede naed einem Meg" einen Band 
Rrosa daraus, äer auüer einigen vier näder su er- 
örtsrnäen ^bdanälungen eins Reibe von Viedter- 
porträts, eins kleine Kollektion „Rariser Köpfe, ver- 
sedieäene Ltuäien unä Buedkritiken" sntdalt (Lrank- 
rnars Verlag, Berlin), Brüder daben LedriktsteUsr 
von Rang idre Referats unä anders dei Delegsn- 
Leit entstandene NiWellen aUenkallZ im ^iter ge- 
«ammelt oder äis ^ukbewabrung äieser 8xlitter unä 
Abfalls äen literariseden NaedlaLverwaltern anver 
traut. Die deutige äugend sedeint äarin von äsr 
modernen Industrie gelernt su daben, äak sie aued 
idre geringsten Nebenprodukts noed ökonomirob ver 
wertet. 
led bssedranks meins Vetraodtung auk äis paar 
edronologised angeordneten Bssa^s, in denen Klaus 
Kann sied niedt eigentlied literarised LuÜsrt, sondern 
Wer seinen Meg reflektiert. Nan muÜ medrers 
BMsn adstreiken, eds man idn wirklicd antrikkt: 
seins doedtrabends Neigung, immer gleied im Namen 
einer europäiseden äugend ru sprsoden, von der niedt 
eden viel 2u merken ist, unä äie versierte, sedmieg- 
LameBpraeds, in die er dineinsedlüpft wie in einen 
Rullover. Madrsedeinliod glaudt sr, äaL idm der 
Rullover, äer ersiedtlied äer väterlieden Merkstatt 
entstammt, ein besonders smartes ^.usseden ver 
leide. 
Bsraus kommt sedlieMed ein rweifMos talentier 
ter junger Nann, äer sied Oeäanken maodt, v^snn 
aued niedt unbedingt seine eigenen. Immsrdin, er 
dat sedon ein Wegstüekeden durodmesssn. ^m ^.n- 
kang ' das ist seeds äadre der und dem Land väs 
ein distorisedes Dokument einverleidt redet er 
viel vom Oedeimnis des Leides und dem Olauden 
aus Deden. „Unser Orunderlednis," meint er im 
Lüekdliek L^rei äadre sxäter, „var äas Drotiseds und 
das Religiöse, beide dingen gedeimnisvoll aued in 
der Liske xusammen. Das einzige, ^as v^ir dier daü- 
ten, var Rationalismus." Lrüder ^.ddub verjädrtsr 
LebensMilosoxdis verbindet sied in diesem litsrari- 
«eden Bekenntnis mit äem Daseinsgetüdl gefiederter 
äugend» ^.ber Klaus Nanu ist dood keinnervig gs- 
nug, um aued anders Elements «u» der Bukt Lu 
sie fortan noch viel kunstvollere Kurven beschreiben und gar nicht 
daran denken, sich von ihm abschütteln zu lasten. 
Um wenigstens darzutun, wie sehr er die überaus geschickten 
Bällchen verachtet, greift Rebla zu einem drastischen Mittel. Er 
nimmt ein paar Zigarrenkisten, mit denen niemand etwas an 
fangen kann, weil sie völlig leer sind, und setzt die gebrauchten 
Holzschachteln auf einem Tisch bald in der einen, bald in der anderen 
Reihenfolge neben- und übereinander. Das aber mit den bedachten 
und gespannten Gebärden eines Mannes, der wirklich im Freien 
jongliert. Sie sind ein einziger Hohn auf -besten Fertigkeiten und 
drücken unmißverständlich aus, daß die vermeintliche Hexerei eine 
Bagatelle ist, die zu nichts weiter führt. Indessen auch diese 
offenkundige Demonstration stellt ihn keineswegs ganz zufrieden. 
Escs hl eisct h , t earl d s i n osb ne i rc h d t iemHe h orhlhere t irt ü dees sJoon t og b li t erebretrieebesn i d n i edernsWc h el l t - 
schlechterdings nicht mehr ertrüge, so tobt er gegen die unschul 
digen Kisten. Zwar reißt er sie vom Tisch weg und behandelt sie 
ähnlich wie vorhin die lämmerweißen Bällchen, aber je langer er 
mit ihnen hantiert, desto rachsüchtiger klatscht er sie schallend zu 
sammen. Bis sie zerbersten, und tausend Splitter den Boden be 
decken. 
Jonglieren ist wertlos, lehrt Rebla und Praktiziert, ein echter 
Philosoph, seine Erkenntnis. Indem er seiner Kunst obliegt, gibt 
er sie zugleich öffentlich preis. Und die verdrossene Miene, mit 
der er ihr den Text liest, ist selber ein Text, den zu entziffern sich 
lohnt. Er richtet sich unter anderem auch gegen jene, die es durch 
ihre Fixigkeit im Jonglieren zu hohem Ansehen gebracht haben. 
In Stücke hauen möchte sie der über unsere Zustände verstimmte 
Rebla wie seine Kisten. S. Krakauer»
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        ^5^ 
Wohnungen zu repräsentieren, gehorchen nicht so sehr der Not als 
der Mode und ersetzen den Mangel an Ornamenten durch den 
Aplomb ihres Auftretens. Sie benehmen sich ungeziert, gewiß; 
aber auf eine Art, die sämtlichen Menschen gleich verraten soll, wie 
kunstreich sie eigentlich sind. Ihre Schlichtheit vollzieht sich unter 
Schnaufen, ihre Glätte hat nur die Absicht, großartig zu wirken, 
und ihr reduziertes Wesen wünscht als kostbar zu gelten. Da sind 
simple Schlafzimmerschränke, die es fertig bringen, wie unein 
nehmbare Festungen zu erscheinen; Betten aus gemasertem Holz, 
in denen zu ruhen das Prestige der Schläfer zweifellos beträchtlich 
erhöht; Schreibtische, die sonst nichts weiter besitzen als ihre Pro 
portionen und doch schon jetzt auf die Vornehmheit ihres künftigen 
Inhabers zu schließen erlauben. Kurzum, alle diese Möbelstücke, 
seien sie nun anonymes Firmenprodukt oder modern-Persönlicher 
Architektenentwurf, sind vom verzehrenden Ehrgeiz beseelt, der 
geforderten Einfachheit zum Trotz den Schein der Wohlsituiertheit 
zu wahren. Nur nicht die Armut sich anmerken lassen, ist ihre De 
vise. Und so verschaffen sie sich eine blinkende Politur, machen eckige 
Gebärden von besonderer Ausdruckskraft oder vollführen gehobene 
Schwünge — lauter Mittel, die ihr soziales Ansehen zu mehren be 
stimmt sind. Ein bedachtes Arrangement sucht gewöhnlich den er 
sehnten Effekt noch zu steigern. Locker hingeschaukelte Stahlmöbel 
gruppen erzeugen den Eindruck sorgloser Privateleganz, und viele 
Eß- oder Schlafzimmergarnituren könnten in Filmateliers ver 
wandt werden, um die Illusion von Eß- oder Schlafzimmern zu 
erwecken. Sie sind innenarchitektonische Ereignisse, denen sich nichts 
hinzufügen oder abnehmen läßt, und bereits so komplett, daß Men 
schen in ihnen nur störten. 
Unstreitig wohnt es sich in diesen Zimmereinrichtungen be 
deutend angenehmer als in den ehemaligen Greuelkabinetten, von 
denen sie sich durch ihre offen eingestandene Zweckmäßigkeit und 
durch einen gewissen Schmiß unterscheiden, wie er Leuten eigen 
Möek von heute. 
Berlin, im Junr. 
Beim Besuch der „S o w o" — das ist die vom Verlag Rudolf 
Mosse verunstaltete Ausstellung: „So wohne alle Tage" am 
Reichskanzlerplatz — bin ich einem gemeinsamen Zug vieler mo 
derner bürgerlicher Zimmereinrichtungen auf die Spur gekommen. 
Ich bemerke vorweg, daß die Ausstellung reizend aufgemacht ist. 
Sie verspottet durchtrieben die Auswüchse der neuen Sachlichkeit, 
die eigentlich Einschrumpfungen sind, indem sie eine Raumkompo 
sition zeigt, deren Dürftigkeit schlechterdings nicht mehr unter 
boten werden kann. Und außerdem führt sie zwei Zimmer aus der 
Elternzeit vor, wahre Schreckensträume von Zimmern, die ver 
sehentlich im Hellen Tag stehengeblieben sind. Ja, so ist es gewesen. 
Neben der Bronzestatue des gepanzerten Ritters hat das gold- 
geränderte Album gelegen, und aus dem Abzugsgraben zwischen 
der Sofaherberge und der Renaiffancefassade des Büfettschlosses 
sind Prunkvasen in den Stuckhimmel gewachsen. Wie man auf den 
Freitreppen alter Paläste immer noch das Rauschen von Schleppen 
zu vernehmen glaubt, so hört man inmitten dieses warmen Seelen- 
labyrinths der Etageren, Lüster und Deckchen die Hausschuhe 
schlürfen. 
Die Zimmereinrichtungen, die ich meine — sie füllen bei wei 
tem die meisten Ausstellungsräume — sind von jenen verschollenen 
Vorkriegsinterieurs spürbar abgerückt. Man hat inzwischen gelernt, 
auf abgenutzte Ornamente zu verzichten und überhaupt gradlinig 
schlicht zu sein. Entscheidende Gründe dieser Selbstbeschränkung sind 
die veränderten Produktionsmethoden und die materielle Not, die 
zur Vereinfachung umständlicher Formen und zur Serienfabrika 
tion zwingt; wozu der Ueberdruß an vergangener Ueppigkeit ge 
kommen sein mag. Nicht zu verkennen, daß die Mehrzahl der Zim 
mereinrichtungen dem Zeitbedürfnis eifrig zu antworten trachtet. 
Weder stopft man heute soviel Mobiliar wie früher in den Raum, 
noch macht man aus den Möbelstücken empfindsame Schauobjekte, 
die am liebsten jede Zweckbestimmung verleugneten. Im Gegenteil, 
die Nüchternheit steht hoch im Rang, und ein Kleiderschrank will 
wirklich ein Kleiderschrank sein. 
So wäre alles in Ordnung? Keineswegs. Denn diese neuzeit- 
Uchen Zimmergegenstände, die dazu ausersehen sind, in bürgerlichen 
BauausMmrg im Osten. 
Berlin, im Junr. 
In der Köpenicker Straße, die aus der Unendlichkeit 
schnurgerade in die Unendlichkeit läuft, liegt an einer Stelle da 
zwischen ein Häuserkomplex, der einen der trübseligsten Höfe um 
schließt. Einen Hof, der aus einem Dickens-Roman stammen könnte, 
so innig verbündet sich in ihm großstädtische Armut mit Alteriüm- 
lichkeit. Es gibt Hinterhöfe, die durch ihre moderne Sachlichkeit 
trostlos stimmen; dieser ist eine Ruine. Frühindustrielle Backstein 
mauern begrenzen ihn, und aus einem seitlichen Reparaturschuppm 
quellen verjährte Autos und Motorräder hervor, die einst bessere 
Tage gesehen haben. Trüb schleicht er an ihnen vorbei, und es 
ist, als zöge er sich immer ttefer in das Gewesene zurück. Kaum 
kann der Himmel ihm folgen, aber zahllose kahle Fenster blicken 
ihm nach und begleiten ihn bis zuletzt. 
Das Gebäude, das seinen Abschluß bildet, enthielt im Erd 
geschoß früher eine Knopffabrik. Wahrscheinlich sind alle Knöpfe, 
die hier fabriziert wurden, längst abgerissen. Die verlassenen Raume, 
die an Manufakturen aus der Zeit Zolas erinnern, kommen jetzt 
einer proletarischen Bauausstellung zugute. Sie ist 
von einer Gruppe jüngerer Ingenieure und Architekten verunstaltet 
worden, die sich Zu einem „Kollektiv für sozialistisches Bauen" 
Zusammengetan haben, und will das Gegenstück zur Ausstellung in 
den Messehallen sein. 
Propagandistisch wirksam Hergerichtetes Anschauungsmaterial 
bedeckt die getünchten Wände. Es besteht aus Schriftsätzen, 
Ziffern und Photos und verfolgt selbstverständlich nur die eine 
Tendenz: für das herrschende Wohnungselend die gegenwärtige 
Wirtschaftsordnung verantwortlich zu machen und hinzuweisen auf 
die besseren Zustände in Rußland. Ein Verfahren, das viel zu 
summarisch ist, um nicht auch zu schiefen Ergebnissen Zu führen, 
aber doch einige sonst weniger beachtete Tatsachen voll belichtet. 
So wird etwa der nationalsozialistische Vorschlag Zur Lösung der 
Wohnungsfrage treffend gekennzeichnet und abgetan. Das Haupt 
gewicht liegt begreiflicherweise auf der Illustration und Kritik der 
proletarischen Wohnverhältnisse. Die gewaltige Zahl der in Unter 
miete wohnenden Familien tritt wie ein Ankläger der Zahl leerer 
Großwohnungen gegenüber; Bilder architektonischer ZrllemilieuZ 
vereinigen sich unter dem Titel: ,Zeder einmal in Berlin!", der 
in seiner üblichen Bedeutung lockendere Ziele verheißt; Prostitution 
und Verbrechen erscheinen in sinnfälligen Verkörperungen und 
denunzieren die internationale Wohnungsnot als ihren Erzeugen 
Verzweifelte Arbeitslose und Exmittierte greifen mitunter 
Zur Selbsthilfe, deren groteske Improvisationen ebenfalls festge 
halten werden. „Vor den Toren Berlins", so heißt eine Photo 
montage, die alles andere eher als idyllische Weekend-Häuschen 
umfaßt. Sie vergegenwärtigt HMenwohnungen an Schuttablade 
plätzen; ramponierte Autos, die als Lauben dienen; Unterkunft^ 
räume aus Eierklstem Lauter Tatbestandsaufnahmen, die eine nicht 
unwichtige Ergänzung der großen Bau-Ausstellung sind. 
Den Zustandsschilderungen folgt eine materialistische Betrach 
tung des Städtebaus. An Hand von Beispielen aus der 
Antike, dem Mittelalter und der absolutistischen Aera wird Zu 
zeigen versucht, daß der Aufbau der historischen Städte durch die 
jeweiligen Produktionsverhältnisse und die mit ihnen im Einklang 
befindlichen sozialen Schichtungen 'bedingt gewesen ist. Der Ueber- 
gang zur künftigen Stadt ist von hier aus nicht schwer zu 
finden. Die Prinzipien, nach denen die Gemeinschaft der Aus 
steller bei ihrer Errichtung zu verfahren gedenkt, stimmen im großen 
und ganzen mit den Richtlinien überein, die Ernst May kürzlich 
in seinem Berliner Vortrag entwickelte. Ansehung eines syste 
matisch zu erweiternden MinimalMolM für jede Familie, 
warenmäßige Fabrikation der Wohnungstypen und Herstellung 
einer günstigen Beziehung zwischen Produktionsstätte und Wohn 
viertel: das ungefähr sind die Grundzüge des Programms. 
Wer die offizielle Schau im Westen besucht, sollte diese östliche 
nicht versäumen. Sie hat in einer Umwelt Wurzel geschlagen, 
die selber wie ein Demonstrationsmodell anmutet. Und sie schärft, 
gerade ihrer Einseitigkeit wegen, den Blick für gewisse Planungen 
und Bestrebungen, deren unaufhaltsames Wachstum auch in man 
chen Räumen der Messehallen deutlich zu spüren ist. 
S. Kraeauer.
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        ist, die frühmorgens immer trainieren. Die Frage ist nur: was 
stellen sie vor? Ich weiß es nicht recht. Zu erkennen ist noch 
gerade, daß die kommoden Nachttischchen, die Glanzbetten und die 
Schreibtischniederlassungen den Anspruch erheben, der besseren 
Oberschicht anzugehören, aber im übrigen bleiben sie stumm. Ost 
sind die Eßzimmer düster wie Krematorien, ohne daß jemand in 
ihnen verbrannt worden wäre, es sei denn die Suppe; dann wieder 
dehnen sich uferlose Holzwände, die ein Meer von Feierlichkeit 
sind, obwohl sich keine Talare hinter ihnen befinden, sondern 
höchstens Kleider und Wäsche; oder Bücherschränke, die unter 
günstigen Bedingungen als Absteigequartiere dienen, haben das 
Aussehen von Herrschaftsgebäuden. Sie alle fühlen die Verpflich 
tung, außer der Gesellschaftsfähigst auch die geistige Höherwertig- 
keit darzutun und übernehmen sich einfach dabei. Leer klingen sie 
aus, und je mehr sie zu sein behaupten, desto vordringlicher erinnern 
sie an Plakate, Es ist, als seien sie einer Zeitschrift entstiegen. 
Statt bis zuletzt die Sachlichkeit durchzuführen, nach der sie an 
geblich streben, blähen sie sich mit Hilfe der neuen Formen Zu 
einer Größe auf, die nichtssagend ist. Vermutlich entspricht ihre 
Anmaßung dem Verlangen der Konsumenten. Ich könnte mir 
jedenfalls durchaus denken, daß sie das längst unterhöhlte, aber 
gerade darum krampfhaft bewahrte Standesbewußtsein mancher 
Schichten äußerlich zu bestätigen hätte. 
Der Gegensatz zwischen den abgelebten und den modernen 
Zimmereinrichtungen ist also gar nicht so gewaltig. Wie man jetzt 
jene mit einem leichten Gruseln belächelt, wird man in einer 
späteren Zeit diese sicher durchschauen. Auch in ihnen rumoren 
Gespenster, die kein Vakuumreiniger verscheucht. 
S. Krakauer. 
„Menschen Hinter Hütern«. 
ILr Berlin, im Juni. 
Der im Auslawd vielbesprochene Film: „M enschen hinter 
Gittern", der jetzt endlich auch in Berlin zu laufen begonnen 
hat, ist ein von der Metro-Goldwyn-Mayer in ihrer Cosmopolitan- 
Produktion hergestelltes Monumentalwerk. Welches Gewicht die 
Firma auf seinen Weltvertrieb legt, beweisen die für die deutsche 
Version gemachten Anstrengungen. Heinrich George spielt die 
Hauptrolle, und im Interesse der Dialoge sind gleich zwei Dichter 
auf einmal: Walter Hasen clever und Ernst Toller be 
müht worden. Dieses Aufgebot an Kräften und Namen wird 
durch die Großartigkeit der Mitte^gerechtfertigt. Täusche ich mich 
nicht, so ist das Gefängnisleben noch niemals so umfassend dar 
gestellt worden wie hier. Hof, Zellen, Personal und Sträflings 
massen finden sich zu Szenen zusammen, die den Eindruck unver 
stellter Bilder der Wirklichkeit machen. Da fehlt nicht ein Detail, 
da scheint nichts übertrieben. Der Gefängnisdirektor ist etwa kein 
Bösewicht wie der bucklige Despot im russischen ZuchLhausfilm: 
„Arsenal", sondern ein human denkender Beamter, der durchaus 
glaubhaft wirkt. Und so sind auch die Gefangenen überzeugend 
und unsentimental porträtiert. 
* 
Trotz dieser günstigen Vorbedingungen gedeiht der Film nicht 
zur Gestaltung. Er möchte einmal die Zustände im Gefängms 
schildern, zum andern Zeigen, wie aus diesen Zuständen eine Re 
volte hervorwächst Da nun die an den Schluß gelegte Revolte 
eine Katastrophe ist, die in ihrer ganzen Furchtbarkeit ausgemolt 
wird — Tanks fahren auf, und die Maschinengewehre knattern un 
unterbrochen — müßte sie durch die vorangegangenen Szenen zu 
länglich begründet sein, um sich der Komposition wirklich sinnvoll 
einzufügen. Ich erinnere an die Schreckensepisoden und die revo 
lutionäre Erhebung im „Potemkin". Während aber in diesem 
klassischen.Werk Prinzipien miteinander kämpfen, aus denen sich die 
Greuel zum mindesten erklären lassen, bleibt der Sträflingsaufruhr 
des amerikanischen Films ein isoliertes, geistig nicht zu bewältigen 
des Ereignis. Peder folgt er aus systematischen Mißhandlungen - 
im Gegenteil, die Leute haben es gar nicht so schlecht —, noch ist 
er auf soziale oder politische Motive zurückzuführen. Nicht einmal 
an den eingeschalteten Protest der Gefangenen gegen das schlechte 
Essen knüpft er unmittelbar an. Auch die Sorgen, die sich der Di- 
rettor wegen der Ueberfüllung des Gefängnisses und der erzwun 
genen Untätigkeit seiner Insassen macht, unterbauen ihn nicht; denn 
statt durch die Zustände bewahrheitet zu werden, fallen die hierauf 
bezüglichen Bemerkungen so beiläufig, daß sie der Rebellion höch 
stens als Vorwand dienen können. Eines Tages bricht sie ein 
fach aus, weil der Lebenslängliche die Gefangenschaft nicht länger 
erträgt. Gewiß, dergleichen kommt vor. Die hinterher einsetzende 
Beschreibung des Feuergefechts aber, in der jedes Detail wollüstig 
ausgekostet wird, vermag ihre Ausführlichkeit nicht zu legitimieren 
und enträt darum jeder Bedeutung. Oder vielmehr: ihre Be 
deutung ist die der Effekthascherei. Nicht umsonst löst sie 
wie irgendein unerhelltes, ungestaltetes Faktum nur stumpfes 
Grauen aus. Daß sie gar nicht mehr sein will als eine pure 
Sensation, geht indirekt aus dem sngehängten Kapxx enä hervor, 
das die Begnadigung des Favoriten bringt und durch die Hin 
wendung zum glücklichen Einzelschicksal nochmals dartut, wie 
wenig hier das Gesamtschicksal der Gefangenen in Frage steht. 
* 
Ich wüßte nach alledem nicht, was wider die Begründung ein- 
zuwenden wäre, mit der die Bildstelle des Zentralinstitüts 
für Erziehung und Unterricht es abgelehnt hat, den Film als 
künstlerisch wertvoll anzuerkennen. Sie tadelt unter anderem, dass 
das Problem des Strafvollzugs nur in einigen unwesentlichen 
Sätzen angeschnitten worden sei, nimmt Anstoß an dem „süß 
lichen" Abschluß und findet mit Recht, daß die Kampfszenen zwi 
schen Aufsehern und Gefangenen den „inneren Gehalt" vermissen 
lassen. Man hat in Berliner Künstler- und Fachkreisen über den 
negativen Bescheid der Bildstelle diskutiert und ihn teilweise nicht 
gebilligt. Aber ich meine, daß er rein sachlich jedenfalls hinreichend 
motiviert ist. Zu prüfen bliebe nur, ob an andere Wme, denen 
tatsächlich ein künstlerischer Wert zugesprochen wurde, dieselben 
strengen Maßstäbe der Beurteilung angelegt worden sind. Man 
darf das bezweifeln, und immerhin überragt der Sträslingsfilm 
ungeachtet seiner offenkundigen Mängel die meisten deutschen Er 
zeugnisse. Da es sehr schwierig ist, in künstlerischen Dingen nach 
einheitlichen und unantastbaren Grundsätzen zu verfahren, sollte 
die Bildstelle überall dort, wo ernsthafte Qualitäten im Spiel, sind, 
lieber ein Auge zudrücken, als sich dem Verdacht der Willkür aus 
setzen. Sie hat ja auch dem Rens Clair-Film die künstlerischen 
Ehrenrechte zurückerstattet, und außerdem ist die Produktion eben 
so armselig, daß hohe Kunstbegriffe ihr gegenüber kaum ange 
bracht sind. . 
O 
Der Ungar PaulFejoshat die Regie geführt. Er, dem wir 
den stummen Film: „Zwei junge Herzen" verdanken, einer der 
schönsten, einfachsten und zugleich gefülltesten, die ich überhaupt 
kenne, beweist mit dieser Leistung, daß er auch die Massenführung 
beherrscht. Bewundernswert ist, wie er die Gefangenenzüge durch 
den Hof leitet, sie dann auflöst und wieder zu kleinen Gruppen 
Zusammensetzt — ein graues Gerinsel, das den ganzen Film grun 
diert und alle Einzelauftritte miteinander verbindet. Aus ihm 
treten, von der virtuos, aber auch nur virtuos kompinierten Re 
volte abgesehen, verschiedene Szenen besonders eindrucksvoll Her 
vor. Die Demonstration im Speisesaal vor allem, bei der rm 
Takt gebrüllt wird und zahllose Eßnüpfe durch die Lust wirbeln. 
Ferner die Andacht in der Kirche, die eine vollende Kontrast 
wirkung enthält. Während der Geistliche fad über den Frieden 
redet, wandern unter den Betpulten Revolver aus einer Hand 
in die andre. Nicht minder gekonnt ist das kleine Zwischenstück 
in der Dunkelzellen-Abteilung, das zudem einen rein dem Tonfilm 
voröehaltenen Effekt erzielt. Man sieht den trüb erleuchteten Gang, 
an den die Stahltüren grenzen, und hört die verzweifelten Ge 
spräche der Arrestanten, die man selber nicht sieht. Sie müssen 
schreien, um sich zu verständigen, und es ist, als riefen sie sich aus 
weiter Ferne Trostworte und Flüche zu. Andere Partien sind 
schwächer. So ist das Gefängnisgebäuds eine fantastische Filmtrutz 
burg und Annie, das einzige Mädchen im Stück, eine konventionelle 
Figur, die ausgezeichnet in das zu ihr gehörige Familienstilleben 
past, in dem sie sich auch nicht bewegt. 
Heinrich George: ein dickes, gutmütiges Bündel ungelenker 
Triebe, ein dumpfer Fleischkoloß, der nichts von sich oder gar von 
der Welt weiß; es sei denn, daß er nicht eingesperrt leben mag. 
Er spielt, was zu spielen ist: die Trauer um den Tod der Mutter, 
die Raserei, die Dummheit, die Treue, ist aber, ohne daß es ihm an 
Uebergängen gebräche, in jedem Moment um eine Spur zu massiv. 
Als ob ihm die Gewichtigkeit des Körpers dazu verführe, so be 
tont und unterstreicht er die einzelnen Phasen. Gäbe er weniger, 
so wäre er mehr. Sein Kumpan Gustav Dießl strahlt einen ge» 
wissen, seelisch fundierten Charme aus und erwirkt der von ihm 
verkörperten Rolle alle Sympathien, die ihr zugedacht sind. Der 
undankbaren Aufgabe, einen schlecht konturierten jungen Gefange 
nen darzustellen, der den Spitzel macht, entledigt sich Egon von 
Jordan verhältnismäßig geschickt. Angenehm fällt Peter Erke 
lenz als Gefängnisdirektor auf.
        <pb n="50" />
        tresfer gleichen. 
gesinnten Massen hätten verletzen können. Diese Tatsachen 
bestätigen nicht nur nochmals, daß die Auflagehöhe kein Wert 
messer ist, sondern deuten bereits auf die eigentlichen Gründe 
eines großen Bucherfolges Hin. Er ist das Z e i ch e n eines 
geglückten soziologischen Experiments, der 
Beweis dafür, daß wieder einmal eine Mischung von Ele 
menten gelungen ist, die dem Geschmack der anonymen Leser 
massen entspricht. Eine Erklärung für ihn bieten allein die 
Bedürfnisse dieser Massen, die gewisse Bestandteile gierig ein 
saugen, andere dagegen entschieden ablehnen; nicht aber die 
Beschaffenheiten des Werts selber — oder doch nur insofern, 
als sie jene Bedürfnisse stillen. Und sollten sie gar Wirkliche 
Spuren von Substanz mit sich führen: sie verschaffen dem 
Buch sein Renommee nicht in ihrer Eigenschaft als Gehalte, 
vielmehr als Widerspiel der im sozialen Raum verbreiteten 
Tendenzen. Der gute Absatz einer Buchware hängt zuletzt 
von ihrer Fähigkeit ab, die Nachfrage ausgedehnter Kon 
sumentenschichten zu befriedigen. Eine Nachfrage, die viel zu 
allgemein und konstant ist, als daß ihre Richtung durch private 
Neigungen oder bloße Suggestion bedingt sein könnte. Sie 
muß auf den sozialen Verhältnissen der Konsu- 
stellern zweifelhaften Ruhm dringt und unbezweifelbares VNe"r^. 
mögen. Es ist aber nicht mehr wie früher eins verhältnismäßig 
in sich geschlossene Klasse, sondern eine Mannigfaltigkeit von 
Schichten, die sich von der Großbourgeoisie bis herab zum Pro 
letariat erstrecken. Sie haben sich in den letzten 50 Jahren 
neu 'herausgebildet und stehen noch mitten in einem gewaltigen 
Umfyrmungsprozeß. Was weiß man von ihnen? Aus der 
Tatsache, daß man nichts oder nur wenig von ihnen weiß, 
erklärt sich Zwanglos die Unmöglichkeit, Ersslgchancen schon 
im voraus Zu ermitteln. Dtan hat zwar eine Art von Klafsen- 
instinkt, aber auch der ist gebrochen, und so muß jedes Litera 
turerzeugnis, das Marktgängigkeit erlangt, einem Lotterie- 
der Hand. Der Erfolg von Büchern, die keiner der genannten 
Gattungen angehören, könnte grundsätzlich der Füllt ihrer 
echten und allgemein überzeugenden Gehalte Zuzuschreiben sein. 
Wäre dem so: die Analyse hätte nur diese Gehalte sichtbar zu 
wachen,, um den Ruhm der betreffenden Werke Zu erklären. 
Tatsächlich aber gleichen die Gehalts darin den Sternen, daß 
Las von ihnen entsandte Licht uns vielleicht erst nach Jahr 
zehnten erreicht. Es hat Zeiten in der menschlichen Geschichte 
gegeben, in denen ihrer viele ein für allemal entdeckt zu sein 
schienen und daher nicht gesucht werden mußten. Heute aber 
ist der Himmel verfinstert, und wer weiß, ob man sie selbst 
durch ein Riesenteleskop zu erspähen vermöchte. Von Franz 
Kafkas Werken haben es einige noch nicht bis Zu 1000 Exem 
plaren gebracht. Die Beliebtheit mancher Liternturprodukte 
muß also auf andere Ursachen zurückzuführen sein als gerade 
auf die in ihnen eingekapselten Gehalte.. Im Gegenteil: je 
mehr Goldadern sie in ihrem Innern bergen, desto eher werden 
sie im allgemeinen von der Menge mißachtet, die keine Wün 
schelrute hat, sondern nur Wünsche. Hat einmal der Zer 
setzungsprozeß sein Werk getan, so sind die mittlerweile an den 
Tag getretenen Gehalte freilich für alle Zu greifen, oder 
werden doch von ihnen genannt. , , - 
Wenn der Erfolg der Werke, um die es hier geht, nicht 
eigentlich aus den Bedeutungen abgeleitet werden kann, die sie 
vermitteln — welchen Quellen entspringt er dann? Die Frage 
nach ihnen ist um so berechtigter, als sie auch die an ihrer Be 
antwortung unmittelbar Interessierten in Verlegenheit bringt. 
Trotz oder wegen ihrer Routine enthalten'sich erfahrene Lek 
toren und Verleger der Prophezeiungen über das Schicksal der 
Bücher. Sie Pflegen zu äußern, daß der Publikumserfolg un 
berechenbar sei, und wagen sie doch eine Vorhersage, so ist sie 
nicht minder problematisch wie eine meteorologische Erwägung 
über das Wetter. Wie groß die Ratlosigkeit der Fachmänner 
den klimatischen Erscheinungen in der Literatursphäre gegen 
über ist, erweist sich besonders schlagend im Fall von Re- 
marque. Das Manuskript seines Romans erfuhr von aus 
gezeichneten Verlegern, denen die Sanierung durch einen 
Allerweltserfolg Zweifellos willkommen gewesen wäre, schnö 
deste Ablehnung, und als es endlich nach langer Fahrt glück 
lich im Ullstein-Hafen einlies, wurde sein ziffernmäßiger 
Wert auch von den dortigen Hafeninspektoren keineswegs 
gleich erkannt. Mitunter werden die Auguren kühn und ver 
suchen das Wetter zu machen. Ich weiß von einem Buch, das 
den späteren Erfolg vielleicht auch dem Puff schuldet, der 
ihm beim Starten gegeben worden ist. Sein Erscheinen fiel in 
die Tage nach den Septemberwahlen, vor denen es schon 
lieferungsbereit vorlag. Der Ausfall der Wahlen bewirkte. 
Laß man das Werk noch einbehielt und rasch einige Partien 
änderte, die das Empfinden der offenbar hochgradig national 
III. 
Die ökonomischen Strukturwandlungen, 
die sich in der Gegenwart vollziehen, haben vor allem den 
alten Mittelstand einschließlich der Kleinbourgeoisie getroffen. 
Er, einst der Träger der bürgerlichen Kultur und der Haupt 
stamm des lesenden Publikums, befindet sich in einem Zustand, 
der dem der Auflösung nahe kommt. Unter den Ereignissen, 
die ihn heraufgerufen haben, wäre die Inflation und die mit 
ihr verbundene Auspowerung der Kleinaktionäre Zu nennen, 
die Konzentration des Kapitals und die zunehmende Ratio 
nalisierung; um ganz von der Krise zu schweigen, die zu 
weiteren Substanzzerstörungen führt. Aus all diesen Gründen 
ermangeln jedenfalls die nachgerückten mittleren Schichten ge 
wisser Voraussetzungen, die den ehemaligen Mittelstand kon 
stituierten: der Keinen Selbständigkeit, der bescheidenen Rente 
usw. Sie sind in Abhängigkeit geraten und zu „proletaroiden" 
Existenzen herabgesunken. Dem Nachweis ihrer Proletari 
sierung hat meine Schrift: „Die Angestellten" gegolten, in der 
überhaupt versucht worden ist, den ganzen Raum abzustecken, 
den die Kinder und Kindeskinder des kleineren Vorkriegs- 
mittelstandes erfüllen. Von ihnen zu den Arbeitern ist in 
ökonomischer Hinsicht kaum noch ein Schritt. Die veränderten 
Produktionsbedingungen üben selbstverständlich auch ihren 
Einfluß auf die Großbourgeoisie aus. Sie tritt zum Teil ins 
Angestelltenverhältnis, funktionalistert sich und steht mitten in 
einer Umgruppierung, deren Wirkungen sich schwer abschätzen 
lassen. 
Die hier gemeinten Strukturwandlungen haben, nebenbei 
bemerkt, die Herauskunft von Tendenzen Zur Folge, die vor 
erst noch unter einer Hülle leben, da sie den überkommenen 
Begriffen Widerstreiten. Es handelt sich um jene unserer fak 
tischen Situation entsprechenden Tendenzen, die zwar bereits 
allenthalben ihre Verwirklichung anftreben, sich aber mit 
privatwirtschaftlichen Grundsätzen nicht durchaus decken. So 
bricht das öffentliche Recht immer stärker in die Jndividual- 
sphäre ein und erobert sich neue Kompetenzen; der Gedanke 
sozialer Verpflichtung hat in der Wirklichkeit so feste Gestalt 
gewonnen, daß er nicht mehr Zu tilgen ist; Städtebau und 
Landesplanung greisen über den Einzelegoismus hinaus; die 
Kollektivierung des Lebens nimmt zu. Nur eben: diese Strö 
mungen, die der sozialen Realität und den materiellen Not 
wendigkeiten Rechnung tragen, sind einstweilen weit davon ent- 
fernt,^ das System zu bestimmen, in dem sie sich entwickeln. 
Sie hüllen sich gewissermaßen in ein Inkognito, und prägen 
sie sich auch faktisch aus, so setzen sie sich doch nicht als das, was 
sie sind, im anders gewohnten Bewußtsein durch. 
Platz für sie wäre vorhanden, denn manche bürgerlichen 
Bewußtseinsinhalte sind genau so abgebaut 
worden wie ihre Träger. Der ökonomischen und sozialen Fun 
damente beraubt, können sie sich nicht länger halten. Ich denke 
an den Schwund des SLandesbewußtseins in zahlreichen Be- 
I. 
Die im Literaturblatt der „Frankfurter Zeitung" verM- 
staltete Serie: „Wie erklären sich große Buch 
erfolge?" hat in Publikums- und Verle^rkreisen Ziem 
liches Aufsehen erregt. Einbezogen worden in sie sind bisher 
die Erfolgswerke von Richard V oß, Stefan Zweig, 
Remarque und Frank Thieß; Zu denen noch Jack 
London getreten ist, der nicht durchaus in die Reihe gehört. 
Sie ließe sich fortsetzen, und ich könnte mir zum Beispiel 
denken, daß man in ihrem Rahmen die Beliebheit biographi 
scher Werke erörterte oder den Gründen nachsragte, aus denen 
manche in illustrierten Zeitungen erschienene Romane be 
geisterte Aufnahme gefunden haben. Immerhin, so meine ich, 
sollten schon die paar Untersuchungen Zur Verdeutlichung der 
mit der Serie verbundenen Absicht genügen. Die Haltung, die 
in ihnen durchgeht, ist allerdings mitunter mißverstanden 
worden. Es scheint uns daher angebracht, sie einmal vom 
Stoff abzuheben und gesondert Zu prüfen. Ihrer Darstellung 
werden die Ergebnisse Zugute kommen, die in den veröffent 
lichten Analysen gewonnen worden sind, 
II. 
mengen beruhen. 
An welchem sAomzialelen Ort be-ffini^d-et sich das ^Pbulbrlkikuumm, das 
ulf keinen Fall 
uleetariat gareift 
Auf den Zweck der Serie weist schon die unter den Erfolgs 
büchern getroffene Auswahl hin. Eine Reihe von ihnen der Träger der Bücher^ rst? Sie werden aulf keinen Fall 
ist von vornherein ausgeschieden. Nicht behandelt worden durch proletarische Abnehmer begründet. Das Prouleetariat gareift 
sind zunächst Beispiele der Kolportage: sei es der offenen, sei m der Hauptsache zu Buchem abgestempelten ^nhaUs oder 
e§ der maskierten. Die Kolportage hat gewiß von jeher weite lwst nach, was ihm die Burgerrichen schon vorgelesen haben. 
Verbreitung genossen; aber aus Gründen, die sich gleich Immer noch ist es das B urg e rt u m, das einigen Schrift 
bleiben und sicher nicht gerade der Erhellung des gegenwarti- stellern zweifelhaften Ruhm dringt und unbezweifelbares VNe"r^ 
gen Zustandes dienen. Sie birgt bedeutende Gehalte in ver 
zerrter Form und antwortet auf Neigungen, die so wenig 
wandelbar sind wie ihr Kompositionsschema. Ist ihr Ersolg 
an die Befriedigung lang währender Instinkte und tiefer Er 
wartungen geknüpft, so der von anderen Bestsellers an die 
Beziehung zu sensationellen Ereignissen, die gerade das all 
gemeine Bewußtsein erfüllen. Auch diese literarischen Schlager 
von rein stofflicher Aktualität kommen nicht in Betracht. 
Ebensowenig haben jene Publikationen Berücksichtigung ge 
funden, die von Anfang an auf bestimmte Interessentenkreise 
abgestellt sind: also Werks irgendeiner ausgeprägten Politi 
schen Richtung und Bücher, die ihre Wirkung dem Umstand 
verdanken,' daß sie etwa der katholischen Vorstellungswelt 
oder den Gedankengängen des Proletariats besonders ent 
gegenkommen. Woher ihre Massenauflagen rühren, liegt auf 
GrfokgMHer und W Fubükum. - ^7/
        <pb n="51" />
        wollen, unwiderstehlich wirken . . Allerdings vornehmlich 
auf die höheren Stände, die Stil und Distanz verlangen. 
Der Ton macht die Musik, und Zweig trifft, wie ebenfalls 
an Hand seiner Novellen gezeigt wird, genau den Ton, der 
in kultivierteren Zirkeln anspricht, dort, wo der Geschmack 
umgeht und die Bildung spukt. Der Mittelstand und über 
haupt die verarmten Massen verlangen statt des teuren Ab- 
standes Herz, das kostenfrei ist. Das G e füh l ist alles, wenn 
alles andere fehlt. Er vermenschlicht die Tragik, ohne sie 
aufzuheben, und nebelt die Kritik ein, die der Konservierung 
überalterter Gehalte gefährlich werden könnte. Für den Aus 
fall der Spannung sucht Voß „durch eine Darstellungsweise 
zu entschädigen, die wahrscheinlich die Hauptschuld an der 
Resonanz des Buches trägt. Sie strotzt von jener literarisch 
ungeformten Gefühlsseligkeit, die zu den anonymen Volks 
massen sprich!". Remarque erzielt seine Effekte gleichfalls da 
durch, daß er zu rühren versteht. „Dieses Rührende", so wird 
in der seinem Roman gewidmeten Untersuchung erklärt, 
„weist. . . soziologisch auf die Schichten hin, auf die es am 
stärksten wirkte und die den Erfolg des Buches bestimmen. 
Es ist der Ausdruck eines mittleren Zustandes zwischen Hin 
nahme und Auflehnung, der einer mittelständischen Haltung 
adäquat ist." 
Oft werden die zu stabilisierenden Gehalte nicht unmittel 
bar beschworen, sondern dadurch indirekt zu bewahren gesucht, 
daß man vor der Auseinandersetzung mir ihnen die Flucht 
in irgendeine Fremde ergreift. Wenn man die Hände von ihnen 
läßt, zerbröckeln sie nicht so leicht. Sie werden unter eine 
Glasglocke gestellt, und dann fährt die Herrschaft spazieren. 
Ein verlockendes Ausflugsziel ist und bleibt das Erotische. 
Von Thieß, der es gern aufsucht, .wird bemerkt: „Ich glaube, 
daß viele Leser durch die reichlich einmontierte erotische 
Schwüle herbeigelockt werden, gegen die sachlich nicht das 
Geringste einzuwenden ist,, da sie zur Darstellung der Grund 
haltung an den ihr angewiesenen Ort gehört." Auch geo 
graphische Abenteuer sind Zum Teil sicher darum 
begehrt, weil sie von den geistigen Meuten, Zu den Autoren, 
die sie frei ins Haus liefern, gehört nicht zuletzt Jack London. 
Den Ausschlag gibt allerdings bei ihm, der Analyse zufolge, 
seine innige Beziehung zur Natur. Sie ist, wie die Er 
folgsbücher beweisen, das große Resugium, nach dem sich die 
Lesermassen sehnen. Vertrauten sie sich der Ratio an, die mit 
der Natur nicht zusamm-enfällt, so wären unter Umständen 
ihre Bewußtseinskonstruktionen bedroht; bei dem Rückzug in 
die Natur dagegen bleiben alle problematischen Gehalte un 
angetastet. Die Natur mag tragisch sein oder dämonisch 
gleichviel: sie ist ein sanftes Ruhekissen für alle, die nicht ge 
weckt werden wollen. „Die Helden der Zweigschen Novellen 
sind Amokläufer, Rasende, Verhexte oder Verzauberte, die, 
für ihr Tun zwar nicht verantwortlich sind, aber mit ihrem 
Tun doch irgend etwas demonstrieren wollen, etwas Un 
bestimmtes, Geheimnisvolles . . Jack Londons Natur meint 
es sogar mit den Menschen gilt, sie ist eine ideale Natur, der 
er unbekümmert gehorchen darf. Er hat alle möglichen Gefahren 
bestanden — „aber es gibt keinen Dämon, der ihn vor sich her- 
jagt und ihn, wie die Landstreicher Hamsuns, an den Rand 
des Abgrunds bringt; er folgt nur seiner ,Natur'." Sie, die 
unergründliche, ist schließlich die Grenze jedes Begründens, 
ist stumm. Ein Vorzug, der den Erfolg geradezu garantiert. 
Denn nichts wünschen die heutigen Träger großer Bucherfolge 
aus Selbsterhaltungstrieb dringlicher als das Versinken pein 
licher Fragen im Abgrund des Schweigens. Da sie die Ant 
wort mit Recht oder zu Unrecht fürchten, verlangen sie vorge 
schobene Barrieren, die den Anmarsch der Erkenntnis ver 
hindern. Ihre Forderung lautet: Indifferenz. Sie hat 
zweifellos den Erfolg von Remarque beim internationalen 
Kleinbürgertum begründet. „Das einzige Gespräch im Buch 
über den Krieg", so wird' in der Romananalyse ausgeführt, 
„bezeugt jene . . . Indifferenz, die sich damit begnügt zu 
konstatieren: ,Noch besser ist gar kein Kriegt Wenn sich irgend 
wo Empörung äußert, so richtet sie sich gegen die subalterne 
Autorität, und Haß ist nur gegen jene sich selbst einschaltenden 
Patrioten in Zivil, gegen einen Lehrer etwa, dem es Löse 
vergolten wird, daß er die Ungeeigneten zur freiwilligen Mel 
dung hetzt."' 
Unsere Analysen ergeben also ein ziemlich umfassendes 
Bild von der Bewußtseinsstruktur der neubürgerlichen Schich 
ten. Sie machen Stützungsaktionen für gewisse, heute nicht 
mehr Zureichend unterbaute Gehalte. Sie möchten auf jede er 
denkliche Weise die Konfrontation abgetakelter Ideale mit 
der gegenwärtigen sozialen Wirklichkeit vermeiden und ent 
ziehen sich dieser Gegenüberstellung durch die Flucht nach allen 
Himmelsgegenden und Schlupfwinkeln. Sie lagern mit Vor 
liebe am Busen d§r Natur, wo sie sich der Sprache begeben 
und sich wider die Ratio zur Wehr setzen können, die auf dir 
Tilgung mythologischer Institutionen und Bewußtseins 
bestände abzielt. 
V. 
Wer verändern will, muß Bescheid um das Verändernde 
wissen. Der Nutzwert der von uns verunstalteten Serie be 
steht eben darin, das Eingreifen in die gesellschaftliche Wirk 
lichkeit zu erleichtern. 
S. Kraeauer. 
amten- und Angestelltenkreisen; an die in der Praxis häufig 
wahrnehmbare Preisgabe individualistischer Haltung; vor allem 
aber an die Jllusionslosigkeit führender Männer 
der Wirtschaft. Eine starke Entzauberung hat gerade an der 
Spitze eingesetzt und Ideen, die einmal der Wirtschaft als 
Antrieb gedient haben, sind jetzt rhetorische Schmuckstücke in 
Feiertagsreden. Der Verzicht auf Gehalte, die durch die heu 
tigen Zustände entthront sind, spricht für den Wirklichkeits 
sinn der mit geistiger Verarmung Bedrohten. Nur wenige 
sehen allerdings über ihre Nasenspitze hinaus. Die meisten 
verehren in Kunst, Wissenschaft, Politik usw. Ideale, die sie 
auf ihrem eigensten Gebiet längst durchschaut haben 
Besagt die (noch dazu nicht klar eingestandene) Demos- 
kierung einiger Ideologien etwas für die Schwächung des 
bürgerlichen Bewußtseins? Das Verstummen in den Höhen 
schichten trägt auf alle Fälle zur Radikalisierung der Jugend 
bei. Man lebt nicht vom Brot allein, und dann erst recht nicht, 
wenn man keins hat. Auch die Rechtsradikalen haben sich teil 
weise vom bürgerlichen Denken emanzipiert, von dem sie sich 
schlecht versorgt glauben; im Namen irrationaler Mächte 
freilich, die des Kompromisses mit den bürgerlichen Mächten 
jederzeit fähig sind. Die größere Masse des Mittelstandes 
und der Intellektuellen aber macht diesen mythischen Aufstand 
nicht mit, der ihr mit Recht als Rückfall erscheint. Statt sich 
durch die geistige Leere, die in den oberen Regionen herrscht, 
Zum Ausbruch aus dem Gehege des bürgerlichen Bewußtseins 
zwingen zu lassen, sucht sie dieses Bewußtsein im Gegenteil 
mit allen Mitteln zu konservieren. Weniger aus positiver 
Gläubigkeit als aus Angst. Aus Angst davor, im Proletariat 
zu ertrinken, geistig deklassiert zu werden und den Anschluß 
an echte Bildungsgehalte zu verlieren. Doch woher die Ver 
steifungen für den gefährdeten Ueberbau nehmen? Er enträt 
verschiedener materieller Stützen, und die neu entstandenen 
Schichten, die sich zum Bürgertum zählen, sind nicht seine 
selbstverständlichen Träger. Sie wissen überhaupt nicht recht, 
wo sie hingehören, sie verteidigen nur Privilegien und viel 
leicht Traditionen. Die wichtige Frage taucht auf, wie sie sich 
nun verschanzen. Da sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen 
die Bestände des bürgerlichen Bewußtseins nicht einfach un 
gebrochen übernehmen können, müssen sie auf die verschieden 
sten Auswege verfallen, um den Schein ihrer früheren geistigen 
Machtposition zu wahren. 
IV. 
„Analysen vielgelesener Bücher", schrieb ich in meinem 
Aufsatz über Frank Thietz, „sind ein Kunstgriff zur Er 
forschung von Schichten, deren Struktur sich auf direktem 
Weg nicht bestimmen läßt." In der Tat, schon aus unseren 
bisherigen Untersuchungen erhält man entscheidende Aufschlüsse 
über das Verhalten der in Gärung geratenen bürgerlichen 
Schichten. Besonders über die (vorwiegend unbewußten) 
Maßnahmen, die sie zu ihrem Selbstschutz 
treffen ; denn es darf ja angenommen werden, daß gerade 
diejenigen Bücher einen großen Erfolg haben, die solche Maß 
nahmen darstellen bzw. unterstützen. Ehe ich die Ergebnisse der 
einzelnen Analysen systematisch betrachte, erinnere ich noch 
einmal an ihre Autoren. Ueber Stefan Zweig hat Friedrich 
Burschell geschrieben, Erich Franzen über Jack London und 
Efraim Frisch über Remarque; außer dem Aussatz über Thieß 
stammt von mir auch der über den Richard Voß-Roman: 
„Zwei Menschen". 
Kräftiger Individualismus verbürgt beträchtliche 
Chancen. Von den Helden im Voß-Roman heißt es: „Als 
zwei ausgewachsene Einzelwesen dienen sie auch dem Protest 
gegen die Kollektivierungstendenzen als Rückenstärkung, die in 
der Gegenwart nmner deutlicher hervortreten. Sie widerstreben 
großen Teilen des deutschen Volkes . . .; jedenfalls beweist 
die Wirkung des Romans, daß .Persönlichkeiten' vom 
Rangs Judiths und des Paters Paulus mindestens dieselbe 
Zugkraft haben wie Porträts von Massenmcnschen". Auch 
Thieß und Zweig stellen das Individuum in die Mitte. Wo 
es auftritt, ist Tragik unausbleiblich. Sie bettet das 
bürgerliche Dasein tief in die. Metaphysik ein und übt daher 
auch oder gerade in ihren Zerrformen eine starke Anziehung 
auf das Publikum aus. „Der versorgte, verängstigte Mensch 
dieser Zeit", wird über Zweigs Novellen gesagt, „und gerade 
der Mensch aus den höheren Schichten, der im oft vergeblichen 
Kampf um die Aufrechterhaltung seines Lebensstandards seine 
Gefühle fast immer verkapseln muß, greift . . t begierig zu 
diesen Geschichten, weil in ihnen die Leidenschaften zwar un 
wahrscheinlich, aber dafür um so prächtiger und ungehemmter 
sich austoben und das private Schicksal noch in der Kata 
strophe triumphiert." Da die Mittelschichten ihre Zwischen- 
position wohl als Verhängnis empfinden, sich jedoch unter 
allen Umständen in ihr behaupten wollen, neigen sie natürlich 
dazu, sämtliche Verhängnisse zu tragischen Ereignissen zu 
erhöhen.Das Individuum, das, die Idee bewährend, tragisch 
untergeht, ist auch ein Bestandstück idealistischer Weltanschau 
ung, und so übernehmen die Favoriten begreiflicherweise den 
Idealismus. Nicht den echten, der vergangen ist, wohl 
aber seine verschwommenen Nachbilder. Bei Gelegenheit der 
Prosa Stefan Zweigs muß denn auch festgestellt werden, daß 
manche seiner Sätze fraglos „auf viele Zeitgenossen, die um 
jeden Preis einen verblasenen Idealismus sich bewahren
        <pb n="52" />
        er ein« groß« Münze in Empfang, so kramt er erst umständlich in 
seinem Beutel da? gewünschte Kleingeld zusammen Darüber ver 
gehen ein paar Minuten, und während dieser Zeit müßte von rechts 
wegen der zu ibm gehörig« Satz ausgetilgt sein. Aber das eben 
ist das Unerklärlich«: daß der Satz trotz der Unterbrechung weiter- 
laust, als sei er von seinem Ursprung langst unabhängig. Auf 
keinen Erzeuger mehr angewiesen, zieht er sich auch dann noch fort 
und fort, wenn alle Händler nach Hause gegangen und alle Zeitun 
gen auSverkauft sind. 
Das Nummernmädchen. 
In der Scala tritt allabendlich ein Mädchen aus, dessen, wenn 
mich nicht alles täuscht, öffentlich noch nie gedacht worden ist. Da 
bei erscheint sie häufiger als sämtliche Artisten. Sie produziert 
freilich nicht wie dies« eine Nummer, sondern hat nur die mehr als 
bescheidene Ausgabe, die Nummern der Nummern vorzusühren, 
ist also in künstlerischem Sinne gar nicht vorhanden. Ihre ganze 
Tätigkeit, die keine ist, besteht darin, daß sie auf der einen Serie 
der Bühne herauskommt, mit dem Zifsernschild in Handen am 
Vorhang entlang trippelt und auf der anderen Seite wieder ver 
schwindet. Dann geht der Vorhang hoch und der angÄündigte Pro 
grammpunkt findet seine Erledigung... Immerhin, gehört auch die 
Nummernträgerin nicht selber zum Programm, so erfüllt sie Loch 
ihre winzige Pflicht mit einer Nettigkeit, als handle es sich um eins 
richtige Soloszene; um ganz davon zu schweigen, daß sie überhaupt 
nett aussieht. In einem kleidsamen Kostümchen, das von Zeit zu 
Zeit die Farbe wechselt wie Monatskarten, dreht und wendet sie sich 
während ihres kurzen Auftritts so listig und nutzbringend, daß 
nicht nur die fernsten Rangbesucher die Ziffer erkennen müssen, son 
dern der schnellebige Vorgang sich überdies wie unter der Zeitlupe 
dehnt. Da ist die kleine Schleife in der Mitte; das ängstlich über 
legene Nachlausspiel mit dem Vorhang, der sich schon einer riesigen 
Ballonhülle gleich aufzubauschen beginnt; die anmutige Umkehr 
gegen Schluß hin, die den Bewohnern der entgegengesetzten Saal 
Hälfte noch einen letzten Scheideblick auf die Tafel und das Mäd 
chen ermöglicht. Und dann das Lächeln — mit einem geradezu 
strahlenden. Glückslächeln, das an alle gefunkt wird und jeden be 
trifft, begleitet die Figurantin ihr« ziffernmäßige Botschaft. Es ist, 
als erfülle sie eine delikate Mission, die eigentlich nicht allgemein 
ausposaunt werden dürfe, so kokett und persönlich ist dieses Lächeln. 
Kurzum, ich meine, daß diese sachliche Belanglosigkeit ihrer reizen 
den Aufmachung wegen schon eine Erwähnung verdiene. Sie 
gleicht einer unerheblichen Randglosse, die bei Gelegenheit einer 
«ffiziellen Haupt- und Staatsaktion gemacht wird, einer windigen 
Bagatelle, der ernsthafte Männer keine Beachtung schenken. Em 
Nummernmädchen — was wäre das auch. Aber von manchen soge 
nannten historischen Ereignissen sind nur noch die zu ihrer Num- 
merierung verwandten Jahreszahlen erhalten geblieben, und das 
Nebenbei wird gar nicht selten später die Hauptsache. 
S. Krakauer. 
Berliner Muren« 
Bselm, im KuN. 
Dar Dauer kuRds. 
U« eiRer belebtER Vsrkehrsstraße hat ein Mann Pssten ge 
faßt, der eine Kessndere FüllföderhalLermarke vertreibt. Er tragt 
eine Art Uniform, deren lichtes Blau sofort an Füllfedertime 
-emahnL, harrt während der ganzen warmen Jahreszeit an seinem 
Plätzchen aus und verschwindet nach Eintritt der kalten. Offenbar 
sprießen die Füllfederhalter nur im Sommer. Auch die Kunden 
scheinsA dem Mann ZuzuMühen: diesem Gedanken wird sich nie 
mand entziehen können, der nicht wie ich täglich Zur gleichen 
Stunde an seinem Standquartier vorübergeht. Tatsächlich hat er 
um diese Zeit regelmäßig Visite — nur leider ist ss immer derselbe 
^Herr, der dort Lei ihm vorspricht und ersichtlich den Anschein sr- 
Twecken möchte, ein Käufer Zu sein.. Ein harmloser Trick, der immer 
hin ss geschickt angelegt ist, daß auch ich erst nach mehreren Wochen 
hinter die Monotonie des Dauerkunden gekommen bin. Denn dieser 
einzelne Herr Mttet seine Besuche wie ein VerwandlungZkünMr 
in stets wechselndem Aufzug ab. Bald ist er ein schlichter Mann aus 
dem Volk, der ein handliches Schreibwerkzeug benötigt; bald tritt 
er als Angehöriger der wohlhabenden Schichten auf, der sich über 
die günstige Gelegenheit freut, seine ausgefallenen Ansprüche an 
Füllfederhalter zu befriedigen; bald weht er im Seidenhemd und 
hutlss daher, ein Sportsmann in gereifteren Jahren, dem das 
kleine Tasteninstrument seiner hübschen Konstruktion wegen Spaß 
macht. Lauter verschiedene Personen, deren Identität Zu durch 
schauen vermutlich nur wenigen gegönnt ist. Hat man sie aber erst 
einmal erkannt, so gewinnt die Abwicklung des Scheingeschafts 
einen unvergleichlichen Reiz. Mit einer Geduld, der nur die des 
Lichtblauen ebenbürtig ist, läßt sich der dauernde Herr Tag für 
Tag die Vorzüge des Füllfederhalters erklären. So wird die Tinte 
eingespritzt und so wird das Ding gedreht — beflissen interessiert 
und in genauer Uebereinstimmig mit seiner jeweiligen Rolle lauscht 
er den Anweisungen, versucht, selber zu drehen und brütet voller 
Bewunderung über dem Kasten. Im begreiflichen Bestreben, den 
Kaufabschluß so lang wie möglich hinauszuziehen, verlieren sich die 
beiden allmählich in endlose Gespräche, die Zweifellos weit von 
dem Füllfederhaltergebiet abschweifen, an das sie die Passanten 
heranlscken sollen. Sie scheinen ernster Natur zu sein, und in der 
Tat habe ich auch noch nie beobachten können, daß der Uniformierte 
mit Hilfe feines Köders richtige Kunden geangelt hätte. Wenn mich 
mitunter ausnahmsweise mein Weg zu anderer Stunde an ihm 
vorbeiführt, steht er verlassen wie ein emeritierter Marinefischer 
vor seinem Füllfederhalter-Aquarium. 
Zeitung § auTrufer. 
MorZenH, Mittags, rEends und bis Lief in die Nacht hinein 
wann immer dis neuen Zeitungen eingetroffen sind, rufen die 
Straßenverkäufer den Namen ihres Blattes aus. Gewöhnlich fügen 
sie noch ein Stichwort bei, das die einzigartige Aktualität der feil 
gebotenen Ereignisse anpreist, und verbinden es mit dem ZeitungZ- 
namen zu einem schlagkräftigen Satz, den sie dann ununterbrochen 
wiederholen. Aber dieser Sah wird nicht eigentlich von ihnen ge 
sprochen, sondern rollt so selbständig ab, als hätten sie gar nichts 
mit ihm zu tun. Mag er auch ihrem Muntre entstammen -- er 
kommt doch nur gewissermaßen Zufällig aus ihm, einer Lichtreklame 
gleich, die irgendwo ihren Lauf beginnt. Wie sie mechanisch weite?» 
-leitet Nick ihre Mitteilungen unbeirrbar in den Nachthimmel ein- 
trägt nicht anders fährt auch der Satz durch den Raum. Ein 
Transparent zu Häupten der Menschen, ein auffallendes 
Lufthorplakat. Mit den üblichen Plakaten teilt es die Eigentümlich. 
Mt besonders wirksam, um nicht zu sagen künstlerisch hergericktel 
zu sem. Zum Unterschied vom gesprochenen Satz enträt der Plakat 
haft abgewukelte vor allem der natürlichen Gliederung. Vielleicht 
erlangt wie nach. einer siegreichen Revolution eins Silbe in ihm 
dre Vorherrschaft, dir sonst immer unterdrückt wird, vielleicht 
tchrumpst ein Wort in ihm zusammen, das sich im MtagSgebmuch 
zu große Recht« anmaßt — jedenfalls ist er ein LautgeLilde, da? 
von einer gesprächsweise» Aeußerung genau so aüsticht wie eine 
schreiende Nftiche von einer normalen Handschrift. Ohne Rücksicht 
darauf, ob Passanten vorbeikommen, oder die Straße menschenleer 
ist, spult er sich in immer gleicher Betonung ab, ein Band obne 
Ende, dar automatisch in Umlauf gefetzt zu werden scheint. Wirr 
es nur dieses ei« Band — an den Hauptpunkten des Verkehr? 
aber,, dort, ws bis Verkäufer der verschiedensten Tageszeitungen 
gemeinsam suftreten, quirlen die Reklamesätze ss wild durchein 
ander wie die von ihnen angepriesenen Parteirichtungen. Sie fallen 
sich pausenlos an, zwängen sich in die geringste Lücke und über 
blenden sich tausendfältig. Unter dieser tosenden Schlacht stehen 
die Händler ungerührt mit ihren Zeitungstaschen und warten auf 
Kunden. Oft wird dem einen oder andern von ihnen ein Exemplar 
obverlongt. Der Händler spricht dann, wahrhaftig er spricht mit 
einer leisen, höflichen Stimm«, dir in keiner Hinsicht an den Aus 
ruf erinnert, der doch nur von ihm herrühren kann. Und nimmt
        <pb n="53" />
        Oberfläche hinaus. 
S. Kraeauer. 
6^ Q 1 2L 
^L. 
geäußert. Um sie 
an- 
größerer Zahl gerade den Westen bevölkern. Seine 
lautete, daß es in London etwa viel mehr Bettler gäbe 
bei euch 
seid ihr 
Antwort 
als hier 
die Not 
von ihr 
gewiß gleich dem Sport die Funktion, den Folgen der Not 
gegenzuwirken, wird aber noch in Formen genossen, die selber 
Produkt der Not sind. 
junge, ersichtlich sportgeübte Menschen sich ihrer Jacke entledigen, 
um die Beschwerden der Hitze zu verringern, während ältere Her 
ren im Vollbesitz ihrer Kleidung dahinwandeln, ohne unter der 
kleinen Schwitzkur besonders zu leiden. Das Wochenende scheint 
also einstweilen die Widerstandskraft nicht eben zu erhöhen. Es hat 
Ich möchte damit nur gesagt haben, daß diese Not trotz der 
Luxuskarofferien und der Glanzperspektiven, die sich den Fremden 
so schnell eröffnen, durchaus nicht unsichtbar ist. Ihre Signale ragen 
vielmehr wie die Masten gesunkener Schiffe über die spiegelglatte 
mord verübt haben: 
Ein blutjunges Liebespaar, dessen Vereinigung durch seine 
Mittellosigkeit verhindert wurde; 
ein Polizeibeamter wegen Familienstreitigkeiten und UeLer- 
schuldung; 
ein zugereister Rentmeister; 
eine ältere Frau, die angesichts ihrer wirtschaftlichen Zer 
rüttung die Nerven verlor; 
noch eine alte Frau, die nach dem Tod ihres Mannes vergeb 
lich Arbeit suchte; 
ein SLallschweizer, der arbeits- und Wohnungslos war; 
Dem ist nichts weiter hinzuzufügen; es sei denn die Be 
trachtung, daß die Verschiedenheit der gewählten Todesarten mit 
der Gleichförmigkeit des Selbstmordmotivs merkwürdig kontrastiert. 
Wer auch innerhalb seines eigenen BeoLachtungsfeldes wäre 
ent- 
ein 
-Li 
jener Auslander leicht zu widerlegen. Ich will gar nicht von den 
vielen Merkmalen der Not reden, die mindestens so sichtbar sind 
wie der spärlich aufsitzende Glanz — also zum Beispiel von den 
Schwierigkeiten der Vergnügungsindustrie oder von der ungeheuren 
Menge leerstehender Großwohnungen —, sondern lieber einige 
unauffälligere Symptome des wirklichen Zustands verzeichnen. Zu 
ihnen gehört die Aufgeregtheit im Alltag. Mag selbst 
die gute Kleidung in 'gewissen Stadtteilen vorherrschen, das Ge 
baren der Menschen stimmt nicht recht mit ihr überein. Nicht so, 
als ob sie der Höflichkeit ermangelten, aber sie sind von einer 
Nervosität, die bei dem geringsten Anlaß ausbricht. Wer jetzt an 
den heißen Sommerabenden über den Kurfürstendamm promeniert, 
spürt deutlich, daß diese Menschen von Unruhe verzehrt sind und 
rasch aus der Haut fahren könnten. Sie stoßen sich, wenn sie 
aneinander Vorbeigehen, sie sprechen etwas lauter, als es vielleicht 
üblich ist, und erwecken überhaupt den Eindruck, von Reibungs 
flächen, die sich im nächsten Augenblick entzünden. Oft erfolgt auch 
wirklich eine Explosion. Ein Auto hat eine Straßenbahn gestreift, 
oder an irgendeiner Ecke bildet sich ein Menschenknäuel, aus dessen 
Mitte Schupohelme herausleuchten. Ich weiß, daß ich mich ganz 
ungenau ausdrücke, aber es kommt mir nur darauf an, die gereizte 
Stimmung anzudeuten, die hier fast körperlich fühlbar ist. Man 
müßte, um sie im einzelnen darzustellen, Lausende winzige Vorfälle 
schildern und dann aus ihnen die Summe Ziehen. Zu notieren 
wäre: die rücksichtslose Raserei der Autos nach dem Aufblenden 
des grünen Signals; Streitszenen in Restaurants; stumme kurze 
Blickschlachten zwischen Passanten, die sich nicht kennen und doch 
abtaxieren wie Waren; Gesprächsfetzen, Schaffnerauskünfte und 
manche Gebärden. Das aus diesen Zügen zusammengesetzte Mosaik 
verriete, wie geplagt und geschunden heute die Menschen oller 
Schichten bei uns sind. 
Man sollte meinen, daß ihnen Sport und Wochenende eine 
Erneuerung der Kräfte brächten. Wer ich habe schon wiederholt 
die Erfahrung gemacht, daß eher das Gegenteil richtig ist. Um es 
kraß auszudrücken: die Art und Weise, in der sich die Massen 
gegenwärtig ins Wochenende stürzen, ist selber ein Kennzeichen der 
durch die allgemeine Not erzeugten Hysterie. Sie geben sich der 
Natur nicht hin, sondern überrennsn sie gleichsam; tragen ihren 
Krampf in den Sport hinein, statt sich von ihm lösen zu lassen; 
vergäßen die Nacktheit, die doch nur der Gesundung dienen sollte, 
und erheben die braune Hautfarbe zum Idol. Wäre es anders, man 
müßte den Menschen auch im gewöhnlichen Großstadtleben anmer 
ken, daß sie sich körperlich ertüchtigt und draußen wirklich erholt 
haben. Dem besseren Aussehen, daß sie durch die bewußte Körper 
kultur erlangen, entspricht indessen keineswegs eine größere Ge 
messenheit, eine ruhigere Haltung. Wenn mich nicht alles täuscht, 
hat sich sogar ihre Empfindlichkeit nicht unerheblich gesteigert. Im 
mer wieder kann man an schwülen Lagen beobachten, daß gerade 
in Berlin. „Vielleicht," so reflektierte er, „ist 
nicht einmal schlimmer als anderswo. Nur 
auch seelisch völlig besessen." 
Solche Urteile werden von Fremden öfters 
Unter der HSerMche. 
Berlin, im Juli. 
Ein ausländischer Besucher Berlins, der weit in der Welt herum^ 
gekommen ist, sagte mir jüngst, daß man hier an der Oberfläche die 
Not kaum bemerke. Er war darüber um so erstaunter, als er von 
ihrem Vorhandensein wußte. Das gutgekleidete Straßenpublikum, 
die Wochenendmode, der Betrieb in den Lokalen — alle diese Zeichen 
eines scheinbar gehobenen Lebensstandards verwirrten ihn, da sie 
nach seiner Meinung das Faktum des Elends zwar nicht Lügen 
straften, aber ihm doch rätselhaft widersprachen. Ich machte ihn 
unter anderem auf die Bettler aufmerksam, die jetzt in immer 
richtigzustellen, genügte beinahe schon der Hinweis auf die täg ¬ 
liche Lokalrubrik. Ich greife aufs Geratewohl die Meldung eines 
hiesigen Blattes heraus, nach der in der Zeit vom Sonntag bis 
zum montag mittag nicht weniger als sieben personen selbst »IL LKSL VD» 
^uk 6runä äsr Hmkang 1929 äurcbgskübrten Lr- 
bebung äes (Oewerksobaktsbunäes äsr ^.n- 
gosteUtsn) ist äas ^Verk: „Lis wirtsebakt- 
liobe unä so21 als Lage äsr ^ngs- 
stellten" srsobisnen (Berlin, Lieben-Ltäbs-Verlax. 
334 Leiten. Oeb. lO), in äem äis LrZebnisss von 
über 12O O00 sorgkältig angelegten Lragsbogsn mit 
Mlks äes Uolleritb-L^stsms vielseitig ausgewertst 
woräen sinä. Das kunstgersobt verarbeitete Nats- 
rial beriebtst in vüobternen Nkkern von äsn Lsiäen 
unä Lobwisrigkeiten eines gewaltigen Ltanäss. 
lob nobms gleiäb vorweg, äall sieb einige Baupt- 
-rgsbnisss äsr Lnguete mit äsn ^nal^sen meiner 
Lobrikt: „vis Angestellten" äseksn. IVis äis Lr- 
bsbung änkumentarisob belegt, ist äsr ^ngestellts 
in materieller Linsiebt prolstarisiert. Vsr- 
sobieäens Linnelb eiten äieses LroLSsses kommen in 
äsr Oarstellung äss bssonäsrs lebrrsiob ber- 
aus. 8s v^irä stva naoÜASv^sssn, äoll äas ^ort- 
ikommsn sntsÄisläsnä von äsr socialen Usrkunkt 
LbdänFt. („Von 100 ^nAssisUtsn aus äsn Lrsissn 
äor LsIdstLnäißsn AsInnZt runä jsäsr 7. in eins Isi- 
tenäs kositäan, von 100 aus äom ^rbeitsrstnnä bin- 
xsAsn jsäar 14.") k'srnsr nötigen äis UntsrlnASN 
su äom Ledlull, änü äsr xsraäs in äsr ^nFsstslidsn- 
sedakt sinxstrstsns dsdurtsnrüok§Ln§ aus äsr Vsr- 
soUun§ äss ökonomisedsn k-sdsnssxisIrÄUmss 
lsitsn ssi. „Vis ein roter b'näsn Liebt sieb äis 
stnrks ^MünZiZksit äsr ^Lmilienstruktur von äsr 
ökonomisobsn Orunäls^s äureb äis Osss&amp;gt;mtbsit äsr 
IIntsrEuobunFsn . . Lins Datsnobs, äis mittelbar 
äureb äio anäers bestätigt v^irä, äa-ll ein Lorialsr 
^ukstisF ksinSK^eZs Mir Linäsrarmut kübrt. Niebt 
nur auk bsvolksrunAAxolitisebsm Oebiet, an allen 
Leben unä Lnäsn ärängen äis ^nblenresultats ibre 
Lsarbeiter ru äer Lrkenntnis von äsr innigen 
LeMSbunx Lvüsobsn Asisti^sn unä ökonomisebsn 
VsränäsrunFen. Lnä vüs sieb ibnen bäukiZ ZsnuZ 
rsi^t, äall materielle 'lVanälunZen äis äss Levmllt- 
ssins beäinFSn, so veMuebtixen sieb vor ibren 
^.uZen stliobs läeoloZien. Ls källt ibnen Lum Lei^ 
spiel niebt im ^raum sin, äaa Lob^inäsn äes soM- 
nannten Lamilienkinnes kür äis Lunsbmsnäs Linäer- 
losiFkeit verant^ortlieb Mi maeben. ^lles in allem 
eins gesunäs Lektüre kür umnebelte Loxks. 
Da äis LrbsbunA v^obl vor^visFSnä in ßEsrk- 
sebnMebsm Interesse erkolZt ist, Liebt sis eins 
Leibe von Huersobvittsn, äis als ^u6§an,Ztzx»unkt 
koÄal^oWLober Aktionen äienen können. Ihrer 
manebs sollten aueb von äer MlZemsinbsit 
Lsnntnis genommen v^eräen. V^iebtiZ ist unter 
äerem äis nun rikkernmälliZ kontrollisrts Lrkab- 
run§, ,^lall äis ^nAsstslltsn äurob eins vor 2 ei- 
ti§o ^.ussobsiäunK aus äsm Lroäuktions- 
proLell äer lVirtsübakt stärker bsärobt sinä als. 
anäsrs Leruksstänäs". („Nur 12.3 v. 8. äsr männ- 
liebsn ^.nßestellten stoben im ^ltsr von 50 äabren 
unä äarüber, 42.3 v. 8. binASGen im ^ltsr von un 
ter 30 äabrsn.") V^as äis äebältsr bstrilkt, 
so beträft äas Lurebsobnittseinkommen äsr männ- 
lieben ^nxsstelltsn —' äis vsiblieben sinä v^eit 
nisärisssr entlobnt — 267 Ls bleibt bei tei 
len äsr ^.nAesteiltensobakt bintsr äsm Lobn äer 
Arbeiter rurüok, steigt niobt so boob vie äas äsr 
Leamtsn an unä ist mittlerweile wie äas, aller ^r-. 
bsitnsbmerkatsgorien inkolge äer Lrise abAebaut 
woräen. ^uskübrliöb kommentiert unä kritisiert 
wsräen besonäers 2wei LrsobsinunASn: äis äsr 
Lenkung äes 6-ebalts in äsn obersten llabrgängen 
unä äie äer aulleroräentlioben Lpanne Lwiscben
        <pb n="54" />
        den Linkünktsn äsr jünZsrsn unä Msrsn ^nAestsU- 
tsnnä^rZLnsss. _ 
^us äsr LnItunZ äss srZi'bt moL von sel 
ber ssins OsutunA äsr LaLtsv. 80 LrsÄMtl§ äis 
NsLrdsitsr auk Orunä ibrss Natsrials sinräumtsn, 
äLÜ äss dros äsr ^FSKtslltsn eins xirolstL- 
rsiäs LxistsnL küLrt,, so ^sm§ sinä sis äook änMi 
Mnsi^t, äas einst aueb ökononüsod. untsrbauts 
Ltanässibs^nütssin äsr ^NAbiStsHtsn an- 
2ntastsn. In äisssm einen knnirt IsnMen sis äis 
sonst dsüauptsts ^bibänAiZksit äsr Vs^nLtssinsin- 
üslts von äsr v^rtsedaMiedsn Litnntion —sin 
Nnn^el an I'olAsrieiiti^eit, äsr sis in MäerLiprüoLs 
vsrstrieirt, oder viel 20 tisk verankert ist, um von 
idnen xssieLtet Mi v^sräsn. Inr ds§sntsil: sllsn 
VsrLnäsrunAsn äss kroäuktionsxroMKsss unä äsr 
soÄnisn 8oüioüiun§sn Lmn Irotr vürä äs-s 8tÄnäs8- 
bsvmNsein in äsr (II)^-LrüsdunZ Ärr Iroustantsn 
(Iroks ßSstsmPbit. Der LoMLt- LM8eüsn ikm unä 
äer , »xroietnriK oü - ökon oiniLeüsn drunädnsis" äsr 
^n§estsIItsnseiiE Zilt sis trnMoii, unä von äsr 
stsÄtlieil Kskoräsrtsn HsinKt'vvoIiNnnA MiN ss, 
äs6 sis „in knitnrsllsr Linsiellt äis VerärtsilnnZ 
äeg ^nZSLtsiitsn Mini krolstLrint" dsäs-nts. Lins 
MÜliinms LntFlsisnnF. Unä äis Lr§^bmLZS äer 
LnMsts sxrseLen noed niedt sininal äakür, äs^L äis 
LNFsäroiits VsrurtsilunA so dalä aukAsdodsn v^sr- 
äsn leönns. 8. Liraeausr. 
rn/ , c)&amp;gt;-&amp;lt; I 
^^^7-6?«? 
Wol und Zerstreuung. 
Zur Ufa-Produktion 1ZZ1/32. 
Lr Berlin, im Juli. 
In diesen düsteren Tagen tritt die Ufa mit ihrem neuen 
Produktionsprogramm an die Oeffentlichkeit. Es ist trotz aller 
wirtschaftlichen Kalamitäten gegen früher nicht eingeschränkt, son 
dern erweitert worden. Auf welche Erwägungen sich dieser an 
sich erfreuliche Optimismus gründet, wird man noch sehen. 
O 
Zunächst ist eine überschlagige Prüfung des Programms selber 
geboten. Nicht Zu leugnen, daß es eine stattliche Zahl beliebter 
Schauspieler, Regisseure, Drehbuchherstellern und Komponisten ent 
hält. Ich greife aufs Geratwohl ein paär Kräfte heraus: Werner 
Krauß ist neu für den Tonfilm verpflichtet worden, und zu den 
bereits eingebürgerten Manuskriptverfaffern kommen Leonhard 
Frank und Erich Kästner hinzu. Leider fehlen andere Namen, die 
in der Literatur einen guten Klang haben. 
Von den zahlreichen Spielfilmen — ich folge bei ihrer Gliede 
rung einem dem Produktionsprogramm beigegebenen Artikel des 
„Filmkuriers" — beziehen sich nur sechs ernsthaft auf die Gegen 
wart, und auch sie wahren einen gehörigen Abstand von ihr. Es 
handelt sich um die nachstehenden Filme, die kurz Zu kennzeichnen 
sich der Mühe lohnt: 
1. „Stürme der Leidenschaft", ein Großfilm, in dem Jannings 
ein Doppelleben zwischen Bürgerlichkeit und Unterwelt führt; 
L „Der Sieger" mit Albers, der sich vom kleinen Beamten 
zu den Höhen des Daseins ewporschwingt; 
3. „Die Gräfin von Monte Christo", eine Variation des 
Romans von Dumas, mit Brigitte Helm in der Titelrolle; 
4. „Matrosenlied" mit Albert Prejean, ein musikalisches Stück, 
das teils auf hoher See, teils in verschiedenen Häfen spielt; 
5. „Das Geheimnis der Gräfin Karinsky", ein Film, der einen 
Fall von Kindesunterschiebung behandelt; 
6. Ein Werner Krauß-Film unbekannten Inhalts. 
Wie die SLichworte schon verraten, spielen in allen diesen Fil 
men die Probleme, die uns auf den Nägeln örennen, eine sehr 
bescheidene Rolle. Mögen auch Stoffe aus unserer Zeit zur Sprache 
kommen, es sind doch zum überwiegenden Teil Stoffe, die uns nur 
mittelbar betreffen. Sie entstammen der Sphäre des reinen Unter 
haltungsromans und streifen noch nicht einmal jene Aktionen, die 
eigentlich unsere Wirklichkeit ausmachen. 
Die gesamte übrige Produktion bekümmert sich überhaupt nicht 
um Themen, die uns unter Umständen aufregen konnten, sondern 
ist eine einzige Parade eingeführter Stars und längstbewährter 
Waren, die angeblich dem Publikumsgeschmack entsprechen; wobei 
nur zu fragen bleibt, ob nicht das Publikum oft einen besseren 
Geschmack als den ihm angedichteten und aufgezwungenen hat. 
Jedenfalls kann ich mich mancher Filme erinnern, die scheinbar 
sämtliche offiziellen Geschmacksforderungen sorgfältig auskalkuliert 
hatten und doch vom Berliner Publikum abgelehnt wurden. Das 
Programm wimmelt von Tonfilmoperetten, musikalischen Film 
komödien, Posten und Schwänken. Man kennt dieses Genre, das 
von den Zeitnöten weniger befreit als absieht, wie amüsant immer 
es hier mitunter zugehen mag. Auch die Gattung der historischen 
Stücke wird um den Groß-Tonfilm: „Dork" (mit Werner Krauß) 
vermehrt, und zwar rückt ihn der „Filmkurier" in die Nachbar 
schaft des „Flötenkonzerts von Sanssouci", das es zu „einer bei 
spiellosen Erfolgsserie gebracht" habe. Sonst weiß der „Film 
kurier" von diesem Fridericus Rex-Fabrikat nichts zu vermelden. 
Die Kultur- und Lehrfilme bewegen sich ebenfalls auf den alten 
Gleisen. „Geflügeltes Wild", „Von Ibissen und Reihern", „Beim 
Tierdoktor", „Aus der Kinderstube des Zoo", „Geheimes Leben 
in Teichen und Seen", „Was da kreucht und fleucht": so lauten 
einige Titel. Wenn es so weiter geht, wird bald Las ganze Tier 
reich ausgeschöpft sein. Vielleicht ist es nicht ganz wertlos, daß 
wir uns alle zu großen Zoologen entwickeln; wichtiger aber wäre 
unstreitig, daß wir unsere Kenntnis der menschlichen Zustände und 
Zusammenhänge vermehrten. Ich wüßte den Herstellern der Kul 
turfilme schon einige Stoffe zu nennen, die zu kurbeln nicht ein 
mal besonders kostspielig wären. Daß auch die lieben Kleinen nicht 
vergessen sind, versteht sich von selbst, und ein Kulturfilm heißt 
geradezu: „Baöies sehen Dich an". 
Sr 
Die großen Erwartungen, die man auf die kommende Ufa 
Produktion setzt, erfahren im „Film-Kurier" diese Begründung: 
„Sicher ist das für Vergnügungen zur Verfügung stehende Geld ge 
ringer geworden. Aber immer ist in Zeiten einer das Gemüt be 
drückenden Notlage die Forderung nicht nur nach Brot und Arbeit, 
sondern auch nach Zerstreuung erhoben worden, und so wird es 
auch in Zukunft sein". Sätze, die den Geist des Ufa-Programms 
treffend ausdrücken. Es läßt sich nun gewiß nichts dagegen ein 
wenden, daß Filme geschaffen werden, die den notleidenden 
Menschen die ersehnte Zerstreuung bringen, die Frage bleibt 
nur, ob das bedrückte Gemüt allein die Zerstreuung begehrt. Hier 
scheint mir der Grundfehler der neuen Produktion zu liegen. Sie 
macht aus der Not des Publikums die Tugend der Zerstreuung 
und vergißt darüber ganz das Bedürfnis des Publikums nach Auf 
klärung. Daß es vorhanden ist, hat unter anderem die Nachfrage 
nach den sogenannten Zeitstücken hinreichend deutlich gezeigt. Wenn 
die Ufa glaubt, im Rahmen ihrer gewaltigen Produktion auf die 
Herstellung aktueller Filme verzichten zu sollen, die wirklich die 
lebendigen Interessen der geplagten Massen berühren, beweist sie 
damit eine Einseitigkeit, die schlechterdings nicht zu billigen ist. 
Zerstreuung ist angenehm und vielleicht auch nützlich; wird sie aber 
zum Leitmotiv und drängt sie die echte Belehrung völlig beiseite, 
so verfälscht sich ihr guter Sinn. Indem sie das bedrückte Gemüt 
erheitert, nebelt sie es nur immer dichter ein, und die Entspannung, 
die sie dem Publikum veschafft, führt zugleich zu seiner Ver 
blendung. Gerade weil die Ufa Gewicht auf eine abwechslungs 
reiche Ausgestaltung ihres Programms legt, hätte sie die doppelte 
Verpflichtung, außer den Zerstreuungsstücken Filme zu bieten, die 
den Massen Auskunft geben über die Bedingungen ihrer Existenz 
und sie ein wenig einsichtiger machen. Denn die Menschen, die 
Brot und Arbeit fordern, wollen sich abends nicht nur zerstreuen, 
sondern auch erfahren, was um sie her vorgeht und lernen, wie sie 
das Leben anpacken sollen. 
* 
Man sage nicht, daß ich zu hohe Ansprüche stelle. Die ameri 
kanische Filmindustrie, um von der r.ssischen Zu schweigen, hat uns 
von Zeit zu Zeit Filme beschert, die wirklich in unser Dasein ei.r- 
greifen. Ich denke an Werke wie: „Das gottlose Mädchen", „Masse 
Mensch", „Zwei junge Herzen" usw. Warum wagt sich die Ufa 
nicht an ähnliche Stoffe heran? Warum nthält sie uns stets wieder 
Filme vor, die an die deutsche Gegenwart rühren? Warum wirb 
von ihr immer nur der eine Ausweg der Zerstreuung gesucht.
        <pb n="55" />
        Ll 
Berlin, im Juli. 
Wann immer ich in der Schule von der Zerstörung einstiger 
Weltstädte hörte, so schienen mir diese Schreckensereignisse heute 
unmöglich. Mit einem ungläubigen Staunen las ich auch das 
Gedicht von Chider, dem ewig jungen, der nach aber fünfhundert 
Jahren dort, wo früher ein gewaltiges Stadtgebiet sich gedehnt 
hatte, auf verödetes Land stieß. Wie, diese Bahnhöfe, diese Ge 
schäftshäuseralleen, diese ganzen endlosen Steinmassen sollten eines 
Tages nicht mehr bestehen? Ich konnte mir ihre Vergänglichkeit 
nicht ausmalen, hielt Paris, Berlin und London für unverwüst 
lich und zweifelte keinen Augenblick daran, daß jene Kriegszüge 
und Einäscherungen, von denen die Geschichte uns meldet, nur 
noch wie Sagen heraufrauschen. 
Obwohl sie vielleicht wirklich nicht wiederkehren, ist mein Zu 
trauen zum Fortbestand unserer Städte mittlerweile doch ernsthaft 
erschüttert. Zwar werden sie weder von Geschützen noch von Feuers 
brünsten bedroht, aber andere, unheimlichere Gegner sind ihnen 
erwachsen, die ihrer viele inwendig auszuhöhlen beginnen. Gewiß, 
diese Städte sind fest gegründet, scheinen wie ehedem unversehrt 
und weichen nirgends zurück. Und dennoch wütet schon das Verder 
ben in ihnen. Ganze Quartiere siechen dahin, als habe der Tod 
sie gezeichnet, und verwandeln sich, wenn die Krankheit nicht auf- 
zuhalten ist, über kurz oder lang- in Siedlungen für Gespenster. 
Ruinenfelder zwischen Asphaltstraßen — die Geschichte erreicht 
mit immer neuen, nicht vorauszuahnenden Mitteln ihre alten 
Effekte. 
Zur Gräberstätte ist der Berliner Alte Westen geworden. Die 
Mehrzahl seiner Villen und vornehmen Herrschaftshäuser steht 
leer und wird sich vermutlich nie mehr bevölkern. Wie Epitaphien 
reihen sich die Schilder aneinander, auf denen 8- bis 12-Zimmer- 
wohnungen angepriesen sind, und an die verlassenen Mauern 
schmiegt sich zärtlich Gebüsch. Ich stelle mir die Raumverschwen 
dung im Innern dieser Häuser vor, die glänzenden Treppen, die 
Dielen, die weitgeschweiften Mosaikmuster, die Wintergärten und 
Säle. Wunderbare Wohnsitze des Reichtums: vor einigen Jahren 
noch haben sie Wärme ausgestrahlt, die große Welt beherbergt und 
sich unantastbar oberhalb der kleinen behauptet. Jetzt ist ihr Atem 
erloschen und kein Gast kommt die Stufen herauf. Beinahe ist es, 
als wüßten sie selber Bescheid um ihr Los. Müd harren sie in den 
Sommergärten wie alte Geschöpfe, die schon mit den Bäumen 
verwachsen sind und nur mehr Erinnerungen bei sich empfangen. 
Auch weniger eingesessene und minder vornehme Stadtteile 
werden geräumt. So entfernt sich das Hansaviertel langsam aus 
der Gegenwart und dünstet bereits einen leichten Modergeruch 
aus. Es liegt hinter den Stadtbahnwällen wie ein abgestandener 
Teich und enthält Balköne, Erker, Gesimse und dazwischen viel 
Grün. Hier haben sich gute Mittelstandsfamilien zu Hause gefühlt 
und auf die Dauer des Glücks gebaut. Die Wohnungen sind für 
Nachwuchs berechnet, nicht allzu großartig, aber solid. Ka^ 'm 
mehren die Zimmerpracht, Stukkaturen schimmern herab, 
reien täuschen Italien vor, und" eine Loggia holt den 
herein. Das stirbt nächstens trotz des Kindergequakes; wahrend 
die ungeheuren Wohnungen in der Kurfürstendammgegend nicht 
einmal richtig sterben können. Da sie keine Herkunft haben, son 
dern einfach.für beliebige hochzahlende Mieter pompös errichtet 
worden sind, hinterlassen sie nach ihrer Preisgabe nicht die ge 
ringsten Spuren. Uebrig bleiben allenfalls die steilen Marmor- 
Lreppenläufe, die wie Dekorationen im Nichts endigen. 
-i b L i 
Um M Mittagsstunde stehen die Menschen vor einer Filiale 
der Danatbank. Sie staunen das majestätische Portal an, dessen 
wuchtige Quadern die Tür aus Milchglasscheiben umrahmen, und 
versenken sich wieder und wieder in den bekannten Anschlag, der 
die Tür außer Tätigkeit setzt. Warum sie hier stehen, wüßte ver 
mutlich niemand von ihnen zu sagen. Ich nehme an, daß sie die 
metkwürdige Tatsache der geschlossenen Tür sich einprägen wollen. 
Jahrelang ist man durch sie hindurch gegangen, als sei sie gar nicht 
vorhanden, hat unnachdenklich Geldsummen eingezahlt und abge 
hoben, und nun ist sie gegen jede Erwartung zum unüberwind 
lichen Hindernis geworden und bietet den Beschauern ihre schön 
geschliffene Außenseite dar, die zweifellos dem Schöpfergeist eines 
Kunstarchitekten entstammt. Immer neue Gruppen bilden sich vor 
dem Portal, unwiderstehlich angezogen von dieser Stätte, an der 
sich die unsichtbare Katastrophe sichtbar verkörpert. Sie sind dem 
Ort wie durch Magie verfallen, stehen still mit der Zeit und harren 
auf ein Wunder. Aber die Tür öffnet sich nicht. Es ist, als seien 
sie hierher bestellt worden, um Stafettenläufern gleich Gerüchte 
weiterzutragen, die ihnen bestimmt schon entgegeneilen. 
Kritischer Hag. 
Berlin, im Juli. 
Montag morgen in der Depositenlasse einer Großbank, 
die ihre Schalter noch offen hat. Der Raum befindet sich gewisser, 
maßen im Kriegszustand. Er ist, anders als an gewöhnlichen 
Tagen, mit Menschen gefüllt, unter denen sich zahlreiche ältere 
Leute befinden. Witwen, die nicht mehr viel zu erhoffen haben, 
Greise besserer Herkunft, Adelsdamen und pensionierte Beamte: sie 
tauchen aus der Vergangenheit aus, zittern um ihr Erspartes und 
warten. Das Geld ist ausgegangen, aber ein Angestellter versichert, 
daß ein Bote der Bank unterwegs sei. Inzwischen knüpft sich das 
Band jener traurigen Brüderlichkeit, die ein Produkt gemein 
samer, unverschuldeter Not ist. Sie täuschen sich über die Zeit hin 
weg, indem sie ihre Schrecklichkeit bejammern, sie machen sich 
gegenseitig klar, daß man doch das bißchen Geld haben müsse, um 
überhaupt leben zu können. Ein Knäuel von Menschen, die sich 
aneinanderklammern und zu stützen suchen, so gut es im Augen 
blick geht. Wie dankbar sind sie dem geringsten Anlaß, der ihnen 
zu vergessen erlaubt. Zwei Herren betreten den Raum, die Geld 
einzahlen wollen, und diese schlichte Tatsache ruft eine Heiterkeit 
ohnegleichen hervor. Man lacht von Herzen und versieht das er 
staunliche Ereignis mit drolligen Kommentaren: wahrhaftig, die 
Herren kommen vom Mond. Die Stille, die dem Ausbruch folgt, ist 
um so trüber. Endlich trifft der Bankbote mit einem Beutel ein, 
wie ihn die Briesabholer tragen. Werden die mitgsbrachten Scheine 
auch reichen? Die Aufregung, die sich der Leute bemächtigt, ist 
peinigender als die Ungewißheit des Wartens. Ein gewitzter 
Mann, der erst später an die Reihe kommen sollte, drängt sich vor, 
tut vertraulich und erhält ohne Anstand den gewünschten Betrag. 
Das Publikum, empfindlicher gegen Ungerechtigkeiten als ein 
Präzisionsinstrument, murrt über die ihm widerfahrene Benach 
teiligung. Dann werden nach und nach die geforderten Summen 
ausgehändigt. Glückselig nimmt ein verwitterter Handwerker seine 
Ersparnisse in Empfang, die alles in allem 30 Mark betragen. 
„Hier sind Ihre 30000 Mark," sagt der Beamte. 
„Wenn es auch nur 30 Mark sind," erwidert der Inhaber des 
BarvermögenZ, „Bescheidenheit ist auch etwas wert." 
Wahrscheinlich bedeuten ihm jetzt die 30 Mark zuzüglich der 
Bescheidenheit so viel wie anderen die 30000. Nur leider bewertet 
die Welt nicht unsere Tugenden, ob sie nun angeboren seien oder 
erworben. 
Am Abend desselben Tages ist auch Max Schwelt ng auf 
dem Tempelhofer Flugfeld gelandet. Drei Mikrophone sind auf 
gestellt gewesen, die Musik hat gespielt, die Operateure haben ge ¬ 
kurbelt, und Tausende von Menschen habe« dem 
d ° k zugejubelt, als brächte er uns die Erlösung. Am 
Abend desselben Tages. S. Krakauer. 
Gästen in der Konditorei, wie töricht die überstürzten 
Abhebungen seien, zerstreut ihre Sorgen und ermähnt sie zur 
Disziplin. Erne unnennbare Beruhigung strömt von ihm aus wie 
von emem gütigen Onkel, der den Neffen und Nichten vorm 
Sch afsngehen Märchen erzählt. Der Präsident schweigt, und die 
Gaste plaudern weiter. Eine Fliege brummt in der Nische die 
von einem Pärchen ausgefüllt sein müßte. Hinge wirk- 
Leim^^"^ der Ampel, sie klebte längst auf dem süßen 
Abends in einer Konditorei, die so abgetakelt anmutet wie 
ein aufgebauschtes Provinzlokal, obwohl sie nur ein paar Minuten 
vom Mittelpunkt des Amüsierbetriebs entfernt liegt. Auf die fünf 
Minuten kommt es aber hier an. Gäste aus der Nachbarschaft sitzen 
an den Tischen herum, und schließt man die Augen, so glaubt 
man im Nachbild unwillkürlich Fliegenpapier zu erblicken, das 
von den Ampeln herunterhängt. In dieses Stilleben kann kein 
Geräusch der großen Welt dringen. Und doch hockt schon mitten 
unter den verstaubten Konditorwaren das öffentliche Unglück und 
fegt die Privatgespräche fort, die sonst über Tasten und Kuchen 
teller schwirren. Vernimmt man auch nicht die Unterhaltung an 
den Nebentischen - die Mienen sind leicht zu enträtseln, und spür 
bar ziehen Worte, Namen und Befürchtungen, die aus den Nach- 
kriegsjahren noch in aller Erinnerung sind, durch die friedfertigen 
Stuben. Plötzlich entsteigt dem allgemeinen Gesumme über das 
Allgemeine eine Stimme, der anzumerken ist, daß sie die Angst 
beschwichtigen will. Sie gehört dem Präsidenten des Giro- und 
Sparkaffenverbands, der irgendwo ins Mikrophon spricht. Er er-
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        sind dann nicht mehr zugegen. 
S. Kraeauer. 
Architekten, Baugeschäfte, Hausbesitzer und andere Interessen 
ten versuchen zu retten, was zu retten ist. Jüngst haben sie eine 
Ausstellung von Entwürfen geteilter großer Alt 
wohnungen Veranstalter, in der Grundrißlösungen für die 
Haus auf Kosten seiner natürlichen Daseinsform vor dem Unter 
gang bewahren. Hinter einheitlichen Fensterreihen rumoren fort 
an getrennte Lebsnsläufe, die Dienertreppe wird im Rang erhöht, 
das monumentale Portal sinnlos, und zwischen Rückseite und 
Vorderseite besteht kaum noch ein Unterschied. 
Vielleicht gelingt es so, zahlreiche sterbende Häuser dem Tod 
zu entreißen. Der Möglichkeiten, das Dasein weiter zu fristen, sind 
viele, und es gibt genug Menschen, die von rechtswegen schon 
längst unter der Erde liegen müßten und sich wider jede Erwar 
tung doch aufrecht erhalten. Nur glaube ich nicht, daß man dem 
Schicksal in den Arm fallen kann, das sich gerade an den besseren 
Stadtvierteln in ihrer Gesamtheit vollstreckt. Wenn es sich noch um 
Hafenstädte handelte — in Marseille etwa haust das untere Volk 
in greisenhaften Patrizierhäusern, denen dadurch eine zweite 
Jugend geschenkt wird. Aber bei uns rieseln die Volksschichten 
nicht durcheinander wie in den Häfen, und so scheint der Zerfall 
jener Viertel besiegelt. Aus seiner Unabwendbarkeit erklärt sich die 
Trauer, die sie umwebt. An ihrer Stelle werden unter Umständen 
neue Quartiere für Menschen fremder Art emportauchen: sie selber 
Bealität gedriedt. ^Vas ist die Balge? „80 wie die 
Betriedsvertretung aus einem Organ ?ur IntereB 
senwadrnedmung der ^.rdeitersedakt 2u einem 
Organ des Betriedes, als eines döderen Dritten, 
wird, wird die Oewerksedakt... aus einem Organ 
der ^rdeitersedakt Lur Verdesserung der ^rdeits- 
dedingungen... ein ^erkZeug des 8taateZ 2ur 
Brdaltung des ^Virtsedaktskriedens und 2ur Ver- 
dinderung des ^Virtsedaktskampkes." ^ued den 
einzelnen ^.rdeiinedmern gegenüber wadrt die 
kteedtspreedung des Beiedsardeitsgeriad^s die 
Belangs des Lur objektiven Oroke überdädten Be 
triebs. 8ie verteidigt 2um Beispiel duredweg die 
Betrieb'sd i s 2 ip 1 in wider individuelle 
Bsedtsansprüede, obne dak es ibr allerdings ge 
länge, das Broduktionsinteresse vom Interesse des 
Arbeitgebers 2u trennen. Der romantised-midtä- 
risede Begrikk von der Betriedsgewalt paart sied 
mit der Tendenz 2u patriaredaliseder Bür-- 
sorge, aus der deraus in Bällen der Lündigung, 
des dtlrlaubs usw. sedr okt Zugunsten des ^rbeit- 
nedmers entsedieden wird. ^Vädrend seinen 
grundsät^lieden Bämpken die Anerkennung ver 
sagt bleibt, genießt er als Individuum eine pkleg- 
liede Bedandlung. 
Die klar derausgearbsiteten ^.nal^sen münden 
in eine Kritik des Beiedsarbeitsgeriedtes ein. 
Vorgeworken wird Ldm : der Nange! eines okkenen 
Bekenntnisses 2u seinem soLialpolitisoden ^iel 
und das 8treben naod „Bntpolitisierung und Bnt- 
revolutionierung gesellsodaktlieder Kräkte". Dured 
die Uetdoden der doedsten riedterlieksn Instand 
ist das ^rbeitsreedt, wie der Verkasser keststellt, 
von Orund aus umgestaltet worden. „^Var es 
einstmals ein Uilksmittsl der ünterdrüekten Klasse 
2u idrem, ^ukstieg, so ist es deute in der Dand 
des Beiedsarbeitsgeriedts ein Kittel des 8taates 
2ur Niederdaltung von KlassengegensätTen und 
Lum 8ehut2 des Individuums geworden." 
Kadn-Breund verliebtet darauk, den speciellen 
Bekund cu einer Betraedtung unserer innerposi- 
tiseden Oesamtsituation auscunutcen. ^ber seine 
kurce Aedlukbsmerkung, daß der näedste W'eg 
2um Baseismus bei uns unter anderem aued 
„über den ideellen Binbau der kämpkenden Orga 
nisationen in eins sedemendakte nationale 6e- 
msinsedakt" küdrs, sagt sedon übergenug. Kr. 
Als 7. HE der „Abdandlungen 2UM Arbeits- 
reedt" ist die kritisede Bntersuedung: „Das 
802i als Ideal dssBeiedsarbeits- 
geriodts" von Otto Kadn-Breund er- 
sedienen (Nänndeim, K Bensdeimer. X, 66 Zeit. 
d.-—). Diese ausgeceiednete 8edrikt bekritzdigt 
niedt nur kaedmännisede Interessen, sondern 
gebt jeden an, der sied über unsere inner- 
politisede Bage aukcuklären wünsedt. 
8edon in metdodiseder Kinsiedt ist sie das 
Nüster einer sociolOgisedsn Nonograpdie. ^Veder 
nädert sie sied von irgendeiner vorgekaßtsn Bo- 
sition aus den Brkadrungstatsaeden, noob kol 
portiert sie diese einkaed.und läßt sie dann cu- 
sammendanglos stedey. In engster Buedküdlung 
mit der Braxis erteilt sie vielmedr auk eine kon 
krete Brage eine konkrete Antwort, die sied nir 
gends von idrem Gegenstand ablost. Dank dieser 
8e1bstbegr6ncung bewadren die allgemeinen 
gebnisse, 2u denen Kadn-Breund. gelangt, ibre 
volle Dandgreikliedkeit. Nan kann sied auk sie 
verlassen, kann Bedlüsse aus idnep. mieden, die 
weit über das Beilgebiet dinausgreiken, das sie 
erdellen. 80 ist es immer: unsere Erkenntnisse 
sind desto tragkadiger, je diedter sie sied der 
^Virkdedkeit ansedmiegen. 
Brkragt ist das 8ocialideal, das unausgespro- 
eden die Bntsedsidungen des Beiedsarbeitsge- 
riodts begründet. Die bündige ^uskunkt lautet: 
es ist kaseistised im 8inne jenes socialen 
8^stems, das in dem italieniseden Ossete über 
das kollektive Beedt der Arbeit und in der 
Oarta.del davoro seinen ^usdruek gekunden dat. 
^liodt so, als od die keedtspreedung des Heieds- 
arkeitsgeriedts dmvukt von kascristiseden Oe 
dankengängen diktiert ^väre; aber kaseistisod ist 
die Haltung, der idre Urteile entspringen. 
Das -wird im einzelnen naekge^viesen. 80 kann 
der als ^mtsgeriodtsrat in Berlin tätige Verkas- 
ser Zeigen, dak das Beiedsardeitsgeriedt den 
wirtsedaktlied-so^ialen Lampk 2Misoden ^rbeit- 
gedern und ^rdeitnedmern niedt dinnimmt, son 
dern regulierend in idn ein^ugreiken suedt. 
Bs desedränkt diesen Lampk im Interesse des 
, Betrieds", den es okonomised niedt 2u dekinie- 
ren vermag; es dämpkt idn um eines „'Mirt- 
sedaktskriedens" willen, dem es an eigentlieder 
verschiedensten Haustypen vorgeschlagen sind. Man glaubt sich in 
einem Lazarett für Schwerverstümmelte zu befinden. Eine Etage 
zum Beispiel, die drei Wohnungen von 7, 8 und 9 Zimmern faßt, 
soll in Zukunft sechs Parteien aufnehmen, von denen drei in 
S-Zimmerwohnungen und die übrigen drei in je einem Raum, 
2 und 4 Räumen untergebracht wenden. Nicht zu leugnen, daß die 
eine oder andere Wohnung nur nach dem Hof zu liegt, die Lüftung 
stellenweise an eine künstliche Atmung gemahnt und Aborte und 
Bäder mitunter das Nachsehen haben — aber aus Z ist doch in der 
Tat 6 geworden. Zur Herstellung dieser Gleichung, durch die das 
kranke Haus am Leben erhalten wird, bedarf es schwieriger Opera 
tionen. Unter Schonung der wichtigsten Organe sind vorhandene 
Wände zu amputieren und neue einzuziehen; Kanäle zu verlegen 
und Türen herauszubvechen; Baukörperteile zu zerstückeln und 
wieder zusammenzuflicken. Lauter chirurgische Eingriffe, die das
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        DlL xsar VÄvLör von» Vilur 
die binnen 
Lred 
dieser 
die 
das Mbieksal 
sechs Nonaten 
Berlinerin, 
'Welt erobert 
Eine mißglückte Hlekkame. 
Lr Berlin, im Juli» 
Die Zeiten ändern sich zur Zeit auffällig schnell. Im Mozart 
saal zum Beispiel, wo noch Ende vorigen Jahres der Nemarque- 
Film anlief, weht heute bereits ein ganz anderer Wind. Man 
zeigt hier einen Film: „Das neue Italien", der von dem 
römischen Instituts NaZionale L. 17. O. N. hergestellt worden ist 
und sich einen Tatsachenbericht über das achte Jahr des Fascrs- 
mus nennt. 
Wenn er wenigstens ein Tatsachenbericht wäre) In Wirklichkeit 
aber beschränkt er sich darauf, Propaganda für den italienischen 
Fascismus zu treiben, und läßt alle Tatsachen aus, die diesem 
Zweck Widerstreiten. Es gibt geschickte und ungeschickte Reklame: 
die des Films ist so töricht, daß sie jede Wirkung im Ausland ver 
fehlen muß. Denn statt die wirklichen Leistungen vorzuführen, die 
etwa vom Fascismus vollbracht worden sind, schreibt sie ihm 
einfach alle Aeußerungen ungebrochenen Lebens gut und be- 
schlaWahmt Daseinsformen für ihn, die ihre Entstehung 
keineswegs seiner Herrschaft verdanken. Aber seien selbst 
die Anstrengungen auf diesen Gebieten im heutigen Italien 
verdoppelt worden, so ist doch der Fascismus gewiß nicht der Ur 
heber des Tennissports oder der Motorradrennen. Indem die 
Propaganda uns auch mit Hilfe der Zwischentexte einreden möchte, 
daß in ihm sämtliche irdischen Herrlichkeiten ihren Ursprung 
hätten, überspannt sie den Bogen und verfällt der Lächerlichkeit. 
Besonders weitschweifig schildert der Film die Erfassung der 
Jugend und die Aufwertung der kriegerischen Instinkte. Wir er 
leben einen Stapellauf nach dem andern, besuchen ein Jugend 
lager, machen einen kleinen Kolonialkrieg mit, und sind dazu ver 
urteilt, einer militärischen Parade beizuwohnen, die niemals ein 
Ende nimmt. Ereignisse, die viel zu theatralisch hergerichtet sind, 
um den gewünschten Eindruck zu erwecken. Rein durch die pompöse 
Art ihrer Inszenierung entarten sie zur Dekoration und rücken 
in die Nähe jener den mittelalterlichen Turnieren nachgebildeten 
Festspiele, von denen der Film ebenfalls zu singen und sagen weiß. 
Das überhaupt ist sein eigentliches Gebrechen: daß er aus tenden 
ziösen Gründen immer nur den Rahm abschöpfen will und damit 
genau das Gegenteil von den beabsichtigten Effekten erreicht. So 
würdigt er nicht zuletzt auch Mussolini herab, wenn er aus ihm 
eine Art von Heldendarsteller macht, der nichts anderes zu tun hat, 
als in den verschiedensten Uniformen mit Feldherrnblick öffentlich 
zu repräsentieren. 
Kurzum, der ganze Film ist ein mißglücktes Reklameprodukt, 
und es gehört eine gewisse Naivität dazu, auf seine Werbekraft im 
Ausland zu bauen. Daß er in diesen kritischen Lagen uns sehr ge 
legen komme, wird wohl niemand behaupten. Aber die Filmprüf- 
stelle in ihrer ergründlichen Güte hat ihn nicht weiter beanstandet 
und an seine Zulassung nur die Bedingung geknüpft, daß er in 
Zusammenhang mit einem deutschen Kulturfilm gezeigt werden 
müsse. Dieser Forderung ist durch zwei Vorspannfilme entsprochen 
worden, die dem Hauptfilm geistesverwandt sind. Der eine veran 
schaulicht die masurische Seenplatte, der andere ein fürchterliches 
Heldendenkmal in Pommern,, das aus Hünensteinen, Runenzeichen, 
Ahnenschwertern und ähnlichen Attributen besteht. Da überall häß 
liche Denkmäler stehen, könnte man sich mit diesem Felsenkon 
glomerat Minden und auch unbefangen die Schönheit der Seen 
genießen, liefen nicht beide Filme in bedenkliche Drohungen aus, 
deren Inhalt sowohl durch die Bilder wie durch die Texte eindeutig 
festgelegt ist. 
In der ersten Abendvorstellung haben einige Leute: „Deutsch 
land erwache!" gerufen, worauf die erforderlichen Gegendemon 
strationen einsetzen. Alles in allem scheinen sich die meisten Zu 
schauer der Schwächen und der Haltlosigkeit dieses peinlichen Drei 
gespanns bewußt gewesen zu sein. 
Osorg erZablt in ibm 
^Venn Ge Kunst nach Ltendbals Wort eine 
Verheiüung des Olücks ist, so scheinen äis Mm- 
stars seine Krküllung Zu sein. Um sis Kreisen äis 
Wunschträums äsr Nasse, äis siek desto mehr am 
OlanZleben äer ^userwählten berauscht, js elender 
es ihr selber geht. Wie Zum Beweis äakür, 6aÜ*sis 
jotZt besonders schlecht gebettet ist, bringt äer 
Ralph Röger-Verlag (Wien-B erlin-LeipZig) seit' 
kurzem unter äem Ditel: „Künstler u,nd 
Kilme" 8tar-Nonographien heraus. Der erste von 
Lans Kakka verkaLts Band ist Laus Widers 
gewidmet (5^ Leiten. Oeb. c-?^ 2--)» Lein.Dsxt 
ist ein keuillstonistisebsr Rvmnus auk äis Karriere 
äes Neiden, seine menschlichen Qualitäten usw. Da 
^Ls immer in soleben wallen äer 8tokk äem Bio 
graphen viel Zu schnell ausgeht, sinä einige ^.uk- 
Zeichnungen von Bibers selber beigekügt, äie Zum 
mindesten seine Lrwüchsigkeit belegen. kerntzr Lie- 
bssbrisks aus äem Dunkel äes BubliLums, äersn 
ktrablenäer Bmpkänger er ist, unä vor allem *?hoto- 
graphien. Wo die Worte versagen, stellen sie sieb 
stets rechtzeitig ein, unä wir werden nachgerade so 
mit ihnen überbaukt, äaÜ äie Lpraebe unter ihrer 
Nsnge wie unter einer Lebneeäeebs erstickt, deäsn- 
Lalls Zeigt äie Brkahrung. daü das Wachstum äer 
Lichtbilder äem Oebalt äer sprachlichen Bixierun- 
gen umgekehrt proportional ist. ^.ber gleichviel: äie 
Zahlreichen Verehrerinnen äes Künstlers begrüllen 
sieber mit Breuden äis (Gelegenheit, ibren Liebling 
niebt nur in seinen grollen Msater- unä Filmrollen 
wiedersehen Zu dürken, sondern ibn auch auk der 
Brobe oder gar während äer intimen Verrichtung 
des Rasierens vor ^.ugen Zu baben. -- Der Zweite 
Land derselben Kollektion ist Narlene Diet» 
rieb Zugeeignet und naeb äbnlieben BrinZipien Zu- 
sammsngestellt. (24 Leiten. Oeb. l.80). Nan- 
bat. Verlockt baben, Zu 
seinem Bericht was ibn die wunderbare Geburt 
ornsr- modernen Venus aus dem Neer eines 8chla- 
^ers unä die merkwürdige Tatsache, däü ein mit 
dpreewasser getanktes Geschöpf plÖtZlich äsn 
Weltgeschmack anspricbt. 
Woher rührt diese glückbakte Begegnung? Krams 
liess ei erklärt sie aus dem erotischen Wesen 
Narlenes. da, auch er ist unter äie Ninnesänger 
, gegangen, äie sich um äie Künstlerin scharen, unä 
präpariert ihre besonderen RäiLs in einem schmalen 
E bne OistrLc h" - Land sartsinniK heraus 
(Kindt L Vueher, Verlag Berlin. Oed. 
2M). Nanehmal so^ar üherschwenFhch. „Nar- 
lene Dietrich kann lächeln wie ein Idol, wie 
die archaischen Oriechen^ötter und dabei harmlos 
aussshen. Lu bemerken wäre etwa noch, äaü Kes 
sel wie ^eorK die LoUvwoodsr Mms des' neuen 
Stars GinbsLiehbn, die wir leider noch nicht erblickt 
haben, und äie Nutterlrebe ihres Idols beredt prei 
sen. H-ber es hat von jeher 2u den lugenden des 
dour gehört, kein schlechtes Baar an seiner 
. spöttln Zu lassen. 
BekriediAen äiese eiligen Lobreden unstreitig 
ein Lmtbsdürkms. so ist die Literatur über Obaplin 
unter allen Ilmständen sachlich ^erechtkertl^t. Dr 
in der Dat ist der einZi^e lebende Dilmkünstlsr, 
dessen Werks Kommentare verdienen. Arnold 
^oHritz^bl hat in dem Küchelchen: „Lieh- 
tsr äsr SroLstsät" «L. k. ^1 L Oo., I.sip- 
nx uvä 79 Seitsir. 6eb. 1.—) äis Ss- 
sdkickts äissss kilms srEt unä -mÄsieli' alle 
möglichen Eindrücke kest^ehalten, die er seiner 
persönlichen BeZiehunK Zu Ohaplin verdankt. Da 
Kut Zu beobachten und sein Naterial auk ' eine 
svmpathmche Weise M versteht, ist ein 
kleines Dökmoent entstanden, das Zwar die Dieksn 
asr LhaMM-Dilms nicht xanZ ausschöM, aber einen 
sEs-srelmstsll Ls^rrtt voll Lrsm vrksdsr vor- 
sokLkkt. Ls liest sied ESLsdrll llllä ist voll Killer 
Lisbs su idrsill OsMllstallä srkullt. &amp;gt;^er 'llllll um 
sdsll äissss OeASllstLlläes välsll äis LinseitiMerc 
ksrllö llaedsiskt. !üie!it su teüell vermllk: red äs» 
Vuusek Löllrisk-sls, ä-»L Lliss-dstk Lersiisr smma! 
äis ?srtllsrill Olisräms ivsräöll wöss. 
llislltrekkoll sveier so Kstrolllltsr/Usttsll tullrts vsr- 
illutlied lliedt su idrer Versedmel-llllA, solläeru 
döedstslls su sillsr LlltLstropds. 
Der Vorig.« äsr lledtdilädudus dst siim 5V. 6s- 
burtsta^ seines Begründers und Leiters , Karl 
Wolkksohn eine Denkschrift: „Bin Leben tur 
den Dilm" herausKsbraebt. die sonderbare 
8clillusr dsrvorrukt. Dsim llbssssdell voll vwi«» 
persöllliodell LllläiMllksii llllä vroillillsll&amp;gt;.sll 6tuek- 
wunschtels^rammen enthält sie Rückblicke aui eins 
Vergangenheit, der wir bisher aus dem (Kunde 
nicht inns geworden sind, weil sie noch an unse 
rer Gegenwart haktet. Immer wieder stobt man 
beim Durchblättern auk Bilder die Zum eigenen 
Leben Zu gehören scheinen und insgeheim schon 
historisch geworden sind. 8is sind dem vom äubilar 
Msedllkksiieii Lrediv slltlloillmsii. äisss kdotos aus 
äsll ^llkällssn äss I'ilills. Ds. tritkt äsr mn^s unds- 
kAllllts OdllMll tll LllorLmsllto, Ls,Iikorllisll, ^sill: 
slte krosraillills vsrdsiksll Isbsuäs kdotoxiraptiioll; 
L.sts. Mslssii läedslt ulltsr siusr ?Isllrellss. kood 
llinvedt ^ils äis össtsltsv LLS äsr ^rüdLsit llllssrss 
Lsvllktssill» sill Isiedtsr VsrvssllllMksrlled. llllä 
srst svätsr einmsä vsräsll sis visilsielit rieiiti!? s-M- 
srstsdsll. 8. Lr-io-iller.
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        2 H'AtA) -i 
Der Merkaufs-Hempet. 
Berlin, im Juli- 
In einer der vornehmsten Geschäftsstraßen Berlins ist vor 
einigen Monaten ein Eckladen eröffnet worden, von dem aus 
irgendein neuer Toilettenartikel gestartet werden soll. Ich habe 
selten so etwas Wunderbares gesehen wie diesen Laden. Er ist ein 
Halbrund, dessen Wände ganz aus Glas und Metall bestehen, und 
eigentlich vie! zu geräumig für die Waren, die von Natur aus sehr 
klein sind. So ein Fläschchen, das sich bequem in die Hand nehmen 
läßt, könnte ja auch in einer bescheideneren Umgebung gedeihen 
und wäre sicher mit einer Nische Zufrieden. Hier aber ruht es 
wie ein kultischer Gegenstand in einem durchsichtigen Tempel von 
außergewöhnlicher Feierlichkeit. Der Altar, auf dem es der Menge 
draußen gezeigt wird, ist ein^ Glasplatte, die ihrerseits von einem 
blitzenden Stahlarm getragen wird. Natürlich befindet sich das 
Fläschchen nicht völlig allein in dem Andachtsraum, sondern teilt 
ihn mit einer begrenzten Zahl anderer Fläschchen — eine Ver 
vielfältigung, die jedoch die Weihe nicht im geringsten beein 
trächtigt. Im Gegenieil, die Erlesenheit der schimmernden Ver 
sammlung ruft unwillkürlich das Bedürfnis hervor, ihr huldigend 
auf den Zehenspitzen zu nahen. 
Am Abend ist der Tempel festlich illuminiert. Das heißt, man 
sieht Zwar Lichter in ihm fließen, kann aber nicht genau ihre Her 
kunft ermitteln. Es ist, als glühe er von innen heraus, als er 
glänze im Dunkel der Geist der Fläschchen. Die strahlenden Sub 
stanzen, die sie entsenden, verschlingen sich röhrenförmig, und aus 
den längst versunkenen Glaswänden treten hohe Leuchtbuchstaben, 
die eckig wie Runen und dünn wie Spinnweben sind. Geheimnis 
voll schweben sie in den gläsernen Lüften und setzen sich zum 
Namen des Toilettenartikels zusammen. Er ist keine Reklame, er 
ist eine Verkündigung, die an die profanen Passanten ergeht. 
Als Hüterin des Heiligtums amtiert eine junge Dame. Sie 
sitzt genau in der Symmetrieachse hinter einem Stahltisch, um den 
herum ein paar Stahlstühle schwingen. Oder es scheint doch, als 
ob sie sich fortschwingen wollten, da sie wie Schlitten nur leicht den 
Boden berühren. Auf einem dieser Stahlstühle sitzt auch die junge 
Dame selber; vielmehr, sie sitzt streng genommen nicht auf dem 
Stuhl, sondern ist auf ihm angeordnet. Jedenfalls habe ich noch 
nie beobachtet, daß sie sich von ihm entfernt hatte, und so muß 
sie wohl schon von Anfang an hier geplant gewesen sein. Die 
Tempelkünstler haben sie gleichsam zwischen die Fläschchen als eine 
Art von dekorativer Mitte hineinkomponiert, auf die alle Stahl 
arme ausgerichtet sind. Zweifellos ist sie sich ihrer Aufgabe, zu 
schmucken, bewußt. Mit sorgfältig stilisierter Anmut wahrt sie, 
weithin sichtbar, die Symmetrie und erfüllt verantwortungsvoll 
ihre Verpflichtung, der Treffpunkt sämtlicher Raumlinien zu sein. 
Trotz dieses durchdachten Arrangements bleibt aber — es muß 
offen bekannt werden — der Laden stets leer. Da liegt er in einer 
verkehrsreichen Straße, angestaunt von zahllosen Vorübergehenden, 
und ist doch einsamer als ein Mausoleum. Niemand betritt ihn, 
niemand entschließt sich dazu, eines der herrlichen Fläschchen zu 
erwerben, die er ohne Unterlaß zu spenden vermöchte. Seine Oede 
ist um so trauriger, als sie sich nicht den Blicken entzieht, sondern 
blank der Öffentlichkeit preisgegeben wird. Dieselben Gläser, die 
ihn gewissermaßen von den Gesetzen der Schwerkraft befreien und 
ihm zum Zauöerflug durch höhere Regionen verhelfen, gestatten 
jedem Beliebigen, sich von der Verlassenheit seines Innern zu 
überzeugen. 
Vielleicht rührt sie daher, daß er den Eindruck der Unnahbar 
keit erweckt. Die Neugierigen vor den Spiegelscheiben werden von 
ihm weniger angelockt als zur Ehrfurcht genötigt und gehen mit 
dem Gefühl von dannen, daß sie vermutlich schwierige Zeremonien 
vorzunehmen hätten, um Einlaß in diesen Verkaufstempel zu fin 
den, den der Verkauf noch dazu entheiligte. Auch spürt man schon 
von fern, daß er zum Unterschied von allen anderen Plätzen, die 
erst aufblühen, wenn sie mit Kunden gefüllt sind, durch zufällige 
Besucher nur seine Vollkommenheit verlöre. Es läßt sich ihm 
nichts mehr hinzufügen, ohne daß ihm zugleich Abtrag geschieht. 
Man stelle sich vor, daß sich einer nichtsahnend hinernverirrte: 
sofort wäre das zarte Kräftespiel der Reflexe unterbrochen, und 
die Linien wichen aus ihrer Bahn. Und berührte ein Uneinge 
weihter auch nur ein einziges Fläschchen oder nähme es gar von 
der Platte, so entstünde eine Verwirrung, die sich wahrscheinlich 
nie wieder beseitigen ließe. Am schlimmsten aber wäre, daß durch 
den Unglücksgast die achsiale junge Dame in Bewegung geriete. 
Sie, die wie der Schlußstein eines Gewölbes alle Spannungen 
auffängt und ausgleicht, müßte sich dann, jeder Berechnung zu 
wider, vom Stuhl erheben, und im nächsten Augenblick begännen 
d'r SLahlarme hin- und h^czupendeln, die Fläschchen erbebten auf 
ihren Platten, und der ganze empfindliche Kunstbau brache don 
nernd in sich zusammen. 
Noch ist das Unheil nicht eingetreten. Die Fläschchen harren 
der Ewigkeit entgegen, und keiner stört ihren Frieden. Im Hin 
tergrund behauptet sich unerschüttert die junge Dame. Sie list in 
einem Roman, träumt vor sich hin und durchblättert immer wie 
der die alten Prospekte. Ich glaube, manchmal langweilt sie sich 
entsetzlich. S. Kracauer. 
Kuiorenbörse. 
BerkiA, Ende Juli. 
In einem riesigen Caft-Etabliffement der Friedrichstraße tagt am 
Hellen Vormittag die Autorrnbörse. Um diese Zeit ruhen sich 
die leeren Räume mit übernächtiger Miene von ihrem Abendberuf 
«us. Das Büfett ist beschäftigungslos, und die altmodischen Polster 
sessel vor den verlassenen Tischen machen einen so gelangweilten 
Eindruck, als sei Sonntag und sie befänden sich im Wartezimmer 
eines Zahnarztes, der über Land gegangen ist. Wenn sie träumen 
könnten, hätten sie sicher verworrene Vorstellungen von Geschäfts 
leuten, Zeitungsfetzen, Mädchen, Operettenmusi? und Zigaretten- 
schachteln. Nur eine Putzfrau, die plötzlich hinter einer Wand auf- 
taucht, regt sich im Dunst; aber auch sie scheint von der Starr: 
der Saallandschaft angesteckt zu sein und hütet sich davor, das 
Mobiliar aus seiner bleischweren Versunkenheit aufzuscheuchen 
Erst nach einer längeren Wanderschaft durch dieses evakuierte 
Gebiet erreicht man wieder bewohnte Gegenden. In einem mittel- 
ßroßen, Zum Frühdienst ausersehenen Saal sind gegen 30 geistige 
Arbeiter versammelt, um nützliche Informationen entgegenzu- 
nchmen. Dir Autorenbörse, die im Mai dieses Jahres von der 
Gewerkschaft Deutscher Geistesarbeiter geschaffen 
worden ist, wird ungefähr alle vierzehn Tage abgehalten. Sie 
vermittelt Angebots von Redaktionen und Verlegern, die einzu- 
Holen oft schwer sein mag, und will durch ihre Bekanntgabe Fach 
schriftstellern und wohl auch Literaten eine Arbeitsmöglichkeit er 
öffnen. Vielleicht sind die Ferien daran schuld, daß die Teil 
nehmerzahl Lei dieser siebten Zusammenkunft so gering ist. Unter 
den Anwesenden befinden sich zwei bis drei Damen und nur ver 
schwindend wenige frische junge Leute. Die meisten Besucher sind 
Männer gesetzteren Alters, denen anzumerken ist, daß sie mit der 
Gchriftstellerei mühselig ihre Existenz fristen. 
Ein Herr vom Vorstand verliest die Vakanzen. Er spricht 
absichtlich Langsam und wiederholt überdies jede Offerte, damit 
die Petenten sich ihre Notizen machen können. Die Schar der An 
gebote, die sich hier, im Souterraingeschoß der Literatur, ein 
Rendezvous gibt, ist so sonderbar, daß sie eine nähere Beschreibung 
verdient. Ihren Hauptstamm bilden Wünsche höchst spezieller, fach- 
Sicher Art, So sucht eins Zeitschrift Aufsätze für Geflügel und 
Kleintierzucht; eine andere Artikel über Musikinstrumente; wieder 
eine anders populäre Beiträge naturwissenschaftlichen und ethno 
graphischen Inhalts. Welche besondere Interessen mitunter Be-
        <pb n="59" />
        soll der Vortrag nur die trübe Stimmung verjagen und die An 
wesenden aus den Sümpfen der ihnen abgeforderten Literatur ge 
wissermaßen in höhere Regionen erheben. Geistig genug ist er 
jedenfalls dazu. 
Nach einer knappen Stunde wird die Börse geschlossen. Sie ist 
eine zweckmäßige Einrichtung, und wie ich erfahre, hat das Geschäft 
bereits ganz gut eingesetzt. Die Herren erheben sich, und es ist zu 
vermuten, daß jetzt manche Jugendgedichte aus den Schubladen 
geholt werden, um in den Sammelwerken: „Wir von heute" oder 
„Junge Wege" Auferstehung zu feiern. Der im nächsten Jahr fällige 
Goetheroman wird konzipiert werden und eine geheimnisvolle Frau 
in den Mittelpunkt verschiedener spannender Kriminalromane rücken. 
Immer noch sind die Cafehaussäle verödet. Zwischen ihren Polster 
fesseln könnet man sich wie in diesem Literatur-Dschungel verirren. 
8. XrLaauer, 
rücksichtigung verlangen, beweist das Beispiel einer süddeutschen 
WochenzeiLung, die es auf Reiseberichte aus den Mittelmeerländern 
abgesehen hat. 
Auch die eigentliche Belletristik wird zur HandelAvare. Ich 
kmn es mir nicht versagen, ein paar Angebote wiederzugeben, die 
Offenbar einer tiefen Kenntnis der Konsumentenbedürfniffe ent 
springen. 
Ein Verlag der so rührig ist, daß er schon die Titel xukunfiign 
Werke bereit hat, sucht: „Gedichte für folgende DammlungSwerke, 
die im Kollektiv vertrieben werden sollen: ZLir von heute', ,Jnng4 
Wege', ,Aufschwung', -Balladen und Eonnette'." 
Ein anderer Verlag möchte für das englische Sprachgebiet unter 
anderem erwerben: „Kriminalromane, in denen eins Frau im Mit 
telpunkt der Handlung steht/ 
„Zeitungsromane, 30 bis 50 Fortsetzungen, »inen guten Goethe 
roman, Tier- und Sportromane" sucht ein Unternehmen, dem sA 
entschieden nicht an Vielseitigkeit fehlt. 
Eine bedenkliche Reihe, die sich so lang fortsrtzen ließe wie dir 
erbetenen Zeitungsromane. Nachfragen nach Märchenspielen für 
mittlere und größere Bühnen, mit und ohne Musik, nach Volks« 
-perntexten, Einakterserren für Kino und Varietee, nach „KriegS 
erlebnisbüchern", Sketchs und Schwanken vervollständigen diese ge 
mischte Gesellschaft, die sich an der Autorenborse wie in einem 
Warenhauskatalog trifft. Ihre Zusammensetzung gibt nicht zuletzt 
über die Richtung Auskunft, nach der die stofflichen Lesewünsche 
der unliterarischen Massen drängen. 
Die Börsenbesucher notieren schweigend die für sie beachtlichen 
Tips. Ihrer manche trinken eine Tasse Bouillon, um sich für das 
kommende Tagwerk zu stärken. Dann hält ein Herr einen Vortrag 
über das immer zeitgemäße Thema: „Der Stil formt eine Epoche"; 
Man könnte auch sagen, daß sich eine Epoche ihren Stil formt, und 
überhaupt weiß ich nicht, warum der Herr eigentlich spricht, eine 
Autorenbörse ist doch keine Bildungsversammlung. Aber vielleicht 
sten Hütte begnügt, sondern die größte Jacbt wählt, die wir alle 
nicht haben. 
Zerstreuungsstücke befriedigen ein rechtmäßiges Bedürfnis, und 
wider Filme, die sich gewissermaßen von Berufs wegen mit Erotik 
besassen, ist nichts weiter cinzuwenden, wenn sie so charmant sind 
wie etwa die „Liebesparade". Das Bedenken, das ich gegen jenen 
bestimmten Typ von Ufa-Erzeugnissen habe, den auch dieser neue 
Film wieder verkörpert, ist ein anderes. Es richtet sich gegen seine 
Gepflegtheit. Mit einem Aufwand an Mitteln, der nur einer wirk 
lich haltbaren Sache würdig wäre, wird in ihm eine windige Be 
gebenheit verfestigt. Der Karneval von Nizza muß mitttun, die - 
Hafenkneipe wirkt echt, und der ganze Aufbau steht wie für alle 
Zeiten. Es ist, als habe man ein stabiles Haus für provisorische 
Zwecke errichtet. Ein solches Verfahren, das schon an sich sinnwid 
rig ist, widerspricht aber geradezu dem Wesen der Zerstreuung. Sie 
verlangt nicht, pfleglich behandelt zu werden wie ein bedeutenderer 
thematischer Vorwurf, sondern will ihre Flüchtigkeit auch durch die 
Gestaltung zum Ausdruck bringen. Nicht so, als ob sie keinen Kunst 
verstand erforderte; dieser jedoch muß sich darauf verstehen, der 
Zerstreuung als einer Zerstreuung Geltung zu verschaffen, statt sie 
mit ^ sprächen zu belasten, denen sie unmöglich nachkommen kann. 
Aus guten Gründen entraten die Revuen durchgehender Motivs 
und die richtigen Boulevardstücke sind alle mit Absicht locker gewebt. 
&amp;gt; m ihnen unterscheidet sich der Ufa-Film weniger seinem Stoff 
nach als durch die viel zu soignierte Mache. Geschlossen wächst er 
herauf, eine massive Masse, in der die notwendigen Lücken fehlen. 
Und die in ihn gesteckte Arbeit dient nicht dazu, der leichten Ware 
die Leichtigkeit zu schenken, sondern veranschaulicht bestenfalls, wie 
schwer es ist, leicht zu sein. 
Wird die pure Zerstreuung so seriös traktiert, dann kann etwas 
nicht stimmen. Zur gleichen Vermutung drängt ja auch das ganze 
Produktionsprogramm der Ufa, gegen das ich an dieser Stelle schon 
geltend gemacht habe, daß es im Namen der Zerstreuung unsere 
aktuellen Zustände nicht berücksichtige. Sie, die doch im Film ver 
hältnismäßig mühelos zu vergegenwärtigen wären, scheiden aus 
dem Programm nahezu völlig aus. Daß zwischen ihrer Umgehung 
und der angestrengten Miene, mit der Unterhaltung produziert 
wird, ein Zusammenhang besteht, liegt auf der Hand. Der Ernst 
verlagert sich gleichsam. Man lenkt ihn von den Gegenständen ab, 
die seiner bedürften, und führt ihn Stoffen zu, die der Erholung 
gewidmet sind. Das aber ist gerade die Unstimmigkeit, die ich meine 
und die im übrigen nicht nur bei der Ufa herrscht. Sie rührt von 
der Unlust her, unserer sozialen Lage ins Gesicht zu sehen, und ist 
zum überwiegenden Teil selber ein politisches Phänomen. Niemand 
käme auch nur auf den Gedanken, eine Zerstreuung zu beargwöhnen, 
bie ihre Unterhaltungspflichten unprätentiös erfüllt und sich über 
haupt richtig einzuordnen weiß. Wenn sie sich aber in den Mittel 
punkt rückt und auf Kosten von Gestaltungen erfolgt, die aus der 
Wirklichkeit unseres Daseins geschöpft sind, bleibt nichts anderes 
übrig, als sie der Verdrängung solcher Gestaltungen zu beschuldigen. 
Sie hört auf, nur harmlos zu sein, und die Erotik, die sie an- 
schwemmt, ist insofern zweideutig, als sie außer ihrer üblichen 
Funktion noch die des Einschläferns hat. Die stilwidrige Plump 
heit der betreffenden Filme ist innerhalb des ästhetischen Mediums 
die Rache für diese Verkehrung der Ordnung. 
Harry Liedtke als Niewiederliebender: vielleicht glaubte man 
ihm eher, wenn er stumm wäre wie früher, aber der vulgäre Klang 
seiner Stimme entzaubert leider jene männliche Holdseligkeit, an 
der sich die Mädchen wärmen. Lilian Harvey ist erotisches Kunst 
gewerbe. Aus der Reihe dieser geschliffenen Wesen fällt eigentlich 
nur Marga Lion, die in einer Episodenrolle auftritt, durch den 
echteren Ton heraus. — Das Berliner Publikum strömt in Mengen 
zu diesem Film; ein Beweis dafür, wie hart jetzt die Zeiten sind. 
8. Lraoauer. 
Gepflegte Zerstreuung. 
Eine grundsätzliche Erwägung. 
Berlin, im Juli. 
„Niewieder Liebe" — ein neuer Großfilm der Ufa, und 
er hält, was ihr Produktionsprogramm verspricht. In der Tat: er 
ist reine Zerstreuung. Soll ich seinen Inhalt, der dazu bestimmt ist, 
eine Stunde lang zu unterhalten und hinterher einer ähnlichen Be 
langlosigkeit wegen radikal vergessen zu werden, ernsthaft zer 
gliedern? Vielleicht ist es nicht unnützlich, ihn, der aus dem Nichts 
gleich ins Nichts schlüpfen will, einen Augenblick festzuhalten. 
Die nach dem seinerzeit oft gespielten Bühnenstück: „Dover- 
Calais" hergestellte Fabel hat eine Art von Don Juan zum Helden, 
der über seine Geliebten Buch führt und, um sich aus den ver 
schiedenen Asfären zu ziehen, jedesmal eine Unsumme Geldes ver 
schwendet. Ich denke mir, daß der Hauptzweck der genauen Bekannt 
gabe dieser unwahrscheinlich hohen Beträge darin besteht, im Pub 
likum einen angenehmen Höhenrausch zu erzeugen. Später be 
schließt der Don Juan dem, was hier Liebe heißt, zu entsagen, 
fährt in seiner Jacht, ohne deren Besitz die Entsagung nicht den 
nötigen Glanz hätte, durch alle möglichen Weltmeere spazieren und 
verfällt selbstverständlich zuletzt doch den Reizen einer Nixe. Im 
Verlauf dieser natürlichen Entwicklung ist dafür gesorgt, 
1. daß das Thema der Liebe nie verlassen wird; 
2. daß durch die Einschaltung von lauter retardierenden Momen 
ten die erotische Spannung immer neue Steigerungen erfährt; 
3. daß die häßliche Welt nirgends die Gelegenheit erhält, sich in 
das amouröse Ereignis zu mischen. 
Kurzum, der Liebe wird in dem Film unbegrenzter Raum zur 
Entfaltung geboten. Kein Wunder, daß sie sich nicht mit der klem-
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        /V2580-ML 
gar im Stich ließe. So faßt es etwa den guten Vorsatz, einen 
^Naturschutzpark der Mundarten" anzulegen, in den exemplarische 
Proben der mehr und mehr schwindenden Dialekte eingepflanzt 
werden, oder will sich, im Einklang mit den allgemeinen Richt 
linien, der vernachlässigten Dichter annehmen. Aber in seinen 
Hauptpunkten ist es doch hilflos. Mehr als das: es widerstreitet 
geradezu der entscheidenden Absicht des Programms, 
Ich beschränke mich im wesentlichen auf die Analyse eines Prö- 
grammteiles, in dem die gegen diese Absicht gerichteten Tendenzen 
deutlich durchbrechen. Es handelt sich um die geplante Reihe von 
Veranstaltungen über die deutsche Romantik. „Vom Romantiker 
Standpunkt aus soll über Gott, Weltanschauung, Unsterblichkeit, 
Liebe gesprochen werden, über Musik, Malerei, Roman, Märchen, 
Theater. Alles durchsetzt mit reichlichen Proben, lyrischen und 
epischen, deren Zwanglose Einführung Sache des geschickten Be 
arbeiters ist." Wallner denkt an ein „wohlkomponiertes Inein 
ander", von dem er meint: „Es genügt nicht nur dem Form 
willen des Rundfunks, es ist auch ganz und gar ,romantisch'. 
Romantisches Ideal und zugleich Stilideal des Rundfunks ist 
jenes Jonglieren, frei von der Schwerkraft der Vernunft . . ." 
Vorausgesetzt selbst, daß ein solches Ineinander alle Ansprüche 
befriedigte, die billigerweise an seine Komposition zu stellen wären, 
so schlüge es doch der oben angeführten Forderung ins Gesicht. 
Während nämlich nach ihr der Rundfunk „Helfer, Wegbahner, 
Führer Zu neuen oder verschütteten Werten" zu sein hätte, müßte 
er im Falle der romantischen Reihe „frei von der Schwerkraft der 
Vernunft" jonglieren. Es ist aber schlechterdings unmöglich, das 
eine Mal den Rundfunk mit einer Führer- und Helferrolle zu be 
trauen, die doch gerade den Einsatz der Vernunft erheischt, und das 
andere Mal sein Stilideal, mit dem der Romantik in einem Sinne 
Zu identifizieren, der die Entthronung der Vernunft bedingte. 
Indem man mit der angegebenen Begründung die Darstellungen 
der Romantik unternimmt, gibt man die Aufgabe preis, die jene 
Forderung dem Rundfunk setzt. Wäre indessen das beabsichtigte 
„wohlkomponierte Ineinander", so könnte eingewandt werden, nicht 
wenigstens dazu imstande, „verschüttete Werte" freizulegend Keines 
wegs. Denn soll die Rede von den „verschütteten Werten" einen 
Sinn erhalten, so müßten die Darbietungen das romantische Wesen 
nicht wiederspiegeln, sondern interpretieren. Sie hätten sofort ihre 
Legitimität, wenn sie, statt romantisch zu „jonglieren", die Ro 
mantik von dem Standpunkt eines fortgeschrittenen Bewußtseins 
aus Zu erhellen versuchten. Nur eine kritische Betrachtung der Ro 
mantik vermöchte zu erweisen, daß der Rundfunk bes ihm zuge 
muteten Führertums wirklich fähig ist. Aber von ihr, auf die es 
Wallner im Interesse der Uebereinstimmung seiner Grundforderung 
Literatur und Wundfunk. 
Berlin, Anfang August. 
Der Dramaturg des Süd w estd eu Lsch e n Rundfunks 
Dr. Franz Walln er hat kürzlich vor dem dieser Station zu 
geordneten Kulturbeirat über das Thema: „Literatur und 
Rundfunk" gesprochen. Seine Ausführungen verdienen darum 
das Interesse der Öffentlichkeit, weil sie einige grundsätzliche 
Bemerkungen über den Ausbau des literarischen Programms an 
einem der großen deutschen Sender enthalten. 
Zwei Feststellungen des Vortrags scheinen mir besonders 
w'5Nig zu sein. Einmal die Wendung gegen eine Überschätzung 
der Reportage, die Wallner nicht ansteht, „Wirklichkeitsrummel" 
zu nennen. In der Tat wäre nichts verkehrter, als im Rundfunk 
jene Berichte zu häufen, deren Wert sich in ihrer Aktualität er 
schöpft. So notwendig Informationen zum praktischen Gebrauch 
der Hörer sind, so überflüssig, ja schädlich ist die fortwährende 
Darbietung beliebiger Ausschnitte aus dem gegenwärtigen Leben. 
Denn sie erschließen nicht die Wirklichkeit, sondern photographieren 
sie bestenfalls, und zwar von einem Blickpunkt aus, der mehr oder 
weniger zufällig ist. Man wird also durch sie weniger aufgeklärt 
als verwirrt und empfängt statt eines maßgebenden Bildes der 
Wirklichkeit Impressionen von deren Oberflächengestaltüng, die 
sich mit dieser wie Wolken verflüchtigen. 
Zum andern ergänzt Wallner seinen Protest gegen die zu 
stark betriebene Reportage durch eine Forderung, der man eben 
falls, zumindest provisorisch, gern zustimmen wird. „Literatur", 
so verlangt er, „muß näher an die Hörer-Front. Sie muß es, 
weil der Rundfunk nicht nur der Spiegel der Zeit, sondern auch 
Helfer, Wegbahner, Führer zu neuen oder verschütteten geistigen 
Werten sein soll." 
Wer an diesen programmatischen Leitsätzen von Wallner aus 
gestellte Programm selber mißt, wird nun allerdings enttäuscht 
sein. Nicht so, als ob es die verkündigten Prinzipien ganz und 
mit dem Programm ankommen sollte, wird in dem Bericht nic^ 
gesprochen. 
Auch andere Programmpunkte halten sich nicht an den Leitsatz, 
den Wallner selber proklamiert hat. Die Wiedergabe der Tischrede 
eines Nobelpreisträgers beim Bankett in Stockholm zur Einfüh 
rung in sein Werk; Gespräche unter dem Titel: „Das Buch", die 
angeblich „jedem am geistigen Leben Interessierten" betreffen wer 
den; kurze Veranstaltungen, die dem Vortrag lyrischer Gedichte 
gewidmet sind — wie wenig entspricht ein derartiges Kunterbunt 
von Bildungsstoffen dem im Bericht formulierten Ziel des lite 
rarischen Rundfunks: den Hörern zu helfen und Wege zu bahnen. 
Gewiß, man kann dieses Ziel durch die Betrachtung der verschie 
densten Literaturgebiete erreichen. Faktisch aber benehmen sich ihm 
gegenüber die meisten vorgeschlagenen Serien nicht minder spröde 
wie die der Romantik zugeeignete Reihe. Oder darf man der 
Hebung verschütteter Werte viel Vertrauen schenken, wenn zum 
Beispiel die Notwendigkeit erläuternder Begleittexte zu den Büchern 
der Nobelpreisträger wie folgt glossiert wird: „So weit ein biß 
chen Literaturkritik und Literaturhistorie sich dabei nicht ganz ver 
meiden läßt, soll sie durchaus eine 8&amp;lt;üen?L sein?" Das ist 
Dilettantismus, und Veranstaltungen die so dilettantisch aufge 
zogen sind, verhalten sich zu den Werken nicht anders wie die Re 
portagen Zur Wirklichkeit; statt die Gehalte des Werks zu kommen 
tieren, geben sie irgendeine Ansicht von ihm. An einer Stelle be 
dauert Wallner, daß die Literatur im Rundfunk eine Art von 
Lückenbüßerin sei. Ihre Bestimmung scheint sich noch wenig ge 
ändert zu haben. 
Daß eine grundlegende Aenderung trotz der besten Vorsätze 
schwer möglich ist, daran trägt freilich ein etwaiges individuelles 
Versagen nicht die Hauptschuld. Die Umstände sind stärker als der 
Wille, der sie verleugnen möchte. Sowohl der Zwang zur Neu 
tralität beim Rundfunk wie die Notwendigkeit unausgesetzten 
schbemms^ von Darbietungen drängen von der strengen Sichtung 
ab, Zu der eine richtige Führung sich veranlaßt sähe. Es ist nun 
einmal so: die Rundfunkproduktionen haben heute Warencharakter. 
Sie werden nicht um eines großen Planes willen erzeugt, sondern 
weil das Instrument zu ihrer Erzeugung und ein aufnahmefähiger 
Markt vorhanden sind; sie treten nicht eigentlich hervor, um ge 
wisse Wirkungen zu erzielen, entstehen vielmehr Kraft der Appa 
ratur und sind substantiell höchstens im Nebeneffekt. Im Rahmen 
der bestehenden Rundfunkorganisation wird daher die Forderung 
Wallners überhaupt nur unvollkommen zu verwirklichen sein. Den 
noch hielte ich auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen Ex 
perimente für möglich, die sie annäherungsweise erfüllten, oder 
doch das unabweisbare Bedürfnis nach ihrer Erfüllung erweckten. 
8. Lraoausr.
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        2,-1' 
Eine kleine LeiPiöliotheK 
mehr, ob sie Konserven in der Gestalt von Schoten oder 
von 
Werken anbietet; schon versteht sie sich auf die Behandlung der 
eine 
die geringste Neigung 
Kundsngeschmacks zu 
Spiel der Wolken zu 
r 
l 
T 
d 
§ 
veränderten Kundschaft, die ja tatsächlich immer dieselbe ist. 
Eingerichtet hat den auf eigenes Risiko erworbenen Laden 
zum Glück eines starken Zulaufs erfreuen. 
Mit Recht verspürt die Besitzerin nicht 
dazu, die etwaigen Gesetzmäßigkeiten des 
ermitteln. Sein Wechsel scheint ihr dem 
Gott sie geschaffen hat, so stehen sie in ihren Originaleinbänden 
da, halten aus sich, als sollten sie verkauft werden, und funkeln, 
als seien sie Delikatessen- 
Vielleicht ist ihre Verwandtschaft E Feinkost nicht zufälliger 
Art. Jahre hindurch hat die Besitzerin in einem LebensmiLLel- 
geschäft gearbeitet, ehe sie sich zu ihrer jetzigen Tätigkeit entschloß. 
So wunderbar der Uebergang von Milch und Butter zu Büchern 
erscheint, er ist in Wahrheit nichts weiter als eine natürliche 
Lesefrucht. Anders verdanken der Lektüre Unterhaltung oder gar 
geistige Belehrung; die Besitzerin jedoch, die während ihrer Lebens 
mittelzeit eine eifrige Benutzerin von LeihbiLliotheken gewesen ist, 
hat aus den verschlungenen Bänden nur die eine, aber wirklich 
anwendbare Erfahrung geschöpft, daß der Umgang mit Büchern 
nicht allein schon, sondern-auch zweckmäßig sei. Und dann ist sie 
eben eines Tages in die neue Branche geglitten. Rasch und tüchtig 
hat sie sich in ihr umgetan. Schon macht es ihr keinen Unterschied 
blai^n 'ch mrt der Bescher!» meines 
OEmismus ^ 7 E -m-n gesunden 
C K h uanndceenn a z u u f p1 l 0a0 u 0 d erens . tie I men s H eeinr b sA t, ucsoh h neou ff e t sK i er , im w in i ra d lro d m i ean Z ea h s l ol d leenr 
u u gg .u u 
Berlin, im August- 
Wann immer :cy an die Leihbibliothek zurückdenke, der ich 
vor vielen Jahren meinen Lesebedarf entnahm, so taucht ein 
dunkler Raum vor mir auf, in dem zahlreiche eiserne Regale 
nebenelnande-standen, die mit lauter abgewetzten Büchern gefüll* 
waren, deren Einbände ihre Umgebung an Dunkelheit übertrafen. 
Meistens war der Besitzer gar nicht aufzufinden, sondern zwischen 
den Regalen versteckt. Dort fuhr er, bald unten am Boden, bald 
hoch oben in den entlegeneren Ladenregionen, mit einer elektrischen 
Taschenlampe wie ein Glühwürmchen an den Buchrücken entlang, 
um irgendeine Nummer zu suchen- Kam er dann endlich zum 
Vorschein, so brächte er in der Regel eine andere Nummer mit, 
da die gewünschte gerade verliehen war- Das ganze Magazin 
bestand sozusagen aus Ersatzmaterial, das die Fronttruppen aö- 
lösen sollte. Oft traten Damen in den Laden, die ich gewisser 
maßen bewunderte, weil sie immer nur die edelsten Produkte des 
literarischen Fleißes verlangten und sich unter Thomas Mann 
niemals zufrieden gaben. In ihrer Gegenwart bereitete es mir ein 
besonderes Vergnügen, hörbar nach Kriminalromanen zu fragen. 
Ich glaube, die Damen waren im Stillen über meine niedrige 
Sphäre enttäuscht- 
Seit kurzem habe ich die alten schlechten Lesegewohnheiten 
wieder ausgenommen. Schuld daran trägt eine kleine Leihbiblio 
thek, die vor genau 46. Tagen in unmittelbarer Nachbarschaft 
meiner Wohnung eingezogen ist. Das Lädchen, in dem sie Haust, 
erinnert in keiner Hinsicht mehr an die verstaubte Bücherhöhle von 
damals. Wenn ich auch ihrer Dunkelheit und ihrem Scharteken- 
geruch noch insgeheim nachtrauere dieser neue Verleih, dessen 
Schicksal ich vom Tage seines Entstehens an mit Spannung ver 
folge, übt doch eine nicht geringere Anziehungskraft auf mich aus. 
Er ist ein tiefblau gefärbtes Schatzkästchen, das durch seine Appetit- 
verleih in den anderthalb Monaten seines Bestehens gegen 600 
Kunden erworben, und zu den 1500 Banden, mit denen er er 
öffnet worden ist, sind schon 200 neue gekommen. Aus welchen 
Kreisen die Kunden herbeiströmen, zeigt die Bemerkung der Be 
sitzerin an, daß die Hälfte Doktoren seien. Hinzu treten Klein 
bürgerfrauen, junge Leute und sämtliche Chauffeure vom Taxi 
halteplatz gegenüber. Sie sitzen oft stundenlang beschäftigungslos 
im Wagen und teilen die Wartezeit zwischen der Kneipe und &amp;lt; 
Büchern. Ihre Lieblingslektüre bilden Abenteuerromane, deren ! 
Bewegtheit sie ein wenig für die unfreiwillige Muße entschädigt, i 
Einen der Fahrer scheine ich neulich Lei einer besonders aben- s 
teuerlichen Stelle unterbrochen zu haben, denn er hat mich erst nach &amp;gt; 
einem kleinen Zögern befördert. Ich empfand hinterher Reue über 
die durch mich verursachte Störung, da sie womöglich unmittelbar 
vor der Lösung des Knotens erfolgte. Auch raste er zu meiner 
Besorgnis, von der Ungeduld nach dem Abschluß verzehrt, allzu 
bedenkenlos mitten durch den Verkehr... 
Die verschiedenen Neigungen ihrer Kunden hat die Besitzerin 
bereits gründlich erforscht. Sie weiß etwa, daß die Intelligenz sich 
merkwürdigerweise gern an Kriminälromane hält, und verordnet 
älteren Damen- mit Vorliebe die Bücher aus der Abteilung 
„Leichte Lektüre". Was die Neuerscheinungen betrifft, so werden 
sie nach ihrer Meinung nicht selten von Leuten begehrt, die mit 
ihren Kenntnissen austrumpfen wollen. Gewöhnlich rächen sich 
allerdings diese Bücher dadurch, daß sie das Mißfallen der 
Renommisten erregen. So soll zum Beispiel Döblins vorzüglicher - 
Roman „Alexanderplatz" schon wiederholt Enttäuschungen hervor 
gerufen haben; eine Tatsache, die ich nur mit Bedauern ver 
zeichne. Unverrückbar fest im Kurs stehen dagegen auch heute noch 
Presber, Stratz, Greinz und Paul Keller. Die Besitzerin nennt sie 
mit demselben Respekt, den sie früher vor gut gehenden Käse- 
Auf meine Frage, welche modernen Werke zur Zeit die höchste 
Gunst des Publikums genössen, blättert sie ihr Vormerkbuch durch. 
In ihm sind an die 50 Interessenten eingetragen, die sich um den 
in 12 Exemplaren vorhandenen neuen Remarque-Roman bewerben, 
und ebenso viele, die für das Buch: „Die Kathrin wird Soldat" 
20 Pfennig hingeben möchten. Es ist freilich nur acht mal vorrätig* 
Wassermanns jüngstes Musenkind: „Ctzel Andergast" hat immerhin 
6 Exemplare erreicht, eine Zahl, die ich in Anbetracht seiner 
Dicke für ehrenvoll halte. Den Siegern dicht auf den Fersen sitzen: 
Hausmanns „Kleine Liebe ßu Amerika", Georg Finks Roman 
„Mich hungert" und Vandervelde: „Die vollkommene Ehe". Ja, 
die Erotik. Ihr ist in meinem Lädchen das vielbesuchte Gefach: 
„Galante Lektüre" eingeräumt, und vor allem die Sachen von 
Pitigrilli florieren. Doch ich will mich gar nicht in Einzelheiten 
verlieren, sondern nur noch erwähnen, daß auch Thieß zu den 
Stammfavoriten gehört und die Werke von Traven sich neuerdings 
Firma, die sich mit der Belieferung von Leihbibliotheken befaßt. 
So selten diese Kleinbetriebe noch im Berliner Westen anzu- 
Lreffen sind, in den die Inhaberin mit dem Wagemut eines 
Pioniers vorgestoßen ist, so üppig gedeihen sie im Südostsn und 
Norden; vielleicht weil dort die Arbeitslosigkeit besonders nach 
haltig dazu drängt, die leere Zeit auszufüllen. Ahnen allen liegt 
das seit ungefähr zwei Jahren in Berlin eingebürgerte sogenannte 
psandlose System zugrunde, nach dem ein Personalausweis zur 
Entnahme von Büchern genügt. Man zahlt eine einmalige Ein- 
schreibe gebühr von 20 Pfennig und für jedes entliehene Buch pro 
Woche den glerchen Betrag. Neuerscheinungen sind etwas teurer, 
ost 1 Ma?^ übersteigt die Leihgebühr 
Die o, r 
E^ben nur Sport bald eintreffen. Ich freue mich schon darauf; denn die alten Hab 
getrieben wird, es wird auch gelesen, jedenfalls hat der Buch- ich alle gelesen. S. Krakauer. 
gleichen, die da kommen und gehen, und hängt er überhaupt von 
einer festen ^Instanz ab, so allenfalls von der Zeitungskritik, die 
nicht minder eine meteorologische Erscheinung ist. „Wir haben eine 
gute Kritik darüber gelesen"; mit diesen Worten fordern manchmal 
Kunden ein gerade besprochenes Buch. Die Besitzerin händigt es 
ihnen mit der gleichen Bereitwilligkeit aus wie ein unbesprochenes. 
Ob sie noch Zeit und Lust hat, die Bücher selber zu lesend Ich 
denke mir, sie ist überfüttert mit ihnen wie ein Konditor mit 
Kuchen. Und dann ist es ja auch schon herrlich genug, die Bücher 
wn u irrd v uonnd aa u ll ß eenLes z e u ka b rtee t nracm ht iet nd , em zuz D u a h t ö urmens , tem w aesl z ü u b evrerss i eehegneraW u ine t 
w u u p zuv . 
oft bin ich nicht Zeuge dieser entzückenden Tätigkeit gewesen! Die 
"us und kehren zurück, und wahrend ihrer Ab- ' 
l C -r h tigung finde l t d d ie Inh I aber H in b im t mer n h oc f h ft Ze i it, m i i d t m di ir ü Z be h r l r d hre 
lichkeit reizt. Eine Markise beschützt seine Front, und im Innern . 
umgürten übersichtliche Reihen von Büchern den Raum.
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        Das Kennzeichen des philosophischen Hundes ist, daß er 
rastlos nach dem Unerftagbaren fragt. Die Antwort der Mit- 
hunde ist: Schweigen. Dieses hartnäckige Schweigen über die 
„entscheidenden Dinge", das sich stets von neuem wie ein 
Wall vor ihm aufrichtet, gehört zu den bitteren Grunderfah 
rungen, die das kleine Häufchen der echten Frager von jeher 
herauszuschlüpfen! Den Türen fehlt der Schlüssel, und Löcher, 
die etwa entstehen, werden gleich wieder vermauert. „Leopar 
den brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; 
das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es 
vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie." 
Der philosophische Hund bekennt einmal, daß er vor 
einem Gelehrten auch in der leichtesten wissenschaftlichen 
Prüfung sehr schlecht bestehen würde. Nicht aus Schwäche des 
Denkvermögens, sondern aus einem Instinkt, Hessen Richtung 
wie folgt bestimmt wird: „Es war der Instinkt, der mich 
vielleicht gerade um der Wissenschaft willen, aber einer 
anderen Wissenschaft, als sie . heute geübt wird, einer aller 
letzten Wissenschaft, die Freiheit höher schätzen ließ als alles 
andere." Diese Erklärung erweitert die früheren, besagt sie 
doch, daß es eine allerletzte Wissenschaft gibt, die möglicher 
weise in Freiheit zu erwerben sei. Also ist unsere Welt ein 
Ort der Unfreiheit, und wir schuften an einem Gebäude, das 
uns den Ausblick verbaut. Es ließe sich denken, daß Kafka bei 
der Beschreibung der Maulwurfshöhle jene menschlichen 
Organisationen vorgeschwebt hätten, deren Triumphe Schützen 
gräben, Drahtverhaue und weitverzweigte Finänzprojekte sind. 
Sein Bewußtsein, sich in der Gefangenschaft zu befinden, wird 
durch Ahnungen vom Zustand der Freiheit vertieft, in dem 
die Lehren der allerletzten Wissenschaft hervortreten können. 
Beinahe das Gegenteil eines Fortschrittgläubigen, verlegt er 
ihn oder doch die Möglichkeit, seiner teilhaftig zu werden, 
irr die Vergangenheit. Frühere Generationen, bemerkt der 
Erzähler in den „Forschungen eines Hundes", waren jünger, 
„ihr Gedächtnis war noch nicht so überlastet wie das heutige, 
es war noch leichter, sie zum Sprechen zu bringen, und wenn 
es auch niemand gelungen ist, die Möglichkeit war größer 
"^das wahre Wort hatte damals noch eingreifen, den Bau 
bestimmen, umstämM jedem Wunsche ändern, in sein 
Gegenteil verkehren können, und jenes Wort war da, war 
zumindest nahe, schwebte auf der Zungenspitze, jeder konnte 
es erfahren..." Am die eine Erkenntnis: daß wir vom 
wahren Wort abgesperrt sind, das auch er nicht vernimmt, 
kreist das ganze Werk Kafkas, und sie erst begründet auch 
zureichend das Gleichnis vom finstern Bau. Woher rührt es, 
daß seine damals dünneren Wände so undurchlässig geworden 
sind? Die Antwort beweist, daß Kafkas Rückschau unromantisch 
gemeint ist. „Nein, was ich auch gegen meine Zeit einzuwenden 
habe," versichert der forschende Hund, „die früheren Gene 
rationen waren nicht besser als die neueren, ja in gewissem 
Sinn waren sie viel, schlechter und schwächer." Die Haltung, 
die sich in dieser Aeußerung kundgibt, entkleidet die an 
schließende Legende vom Fehltritt der Ahnen des Scheins 
'dex Sehnsucht nach dem Gewesenen. „Als unsere Urväter 
-H irrten, dachten Sie wohl kaum an ein endloses Irren, sie 
sähen ja förmlich noch den Kreuzweg, es war leicht, wann 
immer zurückzukehren, und wenn sie zurückzukehren zögerten, 
so nur deshalb, weil sie noch eine kurze Zeit sich des Hunde 
lebens freuen wollten..." Der hier erhobene Vorwurf der 
Lässigkeit —- sie gilt Kafka als eine Hauptsünde — wird auch 
in der kleinen Geschichte „Das Stadtwappen" den Erbauern 
des Babelturms gemacht, die im Vertrauen auf die Fort 
schritte der Nachkommen sich nicht bis an die Grenze der 
Kräfte bemüht hätten. Immerhin — das ist wichtig genug —° 
belastet Kafka mehr als den Hinweis auf das Vorhandensein 
einer alten Versäumnis die Erinnerung an den Verlust des 
währen Worts. Sie ist ein Leitmotiv, das immer wiederkehrt: 
so in der Legende vom sterbenden Kaiser, der dir, gerade dir 
eine Botschaft gesendet hat, die dich niemals erreicht; im 
Traktat „Zur Frage der Gesetze", in dem es von den Gesetzen 
Heißt, daß sie ihrem Charakter nach ein Geheimnis bleiben 
müßten; iw Bild von der monumentalen Gruppe, deren Teil 
er&amp;gt; Kafka, früher einmal war. Indem der Dichter das Ver 
lorene heraufbeschwört, rückt er es zugleich in eine unwirkliche 
Ferne, wie um darzutun, daß kaum noch der Traum von ihm 
einen Zufluchtsort hat. Der Bote des Kaisers bemüht sich 
umsonst, auch nur die innersten Palastgemächer zu verlassen, 
und das Volk weiß nicht, ob die geheimgehaltenen Gesetze, die 
es zu erraten sucht, überhaupt bestehen. Und in der merk 
würdigen Niederschrift „Der Schlag ans Fwftor" ist zwar 
die Wirkung des Schlags, der wahrscheinlich gar nicht getan 
wurde, daß sich , das Hoftor weit öffnet, aber nichts entfährt 
ihm, es sei denn ein Reitertrupp, der nur hineingesprengt 
ist, um sofort wieder zu wenden. 
Unter dem Titel „Beim Bau der chinesischen 
Mauer" ist ein Band Prosa erschienen, der ungedruckte Ar 
beiten aus dem Nachlaß von Franz Kafka vereint. 
(Gustav Kiepenheuer, Berlin. 266 Seiten.) Max Brod, der 
Freund des Toten und Hüter seines Erbes, hat in Gemein 
schaft mit Hans Joachim Schoeps dieses Werk zusammsn- 
gestellt. Dem Nachwort der beiden Herausgeber, dessen Deu 
tungsversuche nicht durchaus zulänglich sind, ist Zu entnehmen, 
daß sämtliche vorgelegten Erzählungsfragmente und Aphoris 
men aus der Spätzeit des 1924 verstorbenen Dichters stammen. 
Sie sind in den Jahren des Kriegs, der Revolution und der 
Inflation niedergeschrieben. Obwohl sich kein einziges Wort im 
ganzen Band unmittelbar auf diese Ereignisse bezieht, ge 
hören sie doch zu seinen Voraussetzungen. Vielleicht hat erst 
ihr Einbruch Kafka dazu befähigt, die Verwirrung in der 
Welt zu ermessen und auszukonstruieren. „Es kann ein Wissen 
vom Teuflischen geben", lautet ein Aphorismus, „aber keinen 
Glauben daran, denn mehr Teuflisches, als da ist, gibt es 
nicht." . 
* 
Ost kehrt das Bild des Baues in den Schriften wieder, 
und Zwar ist seine Hauptabsicht, das Trachten der abgelenkten 
und verwirrten Menschen zu bezeichnen. „Sehe ich die -Funda 
mente unseres Lebens," erwägt in „Forschungen eines Hun 
des" der Erzähler, ein philosophisch außerordentlich begabtes 
Tier, mit dem sich Kafka auf lange Strecken hin identifiziert, 
„ahne ihre Tiefe, sehe die Arbeiter beim Bau, bei ihrem 
finsteren Werk und erwarte noch immer, daß auf meine Fragen 
hin alles dies beendigt, zerstört, verlassen wird?" In der Tat, 
finster ist der Bau, den eine Generation nach der anderen er ¬ 
richtet. Finster aber darum, weil er eine Sicherheit gewähr 
leisten soll, die für Menschen nicht zu erlangen ist. Je syste- - 
matischer sie ihn anlegen, desto weniger können sie in ihm 
atmen, je lückenloser sie ihn aufzuführen streben, desto unver 
meidlicher wird er zum Kerker. Einem Alpdruck gleich wächst 
er in der Geschichte „Der Bau" empor. In ihr berichtet ein 
unbenanntes Tier, das ein Maulwurf oder ein Hamster sein 
mag, von dem Höhlenbau, den es aus Angst vor dem Einfall 
aller erdenklichen Gewalten geschaffen hat. Da diese Angst 
auch jene Unsicherheiten ausschalten will, die mit dem krea- 
türlichen Dasein selber gegeben sind, ist der Bau ein Werk der 
Verblendung. Nicht umsonst entfalten sich seine labyrinthischen 
Gänge und Plätze in unterirdischer Nacht. Bei ihrer Dar 
stellung, deren Klarheit die des Wachtraums ist, legt Kafka 
ein besonderes Gewicht darauf, die Wechselbeziehuna zwischen 
der hoffnungslosen Angst und den ausgeklügelten Feinheiten 
des baulichen Systems nachzuweisen. Wie dieses das Produkt 
der Sorge ist, die sich um verwerfliche Selbstbehauptung müht, 
so erzeugt es seinerseits wiederum Sorge — eine stets bedroh 
lichere Verstrickung, die allmählich die Handlungsfreiheit des 
Tieres tilgt. Unter Tausenden von Vorsichtsmaßregeln wagt 
es sich aus der Höhle heraus, und die Rückkehr von der all 
täglichen Promenade verwandelt sich ihm in ein ungewöhn 
liches Unternehmen. Zuletzt enthüllt sich überdies die Vergeb- 
lichkeit des Baues; denn so guter gegen das Kleinzeug schützt, 
das die Erde durchwühlt, dem wirklichen Feind kann er nicht 
widerstehen, ja er zieht ihn vielleicht erst herbei.- Die Maß 
nahmen der Existenzangst gefährden die Existenz. 
Als einen Bau, der allerdings nicht eigentlich der Angst, 
sondern eher der Verwirrung entspringt, begreift Kafka un ¬ 
streitig auch die Wissenschaft; insofern wenigstens, als sie be 
stimmte Grenzen überschreitet. Im Prosastück „Der Riesen 
maulwurf" konfrontiert er ihr dunkles unabsehbares Gesamt- 
gebäude mit der gleichgültigen Entdeckung eines Dorfschul- 
lehrers. Birgt diese unter allen Umständen einen Gehalt, weil 
und solange sie unzertrennlich mit ihrem Entdecker verknüpft 
ist, so läßt jenes, das sich schwindelnd hochtürmt, die Menschen 
im Stich. „Jede Entdeckung", heißt es in der Maulwurf-Er 
zählung, „wird gleich in die Gesamtheit der Wissenschaften ge 
leitet und hört damit gewissermaßen auf, Entdeckung zu sein, 
sie geht im ganzen auf und verschwindet, man muß schon 
einen wissenschaftlich geschulten Blick haben, um sie dann noch 
zu erkennen. Sie wird gleich an Leitsätze geknüpft, von deren 
Dasein wir noch gar nicht gehört haben, und im wissenschaft 
lichen Streit wird sie an diesen Leitsätzen bis in die Wolken 
hinaufgerissM Wie wollen wir das begreifen?" Und ähnlich 
wird in den „Forschungen des Hundes" von der Wissen 
schaft der Ernährung gesagt, daß sie „in ihren ungeheueren 
Ausmaßen nicht nur über die Fassungskraft des einzelnen, 
sondern über jene aller Gelehrten insgesamt geht . . Wie 
die tierische Angst im selbstgeschaffenen Labyrinth verendet, so 
verliert sich der Geist in den Ausschweifungen der Wissenschaft. 
Die Arbeiter beim Bau: Kafka erblickt sie überall. Sie 
hämmern und klopfen, und ihr Mauerwerk ist so dicht, daß 
Von S. Krakauer.
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        u 
Neueröffnet: „18^". 
Abenteurerromane nennen; denn statt daß der Held in ihnen 
die Welt bezwingt, hebt diese bei seinen Irrfahrten sich selbst 
aus den Angeln. Don Quichotte war nach Kafka eigentlich 
ein Teufel Sancho Pansas, der ihn aber dadurch unschädlich 
zu machen wußte, daß er ihn von sich ablenkte. Nun führte 
der Teufel haltlos die verrücktesten Taten aus, und Sancho 
Pansa, der ihm aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl 
folgte, „hatte davon eine große und nützliche Unterhaltung 
bis an sein Ende." Nicht anders lenkt Kafka selber jene Ver- 
nünftigkeit von sich ab, die ungeachtet ihrer logischen Kraft 
ohnmächtig ist, und begleitet sie durchs Dickicht der mensch 
lichen Zustände. Dank ihrer fortwährenden Dazwischenkunft 
erst wird das Gebrechen der Welt endgültig herausgestell^ 
Herrschte die Dummheit in ihr, so wäre immer noch die Er 
wartung berechtigt, daß Klugheit sie zu ändern vermöchte. 
Eben diese. Erwartung wird aber durch die faktische Nutz 
losigkeit des Eingreifens vernünftiger Reflexionen enttäuscht. 
(Schluß folgt.). 
hat machen müssen, und es ist, als rede der Hund in ihrem 
Namen, wenn er klagt: „Wir sind die, welche das Schweigen 
drückt, welche es förmlich aus Lusthunger durchbrechen wollen " 
Ist der Frager zur Einsamkeit verdammt, so sind die andern! 
stumme Verbündete, die ihr Glück im „warmen Beisammen 
sein" finden: vorausgesetzt, daß sie sich nicht freiwillig ver 
einzeln wie das Höhlentier, das die Stille liebt. Sie, die 
im Innern seines lichtlosen Baus herrscht oder doch herrschen 
sollte, ist auch wirklich die einzige Radikalkur gegen das wahre 
Wort. Da eine Vielzahl von Geschöpfen nicht in Stille ver 
sinken kann, vollzieht sich das Schweigen der Hunde auf 
andere Weise. Bald umgehen sie die geforderte Erwiderung, 
-ald suchen sie wie die Lusthunde ihre besondere Art zu 
leben durch unerträgliches Geschwätz in Vergessenheit zu 
bringen. Wie erklärt sich das Verhalten der Hundegemein 
schaft? Denn daß es begründet sein muß, ist nicht in Zweifel 
zu ziehe.. Der forschende Hund vermutet, „daß die Schwei 
genden als Erhalter des Lebens im Rechte sind..Darum 
will er doch nicht verzagen, sondern unermüdlich die Genossen 
bestürmen, mit ihm gemeinsam das „Dach dieses niedrigen 
Lebens" zu öffnen, um in die Freiheit aufzusteigen. Aber 
im selben Augenblick, in dem er es abzuheben und das ent 
scheidende Hindernis zu beseitigen meint, setzt sich ihm ein 
unterläßt ihre Berichtigung und fragt nur: „Verstehst du 
denn das Selbstverständliche nicht?" Das Selbstverständliche:? 
es ist die letzte Ausflucht der Erhalter dieses niedrigen 
Lebens, das äußerste Bollwerk, hinter dem sich die Hüter des 
Schweigens verschanzen. ! 
4- 
Die Behandlung, die das schweigende Hundevolk dem 
Forscher zuteil werden läßt, drängt diesem die argwöhnische 
Frage auf: ,FVollte man mich damit einlullen, ohne Gewalt, 
fast liebend mich von einem falschen Wege abbringen, von 
einem Wege, dessen Falschheit doch nicht so über allem Zwei 
fel stand, daß sie erlaubt hätte, Gewalt anzuwenden?" We 
dem Hund, der dauernd abgelenkt wird, so ist Kafka zumute. 
Er blickt auf die Welt als ein in sie Zurückgestoßener, als 
einer, der auf dem Weg nach jenen Stättm umkehren muß, 
an denen der Kaiser wohnt und die unbekannten Gesetze be 
heimatet sind. Nicht so, als ob er überhaupt zu ihnen hin-» 
gefunden hätte; aber ihm ergeht es doch wie einem halb Er 
wachten, dessen schlafbefangenes Sinnen dem eben erst ver 
flogenen Traum gilt, in dem die Lösung aller Rätsel gegen 
wärtig gewesen ist. Noch glaubt er, das Schlüsselwort greifen, 
ja schmecken zu können, und schon zerrinnt die unübertreff 
lich klare Figur, zu der sich die Welt im Zeichen des offen 
baren Geheimnisses zusammsngeschlossen hat. Unter Qualen 
neuer Widerstand entgegen, den er schlechterdings nicht be 
siegen kann. Musik ertönt und zwingt ihn zum Verzicht. Sie 
ist für Kafka die höchste Form des Schweigens. Zweimal 
lähmt sie den Hund. Zuerst bei seiner Begegnung mit den 
sieben Musikhunden, die einen wunderbaren Lärm erzeugen. 
Der noch jugendliche Frager möchte von ihnen erfahren, was 
sie zu ihrem Tun drängt. „Sie aber — unbegreiflich! unbe 
greiflich! — sie antworten nicht, taten, als wäre ich nicht 
da." Das andere Mal stört Musik ein Hungerexperiment, das 
der mittlerweile Gealterte im Dienst seiner verwegenen For 
schungen unternimmt. Als ein Versuch, der die Existenz aufs 
Spiel setzt, verhält es sich zu den unverbindlicheren Leistun 
gen der Wissenschaft ähnlich wie die Entdeckung des Dorf 
lehrers im „Riesenmaulwurf". Kaum ist das Experiment, 
das die Absicht zu sprengen hat, richtig im Gang, so nähert 
sich dem Fastenden ein fremder Hund, der ihn nach vergeb 
lichem Zureden durch einen zauberischen Gesang vom Hunger 
ort jagt. Aufklärend ist das Gespräch, das dem erzwungenen 
Abbruch vorangehd In seinem Verlauf bemerkt der zum 
Hungern gerüstete Hund, der sich nicht vertreiben lassen will, 
daß sich der Fremde in Widersprüche verwickelt. Der aber 
bemüht er sich, ihre auseinandergefallenen Teile einzufangen, 
die sich noch dazu grundverkehrt wieder zu vereinigen be 
ginnen, und je weniger ihm die Rekonstruktion des ver 
schwundenen herrlichen Bildes gelingt, desto verzweife^ 
jagt er zwischen den zerstreuten Bruchstücken hin und her, um 
sie aufzuhalten und womöglich zu ordnen. Diese Jagd bedingt 
Kafkas Kunstverfahren. In früheren Jahren, so teilt er in 
einem Aphorismus mit, ergab sich ihm der Wunsch, „eine 
Ansicht des Lebens zu gewinnen..in der das Leben zwar 
sein natürliches Fallen und Steigen bewahre, aber gleich 
zeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein 
Traum, als ein Schweben erkannt werde". Und ein paar 
Zeilen weiter: „Aber er konnte gar nicht so wünschen, denn 
sein Wunsch war kein Wunsch, er war nur eine Verteidigung, 
eins Verbürgerlichung des Nichts, ein Hauch von Munter 
keit, den er dem Nichts geben wollte..." Tatsächlich will 
fahrt auch Kafka kaum je dem einstigen Wunsch, sondern legt 
sich strenge Rechenschaft darüber ab, daß die verwirrte Welt, 
durch die er kreuz und quer zieht, ein Nichts ist. Um ihre An 
maßung zu entschleiern, ein Etwas zu sein, zeigt er, daß sich 
Dinge und Menschen windschief zueinander verhalten. In 
der -Anekdote: „Eine alltägliche Verwirrung" etwa handelt 
es sich darum, daß mit 8 aus L ein wichtiges Geschäft 
abzuschließen hat. Si- beabsichtigen sich zu treffen und ver 
fehlen sich trotz ihres guten Willens, die Verabredung einzu- 
halten. Man könnte die Darstellungen Kafkas umgekehrte 
Ltr Berlin, Anfang September. 
Wunderbar ch menschliche Erfindungskraft. Sie rationali 
siert und m^Mnisiert alle Arbeitsvorgänge in einem schnelleren 
Tsmps.als dem der von ihr ersonnenen Maschinen und läßt den 
Menschen selber immer weniger Arbeit übxrg. Zuletzt braucht nie- 
wand mehr etwas Zu tun. 
Welche Erfolge sie bereits auf dem Gebiet der Büro-Organi 
sation erzielt hat, veranschaulicht die gerade jetzt am Kaiserdamm 
eröffnete Internationale Büro-Ausstellung 
In Pr sind unzählige Apparate, Vorrichtungen und mechanische 
Hilfsmittel vereint, die jeden Liebhaber der Bürskünste in einen 
muschartigen Zustand versetzen. Was war denn noch Zur Zeit 
unserer Eltern das Büro? Gin gewöhnlicher Raum, in dem 
mehrere Angestellte mit ihrem Kopf und ihren Händen die ver 
schiedenstem Tätigkeiten versehen mußten, ehr ein Brd Zur Vor- 
ls.M bereit war, oder das Haus fix und fertig verlassen konnte. 
Sie standen auf, holten schwere Wen und setzten siA wieder; sie 
rechneten im Schweiß ihres Angesichtes und machtem 
über die sie dann stundenlang grübelten. Die einen arbeiteten lang 
sam, die anderen geschwinder, und die Abwicklung der Geschäfte 
hing von manchen unberechenbaren Stimmungen und Zufällen ab. 
Heute dagegen ist das Bürs — Zum mindesten das der Groß 
betriebe — Zur Werkstatt geworden, die nahezu selbsttätig funk 
tioniert. Die eigentlichen Angestellten in ihr sind - die Automaten, 
und ein Teil der Angestellten selber hat nur noch die Aufgabe, 
diese Automaten Zu bedienen. War das Büro von einst mit allen 
jenen Mängeln behaftet, die den Menschen nun einmal eigentüm 
lich find, so ist das moderne über die menschlichen Untugenden 
erhaben und ein Muster unerreichbarer Vollkommenheit. Es führt 
gewissermaßen auf eigene Faust die schwierigsten Arbeiten auS; 
während es rastlos und ohne je zu irren Heu ihm anbefohlenen 
Obliegenheiten nachkommt, konnten sich die Seelen himmelan 
schwingen, wenn sie die Neigung dazu verspürten. 
Ich schweige von den SchrMmaschinen, den Rechenmaschinen, 
den herrlichen Buchungsmaschinen und Lochmaschinen, die alle in 
neuen Modellen gezeigt werden, bei denen das Hauptgewicht auf 
der Geräuschlosigkeit liegt. Sie find in ihren Grundzügen bekannt 
und bedeuten nicht mehr dieselbe Sensation wie ein erst in den 
letzten Jahren aus geheckter Dirtisrapparat, der märchenhafte 
Leistungen verrichtet. Er nimmt nicht nur auf elektromagnetischem 
Wege lange Dckiate auf, die beliebig oft ab gehört werden mögen, 
er ermöglicht auch die Kontrolle von Telefongesprächen und die 
Reproduktion ganzer Konferenzen. Soll der Verhandlungspartner 
nicht merken, daß seine Worte aufbewahrt werden, so läßt sich 
das Mikrophon mühelos tarnen, und will der Chef feine Sekre 
tärin nicht sehen, so kann er einsam durch sein Privatbüro wan 
dernd, die für sie bestimmten Anweisungen in Form von Mono 
logen erteilen. Die Bürowande haben jetzt Ohren erhalten, und 
das gesprochene Wort ist dauerhaft wie ein Geschäftsbrief geworden. 
Zur Vollendung gediehen sind auch die Sichtkarteisvsteme, deren 
Verfeinerung vermutlich mit der zunehmenden Kollektivierung Zu- 
samm-enhängt. Sie gestatten es, in kürzester Zeit nach 'allen mög 
lichen Gesichtspunkten über Menschen und.Gegenstände zu ver 
fügen, und erfüllen ihre Verpflichtungen mit einer bewundernswerten 
Murmesse. Welch ein Vergnügen, sie zu benutzen.. Man drückt 
auf ein Knöpfchen, und schon springen munter die ^gewünschten 
Kategorien heraus, oder man überschlägt mit einem Blick die bun 
ten Reiterchen, die wie angewachsen auf ihren Papiergäulen sitzen»
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        Zahllose rationale und wirklichkeitsnahe Einsichten, Beden 
ken und Vorbehalte durchziehen die Dichtung Kafkas Zu dem 
einzigen Zweck, um zuletzt iw Leeren zu verpuffen. Wie 
sorgfältig prüft zum Beispiel das heimkehrende Höhlentier, 
ob es Zur Erhöhung seiner Sicherheit nicht am Ende doch 
eine Vertrauensperson an der Erdoberfläche. auf Beobach 
tungsposten Zurücklassen soll. Aber: „Kann ich dem, welchem 
ich Aug in Aug vertraue, noch dbenso vertrauen, wenn ich 
ihn nicht sehe und wenn die Moosdecke uns trennt? Es ist 
verhältnismäßig leicht, jemandem zu vertrauen, wenn man 
ihn gleichzeitig überwacht oder wenigstens überwachen kann, 
es ist vielleicht sogar möglich, jemandem aus der Ferne zu 
vertrauen, aber aus dem Innern des Baues, also einer ande- 
Er Welt heraus, jemandem außerhalb völlig zu vertrauen, ich 
glaube, das ist unmöglich. Aber solche Zweifel sind noch nicht 
einmal nötig, es genügt ja schon die Ueberlegung, daß wäh 
rend oder nach meinem Hinabsteigen alle die unzähligen Zu 
fälle des Lebens den Vertrauensmann hindern können, seine 
Pflicht zu erfüllen usw " Hat sonst der Irrsinn Methode, 
so sind hier die höchst real gemeinten methodischen Ueber- 
legungen das Merkmal des Irrsinns der Welt, und dadurch, 
daß sie nicht aufgehen, entlarvt sich vollends deren Irrealität. 
Sie ist nicht ein Traum, im Gegenteil, sie ist wirklich; aber 
sie ist kein Etwas und um so nichtiger, je geschlossener sie sich 
gebärdet. In dieser ihrer Daseinsform entläßt sie Wesen aus 
sich, die zwar dem DurchschniLtsbeLrachter nicht erscheinen, 
dem RüÄehrenden jedoch, dem das Gerücht vom wahren 
Wort nachklingt, sich zeigen. Mythische Wesen, zugeordnet 
dem verworrenen Geraun des Lebens und seinem Räsonne- 
ment. Zu ihnen gehört das unbenannte Höhlentier, das sich 
der Anschauung verweigert, und der frierende „Kübelreiter," 
der auf seinem Kübel zum Kohlenfaden sprengt, ohne daß ihn 
die Frau des Kohlenhändlers gewahr würde. Sie sind wicht 
Geister noch Gespenster, sondern leibhafte Verdichtungen des 
derzeitigen Weltzustands, in dem es statt der Könige nur 
Kuriere gibt. „Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige odex 
Kuriere Zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle 
Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch 
die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst 
die sinnlos gewordenen Meldungen zu." Die Welt, in der 
diese Kuriere hin- und hereilen, gleicht einem Schnittmuster 
blatt, auf dem Teile dargestellt sind» die nicht zueinander 
passen. Ost gefällt sich Kafka darin, irgendeine der irreführen 
den Linien Herauszugreifen, zu verfolgen und gewissermaffen 
Manchmal wachen die Karteien auch Wellenbewegungen und 
rauschen wie eine Ziehharmonika. Unter anderem werden sie heute 
Lei. der Arbeitsvermittlung verwandt, die allerdings nicht viel zu 
vermitteln hat. Für die immer rationellere Ausgestaltung dieser 
und anderer Einrichtungen in den Behördenbüros sorgt das pari« 
tätisch beschickte Deutsche Institut für wirtschaftliche Arbeit in der 
öffentlichen Verwaltung sVIV/IV), das einen eigenen Aus 
stellungsraum hat, in dem auch eiE Kostprobe von der schönen 
Schuldnerkartei des Amtsgerichts Berlin-Mitte verabreicht wird. 
Sie muß vom Publikum bedient werden und legt über mehr als 
400 Offenbarungseide Rechenschaft ab. 
Tausende von Errungenschaften wären noch Zu bedenken: die 
jüngsten Vervielfältigungsapparate, die FEmaschmen, die automa 
tischen Briefschließer und Brieföffner, die Adressiermaschinen und 
die Frankiermaschinen, die der Poesie der Portokassenjüngli^ nach 
gerade ein Ende bereiten. Und um keinen Preis dürsten so reizende 
Kleinigkeiten vergessen werden, wie ein neuartiger Pultordner oder 
eine behutsame Büroklammer, die darauf bedacht ist, die von ihr 
Zusammengehefteten Photographien nicht zu beschädigen. Aber wer 
vermöchte die Gegenstände, die das Büro in eine Art von stähler 
nem Laboratorium verwandeln, auch nur alle zu nennen? Genug, 
sie sind vorhanden, bekümmern sich um jede Geringfügigkeit und er 
ledigen prompt, was ihnen aufgetragen worden ist. 
Freilich ist es mit ihnen allein nicht getan. Dieselbe mensch 
liche Erfindungskraft, die sie hervorgebracht hat, müßte sie den 
menschlichen Bedürfnissen unterzuordnen verstehen, sonst laufen 
sie leer und richten Unheil um Unheil am Mr find diesem Zu 
stand bedenklich nähe gerückt. Eine entfesselte Maschinerie rast über 
die Menschen hinweg, und alle Zauberlehrlinge blicken ihr ängst 
lich nach, ohne sie noch bändigen zu können. Käme der Meister/ 
sr schickte sie zweifellos in die Ecke, damit sie denen dienten, die 
jetzt durch sie gefährdet werden. 
im Spiel weiterzusühren. So schweift der forschende Hund, 
nicht Zufrieden damit, der Geringfügigkeit wissenschaftlicher 
Ergebnisse gedacht zu haben, zur Betrachtung aus: „Mir 
genügt in dieser Hinsicht der Extrakt aller Wissenschaft, die 
kleine Regel, mit welcher die Mütter die Kleinen von ihren 
Brüsten ins Leben entlassen: „Mache alles naß, soviel du 
kannst'." Es ist die Abstrusttät der Sachen, die mitunter doch 
den Hauch von Munterkeit fordert. 
In der Untersuchung: „Beim Bau der chinesischen 
Mauer," die er.selber eine historische nennt, schildert Kafka 
die Ahnenwelt, jene, in der „das Gefüge der Hundeschaft 
noch locker" war. Durch die Darbietung ihrer Struktur 
möchte er weniger die frühere Daseinsweise zur verwirklich 
ten Utopie erheben, als die Verschlossenheit des heutigen Zu 
stands kennzeichnen. Zum mindesten liegt ihm am meisten 
daran, gegen sein dichtes Gefüge das damalige lockere aus 
Zuspielen. Die ganze Untersuchung ist, wenn man will, ein 
großartiges Experiment, das nachprüfen soll, wie eine Welt 
ausgssehen haben mag/die den ,-alten, doch eigentlich einfäl 
tigen Geschichten" Einlaß gewahrt hat. In dieser Absicht 
erörtert Kafka ausführlich das „System des Teilbaus", nach 
dem bei der Errichtung der chinesischen Mauer verfahren 
worden sei. Auf die Weisungen der Führerschaft — „wo sie 
war und wer dort saß, weiß und wußte niemand, den ich 
fragte" — wurden überall Lücken gelassen. „Es geschah das 
so, daß Gruppen von etwa zwanzig Arbeitern gebildet wur 
den, welche eine Teilmauer von etwa fünfhundert Meter 
Länge aufzuführen hatten, eine Nachbargruppe baute ihnen 
dann eine Mauer von gleicher Länge entgegen. Nachdem 
dann aber die Vereinigung vollzogen war, würd, nicht etwa 
der Bau am Ende dieser tausend Meter wieder fortgesetzt, 
vielmehr wurden die Arbeitergruppen wieder in ganz andere 
Gegenden zum Mauerbau verschickt." Um die grundsätzliche 
Bedeutung einer solchen Arbeitsmethode noch zu unterstrei 
chen, fährt der Erzähler fort: „Jw es soll Lücken geben, die 
überhaupt nicht verbaut worden sind, eine Behauptung aller 
dings, die möglicherweise nur zu den vielen Legenden gehört, 
die um den Bau entstanden. °Gegen das so bestimmte 
Teilbau-Shstem könnte der Vorwurf der Unzweckmäßigkeit 
erhoben werden, da ja die Mauer dem Vernehmen nach zum 
Schutz vor den Nordvölkern diente. Wer Kafka widerlegt den 
selbst gemachten Einwand. Wenn der lückenhafte Bau un 
zweckmäßig sei, so folge -daraus, daß die Führerschaft etwas 
Unzweckmäßiges gewollt habe. Und er schließt mit der son 
derbaren Vermutung: der Beschluß des Mauerbaues habe 
wohl seit jeher bestanden und sich also gar nicht gegen die 
Nordvölker gerichtet. Diese Auskünfte vervollständigen das 
Bild vergangenen Lebens, das die Geschichte von der chine 
sischen Mauer festzuhalten sucht. Sie ist eine Beschwörung in 
doppeltem Sinne. Einmal insofern, als sie eine verschollene 
Existenzform heraufzitiert und verklärt, in der die richtig 
eingeordnete menschliche Kreatur noch nicht aus Lebensangst 
und falschem Schutzbedürfnis die Lücken verstopfte, deren 
Vorhandensein ihr offenbar ermöglichte, dem Echo des wah 
ren Worts zu lauschen. Zum andern insofern, als sie die 
Mahnung enthält, jenes Schwebezustands inne zu werden. 
Das Licht der alten Zeit strömt aus ihr in die heutige: nicht 
um uns zu seinem Glanz zurückzulenken/sondern um unsere 
Finsternis gerade soweit aufzuhellen, oaß wir den nächsten 
Schritt zu tun vermögen. 
Sind wir seiner überhaupt fähig? „Unsere Generation ist 
vielleicht verloren . - ."/heißt es/in den „Forschungen eines 
Hundes". Dieses schwache Vielleicht läßt eine Spur von Hoff 
nung. Bei ihrer näheren Bestimmung verrät Kafka eine Un 
sicherheit, die genau dem unermeßlichen Abstand vom wahren 
Wort entspracht und der Sicherheit entgegengesetzt ist, mit der 
die Reflexionen der teuflischen Vernünftigleit austreten und 
ausgleiten. Wie er den Fortschritt weder anerkennt noch ganz 
verwirft, ebenso zweideutig verkoppelt er Ferne und Nähe. 
„Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe 
gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr 
bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden." Mit 
der Auffassung, daß die gesuchte Lösung unerreichbar und doch 
zugleich hier und jetzt erreichbar sei, berührt sich der Aphoris 
mus, der das Jüngste Gericht als ein SLandrecht begreift. 
Er ist in den Oktavheften aus der Zeit 1917 bis 1919 ver 
zeichnet, in denen sich auch der meines Wissens einzige Hin 
weis Kafkas auf das Ereignis der Revolution findet: „Der 
entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist 
immerwährend. Darum sind die revolutionären geistigen Be- 
Iran; Kafkas nachgelassene Schriften. 
Von S. Krseauee.
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        f wegungen, welche alles Frühere für nichtig erklären, im Recht, 
denn es ist noch nichts geschehen." Welt-fremd fällt dieser 
Gedanke mit der Tür ins Haus der Welt; allzu angenähert 
ihrer Sprache, um Nicht Verwechslungen ausgesetzt zu sein. 
Die Entschiedenheit, mit der er die Radikalität geistiger Be 
wegungen bejaht, schöpft ihr Recht aus der Ahnung vom 
wahren Weg. Auf ihn die Revolution hinzuführen, vermeidet 
Kafka, vielleicht aus jener eben erwähnten Unsicherheit; aber 
er verdeutlicht dafür an verschiedenen Stellen seine Ahnung, 
Das Dach des niedrigen Lebens zu öffnen: allein die Gemein 
schaft besäße nach ihm diese sprengende Kraft. Der forschende 
Hund erkennt, daß er nicht nur das Blut mit seinen Mit- 
hmrden gemeinsam hat, sondern auch das Wissen, und nicht 
nur das Wissen, sondern auch den Schlüssel zu ihm. „Eisernen 
Knochen, enthaltend das edelste Mark, kann man nur bei- 
kommen'durch ein gemeinsames Beißen aller Zähne aller 
Hunde." Und die verwandte Lehre in der Schrift: „Zur 
Frage der Gesetze" lautet: „Das für die Gegenwart Trübe... 
erhellt nur der Glaube, daß einmal eine Zeit kommen wird, 
wo die Tradition und ihre Forschung gewissermaßen aufat 
mend den Schlußpunkt macht, alles klar geworden ist, das Ge 
setz nur dem Voll gehört und der Adel verschwindet." Hier 
und dort wird der mit der Gemeinschaft Verlorene darauf ver 
wiesen, sich mit ihr zu retten, ohne daß er allerdings eine Ge 
währ für die Rettung hätte. Es gibt keine Sicherung, und daß 
neben dem Glauben an eine kommende diesseitige Rettung der 
andere steht, die Verwirrung der Welt sei in der Welt untilg 
bar, ist selber nicht eigentlich verwirrend. „Man entfaltet sich 
in seiner Art erst nach dem Tode", wird in einem Aphoris 
mus formuliert, „erst wenn man allein ist. Das Totsein ist für 
den Einzelnen wie der Samstagabend für den Kaminfeger, sie 
waschen den Ruß vom Leibe." Oder erfolgt der Durchbruch 
doch nicht erst nach dem Tode? Die Legende: „Das Stadt 
wappen" schließt mit den Sätzen: „Alles was in' dieser Stadt 
an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehn 
sucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von 
einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen 
Zerschmettert ^rden wird. Deshalb hat auch die Stadt die 
Faust im Wappen." Ob aber die Sagen und Lieder zutreffen, 
die von der Zerstörung des Baues melden, und welcher Aus 
blick sich uns dann bietet, ist nicht gewiß. „An diesem Ort", 
sagt Kafka einmal, „war ich noch niemals: anders geht der 
Atem, blendender als die Sonne strahlt neben ihr ein Stern." 
Mit der unbestätigten Sehnsucht nach dem Ort der Freiheit 
bleiben wir hier. 
Gin ferner Kerl. 
Analyse eines Ufa-Films. 
Berlin, im September. 
Obwohl ich mir am Ende den Vorwurf zuziehe, daß ich ein 
leichtes Sujet zu ernst nehme — tatsächlich verträgt richtige Leichtig 
keit jede Belastung —, kann ich doch der Versuchung nicht wider 
stehen, den neuen Ufa-Tonfilm „BombenaufMonte C a r l o" 
zu analysieren. Er ist unter der Produktionsleitung Erich Pommers 
von Hanns Schwarz inszeniert worden, und Zweifellos setzt man 
große Stücke auf ihn. Die Beschäftigung mit ihm ist um so lohnen 
der, als er die kommende Saison eröffnet und durchaus dem 
Produktionsprogramm der Ufa entspricht, das in Notzeiten wie den 
unsrigen vom Film nicht Aufklärung fordert, sondern Zerstreuung. 
In dieser Filmoperette ist die entscheidende Pointe die: ihr 
Held, der Kommandant irgendeines Balkan-Kriegsschiffes, fährt 
entgegen der ihm zuteil gewordenen Instruktion nach Monte Carls, 
verspielt dort die Gelder, mit denen er seine Mannschaft hätte ent 
lohnen sollen, und erklärt dann dem Spielsaalinspektor, daß er das 
Kasino beschießen werde, wenn man ihm nicht hinnen 24 Stunden 
die verlorene Summe zurückerstatte. Und wirklich trifft er an Bord 
seines Schiffes alle Anstalten Zum Feuerüberfall, und daß die 
Kanonen nach der festgesetzten Frist doch nicht losgehen, ist keines 
wegs seiner Einsicht, sondern nur den äußeren Umständen zu dan 
ken. Nicht die Unmöglichkeit eines solchen Vorgangs wird der 
Operette verübelt werden können; wohl aber seine Anrüchigkeit. 
Was stellt er denn dar? Dem unvoreingenommenen Blick, den das 
Schimmerlicht Monte Carlos nicht blendet, enthüllt er sich als eine 
Veruntreuung die durch eine brutale Erpressung noch erheblich 
verschlimmert wird. Vertrauensbruch, Defraudation und widerrecht 
liche Anwendung von Gewalt: ein reizender Tatbestand. Das bietet 
die Ufa zwischen ein pa&amp;lt;y: harmlosen Gesängen, Liebesszenen und 
Landschaftsbildern dem Publikum an, das nennt sie wahrhaftig 
Zerstreuung. Aber diese Zerstreuung zerstreut uns nicht inmitten 
der Not; sie beweist höchstens, daß die Not viele Hemmungen und 
Gewissensskrupel zerstreut hat. 
Da kein Zuschauer die Verfehlungen des Helden gutwillig Hin 
nahme, müssen sie sanktioniert werden. Nichts einfacher als das. 
Indem man den Helden als einen „Kerl" hinstellt, glaubt man 
seine Handlungsweise nicht nur entschuldigt, sondern gar in höhere 
Sphären erhoben Zu haben. Freund und Geliebte stimmen am 
, Schluß darin überein, daß er trotz seiner Charakterlosigkeit der 
feinste Kerl sei, den es überhaupt gebe. Natürlich wird er von 
Hans Albers gespielt, dessen Bestimmung nachgerade zu sein scheint, 
den Typus des feinsten Kerls Zu verkörpern." Wider das Kerltum 
wäre nun kaum etwas einzuwenden, wenn es nicht an eine Stelle 
aufrückte, die ihm nicht Zukommt. Statt daß der Prachtkerl sich Lei 
allem Leichtsinn und Uebsrmut den Moralbegriffen unterordnet, dis 
eine gesittete Gesellschaft Zusammenhalten, erlaubt er sich, was ihm 
gefällt und ernennt sich selber Zur letzten Instanz; statt daß er sich 
durch die Gesetze begrenzen läßt, macht er seine Art zum Gesetz. 
Ungestraft und nur, weil er ein Kerl ist, darf der Hell» des Films 
den Kasinoverwalter einlochen und die nichtsahnenden Besucher 
Monte Carlos in Schrecken versetzen. Ihn Zum Idol emporsteigern, 
heißt nichts anderes, als dem blinden Triebleben den Primat vor 
der Vernunft Zu erteilen, mit der die menschliche Gemeinschaft sich 
selbst einschränkt, um zu bestehen. Die bloße Natur wird Zum 
Trumpf und ihre unkontrotlierbaren Ansprüche erniedrigen die 
des Rechts. 
Ein Rückfall ins Mythologische, der vermutlich die weltanschau 
lichen Bedürfnisse des rechts orientierten Publikums befriedigt. 
Und wie um ihnen noch mehr entgegenzukommen, hat die Ufa auch 
die Tatsache ausgenutzt, daß von der unkritischen Naturanbetung 
nur ein Schritt Zur Vergötzung- des militärischen Apparates ist. 
Das Atelier-Schlachtschiff blißt, der Wastenrock des Kommandan 
ten blitzt, und auch die Matrosen sind blitzende Kerls. Ohne zu 
murren, befolgen sie den Befehl, die Kanonenrohre auf das Kasino 
zu richten, und durch ihren unangebrachten Gehorsam wird nach 
dem Willen der Ufa nicht etwa die Militärspielerei desavouiert, 
sondern umgekehrt: das kriegerische Matrosenleben dient dazu, die 
Erpresserallüren mit einer Gloriole zu umweben. Der Betrug scha 
det nicht der Uniform; diese vielmehr erhöht den zweifelhaften Kerl 
vollends Zum Staatskerl, dem der Betrug nachgesehen werden muß. 
Trauriger beinahe als diese Haltung, die, wenn ich mich nicht 
täusche, für Zahlreiche Ufa-Produkte und damit selbstverständlich auch 
für weite KpMe des Publikums bezeichnend ist, stimmt die Fülle 
der in dM^ Film gesteckten Arbeir. Sie ist in einem entscheidenden 
Sinne wertlos. Denn die Ehrlichkeit im kleinen macht die Frag- 
würdigkeit des Ganzen nicht gut, sondern wird durch sie nur ent 
wertet, und der auf die Details verwandte Fleiß unterstreicht un 
nachsichtig die Denkfaulheit, durch bie das Erzeugnis verschuldet 
worden ist. Ihr sind wohl auch jene Szenen Zuzuschreiben, die 
plump den einen oder anderen Effekt des Films: „Liebes-Parade" 
zu kopieren versuchen, ohne daß es ihnen gelänge, seine Anmut mit 
herüberzunehmem Arme Anna Sten, die in einer solchen Umwelt 
austreten muß; sie ist — man weiß es aus dem Karamasoff-Film — 
zu viel, um in ihr etwas zu sein. (Der Film läuft seit gestern in 
Frankfurt.) 
s 
Ich gedenke noch mit einem SLichwort zweier gerade in Berlin 
laufender Filme französischer Herkunft. Der eine: „König der 
Nassauer" ist eine Art von lustigem Pariser Volksstück — eine 
nicht unsympathische, aber derbe und zu sehr auf den internationalen 
Geschmack abgestimmte Arbeit, die von den Motiven amerikanischer 
Groteskfilms geschickt Gebrauch macht. Stärker berührt mich trotz 
aller Schwächen und Knalleffekte der Fabel die sehenswerte deutsche 
Version des in Paris von Augusts Genina gedrehten Films 
„M i L t e r n a ch t s l i e b e", der ausgezeichnete französische Milieu 
schilderungen und stilstchere schauspielerische Leistungen bringt. 
8. Lraeausr.
        <pb n="66" />
        Zum Uaradies der Aabys 
Kindes gemeint. Es kann noch nicht Ich stammeln 
und möchte 
^Wahrend die Krise Deutschland wie eine Pestilenz heimsucht, 
Millionen von Menschen nicht wissen, wovon sie das nächste halbe 
Jahr leben sollen, und die Beschränkung der Geburten zur immer 
unabweisbareren Notwendigkeit wird — genau in diesen glorreichen 
Zeiten werden wir mit einer Ueberfülle von Babys gesegnet. Man 
kann keine Filmwochenschau genießen und keine illustrierte Zei 
tung oder Zeitschrift aufschlagen, ohne sie dort in den paar Le 
benslagen anzutreffen, die sie schon e'mzunehmen verstehen. Babys 
mit Müttern, Babys mit Hunden, Babys mit Katzen, strampelnde 
Babys, lachende Babys und. greinende Babys: immer wieder er 
scheinen sie auf der Bildfläche und verlangen bewundert zu wer 
den. Da es so viele Kinder in der ganzen Welt nicht gibt, ist die 
Unzahl der Abbildungen nur daraus zu erklären, daß die vor- 
hündenen unaufhörlich, photographiert werden. Jedes Baby beschäf 
tigt gewissermaßen seinen eigenen Photographen, der es belauscht 
und dann in die OeffenLlichkeit verschleppt. Das Bedürfnis, diese 
unschuldigen, entzückenden Geschöpfe ihr auszusetzen, ist Lief genug, 
um auf jede Rechtfertigung verzichten Zu können. In der Tat 
werden sie gewöhnlich einfach grundlos gezeigt oder füllen unter 
dem nichtigen Vorwach eines Preisrätsels die Seiten. 
Zweifellos befriedigt die Serienfabrikation von Babys eine 
Sehnsucht der Erwachsenen, die schlechterdings nicht zu ersticken ist. 
Wie. oft habe ich nicht Gelegenheit gehabt, die Wirkung Zu be 
obachten, die das unvermeidliche Kmder-Jntermezzo der Film 
wochenschau im Publikum auslöst. Wenn das Baby in Groß 
aufnahme tolpatschige Bewegungen macht, sein Gesichtchen verzieht 
und noch dazu kräht, raunt plötzlich der Saal, Ausrufe der Freude 
werden laut, und eine fühlbare Entspannung tritt ein. Unschwer Zu, 
merken, daß dieselben Zuschauer, die ihre Babys wahrscheinlich nur 
unter Entbehrungen auffüttern können, über dem Anblick dieses ver 
filmten den Existenzkampf vorübergehend vergessen. Sie spüren die 
Not nicht mehr, sie sind im Paradies angelangt. 
.Der Aufenthalt in ihm wäre ihnen wohl zu gönnen, wenn die 
so reichlich offerierte Babywelt nur wirklich das Paradies wäre. 
Aber ist sie es denn? Viel eher scheint sie eine allzu bereitwillig her 
gerichtete Oase für Erwachsene zu sein, und der fortwährende Rück 
zug in sie sieht einem Fluchtversuch verzweifelt ähnlich. Ueberhaupt 
verfolgt ja das typische Bilderensemble, in dessen Mitte unsere 
reizenden Kleinen gemeinhin auftauchen, nicht eigentlich den Zweck, 
die wirklichen menschlichen Zustände zu schildern. Dargeboten 
werden vielmehr lauter Ereignisse, wie Kriegsschiffe, Denkmals 
einweihungen und Sportfeste, die diese Zustände wo nicht verdecken, 
so doch unerhellt lassen, und vor allen Naturkatastrophen, deren Um 
abwendbarkeit auf der Hand liegt. Wann immer ein Baby holdselig 
lächelt, ist es von schlagenden Wettern, Feuersbrünsten und Ueber- 
schwemmungsgebieten umgeben. 
Mit diesem holdseligen Lächeln ist auch die Vorbewußtheit des 
VirLvrtiK Li» Serlr» 
Von 8. k^rLOLUSr 
2vei Jünglinge, die millratenen Lnen auirergv- 
vöbnliebsr Litern entstammen, kommen aus einem 
DanderLiebungöbeim in dio Welt. 8ie sind sozusagen 
Le-briftstelleriLOb begabt, lieben einander, vordem 
alle beide von derselben ansebeinend frigiden Lobau- 
snielerin gereift und betrogen und geraten bald m 
den besobeidenen Ltrudel grollstädtiseber Vobeme. 
Der eins von ibnen — er ist der Lr^äbler und 
eigenitiebe Leid — unterliegt ibren Lockungen in 
Berlin, ^ls kleiner Beuillstonredakteur einr &amp;gt; 
grollen Blattes verfällt er jenem Leben. desLen 
Lullere Ltationen die Bedaktionsstubem Oakes und 
Linos, Lekvannecke, Lveifelbäkto Lünstler und aller 
lei Brauen sind. Nan konnt das: diese dureboualten 
blaebte, diese endlosen Diskussionen, diese ^.ngst, 
naeb Lause ?u geben, dieses Eemisob aus seeliseben 
Verwicklungen und materiellen Löten, diese Lerie 
von vrovisorisoben LiebesbeMbungen. Zuletch er- 
Nllt den düngen ein ebrlieber Lksl vor den 2eitungs- 
intrigen, den Nenseben. mit denen er es 2U tun bat, 
und seinem ganzen verkabrenen Dasein. Lr macht 
ibm auk eins böebst romantisobe Weiss dadurob ein 
Lude, dall er sieb ausgersebnet in die Nutter seines 
Breundes verliebt, und mit ibr.'die noeb daru Italie 
nerin ist. eines, schönen Abends den 2ug naeb Bom 
besteigt. Wäbrend er so vor der Ltadt die Bluebt 
ergreift, der or nicht gewachsen war, bleibt der 
Breund Lurüek, um den Lampf mit Berlin weiter ru 
kübren. 
Der Lrchbler ist Beter UendoIssobn. und 
sein Buch beillt: „Bsrtig mit Berlin?' 
(Bbilipp BeÄam jun., Leiv^ig. 344 8. 6eb. U. 6.50). 
Lä ist der erste Boman eines jungen Autors: eine 
im Ichton vorgetragene Beichte, die flott abgewickelt 
wird und auf ein besonderes Verbältnis 2ur Lvraebe 
niobt 2u schliellen erlaubt. Lein Wort wäre über 
diese Wiedergabe intimer dünglingsschieksale ?u 
verlieren, die das wirkliche Berlin kaum betreffen, 
erregte das Buch nicht die Lvmvatbis kür seinen 
vielleicht gerade erst erfahren, ob es zu seinen Beinchen gehört. 
Eben seine Ahnungskosigkeit ist aber der entscheidende Grund, aus 
dem die Erwachsenen das Kinderland überall plakatieren. In ihm 
finden sie den Zustand des Nichtwissens verwirklicht, der ihnen 
selber wünschenswert erscheint, und dadurch, daß sie ihm zu 
streben, erlangt das Reich der Babys so gewaltige Dimensionen. 
Die Angst treibt sie dorthin wie in ein Asyl, die Angst davor, sich 
über die Verhältnisse, in denen sie leben, Rechenschaft ablegen 
zu müssen. So gewiß manche Einrichtungen der Gesellschaft einer 
Aenderung fähig wären, ebenso gewiß sind breite Schichten der 
Bevölkerung an der Aufrechterhaltung des Bestehenden inter 
essiert. Nicht so, als ob sie von den Uebeln verschont blieben, 
unter denen wir alle zur Zeit leiden; aber sie fürchten das gößere 
Uebel, das eine Umwälzung des ganzen Gesellschaftsbaues für sie 
möglicherweise bedeutete. Da nun die Einsicht in die Struktur 
des Zu Verändernden die Vorbedingung jeder echten Ver 
änderung ist, schließen sie aus Instinkt die Augen und erhöhen 
fälschlich auch das Wandelbare Zum Rang von unerschütterlich 
notwendigen Gegebenheiten. Baby-Produzenten und Baby-Kon 
sumenten stimmen in dieser Neigung vollständig überein. Ach, 
sie wollen nicht vom Baum der Erkenntnis essen, sondern lieber 
Unmündige sein. Und um nur ja der Konfrontation mit den 
Zuständen zu entrinnen, der sie als reife Menschen nicht aus dem 
Weg gehen dürften, ziehen sie es vor, sich zu den Babys zurück- 
zuziehen und . sich in ihnen zu spiegeln. Deren Hochflut ist das 
Zeichen für die Infantilität der Erwachsenen. Weil diese ihre Be 
wußtheit Preisgeben, steigt das noch nicht bewußte Leben um uns 
auf und wird paradiesisch verklärt. Aber wenn auch der Ort des 
Paradieses unbekannt ist, in der Verschollenheit hinter uns ist es 
nicht Zu gewinnen. 
Die Maffenansammlung von Babys ist also gar kein Beweis 
für die vermehrte Liebe zu ihnen. Das aber ist gerade das Fatale 
bei diesen Schwärmen von boM, die man neuerdings auch 
Zu Schönheitskonkurrenzen ausnutzt: daß sie nicht um ihrer selbst 
willen grassieren, sondern das Publikum in ihr eigenes Dasein 
versetzen sollen. Sie werden mißbraucht, sie haben die Aufgabe, die 
in Schlaf Zu wiegen, von denen-sie, wenn es mit rechten Dingen 
zuginge, eingewiegt werden müßten. Noch schwimmen sie auf 
Lotosblättern im Teich, und schon sind sie Mittel Zum Zweck. 
Statt daß man sie in Familienalben aufbewahrte, die der Erinne 
rung dienen, Zerrt man sie schockweise heraus und bringt sie als 
Genußartikel an den Mann; statt sie behutsam zu bewußten Men 
schen zu machen, stellt man das Bewußtsein mit ihrer Beihilfe ab. 
Dieselben putzigen und 'reizenden Wesen, die man in solcher Ab 
sicht verwendet, werden aber eines Tages auch groß und erwach 
sen sein, und ich bezweifle beinahe, ob sie dann denen Dank wissen 
werden, die sich heute Zu ihnen flüchten. 
L. Lraeauer. 
Verfasser. Hw Lbtnem B'alent ist wenig gelegen, ^bl 
aber etwas an dem instand. mit dem er sein Bri- 
vatlebsn 2U erledigen sucht. Die moralische Lnergie, 
die in ibm Lu spüren ist, bietet eins gewisse (dewäbr 
dafür, dall es ibm trets der unglückseligen Italienerin 
doch noeb ^elinKen ^erds. den Dunstkreis su dured- 
dreeden, der idn von der ^ulleEeit trennt. 
Dreiliod! nmllte er ME der Dndaltoarkeit 
des Standorts inne werden, den er in seinem Roman 
tzinnimmt.' Leine kosition ist die anaeüronistiseNo der 
VorkrieMju^end, die sied lieber mit ibrer eigenen 
Rersünliebkeit bekallte als mit den Verbültnisson, 
die ibr diese Rersönliebkeit ermöÄiebten: die sieb 
von der OeseHsebakt Lurünksestollen küblte. ^veil sie 
ibre Eeset^s 2u erkorseben verabsäumte: die ibr In 
nenleben so sukbausebte, dak sie die ^Virkliebkeit 
draullen aus dem ^uso verlor. Nendelssobn sebört 
ru den Uaeb^Mlern jener versebollenen Generation,, 
die offenbar in den DandernebunLsbVimen noeb vüe 
in l^atursebntönarks v^eit^ werden 'Weder 
sedenkt sein Held je der nolitiseben und soEon 
M'ebte, deren Dummelniat^ Berlin und erst reebt 
jede Berliner Aeiturm ist, noeb entfernt er sieb auch 
nur ein ein^mes Na! so vmit von seinem leb, um in 
Lremmsso seserrt M verdien, die es niobt selber 
beraukbesebvorsn bat. BsLeiabnend für diese irmend- 
bobs Lubjektivität ist das vermobtenäs Urteil das 
er über Berlin fällt: „Wer sieb nü-bt mit allen bun^ 
dertBrorent in Niedrigkeit und Boblbsit des öe. 
triebes, der Börse für Runst und Literatur binem-- 
kniet .., ner Widerstand entgegensetst der Bn^itz- 
senbmt, chnmaüung und inbaltlosen Oroüspreebe- 
rei, iver bemübt ist, sieb als virkliebs geistige Bxi- 
swnL mit dem. vas er ist und kann, und niobt, mebr 
und nmbt weniger, seinen Bluts su sedEen, der vird 
einige male im Rrmse dieses grollen Wirbels berum- 
gedrebt und dann an die Beripberie gesobleudert, 
und damit ist Hmns geistige LxiätsvL kür Berlin rsr- 
vroenen t nd selbst venn er es sebakft, venn er sieb 
unter die bliebtvisser in den grollen Bositionsn 
allen Aktionen seine Lande 
kerlbibt. Leibst dann, venn er sieb einmal virklieb 
^OchOsetLt bat, vird er siob immer noeb in der Oe. 
seBsebatt geistiger Mischlinge und chubältsr bekinddn.
        <pb n="67" />
        Gemeinde der Hläubiger 
Berlin, im September. 
ihren Ehrgeiz darin setzten, sich gegen jede Abrundung zu sträuben, wissen bald gar nicht mehr, woran sie sich halten sollen. 
um den Schein der Genauigkeit Zu behaupten laßt sich unschwer 
ersehen, daß der moralischen Katastrophe die materielle entspricht. 
Von den über 15 dem Devaheim-Konzern zugeführten Millionen 
verbleiben den Gläubigern etwa Z Prozent — ein erbärmlicher 
Rest, der nur noch Zu den Balkönen der Häuschen reichte. 
Wird den versammelten Sparern ^rie Unheilsbotschaft dadurch 
versüßt, daß sich mit dem Einverständnis amtlicher Organe der 
Evangelischen Landeskirche eine Notgemeinschast der Inneren Mis 
sion gebildet hat, die zur Hilfe bereit ist? Es zeigt sich zum Glück, 
daß diese um ihre Hoffnungen betrogenen Menschen doch nicht 
ganz zermürbt sind. Ein Glaube kann zwar schnell geprellt, aber 
nur langsam wieder aufgerichtet werden. Ein Redner, der 
sich nicht nur als guter Protestant, sondern zum Ueberfluß als 
ehemaliger Offizier und Korpsstudent zu erkennen gibt, macht 
sich zum Sprachrohr der Menge und beweist, angefeuert von ihrem 
Zuspruch, daß der Protestantismus noch zu proW versteht. 
Allerdings wendet sich sein Protest gegen die Kirche selber. Wie 
immer es sich mit der Richtigkeit jener Theorie verhalte, nach der 
sich der ideologische Ueberbau in Abhängigkeit vom materiellen 
Unterbau befindet: die Ausführungen des Redners lehren jeden 
falls, daß Schäden in den unteren Regionen die Augen über Un 
stimmigkeiten in den oberen zu öffnen vermögen. Erbittert wirft er 
manchen kirchlichen Kreisen Härte'Vej Herzens vor und macht sie, 
ohne geradezu mit dem Kirchenaustrilt zu drohen, auf die Folgen 
aufmerksam, die daraus entstünden, wenn sie den Notleidenden 
die christliche Kameradschaft verweigerten. Prosaisch ausgedrückt: 
er fordert eine hundertprozentige Aufwertung der eingezahlten Be 
träge. Man ist versucht, den moralischen Druck, den er zweifellos 
auf die beteiligten kirchlichen Instanzen ausüben will, als einen 
M ausgleichender Gerechtigkeit anzusprechen. 
Die Verhandlungen gehen weiter, und dank der vorzüglichen 
Mikrophone kann noch die hinterste Stuhlreihe das leiseste Wörtchen 
der Beschwerde vernehmen. Alle frösteln; aber gewiß nicht nur der 
Kälte wegen, sondern auch weil ihr Glauben und ihre Zuversicht 
enttäuscht worden sind. Wie in dem unermeßlichen Hallenraum, so 
scheinen sie sich jetzt in der Welt verloren, und viele kleinen Leute 
selbst üsvii virü er sieb nack niebt in äsn Lreisvn 
§lsi'N^,, ^"^5' ^'^ücksn Vsretsnäss. tstMe!^ 
s«b iunsss Herr 
Ente, sr äwKex, sedvieriMn &amp;gt;inä ecbinieri- 
8sn Vs^ untsrnsbm. VisIIsieb-t ist äisess Urteil 
N '^'5?^! sdsr äurok seine ^sUeiäi,?. 
i° ?iek.^'bsr. Ilnä een. 
m OrÄMM r^t, äsK Usrlln MLt SEM iun^sn Nsn- 
L-ke^p'^ bieN. senäern E 
^usd'Msn chonnts idm Äs? Nnuab mit ssmsr bis- 
llsri-sn ?ositwn^ V? muü 66MS Innsra VsdürkniZKb 
lsrnsv, statt idnsn naiv vaebMlsdan; 
E IQarbsit Wo? ssinsn socialen Ort vsrsebak- 
^slsr UnEsbuvcksnbsit Mi 
M durabsebausa trasb- 
tsn, statt meb dslsid^t, aus ibr xu sntksrnsn. 
t ann erst ^nd ibm das es^ts Verein SEbainsn. disss 
^^^^t-adt, Ge deute an der Prant Europas 
vyrUämDksn ist. in denen es 
um die msnsabliebs ^ckunkt Mbt. 
Richt etwa in der stillen Gerichtsstube, sondern in einer der 
Ausstellungshallen am Kaiserdamm finden die Verhandlungen über 
den Konkurs derDeva heim G. m. b. H. statt. Die Halle, 
die größer als die gewaltigste Kirche ist, umfaßt statt der sonst hier 
heimischen Autos und Grünen Wochen die Gemeinde der Gläubiger, 
die Hintergangene Gläubige sind. Von den über 10 000 Sparern, 
die ein Anrecht darauf hätten, an dieser nicht eben evangelisch ge 
stimmten Versammlung teilzunehmen, lind freilich kaum 500 er 
schienen. Sie verschwinden fast in dem riesigen, ihnen Zugedachten 
Asyl, das noch dazu eine Kälte ausströmt, die der mancher Herzen 
entspricht, und scharen sich eng. Zusammen, wie um' aneinander 
Schutz zu suchen und sich gegenseitig Zu wärmtn. Hinter ihnen 
dehnt sich ein Meer von Stuhlreihen, und die Emporen stehen leer. 
Von einer Estrade herab erstattet der Konkursverwalter Bericht 
über die Verfehlungen, die sich die Leiter der Devaheim haben zu 
schulden kommen lassen. Unter denen, die seiner Trauerpredigt 
Lauschen, befinden sich viele kleine Leute, deren- mühsam gemachte 
Ersparnisse zerronnen sind. Leüte im Havelock, geplagte Existenzen, 
denen man anmerkt, daß sie mit jedem Pfennig zu rechnen gewohnt 
sind: im Glauben an die kirchlichen Fast'Kationen, die hinter der 
Bausparkasse standen, haben sie ihr Geld Angegeben und wahr 
scheinlich schon von dem Häuschen geträumt, das sie für ihren 
Glaubenseifer dereinst belohnen wAde. Da sitzen sie nun mit 
Kummermienen, ziehen den Mantel fester und begraben gemeinsam 
Vertrauen und Traum. 
Ein. Ton wohltuender Empörung durchbricht mitunter die 
Nüchternheit, deren sich der Konkursverwalter befleißigt. Er nennt 
das Gebaren der Devaheim verwerflich; er klagt die Leiter des 
Unternehmens einer vorsätzlichen Schädigung der Einleger -an; er 
bezeichnet gewisse Ausweise als arglistige Täuschung. Nur wenige 
Zwischenrufe verraten den Eindruck, den diese Sittenschilderungen 
erwecken, und auch die Verlesung der Bilanz wird mit Schweigen 
entgegengenommen. Aus den bis auf den Pfennig errechneten Zah 
len — es ist, als ob Beträge, die notwendigerweise ungenau sind,
        <pb n="68" />
        Zu 
läutern, sondern es wie ein Künstler nooKmals 
der Künstler niedt nur wie ein ekrlicdsr 
dem Resspublileum vorcustsUsn und M er 
.müÜte 
dureb 
Niebel 
sebsn 
die 
,.WLs in den mewtsv meiner Rüeder stedt 
aued in diesem Rucb niedt eins Zeile, niedt o-n 
Wort, das niedt auk siner gesebenen oder gekörten 
Walten 
Kittler 
Zollte aber eine von beiden wirklieb erscbeinen, 
so dürkten sie niebt unverbunden erb alten bleiben 
und nur miteinander paktieren^ sondern entweder 
gen Daseins herüdrt. Dem Zcbvabing der Vor 
kriegszeit gleieb ist es versebollen, mag es immer- 
bin kortexistieren. Die WeltLnscdauungsgesxräede, 
in denen die greikbare Welt selber gar niebt ver 
kommt; das eigensinnige Roeben auk die Reedte 
der KünstlerptzrsöM das Outsiderlum, das 
seine konventionskeindliebs Haltung mit einer re 
volutionären verveebselt: vie körn ist uns das alles, 
dis vir inrviseben die Rolle des geseHsebaktlieben 
Oesebebens und der virtsebaktlieben Vorgänge rieb- 
tig einLuscbätcen gelernt baben. Die Robems ist 
tot. Dureb die sorialen Uaebtkämpks ist ibr ur- 
sprünglieber Kinn Vtzrksbrt vorden, und nur als 
eins Attrappe jener bürgerlicdsn Vebicbtsn, gegen 
die sie sied einst konstituiert bat, kann sie ge- 
spenstiscb veiter besteden. Von der WirkRedkeit, 
dis sie einmal bssaü, rsugen dis 100 Illustrationen 
des Ruebs, Werke der in ibm gesebüdortsn Künst 
ler, deren Nedrrabl sicd längst aus der moderni 
sierten „.Rötende". Zurückgezogen bat. 
auk: Kisling, Reger, NetÄnger, Zarraga und vie 
sis nun keiÜen, küdren Rlespräcke'über die Kunst, 
arbeiten und sind stolc. darauk, dag sie sieb trotr 
idror ^rmut niedt prostituieren, Wie die Lcbilde- 
runZen der Rokale und Ltraüen, so werden aued 
viele RebensabriLse und anekdotisebs Reriebte xor- 
trätäbnlieb sein. Lie erstrecken sied nickt nur auk 
die Ualsr, sie begreiken die an der Hvantgarde 
interessierte snobbistisobe Desellsebakt und die Kunst'- 
bändler mit ein. Von diesen Rintergrundskiguren 
ist am deutlickAtsn die des Rumänen Hktbalien 
modelliert, der seine glorreicbe Raukbakn damit be 
gann, daL er in den Lünstäercakss seidene 
Ltrümpke verkaukte und sied dann später auk den 
gewinnbringenderen Vertrieb von Bildern verlegte, 
die er den wsltunkundigsn Nalern kür ein Abendbrot 
abpreÜte. 
Begnügte sied der Hüter mit der ecbRcbten 
Wiedergabe des von ibm erkädrsnen Rsbens, so 
wäre seid Ruck vorbebaltlos 2U loben, Hber er dat 
den Ddrgeic, einen Roman su sedakken und das 
rübrend v^äre, ^venn sie niebt sein ganzes 
klingt, der vnrKlicd gelebt bat, , so ist er äoed 
niedt Nodigliapi Selber, der ^r En müLte, um 
sied neben dem leibdakt auktretenden Rioasso oder 
Ltra^insk^ bsdaupten Zu können. Dnd rvar ist 
dieser Nodrulleäü ^vesentlicb seb^äcder geraten als 
die naturgetreuen Kopien der Odargenkiguren. Dr 
so^obl nie sbino Dreundin „Rarieot-Rouge", dis vde 
eine blasse Kaebgeburt der Nimi aus Nurgers 
, Robeme" anmutet, sind Leböxkungen eines Autors, 
der Lieb kür rm gut dält, um latsaoben ru reprodu 
cieren, und cu krakÜos ist, um sie cu verdickten. 
Hm einem kr'itiscden Runkt der Randlung cerrt Klo- 
drulleau seine Deliebte, die krincessin Dauwncs, 
im Hemd auk die VtraÜe, v^eil sie das Kind ab 
getrieben bat, das er mit ibr in der Drvmrtung 
ceugte, daü es ein Vollender vie Rapbael sein 
verde. Was in der ansprucbsvollsn Olebterei als 
der Husbrueb eines baltlosen Karren virkt, bätte 
vielleiebt die bessbeidene Viograpbis cum Hkt 
ecbauriger Verblendung erboben. 
2um Lcbluü vill leb die Bemerkung niebt unter 
drücken, daü das Nilieu der Kontparnasss-Lünst- 
1er aueb dort, vo es einkaeb naobgereiebnet ist, 
uns keinesvegs tvie ein Hussebnitt des gegenvarti- 
sudleedt. Dr krankt bauptsäcblicd an einem Uebel, 
mit dem aued manebe deutscbe ceitgenössiseke Ro 
mane bebaktet sind: an der unsauberen Ver- 
miscbung von wirklicben und erkundenen Begebsn- 
keitsn, die 2u dem ^illkürlicden Ineinander L^eier 
niedt Lusammen^edoriger Ltilkormen küdrt. Rei uns 
erklärt sied das Zustandekommen solcdsr un- 
KlückseliZen 6-ebiIde daraus, dak einiZs Lodriktstsl- 
l&amp;lt;sr die dNTulän^Iicbkeit bloÜer RoportaZsn er 
kannt baben und sie nun dureb diebterisebe Zu 
taten ru ZübiAen Werken erböben sollen. Ltatt 
die Resebreibuns der empiriseben Wirkliebkeit in 
eins konstruktive RetraebtunF überLuleiten, ver 
mengen sie die Dindrücke der undureddrungensn 
Dmxiris mit mebr oder weniger krag^ürdigen poe- 
tiseden Konstruktionen. 8o entstebt eine trübe Re- 
diese binter jener versobvinden oder jene 
diese restlos aükgelöst werden. Oeorges- 
denkt niebt daran, einen derartigen ebemi- 
Rrowd durebnukübren. Nit einer dlaivität, 
kendeit sebon von vornkerein den Hukstavd gegen 
e ä m tli e d s K on v en ti onen . btz g ü ns ti g ^, t a u e k en s i e . gierung aus empiriseber und dicbtsriscber Realität. 
künstlerisebes Unvermögen verriete, gesellt er den 
naeb der Katar skizzierten 1&amp;gt;pen, die noeb da^u 
ibren wirklieben Kamen tragen, Opstalten der 
eigenen Rbantasie bei, denen obendrein, die Ver- 
xkliebtung Lukällt, als Raüptkiguren den Raum 
erküllen. „^.ber sie sind sozusagen s^ntbetisebe Rer- 
sonliebkeiten geworden," meint er entsebuldigend, 
„jede bat Mge von mebreren Rersonen desselben 
Nilieus, desselben Oeistes bekommen .. Die-e 
szmtbetiseben Rersönlioblceiten indessen vermögen 
nicdt die glsicds Dukt mit den realistiscb abge- 
scbilderten 2U atmen, und vmnn der krei ersonnene 
Naler Nodrulleaü, vrio es deiN, an Modigliani an- 
einem Baris er K ü n s t l e r r o m a n. 
Von 8. Xraeauer. 
sied dieso Vei^icdsrung Lveikellos be^akrkeitet, 
Lat das Ruck immerdin einen gevissen dokumen- 
tariseden Wert. Die Welt, dis es ersebliellt, ist 
dis „Kolonäs" jener Kacbkriegsjabre, in denen 
dort die kubistiscben Künstler verkeimten. inmit 
ten der Hinbrikaner, Russen, Inder, lapaner, die 
ser gancsu iniernationaleu Rokemejugend, die nocb 
immer aus allen Rändern auk dem Rontparnasse 
MSLMmentrikkt, um idre Dreibeit und sied selbst 2u 
geniollen — ein kranLösiseker Lckriktsteller saKte 
mir einmal: „Wenn vir das Dome besucken» er 
sparen vir uns eins Reise in« Hmsland" inner 
kalb eines Nilisus also, das dureb seine Rescdak- 
Latsack e berudt," ^erklärt 0 eor g e s - Ni e d 61 künstlerüscb M. gestalten. Kun, dieser Roman ist 
jm Vorwort seineA Künstlerromanes: „Die von 
Uon txarn a SG e" (Debensetcung von K. Ood 
1m. Raul Kekk Verlag, Berlin. 287 Leiten.) Da
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        erscheinen. 
Z. Xracauar. 
In einem neu eröffneten Wochenschau-Theater sieht 
man jetzt eine knappe Stunde lang nur Wochenschauberichte, die 
genau so von der Wirklichkeit abstrahieren wie jenes Lächeln, ob 
wohl sie Ereignisse aus aller Welt püblrzieren. Eingeborenentänze, 
Überschwemmungen, Rennen, militärische Rüstungen, Babys und 
See-Elefanten: das übliche ununterrichtete Durcheinander, das 
den Einblick in die Welt nicht erleichtert, sondern verhindert. In 
teressanter als diese Darbietungen selbst ist eine Aeußerung über 
sie, die ich in der Abendausgabe des „Vorwärts" finde. Dort heißt 
es, nachdem der Wochenmischung, die übrigens zum mindesten 
schneller wechseln müßte, um durch ihre Aktualität eins Wirkung 
zu erzielen, Beifall gezollt worden ist: „So mannigfaltig das Pro 
gramm ist, eins fehlt darin: die Arbeiterschaft. Wenn die Foxtheater' 
auf die breiten Massen rechnen, müssen sie Bilder aus ihrem Leben, 
ihre machtvollen Aufmärsche und Olympiaden bringen." Wie sehr 
wird in dieser Bemerkung das eigentliche Gebrechen der Wochen 
schau verkannt. Gewiß, die Arbeiterschaft ist wie so vieles andere in 
ihr nicht enthalten; aber wäre sie damit heraufbeschworen, daß man 
ihre Olympiaden und Aufmärsche zeigte? Ich glaube, daß die 
Wochenschau solche Begebenheiten getrost einbezieben könnte und 
doch genau das bliebe, was sie jetzt ist: ein Mittel der Abblendung. 
Sie sagt nicht mehr über die Zusammenhänge aus, die uns berref- 
fen, wenn man zu ihren Luftschiffen und Volksfesten noch eme 
Arbeiterdemonstration hinzuaddiert; sie füllte sich nur dann mir 
Inhalt, wenn man Lhve Konstruktion entscheidend veränderte. Wich 
tiger beinahe als die Aufnahme belangvoller Vorgänge ist der 
Wandel ihres Arrangements. Wird das sinnlose Geplausch durch 
eine Anordnung ersetzt, in der ein Bild das andere zu kommen 
tieren vermag, so muß die Arbeiterschaft unter Umständen gax nicht 
immer selber austreten, um gewissermaßen zwischen den Zeilen zu 
geben, ws das Lächeln und bte Liebe beheimatet sind, nimmt es 
mit ihren schmalen Resten vsrlieö. Die internationale Geltung 
des Lubitsch-FilmS beruht darauf, daß er den Bedürfnissen von 
Konsumenten entspricht, die nicht in der Wirklichkeit selber, son 
dern nur durch das Absehen von ihr miteinander verbunden find. 
Aus dieser Tatsache darf aber nicht gefolgert werden, daß die 
nationalen Erzeugnisse unter allen Umständen höher stünden als 
die internationalen. Im Gegenteil: denkbar ist eine Inter 
nationale, die sich der nationalen Eigentümlichkeiten bemächtigt 
und sie vermengt, ohne sie zu entleeren. Ihre Voraussetzung wäre 
allerdings, daß die Nationen sich dazu bereit fänden, ihre sozialen 
und politischen Angelegenheiten zusammen zu regeln. Dann hättet 
die Wirklichkeit Zugang zum Film, und Chevalier könnte in einer 
Wiener Operette pariserisch lächeln. 
Bis dahin ist es noch weit. Vorderhand begegnen sich die Völ 
ker weniger in Erkenntnissen als im seichten Mischmasch von 
Emotionen. Oder, wie Soma Morgenstern es in seiner reizen 
den, an dieser Stelle unlängst veröffentlichten Kritik des Cheva 
lier-Films: „Der lächelnde Leutnant" ausdrückt: „das 
Band des Lächelns verbindet uns mit der Welt." Ich habe 
Maunce Chevalier in Paris gesehen, bevor er nach Hollywood 
kam. Auch damas lächelte er. Aber sein Lächeln hatte einen Lokal 
ton, es war ein Pariser Lächeln, das er ausstvahlte, und fern 
Gang war der eines „Voyou", der über die äußeren Boulevards 
schlendert. Jetzt ist hieses Lächeln verschlissen und gehört nicht 
mehr zu einer lebenden Sprache, sondern allenfalls zu den dürf 
tigen Vokabeln, auf die sich Chevalier um der besseren Absatzchancen 
willen beschranken muß. Ganz in der Ordnung, daß es eine Ero 
tik beglänzt, die gleich ihm selber ein Abhub ist. Man sollte ihr 
lieber nicht auf den Grund gehen, denn ihre Leichtigkeit ist nur 
noch Fassade, und hinter ihrer Frivolität verbirgt sich notdürftig 
die Roheit. Diese aus Wien bezogene Erotik und das in Paris 
gebürtige Lächeln: beide finden sich erst, nachdem sie ihrer Echt 
heit beraubt worden sind. Nichts wider Lubitsch; er mixt, ein 
zweiter Reinhardt, die denaturierten Elemente vortrefflich und 
bemüht sich darum, den Wünschen des bürgerlichen Publikums aller 
zivilisierten Länder zuvorzukommen. Daß es dem Zauber solcher 
Mache erliegt, kennzeichnet den Ort, an dem es sich heute aufhält. 
Statt sich in der Aufklärung des gemeinsamen Elends zu treffen, 
flieht es gemeinsam vor ihr; statt sich dort eiy Rendezvous zu 
Mischmasch. 
Bemerkungen zu einigen Filmen. 
BerUn, im September. 
Das Experiment- gegen dessen Durchführung sich Chaplin noch 
immer sträubt, Buster Keaton hat es unternommen. Er spricht. 
An seinem Film: „Buster rutscht ins Filmland" redet 
er wahrhaftig wie irgendein anderer Mensch, und wird auch die 
^ Wirkung dadurch beeinträchtigt, daß man ihm die deutsche Sprache 
untergeschoben hat, der seine Gesten Widerstreiten, so läßt sich doch 
chinH.W ermessen, was diese Umwandlung der stummen Figur 
.in Ane." sprechende bedeutet. Um ganz von den Schwächen des 
Films zu Mw dessen Situationskomik sich zwischen den lang- 
wierige^MWoge^ entfalten kann: Buster selber hat 
Schaden AUem Das ist nicht jener Buster Keaton mehr, den 
Wir alle kennen, der B rsche mit dem verständnislosen, starren 
Gesicht, das durch seinen unentwegten Ernst den angemaßten der 
Umwelt bloßstM; das ist ein Spaßmacher ohne besondere Misston, 
ein Akteur, der sich von seinen Gegenspielern grundsätzlich nicht 
unterscheidet« Er macht gewiß verschiedene Anstrengungen, um 
auch sprachlich auSzudrücken, was er mimisch sagte; aber ihr ein 
ziger Erfolg ist, daß er sich nur desto tiefer in die Welt verstrickt, 
der er vorher fremd gegenüberstand. An deutlichsten tritt die Tri- 
vialisterung der Figur in den entscheidenden Szenen hervor, die 
ihn als einen hilflos Liebenden zeigen. In ihE 
sprechende Buster, das Hauptgewicht darauf, sein Pech in der Liybe 
aus der Innerlichkeit abzuleiten^ ihm nicht erläM, 'mit dem 
MMchen Nebenbuhler zu konkurrieren, der wie ein Kork 
Oberfläche treibt. Die Seele schnaubt, und das Gefühl ist hier 
alles. Nun ist zweifellos auch der stumme Buster manchmal ein 
benachteiligter Liebender gewesen; doch er hat nie seine Leiden 
psychologisch zu vertiefen versucht- sondern sie stets durch die Art 
ihrer Darstellung Zu einem Hinweis auf die kEstitütive Einsamkeit 
des Menschen in dieser Zeit gestempelt. Nicht die sMue Inner 
lichkeit — die Leere der Welt hat er durch sein Malheur ent 
hüllen wollen. Eine gute Beschränkung - denn die ^Innerlichkeit 
selber ist fragwürdig geworden, oder doch jedenfalls zu wenig 
tragfähig, als daß man mit ihrer Unterstützung die Zustände ss 
schlagend desavouieren könnte, wie es der stumme Buster getan 
hat. Kein Zweifel: der sprechende ist nicht ins Land des Films, 
sondern in das der Seelegerutscht, in dem es schmuddelig zu- 
geht, und Schuld daran trägt der Zwang zum sprachlichen Aus 
druck. Ss hätte dieses mißglückte i^periment den Vorrang der 
mirmschen Geste vor dem gesprochenen Wort erhärtet. Durchaus 
nicht. Das Experiment lehrt nur das eine: daß die heutige Sprache 
gewisse Verhaltungsweisen nicht einzufangen vermag, die im stum 
men Film bereits entdeckt und vMommen dargeboten worden 
find. Es gibt in der Tat kaum eine literarische Gestaltung, dre 
den Gehalt der Mimik Busters oder gar Chaplins auswertete, und 
die Revolutionsromane der Russen nehmen es mit ihren großen 
Filmwerken nicht auf. Die Sprache befindet sich zur Zeit, wie 
auch dieser Tonfilm wider Willen verrät, in einem Zustand der 
Verlorenheit. Sie wird erst dann die Führerschaft Zurückerhalten, 
die ihr ZukoM wenn die Menschen sich dazu entschließen, ihre 
Verhältnisse vernünftig zu meistern. Denn die richtige Sprache 
ist an richtige Einsichten geknüpft.
        <pb n="70" />
        K 5) , 
läßt andere, wie es dem Wesen eines-im Kollektivgedanken ver 
ankerten Filmwerkes gemäß sein mag, durch einen unsichtbaren 
Ansager erläutern. Die Aufgabe kommender Filme wird sein, das 
einstweilen ungeklärte Ineinander von Elementen verschiedenen 
Gehalts zu bereinigen. — Unter den Einzelleistungen ragt die des 
Tatarenjungen Khrla hervor, der den Uebergang von tierischer 
Roheit zum wackeren Helden des Kinderstaates meisterlich voll 
zieht. 
Berlin, im September. 
Der erste, in Berlin begeistert aufgenommene russische Tonfilm: 
„Der Wegins Leben", ein Werk von Nikolai Ekk, schil 
dert jene bereits historisch gewordene Epoche, in der dem Unwesen 
der Horden verwahrloster Kinder ein Ende gemacht wurde. 
Wichtig ist dieser große dokumentarische Bericht nicht nur deshalb, 
weil er wie alle Russenfilme zum Unterschied von den Lei uns üb 
lichen Reportagen bestimmte Ueberzeugungen vermitteln will, son 
dern einer -KskDnW wegen, die er bewußt in den Mittelpunkt rückt. 
Ich denke an die paar Szenen, in denen der Umschlag einer un 
brauchbaren Erziehungsmethode in eine brauchbare dargestellt wird. 
Die Kommission zur Bekämpfung der Verwahrlosten berät darüber, 
was mit den unglückseligen Kindern geschehen soll, und wir sind 
Zeugen ihrer ernsten Debatten. Sie endigen mit der Verwerfung 
sämtlicher Zwangsmittel, als da sind Gefängnisse und Fürsorge 
anstalten; das heißt, man erkennt, daß gegen die jugendliche Ver 
wilderung mit Gewalt nichts auszurichten ist. Diese Aussprache im 
Film festgehalten zu haben, ist ein entscheidendes Verdienst seines 
Verfassers; denn sie beweist, daß der Plan der Kinderkommune, 
den sie schließlich' zeitigt, der engen Fühlungnahme mit den ge 
gebenen Verhältnissen entspringt und nichts etwa irgendeiner senti 
mentalen Schwäche. Weder bestehen in anderen Ländern dieselben 
Schwierigkeiten wie in Rußland, noch auch wären sie vielleicht mit 
Hilfe des dort angewandten Verfahrens zu bewältigen. Darum 
kannte aber doch manche Behörde Lei uns von den Russen lernen, 
daß nur die dialektische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu 
einem produktiven Verhalten ihr gegenüber führt und Zwangs 
erziehung das Heil nicht verbürgt. 
Der Film Zeigt in breiten Bilderfolgen, wie das so richtig ange 
setzte Experiment weiter verläuft. Die Arbeitslosigkeit, der Frühling, 
die Annäherungsversuchs ehemaliger verrotteter Kameraden: all 
diese Ereignisse, die eine Gefahr für die neue Kinderkommune be 
deuten, marschieren eines nach dem andern an und werden, wie es 
sich für ein vorwiegend didaktisches Werk gehört, siegreich über 
wunden. Den Triumph über sie erficht der von der Kindergemeinde 
herausgebildete Kollektivgeist, der die Abirrungen einzelner berich 
tigt und vom Gründer und Lehrer des Kollektivs nicht so sehr ge 
lenkt als jeweils durch einen sanften Druck entbunden wird. Der 
optimistische Glaube an die guten Kräfte der Kommune erinnert 
ein wenig an Rousseau, und daß er nicht ganz stichhaltig ist, wird 
mittelbar durch das stellenweise übertriebene Pathos verraten, das 
offensichtlich dem Glauben und seinen Wundern nachhelfen soll. 
Immerhin macht sich der Film die Sache nicht leicht und bemüht 
sich redlich um den Ausweis der Widerstände. » 
Seinem dokumentarischen Wert steht der künstlerische nach, 
wenn er auch den fast aller hierzulande heimischen Fabrikate über- 
trifft. Um ganz davon abzusehen, daß eine so unzulänglich begrün 
dete Episode wie die des Zerfalls einer Familie eingeschaltet wird 
und die viel zu pompöse Schlußapotheose ideologisch entgleitet: die 
szenischen Bilder halten sich an die bewährten Muster und gehen 
noch keine eigentlich neuen Verbindungen mit dem Ton ein. Be 
rücksichtigt man allerdings, daß die Russen den Tonfilm erst aus- 
zübauen beginnen, so ist dieser Film bereits als ein vorzügliches 
Lehrstück anzusprechen. Er beschränkt die Dialoge, mit Recht ihrer 
Tragkraft nicht trauend, untermalt manche Strecken musikalisch und 
Im Zusammenhang mit dem russischen Experiment produktiver 
Jugendfürsorge möchte ich eines deutschen gedenken, das viel 
unansehnlicher scheint und doch im Augenblick von kaum geringerer 
Bedeutung ist. Es weicht von der russischen Lösung genau so weit 
ab wie unsere Verhältnisse von den dortigen, stimmt aber in dop 
pelter Hinsicht mit ihr überein: einmal darin, daß es auf Grund 
einer echten Situationsanalhse unternommen worden ist, und zum 
andern darin, daß es den Kräften in der Jugend selber vertraut. 
Die vom Berliner Rechtsanwalt Dr. Kurt Beck vor über 
Zwei Jahren aeschasfene Iugendb eratungZstelle beruht 
auf der Einsicht, daß die Jugend der Nachkriegszeit sich den Be 
griffen der Erwachsenen gegenüber verschließt. Eine Tatsache, die 
Zweifellos zutrifft und ihre Teilgründe nicht nur in dem Verhalten 
der Erwachsenen, sondern auch in gesellschaftlichen Mißständen har. 
Die überaus reichhaltige Literatur, die sich mit den fragwürdigen 
Beziehungen zwischen den Generationen befaßt, tragt, nMenbei 
bemerkt, nicht selten zu ihrer weiteren Verwirrung noch dadurch 
bei, daß sie aus einem schlechten Vitalismus heraus die Jugend 
überwertet und das Alter am liebsten zum alten Eisen würfe. Aber 
gleichviel, wie man den Traditionsbruch beurteilt: er ist vorhanden 
und hat schlimme Folgen für viele Jugendliche selber. Die 
schlimmste ist wohl, daß ihr gewiß nicht immer unberechtigtes Miß 
trauen gegen die Erwachsenen sie dazu zwingt, den Existenzkampf 
auf eigene Faust zu führen. Sie sind mit ihrer Unerfahrenheit und 
ihren wirklichen oder eingebildeten Beschwerden allein. Wohin sie 
in dieser Gesellschaft gelangen, haben einige Gerichtsverhandlungen 
der jüngsten Vergangenheit gezeigt. 
Hier setzt nun die praktische Arbeit der Jugendberatungs 
stelle ein. Man kann sie als eine Selbsthilfeorganisation 
der Jugend für die Jugend bezeichnen, denn sie ent 
wächst der Erkenntnis, daß sich die Jugendlichen im allgemeinen 
einem Altersgenossen leichter eröffnen als einem Erwachsenen. In 
Uebereinstimmung mit diesem Grundgedanken, der Zum mindesten 
unter den gegenwärtigen Verhältnissen zutrifft, werden die Klien 
ten in der Beratungsstelle von einem jungen Mann oder einem 
jungen Mädchen empfangen, und können sich, wenn sie wollen, 
unter vier Augen über ihren Fall aussprechen. Die Möglichkeit, 
mit einem gleichaltrigen, freundlich gestimmten Kameraden zu 
reden, soll manchen schon über gewisse Nöte.hinweghelfen. Meistens 
sind allerdings Spezialfragen zu beantworten, Zu deren Erledigung 
der Berater die Jugendlichen an den ebenfalls in der Sprechstunde 
gewöhnlich anwesenden Juristen, an einen Arzt oder eine Aerztin 
verweist. - 
Unter den Besuchern überwiegen, wie nicht anders Zu erwarten 
ist, die jugendlichen Arbeiter, deren Ebancen. sich über äußere 
LlHVVM ML»». 
Kiffe für die Jugend. 
Ein russisches und ein deutsches Beispiel 
Ois NonoZrLpkis: ^siLried Llann. Vilä- 
2is sinss UsLstsrs" VON Maltsr 8ekröäsr 
(VsrlLZ vor Mills, Misn. ZOO Zsitsn. Osk. Z) 
ist äaru xssLZnst, äsm brsitsu kudILum sinsn 
Usksrkliek üksr äas Msrk äss 8sek2ißjäkriAsu Lu 
vsrsckakksn. 8is lisksrt Nickt nur auskükrlicks In- 
kaltsanZaksn äsr Romans, klovsllSnkänäs, Dksatsr- 
stüeks unä Lssa^s, äis äsr Orisntisruns su äisnsn 
vsrmöZsn, sis bsmükt sick auck äarum, äas Ös- 
Isiststs kistorisek unä astkstisek sinrnstsllsn. 
ksllos ZsnüZt sis äsr Auk§aks, sin Reksrat ru er 
statten, ^sit kssssr als äsr ansprneksvollsrsn äss 
Viertens. Linmal ässkalk, v^sU äsr Autor nickt 
jsnsn Akstanä von äsn Msrksn äss Diektsrs vakrt, 
äsr ikn erst sm ikrer Analz'ss kekakiZts, sonäsrn sis 
mit allsn Ikrsn Lsitueksn LsäinZtksitsn unä Oksr- 
Läeksn^irkunZsn in Laut nimmt, okns äis Ossamt- 
srseksinunssn vorksr ru rsiniZsu, aukrulössn unä 
kritisek naekrukonstruisren. 2um anäsrsn ässkalk, 
ivsil sr vislkaek in sekematiseksn Urteilen stecken 
bleibt unä Asnausr LeZrikks entrat. 80 sekiekt er 
seiner Arbeit einen Akseknitt über äis euroMiseks 
Literatur voran, in äem äen Rranrossn vor allem 
äas exiseks Talent unä äsn Dsutseken mekr äas 
lxriscks MZssproeksn vürä. &amp;lt;F6§sn RormulierunZsn 
äisssr Art ^värs niekt sonäsrliek viel einLUvenäen, 
^enn sis sick äarauk bssekränkten, äas 2u bleibsn, 
vas sis sinä: RanäKlossen, äis keine starke Ve? 
Iastun§ vertragen. Inäem äsr Autor sie als Run- 
äaments miükrauckt, zerstört er ikren 8mn unä xs* 
langt, zu Müßigen ^ombinationsn vis äissenr 
mSAß-r sis selbst Ae^iläßrunAsraks-rs 
oßsrtLSK oäsr ärektsrrsrks Vor2ÄA6 .. - rL-rssrs 
LorMkAs-r, äisss Strstsr, äress 
spr'6?/rKAe-r, Raaös, ReMs, ^ä!e2?r§, Dakn usrs« 
neöefr Mistern rors Stenäksr, RarLas» 
^iaabertb" Von derselben Unlust, in äis 8aeksn 
selber sinzuäringsn, zeugt auck äsr Vsrsuck, äsn Ls° 
grikk äsr l'snäenzäiektung zu bestimmen, ässssn vs* 
kmition in äer lat äem Letraektsr äer Merks Lein- 
rieb Nanns äie Rrksnntis ikres Oskalts srlsiektsrts« 
In einer köekst versek^ommensn Msiss untsrseksiäet 
äer Autor zviscken einer bersektigten objektiven 
^enäsnz, v^is sis ikm im „von Oarlos" oäer äurck 
Leinriek Rann ver^irklickt zu sein Zckeint, unä 
einer taäslns^srtsn subjektiven, deren Verkörperung 
„atts Mer^e emsr Vorgsöriek 
,§SLrQ^6?r^ oäsr ,-rstroKs^^ KsäarLAssr-r-tttUA 
Rarierkabsrsr seien. Ver Giebel, äen äiese vslinition 
verbreitet^ ist zum Olüek nickt äiekt genug, um äis 
xroblematiseke politiseke Laltung zu verbergen, äsr 
sie entstammt. Xurzum, äas Ruck bistst kaum mekr 
als unäurckärUngens Informationen. Ilebrigens ist es 
in buekteekniseksr vinsickt insokern ein Luriosum, 
als ss äank seines „^poskriptäruekes" an äen 
vurekscklag sinss 8ekr6ibma86kinsQMLnuskripts8 er 
innert. vaL kür meine Lopie verwandte Roklepapisr 
muü sekon reiekliek abgenutzt gemessn sein. 8. L°
        <pb n="71" />
        stücke in ihnen an 
Fälle mit, daß die 
59/60 ist. 
Jugendliche abgeben will, teile ich für alle 
Adresse der Berliner Zentrale Friedrichstraße 
- Z. XracLuer. 
Würd Wsr dis 2äuns WStz bssproellsn odsr ZsllWM- 
^snd srlsditzt und vsrrinnt ruletst im ZlsiellmEZs» 
Mnsrlsi dsr llLlds» I^Lndliellksit. Oas bstzrs»2ts 
DArLtspunKSvsrmöMn dss Autors rsiellt dasu Aus, 
sss llrsi^nisss Lismliell krisell 2» vsr^stzsnWLrtiZs», 
vsrWNK sis Ldsr niellt ru duriMsuellts». Dis Lpi- 
sods dss Nordss L» sinsm LissndLllnsr vsrNukt 
kolserdos, und dis VsLisllunK TWiseksn ssinsr W'itWS 
und einem vsrllsirLtste» Arbeitslose» Loloniste» 
blsibt unsrllsllt. Ssrads sis Lbsr llätts durch die 
Art illrsr 6-estLltun^ LusMdsutst Wsrds» müsss»; 
äs»» der 2usAmmsnllLn^ von ArbsItsloe-iAksit und 
srotisellsr KelllLmpsrei ist Lein smpirisollsZ Dlläno-? 
MS», das nur ÄNAstivot Cordon dürits. sondsr» sind 
»ot^sodiM Lrsolloinun^ dis LukZslllärt sei» Will. 
Am Rads löst stell das LisbssvsrllLltms Wisdsr i» 
MolllAskalle» auk. und ebenso Werden vsrsellisdsns 
»ndsrs Molken am 8ari26nt Lsrstrsut. Mornus stell 
sntnsllms» lallt, dall dis Ilnkällitzksit des Autors, 
äs» LukMKrikksns» 8Lokk svtsellisdsn durollZukorms», 
in ssinsr ÜLltun^ begrün äst ist. Äs vsrWsist illn 
»uk den LompromiL, und ist sis »uell kämpksrisoll 
tzsnuK, um siell Lum krotsst ASASv das Versneksn 
der ArbeiterbsWStzunA im LlsmALrtnsrtum 2» sr- 
llsbsn, so doell 2» nnsntselllosssn, Lls dnÜ sis ds» 
Drotest in dis OnrstsIlunA sin^-enksn und llintsr äs» 
Nsnsells» dis Zustände dar Eiters» Umwelt siebte 
bar MLellen llSnnts. Das Lr^sbnis ist eins xskälli§s 
LellildsrunZ, dis bsdsnWell daru »sitzt, dis lEbsn-- 
LoloniS LUM IdM M ESUtzH». 
I» So» 
Von 8. XrLvLller, 
Gefahren rasche Aufklärung Zu verschaffen, oft geringer sind als die 
der Mittelstandsjugend. Auch kaufmännische Angestellte holen sich 
häufig Rat und nicht wenige Schüler. Daß von den Hilfesuchenden 
gut ein Drittel zu den Erwerbslosen zählt, ist in diesen Zeiten 
genau so selbstverständlich wie die andere Tatsache, daß die meisten 
Fragen sich auf die Berufswahl beziehen oder Stellengesuche be 
treffen. Erstaunlicher schon ist, daß die Konflikte mit den Eltern, 
' Erziehern oder Vormündern der sogenannten sexuellen Not der 
Jugend den Rang ablaufen. Oder vielmehr, es ist nicht erstaun 
lich, da ja eben das Bestehen solcher Konflikte Zur Gründung 'der 
Beratungsstelle geführt hat. Eine große Rolle spielen ferner Vor 
kommnisse in der Schule, Angelegenheiten der Fürsorgeerziehung, 
die Unterbringung Schwangerer usw. Wiederholte'Bittgesuche, die 
den Wunsch nach Anschluß und geselligem Verkehr aussprechen/zeu- 
gen nicht zuletzt von der Einsamkeit, die auf den jungen Menschen 
lastet. Sie wird allerdings durch individuellen Zuspruch und Pal 
liativmittel nicht zu beheben sein. 
Ohne auf einzelne Fälle einzugehen, will ich wenigstens durch 
ein paar Beispiele verdeutlichen, daß und wie konkret geholfen 
wird. Ein Arbeitgeber droht, einem Lehrmädchen, das einige Zeit 
schriften entwendet hat, es Lei der Polizei und dem Jugendamt 
anzuzeigen; der Berater schaltet sich ein, erfährt, daß die Drohung' 
nicht so ernst gemeint, war, und sorgt für die Rückgabe der .Hefte. 
Ein anderes Lehrmädchen muß sein ganzes Gehalt- zu Hause 
abgebkn und wird außerdem so heftig geprügelt, daß die Nachbarn 
darüber reden: die Beratungsstelle sorgt dafür, daß das Mädchen 
Lei seinem Großvater wohnen darf. Sie betreut einen Schüler, 
der sich eine Geschlechtskrankheit geholt hat und sich übermäßig 
vor der Entdeckung fürchtet; sie macht sich zum Sachwalter M 
Jungen, der zu Unrecht eingesperrt worden ist; sie unterhandelt 
mit den Jugendämtern und den Fürsorgeanstalten. Viele VN- 
fälle sind Bagatellen, gewiß; aber Jugend besteht gerade darin, 
daß man zwischen den einschneidenden Ereignissen und den Baga 
tellen nicht zu unterscheiden vermag. 
Wie das meiste, was heute geschieht, ist auch die von dieser 
Beratungsstelle ausgeübte Tätigkeit provisorischer Art. Sie. ändert 
die Verhältnisse nicht; sie bessert hier und dort winzige Schäden 
aus. Das ist kein Einwand gegen sie, sondern nur eine Feststellung, 
die ihren Ort bestimmt. Wie unentbehrlich und richtig die Arbeit 
ist, die sie leistet, geht daraus hervor, daß nach ihrem Muster 
mehrere Beratungsstellen in Berlin, eine in Nürnberg und eine 
in Hamburg gegründet worden sind. Andere befinden sich in Vor 
bereitung. Da man während des Winters auch warme Kleidungs- 
W'sr «lall in dsr NissnbLlln dsr GroOstLät »Lllsrt, 
durellmillt rusrst sins brmts ^oss von Nüttells» 
und ÖLrteks», slls sr ins ZtAdttzsdist sslbsr drinZt. 
^is ei» ^Vsll umsellliellt disss Tons dis LnLsrs» 
stLä ' tise ' k .. ^ V ... i . e .. r .. t . e .. l ... m ... it, ibre - n - ^Lbriks - n, ALsoMstsrm cki 
AuskMstrLLs» und LrrMeksn LLusrsiLon — sm 
Krön es, ll sollst Terrain, ä^s in Llsms 
und Llmnsts karLMOK LuktztztsM ist. vLß I^bSL, 
das Moll innerhalb illror 6rsv2s» sntkLltst, bat 
Otto LsrsllLrd Ms » dlsr in ssrnsm Rom»»: 
.TiLubsuLslosis LräsnUlneL" kVHrlnK 
vor Mellsrllrms, Vsrön. ZL8 Zelts») ru ßaMäsr» 
vsrsuellt. leb lldrmts niobt bskLupts», sr smu 
DllswL sussellöpkts odsr durell srns spAnnsnäs 
Anndluntz 2» intsrsssLsrG» Adsr imwsrlli» 
ist ss ibr» AslunSs», in mnsr sinkLellsn Zpraells, 
deren LinkaellllHit sllsräivM »Lebt tzlsiellbsdsutsnd 
Mit vlellti^llsrt ist. das Dun und smsr RL»d- 
voll I/Lubsudolomstsn KÜÄnbvüräiK L» b^ellrsibs». 
Vin LusrLNWsrtsr OroÜvLtsr, äs? dis Oärte» ds- 
trsut, sins Asnullkrolls kleine VsLMtenWitWs. sm 
junxsr soLiMstiseksr Arbsitsr, eins LLukLauZLnZs- 
stellte und der InL»bsr des LAulllaussZ selber: 
disss DiKurs». die mau ksrmt und doell niellt ksnnt, 
sind rWeiksllos nsoll dem I/Sbsn Malert. Und Luell 
ibr Alltntz ist smAskAQKSN, der säell rWisellsn dsr 
Ardsitsstslle odsr »neb dsm Arbeitsamt und äs» 
y»Lr ^»LdrLtDster Land binÄsbt. Was sr an 8or- 
Tsn, Lisbelsisn und spLMsllen k'Wtstunden enthält,
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        ,Z&amp;gt;c&amp;gt; 
dl§726-/2L 
Kampf gegen die 
ZU verschiedenen Berliner Zeitungen hat eine Kampagne 
gegen die sogenannten Kuppelanzeigen eingesetzt, die in ver 
schiedenen anderen Berliner Zeitungen grassieren. Man kennt 
sie, diese Anzeigen, in denen eine strenge Erzieherin sich 
anbietet, deren Strenge für viele die höchste Erdenlust bedeutet, 
in denen der würdige Beruf der Masseuse als Aushängeschild 
dient und unter dem Deckmantel geselliger Beziehungen intime 
erfragt werden. Sie mißbrauchen auch die unverfänglichen Tätig 
keiten des Sprachlehrers und der Maniküre, um jene öffentlich 
nicht zu nennenden Verbindungen herzustellen, die weder mit den 
Nägeln noch mit der Grammatik etwas zu schaffen haben, und 
füllen tagtäglich lange schmale Spalten, die auf die gewaltige 
Ausdehnung des Liebesmarktes zu schließen erlauben. 
Welche Folgen das Mimikry mit der Ehrbarkeit Br diese 
selber haben kann, beweist der Fall einer jungen Dame, die un 
längst inserierte, daß sie Unterricht in spanischer Sprache und 
kaufmännischer Korrespondenz erteile. Obwohl oder vielleicht auch 
weil sie sich in dem Inserat als junge Dame der Gesellschaft be 
zeichnete, erhielt sie auf die Annonce hin den Besuch von Herren, 
die alles andere aber als ein Interesse für die spanische Sprache 
und Korrespondenz verrieten. Herbeigelockt wurden sie vielmehr 
durch die besonderen Vorstellungen, die das südliche Wörtchen 
Spanisch in ihnen erregte, das ja tatsächlich die Erinnerung an 
eine Carmen von exotischen Reizen zu wecken vermag. Und als 
der jungen D^rme der Gesellschaft die Sache spanisch vorkam, 
wandten sich die enttäuschten Klienten nicht etwa beschämt dem 
Sprachstudium zu, sondern erklärten brüsk, daß sie sich solche irre 
führenden Offerten verbaten. 
Mehrere Vorschläge sind gemacht worden, um der Zunehmenden 
Propagierung der Unsittlichkeit Zu Heuern. Zunächst wird gefordert, 
daß die Staatsanwaltschaft und die Polizei eine Säuberungsaktion 
auf Grund des UnZuchtparagraphen und Kuppeleiparagraphen un 
ternehme; siehst, wie es heißt, schon eingesetzt. Ferner gibt man den 
Vertretungen der in Mitleidenschaft gezogenen Berufe den Rat, 
Hre Schädiger systematisch zu bekämpfen. Schließlich ergeht an die 
Zeitungsverlage der moralische Appell, durch die Ablehnung aller 
anrüchigen Inserate dem Unwesen Einhalt zu tun. 
Zweifellos wird der KreuZZug mit vortrefflichen Argumenten 
Kuppetanzeigen. 
geführt, und wenn auch sein Van nicht nur dem Idealismus ent 
springen sollte, so wüßte ich doch nichts, was wider ihn spräck-e. 
Der Augiasstall dieser Welt muß endlich gereinigt werden: etm 
tugendhafte, eine beherzigenswerte Maxime. Nur meine ich, dar 
das Handeln nach ihr sich selbst einzuschrärrken hätte. Denn so ge 
jährlich es ist, die Verderbnis gewähren Zu lassen, ebenso bedenklich 
ist das unnachsichtige Walten der Tugend. Einmal deshalb, wei. 
sie nie so rein ist, wie sie zu sein glaubt; zum andern deshatt 
weil die hemmungslose Rigorosität stets auch das Gegenteil von 
dem erreicht, was sie bezweckt. 
Ein Beispiel. Vor einiger Zeit erhielt ich von einer mir un 
bekannten Dame einen Brief, in dem sie darüber klagte, daß ihr 
die Möglichkeit genommen sei, mit einem vernünftigen Menschen 
in Beziehung Zu treten. Sie ist Angestellte, lebt, wie ich Zur 
näheren Erklärung hinzufüge, in irgendeinem abgelegenen Nest 
und scheint, dem Brief nach Zu urteilen, eine belesene, recht ge 
bildete Frau zu sein. Was lag näher für sie, die in dem Ort selber 
keinen passenden Umgang finden konnte, als die Aufgabe eines 
Inserats? Dieses Inserat aber wurde trotz seines Zurückhaltenden 
Tones von etlichen großen Blättern abgelebnt, da sie, gewiß aus 
Anstand, darauf verzichtet hatte, ihr Bedürfnis nach Anschluß durch 
die Erwähnung einer etwaigen Heirat Zu legalisieren. Um ihren 
Wunsch der Welt Zu eröffnen, mußte sie dann später die Annonce 
in eine jener suspekten Spalten verschicken. 
Das ist ein Grenz,fall von vielen. Ich führe ihn nur an, um 
zu verdeutlichen, daß man das Kind nicht mit dem Bad aus 
schütten darf. Die Moral in Ehren aber es gibt in Deutsch 
land, vor allem in der Provinz, zahllose vereinsamte Menschen, die 
sich nur schwer zu helfen wissen, und auf ihre Kosten die Symptome 
der Unsittlichkeit mit Stumpf und Stiel ausrotten zu wollen, 
wäre um so mehr eine Donquichotterie, als die Symptome gar 
nicht aus allen Schlupfwinkeln aufgestöbert werden können. Statt 
einen Pauschalangriff gegen verdächtige Inserate Zu machen, sollte 
man lieber behutsam unter ihnen sichten. Erscheint die Tugend 
nicht in Gesellschaft des Taktes, so triumphiert sie auf einem 
Leichenseld. 8. Xr 8. eauar.
        <pb n="73" />
        Wöbet auf Weisen 
Damen und außer dem Reichsbankpräsidenten bestimmt noch eine 
Anzahl anderer Prominenter — vor diesem Auditorium hielt 
Albert Einstein einen Vortrag, den er: „Amüsantes aus 
der Physik" betitelt hatte. Es war ganz reizend, und niemand 
wäre so leicht auf. den Gedanken gekommen, daß hier der Ent 
decker der allgemeinen Relativitätstheorie oder gar ein Universi 
tätsprofessor vor der Schiefertafel stand und mit dem Schwamm 
hantierte. Er dozierte nicht und er gebrauchte auch keine Formeln; 
er sprach wie ein guter Onkel, der den Kindern Märchen erzählt. 
In eine Kinderschar — freilich nicht in eine notleidende — ver 
wandelte sich aber das Publikum nicht nur darum, weil Einstein 
von vornherein annahm, daß es „physikalisch unschuldig" sei, 
sondern auch dank der freundlichen und charmanten Art, in der 
er der geringen Verständniskraft der Hörer entgegenkam. Ich er 
innere mich der physikalischen Märchen: „Seifenblasen" von Kurd 
Laßwitz, die ich vor vielen Jahren mit großem Genuß gelesen 
habe. Wurden aber dort Utopien und Wunder gewissermaßen als 
natürliche Vorgänge beschrieben, so verlieh Einstein umgekehrt 
diesen den Charakter des Wunderbaren. Woher rührt es, daß am 
Abend häufig eine dem Segler unangenehme Tendenz Zur Wind 
stille eintritt? Wie erklärt sich die Möglichkeit des Fliegens und 
wie die Wogenbewegung? Oder auch: aus welchem Grund ist 
trockener Sand weich, Sand im Wasser ein schmieriger Brei und 
Sand, auf den es geregnet hat, hart? Alle diese Tatsachen und 
Ereignisse, die man gewöhnlich im blinden Vertrauen auf die 
Naturgesetze einfach hinnimmt, wurden zunächst in ein frag 
würdiges Licht gerückt, so daß man unwillkürlich um den Fort 
bestand ihrer Existenz zitterte, und dann mit einer Sicherheit neu 
erschaffen, die jeden Zweifel an ihnen benahm. Das war nicht 
der Sand mehr, auf den man bisher gedankenlos getreten hatte; 
das war ein innerlich durchleuchteter Sand, von dem man nun 
ein für allemal weiß, daß er seine Mission getreulich erfüllt. Und 
hätte Einstein diesem Sand selbst Aufgaben Zugewiesen, denen 
er noch niemals nachgekommen ist: ich bin fest überzeugt davon, 
daß er sie von jetzt an hätte übernehmen müssen. Denn die Er 
läuterungen, zu denen Einstein ausholte, waren so bezwingend 
wie die Argumente der Märchenvernunft, und hätten sie sich gleich 
dieser unversehens von der Wirklichkeit entfernt: der Wirklichkeit 
wäre nichts anderes übrig geblieben, als ihnen Folge zu leisten. 
Nach dem Vortrag gab es noch einen Tee zum Besten der 
notleidenden Kinder. Vor dem Harnackhaus standen die Autos in 
langer Reihe. 8. Lraeauer. 
los in die Höhe, Klaviere, deren Politur abgeschabt ist, verlieren 
durch die Konfrontation mit den kahlen Hausfaffaden den letzten 
inneren Halt, und die Fruchtkränze am Nachtkästchen, die hold 
selig sein sollen, lächeln blöd und verwirrt. Leerer Schmuck einer 
endgültig abgelaufenen Zeit: hier, an der Schwelle seines kommen 
den Bestimmungsortes, wird er ohne Erbarmen entzaubert. 
Ob die Stuhlbeine, die Platten, die Füllungen und Säulchen 
je wieder zu richtigen Möbeln gedeihen? Sie ziehen in Zimmer 
ein, die kleiner sind als die Preisgegebenen, und gleich über ihnen 
beginnt schon die Decke. Ich fürchte, daß sie fortan mit den 
Quadratzentimetern genau so rechnen müssen wie ihre Besitzer 
mit den Pfennigen, und die Zeit des Glanzes unwiderruflich für 
sie dahin ist. Z. Lraeauer. 
Berlin, 1. Oktober. 
Am heutigen Lag hat in Berlin eine wahre Völkerwanderung 
der Möbel eingesetzt, es ist, als führen sie ins Weekend hinaus. 
Vor allem in den Großwohnungen des Westens und in den 
Grunewaldvillen hat sie die Unruhe gepackt. Dort standen sie lange 
Jahre so sicher, als seien sie mit den Zimmerfluchten und Dielen 
verwachsen und rührten sich nicht. Jetzt aber sind sie, durch die 
Krise aufgescheucht- zu richtigen Wandermöbeln geworden, in denen 
allerdings nicht der Frühling juckt, sondern der Herbst. 
Zur Bewältigung ihres Ansturms hat man wie in den Tagen 
der Mobilmachung sämtliche 'Verkehrswerkzeuge requiriert, die es 
nur irgend gibt. Ich schweige von den großen Möbelwagen, die 
gestern abend schon leer und düster in vielen Straßen standen und 
das Signal des Aufbruchs erwarteten. Sie sind zwar geräumig, 
aber sie reichen für die zehntausend Einrichtungen nicht aus, die 
mit einem Schlag ihre heimische Scholle verlassen. So ist denn die 
ganze rollende Reserve angerückt, eine Ersatzarmee auf Rädern, 
die noch die ältesten Jahrgänge von Lieferwagen, Kohlenfuhr- 
werken und Gemüsekarren umfaßt. 
Geduldig harren sie vor den offenen Haustüren und lassen 
sich übermäßig beladen. Stück für Stück wird der Hausrat heraus 
geschleppt, ein Prozeß der Ablösung, der äußerst schmerzlich sein 
muß. Da hat das Büfett seit unvordenklicher Zeit neben dem 
Diwan gestanden und findet sich nun auf einmal mutterseelen 
allein in einer ungewohnten Umgebung. Schutzlos dem Tageslicht 
preisgegeben, gerät es in die gemischte Gesellschaft der Küchen- 
schränke und Betten, die es kaum von Ansehen her kennt. Kräftige 
Seile umschnüren die ausgehobene Herrlichkeit, und dann be 
wegen sich die Vehikel, von pensionierten Schlachtrössern gezogen, 
ächzend der ungewissen Zukunft entgegen. Hinter ihnen aber 
wehen in verlassenen Zimmern, die vielleicht nie wieder bewohnt 
werden, Tapetenfetzen wie Trauerfahnen von den Wänden herab. 
Nach stundenlanger Fahrt treffen die Möbel endlich am Ziel 
der Wanderung ein. Weit draußen in einer- Vorortstraße bleibt 
ihr Beförderungsmittel mit einem Ruck stehen, und da nichts 
weiter erfolgt, kampieren sie einstweilen im Freien. Sie warten, 
und während des Wartens angesichts der neuen Behausung ent 
hüllen sich alle ihre Gebrechen. Das sind keine Möbel mehr, das 
ist altes Sack und Pack. Gedrechselte Säulchen schrauben sich sinn 
Berlin, Ende September. 
Studenten diskutieren. 
Vor einigen Tagen diskutierten zwei Studenten im Ber 
liner Rundfunk unter Leitung von Pros. Otto Hoetzsch 
über die aktuelle Frage der Arbeitsdienstpflicht. „Es wird wertvoll 
sein", so stand in der Progvammnotiz, ,Mch die studentischen Auf 
fassungen über das Problem kennen zu lernen". Nun, man erfuhr 
weniger die studentischen Auffassungen, die es vielleicht gar nicht 
gibt, als die Standpunkte der Parteien, denen die beiden Sprecher 
angehören. Der eine ist Fungdomann, der andere Sozialdemokrat, 
und den bekannten Parteiprogrammen entsprachen denn auch die 
bekannten Argumente, mit denen sie sich bekämpften. Nachdem sie 
sich über die Ablehnung jedes Zwanges einE geworden waren, er 
wogen sie zunächst konkret das Für und Wider; wobei der Jung 
deutsche den Siedlungsgedanken verteidigte, während sein Gesprächs 
partner die Partei seiner Partei ergriff und die Verwirklichung der 
Gewerkschaftsforderungen (40 Stundenwoche und 9. Schuljahr) 
empfahl. Der Dialog schraubte sich, wie es in Deutschland meistens 
geschieht, zu weltanschaulichen Höhen empor, und am Ende stand 
der Idee eines auf Selbstverwaltung gegründeten Volksstaates die 
der sozialistischen Planwirtschaft gegenüber. Doch es handelt sich 
hier nicht um die Auseinandersetzung mit den politischen Zielen, 
sondern um die Veranstaltung selber. Sie war insofern gelungen, 
als man nicht den Eindruck hatte, daß die Debatte nach einem ge 
nau ausgearbeiteten Manuskript verlaufe. Die Unterhaltung wurde 
gewissermaßen frisch vom Faß verzapft und vollzog sich so spotan, 
als seien nicht einmal unsichtbare Hörer zugegen. Wahrscheinlich 
sind überhaupt diese studentischen Rundfunkdiskussionen für die 
Redner wichtiger als für das Publikum. Die Studenten werden 
durch den begrenzten Termin Zur Schlagfertigkeit erzogen und 
schulen sich in der halben Oeffentlichkeit des Rundfunkraums für 
die ganze. Der einigermaßen kundige Hörer lernt zwar aus solchen 
Gesprächen nicht viel hinzu, überzeugt sich aber gerne wieder einmal 
davon, daß die Weitergabe des Wissens reibungslos funktioniert 
und Verstand und Unverstand so bald nicht aussterben werden. 
Einstein plaudert über Physik. 
Im Harnackhaus fand zum Besten notleidender Kinder eine 
Veranstaltung des Vereins Jugendheim Charlottenburg statt, die 
wahrscheinlich nicht so sehr der Kinder als des Redners wegen 
sehr gut besucht war. Mädchen und nochmals Mädchen, viele 
Außerhakö der MmverstM
        <pb n="74" />
        äas Bacit 
mit äsm 
cu begnü- 
konkreten 
misebes Dasein abbängt, unä statt sied 
^ukweis äer abstrakten Maebtverbältnisse 
gen, bekassen sie sieb lieber mit äen sebr 
Maebtbabern selber. 
ver neue Roman cisbt gewissermaßen 
Verdiebten sieb die Waren in äsn Uäebtigen LU 
menseblieber Oeetalt, so sind die Uäebtigen tot wie 
Waren. Wabrsebejnlieb bat vbrenburg sein Bueb 
aueb in äer ^bsiebt Zesebriebsn, sieb OewLÜbeit über 
äis vaseinsweise äer Uarktbeberrseber LU vsrsebat- 
-ken. Das BrgebniZ/ rar dem er gelangt, ist: äaÜ äis 
kloüe Uaebt Raebe an denen übt, die ibr verkalken, 
va ist Olson: er Nebelt leer, und äie einmAe Brau, 
mit äer er in Lerübrung kommt, merkt sebauäernä, 
äaÜ er ein veiebnam ist. va ist Wainstein vor allem: 
ein rotbaariger vitaler Derl, der sieb skrupellos 
nimmt, was ibm bebagt, aber ze gröÜer seine Brkolgs 
sinä, desto mebr langweilt er sieb. Und so gebt samt 
lieben Matadoren die Linnlosigkeit ibrss Buns naeb 
und ver^ebrt sis bei lebendigem Veib. Der^krämplo 
oder Dämorrboiden maeben ibnen 2U sebakken, ibrs 
Bäbigkeit sur Diebe ist erloseben unä statt äsr 
Das von Bdrenburg angesteUte Experiment wäre 
gültiger, wenn das Lonstruktionskeld, in dem es aus- 
gekübrt ist, mit äer wirklieben Welt annäbernä 2U- 
sammenkiele. Die veekung sebeitert indessen daran, 
äaü die szmtbetiseb errsugten Biguren, denen er die 
enNebeidende Rolle beimiÜt, viel ober die Lometen als 
die Dauer-gestirns der Wirtsebaktswelt sind &amp;gt;Vbenreu° 
rer groLen Ltils, brausen sie äureb äie Lpbären, be 
wirken Daussen unä Baissen unä stikten vnbeil, 
wobin immer sie kommen, ^ber so notwendig es Ls^, 
sie 2u^ denuncieren, den Oang äer Wirtsebakt bestim 
men sie niebt. Lie nutcen äie Vüeken, sie prokitieren 
von Zeiten äer vnrube unä vergrößern äie vnrube 
noeb; äoeb xlötclieb, wie sie auktaueben, versebwin- 
äen sie wieäer, obns nennenswerte Lpuren ru binter- 
lassen, äeäenkalls können aueb sie sieb auk dis Dauer 
niebt selbstberrlieb gegen Umstände und Lräkte be- 
bauptsn, äis Läbsr sinä als sie. leb will mit äiessr 
Bsststellung keineswegs das außeroräentliebs Ver 
dienst Bbrenburgs verringern, äis ^.ukmerksamkeit 
von gewissen ökonomiseben Ereignissen weg auk ibrs 
vrbeber gelenkt cu baben. Im Osgentell, es wärs 
ratsam, wenn Äueb unsers Wirtsebaktscbronikeurs 
seinem Beispiel kolgten unä mit "äem Ringer auk 
manebe Drabtcieber deuteten, statt ibnen die Oe- 
legsnbeit cu geben, siob in äer ^non^mität cu ver- 
steeken. Dur glaube ieb, daß die Exposition äer 
Olsons und Donsorten eine Leriebtigung vertrüge. 
Weder sind dis Bolitiker und LtaatZmänner immer 
äis Düpierten, noeb aueb sinä äie Völker so webrlos 
dem Willkürrsgiment äer Daikisebs ausgelieksrt, wie 
es bier äargestellt wirä. Die Wiäsrstänäe unä äis 
Mögllebksit von Oegenseblägen weräen in äsm Vueb 
unter Zebätct. 
Bin mittelbarsr Beweis kür äis cu starke Ltili- 
Zierung äer euroxäisebsn Verdältnisse ist äas von 
Lowzetrußlanä entworksne Lilä. Rußlanä ist äer 
Osgenspieler äsr westlieben Raubritter. Bei seiner 
Lebiläsrung nun setct Lbrsnburg äas gance Dacwi- 
seben ein, das er auk der anderen Veits ausgelassen 
bat. Der Lxsc, das Parteimitglied, äer Arbeiter und 
Bauer: äis organisierte Bevölkerung selber wird auk- 
gsrukßn unä cisbt wider Olson cu Beid. Man spürt: 
in Rußland ist Bbrenburg mit dem Dercen, wäbrsnd 
sr Buropa mebr von außen betraebtst. Miebailow, 
wie er selber ein Vertreter der vebergangsgeneration, 
äer trotc sinss bartsn Brivatsebieksals mit Diebs an 
ssinsm Danä bängt, bat kein Benäant in Baris und 
Berlin, wo außer dem Blend nur die Oemeinbeit ge- 
deibt 8o ist es denn doeb niebt ganc. ^ber man 
muß nur äie erkoräerlieben Borrskturen anbringen, 
und das spannenäs, brillant gssebriebens Bueb übt 
sokort sins bsllsam sntcaubernds Wirkung aus. 
Ilja Bbrenburgs Roman: „Die beiligsten 
60 ü t e r" (übersetzt von Hans Ruokk. Malik-Vortag, 
Berlin. 409 Leiten. Breie der russisebe Bitel 
lautet: „vie Binbeitskront" ist cweikellos einer 
äer interessantesten Versuebe äer letzten äabre. Lein 
Diebesroman unä aueb niebt eigentlieb ein Oesell- 
sebaktsroman, sondern ein großzügig angelegtes 
sociologisebes . Bxperiment. Bs gellt von äer Voraus 
setzung aus, daß äie Oesebieke Buroxas, za. äer gan 
zen kaxitalistiseken Welt von msbreren mäebtigen 
Ber Zonen gelenkt werden, stellt äie Biguren auk unä 
verkolgt äen ^.blauk äes großen Lpiels. 
Lobon seit einiger Zelt bemübt sied Bbrenburg 
Lartnäekig darum, äen Brägern äer wirklieben Maobt 
auk äie Lpur cu kommen. Br bat es bisber in äer 
Borm äer Reportage getan. Lein ebenfalls im Malik- 
Verlag ersebienenes Lueb „Das Dsben äer ^utos" 
koktet sied äen Leberrsebern äer Robstokkprodukts 
unä äer ^.utokabrikation an äie Versen, unä sein 
Bueli vom Bilm: „k/siue äs Reves", das wobl aueb 
bald in deutseber vebersetcung vorliegen wird, sebil- 
dert äie Oewaltigen von Doll^wood unä Deubabels- 
^bsrg. Mögen äiese Reportagen bewußt einseitig sein, 
ibre ^bsiebt ist riebtig. Ltatt irgendweleber Wirt- 
sebaktskaktoren sollen sie äis wirklieb lebenden 
Menseben cur Lebau stellen, von denen unser ökono- 
aus Lbnen. Vermittelten sie bestimmte im empiriseben 
Raum gewonnene Brkabrungen, so bat er sieb äis 
anspruebZvollere ^ukgabe gesetzt, äiese Brkabrungen 
auscukonstruieren unä nutzbar cu maeben. 
* 
Lven Olson aus äönköxing, von nieäergerungenen 
Bonkurrenten aueb äsr „Aasgeier" genannt, Lir 
William Wainstein (alias Wulk Wainstein aus Wi- 
tebs), äer krancösisebe Deputierte Mauriee Bernarä, 
Rubin aus Wien unä äer tsebeebisebe Lebubkabri- 
kant Ritsebek — äas sinä äie Dauptdrabtcieber, um 
äie sieb noeb kleinere Heroen wie äer Blatinkönig 
Mister voran unä äer deutsebe MiniZter von Vlrieb 
sebaren. Naeb Breuger, Zabarokk, Data unä anderen 
Niebt erkennbaren Originalen moäelliert, kübren sie 
wie Vesessens unä keiner allgemeinverbinälieben 
Riebtsebnur mebr unterworfen ibre Vransaktionen in 
Zündbölcern, Bottasebe, Aluminium, Laräinen unä 
Wakken äureb. Rei äer Darstellung äieser Maebt- 
kämpks arbeitet Bbrenburg eine Leobaebtung beraus, 
äis mir besonders glüeklieb cu sein sebeint. Br ver 
gegenwärtigt nämlleb niebt nur äie selbstverständ- 
liebe Batsaebe, daß sieb äie vinge in Waren ver 
wandeln, er ceigt aueb, daß sieb die Waren Lbrer- 
seits wiederum personificieren. vie vinge nebmen 
Warenform und die Waren Rersovenkorm an. Väe 
sieb in Derrn voran der Artikel Rlatin verkörpert, 
dessen Bntwertung seine eigene Verniebtung cur 
Bolgs bat, so wird dureb Olson das Dandelsobjekr 
Zündkölcer vleiseb und Blut. Diese "Uirtsebakts- 
kapa^itäten sind sozusagen von den Waren selber 
emporgetrieben und erstreben in ibrem ^.uktrag die 
Breunäe baben sie böebstens Vesiebungen, die dureb 
Oslä aukrsebt erkalten werden müssen. Ver Boä 
wobnt in ibnen, noeb ebe sie gestorben sinä, und 
niebt selten gesteksn sie es sieb ein, äaü äie Maebt, 
die sie erobert baben, riu teuer erkaukt ist. Dureb 
diese ^nal^se der Breibeuter wird die Lritik an 
ibren Beutezügen ergänzt. 
DL« KrvSvL SsiSsvLv. 
uW nsu 6 n Roman I! L Bkrenburgs» 
Von 8. k^racLUSr. 
Rerrsebakt. vs ist ungsmein wiebtig, äaÜ vbrenburg 
einmal sie, äie vunktionare äer Waren, aus äer Ver- 
borgenbeit loekt unä persönlieb auktreten lälät; denn 
äas groLs Rublikum siebt in äer Regel nur abstrakte 
Vorgänge, wo es leibbakte Uenseben am Werk seben 
sollte. 
Die Welt äer Raikisebe ist äie Welt. Lie leben 
mebr im Leblakwagen als in ibren Villen unä sinä 
in Baris so gut ru Dause wie in Brag oäer Berlin. 
Valä kauken sie äournaliZten, um äis ökkentlieke 
Neinung kür ibre Zwecke mobil 2u maeben, bald be- 
steeben sie irgendeinen Minister oder spielen Bar- 
teien gegeneinander aus. Wäbrenä äie Lingeweibten 
sie kennen unä kürebten, abnen äie Nassen überbaupt 
niebts von ibrer vxisten?!. In trüberen Werken bat 
Vbrenburg sebon wieäerbolt jene ausgelaugts inter 
nationale ^.tmospbäre gekennrieiebnet, äie aueb äie 
ungekrönten Rönige äer Weltwirtsebakt umkängt. Br 
ist viel gereist unä vermag mit wenigen Ltrieben 
eins Vorstellung von äen Räumen rm versebakken, 
äie äas äagärevier äer oberen Blutokratie sinä. Vie 
Loulevaräs, äer Lurkürstenäamm unä äer Ring lau 
ten ibm ineinanäer über, unä die Bordells der ver- 
sebiedenen Dauptstääte liegen Daus an Daus. Bin 
europäisebes Bobuwabobu, das weniger äurebärungen 
als mit raseber Routine angedeutet wird, die 2ur Kr- 
xeugung der gewünsebten vindrüeks bekannte Eigen 
namen und ^ssoLiationen verwendet. 
2u äen 2ünäbol2- unä Bottasobesouveränsn ge- 
kören aueb die Opker, äie aut äer Ltreeks rurüek- 
bleiben. In wirksamen, gesebiekt eingekloebtenen Bpi- 
soäen geäenkt vbrenburg zener Namenlosen, äie gar 
niebt wissen, wer eigentlieb ibr vnglüek versebliläet 
bat, sonäern viel eber darru geneigt sind, es dem Bin- 
tritt unabwendbarer vlementarereignisse suxusebrei- 
bsn. Bernards Lpekulationen gereieben den Lardinen- 
tisebern ^um Verderben, und äas WobI und Webe 
ganzer Kationen ist an den Dampk ^wiseben Wain- 
stein und Olson geknüpkt. viese L^enen, in denen ein 
Beeb- und Lebwekelregen auk ^bnungslose berabträu- 
kelt, erteilen einen vortrekklieben ^ukklärungsunter- 
riebt und können allen denen als Vebre dienen, die 
das Oesebeben gerne m^tbologiZieren und die Bragik 
vorzeitig ansetLen.
        <pb n="75" />
        Berlin 
Heinrich Hausers Chicago-Film 
erscheint gleichzeitig mit seinem 
ehe es unwiderbringlich verschwindet. 
Wochenschauberichte hingewiesen, denen die Welt mit Brettern 
vernagelt ist. Sie sehen nichts und sie hören nichts, wo es doch, 
wie schon allein dieser Chicago-Film beweist, soviel zu sehen und 
M hören gibt.. Versicherten sich ihre Hersteller einiger Kräfte vom 
Schlage Hausers, so käme die Wochenschau endlich aus den 
Wochen heraus. 
Eine nicht unwesentliche Einschränkung ist freilich zu machen. 
So geglückt der Film als Reportage ist, er bleibt zugleich hierin 
den letzten Büchern Hausers verwandt, in der Reportage flecken. 
Fasziniert von den Gegebenheiten, den Kontrasten und Perspek 
tiven des neuen Raumes, in den wrx gerade einzutreten begin 
nen, nimmt Häuser die meisten Eindrücke hin, ohne sie eigentlich 
zu verarbeiten und ihrem Sinn nachzufragen. Daher sind seine 
optischen Entdeckungen einstweilen nicht viel mehr als wertvolles 
Rohmaterial. Sie liefern Stoff, der noch nicht durchdrungen ist 
und begnügen sich mit der Zusammenstellung von Fakten, deren 
Unverbindlichkeit erst aufzuheben wäre. Um zu echten' Ergebnissen 
zu gelangen, wird Häuser die Form der konstatierenden Reportage 
sprengen müssen; ihre Grenze hat er bereits erreicht. 
Von den zivilisierten Wilden der Weltstädte ist der verstorbene 
Regisseur Murnau zu den primitiven der Südsee geflohen. 
Andere haben ihm diese Flucht ins verlorene Paradies vorgemacht. 
Seine Beute ist der Film: ,I^abu" gewesen, der nun schon sert 
Wochen in Berlin läuft: ein Werk, das frei von jedem . Atelier 
zwang entstanden ist und um seiner Reife willen Bewunderung 
verdient. Es stellt einen regelrechten mythischen Ablauf dar, in 
dem sich Weihe, Frevel und Sühne einander bedingen. Ist dieser 
Mythos real? Er ist es nicht mehr für uns, und sogar die Ein 
geborenen, die fortwährend mit den Weißen in Berührung kom 
men, sind ihm schon halb entwachsen. Die glatte Abrundung des 
Films und seine zu große Stimmigkeit verraten, daß das Mythische 
hier nicht Wirklichkeit, sondern Sehnsuchtsziel ist. Hausers Chicago 
Film hält der Gegenwart stand; Murnaus: ,Aabu" bedeutet ein 
nicht mitvollziehbares Zurück. Wer aber die Schwäche erkennt, der 
diese Elegie entstammt, darf sich ihrer Schönheit um so auf 
richtiger freuen. Alle Schönheiten des menschlichen Körpers, der 
Erde und des Meeres sind in ihr gesammelt und mit einer Weh 
mut veranschaulicht, die auf das Schicksal des Schönen hinweist. 
Daß seine Ursprünglichkeit untergehen muß, meint jene herrliche 
Szene, die den Jazz mit der Körpersprache der Primitiven kon 
frontiert. Und nur mit Ergriffenheit kann ich des Schlusses ge 
denken, der ein Abschied ist: lautlos gleitet nach vollstrecktem 
Urteil das Segelschiff des alten Häuptlings ins Meer hinaus und 
ist noch lange, eine winzige Erscheinung, am Horizont zu sehen, 
Anfang Oktober. 
„Weltstadt in 
ReiseLuch: „Feldwege nach Chicago" (S. Fischer Verlag, Berlin), 
aus dem wir an dieser Stelle einige Abschnitte veröffentlichten — 
ist eine ausgezeichnete Bildreportage. Sie verrät nicht nur ein 
starkes filmisches Talent, sondern vor allem eine ungewöhnliche 
Gabe der Beobachtung. Weit jenen faden Produkten überlegen, 
die man uns unter dem Namen Kulturfilme gemeinhin vorzu- 
setzen pflegt, vermittelt sie statt konventioneller Vorstellungen und 
sngelesener Begriffe ein Bild von ihrem Gegenstand, das mit 
eigenen Augen gesehen ist und ihn vorurteilslos zu erfassen sucht. 
Aus dem Film ist die Leidenschaft zu spüren, mit der Häuser 
diese Wildnis erobert hat, die Chicago heißt. Stadtrausch, so hätte 
er auch seinen Film nennen können; den hier ist der Rausch Bild 
geworden, in dem einer oft tagelang besinnungslos durch die 
Straßen fremder Städte treibt. Was fängt er nicht alles auf 
seinen Wanderungen mit der Kamera ein! Die Wolkenkratzer 
massen, die ihm wie eine unglaubwürdige Vision bei der Ankunft 
auf dem Mississippi erscheinen; das Chaos der Hochbahnen und 
die sich öffnenden Brücken; die Schutthaufen, die wie Exkremente 
der Mammuthstadt wirken; die Schrecklichst der Straßenkreu 
zungen, die Wäsche vor Mietskasernen, die Grünflächen, .di' Rie 
senkrane, die Viehherden, die zu den Schlachthäusern ziehen — 
diese Aufnahmen pressen im genauen Gegensatz zu den üblichen 
Ansichtspostkarten ihren Urbildern eine Menge inoffizieller Be 
kenntnisse ab. Durch die Art der Überschneidung werden schein 
bar gleichgültige Tatbestände Zu wichtigen Aussagen über sich 
selbst genötigt, und durch die Komposition der Szenen, die auch 
stellenweise mit gewissen optischen Leitmotiven arbeitet, ersteht das 
wahnsinnige Tempo Chicagos so greifbar wie irgendein bild 
hafter Eindruck. Obwohl vorwiegend das bewußtlose Leben der 
Stadtnatur dechiffriert wird, fehlen doch die Menschen nicht ganz. 
Man sieht unter anderem Gruppen, die wie Illustrationen zu 
Polizeiberichten anmuten, Elendsfiguren, Betrunkene und das 
Mtagsheer der Angestellten, das zum Bürodienst einrückt. 
Zahlreiche herrliche Einzelheiten wie gleich am Anfang die 
Flußbilder wären besonders Zu rühmen, andere Szenen, aller 
dings verschwindend wenige, zu tadeln, weil sie nicht charakteri 
stisch sind. Von den technischen Details etwa hätten mit Aus 
nahme der laufenden Bänder getrost ein paar gestrichen werden 
dürfen. Aber es liegt hier gar nichts an einem peinlichen Ab 
wägen. Entscheidender ist, daß Häuser mit seinem Film wieder 
einmal zeigt, was sich aus den Objekten wirklich herausholen läßt. 
Ich habe schon öfters auf die Jämmerlichkeit der industriellen
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        Glück und 
Berlin, im Oktober. 
In einigen leerstehenden Läden nahe bei der Gedächtniskirche 
haben sich seit kurzem kleine Glückspekulanten eingenistet. Sie 
setzen auf das Glück in doppelter Weise. Um es für ihre eigene 
Person zu erjagen, rechnen sie überdies mit dem unbändigen Ver 
langen jener Massen nach ihm, die heute keine andere Chance mehr 
haben als eben das Glück. Das Wort von denen, die nichts Zu 
verlieren haben und alles Zu gewinnen, ist Zweifellos richtig; aber 
es gibt Zur Zeit auch Menschen genug, die in der Hoffnung auf 
ein Paar gewonnene Groschen gern ihre letzten verlieren. ALgebaute 
und Arbeitslose: alle die PfennigrLtter, denen sich vorderhand 
keine Verdienstmöglichkeit bietet, treten dem Gefolge der Glücks 
göttin bei, die sich freilich von sämtlichen anderen Göttern darin 
unterscheidet, daß sie dank der Zunahme ihrer Anhänger hinzu 
schwinden beginnt. 
Wie eine Ware wird das ausgezehrie Glück in diesen Läden 
verkauft. Ihre Einrichtung bestätigt, daß es flüchtig ist. Denn 
obwohl sie mit Apparaten gefüllt sind, machen sie keineswegs den 
Eindruck richtig ausgestatteteter Läden, gleichen vielmehr ge 
räumten Lokalen. Noch riechen sie stubenwarm, noch wecken sie die 
Erinnerung an Ladentische, Regale und festgegründete Kassen; 
aber der ganze Plunder hat den Raum über Nacht verlassen, 
und übrig geblieben sind nur die Wände, die jetzt ohne Scheu 
ihre schadhaften Stellen entblößen. Vielleicht naht wieder einmal 
eine Zeit, in der sie geflickt werden und der Laden seine eigent 
liche Bestimmung zurückerhält. Inzwischen jedoch dient er dem 
Glück als Asyl. Und es hat sich, seiner Natur gemäß, nicht etwa 
häuslich hier etabliert, sondern inmitten der kahlen Umgebung 
ein fliegendes Zelt aufgeschlagen, das jederzeit abgebrochen werden 
kann. Provisorisch stehen die Automaten herum, die seine Spender 
sind, und der Marketender, der im Zug der Fortuna nicht fehlen 
darf, haust in einer dürftigen Ecke. 
So schlecht die Lust in dem Biwak ist, sie verschlägt dem Glück 
nicht das Lächeln. Wahrhaftig, es lächelt schon für Zehn Pfennig 
und in vielerlei Gestalt. Da stehen Tische, auf denen lauter 
Kügelchen rollen, da sind Pistolen und Flinten, die gerichtet zu 
werden verlangen, und hast du etwas Handgeschick, so greift dir 
das Glück unter den Arm. Denn tugendhaft, wie es an diesen 
öffentlichen Orten sein muß, wirkt es nicht rein aus eigener gesetz 
loser Kraft, sondern hilft nur denen, die ihrerseits ihm zu helfen 
bereit sind. Aber gottlob sind die Forderungen, die es an seine An 
wärter stellt, so niedrig wie seine Geschenke. Das Spiel der Muskeln 
treibt den Kolben in die Höhe, und ein wenig Puste erzeugt die 
schönsten Effekte. Sogar die Trägen, die selber nichts leisten 
wollen, ernten Illusionen, deren Wert ungeachtet ihrer Billigkeit 
den des Einsatzes übertrifft. Je nach der augenblicklichen Neigung 
können sie sich die Wonnen eines Fußballmatches zwischen Mario 
netten verschaffen oder durch den Guckkasten Szenen erblicken, 
die ausschließlich für Herren reserviert sind. Daß die großen Er 
wartungen, zu denen diese Ankündigung berechtigt, nicht in Er 
füllung gehen, liegt eher an der gegenwärtigen Nacktkultur als an 
den altertümlichen Bildern. Sie zeigen eine Nymphe aus der 
GroßväterM, die bald in den Zweigen eines blühenden Apfel 
baumes posiert, bald scheftnisch auf einem Mäuerchen lagert, wie 
es. in Photographenateliers früher verwandt wurde. Nur ist sie zu 
wenig ausgezogen, um eine Generation anzuziehen, die mit den 
naMn Tatsachen Zu 
Außer dem Glück, das allen zuteil wird, sucht jeder Mensch 
Schicksal. 
gemeinhin noch sein besonderes Glück. Und da die MZgRchkM 
verbaut sind, es durch Befolgung der gesellschaftlichen Spielregeln 
auf die übliche Art Zu -rlangen, begehrt er Auskunft über die 
geheimen Kräfte, die in ihm selber stecken und ihn am Ende 
doch emportragen werden. Wie Absatzstockungen eine Inten 
sivierung der Arbeit bedingen, so beschwört die Ungunst der äußeren 
Verhältnisse die Frage nach der Gunst des Schicksals herauf, und 
die Zahl der Automaten, die für ihre Beantwortung sorgen, ist der 
Heftigkeit der Krise direkt proportional. Obwohl diese Automaten 
wahllos und ohne Ansehen der Person gedruckte Zettelchen aus 
speien, präzisierer sie gewissermaßen das Glück. Sie reden ihren 
jeweiligen Kunden an, sie sagen ihm und nur ihm eine angenehme 
Zukunft voraus. Ein Sperling in der Hand soll besser sein als 
zehn Lauben auf dem Dach; aber wenn es im Augenblick keine 
Sperlinge gibt, ist die ferne Taube nicht zu verachten. Jedenfalls 
gestehe ich bedenkenlos ein, daß mir die automatisch gegebene Au- 
sicherung, ich werde in Bälde Nachricht von einer großen Erbschaft 
erhalten, schon eine kleine Erleichterung gebracht hat. 
Dabei ist der Wahrsage-Apparat, dem ich sie verdanke, noch 
längst nicht der Zuverlässigste Mittler, dessen sich das Glück im 
Interesse unseres Wohlergehens bedient. Es hat andere, bessere 
Boten, durch deren Mund es dem einzelnen Fragesteller einen 
detaillierten Bescheid über fein persönliches Los zukommen läßt. 
Daß die Handlesekunst und die Graphologie zu Modeartikeln ge 
worden sind, erklärt sich auch aus dem furchtbaren Elend, das die 
Menschen zu einem letzten und äußersten Appell an ihre eigenen 
Glücksfähigkeiten Zwingt. Daher ist neben den Spieltischen und dem 
Automaten stets ein Chiromant oder Handschriftendeuter anzu- 
treffen, der in seiner Person den Bund zwischen Glück und Schicksal 
verkörpert. Er sitzt in einem abgetrennten Hinterzimmer, dessen 
Exklusivität nicht nur die Neugierde erregt, sondern auch das höhere 
Honorar zu rechtfertigen vermag, das für seine Tätigkeit zu ent 
richten ist, und legt mit Recht ein großes Gewicht auf die strenge 
Wissenschaftlichkeit seiner Methode. Sie schließt in den Augen der 
Masse das Glück nicht aus, gewährleistet es vielmehr. Der Weg zu 
dem esoterischen Raum ist mit Verheißungen und Belobigungen 
des Künders gepflastert. Niemand Geringeres als. Mady Christians 
hat schon die Dienste des Graphologen benötigt, und zu seinen 
Kunden zählen auch Prominente des Boxsports und bedeutende 
Firmen. Die Aussichten, die er eröffnet, sind den Bedürfnissen öes 
Publikums genau angepaßt. Trostreich verspricht er, in die intimsten 
Fähigkeiten und Veranlagungen seiner Klienten einzudringen und 
Anweisungen zu einer glücklicheren Lebensausgestaltung zu geben. 
Ja ehe man sie noch entgegennimmt, ist man bereits durch 
Schmeicheleien glücklicher geworden. Denn dieser erprobte Menschen 
kenner versichert jedem, der es hören will, daß sich ihm hier die 
Gelegenheit böte, „sich über alle Vorurteile des Alltags- und 
Masfenmenschen zu erheben". Ein Vorschußkompliment, aus dem 
nicht zuletzt hervorgeht, daß Zahllose Glücksucher sich immer noch als 
Individuen fortbehaupten möchten, obwohl sie längst eine prole- 
Larisierte Masse bilden. 
Abends sind die Läden gewöhnlich bis auf den letzten Stehplatz 
besetzt. Ein dichter Menschenhaufen täuscht über ihre Leere hinweg 
und verdeckt die Tische und Automaten. Junge Burschen und 
Mädchen, aus dem Arbeitsprozeß ausgestoßene Männer und Frauen 
sie, die das Leben einstweilen abgeworfen hat, folgen spielerisch 
den Spuren des Glücks. Und sein schwaches Lächeln entschädigt sis 
vorübergehend für ihr erbärmliches Dasein» das wohl ein Unglück» 
aber gewiß nicht nur Schicksal ist. S. Kramuer»
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        -5 Berkin-KkeranderPtatz" aks Kikm. 
Berlm, im Oktober. allerdings fragwürdig ist. Hier dagegen wird überhaupt nichts ge 
Mit d er F es t s t e ll ung , d a ß d er Alli anz -Fil m : „B er li n - troffen, sondern es ist, als gleite die Kamera führerlos zwischen 
Al e x an d erp l a tz", fü r d essen M an u s k r i p t a u c h Döbli n se lb er funkelnagelneuen Gebäuden zweifelhafter Abkunft, Arbeitern, Un 
verantwortlich Zeichnet, sich kaum über den Durchschnitt unserer t ergrun db a h nen un d B re tt erz ä unen hi n un d h er . Di e B ewegung 
Unterhaltungsfilme erhebt, ist nur wenig getan. Wichtiger ist: sich ist sich Selbstzweck geworden, sie verabsäumt ihre dringlichste Auf 
R ec h ensc h a ft üb er di e G r ü n d e di eses V ersagens a bzul egen . gabe: eine Haltung zu vermitteln. Schließlich verfehlt sich die auf- 
Zunächst erklärt es sich daraus, daß man den Roman falsch geklebte Bildepik wider die Absichten des Films, da sie die Span- 
benutzt. Er ist ein episches Werk, das durch die in ihm angewandte n u ng v err i nger t, u m d eren twill en di eser di e ih m v om R oman e i n - 
A sso Zi a ti ons t ec h n ik d en B e dü r f n i ssen d es g ut en Fil ms me h r a l s geräumten Chancen preisgegeben hat. Erst einen großangelegten 
di e meisten anderen Prosaerzeugnisse entgegenkommt. Ganze Ab- Vorwurs zur Kolportagehandlung zu reduzieren und dann die Kol- 
schnitte des Buches schlagen sich kreuz und quer durch die Welt, portage durch ornamentale Attrappen wieder auf die Romanebene 
ohne ängstlich an der Fabel zu haften. Sie sind selber die Fabel, t ranspon i eren zu w o ll en : d as i s t u nm ö g li c h. L ange w e il e i s t di e 
die nicht so sehr in einer geschlossenen Handlung als in einem e i n zi ge F o l ge e i nes so l c h en M ange l s an F o l ger i c hti g k e it. 
lockeren Schlendern besteht, das mit Recht auf feste Perspektiven Ni c ht zul e tzt r üh r t di e U n zulä ng li c hk e it d es Fil ms a u c h sa h e t, 
verzichtet. Genau so schlendert aber auch jeder Film, der wirklich daß er ein ausgesprochener Starfilm ist. Bezeichnend sein Titel: 
ein Film ist. Er schöpft seine Spannung aus der Freizügigkeit der „Heinrich George in Berlin-Alexanderplatz". In der Tat sind alle 
Kamera, die nur dann ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie bewußt durch se i ne I n h a lt e a uf G eorge b e z ogen , u n d w er d en du rc h ih n a ll e i n 
das Milieu panoramiert und Stück für Stück die Umwelt herbei- zusammengehalten. Das aber ist doppelt widersinnig angesichts eines 
holt. In dem Film: „Therese Raqüin" etwa liegt das Haupt-Helden, der nicht über dem Milieu waltet, sondern vom Milieu 
gewicht nicht auf der Darstellung der tragischen Schlußereignisse, en t sc h e id en d m itb es ti mm t wi r d. Di e V er d r ä ng u ng d er d em Fil m - 
sondern auf den Schilderungen, die der sinnvoll bewegte Apparat werk zugeordneten Romankomposition; die Leere der spater an- 
von der Passage und der Wohnung entwirft. Im Falle des Alexan-ge h e ft e t en A sso zi a ti onen ; di e V er w an dlu ng Mb er k op f s i n e i ne 
derplatz-Romanes hätte man sich nur an den Roman selber halten üb erragen d e Fi g u r : di ese d re i U ms tä n d e v ersc huld en geme i nsam 
müssen, um ähnliche Wirkungen zu erzielen. Statt dessen aber ge- die Substanzlosigkeit des Films. Ich bezweifle nicht die große 
schieht dies: man verzichtet darauf, der Vorlage Zu folgen, die be- D ars t e llu ngs ku ns t G eorges ; a b er er i s t n i c ht d er T r ä ger d er R o ll e , 
reits halb und halb ein Filmmanuskript ist, und entnimmt ihr ledig-er pa ßt di e R o ll e s i c h an . Ni c ht G eorgs i s t Bib er k op f; d er n i mm t 
lich eine geschlossene Unterweltshandlung, wie sie jeder gehobene die Züge Georges an Auch hier wieder ereignet sich dasselbe wie 
Zerstreuungsroman bietet. Wahrscheinlich um des Kompromisses so oft in deutschen Filmen (und Theatern): daß die Schauspieler 
m it d em v erme i n tli c h en Publiku msgesc h mac k will en w er d en a l so Schauspieler bleiben. Der Gestalt, die sie mimen, ist immer noch 
gerade die Tugenden des Döblin-Buches beiseite geschoben, die zu anzumerken, daß sie gemimt wird. Sie steht nicht im gesellschaft 
seiner Verfilmung reizen. Das Ergebnis ist ein Film, der den Ein- lichen Raum, wird vielmehr so vergegenwärtigt, als ob sie in einem 
druck erweckt, als ob er einen Kolportagestoff verarbeite; während i mag i n ä ren R a u m s tü n d e . D er G r u n d hi er fü r i s t v erm utli c h d er , 
er doch faktisch aus einem Roman, der große filmische Möglichkeiten daß es zur Zeit in Deutschland keine gesellschaftliche Wirklichkeit 
gewährte, in das Schema der Kolportage flüchtet. gibt. Vor kurzem sah ich in einer JnLeressentenvorführung den 
Hätten sich die Hersteller wenigstens entschieden zur Kolportage Paramountfilm Josef von SLernöergs: „Amerikanische Tragödie". 
bekannt! Indessen, sie begehen den zweiten Fehler und schämen Obwohl Dreiser, wie der von ihm gegen die Paramount verlorene 
sich gewissermaßen der Zugeständnisse, die sie durch die Ausschal- P ro z e ß b e w e i s t, di e V er fil m u ng se i nes R omans n i c ht billi g t — 
tung der eigentlich filmischen Romanmotive dem Publikum machen. o ff en b ar en ttä usc ht ih n di e V er l egung d es M zen t s von d en gese ll- 
U m a u c h di e sogenann t en höh eren A nspr ü c h e zu b e f r i e di gen , s u c h en schaftskritischen Schilderungen weg auf das Einzelschicksal —, ist 
sie nachträglich einen Teil der epischen Assoziationen des Romans der Film dennoch ein Meisterwerk, das ein Stück Amerika so Zeigt 
einzubeziehen, die in der ursprünglichen Konzeption des Films wie es wirklich ist. Aber nicht darum gedenke ich seiner; sondern 
beflissen unterdrückt worden sind. Ich denke an die endlose Tram- wegen der Art der darstellerischen Leistungen. Dieser Staatsanwalt 
L a h n f a h r t Bib er k op f s a u s d em G e fä ngn i s i n di e St a dt u n d v or ist tatsächlich ein Staatsanwalt; dieses Mädchen eine kleine An- 
allem an die unaufhörlichen Aufnahmen des Alexanderplatzes. Mit gestellte; dieser junge Mann einer von unzähligen Physiognomie- 
seinen Umbauten und Bürohäusern erscheint er bei jeder Gelegen- losen jungen Amerikanern. Während anderswo dis Schauspieler 
heit von oben und unten, von rechts und von links. Eine Verede- leibhaft vorhandene Typen verkörpern, bilden sich in Deutschland 
lungsarbeit, die wie chas musikalische Vorspiel Theo Mackebens, v i e l e M ensc h en a ll en f a ll s nac h d en S ^ c h ausp i e l ern . D er L e b ensraum , 
das sich von den alten Berliner Schlagern zu den modernen er- in dem wir uns aufhalten, ist i-r^d, die Luft mit Ideologien 
streckt, dem Filmgeschehen offenbar zu einer Art von Lokalatmo-gesc hwä nger t u n d d er B o d en u n t er u nseren Füß en er w e i c ht. 
sphäre verhelfen soll. Aber sie ist in dreifacher Hinsicht verkehrt. 
Denn einmal addiert sie nur hinterher Zum Film hinzu, was schon A n h angs w e i se se i noc h d er Fil m : „M aro kk o " er wäh n t, d er je tzt 
von Anfang an in ihm hätte stecken müssen; das heißt, sie dekoriert unter dem Titel: „Herzen in Flammen" in Berlin laust. 
das enge Unterweltsspiel mit Elementen des Romans, statt aus Es. ist der erste Film, den I. von Stern berg (vor ungefähr 
diesen erst ein breites Spiel zu entwickeln, das sich natürlich nicht zwei Jahren) mit Marlene Dietrich gedreht hat. Das Buch 
auf die Unterwelt beschränken dürste. Denn am Alexanderplatz von Benno Vigny, nach dem er hergestellt ist, soll ein Reißer sein; 
Döblins wohnen ja bekanntlich auch noch andere Leute als Ver-er se lb s t a b er m ut e t wi e e i n l angge z ogenes Gu mm ib an d an , d as 
brecherbanden nebst ihrem Anhang. Ferner sind die eingestreuten leider nicht reißen will. Der Charme Jary Coopers und das vollen- 
Stadtmontagen selber richtungslos. Mechanisch leiert der Regisseur d e t e Gl o b e t ro tt er tu m M enjo u s k ommen gegen di e a f r ik an i sc h e Hitz e 
Phil Jutzi, dessen starke Begabung der stumme Film: „Mutter nicht auf, in der die Handlung eintrocknet und die Liebe stagniert. 
Krauses Fahrt ins Glück" erwiesen hat, Bildassoziationen herunter, Und Marlene Dietrich enthüllt zwar in einem fort ihre berühmten 
die sich ohne jeden inneren Halt aneinderreihen. In den Filmen unteren Extremitäten, ist aber in- der oberen Hälfte eine monotone 
Eisensteins und Pudowkins sagen die Straßen und Architekturen Trauergestalt, der man die unsagbaren Gefühle weit weniger glaubt 
etwas über sich aus, und sogar die ziemlich schwache Berlin-Sym-a l s di e m it d em b es t en Will en n i c ht wegzu l eugnen d en B e i ne . 
phonie Ruttmanns meint doch noch einen bestimmten Gehalt, der S. Krakauer.
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        Ei« paar Ktundrn Sklarek-Pro;rß 
(Privattekegrammder 
wendigkeit einer Beziehung abphotographisren kann, weiß ich nicht; 
aber daß diese problematische Freundschaft nun durch das Ein 
greifen der Bilder ihr Ende gefunden hat, scheint mir fraglos 
gewiß. 
„Frankfurter Zei tun g".)^ 
Auf dieses sophistisch Zugespitzte Zwischenspiel folgt eine Ver 
nehmung des Angeklagten Kohl, der bekanntlich Bürgermeister 
von Köpenick gewesen ist. Ich gestehe, daß sich während seines 
Verhörs mein Respekt vor dem Hauptmann von Köpenick zusehends 
verringert hat. Es muß für ihn eine Kleinigkeit gewesen sein, den 
SLadtsäckel Zu erleichtern; noch dazu mit Unterstützung des 
Militärs. Und ich frage mich nur, warum gerade Köpenick immer 
ein solches Rathauspech hat. 
Das Verhör besteht darin, daß sich der Vorsitzende so unermüd 
lich wie vergebens bemüht, von Herrn Kohl sachkundige Auskünfte 
über seine Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender der LVO 
(Kleidervertriebsgesellschaft) Zu erlangen. Er fragt ihn zum Bei 
spiel: Wie erklären Sie sich das Defizit von 700 000 Mark? Ant 
wort: Es ist auf den Geschäftsgang zurückzuführen. Kurzum, 
Herr Kohl weiß beinahe von nichts, und kann er für den Ge 
schäftsgang nicht einfach den Geschäftsgang verantwortlich machen, 
so entlastet er sich mit dem Hinweis auf das Dasein der Rech 
nungskammer. Er hat die Bilanzen schlicht hingenommen, er hat 
gewissermaßen über den Wassern der Geschäftsführung geschwebt, 
die wirklich sehr wäßrig war. Und seine Unkenntnis wirkt dadurch 
noch beschämender, daß er sie mit einer gewissen Ueberzeugtheit 
preisgibt. 
Armes Köpenick! Es wird ihm ein geringer Trost sein, daß 
vermutlich auch anderswo Aufsichtsräte sitzen, die dem Geschäfts 
gang freien Lauf lassen und nicht einmal beamLenähnlich sein 
müssen. 
Wer Leo Sklarek unbefangen träfe, hielte ihn wohl sofort 
für das, was er ist: für einen bestimmten Typus des Konfektionärs. 
Jenen, der nicht selten in die Welt der Conferenciers ausbricht, 
weil er gesellschaftliche Talente hat und die Leute zu anrüsieren 
versteht. Zu seinen Gaben, die er freilich nicht auf dem Podium, 
sondern unmittelbar nutzbringend verwandt hat, kommt noch ersicht 
lich die VersiertheLt im Umgang hinzu, und daß er weniger in den 
Sachen als in lauter Relationen lebt, ist schlechterdings nicht zu 
bezweifeln. Ein Mann, wie ihrer heute zahlreiche herumlaufen. Sie 
gedeihen in den großen Städten, dort, wo die meisten Möglichkeiten 
sind, und suchen sich die Stellen des schwächsten Widerstands aus. 
Hat Leo Sklarek wirklich an die Freundschaft des Mitangeklagten 
Stadtbankdirektors Hoffmann geglaubt? Herr Hoffmann be 
teuert, daß er stets die Kluft zwischen sich und den Sklareks gespürt 
habe. Ich sehe nur seinen Rücken und wundere mich über die Sub- 
tilität, mit der er das Wesen der Freundschaft bestimmt. Wahre 
Freundschaft, so meint er, setze innere Beziehungen voraus, und die 
habe er nur zu drei Menschen gehabt. Gewiß, er leugnet gar nicht, 
mit Leo Sklarek in Nachtlokale gegangen zu sein, leitet aber diese 
Akte der Intimität rein aus geschäftlicher Notwendigkeit ab; wobei 
er sich auf einen Artikel des Bankrates Hagen im „Bankarchiv" be 
ruft, der das gute Einvernehmen zwischen den Bankdirektoren und 
ihren Kunden ausdrücklich befürwortete. Die Tatsache, daß sich der 
Geschäftsfreund nachträglich so peinlich von dem Privatfreund ab- 
sondert, veranlaßt den Vorsitzenden zu der Bemerkung, daß dann 
die erwähnte Kluft Zwischen ihm und den Sklareks jedenfalls sehr 
innerlich gewesen sein müsse. 
Die seelenvollen Bekenntnisse des Stadtbankdirektors versetzen 
Leo in Erregung, und ich traue ihm in der Tat zu, daß er seine 
Geschäfte in Nachtlokalen mit einem reichlichen Gefühlszuschuß 
tätigte. Kopf und Herz sind bei diesem Typus nicht weit aus 
einander, und oft schwärmt der Kopf, während das Herz rechnet. 
Aber jetzt, nach Hoffmanns Erzählungen, verkehrt sich Liebe flam 
mend in Haß. Mit dem Zorn des Enttäuschten gibt Leo der Oeffent- 
lichkeit bekannt, daß er für den Busenfreund, der .es nie gewesen, 
immer die Zeche gezahlt habe. Und sein Verteidiger verspricht 
Photographien vorzuweisen, die bündig die außergeschäftliche In 
nigkeit des Freundschaftsverhältnisses bezeugten. Ob man die Jn- 
Im Verlauf der Verhandlung zieht sich das Verhör mitunter 
auf Formalien Zurück, auf theoretische Konstruktionen, deren Ab 
straktionshöhe nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß sie durchaus 
handgreifliche Folgen haben. So wird ein Obermagistratsrat als 
Sachverständiger befragt, ob ein vom Magistrat delegierter 
Aufsichtsrat in einer Gesellschaft, deren Anteile alle in den Händen 
der Stadt seien, als Beamter betrachtet werden müsse. Der Fall 
ist beamtenrechtlich noch nicht ganz geklärt, aber der Sachverständige 
neigt doch daz^, dem hypothetischen Aufsichtsratsmitglied beamten- 
ähnliche Eigenschaften zuzusprechen. Er selber macht auch wirklich 
den Eindruck eines in jeder Lebenslage erprobten Beamten. Mag 
seine Aussage hieb- und stichfest sein, die Verteidiger der gewesenen 
städtischen Funktionäre haben ein natürliches Interesse daran, ihre 
Klienten nach Möglichkeit aus der Beamtenatmosphäre herauszu- 
reißen. Sie rücken daher von rechts und von links dem verdutzten 
Sachverständigen in der Mitte mit Erwägungen und Eventualitäten 
zu Leibe, die ihn sämtlich zur Lockerung des Beamtenverhältnisses 
bestimmen sollen. Nicht anders wie hier über die Beamtenähnlichkeit 
ist vielleicht in früheren Jahrhunderten über die Gottesähnlichkeit 
gestritten worden. Der Obermagistratsrat fühlt sich zwar durch das 
heftige Kreuzfeuer etwas in die Enge getrieben, steht aber mit der 
Unbeirrbarkeit des Beamten zu seiner Behauptung, daß der Mensch, 
insofern er ein so und so beschaffenes Aufsichtsratsmitglied ist, ws 
nicht ganz und gar ein Beamter, so doch einem Beamten immerhin 
ähnlich sei. 
Lr Berlin, 1Z. Oktober. 
Der große Verhandlungssaal des alten Moabiter Gerichts 
gebäudes ist in einem üppigen maurischen Bauunternehmerstil 
-gehalten mit Hufeisenbögen vor der Galerie — eine Art von 
theologischem Phantasiehintergrund für weltliche Distinktionen 
und Disputationen. Hier geht der Sklarek-Prozeß vonstatten. 
dessen Teilnehmer wahrhaftig nicht zu beneiden sind, ist doch 
seine Dauer auf etwa ein Vierteljahr angesetzt. Die Angeklagten 
mit ihren Verteidigern und Akten füllen mehrere Bänke zur 
Rechten und zur Linken, und wüßte man nicht, daß sie angeklagt 
sind, so könnte sie, rein physiognomisch betrachtet, kein Mensch 
von den mitwirkenden Amtspersonen oder vom Publikum unter 
scheiden. Sie gehören eben teilweise zur Gesellschaft, die es bei 
uns, streng genommen, nicht gibt. Es wird überhaupt schwer 
! sein, sich durch dieses Labyrinth durchzufinden, denn in unseren 
aufgelösten Zeiten hat die Schlamperei um sich gegriffen, und die 
Grenzen zwischen Korruption und Usancen sind nicht immer haar 
scharf zu ziehen.
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        , ... 
Aufzeichnungen aus Hamburgs Spätsommer 1931» 
Von S» Rraeauer. 
Z?»r»8Si» über 
Von 8. Kraoauer. 
In den Hafenvierteln aller Hafenstädte kehren dieselben Straßen 
wieder, und wer sie in Hamburg begeht, der glaubt schon beinahe 
in Marseille zu sern. Sie durchziehen auch manche WeltstadLquar- 
tiere, die sich wie Hafenanlagen in der Nähe der Bahnhöfe ent 
wickeln. So könnte die Hamburger Wexstraße allenfalls beim SLeL- 
tiner Bahnhof liegen, und bestimmt würde sich niemand darüber 
verwundern, sie an der Gare de REst anzutreffen. Glücklich die 
Städte, die viele Hafengegenden in sich beschließen. 
Wie sie beschreiben, diese Straßen? Vielleicht läßt sich kaum 
mehr über sie sagen, als daß sie grau, ärmlich und alt sind, und 
jedenfalls wüßte ich nicht, was sie einem jener Besucher, die 
Sehenswürdigkeiten einsammeln, zu bieten hätten. Ich nehme an, 
daß er einen flüchtigen Blick auf ihre Kellereingänge verschwendete, 
ihre Läden und Kneipen oberflächlich verbuchte, kopfschüttelnd durch 
die offenen Haustüren dunkle, steile Treppen erspähte und zuletzt 
ein wenig niedergedrückt in gehobenere Stadtteile enteilte. Aber ge 
rade die Tatsache, daß das Alter hie.r nicht zur historischen Kuriosi 
tät wird, ist schon für die Hafenstraßen bezeichnend. In denen von 
Hamburg finden sich wie anderswo auch Patrizierhäüssr mit Ro 
kokoportalen und schönen schmiedeeisernen Gittern. Sie sondern sich 
indessen nicht im geringsten von den Häusern der Nachbarschaft ab, 
verwachsen vielmehr mit ihnen zu einer einzigen, in sich ununter- 
schiedenen Masse. Deren Bestimmung ist: bis zum letzten bewohnt 
und genutzt Zu werden. Verfallene Mauern neigen sich vor, Pe 
troleumlampen geben notdürftig Licht, und ausgediente Räume, dis 
längst übergenug Menschen beherbergt haben, gewähren immer noch 
Unterschlupf. Was haben diese Häuser im Lauf der Generationen 
nicht alles erfahren. Nun sind sie verbraucht, ohne sterben zu dürfen, 
klammern sich müde aneinander und raunen wie geschwätzige 
Greise. In der Filmwochenschau werden mitunter Hausruinen aus 
irgendeinem ErdbebengebieL gezeigt, deren wohlbehütete Stuben 
nackt an die Außenwelt treten. Wenn sich das Innere der Hafen 
häuser plötzlich erschlösse, wäre die Tageslicht zweifellos für einen 
Augenblick von allen den unvorstellbaren Wesen erfüllt, die in Win 
keln und hinter Tapeten Hausen und die Zimmer mit den Be 
wohnern teilen. 
Sie, die in den abgewetzten Häusern rumoren, gesellen sich gerne 
Zu den Ausgeburten des Hafenstraßenraums selber. Er ist den An 
kommenden und Abfahrenden geweiht. Darum verwehrt er der 
bürgerlichen Seßhaftigkeit den Einblick, während er sich denen 
offenbart, die nicht vor Anker liegen. Ihnen schenkt er sich nicht 
nur, ihnen bedeutet er eine so unwiderstehliche Verführung, daß sie 
ihn wieder und wieder aufsuchen, um in den Bildern des unver- 
festigten Daseins zu vergehen. Hier, in der Vorsetzen oder im Um 
kreis der Davidsstraße, ist die Welt zugegen, wie sie dem Reisenden 
erscheint, ihm, der von Berufs wegen auf ihr klimpert und mit ihren 
Bruchstücken Fangball spielt. LiberLy-Bar, Cap Horn-Bar, Norfolk- 
Bar, Atlantic-Var: Namen aus aller Herren Ländern, die mit 
plakathaften Lettern in der Erinnerung prangen, geben sich hier 
ein Rendezvous, und die Reihe der Lädchen erweitert sich Zum un 
übersehbaren Bazar. Der Seemann kann sich in ihm für die große 
Fahrt ausrüsten, und wenn er ein Porträt hinterlassen will, das 
treuer ist als das verlorengegangene Original — PhoLographen- 
geschäfte sind in Menge vorhanden. Neben den Bildern der Ma 
trosen, die sich so ähnlich sehen wie die Hafenstraßen, durch die sie 
schlendern, häufen sich Muschelketten, japanische Glücksspiele und 
Kopfjägerschwerter; lauter Andenkenartikel, deren MLnahme ver 
rät, daß ihr Besitzer mit den verschiedenen Kontinenten aus dem 
Duzfuß steht. Sie sind klein geworden wie sein Laschenailas, ihm 
wie dieser vertraut, und indem er sich die Zeichen von ihnen an- 
eignet, verschluckt er sie vollends. Neugierige bestaunen die weit 
gereisten Trophäen, werden sacht aus dem Boden gehoben und in 
den Zustand des Schwebens versetzt. Ihm entspricht das Herum- 
lunLern, dem Gruppen junger Burschen, die entweder arbeitslos 
die VMs seiner Aktionen. . , - 
aueb nur auLUdeuten, ist bisr niebt der .Ort. 
Immsrbin sellsint" 68- mir nütsliob. ein llaar Lüss 
Md öi^entüMehkeLten ru ürvr9.hn6n, dis sieh dem 
VtzvnlltHein der tran^ösisebsn Autoren irmnar nieder 
auidränkren, babalä sie ibrs DrtabrunKen von knris 
sastaltyn. Vor allem hoben sis LlsiehnMiL hervor, 
äaü karis keine Ltadt ist vie Lvders ZlAdte und 
Lueb uieht eins Gemeivsabnlt von ManriL ^rrov- 
äisssmonts. sondern ein Kummalort. LN dem sieh dis 
resigüLlen Lräkte s:anr Drankreichs einkinäen unä 
noellmLls verkörpern. .As ist der ^bseoränsto der 
"LisbsnunddrMiLtÄuüsnd Gemeinden DrLnkrmells", 
SLKt OllLMson von karis, „illr Lrekkpunkt, Kr Zs- 
m einsam er Körper der durch sis aUe stark ist und 
van ibrem Dellen lebt." 
ein Dnnä, als eins nveite, er^vorbsne Mtur 
vvird denn Luch die btndt van ihren Bürgern 
swpiunden. Dnd unter allen IVsItstLdten killt es 
nieht eins, äis xäsieb dieser vis eins umla^sends 
DLvdscbnkt Lbrsr Lsv?ollver Lsiarmt hätte und van 
illnsn wiederum ergründet und LespiSAelt worden 
^ärtz. Mt der Ilnermüdliodkeit überrsieh Ds^ehenk" 
ter lSKSN dis krLnröZiseksn Lellriktsteller Reellen- 
sellakt all von den Ltrallen. Däusern und ss'LLes- 
reiten in Verss, und MEeMein bät reebt daran 
^etan, einiss besonders seböne ^su^nisss Leinem 
Vand einLüverleillen lloubanäenus Wlder. äie ein 
zelne Ivaen mit sEdtisehen Aspekten Kur unäuflöL- 
lieben Vinbeit verbellen: die Hmerbebnitte von 
Rens BeniLwin, Duhämell Giraudoux. OyeteLu, 
Rillemant-OsssLiVies. Dallaru us^v. durch Quartiers 
Däussrrsillen. VsvölkerunaeGruppen; Darbauds be 
reits von Rvellner übersetztes: „Doll von Vuris", 
das in den reisenden Vorsehlas ausklin^t, Debr- 
stühls kür ?Lriserium ?u gründen diese 
runvsn sind leils des nie sllrMsnden Gesprächs 
2-^jsehen unendlich vielen Diellllallern und der 
btadt. die illrer alle Geliebte ist. 
^llLesebsn von der ölronsmiscben Ltruktur 
Rränbrsiebs bildet vermutlieb die Lxistevn äes ge 
meinsamen trLLsn den llntergrunäs, der Raris beiN, 
eins"^iehtiL6 Voraussetrung kür ädn unalldingbAren 
kränräsisollen Individalismus. Dr tritt in äsn Ver- 
öflenMollunLßn wiederholt und bevuLt hervor, -an 
Raris Killt es niehts^ Mt Nareel Lvwe .emen Stu 
denten erklären, «vas äsn deutseben Bunden oder 
den Klubs der anMsäehLisehen Ltuäentsn Kueho. 
Dnä'vaiter: „Nn..- lllLelltsü unseres individuali 
stischem Geistes ist okkenbar der. daL äre ülengs der 
Mttelmäöigsn nieht groüer Dellren 
vorllersitet vird. Hles in allem grelle ieb illn dem 
DeräMtriell äoell vor. der ^är eins unbestrittene 
Mekt ist. aber sE sins Quells von Irrtürnsrn. 
Dalou begründet in ähnlicher. IVewe^ 
des Barisers gegen okientlichs Dillliotheksn, und 
UildLuci riikmt äis Vorlieds von kurts kür äns Vn- 
rsln«.. ist notvsväie. UM aiessn bssouäsrsn In- 
dividuLlismus auch in DeutseblLnd ru ^rssyn. dLs 
heute aus ^tvaüg tu kollektivistischen Bindungen 
binärängt, Denn er källt nicht mit dem kämen 
ideaUstixchen VeKriki der Persönlichkeit rü- 
^ammen, von dem sisb die gute deutsche InteUigenr 
mit Recbt ellnendsü sdndern entstammt der ^mklä- 
runk und ist noch länkst nicht erschöpft. 
Nanabe Beiträge llbsMigen, äaK Rrsvkreieh, 
mebr als krüller vielleicht, keine Grenzen überschrei 
tet und kich der 'iVelt öiinet. Nag 
wachsen der DeiolltgläMgkeit in der IV elt eine 
OekKr kür den Geist vop Baris erblicken, l e üor- 
llusier und andere Vartreter der Avantgarde sind 
v^eniser änKstlieb gesinnt. lind lüehtenllergsr sagt 
„8kar schreibt Baris"- äiasss Von 
^IkrHdüUallenstyiv vorMMyd Lusammew 
sestallts Sammelwerk (Internationale Bibliothek, 
Berlin. 334 Zeiten) das ein GeLsnstück ru äsr rm 
gleichen Verlas erschienenen Mthologis: „Wer 
schreibt Berlin" ist, enthält zahlreiche krossLtüeks, 
äis zum grollen ll'sil am äis ^nresuüL äes deut- 
sebsn LsraUsseders hin geschrieben smä. Br selbst 
in einem Nachwort Jachenschakt über äsn oinn 
äes Duelles all. „Bs hat Mne Schuldigkeitgetan , 
so weint er, „^vspn es °. uns in dieser Vereinigung 
von geistigen KensehKr Frankreichs säst, nur 
-welche BiLsnsehakten ^r bei Baris rechnen 
können.^ 
VntEwäsnäe. Nsensallaktsn van 
rielltissr von Vraullreiell. vsräen in äer ^s,t auxell 
äen LLMmeldLnä Mstisell dsraussetnelleru VVrr 
LLllen naoll äsm Lries keinen ULnxel sn HE 
strulltianen sellLllt, A äen rrnnAbsisenen Ollsrnkter 
von auÜen ller Ä bestimmen Mollen. Ollvs ä^ß sie 
äs-ruw NNL6NLU sein müllten, verhalten sw sieh 
aber äooll Ls^öbnliell vflnäselliek M Lllrem OeKen^ 
stänä. vLs tremäe Meson erstarrt ibnen unter , äer 
Lnnä su einem kestän bebiläe, das sie Von irAenä- 
einsm Ltnnänunkt nus kixisren: ^Lllrenä es iy 
MjMicllbeit ein bemiseb lleiveLter Substanzen ist, 
äis : nur' eriaLt werden können, nenn nmn illren 
WehtunKSsinn einkälKuliert. llens Konstruktionen, 
äis ein mebr aster vemner all^eblullbLttss Vilä 
gellen möchten, verblnsssn nnsesiebts dieser Louek- 
twn van 8e1bstLUL^NK6N, die vot^endiAer^eiss srnM- 
mentAriseb sind. Denn ver sieb in der Ve^tzKUN8 
belinäet, mitssrissen von illr aäer sis lenkend, übsr- 
siebt niebt dis IMrornomenta pnä alle Kostnrep^ 
^bsr äakür vermitteln die ^lüekliek Lus^e^äbltsn 
LHsebniits Dindrüebe. die sieb nersnektiviseb nie 
mals spinnen lässen: äen Geruch von karis und 
So^ar ausdrüeklieb. dall er eine Vsr^vA^seruuv kran^ 
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srErrer Versebisäenbeiten nnu-eben der kran^ö-i- 
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        Im 
die 
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trotz ihrer Größe so zierlich wirken, als seien sie perspektivisch ver 
kürzt. Sie sind in maurischen Formen gehalten, nach Art eng 
lischer Landschlösser ausgebildet, oder auch von vornherein im 
bürgerlichen Geschmack errichtet, mit symmetrischen Erkervorbauten, 
zwischen denen spindeldünne Eisensäulchen das Verandadach tragen. 
Gediegene, zuverlässige Besitztümer, die an Stahlstiche gemahnen 
und verschollenen Familienromanen entstammen. Die Familien 
müssen sehr zahlreich sein, denn die Bauten folgen einander ununter 
brochen, ohne sich je gegenseitig zu bedrängen. Schweigend umhegen 
sie ihre Bewohner und harren, jeder für sich, in ihren Gärten und 
in der Vergangenheit, deren Größe sie spiegeln. Aber prallt auch 
die Musik an ihnen ab, die vom Uhlenhorster Fährhaus blechern 
übers Bassin ertönt, so dringen doch schon Signale des Untergangs 
bedrohlich in ihre Nähe. Ein Tennisklub hat sich auf privatem 
Grund eingemietet, und mehr als ein Gebäude ist zum Verkauf 
ausgeboten. Vorerst handelt es sich um leise Warnungszeichen, 
um ein fernes Grollen, das die Abgeschiedenheit dieser Zufluchts 
orte nicht ernstlich stört. Und dennoch ist deutlich zu spüren, daß sie, 
bevor noch der äußere Druck wirklich eingesetzt hat, gleichsam frei 
willig abzutreten beginnen. Sie sind zur Trennung gerüstet, und 
je dichter der Hafen heranrückt, desto mehr werden sie verblassen. 
Die Reeperbahn ist, wie ich meinem Reiseführer entnehme, 
„weltbekannt durch die zum größten Teil urwüchsigen Ver 
gnügungslokale, die sich in fast ununterbrochener Reihe zu beiden 
Seiten hinziehen". Daß nicht nur ihre Vergnügungslokale ur 
wüchsig sind, habe ich an einem Hellen Nachmittag selber erfahren. 
Auf einer minderen Cafe-Terrasse sitzt ein Mann mit einer Frau 
und genießt die Schönheiten der Reeperbahn. Von der Straße her 
naht ein anderer Mann, bittet offenbar, an dem Tisch Platz 
nehmen zu dürfen, und wird abgewiesen. Alle anderen Tische sind 
unbesetzt. Kaum habe ich mir Rechenschaft darüber abgelegt, daß 
das Kinn des Ankömmlings ein Brecheisen ist, als er auch schon 
jenen ersten Mann aus den Stühlen.herausprügelt und ihn mit 
Hilfe eines plötzlich erschienenen Dritten auf dem Pflaster draußen 
fertig macht. Der Geschlagene entfernt sich, blutend mit seiner 
Mittelstandsstraßen dazwischen liegen, ist doch hier, in der Domäne 
der Großbourgeoisie, jede Spur von ihr radikal ausgetilgt. Ins 
Prado des südlicheren Marseille spritzt immerhin gelegentlich Hafen 
elend herein; der Harvestehuder Weg dagegen kennt keine Verbin 
dung mit dem Mischmasch baumloser Gassen und helldunkler Grün 
flächen, auf denen die Leute lang dahingestreckt dösen. Vielmehr 
erscheint von ihm aus diese Welt, wenn sie überhaupt aussteigen 
kann, als ein beklemmendes Spiel unreiner Formen, wie es durch 
Angstträume wallt. Ohnmächtig weicht der Spuk vor dem Gottes 
frieden des englischen Rasens Zurück, der sich im ruhigen Licht 
makellos dehnt ^m Hintergrund der Anlagen leuchten, halb durch 
den alten Erstand verdeckt, gepflegte weiße Herrenhäuser, die 
Zur Hafenrundfahrt gehört auch ein Führer, der die gerade 
anwesenden Ozeandampfer erklärt. So überzeugt ich davon bin, 
daß er die lautere Wahrheit spricht, ich lausche ihm nicht anders 
wie einem geborenen Märchenerzähler. „Dieses Schiff", erzählt 
er den Hörern, die ihn gespannt umstehen, „ist gestern aus der 
Karibischen See eingetroffen und jenes fahrt noch heute nach 
Südamerika." Es ist so, es wird unter allen Umstanden so sein. 
Und doch glaube ich seinen Angaben nicht, wie man beliebige 
Tatsachen glaubt, sondern bringe ihnen jenen Glauben entgegen, 
kraft dessen die Märchen Wirklichkeit werden. Wieviele wunder 
bare Geschichten haben sich nicht zu meiner Knabenzeit in der 
Karibischen See abgespielt. Während der Führer den altvertrauten 
Namen nennt, bin ich wieder, als sei kein Tag inzwischen ver 
strichen, mitten unter den Seeräubern und Wilden und befreie 
selber die hellblonde Braut. Daher also sollte dieser Dampfer 
gekommen sein? Er liegt breit und sicher am Kai und läßt sich 
entladen. Aber obwohl ich weiß, daß er schlechterdings nicht weg- 
zuleugnen ist, kann ich mir nicht vorstellen, daß derselbe Dampfer, 
den ich mit meinen eigenen Augen jetzt sehe, vor wenigen Wochen 
die Karibische See befahren hat. Sie mag wie Südamerika in der 
Geographie enthalten sein, und gewiß widerspricht es nicht der 
Erfahrung, daß ein Schiff die Strecke von dort nach Hamburg 
allmählich zurücklegt. In Wahrheit jedoch liegt sie so weit außer 
halb oder auch so nahe, daß man schon in ihr angelangt sein 
müßte, um sie überhaupt zu erreichen. Der Märchenerzähler 
spricht fort. Heiß brütet die Luft über dem Wasser, und im Nu 
sind wir an die Bestimmungsziele der hohen Schiffsrümpfe ver 
setzt, zwischen denen wir durch alle die vergessenen Gegenden von 
damals treiben, die ich kenne wie meine Tasche. Arbeiter, die an 
Seilen herabhängen, überholen mit langen Stangen die Wand 
eines Dampfers. Sämtliche Zuhörer machen Kindergesichter. 
entlohnt den Händler und schimmert frisch wie die Blumen. 
Käfig vorm Fenster zwitschert ein Kanarienvogel Trübsal. 
Wer vermöchte sich im Gebiet der Außenalster noch an 
Hafengegend zu erinnern? Obwohl nur ein paar Geschäfts- 
Die Speicher im Freihafen sind nicht etwa gewöhnliche Lager 
häuser, sondern stolze Backsteinfestungen, die den Eindruck der 
Uneinnehmbarkeit erwecken. In wilhelminischer Zeit erbaut, 
scheinen sie mit ihren Zinnen, Brücken und Türmchen nach unbe 
kannten Hohkönigsburgen rekonstruiert worden zu sein. Sie haben 
Oeffnungen, die wie Pechnasen anmuten, und ein Trutzmauer 
werk von brennender Röte, das in endlosem Zug sanfte Wasser 
läufe umsäumt, denen fte wie venezianische Paläste entsteigen. 
Vor ihren Portalen könnten gepanzerte Schildwachen, auf ihren 
Altanen Jungfrauen stehen. Wer sie in dieser Erwartung betritt, 
wird allerdings zunächst eine Enttäuschung erleben. Statt der 
Ritter, die durch die magische Gewalt der Architektur herauf 
beschworen werden sollten, trifft er nur unbewafsnete Lagerhalter 
an, die über Kisten und Ballen gebieten. Die Güter, die hier, auf 
exterritorialem Gebiet, einmagaziniert sind, genießen das Vor 
recht, nicht verzollt werden zu müssen. Durch die mit ihnen ge 
füllten Stockwerke zu lustwandeln, ist ein außerordentliches Ver 
gnügen. Zwischen hochgeschichteten Säcken ziehen sich enge Passagen 
hin, Schleichwege, die mitten ins Kaffeezentrum sich an Tabaken 
vorbeiwinden, oder ein Konzentrationslager von Sardinen er 
schließen. Tropische Düfte erfüllen den Raum, einer schadhaft 
gewordenen Packung entquellen die Feigen, und man ist beinahe 
schon im Schlaraffenland selber. Das sind nicht mehr die wohl 
bekannten Lebensmittel, die man in irgendeiner Kolonialwaren- 
handlung ersteht; das sind unersetzliche Kostbarkeiten, die wie ein 
Augapfel beschützt zu werden verlangen. Der äußere Feind ist 
mächtig geworden, und ich wage daher nicht Zu entscheiden, ob 
zu ihrer Unterbringung auch einfachere, weniger gewalttätige 
Häuser genügt hätten. Vielleicht bedarf es wirklich aus Gründen 
der Verteidigung dieser Bastionen, die einer jahrelangen Belage 
rung standhalten können, und am Ende sind die Zinnen und 
Wachttürmchen unerläßlich, um die Ruhe der Datteln zu sichern. 
An einem Vormittag bin ich Zeuge einer kleinen stummen Szene 
gewesen. Oder vielmehr nicht einmal einer Szene, sondern nur 
eines lebenden Bildes. Es hat sich mir in einem jener Gänge dar 
gestellt, die sich wie ein geheimes Kanalney durch die Häuserblocks 
der Hamburger Altstadt ziehen. Unauffällig wie ein Hausflur 
zweigen sie von der Straße ab und scheinen im nächsten Hinterhof 
zu versacken. Aber in Wirklichkeit sind sie Psade, die durch den 
Häuserbusch kriechen, manchmal zu einem lichtscheuen Platz aus 
buchten, sich mit anderen Pfaden kreuzen und schließlich wieder 
in eine Straße einmünden. Die Giebel berühren sich fast, und die 
gebleichten Fachwerkwände halten die Außenwelt fern. Kein Laut 
von ihr bricht in die Gänge, und der Eindringling hört nur ab 
und zu schleichende Tritte oder das elektrische Klavier aus einer 
Destillation. Als seien sie von der Stille ausgebrütet, so reglos 
stehen vereinzelte Mädchen herum. Blonde, goldgelb Gefärbte, Dicke 
mit Fettwülsten und ausgemergelte Strünke: wie traurige Tulpen 
ragen sie im Pflasterbeet hoch und warten, ob einer sie ausrupsen 
will. Sie lesen Romane, stieren vor sich hin und langweilen sich. 
Mitunter, wenn sich gerade ein Luftzug in die Enge verirrt, wehen 
ihre kümmerlichen Fähnchen vor dem Verputz, und ein Kimono 
bläht sich pompös. An jenem Vormittag bin ich durch ihre Reihe 
wie durch eine Flüsteralles gegangen. Der blaue,Himmel ist weit 
weg. und ein Mädchen nach dem andern möchte mich bannen. Da 
taucht ein Blumenhändler vor mir aus, ein richtiger, unverfälschter 
Blumenhändler, der ebenso gut auf dem Jungfernstieg seine Dahlien 
und Rosen fetlbieten könnte. Ja, er wäre dort sicherlich besser am 
Platz, und ich wundere mich eigentlich über seine zwecklose An 
wesenheit im Gang. Doch meine Bedenken werden auf eins wunder 
bare Weise zerstreut. Ein Fenster öffnet sich, und eine Hand streckt 
sich heraus. Die Hand gehört einem üppigen Mädchen in ärmellosem 
blauem Kleid. Der Händler entnimmt seinem Korb einen Präch 
tigen Strauß und reicht ihn der. Dirne, als sei sie eine vornehme 
Dame. Und wirklich, das Mädcken wird durch die Zeremonie der 
Uebergabe geadelt. Lächelnd prüft es die Komposition des Buketts, 
sind oder schon Feierabend haben, angestrengt obliegen. Zwar, die 
Hafenarbeiter, die in Jollen aus den Wersten zurückbefördert wor 
den sind, stapfen fest und unaufhaltsam gradaus, aber es ist, als ob 
sie nicht nach Hause gingen, sondern über ihr Zuhause hinweg- 
marschierten, immer weiter, in langen Kolonnen. 
Graue, alte, ärmliche Hafenstraßen: in ihnen sind Herrlichkeiten 
vorwsggenommen, die wir, wer weiß, wann gereinigt aufchauen 
dürfen. *
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        Begleiterin, und die kleine Menschenansammlung zerrieselt rasch 
wieder, ohne daß ein Polizist oder ein Kinooperateur sich zeigte. 
Aus der Urwüchstgkeit dieses nachmittägigen Ereignisses läßt sich 
unschwer auf die der Wende schließen. Wenn der Rheinstrom 
glänzt, die bayrischen Alpen erglühen, der Springbrunnen des 
Alkazars farbig rauscht und das Licht aller Vergnügungsfaffaden 
mit vereinten Kräften die Baumwipfel streift, erinnert die Reeper- 
Lahn von fern an die Avenue de Clichy, mit der sie auch die 
Eigentümlichkeit teilt, eine wichtige Station des Fremdenverkehrs 
zu sein. Wahrhaftig, wie auf dem Monmartre rollt, ein luxuriöses 
Autocar an und bringt die Fremden zu den Freuden und Köni 
ginnen der Nacht. Um dem Schwärm zu entrinnen, der von den 
Garderobieren und Kellnern, auf die er ungestüm niederbraust, 
schlechthin als die Rundfahrt bezeichnet wird, tut man gut daran, 
sich in eine dunkle Seitenstraße zu verziehen, in der verschiedene 
Chinesenkneipen gedeihen Sie stinken, ihre Speisekarten tragen 
unverständliche Schriftlichen, und ihr Tee schmeckt wie jeder andere 
Tee. Füge ich noch hinzu, daß der Aufenthalt in ihnen trotz der 
naturgetreuen Statisten und mancher Verschlüge und Luken, hinter 
denen im Film unzweifelhaft ein Mord geschähe, auf die Dauer 
stumpfsinnig ist, so wäre damit der endgültige Beweis für ihre 
urwüchsige Echtheit erbracht. Die wirklichen Kenner bevorzugen 
statt solcher Echtheit gewisse Surrogate, in denen unsere Zeit sich 
verdichtet, und ich meinerseits gestehe gerne, daß mich stärker als 
jene chinesische Kaöimah ein Tanzlokal gefesselt hat, das in breiter 
Oeffentlichkeit am Anfang der Reeperbahn liegt. In ihm ver 
kehren junge Angestellte, die nach der neuesten Mode schlenkern. 
Feste Pärchen, Dirnen, denen die Bluse zart von der Schulter 
gleitet, und bessere Mädchen, die von den Schlenkernden engagiert 
werden möchten Aus den verschiedensten Ecken und Enden und 
Schichten herbeigeströmt, werden sie hier alle gleichmäßig von einer 
zuckersüßen Innenwelt umfaßt und erwärmt, die sich aus einer 
Art von Leichtsinn trapezförmig verjüngt und dadurch der genauen 
Kontrolle entzieht. Sie ist reich an matten Glasflächen, die je nach 
Bedarf vor- oder zurückgeschoben werden können, und enthält zwei 
kreisrunde leuchtende Tanzböden, deren einer sich auf der Empore 
befindet, dort, wo die beiden Längswände in spitzem Winkel sich 
nähern. Infolge der gewaltsamen Verjüngung entsteht die Täu 
schung, als ob er an einen im Unendlichen gelegenen Fluchtpunkt 
hinausgerückt sei. Sobald nun ein Tango zu schmachten beginnt, 
belebt sich jenes ferne Rondell. Aber zum Unterschied von den 
Tanzenden unten erscheinen die in der Höhe nicht als wirkliche 
Menschen, sondern als ein verschlungener Knäuel von Marionetten. 
Während ihre vermutlich fein modellierten Gesichter nur zu ahnen 
sind, schweben ihre Rocksäume und Beine im Lichte der strahlenden 
Fläche. Puppenhafte Geschöpfe, regen sie sich lautlos wie hinter 
gläsernen Wänden, und schweigt die Musik, so verschwinden sie 
augenblicklich im Kasten. 
ch 
Den Schiffen Zu folgen, die auf der Elbe fahren. — 
Wie ein See erweitert sie sich bei Blankenese, das sich hügel- 
aLwärts zu ihrem Ufer zieht und sie ein Stück weit begleitet. 
Baut sich der Ort, vom Fluß aus betrachtet, sichtbar, um nicht zu 
sagen, malerisch auf, so versteckt er sich vor seinen Bewohnern hinter 
Gärten und Parks. Lange, saubere Treppenpfade, deren Jrrgänge 
das Hügelbild kunstvoll erweitern, führen bald in'den Himmel, 
bald in die schönsten Blumenbeete hinein, niedere Häuschen, die 
halb unter der Erde zu leben scheinen, wechseln mit völlig aus ¬ 
gekrochenen Villen, der Badestrand wird von Bäumen behütet, die 
Hakenkreuze zeigen sich ungeniert öffentlich, und auf einem großen 
freien Wiesengelände weiden Flamingos, Hirsche und Rehe so 
einträchtig zusammen, daß man über dem Entzücken an ihrem 
sanftmütigen Dasein beinahe in die Gefahr geriete, des unsrigen 
zu vergessen. 
Den Schiffen zu folgen -- elbaufwärts und -abwärts fahren 
sie unablässig vorbei: die kleinen Kläffer von Barkassen, deren 
Motoren unverschämt rattern, die Kursdampferchen, die Kutter, 
die Segelboote, die Frachtschiffe der verschiedenen Nationen mit 
ihren Ausbauten, die oft wie eine Kolonie leichtgeschürzter 
Sommerhäuschen die Mitte des Liefschwarzen Schiffsgrunds be 
decken. Manchmal tuten sie dunkel und übertönen die ungefüge 
Baggermaschine im Fluß, die, wenn es ihr darauf an kommt, wie 
ein ganzer Schlacht- und Viehhof brüllen kann, neben dem noch 
eine Hühnerfarm untergeöracht ist. Und immer wieder ereignet 
sich dies: daß sich ohne jede Ankündigung aus dem Laub eine 
Riesenwand vorschiebt, die sich allmählich zum Ueberseedampfer 
entwickelt. Die „Cap Arcona", die „Hamburg", der „Albert 
Ballin": alle haben sie sich so unversehens genähert. Sie schwimmen 
nicht eigentlich auf dem Wasser, sie schweben in einer vollkommenen 
Stille dahin. Erscheinungen, die langsam und, wie mit den Händen 
zu greifen, dem Strand entlang gleiten und zögernd verschwinden. 
Aber gerade, weil sie sich ganz offenbaren, ist ihre Größe nicht 
zu ermessen. Der Tennisplatz hinter dem Schornstein schrumpft 
zum Käfig zusammen, die Menschen auf dem Promenadendeck sind 
ein winziger Haufen, und das gesamte Fahrzeug ist eine Abbildung 
seiner selbst. Daß man es wie ein Plakat zu überschauen vermag, 
wäre ein ihm zugefügtes Unrecht, wenn man seine leibhafte 
Gegenwart ubersähe, die das Schaubild berichtigt. Erst in der 
Nacht wird diesen Schiffen ihre wahre Gestalt zurückgeschenkt. 
Dann wachsen sie in die Höhe, leuchten, ein abgezirkelter Sternen- 
Himmel, aus endlich vielen Luken, und sind von außen so un 
geheuer, wie sie es inwendig sind. Mit ihnen zu reisen: welch eine 
Verlockung!- Aber wunderbar ist auch, ihnen mit den Blicken zu 
folgen und jene Reiserouten einzuschlagen, die sich während ihres 
Vorbeiwallens eröffnen. 
Wikosopßische Brocken. 
Vom intern, tionalen Hegel-Kongreß. 
Berlin, im Oktober. 
In der alten Aula der Universität, einem entzückenden Saal 
mit etwas leichtfertigen Rokoko-Ornamenten, der entschieden das 
Prädikat ehrwürdig nicht verdient, das ihm einer der Redner aus 
ehrwürdiger Gewohnheit heraus zuerkannts, wurde der zweite 
internationale Hegel-Kongreß in Anwesenheit zahl 
reicher ausländischer Gäste eröffnet. Vor allem die Holländer und 
die Italiener scheinen von der Hegel-Bewegung ergriffen zu sein, 
Während sich die Engländer und die Franzosen offenbar ziemlich 
unbewegt verhalten. Und die Russen? Ich komme auf sie gleich 
zurück. 
Was wäre ein Kongreß, den niemand begrüßte? Dieser ist wie 
ein ehrwürdiger Jubilar mit riesigen GrußbuteLLs bedacht wor 
den. Die Berliner philosophische Fakultät, die Behörden, die Preu 
ßische Akademie der Wissenschaften, die Deutsche Philosophische 
Gesellschaft usw.: sie alle haben es sich nicht nehmen lasten, dem 
Kongreß unter Beziehung auf Hegel Gutes zu wünschen. Wer und 
was alles mit Hegel in Verbindung steht, hat man erst jetzt richtig 
gemerkt. Dennoch verlohnte die Gr.'tulatwnskur keiner Erwäh 
nung, hätte sich unter den Grüßenden nicht auch der preußische 
Kultusminister Grimme befunden. 
Seine Grüße sind alles andere eher als PostkartengrußZ ge 
wesen, ist er doch als der einzige auf ein Thema eingegangen, das 
der Kongreß selber anscheinend gar nicht in Erwägung gezogen 
hat, obwohl es nah genug lag. Ich zitiere aus dem Programm 
einige Vortragstitel: „Der werdende Hegel"; „Das Wahre in der 
Philosophie Hegels"; „Das Problem der tzegelschen Logik"; 
„Hegel und das Privatrecht"; „Hegels Religionsphilosophie". Und 
so fort. Eine Blutenlese vielversprechender Themen, unter denen 
aber ein Name fehlt, der bei einem internationalen Hegel-Kongreß 
nicht hätte fehlen dürfen: Marx. Ob er aus Zerstreutheit weg 
geblieben ist, oder eine Ausfallerscheinung darstellt, wage ich nicht 
zu entscheiden. Jedenfalls hat ihn nur Herr Grimme mit Nach 
druck genannt. Er allein spricht von Lastalle; er allein erinnert 
ohne Rücksicht aufs akademische Schamgefühl daran, daß Hegels 
Denken Lm marxistischen verändert fortlebt. 
Und die Rüsten? Es soll mir ihnen verhandelt worden sein, 
aber sie sind nicht gekommen. Vielleicht haben die Vortragstitel 
sie qbgeschreckt. Außerdem fanden keine Diskussionen statt, und sie 
diskutieren als echte Dialektiker nun einmal gern. 
* 
Den Festvortrag hielt Professor Kroner (Kiel) über Hege! 
mch die Gegenwart. Nachdemer die Feindschaft des 19. Jahr 
hunderts gegen die Hegeische Metaphysik festgestellt hatte, ohne 
dabei allerdings auch nur mit einem Wort die tzegelschen Linken 
und des verpönten ökonomischen Materialismus zu gedenken, begab 
er sich sofort mitten in die Gegemvart hinein. Seine Betrachtungen 
waren zunächst ziemlich elegischer Art und gipfelten ungefähr in 
der Erkenntnis, daß Hegels System einer verlassenen Schloßruine 
gleiche, die nicht mehr beziehbar sei. Aber in echt dialektischem 
Umschlag wurde dann später diese zumal für den Hegelbund uner 
freuliche Tatsache in höchst erfreuliche übergeführt. Herr Kroner 
nämlich ist der Meinung, daß nach dem Krieg die Metaphysik bet 
uns wieder zu Ehren gekommen sei. Ich sehe mich vergeblich nach 
den Anzeichen um, aus denen er eine solche Gewißheit schöpft. 
Tleht die linkSradikale fugend in jenem Lager, da- er zu berühren 
ve. meidet, so gefällt sich die rechtsradikale in heilloser Romantik, 
und dazwischen ist eben nicht viel. Noch weniger kann ich seine 
hoffnungsvolle Aussage geheißen, daß wir uns jetzt vielleicht in 
einer Zeit befänden, in der sich der deutsche Geist wieder in seine 
Innerlichkeit zu vertiefen vermöge. Denn Mmal hat der deutsche 
Geist äußerer Existenzsorgen wegen in dieser Zeit verdammt wenig 
Zeit für die Innerlichkeit. Und zum anderen wäre die Möglichkeit, 
daß er sich jetzt doch ins Innere zurückzoge, statt erst einmal außen 
Ordnung zu schaffen, wahrhaftig kein MM Zum Frohlocken, son-
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nette Kollektion von Hochstaplernovellen enthalten. 
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Auch die Detektivromane machen eine gewisse 
Entwicklung durch. Vorbei sind die Zeiten, in 
denen sich ihre Helden für den Mord an einer alten 
Rentiere interessierten und ihren ganzen Scharfsinn 
aufboten, um irgendeinen verbrecherischen Einzel 
gänger zu stellen. Der Individualismus hat aus 
gespielt; und heute treten die berühmten Detektive 
gewöhnlich erst in Aktion, wenn eine wohlorgani 
sierte Verbrecherbande die Ruhe einer Weltstadt 
gefährdet. Jedenfalls pürschen sie nicht mehr im 
Mittelstandsrevier, das ja auch wirklich sehr zu- 
gammengeschrumpft ist, sondern lauern lieber dem 
Großwild auf, dessen Wege schwerer zu erforschen 
sind als die eines kleinbürgerlichen Mörders. 
Otto Soyka hat schon in seinem Frühroman; 
„Söhne der Macht" den kriminellen Neigungen jener 
Mächtigen nachgespürt, die dank ihres Reichtums 
gesetzeswidrigen Passionen frönen können, ohne eine 
Strafe fürchten zu müss. In der Tat steht eine 
kleine Schar einflußreicher Plutokraten außerhalb 
aw (renzan. aze rur ale uorizon üuztüutou -- ekta mit einer Voraussicht. die nur ale weiße Maeie 
zogen sind, und genjeßt sine.reiheit.die zugleich ^M^mBchte bei dieser Gelegenheit auf zwei 
eine Verführung bedeutet.. Verschiedene amerika- walale Bände aüfmerksam machen, die eine 
nische Kriminalprozesse haben schlimme , ersen, nette Kollektion von Hochstaplernovellen enthalten, 
hingen aus diesem Kreis an den Tag gebracht und Sie heißen: „DerBrizant" und „Der Prel 
so die Konstruktionen boykas bestätiRt boxn .1et lert (Wilhelm Goldmann, Leipzig.) und sind erst 
erschienener Romans Job Kneit 8ehtvor kurzem erschienen: aber bei der Produktivität 
alles voraus" (Arthur Cassirer Verlag, Berlin. von Wallaceist anzunehmen, daß sie dennoch be- 
248 Seiten.) handelt ebenfalls von den Aueschrei- reits zu seinen längstvergangenen Werken gehören, 
tungen der Macht WieEhrenberg in seinen letz- In beiden betrügen Betrüger Betrüger. Tmständ- 
ten Büchern die Machenschaften abenteuerlicher licher ausgedrückt: ein ehemaliger Offizier, der 
Finanzgrößen enthüllt, so befaßt sich Soyka hier keine ehrliche Arbeit findet, kommt auf den glück- 
mit dem lasterhaften Treiben eines modernen Bank- : n c hen Gedanken, im Verein mit einigen Kriegs- 
gewaltigen, der über unbeschränkte Mittel zur Ver- und Leidensgefährten vermögende Leute der Ge- 
wirklichung seiner Pläne gebietet. Der Ansatz des Seilschaft zu brandschatzen, deren Reichtum nach+ 
Problems ist zweifellos richtig. Ausgesponnen wird wreisbar nicht die Frucht ehrlicher Arbeit ist. Es 
es zu einer Fabel, die zum mindesten alle Erforder- läßt sich nicht leugnen, daß er seine Uebungen in 
-einessepannenden Kriminalreißers erfüllt. Hin- praktischer Gesellschaitskptik amüsantyduphexer 
Kapitalecke harrt eine neue Sensation. ziert und die «*»»» Beispiele der Wirklichkeit 
Kreit durchkreuzt die gegnerischen Pro ziemlich entsprechen 
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        Renovierter Jazz. 
Als der Jazz noch jung war, in den Jnflationsjahren und später, 
antwortete er den Bedürfnissen einer Menschheit, die zu vergessen 
suchte. In der Tat bedeutete er damals Gegenwart und nichts 
außer ihr. Eine Gegenwart, die dem Krieg den Nucken zugekehrt 
hatte und zunächst nur sich selber bestätigen wollte. Ihr hing die 
Generation der Kriegsteilnehmer an, die noch mcht der Erinnerung 
fähig war, und zu ihr bekannten sich auch die Jungen, sie, die wäh 
rend jener Jahre erfuhren, daß die Chancen schnell wechselten und 
man den Augenblick festhalten mußte, um zum Genuß des Lebens 
zu kommen. Wie sie da waren, Menschen, aller Nationen, standen 
sie gleichmäßig zwischen zwei Zeiten: bereit, das Vergangene zu 
ersäufen und die Zukunft, die doch nicht vorhergesagt werden konnte, 
einstweilen auf sich beruhen zu lassen. Der Jazz erfüllte, was sie 
begehrten. Er haftete nicht wie der Walzer am Gewesenen, sondern 
warf es ganz und gar von sich ab. Das Daseinsgefühl, das er aus- 
stromte,. war das der unbelasteten Körperlichkeit. Dies aber, daß er 
den Augenblick bejahte, der keine Herkunft hat und folgenlos ist, 
erklärt recht eigentlich seinen Siegeszug. Denn da er die Welt vom 
Fluch der Zeit und des Bewußtseins erlöste, war es nicht mehr als 
billig,- daß sie sich ihm ohne Bewußtsein und unbegrenzt hingab. 
Und wirklich verwandelte sie sämtliche Podien in. Altäre und weihte 
sich in Hoteldielen und CafyhLusern seinem Dienst. Es war die hohe 
Zeit des Jazz. Seine Trabanten tauchten in der barbarischen Fröh 
lichkeit unter,'die er Heraufbeschwor, und glaubten durch ihn die 
Gegenwart zu besitzen, die sie selber besaß. 
Inzwischen hat diese Gegenwart längst aufgehört zu bestehen. 
Sie ist in dieselbe Vergangenheit eingerückt, von der sie sich ein 
für- allemal abzulösen gewähnt hatte, und einem Zustand gewichen, 
der sich von dem ihren gründlich unterscheidet. Vereinigten sich die 
Menschen damals im Streben, über den Tag nach Möglichkeit nicht 
hinauszudenken, so sind sie heute mit Sorgen beladen, die den 
kommenden Tag betreffen. Die Gegenwart des Jazz war zum Punkt 
verengt; die jetzige Gegenwart ist ein dunkler ungewisser Weg. Statt 
sich wie jene gegen die Zukunft abzublenden, bemüht sie sich um eine 
Rettung aus der Dauerkrise, in die wir geraten sind; statt sich 
während einer kurzen Galgenfrist zu vergnügen, kämpft sie für die 
Verlängerung kurzfristiger Kredite. Damit ist aber auch der . Jazz 
in einem'entscheidenden Sinne historisch geworden. Er konnte Beine 
lockern, die aus den zeitlichen Zusammenhängen heraus zu tanzen 
verlangten, um sich erst einmal wieder als Beine zu fühlen; Menschen 
auf diese Beine zu bringen, die sich mit der Zeit auSeinanderfetzen 
müssen, ist ihm versagt. Schon klingen die Rhythmen verschollen, 
die einst das horizontlose Leben elektrisierten. Sie erreichen kaum 
noch eine Gegenwart, die nicht mehr Vergessen schenkt, sondern in 
ihrer Verzweiflung sich selber vergißt, und die im Zeichen dieser 
Musik veranstalteten Tanzthees sind der Brauch einer klassenmäßig 
bestimmten Schicht. 
Auf den Variete-Bühnen wird versucht, den in der 
Konvention erstarrten Janz von neuem zur Aktualität zu er 
wecken. Dort treten Steptänzer auf, dort finden Gastspiele von 
Jazzkapellen statt. Die Scala etwa, in der sich jetzt Bernard 
ELt6 mit seiner Bühnenschau produziert, hat schon wiederholt 
solche Nummern gebracht. Gerade die Tatsache aber, daß sie den 
Jazzj zur isolierten Kunstleistung erheben, ist ein untrüglicher 
Beweis dafür, daß sie chm nur ein Scheinleben einflößen. Sie 
stützen ihn wie eine baufällige Ruine, sie renovieren ihn mit 
künstlichen Mitteln, ohne doch das Klima nach erzeugen zu können, 
in dem er gedieh. Diese Steptänzer sind genau so aus dem Tanz 
saal gerissen, der ihr natürlicher Ort war, wie die Variete-Clowns 
aus dem Zirkus. Ihre Darbietungen haben nichts mit dem Step 
zu schaffen, der früher den Menschen die Zeit vertrieb, sondern 
gehören ins Gebiet der höheren Akrobatik, und der Stiefelgalopp, 
den sie exekutieren, klappert schauerlich hohl. Das riecht nach Ver 
wesung, das beschwört Likörstuben und gespenstische Billionen 
herauf. Nicht minder hoffnungslos sind die Anstrengungen der 
Kapellen, die dem Jazz durch einen gewaltigen Revue-Tamtam 
zur zweiten Blüte verhelfen möchten. Gewiß, ihre Musiker gleichen 
ausgebildeten Jongleuren, der Rumba rasselt betäubend, und die 
Lichteffekte, die das Orchester berieseln, um die Stimmung all 
seitig zu verdicken, übertreffen in technischer Hinsicht die von 
venezianischen Nächten. Indem sich aber der Jazz so kunstgewerb 
lich aufbläht, bezichtigt er sich selbst des Zerfalls. Wie eine Greisin, 
die sich knallrot geschminkt hat, erscheint er auf dem Podium, das 
nicht seine Stätte ist, und behauptet in Jugendschöne zu er 
strahlen. 
Eine Wiederbegegnung, die voller Schrecken ist. Denn die 
Schminke, durch die der Jazz Gegenwart vortäuschen will, ruft 
nur eine verwelkte ins Gedächtnis Zurück. Sie folgt uns nach, sie 
ist vorbei, ohne schon liquidiert zu sein. L. Lraoausr.
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        Bach von der Ruhr, 
Ein 
Von S. Kracauer 
Rückblick® und Werkanalysen: sie alle 
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cQ 
Formen einzuhalten. Von jener, die eine Zeitlang diental die tendenziöse Entstellung. 
schulte Leserstamm wie das allgemeine Publikum Industrierevier besonders stark ausgeprägt ist. An 
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chitektur- 
sto rieche 
kommunale Baupolitik teilweise von reaktionären Mo- . satzes willen eine Erwägung, die öfters wiederkehrt. 
tiven geleitet wird, hindert ihn nicht, ihre guten Sie besagt ungefähr, daß unsere gesamte technische 
Leistungen anch wirklich anzuerkennen. Ein An- Apparatur auf einem Stand angelangt ist, der mit 
stand, der auf die Dauer der eigenen Sache mehr den heutigen Produktionsverhältnissen nicht mehr 
Mode bei uns war, unterscheidet es sich dadurch, 
daß seine Schilderungen in sozialistischen Ueberzeu 
gungen verhaftet sind; von dieser durch die mehr 
beschreibende als systematische Darstellungsart, 
etwas Anfängen kann. Diese Untersuchungen haben 
tatsächlich einen Nutzwert. Einmal darum, weil sie 
einen konkreten Begriff von den Zuständen im Buhr 
gebiet geben. Sie summieren nicht blind die Details, 
sondern fügen sie zum Mosaikbild zusammen. Die 
Dortmunder Westfalenhalle etwa steht für sich da 
und ist doch zugleich in den Alltag der Bevölkerung 
einbegriffen, und ebenso lassen sich auch das Dinta 
und das arbeitsphysiologische Institut aufeinander 
beziehen. Porträts der Großindustriellen und ihrer 
Machtorganisationen, ökonomische Bemerkungen, Ar- 
Die Mischung ist im allgemeinen gut. geraten; ob 
wohl sich ihre Elemente nicht selten nur locker mit 
einander vermengen. Wichtig ist jedenfalls, daß 
Schwarz dank langjähriger Erfahrung Kenntnisse ver 
mittelt, mit denen sowohl der gewerkschaftlich ge- 
Zum Glück werden diese Entgleisungen durch die 
Vorzüge des Buches ausgewogen. Zu seinen entschei 
denden rechne ich um ihres methodisch richtigen Ein ¬ 
fahren ein Sonderleben, das immer wieder zur wech 
selseitigen Konfrontation genötigt wird. Zum andern 
sind die Betrachtungen darum brauchbar, weil sie 
einer verantwortungsbewußten Haltung entspringen. 
Der Verfasser mach’, nirgends einen Hehl daraus, daß 
er eindeutig am Schicksal der Arbeiterklasse inter 
essiert ist, sucht aber dieselbe Aufrichtigkeit, auch 
im Umgang mit den Sachen zu bewähren. Statt die 
Gegenstände kraft der Tendenz leichtfertig zu über 
rumpeln, wartet er ab, ob sie diese in sich enthalten, 
und verzichtet überhaupt nach Möglichkeit auf die 
Vergewaltigung des Materials. Daß zum Beispiel die 
so heißt es einmal, „gilt es für unfein, aus dem 
.Tristan“ und anderen Wagneropern keine religiöse 
Weihestimmung zu empfangen.“ Dergleichen ist von 
außen gesehen und im Ton vergriffen, der sich auch 
sonst ein wenig zu angestrengt bemüht, den Bedürf 
nissen des vorbestimmten Leserkreises entgegenzu- 
eilen. 
Begriffe und Beobachtungen durchdringen sich, 
wie ich bereits andeutete, nicht immer gleich dicht. 
Wo sie gewissermaßen eine chemische Verbindung 
miteinander eingehen, werden fruchtbare Einzeler 
kenntnisse herausdestilliert: so die von der Bedeu 
tung des Wassersports, di ich übrigens in meinem 
Buch: „Die Angestellten'' schon entwickelt habe, 
oder die von den Gründen des Vereinswesens, das im 
anderen Stellen kommen schematische Vorstellungen 
mit verschlossenen Tatsachen zur ungenauen 
Deckung. Dieser Gefahr unterliegen heute zahlreiche 
Schriftsteller. Sie bewahrheiten ihre grundsätzlichen 
Meinungen nicht im Material, bringen vielmehr eine 
fertige Weltanschauung ohne weiteres an schlicht 
hingenommene Befunde heran, die doch zuvor wie 
eine Nuß hätten geöffnet und zur Aussage gezwun 
gen werden müssen. Der Bund zwischen Konvention 
und Jargon ist leicht geknüpft. Besiegelt wird or 
hauptsächlich in den paar Glossen und Abschnitten, 
übereinstimmt. Sein Gewicht erhält der Gedanken 
gang dadurch, daß er nicht wie eine These formu 
liert, sondern der Empirie entnommen wird; Er er 
gibt sich gleichsam als zwangläufige Folgerung aus 
den Tatbeständen selber. Unter anderen Prämissen 
führen zum Beispiel die Verkehrs- und Wohnverhält- 
nisse von sich aus zu dem Schluß, daß planmäßiges 
Wirtschaften eine Notwendigkeit sei. „Jedem unvor 
eingenommenen ... Betrachter," meint Schwarz bei 
. ihrer Schilderung, „wird, es sich aufdrängen, daß es 
wirklich höchste Zeit ist, Plan und Formsin dieses 
Riesenlabyrinth zu bringen...“ Und die Tätigkeit 
des arbeitsphysiologischen Instituts charakterisiert 
er durch die treffende Bemerkung: den Kapitalismus 
dränge „seine eigene Entwicklung auch zur Akzeptie 
rung und Praktizierung wissenschaftlicher Theorien, 
die seinem eigentlichen Wesen und Wollen wider 
sprechen“. Der Wert solcher Feststellungen beruht 
weniger darauf, daß sie das Ziel planvoller Wirt 
schaft verkünden, als daß sie es aus dem Gegenstand • 
heraushören. Denn nur dio Bekenntnisse, die er 
selber ablegt, sind einflußreich; nicht aber die Ideen 
die ihm aufoktroyiert werden. 
Die Bücher über das Industriegebiet häufen sich. 
Sie gleichen nicht mehr jenen bürgerlichen Familien 
romanen von Stratz und Konsorten, in denen Fabrik 
schlote nur den malerischen Hintergrund für patriar 
chalische Ereignisse bildeten und statt der Essen die 
Seelen loderten, sondern beschäftigen sich vor allem 
mit den technischen, ökonomischen und sozialen Ver 
hältnissen im Kohlenrevier. Regers jetzt mit dem 
Kleistpreis ausgezeichneter Roman und Hausers Re 
portagen sind solche Tatbestandsaufnahmen. Ihre 
mehr oder weniger deutliche Absicht ist: mit faulen 
Ideologien aufzuräumen und wirkliche Zusammen- 
hängn der verschiedensten Art sichtbar zu machen. 
Ihnen reiht eich das Buch von Georg 
Schwarz: „Kohlenpott" an (Büchergilde 
Gutenberg, Berlin. 207 Seiten.) Es ist weder eine 
unverbindliche Reportage noch eine konstruktive Ge 
staltung, sucht vielmehr die Mitte zwischen beiden 
und Sittenbilder, Gerichtssaalberichte, hi- die das offenbar weniger erfahrene Leben der Ober 
Schicht kennzeichnen wollen. „In diesen Kreisen,“
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        „Spannend geschrieben." 
Von Ginster. 
„Das ist ein langweiliger Mörder", sagt der zum Mordprozeß 
Ackermann entsandte Berichterstatter einer großen Berliner 
Zeitung in der ersten Sitzungspause zu Georg, der ihn in eine 
Unterhaltung zu verwickeln sucht, ohne daß es ihm gelänge, dem 
berühmten Journalisten irgendeine wichtige Auskunft zu ent 
locken. Er heißt Benario, und seine Artikel sind immer „Rio" ge 
zeichnet. In der Tat wirkt Ackermann so nichtssagend, daß man 
ihn sofort vergäße, wenn man ihn etwa auf der Straße um Feuer 
gebeten hätte, und auch sein Fall ist völlig geklärt. Ein kleiner 
Filialleiter in schlechten Verhältnissen, der eines Tages mit einem 
Beil und einem Hirschfänger, die beide unbeteiligt auf dem Ge 
richtstisch liegen, seine kranke Frau und seine Schwiegermutter 
umgebracht hat. Beschönigte er noch die Morde — aber, überwäl- 
Ligt von ihnen, räumt er sie mit einer leisen Stimme ein, die 
selber von dem Beil erschlagen worden zu sein scheint. Wird er 
vielleicht dem sicheren Todesurteil Schwierigkeiten bereiten? Im 
Gegenteil, er hat schon geäußert, daß er seine Hinrichtung wünsche. 
Herr Benario wiederholt: „Ein langweiliger Mörder" und geht 
in den Gerichtssaal mit der Miene eines gefeierten Tenors zu 
rück, dem man zumutet, in einem Bierkeller Zu singen. 
Je länger die Verhandlung dauert — sie findet am Tatort, 
einem Städtchen der Nachbarschaft, statt — desto weniger gelingt 
es Georg, die Gleichgültigkeit Benarios nachzuahmen, die er doch 
zur Schau tragen müßte, um ihm seine Ebenbürtigkeit zu be 
weisen. Er hätte begriffen, wenn nach dem Geständnis unver 
züglich das Urteil verkündet worden wäre — die Taten sind be 
kannt und die Strafe steht fest —, aber er kann nicht begreifen, 
warum auch noch die Gründe des Verbrechens erforscht werden 
sollen. Wozu bohren sich die Verhöre immer tiefer und tiefer? 
Der Gerichtssaal ist grün und mit Kringeln wie aus Asche be 
deckt. Allmählich verblassen die Kringel, und ein Nebel breitet 
sich aus, in dem die Wände und die Gesichter versinken. Von 
einer entsetzlichen Angst gepackt, harrt Georg allein in der unend 
lichen Leere. Namen, Wortgelall, Rufe umtosen ihn. Er wartet, 
ohne sich regen zu können. 
Es zeigt sich ihm die Liebe Ackermanns zu seiner Frau. Wie 
eine chemische Flüssigkeit, so färbt sie die Leere rot. 
Es zeigt sich die Krankheit der Frau und Ackermanns leerer 
Beutel. Die-Frau hat ihres Leidens wegen seit Jahren mit dem 
Mann keine richtige Ehe geführt, und Ackermann ist zu gering 
besoldet gewesen, um die teuren Medizinen zu bezahlen und alle 
die Kuren. Er hat Unterschlagungen begangen. Er hat im Ge 
danken gezittert, daß die Diebstähle bei der nächsten Revision 
Herauskommen könnten. 
Es zeigt sich die Todessehnsucht. Bor längerer Zeit haben die 
beiden aus Kummer über ihr Leben gemeinsam den Tod aufsuchen 
wollen, aber wie sie schon mitten im Fluß sind, erklingt vom 
andern Ufer ein Lied, und sie kehren in den Abend zurück. Später 
hat die Frau den Mann noch mehrmals gebeten, sie doch endlich 
von ihren Schmerzen zu befreien. Sie ist fromm und steht das 
Jenseits geöffnet .zu ihrem Empfang. 
Es zeigt sich der Haferbrei. Die Schwiegermutter hat einen 
Tag vor dem Mord den Haferbrei für die Frau anbrennen lassen. 
Die Frau hat die verdorbene Speise nicht anrühren können. 
Ackermann, d-&amp;gt;r für einen Augenblick puppengleich auftaucht, brüllt 
den verbrannten Haferbrei in di.e Leere hinaus. 
Es zeigt sich . . . Es zeigt sich . . . Bett, Kasse, Arzt, Fluß, 
Brei, Welt — die Tor wächst aus ihnen hervor, eine rote Liebes 
blüte, und niemand darf sie bestrafen. 
Aber dann schieben sich die Wände wieder dazwischen, und es 
ist, als seien sie immer zusammengestoßen. Richter und Geschworene 
sitzen in einer Reihe, wie lauter Rechtecke nebeneinander, und 
starren auf Ackermann, der nicht mehr brüllt, sondern nur noch 
äußerlich ist. „Wie geht es Dr. Petri?" erkundigt sich Herr 
Benario. Auf dem Gerichtstisch liegen Hirschfänger und Beil. Sie 
sind von Holz und Eisen, leisten Widerstand und wühlen sich in 
menschliche Schädel. Die zwei Psychiater, die aus Kinn und 
Bärten bestehen, beginnen zu raffeln. Grün sind die Wände und 
mit Kringeln bedeckt. Weshalb sind die Gründe gezeigt worden, 
wenn sie doch nicht zählen, wenn der Mord sich wieder von ihnen 
ablösen muß, und die Rechtecke sitzen ihm fremd gegenüber. Sie 
werden die Todesstrafe verhängen, als hätten sie gar nichts ge 
sehen. Ach, wäre nur nicht gefragt worden, es ist doch unmöglich^ 
zu fragen und hinterher die Fragen zu köpfen... 
Mehrere Tage danach liest Georg zufällig in einer großen 
Berliner Zeitung ein Feuilleton, das die Überschrift: „Ein lang 
weiliger Mörder" trägt und so spannend geschrieben ist, daß er 
über seiner Lektüre vergißt, selber dabei gewesen zu sein. Es ist 
Rio gezeichnet. 
einem neuen Roman von (Ginster.
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        Funatscharski über die russische Kultur 
bestehende. 
8. TrasLuer. 
Im Verlauf einer Polemik, die gewissermaßen das Präludium 
bildete, fiel die Bemerkung, daß noch nie ein Land ein solches 
Interesse für theoretische Fragen bekundet habe wie Rußland, 
und die Bedeutung der Theorie für den Alltag noch nie so deutlich 
wie dort erkannt worden sei. Man weiß das; aber man ermißt 
bei uns vielleicht doch nicht ganz, was die ständige Konfrontation 
von Theorie und Praxis für jede einzelne Lebensäußerung bedeutet. 
Auch die scheinbar indifferente wird dazu gezwungen, Farbe zu 
bekennen und ihren sozialen und politischen Gehalt Zu enthüllen. 
Ein Kontrollverfahren, durch das die Russen jedenfalls die Ver 
wirklichung der von ihnen gewollten Ordnung noch auf den ab 
gelegensten Gebieten erreichen und die Einschmuggelung von 
Konterbande verhindern. Ob man nun die faktische Handhabung 
dieses Verfahrens anerkennt oder nicht: als heuristisches Prinzip 
stiftet es zweifellos überall Nutzen. Immer wieder begegnet man 
bei uns wissenschaftlichen oder literarischen Meinungen, die sich 
fü" unpolitisch halten, ja ganze Abteilungen des Daseins werden 
von ihren Hütern künstlich neutralisiert. Aber in Wahrheit 
sind sie gar nicht neutral, sondern enthalten Voraussetzungen oder 
Konsequenzen durchaus politischer Art. Es wäre für das geistige 
Leben in Deutschland ein Gewinn, wenn sich alle Formulierungen 
und Leistungen mit den sozialen und politischen Tatsachen aus- 
einandersetzten, statt sich wie so oft hinter einer vermeintlichen 
Neutralität zu verschanzen. 
Das Tatsachenmaterial, das Lunatscharski unterbreitet, bezieht 
sich auf die Bekämpfung des Analphabetentums, aufs niedere und 
höhere Schulwesen, auf die kulturellen Organisationen der Partei 
und die planmäßige Pflege der Künste. Imposante Zahlen be 
kunden eine Ehrfurcht vor der Statistik, die auch durch das 
summarische Wesen gewisser inhaltlicher Angaben belegt wird So 
heißt es etwa, daß der Verbrauch an Druckpapier im Vergleich mit 
der Vorkriegszeit um das Vierfache gestiegen sei. Nicht so, als ob 
die Quantität entschiede; aber das Meß- und Bezifferbare drängt 
sich doch aus begreiflichen Gründen einstweilen stark vor. Vielleicht 
hängt der ihm erteilte Rang auch mit der beinahe mystischen Wert 
schätzung zusammen, die zur Zeit in Rußland die Wiss enschaft, 
vor allem die Naturwiffenschaft, genießt. Mir brauchen die Wissen 
schaft wie die Lust zum Leben": ein solcher Satz ist 19. Jahr 
hundert und Zugleich etwas ganz anderes. Er wiederholt nämlich 
nur äußerlich eine historische Phase unseres Denkens; in Wirklich 
keit entstammt er einer neuen Situation. Der Situation eines 
Volkes, das sich geistige Besitztümer und Verfahrungsweisen, die 
auf einem fremden Boden gewachsen sind, zu Zwecken aneignet, Zu 
denen sie bisher nicht gebraucht wurden. Es ließe sich daher durch 
aus denken, daß die Flachheit, mit der Lunatscharski von den Fort 
schritten des Konsums an Kulturgütern Rechenschaft ablegte, nicht 
ganz so flach wäre, wie sie uns erscheint. Mitunter kleiden sich un 
gewohnte Sachen in die Sprache von gestern. 
seinem Vortrag. 
Umstanden Generationen der Zukunft zum Opfer gebracht werden 
müssen, die dem vollendeten Sozialismus gehöre. Diese durch 
und durch dynamische Lebensauffassung wird entschieden gegen 
jede statische ausgespielt, nach der das menschliche Dasein 
darum einen unvergleichlichen Wert hat, weil es sich auf Gehalte 
bezieht, die über die Entwicklung in der Zeit hinausweisen. Ja 
nicht einmal die immerwährende Dialektik zwischen den statischen 
und den dynamischen Sachverhalten gibt Lunatscharski zu. Um 
seinen Standpunkt zu verdeutlichen, gebraucht er ein merkwürdiges 
Bild. Er vergleicht den Sozialismus in der Periode des Ausbaus 
mit der ecclesia militans; woraus bereits von selber folgt, daß 
die ecclesiL triuroxkanZ mit dem vollendeten Sozialismus gleich 
gesetzt wird. Unverkennbar verrät dieses Bild, bis zu welchem 
Grade der russische Kommunismus eine säkularisierte Heilslehre 
ist. (Unser N. L.-Mitarbeiter hat erst jüngst in einem seiner vor 
züglichen Rußland-Aufsätze ähnliche Beobachtungen gemacht.) Und 
noch eine andere Einsicht entspringt dem Vergleich. Sich an Lenin 
anlehnend, schildert Lunatscharski den vollerrdeten Sozialismus 
als das Reich des Friedens und der Freiheit, als einen kampf 
losen Zustand, der keine Entwicklung mehr kennt. Er ist das 
Paradies selber, das irdische Jenseits der Zeit. Die extrem-dyna 
mische Haltung, die der Zukunft die ganze Gegenwart darbringt, 
ist so genötigt, das von ihr restlos verdrängte statische Prinzip 
am Ende der Entwicklung restlos aufleben zu lassen. Ob aber auch 
nur theoretisch angenommen werden darf, daß seine Herrschaft den 
dynamischen Prozeß aözulösen vermag, der es radikal tilgen will, 
ist zum mindesten fraglich. 
Lunatscharski unterscheidet in Rußland zwischen der politischen, 
der wirtschaftlichen und kulturellen Revolution und ist im Gegen 
satz zu manchen seiner Mitkämpfer der Ansicht, daß die kulturelle 
von der gleichen Dringlichkeit sei wie die eigentlich 
materiellen. Aus folgenden Gründen: des Bedarfs an Fach 
arbeitern wegen; im Interesse der Hebung des Lebensstandards; 
um der Aufzucht „kommunistisch enthusiasmierter" Massen willen. 
Diese schematichen Distinktionen, die überdies den Begriff der 
Kultur allzu weit spannen, sind insofern lehrreich, als sie erken 
nen lassen, Laß die russische Praxis das „Kulturelle" dem „Mate 
riellen" nicht nächstem, sondern neöenzuordnen sucht. Das wirk 
liche Verhältnis zwischen beiden Ordnungen: der materiellen und 
jener, die wir die geistige heißen, kann sich erst in einem vorge 
rückten Stadium des Experimentes ergeben. Inzwischen ist es 
methodisch beachtenswert, daß man sich schon während seiner An- 
sangsphase um ihr Jneinandergreifen bemüht. 
ch 
Die russische Gegenwart ist nach Lunatscharski die Zeit des 
streitenden Sozialismus, eine heroische Epoche, in der unter 
In einigen Bemerkungen, die ohne Zweifel der offiziellen 
Meinung von heute entsprechen, grenzt sich Lunatscharski von ge 
wissen ultralinken Anschauungen ab. So stellt er fest, daß 
man in der Architektur nicht mehr allein die reine Zweckmäßigkeit 
erstrebe, sondern die Darstellung eines „harmonischen Selbstgefühls" 
verlange. Eine etwas undurchsichtige Aussage, die jedoch darauf zu 
schließen erlaubt, daß der extreme Materialismus sich selber ein zu 
schränken beginnt. In derselben Richtung bewegt sich die ausdrück 
liche Erklärung, daß man in Rußland keineswegs die Entwicklung 
der Individualität hemmen wolle, da sie sich mit der sozialen 
Entwicklung grundsätzlich durchaus vertrage. Wie schwierig immer 
diese Erklärung zu bewahrheiten sein mag, sie sollte allen jenen 
Intellektuellen zu denken geben, die bei uns einen u«realisierbaren, 
völlig abstrakten Kollektivismus vertreten. Statt eine bessere Wirk 
lichkeit zu erzeugen, stärken solche leblosen Konstruktionen nur die 
Bemerkungen Zu 
Berlin, Anfang November. 
Der Vortrag Lunatscharski über den Kultur-Aufbau in 
Sowjetrußland, zu dem die Gesellschaft der Freunde des neuen 
Rußland in Deutschland eingeladen hatte, war außerordentlich 
stark besucht. Akademiker, Politiker, Intellektuelle der verschiedensten 
Berufe, Anhänger und wohl auch Gegner des russischen Systems 
drängten sich im Saal der Singakademie Zusammen, und ich nehme 
an, daß sie nicht nur aus politischer Leidenschaft, sondern auch aus 
dem Wunsche kamen, wirklich authentische Nachrichten über die 
kulturellen Ereignisse in Rußland zu erhalten. Keine Neugierde 
ist berechtigter als diese, deren Befriedigung erst eine Stellung 
nahme ermöglicht. 
Lunatscharski, der in physiognomischer Hinsicht an einen Arzt 
erinnert, ist nicht eigentlich ein Redner. Er liest in der Hauptsache 
ab, er arbeitet kaum je mit rhetorischen Mitteln. Dennoch erzielte er 
Wirkungen, die sich nicht allein auf den Inhalt seines Vortrags grün 
deten. Sie waren zweifellos der dem Publikum bewußten Tat 
sache zu danken, daß hier nicht wie sonst gewöhnlich ein bloßer 
Betrachter sprach, sondern ein Mann, der kraft seiner Machtstel 
lung die von ihm berührten Gegenstände selber angerührt hat. 
Jedes Wort der Macht erregt durch seine Verbindlichkeit. 
Ich erblicke meine Aufgabe darin, aus den Darlegungen Lunat- 
scharskis einige Punkte Herauszugreifen, die für die öffentliche 
Diskussion in Deutschland wichtig sind.
        <pb n="87" />
        Won der fitzenden LeVensweise. 
für immer geborgen. Er sitzt nicht wie auf einem gewöhnlichen 
Stuhl, er übt vielmehr die Funktion des Sitzens aus, und 
Lr Berlin, Anfang Nvvember. 
Die von Friedmann L Weber verunstaltete Stuhlaus 
Vor meinem Fenster verdichtet sich die Stadt zu einem Bild, 
das herrlich wie ein Naturschauspiel ist. Doch ehe ich mich ihm zu- 
wende, muß ich des Standortes gedenken, von dem aus eS sich er 
schließt. Er befindet sich hoch über einer unregelmäßigen Platz- 
snlage, der eine wunderbare Fähigkeit eignet. Sie kann sich un 
sichtbar machen, sie hat eine Tarnkappe auf. Mitten in einem groß 
städtischen Wohnviertel gelegen und Treffpunkt mehrerer breiter 
Straßen, entzieht sich der kleine Platz so sehr der öffentlichen Auf 
merksamkeit, daß kaum jemand auch nur seinen Namen kennt. 
Vielleicht hat diese märchenhafte Geschicklichkeit ihren Grund in der 
Tatsache, daß er vor allem dem Durchgangsverkehr dient. Taufende 
kreuzen ihn täglich im Omnibus oder in der Tram, aber gerade 
weil sie ihn ohne jedes Aufheben überqueren, versäumen sie es, 
seiner zu achten. So genießt er das unvergleichliche Glück, gewisser- 
Massen inkognito im Trubel leben zu dürfen, und obwohl er sich 
nach allen Seiten hin austut, ist es doch, als sei er von dichten 
Nebeln umlagert. . » 
DaS Stadtbild selber nun, das bei diesem Plätzchen beginnt, ist 
sm Raum von außerordentlicher Weite, den ein metallischer Eisen- 
aäer erfüllt. Er klingt von Eisenbahngleisen wider. Sie kommen 
aus dex Richtung des Bahnhofs Charlottenburg hinter einer über 
lebensgroßen Mietshauswand hervor, laufen bündelweise neben 
einander und entschwinden zuletzt hinter gewöhnlichen Häusern. 
Ein Schwärm von glänzenden Parallelen, der tief genug unter dem 
Fenster liegt, um seiner ganzen Ausdehnung nach übersehen wer 
Diese Landschaft ist ungestellteS Berlin. Ohne Absicht sprechen 
sich in ihr, die von selber gewachsen ist, seine Gegensätze aus, seine 
Harte, seine Offenheit, sein Nebeneinander, sein Glanz. Dre Er 
kenntnis der Städte ist an die Entzifferung ihrer traumhaft hin 
gesagten Bilder geknüpft- 
stellung zu besichtigen, ist ein kleines Spezialvergnügen. Sie 
beginnt gewissermaßen bei Adam und Eva, die allerdings ver 
mutlich, dem Katalog nach zu schließen, „damit zufrieden waren, 
auf Decken und Fellen hingelagert zu ruhen", führt dann in 
chronologischer Reihenfolge verschiedene markante Stuhlpersön 
lichkeiten der Geschichte vor, und mündet zuletzt in die Sitzflächen 
der Gegenwart ein, die bei weitem den breitesten Raum bean- 
spruchett. Vielleicht dient überhaupt der ganze Rückblick auf die 
Vergangenheit nur dazu, um diese Gegenwart in ein Helles Licht 
zu setzen. Nicht anders verfahren ja auch die meisten idealistischen 
Philosophiesysteme, deren ersten Begriffsbestimmungen man schon 
an der Nasenspitze ansehen kann, bei welchen letzten Begriffen 
sie nach fünfhundert Seiten zu landen gedenken. * 
Ich lasse mich also gleich in den heutigen Sitz- und Liege- 
möLeln nieder, von denen der Katalog mit Recht meint, „daß sie 
dem Ruhebedürfnis des modernen Menschen aufs vollkommenste 
entsprechen und auch den Anforderungen eines verwöhnten Ge 
schmacks an gefälliger Form Genüge tun . . . Ja, das tun die 
hier gezeigten Sitzerzeugnisse in der Tat. Sie sind geräumig wie 
Eigenheime und nach einer neuartigen Methode gepolstert, die 
zwar den Motten nicht mehr gestattet, in ihnen behaglich zu nisten, 
aber dafür das rein menschliche Ruhebedür^nis wunderbar stillt. 
Wer zwischen ihren vier Wänden Platz gefunden hat, ist sozusagen 
während er diesem Prozeß lustvoll obliegt, verfliegen von selber 
Sorgen, die ihn bedrücken. Freilich darf man nur gerade so 
viele haben, um das Stuhlwerk noch bezahlen zu können. Am 
trostreichsten sind zweifellos die Sitzeinrichtungen, die auf einen 
Insten Druck hin niederzugleiten beginnen; denn sie versetzen in 
einen Z - us - tand . . des Schwebens, in dem man Zeit und Raum hinter 
sich läßt. Wahrscheinlich soll er auch durch die Lunten Farben her 
vorgerufen werden, in denen alle Stoffbespannungen prangen. 
Sie wimmeln von Blümchen, von roten und gelben Streifen, 
deren betonte Freundlichkeit die düstere Gegenwart zurückdrängen 
möchte. Aber die Blümchen sind ohnmächtig, und den Streifen 
nutzt ihre Heiterkeit nichts. 
Die Stahlstühle, die natürlich nicht fehlen, find von diesem 
Hang zur Gemütlichkeit angesteckt worden. Statt sachlich zu 
blitzen, winden sie sich in matten, gelblichen Tönen durch die 
Zimmerluft. Oder in der Sprache des Katalogs ausgedrückt: 
„Auch das Stahlmöbel in reizvollen- metallischen Färbungen wird 
erstmalig gezeigt, so daß das Stahlmöbet nunmehr für das Heim 
unbederrklich Verwendung finden kann." Obwohl das Stahlmöbel 
immer noch forscher ist als diese Sprache, hat es doch seine frühere 
Angriffslust ganz verloren. Es folgt dem Zug der Zeit, und 
verkriecht sich mit den Leblümten Polstern und den gleitenden 
Liegesesseln am hüuslichen Herd. Draußen auf der Straße aber 
wird desto heftiger Politik gemacht. 
den zu können. Mt ihren vielen Signalmasten und Schuppen macht 
die Fläche beinahe den Eindruck eines mechanischen Modells, das 
ein Knabe, der irgendwo unsichtbar kniet, MM Experimentieren be 
nutzt. Er läßt im Spiel die entzückenden bunten Sradtbahnzüge 
rasend schnell auf- und abgleiten, jagt einzelne Lokomotiven hin 
und her und entsendet schwere V-Züge nach berühmten Städten 
wie Warschau und Paris, die gleich hinter der nächsten Ecke auf 
gebaut sind. Die Schienen blitzen, die Signale gehen abwechselnd 
hoch und nieder, und die Rauchwolken bleiben lange zurück. Glück 
lich neigr sich der Knabe über sein Werk, desien Vollkommenheit 
durch eine rauschende Straßenunterführung noch erhöht wird. Es 
muß schwer gewesen sein, sie so schnurgerade unter der gesamten 
Eisenöahnebene hindurchzuziehen. Wer die Mühe hat sich gelohnt, 
denn zahllose Wagen, deren Geschwindigkeit der Zeitraffer zu ver 
doppeln scheint, befahren jetzt unnachdenklich den Tunne^ Die 
rollenden Züge oben und eine Etage darunter dieses laufende Quer 
band der Wagen: das Geriesel setzt keinen Augenblick aus und stör- 
doch niemals die Ruhe der eisernen Fläche. Sie wird im Hinter 
grund durch einen schmalen, Hellen Hauserstreifen begrenzt, der sie 
nicht anders auffängt wie ein Waldrand enteilende Wiesen. Kaum 
kann man die Fenster und Balköne unterscheiden, so jenseitig ist 
schon der Streifen. Ihn überragt der Rundfunkturm, ein senkrechter 
Strich, der mit der Reißfeder dünn durch ein Sckck Himmel ge 
zogen ist. 
Abends ist das ganze Stadtbild illuminiert. Verschwunden die 
Schienen, die Masten, die Häuser ein einziges Lichterfeld glänzt 
in der Dunkelheit, eines von jenen, die dem Reisenden nachts Trost 
spenden, weil sie ihm die baldige Ankunft verheißen. Die Lichter 
sind über den Raum verteilt, sie harren still oder bewegen sich wie 
an Schnüren, und vorne, zum Greifen nah, leuchtet ein blendendes 
Orange, mit dessen Hilfe eine Großgarage ihren eigenen Ruhm 
weithin verbreitet. Mitten aus dem Getümmel, das keine Tiefe hat, 
erhebt sich ein strahlender Baum: der Rundfunkturm, der von 
seiner Spitze einen Lichtkegel rundum schickt. Unablässig kreisend 
taste: das Blinkfeuer die Nacht ab, und wenn der Sturm h^rlt, 
fliegt es über die hohe See, deren Wogen den Schienenacker 
umspülen. 
Man kann zwischen zwei Arten von Stadtbildern unterscheiden: 
den einen, die bewußt geformt sind, und den andern, die sich ab 
sichtslos ergeben. Jene entspringen dem künstlerischen Willen, der 
sich in Plätzen, Durchblicken, Gebäudegruppen und perspektivischen 
Effekten verwirklicht, die der Baedeker gemeinhin mit emem 
Sternchen beleuchtet. Diese dagegen entstehen, ohne vorher geplant 
worden Zu sein. Sie sind keine Kompositionen, die wie der Pariser 
Platz oder die Concorde ihr Dasein einer einheitlichen Baugesinnung 
zu verdanken hätten, sondern Geschöpfe des Zufalls, die sich nicht 
zur Rechenschaft ziehen lassen. Wo immer sich Steinmaffen und 
Straßenzüge zusammenfinden, deren Elemente aus ganz verschieden 
gerichteten Interessen hervorgehen, kommt ein solches Stadtbild zu 
stände, das selber niemals der Gegenstand irgendeines Interesses 
gewesen ist. Es ist so wenig gestaltet wie die Natur und gleicht einer 
Landschaft darin, daß es sich bewußtlos behauptet. Unbekümmert 
um sein Gesicht dämmert es durch die Zeit. 
Aerliner Landschaft» 
Von S. Krakauer.
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        OMLLSs«« üker kUIm nnU ILnItni. 
Der weiter der Kultur Abteilung der Bka, Dr. 
bliebe las Kaukmann, läkt einen sebmalen 
Band: „Bilmteebnik und Kultur" er- 
sebeinen, den man als eins okkiciöse ^euKerung be- 
ceiebnen kann (Verlag «l. 6. Ootta'sebe Buebband- 
lung Naebkolger, "Ltuttgart und Berlin. Buebreibe: 
„Wege der Beebnik". 94 Leiten. Kart. 2.80). 
Okkiciös aber ist das Bueb insokern, als es eine 
Reibe von Brwägungen enthält, die entweder der 
Rroduktionspolitik der grollen Bilmindustrie cu- 
grunde liefen oder sie doeb ideologiseb überbauen. 
leb greiks ein paar Beispiele beraus. Der 
kulturkilm etwa wird von vornberein als ein 
Wert anerkannt, und aueb über äsn ibm bäukig 
einverlsibten Begleitvortrag weill kaukmann nur 
Woblmeinendes LU Laxen. Oewill gibt es ausgeceieb- 
nete kulturkilme, aber sie treten binter einer Blut 
von Brsebeinungen curüek, deren Nanxel aukcu- 
deeken kruebtbarer gewesen wäre als das generell 
erteilte Bob. Viele Brceugnisse dieser Oattung sind 
sebon darum tbematiseb verkeblt, weil sie Ltokk- 
gebiets ansebneiden, mit denen da« Rublikum 
sebleebterdings niebts ankangen kann. Und die von 
ibnen untrennbaren Begleitvorträge gskallen sieb 
niebt selten in einer ^lbernbeit, die okkenbar dem 
kalseb verstandenen Ropulanisierungsbedürknis ent 
springt. Warum gleitet ein all^u sieberer Optimismus 
über solebe Nillstände binweg? Oerade in einer 
Lebrikt wie dieser bätten kräktigs Worts rweikellos 
Nutren gestiktet. 
^-ueb die Woebensebau wird obne Um- 
sebweik als eine kulturtat gepriesen. Baeb dsr 
Meinung kaukmanns „spiegelt diese Bildersammlung 
das Teitgesebeben in so klarer Borm wider und 
Mbt einen so guten und aukseblullrsieben Ouer- 
sebnitt dureb die Rages- und Kulturkragen, dall man 
sieb eigentlieb kein besseres ^.rebiv kür spätere Oe- 
sebiebtskonsebung denken kann als eine kortlaukende 
Lammlung von soleben Bonwoeben". Der Biker des 
Bilmpatrioten ersetzt die Wirkliebksit unter der 
Band dureb das Ideal. Batsäeblieb sind die üblieben 
Woebensebauberiebte alles andere eber als ein 
Lpiegel oder ein Ouersebnitt. reproducieren vielmebr 
aueb im besten Balls mit einer unerträglichen 
Nonotonis gewisse Breignisse. dis das wirklieb 
aktuelle Oesebeben niebt so sebr entbüllen als ver- 
deeken. ^.ber Kaukmann nimmt von ibren Lebwä- 
eben einkaeb keine Botic. 
^.us seinem Wunseb, überall cu besebönigen und 
cu glätten. erklärt sieb niebt culetct die merkwür 
dige ^ukkassung, dall die Kostspieligkeit des Bon- 
kilms der Broduktion minderwertiger Babri- 
kate von selber ein Bude maebs. Bs klingt wie eine 
Beebtkertigung der Bka-Broduktion, wenn er aus- 
kübrt: „Oie Bilmproducenten baben ein sebr keines 
Oekübl dakür, wo und wie sie Oeld verdienen 
können, und sie wissen ganc genau, daü, wenn sie 
Oeld in eine so teure Laebe wie einen Bonkilm 
bineinsteeken, und dieser niebt so gut wie irgend 
möglieb ist, sie ibr Oeld niebt wieder beraus- 
bekommen." ^.uks Orobe bin geseben, ist. wie die 
Brkabrung ceigt, ungekäbr das Oegenteil riebtig. 
Die boben Oestebungskosten des Bonkilms nötigen 
die Bilmindustrie weniger cu einer Verbesserung der 
Oualität als cur Verringerung des Risikos. Nan ist 
niebt geneigt cu experimentieren; man wandelt 
Motive, die einmal angesproeben baben, in endlosen 
Lerien ab; man riebtet sieb vor allem naeb dem vsr- 
meintlieben vurebsebnittsgssebmaek. Dieser Bin 
ste llung entspriebt aueb durebaus die Bendenc cur 
splendiden ^.ukmaebung, die sieb unter anderem in 
maneben neuen Bka-Bilmen kundgibt. Lie vertreibt 
aber das Lebleebte niebt. sie verbrämt es nur. Und 
getarnte Minderwertigkeit ist bedenklieber als die 
okkene. 
8o kragwürdig dis Beststellungen des verklären 
den Betraebters sind, die des Braktikers baben Band 
und Buk. Wiebtig sebeint mir der Binweis kauk- 
manns auk die Lebwierigkeiten cu sein, mit denen 
die Bebrkilmindustrie cu kämpken bat. Br 
leitet sie aus dem Nangel einer geregelten Beciebung 
cwiseben dem Broducenten und Konsumenten ab und 
verlangt die Beseitigung der anarebiseben Narktver- 
bältnisse dureb einseitige Ledarksbsten kür das gance 
Beiebsgebiet. „Lie müssen so maßgebend sein, dak 
der Bebrkilmbersttzller die Oarantie kür die ^.bnabme 
einer gewissen Nindestcabl von Kopien bat, wenn 
er einen auk der Vedarksliste siebenden Bilm so gut 
berstellt. daK er den .Bampesebein* bekommt." 
Diese Borderung wird cwar im Interesse bestimmter 
Broducenten erbeben, beweist aber wieder einmal, z 
daü rein ökonomisebe BeberleFungen auk maneben 
Wegen und Dmwegen cu planvollerem Wirt- 
sebakten drängen. 8. kraeauer.
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        AussHkuß der AHjze^N. / Ztt den Vorgängen iw Schutzvervand Deutscher SchriftMer. 
Nachwort der 
Redaktion: 
Da es nicht unsere Sache ist, an Hand dieser Aeuße-des Verbandes ahnde. Aber tatsächlich ist diese im NeuLraMäts- 
rungen über Recht und Unrecht zu entscheiden, verzichten prinzip verankerte Struktur eine Bagatelle angesichts der höchst 
2 v? el Tage Bamburg: das ist eine ^ukgabe, die 
sieb in Lebt Tagen niebt lösen laüt. Mobei ieb noeb niebt 
einmal an die im Baedeker verzeiebneten 8ebens^vürdig- 
keiten denke: an äie Xunstballe, an Bagenbeek 
8ebon urn den Baken kennenzulernen, bedürkte es 
längerer ^eit. Br ist ja niebt nur ein raumlieb ausgedebn- 
tes Oebiet, sondern lebt aneb ein eigenes lieben, äas sieb 
erst allmab'lieb erseblieüt. detzt ist es allerdings aui einem 
Tiefpunkt angelangt, und viele 8ebikfe liegen so still vor 
^nker, als bielten sie in den Bassins ibren Minterseblak 
ab. Bennoeb überv^ältigt das Treiben irn Bmkreis von 
8t- Bauli-TandungsbrüekSn nieder und nieder. Mer vorn 
Olüek begünstigt ist, trifft dort die ,,Oap ^.reona", die in 
unmittelbarer Nabe der Bandungsbrüeke anlegt- ^uf ade 
balle aber bann der Besueber das unvergleiebliebe Bild 
des Hakens bewundern, das sieb aus zabllosen 8ebiiien 
jeder Oroüe, Merktkranen, Bpeieberbausern, Türmen, 
Masser und bukt zusammensetzt. Die Bakenrundfabrt, die 
alle balbe 8tunde stattkindet, ermogliebt ibm« in das Bild 
einLudringen. 8ie kübrt von blaken ?u Baken, an 8ebikks- 
rümpken und Boebs vorbei, und ist in der Begel mit der 
Lesiebtigung eines Bebersee-Oampkers verbunden. 
^um Baken geboren die BakenstraLen, graue 
unaukkallige 8tra6en, die mit 8eSMLnn8beimSN, einseblä- 
gigen Oesebakten, ^.bsteige^uartieren, Bars und Nadeben 
geküllt sind- 8ie kolgen teilweise dem 2ug der Bleets, die 
ibres maleriseben -^ussebens negen ununterbrocben auk 
den ^nsrebtspostbarten ersebeinen, und verlieren sieb 
in den alten Vierteln der 8tadt. Biese umseblieLen aueb 
die sogenannten „Oange", die man tagsüber unbebelligt 
durebstreiken bann: sebmale brumme Oaüeben, deren 
Bingang mitunter ein Bausklur ist, dem bein Tremder an- 
merbt, daü er solebe Meiterungen naeb sieb riebt. 8ie 
inhaltlichen Auseinandersetzungen, die heute innerhalb des Ver 
bands und natürlich erst recht außerhalb seiner Grenzen vor sich 
gehen. Und der Hauptvorstand hat um so weniger Grund, sich hinter 
dem brüchig gewordenen Wall der Statuten zu verschanzen, als er 
selber ja wohl auch in den Kämpfen, von denen keine Institution 
sich ausschließen kann, Partei ergreifen muß. Oder liegt es rein im 
Sinne der Neutralität, wenn er als offizielle Vertretung eines 
Schriststellerschutzverbandes sich im Falle der Pressenotverordnung 
mit einem „moralischen Dekorativum" begnügt? Wir halten dis 
Vermutung Franzens, daß diese passive Haltung eher eine Folge 
des vom „Gewicht der Subventionen" ausgeübten Druckes sei, für 
durchaus beachtenswert und fühlen uns zu der Frage gedrängt, wo 
denn Herr, Breuer, der rein als Vereinsfunktionär auftritt, nun 
eigentlich steht. Kurzum, die Statuten -sind nur eine schwache 
Schutzhülle, und die Neutralität wird in dieser Krisenzeit leicht und 
notwendig zur Ideologie. 
In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Ringen zwi 
schen der Opposition und dem Hauptvorstand im SDS. 
nicht um die Behauptung oder Verletzung irgendwelcher For- 
malien, sondern um das Aufeinanderprallen verschiedenartiger poli 
tischer und sozialer Haltungen. Mit dieser Feststellung ist zugleich 
der Ausschluß seines formellen Charakters entkleidet und als eine 
Kampfaktion gekennzeichnet. Dis Auseinandersetzungen 
drängen jetzt zur Entscheidung. Es ist anzunehmeN, daß sie vor den 
Statuten nicht halt machen und zur klaren Heraustreibung der 
Interessen führen. 
sebleieben r'iviseben alten Taeb^erbbLusern bin, die das 
Tagesliebt nur ungenügend dureblassen, und baben bös 
artige ^.usbuebtungen, die v^ie Blinddärme anmuten. Bas 
Broletariat ist bier niebt gut gebettet, 
Trotr der geringen Bntkernung gäbnt ein Abgrund 
rv^iseben diesem (Quartier und dem der Binnen- 
aist er, die von lauter repräsentativen Oebäuden ein- 
gekaüt ^vird. Ibre BkerstraÜe ist der ^veltberübmte dung- 
kernstieg. Bine Bisenbabnbrüebe trennt sie von der 
^.üLenalster, an der sieb der Beiebtum angesiedelt 
bat. 8ie ist ein groüer seboner 8ee, ru dessen beiden 
8eiten sieb binter Baumgruppen und Basenklaeben praeb- 
tige Villen erbeben. Beber den mit 8egelbooten bedeeb- 
ten Masserspiegel tont okt die Nusib vom Bblenborster 
Tadrbaus rum Barvestebuder Meg berüber. 
Bis blaebt gebärt der Beeperbabn. Ob^vobl diese 
VergnügungsstraÜe von der Bremdenindustrie annektiert 
worden ist, bat sie doeb noeb einige Beire be^vabrt. MiH 
einer niebt gerade das ^.learar besueben, so loekt ibn 
vielleiebt ein Bippodrom oder eines der Lbinesenlokale, 
die in einer dunklen Bebenstraüe gelegen sind. Oie -^.us- 
^L.bl an ^logliebkeiten ist reiebbaltig, und der Nenseben- 
misebmaseb erkrisebend. 
Bnter keinen Bmstanden sollten Meekendbesueber 
ve^aumen, in der Vorortbabn oder in der Barkasse elb- 
abwärts 2u kabren. Bas band, das sieb von ^.ltona 
bis über Blankenese binaus erstreekt, ist ein einziger, 
^vurderbar gepklegter Bark. Bnd von Blankenese oder 
von blymstetten aus auk den unabsebbar breiten T1u6 2U 
sebauen, auk dem die Ozeandampfer lautlos vorbeigleiten, 
gekört zu den besten Oenüssen, die dieses seb^vierige 
Barein zu bieten bat. X r. 
Im Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS.) hat sich seit 
längerer Zeit eine Opposition gebildet, die von den Kommunisten 
bis weit ins Lager der Bürgerlichen reicht. Die Opposition fordert 
in der Hauptsache den Kampf gegen die Pressenotverordnung; wozu 
noch die grundsätzlichen Auseinandersetzungen über die Gewerk 
schaftsform treten. Durch den Austrag der Meinungsverschieden 
heiten nun, die wie immer in solchen Fällen nicht nur sachlicher, 
sondern auch persönlicher Art sind, ist nach und nach eine gespannte 
Situation entstanden. Sie hat in den letzten Wochen eine gefähr 
liche Zuspitzung erfahren, weil der HauPLvorstand des SDS. zum 
Ausschluß von 18 mißliebigen OpposiLionsmitgliedern geschritten 
ist, die zum überwiegenden Teil der kommunistischen Gruppe an 
gehören. Wir haben die Beteiligten, das heißt je einen Vertreter 
des Hauptvorstands, der kommunistischen Gruppe und der auf eine 
weite Strecke hin mit ihr solidarischen bürgerlichen Opposition, 
gebeten, uns ihre Ansichten über die Ereignisse zu formulieren, 
die, wie wir glauben, das Interesse der Öffentlichkeit beanspruchen 
dürfen. Hier sind die eingelaufenen Antworten. 
wir auf eine Diskussion jener strittigen Punkte, die mit 
einander auszumachen die Aufgabe der Parteien selber ist. 
Wichtig erscheint uns nur ein Hinweis auf die symptoma 
tische Bedeutung des Falles. Wir erblicken sie darin, daß sich in 
Zeiten wie den unsrigen die Wahrung der weltanschau 
lichen und politischen Neutralität, die der SDS. 
für sich in Anspruch nimmt, als eine unhaltbare Konstruk 
tion enthüllt. Sie mag in einer gesicherteren Epoche ihre praktische 
Gültigkeit haben; in einer, die von sozialen und politischen 
Kämpfen zerrissen ist, läßt sie sich nicht behaupten, und zweifellos 
werden wir das Schauspiel, das Uns der SDS. bietet, auch noch an 
anderen Orten erleben. Welche Mühe dem Hauptvorstand die 
Durchführung des Neutralitätsprinzips macht, geht aus der Dar 
stellung Breuers selber hervor. Nicht nur steht seine eingangs ab 
gegebene Erklärung, daß der Ausschluß der Achtzehn nicht wegen 
ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Politischen Partei erfolge 
— die von ihm genannten Gründe des Ausschlusses werden übri 
gens von den Betroffenen heftig angesochten —, in einem unfrei 
willigen Widerspruch zu seinen späteren Darlegungen, die sich 
stracks wider die kommunistischen Tendenzen richten, sondern er 
versucht auch ersichtlich die Rolle der Bürgerlichen in der Oppo 
sition nach Möglichkeit zu verringern, indem er von einem Zu 
sammenschluß „zwischen der kommunistischen Gruppe, den Persön 
lich Verärgerten und den Vertretern der Sondergruppen" spricht. 
Das alles im Bestreben, das Ausschlußverfahren als eine Maß 
nahme zu rechtfertigen, die Verstöße gegen die formale Struktur 
/ -lo LLF -
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        Ein guter deutscher Film! 
8. ArLeausQ 
Das Frauenensemble besteht aus Schauspielerinnen und un- 
Zünftigen Mädchen. Welch ein Glück, wieder einmal unbekannte 
Gesichter zu sehen statt der hergebrachten Darsteller und Publikums 
lieblinge, die in jeder Rolle dieselben bleiben. Und noch eine andere 
Art der Zufriedenheit darf in dem Film ausgekostet werden: diese, 
daß seine Mädchen keine schablonierten Girls sind, sondern richtige 
Mädchen. Vielleicht ist die Girlzeit jetzt auch aus der Leinwand vor 
bei, nachdem sie im Leben längst abgewirtschaftet hat. Aus der 
Mädchengruppe, die sich wunderschön und wie Zwanglos Zusammen- 
findet, ragt die Trägerin der Hauptrolle^ Hertha Thiele, hervor. 
Sie kann ungekünstelt lachen und weinen und hat zwei Augen, die 
etwas zu sagen wissen — kurzum, das Mädchen besitzt die Anwart 
schaft darauf, durch eine glänzende Zukunft verdorben zu werden. 
Neben ihr Ellen Schwannecke, schon versierter im Spiel: ein 
scharmantes Gemisch aus Befangenheit, Wärme und Impertinenz 
Dorothea Wieck gibt der geliebten Lehrerin Schönheit und Trauer. 
Großartig die von Emilia Unda geschaffene Figur der Oberin. 
Wie sie, aufs Haar der Alte Fritz, mit dem Krückstock die Parade 
über die Mädchen abnimmt, böse durch die Gänge wandelt und mit, 
einem Blick Schrecken entfacht: das sind Kabinettsstücke der Charak- 
terologik Die gesamte Darstellung wird durch eine geschickte Photo 
graphie unterstützt, die jede Nuance herausholt, ohne sie unnötig 
zu unterstreichen. 
Intermezzo der Andacht und der Besuch einer Königlichen Hoheit, 
fordern zu ihr heraus. Aber die Regie trifft immer scharf die 
Kontur und erreicht durch die plastische Ausarbeitung aller Gestalt 
ten, was die zweidimenstonale Satire niemals bewirkte: ^ne Preis 
gabe dieses Mädchenstiftswesens, die Zugleich seine KenM.chnung ist. 
Aufgerollt wird es in lose aneinandergereihten Szenen, die voller 
reizender filmischer Einfälle sind. Der Alltag im Stift und die 
Potsdamer Architektur interpretieren sich wechselseitig, die große 
Schulireppe erhält das ihr Zukommende Eigenleben, die Theater 
episode ist exemplarisch entwickelt und die Mischung der komischen 
Austritte mit den ernsten und tragischen delikat. Sieht man wie 
billig von einigen Längen und jenen paar Szenen ab, die wie die 
LehrerinnenkonferenZ aus dem Gesamtrahmen ein wenig heraus 
fallen, so bleibt ein vorzüglich abgestimmtes Arrangement, das auch 
tonfilmisch gut durchdacht ist. Seiner Präzision ist die Durchschlags 
kraft gerade der kleinen Züge zu danken. Der langsame Abgang 
der Oberin am Schluß etwa kommt zu ergreifender Geltung, und 
wenn sie, von den Ereignissen entthront, in den Korridoren schwin 
det, scheint ein Gespenst von hinnen zu weichen. 
F.ar Leontine Sagan bat diese saubere Handlung sauber 
inszeniert. Zum Lob ihrer handwerklich sicheren Negieleistung wüßte 
ich nichts Besseres zu sagen, als daß sie ein genaues Wissen um 
die Ausdrucksformen und ein Lines Stilempfinden verrät. Während 
der Routinier ein solches Sujet bestimmt zur groben Karikatur ver 
zerrt hätte, überschreitet Frau Sagan nirgends die von der Wirk 
lichkeit gezogenen Grenzen. Die Oberin bleibt eine mögliche Figur, 
und das Exerzierreglement, dem die Zöglinge unterworfen sind, ist 
auch in seimnAusschwei^ noch glaubhaft Es muß nicht leicht 
gewesen sein, der Farce zu entrinnen; denn viele Episoden, so das 
* 
Dem Film ist ein großer Erfolg zu wünschen. Nicht nur seiner 
Haltung und Ausführung wegen, sondern auch deshalb, weil er in 
produktionßtechnischer Hinsicht einen verheißungsvollen Anfang 
bedeutet. Er ist ein Zeichen dafür, daß sich noch gute Kräfte bei 
uns regen. 
Berlin, Ende November. 
Inmitten des Wustes der MMärfilme und der ganzen rein 
auf Zerstreuung abgestellten Produktion, mit der die Konsumenten 
von der Filmindustrie mit oder gegen ihren Willen öelresttt werden, 
Lauchen endlich vereinzelte gute deutsche Filme auf. Dem Pabst- 
Film: „Kameradschaft", der viel Zu kurz lief, ist setzt rm Capital 
der Film: „M L dch e n i n Uniform" gefolgt. Eine in doppelter 
Hinsicht erfreuliche Leistung Einmal darum, werk sie von Geschmack 
und Anstand Zeugt, die bei uns rar geworden sind: Zum andern 
darum, weil sie eine Gemeinschaftsarbeit ist. Die Deutsche 
F i l m - G e m e i n s ch a f t, die unter der künsiterffchen Oberleitung 
von Carl Froelich steht, erbringt mit diesem ihrem ersten Kollek 
tiv-Unternehmen den Beweis, daß es noch andere Methoden der 
Herstellung von Filmen gibt als die der harschenden Filmindustrie. 
Und in dem Beifall, der während der Uraufführung imcker wieder 
spontan einsetzte, schwang zweifellos auch die Genugtuung des 
Publikums über den hier vollzogenen Durchbruch mit. 
Der Film ist nach dem Bühnenstück* „Gestern und Heute" von 
Christa Winsloe unter Mitwirkung der Autorin gedreht worden. 
Sein Thema: die Erziehungsmethoden in einem Stift für adlige 
Mädchen, die „Soldarenkinder" sind und wieder „Soldatenmütter" 
werden sollen. Aus den ZustandZschilderungen, die einen Begriff 
von der furchtbaren Härte der im Internat praktizierten Pädagogik 
geben, entwickelt sich der Konflikt zwischen dem alten und dem 
neuen Geist. Jenen, der konservattven Maximen entspringt und 
uueingestandenem Sadismus bereitwillig Vorschub gewährt, vertritt 
die Oberin und ihr Anhang, diesen eine der Lehrerinnen, die mit 
Verständnis und Liebe mehr ausrichten zu können glaubt als mit 
miii.arischem Drill An sie schließen sich aus Instinkt alle Mädchen 
an, besonders eines, das zu ihr eine schwärmerische Zuneigung faßt. 
Die von der Pubertätsleidenschaft geforaerre Belebung, die mit 
stiller Resignation zurückgedämmt miro, kommt zu Ohren der Oberin, 
deren drakonische Maßnahmen den Bruch mit der Lehrerin herbei 
füllen und das Mädchen zum Selbstmord trnben. Nur das Ein 
greifen der endlich aufsässigen Kinder vermag im letzten Augenblick 
noch vk doppelte Katastrophe zu nech!r'.?)e:n.
        <pb n="91" />
        Woran es liegen mag, weiü iek niekt: aber ein 
gleick intimes Verkältnis mit einer anderen Büekor- 
reike einxugeksn, ist mir niemals geglüekt. Einmal 
in äsr Vorkriegsreit tauekte eine auk, von äsr iek 
2u diesen und anderen billigen 8erisn, deren 
sinigs viel rur Bildung und Dntsrkaltung äss 
äsutseken Volkes beigstragen kaben unä noek bei- 
tragsn, sind nsusrdings Volksausgaben reit- 
genossiseker Werke getreten, äis siek äurekseknitt- 
liek in der Brsisköks von 2.85 Nark oder Z.75 Nark 
kalten. Iek erwäkne sis kisr, wsil sis in äis Beiks 
äsr vsrkältnismäMg billigsn Büeker kallsn, Das 
BrinÄp aber, naek äsm sie auk den Narkt geworken 
werden, ist von dem äsr sigentlieken 8erien gründ- 
versekieäen. Oekt ss bei diesen um äis Darstel 
lung eines mskr oäsr minder bsgrsnrten 8tokk- 
gebietss in einer Bolgs von Lüekern, so sinä zsns 
Volksausgabsn niekts weiter als eins Ware, äie im 
Interesse äss Nasssnabsatrss mögliekst billig aus 
kalkuliert ist. Dsr 8tokk ist kier Nsbsnsaeks, dis 
^uklage alles. Bestimmt durek dsn beispiellosen Br- 
kolg der billigen Buddenbrooks, kaben siek die 
meisten groüen Verlage rur Anwendung dieses 
Warenkausprinxixes entseklossen. Biseker selber, 
Liepenkeuer, Lsolna^ usw.: sie alle lieksrn jetst 
Narksnartikel. Bs kinäsn siek unter iknen neben 
Dadsnkütern trekklieke Werks, und der (lrundsatr 
äer Billigkeit ist auk alle Bälle 2U loben. Nur eben 
äis ^.rt seiner Durekkükrung gibt Lu maneken Be 
denken ^.nlaÜ, deren eines darin bestekt, äaL die 
bstrekksnäen Ausgaben den Narkt auek kür äis wiek- 
tigen Neuersekeinungen verstopken. ^näers Le- 
mükungen als diese rein ökonomiseken erseksinen 
mir rum mindesten in saeklieksr Binsiekt wertvoller, 
8o beginnt etwa im Nopr - Verlag eine 8erie: 
„Bote Bsike" 2U erseksinen, die H.UWeknitts 
aus dsm Debsn von ^rbsiterkükrern sammelt. Das 
Bskteke^ kostet 20 Bksnnig und ist sekon sekmuek- 
los; wis es siek ebsn ?ismt. Die Billigkeit tut es, 
nur dann, wenn sie siek in den Dienst teurer 
8aeksn stellt. 
mittlerweils das 2eitlieks gesegnet kat, und dsnks an 
msins Begegnung mit: „Irrungen, Wirrungsn" 2U- 
rüek. Ls war dsr srsts Lindruek, den iek von Mon 
tane empking. Niekt versekwisgsn sei in diesem Lu- 
sammsnkang, daÜ auek Büekerssrisn niederen 
Bangss 2u meinen Dausrbskanntsn gekörsn. 8o kabs 
iek mir ständig Bendervous mit den Lriminalroma- 
nen dss Verlags Oeorg Nüllsr gegeben und 
bsksnns okns kalseke 8ekam dis lose Lsriskung LU 
dsn kleinen gelben Dllstoinromansn. 
nur Kokken kann, äak sie auek keut noek ksstskt. 
Ikrs Lande nannten siek naek äsm Vsrlagsort: 
„W iesbadensr Volksbüeks r", kosteten ein 
paar Oroseksn unä naren von sinsr bisäersn Lots. 
Im Oeääektnis kaktsn gsblisbsn ist mir aus äisssr 
Beike noek eins 8tikter-Brxäklung und äann eine 
SekloÜgssekiekts, äis in sinsm stv^a« teureren Doppel- 
banä untergebraekt v^ar. Das SekIoL muü sekr weit 
räumig gewesen sein, unä auüsräsm kisü äie Dsläin 
SibMs . . . Weitere Ssrisn, äis iek von jsksr klsiLig 
bsnutrts, kabsn siek inrrwiseksn, äer Lselam-Lüekerei 
glsiek, kräktig entwiekslt. Die (äöseken-LLnä- 
eksn, ,,^us l^atur unä O e i s t e s w e 1 t", 
„W i s s s n s c k a k t unä Liläung", „L r o- 
nsrs lasekenausgaben" unä wis sis ksiÜsn: 
ru äsn vsrsekieäsnsten 2sitsn unä an vislsn Orten 
sekon bin iek iknen su Dank vsrpkliektet gewesen. 
8is kaben mir l^aekkilksstunäen erteilt unä sine 
Nsvgs von Inkormationen gegeben, äie miek entweäer 
von äsm bstrskkenäsn Wisssnsgsbist ein kür allemal 
absekrsektsn oäsr miek äaru ermunterten, es grünä- 
lieksr ?u srkorseksn. ^uek in ^ukunkt wsräs iek wis- 
äer unä wieder ru diesen gslskrten Lollsktionen 
grsiken, denn sis bringen sZ noek am ekeLtsn kertig, 
äie Dnsrseköpkliekksit äss Weltalls übsrsiektliek 2U 
ordnen unä knapp 2u äosisren. Din groÜsr Zauber 
aller äerartiger 8erien ist niekt Lulst^t äis Olsiek- 
mäüigksit ikrsr Drsekeinung. Wie Nöneks in Lutten, 
so kommen sie äaker, unä jeäer Oräsn kat ssine eigene 
vorsekriktsmäÜigs ä?raekt, äie von sämtlieksn Uit- 
glisäsrn angelegt wsräen muü. Da gibt es keins 
indiviäuells Lekandlung, da bleiben äis Ilivalitäten 
gan2 aus äem 8piel. Legsl unä sein Deinä 8ekopen- 
kausr tragen äasselbtz Oewanä, unä äis Natksmatik 
kat vor äsr ^isrkunäs niekt äas Oeringste voraus. 
Wenn iek äiess unikormisrtsn Dinbänäs Itevus pas 
sieren lasse, kallsn mir auLsr äsn strengen auek gs- 
källige ein, in deren OeseUsekakt iek angsnekmo 
8tunden verlebte. Dis äer Inssl-Lüeksr rum 
Leispisl. äie miek unverrügliok an kilke gemaknen, 
an läokmannstkal und Novalis. Wäkrenä sis so lustig 
sind wis Tapeten in Lindereimmern oder in Dielen, 
ist der Dmseklag äsr „Llausn Lüeks r" von äer 
Deisrliekkeit eines Orgsltons. Linsm Osruek glsiek, 
äer äis Erinnerung an ein bsstimmtss Ereignis ker- 
aukbesekwört, nötigt miek äis bloÜs Vorstellung 
äieses Llaus rur Vergegenwärtigung von Vierrskn- 
ksiligsn, äss 8eklosses Lan^ unä äer mittelalterlieksn 
Latkeäralen. Oder iek seks äas blasss Oelb von 
Lisekers Aomankibliotksk vor mir, die 
KsrZvnHrAnrl«!»«». 
Von 8, Lraeauer 
Die Erinnerung an msins 8ekülsrjakrs Ist mit äsr 
au äis rötlieksn Beelambänäeken tür immsr 
verbunden. Statt äsr saeklieken ^rekitskturlinisn, 
mit denen keuts ikre litslssite gesekmüekt ist, 
prangten äamals auk äein Binband lauter vernickelte 
8eknorkel, deren undurekdringlieks Vislkalt äbnlieke 
Erwartungen orweekte nie äer Bigurenrsiektum äss 
Büknenvorkangs im Opsrnkau^. Dnä wis siek vor 
meinen Nutzen eius neue wunderbare Welt ökknets, 
neun er endiiek, enäliek in äis Loks ging: niekt 
anders ersekienen mir vsrkeiüungsvolls Bäder, 82ensn 
unä BsrZpektiven^ sobalä iek in irgendein gerade er- 
stanäsnes Bekteken einrudringsn begann. Ds nar 
niekt leiekt, ikrer kabkakt ru werden, denn äsr Bs- 
sit2 äes Inkaits nar an äis Arbeit äss ^uksekneidens 
gebunden. Niluntsr kamen mir krsiliek auek Bänd- 
eksn in äie Band, bei äenM siek äisss Arbeit er 
übrigte, Bändcken mit glatter Leknittlläeks, äis ikr 
Oeksimnis jeder beliebigen Bsrson anvsrtrauten; äbsr 
iek bevorrugts äoek äis unaukgoseknittsnen, äsnn äis 
tzual, Seife von Seite 2U trennen, erkokts nur meine 
Dust, sie ksnnenrulernen unä aus^ukostsn. Die 
VsLiskung 2U iknen nuräs gewobnliek vaek äem 
Nackmittagsunterriekt angeknüpkt, bei Butterbrot 
unä Lakkes. tlnä näkrsnä iek ein Brot naek äsm 
andern aü, verseklang iek xugleiek mein Lüekeleken 
ganL unä ^gar: eins ?ro2säur, in äsrsn Verlaut iek 
suletst äis geistige Nakrung von äsr leiblieksn kaum 
mekr xu untsrsekeiäsn vermoekts. Beksrmann, ?lato, 
Dickens iek kabe sie alls auk äisss Weiss xu mir 
genommen. Später naek äem Oebrauek lagen äann 
äie Bänäeken äureksinanäer in äsm Legal nie ver- 
nunäste Loläaten in einem Lriegslaxarett. Dsr Dm- 
seklag nar aus äem Deim gsgangsn unä rollte siek, 
maneks Ssitsnbünäsl kingen nis Bstxsn keraus, unä 
äie Leknittkläeke gliek einem äureknükltsn ^eker- 
rain. In äiesem Zustand liebte iek sis besonders, unÜ 
sookt iek, nas käukig gesekak, sinss äsr gssekunäsnsn 
Exemplare wieder kervorkolts, küklte iek miek ikm 
verwandter^, als allen jenen kerrsekaktlick gsbunäsnsn 
Werken, äie in ikrem Büokersekrank tkronsn nis in 
einer Dimousine.
        <pb n="92" />
        Begriff der Masse. „Wir denken nicht... in Massen, sondern 
in Menschen und Völkern..." Was es mit den Menschen für 
eine Bewandtnis hat, wird man noch hören. 
Die große Rolle, die der Begriff Raum spielt, ist Lei! 
diesem Ansatz nicht verwunderlich. Im Raum stellt das Volk 
sich leiblich dar. Daher die kaum verhohlene Befriedigung, mit 
der bemerkt wird, daß sich „heute der Zerfall der Welt in 
einzelne geschlossene nationale Räume" vollziehe; daher die 
programmatische Forderung der Autarkie. Der Raumgedanke 
beherrscht die „Tat" so ganz, daß Zehrer den Gesamtraum 
des Volks noch in Unterabteilungen zerlegt, denen er wie 
Nadler eine bildende Macht zuspricht. Er erklärt: „Die Land 
schaft wird als in sich geschlossener, ein ganz besonderes Eigen 
leben besitzender, blut-, boden- und schicksalshaft verbundener 
Raum bejaht." Kleinste geographische Zelle ist zweifellos das 
Familienheim. Jedenfalls drückt sich auch im Begriff des 
Raumes ein Wille zum Organischen aus, der sich unmittelbar 
gegen die Atomisierungstendenzen des Liberalismus und die 
Art seiner Jnternationalität kehrt. 
Zeitlich behauptet sich! das Volk als Staat. Er tritt, ähn 
lich wie bei-Hegel, als „totaler Staat" auf — ein von Carl 
Schmitt übernommener Begriff, der sein Pathos spürbar aus 
der Verwerfung des „Nachtwächter-Staates" schöpft. Das 
Volk und seine Organisationen sind, so lautet die Forderung 
der „Tat", in diesen totalen Staat „hineinzuintegrieren". 
Fried formuliert: es geht um „den Wechsel vom Primat der 
Wirtschaft zum Primat des Staates". Anderswo heißt es vom 
Beruf: „Für uns ist der Beruf Lebensaufgabe, die im über 
schaubaren Raum ... die Verwobenheit des Einzelnen in den 
Staat in sich enthält". Und nicht anders erfüllt sich das 
föderalistische Prinzip nur dann, „wenn die Einzelstaatlichkeit 
echtes Jntegrationsmittel des Ganzen ist..." Alle diese Be 
stimmungen setzen den Jdealstaat nicht als eine konstruktive, 
rationale Einheit, sondern als eine irrationale, lebendige, 
deren Teile sich gewissermaßen von selber zu ihm zusammen 
fügen. Eine romantische Staatsauffassung, die das organische 
Element stark unterstreicht. 
Erstrebt wird also eine Ordnung, die ungefähr das Gegen 
teil der von der Aufklärung geforderten ist. Zum mindesten ist 
sie extrem antiliberal. Wer wie der Tat-Kreis schon einen 
„Tropfen Liberalismus im Blut" für „unselig" hält, muß 
natürlich dem Intellekt, den man auch je nach Bedarf mit der 
Vernunft identifiziert, feindlich gesinnt sein. Er gilt als die 
Hauptwaffe des Liberalismus, und da die „Tat" nicht ohne 
Grund schlecht abzuschneiden fürchtet, wenn sie diesen mit seinen 
eigenen Waffen bekämpft, zieht sie es vor, andere, handgreif 
lichere zu wählen. „Gegen diese Vernunft", schreibt Zehrer, 
„... kann man zunächst nur einen neuen Glauben setzen, und 
ein Glaube kann sich nie dialektisch mit dem Gegner ausein 
andersetzen; folgt er ihm auf sein Gebiet, so wird er stets der 
Unterlegene sein." Aber wie setzt sich ein Glaube, der sich nicht 
erklären will, in der Wirklichkeit durch? Die primitive Antwort 
Zehrers lautet: „Das Schwert ist das einzige Argument, das 
nicht in den Rahmen d-s liberalistischen Systems der Vernunft 
und der Diskussion paßt. Das Schwert und die Faust!" 
Kurzum, die Täter der „Tat" panzern sich gegen die Vernunft, 
lassen das Visier herunter, um nur ja keines ihrer Argumente 
zu erblicken, und suchen das Heil in der Barbarei. Wobei es 
ihnen geschieht, daß sie die Vernunft blindwütig für Ereignisse 
verantwortlich machen, an denen sie wahrhaftig unschuldig ist. 
„Vernunft!", ruft Zehrer aus. „Nun, im Zeichen dieser Ver 
nunft sind Millionen von Menschen gefallen." Eine genauere 
Untersuchung ergäbe vermutlich, daß es gerade die von ihm 
beschworenen Kräfte der Unvernunft gewesen sind, die den 
Weltkrieg entfesselt haben. 
Immerhin, kämpft die „Tat" auch nicht im Zeichen der 
Vernunft, so folgt sie doch einem anderen Leitstern. Zehrer be- 
stinnnt: „Ein neuer Glaube, ein neuer Mythos lösen das 
System des Liberalismus ab." Der Begriff des Mythos, der in 
den Veröffentlichungen des Tat-Kreises so stark akzentuiert wird 
wie der Gedanke der Planwirtschaft, steigt aus den Gewässern 
der Lebensphilosophie empor und ist im Anschluß an Sorel 
geprägt. Er verdankt die große, ihm beigemessene Bedeutung 
ersichtlich dem Umstand, daß man nicht mehr den bändigenden 
Wirkungen rationaler Erkenntnis vertraut, sondern an ihre 
Stelle entflammte Bilder setzen zu müssen glaubt, zu denen sich 
die irrationalen Kräfte auf irgendeine geheimnisvolle Weise 
verdichten. Statt nun das eine oder andere dieser Bilder zu 
enthüllen, beschränkt sich Zehrer leider darauf, sie einfach zu for 
dern. Und fest steht eigentlich nur soviel, daß er in den Mittel 
schichten hervoragende Träger des von ihm proklamierten 
Mythos erblickt. „Diese Schichten können ihre Zusammenge 
hörigkeit mit der großen Gemeinschaft, mit dem Volk und der 
Nation, nicht in einer Gewerkschaft, einem Verband, einer 
Klasse oder einer sonstigen Organisation erleben, sie können- es 
nur im Ideal, im Mythos." Allenfalls wäre noch die Aussage 
Aufruhr der Mittelschichten. 
Eine Aus e i n a n d er stz u n g mit dem „T at"- K rdts. 
Von S. Kracauer. 
I. 
Die Zeitschrift: „Die Tat" hat heute gerade unter den 
Intellektuellen der Mittelschichten einen starken Anhang. Er 
erklärt sich nicht nur daraus, daß der Tat-Kreis bewußt für 
die praktischen und ideologischen Interessen dieser Schichten 
eintritt, sondern auch aus seiner Kampfweise selber. Sie ist 
von einem Format, dessen die deutsche Intelligenz ent 
wöhnt war. , 
„Horcht hinein in die Jugend, die heute der den National 
sozialisten oder den Kommunisten ist. Es ist das beste Menschen 
material, über das Deutschland je verfügte." Eine Aussage 
wie diese beweist, daß die Veröffentlichungen der „Tat" bei 
einer echten und breiten Erfahrung anheben: der von der Ver 
bundenheit des notleidenden deutschen Volkes. Sie unter 
scheiden sich darin von zahlreichen anderen Zeitanalhsen, in 
denen bald parteimäßige Fixierungen und- Jnteressentenwünsche! 
überwiegen, bald theoretische Konstruktionen vorherrschen, die 
keine Rücksicht auf bestimmte Daseinsbindungen nehmen. Von 
ihrer Grunderfahrung, ausgehend, bemühen sich ferner die Mit 
arbeiter der „Tat" darum, der konkreten Situation konkret inne 
zu werden. Und wie fragwürdig immer die ökonomischen Dar 
legungen Frieds seien, sie sind eine gesunde Hausmannskost im 
Vergleich mit den idealistischen Windbeuteleien, die der Jugend 
in Büchern und Hörsälen immer noch vorgesetzt werden, obwohl 
sie nicht den geringsten Nährwert enthalten. Der Wille, dem 
Idealismus abzusagen und sich mit den Sachen selber emzu- 
lassen, zeitigt schließlich Lösungsversuche, die sich nicht m der 
Behandlung taktischer Probleme erschöpfen, sondern auf Grund 
einer Gesamthaltung die Situation gleichsam strategisch auf 
rollen möchten. Es wird sich noch zeigen, ob diese Lösungen 
wirklich Lösungen sind. Aber gewiß ist, daß sehr viele Menschen, 
'die den materiellen und ideellen Untergang vor Augen seyen, an 
den aktuellen Betrachtungen der „Tat" sich aufrichten zu können 
glauben. , .. 
Um ihres Ernstes und ihrer Wirkungen willen rst dre 
Auseinandersetzung mit dieser Zeitschrift doppelt geboten; 
sowohl im Interesse der Leserfchaft wie in dem des Autoren 
Sreises. Ich verzichte von vornherein daraus, die ökonomischen 
Positionen Frieds und das spezielle Programm in die Mitte 
zu rücken, Las, wie man weiß, für Deutschland unter anderem 
eine bestimmte Form der Planwirtschaft, die Autarkie, dre 
Orientierung nach Südosteuropa und die Anlehnung an Sow 
jetrußland fordert. (Arthur Feiler hat soeben in einer ber 
uns erschienenen Artikelserie zu dem Programm Stellung ge 
nommen.) Entscheidender ist die Analyse der Haltung, der 
die einzelnen Gedanken und Vorschläge entwachsen; denn an 
ihre Stimmigkeit ist die aller Ergebnisse geknüpft. „Es gab, 
keine neue Bewegung," sagt Zehrer in einem seiner Aufsätze, 
„die in ihren Anfängen nicht von der scheinbaren Vernunft 
einer alten, den konservativen und traditionellen Mächten die 
nenden Sprache uä ud8ur6uiu geführt worden wäre!" Diese 
Bemerkung ist durchaus am Platz, wenn sie Einwände ab 
wehren soll, die eine Bewegung durch die Kritik ihres begriff 
lichen Ausdrucks im Kern zu treffen meinen. Nur darf sie 
nicht zur Entlastung der „Tat"-Sprache selber benutzt wer 
den, deren gewandte Formulierungen alles andere eher als 
das hilflose Gestammel sind, das nach Zehrer angeblich zu 
jeder neuen Bewegung gehört. Man wird also dieser Sprache 
wohl oder übel einiges Gewicht Leimessen müssen-.. Ebenso 
wenig läßt sich leider die Konfrontation der durch sie ver 
tretenen Anschauungen mit der Vernunft vermeiden, auf die 
der Tat-Kreis bekanntlich nicht gut zu sprechen ist. Ich glaube 
aber, daß man sich der mit ihrem Gebrauch verbundenen Ge 
fahr ruhig aussetzen darf. Einmal darum, weil eine Argu 
mentation nur unter der Bedingung möglich ist, daß die 
Rechte der Vernunft anerkannt werden; zum andern darum, 
weil auch die „Tat", gleichviel, ob mit oder ohne Willen, gar 
nicht so selten die von ihr verpönte Vernunft ins Treffen 
führt, ja nachdrücklich an sie appelliert. 
Einige Hauptfolgerungen aus der hier angestellten Ana 
lyse — sie bezieht sich auf die Hefte des letzten Jahrganges 
— seien vorweggenommen: die Leitgedanken des Tat-Kreises 
sind das genaue Spiegelbild der schwierigen Situation des 
Mittelstandes. Sie weisen auf eine Haltung zurück, die in 
einem wesentlichen Sinne irreal und widerspruchsvoll ist. 
Einen Ausweg eröffnen diese Gedanken ihrer unfruchtbaren 
Verwirrung wegen nicht. 
II. 
Die Erfahrung liefert der „Tat" den Begriff Volk. Sie 
postuliert ihn als einen unzerlegbaren Grundbegriff. Bald 
geht die Rede vom „völkischen Gesamtheitsgedanken", bald 
werden die öffentlichen Einrichtungen auf ihre „Volksnahe" 
geprüft. Der romantisch gebrauchte Begriff meint ersichtlich 
das Polk als etwas Gewachsenes und richtet sich sowohl wider 
alle im weitesten Sinne liberalen Theorien, die den Einzelnen 
^r Gemeinschaft zugrunde lMn, wie gegen den modernen
        <pb n="93" />
        III. 
Die „Tat" kehrt den kritisierten Zuständen den Rücken. 
Belangt sie über die Kritik hinausK Vermag sie jene sub 
stantielle Wirklichkeit zu bewähren, auf die ihre Grundbegriffe 
abzielen? 
Diese Fragen sind zu verneinen. Denn die Art und Weise, 
in der die Mitarbeiter der „Tat" fortwährend Volk, Staat, 
Mythos usw. im Munde führen, beweist bündig, daß es sich 
hier weniger um erfahrene Gehalte als um ersehnte handelt. 
Die Gehalte werden — das verrät der Gebrauch, der von ihnen 
gemacht wird -- nicht vorausgesetzt, sondern gefordert; man 
kommt nicht von ihnen her, man möchte zu ihnen hin. Mit 
anderen Worten: die Wirklichkeit, die der „Tat" am Herzen 
liegt, ist gar nicht vorhanden, es sei denn als Ziel. Nun hat 
aber die Rede von Substanzen nur dann einen Sinn, wenn 
sie als seiend enthüllt werden. Sie zu proklamieren wie irgend 
einen durch die bloße Willensanstrengung zu realisierenden 
Plan, heißt eine Forderung aufstellen, der von vornherein der 
Stempel der Unerfüllbarkeit aufgedrückt ist. Ein Gehalt existiert 
oder existiert nicht. Wer den Begriff von ihm verwendet, ohne 
ihn selber zu haben, gewinnt ihn nicht durch den Begriff, zeigt 
vielmehr etwas ganz anderes damit an. Dies: daß der Be 
griff eine pure Reaktion ist. Alle positiv geladenen Begriffe 
der „Tat" sind kaum mehr als Reaktionen auf das negativ ge- 
wertete System, das von ihr unter dem Sammelnamen Libera 
lismus zusammengefaßt wird. Sie sind recht eigentlich irreal, 
das heißt, sie treffen nicht die Realität, die ja bereits existieren 
müßte, um rechtmäßig angesprochen werden zu können. Und die 
ganze Bedeutung dieser Begriffe erschöpft sich darin, Symptome 
einer Gegenbewegung zu sein, die man zweifellos als roman 
tisch bezeichnen darf. 
Es zeugt von einer gewissen Besonnenheit, daß der Tat 
Kreis sich nicht auf das Erscheinen eines Führers verläßt, son 
dern für alle Fälle mit den Gestaltungskräften einer geistigen 
Elite rechnet, an deren Vorhandensein er glaubt. Die Ver 
mutung liegt nahe, daß er vor allem sich selber zu der von ihm 
gewünschten Elite zählt, und er ist ja auch wirklich eine Auslese 
deutscher Jugend. Immerhin steht er nicht davon ab, den even-^ 
tuellen Führer schon jetzt zu verherrlichen. „Die Sehnsucht nach 
diesem Einzelnen", träumt Zehrer vom Erwarteten, „ist im 
Volk seit über einem Jahrzehnt vorhanden. Wir wollen uns 
doch nichts vormachen: wenn das erste scharfe, aber gerechte 
Kommandowort eines wirklich persönlichen Willens in das 
deutsche Volk hineinfahren würde, würde sich dieses Volk for 
mieren und zusammenschließen. . . und es würde befreit auf 
atmen, weil es den Weg wieder wissen würde." Es wird sicher 
nichts von alledem tun, weil und solange sich guter politischer 
Wille in der Sehnsucht nach dem Führer entlädt. Dessen Kommen 
und Bleiben ist einzig und allein an die richtige und konstruk 
tive Erkenntnis der Situation geknüpft, und er verschwindet 
wieder, wenn er sich rein auf sein Führertum stützt, ohne die 
Situation zu durchschauen (Clemenceau, Lloyd George usw.j. 
Statt nun nach Möglichkeit die Bedingung zu realisieren, unter 
denen ein Führer überhaupt auftreten kann, glorifiziert Zehrer 
im voraus den Führer als solchen. Eine viel verbreiNe Ein-! 
erlaubt, daß der Mythos national sein müsse. Auf diese Not 
wendigkeit weist unzweideutig die Erklärung hin, daß es die 
Aufgabe der Zukunft sei, „eine neue Volksgemeinschaft zu schaf 
fen unter dem Mythos einer neuen Nation". 
^olk, Staat, Mythos — diese geschlossen zusammenhängen« 
den Begriffe meinen eine substantielle Wirklichkeit. Dadurch, daß 
,,^at auf sib ausrichtet, ist sie auch zu einer substan 
tiellen Kritik an den herrschenden Verhältnissen befähigt ja 
sie wendet sich von dem Bestehenden überhaupt nur darum ab, 
weil es m wesentlicher Hinsicht unerträglich ist. Der Einfluß 
den sich der Tat-Kreis erworben hat, beruht - das scheint mir 
EU Zweifel zu dulden - nicht zuletzt auf dieser seiner Zeit 
kritik Wie es bei der hier gekennzeichneten Haltung nicht anders 
sein kann, trifft sie vor allem die Substanzarmut, die sich unter 
dem gegenwärtigen Regime breit macht. Ich lasse dahingestellt 
ob man zu ihrem Ausweis gerade von dem Generalnenner der 
genannten Begriffe ausgehen müsse oder nicht mindestens 
ebenso gut daran täte, von anderen Begriffen, dem der Klasse 
etwa, zu starten. Wichtig allein ist zunächst, daß die Tat" 
mit Hilfe der von ihr verwandten Kategorien entscheidende Ge 
brechen zu diagnostizieren vermag. Und zwar denke ich nicht nur 
' an Fried, der höchst gewaltsam freilich die heutigen Zerrformen 
kapitalistischen Wirtschaftens in seine Alfresco-Gemälde zwingt,! 
sondern auch an Aeußerungen von kleineren Dimensionen, die in 
den Kern der Zustände vorstoßen. Sie stellen zum Beispiel 
entgegen der vulgären, allzu Optimistischen Meinung den Be 
rufsgedanken richtig, entlarven die Mächte, die sich im Schutz 
der föderalistischen Kulisse ausleben, und analysieren stimmig 
die Situation einiger Parteien. Am tiefsten greift wohl der 
immerwährende Protest der „Tat" gegen das ungebundene 
Denken. Allerdings schadet sie ihrer eigenen Sache damit, daß 
sie häufig entgleist und den Kampf unter falscher Flagge führt. 
Wie leichtfertig konstruiert sie die Behauptung, daß es der 
jüdischen Intelligenz an konstruktiver Begabung ermangele; wie 
hämisch, nichts weiter als hämisch ist der folgende Satz: „Ein 
stein, das Reklamegenie der Bescheidenheit, tapert unentwegt 
durch diese Welt und kämpft mit der Waffe der Relativitäts 
theoriefür Kriegsdienstverweigerung und Zionismus". Zu sol 
chen Verfehlungen, die einer ernsten Zeitschrift unwürdig sind, 
kommt die andauernde Verwechslung jenes Denkens mit der 
„Liberalistischen Vernunft" oder gar der Vernunft schlechthin, 
mit der es schon gar nichts gemein hat. Die „Tat"-Sprache, 
für die Zehrer im voraus auf mildernde Umstände plädiert, 
ist nicht hilflos, sondern ungenau, und nur undeutlich schim 
mert durch den von ihr erzeugten Nebel das eigentliche An 
griffsziel durch. Es ist die Ratio, die ihren Ursprung ver 
leugnet und keine Grenze mehr kennt; zum Unterschied von der 
Vernunft im allgemeinen und der „liberalistischen" im beson 
deren, die ja schließlich am Humanitätsglauben ihre Stütze 
hat. Diese entfesselte Ratio, die auch keineswegs ohne weiteres 
als Intellekt angesprochen werden darf, ist so wenig Vernunft, 
daß sie vielmehr, einem Naturdämon gleich, das Vernünftige 
übermannt. Und gerade die Machtlosigkeit der Vernunft er 
laubt ihr, heute so ungezügelt zu walten. Sie, die blinde Ratio, 
gibt der Profitgier ihre Transaktionen ein; sie bedingt die Un- 
verantwortlichkeit einer gewissen Journaille; sie trägt die Schuld 
an der Ueberstürzung des Rationalisterungsprozesses und an 
allen jenen Kalküls einer entarteten Wirtschaft, die sämtliche 
Faktoren berücksichtigen, nur nicht den Menschen. Wie sie be 
sinnungslos eine technische Apparatur geschaffen hat, vor der 
wir wie der Zauberlehrling stehen, der die heraufbeschworenen 
Elemente nicht bannen kann, so hat sie auch die Bindungen 
Zersetzt, die den Zusammenhalt der bisherigen Gesellschaft ge 
währleisten. Welche, furchtbaren Folgen der durch sie bewirkte 
Zerfall zumal für^die Mittelschichten nach sich zieht, ist in 
meinem Buch : „Die Angestellten" darzustellen versucht worden. 
Er entsubstantialisiert diese Schichten, die nun nichts mehr 
über sich haben als die verbindliche Neutralität des gehaltlosen 
Denkens. In seine Stummheit flüchtet sich das schwer er 
schütterte ökonomische und soziale System, dem wir zur Zeit 
unterstehen. 
stellung, die ersichtlich der Abneigung gegen den Parlamentaris 
mus der liberalen Demokratie entspringt, aber mcht das ge 
ringste bewirkt. Im Gegenteil! Dadurch, daß man ßch m 
Hymnen auf den Führer ausgibt, ehe er noch da ist unterlaßt 
man es gerade, ihm den Weg zu bereiten, und fallt allenfalls 
Abenteurern zur Beute. Die Erwartung des Führers zieht ihn 
nicht herbei, sie verhindert sein Nahen. Es zu erleichtern ver 
möchte höchstens die stete Frage nach dem, was notwendig zu 
geschehen hätte. Und Anwartschaft daraus, als Bild ms Be 
wußtsein des Volkes zw treten, hat nicht der erwartete, Andern 
erst der erschienene Führer. Das mit einer Gloriole umwobene 
Bild Lenins ist Ende und nicht Beginn der Führerlaufbahn, ist 
die Folge eines auf Erkenntnis gegründeten Verhaltens. 
Auch der Begriff vom Mythos, in dessen Zeichen sich das 
neue Staatsvolk bilden soll, ist ein unkräftiger Gegenbegriss. 
Der Auflehnung wider den denaturierten Liberalismus ein 
förmigen, möchte er an die Stelle der Vernunft, die angeblich 
versagt hat, eine wirksamere Macht setzen. Aber der Mythos 
läßt sich nicht setzen. Er ist, Bachosen zufolge, „nichts anderes 
als die Darstellung der Volkserlebnisse im Lichte des religiösen 
Glaubens". Oder wie Carl Albrecht Bernoulli in den Er 
läuterungen zu seiner Bachosen-Ausgabe bemerkt: „Mythos 
hat Geltung oder nicht Geltung, je nachdem er sich in uns wirk 
sam erweist oder nicht. Jedenfalls ,ist' er oder er ,ist nicht gemäß 
unserer Gefühlswelt..." Dem widerspricht nur scheinbar die 
Rede Mussolinis vor dem Marsch nach Rom, in der er dem 
Fascismus das Verdienst zufchreibt, den Mythos der Nation 
geschaffen zu haben; wenn auch Carl Schmitt, der diese 
Stelle der Rede in seinem Buch: „Die geistesgeWchtliche 
Lage des heutigen Parlamentarismus" nicht ohne Sympathie 
zitiert, die mit ihr verbundenen Ereignisse „ein Beispiel sür 
die irrationale Kraft des nationalen Mythus" nennt. Es wäre 
erst noch zu prüfen, bis zu welchem Grade der sogenannte 
fascistische Mythos nicht einfach der ideologische Ueberbau be 
stimmter materieller und sozialer Verhältnisse ist und ob er 
! überhaupt aus eigener irrationaler Kraft bestehen könnte. 
Zehrer verrät einmal unfreiwilligerweise selber, wie schwach 
das Fundament ist, auf dem das Mythos-Programm des Tat 
Kreises ruht. Er sagt vom Kommunismus: „Allerdings darf 
man seine Position auch nicht unterschätzen; er besitzt einen 
Mythos, der... unabhängig von dem ist, was er an Theorie 
enthält und lediglich zur Sammlung der Massen und zur 
Machtergreifung dient: das vermeintliche Vorbild Rußlands." 
Um ganz von der Frivolität abzusehen, mit der vom Anbeter 
des Irrationalen die Beziehung zwischen Theorie und späterer 
Praxis, zwischen Parole und Erfüllung vergleichgültigt wird, 
so ist hier zu fragen, welchem Umstand der Kommunismus 
seinen Mythos verdankt. Antwort: eben der von Zehrer ver 
achteten Theorie. Nur kraft ihrer theoretischen Einsichten ist 
es den russischen Kommunisten gelungen, aus Rußland das 
zu machen, was der Tat-Kreis, nicht aber der Kommunismus 
-WA-W-MWhWMÄ MM Mch, wie Carl 
Schmitt in feinem erwähnten Buch im Einklang mit Sorel 
erklärt, die nationalen Energien den Sieg der russischen Re 
volution bedingt haben, so sind doch nicht sie angesprochen 
worden, sondern gemeint war und ist der Sozialismus. 
Woraus hervorgeht, daß sogar heute noch vielleicht ein Mythos
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        lt 
allerdings Nicht den Sinn dessen, was sein soll, sondern 
dessen, was ist, aber diese Erklärung hindert ihn nicht daran, 
den folgenden Satz Spenglers beifällig zu zitieren: „Die Welt 
geschichte ist das 'Weltgericht: ... sie hat immer die Wahrheit 
und Gerechtigkeit der Macht, der Rasse geopfert und die 
Menschen und Völker zum Tode verurteilt, denen die Wahr 
heit wichtiger war als Taten, und Gerechtigkeit wesentlicher 
als Macht." Es wäre ein Leichtes — ich denke etwa an den 
Drehfuß-Prozeß, die Aussage Spenglers durch Beispiele zu 
widerlegen, die das genaue Gegenteil beweisen. Von Inter 
esse ist hier jedoch nur die Feststellung, daß Fried, indem er 
diese These übernimmt, die gleiche Wirklichkeitsarmut verrät, 
die sich in der „Tat" gerade dort überall geltend macht, wo 
die neue Wirklichkeit postuliert wird. Denn der von ihm als 
Realität ausgespielte Satz, daß Wahrheit und Gerechtigkeit 
im weltgeschichtlichen Prozeß stets der Macht und der Rasse 
zum Opfer fielen, entspringt faktisch nicht der aktuellen Be 
ziehung zur Realität, ist vielmehr eine Frucht rein historischer 
Einstellung. Derselben Einstellung, von der es an einer ande 
ren Stelle der „Tat" mit einigem Recht heißt: „Ganz grund 
sätzlich, vom Ethischen her, könnte man fragen, ob die histo 
rische Einstellung nicht gerade im tiefsten Grunde unhistorisch 
ist, indem sie sich weigert, in die Dialektik der Geschichte ein 
Zugehen, und dadurch wirklich geschichtlich' zu werden". Ließe 
sich Fried mit der Dialektik der Geschichte ein, so rnüßte er 
bemerken, daß sich Macht und Rasse nur dann dauernd durch 
setzen, wenn sie jenen Lehren dienen, in denen sich Wahrheit 
und Gerechtigkeit jeweils verkörpern; daß sie dagegen zum 
Scheitern verurteilt sind, wenn sie allein sich selber in Kraft 
wissen wollen. Fried entzieht sich dieser Dialektik. Die Folge 
solcher Irrealität ist, daß er eine fragwürdige historische Kon 
templation mit einer Maxime des Handelns verwechselt und 
die natürliche Voraussetzung substantiellen Verhaltens zur 
Substanz übersteigert. Seine Position ist nichts sonst als 
Opposition gegen jede Sinnhaftigkeit überhaupt und selber so 
bar an Gehalt, wie nur die bloße unbelichtete Natur es ist. 
Die „Tat" richtet also gegen die liberale Wirklichkeit keine 
andere, substantiellere auf, fordert vielmehr nur eine, die sich 
nicht fordern läßt. Wer boshaft wäre, könnte einen der Ab 
götter des Tat-Kreises gegen diesen ins Treffen führen. Ich 
meine Spengler. Er sagt einmal, daß die nordische Seele, da 
sie ihre inneren Möglichkeiten erschöpft habe und ihr nur noch 
„der Trieb, die schöpferische Leidenschaft, eine geistige Daseins 
Wären die Begriffe des Tat-Kreises nur irreal aber an 
ihrem Hungertuch nagt auch der Widerspruch. Nicht der unab 
dingbare, der sich an der Grenze jedes geschlossenen Systems 
einstellt, dort, wo seine Voraussetzungen stecken, sondern einer, 
der das System von innen her auflöst. Es hat seinen guten 
Grund, daß die Mitarbeiter der „Tat", Teufelsaustreibern 
gleich, die den Hexen nachspüren, allenthalben Liberalismus 
wittern und die unseligen Tropfen zählen, die einer davon 
im Blute hat. Konservativismus und Sozialismus gelten ibnen 
als völlig verseucht, und was ist der russische Bolschewismus? 
„Es ist ein Liberalismus mit marxistischem Vorzeichen!" Auch 
der Fascismus wird des Umgangs mit dem Bösen geziehen und 
muß sich nachsagen lassen, daß er von einer Fülle liberaler 
Ideen durchsetzt sei. Kurzum, man ist päpstlicher als der Papst; 
vorausgesetzt, daß von ihm im Zusammenhang mit dem Fascis- 
mus geredet werden darf. Die Sucht, den Liberalismus bis 
in den entlegensten Winkel hinein zu hetzen und zu jagen, läßt 
nun unstreitig darauf schließen, daß er, psychoanalytisch ge 
sprochen, so etwas wie eine Verdrängungserscheinung ist. Man 
verfolgt ihn mit Haß, weil man ihn in sich hat. Und wirklich 
hat ihn die „Tat" unbewußt so sehr in sich, daß er überall aus 
ihr herausquillt. Er läßt sich nicht verbergen: der vorne von ihr 
vertriebene Liberalismus wird an der Hintertür stets wieder 
freundlich hineinkomplimentiert. Und schlupft er auch nicht 
unter seinem eigenen Namen ins Haus, so ist eine Verwechslung 
doch ausgeschlossen. Seine Gegenwart inmitten der ihm feind 
lichen Gedankenwelt ist aber ein Beweis mehr für deren Ohn 
macht. 
An entscheidenden Stellen tritt der Begriff des Einzel 
menschen in Bedeutungen auf, die denen der bewußten Haltung 
des Tat-Kreises Widerstreiten. So wird im Kampf gegen 
Amerikanismus und Kapitalismus nicht nur der Wiederauf 
bau des Berufsgedankens, sondern auch der Aufbau einer 
„neuen Persönlichkeitskultur" erstrebt. Ferner findet sich in 
dem Aufsatz: „Wohin treiben wird", dem gleichen, der das 
Programm enthält, der gesperrt gedruckte Satz: „Es geht um 
den Menschen. Und die Entscheidung darüber, wohin es geht 
und wie lange es dauert, .fällt in jedem Einzelnen selbst, 
nirgends sonst!" Aus welcher Sphäre werden diese Be 
stimmungen hierher verschlagen? Sie sind Individualismus 
idealistischer Prägung, bürgerliche Begriffe, wenn man will, 
die sich jedenfalls unter keiner Bedingung mit der Forderung 
des „integralen Nationalismus" und des „totalen Staates" 
vereinen lassen. Denn deren Erfüllung ist zum mindesten an 
die Einheit des allgemeinen und des subjektiven Willens 
geknüpft. Heißt es aber ausdrücklich, daß die Entscheidung in 
dem Gnzelnen selber falle und nirgends sonst, so ist damit 
der Staatswille von vornherein ausgeschaltet; auch dann, 
wenn eine organische Staatsauffassung zugrunde gelegt wird. 
Dieser autonome Einzelne ist viel eher der Träger des alten 
liberalen Systems als der einer Autarkie, und es zeugt nur 
von der Stärke der ererbten liberalen Vorstellungen, daß er 
sich in einer durchaus antiliberalen Konzeption noch den 
Ehrenplatz erobern kann. Wie das Beispiel Rußlands drastisch 
lehrt, ist in Wirklichkeit gerade die Aufhebung der Autonomie 
des einzelnen notwendig, um die Menschen in den souveränen 
Staat „hinein zu integrieren". Und obwohl die Sowjetunion 
von den Tat-Leuten des Liberalismus bezichtigt wird, weiß 
sie doch besser als diese darum Bescheid, daß der Aufbau einer 
nationalen Staatswirtschaft den einer „Persönlichkeitskultur" 
nicht duldet. Sie im freien Raum zu Verlangen und zualeich 
den Begriff des totalen Staates zu konstruieren, ist auf alle 
Fälle ein Widersinn. 
Die „Tat" beschränkt sich nicht darauf, die Entscheidung in 
den einzelnen zu verlegen, sondern entwirft auch ein ziemlich 
scharf umrissenes Bild seines zukünftigen Daseins. „Er wird 
weniger zu tun haben als heute, denn er kann nicht mehr acht 
Stunden beschäftigt werden. Er wird infolgedessen mehr Zeit 
form ohne Inhalt" bleibe, sich einen Gehalt ihrer Wirksamkeit 
wenigstens vortäufchen müsse. „Ibsen hat es," so fährt er fort, 
„die Lebenslüge genannt. Nun, etwas von ihr liegt in der 
gesamten Geistigkeit der westeuropäischen Zivilisation, insoweit 
sie auf eine religiöse, künstlerische, philosophische Zukunft, ein 
immaterielles Ziel, ein drittes Reich sich richtet, während in 
der tiefsten Tiefe ein dumpfes Gesühl nicht schweigen will, 
daß diese ganze Wirksamkeit Schein, die verzweifelte Selbst 
täuschung einer historischen Seele ist... Auf dieser Lebenslüge 
ruht Bayreuth, das etwas sein wollte im Gegensatz zu 
Pergamon, das etwas war." Diese Einsichten, deren Er 
kenntnisgehalt hier nicht zu erörtern ist, beziehen sich zwar 
auf den Sozialismus, treffen aber viel eher den Vorstellungs 
kreis der „Tat". Auch sie will etwas, das etwas war. Ich darf 
hinzufügen, daß es, insofern es Willensziel ist, nicht werden 
kann. (Schluß folgt morgen.) 
aus der Verwirklichung von Erkenntnissen entsteht, die direkte 
Forderung des Mythos aber gegenstandslos ist. Damit wäre 
der Appell der „Tat" an den Mythos gekennzeichnet als eine 
Reaktion ohne Gehalt. 
Ein gleiches gilt für den Begriff vom Raum. Wenn Zehrer 
es etwa als Notwendigkeit erachtet, daß sich die Sammlung 
der geistigen Elite innerhalb der Landschaften vollziehen müsse, 
so überhöht er eine Begleiterscheinung zur Bedingung. Denn 
gewiß spricht sich eine neue Lehre — und nur durch sie wird 
eine Elite bestimmt — gern zwischen Nachbarn herum; aber 
darum ist doch nicht die nachbarliche Beziehung die Voraus 
setzung für die Bildung dieser Elite. Wie hier, so stempelt die 
„Tat" durchweg den Raum zur Eigengröße; während er in 
Wirklichkeit Bedeutung jeweils von den auf seinem Boden 
sich realisierenden Gehalten empfängt, die er allerdings zu 
bewahren, zu verwandeln und auszudünsten vermag. Ein Kult 
mit dem Raum, der sich ganz offenbar wider die in liberalen 
Kreisen nicht ungebräuchliche Denkweise richtet, die zur Jnter- 
nationalität drängt, ohne räumliche Eigenarten voll mit ein- 
zusetzen. Indem jedoch diese Gegenaktion den Raum ver 
absolutiert, schießt sie weit übers Ziel hinaus und schafft 
einen aufgeblähten, hohlen Begriff, der aus dem Raum einen 
Popanz macht. Ich kann es mir nicht versagen, eine Probe 
Friedscher Raumkunst zu geben. „Das kapitalistische Abend 
land... verliert wahrscheinlich noch den Einfluß auf Süd 
amerika und Australien, wo die nationale Bewegung immer 
stärker auf Abschließung, Herauslösung aus der Weltwirtschaft, 
Selbständigkeit hinarbeitet. Möglich erscheint es, daß auch 
Südafrika dann herausfallen wird. In Nordamerika wird die 
heranreifende Auseinandersetzung zwischen den überschuldeten 
Farmern des Westens und dem industriell-finanziellen Osten 
schließlich zu einer ähnlichen wirtschaftlichen Symbiose wie 
zwischen Mitteleuropa—Rußland führen, wobei sich freilich 
dann ganz Nordamerika einschließlich Kanada ebenfalls völlig 
autark von der übrigen Welt abschließen wird. Damit verbleiben 
usw " Entnommen einem Aufsatz: „Der Umbau der Welt" 
(Mai-Heft 31). Die Irrealität dieser Plakatarchitektur liegt 
auf der Hand. Sie stempelt die im Raum sich darstellende 
Oekonomie ohne weiteres zu einer variablen des Raumes und 
verfälscht die Not von Zollgrenzen zur Tugend der Autarkie. 
Am erschreckendsten ist die Reaktion der „Tat" auf die 
Sinnhaftigkeit, die der Liberalismus, und nicht Nur er, dem 
Geschehen zuschreibt. So gut ich begreift, daß man sich von 
einer Situation wegwendet, die keinen Sinn mehr zu bewahr 
heiten scheint, so unvollziehbar dünkt mir doch der Schritt, 
den Fried bei wachem Bewußtsein ins Nichts der Barbarei 
unternimmt, Zwar behauptet auch er einen Sinn zu suchet
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        Abschluß gefunden. 
VI. 
bloßen Natur bekämpfen zu wollen, die sich in ihm darstellt. 
Nur die Vernunft kann die maßlose Ratio begrenzen; die 
Vernunft, zu deren Merkmalen auch dieses gehört, daß sie 
ihrer Bedingtheit eingedenk ist. „Wir schätzen den Franzoen", 
heißt es einmal in der „Tat", „als Gegner aus dem Krieg. 
Viele von uns hasten später auf Reisen durch Frankreich den 
Lebensstil des französischen Kleinbürgers und Bauern kennen- 
gelernt, und wir haben seine statisch«, konservative Mentalität 
verstanden." Nun, diese doch wohl schätzenswerte Mentalität ist 
die eines Volkes, das der Vernunft einst göttliche Ehren er 
wies und ihr Walten freimütig anerkennt. Auch der Tat-KreiS 
sollte nicht länger dem unfruchtbaren Groll gegen sie nachgeben, 
der ihn von seinen wahren Zielen nur abdrängt. Im Novem 
berheft erklärt Erwin Ritter: „Wir ringen... um die Rück 
kehr des Intellektes zur Bescheidenheit." Der bescheidene Intel 
lekt: er eben ist ja die Vernunft, die es in dieser zur Ent 
scheidung drängenden Situation mehr als je anzuwenden gilt. 
Denn ohne ihren vollen Einsatz, ohne die klar«, bündige Absage 
an die finstern Mächte des Widergeistes wird der Kreis der um 
die „Tat geschälten Menschen "niemals das haben, was ihm 
teuer ist: die neue Wirtschaft, die nur ein Werk der Erkentniz 
sein kann, und das Volk von rechts und von links, dessen 
Umrisse ihm borschweben. 
gesamten Totalität geht . . ." Wäre der Einsatz des 
'Glaubens vorhanden, das auch sonst häufig gebrauchte Wort 
von der Totalität erhielte sein ihm hier zugedachtes Gewicht. 
Die politische Aktivität der „Tat" allerdings hätte damit ihren 
Ueber die Fttmzerrfur. 
„Nicht der Branche zuliebe ist diese Schrift geschrieben, 
sondern für den wertvollen Film. Mehr noch: für die 
Entfaltung und die Fruchtbarkeit des geistigen deutschen 
Lebens, das heute nicht zuletzt auch in der Form des 
Films sich bekunden kann." 
Wir zitieren diese Sätze aus der Einleitung des Buches: 
„Verbotene Filme" von Wolfga g Petzet (So 
' cietäts-Verlag Frankfurt a. M. 160 S. K .. Mk. 2.50), weil 
sie seine Absichten scharf umreißen. In ' Tat handelt es sich 
hier um eine Streitschrift, die wie jed echte Polemik über ihr 
begrenztes Kampfziel hinausgreift. Sie beschränkt sich darauf, 
die Filmzensur zu geißeln. Aber indem sie deren Methoden 
anprangert, kennzeichnet sie zugleich die Mentalität, die heute 
aus vielen Aeußerungen des öffentlichen Lebens in Deutsch 
land spricht. 
Voraussetzung ihres Nachweises ist zunächst die genaue 
Materialanalyse. Petzet handhabt sie musterhaft. Er untersucht 
mit philologischer Exaktheit den Text des Lichtspielgesetzes, 
verfolgt wie ein Spürhund die verschiedenen Zenfurbescheide 
und ihre Begründungen und benutzt auch sonst alles ein 
schlägige Material. Wobei es ihm immer wieder gelingt, aus 
den von ihm zitierten amtlichen Dokumenten, Schriften, Fach- 
zeitschristen-Artikeln usw. Bekenntnisse herauszulocken, die sie 
eigentlich gar nicht ablegen wollen. 
Daß er sie so unter Druck setzen kann, ist seiner entschiede 
nen Haltung zu danken. Dieser Autor weiß, worauf es an- 
kommt, weiß es auf ökonomischem, sozialem, politischem und 
kulturellem Gebiet. Eben darum vermag er auch sein Material 
von allen möglichen Seiten her zu bedrängen und die Gegner 
so zu umzingeln, daß es schlechterdings kein Ausweichen mehr 
für sie gibt. Er stellt nicht nur die Willkür der Filmzensur 
bloß, er entkräftet sämtliche Argumente, die sie zu ihren Gun 
sten geltend macht. Und nicht anders verfährt er mit der Film 
industrie, die ja scheinbar unter dem Wüten der Zensur be 
sonders schwer zu leiden hat. Auch ihr Verhalten wird auf 
Herz und Nieren geprüft, und das Ergebnis ist, daß der 
Produktionsapparat mit dem Kontrollapparat vortrefflich har 
moniert. 
Wir müssen es uns leider versagen, auf die Fülle der Ein 
zelanalysen näher einzugehen. Die Hauptsache ist, daß sie die 
Unsinnigkeit des Lichtspielgesetzes und seiner Anwendung voll 
kommen zur Evidenz erheben; daß sie ferner die Betrachtung 
der Fälle Zum Anlaß nehmen, um wichtige Aussagen Über 
unsere öffentlichen Zustände zu machen; daß sie schließlich 
nachhaltig auf das Grundgebrechen unseres kulturellen Lebens 
aufmerksam machen, insofern es staatlich zu reglementieren 
versucht wird: Die Kulturpolitik hat innerhalb des heutigen 
Systems keine feste Direktion, sondern ist jeweils die Resul 
tierende von . Druck und Gegendruck. Daher die unzulängliche 
Arbeit -der PM daher die Zufälligkeit ihrer Beschlüsse, 
die sich noch dazu oft genug widersprechen. Petzet schlagt ein 
mal halb im Scherz vor, daß man die der Zensur vorzuführen- 
den Filme zuerst dem Publikum zeigen solle, damit es Wetten 
über ihre Zulassung oder ihr Verbot abschließen könne. „Es 
wäre ein . . . in jeder Hinsicht moralisches Glücksspiel," fahrt 
er f)vt, „ganz wie es Polizei und Gesetzgebung bei uns liebt: 
-ein gewisser Grad von geistiger Konzentration, Einfühlungs 
gabe, Gefchicklichkeit und Balancierkunst wäre zur Gewinnung 
der richtigen Lösung nötig, und dennoch würde auch der Er- 
Die Sorge um das Schicksal der unersetzlichen, im Mittel 
stand vorhandenen Kräfte hat mich zu diesen Auseinander 
setzungen bestimmt. Ihre einzige Absicht ist: der Ausweis der 
Situation, in der die „Tat" sich befindet. Er ist auch rm 
Jnteresie der von dieser vertretenen Sache geboten; in dem 
jeder Sache, die eine ist. 
Soviel ich sehe, gründet sich die der „Tat" aus die bereits 
eingangs erwähnte tiefe Erfahrung der Verbundenheit des 
Volks. Sie zu gewinnen, ist seiner Zwischenposition wegen ge 
rade der Mittelstand befähigt, und ich wüßte nicht, wie man sie 
besser ausdrücken könnte als durch die folgenden Sätze Zehrers: 
„Die Gemeinsamkeit des konservativen Menschen, der seiner 
Natur, seiner Tradition, seinem Blut und seinem Charakter 
nach das heutige System nie anerkennen konnte, mit dem 
neuen Menschen auf der Linken, den das heutige System durch- 
walkte und ausspie, ist größer, beide sind sich näher, als sie 
ahnen. Der Weg der Zukunft führt dahin, diesen Menschen 
rechts mit dem Menschen links zusammenzuführen und umge 
kehrt ..." Hinzu kommt eben die Erfahrung der Schäden des 
heutigen Systems, die den legitimen Aufruhr gegen die ent 
fesselte Ratio bedingt. Auch er ist an Einsichten geknüpft, die 
während der Krise besonders den Mittelschichten nahegelegt 
worden sind. 
Die Aufgabe, diese substantiellen Erfahrungen des Mittel 
stands fruchtbar zu machen, ist nun keineswegs gleichbedeutend 
mit einer engherzigen Mittelstandspolitik. Denn entstammen sie 
auch dem Mittelstand, so zielen sie doch nicht ohne weiteres 
darauf ab, ihn in seiner sozialen Zwischenstellung zu ver 
ewigen. Begnügte sich der Tat-Kreis mit einer solchen Misston: 
dann allerdings wäre er in einer Sackgasse ohne Ausweg, 
müßte an der Unwirklichkeit seiner Begriffe und an inneren 
Widersprüchen scheitern und dürfte kaum hoffen, den oben ge 
kennzeichneten Gefahren zu entgehen. Aber in Wahrheit hat er 
sich ja nicht diese Aufgabe gestellt, sondern eine andere, die 
über das pure Mittelstandsinteresse hinausreicht. Wie sie prak 
tisch zu lösen sei, ist hier nicht zu erörtern. Festzustellen ist nur: 
daß ihre Inangriffnahme eine Revision der Haltung des Tat 
Kreises in zwei wichtigen Punkten zur Voraussetzung hätte. 
. Einmal, so glaube ich, wird es ihm nicht erspart bleiben, 
seine Haupt- und SLaatsbegriffe von ihrer Bedeutung als 
Reaktionen zu reinigen. In einem Aufsatz des September 
heftes schreibt Ernst Wilhelm Eschmann: „Wir wenden uns 
hier gegen den Marxismus nicht aus ideologischen Gründen... 
Sondern weil er eine gewaltige Quantität von Energien zur 
Unproduktivität verurteilt, weil er sie konfessionell fixiert und 
so die richtigen Entschlüsse nicht zulätzt." Aber auch die „Tat" 
fixiert bei der Erzeugung von Begriffschimären, die den Mittel 
stand allenfalls überhöhen, ohne ihn jedoch unterbauen zu 
können, eine Menge von Energien, die sich ungleich produktiver 
anlegen ließen. Sie will den Menschen rechts mit dem Menschen 
links zusammenbringen und verfährt nicht anders wie die 
„Roten Betriebszellenzeitungen", denen Christian Reil im 
Aprilhest nachsagt, daß ihr Einfluß über den Kreis der 
eigenen Parteianhänger hinaus ziemlich gering sei, ,,da ein 
großer Teil des Inhaltes Oppositionsartikel gegen die freien, 
Gewerkschaften sind, und die Sprache, die speziell für die An 
gestellten schichten gesprochen werden muß, um bei diesen wirk 
sam zu sein, den Kommunisten vorläufig jedenfalls vollständig 
abgeht..." Genau so versagt der Tat-Kreis gegenüber den 
Arbeüerschichten. Statt in die von ihm gemeinte Wirklichkeit 
einzudringen, verliert er sich an die Scheinwirklichkeit der 
Bilder vom Staat und vom Mythos, die er gegen den an die 
Wand gemalten Erzteufel des Marxismus und Liberalismus 
entwirft. Seine Oppositionsbegriffe bewirken, daß ihm die 
Linke nur ein Begriff ist. Und doch müßte er Zum Probrtariat 
kommen und es herbeiholen, um die Erfahrung des Volkes zu 
realisieren. 
Die Bedingung eines solchen Vorgehens wäre allerdings, 
daß er sich nicht von gefühlsmäßigen Reaktionen, sondern von 
Erkenntnissen leiten ließe. Und damit bin ich beim zweiten 
Punkt angelangt, in dem das Verhalten des Tat-Kreises revi. 
sionsbedürftig ist. Er wird, wie ich meine im Dienst seiner 
eigentlichen Aufgabe die Würde der Vernunft wieder herzu 
stellen haben. Die gegen sie angezettelte Rebellion mag als 
Verzweiflungsakt des bedrohten Mittelstandes zu verstehen 
sein; sie ist unter keinen Umständen das richtige Mittel, um dem 
Wüten der entfesselten Ratio Einhalt zu tun. Im Gegenteil! 
Jenes ungebundene, vom Kratürlichen abgelöste Denken, das 
sich in der Nachkriegswelt auf den Gebieten der Wirtschaft, 
Politik usw. ungestraft über alle Schranken Hinwegsetzen durste, 
hat viel mehr Affinität zur Barbarei als zur Vernunft; der 
liberalen nicht ausgenommen. Es ist, ich" wiederhole schon Ge 
sagtes, der Exponent blinder Naturtriebe, und nichts wäre ab 
&amp;gt; surder und zugleich aussichtsloser, als es mit Lilie derselben
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        des klaren Einblicks, den der Tat-Kreis in die Zugehörigkeit " 
bestimmter Programme zu bestimmten sozialen Schichten hat, 
müßte es ihm, nebenbei bemerkt, auch ein Leichtes sein, die 
Rechtmäßigkeit des Begriffes Klasse zu erkennen. 
Die Mittelschichten sind heute zum großen Teil ökonomisch 
proletarisiert und in ideeller Hinsicht obdachlos. Ihre Prole 
tarisierung bringt sie jetzt während der Krise in steigendem 
Maße gegen den Kapitalismus auf, und Grueneberg stellt sogar 
ausdrücklich fest: „... ohne eine grundsätzlich antikapitalistische 
Einstellung wird man die positiven Kräfte des Mittelstandes 
niemals wecken können." Aus dieser antikapitalistischen Stim 
mung auf ökonomischem Gebiet folgt aber keineswegs das Be 
kenntnis zum proletarischen Sozialismus. Im Gegenteil: um 
seiner Selbstbehauptung willen besteht der Mittelstand gerade 
daraus, sich vom Proletariat deutlich abzugrenzen. Daß auch 
der am schlechtesten bezahlte Angestellte durchaus kein Lohn 
empfänger sein will, bestätigen bereits die in meinem Buch: 
„Die Angestellten" niedergelegten Erfahrungen. Eschmann for 
muliert im Septemberhest der „Tat" den gleichen SaclwerhM 
wie folgt: „Die zunehmende Bewußtheit der Mittelschichten 
macht nicht nur den Aufbau eines proletarischen Sozialismus 
in Deutschland unmöglich, sondern macht diese Mittelschichten 
auch zu wesentlichen Faktoren der entstehenden Nationalwirt 
schaft". Da sich also die Mittelschichten im vitalen Interesse 
ihres Fortbestands weigern, zum Proletariat hinüberzuwechseln, 
erhebt sich die Frage, was ihnen zu tun ü'nng bleibt, um der 
ideellen Obdachlosigkeit zu entrinnen. Jener Obdachlosigkeit, die 
daher rührt, daß sie weder mehr irr dein durch die Wirtschafts 
krise erschütterten System des Liberalismus unterkommen zu 
können meinen, noch auch im Marxismus einkehren wollen. 
Sie stehen im Leeren, und übrig bleibt ihnen nur der Ver 
such, ein neues Bewußtsein herauszubilden, das ihre soziale 
Weiterexistenz ideell gewährleistet. Daher der verzweifelte Kamp^ 
der durch die „Tat" vertretenen Zwischenschichten gegen den 
Liberalismus, dem sie entstammen; daher die Verherrlichung 
von Staat, Raum, Mythos. Es hat sich gezeigt, daß diese Be 
griffe keine Heimat bedeuten, sondern eine Fata morgana in 
der Wüste sind. Ihre Irrealität mag dein Mittelstand nicht 
bewußt sein; aber sie ist doch vorhanden und wird zweifellos 
dunkel gefühlt. Jedenfalls erklärt sich allein aus der Tatsache 
seiner ideellen Verlassenheit, daß er nnmerfort zwischen zwei 
Extremen schwankt. Das eine ist der Appell an die nackte Ge 
walt, den er in der Empfindung macht, daß er nur durch sie 
sich am Leben erhalten könne. Der geistige Kampf, den die 
„Tat" führt, droht denn auch wieder und wieder in einen un- 
geistigen Aufruhr auszuarten. Sie nennt das Schwert ein Ar 
gument, läßt das Blut über das Geld triumphieren und neigt 
unverkennbar dazu, die heroisierten chthonischen Mächte wider 
jedes bewußt geformte Leben auszuspielen. In allen Begriffen, 
die sie den Mittelschichten liefert, regt sich zugleich die bloße 
Natur. Das andere Extrem ist eben die Preisgegebene Positron 
des Liberalismus. Denn will sich der Mittelstand, der den 
Marxismus ablehnt, des eigenen Bewußtseins versichern, so 
muß er in Ermangelung eines unbürgerkichen und nichtproleta- 
rischen Bewußtseins am Ende doch stets zur abgelebten Bürger- 
lichkeit und dem ererbten Erkenntnisbesitz zurückfluten. Seinem 
Bewußtsein sind die Abflüsse versperrt; entweder es versiegt 
oder es staut sich an und strömt notgedrungen wieder zu seinem 
Ausgangsort. Nichts andres bedeutet der Einbruch des Indivi 
duums und der Vernunft in die „Tat", der sich im Wider 
spruch zu ihren eigentlichen Tendenzen vollzieht. 
Die Veröffentlichungen des Tat-Kreises spiegeln mithin 
genau die durch die materielle und ideelle Situation bedingte 
Zerrissenheit des depossedierten Mittelstandes wider, der sich 
in die Romantik flüchtet und zwischen Gewalt und Vernunft 
hin- und hergeworfen wird. Das heißt aber auch: daß sie 
ihm keinen Ausweg zu eröffnen vermögen, sondern eben nur 
seine Lage manifestieren. Bleibt es bei dieser Manifestation, so 
muß der Aufruhr seiner ideologischen Verworrenheit wegen 
versacken oder doch von Kräften gefesselt werden, die hand 
fester konstituiert sind. Wenn mich nicht alles täuscht, ist der 
Tat-Kreis vornehmlich drei Gefahren ausgesetzt. Die eine: das 
Kapital benutzt ihn gegen seinen Willen als Vortrupp im 
Kampf wider den marxistischen Sozialismus, um ihn dann 
gegebenenfalls später, wenn er seine Mission erfüllt hat, wie 
einen Ballast über Bord zu schleudern. Dergleichen ist nicht 
das erste Mal geschehen, und der Mittelstands-Sozialismus 
wäre damit liquidiert. Die zweite Gefahr: der Tat-Kreis treibt 
infolge der Aussichtslosigkeit des Bemühens, eine so irreale 
und unstimmige Haltung wie die seine durchzusetzen, mehr und 
mehr der Barbarei zu, die bereits in ihm angelegt ist und 
schwingt das Schwert an seiner Rechten. Der Mittelstand als 
Bewahrer der kulturellen Traditionen hätte das Nachsehen 
davon. Dritte Gefahr: es ergeht den Leuten von der „Tat" 
ungefähr so, wie es den deutschen Romantikern schon einmal 
ergangen ist: sie suchen am Ende ihre Zuflucht in der Religion. 
Sobald sie, durch die Praxis belehrt, erkannt haben werden, 
daß ihre Begriffe keine Wirklichkeit mit sich führen, bleibt 
ihnen immer noch Vorbehalten, sich kopfüber in die WirÜichkeit 
des Glaubens zu stürzen. Eine gewisse Beziehung zum radi 
kalen Protestantismus etwa ist jetzt schon bei ihnen nachzu- 
weisen. Sie verrät sich zum Beispiel in der Feststellung, „daß es 
sich heute in erster Linie um eine große geistige Wandlung 
handelt, in der wir stehen, daß es wieder um den Menschen in 
haben als heute. Er wird in der Sonne und in der Luft liegen 
könnem Er wird mehr Ruhe haben. Er wird mehr Sicherheit 
haben. Und — er wird vielleicht wieder einen Gefallen daran 
finden, sich mit ernsten geistigen Werten zu beschäftigen, zu 
denen er heute weder Ruhe noch Zeit hat." Wer ist dieser 
Mensch, hinter dem ganz in der Ferne ein Wochenendhäuschen 
schimmert? Es ist der im Liberalismus großgewordene indi 
vidualistische Kleinbürger, der den Staat einen guten Mann 
sein läßt und gewiß am allerwenigsten dazu taugt, die von der 
„Tat" ersehnte neue Ordnung zu schaffen. Zehrer selber sagt 
ihm den Mangel an Elan auf oen Kopf zu. Im Hinblick -auf die 
Russen meint er einmal elegisch: „Den eigentlichen, treibenden 
Kern aber in diesem neuen Wirtschaftsstaat, den großen, revo 
lutionären Elan, den können wir den Russen nicht mehr nach 
machen, denn wir stehen am Ende dieses liberalistischen Elans. 
Glauben wir noch an die Technik? Glauben wir noch 
an die Maschine? Glauben wir noch an den Rausch 
der„ großen Freiheit, der den von allen Bindungen 
gelösten und in das Diesseits geworfenen Menschen 
überkommt? Wir glauben nicht mehr daran, wir sind 
müde dieser Dinge geworden!" Ich bekenne, daß ich mir nach 
alledem die Geburt eines neuen Mythos überhaupt nicht mehr 
vorstellen kann. Es ist ja schon ein Unding, dem Einzelnen 
sozusagen eine metaphysische Bedeutung beizumessen und im 
selben Atemzug den Mythos zu preisen, der den Einzelnen gar 
nicht aus sich entläßt. Wird dieser aber noch dazu als müder 
Kleinbürger definiert, dem es nicht nur am liberalistischen 
Elan, sondern offenbar an der Schwungkraft schlechthin gebricht, 
so ist ein durch ihn zu verwirklichender Mythos erst recht un- 
denÄar. Auch Spengler spricht von der Müdigkeit des abend 
ländischen Menschen. Indem er sie jedoch der Herrschaftsform 
des Cäsarismus zuordnet, zu deren Vorbedingungen weder 
das Staatsvolk noch der Mythos geboren, verfährt er ungleich 
folgerichtiger als die „Tat". Der Widerspruch, dessen diese sich 
dadurch schuldig macht, daß sie den Mythos beschwört und 
dennoch den Begriff des Einzelmenschen aufrechterhält, könnte 
nicht vollkommener sein. 
Mit dem Individuum, dem Kernstück des echten Liberalis 
mus, hält auch die Vernunft ihren Einzug ins Tatweltbild. 
Trotz der besten Absicht, sie mit dem Schwert zurückzutreiben, 
wendet man sie nicht nur in den der Kritik gewidmeten Be 
trachtungen manchmal erfolgreich an, sondern fordert geradezu, 
daß sie sich wirksam erweise. Nachdem Zehrer im Novemberheft 
der „Tat" festgestellt hat, daß nun bald das Terrain frei sei 
„für einen Neuaufbau und ein Abwerfen der Ketten", fährt 
er fort: „Und wir haben eine Opposition, die auf diesen Zeit 
punkt noch nicht vorbereitet ist, die mühsam ihre eigenen Kadres 
zusammenzuhalten sucht, der aber die theoretische Vorbereitung 
fehlt." Die theoretische Vorbereitung: wodurch wäre sie mehr 
zu fördern als durch die Anwendung von Vernunft? Und zwar 
bedarf sie der Vernunft um so notwendiger, als das Pro 
gramm eine staatliche Planwirtschaft Vorsicht. Hier dringt 
der Widerspruch ganz ins Innere ein. Denn der Begriff des 
Planens ist dem des Wachsens kontradiktorisch entgegen 
gesetzt. Wenn also die „Tat" einerseits einen Staat propagiert, 
der durch organisches Wachstum zustande komme, andererseits 
aber durch Planwirtschaft eine Art von Sozialismus verwirk 
lichen will, so beabsichtigt sie etwas Unmögliches. Sie wirft 
die Vernunft aus dem Tempel des Volksstaates hinaus und 
holt sie im selben Augenblick in die Büros der Staatswirtschaft 
herein. Das ist nicht eine Bewegung; das sind zwei Bewe 
gungen, die einander zuwiderlaufen. Jene, die Hauptbewegung, 
ist die Reaktion auf den Liberalismus; diese, die eine nur 
mit Hilfe rationeller Organisation zu bewerkstelligende Plan 
wirtschaft anstrebt, der Durchbruch des Vernunftprinzips, das 
in zu starker Vereinfachung als „liberalistisch" gekennzeichnet 
wird. Ich habe schon einmal nachgewiesen, daß die „Tat" 
das ungebundene Denken der Gegenwart, das wahrhaftig nicht 
liberal Zu nennen ist, in einem fort mit der Vernunft selber 
verwechselt. Die Folge der Verwechslung ist unter anderem, 
daß man das Sowjetregime als liberal abtun zu können glaubt; 
ihr Grund: daß man in Wahrheit nicht allein Opposition 
wider den Liberalismus macht, sondern den Logos verleugnen 
möchte. In der „Tat" rebelliert zuletzt die Natur gegen den 
Geist. Und nur der Unentschlossenheit der Rebellen ist es zu 
danken, daß sie sich in Widersprüche verwickeln und trotz ihres 
Rückzuges ins Naturale dem Individuum und der Vernunft 
immer wieder Zutritt gewähren. 
V. 
Es sind die depossedierten Mittelschichten, die rebellieren. 
Mittelstand in Schlüsselstellung", überschreibt Horst Gruene- 
berg den ersten Abschnitt einer Abhandlung, zu deren Beginn 
er gleich erklärt: „Niemand kann diese entscheidende Tatsache 
übersetzen: ohne den alten und neuen Mittelstand kann nicht 
regiert werden." Und die „Tat" macht seine Sache so ganz 
zu der ihren, daß sie alle Hauptbegriffe auf ihn bezieht. Sie 
leitet, wie schon erwähnt worden ist, die Forderung des Mythos 
aus mittelständischen Notwendigkeiten ab und verankert in 
.rbnen^nicht minder ihr Staatsideal. „Positive Mittelstands- 
»t es in der eben genannten Abhandlung, „kann 
Aezur Neuordnung, Wille zum Staat." Dank
        <pb n="97" />
        t 
Mittelbarer 
und entweder dazu bestimmt, vom Faschismus ausgohöhlt oder 
vom Sozialismus im Hegelschen Sinne aufoehoben zu werden. 
Dieser, der dl^ nicht eigentlich deuten, sondern verändern will, 
wird gerade den technisch-rationalen Fächern viel mehr Gehalte abae- 
winnen können, als man heute gemeinhin ahnt. Soweit Bloch. 
Zwischen ihm und Höcker haben sich noch manche philosophische 
Lehrmeinungen angesiedelt, die den fiktiven Humanismus durch 
ein haltbareres geistiges Gcstaltungsprinzip zu ersetzen suchen; 
vorausgesetzte daß sie nicht wie Spränger den bestehenden Uni 
versitätstypus einfach zur idealen Forderung erheben. Emil 
Lederer etwa vertraut darauf, daß die Soziologie unter gewissen 
Bedingungen ein kräftiges geistiges Ferment bilden könne, und 
Eugen Rosenstock geht Zwar nicht auf vie Ideen selber ein, die an 
dis Stelle des abgelebten Humanismus zu treten hätten, glaubt 
aber, daß eine geeignete „Therapie der Jde^nträger" zur Gesun 
dung der Hochschule Zu sübren vermöge. — Bei den Fachgelehrten 
verfsnch^ sich, wie gesagt, aus begreiflichen Gründen das In 
teresse an dem Lirklichkeitsgehalt der überkommenen Bildungs 
ideE Bald sind sie wie Pros. Swarzensti in der Hauptsache und ' 
mrt Recht darum besorgt, daß die „Lehre" möglichst rein gepflegt 
und weitergetragen werde — die Lehre, die Przywara von den 
Erziehungsidealen sorgfältig geschieden hat; bald haben sie einen 
mehr oder weniger undeutlichen Begriff vom Humanismus, an 
dem als dem Höheren sie gerade darum mit Zähigkeit festbalten. 
Lmn wird diese Nuancen in den verschiedenen Diskuffionsbeiträgen 
unschwer bemerken. 
Was das zweite Problem betrifft, so sind sich wohl krst alle 
Beteiligten darüber einig, daß eine Aussonderung der Fachhoch 
schulen nicht in Betracht komme. Nur Pros. Swarzenski eigentlich 
befürwortet ein paar allein der Forschung gewidmete Anstalten; 
aber vermutlich entspringt sein Vorschlag weniger dem Verlangen, 
eine allgemeingültige Maxime aufzustellen, als dem Wunsch des 
geisteswissenschaftlichen Forschers, die Lehre vor Verschleuderung 
und Verfälschung zu behüten. Im übrigen sind es auch bei der 
Behandlung dieses Problems wieder die spezifisch weltanschrulich 
Interessierten, die dem Modell Tillichs mit den meisten Skrupeln 
auf den Leib rücken. Sie, denen die geistige Krise keine ferne Er 
' " einung, sondern eine lebendige Erfahrung ist, wollen zwar die 
ererbte Einheit der Universität bewahren, weil sie nichts Besseres 
an ihre Stelle Zu setzen wissen, geben sich aber durchaus nicht dem 
Wahne hin, daß das alte, hierarchisch gegliederte Wissenschaftsge 
bäude wieder rekonstruiert werden könne. Ihre Vorschläge sind 
vielmehr Vermittlungsaktionen. So stimmen Lederer und JasperZ 
darin überein, daß die Spaltung der Universität durch den „Aus 
bau der Funktionen von Lektoren und Assistenten" (Jaspers) bzw. 
durch „Einschaltung genügend zahlreicher unterrichtender Hilfs 
kräfte" (Lederer) verhindert werden müsse. Die Faebwissenschafter 
ziehen am gleichen Strang, gehen nur naiver zu Werk. Ihnen liegt 
vor allem daran, nickt abgesplittert und an gesonderte Fachhoch 
schulen verwiesen zu werden. Darum fordern sie ungestüm die Auf 
rechterhaltung der traditionellen Einheit und weisen immer wieder 
nachdrücklich auf die Gefahr des Verdorrens hin, denen ein von der 
Allgemeinbildung abgeschnürtes Spezialistentum ausgesetzt sei. Sie 
haben zweifellos recht; nur eben ist ja gerade das übergeordnete 
Allgemeine fragwürdig geworden. 
VSK äis Mr srst allmä/lliek 
lVir Habe» Ferry Dr. Aebs-su, eine vor- 
äsr bisksriAsrr Dis^Lsio-r LU geben,' 
ferner bringen wir eins 6teiirLng-mbme äsr freien ^isssTrsebsfr- 
lrebe« PereiniMng an äsr l/m'Vsrsität F'raEnrt a. U." L« äs» 
k^rrMägen Professor ^r'ttiebs. 
Vs4äu/r§6 Mans 
Pwf. ZMchs bündige Antwort auf die Frage, ob es noch 
eine Universität gebe, sowie sein Modell, das eine reinliche Auf- 
Munb der Universität alten Stils m die Fachhochschule und die 
wissenMM Anstalt Vorsicht, sind zum Gegenstand 
einer anregenden Diskussion geworden, kie sich bereits durch zwei 
HochsHulMLLer fortsetzt. Sie soll noch weitergeführL werden. 
Mittlerweile ist es aber vielleicht schon angebracht, eine Art vor 
läufiger Bilanz zu ziehen. 
Die bisherige Diskuffion gruppiert sich um zwei Probleme, auf 
denen abwechselnd der stärkere Akzent liegt. Das eine Problem 
ist der etwaige aktuelle Gehalt des humanistischen Brldungs- 
ädeals. Das andere Problem ist die Zweckmäßigkeit oder Unzweck- 
mäßisskeit einer Abtrennung der Fachhochschulen von den wissen- 
schaftlich-humanisti scheu Universitäten. 
fahrmste immer Mieder die unerwartetsten und amüsanteste! 
Ueberraschungcn erleben." 
Was hätte zu geschehen, um dem blinden Walten der Mm- 
zensur wirkungsvoll zu begegnen? Der Autor tritt für ihre 
Abschaffung ein. „Für die demokratische Republik" so erklärt 
er, „gibt es nur eine ihr angemessene Einstellung zum Film-, 
die einer gelassenen Liberalität und großzügigen Förderung 
aller geistig produktiven Arbeit." Wie wir annehmen, ist sich 
Petzet selber darüber klar, daß seine beiden Forderungen dann 
allein ihren eigentlichen Sinn erlangen, wenn der Staatswille, 
in dem sich der des Volkes verkörpert, sich nicht mit dem for 
malen Ausgleich der vorhandenen Kräfte begnügt, sondern 
von einem bestimmten Gehalt durchdrungen ist. 
Die kleine Untersuchung läßt sich konkret mit dem Material 
ein; sie gewährt eine Menge richtiger Einblicke in das Regime 
und sie ist nicht zuletzt ausgezei^ aet geschrieben. 
' Betrachtet man zunächst die Stellungnahme zum ersten Problem, 
Von der die zum zweiten abhängt, so zeigt sich folgendes: je un 
Mittelbarer die Diskuffionsteilnehmer philosophisch interessiert sind, 
desto drängender ist für sie die Frage nach der Realität jener Bil 
dungsmächte, di- oer eigentlichen Universität zugrunde liegen. Es 
sind die GeisteLwiffenschafier und nicht die Fachgelehrten, die ins 
Innere dieser Frage vorstoßen. Ihre Antworten lauten natürlich 
verschieden- Viel zur Klärung trägt der Ausweis Pater Przywaras 
Lei, daß in dem Begriff der wiffenschastlich-humaniW Uni ¬ 
versität zwei Elemente stecken: das der Forschung und das der 
Weltanschauung, die im Lauf der Jahrhunderte ja auch ganz 
andere Formen als die humanistische angenommen hat. Sie ist 
gleichbedeutend mit einem Erziehungsideal, und Przywara fordert 
die.bewußte Einschaltung solcher Ideale. Vielleicht berührt er sich 
wenigstens hierin mit dem verstorbenen Philosophen Scheler, dessen 
Liebling splan die Gründung von Weltanschauungsuniversitäten 
war. Theodor Hacker sägt 'sann deutlich, was Przywara selber 
nicht mehr ausspricht: daß der christliche Glaube zu den Grund 
lagen unserer Kultur gehöre und daher auch das legitime Funda 
ment - unserer Universitäten zu bilden habe. Je^malls ist zum 
mindesten Höcker der Ueberzeugung, daß die humanistische Uni 
versität keine Fiktion sei, sobald es gelinge, sie wieder in einem 
realen geistigen Prinzip, eben dem Glauben, zu verankern. Den 
Extrem entgegengesetzten Standpunkt vertritt Ernst Bloch. ML 
einer schönen Klarheit zeigt er, daß das einst erfüllte humanistische 
Bildungsideal sich mehr und mehr zum ideologischen Ueberbau des 
sinkenden Mittelstands entleert hat. Es ist zur Larve geworden 
Oolittls urrck Tals 
Das m jedem lladr 'Miss OoUMs-Vued ist Lueb 
m aisssm nieäer MU .auÜtzroräsntliebsr 
Hju^oti-okkbu. ^Vsuu ärs Lmäsx sroL siuä, nsräou 
816 drus KLULS Ljdliotktzk ÜÄvou dadtzn. llusb 
Doktinx, äsrsn llsrsMler, bat in äsn nsussteu 
Lauä, äsr sied „Doktor Do 1 itt! 6 s sröllts 
Usjs s" (MlliamK L Oo. Verlas. Zerjin-Orunovalä. 
290 H. Osd. Nk. ö.50) nennt, eins ^.NLadl netter 
kleiner Lunäesesediedtsn xesteekt. dlatürlied 
erTLdlen äis Nunäs sslder. sis bsUsn ss^i^sr- 
mallen idrs ^utodiosrapdie., unä äa ss KIu-ss Msis 
sinä, mieden sie aus äsm Zsldstsrlsdtsn mansds 
NutLadMsMünssn, äis niedt rmmsr ein sutss Diedt 
auk äis ^lsnsedsn merken.' Den lose ansinanäerso- 
rsidten Rsriedtan snt^äodst. MmMied ains 
von llaüäiuns. äis äünner ist als äis krüdsrsr 
Vänäs. Ds s^dsint. als od äsm ^.utor äer ^tvm 
rmssünss unä äis Dsdel. Dsdris ssdliedsn ist 
disr eins San2 MinÄse. äis äarm dsstsdt. äaü äsr 
Mite Doktor auk äsm Rüeksn sinss M.WsMÄtsrZ 
äis Nsiss naod äsm Nanä maedt. ZVas äort xs- 
sodrsdt. &amp;gt;virä man vMI erst üdsrs ^adr erkadrsn. 
led Ma.uds, llusd Do-ktinE soUs msdr ^Vsrt auk äis 
snannsnäs OssÄmtdsnälM^ als auk äis DüÜs äsr 
KinLslLüse ls^sn, äis Niäsm ali^u M ins Diä^k- 
tisods entbleiten. Immerdin, viele von ihnen sinä 
niond nur ledrreiod. sonäsrn aued sedarwent. unä 
äis DiEr äss Doktors, äis sied aus äsr Nitts äsr 
Vierdeinsr unä k'lüasltiers erdsdt, vsrdrsitst vüs 
stets sin sanktss krieäksrti^ss Dsnedten. Deiner ist 
ss Zw sed^Ldd, um äis r^dtrÄdensOdrvLrAs 2sLt 
auasudellsn. 
Der bedauvlnt^ äss UnäsnduedsA: ä s nn ä 
Dvku von ^lsx ^Vsä i n s: (NalM - Vsrlas, 
Derlin. 207 8. Aed. Z.75.) lie§t ssdx v^sit vom 
M-ouä entkernt, nnä. aued. Ledwetterlinss vsrii-rsn 
sied nur selten äoMin- . Dieser Komdn. äer llünLens 
unä Mäeden so ^iseden 10 unä 13 Mxsäaedt ist, 
snislt nämliek im Drolstariermilisu äes Berliner 
^oräens. led dofls niedt, ädü äis nLdsrs Ort^ds- 
stimimnnx Xinäsr snäsrsr Lediedten unä 8tLäte 
von äsr Dektürs nddAlten virä. Denn ss ist Mr 
äis äuEenä unter allen Dmstünäsn nütrlied. unsers 
soML^en ^ustünäe kennen Mi lernen, unä üderäiss 
Kanu äis 8nraeds äss Ruedss., äis ersiedtliM in äsn 
FtraUen äes Berliner dloräsns Msed vorn Uunä 
ad2SÄA.mt voräen ist. idrer ärastisedsn ^nsedau- 
liedksit vsAsn LllsvtdsLden unsed^vsr verstanäen 
^sräsn. Dsr Bslä ist. Bäs. ein kmäiser drsver 
äumxe, äsr äured äis tzroLstaät. nürsedt vrs Dork- 
dudsn äured äen uM sied ^ulstÄt als 2s!&amp;gt; 
tunxksAmdrä^sr veräin^t. um äsm' ardeitMs ß:s- 
voräsnen Vater Lu dslksn. ^n äsm 2iLsunsrmää- 
eden d nku Finäst Bäs eine 8mel- unä XAMpkss- 
kädrtin, mit äer er ^emsinsAm Seins romanÜ^edsn 
^d entsv er in äsr ünroMAntisöden. Welt d sstsdt. 
As entkalk anst er äsn anten Bamilienassts ltsn unä 
Oenossen eins Nsnas Käser Beinäs, untsr äensn äer 
Berr Odernoslsekrstär ^enästunä besonders lustra 
asksnnrsieknst ist. Das Buek kat eins sauksre 
BAltunA unä trMt kaSt äured^sa ^sn riektiasn 
^on- Ksivs p'kotoarsMsoken ^ddiläunKen sinä 
mir lieber als ILvniseks MustrAtjonsn. 
8. Lraeadsr.
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        1rot2 dieser Linsebränkung erbebt sieb der 
Roman über die Na^se der Zeitliteratur. Lr entbüllt 
eine kleine IVelt; er legt den Leuten die Lpra^ds in 
den Nund, dis sie wirkliob sprsebsn; niebt ru- 
letxt: er ist unerbört spannend. Kein Zweifel, daß 
ibm ein Lieberer Kunst- und IVeltverstand den Kleist 
preis xuerkanvt bätte. Doeb auob obne einen soleben 
Zukalistreffe^ gemaobt xu baben, wird er bofsent» 
lieb das breite Rublikum finden, das er verdient. 
8. Kraeausr. 
I^oNliZL in Ävr 
Der Roman von Laus D a l 1 ada: Dauern, 
Lonxen und Bomben" (Lrnst Rowoklt Verlag, 
Berlin. 565 8. Osb. 8.50), der in irgendeiner meck- 
lenbürgiseben oder bolsteiniseben Landstadt spielt, 
stellt die NacktkLmpke xwiscken der Bauernsokakt und 
der preußisoken Regierung dar. Kuk der einen Leite die 
übersoduldeten Bauern und ibre Lükrer, die gegen die 
verbaute Ltaatsgewalt rebellieren.; auk der anderen 
Leite die soxialdemokratiseken „Longen": der Regie 
rungspräsident und der Bürgermeister mit dem daxu- 
gekörigen Apparat. Die einxeinen Rbasen des Kampfes 
^ind: eins Lauerndemonstration; ibre Niedeiwerkung; 
ein Lovkott der Bauern gegen die Ltadt; ein Ver- 
gleieb mit ibnen und ein Rroxeß, dsr kür die Rädels- 
kübrer der Bauernbevegung giimpklieb ausgebt. kleben 
dieser großen ^.useinandersetxuvg, die dadursb reieb- 
lieb ver^iekelt vird, daß die Bonren sieb unter 
einander bekebden und die Verwaltung von reaktionä 
ren Elementen durebsetrt ist, lauten rabllose kleinere 
ber, deren Heftigkeit ebenfalls niedts ru vmnseben 
übrig läßt, Intrigen^irtsedakt, Ltimmungsmaebe der 
LokÄpresss und allgemeine Korruption verpesten die 
^tmospbäre, und die Nenseben, die sie erfüllen, kujo 
nieren sieb entweder bis aufs Blut oder werden durebs 
Interesse ru-ammengsscbmiedeL Das Oanre ist ein 
einziger 8ebmutrbauken. Dnd die Rarole lautet: Krieg 
aller gegen alle. 
s 
Allein sebon die Laebkunds, mit der KaNada diese 
Verbaltnisse kennreiebnet, ist ru bevmndern. Lr kenn- 
reiebnet sie eigentlieb gar niebt, er läßt sie siob 
selber entfalten. In der RoiirsMacbtstube, im Redak 
tionsbüro, bei Lebörden und Bauern, Versammlungen, 
Komplotten und Zniegespräcben: überall ist er gleiob- 
sam unsiebtbar xugegen und protokolliert mit kana- 
tisebem Liter den Verlauf des Oe^bebens. 8o sebeint 
es, als ob niebt er die Lreignisss veransobauliebts, 
sondern diese obne sein 2utun spraeben. Lie vaebsen 
aus kommentarlos viedergegebsnen Dialogen berank, 
die nur einer erlausebt baben kann, der ein blitxbeller 
dünge ist, verdickten sieb aus eigener Kraft und ent 
laden sied mit unbesebönigter klaektbeit. l^iebts ist 
den Latsaeben beigemengt worden, niebts maebt den 
Lindruek bloßer Letraebtung. Der ganxs Roman vürkt 
beinabe vie das Lelbstbekenntnis einer Rrovinxvelt, 
die man gezwungen bat, noeb ibre gebeimsten Fünden 
ausrukramen. Lnd da sie viel Nittelaiter in sieb ent- 
kält, erinnert der Aug der Lxenen auk lange Ltreoken 
bin an eine Lbronik, in der die Vorgänge so bart und 
übergangslos vde in der ^irkliebksit nebeneinander 
stoben. 
. I * 
leb verweile bei dieser von Lallada mit einer außer- 
ordentlieben instinktiven Lieberbsit gebandbabten 
Uetbode dsr Darstellung vor allem darum, neil sie es 
fertig bringt. Zustande und Rersonen xugleieb xu 
verkörpern, ^ir leiden deute keinen Mangel an roman- 
dakten Zeitreportagen, in denen rvar unsere sorialen 
Verbaltnisse einigermaßen riebtig angesetxt werden, 
aber ^tatt der Nenseben sebematisierte Ivpen auk- 
treten. Von ibnen, die noeb dem abgelebten Vulgar- 
marxismus entstammen, ist Lallada genau so v-eit 
entkernt vie von jener böderen Belletristik, deren 
Oegenstand ein gegenstandslos gewordenes Rrivat- 
leben ist. Lein Buob belaßt siob gewiß mit den Rartei- 
Kämpfen und politisoben Aktionen, isoliert indessen 
das Zuständlieke niebt von seinen Lrägern, sondern 
reigt es in ibrem Verdalten auf. Kurxum, der Roman 
verarbeitet einen sonst von der Reportage besoblag- 
nabmten Ltokk rur eobten Gestaltung. Ibr entsebei 
dendes Merkmal: daß die Vlevseben in ibm leibbaktige 
Menseden sind. Der Lokalredakteur Ltukk, der in 
dem Kiest moraliseb verkommt, abe-r seine Verkommen- 
beit noob spürt und siob suRtrt doeb in der Band 
Kobalt; Lredup, der Inserateoacjuisiteur, dsr nur um 
siob notdürftig durebxuquetseben, alle Oemmnbeitev 
bogebt; der vrorsobrötige Bürgermeister Oareis, der 
ein Zwisobending aus Rarteibonxe und bauernsoblauer 
Volksfigur ist. wie es i^sser ni&amp;lt; bt geformt werden 
könnte: der junge Benning. der sr-bon an den Valti' 
kumkämpken teilgenommen bat und überall mitmaobt, 
Nm LaQä ^Lrobsn 
Von V 6 lA LL1Ls 2 ist ein Närobenband er- 
sebisnen, der naeb der ersten desobiebte: „D a s 
riebtigs LimmsId l ä u" beißt (IVilliams L 
Oo. Verlag Berlin-Drunewald. 213 8. 6eb. 4.80). 
IVenv miob niebt alles täusebt, ist rum mindesten 
diese eins Desobiebts sebon vor einer Reibe von 
dabren vsrökkevtliebt worden: aber ieb möobte den- 
noob niebt versäumen, gerade auk sie noebmals 
naobdrüekliok binruweissn. Lie vermisekt wünder- 
sebön die Vlirkliobkeit des Lebulbubenlebens mrt 
einer reiLend erfundenen Närebenwelt. IVis es siob 
gebört, ist ibr Leld ein kleiner dünge, von dem 
gesagt wird: „Lrsnsk Krämer rear Lein /-rLter 
Leküker. denn seine Untrer rear lLirree and eine srme 
Mäse/rerrn." leb ritiere diesen Latr absiebtliek. weil 
er reigt, daß es der Lrräkler diek kinter den Obren 
bat. Die so?ials Ballung, die er bswabrt, tritt aber 
xum Olüok nie doktrinär bervor, sondern entlädt sieb 
allenfalls in soloken sobeinbar naiven Bemerkungen. 
Ibr vor allem ist es ru danken, daß sieb die 6s° 
sokiokte niebt wie so viele anders in ruekersüßes 
Verlogenbeiten verliert, von denen ruletrt nur ein 
sobleokter üesekmaok xurüokbieibt. Weder erntet der 
Rranrl ein großes Vermögen, noeb wird er in einen 
köderen Ltand erkoben; nein, er ist immerkört der 
Lobn der Wäsoberin und bat ss auob gar niebt gut 
in der 80kuls. Kiur eben kindet er eines Lagos, weil er 
ein bkaver, lieber dünge ist. das ..riodtigs Bimmel 
blau". Dureb den Umgang mit dieser Mrebsnfarbe, 
deren Oebeimnisse ieb bier niebt prejsgeben will, 
wird er in eine Nengs von Abenteuern verwiekelt, 
deren eines lustiger und aufregender als das andere 
ist. Wr sebeint, daß Kinder und Lrwa^ksene sie gerne 
lesen werden. Leider entwäobst am Wnds der Rran^l 
dem riektigen Bimmelblau, da das letxte Larbr^st- 
eben an einer Kinderbose baktet. .die er als großer 
Lobüler nickt mekr tragen kann. -7- Von den übrigen 
drei Össekiobten nimmt es mit dieser nur noob die 
„Bans im Warenkaus!" betitelte auk. Lie ist nickt 
so spürbar konstruiert wie die rwei andern, sondern 
voller anmutiger Linkälle. die sieb frei entfalten 
dürfen. Bans und der Dackel Lix sind ibre Haupt 
personen. Die beidsn verbringen eins ganss Backt 
Mutterseelenallein in dem riesigen Warenkaus und 
unterbalten dort einen regen Verkebr mit den Lß- 
waren, Kleiderpuppen und Lvielsacken. Besonders 
rübmsnswert ist. daß sie am Lekluß eins Linbreoker- 
bands in die Lluckt jagen, wofür sie denn auob der 
alte Baebtportier in mäßigen Orenren beloknt. 
wo gegen dis Republik konspiriert und demonstriert 
wird — sie sind nickt einkack aus irgend weloken Ver- 
kältnissen abxuisiten, baben vielmebr ein eigenes, un- 
konstruierbares Leben. lind nur deskalb, weil sie volle 
Uensoben sind, also dis Verbaltnisse bedingen und 
von iknen bedingt werden, erlangen auob dies« ün 
Roman ein unmittelbar greikbares Dasein. 
Wo Lallada stebt, ist kaum su erkennen. Nanckes 
spriobt dafür, daß seine Lzmipatkien mekr den rebel 
lierenden Lauern als der legalen Defalt gekoren, aber 
die etwaige politasebe Boberseugung verstärkt sieb 
nie xu eine;- das Vueb betimmenden Lendenx. 2um 
Bntersokied von den meisten Zeitreportagev 
ist es im engeren 8inns tendenziös. leb 
kann ibm daraus um so weniger einen Ltrick 
drsben, als es eine Wendens kaL die deute über der 
politisoben meistens vernaoblässigt wird: die rum 
genauen, unbegrenzten Kukweis der Wirkliokkeit. 
IIm ibrer babbakt xu werden, gibt es versebiedens 
Verlad rungs weisen. Die von Lallada gswädlte, die 
darin bestedt, daß er den Lsrsonen und Lreignisssn 
das Wort gibt und selber gewissermaßen vom 
Lokauxlatx abtritt, ist jedeufaRs glänzend dureb- 
gsküdrt und unrorriedtet ersoköpksnd über eines 
bestimmten Kbsodnitt provinxiellen Lebens. Is 
messen Interesse der ^ukweis erfolgt? Ls dark 
vermutet werden, daß ein tiekes, mensodliok sr 
nennendes Dngonügsn Lallada rur Verg^enwär- 
tigung dieses KRinstadtsumpfss gedrängt bade. Bin 
Dvgenügen, das mit dem Wtgekübl kür die ge» 
sobundone Kreatur unxertrennRod verbunden ist. 
leb vermute es, obne eine Oewißdeit darüber ru 
baben. VielleioKt ermogliebt sebon das näebste Lueb 
Lalladas die Konfrontation der treibenden Ursaoden 
seines Diebtens mit den Debalten des kortge« 
sekrittensn Lewußtseins.
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        när gehören sollen, der mit dem Städtchen angeblich Großes vorhat. 
Aus dieses Gerücht hin erreichen die B-ewohner aus ihrer Lethar 
gie, und die Folge ist, daß sich das Städtchen zur Weltstadt ent 
wickelt. Selbstverständlich waren die Koffer nur durch ein Versehen 
dorthin verschlagen worden. Es lohnte sich nicht, auf die Verfilmung 
dieses mageren litemrischen Aperyus einZMehen, wenn nicht Leo 
Lama, der mit Granowsky das Drehbuch angefertigL hat, in ein 
öffentliches Entzücken über seine eigene Schöpfung aus geb rochen 
wäre. Er sagt ihr unter anderem nach, sie entlarve „eine Wirt 
schaftsordnung, die den Widersinn MM ehernen Gesetz erhebt"; 
während sie in Wirklichkeit den Kapitalismus, den sie anscheinend 
wenrt, nicht im geringsten trifft oder auch nur betrifft. Ferner 
stellt er sie als einen Versuch hin, „der aus den Gesetzen des Ton 
films heraus Bild, Wort und Musik verbindet und Zu einer künst 
lerischen Einheit gestalten will". Aber sie denkt gar nicht daran. 
Granowsky mag ein ausgezeichneter Theaterregisseur sein, von den 
Gesetzen der Filmkompositisn weiß er noch wenig. Statt die Reali 
tät zu zeigen, die dem Film Zugekehrt ist und nur durch ihn er 
schlossen werden kann, zwingt er die Kamera zur Aufnahme stili 
sierter Groteskszenen, die auch eine Kleinkunstbühne zu gestalten 
vermöchte. Abgelebtes Kunflgewetbe, dekorative Mache und satirische 
Einfälle, die erst nachträglich ins Optische übersetzt sind —- das un 
gefähr ist das Milieu, das bis zum Ueberdruß abgewandelt wird. 
Hinzu kommen plane Kästner-Songs, die von Karol Rathaus frei 
nach der Dreigroschennper komponiert sind. Ein hohles Zeug, das 
kaum minder unerquicklich ist als die literarische PrätenLLon, mit 
der es auftritt. 
Der Film: „N iemandslaud" von Leonhard Frank und 
Victor Trivas — dieser hat die Regie geführt — ist so etwas 
wie eine pazifistische Legende. Fünf Soldaten, die den verschie 
denen kriegführenden Nationen angehören, werden ins Niemands 
land zwischen den Schützengräben verschlagen, halten dort in einer 
Ruine Kameradschaft miteinander und brechen schließlich, während 
die Schlacht weitertobt, gemeinsam gegen die Stacheldrahtverhaue 
auf, um den Krieg zu besiegen. Das Ende: Man sieht die Fünf 
marschieren, ihre Gestalten werden immer mächtiger und erfüllen 
Zuletzt den Horizont. Die Frage ist, was ein solcher Film in einer 
solchen Zeit bewirken kann. So gut wie nichts, und daran trägt er 
selber die Schuld. Denn er appelliert nur an ein Friedensbedürf 
nis, das in allen Menschen vorhanden ist, ohne aber diesem Be 
dürfnis irgendeine praktische Möglichkeit der Betätigung Zu er 
öffnen. Im Gegenteil! Genau an den Punkt, an dem es darauf 
ankäme, im Interesse der Förderung des Friedens verändernd in 
die Situation einzugreifen, verflüchtigt sich die Handlung zur sym 
bolischen Demonstration der fünf Soldaten. Die Geste der Fünf 
wirkt aber um so verstimmender, als sie im Verlauf einer ganz 
realistisch geschilderten Schlacht vollzogen wird und ihre Ohnmacht 
E . -wird der ungesetzliche Kampf der japanische» Kvmmunchen 
a" ein nachahmenswertes Beispiel gefeiert. Dadurch sollen auch 
die deutschen Leser und „Klassengenossen zum Ungehorsam gegen 
die Gesetze und rechtsgültige Verordnungen angereizt werden." Wie 
übertrieben die Stuttgarter Besorgnisse sind, geht schon daraus 
hervor daß die Erzählung nach einer Mitteilung des Mopr-Ver- 
laas im Land der Kirschenblüten selber nicht verboten worden ist, 
sondern sich dort der ossiziellen Freiheit erfreut. Was der japa- 
Berlin, Ende Dezember. 
Die neuesten Erzeugnisse der Filmproduktion lassen sich in 
thematischer Hinsicht schwer auf einen Generalnenner bringen. Rein 
negativ ist allenfalls festzuftellen, daß die Operetten- und Schlager 
filme, die uns eine Zeitlang erschlugen, sich nun selber geschlagen 
in den Hintergrund zurüöziehen, und auch jene Filme vom Schau 
platz abgetreten zu sein scheinen, in denen ein kleines Laden 
mädchen am Schluß eins gefeierte Künstlerin wurde oder doch 
ihren Generaldirektor kriegte. Nicht so, als ob die Wunschträume 
auDgeträumt seien, aber sie werden von den Zielen im Stich ge 
lassen, denen sie gelten Denn mit manchen Generaldirektoren zum 
mindesten ist heute kein Staat mehr zu machen, und überhaupt wird 
die Not viel Zu tief und allgemein empfunden, als daß das Publi 
kum noch an eines der Paradiese zu glauben vermöchte, die ihm die 
Filme bis vor kurzem vorzugaukeln beliebten. Vorbei ist einstweilen 
dis Jazzmusik, die Girlrevue, das High-life in den Hotelhallen; 
vorbei die ganze, von der Filmindustrie systematisch aufgezo^ne 
Zerstreuungskultur, die immerhin nur solange möglich war, als die 
Massen betäubt werden konnten. Inzwischen sind sie durch das un 
aufhörliche Gekrache aus dem Halbschlaf erwacht; womit allerdings 
nicht gesagt sein soll, daß sie auch sehend geworden wären. 
Der Katastrophe, als illusorisch durchschaut M werden, der so 
viele Illusionen zum Opfer fielen, sind allein die Militärfilme 
glücklich entronnen. Sie blühen und gedeihen in der Gestalt von 
Schwanken minderen Grades und von schmetternden Großfilmen 
mit Stars und Trara. So gut aber auch die Konjunktur für diesen 
Markenartikel ist, er befriedigt doch die Nachfrage nicht ganz. Und 
das Problem entsteht, welche Waren jetzt eigentlich hergestellt wer 
den sollen, nachdem die noch jüngst gepflegten Serienfabrikate in 
folge der Unseligkett unserer wirtschaftlichen und politischen Zu 
stände ausgespielt haben Jedenfalls kann die Filmindustrie nicht 
mehr schematich das Garn weiter abspulen, das sie so lange ge 
werbsmäßig spann. Sie muß andere Modelle schassen, neue Muster 
entwickeln. Kein Zufall, daß dre Produktion zur Zeit sehr gemischt 
ist und auch die Zufallstreffer nicht fehlen. Der Film: „Mädchen 
in Uniform" lvergl. meine Besprechung im Feuilleton der Reichs- 
aüLKLe vom 1. Dezember) ist einer gewesen. Aber er steht genau 
so vereinzelt da wie der Papst-Film: „Kameradschaft", und es steht 
vorerst nicht danach aus, als ob sich auf dem Trümmerfeld Zer 
störter. Ideologien, entwerteter Surrogate und wirkungslos gewor 
dener Rauschmittel gerade die besseren Kräfte, die gehaltvolleren 
Wercke behaupteten. 
' In höheren Sphären glaubt sich der neue Gran owsky- 
Mm: „Die Koffer des Herrn O. F." Zu bewegen. Tat 
sächlich ist er höherer Nonsens. Sein Thema: Im Gasthaus eines 
kleinen Städtchens treffen zahlreiche Koffer ein, die einem Mllio- 
Der Iilm im Dezember 
Von G- Rracarrer. 
Dezember. ! irischen Regierung recht ist, könnte unS aber um so billiger sein, 
»-als dime isn ' dem Bündchen danirgoesütellten Verhältnisse mMit den hie-- 
sigen keineswegs übereinstimmen. Weder ist die deutsche Kommu 
nistische Partei verboten noch auch bedient sich unseres 
ErachtenS die deutsche Polizei des Mittels der Foltcmng, um 
politischen Gefangenen Geständnisse abzupressen. Der Manische 
Bericht vermag also schon darum nicht die befürchteten Gefahren 
heraufzubefchwören, weil die in ihm vergegenwärtigten Zustande 
grundverschieden von den unsrigen find. Kurzum, die SMlgarttt 
V ^ erfügun b g d i ü st f so wenig stichhaltig, daß sie dringend einer Auf- 
Auf Grund der Verordnung zur Bekämpfung politischer Aus 
schreitungen sind neuerdings zwei Bücher kommunistischen Inhalts 
verboten worden. DaS eine: „Der 15. ^^^ ^928 , ^s die 
Polizeibehörden inStuttgart und Chemnitz beschlagnahmt 
haben, ist eine in der neuen 2V-Pfennig-Mne: „Rote Reihe des 
Mopr'VcrlagS erschienene japanische Ar b e i t e r - E r z ay- 
lung von Takisi Kobayasli. Sie berichtet über Ereignisse 
aus der Geschichte der illegalen Kommunistischen Partei ^apanS 
und verweilt besonders ausführlich bei den Folterungen der ve^ ung bedürfte, 
hafteten Arbeiter und Intellektuellen durch die Polizei. Natürlich worden tk ferner nach einer Berliner ZettungS- 
' bejaht die kleine Schrift den Kampf der japanischen Kommunisten &amp;gt; „Eium für den Bereich des Freistaats Preußen das Buch: 
gegen die Regierung und das Martyrium, das die gefangenen Par-! Mgie Signale". Es enthält Gedichte, die alle ohne Aus- 
teimitglteder erleiden. Wie aber aus dieser Tatsache die simstren ^hme in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung er- 
Schlüsse der Stuttgarter Verfügung gezogen werden können, ist schienen find. Sie stammen von Kurt ^ucholfly, Errch WeE 
u k n ^ s E vo s llk o ommen unverständlich. ,Jn der verherr P lic o h li e z n e d ip e r n äs S id c i h u i m lde , - Ka un m d pf a zi n e d le ere e n in. un Z d ahl s r e e t i z c e h n e si P ch ho d to u s rch u weg n f ^ ür die kommum m s a tr c f h ch en en 
A^sMbe"nich.t/GuteS^ M, beweist der folgend« Satz 
^z tz^orbeErkung: Wegen der letzten Notverordnungen !chnnt« 
„ 
vor. der AJZ veröffentlichten Gedichte in diese» 
dand nicht ausgenommen werden, um die Verbreitung dcS Buches 
,nicnhicthtZuzugegfäefhärhdredne/n."WWirir bbeeggnnüüggeenn uunnss ddaammiti,t, vdnasS Vervbokt 
Kenntnis zu geben und fragen uns nur, t» die Zensur 
benso empfindlich reagiere, wenn dre öffentliche uns 
Ordnung von der anderen Seite her als gefährdet erscheint.
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        tzF 
auf der Hand liegt. Hätte man noch die phantastischen Friedens 
kämpfer im Trommelfeuer umkommen lasten, so wäre dem Publi 
kum wenigstens die Gewalt der Mächte bewußt geworden, die sich 
der Bereitung des Friedenszustandes widersetzen. Der Zug durchs 
Niemandsland dagegen ist eine leere Tirade, die nicht dem Frieden 
dient, sondern die Schwäche der hier eingenormnenen pazifistischen 
Position enthüllt, und beinahe als ein Hohn auf unsere heutige 
qualvolle Existenz empfunden werden muß. Soviel über die 
Konzeption des Films. Dieser selbst krankt daran, daß sie ein 
reines Gedankending ist, das sich bestenfalls filmisch illustrieren 
Läßt. Statt daß die Idee erst im Material des Films Leben ge 
wönne, besteht sie unabhängig vom Film und wird nur eben in 
seine Sprache transponiert. Die Szenen entwickeln sich daher 
nicht nach einer dem Bildwerk immanenten Gesetzlichkeit in stetem 
Fluß, sie sind vielmehr gemäß dem jeweils von außen her ein 
greifenden Zwang aneinander gestückt. Daß einige von ihnen er 
schütternd wirken, ist der intensiven Regie, der mimischen Aus 
druckskraft Sokolofss und vor allem der menschlichen Tiefe und 
der großen Kunst des Negers Louis Douglas zu danken. 
Vom Friedensfilm zum Militärfilm ist nur ein Schritt. Zumal 
dann, wenn es sich um die Verfilmung des „Hauptmanns 
von Köpenick" handelt. Sie ist unter Mitwirkung Carl 
Zuck mayers von Richard Oswald hergestellt worden, der 
diesmal eine ganz glückliche Hand gehabt hat. Allerdings macht er 
fich's insofern leicht, als er sich bis weit in die zweite Hälfte 
hinein bild- und wortgetreu an das Theaterstück hält. Entsteht 
auf diese Weise auch nicht gerade ein echter Film, so doch eine 
Konfektionsarbeit, die achtbar ist. Und vom Beginn der eigent 
lichen Köpenickiade ab löst sie sich mehr und mehr vom Original 
ab und nimmt eine freiere filmische Entwicklung, die zum Glück 
auch das Satirische nicht zu kurz kommen läßt. Das strömt zwar 
nicht breit dahin, verläuft aber angenehm und verdichtet sich sogar 
einmal zu der sehr hübschen Gestaltung des Gelächters der Welt 
über den gelungenen Streich. Max Adalbert als Hauptmann 
vollzieht wunderbar den Uebergang aus der stummen Trauer 
des getretenen Wurms in die Verve der Militärverson und in 
trunkene Ueberlegenheit. Die Nebenrollen sind mäßig beseht, und 
der angeflickte Schluß ist ein Kompromiß.
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        wäre hier auch das Sprichwort: „Steter Tropfen höhlt den 
Stein" nicht schlecht am Platze gewesen. 
Einige besonders glühende Verehrer und Verehrerinnen geben 
sich nicht einmal mit dem Besitz der teuren Namen zufrieden. 
Sie möchten selber bei den Seligen wohnen, sich im Licht der 
Jupiterlampen sonnen und jene Höhen erstürmen, in denen das 
Sternbild Fritsch-Harvey kreist. Aber die Redaktion der „Film 
welt" stellt sich wie der Engel mit dem feurigen Schwert vor 
die Pforten der Filmatelierparadiese. „Wenn Sie zum 
Tonfilm wollen", äußert sie wieder und wieder, „müssen Sie sich 
zunächst einmal in Sprechtechnik ausbilden lassen." Oder sie stößt 
aus'Pflichtbewußtsein die verschiedenen Filmfreunde und -ratten 
einfach vor den Kopf: „Um vor Enttäuschungen Zu bewahren, 
raten wir von einer Filmlaufbahn ab." Recht so. Ich bezweifle 
nur, daß der Rat immer nachhaltig wirkt, denn die Gewarnten 
können sich ja auch auf das oben angeführte Sprichwort berufen, 
daß zuletzt doch gut wird, was lange genug währt. . . 
Aus diesem Frage- und Antwortspiel, das regelmäßig mehrere 
enggedruckte Seiten des Filmmagazins füllt, geht unzweideutig her 
vor, von welchen Träumen viele junge Menschen heimgesucht wer 
den. Der Filmkitsch hat sie in ihnen erregt. Er lügt eine 
wunderbare Oberwelt zusammen, die von lauter Prinzen und 
Prinzessinnen bevölkert wird, und die Unwissenden verwechseln 
fortan Sein und Schein und starren wie betäubt auf die höheren 
Feerien. So werden sie unbrauchbar gemacht und von einem Kampf 
ab gelenkt, der ihnen vielleicht wirklich zu besseren Daseins 
bedingungen verhelfen könnte. Die auch dem Film gestellte Aufgabe 
wäre aber gerade: sie nicht im Banne des Schlafs zu halten, son 
dern Betörte zu wecken. Indessen, wir scheinen einstweilen noch 
weit von der Zeit entfernt zu sein, in der allen Filmratten der 
Filmstar gestochen wird. 
Ehemännern und Gustav Fröhlich noch nicht einmal zu den Ver 
lobten gehört; Marlene Dietrich und Hans Albers ein Auto be 
sitzen. Manche Fragen entspringen der begreiflichen Sorge um das 
Ergehen der Stars. „Sie können sich beruhigen", so wird einem 
offenbar aufgeregten Kaffeekränzchen in Neukölln mitgeteilt, „Dina 
Gralla hat sich nicht erschossen". Dina Gralla ist tatsächlich seit län 
gerer Zeit nicht mehr Zu sehen gewesen, und wessen Künstlerinnen 
in ihrer Leidenschaft fähig sind, kann niemand genau wissen. So 
gut die „Filmwelt" aber auch informiert ist, das Publikum fragt 
nicht selten mehr, als Zehn Filmwelten zu beantworten vermöchten. 
„Wieviel die Künstlerin wiegF, haben wir bis jetzt nicht feststellen 
.können", lautet einer der negativen Bescheide, der immerhin hoffen 
läßt, daß das Gewicht der Künstlerin später doch noch be 
kannt werden wird. 
Die betreffende Künstlerin ist Lilian Harvey. Sie und ihr 
Partner Willy Fritsch sind geradezu mythische Figuren, 
mit denen sich die Volksphantasie wieder, und wieder beschäftigt. 
Da sie in der Vorstellung der Filmliebhaber unzertrennlich zu 
sammen gehören, können, diese schlechterdings nicht verstehen, daß 
das Doppelgestirn «neuerdings auseinander gerissen ist. „Später 
werden Lilian Harvey und Willy Fritsch bestimmt wieder Zu 
sammen filmen" — oft genug muß die „Filmwelt" Enttäuschte s 
auf die Zukunft vertrösten. Oder sie sieht sich zu der Erklärung , 
veranlaßt, daß die beiden Stars trotz ihres gemeinsamen Auf 
tretens nicht miteinander verheiratet seien, und Lilian Harvey 
gar nicht daran denke, sich zu vergiften. Wie weit die Heldenver 
ehrung getrieben wird, ist aus der folgenden Antwort zu ersehen, 
die sich bemüht, keine Illusion zu zerstören: „Ob Willy Fritsch 
in der Schule ,gescheit' war, wissen wir nicht, nehmen es aber 
als sicher an." 
Jene, die sich selber als „Filmratte Fridel H. Sch.", „Neu 
gieriger Filmnarr", „Micky Maus aus Hamburg", „Film-Ruth 
9695 aus Düsseldorf" titulieren, werden natürlich vom Wissen 
um ihre Lieblinge allein nicht satt. Können sie die schimmernden 
Vorbilder nicht mit Haut und Haaren verzehren, so möchten sie 
doch zum mindesten ein Zeichen in Händen halten, das .ihnen 
einen Anteil an der Existenz der Jdealtypen gewährt. Sie fahn 
den nach Autogrammen wie die mittlerweile ausgerotteten 
Indianer nach Skalps. Zum Glück scheinen sich die Stars darüber 
klar zu sein, daß sie nicht nur leuchten, sondern auch Unter 
schriften niederträufeln lassen müssen. „Sämtliche Filmstars," 
schreibt unsere Auskunftei, „geben Autogramme. Sie können sich 
direkt an sie wenden. Selbstverständlich ist immer die betreffende 
Bildkarte und ein adressierter, frankierter Rückumschlag beizu- 
fügen". Mitunter bleiben die Huldbeweise aus; doch die „Film 
welt" mahnt die Säumigen oder redet den Wartenden Zu, nicht Zu 
verzagen. „Daß Gösta Ekmann Ihre Autogramm-Äitte nicht er 
füllt, tut uns ja aufrichtig leid. Aber leider können auch wir 
Ihnen nicht helfen. Vielleicht versuchen Sie es noch einmal! Sie 
wissen doch: „Was lange währt, wird gut!" Unter Umständen 
Mund um die Mmstars. 
Lr Berlin, im Mai. 
Die Filmstars: Wend für Abend ziehen sie am Leinwand 
horizont Heraulf und beschreiben -glänzende Bahnen. Ihre 
Jugend kann nicht altern, ihre Schönheit nicht welken. Wien, 
Heidelberg, Montecarlo, Paris — alle Herrlichkeiten der Welt 
haben nur den einzigen Zweck, ihnen als Hintergrund zu 
dienen. Immer erblüht ihnen zuletzt ein Liebesglück und ein 
Kabriolett. Und weinen sie auch einmal, so werden doch ihre 
Tränen getrocknet, und dann strahlen sie wieder wie neu. 
Sie, die so hoch über uns flimmern, scheinen in Kontorräume, 
Töchterschulen und Fabrikbüros herein, und erfüllen die Wunsch 
träume zahlloser Stenotypistinnen, Verkäufer, Ladenmädchen und 
Lehrlinge. Wahnwitz wäre, die Stars in den Achtstundentag 
zerren zu wollen. Aber sollte es denen, die sich an ihrer über 
irdischen Pracht erfreuen, nicht wenigstens möglich sein, ein win 
ziges Stückchen Himmel an sich zu reißen? Es ist Zweifellos 
möglich. Und zwar ist die Zeitschrift „Film Welt" der Ort, 
an dem die Sehnsüchtigen das Ziel ihrer Wünsche erreichen. 
Dieses vielgelesene Magazin, das in den Kinos zugleich mit den 
Programmen verabfolgt wird, enthält eine Rubrik, die eine Art von 
Starwarte darstellt. Von ihr aus können die Filmfreunde und 
Filmfreudinnen in Dortmund, Bautzen, Magdeburg Blicke in die 
höheren Regionen tun und dabei Einzelheiten erspähen, die man 
mit dem bloßen Auge nicht sieht. Allerdings sind ihnen manche Fra 
gen von vornherein verwehrt. Hart erklärt die Redaktion: „Das 
Alter der Filmstars veröffentlichen wir nicht" und weist jeden zu 
rück, der sie über diesen Punkt ausholen will. Zum Troste versichert 
sie allen Einsendern, die das Alter auf eigene Faust zu erraten 
suchen, daß sie ungefähr richtig geraten hätten, teilt die Geburts 
tage und Adressen der Künstler mit und verspricht, ihnen Grüße 
zu übermitteln. 
Mit einem rührenden Wissensdurst, der sich nur anderen Gegen 
ständen zuwenden sollte, nähern sich die Ungenannten in den Niede 
rungen ihren himmlischen Lieblingen. Sie brennen darauf, die von 
den Stars bevorzugten Blumen zu erkunden, und wir müssen 
etwa hören, daß Willi Forst ein Freund von Rosen und Nelken 
ist, während Brigitte Helm Hortensien und Orchideen schätzt. Ich 
hätte mir das übrigens von Brigitte Helm gleich gedacht, denn sie 
hat so etwas Exotisches. Ein Filmkünstler ohne Lieblingsblumen 
ist nach alledem beinahe unmöglich. Und wie verhält es sich mit 
seiner äußeren Erscheinung, unterwegs' und daheim? 
„Liane Haid ist blond und braunäugig. Forst und Verebes haben 
schwarzes Haar und braune Augen", so antwortet die „Filmwelt" 
einem Verehrer. Auch die Haupttatsachen des Privatlebens gibt 
sie anstandslos preis. „Sie haben recht," bekräftigt sie, „Henry 
Stuarts Vater war Schweizer". Man vernimmt ferner: daß Käthe 
von Nagy von Eonstantin David geschieden ist; Rühmann zu den
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        Unter der HöerMche. 
Berlin, im Juli. 
Ein ausländischer Besucher Berlins, der weit in der Welt herum, 
gekommen ist, sagte mir jüngst, daß man hier an der Oberfläche die 
Not kaum bemerke. Er war darüber um so erstaunter, als er von 
ihrem Vorhandensein wußte. Das gutgekleidete Straßenpublikum, ! 
die Wochenendmode, der Betrieb in den Lokalen — alle diese Zeichen 
eines scheinbar gehobenen Lebensstandards verwirrten ihn, da sie! 
nach seiner Meinung das Faktum des Elends zwar nicht Lügen 
straften, aber ihm doch rätselhaft widersprachen. Ich machte ihn 
unter anderem auf die Bettler aufmerksam, die jetzt in immer 
größerer Zahl gerade den Westen bevölkern. Seine Antwort 
lautete, daß es in London etwa viel mehr Bettler gäbe als hier 
in Berlin. „Vielleicht," so reflektierte er, „ist bei euch die Not 
nicht einmal schlimmer als anderswo. Nur seid ihr von ihr 
auch seelisch völlig besessen." 
Solche Urteile werden von Fremden öfters geäußert. Um sie 
richtigzustellen, genügte beinahe schon der Hinweis auf die täg 
liche Lokalrubrik. Ich greife aufs Geratewohl die Meldung eines 
hiesigen Blattes heraus, nach der in der Zeit vom Sonntag bis 
Zum Montag mittag nicht weniger als sieben Personen Selbst 
mord verübt haben: 
Ein blutjunges Liebespaar, dessen Vereinigung durch seine! 
Mittellosigkeit verhindert wurde; 
ein Polizeibeamter wegen Familienstreitigkeiten und Ueber- 
schuldung; 
ein zugereister Rentmeister; 
eine ältere Frau, die angesichts ihrer wirtschaftlichen Zer 
rüttung die Nerven verlor; 
noch eine alte Frau, die nach dem Tod ihres Mannes vergeb 
lich Arbeit suchte; 
ein Stallschweizer, der arbeits- und wohnungslos war; 
Dem ist nichts weiter hinzuzufügen; es sei denn die Be 
trachtung, daß die Verschiedenheit der gewählten Todesarten mit 
der Gleichförmigkeit des Selbstmordmotivs merkwürdig kontrastiert. 
Aber auch innerhalb seines eigenen Beobachtungsfeldes wäre 
jener Ausländer leicht zu widerlegen. Ich will gar nicht von den 
vielen Merkmalen der Not reden, die mindestens so sichtbar sind 
wie der spärlich aufsitzende Glanz — also zum Beispiel von den 
Schwierigkeiten der Vergnügungsindustrie oder von der ungeheuren 
Menge leerstehender Großwohnungen —, sondern lieber einige 
unauffälligere Symptome des wirklichen Zustands verzeichnen. Zu 
ihnen gehört -die Aufgeregtheit im Alltag. Mag selbst 
die gute Kleidung in gewissen Stadtteilen vorherrschen, das Ge 
baren der Menschen stimmt nicht recht mit ihr überein. Nicht so, 
als ob sie der Höflichkeit ermangelten, aber sie sind von einer 
Nervosität, die bei dem geringsten Anlaß ausbricht. Wer jetzt an 
den heißen Sommerabenden über den Kurfürstendamm promeniert, 
spürt deutlich, daß diese Menschen von Unruhe verzehrt sind und 
rasch aus der Haut fahren könnten. Sie stoßen sich, wenn sie 
aneinander Vorbeigehen, sie sprechen etwas lauter, als es vielleicht 
üblich ist, und erwecken überhaupt den Eindruck von Reibungs 
flächen, die sich im nächsten Augenblick entzünden. Oft erfolgt auch 
wirklich eine Explosion. Ein Auto hat eine Straßenbahn gestreift, 
oder an irgendeiner Ecke bildet sich ein Menschenknäuel, aus dessen 
Mitte Schupohelme herausleuchten. Ich weiß, daß ich mich ganz 
ungenau ausdrücke, aber es kommt mir nur darauf an, die gereizte 
Stimmung anzudeuten, die hier fast körperlich fühlbar ist. Man 
müßte, um sie im einzelnen darzustellen, Lausende winzige Vorfälle 
schildern und dann aus ihnen die Summe Ziehen. Zu notieren 
wäre: die rücksichtslose Raserei der Autos nach dem Aufblenden 
des grünen Signals; Strettszenen in Restaurants; stumme kurze 
Blickschlachten zwischen Passanten, die sich nicht kennen und doch 
abtaxieren wie Waren; Gesprächsfetzen, Schaffnerauskünste und 
manche Gebärden. Das aus diesen Zügen zusammengesetzte Mosaik 
verriete, wie geplagt und geschunden heute die Menschen aller 
Schichten bei uns sind. 
Man sollte meinen, daß ihnen Sport und Wochenende eine 
Erneuerung der Kräfte brächten. Aller ich habe schon wiederholt 
die Erfahrung gemacht, daß eher das Gegenteil richtig ist. Um es 
kraß auszudrücken: die Art und Weise, in der sich die Massen 
gegenwärtig ins Wochenende stürzen, ist selber ein Kennzeichen der 
durch die allgemeine Not erzeugten Hysterie. Sie geben sich der 
Natur nicht hin, sondern überrennen sie gleichsam; tragen ihren 
Krampf in den Sport hinein, statt sich von ihm lösen zu lassen; 
vergötzen die Nacktheit, die doch nur der Gesundung dienen sollte, 
und erheben die braune Hautfarbe zum Idol. Wäre es anders, man 
müßte den Menschen auch im gewöhnlichen Großstadtlellen anmer 
ken, daß sie sich körperlich ertüchtigt und draußen wirklich erholt 
haben. Dem besseren Aussehen, daß sie durch die bewußte Körper 
kultur erlangen, entspricht indessen keineswegs eine größere Ge 
messenheit, eine ruhigere Haltung. Wenn mich nicht alles täuscht, 
hat sich sogar ihre Empfindlichkeit nicht unerheblich gesteigert. Im 
mer wieder kann man an schwülen Tagen beobachten, daß gerade 
junge, ersichtlich sportgeübte Menschen sich ihrer Jacke entledigen, 
um die Beschwerden der Hitze zu verringern, während ältere Her 
ren im Vollbesitz ihrer Kleidung dahinwandeln, ohne unter der 
kleinen Schwitzkur besonders zu leiden. Das Wochenende scheint 
also einstweilen die Widerstandskraft nicht eben zu erhöhen. Es hat 
gewiß gleich dem Sport die Funktion, den Folgen der Not ent- 
gegenzuwirken, wird aber noch in Formen genossen, die selber ein 
Produkt der Not sind. 
Ich möchte damit nur gesagt haben, daß diese Not trotz der 
Luxuskarosserien und der Glanzperspektiven, die sich den Fremden 
so schnell eröffnen, durchaus nicht unsichtbar ist. Ihre Signale ragen 
! vielmehr wie die Masten gesunkener Schiffe über die spiegelglatte 
l Oberfläche hinaus. S. Kracauer. 
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        Markt'vorhanden sind; sie treten nicht eigentlich hervor, um ge 
wisse Wirkungen zu erzielen, entstehen vielmehr Kraft der Appa 
ratur und sind substantiell höchstens im Nebeneffekt. Im Rahmen 
der bestehenden Rundsunkorganisation wird daher die Forderung 
Wallners überhaupt nur unvollkommen zu verwirklichen sein. Den 
noch hielte ich auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen Ex 
perimente für möglich, die sie annäherungsweise erfüllten, oder 
doch das unabweisbare Bedürfnis nach ihrer Erfüllung erweckten. 
8. Lraeauer. 
schwer möglich ist, daran trägt freilich ein etwaiges individuelles 
Versagen nicht die Hauptschuld. Die Umstände sind stärker als der 
Wille, der sie verleugnen möchte. Sowohl der Zwang zur Neu 
tralität beim Rundfunk wie die Notwendigkeit unausgesetzten Ver- 
schleierns von Darbietungen drängen von der strengen Sichtung 
ab, zu der eine richtige Führung sich veranlaßt sähe. Es ist nun 
einmal so: die Rundfunkproduktionen haben heute Warencharakter. 
Sie werden nicht um eines großen Planes willen erzeugt, sondern 
weil das Instrument zu ihrer Erzeugung und ein aufnahmefähiger 
jenes Jonglieren, frei von der Schwerkraft der Vernunft . . ." 
Vorausgesetzt selbst, daß ein solches Ineinander alle Ansprüche 
befriedigte, die billigerweise an seine Komposition zu stellen wären, 
so schlüge es doch der oben angeführten Forderung ins Gesicht. 
Während nämlich nach ihr der Rundfunk „Helfer, Wegbahner, 
Führer zu neuen oder verschütteten Werten" zu sein hätte, müßte 
er im Falle der romantischen Reihe „frei von der Schwerkraft der 
Vernunft" jonglieren. Es ist aber schlechterdings unmöglich, das 
eine Mal den Rundfunk mit einer Führer- und Helferrolle zu be 
trauen, die doch gerade den Einsatz der Vernunft erheischt, und das 
andere Mal sein Stilideal mit dem der Romantik in einem Sinne 
zu identifizieren, der die Entthronung der Vernunft bedingte. 
Indem man mit der angegebenen Begründung die Darstellungen 
der Romantik unternimmt, gibt man die Aufgabe preis, die jene 
Forderung dem Rundfunk setzt. Wäre indessen das beabsichtigte 
„wohlkomponierte Ineinander", so kgnnte eingewandt werden, nicht 
wenigstens dazu imstande, „verschüttete Werte" freizulegen? Keines 
wegs. Denn soll die Rede von den „verschütteten Werten" einen 
Sinn erhalten, so müßten die Darbietungen das romantische Wesen 
nicht wiederspiegeln, sondern interpretieren. Sie hätten sofort ihre 
Legitimität, wenn sie, statt romantisch zu „jonglieren", die Ro 
mantik von dem Standpunkt eines fortgeschrittenen Bewußtseins 
aus zu erhellen versuchten. Nur eine kritische Betrachtung der Ro 
mantik vermöchte zu erweisen, daß der Rundfunk des ihm zuge 
muteten Führertums wirklich fähig ist. Aber von ihr, auf die es 
Wallner im Interesse der Uebereinstimmung seiner Grundforderung 
mit dem Programm ankommen sollte, wird in dem Bericht nicht 
gesprochen. 
Auch andere Programmpunkte halten sich nicht an den Leitsatz, 
den Wallner selber proklamiert hat. Die Wiedergabe der Tischrede 
eines Nobelpreisträgers beim Bankett in Stockholm zur Einfüh 
rung in sein Werk; Gespräche unter dem Titel: „Das Buch", die 
angeblich „jedem am geistigen Leben Interessierten" betreffen wer 
den; kurze Veranstaltungen, die dem Vortrag lyrischer Gedichte 
gewidmet sind — wie wenig entspricht ein derartiges Kunterbunt 
von Bildungsstoffen dem im Bericht formulierten Ziel des lite 
rarischen Rundfunks: den Hörern zu helfen und Wege zu bahnen. 
Gewiß, man kann dieses Ziel durch die Betrachtung der verschie 
densten Literaturgebiete erreichen. Faktisch aber benehmen sich ihm 
gegenüber die meisten vorgeschlagenen Serien nicht minder spröde 
wie die der Romantik zugeeignete Reihe. Oder darf man der 
Hebung verschütteter Werte viel Vertrauen schenken, wenn zum 
Beispiel die Notwendigkeit erläuternder Begleittexte zu den Büchern 
der Nobelpreisträger wie folgt glossiert wird: „So weit ein biß 
chen Literaturkritik und Literaturhistorie sich dabei nicht ganz ver 
meiden läßt, soll sie durchaus eine 8cieinL sein?" Das ist 
Dilettantismus, und Veranstaltungen die so dilettantisch aufge 
zogen sind, verhalten sich zu den Werken nicht anders wie die Re 
portagen zur Wirklichkeit; statt die Gehalte des Werks zu kommen 
tieren, geben sie irgendeine Ansicht von ihm. An einer Stelle be 
dauert Wallner, daß die Literatur im Rundfunk eine Art von 
Lückenbüßerin sei. Ihre Bestimmung scheint sich noch wenig ge 
ändert zu haben. 
Daß eine grundlegende Aenderung trotz der besten Vorsätze 
Literatur und Wundfunk. 
Berlin, Anfang August. 
Der Dramaturg des Südwest deutschen Rundfunks 
Dr. Franz Walln er hat kürzlich vor dem dieser Station Zu 
geordneten Kulturbeirat über das Thema: „Literatur und 
Rundfunk" gesprochen. Seine Ausführungen verdienen darum 
das Interesse der Oeffentlichkeit, weil sie einige grundsätzliche 
Bemerkungen über den Ausbau des literarischen Programms an 
einem der großen deutschen Sender enthalten. 
Zwei Feststellungen des Vortrags scheinen mir besonders 
wichtig zu sein. Einmal die Wendung gegen eine Überschätzung 
der Reportage, die Wallner nicht ansteht, „Wirklichkeitsrummel" 
zu nennen. In der Tat wäre nichts verkehrter, als im Rundfunk 
jene Berichte zu häufen, deren Wert sich in ihrer Aktualität er 
schöpft. So notwendig Informationen zum praktischen Gebrauch 
der Hörer sind, so überflüssig, ja schädlich ist die fortwährende 
Darbietung beliebiger Ausschnitte aus dem gegenwärtigen Leben. 
Denn sie erschließen nicht die Wirklichkeit, sondern photographieren 
sie bestenfalls, und zwar von einem Blickpunkt aus, der mehr oder 
weniger zufällig ist. Man wird also durch sie weniger aufgeklärt 
als verwirrt und empfängt statt eines maßgebenden Bildes der 
Wirklichkeit Impressionen von deren Oberflächengestaltung, die 
sich mit dieser wie Wolken verflüchtigen. 
Zum andern ergänzt Wallner seinen Protest gegen die zu 
stark betriebene Reportage durch eine Forderung, der man eben 
falls, zumindest provisorisch, gern zustimwen wird. „Literatur", 
so verlangt er, „muß näher an die Hörer-Front. Sie muß es, 
weil der Rundfunk nicht nur der Spiegel der Zeit, sondern auch 
Helfer, Wegbahner, Führer zu neuen oder verschütteten geistigen 
Werten sein soll." 
Wer an diesen programmatischen Leitsätzen von Wallner aus 
gestellte Programm selber mißt, wird nun allerdings enttäuscht 
sein. Nicht so, als ob es die verkündigten Prinzipien ganz und 
gar im Stich ließe. So faßt es etwa den guten Borsatz, einen 
,,Naturschutzpark der Mundarten" anzulegen, in den exemplarische 
Proben der mehr und mehr schwindenden Dialekte eingepflanzt 
werden, oder will sich, im Einklang mit den allgemeinen Richt 
linien, der vernachlässigten Dichter annehmen. Aber in seinen 
Hauptpunkten ist es doch hilflos. Mehr als das: es wid erstreitet 
geradezu der entscheidenden Absicht des Programms. 
Ich beschränke mich im wesentlichen auf die Analyse eines Prv- 
grammteiles, in dem die gegen diese Absicht gerichteten Tendenzen 
deutlich durchbrechen. Es handelt sich um die geplante Reihe von 
Veranstaltungen über die deutsche Romantik. „Vom Romantiker 
Standpunkt aus soll über Gott, Weltanschauung, Unsterblichkeit, 
Liebe gesprochen werden, über Musik, Malerei, Roman, Märchen, 
Theater. Alles durchseht mit reichlichen Proben, lyrischen und 
epischen, deren zwanglose Einführung Sache des geschickten Be 
arbeiters ist." Wallner denkt an ein „wohlkomponiertös Inein 
ander", von dem er meint: „Es genügt nicht nur dem Form 
willen des Rundfunks, es ist auch ganz und gar ,romantisch. 
Romantisches Ideal und zugleich SLilideal des Rundfunks ist
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        „Berlin-Akeranderplaß" als Iitm. 
Berlin, im Oktober. 
Mit der Feststellung, daß der Allianz-Film: „Berlin 
Ale xa n d e r p la tz", für dessen Manuskript auch Döblin selber 
verantwortlich zeichnet, sich kaum über den Durchschnitt unserer 
Unterhaltungsfilme erhebt, ist nur wenig getan. Wichtiger ist: sich 
Rechenschaft über die Gründe dieses Versagens abzulegen. 
Zunächst erklärt es sich daraus, daß man den Roman falsch 
benutzt. Er ist ein episches Werk, das durch die in ihm angewandte 
Assoziationstechnik den Bedürfnissen des guten Films mehr als 
die meisten anderen Prosaerzeugnisse entgegenkommt. Ganze Ab 
schnitte des Buches schlagen sich kreuz und quer durch die Welt, 
ohne ängstlich an der Fabel zu haften. Sie sind selber die Fabel, 
die nicht so sehr in einer geschlossenen Handlung als in einem 
lockeren Schlendern besteht, das mit Recht auf feste Perspektiven 
verzichtet. Genau so schlendert aber auch jeder Film, der wirklich 
ein Film ist. Er schöpft seine Spannung aus der Freizügigkeit der 
Kamera, die nur dann ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie bewußt durch 
das Milieu panoramiert und Stück für Stück die Umwelt herbei- 
holt. In dem Film: „Therese Raquin" etwa liegt das Haupt 
gewicht nicht auf der Darstellung der tragischen Schlußereignisse, 
sondern auf den Schilderungen, die der sinnvoll bewegte Apparat 
von der Passage und der Wohnung entwirft. Im Falle des Alexan 
derplatz-Romanes hätte man sich nur an den Roman selber halten 
müssen, um ähnliche Wirkungen zu erzielen. Statt dessen aber ge 
schieht dies: man verzichtet darauf, der Vorlage zu folgen, die be 
reits halb und halb ein Filmmanuskript ist, und entnimmt ihr ledig 
lich eine geschlossene Unterweltshandlung, wie sie jeder gehobene 
Zerstreuungsroman bietet. Wahrscheinlich um des Kompromisses 
mit dem vermeintlichen Publikumsgeschmack willen werden also 
gerade die Tugenden des Döblin-Buches beiseite geschoben, die zu 
seiner Verfilmung reizen. Das Ergebnis ist ein Film, der den Ein 
druck erweckt, als ob er einen Kolportagestoff verarbeite; während 
er doch faktisch aus einem Roman, der große filmische Möglichkeiten 
gewährte, in das Schema der Kolportage flüchtet. 
Hätten sich die Hersteller wenigstens entschieden zur Kolportage 
bekannt! Indessen, sie begehen den zweiten Fehler und schämen 
sich gewissermaßen der Zugeständnisse, die sie durch die Ausschal 
tung der eigentlich filmischen Romanmotive dem Publikum machen. 
Um auch die sogenannten höheren Ansprüche zu befriedigen, suchen 
sie nachträglich einen Teil der epischen Assoziationen des Romans 
einzubeziehen, die in der ursprünglichen Konzeption des Films 
beflissen unterdrückt worden sind. Ich denke an die endlose Tram 
Lahnfahrt Biberkopfs aus dem Gefängnis in die Stadt und vor 
allem an die unaufhörlichen Aufnahmen des Alexanderplatzes. Mit 
seinen Umbauten und Bürohäusern erscheint er bei jeder Gelegen 
heit von oben und unten, von rechts und von links. Eine Verede 
lungsarbeit, die wie das musikalische Vorspiel Theo Mackebens, 
das sich von den alten Berliner Schlagern zu den modernen er 
streckt, dem Filmgeschehen offenbar zu einer Art von Lokalatmo 
sphäre verhelfen soll. Aber sie ist in dreifacher Hinsicht verkehrt. 
Denn einmal addiert sie nur hinterher zum Film hinzu, was schon 
von Anfang an in ihm hätte stecken müssen; das heißt, sie dekoriert 
das enge Unterweltsspiel mit Elementen des Romans, statt aus 
diesen erst ein breites Spiel zu entwickeln, das sich natürlich nicht 
auf die Unterwelt beschränken dürfte. Denn am Alexanderplatz 
Döblins wohnen ja bekanntlich auch noch andere Leute als Ver 
brecherbanden nebst ihrem Anhang. Ferner sind die eingestreuten 
Stadtmontagen selber richtungslos. Mechanisch leiert der Regisseur 
Phil Jutzi, dessen starke Begabung der stumme Film: „Mutter 
Krauses Fahrt ins Glück" erwiesen hat, Bildassoziationen herunter, 
die sich ohne jeden inneren Halt aneinderreihen. In den Filmen 
Eisensteins und Pudowkins sagen die Straßen und Architekturen 
etwas über sich aus, und sogar die ziemlich schwache Berlin-Sym 
phonie Ruttmanns meint doch noch einen bestimmten Gehalt, der 
allerdings fragwürdig ist. Hier dagegen wird überhaupt nichts ge 
troffen, sondern es ist, als gleite die Kamera führerlos zwischen 
funkelnagelneuen Gebäuden zweifelhafter Abkunft, Arbeitern, Un 
tergrundbahnen und Bretterzäunen hin und her. Die Bewegung 
ist sich Selbstzweck geworden, sie verabsäumt ihre dringlichste Auf 
gabe: eine Haltung zu vermitteln. Schließlich verfehlt sich die auf 
geklebte Bildepik wider die Absichten des Films, da sie die Span 
nung verringert, um derentwillen dieser die ihm vom Roman ein 
geräumten Chancen preisgegeben hat. Erst einen großangelegten 
Vorwurf zur Kolportagehandlung zu reduzieren und dann die Kol 
portage durch ornamentale Attrappen wieder auf die Romanebene 
transponieren zu wollen: das ist unmöglich. Langeweile ist die 
einzige Folge eines solchen Mangels an Folgerichtigkeit. 
Nicht zuletzt rührt die Unzulänglichkeit des Films auch daher, 
daß er ein ausgesprochener SLarfilm ist. Bezeichnend sein Titel: 
„Heinrich George in Berlin-Alexanderplatz". In der Tat sind alle 
seine Inhalte auf George bezogen, und werden durch ihn allein 
zusammengehalten. Das aber ist doppelt widersinnig angesichts eines 
Helden, der nicht über dem Milieu waltet, sondern vom Milieu 
entscheidend mitbestimmt wird. Die Verdrängung der dem Film- 
werk zugeordneten Romankomposition; die Leere der später an 
gehefteten Assoziationen; die Verwandlung Biberkopfs in eine 
überragende Figur: diese drei Umstände verschulden gemeinsam 
die Subst-anzlofigkeit des Films. Ich bezweifle nicht die große 
Darstellungskunst Georges; aber er ist nicht der Träger der Rolle, 
er paßt die Rolle sich an. Nicht George ist Biberkopf; der nimmt 
die Züge Georges an. Auch hier wieder ereignet sich dasselbe wie 
so oft in deutschen Filmen (und Theatern): daß die Schauspieler 
Schauspieler bleiben. Der Gestalt, die sie mimen, nst immer noch 
anzumerken, daß sie gemimt wird. Sie steht nicht im gesellschaft 
lichen Raum, wird vielmehr so vergegenwärtigt, als ob sie in einem 
imaginären Raum stünde. Der Grund hierfür ist vermutlich der, 
daß es zur Zeit in Deutschland keine gesellschaftliche Wirklichkeit 
gibt. Vor kurzem sah ich in einer Jnteressentenvorführung den 
Paramountfilm Josef von Sternbergs: „Amerikanische Tragödie". 
Obwohl Dreiser, wie der von ihm gegen die Paramount verlorene 
Prozeß beweist, die Verfilmung seines Romans nicht billigt — 
offenbar enttäuscht ihn die Verlegung des Akzents von den gesell- 
schaftskritischen Schilderungen weg auf das Einzelschicksal —/ist 
der Film dennoch ein Meisterwerk, das ein Stück Amerika so zeigt 
wie es wirklich ist. Aber nicht darum gedenke ich seiner; sondern 
wegen der Art der darstellerischen Leistungen. Dieser Staatsanwalt 
ist tatsächlich ein Staatsanwalt; dieses Mädchen eine kleine An 
gestellte; dieser junge Mann einer von unzähligen Physiognomie 
losen jungen Amerikanern. Während anderswo die Schauspieler 
leibhaft vorhandene Typen verkörpern, bilden sich in Deutschland 
viele Menschen allenfalls nach den Schauspielern. Der Lebensraum, 
in dem wir uns aufhalten, ist irrend, die Luft mit Ideologien 
geschwängert und der Boden unter unseren Füßen erweicht. 
Anhangsweise sei noch der Film: „Marokko" erwähnt, der jetzt 
unter dem Titel: „Herzen in Flammen" in Berlin läuft. 
Es ist der erste Film, den I. von Sternberg (vor ungefähr 
zwei Jahren) mit Marlene Dietrich gedreht hat. Das Buch 
von Benno Vigny, nach dem er hergestellt ist, soll ein Reißer sein; 
er selbst aber mutet wie ein langgezogenes Gummiband an, das 
leider nicht reißen will. Der Charme Jary Coopers und das vollen 
dete Globetrottertum Menjous kommen gegen die afrikanische Hitze 
nicht auf, in der die Handlung eintrocknet und die Liebe stagniert. 
Und Marlene Dietrich enthüllt zwar in einem fort ihre berühmten, 
unteren Extremitäten, ist aber in der oberen Hälfte eine monotone! 
Trauergestalt, der man die unsagbaren Gefühle weit weniger glaubt 
als die mit dem besten Willen nicht wegzuleugnenden Beine. 
S. Kracauer. 
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