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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.11/Klebemappe 1932 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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        Bon E. Rraeauer. 
und nach die Gäste versammelten; dann Tanzmusik, Bruchstücke Immer länger, immer Häher ist ihre Parole. Inzwischen hat sich 
die menschenlose Pracht selber, die hier umging, die Pracht ver-Skrupeln gelebt. Die Provinz ist auch darum der Hauptstadt oft 
Das sind nur Beispiele für Restbestände, die unter uns Wesen. 
Gerade Berlin ist ihrer voll, denn es hat seit langem ohne viel 
Hat sich das ganze Leben unserem wirtlichen Zustand ange 
paßt? Teilweise ist es nicht nachgefolgt, sondern behauptet sich 
blind weiter fort. Reste vergangener Daseinsformen ragen, den Er 
eignissen zum Trotz, m unseren Preisgegebenen Alltag herein. 
Jetzt wäre es an der Zeit, sie zu durchschauen und Zu erkennen, 
wieviel Gespenstisches sich noch immer an unsere Fersen heftet. 
In einem bekannten Berliner Hole! fand jüngst die Schluß- 
vEnstaltung eines Tanzturniers statt, das von einem hiesigen 
TunMuö arrangiert Worden war. Durch Zufall in die Hotelhalle 
verschlagen, wurde ich Zeuge des festlichen Trubels. Die Herren 
im Frack, wartend schwatzend und ranchend; die Damen im 
Hermelin oder Persianer und darunter die großen Abendtoiletten; 
Pokale und andere Ehrengaben auf einem Galatisch, der mitten 
im Reiseverkehr der Diele stand; hinter weit geöffneten Türen die 
Spiegelreflexe und die gläserbeladenen Tische, an denen sich nach 
der Straße draußen kam das Heute wieder zurück. Ein paar 
Taxichauffeure schimpften über die schlechten Zeiten, und zwei 
Hamburger Zimmerleute preßten durch ihr furchterregendes 
Aeußere den Passanten Almosen ab. 
genug gram. Nicht ganz zu Recht, wie mich dünkt, da ein mrt 
schonungsloser Offenheit geführter Existenzkampf immer noch besser 
ist als einer, der unter der Maske des Wohlanstands genau so grau 
sam vonstatten geht.-. 
Nun Hat der Taumel einstweilen ein Ende- Großartige Bank- 
gangener Jahre, die sich nicht abwerfen lassen wollte. Die Herren 
hatten FilmgeflchLer, die Damen lächelten konventionell. Wären 
sie Marionetten im Glaskasten oder Schaufensterpuppen gewesen, 
fs hätte der Auftritt noch Leben geatmet; aber wahrhaftig, sie 
lebten und glichen eben darum einem angreifbaren Spuk. Erst auf 
Vor kurzem'sagte mir ein Franzose, den ich durch Berlin führte: 
„Ihr seid arm zwischen Palästen; mir haben unser Auskommen in 
armen Behausungen". Diese Antithese, übertrieben wie alle solche 
Formulierungen, wurde bei der Betrachtung des riesigen Waren 
hauses in Neukölln geprägt, das eine Verkörperung wilhelminischen 
Geistes ist. Ein Gemisch aus Kathedrale und Festung, steigt der 
viereckige Bauklotz pathetisch empor, klingt in zwei Türme aus, die 
abends wie Fanale über der Stadt leuchten, und was wird darin 
verkauft? Bedarfsartikel für kleine Leute und Proletarier. Schon in 
der KaiserZeiL hat es so angefaugen. Ich denke an die Marmor 
treppen der Mietshäuser, die hinter den Haustüren unmittelbar 
ansetzen und vor aller Augen so steil und herrisch himmelan 
streben, als führten sie statt in Berliner Zimmer in den Himmel 
selber hinein. Man hat den Kurftürsteudammbauten die Stuckorna 
mente abgeschlagen, aber die Großmannssucht ist auch in der Repu 
blik geblieben. Ihr entstammen die vielen Faffadenarchitekturen, 
mit denen Berlin seit Jahren gefüllt wird: Hochhäuser, Büro 
häuser usw., die alle nicht die geringste Beziehung zu menschlichen 
Dingen mehr unterhalten. So einfach sie sind, sie bringen es den 
noch fertig, den Eindruck überlebensgroßer Monumentalität zu 
erwecken. Vermutlich rührt er daher, daß diese Gebäude sich so 
unüberlegt und rücksichtslos entfalten, als gäbe es niemals Wirt 
schaftskrisen, sondern immer nur Prosperität. Die horizontalen 
Glas- und Mcmerbänder, aus denen sie gewöhnlich bestehen, wickeln 
sich wie laufende Bänder ab, die ununterbrochen Nahrung haben, 
und preisen rein durch ihr Dasein den Segen endloser Rationali 
sierung. Wir haben den Segen kennen gelernt, aber die Häuser, die 
ich hier meine, wissen nichts von unseren Leiden, von unsrer Be 
grenztheit. Man hat das Herz in sie einzumauern vergessen. Leer 
und sühllos streichen ihre Fassaden hin, so abstrakt wie manche 
Betriebe und Organisationen, die dahinter untergebracht sind. 
Berlin, Ende Dezember. 
Das Stadtbild Berlins hat sich allmählich verändert, man 
merkt jetzt an allen Ecken und Enden die Krise. Auch Fremde, die 
es noch vor einem halben Jahr nicht wahr haben wollten, daß das 
Berliner Oberflächenleben von dem Elend stark in Mitleidenschaft 
gezogen worden sei, spüren heute auf den ersten Blick seine Ver 
wandlung. Nicht nur die Großwohnungen sind geräumt, auch die 
Lokale füllen sich an den Werktagen nicht mehr recht. Das ehe 
malige Caft Bauer Unter den Linden ist seit einiger Zeit ge 
schloffen. Die Straßen sind mit Bettlern übecsät, ein ganzer Wald 
von Bettlern, der nur schwer passierbar ist, dringt in die Stadt 
ein und bedeckt den Asphalt. Studenten und bester gekleidete, 
ältere Herren klingeln an den Haustüren, verkaufen Schnürsenkel 
und Streichhölzer oder bitten auch nur um eine Gabe. Und abends 
herrscht in Stmßenzügen, die früher bis in die Nacht hinein be 
lebt waren, eine merkwürdige, aufreizende Ruhe. Die Menschen 
verlaufen sich rasch, sie bleiben zu Hause oder stecken sonstwo. 
Es ist, als verkröchen sie sich wie Tiere, um allein zu sein mit 
der Not. 
von Ansprachen, Beifall, Klirren, Lachen und jenes unbestimmte 
Gesumme, das fortgesetzte Ballgespräche erzeugen — es war ein 
Gesellschaftsbild, wie es strahlender nicht sein könnte. 
Ich beabsichtige nun keineswegs, in jener Art von Schwarzweiß 
malerei, die sich bei den Autoren sozialer Romane besonderer Be 
liebtheit erfreut, Szenen dieses höheren Glanzes zu schildern, 
sondern möchte nur eine bestimmte Erfahrung festhalten, die das 
herrschaftliche Ereignis mir aufdrängte. Wer einmal die Gelegen 
heit gehabt hat, alte Filme Zu betrachten, dem wird schwerlich ertt- 
gangen sein, wie verschollen sie wirken. Vor allem die gesellschaft 
lichen Vorgänge, um die sie sich eifrig bemühten, find längst aus 
der Zeit zurückgetreten und haben nichts mehr mit uns zu schaf 
fen. Bleiche Hemdbrüste und erstarrte Gebärden: ein einziger 
Modergeruch. So und nicht anders erschien mir auch diese Gesell 
schaft. Sie tauchte aus den Grüften auf wie ein Phantom, das 
zur Unzeit durch unser Leben geistert. Das waren nicht Menschen 
aus Fleisch und Blut, die in ihrer Pracht dahinwallten; das war 
„ßr ist ein gulcr Junge." 
Berliner Betrachtung. 
herausgestellt, daß es nicht länger so geht. Dennoch dauern diese 
Gebäude ungerührt fort, Zeichen einer Gesinnung, die sich nicht 
ungestraft von den menschlichen Proportionen losgesagt hitt. Wir 
sind arm geworden zwischen ihnen, und sie bekümmern sich nicht 
darum. Wer genauer hinblickt, wird indessen bemerken, daß sie, 
kaum aufgerichtet, schon abzunchmen beginnen. Sie enthüllen ihre 
Unwirklichkeit vor der Zeit, sie offenbaren heute bereits ihren er 
schreckenden Mangel an Inhalt. Während andere, gefülltere Archi 
tekturen langsam veralten und dann das Aussehen ehrwürdiger 
Ruinen erlangen, behaupten sie sich nur kraft physikalischer Gesetze 
und starren wie hohle Kartonbauten in die Großstadtluft. Die 
üblichen Gespenster kommen aus der Vergangenheit herauf; ihr 
gespenstisches Los ist es: nicht in die Vergangenheit eingehen zu 
können.
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        Prozessen unverhüllt an den Tag. Sie führt zum Karieristentum, er ist. 
^ung, Erhebung und Erbauung wird. 
In einer jener Berliner Abendgesellschaften, die Prominente auf 
allen Gebieten zu vereinigen Pflegen, unterhielt ich mich jüngst mit 
einer älteren Dame, der Frau eines angesehenen und ernsten, aber 
wenig erfolgreichen Schriftstellers, der ebenfalls anwesend war. Wir 
sprachen über den Grund seiner Erfolglosigkeit, die natürlich heute 
gleichbedeutend mit materiellen Schwierigkeiten und Ablehnungen 
ist. Die Dame meinte nun, daß der eigentliche Grund in der Un 
abhängigkeit des Charakters und einem gewissen SuLstanzreichtum 
liege. „Substanz stoßt ab", sagte sie völlig unverbittert und streifte 
mit einem Blick die Gesellschaft. Das war gewiß in eigener Sache 
gesprochen, aber doch ein stichhaltiges Argument; denn es duldet 
keinen Zweifel, daß die Träger der Haltung, die viel zu lange 
triumphiert hat, substanzfeindlich sind. Einige Exemplare von 
ihnen waren in der Gesellschaft selber vorhanden, und es geht ihnen 
gar nicht schlecht. Dann sah die Dame zu ihrem Mann hin, der sich 
in einer Gruppe lebhaft unterhielt, und sagte mit einem freund 
lichen, keineswegs resignierten Lächeln: „Sehen Sie, wie er da sitzt 
und ohne jedes Mißtrauen redet. Er ist ein guter Junge! Und ich 
liebe ihn um seiner Erfolglosigkeit willen, liebe ihn gerade so, wie 
Vielleicht vermittelt dieser Ausspruch, der sich mir tief eittge- 
prägt hat, eine Ahnung von der menschlichen Weise, an die ich 
hier denke. Jedenfalls hebt er die Unmenschlichkeit radikal aus den 
Angeln, in welcher Gestalt sie sich auch unter uns zeige. Und 
richtete sich das Leben nach ihm ein: das Elend wäre tragbar, die 
Armut erhielte Größe, und wir hätten endlich ein Fundament. 
Portale sehen so traurig drein wie eine verlassene Schöne, Fabrik 
tore sind geschlossen und ein Skandal nach dem andern füllt die 
Spalten der reichshauptstädtischen Presse. Der Schein hört auf, 
der Bodensatz steigt in die Höhe, die Wirklichkeit zeigt sich nackt. 
M Sie ist häßlich, hart, klein. Und übrig bleibt nur, sich in sie zu 
schicken. 
Ist das ein Anlaß zur Klage? Es könnte eins Chance sein, 
wenn wir damit wieder auf Grund stießen, wenn wir nicht mehr 
über unsers Verhältnisse und auf viel zu großem Fuß lebten, 
sondern das Leben den Verhältnissen anzupassen versuchten. Ich 
kann nur schwer ausdrücken, wgs ich meine, aber vielleicht ist es 
trotz unserer abgegriffenen Sprache möglich, mich verständlich zu 
machen. Gewiß ist die Not, in der wir uns heute befinden, zu 
einem guten Teil die Folge wirtschaftlicher und politischer Ent 
wicklung, an denen wir selber keine Schuld tragen. Wer sie ist 
auch die Folge einer bestimmten Haltung, die sich bei uns, wer 
weiß, durch welche Umstände, hat einbürgern können. Wie diese 
Haltung sich in den bereits angedeuteten gespenstischen Phänomenen 
sichtbar darstellt, sio tritt sie im Sklarek-Prozeß und in anderen 
Zur Absage an zwischenmenschliche Verständigung, zur Erfolgsan 
beterei und zu BeLäubungsorgien; sie ist unmenschlich, mit einem 
Wort. Nachdem das durch sie bewirkte Unheil hie und da offenbar 
geworden ist, gälte es, sie zu liquidieren und mit den Zuständen 
auf menschliche Weiss fertig zu werden. Auf menschliche Weise: 
meine Verlegenheit, sie Zu kennzeichnen, ist nicht gering. 
lL 
HA, 
gewidmeten Filmfabrikate, mit denen wir seit längerem überflutet 
warden sind, bis auf weiteres vorbei Zu sein scheint (vergl. mem 
Referat: „Der Film im Dezember" in der ReichsausMbe vom 
30. Dezember). Diese Prognose wird nun Zu meiner Genugtuung 
durch das Ergebnis einer Rundfrage bestätigt, die das 
„R e i ch s fi l m b la t L" verunstaltet hat. Die in seinen beid-n 
letzten Nummern veröffentlichten Antworten sind so aufschlußreich, 
daß sie der OeffentlichkeiL bekamftgegeben Zn werden verdienen. 
Am wichtigsten ist die erstaunliche Uebereinstimmung, mit der 
die befragten Darsteller, Regisseure, Kinobesitzer, 
Filmautoren usw. den sinnlosen Amüsierfilm 
verurteilen, der von der Filmindustrie im vergangenen Jahr 
als Niaffenartikel hergestellt wurde und den Markt nahezu völlig 
beherrschte. Wir haben uns an dieser Stelle wieder und wieder 
gegen die unselige Tendenz der Ulmproduzenten getvandt, das 
Publikum durch nichtige Zerstreuung von der Leöensnot abzu- 
Leuken, und es zeigt sich jetzt zum Glück, daß auch der bessere Teil 
der Filmwelt selber aus praktischen und ideellen Gründen des 
bisherigen Treibens müde geworden ist. 
Ich Zitiere aufs Geratewohl ein Paar der singegangenen Ver 
dikte. 
Paul Morgan: „Ich spreche gegen meine Tasche, wenn ich 
offen die Ansicht ausspreche, der reine Amüsierfilm auf laufen 
dem Band aufhören wird. Aufhören muß . . / 
Felix BressarL, derselbe, der sich bereits vor einigen Mo- 
NEkey mft einem anerkennenswerten Unabhängigkeitssinn dagegen 
mMelehnt hat, in Militärfilmen weiter den Rekruten Zu spielen: 
„Hern innigster Wunsch ist — daß die Zeit der inhaltlosen — 
lebensfernen — Klamaukschwänke vorüber ist." 
Herbert Juttke, ein Autor: „Der Nur-Klamauk-Film 
wird . . . infolge seiner . . ,, inneren Gehaltlosigkeit wenig 
Chancen auf größeren Erfolg haben." 
Generaldirektor August Weinschenk: „Die Chancen des 
Lustspiels und des Sckwanks sind meiner Ansicht nach nicht er 
schöpft, aber doch wesentlich eingeschränkt und verkleinert . . " 
Woher rührt die allgemeine Abkehr vom leeren „Klamauk"? 
Zunächst daher, daß man mit rhm nachgerade schlechte Geschäfte Zu 
machen befürchtet. Per Konsument hat anscheinend genug von dem 
Zeug, eine Absatzkrise droht einzutreten, und die klugen Leute 
sehen sich vor. Willy Forst trägt dieser Tatsache durch die folgende 
Bemerkung Rechnung: „Ich bin fest davon überzeugt, daß jeder 
Produzent ebeusogern einen anständigen Film macht, wenn er 
von vornherein keine Chance sieht, mit Mist Geld M verdienen." 
Woraus man zugleich erkennt, wel Zweifelhaften Herkünfte der 
Anstand oft hat. Manche blicken tiefer und bringen Ende der 
Amüsierfilm-Hausse mit dem Wachstum des Elends in unmittel 
baren Zusammenhang. In meinem schon zitierten Bericht schrno 
ich selber, daß die „von der Filmindustrie systematisch aufgezogene 
Zerstreuungskultur... immerhin nur so lange möglich war,. als 
Ne Massen betäubt werden konnten." Herr Lapiner, der Pro- 
In der Ablehnung des Klamauks sind sich also sämtliche Be 
teiligten einig. Die Frage ist, was jetzt produziert werden soll. Ehe 
ich aber die hierauf bezüglichen Aeußerungen diskutiere, möchte 
ich eine Filmkategorie aussondern, die nach der Meinung maß 
gebender Filmschaffender jetzt nicht produziert werden kann. 
Um welche handelt es sich? Um das Zeitstück. 
Wie sehr man seine Unterdrückung gegenwärtig für notwendig 
hält, geht aus der Tatsache "ervor, daß gerade die mit dem Pro 
duktionsprozeß und der Publikumsstimmung besonders vertrauten 
Personen auf diese Gattung ausdrücklich verzichten. Es sind die 
Filmregisseure, die ihr vorerst den Abschied erteilen Zu müssen 
glauben. 
Joe May: „Gerade sie aber, diese Zeitstoffe, auf die rnan 
wartet, können nicht verfilmt werden. Packt man kräftig Zu und 
läßt eine unmißverständliche Weltanschauung durchblicken, kann 
man sicher sein, daß die Zensur entweder das wichtigste heraus- 
schneidet — oder den Film ganZ verbietet." 
Hans Steinhosf: „Zeitstücke sind in Mueto des Geschäfts 
bei der heutigen Lage zu riskant, außerdem kann man es nicht 
allen recht machen, und im Kino sitzt zu gleicher Zeit links und 
rechts." 
Hans B e h r e n d t: „Ein Sptzialwunsch von mir ist die 
Satire L ia „Hose" — doch beiße ich stets mit diesbezüglichen 
Vorschlägen auf Granit/ 
Diese Erklärungen belehr über die Gründe, aus-denen 
die Jnaktualität des aktuellen Films ahzuleiten ist. Sie sind wirt 
schaftlicher und politischer Art. Und Zwar wird die Industrie, will 
sie Nieten vermeiden, durch die Angst vor der Zensur auf her 
einen Seite und auf der andern durch die Angst vor der Ver 
stimmung, die sie mit Filmen von ausgesprochener Haltung bei 
einem Teil der Bevölkerung erregen könnte, beinahe Zwangsläusig 
in die Neutralität gedrängt. Was die Zemsur betrifft, so habe 
ich wiederholt darauf hingewiesen, daß ihre faktische Handhabung 
die Unternehmungslust einschränkt und die Herstellung guter, Zeit 
gemäßer Filme über Gebühr erschwert. Auch Wolfgang Petzet 
ist erst jüngst in seiner Broschüre: „Verbotene Filme" (Societäts 
Verlag Frankfurt am Main) dem Verfahren der Filmprüfstellen 
vom gleichen Gesichtspunkt aus zu Leibe gerückt. Weniger bedroh 
lich dagegen ist, so dünkt mich, die Tatsache der politischen 
Zerrissenheit des Volkes; jedenfalls brauchte sich die Film- . 
Industrie von ihr längst nicht so sehr ins Bockshorn jagen Zu - 
lassen wie von der Zensur. Es gibt genug aktuelle Themen, die ! 
nur richtig angepackt werden müßten, um trotz ihres Eingreifens j 
in die heutige Situation nicht nur keinem ernsthaften Widerspruch 
zu begegnen, sondern eine bessere Aufnahme zu finden als der 
öde Klamauk. Was dem Theater möglich ist, sollte beim Film 
völlig ausgeschlossen sein? Das wird dem Publikum auf die Dauer 
niemand einreden können. Im Gegenteil, ich bin der Ueber- 
sich in ähnlichem Sinn^ Zeugung, dM es ein starkes V e rla n gennach^M 
Vor kurzem stellte ich in einem Sammelbericht über einiae Warengattung gehöre, die auf Lager bleiben werde, fährt er fort: 
aktuelle Filme fest, daß die Zeit für jene rein der Zerstreuung Ks gibt nämlich einen Grad von Sorgen i Lebensernst, bei 
^m die Volksstimmung umschlägt und zur Sehnsucht nach Ver- 
Schluß mit dem Klamauk! 
einer Rundfrage des „R e i ch s f i l m b ta L L e s". 
8 Berlin, Anfang Januar. Nachdem er festgestellt hat, daß die reine Posse bereits zu einer
        <pb n="3" />
        Dülöp-Nill srs DüMuch lLüt sich der Vck&amp;gt; 
wur^ poetischer De-bertreibunAeu nicht gut machen. 
Im Oegeuteil: es beNeilligt sich einsG prosaischen 
man mit Recht neugierig darauf fein, für welche Filme die Be 
fragten nun eigentlich eintreten. So geschloffen die Front gegen 
den Klamauk ist, so weit gehen die auf eine bessere Zukunft ge 
richteten Wünsche auseinander. Hier mehrere Wunschzettelproben. 
Etliche Regisseure äußern sich pessimi st i s ch. Nach der Auf 
fassung Joe Mays etwa wird unter den obwaltenden Verhältnissen 
„der Lustspielfilm im gleichen Maße dominieren wie bisher". Und 
Friedrich Zelnik erklärt: „Sollte die heutige Lage... einige Zeit 
andauern oder noch verworrener werden, kann von einer „künstle 
rischen" Entwicklung des Films keine Rede sein, und wir werden 
alle Hände voll zu tun haben, dem „Publikum" leichte Kost- bieten 
Zu können, wenn wir die Kinos nicht leerstehen haben wollen." 
Andere begnügen sich damit, formale Hoffnungen auszu- 
sprechen, die mehr oder weniger nichtssagend sind. Claire Rommer 
ersehnt die Auferstehung des ernsten Spielfilms, Georg C. Klaren, 
der Regisseur des anständigen Films ,Kinder vor Gericht", tritt 
direkt sller indirekt mit seinem eigenen Leben etwas Zu schaffen 
haben. Und überdies werde ich den Verdacht nicht los, daß die 
Besorgnis davor, das linksgerichtete Publikum oder das rechts 
gerichtete Publikum zu verletzen, gar keine so große Rolle spielt, 
wie man häufig behauptet. Denn tatsächlich ist ja in den letzten 
Jahren mehr als ein Film erschienen, der eine bestimmte Be 
ziehung der Gegenwart hatte, ohne daß er darum behelligt worden 
wäre; von dem Ausnahmefall des Remarque-Films natürlich zu 
schweigen. PazifiMche Filme und vor allem Filme mit nationali 
stischer Tendenz — sie -haben das ihnen zugeordnete Publikum 
erfaßt und sind, wenn sie nur gut gemacht waren, auch in ge 
schäftlicher Hinsicht ein Erfolg gewesen. Die Flucht in die 
Neutralität mit der Toleranz des Publikums zu rechtfertigen, 
wäre jedenfalls allzu billig. Freilich ist es bequemer, Zerstreuungs 
ware zu fabrizieren, als sich an Gestaltungen Zu wagen, die gar 
noch von heute sind. Aber Bequemlichkeit hat sich seit jeher gerächt. 
für Lsbensbejahung im Film ein, und Herbert Juttke meint, da- 
Qualitätspublikum möchte Darbietungen sehen, „die Niveau und 
Weltanschauung haben". Man darf sich über die Unverbindlickkeit 
dieser Ansprüche, keiner Täuschung hingegen. Wo sie duck einmal 
spezifiziert werden, findet sich Gutes mit Schlechtem gemischt. So 
empfiehlt ein prominenter Theaterbesitzer als Musterbeispiele unter 
anderem den Film „Im Westen nichts Neues" und zugleich das 
Lustspiel „Drei Tage Mittelarrest". 
* 
Immerhin, die Bilanz, die hier gezogen wird, ist nach der 
negativen Seite hin erfreulich. Schluß mildem Klamauk 
— diese Parole sollte den Produzenten zu denken geben. Wie sie 
zweifellos dem Bedürfnis breiter PublikumsMchten entspricht, so 
ist sie nicht zuletzt das Verlangen zahlreicher Filmschaffender 
selber. Die Zerstreuungskultur beginnt das Zeitliche zu segnen, 
in dem sie sich breit machte, die Situation ist für Filme reif, die 
uns näher betreffen. Trotz der namenlosen (freilich wohl zu be 
nennenden) Schwierigkeiten, die sich ihrer Verwirklichung ent 
gegenstellen, sind sie heute zum mindesten stark erfragt. Das zu 
misten, ist wichtig; danach zu handeln, sollte auch unter den ob 
waltenden Umständen hier und dort möglich sein. 
Wen« 
Von 8. XrsvLusr. 
iogien Mw Verstsek auKZewäblt. um deren Dnt^ 
Inrvung eich Dbrevburg o-t mit Dlüok bemübt. ^iobt 
so glüchlich scheint mir ÄordinZs die Dorrn ru ^ein, 
in der sich diesee an sieb diurchES notwendige Auk- 
klärungswerk vckdÄcht. 8ie ist ZLsu romLnllalt, und 
mau weill lläulig nicht, wo die Wirklichkeit sui- 
llört, um die es doch gellt, und die Dbantasre frei 
Lu schalten beginnt. Immer wieder kommt der Do- 
mancher Dbrenburg dem nüchternen LertknüLer 
Ddrenburg ins Oebege. Dr montiert erkundens De° 
tails und DebSNLkragments ins Patsach engswebe 
llinsin und stellt überbauet lauter Arrangements 
der, die der ReaMt nicht chZentlich kolgen, som 
dsrn sie dem 6an2en .küMt^ri"-ch einverlchben. 
Wenn auch dieser Arbeitswerte Visionen von dufterer 
^rollnchigkeit Tu danken Md: in sachlicher Dim 
sicht dekrisdigt sie nicht. DZ ist nnmWich, eine 
D'N'rolle über sie arsknübbn; sie Uelert ein Oe- 
MÄds, aber l eiden exakten Bericht. lind dier' bin 
ich im Dsrn des Buches angelangt. Obwohl es smb 
ins Ob wand der BepsAags källt, ist es in Wa.br- 
bcht etwas MNk snderss: eins mit Rilke gegebener 
Dakten bewerkstelligte dichterische Gestaltung des 
Zustands der kAPitalistischen Welt. Disse erscheint 
als ein bereits völlig Tsrsetrtes Durcheinander blin 
der öewalten, denen die Nassen als Beute dienen, 
und wird bewullt in Oegevsat-L TU Bulllavd gebkaobt. 
8o gewill nun das UntergangsMd bedeutande Mge 
entbält, ebenso gewrll irt es einseitig und nur von 
nullen ge-ebon. Weder dringt es ins Innere der an-, 
gegriilenen Venbaltni-ss ein. noch ?eftt es die Kon 
- trul tiveu Drä te. d-i^ etwa iu D^ropa und Amerika 
i'uts^ der Ob erwachs vorba^dLN sind. Ich l-ann oni"' 
nicht llol^n: eine Tuver-ä :-göre und meinetwegen 
trochene Berichterstattung bätte 2um ck^ndeften die 
europäischen Doser DbrenburgK mellr MorTeugt als 
diese Dreskomalerei, die Lweikellos M stark stilisiert 
ist.- 
Schließlich noch Zwei Forderungen, die etwas inhaltlicher sind. 
Propagandachef Lapiner ist der Ansicht, „daß demnächst eine Hauste 
in Filmen einsetzen wird, die man als Filme „au- Deutschlands 
stolzer Vergangenheit bezeichnen kann". Ein neues Produkt der 
von ihm vertretenen Filmgesellschaft entspricht wie durch ein 
Wunder haargenau dieser Verheißung, mit der er überhaupt nicht 
ganz unrecht haben mag. Ebenso pro äom» fragt Regisseur 
Steinhoff: „Sollte man's nicht einmal mit Herz versuchen, statt 
Sachlichkeit, Rührung, statt Hirn Gefühl bringen?" Nach diesem 
Da die sogenannten Zeitstücke auf den Index gesetzt sind, wird wi r k samen R e z ep t i s t er se lb er i n se i nem V o lk ss tü c kfil m : „M e i n 
Leopold" verfahren. Auch manche Schriftsteller wenden es übrigens 
neuerdings mit Erfolg um des Erfolges willen an. Ich bin nur 
daran zu Zweifeln versucht, ob ein so rational begründetes Gefühl 
wirklich echtes Gefühl sei. 
Drei Lüchsr muck M gssiodor Seit üdsr äsu kUm 
erschienen Zwischen Tweieu vonillneu bestellt eins 
überraschende Aebalichkech die sich bis auk den 
Mtel erstrecht. Ds sind die Bücher: ,D i e 
Iraumkabrik" von Nza Ddrenburg 
(UMK-Verlag Berlin) und : M io B b 
Äaselline" von Rene Dülöp-Niller 
(Baul Zsolna^-Verlag, BerUn^WiM—DeiMg). 202 
8, Och. 6.- 
Was MALchst VKrön bürg LstrM so MO 
er iA seinem bereits irr Dravkrsich pMisiertev Dibm 
buch jene besondere Art der Reportage kort, die 
sr in seinem Buch: ..Das lieben der Autos * auk- 
genommen datte Ihr 2iel ist: Hern lieben und 
Breiben der weltbeberrseb enden Wirtschchtskübrer 
LUik die Kxur su kommen und dadurch das oko- 
Römische Oescheben seiner" Anonymität ru ent- 
kleidev. Diesos Nal sind die Dilmmagnatsn an der 
Beibe.- ^ukor, William Box, Darl Daemwle, Will 
Üaxs, und wie sie beiden: sie 
werden aus der'Vechorgenbelt bervorgellolt, in die 
sie sieb gern sürüchÄeben, und dem grollen Bubli- 
kum EentÄch Vorgestellt. Xiobt so, als ob Dbren- 
burg istro ViograMien ont^ürko; ikm liegt vielmehr 
Mein an der DarsteMnA ibrer IrLN^AktionM und 
U^bNämxke, in denen sieL ja aueb das ganse 
Wollen und DrnMen. dieser Runner objekilviert. 
8ib sind m entLvbeidend er Din si eb t Neis ob gewor 
den er?rolitgEt., und eins LnnptMsiM des Mobes 
bestellt eben darin, /tbn. den ?rolitgei t bei der 
Arbeit sn Aetgey und seine vi^/MiMn Wirkungen 
2u sebi^dern. Dr bet die na ob Amerde sgo/. än 
derten dndtzn dNM bewogen^ die Dattung Dllm groü- 
LWÜollteu und illre Erzeugnisse dem Oesebmaek der 
kubliKumLmassen arMPaWON; er bat ^wisoben Düm- 
industrieu und Dousernen der versolliedensten Län 
der Lu AusHMLnd'ei'stztMngen, Abmaellnugsn uud 
?3kten gblülut, von denen troiL illrer schweren. 
DylAM kaum ein Daut an die OEentlichkeit 
drungen ist; er bat den Ablaut unrMiger Dinkel- 
schiokLnlo beeinNullt und Lieb eins Mags vau Ideo-
        <pb n="4" />
        ßm Stück IriedrichNralze. 
Mesens bringt aber rmn I^obn dsstür ein paLr nüiL 
^rbennt-ni'Sb uPfHi» Dneb und ^nob. idnen 
reobne ich vor allem die Lntdeok^n^, dall an äsr 
^Lv^s des L-meriba Nischen k'sims auüsr den Insvink- 
ton der züdischsn LmManderer noch der ÖenmA dse 
?untaniso:en Oesc-bältsmbrLl §stveilt habe. (Aus 
Keiner ssiäiwsnd^ten Inkarnationen ist, nebenbei 
meM, der ,.WwM.r" MK Ka^.) Mi- schr ver 
dienstvoll balto ich ferner den Lin^veis Mlch&amp;gt;Wll8r8 
Mk die Wesentliche deÄchun'Z Arischen der iconE- 
tionisrteu IIntechaltunsSMare des Mmd und dE 
L-anKe^eile. unter der ZerÄde die ÄMsMs.NNchM 
Nassen in ibrer kreisn 2m't leiden. 8chbsWch ^vird 
noch in an-: ^ereichnetsr ^Veiso. die LutstsbunZ des 
KeutUen k'flms aus den kielen Einsichten in die Ist- 
tzemeiNFtltiMN öemötKreabtionen des ?MiLnms ab- 
ssbleitet, deren gerade diö ' pri-litkreudiZen Zchäpler 
der Branche varsn. Lursum, Mlöp-WUsr 
Mrt' vrs WrerBur^ die Mese aus dall der NSW 
Bilmstil , sein Dasein- - chL.tlichdn VrEAUNWk 
schulde. ^.llerdmM r^cht er bchutsamer Mi VVerlc und 
stemvÄt nicht Mr Ideologie, dvas ein echter Ochalt 
-ich. solcher Mlt ibrn durchaus M Hecht das ko 
mische Llement im amerLanischen Dilm,.das er KtronZ 
von allen jenen Blomenten sondert, die rein dem 
mehr oder. nem§er sschaldey M 
dorten, ^ie das unvermeidliche baxx^ end ivsni^ 
.bUns seü^ssi/N M ibven schärt so auch die stan» 
dardi/sterttz, und/tdie steruchLichtiAuuA des.sö- 
Äalen ftesssUiw^ Diese: und' aMere soÄolos^chS 
detraebtrn^en . verlestLN buch seinen ^Vsrt. 
8chade,. daÜ ^ulör-Nüler diest.dleigunA nicht unstsp- 
Irlichsn kan^ - bei ichsr De^tzAenbeit ^/.tarrechs 
. nrse wao Nstud aus a'wn mässlich-en Himmels- 
gebenden 2istate beranrrschlepnen, die mehr Seiten- 
Mond als belchrend eichen, bin VeMbreü, das ün 
(stleichen-buüvmrm erinnert. 
' st ' st^r ' 
Das dritte DUmbuch träst den Mtel: „D rlm LlZ 
Uunst^ und bat budolk ^rnbeim MW 
§2KSer (brnst bovoklt Verlag, Berlin). ' 
^rudeim ist länZers 2eit als Dünckritiksr der „MK- 
' ' BerLLrr^ iAZarmar. 
Gegen Mittag in der sMichen Friedrichstraße. Obwohl sich die 
Straße vom Belle Miance-Platz aus mit seinen verrußten, viel 
zu klein geratenen mythologischen Gruppen schnurgerade bis Zum 
BHtchofHriedtiM spürt man doch in diesem Wl 
ihre MürateS nur wenig. Sie ist hier eher verschlampt und steckt 
voller'Lleiner, ärmlicher Lädchen, die einen durchaus provisorischen 
Eindruck machen. Er rührt zweifellos auch daher, daß manche 
Hausbesitzer ihre Ladenräume einfach kurzfristig vermieten, um 
sie nMHanz leer stehen zu lassen- Zwischen 
apfgeschlagenen. Geschäften und:den 
großer EnLerschied. Heute ist nichts mehr niet- und nagelfest, und 
Zahlreiche Ausverkäufe gelten, der endgültigen Räumung.: . . 
Em vergängliches Gewimmel, dessen powere Bestandteile sich 
erst Mch und nach dem Passanten smprägen. Wahrscheinlich, hängt 
mit GGMv die Wahlheimat der Film- 
Kranche ist, die erstaunliche Häufigkeit phov^ 
Zusammen. Sie behaupten allerdings nicht allein das Feld, son 
dern müssen immer wieder die Nachbarschaft von Rundfunklädchen 
erdulden, vermutlich erklärt sich ' ihre Anwesenheit daraus, daß 
Auge und Oht einander verschwistert sind. Wie volkstümlich das 
Radis" schon ist, beweisen die schwierigen technischen Beschreib 
Lungen^ die neben den schwarzen oder braunen Kästen im Schare 
Junge Burschen überfliegen die LM mit einem 
fachmännischen Verständnis, das sie den politischen Ereignis 
offenbar nicht entgegenbringen. Sonst wäre die Politik bei uns 
anders, und. die. Lautsprecher üb erwogen- nicht so. In ihrer Nähe 
befinden sich einige Geschastchen'- die'mit .sicherem Instinkt aus 
irgendeiner Passage hervorgekrochen Zu sein scheinen, Sie sind 
schmal und Lief , und verbergen sich Unter einem .langwallenden 
Gewand bus Anstchtspostk^ das aber nur dazu dient, 
auf M aufmerksam Zu machen. Dchn'.mi.t- 
Len unter' den Straße^ Berlins Zeigen sich schon in 
der UuÄage Bilder, die das. Liebesleben betreffen, und ein Schild 
lädt.M Frb „.sexualwissenW Werke" höflich. Zum Be ¬ 
treten des Inneren ein. Wo die Gedanken sich der Liebe Zu 
wenden, sind Friseurläden gemeinhin nicht weit. Die Dachs 
puppen,. mit denen sie prangen,, wirken,, der . Lage entsprechend,. 
länKs/Mt -so vornehm wie ihre-Schwestern am Kürfürsten- 
damm, tragen jedoch immerhin ausgedehnte Frisuren nach der vör- 
letzten'MM./Ium Glück bleiben sich , die Schlager überall gleich, 
in cheEem ' Stadtviertel man sie auch trällert.. Der aus dem 
ChaMWm.^ tanzt" .hat sich attsGinend beson ¬ 
ders siark auLgebreM . „Las. Ms' nur. einmal/—' das kommt 
nie wichet: so preist einst. LiMrtengMa preiMerte 
Zigarre an, und es ist, als höre man bis Hawch selber diese 
'gbWlselige Strophe singen. Im Film kommt der Vers leider 
immer wieder. Die betreffende Zigarre mag in einem der vielen 
Cafes ringsum erfreulich munden. Eines dieser Beisels, das 
außerordentlich herab gekommen aussteht, hat sich die Bezeichnung: 
„Bürgerliches Cafe" zugelegt;- was hoffentlich keine Anspielung 
sein soll. Andere weisen auf ihre Kojen hin und erregen damit 
sexualwissenschaftliche Vorstellungen, die vermutlich dem Besuch 
förderlich sind. Seiner Steigerung dienen mitunter auch eigene 
Attraktionen, zu denen etwa der ungarische EiseMnU 
Den Photographien -nach zu schließen. Liegt er Eisenstang^ 
Nu und.'ist überhaupt eiE MZMer, die Man hier ¬ 
zulande so innig ersehnt. 
Es ist Mittag, die Läden wirren sich ineinander, und der Lärm 
der Autos und Ommbusft reißt nicht ab. Mit einem 
auf der Straße Musik. Zwischen Ansichtskarten, Zigarren und 
Frisuren steigen Lieder empor, die vielleicht Zum Wald oder'zu ab 
gelegenen Hinterhöfen paffen, aber nicht hierher in dieses geschäft 
liche Zentrum. Sie werden von Geigen und Gitarren begleitet und 
behaupten sich so unbekümmert niemand außer ihnen vor- 
handem Die Spielenden könnten Studenten sein; jedenfalls sind 
sie ordentlich gekleidet und haben unverarbeitete Gesichter, deren 
rosige Farbe allerdings' mehr bie Folge der Kälte als- gutex Gr- 
nährung ist Wie verschlagene Fremdlinge M sie auf der W-- 
lichen Friedrichstraße und rnustzieren von Treue, Heimat und 
GlauLen — lauter schmachtende Volksmelodien^ Zu denen Dors- 
linden -rauschen sollten, aber nicht Lastfuhrwerke und Taxis. Um 
den kleinen Trupp herum harren Zufällige Passanten: Arbeit 
Frauen mit Körben, Aillekindet und ünbestiMM Männer. Sie 
regen sich nicht, sie lauschen wie angewurzelt den Liedern und 
starren immerzu auf die spielende Schar.. Es ist, als fühlten sie 
sich in eine sönnt Landpartie hineinversetzt. Während sie 
draußen wandern oder auf der. Wiese liegen, kommen ihnen die 
selben jungen Menschen entgegen, die jetzt hier fingen. Vergessen 
sind die Läden und Sorgen, die Natur mit ihren Wandervögeln 
ist mitten in die Stadt ringerückt « . . 
Der Gesang Lricht ab, und eine Stille folgt, in der auch das 
Getyse des Wage'nverkchrs eM weicht von der Stelle, 
das ' Pflaster/duftet wie .Gras.//.M im Schwtzigen bröckelt 
einer/aüZ der Gruppe und geht mit vorgehaltenem Hust herum. 
Durch'diese Bewegung wich Her der..Arü^er Dfort 'ZeMpt. Die 
Autobusse fahren weiter, die Wach puppen tauchen aus der Per, 
senkung auf, die Ansichtskarten kehren wieder ins Leben zurück. 
Stumm und. ohne etwas zu geben, verziehen sich die Passanten, 
WWWLtOer*.Tmumstst.zerronnen.st / 8/F^L.a^ 
i bübne" tätiZ Zeivesen und scheint sied überdies eine 
NenZe praktiseber BriabrunZen auk dem Oekiet der 
NImberstellunZ erworben ru baben. 8ie kommen 
seinem ZroLanZeleZtev Versuch einer Bilmästbetik ru- 
Uute, der sieb auüerdem auk die Drlv nmmsse der mo 
dernen Bxperimentalps^choloAie und die tbeoretiseben 
Arbeiten von Lalars, Budo^vkin und Noussinae grün 
det. Da er mstbodisek richtig an gesetzt ist, gelLNgt 
er 2U einem köebst kruektbLren Ergebnis, das viebt 
Julet^t auch die AukmerksAmkeit aller Dilmpraktiker 
verdient. Bs bestellt im svstematisellen ^.ukEZ der 
Pormgesstrljchkeiten des stummen Dilms. Icll deute 
nur gerade an, nie ^rnlleim verküllrt. Dr arbeitet ru- 
nächst in einer genauen ^nast^se die einzelnen Unter 
schiede L^isrllen dem Dilmbiw und der abgebiläetsn 
^Virkliekkeit lleraus und ^eigt sodann, Mie diese Eigen 
tümlichkeiten des Naterials Künstlerisch au^unutösn 
seien. &amp;gt;Venn mied niellt alles täuscht, sind die Lstlle- 
tisebsn OesetLmäüigkeiten des stummen Dilms bisller 
Meder so bskullt aus den materiellen Bedingungen ab 
geleitet, noell so vollständig verzeichnet vordem ^ucll 
1'onkilM gegMüber erweist sied Ls vo» Lrukeim 
EevLiläts Netkoa« M MZsmsmen als kmeklwd. 
llekerliauxt derudt vodl seme ZtLrks vorvisZvnä a«! 
6em s.usxsxi--&amp;gt;8tsn Sinn kür koi-mals Ztraklvrcv. ^oäsv- 
kalls sinrl äi? ikueL Zsvi^mstM LstukluiiZen un- 
sleicd Luksoblukreieksr als i^s, äis äsn &amp;lt;tsr 
?ilms kstrsklell. veik Lmdsim rum Smspiel 
esnau, äaü äis Details violitiZer als &amp;lt;lis Oesamtkan-t- 
lunF smä unä m-'edts am liebsten äen llsxissem- mit 
äsm Dilmantnr iaentikirleren, aber dinter ssmsr Lr- 
der kilm'^'d^n 0e8tattiioipioo sreor 
äis b'ädiKeit, dls Mmmbalts selber M wterYretiereo, 
eotsebioäen surüek. 2um mindesten ist seine DsntnnZ 
aes „LonksNionskilms" niobt eben orißinell, nnä leb 
xlsnbs käst, es keblt idm voeb sn äen votvenälssn 
sosiolozi-ebsn Kategorien. Hier liegt äis Orsnrs äss 
Duekes. Im übrigen ist es als nmkasssnäer Deitksäen 
äer Dilmästbstilr ein gelungener tVnrk, äsm leb 
sage es nycb einmal — snob äis ^nerlcennnng äer 
^ilmsobnUenden ßebübrt.
        <pb n="5" />
        Getrennt 
die Gemein- 
schaftsarbeit der Ufa und eines Fabrikunternehmens, das auf die 
sem nicht ungewöhnlichen Wege sein Erzeugnis unter den Bäckern 
propagieren will. Ohne mich den technischen Einzelheiten näher zu 
widmen, begnüge ich mich mit der Feststellung, daß das vorgeführte 
Verfahren zur Fabrikation guten Roggenbrotes ingeniös ersonnen 
zu sein scheint und der Film selber glänzend gemacht ist. Er ist 
ein Bäckertonf i l m, mit einem Wort; ein umfassendes Epos, 
in dessen Roggenteig alle löblichen Taten des ehrsamen Bäcker 
standes hineingeknetet worden sind. So veranschaulicht es etwa die 
Sangesfreude der Bäcker' durch Aufnahmen vom Sängerfest des 
Mittelsächsischen Bäckermeister-Bundes in Roßwein oder gestaltet 
den Kummer der Meisterin, die kein Brot mehr im Laden hat und 
daher die Kunden unbefriedigt abziehen lassen muß. Manchmal ist 
es.gar kein Spaß, ein Bäcker zu sein. Die Rosinen im Kuchen 
sind natürlich jene Bilder, die das betreffende Fabrikationsverfah 
ren zum Gegenstand haben. Sie dringen tief in die Geheimnisse 
des Sauerteigs ein und fördern mit vollendeter Deutlichkeit die 
folgenschweren Prozesse zutage, die sich in seinem Innern unsichtbar 
sbspielen. Aber welcher Mittel bedienen sie sich zu diesem Zweck! 
Ich stehe nicht an, sie kriegerisch zu nennen. 
Es handelt sich darum, mit Hilfe von Trickzeichnungen den 
Nachweis Zu erbringen, daß sich die Hefem und die Sauerteigbak- 
texten im Sauerteig unter verschiedenen Bedingungen entwickeln. 
Dieser Vorgang wird nun so demonstriert, daß man die winzigen 
und wahrhaftig friedfertigen Körperchen einfach in Uniformen 
steckt. Und zwar müssen die einen zur Kavallerie einrücken, während 
Ne anderen, die nur schlecht vorwärts kommen, der Infanterie zu- 
,MeilL werden. Dann schmettern Militärmärsche drauf los, und 
ein unendlicher Zug von Hefen- und Bakterientruppen vollführt in 
strammer Haltung die vorgeschriebenen Evolutionen, Paraden im 
Brot, ausgerüsteter Sauerteig und FriderieW Mikro ¬ 
skop: soweit also hätten wir's glüMch gebracht. Bald werden sich 
Ue Elektronen nicht mehr wie die Planeten-bewegen^sondern links 
sein werden. Und dennoch... 
Der Kulturfilm, von dem ich hier rede, heißt: 
marschieren, vereint schlagen" und ist 
brauchsanweisung verrat, daß er Tränengaspatroneü enthalt, mit 
denen man einen Angreifer' ein paar Minuten lang DampfunsWg 
machen kann. Man braucht nur auf ein Knöpfchen zu-drücken, und 
gleich Zischt das Tränengas aus der Hülse hervor. In der Tat ist 
ein unauffälliges Knöpfchen am Meistiftlauf angebm denO lch 
freilich nie die Funktion zugetraut hätte, die es in Wahrheit er 
füllt. Es erweckt viel eher den Eindruck, als bewirke es den Wchs 
schub neuen Graphits? Nachdem die Gebrauchsanweisung das. Ver 
fahren beschrieben hat, kommt ste auf die Vorteile dieser Ver^ 
Leidigungsmethvde zu sprechen und stellt enthusiastisch fest: „Mit 
dem schießenden Bleistift bewaffnet, kann die brave Geschäftsfrau 
jeelenrnhig auch den unheimlichsten Kunden hinter dem LadeNHsch 
bedienen." ' 
Seelen ruhig — ich sehe die brave Geschäftsfrau mutters 
elenruhigallein im Laden und auf der Theke in Reichweite den 
schießenden Bleistift. Es will Abend werden, und sie fertigt noch 
einen letzten Kunden ab. Sein Aeußeres ist furchterregend, aber 
sie fürchtet sich nicht im geringsten, sondern nimmt wie iw Spiel 
den Bleistift Zur Hand. Kaum macht der Kunde die erwartete ver 
dächtige Bewegung, so sinkt er auch schon betäubt nieder. Die 
brave Geschäftsfrau alarmiert dann seelenruhig die Polizei, die 
in dem Kunden einen lang gesuchten Kunden entdeckt. Das alles 
hat der schießende Bleistift getan. 
So wenig er die Ausgeburt eines Detektivromans 
ebenso wenig schwelgt die Gebrauchsanweisung in erfündM'M 
Szenen. Ihr Text enthüllt vielmehr drastisch die Zeit, in der wir 
das Vergnügen haben zu leben. Mit einer SeWverstLndtt 
die erschüttert, setzt er voräus, daß, heute die. unheimlichen AlMen 
unter uns umgehen und ein schießender Bleistift nicht minder Not 
wendig ist als das Brot oder der Schlaf. Jedermann sein eiKMr 
Tränengaserzeuger, sagt dieser Text, denn überall kann ein- An 
greifer lauern, gegen den wir chemisch gerüstet sein müssen. Die 
Straßenschlachten, Ueberfälle und Einbrüche sind zur Alltäglichkeit 
geworden, die Detektivromane spielen mitten in der normalen 
Wirklichkeit. Empfänden wir noch das Außervrdent^ 
Zustandes! Aber wir haben uns bereits so an ihn gewöhnt wie 
an die Ernährung im Krieg. Und vielleicht mMt M GM^ 
anweffung nicht. Zu Unrecht, daß wir. sofort leelenrM An 
werden, wenn wir nur im Besitz" schießender B 
Ein Bedenken kann ich allerdings dabei Mcht M 
Es ist anzunehmen, daß sich auch die Kunden, dieser Bleistifts 
sichern, ün^daun wüden die braven GeWftGMewW 
-Nachsch^ Eine Garantie M SeM 
falls nicht. VORrnonusk. 
schwenken und rechts schwenken wie Rekruten. Die ganze Natur 
wird dann ein Kasernenhof sein, und ich sehe schon die Heuschrecken 
im Aufklärungsdienst beschäftigt und die Maülwürfe als Pioniere/ 
Ernsthaft gesprochen: die Ereignisse im Sauerteig wären nicht 
minder verständlich geworden, wenn man die Hefen und Bakterien 
zum Beispiel in Sportsleute verwandelt oder ihnen irgendeinen 
anderen Passenden Friedensberuf zugedacht hätte. Mußten sie wirk 
lich militarisiert werden, damit der Sauerteig aufgeht und dem 
Publikum eingeht? ES scheint beinahe so. Wenn ich in Zukunft 
Roggenbrot esse, wird mir die Kavallerie und die Infanterie jeden 
falls schwer im Magen liegen. 
Uarade im Mrot. 
Mx Berlin, im Januar. 
Brot ist eines der friedlichsten.Dinge auf Erden, und sogar 
das Roggenbrot macht keine Ausnahme davon. Nur wenn es ein 
mal fehlt, entstehen unter Umständen Hungerrevolten, die ihrer 
seits vielleicht wieder militärische Aktionen bedingen. Ist es aber 
vorhanden, so sind die Menschen beruhigten Gemütes und geben 
sich gerne dem Glück des Friedens hin. Sie träumen bei ihrer! 
Bürostulle vom nächsten Sonntagsausflug oder schmieden schon 
Pläne für die Ferien, in denen sie ebenfalls mit Brot versorgt 
Seelenruhig. 
Berlin, im Januar« 
In den Detektivromanen, die ich lese, treten mitunter Mord 
instrumente auf, deren Konstruktion äußerst geistreich ist. So ent 
sinne ich mich eines Verbrechens, das mit Hilfe eines Blasrohres 
begangen wurde, aus dem der Mörder eine vergiftete Nadel auf 
sein Opfer schoß. Vermutlich wäre die Untat nie entdeckt wor 
den, wenn nicht ein besonders fähiger Detektiv eingsgrisfen hätte. 
Wer zum Glück sind solche Detektive in den Detektivromanen 
immer Zur Stelle, und das jeweilige Verbrechen wird überhaupt 
nur darum möglichst geschickt inszeniert, damit sie ihren Scharf 
sinn in ein Helles Licht setzen können. Von einer seht raffinier? 
ausgedachten Waffe las ich erst kürzlich m folgendem Zusammen 
hang: Ein Wann dringt in das Laboratorium eines Gründers ein 
und reißt besten Pistole an sich, um ihn zu Loten. Der Erfinder 
— er ist der edle Held des betreffenden Romans — bleibt still 
vergnügt sitzen und warnt seinen Gegner davor, den beabsichtigten 
Gebrauch von der Pistole zu machen. Der richtet ungeachtet der 
Warnung die Waffe auf den Erfinder^ drückt ab und — erschießt 
sich selber. Die Pistole entlud sich nämlich nicht wie andere ihres 
gleichen nach vorne, sondern nach rückwärts. Ich füge nur noch 
hinzu, daß der Erfinder in aller Heimlichkeit auch für eine kine 
matographische AufnahM des Vorgangs gesorgt hatte, mit der 
er später sonnenklar seine Unschuld bewies...« 
Bei der Lektüre dieser Romane habe ich allerdings bisher nie 
die Möglichkeit ins Auge gefaßt, daß ihre Angaben der Wirklich- 
ckeit unseres Lebens entsprachen^ I ich hult sie für 
Erzeugnisse einer mehr oder weniger strotzenden KolM 
tasie und ließ mich desto lieber von ihnen spannen, je ungebro 
chener ich der Ueberzeugung war, daß ste um der Spannung willen 
die Wahrscheinlichkeit opferten. Und jene merkwürdigen Waffen 
schienen mir nur märchenhafte Requisiten zu sein, die im Inter 
esse blendender Effekte den Mördern oder Detektiven in die Hände 
gedrückt worden waren. 
Nun stellt sich leider heraus, daß ich in einem Irrtum be 
fangen gewesen bin. Es gibt diese Waffen, und sie existieren nicht 
allein in den Detektivromanen, sondern führen eine WtagsexiftenZ, 
die schlechterdings unbezmeifelbar ist. In einem Schaufenster des 
Berliner Zentrums hangt ein Tüschenbteisüft, der so harmlos aus- 
Mt Witz nndere BleiWLe auch Ein schöner schwarzer Bleistift, 
mit etnn Spitze ZE einer Klammer,"E 
Befestigung in der Rocktasche dient. Memand merkt ihm an. baß 
er-nur ein unfrommer Tmg ist, und doch wird, er zu gefährlicheren 
Zwecken als zum Schreiben benutzt. 
Er ist ein BeLaubungsrnstrument und nennt sich „der 
jchießtzkdz Bleistift", Die neben ihm befindliche Ge
        <pb n="6" />
        Kmder-Kunst. 
Berlin, im Januar. 
die Ergebnisse des Zeichen 
Sehe ich recht, so hat man sich inzwischen auch im Zeichenunter- 
fehlt nicht an Stilleben, Brücken, Häfen Md ZM Gärten. 
Ja die Inventaraufnahmen sind sogar ausgedehnter als früher, be 
greifen sie doch außer der unbelebten Natur Porträts und Men- 
fchengruppen mit ein. Aber der Akzent ist gründlich verändert. Er 
ruht jetzt weniger auf der exakten Beobachtung irgendwelcher Vor- 
lagM als auf dem freien Hantieren mit dem optischen 
Material. Statt daß das Anschauungsvermogen des Kindes von 
vornherein in bestimmte Bahnen gelenkt wird, erhält es, dZm allge- 
komposition überwiegt daher bei weitem den zufälligen Bildaus 
schnitt, und Phantasie-Montagen behaupten sich vor den Nach 
ahmungen der Objekte. So Lauchen Henri-RoussNU-Landschaften 
auf, zusammengestellte Gegenstände wirken wie ornamentale 
Arrangements, und das Figürliche trägt fast durchweg einen 
formelhaften Charakter, der nicht vom Urbild entlehnt ist. Oft 
wird die Dingwelt.um beliebiger Raumkombinationen willen ganz 
preitzgegeben oder sinkt doch zum Anlaß eigenwilliger Erfindungen 
herab. Landkarten und Städtepläne gehen in Dekorationen über, 
und durch manche Entwürfe schimmern die ursprünglichen Motive 
nur noch undeutlich durch. 
sich auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung befinden, be 
handelt sie vielmehr als Gleichberechtigte, deren Leistungen an 
geblich dieselbe Gültigkeit haben wie ausgeceifte. Ich übertreibe 
mit Absicht, um eine gegenwärtig herrschende Erziehungstendenz 
zu kennzeichnen, die ihren Grund nicht zuletzt in der Ver 
wirrung der Maßstäbe hat. Die Folgen dieser Tendenz 
sind auch auf dem Gebiete des Zeichenunterrichtes bedenklich. 
Zwar, man erhält dank der Willfährigkeit den kindlichen Manifesta 
tionen gegenüber ausgezeichnete Einblicke in die Verfassung des 
frühen Bewußtseins, Einblicke, die unter allen Umständen auf 
schlußreich sind. So geht zum Beispiel aus zahlreichen Blättern 
hervor, wie sehr das Kind der Fähigkeit zur perspektivischen Be- 
ist das Zeichen des Mangels an einem Wohin. 
Erfreulich ist die folgerichtige Ausdehnung des Unterrichts nach 
allen möglichen Seiten. Man regt die .Kinder zu Plakaten an, laßt 
die Mädchen der Oberstufe Kostüme, Kissen und Decken entwerfen 
und veranlaßt Kollektivarbeiten, die sich auf Wandbilder, 
zogen, deren man sich gerade in der Ausstellung bewußt wird. 
Im Lichthof des Kunsttzewerb emuseums sind zur Zeit Denn das gezeigte Bildmaterial verrät unzweideutig, daß die 
die Ergebnisse des Zeichen- und Werkunterrichts an Pädagogen den jugendlichen Schaffensdrang nicht nur um seiner 
einigen Berliner höheren Schulen zu besichtigen. Auffällig selbst gewähren lassen, sondern ihn auch darum begünstigen, weil 
ist, daß sich unter den vielen Schwarzweißblättern und Aquarellen, es ihnen an einer verbindlichen Haltung gebricht. Hätten die Er 
deren Urheber im hoffnungsvollen Alter zwischen 10 und 20 Jah-wachsenen'eine Lehre, nach der sie zu lehren vermöchten, so zögen 
ren stehen, nur vereinzelte Arbeiten finden, die unmittelbar nach sie es vermutlich vor, die Kinder behutsam zu leiten, statt ihnen 
der Natur skizziert zu sein scheinen. Nicht so, als ob sie ungegen- das Feld mehr oder weniger zu räumen. Aber aus der Not der 
ständlich wären; aber sie sind auch keine Nachbildungen. Wenn E r w ac h senen wi r d h e ut e u n v erse h ens di e Tu gen d d er Ki n d er . 
ich an meinen eigenen Zeichenunterricht vor dem Krieg zmückdenke - M ap b egn ü g t s i c h n i c ht d am it, s i e a l s G esc hö p f e zu b egre if en , di e 
wir gingen, was damals als großer Fortschritt erachtet wurde, mit 
dem Feldstühlchen, dem SkizZenülock und dem Farbenkasten ins 
Freie hinaus und schufen dann angesichts eines malerischen Häuser- 
gewinkels, einer Baumgruppe oder eines Kirchturms möglichst 
Wirklichkeitstreue Gebilde. Die Verkürzungen mußten stimmen, die 
Schatten genau konturiert sein, und wer gar Laubwipfel plastisch 
herausbrachte, galt schon beinahe als Künstler. Es waren richtige 
Beutezüge, die wir mit dem Lehrer gemeinsam unternahmen. Und 
die Naturfragmente, die wir auf ihnen nach und nach eroberten, 
verwahrten wir sorgfältig in unseren Mappen wie in Herbarien. 
Segelboote Puppen erstrecken. Ganz reizend ist ein Marionetten 
theater geraten. Daß diese Arbeiten teilweise nach schlechtem Kunst 
gewerbe sch verschlägt nicht sonderlich viel. Wichtiger ist, 
Es ist zweifellos besser, die kindliche Phantasie Zu selbständigem d a ß ih re H ers t e llu ng d em B as t e lt r i e b G en ü ge tut, M a t er i a lk enn t- 
Wachstum zu ermutigen, als sie künstlich zu biegen und pressen. nisse vermittelt und den Gemeinschaftssinn schult. 
Allerdings sind dieser neuen Unterrichtsmethode Grenzen ge- 8. L raeauer . 
trachtung enträt und im scharf abgesehen Nebeneinander der 
richt von der Anpassung an die Gegebenheiten immer mehr emanzi- Dinge lebt. Aber das Ziel des Unterrichts ist ja weniger die 
piert. Gewiß, die Stoffe sind zum Teil die alten geblieben, und es M e h r u ng u nserer E r k enn t n i sse a l s d er E r k enn t n i s f or t sc h r itt d es 
Kindes. Ich will keineswegs behaupten, daß er ausblie.be; indessen 
er tritt auch nicht spürbar an den Tag. Von einigen jugendlichen 
Talenten abgesehen, die, wie es recht und billig ist, bewährte 
Vorbilder nach empfinden, hält sich die Mehrzahl der Arbeiten 
dauernd innerhalb der Schranken der kindlichen Vorstellungswelt, 
die doch nach und nach gesprengt werden sollten. Es fehlt dex 
Richtungssinn, und die Jugendlichkeit wird über Gebühr kon 
serviert. Das springt nur darum nicht gleich in die Augen, weil 
me i nen W an d e l d er p äd agog i sc h en Ei ns t e llu ng en t sprec h en d, hi n -, heute' manche Künstler selber auf die kindliche Schweife zurück 
reichend Spielraum zur ungestörten Selbstentfaltung» Die Eigen- gre if en . Ab er s i e tu n es b e wußt, u n d s i c h er h a t ih r R egresses i n 
die Infantilität dieselbe Ursache wie jene betonte Pflege des 
primitiven kindlichen Wesens, die seinen Ueüergang zu reiferen 
Daseinsformen nicht eben fordert. Die Überschätzung der Jugend
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        NaüomMemng und Wmerwett. 
Berlin, im Januar. 
Sie entläßt ihn gewissermaßen aus sich, und. das Ziel 
überhaupt. 
ist offenbar die Einheit alles Tönenden 
Zurück. 
Clairs 
ist. Wie kaum ein anderer Regisseur hat'heute Rene Clair die 
Kunstmittel des "Tonfilms in der G^ Er denkt in BWern 
und Tönen, er produziert Ideen, die nirgends sonst Bestand haben 
als eben auf der Leinwand. Der neue Film bedeutet durch die 
Art und Weise, in der er das gesprochene Wort verwendet, wieder 
einen großen Fortschritt. Es ist' keineswegs ausgeschaltet, wird 
aber so eingesetzt, daß man es versteht, auch ohne es zu verstehen. 
Der Wortsinn erklärt nämlich nicht die Situation, sondern um 
gekehrt: diese, die sich rein Vildmäßig erschließt, führt zu dem 
Wortsinn hin. Da so der tönende Film schon beinahe - die inter 
nationale Faßlichkeit des stummen erreicht, ist mit Rocht auf das^ 
Hineinkopieren der deutschen TeKZ verzichtet worden.^ Wie sich von 
selbst verstebt, tritt der Dialoa hinter der musikalischen Illustration 
der Leiden- 
von Robert Lieb 
Der Janmngs-Wm der Ufa: „Stürme 
s ch a f L" ist ein Unterwelfftück aus der Werkstatt 
In seinem neuen Film: „Es Lebe bis Freiheit!^ der 
vor kurzem im Mozartsaal uraufgeführt wurde, entwickelt Renä 
ClaLr die Handlung nicht aus dem Milieu oder aus bestimmten 
Situationen, son^rn umspielt satirisch das Thema der Ratio 
nalisierung. Ein PrMemstück also; aber eines, das sich ein 
wenig leichtfertig mit seinem Problem auseinandersetzt. Eine 
Glanzfabrik im Stil von Le Corbusier ist aufgebaut, in der die 
Arbeiter am laufenden Band Schallplatten fabrizieren, und der 
Witz besteht nun darin, daß das Dasein dieser Arbeiter fortwährend 
mit dem von Gefangenen verglichen wird. Die Persiflage der Me 
chanisierung wäre noch htnzunehmen, stellte nicht Rene Clair dem 
Leben im rationalisierten Betrieb die VagabondagZ als Ideal gegen 
über. Wahrhaftig, die beiden Helden, denen die Aufgabe zufällt, 
das laufende Band aä sksuräum zu führen, sind moderne Eichen- 
Lorffsche Taugenichtse, die auf der Landstraße wandern, im Gras 
lregen und sich unsterblich verlieben. Durch solche romantische Träu 
merei die Rationalisierung aus den Angeln heben zu wollen, heißt 
aber eine ernste Sache gar zu heiter betrachten. Renä Clair hätte, 
wie mir scheint, besser Lamn getan, die Finger von einem Problem 
Zu lassen, das keinen Spaß verträgt. Der einzige Milderungsgrund 
für sein gewagtes Unternehmen ist vielleicht der, daß er als Fran 
zose nicht zu ermessen vermag, wie Lief der mechanisierte Arbeits 
prozeß in unseren Alltag erngreift und wie unbefriedigend daher, 
um nicht Zu sagen verstimmend, dieses poetische Geplänkel auf uns 
wirken muß. Jedenfalls beweist der Film unzweideutig, daß Franko 
reich auch heute noch die Oase Europas ist. 
Immerhin, Rene Clair hat Geist, und an vereinzelten Stellen 
trifft seine uns wenig betreffende Satire ins Schwarze. Vor allem 
dort, wo er drastisch zeigt, daß unter den herrschenden Umständen 
durch die leiseste menschliche Regung der ganze sinnreich ausge 
klügelte Arbeitsvorgang ins Stocken gerät. Einer vergißt einen 
Augenblick, daß er nur eme Teilfuukrisn auszuführen hat: sogleich 
hört das lausende Band auf Zu laufen, eine allgemeine Balgerei 
entsteht, und die schöne mechanische Ordnung verwirrt sich unreck 
Kar» Reizend ist auch der Hohn, mit dem die unbesonnenen Lob 
redner der Rationalisierung bedacht werden. Rene Clair nimmt sie 
Leim Wort und schildert mit einem feinen Lächeln das Leben der. 
durch die vollkommene freigesetzten Arbeiter wie Zm 
ewiges Feriendasein in paradiesischen Farben. 
Überhaupt hält das Spielerische dem Problematischen nicht nur 
Ke Waage, sondern überstrahlt es Zum Glück. In der scharmanten 
Gloffierüng des Spießbürgertums, der Mittelmäßigkeit, der Kon 
ventionen und des QffiZiellm hat dieser Künstler-Regisseur seine 
Stack. Auch jetzt wieder ist er reich an blendenden Bildemfäüen 
solchen Inhalts. Die Gesellschaft beim Generaldirektor, die Feswer- 
sammlung, deren würdige Teilnehmer auf einmal ihre Würde ver 
lieren und die herabftrömenden Geldscheine gierig raffen alle 
diese Szenen sind mir einer wunderbaren Grazie gestaltet. Sie em- 
stofslicht die grobe Körperlichkeit und verwandelt das Geschehen in 
eine Arabeske, die heiter, ironisch und schwerelos dahinschwingt. Es 
ist, als werde ein plumpes Rüffeltier mit einem Zauberstab unge 
rührt und Lanze dann leichtfüßig wie eine Fee. 
Eine Befreiung von der Materie, die nicht Zuletzt der Herr 
schaft über das Material und den technischen Apparat zu danken 
mann und Hans Müller. Die beiden Autoren haben einen Bank 
einbruch, einen Mord, einen Weibsteufel und eine Harrdvoll Ver 
brechermilieu Zu einer Handlung vereinigt, die unbestreitbar rou 
tiniert entwickelt wird. DLan möchte sagen, daß alle Regeln der 
höheren Filmkochkunst bei ihrer Komposition erfolgreich angewandt 
worden seien. Da fehlt keine Würze, und sogar aktuelle Anspie 
lungen auf Bankdrrektoren bleiben nicht aus. Dennoch enträt die 
Fabel der eigentlichen Spannkraft. Sie rechnet mit den altbekann 
ten Wirkungen mittlerer Unterhaltungsromane und setzt , sich über 
dies wieder einmal mit einem viel zu großen Applomb in Szene, 
um nicht am Ende dock) zu enttäuschen. 
Es ist das Verdienst des Regisseurs Robert Sind mak, daß 
trotz des konventionellen Handlungsschemas einige Abschnft e stark 
zu fesseln vermögen. Sisdumk ist zu einem sicheren Könner ge 
worden, der den Stoff durchknetet und vorzüglich montiert. Ge 
glückt ist ihm vor allem die Gestaltung des Verbrecher-Garten 
festes, in dessen Verlauf der Mord erfolgt. Das Tohuwabohu der 
Gäste, die Musik und die Zux Katastrophe drängenden Ereignisse 
greisen lückenlos ineinander, steigern sich und münden m Zwei 
parallelgeführLe AuftriLLs ein: das Feuerwerk und den Kampf der 
beiden Nebenbuhler. Während diese sich am Boden wälzen, zischen 
RaketengarLen zum Nachthimmel empor, die allmählich in zuckende 
LLchtornaments übergehen und zuletzt nicht mehr durch die Luft 
brausen, sondern als Reflexe auf dem Wasser tanzen, in das 
der eine der Gegner von dem andern gestürzt worden ist. 
Auch die Darsteller, auf deren effektvolles Ergreifen man sich 
viel zu sehr verlassen hat, werden im allgemeinen gut gefährd 
Jannings, der nach bewährter Weise Gutmütigkeit und Bru 
talität mischt, findet diesmal ein paar erfreuliche Zwischen^ 
so schattiert er die glänzende Szene in der Fürsorgeanstalt zart 
und verschmitzt. Anna SLen als Dirne muß einen Song 
L !a Marlene zum Besten geben, der ihr längst nicht so gut liegt 
wie die Gebärden der Angst, der Begierde und der Verlogenheit. 
Trude Hesterbergs älteres Tingeltangelmädchm ist restlos ge 
lungen. Franz Nicklisch machte aus dem FürsorgeZögling Willy 
eine bis zum Ende glaubhaft durchgehaltene Figur. 
8.
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        Denn ibre VestimmuvL ist niobt, 
kungen 
Dartsi vorLULieben 
äauernäe ^Vir- 
Xuseinanäer- 
setMQK niit äer Aktualität im aktuellen 
Xun aber stellen sis rein äurob äis Xrt 
sobeinens ^nsprüebe, äis sie vermutliob 
Lu erküllen traobteten, unä beheben sieb 
entkalten, sonäern 
Interesse. 
ibres Dr- 
Kar niobt 
Kewisser- 
beitsn sammelt, sollte 
ibrs alte Voblagkrakt 
soblessener Dbalanx 
Leäenkens Lesen äie 
um bestimmter 2üKs 
äie DnabbänKlKkelt von 
sei. Diese unä anäere Alternativen möMN 2u ein- 
taob KbsteUt sein, aber äie Dosunsen verraten 
äurobweK eins eebt aulKesoblossene DaltunK- Ibr 
Vorbanäensein erregt äen ^unsob. äaL Dobl sie 
später in einem wirkliob äurebKeikormten Du ob 
äokumentiere. I^r. 
er erst genau prüken, ob sie 
bewabren, -wenn sis in Kb- 
marsebieren. Drot^ äieses 
VammlunK tinäe ieb. äaÜ sie 
killen DeaobtunK veräient. 
Dinmal beKNÜKt sieb Dobl niobt vis anäere soÄa- 
listlsobs Diteraturbtztraebter äamit, äie ^Verke nur 
von auLen ber 2U beurteilen, sonäern treibt naob 
NoKliobkeit.immanente Xnalvse. Dr sobeläet Ham 
sun von seinen Xaobbetern, Lebt bebutsam auk 
Lerr ein unä entlarvt äureb Lvraobkritik äis DoN- 
beit man ober DrLeuKvisse. ^um anäsrn kenn- 
2 ei ebnet ibn ein erkreuliober NanLel an äaktrinä- 
rem Mesen. 8o värlt er äis Dra^s ant, ob ein 
raäikaler Lobriktsteller äer kommunistisoben Dar- 
tei beitreten solle, unä beantwortet sis äabin, äal^ 
Diterariseke XoHelction. 
Oerbart kob 1. 6er lanKiäbriKs UerausKsber 
äer leiäer einKeKanMnen ^eitsobrikt: „Xeus Lü- 
obersebau" bat unter äem Ditel: „Vormarseb 
ins XX. ä ab rbu n ä e r t" eins Iteibs von Xul- 
sätxen Kesammelt, äis äsn VeLiebunKen ^wisoben 
Diteratur unä Oesellsobatt gelten (^VolkKanK 
Diobarä Dinäner Verleg, DeipLiK. 160 8. (leb. 
3.80). 8ie beginnen bei Dal^ao, nebmen Xatu- 
ralismus nnä Expressionismus mit unä untersu 
eben äann äis beutiLS literarisebs 8ituation. Ds ist 
entsobieäen ein V^LKnis gewesen, äiess Drosastüeke 
in Luobkorm 2u bringen. Nan merkt ibnen an, 
äaü sie in äer Lauptsaobe kür äsn 1aK Kesobrie- 
ben sinä, unä äis VerbinäunK, in äer sie Lueinan- 
äer stellen, ist locker LenuK. 8s Kut lob verstellen 
kann, äaL man das Droäukt seiner Xrbeit niobt 
Kerns in ^eitunKen nnä 2eLtsobrikten untergeben 
lassen will: äen einzelnen Artikeln selber go- 
sobiebt bsinabs ein Dnreobt, wenn man ibnen äis 
^Vüräe von Dssavs oäer Duebkapiteln verleibt. 
maken kreiwWg in eine sobieks 8ituation. Dbs 
ein Lobriktsteller seine auseinanäerlieMnäen ^r-
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        Krane Woche. 
offen demonstriert, so hält er in ihm, erinnere ich mich recht, auch katastrophe den Leuten das Geld aus der Tasche und gibt dem Tod 
ein Menschengesicht fest, das gerade erlischt. Man mag diese Bilder 
unerträglich finden oder gar ihre Zulassigkeit bezweifeln, aber sie 
entspringen doch einer Weltausfassung, die jedenfalls nicht damit 
abgetan werden kann, daß das unkontrollierte Gefühl sich gegen 
einige ihrer Folgerungen sträubt. Und zwar sind die betreffenden 
Ausnahmen Grenzprodukt einer Lehre, die das individuelle Leben 
dem der Gemeinschaft radikal Untertan machen will. Auch die Pro 
zesse der Geburt und des Sterbens noch sollen von ihren Trägern 
gleichsam abgelöst und in die Öffentlichkeit des Kollektivs hinein 
getragen werden, dem der Einzelmensch vom ersten bis zum letzten 
Atemzug angehört. Es handelt sich also im Werthoff-Film nich^ 
nur darum seine Schrecken zurück, um ihn zur lukrativeren Sen 
sation zu machen. Nichts ist ihr heilig außer dem Geschäft, und 
alles erlaubt, außer finanziellen Verlusten. Die Folge eines solchen 
Verhaltens ist aber unweigerlich die Zersetzung sämtlicher echten 
Gehalte; auch jener, auf denen unsere heutige Gesellschaft beruht. 
Der Individualismus zum Beispiel büßt sein Recht ein, sobald 
Todesstürze zu Zerstreuungszwecken ausgenutzt werden können oder 
auch Kriege zum Bummeln. Ich sage das nicht aufs Geratewohl 
hin. In einer Berliner Zeitung wurde jüngst ein Kriegs 
bericht aus der Mandschurei unter dem Titel: „Bummel 
Berlin, Anfang Februar. 
Vor kurzem sah ich in einer Film woch en schau eine Auf 
nahme, die auch das sensationslüsternste Publikum zu befriedigen 
vermochte. Sie trug die Ueberschrift: „Todes stürz eines 
Flieger s" und war zwischen harmlosen Tier- und Sportbildern 
eingereiht. Der Flieger stieg zunächst friedlich auf, beschrieb schöne 
Bahnen in der Luft, und dann erfolgte der Todessturz. Er wurde 
von Anfang bis zu Ende gezeigt. Nachdem die Maschine einige 
Schlingerbswegungen ausgefichrt hatte, Überschlag sie sich und 
taumelte der Erde entgegen. Hier explodierte sie, und hier hätte der 
Operateur immer noch aufhören können zu kurbeln. Aber nein: 
„Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder." Die Zuschauer 
sind gezwungen, Zeugen der Feuersbrunst zu sein, sie dürfen nicht 
einmal wie die Menschen auf dem Flugplatz zur Unglückstätte 
rennen, sondern müssen untätig stillsitzen, während schwarze Flam 
men zum Himmel emporschlagen, aus dem der Flieger kam, der 
nun mit seinem Apparat in wenigen Minuten verbrennt. Ein 
Wunder noch, daß der Leichnam nicht herausgezerrt und in Groß 
aufnahme vorgeführt wird. 
Der r u s s i sche Avantgarde-Regisseur Dsiga Werth 0 ff hat 
in einem seiner stummen Filme ebenfalls den Vorgang des 
Sterbens vergegenwärtigt. Wie er in jenem Werk den Geburtsakt 
der Auslandswaren ab und tragen Überschriften wie: „Eßt deut 
sches Obst" oder „Deutsches Brot macht Wangen rot". So ist es, 
und ich wünschte nur, daß jeder von uns Geld genug hätte, um 
sich sämtliche angepriesenen Waren in Hülle und Fülle Zu kaufen. 
UeberAmpt spielt die Kunst in der Grünen Woche eine erstaun 
liche Rolle. Photos und Oelgemälde schildern die Freuden des 
Waidwerks und spiegeln den Zauber der Landwirtschaft wider. 
In langer Reihe ziehen sie sich an den Wänden entlang, regelrecht 
gemalte Bilder, auf denen Kühe von der untergehenden Sonne be 
strahlt werden und Hirsche in der Waldeseinsamkeit äsen. Bald 
wird der Jäger sie jagen und schießen, aber er hat dann wenig 
stens ein Bild von ihnen und Hre Geweihe. In einer Sonderschau 
sind eine Menge schöner Geweihe vereint, deren einige Ehren 
preise erhalten haben. Der erste besteht in einem Hindenburg- 
Porträt und ist für den besten deutschen Hirsch aus freier WiWahn 
zuerteilt worden. Ich sehe schon die Geweihe und die Gehörne 
über den Wald-möbeln hängen und bin davon überzeugt, daß sie 
sich mit den OeMldern gut vertragen. Diese erwecken übrigens in 
ihrer Mehrzahl den Anschein, als stammten sie aus früheren Jahr 
hunderten und aus den Niederlanden. Ihre Ackerschollen sind ein 
wenig verschollen und ihre Windmühlen in eine holländische Tunke 
getaucht. Wer auch die Natur ändert sich ja nur allmählich. 
Zum Glück bringt sie immer noch in ihrer verschwenderischen 
Gute Haustiere aller Art hervor, die für den Nähr- und Wehr 
stand von Nutzen sind. Während der Grünen Woche gibt sich ihre 
Elite ein SteMchem: ausgewählte Kaninchen, die das Entzücken 
der Kinder find, und herrliche Roste, die auf Reit- und Fahrtur- 
nieren vielerlei Künste entfalten. Sie werden von Stallmeister in 
prächtigen Uniformen behütet und galoppieren immer wieder über 
die Sandfläc^n der riesigen Halle. Die Peitschen knallen, die Trom 
peten blasen, die Wimpel stehen bunt in der Luft und in der 
Mitte liegt ein gemalter, hellgrüner Rasen. Lebenslustiger noch ist 
allerdings eine andere Halle, die so Mgebärdig dröhnt und lärmt, 
daß man sie schon von weitem vernimmt. Erst in der Nähe kommt 
man dahinter, daß sich das Hallen der Halle aus einem unaufhör 
lichen Gekrätze und Geschnatter zusammensetzt. Me Enten, Hühner 
und Hähne geben keinen Augenblick Ruhe, es ist, als würden in 
einem fort deutsche Eier gelegt. Ich weiß nicht, warum sie so auf 
geregt sind; es sei denn aus Freude darüber, vor ihrem jähen Tod 
noch einmal in der Grünen Woche beisammen zu sein. So schon es 
auch draußen in den Höfen, Feldern und Wäldern sein mag, ein 
gelegentlicher Besuch der Reichshauptfiadt hat doch seine Annehm 
lichkeit. Um so mehr, als jetzt gerade die Hotelpreise gesenkt worden 
sirch. 8. Lraeausr. 
B-Me, Anfang FÄrusL 
WiGer einmal fft Mo „Grün« Wsch«" in die Ausstellungs 
hallen am KaiserdÄMM singezogm; obwohl es noch gar nicht grün 
bei uns ist, sondern grau, regnerisch, kalt. Dennoch bin ich mir ganz 
grün in ihr vorgekommen, da ich nicht das geringste von den 
Schwimmpumpen, den Vorteilen des stählernen Ackerwagens und 
den Siegen der Magermilch verstehe. Dieser schmerzlich empfundenen 
Unkenntnis wegen verzichte ich auch von vornherein auf den Ver 
such einer fachmännischen Betrachtung, begnüge mich vielmehr mit 
der Wiedergabe einiger Eindrücke, die zweifellos ebenso nebensächlich 
wie unnütz find. 
Da ist zum Beispiel der Walb. Nicht der Waü&amp;gt; im allgemeinen, 
sondern der deutsche. Me ahnungslos man ihn gewöhnlich durch 
wandert, begreift man erst hier, in der grünen Wochenschau. Sie 
zeigt nämlich, wozu seine deutschen Bäume taugen und was aus 
ihnen alles hergestellt werden kann. Wahrhaftig, der Wald enthält 
Mehr als die Poesie, die unsere Volkslieder besingen; er ist von 
ein«: unvergleichlichen Zweckmäßigkeit. Ich rede nicht einmal von 
den Eisenbahnschwellen, die den deutschen Waldstämmen entstammen, 
ich «wähne nur die große Försterdienstwohnung, die mitten im 
Hallenvau« aufgHaut ist, so hoch da droben. In ihrer unmittel 
baren Nähe wachsen aus dem fruchtbaren Bretterboden ein paar 
TarmerckHums empor, die ebenfalls den Wald andeuten sollen, der 
das Ziel und der Ursprung dieses wundervollen Holzhauses ist. 
Wald, überall WaG — wir sind von ihm völlig umgeben und sitzen 
ßWsx emf ihm, wofern wir nicht SLahlstühle benutzen» Wer wer 
Mht« irr den MWelkojen dieses Waldreviers noch an Stahl? Es 
vsHrht sich von selber, daß sie mit lauter Tischen und Schränken 
GM Hotz gefüllt find, innenMchitekwnisch gemaserten Stücken, die 
dz nichts mehr an ihre landschaftliche Herkunft erinnern. Diese 
Möbel hüben die große Chance, aus irgendeinem plausiblen Grund 
Ar jeder Ausstellung auftauchen zu können. Sie waren in der Bau- 
wrMeLrmg zu sehen, well sie -um Bauen gehören; sie hatten sich 
teilweise in der Büroausstellung eingesunden, weil Büros wohnlich 
Pin müssen, und sie lassen sich jetzt neuerdings besichtigen, weil der 
WMe Wald Hre Geburtsstätts war. 
Äußer ihnen gibt es noch zahlreiche andere Erzeugnisse deut 
scher Nation? Autos, Leinen, Süßwasserfische, Benzin. „Deutsche 
BaumwoWoffe sehen Dich an!", heißt es ausdrücklich auf einem 
Plakat, das mit mehreren seinesgleichen die Aufgabe hat, für den 
Konsum deutscher Waren Propaganda zu machen. Im Dienst dieser 
Sache steht auch ein Schülerwettbewerb, dessen Ergebnis zum min- 
dsstm beweist, daß schon in manchem jungen Menschen ein tüch 
tiger Werbefachwann steckt. Oder er kann doch leicht in ihn hinein 
gesteckt werden» Viele Zeichnungen schrecken wirkungsvoll vom Kauf 
5- . -lF 6 ) 
Todessturz eines Iliegers 
etwa um schamlose Uebergriffe eines besessenen Film-Reporters, 
sondern um rabiate Schlüsse aus einer großen Doktrin. Sie werden 
mit einer naiven Unbekümmerttchkett gezogen und sind insofern 
berechtigt, als sie die Grenzen des neuen Gemeinschaftslebens einst 
weilen so wett wie möglich hinäusverlegen, um ihre spätere Ab 
steckung vorzubereiten. 
Der Filmstreifen vom Todessturz enträt einer solchen Bedeutung 
durchaus. Er überbietet beinahe noch jene berüchtigte Szene des Films: 
„Afrika spricht," in der ein Löwe v^rgeMch- einen Neger Zerreißt, 
und ist wie sie der Ausdruck einer Gesinnung, die in allen Leiden 
und Qualen nur dankbare Ausbeutungsobfekte erblickt. Ihr gilt 
der Tod keinen Pfifferling, wenn er sich nicht photographieren 
läßt, ihr ist das furchtbare Ende des Fliegers ein glücklicher Zu 
fall, den man nicht Preisgeben darf, ein rentables industrielles 
Nebenprodukt, das unter jeder Bedingung verwertet werden muß. 
Wahrhaftig, der Kameramann hat seinen Kasten nicht hinge 
schmissen, sondern wacker gedreht und gedreht, und ich glaube fast 
annehmen zu dürfen, daß er für sein Ausharren von der Firma 
gekrönt worden ist. Während der Werthoff-Film im Interesse der 
Kollektivisierung die Grenzen des Möglichen zu erweitern sucht, 
ist dieses Wochenschaubild das Zeichen skrupelloser Profitgier, die 
überhaupt keine Grenze mehr kennt. Sie lockt mit einer Flieger-
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        durch den abgeleugneten Krieg" gebracht. Die Einstellung, von der 
dieser Bummel genau so zeugt wie die Aufnahme des Fliegertods, 
wird uns noch völlig auf den Hund bringen, wenn wir nicht gegen 
sis revoltieren. Denn sie hebt jede vernünftige Bestimmung des 
Menschen und der menschlichen Gemeinschaft auf, und überlieferte, 
könnte sie wirklich überall durchgreifen, die zivilisierten Nationen 
hoffnungslos dem ganz und gar phstsgr-aphter-tM Untergang. 
Da ich gerade bei der Mandschurei bin: in Berlin wird ein 
Kulturfilm: „Kampf um die Mandschurei" gezeigt, der 
diese aktuelle Benennung offenbar nur darum trägt, um seine An ¬ 
E 1VS - i vL 
Lustschlößchen. 
Berlin, Anfang Februar. 
In einem Warenhaus, Abteilung Kinderspielzeug, stsht hinter 
smer Theke ein Verkäufer, der mit einem besonders präparierten 
Serfenpulver wundervolle Seifenblasen hervorbringt. Der 
Marin ist em SerfsnblasenspeziaW ein Künstler in seinem Fach. 
Er blast zum Beispiel aus seinem Rohr auf die Glasplatte des 
Ladentisches eine große, lustige Halbkugel, die er mit mehreren 
Neinnen Kugelfsagmenten umbaut. Das Ganze gleicht Einem 
durchsichtigen Pudding, der aus einer stereometrisch abgezirkelten ' 
Kuchenform herausgehoben zu sein scheint. Oder ein anderes Kunst 
stück: dem Rohr entfahren Bälle, die jeden Augenblick zu vergehen 
drohen, aber sich dann doch wider Erwarten im Schwebezustand 
erhalten und sogar an der Jacke abprallen, ohne beschädigt zu wer 
den. Wie ein Rastelli läßt der Mann eines der Bällchen an sich 
entktnggkeiten und wirst es schließlich mit einem leichten Schwung 
in die Luft zurück, aus der er es herbeigelockt hatte. Am Ende 
Lbertrifst sr sich selber. Er erzeugt eine Reihe von Halbkugeln, 
die wie chinesisches Elfenbeinschnitzwerk konzentrisch ineinander- 
stecken. Sie schimmern in allen Regenbogenfarben, und wie sie un 
abhängig voneinander bestehen, so Platzen sie auch zu verschiedenen 
Zeiten. Den Anfang macht die äußerste Hülle, die Zuerst geboren 
worden war. In der kalten Luft, erklärt der Mann, halten die Bäll 
chen und Kugeln noch viel länger. Und zum Preis von 20 Pfg. 
für Seife und Rohr kann jedermann mühelos seine eigenen Blasen 
produzieren. 
Der Verkäufer, in dessen Nähe Bäh-Lämmchen weiden, Puppen, 
femlenzen und Geduldspiele ihre Zeit geduldig erwarten, ist von 
einem Publikum umringt, das unverwandt auf die flüchtigen 
Schöpfungen starrt. Es setzt sich aus Schulkindern, einem Eisen 
bahner, einer Arbeiterfrau und ein paar anderen Leuten Zusammen, 
denen es sicher auch nicht rosig geht. Am sachlichsten sind noch die 
Schulkinder, die es Heute weniger mit überflüssigem Zeitvertreib 
als mit Autos und Flugzeugen halten und sich sofort auf die Beine 
machen, nachdem sie ihre technischen Kenntnisse genügend erweitert 
haben. Die unaufgeklärteren Erwachsenen dagegen sind von den 
Richtigen Gaukeleien so fasziniert, daß sie aufzubrechen versäumen 
und lang über den Schluß der Vorführung hinaus bleiben. Wie die 
Geduldspiele räkeln sie sich herum. 
Es ist die Schönheit ohne Zweck, die sie fesselt. Sie haben Zwei 
fellos Sorgen ums liebe Brot&amp;gt; sind vielleicht zum Teil arbeitslos 
oder fürchten doch, atz gebaut zu werden. Jedenfalls kreist ihr Den 
ken ersichtlich dauernd um die Frage, wie sie sich durchschlagen 
können, ein ganz und gar Zweckbedingtes Denken, das an der Kette 
liegen muß und nicht ausschweifen darf. Und hier — hier segeln 
Bällchen k» dyrch den WarenhauWwmel, hier regen sich auf einen 
Hauch he» W**e bunte Erscheinungen, die keinen anderen Zweck 
haben «ls tz» G sein und zu schimmern. Gewiß bringen sie keinen 
Nutze», Oh»' -erade: daß sie so vollkommen unnützlich sind, 
zwinG OMW d»ru, bewundernd stillzustehen und ihr Los zu 
vergessen. Ihre Augen glänzen, ohne daß sie es wissen, wie die 
Jrissarben des Kugelkonglomerats. Sie sehen durch eine Lücke 
im Bretterzaun in eine ganz andere Welt, die das genaue Gegenteil 
der eigenen ist, in eine der Qual enthobene Welt, deren Formen 
sich offenbar ungebunden entfalten. 
Kommt sie aber auch beinahe aus dem Nichts, so ist sie Loch 
keineswegs für nichts, und ihre reine Zwecklosigksit entsteht um 
greifbarer Zwecke willen. Nicht nur, daß diese SeifenblasenfigE 
ebenso eine Ware sind wie die Bäh-Lämmchen oder Trikotagen, 
sie dienen einer Bestimmung, die schwerer wiegt, als sie selber 
sich geben. Ihre Bestimmung ist: Lüftschlößchen zu sein, die das 
Publikum so betören, daß es sich willig in sie hineinzaubern läßt. 
Auch sonst werden ihm, in den Filmen etwa, zahlreiche Luftschlösser 
zum Kauf angeboten, die es für seine irdische Unterkunft gewisser 
maßen entschädigen sollen. Aber die aus dem Seifenschaum hervor 
gegangenen sind die-reinsten, weil sie die luftigsten sind, weil sie 
in unvergleichlicher Weise ein Dasein vortäuschen, das wie sie hell 
ziehungskraft zu erhöhen. Mögen ihm selbst ein Paar Kriegsbilder 
herausgeschnitten worden sein, so enthält er doch in der Hauptsache 
nichts als dilettantische Schilderungen japanischer und chinesischer 
Sitten und Gebräuche. Man ißt dort drüben Reis, fischt im Meer 
oder in Seen, hat Heiligtümer, Soldaten und Kulis: das ist so 
ziemlich der ganze Ertrag, den die Hersteller heimgebracht haben. 
Eine dumme, langweilige Bildfolge, die nirgends einen Einblick in 
soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge gewährt und durch ihre 
Unorientisrtheit das Publikum nur noch verwirrter macht. 
8. Lrae 3- u 6 r. 
und glücklich ist. Eben daraus leitet sich ihr Gebrauchswert ab, der 
sie zu Warenhäusartikeln stempelt; ja, ich wage die Behauptung, 
daß sie an Zweckmäßigkeit Hemden und Strümpfe weit Werbieten. 
Denn indem sie die Leute durch die Illusion einer besseren Welt 
sozusagen gefangen setzen, ermöglichen sie das Fortbestehen der 
schlechteren. Und wehen sie auch hauchartig über Waren hin, die 
viel gewinnbringender als sie sind, so wohnt ihnen doch die merk 
würdige Fähigkeit inne, das Fundament verstärken Zu helfen, auf 
dem das ganze Warenhaus selber ruht. Fast hat es den Anschein, 
als ob der Verkäufer die hohe Mission ahne, mit der er betraut 
ist. Ernst und streng bläst er ins Rohr, dem die Gebilde entsteigen, 
die unwirklich sind wie Märchen und zugleich ein festeres Binde 
material als Kitt. 
Die Verführungskräft, die sie ausüben, wird durch den Preis 
gebrochen, den sie kosten. Niemand kauft Seife und Rohr. 20 
Pfennige: das ist nahezu ein U-Bahnbillett, und wir leben in 
einer Krise. 8. LrAaautzr. 
Voll §. XrL-Lüer 
Das äem MMaü Uax Ledelers entstam- 
rnenäe DanäedE: „Diel äse ä e^ rieäen 8 unä 
äer ? a 2 ikismu s" (Der Neue 6ei8t-Verlag, Ber 
lin. 63 Zeiten. Oed. 2.60) 18t, As DixierunZ eines 
Vertrags, äsn äer verstorbene?dilosoi&amp;gt;d äanuar 1927 
im Bei e b s w e d rministerium Zedalten bat. 
Um äie BeäeutunA äer Lodrikt ru ermessen, mull man 
sied verZeZenv/ärtiZen, äall Duroxa damals im 2sieden 
äer Dooarno-?olitik stand. Ibre allZuMubiWn ^.n- 
dänZer vor einer DnttäusodunZ Zu bewabren, darin 
erbliekte vmbl Lodsler ?ur 2eit äer ^bkassunZ dieses 
VortraZs eins seiner Lauptaukgaben. 
Dr venäst sieb in ibm ebenso sebr AeZen äen „Oe- 
AvvunAsmilitarismus" ^is §e§en alle ^rten xa^iki- 
stiseber BetätiZunZ, äie äen llrieäen äureb Mllens- 
metboäen, BinriebtunZsn unä leebniben deute dsrbei- 
küdren nu können glauben. Veiäes im Interesse einer 
Ver^irkIiebenA äer läse äes k'risäens. Der Desin- 
nunAsmilitarismus, äas deillt jener NilitLrismus, äer 
äen Lrie§ LN sieb bejabt, s^riebt ibr äen positiven 
Wert ab unä dält es voed viedt einmal kür mevseden- 
inöZIieb, sie ?u realisieren. Ibm FeZonüber stellt 
Zedeler mit kteedt lest, äall äis Drieäevsiäee äured 
idre bisderiZe lln^irdsamkeit lceives^eZs äesavouiert 
Meräs unä sämtlieds von besinnunAsmilitaristiseder 
Leite 2ur VerteiäiZung äes Kriegs mobilZemaedten 
^r^umente niedt be^eiskräktiZ seien. Idre ^blerti- 
§unZ ist ein besonäeres Veräienst äer Ledrikt. Lie 
^veist bünäiZ naed, äall äer Leroismus ^eäer äer 
döedste ^Vert ist noed allein oäer aued nur vor^is- 
ßtznä im Lrie§ QeleZendeit 2ur DntkaltunZ erdält; 
vüäerleZt niobt minäer sodla§enl äis LedauxtunZ, 
äaÜ äer moäerne LrieZ äis Völker ertUedtiZe; ent- 
düllt äis Irrigkeit äes ölaubens, naed äem äie Lrre^s 
ein kür allemal als Ledöpker äer Lultur unä döderer 
nationaler Dindeiten 2U Zelten baden, unä erleäiZt 
sedlieMod äie töriedte WinunZ, äall äer Lrie§ auk 
äer „mensedlioden dlatur" berude. DeberlexunZen, äie 
in äie Zeraäe deute sedr bederLibsns^erte NadnunA 
auslllinASn, äall es not^enäi§ sei, „aus Denkart 
äes äeutse/ro7r ^o^es. r'7rsöo§o-räers ser'-rer Aeöi?ä6re7r, 
fü/rr^Träe-r Ms Cements M o-rtfor-ren, 
ckrs äsm Lrr'bAs anck äen äem Kriege ärenenäen Insti 
tutionen flleer) einen melw als ^istorise/r rekatiren 
faiso absointen) fl^ert, resPeLirne äem Heere eine 
me/Lr ais instrumentale öeäentnnA snse/rreiöen.« 
Nrdennt nun Ledeler, ZeZen Lpengler polemisie- 
renä, auod an, äall äie NenseddeitsZesodiodts sied 
mit Kroller ^Vadrsodeinlioddeit in äer lliedtuvK auk 
äen „L^viZen Drieäen" din entviedelt dabe unä weiter 
ent^iokle, so leuFnet er äood raäidal, äall äie Dris- 
äsnsiäee in absedbarsr Zukunft ver^irkliedt veräen 
könne. Dieselbe DaltunZ, äie idn äa?u treibt, äen 
„instrumentalen Nilitarismus" ru bekür^orten (eine 
Denkart also,, „äie ^en 'Wert äes LrieZes unä äer
        <pb n="11" />
        Stessen-Angebote. 
Bon S- Araeauex. 
Berlin im Fchrmr. 
Fn dieser Zeit, in der Millionen von Arbeitskräften freiße- 
setzt sind, dürfen die Stellenangebote in den Heilungen 
ein Wacheres Jntersse für sich in Anspruch nehmen. Wird über? 
baupr etwas angebolen? Ja, es wirh; vor aüem in den Sonnlags- 
am gaben der Blätter. Da heute Zahllose Menschen auch am Werk, 
tag feiern, müßten sich übrigens hie Angebote meinem Ermessen 
nach gär nicht mehr aus die Sonntagsausgaben konzentrieren Ick 
sche voraus, daß bis betreffenden Spalten in der Hauptsache von 
den SLellungsuchenden gelesen werden, für die sie vermutlich eine 
unMch spannendere Lektüre sind als Feuilleton oder Politik Aber 
such die Liebhaber des Unterhaltungsteiles, überhaupt alle jene, 
denen'1msvon Inseraten noch kein Protstudium bedeu 
tet. sollten dieser Rubrik einige Aufmerksamkeit widmen. Denn sitz 
gibt' den einen oder anderen nützlichen Einblick in die gegenwör? 
tige Äruktuk unseres Wirtschaftslebens, das sich ja bekanntlich 
nicht nach einem Plan entwickelt, sondern den wie immer einge 
schränkten Gesetzen der freien Konkurrenz unterliegt. Um seine 
jeweiliHen Geheimnisse Zu entschleiern, ist man also nicht Zuletzt 
aus -indirekte Methoden, auf Indizien der verschiedensten Art an* 
gewiesen' Und zu ihnen gehören Zweifellos auch die Stellen? 
sngcbote. 
militärisedbn formen nieht ,3,» sjok', sondern als 
rbalpolitisebbs Instrument' kür politisebe 2vbeke in 
ksArbnriten Leitläuken der Oesebiekte Wählt"), nötißt 
idn 2ur Ver^erkunZ 6er versedieäenen paLikistisedsn 
Retdoden. Dr bringt dem deroisedsn pa^ikiMus-der 
tzuäker ^Mun§ entAegeü, be^eiednet idn aber Zig 
irriZ und undureükükrdar; sagt dem ökonomised- 
liberalen parikismus vaeb, daü sr den Primat dsr 
Politik verkenne, die im Lerrsebakts- und Naobt- 
trieb ZeZründet sei; reibt den juristisebev oder 
peebts-parikismus einer DebsrsebLtrunZ der Oureb" 
sMaZskrakt des reinsn VernunltprinÄM und anal^- 
s-iert den Aus. dem p-eebtsZedanken ksrvorZeßLüZMM 
Völkerbund mit äsm Dr^ebnis, daü sr ein unru- 
reiebenäes priedensinstrumevt sol. OasNlÜträuen Ze- 
§sn äiepaÄkistisebe Praxis verbilft Lebeler ru waneben 
wertvollen soriol^Ziseben Linsiobten. 8o lext er Zieh 
Reebensebakt ab über die VedinFtbeit der kirebliebsv 
Vrieden^politik und brandmarkt sebov krüÜLbit.I§ di^ 
UnruvbrlLssixkeit des ^roübürxerlieben konservativen 
parikisinus, der za in der ll'at nur sine Dpisoäs §s- 
^sssn Ist, Ibr verdankt ^abrsebeinlieb, vis red binru- 
küFM möobte, der Pemargue-Itoman seinen Welt- 
srkolZ. Im VerZlsieb mit Allen diesen riemlied 
soblüssiZen ^rZumsntLtionen kallsn äis Din^Ünä^ die 
8eWsr ZSKen äsn kommunistisebsn parikismus maobt, 
dureb ibre-Uagerkeit auk. 
Wo der Denker selber stebt, ist äuÜerst sebver 
2u bestimmen.' ebssten 18 N sr sied als bin real- 
xslitisL^sr Vetraebter kennreiebnsn, der mit säkula 
risierten kätWiseben LeZrikkev Arbeitet und unsse- 
Mbtst seiner Vorurteilslosißkeit noeb der bürMrliebsn 
Welt LNIebört. Dr räumt äsm ^risblsben einen breiten 
Raum bin oäsr nimmt es äoeb überall bin mit, sebsint 
den bedanken äsr Vrbsünäe viebt Zanr abgsstreckt ru 
baden unä kalkuliert Umstände und Vaktoren so um- 
kasesnä ein wie nur einer, der sie Alls von einem 
au üerbalb scmt Ueber ttslationen ZeleZenen Punkte 
aus übersiebt. Dies aber: daü 8edele^ einen in wr- 
weltUebsn uuä rußleied auÜerweltlieben 8tandort bs- 
bLuxten müebto, eins Position Also, die durebaus äsr 
Mnäsutigksit enträt, verleibt aueb seinen Vormudis- 
runZen eine ZewiZss Dnverbindliobkeit. bis entsprinxen 
weder dem im Absoluten verankerten OlLubsy, noeb 
Sie lassen daraus schließen, daß heute vorwiegend Kräfte ge 
sucht werden, die „in der Lage sind, zielbewußt die vielseitigen 
Absatzmöglichkeiten zu erschöpfen...". Das jedenfalls ist die an 
einen Verkaufs Leiter gestellte Anforderung, der sur„die Schaf- 
fungWnes leistungsfähigen Vertrete und zum Ausbau der 
bestehenden Verkauf^Organisation" gesucht wird. Auch sonst sind 
Verkaufs-Leiter vielfach erfragt. Zigarettenfabriken, Textilfabriken, 
Möbelfabriken usw.: sie alle sehen sich vor die Notwendigkeit ge 
stellt, ihren Absatz zu intensivieren, und halten Ausschau nach 
orgaMatsM begabten Kräften, die das Produkt wirklich an den 
KLusM. heraM 
Mgemeiner gesprochen: die Art der McllenanßchoLe beweist, 
daß jetzt nicht mehr die Rationalisierung der Produktion, sondern 
die der Verteilung im Mittelpunkt steht. Durch die Krise 
find Mvduktion und Konsum in gleicher Weise begrenzt worden. 
Es M also heute nicht so sehr, mehr zu prcduZicren, als für die 
Waren Käufer zu finden. Die Distribution der Waren 
ist das eigentliche Problem der Krisenperiode, und wie die Stel 
lenangebote zeigen, zielen die Hauptanstrengungen von Jndusttrs 
und Handel gegenwärtig darauf ab, dieses Problem möglichst 
rationell Zu bewältigen. 
Es wird lm wesentlichen nach zwei Methoden angegriffen. Die 
eine, die amerikanischen Vorbildern folgt, erstrebt die völlige 
M e cha n isierungdes Verkaufs. Er soll vereinfacht werden und 
durch Ausschaltung aller unnötigen Zwischenglieder Zustande körn- 
men. Eine Tendenz, die Zur Bildung der Einheitspreise 
Geschäfte führt. Nichts kennzeichnender kür sie als das Inserat 
einer.TexLilsirma, die einen Cinheitspr^ Zur Umwand^ 
lung ihres Unternehmens in ein Einheitsp^ 
wünscht. Äus den stärkeren Zug zur Rationalisierung deuten über 
haupt die gar mMt seltenm Angebot hin, in denen Zu^m BejsM 
ein Drllanisator für die Einrichtung irgendwelcher Kettenfäden odeä 
eine geeignete Kraft für die Umstellung der gesamten Verkaufs- 
Orgünisation verlangt wird. 
Die andere, zur Zeit anscheinend häufiger benutzte Methode 
Zur Intensivierung des Absatzes ist Äe der individuellen 
Werbung. Die Schwierigkeiten, das Publikum in Konsumenten 
Zu verwanMn, sind so groß, Propaganda 
Offenbar in steigendem Maße durch persönliche ULberreLung er 
gänzen zu müssen glaubt. Der Konsument kommt nicht mehr von 
selber Zur Ware; also muß diese den Konsumenten herauskitzeft 
Sie kann aber um so leichter in der Richtung auf die Kunden Zu 
in Marsch gesetzt werden, als heute eine riesige Reservearmee zue 
Bearbeitung des Publikums in Bereitschaft steht. Und da die Ware 
Arbeitskraft eben UeberschüsM wegen für billiges Geld 
Zu haben ist,, liegt es besonders nM sie im Verteilungsprozeß 
anzusetzsn. Vor allem der verarmte Mittelstand erhält, nach 
den Stellenangeboten Zu urteilen, die Gelegenheit, sich Haupt- oder 
nebenberuflich bei der WarendistM Wütigen; freilich in 
der R^ auf eigenes Risiko. Mag auch früher schon das Ver- 
trete^ r b e hinreichend ausgMLdek gewesen sein, so hat 
es doch neuerdings, täusche ich mich nicht, lm Verhältnis Zum 
verringerten Umsatz einen ziemlichen Aufschwung genommen. 
kVL/,L-&amp;gt;&amp;gt;^ 
sind sie der MedersMäg einer ksst nmrissenev xoln 
tisobbn MedtunU, Mmeks red mied niebt, so erklärt 
sied aus diesem rdrem NLnxel an Nakt, wie überbauxt 
AUL der LatsaeW daü sis die DsberblendunKSV von 
mindestsns rwsi vsrsodieäsnen Perspektiven sind, idr 
widersxrueksvolles, niebt rsedt KrHikbares Wesen. 
Wenn MAN mit 8eWer voraussstrt, äaÜ keine der 
pLLikrstiseksu Aktionen rdr 2isl srrsreben kann, bleibt 
äis von idm ebenfalls angenommene Leraukkunkt äes 
,Dw!gev priedsvs" unkaülieb. Beide ^.ussAßen ivsräen 
nur ändureb Lur sslben ^eit ermöKliobt, daK sr das 
8piel: „Wsodselt eure? WtLs" spielt und das eins 
Uni als UetApbMiker, das Andre Usl als ein in der 
Immsmenr vsrdArreudsr Politiker Zxriedt. 
Vrot^ dieser VernirrunZ der NLÜstäbs, deren 
Dolgs es ist» dnü Erkenntnisse versediedsner Oimen- 
sionev unkruedtbars VsrbindUuZen miteinander ein- 
Abken müssen, entdält dock die Ledrikt einen be 
stimmten OedLukenrus, den Ledelsr deute, lebte er 
noek, Lus pädAZQAiseben und xolitiseden Oründev ver- 
mutliod viel stärker dsrLUsxeLrbeitet bätte, lob meine 
jene bedanken, die KeZen die xolitisobs komAntik xe- 
rjedtet sind und den unbedingten Primat des Dogos 
betonen. Warnt Lekeler etv^a äüeb davor, dem Völker 
bund eine übertriebene Bedeutung beirumessen, so 
sedreibt er ibm äoed immerbin äi^ relative ru, äen 
innereuropäiseden prisden pflegen ru können, ^.n der 
betrekkenäen Ltelle' Wüt es: fakse?Lem, nsröLr- 
terrem lVatronnrisurus Md M errrem Äöerleörrn 6^e- 
EoalrsrsndMn^r, der MtÜrkM Vvm demMen §tMrd- 
MrtLr arrs die M-rL-6 LocKr-ropokitrL verrosr/en mu/l, 
msrr, besonders Ker aus DeArsoben. am so 
leio^rer; je ^VerLekrt) .LdenkistLseder' msn denLt äöer 
den 6mr.o der 6ese/Lre^re überhaupt." ^us der glei- 
eken Besinnung deraus fordert er, der pereds^-ebr ^u- 
Zskebrtt „... WrrMehLerrsMhe u prmsipr'efle Mrr- 
ordnuM der noeh so -unAen neuen bkesresorAamsatron 
in den neuen §taat und seine inneren urektoesebreht- 
lieben ^VotuendigLerten.. und niebt ruletrt den 
resoluten Vrued „mit romantrsehen LirieM'deoioAien, 
dis weder ror einem Lrikiseben hiaren gewissen noed 
vor einem dureh Vernunft, d. h. Philosophie und IVis- 
sensehaft, erleuchteten Verstand bestehen können." — 
Die dsutsebs .lugend sollte diese Vermäebtnissedrikt 
sines der bedeutendsten Vsnker, die Veutsebland in 
der Oegen^art kervorgebraebt bat, lesen und nieder 
lesen.
        <pb n="12" />
        ziehen müssen. Es lebe Wallace! 
8. Lraeu, uyr. 
Zum Unterschied von den Stellenangeboten vor mehreren Jahren 
enthalten die Heutigen kaum noch eine Vorschrift über die Alters» 
O 
Außec dieser Verschiebung des Akzents von der Produktion 
auf die Distribution ergibt sich beinahe von selber, daß gerade jene 
Kategorien von Arbeitskräften auf Lager bleiben, die in den 
Zeiten der überstürzten Betriebsrationalisierung besonders erfragt 
waren. Um von den Arbeitern ganz abZuschen; em Teil des 
damals großgezüchttten Büropersonals, das man mehr und mehr 
zur Serienware Zu mechanisieren suchte, kann heute vermodcrn. 
Dafür sind jetzt die individuelleren Kräfte Trumpf, die das Pro 
dukt an den Mann Zu bringen verstehen Tr^ 
insoweit, als die beschränkte Warenzirkulation überhaupt noch 
Stellenangebote hervorruft. Man könnte froh darüber sein, daß 
der Zwäng Zur intensiven Bearbeitung des PubMumackerZ sozu 
sagen wieder Persönlichkeiten entbindet, handelte es sich 
hei ihnen auch nur wirklich um solche. Aber in Wahrheit be 
zeichnet der früher gebräuchliche Aufdruck Verkaufskanone ihre 
Tätigkeit genauer als der Ausdruck Persönlichkeit. Was dieses 
Wort besagt, geht aus einem Stellengesuch hervor, in dem ein Be 
werber erklärt, daß er mehrere Sprachen beherrsche, Auslands 
erfahrungen, Vermögen, nützliche Kenntnisse und Allgemeinwissen 
besitze, ferner gediegen, zuverlässig, konzilianten Wesens, „mit 
einem Worte, eine PrrsönlichkeiL" sei. Danach hatten Proletarier 
wenig Aussicht, eine zu werden. Natürlich dermenden die Stellen 
angebote den Begriff Persönlichkeit nicht so oft wie die Stellen« 
gesuche, weil seine freiwillige AneBennung Zu .große Erwartungen 
hinsichtlich des Gehalts in den Bewerbern erweckte. Dennoch 
kommt er hie und da einmal vor, und zwar gewöhnlich in Der« 
bmdung mit Adjektiven wie „erfolgreich" und „repräsenL^ 
Immerhin mögen die Tugenden, die gegenwärtig hoch im Kurs 
stehen, auch nicht gerade die Tugenden der echten Persönlichkeit 
sein, ss ist doch die sonderbare Tatsache zu vermerken, daß der 
Mensch, insofern er ein bloßer Markenartikel ist, dank der Krise 
einstweilen Lusgespielt hat. Leider Zu ftinem Nachteil. 
Jedenfalls überwlegen Inserate, die Vertreter begehren. Sie 
werden gesucht für den Vertrieb von Wäsche beiderlei Geschlechts, 
von Silberbarren, die als Vermögensanlage dienen können, von 
Radio- und Friseurartikeln, von einer Autopolitur und einem 
Wochenblatt, von Metällwaren, Bcleuchtungskörp^ Kurzwaren, 
üllerlet Markenartikeln, Ewigen Streichhölzern und Stoffen, Die 
Vertreter müssen die Waren durch die feinsten Kanäle bis zum 
Kunden vortreiben, und oft ist sogar ausdrücklich bemerkt, daß auf 
den Besuch von privater Kundschaft, Hotels, Restaurants und 
Mittagstischen Wert gelegt wich. Daneben sind zahlreiche Posten 
für Verkäufer und Reisende (besonders aus der Ksnfettions- und 
Schuhbranche) ausgeschrieben. Die Besetzung dieser Stellen kommt 
natürlich gleichfalls der restlosen Erfassung aller Kunden zugute. 
Der Intensivierung der Käuferwerbung dient ersichtlich auch 
die ausfällige Nachfrage nach einem anderen Metier. Ich meine das 
des Dekorateurs. Fenster- und Ladendekorateure werden von 
Kaufhäusern, Warenhäusern und Einheitspreisgeschäften immer 
wieder gesucht. Verlangt ist, daß ste eigene Ideen haben und die 
betreffenden Waren „geschmackvoll und zugkräftig" zur Schau 
stellen können Durch alle Mittel sinnlicher Verführungskunst sollen 
die Passanten Zu Konsumenten, die Unschlüssigen zu Tatmenschen 
umgeformt werden. 
In den höheren Sphären, die für die Waffen nie in Betracht 
kommen, hat das Angebot selbstverständlich nicht ganz aufgehört. 
Manchmal ist eine Direktionsstelle ausgeschrieben,... und immer 
wieder.' wM«-- Chefs. unterstützt werden. Und für die Höhen wie 
für die Niederungen gilt dies: daß ein gewisser Bedarf an 
Spezralisten. stets vorliegt. Oben benötigt man etwa öfters 
juristisch gebildete Kräfte der SteuMng^ 
heiten und für das Mahn&amp;lt;M und Beitreibungswesen cder 
auch VergleiK-Spezialistem Diese Sonderberuse sind die Früchte 
der Wirtschaftskrise und fallen nicht weit vom Stamm der Not 
verordnungen. Auch bilanzsichere Buchhalter und Bürochefs haben 
gelegentlich Was weiter unterhalb liegt, kann aller ¬ 
dings augenblicklich nur durch ein Wunder gerettet werden. Zum 
Glück geschichd-es wie durch ein Wunder bisweilen, daß ein" sprach 
kundiger Korrespondent oder eine perfekte Stenotypistin die An 
wartschaft auf eine Stellung in irgendeiner Spezialbranche er 
halten. Für manche Mädchen sorgt , sogar die Natur. Sie brauchen 
gar keine hervorragenden Kenntnisse zu haben, sondern nur Putten- 
größe oder Hüfte 96. Dann können sie Mannequins werden und 
dabei blühen, wie die Lilien auf dem Felds.- ? 
Mit Edgar Waklare, der im Alter von 56 Jahren in 
Hollywood gestorben ist, geht einer der populärsten Schriftsteller 
der Welt dahin. In allen Ländern und Eisenbahnzügen wurden 
seine Romane gelesen, in vielen Theatern seine Stücke gespielt. 
Man wußte, daß er Unsummen verdiente, und erzählte sich Schauer 
geschichten. die ihm selber Ehre gemacht hätten, über seine unheim» 
liche Produktivität. Wenn ich zum Beispiel in meiner Leihbiblio 
thek den Mangel an Detektivromanen beklagte, wurde ich regelmäßig 
mit dem Hinweis aus einen neuen Wallace getröstet. Und dann kam 
wirklich eines Tages wieder ein Band, aus dessen Umschlag links 
unten eine endlose Zigarettenspitze prangte, die seinem Gcsicht ent 
fuhr. Er sah gewitzt und ein wenig grobschlächtig aus und war 
berühmt wie Odol. 
Ungefähr 150 Romane soll er geschrieben haben; um von den 
anderen Sachen, den Dramatisierungen und Verfilmungen, zu 
schweren. Eigentlich war er also kein Schriftsteller, sondern ein 
Großunternehmen, das Bücher am laufenden Band produzierte. 
(Außerdem nannte er noch einen Rennstall sein eigen.) Daß er 
bei solchen Arbeitsmethoden Typenfabrikate herstellen mußte, ließ 
sich schlechterdings nicht vermeiden. Eines von ihnen war seine 
Afrika-Romanserie, in der ein Amtmann Sanders und ein 
Leutnant Bones die Hauptrollen spielen. Diese spannenden Ge 
schichten, die zuletzt den englischen Imperialismus verherrlichen, 
schmecken wie blutiges Roastbeef, enthalten ein kräftiges Lokalkolo 
rit und erinnern von fern an Kipling. 
Bekannter geworden sind die Detektivromane, die in ihrer Mehr 
zahl ebenfalls aus typischen Motiven und Elementen bestehen De 
Konstruktionselemente werden etwas anders zusammengesetzt, und 
sofort ändert sich der Titel des Buchs. Das soll kein Vorwurs sein; 
Denn bei gut eingeführten Massenartikeln wäre ein ständiger Äechsel 
der Schablonen geradezu eine Fehlspekulatiom Zu den immer 
wiederkehrenden Zügen gehört unter anderem die Beziehung zwi 
schen dem Detektiv und . einem Mädchen. Das Mädchen taucht ge 
wöhnlich unter verdächtigen Umständen in einem üblen Milieu auf, 
aber der Detektiv entlarvt seine Unschuld und heiratet es dann 
Zarte Liebe erblüh! in Mordhäusern, und den Schurken ereilt das 
gerechte Geschick. Auch Verbrechcrbanden hat Wallace schon früh 
rasch Zusammengezimmert und am Schluß in alle Winde zerstreut. 
In Scotland Aard muß er wie zu Hause gewesen sein. 
Obwohl er für die Todesstrafe und die Prügelstrafe eingetreten 
ist, verrät die aus seinem Betrieb hervorgegangene Unterhaltung 
stellenweise doch eine Art yön sozialem Gewissen. Ich denke an das 
Romanschema: „Die drei Gerechten", das später verschiedentlich 
angewandt worden ist Die Helden dieser Serie sind Männer, dereü 
Ehrgeiz es ist, einen längeren Arm zu haben als das Gesetz Sie 
züchtigen, auf skrupellose Weise allerdings, Verbrecher, die ihrer 
Strafe entgangen sind, und machen es ihnen unmöglich, sich länger 
ihres Reichtums und ihrer Würden zu erfreuen. Auch m hen erst 
jüngst erschienenen Bänden: „Der Brigant" und „Der Preller" 
hetzt Wallace reichgewordenen Gaunern Racheengel auf die Fersen. 
Entlassene und verarmte Offiziere erblicken ihre Aufgabe darin- 
das Amt der Justiz auf eigene Faust auszuüben und den Satz 
zu bewahrheiten, daß unrecht Gut nicht gedeihe. Indem sie aber die 
Erpresser erpressen, erzielen sie so hohe Einnahmen, daß ihnen der 
moralische Gewinn leider unter den Händen entgleitet. 
Wallace ist tot, und viele werden fortan unverrichteter Dinge 
aus den Leihbibliotheken und den Bahnhofsbuchhandlungen ab- 
grenze. Wenn es auch manchmal heißt, daß ein Vollkaufmann 
s .oeren ranceunger eruer s gesuc wr,so 
tritt doch die Sehnsucht nach der Jugend im allgemeinen spürbar 
zurück. Man ist abgestumpft gegen die Reize jugendlicher Unschuld, 
man verlangt nicht einmal selten Herren mittleren Alters. Viel 
leicht folgt die GleLchgültigkeit gegen das blühende L der 
Erkenntnis, daß einige Erfahrung dazu gehört, um die Waren auf 
so und so vielen schwierigen Wegen und Umwegen Zum Kunden 
zu transportieren. Der Distributions^ erfordert Persönlich 
keiten, und Persönlichkeiten müssen über eine gewisse Reife ver 
fügen. Noch inniger hängt allerdings vermutlich die Vernach 
lässigung des Alters mit der des T a r ifrechts zusammen, das 
faktisch wo nicht ganz, so doch teilweise Eer Kraft zu treten 
beginnt. Es ist nur in Ordnung, daß sich auch diese Veränderung 
in den Stellenangeboten deutlich ausprägt.
        <pb n="13" />
        ^L^L-4L§ 
Zu Tretjakows Buchr „Feld-Herren". 
Von S. Keaeauer§ 
Bor noch nW einem Jahr hielt Sergej Tretjakow im Werlegen/ däß sie den, Stoff nicht von irgendeinem Mehr oder 
Rahmen einer Veranstaltung der Berliner „Internationalen weniger subjektiv bedingten Gesichtspunkt aus vorführen,. sondern 
Bühne" einen Vortrag über, den n e u.e n Typus des Schrift-ihn verwandeln, indem sie ihn darbieten. Nun sind bei uns schrift 
stellers. Er sprach zu einem aus Kommunisten und Nichtkom- stellerische Operationen nach Art dieses russischen Beispiels im 
wunisten bestehenden Publikum, und. der Zweck der ganzen Zu- Augenblick nicht gut möglich.;, aber immerhin könnten die Bemü- 
sammenkunst war ersichtlich die Aufklärung der.zahlreich anwesen-hungen Tretjakows manche unserer Wersten dazu anregen, ihr 
den bürgerlichen Intellektuellen. Aber sei es nun, daß Tretjakow V er hält n i s zu r P ra xi s e i nma l gena u zu du rc hd en k en . 
die deutsche Situation nicht kannte, sei es, daß man ihn falsch Es ist aus Gründen der Weltanschauung und der Haltung in den 
u n t err i c ht e t h a tt e : di e po l em i sc h en Au s fäll e , di e er gegen di e meisten Fällen ein Mißverhältnis Man beschreibt die Realität, 
deutsche Literatur und ihre Grundlagen unternahm, verrieten eine statt ihren Konstruktionsfehlern auf die Spur zu kommen; man 
so l c h e Ah n u ngs l os i g M i c h se lb er zu m B e i sp i e l m i c h d ama l s weicht ins Aesthetische aus und versäumt dabei, die aufs Handeln 
genötigt fühlte, in unserem Feuilleton wider seine noch dazu über-gerichteten Kräfte Zu mobilisieren; man treibt Metaphysik, wo 
heblich vorgetragenm Angriffe Stellung zu nehmen (vergl. meinen man in die. Qekonomie hineinsteigen sollte usw. Immer dieselbe 
Artikels „Anstruktionsstunde in Literatur" in der Reichsausgabe G esc hi c ht e . T re tj a k o w s Bu c h v ermag vi e l e S c h re ib en d e w en i gs t ens 
vom April 1931). Nicht im Interesse des Fortbestands jener darauf aufmerksam zu machen, was unter der bitter notwendi- 
schlecht epigonalen, süßlichen und politisch durch und durch frag- gen V ersc h me lzu ng v on Th eor i e u n d P ra xi s wi r kli c h zu v ers t e h en 
würdigen Literatur, die heute, in den Zeiten der Kulturreaktion, sei. 
Wieder-den deutschen Markt zu bcherrschen beginnt- sondern gerade Nicht mrtzuvoWehen ist allerdings der reichlich primitive 
um ihrer Aenderung willen. Denn nichts erschwert solche Aende- K amp f, d en d er r u ss i sc h e Aut or gegen di e Ku ns t füh r t. E r 
rungen mehr als eine bornierte Attacke, die ihr Ziel verfehlt und v er wi r ft a u c h di e zulä ss i ge u n d r i c hti ge , er sc hütt e t d as Ki rr d m it 
d a du rc h d en G egner n u r noc h v ers t oc kt er mac ht. dem Bad aus. Auf dem Flug von Moskau zur Kolchose ertappt 
I n zwi sc h en i s t, i n e i ner v on Rud o lf S e lk e ansc h e i nen d pra zi s er sich etwa dabei, wie er nach der Vater Brauch „künstlerische 
besorgten Uebersetzung, Tretjakows Buch: „F eld - He r r e n" er- Bilder" assoziiert, die er abscheulich findet, weil sie rein das sub- 
sc hi enen , d as d en K amp f u m e i ne K o ll e ktiv-Wi r t- jektive Gefühl des Landschaftskonsumenten ausörücken. Die von 
schaft behandelt (MaM-Verlag). Es demonstriert unter anderem, oben gesehene buntscheckige Fläche erinnert ihn an eine Flickendecke 
was uns sein Autor seinerzeit in Berlin nicht zu entwickeln ver- oder der „Pfad mitten durch ein blaugepflügtes Feld ist wie ein 
mochte: den neuen Typus des Schriftstellers. Er ist gewiß nicht, S pr u ng i n e i ner S c hi e f er t a f e l". F or t d am it, sag t er zu s i c h se l- 
wie die extrem linke Tretjakow-Gruppe, keineswegs im Einklang ber empört. Wer leider rächt sich die eben zitierte Poesie, die mir 
mit der offiziellen Parteimeinung, behauptet, der einzige Schrift- üb r i gens k e i nes w egs di e ec ht e Zu se i n sc h e i n t, an ih rem bä r b e ißi- 
stellertypuZ, der heute Gültigkeit zu beanspruchen hätte; aber er ist gen V er ä c ht er . D enn s i e läßt s i c h d en Hi na u s wu r f e i n f ac h n i c ht 
darum doch von, einer außerordentlichen Wichtigkeit und verdiente gefallen, sondern schleicht sich durch die Hintertür schelmisch wieder 
a u c h i n D e ut sc hl an d öff en tli c h di s kuti er t zu w er d en . herein und erobert stch doch noch Zin Plätzchen. So vergleicht einmal 
Zu m U n t ersc hi e d v orn „i n f orm i eren d en " S c h r ift s t e ll er th p uZ Tretjakow, lange nachdem er allen nichtsnutzigen Bildern den 
nennt ihn Tretjakow Lsn „operierenden". Seme Misston Garaus gemacht Zu haben glaubt, die Rippen eines hageren Rei- 
ist: nicht zu berichten, sondern zu kämpfen; nicht den Zuschauer t ers m it Kl a vi er t as t en u n d s t e llt e i n ^d erssma l, w en i ger t re ff en d, 
Zu spielen, sondern aktiv einzugreifen. Am besten bestimmt ihn f es t, d a ß e i n i ge Mä nner „i n d a ß G e wi mm L d er W e ib er wi e i n 
Tretjakow selber durch die Angaben, die er über seine eigens ein schreckliches Eisloch" spranM. Wenn das keine Poesie sein 
Tätigkeit macht. Als 1Z2F, in der Epoche der totalen KollMvi- so ll! D er ems i ge MilL er u ngsgr u n d fü r ih re hi er u ner wü nsc ht e 
siLWRZ der Landwirtschaft, die Parole: „Schriftsteller m die Existenz ist- daß sie unserem Bilderstürmer offenbar unbewußt 
Kolchose l" emsgegeben wurde, fuhr er nach der KorrmMne: ,Kom- k omm t. 
rn MW sc h er L e u c hftu rm " u n d ncc h m HM wU ren d Zw e i er M ngsrsr Die HemuHWwg dieses Widerspruchs erfolgt zu dem einzigen 
Aufenthalte folgende UAeiten in Angriff: Einberufung von Zweck, um eine falsche Ideologie Zu korrigieren, und ist keineswegs 
Massenmeetings; Sammlung von Geldern firr die Anzahlung auf als ein Einwand gegen die Sprache Tretjakows 
Traktoren; UeberredunZ von Einzelbauern Zum Eintritt in die Mlichs, schnittige Sprache, die ihren Gegenstand scharftrifft. Und 
Kolchose; Inspektion von LeseHütten; Schaffung von Wandzeitun-welch einen Gegenstand! DaMstM ist in dem Buch nichts Ge 
gen Md Leitung der Kolchos-Zeitung; Berichterstattung an ringeres als eine Phase aus dem ungeheuren Umw 
MoskauZr Zeitungen; Mnführung von Radio und Wanderkinos der sich in Rußland seit über einem Jahrzehnt vollzieht. Die 
usw. Kurzum, dieser Schriftsteller neuen Stils ist ein PraWer. KollskLivtsierung der Bauern und der land 
Einer, der sich an irgendeiner Stelle in dm Produktionsprozeß wirtschaftlichen . H e t r i e L e: dieser Vorgang, her zugleich 
mit eistgliedert, statt ihn nur von fern zu betrachten, und die in ein Kampf gegen die Wherige NMr des Menschen stst, wird von 
ihm gemachten Erfahrungen nicht zu Kunstwerken verdichtet (die einem aMvm Kombattanten so deutlich vergegenwärtigt, daß man 
hier gewissermaßen als privater Konsum angesehen werden),.sie ihn durch alle Etappen hindurch witverfolgen kann. Um so mehr, 
vielmehr in Gestalt vouKrW, Aufmunterung und organisato-M Tretjakow den Lesern leinen blauen Dunst Vormacht, soMsrn 
rischen Mrsch.^ ,wieder dem/ Produktionsprozeß zuführt. Das dank seiner Tätigkeit an der Front die Angelpunkte des Prozesses 
Buch Bon LrM M' tn 'der Eatz ö die Weitere genau kennt ükd M Mischen' Analysen nicht spart. Er. legt wieder-- 
Durchbildung der KoUWv-MrtschE seim " 'M dm Finger auf die der MMaLL^ ohm 
Die Einseitigkeit, mit der dieser Schriftsteller verfährt, ist zu beschönigen, die gewaltigen Schwierigkeiten, die der Versuch zur 
vielleicht beschränkt, hat aber unter allen Umständen einen hohen Aufh e bu ng d es bäu er li c h en F am ili enego i sm u s b ere it e t, u n d g ibt 
Gebrauchswert. Auch für die Entwicklung des Schrifttums in sich nicht der geringsten Illusion darüber hin, daß dieser private 
Deutschland. Denn obwohl die Anschauungen Tretjakows Egoismus einem Aum minder bedenklichen KollMvegpiZnms 
schon deshalb keine unmittelbare Anwendung auf unsere Verhält- weicht, den es ebenfalls auszmotten gelte. So wenig ich dazu im- 
nisse dulden, weil wir uns ja nicht im Stadium des sozialistischen stande bin, die Auskünfte des Buches zu kontrollieren, so bestimmt 
Aufbaus befinden, lassen sie sich doch zur kritischen Auseinander- kann ich doch versichern, daß es ein eingreifender und methodologisch 
setzung mit verschiedenen literarischen Aeußerungsformen be- l e h rre i c h er O pera ti ons L e r i c ht i s t, d er s i c h se h r zu se i nem 
nutzen, die Lei uns heimisch sind. Vor allem mit der Form der V or tE v on s ä m tli c h en I mpress i onen - d er Sy s t emgegner u n d d er 
Reportage: Ihren Methoden sind die Tretjakows dadurchschlachtenbMmelndm...
        <pb n="14" />
        Spionage im Krieg 
8.. L r Le Lusr. 
oder „Horck" den Krieg direkt anspricht, setzt er ihn doch als eine 
gar nicht zu diskutierende Selbstverständlichheit voraus. Schlacht 
felder und Maschinengewehre gehören zu seinen Requisiten, und 
beinahe die einzige Zivilperson, die in ihm vsrkommt, ist ein 
Kriminalkommissär, der ebenfalls zu militärischen Zwecken be 
schäftigt wird. Man mag einen solchen Tatbestand durch die Er 
klärung zu rechtfertigen suchen, daß es im Weltkrieg ebenso aus 
gesehen habe. Aber diese Erklärung ist ungenügend. Aus zwei 
Gründen: Erstens ist es im Weltkrieg bestimmt niemals so 
unwahrscheinlich und romanhaft Angegangen wie in dem Film 
reißer, und zweitens kann man überhaupt nicht den Krieg einfach 
zum Hintergrund erniedrigen und ihn gar noch als Anreiz für 
irgendein Sensationsstück verwenden. Entweder macht man den 
Krieg, in der Absicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen, zum 
Hauptgegenstand eines Films, oder man läßt ganz die Finger 
davon. Ihm eine Nebenrolle zuschieben wie hier heißt aber von 
vornherein: ihn anerkennen, ihn unserem Alltag einverleiben. 
Ich bezweifle nicht, daß der Film auf viele unkritische Zuschauer in 
diesem Sinne wirkt. Sie fressen die Spionageaffars und schlucken 
mit ihr zugleich ahnungslos das Kriegsleben herunter. Bis es zu 
letzt Zu ihrer Mtagsnahrung wird, bis sie sich eines Tages nicht 
mehr darüber verwundern, einen wirklichen Krieg mitzumachen, 
der dann sicher von Anfang bis zu Ende verfilmt werden wird. 
Vielleicht ist den Filmherstellern nicht einmal deutlich bewußt, 
was sie mit einem solchen Film anrichten. Gerade darum besteht 
die Pflicht, es ihnen und den Konsumenten zu sagen. Wobei ich 
mich nicht m dem Wahn wiege, die Produktion Zu verbessern, 
sondern sie nur ein wenig zu entgiften hoffe. Damit sie nicht 
unter falscher Flagge segeln kann. 
Berlin, im Februar. 
Seit einiger Zeit florieren die Spionagefilme, und 
jeder weibliche Star — die Garbo, die Dietrich usw. — muß 
Mindestens einmal Spionin gewesen sein. Je anspruchsvoller sich 
diese Filme gebärden, desto schlechter endigen sie gewöhnlich. Das 
heißt, die Starspionin geht mit dem Tod ab. Einmal darum, weil 
ihr Tod dem ganzen Film die Weihe einer Schicksalstragödie gibt, 
was als sehr attraktiv und vornehm gilt. Zum andern darum, 
weil das tödliche Finale ausgezeichnet Zur Verklarung des Liebes 
erlebnisses der Heldin dient. Ohne Liebe wäre aber eine Film- 
star-Spionin ein Dreck. Und was konnte die Größe ihrer Leiden 
schaft besser ausdrücken als dies: daß sie für den Geliebten sich 
ausopfert und stirbt? Sie läßt ihn in der Regel entwischen und 
muß dafür als Verräterin den Tod erleiden. Zwei Fliegen wer 
den durch ihn mit einer Klappe geschlagen. 
Auch der neue Spionagefilm der Ufa: „Unter falscher 
Flagge" benutzt natürlich den Todeseffekt. Ein von Johannes 
Meyer sehr geschickt inszenierter Reißer, der so viele gerissene 
Tricks aneinanderreiht, daß man unwillkürlich auf die Vermutung 
gerat, es handle sich in dem Film um die konzentrierte Dar 
stellung sämtlicher moderner Spionagemethoden. Die Spannung 
allerdings wird durch diese Häufung von Wachsabdrücken, Ge 
heimschriften, Grammophonplatten mit doppeltem Belag usw. 
eher vermindert; denn bald schlägt ein Kniff den nächsten tot, 
und man stumpft nach und nach ab. Um so mehr, als man schon 
Lange vorher weiß, wie die primitive Geschichte sich weiter 
entwickelt. 
Es lohnt sich nicht, von dem Film ausführlich Notiz Zu 
nehmen, beförderte er nicht mittelbar die Gewöhnung an 
Kriege. Ohne daß er wie „Das FlotenkonZert von Scmssouei"
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        Uevolutionäre Arkdmontage. 
K. LrToLUtzr. 
nisse kunstgsmäß zu montieren. 
nicht den Gesetzen entziehen, die den allgemeinen Warenaustausch 
regeln, 
Reihe von Arbeiten, die konstruktivistische Elemente zu Dar 
stellungen revolutionierenden Inhalts zu verwenden suchen. Ein 
Blatt-'zum Beispiel, das den Titel „Klassenjustiz" trägt, zeigt 
einen schematisierend in den eine Göttin der Ge ¬ 
rechtigkeit hiNLingesetzL ist, deren Erscheinung aus einem mit 
Börsenkursen bedruckten Zeitungsfetzen besteht. Andere Blätter 
veranschaulichen ähnliche Erkenntnisse. So wird gegen den Krieg 
durch eine Bildmontage amputierter Glieder gekämpft und gegen 
die heutigePt durch ein Matt, auf dem eins von . 
einer behandschuhten Hand' gehaltene Stoppuhr mit einer Kom 
bination aus ArbeiLerfäusten und Maschinenteilen Zusammen 
montiert ist. Ich darf mich mit diesen Angaben um so eher be 
gnügen, als die Mehrzahl der Themen nach demselben Prinzip 
behandelt wird. Daß die ihm entspringenden Werke einen Zug zur 
Allegorie haben, geht besonders deutlich aus einer großen Arbeit 
hervor, die in rein allegorischer Weise den gesamten Kapitalismus 
(Wannte Herstellerfirmen, Institutionen usw.) in einem Panzer 
turm unterbringt, dessen Kanonenrohre streikende ArSeitermassen 
bedrohen. Ein paar Blätter unterscheiden sich von den übrigen 
dadurch, daß sie auf die direkte Aktion verzichten und sich mit der 
Wiedergabe des durchrationalifierten Arbeitsprozesses begnügen. 
Sie vergegenwärtigen mit Hilfe fein gezogener Konstruktionslinien 
das FnZmandergreifen von Uhren, Kränen, Hängebrücken, Straßen, 
Arbeitern^ Hochbahnen usw. 
Beantwortung durch zuständigere Besucher vorwegnehMÄr K 
wollen, möchte ich doch mit einigen Bemerkungen an sie an 
knüpfen. Der Versuch, eine Künstübung, die einmal als fort 
schrittlich galt, nicht, einfach beiseite M M 
die eigenen Zwecke gewissermaßen auszurauben, ist unter allen 
Umständen richtig und fruchtbar- Das konstruktivistische Verfah 
re war eine Kapitulation der ErlebnisLunst vor der unpersön 
lichen Technik. Es entthronte das in seiner Zufälligkeit durch 
schaute Ich und unterwarf es einer Schöpferkraft, die ihm ob 
jektiver und maßgebender schien als die des anarchischen Indi 
viduums. Alle konstruktivistischen Werke sind bewußt ausdrucks- 
feindlich und Zerstückeln das Ich, um mit seinen Teilen wie mit 
Kleinholz die Maschinen einzuheiM, M sie verherrlichen« Die 
vier Aussteller nun heben das vorn Konstruktivismus Begon 
nene im bekannten HegeMen' Doppelsinne auf/ Sie vernichten 
zunächst die konstruktivistische These, die der Technik gibt, was 
ihr nicht ZukommL, indem sie durch ihre Arbeiten- den Nachweis 
erbringen, daß die heutige Handhabung dieser Technik die glei 
chen anarchischen Zustände W wie das . um ihrer- 
in die proletarisch-revolutionäre Kunst überzuführen. Vonihrem grundlos .zu schlagen. Manche Arbeiten sind. weniger durchM 
Bemühen soll die Ausstellung zeugen. Sie enthält in der Tat eine ja . soga. abwegig, aber die meisten sind doch, was sie alle / sein 
Die letzte Frage des Fragebogens lautet: „Wieweit ist der 
dialektische Uebergang vom Konstruktivismus zur proletarischen 
Kunst von den Künstlern... bereits gelöst worden?" Ohne ihre 
ja . soga. abwegig, aber die meisten sind doch, was sie alle / sein 
wollen: , auf dm Stand der.sozialistischen Lehre gebrachte Mon 
tagen, die den Konstruktivismus lrgmdkren und reLten^^ . ^ 
Berlin, im Februar. 
Vier Künstler: Albrecht, Fuhrmann, Lex und Nilgreen, haben 
eine Ausstellung „Revolutionäre Bildmontag e" ver 
unstaltet, deren Bestimmung es nach dem Katalog ist, „als Waffe 
rm Klaffenkampf Zu wirken". Ihre Aufmachung entspricht jeden 
falls diesem Ziel. Sie wird im Treppenhaus und einem Flur des 
Klubhauses „Graphischer Block" gezeigt, in dem offenbar irgend 
welche Parteibüros untergebracht sind, und alle Leute, die diese 
Büros aufsuchen, müssen an ihr vorbei. Um den Kontakt zwischen 
ihr und den Betrachtern noch enger Zu gestalten, fordern die Aus 
steller ferner die Kritik der „werktätigen Öffentlichkeit" durch 
Frag e L s g e n heraus, in denen unter anderem gefragt wird, 
ob die Ausstellung gefalle oder mißfalle, ob man sie für richtig 
Kalte, was an ihr etwa Zu ändern sei usw. 
Diese Vorkehrungen mögen als äußerlich erscheinen, gehören 
aber faktisch schon zum Gehalt der Veranstaltung. Da es ihre Ab 
sicht ist, zur Veränderung des Alltags beizutragen, begibt sie sich 
in den Alltag hinein; da sie den Grundsatz kollektiver Arbeit an- 
erkennt,/nötigt ste, durchaus folgerichtig, die Beschauer, an die sie 
Mehr allerdings nicht. Ohne daß ich einen Mangel' an Be 
gabung mit in Rechnung bringen möchte, bin ich festzüstellen ge 
nötigt, daß das Gros der Blätter — sei es aus Gründen der 
konstruktivMchen Herkunft, fei es infolge des selöftgewählLen 
Zieles von geringer Durchschlagskraft ist. Diese Arbeiten öe- 
schränken sich darauf/ dem Werktätigen Erkenntnisse zu 'vermit 
teln, die ihm auch auf andere Weise Zugeführt werden; während 
es ihre Aufgabe^ nich^ 
zu wiederholen, sondern sie. so zu montieren, daß die Gestalt der 
Bildmontage sich sinnfällig einprägt.. Dann er^ 
die Blätter wirkkch den vollen Gsbrauchswert, den sie in der 
vorliegendm Form noch nicht haben, weil sie in Erkenntnisse 
sinmündm statt diese zugrunde zu legsm Es.fehlt ihnM etwas, 
das man -als den Ueberschuß über die LheorsLischs 
Erkenntnis bezeichnen kann; ich meine jenen Ueberschuß, 
der sie aus (an sich unnötigen) Erkenntniß-ZllustraüonM zu not 
wendigen optischLR Verkörperungen von Erkenntnissen machte. 
Damit ist nicht ihr Wert als Uebungen, wohl aber ihre Wirkung 
bezweifelt- Ich glaube beinahe mit Bestimmtheit 
dürfen, daß auch die Besucher, auf die es qnkomm^ dnrch die 
Ausstellung nicht eigentlich aktiviert werden, sondern in ihr- nur 
das bereits von ihnen begrifflich Gewußte vorfinden und nicht 
eins neue herausfordernde Form des Gewußten. Die vier Künst 
ler haben den Konstruktivismus Zu Montagen sozialistischer Er 
kenntnisse verwandt; ihr nächstes Ziel müßte sein: diese Erkennt 
dem schlechten Milieu wegtransportierr, in dem sie verkamen, 
und einem Bedeutungswandel mrtLrZsgsn/ Das ist ökonomW 
gedacht und.dialektisch gehandelt. 
Die Art, in der die Künstler sich der betreffenden MeM 
neu bedienen, ist im großen und ganzen stimmig. Zum mindesten 
- ^//v - . O . . .. / in theoretischer Hinsicht. Das Netz der Konstruktionslinien 
. . . .. versandet nicht langer im Kunstgewerbs, erhält vielmehr die be- 
Me-Aussteller kommen nach ihrer eigenen Erklärung vom absichtigte klassenLämpf^ die Technik wirb der 
Konstruktiv her und sehen es als ihre Aufgabe an, Gesellschast zugeordnet und hat damit aufgWrt, Selbstzweck Zu 
diesen, den sie als „bürgerliche Richtung der Kunst" kennzeichnen,/ sein; die Uhren weisen auf /eine bestimmte .Stunde hin,, statt 
sich wendet, zur Diskussion. Andere Kunstbegriffe, andere will en d om K on t gs Lll g t ese lb s th er E W. W er 
Methoden. Die bisherige Malerei kommt den Menschen nicht auf sie lehnen .darum den Konstruktivismüs doch nicht völlig ab, son- 
ihrem Weg zur Fabrik oder Zum Büro entgegen, sondern lädt ste dern betrachten ihn als eine die man benutzen muß, und - 
in abgeschiedene Räume ein, die weitab von der Heerstraße liegen. h o l en d as B en utzb are zu s i c h h er üb er . D er AbbM 
A n d d ann üb er läßt s i e d as Publiku m s i c hf e lb er , o h ne e i ne Pl a tt- -Persönlichkeit, die Anerkennung der Technik als solcher usw. H 
form herzustellen, auf ihm Empfundene &amp;gt; und das von alle brauchbaren konstruktivistischen Uemmte . 
den Künstlern Gewallte.sich wechselseitig, kontrollierte. So muß es 
auch Mn. Denn einmal ist das meiste, was uns al^M 
geboten wird, noch immer ein Produkt idealistischer Welt ¬ 
anschauung, und zum anderen kann sich natürlich die Ware Kunst
        <pb n="16" />
        Lin 802iolo§l8äi68 Experiment? 
und unter allen Umständen 
vom Dilm gebrauckt 
ArekitektUrleistungen 
t § ssb, das Dlnä Mt dem Bade aus, indem ms auck 
dich Zur Aneignung oder VerWandlung käkigen DunsK 
slements liquidieren möckts. Das aber ist ein um 
krucktbares Verkalten. Vatsacklick sind sogar untei 
den ietZigen Verkältniss-en im Verkekr mit der Dilm° 
apparatur mancks Dunstdinge entstanden — ick 
denke nickt nur an Okaplin —, die sick Zur Ver 
änderung der Zustände sekr gut vsrWerten lassen 
Werden; genau so, Wie es 
gibt, die ikrsu Fcköpkern mit Deckt eine Vsrukung 
nack ZoWistruÜlLnä eingetragen kaben. Die gleicke 
8abotagtz verübt Dreckt, Wenn er der aus der Dult 
davon abMissken, äaß äsr Dreigroscksnopsr-Drmeß 
als Dxperimsnt tatsäcklick beäsutungsarm ist: äie 
IVirklickkbit ist, vor allem im gegenWärtigen Sta 
dium, sekon so provorierenä, äaß man sie nickt erst 
nock äurck „Dxpsriments" ru provoLieren brauckt. 
Im dsgeuteil, äisss „LOMologiseksn DxpsrimHpte^, 
Wie Dreckt sie gar su organisieren vorseklägt, sekä- 
äigsn ikrer Deberklüssigkoit Wegen eker äie Aktio 
nen, äie in äem von ikm bezakten Interesse äes 
Llassenkamples als notWenäig 2u srackten sinä. 
blickt nur ikrer Deberklüssigkeit Wegen, sonäern 
auck darum. Weil sie einer individuLlistl- 
seksn Daltung entspringen. 8m tragen einen ei gen 
Willigen, käst privatsportlicken Okarakter im Vsr- 
gleick mit äen äurck die jeWeillge Situation selber 
ksrauig62Wung6nen Dnternekmungen, die Wäkrkakiig 
nickt den Dkrgeis kaben, Dxperiments im 8inne 
Vrsekts LU sein. 
* 
Zu den Vorstellungen, die Dreckt seiner 
Aussage gemäß experimentell der ^Virklickkeit ab- 
gelistet kat unä nun verWirkt, gekoren auck diese 
beiden: „Der killn brauckt die Lunst^ und: „Nan 
kann den Dublikumsgesckmack verbessern^. Dr legt 
ikrer Diskussion Zitats aus einem Artikel von mir 
Bert DrGeLt bringt untsr Äsm lite! r „V s r » 
Zucks 8—10" einen neusn Land ksraus, 6er äsn 
Tsxt der OreigroLckenoper nebst Anmerkungen, äsn 
ßsinerZelt nickt vsrWLnäten DntWurk Zur Verfilmung 
äsr Dreigrosckenoper unä äis Abkanälung: „D 6 r 
OrsigrHscksnproZbß" entkalk Ick geke 
kier nur auk diese Abkanälung bin. 81s nennt sick 
-ein „soZiologisckes Experiment nnä bekauptet. eins 
neue kritlscks Ästkoäs Zu sein, äis mekr 
als anders. bisker gebrauckts Netkoäen änM tauge, 
um „äsr ständig kunktionierenden iVirkllckkeit, 
der immerkort recktspreck euä en äustiZ, äer ökkont^ 
licke Neinung ausdrückenäen oder erZeugenäen 
Dresse, äsr unaukkorlick unä unkinäorbar Dunst 
VroäuZierenäen Industrie ikrs Vorstellungen abZu- 
Irsten . . ." 
Dke ick mick äer Diskussion äer Vorstellungen 
ZUWenäe, äis Dreckt äsn gen Lunten Nackten ab- 
Dstet. untersucks Lok Zunäckst, Was es mit dieser 
neuen kritiscken Netkoäe des „soZiologiscksn Dx- 
Verimsntes" ant 8ick kat. Dreckt kericktet selber, 
Wie er Zu seinem Experiment kam, Dr fing äen Drei- 
grosckenoper-DroZbß (vsrgl. mein Dekerat: „Der 
DroZeß um äis Dreigrosckenoper" in äer klam 
mer vorn 9, November 1930) in äsr Absickt an, 
Deckt Zu Nicken, unä faßte ikn erst später als eins 
Veranstaltung auk äis äaM dienen konnte, das 
8piel äer gesells-ckaktlicken Dräkte, das Ineinander 
äsr versckieäenstsn Vorstellungen sicktbar LU 
maeken. „Aus einem äsn Akt einleitenden puren 
Deagisren ant eins unerträglicks Dugerecktigkeit 
Wird ein planmäßiges Vorgeken. Wslck-es eins all 
gemeinere Dngerecktigkeit Zum degenstand Wäklt..." 
Diese Ver^anälung eines naiv begonnenen Dro- 
zesses in ein bewußtes Dxperiment Wäre außsroräsvt- 
lick nütLÜck. Wenn das Dxperimsnt auk eins sonst 
nickt Zu srreickenäs IVeise geWisss gesellsckaktlicks 
Zustände unä äis äurck sie bedingten Vorstellungen 
erscklösse. Zeitigt es aber nur Drgebnisse. äie auck 
okns DroZeßkükrung unä mit anderen Dilksmitteln Zu 
gewinnen sind, so ist es Zum minäesten überflüssig. 
Ds ist überllüssig, Wie äie Abkanälung beweist. 
Denn Was tut Dreekt in ikr? Dr betracktet keines 
Wegs allein äie Vorstellungen, äie aus Anlaß des 
Vxperimevts (eben äes DroZesses) Zutage gefördert 
Worden sind. sonäern Wertet anek soleks Verstellun 
gen aus, äie mit äsm DroZeß nickt äas geringste Zu 
sckaten kaben. 8o analvsiert er im Interesse einer 
bestimmten Drkenntnis eins seinen DroZeß nickt bs- 
trEenäe Deicksgericktsentseksidung; so besckäktigt 
er sick angelegentlick mit einem Artikel von mir, 
äer dem Dreigrosckenoper-DroZeß ganZ kern-tekt, 
statt sick allenfalls um mein oben erWäkntes Deke- 
rat M kümmern, äas ikn bekanäslt. Ick komme" 
darauf nock Zurück, Mn bedarf es auck Zur Dar 
bietung isner Vorstellungen unä Ideologien, äie 
Dreckt seiner DroZeßaMre vürklick entnimmt, äurck- 
aus nickt äer Aktion des DroZesses selber; sie alle 
kätten sick vielmekr aus äer vor äem Dreigroseken- 
opsr-Drogeß gegebenen Realität kieken lassen unä 
sinä aus ikr saktisck 7um übsrWiegenäen Veil bereits 
gesogen Worden. In IVakrkeit ist also äas soge 
nannte soÄologiscke Dxperiment garkein s o 2'0° 
logisckss Dxnerrment. leb Will natürliek 
nickt bestrsiten. äaß Dreckt persönlick äen Dro^eü 
nötig katte. um äie unä äie Vorstellungen übsrkaupt 
erst einmal Zu siebten. Aber äas ist sem privates 
Deck, äa-- uns gleickgültig sein kann. Ds i.'t nur 
äann niokt mekr gleickgilltlg. Wt-nn er aus diesem 
Deck sofort pine neue kriti-^cke Netboäs maekt. 
Zu reckt.kert'gen suekt Dreckt äse D^neriment ä^s 
DroLes-es p'ckt Mlet^t äurck äie DrWägung. äaß 
mau äen Dapitalismus äaueMä ver^agnu la«-en 
mü-'^e. kllekt^ 501 boäenklicker A.l&amp;lt;- äie Daspjviiät 
vinlor linker F^krjttctoller äio si"k bei äer tkeoretb 
Anerkennung äes D'assenkZmpkes beriMgten. 
Ztatt in soleker Untätigkeit -m versinken, solle man 
vielmekr p^ok äem von ikm gegebenen Deisplk»l 
,..So^'oloMscbe D^cimente in leäem Ism^g oganb 
si^ren .. Ick glaube nickt, äaß ein materialistiseKer 
Dialektiker Dreckt kierin Deckt gäbe. Denn um gans 
gegrikktznen und Willkürliok in meinen Artikel kinein- 
pkantasierten VorLteUung: „Nan kann den Dubll- 
kumsgesckmack verbessern" tzntgegenkalt: . man 
kann den Dublikumsgesckmack äes Dublikums nickt 
äurck bessere Dilme. sondsrn nur äurck eine Aende 
rung seiner Vsrkältnisse ändern". OsWiß Wird der 
Dublikumsgesckmack nur durck eins Aenderung der 
VtzrkältnWse des Dublikums grundlegend geändert, 
aber die VoraussetZung dieser Aenderung ist ein 
bereits in Aenderung befinälicker Dublikumsge- 
sckmack, dem fraglos auck iens soeben von mir als 
verWertbar beseickutzte Dllmdings Zugsordnet sind. 
— Ick stelle Zusammenkassend kost, daß Dreckt kier 
Wie anäersWo die Kituation nickt analvsiert, sondern 
nur gegen sie agiert. Die Analvso einer 
8ituation kilkt diese verändern; eins soleks Vlague 
ruft keine Veränderungen kervor. 
* 
Iwmerkin Zeugt die LcLrikt von der angestrengten 
Demükung eines doebbegabten Autors um die 
materialistiseks Dialektik und sollte darum gerade 
unter den Diteraten Interessenten finden. Dreckt gibt 
nickt nur die erWorbeüen Lenntuisse in sekarken, er- 
sickilick von den Narxeseken Antitkesen beeinkloß- 
ten Dormulisrungen Wieder, er Wendet sie auck 
manokmal erkolgreick am 80 legt er auk eine instruk 
tive Art den beim Vsrsclüeiß von Kunstprodukten 
eintretenäen Abbau des VegriKs der Dsrsönllckkeit 
dar, der dock die betretenden Drodukte angebllck 
entstammtzn. oder mac-dt darauk aufmerksam, Wie un- 
Zertrminllck veraltete Ideologien mit neuen dersel 
ben Dlasse verknüpft sind. DurZum, die Kekrikt ist 
im großen und ganZen das Zsicken des Debergangs 
von dsr kergebrackten DenkWSiss Zu einer nck- 
tigeren. Da sie spürbar nock aus dem DroZsß des 
Dsrnens dervorgekt, seklägt in ikr natürliek überall 
Zugrunde, den ick vor einem knappen äakr unter 
dem Ditel : „Asta Welsen unä die Dilmbrancke" in 
unserem Deuilleton verökksntllckte. Daß er äurck äie 
Benutzung eines dem Dr sigrosekenoper-D r 02 sss e 
nickt gtzWlämeten Artikels den Dxperimentalekärak- 
ter dieses kroresses selber aukkebt, sagte ick sekon. 
Dinrurukügen ist kier: daß er meinen Artikel kalsek 
benutzt. Drkläre ick auck in ikm, unä 2War in Vs- 
riekung au? AZta Klielsen, die seit äakren von der 
Dilmbrancke ausrangiert Worden ist, daß die Dilm- 
kersteller mindestens äaru imstande sein müßten, 
äen klutxWert der Dunst sinxukalkulisren. so muie 
ick iknen dock nie unä nimmer su, daß sie äen 
Dublikumsgesckmack verbessern könnten oder soll 
ten. Ick bekannte vielmekr in dem Artikel unä ge 
rade an äer Zitierten Ltslle, äaß die Dilmbrancks 
sick nock nickt einmal in den Dublikumsbedürinissen 
aus kenne und kolgliok kommerZiell untücktig sei — 
eins Vekauptung, die kick nackträMck durekaus be 
stätigt kat (vergl. meinen Artikel: „Lckiuß mit 
dem Llamauk!" in äsr Deicksausgabe vom 10. dan. 
1932). Dreckt kat es aber nickt kür nötig gokelten, 
äsm Artikel diese Vekauptung abZullsten, die er 
allein entkalk sondern praktiZiert mit geringer Dist 
ems andere in ikn kinsiv, die vorker gar nickt in 
ikm entkaltey War; eben die: ,.Nan kann den Dubli- 
kumsgesckmack verbessern". Daäurck, daß er sie 
überdies ZWiseken AnkükrungsLeicken setZt, suckt er 
den Desern nock äaZu vorZuspiegeln, als sei s-ie dem 
nackkolgenäen Zitat Wörtlick entnommen. 80 maeken 
es Daseksnspieler auk dem Narkt. 
Zur 8acke selbst ist Zu bemerken: die Dolemik 
Dreckts gegen die beiden Vorstellungen: „Der Dilm 
brauckt äie Dunst" und : „Nan kann äen Dubllkums- 
gesckmack verbessern" erkolgt von seinem radikalen 
Dunstbegrikk aus, äer äie Dunst als „Oenuümittel" 
verneint unä Dunst überkaupt nur insokern gelten 
läßt, als sie (im Dienst äes Dlassenkamp^) äie 
gesellsckaktlicke IVirklickkeit gibt. Dieser Dunst- 
begr-ikk ist ZWeikellos eine nütMoke DamulWakke 
gegen äas bürgerlicke DeWußtsein: aber Dreckt ver- 
Wenäet ikn Polemik ob in emer ^Veise, äie seinen 
WitZen Zum großen Veil Wieder Zerstört. VoZu näm- 
lick verWtznäet er ikn? Zur totalen Drüskierung äer 
keutigen (Dunst-) 8ituation. statt Zum Au-Weis äer- 
ienigen Dlemento in ikr, äie bereits auk äie neu Zu 
sekakkenäs Situation kmäemen Als entstedo äie-e 
neue 8ituotion kix und fertig aus dem klickts, els 
sei sie nickt vielmekr in der alten sekon angelegt? 
IVäre Dreckt der materialist^cke Dialektiker, aer 
er sein Will, §0 dürkte et die Vor-tellung: „Der 
Dilm brauckt die DunE Nickte damit er 
ledigen daß er resümiert: „Ds iet nickt n'cKtig daß 
der DUm die Dun-t brauckt, e? sei denn, man 
sekoM eine neue Vorstellung Dunst". Denn e'ns 
soleke Aussage seküttet, durekaus undialek- 
ös^l ^eckts Versuch: »Der OssrAroLcksn^soLeA 
Don S. Kraeaner.
        <pb n="17" />
        Mrietä-Irogramm von yeute 
8. Lrs.es «»r. 
i . lf - M«' 4L -1 &amp;lt;? äL 
Mema: Arbeit^ 
Berlin, Anfang März. 
Der Film: „Drei von der S tempelst: ll e" (Manu 
skript: Bunger, Waren, Reicher; Regie: Eugen Thiele), der vor 
ein paar Tagen im Marmorhaus uraufgeM wurde, st e*ne ver 
hältnismäßig angenehme Ueberraschung. Sein Titel klingt nur da 
rum an den des Films: „Drei von der Tankstelle", an, um diesen 
Zu desavouieren. In Wahrheit ist er weder eine jener blödsinnigen 
Opereiten- deren Produktion gar nicht äufhören will, noch eines 
der neubürgerlichen Filmindustriespiele, in denen es Unentwegt 
heiter, herrschaM und verlogen zugeht. Er bemüht sich vielmehr, 
ein Stück Wirklichkeit zu zeigen, und das ist heute schon viel. 
Man sieht in dem Film Arbeitsämter, wie sie sind, Straßen, 
wie sie sind, und sogar einige Zustände, wie sie sind. Die Handlung 
ergibt sich ungezwungen aus der Arbeitssuche. Drei Erwerbslose 
verschiedener Schichten, die bei einer Witwe Unterkunft gefunden 
habcn, machen vergebliche Anstrengungen, wieder eine Stellung 
zu bekommen, und entschließen sich nach zahlreichen Fiaskos am 
Ende dazu, Siedler zu werden. Darüber später. Ich finde es an 
erkennenswert, daß der Film verschiedenen Lustspielmöglichkeiten 
ausweicht und einige instruktive Einblicke in die Lage der Arbeits 
losen gewährt. Wie leicht wäre e^ gewesen, die drei Helden an 
irgendeinem Punkt aus dem allgemeinen Elend herauszuheben und 
ihnen die große Chance zu geben! Es. geschieht aber, nicht. Die drei 
bleiben in der Masse stecken, zu der sie gehören, werden abgewiesen 
wie die andern, suchen Gelegenheitsarbeit, machen Projekte, die 
sich Zerschlagen usw. In Zwei, drei Szenen verdichtet sich dieses 
typische Dasein zu typischen Situationen. So brüllt einmal einer 
der Arbeitslosen die kleinbürgerliche Witwe an und protestiert da 
gegen, wie ein Deklassierter behandelt Zu werden; so verhöhnt eine 
Arbeitslosenversammlung einen Redner, der über die guten Ab- 
sichtm der Regierenden 
Diese Vorzüge des Films werden allerdings durch seine 
Schwächen und Fehler teilweise zunichte gemacht. Eine Schwäche 
ist zum Beispiel der unwiderstehliche Hang zum Idyll. Immer 
wieder entsaftet sich ein behaglicher Humor, der offenbar die Härte 
des Stoffes mildern soll und nur ungenügend von einem grim 
migen Sprechchor eingegrenzt wird. Es gibt solche Oasen der Ge 
mütlichkeit, gewiß; aber sie dürfen den Situationsbericht nicht ver 
fälschen. Wahrscheinlich haben die Hersteller geglaubt, das Thema 
Wsrn; mit ausdrücklicher Genehmigung ihrer Intendanz, wie es 
auf der Vorankündigung heißt. WaS grWHt hier? Wahrschein 
lich nicht viel anderes, als daß die Kunst nach Brot geht. Die 
Konzertsale fmd schwer M Men, die Theater noch schwer« zu 
finanzieren, «M&amp;gt; dir WforptivnsfWgkeit des Films ist schließlich 
nicht unbegrenzt. So wir» das Variete zur AufnahmeMung 
mancher Solisten. Und es zieht sie anscheinend nicht ungern zu 
sich heran. Denn durch die Krise ist eS genötigt, die Anreize zu 
vermehren und unter anderem den Eensationswert au^unützen, 
den künstlerische Leistungen inmitten artistischer erhalten. 
Die Kunst selber verändert sich ebenfalls auf dem Wege Ssm 
Konzertsaalpodium zum Variete. Sie wird zerschlagen, in Stücke 
und Stückchen zerhackt. Kann man im VarietS die ganze Harfner 
Serenade von Mozart bringen? Die Serenade wäre für eine 
Nummer zu lang. Also wird nur das Rondo gespielt, das gerade 
die passende Nummergröße hat. An diesem kleinen Beispiel Le- 
stätigt sich wieder einmal, daß wirtschaftliche Wandlungen un 
weigerlich solche des Bewußtseins hervorrufen. Da die ausübenden 
Künstler durch die Produktion von Nummern existieren müssen, 
beginnt die Totalität des Kunstwerks ihre Existenz aufzugeben. 
Die Kunstwerke sind nicht mehr ihrem ganzen Umfang nach los 
zuschlagen wie irgendeine Herrenzimmer-Einrichtung, sie gehen 
nur noch in Teile« ab. Diese Art ihres Ausverkaufs zu beklagen, 
wäre um so müßiger, als sie genau unserer Situation entspricht, 
in der faktisch nichts Ganzes gilt. Der Abtransport der Kunst 
nummern ins Barietä ist kein isolierter Vorgang, sonder» die 
möglichst mundgerecht servieren zu müssen. Sie hätten besser auf 
diese Kompromisse verzichtet. 
Zu den Fehlern rechne ich die Art und Weise, in der die 
Kündigung der Tochter der Witwe motiviert wird.,Sie ist in einem 
Putzfalon angestellt und verliert ihren Posten, weil sie als an 
ständiges Mädchen sich den unsittlichen Bewerbungen des'Chefs 
entzieht. Dergleichen kommt zweifellos vor, reicht jedoch als Motiv 
in einem Arheitslosenfilm nicht hin. Es ist ein individuelles Motiv 
und nicht eines, das der Wirtschaftskrise entspringt. Auch in jenen 
Filmen, die sich, wahrhaftig um die Krise nicht kümmern, er 
eignen sich mitunter aus gleichen Gründen die M 
Ueberhaupt vermeidet der Film — das ist sein Hauptfehler alle 
Erklärungen^ dre über die Wichergabe der Stimmung, hinaus 
führen. Er unterläßt sie nicht nur, er sabotiert sie au^ 
Einer der Arbeitslosen, ein entlassener Buchhalter, versucht sich un 
aufhörlich Rechenschaft darüber abzulegen, warum so viele Mil 
lionen Menschen von dem Schicksal der Arbeitslosigkeit betrog 
sind und wie man dieses Schicksal etwa aufheben könnte. Seine 
törichten Auskünfte werden von den Kameraden verlacht und 
reizen niemanden zum Nachdenken. Mit anderen Worten: der Film 
versandet mach einem guten Ansatz in der Reportage, die sich zu 
schildern begnügt und das Schicksal für Schicksal nimmt. Richtiger 
wäre es gewesen, die Denkbemühungen des. Arbeitslosen zu' Dis 
kussionen auszubauen, die wirklich Aufklärung verschaffen. Dem 
vorzeitigen Halt, das geboten wird, entspricht au^d 
der beinahe eine Propaganda für den Siedlungsgedanken M 
Sonne geht über den Wäldern auf, sobald die zukünftigen Siedler 
aus der Stadt fahren. Ich fürchte, sie geht rasch wieder unter; 
denn das Sledlungsunternetzmen in seiner jetzigen Form weist viel 
zu viele Unvollkommenheiten auf, als daß es optimistisch zu 
stimmen vermöchte. / 
Während der Premiere wurde die Vorführung des FM 
von der P a n z e r - F i lmp r o d u k L i o n G. m: b. H. hergestellt 
wurde) immer wieder durch Beifall und Zurufe unterbrochen, die 
von der leidenschaftlichen Anteilnahme des Publikums zeugten. 
Damit ist bewiesen, was ich schon häufig sagte: daß das Publikum 
Filme verlangt, die nicht in einem anderen Erdteil oder in einer 
imaginären Gesellschaft spielen, sondern seine eigene Wirklichkeit 
demonstrieren. Es läge im.Interesse der Filmindustrie, daß sie sich 
endlich danach richtete. Oder vielleicht doch nicht in ihrem Interesse? 
L. LrLLLüem 
«er««, Ende FeLnmr. 
Ichen geMe BerLiLerimgen vor -ch. «MMch 
sich dM wie isweer in der Hauptsache Arteten, und 
aerads das Februar-PrograMM der Ecsla brirrgt eine ganz 
große NumWer: den merikanischen DrahtjeMüllstler Con Colleano, 
der M dem Seil nicht nur bezaubernd Tango tanzt, sondern 
sogar den Salto nach vorwärts macht, ohne Hinterher seme Posi 
tion auf der schwankenden Grundlinie Preisgeben zu muffen. Aber 
Mischen den eigentlichen «rüsten tauchen neuerdings wieder und 
wieder Künstler auf, denen es nicht vorbesÜMMt war, als Tarletz- 
Attrattion zu glänzen. Sie kommen aus den Theatern und 
Konzertsälen und reihen sich jetzt unter die Jongleure, Akrobaten 
und Exzentrils ein. 
We Geigerin Edith Lorand zum Beispiel bWNjprmht mit 
Hrem Kammerorchester einen breiten Kaum im augenblicklichen 
Scala-Programm. Man Hat sich angestrengt, dieses Ensemble 
möglichst varietLgerecht aufWputzen und weder an Scheinwerfern 
noch an stimmungsvollen Hintergrundspanoramen gespart. Da 
die Künstlerin unter dem Zwang des Milieus fast lauter Liev- 
Nngs- und Bravourstückchen zum besten gibt, wäre die Musik 
welt, der sie entstammt, kaum zu merken, spielte sie nicht einmal 
etwas von Mozart. Wahrhaftig, sie spielt ein Mozart-Rondo, 
und das Publikum ist so mäuschenstill wie beim Höhepunkt eweS 
Trapezaktes. Gefahr und Kunst scheinen dies gemeinsam zu Haben: 
datz sie den Menschen den Wem verschlagen. 
Im nächsten Monat wird Vera Schwarz Frau Lorand ab- Folge eines durchgreifenden Prozesses.
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        gestaltun-g der 
^en Interesse 
l^iscbeben immer sitren bleiben ru können, um 
dieses lebenden Bildes der ^narebie endlicb 
ganr inne 2U werden! Bs ist eine Brscbeinung, 
die untergeben ^vird, und rugleicb ein Vorglanx 
künktiger Leiten. 
Vergeblicb bemübe icb mieb, aucb nur die 
rausebende Oannebiöre rum 8teben Lu bringen. 
Man muü sie erkabren und ergangen baben, Lsst- 
balten läüt sie sieb »Lebt. Und so ist es mit Mar 
seille überbaupt. Oe&amp;gt;vLÜ, Leb könnte den ^.lten 
Blaken besebreiben, um dessen BecbteoksklLcbe 
die ^veLÜe 8tadt sicb amplütbeatrabseb aukbaut; 
könnte im Blakenviertel untertaueben, durcb die 
Bordellgasse streiken und an trüben Binnsalen 
entlang, in denen die Kinder ibre 8cbikkcben trei 
ben lassen, 2u einem kleinen Blair emporkübren, 
dessen Bäume so kriedlicb grünen, als stünden 
sie in einem abgescbiedenen Dork; könnte Notre 
Dame de la Oarde von verscbiedenen Bunkten 
aus -eigen, Nacbmittage in der dolliette sebildern, 
in einer Drambabn über die Oornicbe rasseln, bis 
^veit binaus -ur Blage, und dann nieder -urück- 
gleiten durcb die Brado-^lleen. Doeb das alles 
näre längst nicbt genug oder scbon viel -u viel. 
Denn ner Marseille nicbt kennt, dem belken aucb 
die Darstellungen des Biebenden niebts. Önd ner 
es kennt, — Lbm reicbt ein mangelbaktes Bilmbild 
da-u aus, um in dieser einrigen 8tadt nieder 
leibbakt -ugegen ru sein. 8. Kracauer. 
61s Natur, d. b. die idealistiscbe IIer- 
kunkt durcb. Unter anderem lebnt Vrsodt die land- 
läukige Vorstellung. dall die Kunst den Bilm nicbt 
brauobe, mit der Begründung ab, dall kein Deil der 
Kunst von dieser neuen DebermittlungsmÜglicb^ 
unberübrt blende, in. dall die Ditsratur Zur Brküllung 
ibrer gesellscbektliobtzn ^nfsaosn dirokt auk die Be- 
nutsung des Bilms angewiesen sei. „Die IlMgestal- 
tung dureb die Leit lällt viobts rmberübrt, sondern 
erkallt immer das OANLe? Das stimmt im BrinZip, 
aber aucb nur im Briurip. un&amp;lt;i ist insoksru eine idea- 
listisobe Aussage. Der materialmtisobk, Dialektiker, 
der niobt wie der Idealist immer gleiob auks ganZe 
gebt. interessierte siob vermutlieb msbr kür d'e Dm- 
VlarseM« 
Neulieb 8ak icb nieder einmal naeb langer 
Leit Marseille. 8ab e8 in einem nacb Bagnol8 
beliebtem Bübnen8tück „Marios" bergestellten 
Bilm, der von einer unver-eiblicben Dange^veile 
i8t. Öm von 8einer altmodi8eb beredten Dbeater- 
bandlung -u seb^veigen: er nut-t nocb nicbt ein 
mal die ibm, dem Bilm, gegebene Obanee ans, 
uns durcb Marseille ein ^venig 8pa-ieren -u 
kübren. Bin klücbtiger Blick in die Nakengassen, 
ein paar Brdge8cbo8se und die üblicben 8egel- 
boote — mebr gönnt er UN8 nielit. Dnd docb ver- 
8et-1en micb die8e läcberlicben Andeutungen 
mitten binein in die 8tadt, und 8tatt die end 
losen Dialoge in Oesars Bar mitan-ubören, 8cbob 
icb die Berlenscbnüre aneinander und ging ^vie 
trüber okt durcb die 8tra6en. 80 sebr i8t 
Mar8eille Oegen^vart, daÜ e8 nur lei8e -u sinken 
braucbt, und man i8t scbon gan- dort. 
Viele Biviera-Bei8ende balten 8icb auk der 
Durcbrei8e in Marseille ein8 l)i8 -^vei läge auk, 
e88en au8 einer ^.rt von Bklicbtgekübl Louilla- 
baisse sdie bei Brünier in Baris nocli besser 
8cbmeckt) und auüern sieb binterber nicbt eben 
kreundlicb über den Badau der 8tadt, Lbren 
8cbmut- und ibre Drostitution. Icb muL gestebsn, 
dall icb dieses Verbalten nie babe begreiken 
können, ja, icb sebeue mieb nicbt, es leicbtkertig 
und kübllos -u nennen. Denn gebt es mit recb- 
ten Dingen -u, so bleibt einer einkacb in Mar 
seille, aucb ^venn er bier ursprüngliob nur über- 
nacbten sollte. Dnd dann nird er den Badau 
lieben lernen, den okkenbaren 8cbmut- dem ge- 
beimen Vorlieben und die uyverbüllts krostitu- 
tion acbtbarer linden als mancbe überglätteten 
Zustande der Civilisation. 
Diess Lrbenntnisse liegen auk der 8tra6e, die 
in Marseille die V/eb bedeutet, Nur in der Mor 
gendämmerung ist sie es nocb niobt. Dnd ^ver in 
der Brübe ankommt —&amp;gt; die meisten BxpreL-üge 
aus Oenk, 8tra6burg, Baris kabren vor Bag in die 
alte, verräucberte Babnbo^baUe ein — und naeb 
dem scblecbten guten IVartesaal-Kakkee gleicb 
die prunkvollste aller Marmortreppen binunter- 
eilt, ^vird vielleicbt enttausebt sein, dall die 
sagenbaite Oannebiere so Kur- und unscbeinbar 
ist. Binige 8tunden spater aber beginnt sie -u 
^vaebsen und -u tosen, und kortan ist sie bis in 
die Naobt binein der unübersebbar« Brekkpunkt 
sämtlicber Völker der Brde. Vor allem ^.kribas 
und des Orients. Marokkaner in Burnussen, 
Neger, Inder, armenisebe Bärte wallen vorbei, 
ein 2ug obne Ordnung und Tusammenbang, der 
so ^venig abbriebt ^vie die Oescbicbten aus lau- 
sendundeiner Naebt. ^.n den bunten Xaiteebaus- 
nmTMMstÄltMden fo^ns dsrum 
Oars-s aus den Lu verlieret. d'6 
total en die B^et!t durob^äncir; 
voN-'Hit. kmd tvm/'^ ck. to^^I, 
er stütvt seiu^n Vor-.eblas des Bx- 
veriwents" enf die Bebaiwtrm^. deÜ nur das ..bo- 
^ibEts. mittätr&amp;gt;6 8n^e^t," 717 . erkeveov" vermöge. 
Diee remaet^etis Deid&amp;lt;mselmkt kürs Keekrete, dio 
viebt viel anderes als invertierter Idealm'NUF i?t. 
Doet&amp;gt; die^e ' 
evm-ptoms und M ro)obe der Betritt keinen 
^bdrvetu Dr^eick seWmmer v'ird ^ie fauler dureb 
ibre töriekte 7.um .^07'0^aeroben Bxpori- 
ment" und d^n Litatfte^MULLeD dnrob das u n - 
metbodigebs und u n 1 s 8 en 8 ob a kt- 
Hebe Verkabren Vreebts belastet, das einem bei 
nabe die RmknunE raubt, daÜ es sicb bror MrkIiA 
um einen DebELNE bavcils. soll mau L. B, 
daru SLA6N. daL Breobt Le^en Bude seiner der Vor-- 
Ftellun^: „Nan kann den BublikumsLesebmack ver 
bessern" ^endämeten BstraebtunL von sieb aus die 
Notv56L&amp;lt;ÜAksit einer Asuauersn Briorsobun^ des Du» 
blikums^esebmaeks an erkennt und dabei vermut oder 
unterseblsLt, dak Lvsi Leiten vorber. nämlieb in 
dem an den ^nkauE dieser Betraebtun^ ^estMteu 
^bsebnitt aus meinem Artikel, gerade die ^.bnunM- 
lo-i^kHit ^srü^t vdrd mit der alle am BubMnmsAe- 
sobmaek Insressiertsn ibn. den BnblikuM6KH?DdmLok, 
traktieren? Beider bsMü«t sieb Vreebt ni^bt einmal 
d^mit, kabrlassiZ Zm Ätisren. sondern Ntis^t m der 
Bssel sut^SLken dem ^issen-sobaktlieben IISW, die 
Vorsänger und Nit^trebenden übsrbauut niebt. Bin 
Deisviel kür viele, ^.n einer 8tel^s sebreibt er. av- 
8ebeinend von ..unsern Ustaubvsikern im BenMeton« 
teil": .8ie denken nmbt daran, den ^eseI1sob«ait- 
lieben Nut-en der Lentimentglität M unteren eben, 
^ü^den sie es sollen, so teilen ib^eu die Denk- 
metboden und das nötise IVi^son". Diese auks Oe- 
rats^M Lus^ssuroobsno Ve^eb^ldiMlnC verret nur 
das eins: da!l Vreebt es unterlassen bat, sieb mit 
der einsobIZÄssn Biteratur in und auüsrbalb dss 
Beuillstonteils Zu belassen. 6eor^ Dukäes etv^a maol-t 
in seinem Dueb: . Oesebiebte und XlassHabe^vuet- 
Asiv" eins Bemerkung, die kür das Verständnis des 
Le^ellseba^tbeben NutMvertes de^ F^ntime^tebtät 
sebr auFseblullreieb ist (verÄ. BuÜnote avk 8oits 
1501: ker^-sr linden sieb über den Bsieben Oe^en- 
stand nicbt übsr^^bond^ ^eu^ru^^en Bueb 
vo^ BalaM; „Der Oeist des Bilms" fverxl. 
Zsite 1991 und in eiviEbn memer si^^en ^i-berten 
s-. B. in der ^uksntLserie: ..Bilm 7^r»d Oessl^e^e't"!. 
Vreebt bat das alles okkenbar niobt xslesem. Da. es 
ibm selber also am nötigen Vli-sen keblt. ^äre er 
m'-nde-:t6vs -ur Vorsiobt bei seinen .^n^ürken und 
BntdecKu^Ä'sn vervkliobtet ee'vesen. Lein Ver^sbren 
kompromittiert niobt -Äet-t die von rbm mitteteilton 
Denn es ist. m^d Au--spdrüekt. extrem 
individuabstisob und bekundet einen orstau.uliebev 
UanKG! an Lolidarität; vabrend drs Oe- 
balts antiindividuLlistiseb sind und siob auF Lolidari- 
tät ausriobtsn, 
ch 
Bin V^ort nocb über den Be^rikk de« „LOLiokr 
^iseben Bxpei-iments". In der Bat läüt siob, anders 
als Vreobt es meint, von soLioloKisobsn Bxperimsn- 
ten snrecben: iedorb nur in übertragenem 
8ivn. Die geselleobaMobe IVirkbebkeit produziert 
andauernd Breignis^olgen. die Zur Bekenntnis der 
Ltniktur der IVirklio.bksiD susge^ert^ werden kön 
nen vüe irgendein eobtes Bxperiment. Bins uner- 
läkliobe VorauMstMig der ^.u""vertungLmögliobkeit 
dieser als B7rperimente auk-ukassenden Breignis- 
kolgen ist aber die: daü sie sieb ebne Bin - 
greiken des Ls^uütseintz vollrieben 
Denn inszenierte man eie- naob dem Vorsoblag 
Breobts bervuLt und planmäßig, so nüre damit sobou 
die Bnt^ioklung der V/irkliebkeit gestört, die es rm 
erkennen gilt. Nan muL sieb davor büten. eine 
kalsobe Analogie L'viseben soloben ^uasi-Bxperimen- 
ten und den eebten Bxperimenten berLusteUen. 
Beide sind nur dann ank einen Nenner Zu bringen, 
nenn bei jenen die Bontrolle der Bedingungen 
kortkällt. die bei diesen gekordert ist. ^us dsm ein- 
kaoben Orunde, ^verl bier im Balle des eobten Bx- 
periments, das Besultat eines künstliob angesetZteo 
BroZ-eMSs ertragt vind. dort aber, im Balle des 
tzuasi-Bxperiments. das. eines „natürlieben" geseli- 
sobaktlioben Ablauts, ^.ls ein Beispiel kür ein der 
artiges tzuasi-BxperM mag irgendein BrkolZs- 
buob angessben xvsrden. B- entbält eine bestimmte 
Msebung von Blementsn, die den Bedürknissen ge 
wisser Besersobiebten entgegenkommt und daber 
diese Bedürfnisse ?u ersoblieKev gestattet. In unse^ 
rer Biteratrrblatt-Lerie: ..IVis erklären sieb grolle 
Lueberkolge?" bat denn auob eine kleine ^utoren- 
grupps versobisdene Vrkolgsbüober als LOZ'o'ogDobe 
Bxperimente in übertragenem 8inv bebande-lt. d. b. 
ibre Nisebungen analMiert und aus ibneu die ideo- 
logiLObe Struktur der BonLUmenten obgeleitet- Das 
Natsrial der gesellsodakt lieben IVirkliobkeit Zu 
eebten Bxperimenten Zu benutzen, wird erst im 
Stadium der Blanwirtsobakt möglieb und sinnvoll 
eem. . __-
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        Mby FindVerA 
Ich frage:, hat man in diesen zweitausend Fällen ebenfalls 
herzigkeit 
8. Lraoausr. 
achten. Diese ihrerseits erblicken in den Passanten nur Käufer 
oder mildtätige Spender. Der weiße Bäcker scheucht die Kinder 
fort, die sich an seinen Brezeln vergreifen wollen. Der Zieh 
Harmonika-Bettler wärmt sich an seiner Musik. Der murmelnde 
Bettler verwechselt vielleicht in halbem Irrsinn die Menschen mit 
Steinen und Stützen. Und ein aus der Mauer gequollenes 
Mütterchen, das am Boden hockt, starrt mechanisch auf die vorbei 
ziehenden Hosenbeine, Rocksäume und Schuhe. 
Es ist wohl der Gegensatz zwischen dem geschlossenen, un 
erschütterlichen Konstruktionssystem urck dem zerrinnenden mensch 
lichen Durcheinander, der das Grauen erzeugt. Auf der einen 
Seite die Unterführung: eine vorbedachte, stabile Einheit, in der 
jeder Nagel, jeder Backstein an seiner Stelle sitzt und dem Ganzen 
hilft. Aus der anderen Seite die Menschen: auseinandergesprengte 
Teile und Teilchen, unzusammenhängend Splitter eines Gänzen, 
das nicht vorhanden ist. Sie können aus Mauern, Trägern und 
Stützen einen Verband schaffen, aber sie sind unfähig dazu, sich 
selber zu einer Gesellschaft zu organisieren. Kratz und schrecklich 
wird durch das vollkommene System toter Stosse die Unvoll- 
kommenheit des lebendigen Chaos enthüllt. Der Bäcker steht un 
nütz herum, während die Eisenstützen, die ihn umrahmen, eine 
Funktion haben, und zum Unterschied von den Wänden, die tragen 
dürfen, sind die Bettler Ballast. Unmenschlich ist aber nicht nur 
die Planlosigkeit, mit der die Menschen dahintreiSen, sondern auch 
planmäßige Konstruktion der Passage. Wie sollte es anders 
sein, da sie von Menschen erbaut ist? Diese Stützen sehen wie 
Feinde aus, diese Mauern erinnern an Zuchthäusler, und diese 
Deckenträger summieren sich zu einem einzigen Alpdruck. Ein 
System, das so undurchdrungen und verlassen ist wie das 
anarchische Gemisch der Paffanten und Bettler. 
Immer wieder packt mich dasselbe Grauen, wenn ich durch die 
Unterführung gehe. Und ich denke mir manchmal wie zum Trost 
bessere, schönere Konstruktionen aus. Solche, deren Baumaterialien 
nicht nur aus Eisen und Backsteinen, sondern gewissermaßen auch 
aus Menschen bestünden. Dann brauchten sich die Passanten 
nicht so zu beeilen, und die Musik wäre kein Wink für die Barm- 
i Wrdjngs wird durch eine--statistische 
AnMeAbgestöppt, die wie aus Gersehen in einem der Kindes- 
fluß dieser Nachrichten entnehmen läßt ist unstreitig, die: daß um 
der Rettung des entführten Kindes willen, das in einer der Mel- 
Berlin, im März. 
Dicht beim Bahnhof Eharlottenburg zieht sich unter den Gleisen 
eine schnurgerade Straße hin, die ich oft passiere, weil an ihr 
jenseits des Bahndamms der Bahnhosseingang liegt. Ich gestehe, 
daß ich diese Unterführung nie ohne ein Gefühl des Grauens 
durchmesse. Es könnte von ihrer Konstruktion herrühren, aber ich 
glaube nicht einmal, daß sie allein das Grauen verursacht; obwohl 
sie von einer finsteren Strenge ist, der jede Heiterkeit fehlt. Back 
steinmauern grenzen die Unterführung ein, verrußte Mauern, die 
mit zwei Reihen eiserner Stützen zusammen die niedere Decke 
tragen. Diese Decke besteht aus zahllosen Eisenträgern, die einander 
in winzigen Abständen folgen und mit unendlich vielen Nietnageln 
versehen sind. Zwischen ihnen sitzt eine graue Betonmasse, die nicht 
minder massiv wirkt wie die Träger selber. In der Dämmerung 
scheint die Unterführung nicht aufhören zu wollen. Die Mauern 
zu beiden Seiten dehnen sich bis zum Fluchtpunkt, die eisernen 
Stützen, die an den Rändern der Fußgängersteige eingerammt 
sind, vermehren sich und werden bedrohlich, und die Decke senkt 
sich allmählich immer tiefer herab. Eine klirrende Höllerrpaffage, 
ein düsterer Zusammenhang von Backsteinen, Eisen und Beton, 
der für alle Zeiten gefügt ist. 
Viele Menschen eilen durch diese Unterführung. Ich sage eilen, 
und meine es wörtlich. Denn sei es, daß die Paffanten nach Hause 
oder zum Zug müssen, sei es, daß ihnen das kellerartige Wegstück 
Unbehagen einflößt: sie blicken nicht nach rechts oder links, sie 
machen so rasch, als sehnten sie sich danach, wieder an die Ober 
fläche zu kommen. Trotz ihrer Hast, die genau so wenig einladend 
ist wie das durch die Resonanz verstärkte Gepolter der Lastwagen, 
haben sich in der Unterführung verschiedene Stammgäste an 
gesiedelt, die hier offenbar Zuflucht vor Kälte und Regen suchen. 
Zwei eiserne Stützen nahe beim Ausgang umrahmen einen weiß 
gekleideten Bäcker, der Salzbrezeln feilbietet, die niemand kauft. 
Tiefer im Innern halten sich mehrere Bettler auf, die von der 
Backsteinmauer, an der sie stehen und kauern, kaum noch zu 
unterscheiden sind. Alte, längst verwelkte Mauerblümchen, be 
schäftigen sie sich damit, irgendeinen Schlager zu dudeln, dem 
nur die Nietnägel lauschen, oder murmelnd auf eine Gabe warten. 
Was in mir jenes Grauen hervorruft, ist aber auch nicht 
eigentlich die entsetzliche Unverbundheit aller der genannten Per- 
wert. Hier gilt das Menschenleben noch etwas, hier ist die Ent- 
fsihrung Mss wMzigen Babys Grund genug, um zahllose Land- ' 
straßen abzusperren, den Küstenschutz zu mobilisieren und die 
Telegraphen-spielen Zu lassen. Die gesamte Apparamr eines 
mn — ächtigen Landes rm Dienste » der R ^ e u ttnungg: i « ch y w -ä ü u ßgt l e n M ic M h I t , , wi , e 
die Mgrate, deren viele sonst den Zweck der Zerstörung haben, 
" nützlicher, angewandt werden könnten, und finde, daß der Ge- 
" brauch, - - rr - in - di - es - em - Falle von ihnen gemacht wird, beinahe; schon- 
quf das-goldene Zeitalter hindeutet, in dem die Maschinen den 
Menschen Untertan sein werden, statt sie nur auszubeuten und zu 
yergiMaltig.en. ' - 
dungdn äucy einmal das „populärste Baby der Vereinigten Staa 
ten" heißt,.Diele private und sämtliche behördlichen Organisationen. 
in Bewegung gefetzt worden sM. Hunderttausend Beamte per 
folgen hunderttausend Spuren; die Seelsorger der verschiedensten " 
Konfessionen beten von der Kanzel herab für die Wiederkehr des. 
KindÄ;.. die .Amerikanische. Legion, .die Pfadfinder usw. wollen 
mit suchen helfen;. die Sender und Zeitungen Amerikas geben 
in einem Aufruf die Diät und die Medizin bekannt, die .das 
augenblicklich erkältete Baby nötig hat. 
Me WnlerMrung. 
fönen. Ich weiß natürlich, daß sie vorhanden ist. Von den schnellen 
Passanten hat jeder seine Privatangelegenheiten im Kopf, die ihn 
daran verhindern, auf die Dauerbewohner der Unterführung zu 
. Berlin, Anfang März. raub-Berichte stecken geblieben ist. Oder richtiger: nicht .aus Ver- 
i Der Linderraub im Hause Linübergh scheint zur Zeit die sehen. Denn der Berichterstatter hat sicher die betreffende Mit- 
Kmerikanische Oesfeutlichkeit mehr zu erregen als der chinMch-s teilung.nur im Jnteresie einer planmäßigen Steigerung des Sen- 
japLnische Krieg-, oder die' Wirtschaftskrise. Auch die Berliner fationsmertes der ganzen Meldung hinzugefügt. Die Angabe 
Blätter melden ausführlich, was drüben alle - -Blätter- er- lautet, daß in den,leWn.cheiden Jahren nicht weniger als. 
füllt. „Warnung vor Polizeihilfe" — „Wichtige Finger- 2 0 0 t) K i n d e r. in Amerika entführt worden seien 
abdrücke gefunden" — „Geheimnisvoller Hinweis" — „Ueber Ich frage:, hat man in diesen zweitausend Fällen ebenfalls 
hunderttausend Beamte helfen ihm" - „Er will S0 000 die Machtmittel der Bereinigten Staaten ihrem vollen Umfana 
Dollar Lösegeld zahlen": so lauten einige Untertitel der "ach ansgeboten, um die notwendige Hilfe zu leisten? Sind zwei- 
täglichen Bulletins. Die wichtigste Tatsache, die sich dem Ueber- tausendmal Extrablätter der Zeitungen erschienen? Zweitausend 
mal den Verbrechern nachgeschickt worden? 
Zweitausendmal die Wirkungen von KanzelgebLtett in Kraft ge 
treten? Man hat nichts davon gehört, also wird es auch nicht ge- 
VBen sein. Und doch handelte es sich zweitausendmal um das- 
/^e. Um entführte Babys, die möglicherweise ebenfalls an Er- 
U^üng litten und gewiß ihren Eltern so lieb, und teuer waren 
wie das LindberH-Baby den seinen. 
Die mangelnde Anteilnahme der Oesfeutlichkeit an den statt-, 
seM'^stellten zweitausend Mllen ist schuld daran, daß'die" 
^lenaktionen für die Bergung dieses A»1. Kindes einen sehr ge» 
mischten Eindruck hinterlassen. Sie gelten weniger irgendeinem in 
Dieser Einsatz einer Millionenbevölkerung eines einzelnen einem beson^ 
KindeL wegen. ist, rein für sich betrachtet, jeder Bewunderung 2;^ Soüdarttatsbewnßtsems, das für alle 
wert. Hier gilt das Menschenleben noch etwas, hier ist die Ent- Verantwortung empfin ¬ 
det, ' sonder " n eine Huldigung für den Nattonalhelden, für einen 
Auserwählten unter Millionen. Sie Leweisens nicht, daß das 
Menschenleben in Amerika eine hohe Achtung genießt, sie per- 
E die «nvoch-Waren Proportionen des mit dem Ozean- 
edelmütigen 
^u Me Natron, fähig ist, aber diese 
megung regt sich hier im Gefolge von Reichtum und Ruhm. 
' Ztt den amerikanischen Filmen spielen Kinder seine gewaltige 
Rolle,Man HM sich an- ihrer Süßigkeit wie an tzuckerstangen, 
man macht sie zum Mgenstand sämtlicher höhereü Gefühle, So 
lange aber diese Gefühle nur bei Gelegenheit exzeptioneller Ba 
bys m die Wirklichkeit eingreifen, ist die Wirklichkeit noch starker 
Veränderungen bedürftig. ' L Lrae^
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        Am ASend des MaWags. 
Lr BE«, 14- März- SchMladefirma. galt, un». die ÜlrmL- MMWMs4mM»ch,'M sich 
Da sMWche au» dem GuMnd " entsandt«, GondeÄericht» «Kur Platzecke HWete, bestand nur-aus Zeitungrtmgem, denen 
«Mtter Wen Blättern da» hohe.MMeber gemeldet hatten, wie an gewöhnlichen Sonntagen 
da» hier in-Berlin herrsche, beschloß ich am Abend des .Wahltages, wurden. 'Daß diese WontagGlätter in mehreren . Ausgaben erschie- 
die Dempemtur selber M messen. Die ÄerpMchtung, sie Mchzü» E, änderte nlchW an W&amp;gt;-nächtliche 
rontroLere», lag umso näher, als gerade Bekannte aus München mcht de-Wi« M sonst. Keine Gruppen, keine Debatten: ein. 
mit dem. Gerücht eingetroffen warm, daß es bet Bekanntgabe der Matztges das sich vermutlich zu amüsieren gedachte. Ich 
Wahlergebnisse leicht zu Unruhen kämmen könne. "W m einige Lokale hinein: buch die mit Lautsprecher EHE 
PoraMüschMn ist, da« schon der «Mtag ruhig perlich IH» »och 
Der VMM . vor den verschiedensten, von mir beobachteten Wahl- ^achihoLM Verkehr.- .. ü . ik .. 
lokalen.wickelte sich ohne jeden Klamauk ab. Sonntäglich gekleidete tzm Westen, wohin .ich Mriickfuhr, d.er Mich?. GomW 
Familiett^Bmen und gingen in vollem Frieden durch die sried« M meiner Uehermschung. eher schwächer als . an.-aMren Gonn- 
lichm Straßen, die Plakatiräger vor den Wahllokalen unterhielten ^sien. Dar- schokoladene Flugzeug bechß unbeachtet über der Ge. 
sich ss MtKchtig, als- seien die von ihnen vertretenen Parteien dachjniZfircke, ßewühnlrli. nnr,' osjcrtzLe^ Caf«, HM ich.besucht^.- 
Hindenhurgz, Thälmanns und Hitlers aufs- engste- miteinander WM M War die Mgmd 
befreundet, und .die Schutzleute. patrouillierten LefchMgunMoK den Bahnhof Hso, M aus" MnschWMM «e M 
auf und ab. Der ganze Tag war eine einzige schöpferische Pause. Mhungskratt anßM, merkwürdig verlasiem AM der Kurfürsten, 
Nur aus den Litfaßsäulen tobte der Kampf weiter.- Dort klebten l&amp;gt;gmm enMG HMm die/M 
rot« nationalsozialistische Zettelchen Wer den Mündern Von TM- demWWler Wgm haufenweise zerkirWte stich beschmiWe Papiere, 
mann Wd.DMsrberg, um diese Leiden gewaltsam am Sprechen bonben-en man annehmsn durfte, daß sie-dw her WaA» 
zu verhindern. Wer die stumme .Geisterschlacht vermochte such Propaganda seien. Statt dessen waren .sie Won .Wcher der-ReWme 
Idyll nicht »ü stören. für ein BergMgunMlnkal v,O für ttNntzeW OchönhEKoM^ 
Punkt. 18 Uhr legten die Plakatträger wie die Maurer ihre gewidmet. Es lebt sich schnell in Berlin . s. 
Arbeit und ihre Plakate nieder und verschwanden. Der Abend Kurzum^ am Wahltag herrschte in HM« ,kÄn MahlsWer," 
kam und eS war Zeit, zu Nacht zu essen. Danach mußten bald die sondern ein« auffällige Untertemperatur. Woher MMWe? 
ersten Wahlrssultate bekannt gegeben werden. Ich fuhr gespannt in Möglicherweise hatten manche durch die Kurfürstendammkrawalle 
die Stadt. Die erste Sensation, die keine war, bot der Wittenberg- gewitzigte Leute Angst vor Zusammenstößen Mb mieden darum die 
Platz. Gegenüber dem Kaufhaus der Westens war" mitten auf dem Straße." Viel wahrscheinlicher ist allerdings, daß die meisten zu 
Platz eine weW angebracht, vpr der aber nur Hanse blieben, um. im-KrM her Familie die . WahlM 
ganz wenige Leute standen. ES lohnte sich nicht, hier zu nmrten, zuhören. Das schuld daran, daß die 
Vielleicht zeigte-sich der Potsdamer Platz aufgeregter? Er lag leer verwaist. Au einer Zeit, in der die BotiM aus den" Bürgers 
und aufgeräumt dm Ueber ihn weg fuhr ein Flugzeug, dessen auf die Straße gedrungen ist, treibt es während entscheidender 
rotglühende Rellameschrift nicht etwa der Wahl, sondern einer Stunden die Menschen von der
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        Einige Mme. 
wechselungsgeschi^ englischen Lord, den sie aber lange 
mn nur noch Kontrastwirkungen, Licht- und SchaLLeneffekte usw. 
ubrig Zu lassen. So jedenfalls verfährt er in dem einen der Filme, 
der sich darauf beschränkt, verschiedene KonstruktionselemenLe wie 
Kugeln, Spiralen, gestanzte Bleche, polierte Röhren und Teile 
komplizierter Apparaturen in Photo graphisch günstige Situationen 
zu bringen. Es ist nicht zu leugnen^ daß hierbei wunderschöne 
Formenspiele entstehen. Glanzlichter und Schrauüenschatten durch- 
grundes enthoben, sind sie nur bedeutungslos schön, ohne sonst 
die genngste Funttion cM es fei denn die, durch ihr 
bloßes Dasein die Fülle der Chancen anzudeuten, die unsere hell« 
duMe Welt dem Filmoperateur M von großem arti 
stischen Interesse, aber eine WerDatw deren öffent ¬ 
liche Vorführung unter Umständen Verwirrung stiftet. Denn diese 
abstrakte Kunstübung kann ebenso gut als Studie des Avantgarde- 
Künstlers/aufgefaßt werden wie als Flucht vor der Auseinander 
setzung mit den Gegenständen und Sachproblemen, die uns be 
drängen. Der epigonale deutsche Idealismus z. B. ist kaum noch 
etwas anderes als eine solche Flucht ins Abstrakte und verhält 
sich denn auch der Wirklichkeit gegenüber reaktionär. Zum Glück 
scheint sich Moholy-Nagy der mit der rein formalen Kunsibetäti- 
gung verbundenen Gefahren bewußt Zu sein. Sein anderer Film 
behandelt das Thema Marseille. Und zwar durchschweift er 
die Stadt nicht wie ein Genießer, sondern nimmt sich vor, das 
soziale Elend in ihr zu beleuchten. Eine Menge von Aufnahmen 
aus dem Hafenviertel sind aneinandergereiht, und fm Gassen- 
perspektivLn, verwüstete Gesichter und Zerlumpte Figuren häufen 
M dicht: Der Eindruck ist um so stärker, als auch der Gegensatz 
zwischen der menschlichen Not und dem Naturzauber des Südens 
offenbar wird. Wenn die. Bilder ihre Absicht doch nicht erreichen, 
so ist der Grund hierfür der, daß weniger Gewicht auf die Ver 
deutlichung des Elends als auf die Auswertung seiner malerischen 
Wirkungen gelegt wird. Das Mosaik spult sich auch so rasch , ab, 
daß nichts recht haften bleibt Dotalbilder hatten öfters die Zahl 
reichen kleinen Ausschnitte unterbrechen müssen, und eine zeit 
weilige Verlängsamung des Tempos wäre entschieden Zweckdien 
lich gewesen. 
gähnend leer ist und die aus dem Lautsprecher strömenden Melo 
dien von Berlin gesandt worden sind. Der. ganze .M über ¬ 
haupt mit Witz verfertigt, und das gebrochene Deutsch von Georg 
Alexander Hort sich echt amerikanisch an. 
Peinlich dagegen ist das andere OperettenfabrM 
einem A u L o", für das Joe May verantwortlich zeichnet. Eine 
WarenhausverNuM gerät durch, ein . Inserat und eine Ver- 
Wunschträume. 
Die weibliche Angestellte, die mit einem Schlag ihrer Berufs 
Misere entrückt wird und als Frau irgendeines Millionärs in die 
höheren Sphären und Schichten einZieht: dieses durch die Wirk 
lichkeit inzwischen reichlich desavouierte Thema behauptet sich merk 
würdigerweise immer noch in den Filmen. Zwei Operettenfilme 
auf einmal wandeln es neuerdings ab. Der eine: „E inbißchen 
Liebe für Dich.. dessen Musik von Paul Abraham 
stammt, ist allerdings ein so nettes Boulevardstück, daß man ihm 
die soziologische Fahrlässigkeit schließlich verzeiht. Viag die Privat- 
sekretärin immerhin den amerikanischen Autokönig kriegen — der 
Film macht gleichsam zum Entgelt für ihren Anstieg manche 
Schäden wieder gut, die andere Operettenfilme angerichtet haben. 
Er persifliert nämlich amüsant und nicht ohne Geist jenes Film 
wien, das mit seinen süßen Mädels, - seinem Grienzing usw. 
nachgerade Zu einer von der FilmLnduM ausgesogmen Tmum- 
Vielfaches übertrifft. Die Reise wird schwül und schwüler, der 
Lord reich und reicher, und die Verkäuferin endigt als Mylady und 
Herrin eines Riviem-Schlgsses. Ich weiß nicht, ob sich heute, noch 
viele weibliche Angestellte durch solche Filme zu unwahrscheinlichen 
Hoffnungen bestimmen lassen. Aber ich weiß, daß dieser Schlager 
film roh und erbärmlich ist. Er verkuppelt das Glück eindeutig an 
die hübsche Figur; er spiegelt Zustände und Prachtperspektivm 
Wider, deren gerade die niemals habhaft werden können, denen er 
sie bedenkenlos vorspiegelt; er profitiert von der Sehnsucht breiter 
PublikumZschichten, die er durch die brutale Spekulation auf ihre 
Begehrlichkeit nicht nur noch unzufriedener mit ihrem Dasein 
macht, sorwern auch noch unfähiger, es wirklich zu ändern. (Roma-. 
nowsky als Buchhalter: eine Gestalt von hinreißender Komik.) 
P a r i s — B e r l i n. 
Julien Du visier, der Regisseur des David Golder-Films, 
hat ein Lustspiel: „Hallo, hallo —hier spricht Berlin" 
verfaßt und gedreht, das wie die vorigen Filme seine HauptpoinLen 
aus Verwechslungen bezieht. Die Menschen, besonders die An 
gestellten, scheinen immer leichter verwechselt werden zu können. 
Ein Berliner Telephonist verliebt sich in die Stimme einer 
Pariser Kollegin und fährt nach Paris, um die deittsch^ 
Annäherung zu vollenden. Berufsgenossen und Berufsgenossinnen 
schalten sich aber dazwischen, so daß die gewünschte Verbindung 
nicht zustande kommt. Erst in einem Berliner Tanzlokal finden 
sich ganz am Schluß beide Partne^ von TWLeWhH 
Diese Irrungen und Wirrungen,. deren Entwicklung, auf der an 
sich glücklichen Tonfilm-Idee beruht, zwei Sprachen miteinander 
Zu konfrontieren, verlaufen unter ermübeMn -M 
und groben Späffen. Wenn man schon die Nationen-/zusammen- 
bringen will, dann sollte man sich nicht so billiger Mittel und 
besserer Typen bedienen. Die eine Französin ist so aufdringlich 
wie irgendein internationales Mädchen, und die beiden Deutschen, 
die ihrem verliebten Kollegen zuvorkömmen, benehmen in 
Paris täppisch und unerzogen. Ümsonsi versucht Duvivier, die 
spielerische Art Rene Clairs einzuholem Er wird massiv, wo er 
leicht sein müßte, und mixt im Bestreben, das Berliner, und das 
Pariser Publikum , gleichzeitig zu erheitern, Ingredienzien zu« 
sammen, deren Gemisch weder hier noch dort anzusprechen vermag. 
Am besten gelungen ist ihm unstreitig die Satire auf eine Fremden 
rundfahrt durch Paris. Oper, Madeleine und Eiffelturm werden im 
Handumdrehen abgemacht, und die Fremden, die wie der Blitz 
vorbeischießem nehmen nur Bruchlücke- der Monumente in ihr 
Bewußtsein auf. ' ' 8. Lraeaus rl' 
- ' ' Berlin^ Mitte-März. kolonie geworden ist, die in M mehr an ihr Urbild er ¬ 
- A.b.st r a/k t'e -K-u n st. - ' innert. Natürlich will ihr der Amerikaner in Wen selber wieder 
M s h s l t zs N agy i s t, w i e se i ne b e id en i n d er K amem ge - begegnen. So steht er einmal verzückt vor einer kleinen Kneipe, 
z e i g t en Müt c h en wi e d er e i nma l b e w e i sen , em a uß eror d en tli c h er aus der Heurigenmelodien erklingen, und glaubt schon, das in . 
Hollywood geprägte Ideal herrlich bestätigt zu finden. Nach 
oograp : m esen unerrce eraes egensnce , feinem Eintritt muß er dann enttäuscht bemerken, daß das Lokal 
dringen einander, und das ganze mechanische Getriebe bildet, bom 
Zwang der statischen Gesetze befreit, eine Folge sehenswerter Or- 
namMs, die den imaginären Raum in stetem^ Wechsel erfüllen. Zeit für den einfachen Buchhalter auf 
Allerdings fehlt - ihnen Zweck, und ' Sinn. Ihres - stofflichen Unter- d essen I nsera t s i e gean tw or t e t h a tt e . D er u ner k ann t e L or d u n d 
sie machen nun eine Autoreise nach Monte Carls zusammen, deren. 
Glanz die kühnsten Wunschträume törichter Lei^ um ein
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        6 ' oo.l v 
Briib^abrsproduktion deutscher Verleger 
f22.s^L,) 
äer in 
1)16868 
« 
Menge 
greifen 
^ngestolltenkreisen spielt, 
Vucb wird wie das vorige 
Daskor-Lebülor; 
burg-Vueb und eine 
Balleg . rand-Biograpbio von 
Band BurLgeschicbten von 
den Mir uns baute sebon 
B. o m i n g w*a au—k 
kreuen; seblielllieb die Beberseixung des mit dein 
Ooncourt-Brois ausgoxeiobnoten Bomans: „D'oräre" 
erseboinon, äer wieäer mit 
lassen, äer kier berrsebt. 
Bans Balaäa bat einen Boman, 
Die meisten belletristisoben Verlage nebmen sub 
beute aueb bestimmter wissensebaftliobor Merke an, 
und verleihen sieb Nationalökonomie, Oesebiebto, 
ja sogar Bbilosopbie ein. 80 set^t die Deutselie 
Verlags-^nstalt ibre dacob B u r 0 k b a r d t - Oe- 
samtausgabo kort, bringt eine Untersuchung: ..Die 
Ltrake" von Bans Bvntig und ein neues Merk 
des Drakon Be^sorling: „Lüdamorikanisebe Meäj- 
tationon". Der Bransmare-Verlag maobt mit äem 
blorweger Brok. Hans B j ort bekannt, äer in seinem 
Bucll: „Miedergeburt Buropas" die Brise aus der 
Branx Blei; einen 
die Ltüt^o des Bergstadtverlags, der seine dugonä- 
Lvit und seine Orolleltern voixulübron verspricht; 
Mältber von Bo 11 anäe r und M. B. 8 ü ll k i n d, 
deren neue Bomane auk dem Iboduktionsprogramm 
der Deutschen Verlags-^nstalt stoben, die aueb den 
in der „Brankkurter Leitung" publizierten lionian 
Benrv Denratbs: „Ball auk Leblok BoboiuoM" 
xu veröffentlichen beabsichtigt. Bobort l^ou- 
mann, der Verfasser "des Inklationsromans: „8int- 
klut" wird mit einem Boman: „Die Macht" auf der 
Bildtiäcbe erscheinen. Dem ebenfalls von Asolna-c 
erMorbonon BssavMerk Beinrieb Manns: „Das 
öffentliche Beben" sebon wir mit Lpannung, einem 
neuen Brank Bell er-Band: „Berr Ooilin über 
listet die BoiscbeMiken" mit jenem Vergnügen enr- 
gegen, das man von einer netten Boisolektüro er 
warten kann. Kuller diesem Bueb von Böller vor- 
xeicbuot der Verlag Oretblein noeb eines von Mo 
res ebkowski: ,,,l68ug"äer Unbekannte" und ein 
Brasilienbueb Brnst B. D ö b n ä 0 r k k s. Mir wün- 
scbon nur, dall sieb diese verschiedenartigen Au 
toren freunäsebaktlieb mit einander vortragea. 
Desonswert werden unter allen Umständen die 
Memoiren BoBmutb von Oerlaebs sein. 8io er- 
sebeinon im Baekelreitor-Verlag, der äemnäcbst 
unter dem Bitol: „Männer, Böple, Obaraktere" die 
erste Bolgo einer Biläermapponserie fübrcmäer Bo-- 
publikanor borausbringt. Vermutlicb wird diese 
Lerie einen interessanten Bontrast Lu der Bubli- 
kation: ..Das Oesiebt der Demokratie" bilden. 
Die neue Broduktion unserer Verleger ist von einer 
Beiobb altigkoit, äie niebts xu wünschen übrig lällt. 
Hur FAUL wenige Verlage — so Bbilipp Beolam jun. 
— haben darauf verxiobtet, im Brübling Blätter unä 
Blüten xu treiben. Das Oros xroäuÄert unbeschadet 
äer Brise oäer vielleicht gerade ibretwogon weiter. 
DioDruckmasebinen verlangen Babrung, unä 8tookung 
äes OmsatLes Märe äer Boä. ^.ueb äie Autoren müs 
sen ibre Lobri ktstell er eib otriobo unter allen Bmstän- 
äen aufrecht erbalt^on; viele von ibnen sieb er Monitor 
aus innerem ^wang als aus ankeren Oründen. Denn 
sobroibon sie niebt kort unä kort, so werden sie brot 
los unä bauen sieb selber ab. Unter äer Menge äer 
^ngekündigten finden sieb Lablroiobe Bekannte, äie 
jedes dabr ersebeinen Mio das Mädchen aus äer 
Bromäe. ^bor au ob bleulinge mit Krollen Bokknungon 
unä schönen Buebtiteln stellen sieb Mieder ein. Bs 
Märe ein vorgebliches Bemüben, die Lablroioben 
blamon und Blmmon in irgendeine koste Ordnung 
pressen M wollo^. 8ie sebiollon regellos in die Höbe, 
und eine bestimmte Biobtung ist niebt xu erkennen. 
Beeide und linke 8tandpunkto, Individualismus und 
Bollektivismus, aktuelle Diteratur und sogenannte 
Zeitlose: das alles bestellt ungerührt nebeneinander 
Mio in einer Messe. Da in dieses Obaos keine er- 
nunkt 2u bringop ist, ersebeint es uns am vernünktig- 
sten, bei seiner Betrachtung den ^ukall Malten xu 
von Mare Irland, der die Baebkriogsgoneration 
schildert. Bebrigons sind diese xuletxt genannten 
Ausländer niebt. die einigen, die bald dem deut- 
soben Bublikum vorgestellt Morden. Binxu kommen 
unter anderem Bomain B 0 1 lan d, dessen Oostbe- 
Bssag und Briefwechsel. mit Malvida von NeMen- 
bug vor der kranLösisebon Ausgabe publiziert 
Morden, und Martin Duis Ouxman („Väter und 
Leläango", ein Bpos der mexikanisoben Bevolution). 
Vlle drei Merke geboren Lur Broäuktion des Ver 
lag d. Bugelborns blaobkolger, der aueb den neuen 
Boman von BoriMnia ur N ü b 1 e n: „Das 
Biesonraä^ vorökkontliebt, von dem die Böser äor 
„Brankkurtor Leitung" ein paar Vruobstüeke ken 
nen Von Binde utsebungen auslänäiseber Merks 
Morden aullerdem interes'sioren: Brotxki: „Okto 
berrevolution", die mit Lpannuvg erMartete Bort- 
setLung des ersten Bandes der russWeben Bevolu- 
tionsgesebiebte, die ebenso Mio Biam O'B labe r- 
tx«: „Bügen über Bulllanä" und oin neuer Boman 
von dobn Dos Bassos im 8. Bisobor Verlag 
ersebeint; ein blovellenkreis: „Nensobon der 8üd- 
see" von Lomerset Naugbam (B. B. Bal); 
Merke von Lebalom Vsob, B. O. Mol 1s und 
Dbeodoro Dreiser (Asolna^ Verlag); ein Boman 
von Bdna Berber (Oobr. Buoob Verlag) und 
ein Bueb: „Beukelsinsel" äer Vmerikanerin Blair 
bl i 1 e s, das die Darstellung eines Lträklingslobens 
ontbält (Drei Masken Verlag). 
Mir möebten ä ab in gestellt sein lassen, ob noeb 
xu viel übersetLt Mirä. Batsaebe ist jodenkalls, äall 
die Versuebo Mr Binbürgerung kremäer Vutorvn 
niebt aut Boston der beimisoben erkolgen. Vor 
allem äie düngen baben dank des sobnollen Dm- 
soblags der literarisebon Moden, der Miederum 
dureb die Broduklionsvorbältnisse verursaebt Mirä, 
anbaltond gute weiten. VltbeMäbrto literariselio 
Verlage nobmon sieb ibrer in der Bokknung an, 
dall sio ^ieb eines Bages ausxablen Morden. 
8. Biseber otMa bringt einen Boman: ,,OstMinä" 
des jungen Loblosiers Vugust 8 e b 0 l t i s boraus, 
der in dem Üueb auk eine mvrkMüräigo Vrt die 
Zustände seiner engeren Heimat gestaltet, vor- 
ökkontliobt: „dugond in LoMjot-Bullland" von 
Blaus N 0 bner t, einem aueb sebon in der „bleuen 
Bunäsebau" Lu Mort gekommenen Vutor, der äie 
VerbäBnisse in Bulllanä aus eigener Brkabrung 
kennt, und xeigt einen neuen Boman von Mankred 
Hausmann an, äer sebon boinabe als eingo- 
kübrto Marke gelten äark. Dall der Vortag Bruno 
Oassirer, der aueb einen Band Ooetbe-Vuksätxo 
von Brnst Oassirer publiziert, den Boman von Brik 
Orak Miekenburg: ,,Barben xu einer Binder- 
landsebakt" erworben bat, Mirä manebem Bsser 
dieser roixenäon, bereits in der „Brankkurter 2ei- W 
tung" grölltonteils vorabgedruokten' dugonäerinne- I 
rangen eine Miltkommene Mitteilung sein, ^u er-! 
Mäbnen Märe in diesem ^usammenbang noeb der 
AuQbtbausroM „Masser, Brot und blaue Bobnon" 
von Oustav Begier (Oustav Biepenbouer) und 
Ileübert Kobtüters Boman: „Die Büekkebr äer 
verlorenen Boebtvr" (Bransmaro Verlag). Bm eine 
probteniatlsob0 Boobter sobeint es sieb aueb in dein 
Bueb: „Vlle Möge tubron xu Bran^" von Bätbe 
Biel (B. B. Bai) xu bandein. VUerdings wird 
die 8aebo kaum so gokäbriiob sein, da die Verkas- 
serin, eine ilamburgerin, kür ibr Manuskript den 
Biteraturprois des Deutsebon Ltaabsbürgerinnenvor- 
bands orbalton bat. 
Aäblt Blaus Mann Lu den düngen oder den 
,,VBon"? Offenbar bat er den Bubikon üborsebrit- 
ten, denn er präsentiert auller einem bei 8. Biseber 
erscheinenden Boman: „Brektpunkt im Bnonä- 
iioben" eine Vutobiograpbie: „Binder dieser ^eit" 
(Bransmaro Verlag),, äeron Bitol verrät, Mio abge 
klärt der ^utor sebon ist. Mir bringen ibn dabei- 
bei jenen Lebriktstollorn unter, die längst keine un- 
besebriebenen Blätter mebr sind. Ibre Beibe mag 
dosek B o tb eröffnen, dessen Bonmn: „Baäetrk)- 
marseb" naob dein Vorabäruek in der „Braukkurrer 
Leitung" bei Dustav Biepenbeuer orseboinen Mirä. 
Bern er xoigt dieser Verlag an: einen kleinen Bo 
man von Brnst 0 1 äs 0 r: ,,6ut im Blsall", einen 
neuen Boman: „^ukbrueb^ von ^nna 8 egbers 
und Bort Vroebt« legenäarisebos Dediobt: 
„Drei Loläaton", ^u äom Oeorge Dr 0 s x die 
Illustrationen beigesteuert bat. Oskar Maria Orak 
wird mit einem Bueb vertreten sein, das den ver- 
beillungsvollen Bitei: ,,Dorkbanditon" kübrt unä Br- 
lebnisse aus äen Lebuk und Debrlingsjabren des 
Autors vorMortet. Die Helden von Banns Beinx 
BMers baben ansobeinend ibre LebaupläOe ver- 
tausebt; naeb äoni neuen Bueb: „Beitor in deut 
scher bracht" ^u seblivllen, in dem von dem natio 
nalen Bingen der l^aebkriegsLeit die Bede ist. Bs 
kommt bei d. O. Ootta beraus, äor L. B. noeb eino 
Bomödie von DudMig B u läa bringt und Hermann 
8 u ä e r m a n n s Briete an seine Brau aus äer Ver 
senkung bolt. ^us ibr tauebt aueb ein neuer Band: 
„Mio wir unsere Mmut tragen" von Budolk Bans 
Bartsob (D. Ltaaekmann Verlag) auk, äer sieb 
ausdrücklich als tröstlieb boxeiebnet. Ilokkontlieb 
ist er es aueb, denn man kann jet^t Brost gut 
gebrauobon. ^Veitere bekannte Autoren: „Banns 
d 0 b s t, Oeorg Britting und der bald 60jübrige 
Bor fix Holm, die im Verlag Albert Dangen auk- 
treten Morden; der unverMüstliebo Baul Bell er. 
abgeseblosson. 1)16868 
boi Brnst Bowoblt 
einer 
von Verökkontliebungen aukMartot. Mir 
beraus: oinon Bssavbanä: „BoschMoräobm von 
Annette Bolb, dessen oinxelno Ltüeke s^um BeiD 
in äor „Brankkurter Leitung" ersebionen 'sind; ein 
Brinnorungsbueb: „Ooneert" der Dichterin Bise 
Budolk Oldons Binden-
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        LaKncndlM 6er vuropäisebon Völker vor idron 
^um 
oiMnan IIodorLOUFnn^on abloiton ^iU. 
8. L. 
Hoetße im Mtm. 
sehen, um die sich billige Ausgaben seiner Werke und einschlägige lich der: Bef/eiungskriege der Geist von Potsdam beinahe 
nender war « . . 
8° LrAaausr. 
geschmack vergegenwärtigt —, könnte ich nicht behaupten, daß sis 
zusammen ein annähernd treffendes Bild ergäben. Bald machen 
sie das Beiwerk zur Hauptsache, indem sie- etwa meterlangen 
Kulisse^ auftischen oder reichbebrlderte Gesänge wie das 
Heideröslein und „Ueber allen Wipfeln ist Ruh^ Zum Vortrag 
bringen. Bald entstellen und verfälschen sie die Geschichte. Gelegent- 
Berlin- im März. 
Bei der Popularität, die Goethe dank seinem 100. Todestag 
plötzlich genießt, wäre es mehr als unwahrscheinlich gewesen, wenn 
sich die Filme den kostenlosen Star hätten entgehen lassen. Auch in 
den illustrierten Zeitungen hat er sich ja einen Ehrenplatz erobert, 
und in einem hiesigen Kaufhaus ist eine Goethe-Ausstellung zu 
Grammophon scharen Wer wollte es allen diesen Feiernden 
verdenken, daß sie den Augenblick der Goethe-Hochkonjunktur nicht 
versäumen, sondern zu ihm sagen: „Verweile doch, du bist so 
schön"? Dian muß das Eisen schmieden, solange es warm ist, und 
Geistesheroen erkalten heut" schnell. 
Ich «erinnere mich eines stummen Beethoven-Films, der vor 
einer Reihe von Jahren überall lief. Sein Held war ein Schau 
spieler in Beethovenmaske, der den Meister in den verschiedensten 
Lebenslagen verkörperte Er spielte im Halbdunkel mit verträumtem 
Ausdruck die Mondscheins0nate, er machte ein titanenhaftes Gesicht, 
als er die Widmung an Napoleon zerriß. Vielleicht wäre der ganze 
Film besser unterblieben; aber wenn schon dieses Leben auf die 
Leinwand gezerrt werden sollte, mußte nmn der Kolportage geben, 
was ihr gebührte, und Beethoven persönlich austreten lassen. Und 
daß er sich leibhaft unter uns erging, komponierte, schwärmte und 
sann, beeinträchtigte nicht etwa die Wirkung des Films, sondern 
erzeugte im "Gegenteil mst die Illusionen, deren eine solche Kolpor 
tage bedarf. Betrogen waren nur jene Leute, die sich von einem 
Beethoven-Film Beethoven und nicht einen Film erwarteten. 
Inzwischen ist man geschmackvoll geworden, ungewöhnlich ge 
schmackvoll. Da man um keinen Preis Kitschfilme herstellen, aber 
um jeden Goethes Leben verfilmen will, hat sich sowohl der Reichs- 
Lunstwart Redslob wie die Ufa aus diesem Dilemma wie folgt 
geholfen: sie sparen in ihren Filmen den Dichter- 
f ü r sten s e l ber einfach aus. Goethe erscheint nicht, Goethe 
fallt weg. Was bleibt noch übrig? Abfälle, aus Dichtung und 
Wahrheit gemischt. 
Um mit dem Film: „Goethe lebt...!" zu beginnen, der 
unter der künstlerischen Oberleitung des Reich skunstw arts 
entstanden ist, so sürd in ihm beispielsweise zu sehen: Frau Aja, 
die sich, ihrer Frohnatur entsprechend, höchst munter betragt; das 
Puppenspiel Faust; zahlreiche Stätten, die ein edler Mensch be 
trat; Bruchstücke aus dem „Götz", aus-,,Iphigeme", aus „Faust" 
usw-- Obwohl einige dieser Milieuskizzen ganz nett hergerichtet 
find — so wird die Rekrutenäushebung mit Hilfe Goethescher 
Karikaturen-, das Weimarer Hofleben durch Silhouetten im Zeit 
Lroob Korans. Lruno L r o b m, ein ^Vutor (los 
Lipor-Vorla^s, do^ibt sieb mit seinem Roman „Ver 
sailles" auk das Oebiet der boben Lolitik. Die 
Lammlun^ des Awieben Verlags „Was niebt im Lae- 
doker stellt", vird mit xvei neuen Länden kort^esetTt. 
Lin idMisetier Loman „8 i e d e n s 0 r von Larl 
Dinbokor vürd dei dosek Löset und L. Lustet 
borauskommen. Der Amöbe katbolisebe Vertag kündet 
außerdem noeb vässensebaktliebe Werke an. 
das Übergewicht über den von Weimar, und Goethes Flucht nach 
Italien wird, den Tatsachen zuwider, zu einem aus Postkutsche 
und Schleier komponierten Idyll. Mit dem Schleier winkt die 
hinter dem Fenster verborgene Frau vpn Stein der Postkutsche 
nach, in der Goethe verborgen sitzt. Auch wenn er in seinem 
Arbeitszimmer dem treuen und sichtbaren Eckermann diktiert- 
ist er nicht zu erblicken. Eine Diskretion, die an die eines DeteL- 
tivbüros grenzt. * 
Die beiden kleinen, fürs Beiprogramm bestimmten Ufa 
Filme „W erdeg a n g" und ,M s l l e ndu n Verfahren nicht 
minder Zartfühlend. Sie lassen Goethe draußen stehen, wahrend 
Theodor Loos eine Conference über Ihn abhält, zu der die je 
weils paffenden Bilder vorüberZiehm. Wie im Film des Reichs- 
kunstwarts so wird auch hier das Land der Griechen mit der 
Seele gesucht und der Chor- Uleber allen Wipfelndurch" 
stimmungsvolle Aufnahmen aus dem Thüringer Wald illustriert. 
Wenn die Ankündigung „Warte nur..." erfolgt, senkt sich der 
Abend symbolisch auf die Wälder herab. Kurzum, es ist, als sei 
die Kulturabteilung der Ufa auf den Zehenspitzen gegangen. 
Ob der Takt, der diese drei Filme hörbar durchfeucht, sich wirk 
lich gelohnt hat? Ich fürchte, die Frage ist zu verneinen. Denn sind 
auch die Filme selber nicht geradezu Kitsch, so zeugen sie doch von 
einer Auffassung Goethes, die zweifellos kitschig ist. Ein sinnloses 
Sammelsurium durch und durch konventioneller Vorstellungen von 
Goethe Legt ihnen zugrunde. Diesem Fundus, den keiner ist, werden 
dann auf gut Glück ein Paar marktgimgige Züge entnommen, die 
kaum noch eine Beziehung zu ihrem Ursprung haben und in sich 
nicht Zusammenhängen. Man fabriziert aus ihnen Arrangements, 
die es sich vermutlich als Verdienst anrechnen, daß in ihnen 
Goethe durch Abwesenheit glänzt Aber der mit seiner Ausschaltung 
bewiesene Geschmack verbessert die Filme nicht, sondern erhöht 
nur ihre Bedenklichkeit, weil er den von ihnen verzapften Bill 
dunoMtsch tarnt statt chn zu offenbaren. : . - a . 
Jener Beethoven-Reißer ist mir seiner UnveMümtheit wegen 
ungleich lieber gewesen. Um: nicht zu vergessen, daß er auch span- 
Wir bolürobten last, äaü diese ^ulrMänn^, die 
duredaus niebt den ^nspruob auk VoIIstänäiKkoit 
erbebt, ein veni^ ermüdend ausgefallen ist. Uror 
das Labzrintb der deutsebon Luedproduktion bat 
eine so gewaltige ^usdednung, äall aued ab^ebär- 
tete Wanderer dei dem Versnob, sied in äem Irr 
garten Lureobt^ukinden, einkaed unterwegs liegen 
dtoiden. Wir werden versunken, die ^ukxadtung weiter- 
xuküdren, um ein mögtiedst vollständiges Lild ?u 
geden. 
8oldnll 86! noab aul div Produktion der Lunstvor- 
la^o und der vorvvioZeud issonsckalt!icd6n Vorla^o 
dinAO^vioson. Vorn VorlaZ I)r. Laus Lpstvin Cordon 
vir eine IIn^dn-LioKrapüi0 (Vorleser: Larl X 0 - 
b a 1 d) M orvarton kadon, vorn ^maltlloa-Voria^ 
unter undorein Lio^rapdion ^nton Lruoknvrs unä 
äer Lönigin Obristino von Lek^veäen, von X. W 
Lrookdaus 8ven^II e ä i n 8 neues Lueb: „äobol, die 
Xaisorstadt". (Instav 6 1 üek voröMontiliodt bei 
Vnton Lekroll L Oo. ein Work über äie Oomäläo 
Lotor LrouKbols des kelteren, ^doU Lornat 2 ik 
dei X. W. Leidet L 8oün eine otdnoto^iselio Arbeit: 
„^otdiopon des Wostens". IImlanAroiell sind niobt 
Mietet die LroKrammo von X. VoiZtländors Ver- 
tu^ und von Dwtriob Loiinor. 
Ls kommt im Lboin-Verlag unter dem Ute! 
,,I 9 18: II u u 0 n a n oder die 8 aebIieb - 
k e i t", der 3. Land der ItomLntrilo^ von Hermann
        <pb n="24" />
        93 
$ 
M 
daß man jede Russin für drei Paar Seidenstrümpfe 
—94 
maßen von sich aus jene tragikomischen Effekte,’ 
deren das Buch voll ist. Der Mietshausblock, dessen 
Bewohner sich vor der Toilette drängen, die Wand 
zeitung der Kindergruppe Budjonny, die Tante, die 
aus unerfindlichen Gründen auf den Zehenspitzen 
steht: das alles ruft Gelächter hervor und ist doch 
Wichtig erscheint mir der Roman vor allem in 
sofern, als er zu zeigen versucht, daß der gebildete 
Mittelstand auch darum zugrunde geht, weil er 
sich selber zersetzt. Der Held des Romans, 
ein Ingenieur Kisljakow, der eine Anstellung im 
Moskauer Zentralmuseum gefunden hat, ist ein er 
bärmlicher Wicht, dem es nur noch auf die Er 
haltung seiner Existenz ankommt. Gesinnungslos 
paßt er sich den Wünschen des neuen kommunisti 
schen Museumsdirektors an und läßt ihn im Stich, 
sobald er von den Jungkommunisten abgesägt wird. 
Nichtso, als ob dieser Kisljakow ein Streber wäre'; 
aber er ist ohne Halt und daher zum Ueberläufer 
verdammt. Solche Figuren, die auch Dostojewski 
gezeichnet hat, waren sicher typisch für den un- 
revolutionären Teil der rusischen Intelligenz, der 
Ordnung, flüchtet in die Religion und verzehrt sich 
innerlich. Die Hauptenttäuschung bereitet ihm 
seine Frau Tamara, die offenbar eine Uebergangs- 
erseheinung darstellt, ; Statt Wie ihr Mann den 
überkommenen Sitten treu zu bleiben, stürzt sie. 
sich ins freie Leben, verführt den 1 schwachen Kis- 
Ijakow, der nicht will und dann doch will, und 
schläft im, Interesse ihrer Filmlauf bahn noch mit 
verschiedenen anderen Leuten. Nachdem sie auf 
diese Art und Weise die zynische? Behauptung 
eines ausländischen Regisseurs bewahrheitet hat, 
Der Roman: „Drei Paar Seiden- „Eis chbein streckt die Was fen", das mit dem Ro- 
Untergang der Gebildeten in Rußland. 
Von S. Kracauer. 
gewesen, sein. Die Gründe hierfür sind nicht 
schwer zu erraten. Zunächst berichtet der Roman 
vom Schicksal der gebildeten russischen 
Mittelschicht, das die gleichen Schichten an 
derer Länder natürlich besonders stark berührt. 
Dann ist er das Produkt einer gut geschulten Er 
zählerkunst und einer Anschauungskraft, der sich 
. weder zartere seelische Vorgänge noch die robusten 
Fakten, der Außenwelt versagen. Beide Reihen von 
Ereignissen greifen unaufhörlich ineinander, und 
der Zwang, ihr Gemisch zu vergegenwärtigen, be 
stimmt den Autor zu einer Darstellungsweise, die 
sich am ehesten als komischer Realismus bezeich- 
neu läßt. Mit ihrer Hilfe gelingt es, den Auf 
lösungsprozeß, dem die bürgerliche- Intelligenz in 
Sowjetrußland unterliegt, vielseitig zu beleuchten. 
Grauen und Lächerlichkeit sind in diesem Prozeß 
• Eine entwurzelte Gesellschaft, die nicht mehr aus 
und ein weiß und. von. der ins Rollen gekommenen 
Lawine der Sowjetmacht allmählich erdrückt wird. 
Die Schilderungen, die Romanow von dem ungleichen 
Alltagskampf zwischen Siägern Und Besiegten ent- 
wirst, sind um so überzeugender, als er auch die 
neuen Herren mit Kritik nicht verschont. Er ver 
spottet die Kinderkollektive als Uebertreibungen der 
Organisationssucht und' ist auch nicht gut auf die 
Wichtigtuerei der Jungkommunisten zu sprechen. 
Der Genosse Museumsdirektor, der das Museum vor 
trefflich umgestaltet hat. wird von der jungkommu 
nistischen Zelle dieses Instituts einzig und allein 
aus dem Grunde vertrieben, weil er bei derReorga- 
nisationsarbeit ohne ständige Fühlungnahme riit 
der; Zelle vorgegangen sei. Sein despotisches Vor 
halten erscheint nun in dem Roman —das aber ist 
entscheidend — nicht etwa als ein schlimmes Ver 
säumnis, sondern als ei zeitersparendes Handeln, 
d äs- sich am Ende billigen ‘läßt, jedenfalls werden 
.die Jungkommunisten, Spürbar satirisch traktiert, 
und daß sie schließlich gerade Kisljakow zum ach- 
foleerdes Direktors küren,, ist eine Pointe, die ihre 
Zellen Weisheit nicht eben verherrlicht. , 
• Dennoch~ glaubt Romanow nicht, daß vorn ge 
bildetenMittelstand noch je das Heil komme. Im 
Gegenteil, er setzt ihn auf den Aussterbeetat, er 
läßt ihn in der Gewißheit seines Unterganges ver 
enden. „Die Zukunft/gehört einer anderen Rasse," 
sagt Arkadi zu Kisljakow auf den letzten Seiten, des 
Buchs. „Verstehst du? Einer anderen Rasse... Die 
Arbeiter sind doch eine andere. Rasse, die. nichts mit 
uns- gemein hat! Ratten kann ich noch verjüngen, 
aber einen Stand, der seinen inneren Halt verloren 
hat, kann man nicht mehr verjüngen, das ist ausge- 
daß man jede Russin für drei Paar Seidenstrümpfe schlössen.“ — Der Ohnmacht, die aus dieser Selbst- 
kaufen könne, packt sie zuletzt der altmodische bezichtigung spricht, ist allerdings nicht mehr auf 
Ekel vor sich selber an und sie bringt sich um. zuhelfen. 
auch schrecklich. Schließlich mag der Autor die 
ausländischen Sympathien noch dadurch gewonnen 
haben, daß er, wie ja schon die von ihm verwandten 
Stilmittel beweisen, seinen Standpunkt nicht offen 
enthüllt. Er geißelt die neuen Machthaber nicht 
minder als die Gebildeten, und obwohl er deren 
Position preisgibt, bekennt er sich keineswegs en 
thusiastisch zur Arbeiterregierung. Das reizende, 
seinerzeit von mir besprochene Buch Roesmanns: 
Strümpfe“ von Panteleimon Ro manow manows darin übereinstimmt, daß es die Lage tod- 
(Universitas Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft,. geweihter Schichten behandelt, hat sich besser vor 
Berlin. 269 Seiten. Geb. N 6.50) soll außer in Mißverständnissen geschützt, 
Rußland auch in England und Italien ein Erfolg 
durch den Zarismus gekrümmt und verbogen wurde. 
- . Der Nebenheld, ein gewisser Arkadi, ist nicht, so 
unzertrennlich verbunden und fordern gewisser- geschmeidig 'wie sein Freund Kisljakow, sondern 
' verzichtet auf Kompromisse'mit der neuen Staats-
        <pb n="25" />
        Kino in derWünzpaße 
wieder beginnt, -ist es Mit dem Schlummer vorbei. Rechts in der 
flitzt, und verlasse den Stall. Die Sonne scheint, aber- 
um richtige Pausen LinZuschalten. Wahrscheinlich dient das Dessert- 
manchmal als Mittags 
Albers setzt die Mutopartie genau an dem Punkt fort, an dem 
er sie abgebrochen hatte, Und rE den - Gipfelhöhen 
des llapM such entgegen. Ich warte nicht, bis er sie erklommen 
hat, sondern Mssierß wieder die Leinwand, anst,der er riesig,daW 
dir Kreise, diß ihn aufsuchen, genügend Geld haben, um sich schon 
vormittags zu amüsieren, - während das Publikum- in der' -Münz- 
««elw, E»° März. 
In der Münzgaffe hinter dem Alexanderplatz befinden sich 
Mehrere Tageskinos, die alle schön um 11 Uhr vormittags 
eröffnen. Um diese Zeit ist diß Münzsträhe so mit Passanten 
gefüllt, daß man sich ordentlich tzmchMngen Muß, um weiterzU- 
kommeü. Die Menge, die aus Arbeitern, Frauen/ KleinM 
Lhpm und in der Hauptsache aus jungen Burschen besteht, hat 
es nicht eilig. Langsam schiebt sie sich voran, man spürt, daß die 
Arbeitslosigkeit auf ihr lastet. Begrenzt wird der träge Fluß auf 
der einen Seite von Lebensmitttzlsuhrwerken, auf her andern von 
Straßenhändlirn, Geschäften und Restaurants, deren Schaufenster-' 
gerichte aber längst Nicht so viele Illusionen zu erwecken scheinen 
wie die Bilderwände der Kinos, Sie gleichen schönen Uferp^ 
ten, an denen sich-das Publikum staut. Vielleicht übertrifft auch 
wirklich der geistige HE 
Bei dem Anblick d ieser Kinos erinnere ich Mich des Pariser 
Paramount-Theat^ Nähe der Oper, das ebenfalls tags ¬ 
über in Betrieb ist. Ein lichtübergossener Prunkpalast, der lauter 
Novitäten bringt und dazwischen bunte Ensembleszenen. Obwohl 
er eigentlich mit den Lokalen um den Alexanderplatz nicht in 
einem Atem genannt werden darf, ist er ihnen doch darin VM 
wandt, daß er wie sie die Unterhaltungsb M von Leuten 
befriedigt, dis nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Nur daß 
ster der bösen Zeit vertreibt. Sie verwenden es wie eine Medizin, 
die man im Krankheitsfall schluckt. Ihre Hautfarbe ist schlecht, 
und das Bewußtsein der Nutzlosigkeit trübt ihren Blick. Manchmal 
zögert auch ein Pärchen vor den Bildern, das im Dünkel Ver- 
Dem Beispiel mehrerer Vorgänger folgend, entschließe ich. Mich 
trotz dem schönen Wetter Zum Eintritt. Nie in.jeüen verschollenen 
Zeiten, als noch diß Wme stum^ muß man 
einen Geruch aus,-an dessen Herstellung offenbar Generationen 
gearbeitet haben, und wimmelt von Menschen. Ich sehe sie nicht, 
spüre aber, daß sie Zu Klumpen zusammengeballt sind. Die Bilder 
auf der Leinwand sind schon ein wenig verregnet und sprechen so 
undeutlich, daß man kaum eine Silbe versteht. Liebesgeflüster 
klingt wie Gekeife, und schlichte MäNnerwM verwandeln sich in 
Alarmsignale. Gespielt wird ein älterer Tonfilm mit Hans Albers, 
der überhaupt der Favorit der Münzstratze Zu sein scheint, da er 
so ziemlich in allen KiNos auftritt. Bezeichnend für das Publikum 
sind die Stellen,, an denen gelacht wird. Besonderen Jubel löst 
eine kleine Szene aus, in der Albers seine Muskelkräfte 
Wert entwickelt. Er springt Zum schmächtigen Nühmann in die Bade 
wanne hinein und taucht ihn Mehrere Male unter. Es sind Er 
werbslose, die über den-rohen Spatz lachen, ausgeL'öotete Mensche 
denen jeder Ulk DanMrkeit abnötigt. Sie stehen außerhalb des 
Arbeitsprozesses und. verlieren dadurch allmählich das Unter 
scheidungsvermögen. Man dürfte es ihnen nicht einmal übel 
nehmen, wenn sie auch. die . glänzende Karriere beklatschten, die ihr 
Liebling Albers im Film gewöhnlich macht. 
Auf der Leinwand erscheint: „Fortsetzung folgt", und der Zu 
schauerraum erhellt sich. Ich habe mich nicht getäuscht, die meisten 
Reihen sind, dicht besetzt. Jacken und dünne Mäntel flüstern mit 
einander; ein alter Mann schläft. Nachher, wenn der Lärm vorne 
nach rechts Noch nach links und wartet. Sir ist in mittleren' 
Jahren, eine gowoW die nichts Zu tun hat.und darum 
einfach irgendwo am Straßenrand stehen bleibt. Wenn nicht einer 
Nische haust eine Art von Büfett, das. den. Räum Zum Waxtesaal 
vormittags zu amüsieren, - während das Publikum- in der -Münz- 
ß ra ß e e i nem er zwu ngenen Müßi gang f r ö n t. . _ stempelt. Er hat keine' Farbe'' mehr und" gleicht 'den Sälen der 
_ Arbeitsnachweise und Wärmehallen aufs Haar.. Wer den Kellner 
M an mer kt es ih m am Di e j u ngen Bu rs H en , di e v or d en für überflüssig hielte,.- der. in schmieriger, Schürze, Pfefferminz, 
Kinoeingängen herumlungern und kritisch die Photos betrachten, Waffeln und'Negetküsse MN irrte sich sehr. Seine Waren sind 
sehen alle mißmutig/aus. Der Zeitvertreib, der sich hier bietet, -stärker erfragt als in den feinen Kinos, die allerdings zu fein sind-, 
ist ihnen weniger ein Vergnügen als ein Mittel, das die Gespen- 
schwinden will. Oder ein Mädchen überlegt sich, ob es im Augen 
blick nichts Besseres anfangen kann. Das Risiko ist in der Tat 
tzt, un verlasse en ta . e onne scent, aber- 
nicht gering/'denn Erwerbslose zahlen gegen Vorzeigen ihres diese Menschen die Sonne an? Vor dem Kinoportal W 
Ausweises ganze K Pfennige, und die Zogen, oder was sich so Frau im imitierten Pölz' und kaut. Mutlos kaut sie, steht weder 
nennt, kosten gar 1 Mark. 
kommt und . sie ins dUnLß.AiNö mitnimmt, kaut sie sicher noch bis 
an der niederen Leinwand. vorbei in die Hintergründe des Zu- in die Nacht hinein anm.l und. die SostneMcht. M 
schauerraumes^ ein unermeßlich langer Schlauch ist. Er strömtverrichteter Dinge ab. ' 8.
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        es an und mutmaße 
ihre Darstellung des 
politisch indifferenten 
kleinbürgerliche verdrängen? Ich nehme 
darüber hinaus, daß die Verfasser durch 
schlechten kleinbürgerlichen Behagens die 
Berlin, Anfang April. 
Die Filmprüfstelle hat den Film: „Kuhle Wampe" von 
Bert Brecht und Ernst Ottwald verboten; aus Gründen, auf 
die ich noch zurüEomme. Das Verbot ereilt einen Film, der es 
schon sowieso schwer hatte: einen Outsiderfilm nämlich, der nicht 
ein Erzeugnis der Filmindustrie ist, sondern das Werk eines klei 
nen Anabhängigen Kollektivs, das außer Brecht und Ottwa l d 
noch den Regisseur Dudow und den Komponisten Ei s l e r um 
faßt. Es handelt sich hier also um Zwei Fälle: 
1. um das Eingreifen der Zensur, 
2. um einen außerhalb des Löblichen Produktionsprozesses ent 
standenen Film. . 
Beide find gesondert voneinander Zu betrachten. Das Haupt 
interesse beansprucht im Augenblick zweifellos der B e s ch ei d d er 
Filmprüfstelle, und ich schicke voraus, daß er schlechter 
dings unbegreiflich ist. Aber sich auf einen Protest gegen 
rhn zu beschränken und den Film selber durchs Netz schlüpfen zu 
lassen, wäre nur dann angebracht, wenn das Verbot irgendein 
belangloses Jndustrieprodukt betroffen hätte. „Kuhle Wampe" 
jedoch ist schon seiner Hersteller wegen wichtig genug, um genau 
so stark belichtet zu werden- wie dieses Verbot. 
Der. Film sucht vorwiegend die Zustände unter den Arbeits 
losen Zu veranschaulichen. Im Mittelpunkt des ersten der drei 
Teile, in die er zerfällt, befindet sich eine Erwerbslosenfamilie, 
deren 'besonderes Schicksal das allgemeine illustriert. Die Eltern 
tragen kleinbürgerliche Züge und hantieren mit Sprüchen, die auf 
die Verhältniße nicht mehr passen. Einem Milieu, dem die Tochter 
bereits entwachsen ist, der Sohn aber erliegt. Nachdem ihm der 
Vater vorwurfsvoll mitgeteilt hat, daß aus Grund der Notver 
ordnung seine Unterstützung beträchtlich gekürzt werde, bringt er 
sich um. Der zweite Teil zeigt das Leben der exmittierten 
Familie in der Siedlung Kuhle Wampe, in der sich die Erwerbs 
losen aus dumpfe Art mit den Zuständen abfinden. Hier schlagt 
der Film in Kritik um, in Kritik der Spießbürgerliche die re 
signiert und das Leben nach alter Art weiterschleppt, so gut es eben 
geht. Die Tochter erwartet ein Kind, und der Bräutigam, ein ziem 
lich haltloser Mensch, willigt schließlich ein, sich mit ihr zu ver 
loben. Das. Verlobungsessen, das in Anbetracht der gedrückten 
Verhältnisse merkwürdig üppig ist, entwickelt sich zum Saufgelage, 
dessen Widerwärtigkeit die der ganzen Kleinbürgerwelt kennzeich 
nen soll. Um nicht im Schlamm zu ersticken, verläßt die Tochter 
ihre Eltern. — Der dritte Teil dient der Belehrung und Ausrich 
tung. Die Arbeitersportjugend feiert ein Sportfest, in dessen Ver 
lauf man auch der Tochter und ihrem Bräutigam begegnet, der 
durch das Fest zu einer besseren Lebenshaltung bekehrt wird. Man 
treibt Nacktkultur, verunstaltet Wettspiele und fingt Songs, die den 
Willen zur Veränderung der Zustände kundgeben. Im Hintergrund 
prangt ein Plakat, das zur Solidarität ermähnt. Auf der Rück- 
fahrt'zur Stadt kommt es zwischen der Arbeitersportjugend und 
verschiedene zu leider viel zu ausgedehnten 
EiseEhM denen die Weltanschauungsgegensätze noch 
einmal Lufeinanderprallen. 
Ich habe den Inhalt nicht nur des Verbots wegen, sondern 
auch um seiner selbst willen so ausführlich berichtet. Festzustehen 
scheint mir in der Tat, daß sich die Filmindustrie dieses Stoffes 
unter den heutigen Umständen kaum angenommen hätte. Aller 
dings macht der Film „Drei von der Stempelstelle" ebenso wenig 
wie „Kuhle Wampe" einen Hehl daraus, daß die Arbeitslosen 
heute fast keine Chancen haben; aber er mildert durch komische 
Einschläge äb und hält die Siedlung doch halb und halb für eine 
brauchbare Lösung. Brecht und Ottwald gehen unstreitig weiter. 
Der Haken ist nur,, daß sie die Freiheit, deren sie sich außerhalb 
des Geheges der Industrie erfreuen, nicht richtig nutzen. Ihre 
Analysen sind verschwommen, ihre Demonstrationen ermangeln 
der Schlüssigkeiü W Schlag gegen die offizielle 
Filmproduktion hätte sein können, ist ein Schlag ins Wasser ge 
worden. 
Mr entscheidende Fehler der Filmkomposition besteht meines 
Erachtens darin, daß unklar bleibt, zu welchem Zweck die Heiden 
Welten der resignierenden Erwerbslosen-Kleinbürger und der Hoff 
nungsvollen Arbeiterjugend in der vorliegenden Form stilisiert 
und gegeneinander abgesetzt sind. Soll die der Arbeiterjugend die 
oder rückständigen Schichten zu treffen gedachten und im Schluß 
teil die kommunistische Aktivität verherrlichen wollten. Wenn das 
ihr Vorhaben war, ist ihnen jedenfalls seine Ausführung nicht 
gelungen. Denn zunächst wird das gegnerische Spießerleben in 
einer Weise karikiert, die der Ueberzeugungskraft enträt. Daß sich 
arme Tröpfe, die keinen Ausweg aus ihrer im ersten Teil ver 
deutlichten Situation wissen, bei Gelegenheit vollsausen, ist nicht 
zu bezweifeln; daß sie sich dabei so ekelhaft anstellen, ist unwahr 
scheinlich. Aber benähmen sie sich selbst derart peinlich, so wider 
spräche doch die Behandlung, die der Film ihrer Ausschweifung 
angedeihen läßt, seinen im Schlußteil sich durchsetzenden Ab 
sichten. Er traktiert die Vollerer nicht zornig oder bekümmert, 
sondern schlechthin gehässig und verhöhnt obendrein wie irgendein 
mondäner Gesellschaftsfilm die kleinbürgerlichen Eßmanieren. 
Das ist unberechtigt angesichts der Lage, in der sich die Erwerbs 
losen befinden, und verstößt auch wider das Interesse der Soli 
darität; um von der geringen Glaubwürdigkeit zu schweigen, die 
der ganzen Schilderung anhaftet. 
Der älteren Generation, die im Morast verkommt, wird später 
die junge gegenu^ die ein Vortrupp der Freiheit sein 
soll. Woraus geht hervor, daß sie es ist? Am Ende daraus, daß sie 
der Freikörperbewegung huldigt, Motorrad fährt und sich zu 
Kampfliedern vagen Inhalts vereinigt? Enthielten die Texte dieser 
Gssänge sogar spezifischere Aussagen, sie klängen doch nur rheto 
risch. Schuld daran trägt,., daß sie in einem Zusammenhang sitzen, 
dem nach der vorangegangenen Bergegenwärtigung des Erwevbs- 
losenelends keine reale Macht innowohnm kann. Einmal ist der 
Sport eine Sache der Jugend aller Richtungen und nicht nur das 
Zeichen der revolutionär gesinnten. Dann ist ein Sportfest eine An 
gelegenheit, die niemalsM gleichmshaft — der All ¬ 
tagsnot die Balance zu halten vermag. Und schließlich eröffnet 
dieses Fest um so weniger die vermutlich gewünschten neuen Per 
spektiven, als auf ihm die Jugend die Hauptrolle spielt. Hätte man 
noch mit den sumpfenden Erwerbslosen des zweiten Teils Leute 
desselben Alters konfrontiert! Aber Unterschiede der Haltung durch 
Generationsunterschiede versinnlichen zu wollen, heißt jene entkräf 
ten. Gute Jugend gebärdet sich immer radikal; nur eben bietet ihr 
Drang, die Verhältnisse zu ändern, an sich eine geringe Garantie 
für zukünftige Taten. Kurzum, der letzte Teil des Films ist eine 
windige Schlußapotheose, deren Optimismus nicht mitreißt. Ich 
glaube natürlich, daß es besser ist, gemeinsam Sport zu treiben 
als sich zu Lesaufen. Doch auch Sportfeste können Räusche sein, und 
ich weiß weder, ob sie zur Ueberwindung des KleinLürgertums 
taugen, noch ob sie einen nachträglichen Katzenjammer ausschließen. 
Das.^untergründige, das im Film gezeigt wird, wirkt unter allen 
Umständen wie eine dekorative Geste und erscheint mehr als eine 
Flucht denn als ein Signal der Rettung. Der Beweis dafür ist 
der: daß die Bilder des Anfangs im Zuschauer noch sortdauern, 
nachdem die Hurra-Stimmung des Festes längst verflogen ist. 
Dud o w, ein neuer Mann als Filmregisseur, verrat an einigen 
Stellen seine Begabung. Er hält das Motiv der Fahrräder rm 
ersten Teil sicher durch und hat von den Russen gelernt, soziale 
Zustände durch Gesichter zu charakterisieren. Da man im deutschen 
Film die sozialen Zustände meistens verschweigt oder verfälscht, ist' 
gerade diese Kunst noch selten ber uns angewandt worden. Auf 
lange Strecken hin verfährt die Regie ungeübt. So sind die Milieu-, 
bilder, die jeweils einen reuen Teil einleiten, nicht genug mit 
Bedeutung gefüllt und die Aufnahmen vom Sportfest viel zu weit 
schweifig geraten. Immerhin sind mir diese abstellbaren Mängel 
lieber als die unheilbaren, die der Versiertheit entspringen.. . 
Die Filmprüfstelle hat, wenn ich richtig informiert bin, den 
Film darum verboten, weil er den Reichspräsidenten als 
den Schöpfer der Notverordnungen, die Iustiz und die Kirche 
verächtlich mache. 
1. Verächtlichmachung des Reichspräsidenten: sie kann nur in 
jener Szene erblickt werden, die den Selbstmord des Arbeitslosen 
aus der niederschmetternden Wirkung der Notverordnung ableitet. 
2. Verächtlichmachung der Justiz: Anstoß erregt wird die Er 
scheinung eines Richters haben, der mit der in solchen FällÄ 
üblichen Monotonie einen Exmittierungsbefehl nach dem andern 
verliest. Mit seinem Auftritt sind die vergeblichen Bittgänge her 
Tochter bei den verschiedenen Aemtern zusammenmontiert. 
3. Verächtlichmachung der Religion: während Gruppe 
„Kuhle Wampen veröoten! 
Von S. Kraeauer.
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        Kunst in Woaött 
Gogh-Bilder glüht, bringt es vielleicht an den Tag; vorausgesetzt, 
daß sie falsch ist. 
Im Zeugenverhör, das nach der Vernehmung WackerZ einsetzt, 
handelt es sich um ziemlich subtile Dinge, die weit zurückliegen. 
Der erste Zeuge ist Vincent Wilhelm van Gogh aus Holland, 
der seinem großen Onkel etwas ähnlich sieht; nur sind die Züge 
ins Bürgerliche übersetzt und ohne die Dämonie des Originals. 
Er spricht und versteht ganz gut Deutsch und erteilt bedächtige 
Arbeiterjugend nackt baden, ertönen die Sonntagsglocken, und hin 
ter der Wasserfläche ist ein Kirchturm zu sehen. 
D i es e V e r b o t s g r ü n d e sind nicht stichhaltig. 
Heißt es die Notverordnung und durch sie gar den Reichspräsiden 
ten verächtlich machen, wenn ein Fall gezeigt wird, in dem die 
Notverordnung zur Katastrophe führt? Der Selbstmord ist noch 
dazu gar nicht die alleinige Folge der Notverordnung, sondern 
diese nur das letzte Glied einer Kette von Erfahrungen, die den 
unglücklichen Arbeitslosen allmählich umdüstern. Von einer Ver 
ächtlichmachung der Justiz kann ebenfalls keine Rede sein. Die 
Einmontierung des Richters bezweckt nichts anderes, als die Kritik 
an der Härte von Räumungsbefehlen zu unterstreichen. Wenn eine 
solche Kritik nicht Zulässig wäre, müßten zum Beispiel auch sämt 
liche Zeitungsberichte ausgemerzt werden, die sich an Hand von 
Tatsachen mit der Rechtspflege kritisch befassen. — Was schließlich 
die Verächtlichmachung der Kirche betrifft, so ist dieses Argument 
besonders weit hergeholt. Kaum einer beachtet überhaupt beim 
Anblick der Badenden, den blassen Kirchturm im Hintergrund 
und das verwehende Glockengeläute, und erst recht niemand ver 
fällt auf den Gedanken, zwischen diesen Merkmalen des kirchlichen 
Sonntags und der freikörperbewegten Sportgruppe irgendeine 
Beziehung zu konstruieren. 
Oder sollte sich hinter der Beanstandung der genannten Szenen 
(die sich übrigens leicht streichen ließen, ohne daß damit dem Film 
ein Wesentlicher Abbruch geschähe) ein Generaleimvand gegen das 
Werk im ganzen verbergen? Dann hätte man ihn formulieren 
müssen, und überdies wüßte ich nicht, was die Zensur dem Wert 
vorwerfen könnte. Es verschafft noch nicht einmal einen richtigen 
Begriff Von der herrschenden Not. Seine Haltung ist, wie ich nach 
gewiesen zu haben glaube, viel zu verworren, um deutlich erkennbar 
zu sein. Und seine Proteste gegen die Zustände sowie die Demon 
strationen seiner Arbeiterjugend sind ungleich zurückhaltender und 
unbestimmter als alle Aeußerungen, die man heute tagtäglich an 
den Litfaßsäulen, in Wahlversammlungen, Zeitungen und Theatern 
zn'M bekommt. Nichts berechtigt in Wahrheit 
Zum- Verbot dieses Films; es sei denn, man sähe es schon als 
inopportun an, daß die Jugend von der Leinwand herunter ihren 
Willen zur Aenderung der Verhältnisse verkündet. Träfe das zu, 
so wäre es mehr als bedenklich um uns bestellt. 
" Me Hoffnung MM, datz Me OSerfilmprüfst 
noch freigibt. Wir wünschen die Aufhebung des Verbots, weil die 
OeffentliM mündig genug ist, um sich mit einem Werk dieser 
Art selber auseinanderMfetzen. 
Berlin, im AM 
Der Schwurgerichtssaal ist in eine Gemäldegalerie verwandelt, 
und alle Welt blättert in den Katalogen. „Pappelallee" „Heu 
haufen im Mond" und wie die falschen oder echten Van Gogh 
Bilder alle heißen — sie lehnen ohne Rahmen an einer Brüstung 
und werden, wenn es notwendig ist, von Hand zu Hand gereicht. 
Vor dieser Kunstausstellung sitzen in langen Reihen die Sachver 
ständigen, deren Gutachten man noch hören wird. Da auch das 
Publikum zum großen Teil aus Connaisseurs besteht, macht das 
Ganze weniger den Eindruck einer Gerichtsverhandlung als einer 
Akademie-Sitzung, in der es hochwissenschaftlich zugeht. 
Kein Wunder" daß sich die Vernehmungen in einem urbanen Ton 
vollziehen. Man ist hier in einem Gremium von Gebildeten, und 
auch der Angeklagte Wacker, dessen Verhör sich dem Ende zuneigt, 
tritt durchaus als Gentleman auf. Ein schicker leicht umflorter Typ, 
der auf dem Tanzparkett bestimmt eine gute Figur gemacht hat und 
so leise spricht, als übe er in einem fort Diskretion. Tatsächlich 
versteht er sich vorzüglich auf sie, denn er läßt sich nicht mit Zan 
gen den Namen jenes Russen entreißen, von dem er die Van 
Goghs gekauft haben will. Seine Antwort auf alle indiskreten Fra 
gen, lautet stets,, daß er dem geheimnisvollen Russen Schweigepflicht 
gelobt Habs und das ihm gegebene Ehrenwort unter keinen Um 
ständen brechen werde, das heißt, wenn sich sämtliche Bilder als 
Fälschungen herausstellen, will er mit sich reden lassen. Einstweilen 
hält er sie aber, noch mit Ausnahme von dreien, die ihm neuer 
dings fragwürdig vorkommen, für echt. Manchmal trinkt er einen 
Schluck. Wasser, ohne daß sich hinterher seine Stimme belebte. 
Etwas heftiger wird sie nur angesichts der Möglichkeit, daß. man 
den § 51 auf ihn anwenden könne. So entschieden er indessen 
seinen glänzenden Gesundheitszustand betont, das Gedächtnis läßt 
ihn. mitunter bedenklich em Stich. Zum Beispiel erinnert er sich 
nicht mehr genau daran, ob er die 50 000 Mark, die er einmal an 
seinen Bruder schickte, wieder zurückerhalten hat; der Geldverkehr 
zwischen ihnen muß wirklich sehr rege gewesen sein. Alle Aus 
sagen werden in einer Art vorgebracht, die unmittelbare Schlüsse 
auf ihren Gehalt kaum zu ziehen erlaubt. Existiert der verborgene 
Russe oder existiert er nicht? Die Sonne, die auf einem der Van 
Auskünfte über das Kassenbuch seiner Mutter, über die Bilder, 
die ihm aus seiner Kindheit her im Gedächtnis geblieben sind usw. 
Da er offenbar weder an der Kunst im allgemeinen noch an den 
Familiengemälden im besonderen stark interessiert ist, können ihm 
Gericht und Verteidigung nicht viel entlocken, und das Frage- und 
Antwortspiel versackt zuletzt in Rekonstruktionsversuchen jener 
Zeiten, in denen Werke des Meisters auf einem Karren verkauft 
wurden oder bei Umzügen abhanden kamen. Solche Lücken, die dem 
großen russischen Unbekannten eine Chance geben, sind natürlich 
der Verteidigung angenehm. Bei dem nächsten Zeugen, Herrn 
Tannhauser, geht es schon um prinzipiellere Dinge. Wichtig ist 
zunächst, wie der Inhaber der bekannten Kunsthandlung über 
die Echtheit der Bilder denkt. Obwohl er seinerzeit eines von 
ihnen erworben hat, ist er doch schon damals trotz günstiger Ex 
pertisen in einer gewissen Unruhe gewesen. Das Hauptproblem ist 
aber unstreitig dies: ob Herr Tannhauser selber an Stelle Wackers 
den Namen des Vorbesitzers genannt hätte, wenn die Zweifel am 
Wert der Bilder nicht wehr abzuweisen gewesen wären. Herr 
Tannhauser ist überzeugt davon, daß er in diesem Fall den Namen 
Preisgabe. Und Zwar klingt seine Ueberzeugung so allgemeinver 
pflichtend, daß der Vorsitzende genötigt ist, sie etwas einzuschrän- 
ken und der Meinung Ausdruck zu verleihen, ein anderer könne 
in dem betreffenden Falle vielleicht auch anders handeln. Diese 
Objektivität der Zeugenaussage gegenüber wird von dem Ver 
teidiger sofort weiter ausgebaut, und das Ende vom Lied ist, 
daß sich die Nachteile und Vorteile für Wacker ungefähr ausgleichen.. 
Der interessanteste Abschnitt des Verfahrens werden die Gut 
achten sein. Denn das eigentliche Prozeßthema ist Zweifellos nicht 
so sehr die Affäre Wacker als die Diskussion über die Gültigkeit 
von Expertisen. Und dahinter mag dann die dunkle Frage äust 
steigen, inwieweit es in manchen Fällen überhaupt möglich ist, 
die Echtheit eines Werks einwandfrei festzustellen. Ohne den zu 
i e c r h wa z r u te m nd S e c n hlu E ß rör e te in r e un A g n e e n kdo d t i e ese e s rzä G h e le g n e , ns d t i a e nd m s ir V v o o rz n ug z r u e v if e e rl n ä , ss w ige il r l 
S G e e i m te äld m e it a g u e f t . eil d t as wo d r e d n en Na is m t. en I s rg zu e g nd Ma w x an L n ieb e e i r n m m a a n l ns tau tr c u h g te u e n i d n. 
n E u c r hth e e in it F d r e ü s hw B e il r d k e d s es ni M ch e t ist k e la rs r s w ei a n r. ko Z n e n ig te te . D m a an ma e n s s L ic i h eb ü e b r e m r a d n ie n. 
u a n be d r b n a ic t ht ih m n eh u r m an se d i a n s e B E i n ld tsc u h n e d idu w n u g ß . te Lie sc b h e l r ie m ß a lic n h n ke e i r n in e n n e b rt e e sse s r i e c n h 
A d e u r u k r s c lä w h r e t e e g in / e a n d l a s G ß ra d d e p e n h r o N l F o a r g a m e g n e e n s n s te a z l h u le e g r z n u e le c d h g i t e e n s . e P i D . rü e D f r u a n G ra g r u a f p h s h e i o n in lo e g s r a e g U t p e n r t ü d e f e t r e s r ch u v r n o if d n t . 
diesem , B , escheid verständigte Liebermann: „Also ist auch dM Bild 
echt." — Mitunter ist Echtheit eine reichlich vertrackte Sache, .
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        äsrrsR 
sonst 
äurob 
IcK babs äiesen Roman so auskübrlicK, betrack- 
tet, Weil sein Verfasser von einer tvpisoken Oekabr 
beärobt ist. Rr kat l'alent unä treibt Wie viele 
ssinesgleicken Raubbau äamit. Menn er es nur gs- 
sebäktlicb verWerten Wollte, Wäre natürliek jeäes 
Weitere Mort versebWenäet. ^ber vielleickt kennt 
er einen KöLeren DKrgeiz als äen, ein mittlerer 
DnterkaltungFtzcbriktstellbr zu Weräen, unä eben in 
ämsew Balls äürkte er nickt länger so verkakren 
Wis jetzt. Das keiüt, er müüts äamät aukkören, 
seine Anlagen Wis ein unvernünftiger Dütsrnebmer 
auszubsuten, äer über äen augenbliekireken Brokit 
nickt kinausäenkt. Aukkören äamit, äas ikm Miäer- 
kaKrens sofort zu formulieren unä nur im lnteresss 
äer Zckreibereä äis Melt an sick zu rakksn. Dis 
Melt scbenkt sieb nickt äem, äer smK in soleKer 
^bsicKt ibr näbert, unä äa sis vor ikm zurüek- 
Weickt, ist sr Über kurz oäer lang abgebrannt. 
Viele sogenannte Dicktsr äsr l^aekkriegsjakre gaben 
sick aus, eke sie etWas eingenommen Latten, unä 
macbten äann vorzeitig Bankrott. Ais lebten fürs 
Ackreiben. ^ber äas 8ckreiben ist eins Aaeks, äis 
nur äann Beben ist, Wenn nickt um LkretWiHen ge 
lebt Wirä. 
SLMWMgeleZMH Biguren unä Dreignissträngs neb" 
men kiek neben äiesen Arenen vie msbr oäer 
Weniger hrekkenäs ReporlLgsü aus, äis um äsr Voll- 
Ktäüäägkeit Willen binrugskügt sinä- 8is grünäen 
Kiek n^eKt auk äis Lenntnis äes totalsn Baris, sis 
Laben äen ^Wesk, äis literariseks VorstsUung äes 
totalen Baris rm dsbiläsrn. ^.lso bestskt äsr ^n- 
kpruek, äsn ibrs Lomxosition sis Zu erbeben ZWingt, 
Liebt LU rsebt, unä äie gan^s Montags äst nrebtZ 
Weiter als ein Formaler Zauber, äsn äis lnbalte 
selber äsKavouieren. ^abreebsrnliek bat äsr Hutor 
geglaubt, äureb äis ^rt ibrer Montisrung 7 
sobsn Objektivität vorstoÜen M Können. Mer äisss 
Montisrung täusebt äis ObzektiMLt nur vor, unä 
es bleiben als Lern äes Ruckes einigs subjektive 
Rrlebnisss unä Lrkabmngeü zurück, uw äis sick 
Liemlick unsrlsbts unä erkakrsns Hesekiekten an- 
KLuksn. 
Deiäer Kält auck äas anZebsinsnä aus xsrsön- 
lickem Missen beraus Hestaltete nickt reckt stanä. 
Ick meine alle jene Lpisoäen, äis äas Verkaltnis 
zWiscben Brankreieb unä DeutsManä betrekken. Die 
Broblematik äieser Rezwbungsn Wirä kauxtsäcklick 
äurck äie Lulleren Dmstanäs vergegenstLnälickt, in 
äenen sick äer Romanbelä bekinäet. Lr, äer junge 
Veutscbs, kat eins kranzoMcbs Ministsrstocbtsr ge» 
bsiratst, äis von äem väterlicken Batrioten ibrer 
Lbs Wegen verstoüen Woräen ist. Da äsr Lelä 
nack veutseklanä zurückvsrlangt, äie ^oebter ikm 
aber nur folgen Will, Wenn äsr unbeugsame Vater 
sie aus kreisn Rücken mitLieben läüt, sinä groüs 
^Wsxraeben zWiscben äen Vertretern bsiäer Dän-- 
äer notWenäig. ^ucb sonst mangelt es übrigens 
nickt an Weiälick ausgenutLten Obancen zu De 
batten, Diskussionen unä Rrgüssen, in äenen äa^ 
' selbe Mema Wieäer unä Wieäsr verkommt. Daü 
es Verstanä unä Oemüt beWegt, ist in Dränung; 
nickt aber, äaü äie HelegenkM, es m bskanäeln, 
äen ^utvr unWiäersteklmb zum rbetoriscken 8om° 
bast verlockt. „A«ös ieä -sisär Aßisrnt in fünf /Mrm 
iN sagt äer Lslä zum Minister, „cksF 
ä«s VMsrlsnck Äösrutt äort A?s ick ss mrökeP 
A)MsH Sie roisäsr bremsn SÄfriö^tsR MFs?r 
äü8 Usrs, äüK ÄösrM ös^rmsrer ißtk BsArsifsK Ais, 
äsL Aperen FsrLsK E äsr läss Mr'k?SG Lsim Hrsn- 
ZsK WKstst KSM äerF Mir Mr DsutSskluKä 
isösn, Wsnn roir in BrK-r^rsieiz sinä, AM F'rüAL- 
rsisK uns srMllt, MsRA Mir auf äsutMsM BocksA 
isös-rp Mis LM-re-r Ais Mnösn, äsA Mir sima MMn 
äss srräsrs ELMPisisR rrssktsA,..Aolcbe Maku 
latur Wirä nock an anäeren Orten gersäet. Nastig 
stilisierte Mnungen veräampken im blickt? unä kalseb 
gesteuerte Lmpkinäungen erlsiäen LckMbrueli in äsn 
Dütisken äer BbrassngeWässer. 
Der MiM Beter Menäslssokn, äessen 
srstsn Roman: „Bertig mit Berlin?" ick an äisser 
Zteile besprack, bat inzWiseken Berlin mit Baris 
vertausekt unä als Druckt keines Bariser ^ukent- 
kaltes einen neuen Roman: „Baris über mi?' 
kerausgebraekt (Deipzig, Bkilipp Reclam jun. 374 
Feiten. Heb. .-M 6 50). Das gebt seknell keutzu- 
tage. Lum Olück sckeint Donäon nickt an äis 
Reibe kommen zu sollen. 
Das Bueb ist, Wenn man Will, reifer als äas 
erste, Weil es äie Melt auüerkalb äes lebs mebr 
berücksiektigt, unä bestätigt überäiss Menäelssobns 
gskälllgeF Brzäblertalent. Mit erstaunlieber Deick- 
tigkeit unä guter Mitterung kür verWenäbare 8u» 
jets bemäcktigt sick äsr ^.utor äes ungsbeuren 
Atokkes. äsr Baris keiüt, nnä maebt aus äsn von 
allen Feiten berbeiströmenäen unä berbeitranspor- 
tisrten Materialien seinen Roman rurscbt. Visls 
^4.xten von Baris Weräeu in ikn känsingestEckt. Das 
kosmopolitrsebs Baris, in äsm sied soWokl aus- 
länäiscbs Olücksrittsr unä Nockstapler Wie unbe- 
krieäigte amerikaniscbe Dkekräusn unä ibre trauri 
gen Hatten uMkertreiben, äiie geraäsWegc einem 
Roman van- Aüuäair BeML L^tMMLSN; ä-H BE 
Der Mangel an Eigenem in ibm nirä sebon 
äsn NiKbraueb entbüllt, äsn Rsnäelssobn mit äer 
«««»»» i» ^»ris 
Von 8. Lraeauer. 
Röntg gekorm trsibt. HWebiekt, montiert- sr Keine 
«EnigtHtiML TÄüälunASvtzriMkG AS zneinanäer« 
äaÜ äsr Mnäruek sines Mosaiks aus gleiebgsvüeb- 
tigen teilen entstsbt, äas okkenbar äis lotalitat 
von karis vergegenvrartigen soll. ?7un bat äis 
Rorm äer Montage (ivie jeäs literarisebe borm) 
nur äann einen Änn, ^enn sie einen bestimmten 
Oebalt vermitteln bilkt. äobn Dos Dassos 2Um Lei 
spiel bsnut^t in seinem Roman: „Manbattan 1 rans- 
ker" unä später in: „Der 42. Vreitsgraä^ äiess 
Rorm auk eine alleräings doebst manierierts Neiss 
rur Darbietung^ äes grausamen NebEneinanäerF 
innerbalb äer ^ivilisierten Mslt, 8ie kann aueb 
äer. Zerstörung äes Zebeins von Dinbeiten äienen, 
äie kaktiseb keine mebr sinä, oäer äem Dniveis 
auk neue Dinbeiten, äsreu Elemente noeb niebt ru- 
sammengeben iveräen; verlangt ist aber unter allen 
Dmstänäen, äaü sie. irgsuäeine Funktion erfüllt. 
In Monäelssobns Bueb läukt sie statt äessen leer. 
Die äureb Montege^ mitsinanäer verkuppelten 1'eile 
sinä namliek in Mrkliebkeit gar niebt gleiebgs- 
vüebtig. sonäern in ibrer MebrLabl BM^erk, äas 
an Bsäeutuüg vsit binter äen Arenen Lurüektritt, 
in äenen sieb MenMKsobn mit Baris unä Brank- 
reieb ansmnLnäersstrt, Der gräkliebe Bolitiket. äis 
^benteursrm suL ^rkLZo unä Nseb Mäsm E 
isk rmr äaL m's ä/7 siM" vss ist 
sebt an äsm Vueb? 
äsr jungen Männer aus äsr Brovinz, äie naek äem 
Vorbilä Balzaeseder Beläen in äis Bauptstaät kom- 
msn, um äort zu avancieren oäsr zu seksitsrn; äas 
groÜs, gekäkrlieks Baris, in äem unsrkabrene Mää- 
eken beäsnklieke Abenteuer erleben; äas Baris 
junger äsutsebe.r 8okriktste11sr, ääe ^bnsüebtig 
übsr äie Orenze kabren, sieb in äie einzige 8taät 
verlieben unä in ibr Wie in einem ^auberberg 
bangen bleiben. leb glaube, äiese ^srliebtbeit ist 
sebt. Denn nur aus äkr beraus kann äsr äurck äsn 
naben ^bscbieä von Baris elsgisek gestimmte Belä 
äes Romans erklären: rssräsA msttsis/rt äis 
Usnso^srr, äis re^ m'M rrnä mit äs/rsu reck Ais 
eiu Mort gssprosksu kabs. Bs/?IsA FsräsR BM/cs, KAf 
äMsn r's/r ms gesssssn ksbs, f Hu wsräsn Sssssu- 
iisäsr, «R äis isk Mtsk msbt sriErs ... E- 
ä^R mir äis DiuAs, äis isk msirt Ls-ms mrä von
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        ßafs im Aerüner Westen 
Von S» 
Rraeauer» 
wenn man nicht unbedingt mag, verzichten sie meistens darauf, 
eine Bestellung zu machen; es sei denn, daß sie sich Zwei Glas 
Wasser bringen lassen, um dem Kellner eine kleine Gefälligkeit 
zu erweisen. Der Kellner wäre sonst überflüssig und könnte unter 
Umstünden abgebaut werden. Den Pagen droht in dieser Hinsicht 
keine Gefahr, weil sie voll ausgenutzt sind. Sie dürfen nicht nur 
in einemfort das Glöckchen schwingen, sondern auch alle jene 
Zeitungen hin- und herschleppen, die denselben Nationen wie das 
Stammpublikum angehören. Aus ihnen unterrichtet es sich über 
Vorgänge in den Cafes der fernen Heimat. 
Daß sie schön ist und zu Wanderungen ermuntert, die Heimat, 
schließe ich aus dem Drang der Gäste, sich in ihrem Cafehaus 
ununterbrochen zu bewegen. Noch nie habe ich eine ähnlich starke 
Bewegung erlebt, und alle literarischen Bewegungen, die ich 
kenne, stehen an Triebkraft weit hinter dieser zurück. Wenn zum 
Beispiel zwei Leute an einem Tisch sitzen, begrüßt sie sofort ein 
Dritter, der andere Bekannte nach sich zieht, die wie von magne 
tischer Gewalt herbeigelockt werden. Ein Menschenhaufe ballt sich 
zusammen, der die freien und besetzten Stühle in der Nachbar 
schaft mit sich reißt und Zuletzt einen undurchdringlichen Klumpen 
bildet, dessen Bestandteile nicht mehr voneinander zu unter 
scheiden sind. Zu bedauern ist nur der Lisch in der Mitte des 
Klumpens. Plötzlich und grundlos zerstreut sich die Gesellschaft 
wieder, und übrig bleiben Zigarettenreste und zahlreiche leere 
Stühle, die unordentlich im Raum herumfahren. Der Tisch ist 
zwar nicht zerquetscht worden, hat aber sein schmuckes Aussehen 
verloren. Die Mitglieder des Klüngels streifen jetzt einzeln durchs 
Lokal, um bald an irgendeiner neuen Stelle unvermutet zusam- 
menzuschießen. Manche setzen sich überhaupt nicht, aus Angst, sie 
könnten etwas versäumen, sondern plaudern im Stehen und sind 
wie fliegende Truppen immer zum Aufbruch bereit. Andere lassen 
sich so auf einem Stuhl nieder, daß sie die ganze Umgebung be 
herrschen. Der Stuhl wird kurzerhand vom eigenen Tisch abgerückt 
und an den nächsten fremden herangeschoben, der auf diese Weise 
ebenfalls beschlagnahmt ist. Solche Umgruppierungen erhöhen 
nicht nur die Bequemlichkeit, sondern gewähren auch einen 
besseren Ueberblick über die im Lokal verteilten Gefährten. Richt 
selten kommen vertrauliche Unterhaltungen zwischen Partnern 
zustande, die sich an entgegengesetzten Enden befinden. Die Haupt 
sache ist, daß die Stimme weit genug reicht. 
Gegen Abend stockt der Wohnbetrieb, und eine sanfte 
Stille tritt ein. Harmlose Gäste durchblättern die Zeit 
schriften, die Pagen kichern hinter einer Balustrade, und in 
den Ecken flüstern verliebte Pärchen. Das Stammpublikum selber 
ist bis auf wenige zurückgelassene Beobachtungsposten ver 
schwunden. Ich habe Grund zur Annahme, daß es sich in der 
Zwischenzeit erholt, um für den Abend neue Kräfte zu sammeln. 
Denn kaum ist man der Pause halb inne geworden, so Lost der 
Strudel schon wieder und heftiger als zuvor. Die Schlagerkompo 
nisten, die zukünftigen Operettendiven, die Filmkomparsen, die 
Herren und die frisch importierten Jünglinge und Mädchen, die 
noch nichts ihr eigen nennen, außer Rosinen im Kopf: sie alle 
sind vollzählig eingezogen und bemühen sich jetzt darum, ihre 
Leistungen zu verdoppeln. Unbekümmert besetzen sie die Gänge, 
summen Bruchstücke sinnloser Melodien, schlagen über Abgründe 
hinweg Gesprächsbrücken und kreischen- Wehe dem Gast, der 
zwischen ihre Schwärme gerät! Er ist vom Ersticken bedroht und 
kann sich noch glücklich schätzen, wenn er, dem dünnen Bimbim 
des Telephonglöckchens folgend, mit heiler Haut den Ausgang 
erreicht. 
BerLm, im April. 
Schon die Notwendigkeit, den Ort des Cafes, das ich zu 
schildern mir vorgenommen habe, näher zu bestimmen, versetzt 
mich in eine gewisse Verlegenheit, Es könnte dem Cafe peinlich 
sein, wiedererkannt zu werden. Manche Personen fühlen sich ja 
auch verletzt, wenn sie dahinter gekommen zu sein glmrLen, daß 
sie in einem Roman dargestellt worden sind. Als ob ein Schrift 
steller seine Modelle je porträtähnlich gestaltete und sie nicht 
vielmehr so lange ummontierte und überblendete, bis sie sich den 
mit dem Werk verbundenen Absichten vollkommen fügen! Höchstens 
die Nebenfiguren werden mitunter unmittelbar nach dem Leben 
gezeichnet. Aber man muß heute alle möglichen Rücksichten 
nehmen, und so beschränke ich mich auf die Angabe, daß das 
Cafe irgendwo im Berliner Westen liegt- Der Westen ist groß und 
umfaßt zahlreiche Cafes. 
Das von mir gemeinte macht auf den ersten Blick hin einen 
durchaus normalen Eindruck. Es hat eine ziemliche Ausdehnung, 
ist mit Menschen und Zeitungen gefüllt und enthält sich jeder 
Musik. Die einzige Musik, di^ man in ihm hören kann, wird durch 
ein seines Glöckchen erzeugt, das oberhalb einer handlichen 
Schiefertafel bangt, auf der sich der Name des jeweils zum 
Telephon gewünschten Gastes eingetragen findet. Immer, wenn 
der Page die Tafel mit dem Glöckchen darüber spazieren führt, 
ertönt ein Bimbim, und wäre der Rauch nicht so dicht, man 
glaubte auf einer Alm unter klingenden Kühen zu ruhen. 
So alltäglich aber auch das Cafe anmutet, es ist inwendig 
verhext- Oder wie sonst sollte man sich die Tatsache erklären, daß 
jeder, der hier ahnungslos eintritt, um seinen Kafsee in Frieden 
zu trinken, binnen kurzem in einen Strudel ablenkender Ereign 
niste gerissen wird, die ihn zuletzt völlig verwirren? Urheber des 
Strudels ist unstreitig das Publikum, genauer: das Stamm 
publikum, dem auch der Ruf des Glöckchens gewöhnlich gilt. Die 
Verpflichtung, dieses Publikum einigermaßen zu kennzeichnen, 
erfordert wiederum meine Diskretion. Ich begnüge mich mit der 
Feststellung, daß es zum großen Teil ausländischer Herkunft ist, 
ohne die Nationen preiszugeben, denen es ersichtlich entstammt- 
Denn die gegenseitigen nationalen Vorurteile sind schon sowieso 
viel zu mächtig, als daß sie noch gefördert werden dürsten. Wesent 
lich unbedenklicher scheint mir die Mitteilung zu sein, daß die 
betreffenden Stammkunden in der Operetten- und Filmbranche 
tätig sind. Und zwar dient ihnen das Cafe als Börse. Offenbar 
werden an ihr nur Werte gehandelt, die niedrig im Kurs stehen. 
Aber nicht die Börsengeschäfte selber rufen jenen Strudel 
hervor, der alle Unbeteiligten verschlingt. Er brodelt und zischt 
vielmehr erst in den Feierstunden, in denen die richtige Börse 
ersterben ist. Dann verlassen die Stammgäste nämlich nicht wie 
andere Börsenbesucher den Versammlungsort, um ins Cafe oder 
nach Hause zu gehen, sondern verwandeln einfach die Börse in 
ein Cafe und machen aus ihm ihr Zuhause. So kommt es, daß 
sie sich eigentlich Tag und Nacht zu ständig wechselnden Zwecken 
im selben Raum aushalten. Bald treffen sie Vereinbarungen über 
Schlager und Engagements, bald sind sie gewöhnliche Gäste und 
bald wohnen sie hier. 
Bor allem die Beschäftigung des Wohnens füllt sie ganz aus. 
Ich weiß nicht, ob sie noch irgendwo eine eigene Unterkunft haben, 
aber jedenfalls benehmen sie sich in dem Cafe so ungezwungen 
wie in ihren privaten.vier Wänden. Es ist, als wollten sie dem 
Zufallsgast von vornherein zeigen, wie behaglich sie sich hier 
fühlen. Da man bei sich Zu Hause nichts essen und trinken muß,
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        Ni» iriv-IlLlvL vivHV 
Von LLeFriSä ^raeauer 
Volstois, als 8tudent ins 8eminar kür russisobe 
Diteratur eintritt, beginnt sieb der junge Nann 
xu emancipieren. Dr sobbebt sieb an die revo 
lutionäre 8tudentenbewegung an, demonstriert 
kür den Lozkott nuslän^lisober ^Varen und 
empkmdet jede bils^SrlWs mit Kobmern und 
^Vub 8ta.it Diteratur will er kortan NarRismus 
studieren; die Keb-nsuobt d^S gMcen Kreises gilt 
DuMnä. ^Vas aus Den 8obin-0bua incwisoben 
geworden ist? Zeit seinem Vmggang aus Deking 
bat Vretjakow nie mebr etwas vop ibm gsbört. 
Ds sind niobt nur Kenntnisse, die diese 8elbst- 
biograpbie eines k^um erwaebten 8eibstes wei 
tergibt; sie ersobliebt auob äureb ibren Von äen 
Kinn des vermittelten Ktokkes. Dieselben Vat- 
savbsn, die Bierogl^pben blieben, wenn sie ein 
^ukenstebbnäer gesammelt und kolportiert bätts, 
steigen bier aus dem Orund der Bierogl^pben 
ant, weil sie einer erMblt, der mit ibnen cnsarm 
men grob geworden ist. Vsrmutliob wäre es 
Vretjakow niobt sobwer gekallen, das ibm cu- 
geklossene Naterial irgendeiner korrekten 
Darstellung der modernen stndentisoben Oene- 
ration Obinas cu verarbeiten. Dr bat reebt daran 
getan, dieses Naterial in seiner ursprüngboben 
Gestalt s:u belassen. 80 ist es vor Dntstellungen 
gesobütxt, wabrt die natürliobe Ordnung, aus der 
boraus es allein verständliob wird, und bält die 
Verbindung mit dem Apraebgeist aukreobt, in 
dem seine Bedeutungen wurceln. Mie specilisob 
und unverwandelbar ist etwa die 8obiläerung, 
die der angebende Student von seiner ersten 
Begegnung mit der Disenbabn entwirft: „Die 
Dokomotive maobt mir ^ngst. 8ie ist sobwer und 
kettig, und lob kürobte, dab der cisobende Dämpk 
sie rum Blat^en bringt. Besonders evtsetct bin 
iob über die 8obienen. Mob den Illustrationen 
in den Webern batte iob geäaobt, dak die 
8obweben aus Bisen und daß die Wbjenen viel 
dieker seien. In 'Mrkljobkeit waren die 8ybienen 
jetct einkaek cwei eiserne 8triebe. leb konnte 
mir niobt denken, wie diese Nseubänder die 
Dast der vielrädrigsn Dokomotive ausbZlten soll 
ten." Zabllose soleber Vesobreibungen reiben 
siob aneinander. 8ie erklären die fremde obinm 
sisobe ^Velt, indem sie es ermöglioben, die Vmlt 
überbaupt äureb die Ouokkenster ebinesisober 
Begrikfe cu bvtraobteu. 
Indessen bat Vretjakow dieses Bio-Interview 
cweikeüos niobt aus interesselosem ^Voblgej'Zllen 
an der asiatiseben 8eele verkamt. 8ie beraukcu- 
bolen, um das Kingreikev in sie vorcubereiten: 
das ist, wenn iob miob niobt täusobe, der ^wevk 
seines Vuobs. Ds bat kür das an Obina grencenäe 
Bubland einen dmtxwert, es- ist wie „Delä-Dler- 
ren" das ^Verk eines „operierendes 8obrü't- 
stellers, dessen 8obreiben ein Handeln sein will. 
^Vuob bei uns gibt es beute 8obr!ktsie1ier, die 
äbnlieb wie Vretjakow ru operieren suoben. 
lob glaube, sie könnten metbodisob noob einiges 
von ibm lernen; und sei es nur dies: dab M3N 
die Uensobendarstebung niobt vernseblässigen 
dark, wenn man der Zustände babbakt werden 
möobte. Die Debensercäblung Den 8ebim0buaH 
ist jeden lall s auob unabbängig von den mit ibr 
verbundenen Vbsiobten ein auberordentbobes 
biograpbisobes Dokument. 
8ergej Vretjak 0 w nennt sein in äer vor- 
cügliobeu Hsderset^WF Alfred Kurellas ersobie- 
neneZ Vuob: „Den 8obi-Obua" Malik-Ver- 
l^g, Berlin. Z09 beitep. Kart. ./i 2.8Z) ein Bio- 
Interview. Dieser merkwürdige Vegrifk beceiob- 
net eine niobt minder merkwürdige literarisobe 
Droäuktionsweise. Den 8obi-0bua, ein junger 
obinesisober 8tudent, beriobtet in äern Duob sein 
Deben; aber berausgelookt aus ibm unä geformt 
ist äer Beriobt von Vretjakow, äer eine Zeitlang 
sis Debrer arn russisol^en 8eminar äer blational- 
Dniversität in Beking tätig worr unä äort auob 
äen jungen Obinesen unterriobtete. ,Mit Begei- 
sierung", so beiüt es im Vorwort, „nabm er mei 
nen Vorsoblag an, äie genaue Biograpbie eines 
obinesisoben 8tuäent^i nieäercusobreiben. Bin 
balbes äabr lang unterbielten wir uns tägliob 
vier bis seobs 8tunäen. Dr stellte mir freigebig 
äie Vielen seines wunderbaren Oedäolitnisses cur 
Verfügung. leb wüblte darin berum wie ein 
Bergmann, lob war abweebselnä llntersuobungs- 
riebter, Vertrauensmann, Interviewer, Oespräobs- 
partuer unä Bs^oboanaBtiker." 
8oviel über die Dntstebungsgefiobiebte dieser 
einzigartigen Kelbstbiographie. blaobcurübmen ist 
ibr cupaobst, dab äer Mittler binter äem Drxäb- 
ler vollkommen curüoktritt. ^VülZte man niobt, 
däk das Buob einer ^rt von 8^mbjose entspringt, 
man geriete. niemals ank äen Bedanken, dab es 
äureb äie Verewigung zweier Ueusoben bervor- 
gebraobt woräen isk. ln äer Vat vermeiäet Vret- 
j" ^.w gesiissentbeb jede tenäenciöKeDinmjscbung 
besobränkt sieb rein auf Bebammenäienstp. 
Bk-renäs ist er cu spüren, überall sc-beint nur 
Den 8ob!-0bua selber cu walten unä sein Deben 
aus ureigener Drinnerrmg ^u entwickeln, Bewun- 
äernswert wie äie Hingabe, mit äer bier ein 
Ibisse in einem Obinesen gleiobsam versobwin- 
äet, ist äer Drkolg, äen äie sonäerbare Verbill- 
dung Leitigt. Vretjakow^ labt ibn in äie Vorte: 
„Obinesen, äie 8tüoke aus diesem Vuob cu büren 
bekamen, sagten: ,Das ist ja unsere Kindbeib 
unsere 8obule, unser Debenb so t^pisok ist äie 
Liograpbie 8ebi-0buas kür äie junge obinesisebe 
Intelligenz von beute." 
Den 8obi-0buas äugend — er bat äie 26 
äabre seines bebens 1927 äer Debanäbmg äureb 
äen russiseben Deiner anvertraut — kallt in eine 
beroisebe Dpoolm. 8ebon äer garm kleine äunge 
bört äas Debrüll Obinas; äank seinem Vater, äer 
eine beäeutenäe Dolle in äer revolutionären Be 
wegung spielt, äis lä'anäselnnDvnastie stürben 
lullt unä einer äer aktivsten Vnbänger 8un Vat- 
8ens ist. Dieser Vater ist eine grobartige Vigur 
von bein^b römiseber Härte. Dr bat in äapan 
studiert, übernimmt naeb äer Mokkebr in revo 
lutionärer ^bsielb äie 8tebung eines BobLei- 
obeks, organisiert äen ^.ulstanä unä baut ibn 
Später militäriseb aus- In äer Zweiten Ballte 
seines Gebens, ?ur 2eit äsr Luonnptang unä 
ibres 2erkabs, rettet er sieb mit knapper HItzbe 
vor äer Binriobtung, verbreitet, um siober ru 
ge^en, äas Oerüobt von seinem Voä, kliebt unter 
lremäe^ Mmen unä befindet sieb immer wie 
der in erzwungener Ontätiekeit. 80 bat er natür- 
lieb weder Uube noob Dust, sieb um äie Kinder 
8U kümmern, und wo er äoob einmal in die Dr- 
Liebung eingreikt, gesebiebt es mit unerbiMober 
8trenge. Da er meHtens: abwesend ist, wäebst 
8obi-Obpa verbältnjsmäbig geborgen unä unbe- 
rübrt unter dem 8obut^ der alten 8itten aul, die 
am äangtse-Dlub berrsoben. 8eine 8ebilderungen 
äer DamilienLnstänäe, der 8ebule, des Vodes der 
Nutter und der Ovmnasiasten.iabre gewäbren 
einen vorsüglioben Dinbliek in den kaum noeb 
siebt bar gemaobten obinesisobon Alltag. Din be 
sonderes, wenig erkreuliobes Kapitel bildet die 
Beirat, die traäitionsgemäb über den Kopk des 
äuugen binweg mit der Damilie eines ilun unbe 
kannten Nääobens beseblossen wird, „lob basse 
diese Dran," sobreibt 8obi-0bua vom Vag naeb 
der Boeb^eit, „die man an mieb gekesselt bat, 
wie der Auobtbäusler den Klot^ babt, den man 
ibm an die Knöobel gesolimioäet bat, damit er 
niobt weglaulen Kanu." Drst in Deking, wo er, 
bingerissen wie seine Altersgenossen von einer 
Biograpbie Kropotkins &amp;gt;rnd den Volksernäblungeu
        <pb n="31" />
        Aö/ ^on/nl-L? , !'/- 
/ /krc^ 
i.KrüüjLVrLprockuktron" 
Von äon mir dskanatsn Viieliern äer iMton AM 
badtzu mäeb 2^61 aus besonderen Orünäen ^ei'eösM. 
Das eins ist äie llntorsnebunß: „Dio jußonäliono 
^rbsitsrin" von Disbotb V r a u 2 6 uM c 1- 
1 6 r s d e r Z. In diosom Vneb, äas siob 
spannender als ein Lensationsroman liest, ^virä 
Meines Mssens 211m ersten ^sal das Da 
sein äer Arbeiterinnen niebt et^va kolpor ¬ 
tiert, sonäern an Kand von Uaterialien ^iriäieb 
äar^esteUt unä erklärt. leb ^ünsebts mir mebr 
soleber ^Verke, äie äen unZenüßend aus^ebiläeten 
Vealitätssinn äer veutseben sebulen. Das anders 
Lueb istNare Irlands mit äem Ooneourt-Dreis 
ausseLtziebneter Vornan: „D'oräre", äer zetrt in äer 
vorrÜAlieden IlebersetLunß Kessels beä VEobV or- 
sebienen ist. Dureb äie Dektüre äieses ^erks, äas 
riebtiZe Nenseben unä unverkälsebte Deiäensebatte» 
gestaltet, sinä mir niebt ^ulet^t äis uuKemeinen 
Leb^ierißkoiten vorstänälieb Ze^voräen, äenen un 
sers äeutsebe Vomanprodnktion unterließt. Doob ieb 
komme darauf bei anderer OeleZenbeit Lurüek... 
IIm aueb äie angeborene Drüb.iabrsliteratur ru strei 
ken, so interessiert mieb aus ibr «um Verspiel äer 
neue Vornan Hans VaNadas. Kein erster Vornan: 
„Vaneru, Vonren, Vomben" ^var ein banäkestes Vor 
sprechen, äas äer u^Ms, äer in ^ußesteMenkreisM 
spielen soll, boklentlieb einläsen ^virä. Von VrotEis 
Darstellung: „Oktoberrevolution" erwarte ich mir 
eine Stenge entscheidenäer ^ulKIarunßen. Dach keb 
2um KebluÜ gerade noch andeuten, was mich keine 
Kpur interessiert? Die verkehrende Vomanüberpro- 
äuktion irgendvoleber unbekannter oder aueb be 
kannter, untalentierter oder balb^egs talentierter 
junger Autoren, die niebt ääo geringsten Vrlabrun- 
gen baben, sondern nur das Vedürknis, 2m schreiben. 
8. Lraeauor. 
Zwei 
8. M., Berlin, im April. 
Mona Lilly. 
Josef von- Sternbergs endlich zu uns gekommener Film 
„Sch a n g y a i - E x P r e ß" enthält ein paar wundervolle Bild- 
Uttd-'Geräuschreportagen. Vor allem ist das Bahnhofsdurchein 
ander in Peking und Schanghai so fabelhaft geschildert, daß man 
vermutlich enttäuscht wäre, wenn man es an Ort und Stelle er 
lebte. Am die flimmernde, flirrende Welt festzuhalten, bedient sich 
Sternherg ^iner impressionistischen Technik. Er zeigt Ausschnitte 
und Fragmente, die von der Phantasie ergänzt zu werden verlangen, 
und Mt nicht den inhaltlichen Bedeutungen nach, sondern den 
Licht- und Tonvaleurs. Eine Handhabung der Apparatur, die zu 
ähnlichen Effekten wie die französische Malerei führt und durch 
den Stoff gerechtfertigt sein mag. Darüber hinaus sind die Typen 
gelungen,..die den internationalen Expreßzug bevölkern. Die Be 
sitzerin des Boarding-Hauses, der Reverend usw.: diese zusammen 
gewürfelten, leicht komisch gezeichneten Reisegenoflen haben Kon 
tur Md wirken so glaubhaft wie die Chargenfiguren eines Kolo- 
niülkömanes vpn Claude Farrere. 
^UMeit wäre die Sache gut und in Ordnung, Aber die eigentliche 
Handlung des Films ist eine klebrige, widerwärtige Magazinge 
schichte, deren baM end sich kaum weniger lang hinauszieht wie 
die" Fährt nach Schanghai. Ich nM nicht, was peinlicher ist: daß 
der ganze chinesische Bürgerkrieg mit Zugüberfällen Maschinen 
gewehren und Foltern aufgeboten wird, um die Liebe der beiden 
Helden zu verschleppen und auf die Probe zu stellen, oder das 
edle Getue dieser Zuckerstangenliebe selber. Elive Brook und 
- Ma-r-l e n e D i e t r ich bilden das schmachtende Paar. Er: der 
ins Quadrat erhobene Mann; ritterlich, als sei die Welt ein 
Turnierplatz, und von einer Verhaltenheit, die man drei Tage- 
reisen-West fauchen hört. Sie nennt sich Schanghai-Lilly, hat dem 
Vernehmen nach unzählige Wärmer gehabt, aber immer nur den 
einen geliebt, dieser UeLermann, für den sie sich im Kriegsgebiet 
schwAgMh opfern, möchte. Damit man nur ja an ihre Seelentiefen 
„glaubt, lächelt Marlene Dietrich in einem fort ein ergxündliches 
Mona-Lilly-Lächeln und ringt' die Hände, statt ihre Keine zü 
zeiMi -K'E eine Dirne, wie sie in den schlechtesten 
tzbMMoM steht,sind, eine Verwirklichung 
Iikme. 
abgeschmackter PubenäLsträume, eine durch und durch verbeM 
literarische Erfindung. 
Ich sage daS so deutlich, weil diese Bilder verlogener Inner 
lichkeit blind gegen die Erscheinung der echten machen, weil durch 
einen solchen Film auch Gesten, die wirklich aus dem Herzen 
kommen, in Gefahr sind, entwertet zu werden. Opfermut. Liebs, 
Schweigen — alles, was irgend, wirklich ist, wird hier mißbraucht 
und um seine Richtigkeit gebracht. Wenn es so weiter ginge mit 
der Falschmünzerei, vermöchte bald kein Mensch mehr den anderen 
zu erkennen. 
Scherzo. 
Der Film „Fünf von der Jazzband" ist eine erfreu 
liche Ausnahme unter den deutschen Lustspielfilmen und bestätigt 
wieder das Talent Erich Engels. Zum Lobe dieser nach 
Joachimsons Theaterstück gedrehten Komödie wüßte ich nichts 
Besseres zu sagen, als daß sie eine reizende Zerstreuung ist, hie 
bis auf den abfallenden,' grundverkehrten Schluß voller scharmanter 
Pointen steckt. Während das Gros unserer Filmoperetten und 
Unterhaltung.filme mit leichtem Gepäck schwer dahertrampelt und 
aus einem Nichts ein Etwas zu machen sucht, gibt Engel niemals 
vor, mit großen Gewichten zu hantieren, sondern behandelt die 
Nichtigkeit so spielerisch, wie es ihr zukommt. Gerade dadurch 
aber erreicht er, daß sie ihren Zweck wirklich erfüllt. Der Inhalt 
des Films besteht einfach darin, daß vier Jazzband-?Jünglinge 
aus Zufall eine Partnerin gewinnen, die sich aber immer wieder 
dagegen sträubt, diesen Zufall anzuerkennen und bei der Bande 
zu bleiben.- Auftritte hinter den Variete-Kulissen, Eifersüchteleien 
und Verwechselungsgeschichten vervollständigen die Handlung, die 
keine ist. Sie könnte, wie es gewöhnlich geschieht, zu einem dum 
men und groben Film ausgewalzt werden, wird aber tatsächlich 
von Engel in ein Arrangement übergeführt, das kaum eine leirre 
Stelle enthält. Die Situationskomik ist manchmal bezwingend; 
die Dialoge sind nicht dalbrig, sondern gescheit; die Leute benehmen 
sich nett und nicht doof; die Musik wird witzig verwandt und setzt 
an den passenden Stellen ein. Jenny I ug 0, die man lange nicht 
mehr gesehen hat, entwickelt unter dieser Regie eine ungeahnte 
Schalkhaftigkeit, die an die der Nagy anklingt. Hoffentlich bear 
beitet Engel nächMM ern. substantielleres Thema.
        <pb n="32" />
        Ikaggen 
7s. 
Von 8, Kraeauer. 
D ver mit dem^ Ooneourt-Dreis ausZe^mknete 
Doman: „D ordre von M aro el Irland, der 
fetrt unter dem Ditel „D eilige Ordnung" 
in der vor^üglieken Desterset^ung Bran2 Dessels. 
vörkegt (Bowoklt Verlag, Berlin, 519 Leiten. Oed. 
8.50), kat miek aus mekr als einem Orunde 
gepaekt, ja, ergrikken. V^enn iek versueke, mir 
über meinen Bindruek Beekensekakt. ast^ulegen, 
so kükre iek ikn niekt einmal nur auk den Wert 
des Luekes ^urüek. ^Veleken DanF es innerkalst 
der modernen kran^ösiseken Diteratur einnimmt, 
ist auek von auken ker kaum 2u ermessen. Ks 
kat xum Beispiel niekt die tieke Desessenkeit 
dyr Lüeker Oreens und sekeint einige stark 
epigonale Züge ru entkalken, ^ster gltziekviel, 
wie es um seine Bedeutung stestellt sei: der 
deutseke Deser, der siek in dieses ^Verk ver 
senkt, reikt siek so seknell niekt von ikm los. 
^Varum? lek nekme vorweg, dak er in ikm 
Nenseken stegegnet. 
Oüdert, .sein Halbbruder lustin und Benee, 
die Doekter des Vormunds der beiden, sind die 
Helden des Bueks. Nan ver^ikt sie niebt, und 
wenn man sieb sebon längst von iknen ver- 
absebiedet bat, geken sie einem noek naek. 
8ie leben im Naekkriegskrankreiek, inmitten 
einer sebeinbar unersebütterten stürgerlieken 
Ordnung, deren 8inn und BeÄtändigkeit aber 
durek sie in Krage gestellt wird. Vor allem dib 
bert wütet gegen Familie, Oeseksekakt. und 
8taab Dieser koekstegastte lüngling bat die ^lan- 
denden Bigensekakten ' von Ltendkals lullen 
8orel, ist nur in ein Zeitalter verseklagen, in 
dem sie ikren Ort niebt mebr linden. ^Vobin 
mit dem Kkrgei^ und dem Nan? Der Oberklasse 
bringt er Veraektung entgegen, und die kom- 
Muni8t!s6d6n p^olkm^ kür äis er sied als lour- 
nriiist voruber-eksnä em8Mrt, können ikv, äev 
öurgerLieken 8pätliug, auk die Dauer niekt 
roMu. 8o sserät er ?um Gestellen okue Ziel, der 
siek iu Drmau^lunF eines ikm Aemäken ^esek- 
sekastlioken 8eins öuletxt selster verstört, lustin 
ist in entsekeidender Dinsiekt das genaue (le- 
rrenteil des jüngeren Dalststruders: ein troekener 
Karrierist, der rasek Deputierter wird und siek 
in der ^e^estenen Ordnung 2u Dause lüklt. Doek 
auek er wäekst niokt grad empor, sondern wird 
um^estoAen, kevor er die Döke erreiekt, in der 
cke Minister tkronen. Niekt so, als ost er siek 
^vie (lilkert gegen die stestekenden Verkältnisse 
ankleknte: aster dem Zwang der Natur in ilmn 
folgend, lost er siek von ikpen mekr und mekr 
ast.^ Die Dieste seiner Brau Bsnee Liekt ikn 
'luti'onären, die siek gegen ibre Kltern und die. 
kerrsekende Ordnung wenden, ohne ikr 8türmer- 
nnd Drängertum positiv steglaustigen M können. 
8ie gründen eine Zeitsekrikt, in der auek (Hi 
lpert klammen speit, negieren Oott und die Melt 
und Festen siek mit Oenuk d^' Dn^utriedenkeit 
kin. Ikr ^.nkükrer ist der traurige, eloFante 
DeeuFis, der aus Dangeweile die Dreunde an- 
treistt und aus Destensüsterdruk siek vergiktet; 
ikr Drker und Berater ein Dedaktionsse 
der „Dumanmite",, der niekt esbten al8s üuster^xeugter 
Kommunist angeseken werden darl. rm de 
sieele-8timnun dem Kreis naek, upd 
seine Kmpörung ist kraktlos. Die von ikm k^^ 
kampkte stürgerkeke Ordnung, deren 
Mr Berlin, im April. 
Angefangerr hat es mit den Hakenkreuzfahnen. Seit einigen 
Tagen sind sie stillschweigend aufgetaucht mrd hängen hier und 
dort aus den Fenstern heraus. Eine einzige dieser Fahnen genügt 
schon, um einen ganzen Straßenzug zu beleben. Denn ihr ge- 
sinnungstüchtiges Rot sticht grell v-m den grauen Fronten ab, 
und das schwarze Kreuz auf dem weißen Mittelfeld ist schlechter 
dings nicht zu übersehen. Aus der Ferne wirkt es wie eine Spinne. 
Vom Erdgeschoß an bis Zu den Dachluken hinauf wehen solche 
Fahnen im Wind. Bald sind sie groß und gewaltig, wie um den 
Bekennermut der Familie zu dokumentieren, deren Stockwerk 
sie schmücken, bald stecken sie, winzige Kinderfühnchen, in Blumen 
töpfen auf den Balkönen. Was ein Hakenkreuz werden will, 
krümmt sich beizeiten. Man erblickt sie von der Stadtbahn aus 
an hochherrschaftlichen Wohnungen und Kleinbürgerveranden und 
kann ihnen fast in keiner Nebenstraße des Kurfürstendamms ent 
gehen. Vermutlich sind sie gar nicht so häufig, wie es den Anschein 
hat. Aber sie drängen sich durch ihr Kolorit überall in den Vorder 
grund, gebärden sich aufreizend und haben eine merkwürdige 
Penetranz. 
Inzwischen sind, kurz vorm Wahlsonntag, die Symbole 
der übrigen Parteien noch rechtzeitig nachgerückt. Ein riesiges 
kommunistisches Wahrzeichen krönt den Dachfirst eines Hausblocks 
in CharloLLenburg, um möglichst weit sichtbar zu sein. Offenbar 
hat es zu hoch hinaus gewollt, denn der Sturm ist in den Lappen 
gefahren, und nur ein paar Fetzen taumeln noch durch den Him 
mel. Es wäre indessen verkehrt, nach der Art schlechter Roman 
schriftsteller alle Wettererscheinungen gleich symbolisch zu nehmen, 
naok siek und striekt die Unnatur seines niekt 
kontrollierten socialen ^uktriests. Denee ist die 
Uitte des Lueks. 8ie verläkt lustin naek lakren 
einer neutralen Kke um OilderlZ willen, den sie 
stereits als sunges Uädeken Zeliedt kat. Im 
^.ugenstkek 8einer grökten Krniedrigung stö'kt 
sie 2U ikm und sekenkt siek ikm okne Büok- 
siekt auk Conventionen; mit einer Dieste, die 
keine andere Ordnung als die von ikr selster 
gesetzte kennt. kVuek sie inde88en ist sekon kür 
Oildert eine Nessel, deren er siek in seinem 
FeFenstandsloZen Verniektungswakn entledigen 
muk. Dr, der einmal in sein Hgestuek einge 
tragen kat: „Vor allem, kür immer versekmäken, 
glüekliek 2u sein",. steseliwört durek sein Ver- 
kalten eine Katastropke kerauk, an der die Be- 
siekung sekmäkkek Zugrunde gekt. Der 8ek!uk 
spielt aekt lakre später im Heimatort, der drei 
Nenseken und ist auk ^.usgleiek stedaekt. Benee 
und lustin üaüen siek wieder Sekunden und 
kükren ein eingesekränktes, verkältnismäkig un- 
getrüsttes Dasein Zusammen. Mir kür kurxe Zeit 
erleidet es noest durek die Büekkekr des kranken 
Okstert einen Lestoek. stlaest dem Pod des Dn- 
Alüokliesten, der stalstweFS versöstnt stirstt, dau 
ert das Desten im Delldunkel kort. Ds ist geleimt 
worden und wird darum stesser kalten als in 
zenem Zustand, in dem es §an2 war. 
* 
Die Hauptpersonen sind von vielen Lekilde- 
runden und Di^uren umtostem deren Funktion 
es okkenstar ist, ein Mid der keuti^en kranrösk 
seken Oeseksekakt ^u vermitteln. Uan lernt die 
Drovin? kennen, die durek die runde Oestalt 
des Herrn Denriot verkörpert -wird, und lestt 
das Dariser Desten mit. 'VViektiK ist der Kreis 
der sunZen Deute, die siek in der Ilotonäe ver- 
SÄMMsL. kill loser Verdauä voll äs«'agierten 
LürZersölinsn, Oukiäsrn und' k'a'kri'gen Bevo- 
Anderswo zeigt sich die schwarzrotgoldne Fahne der Republik. 
Sie flattert nicht, sondern hängt sanft herunter, und wann immer 
sie in der Nachbarschaft der Hakenkreuzfahnen erscheint, macht sie, 
rein optisch betrachtet, den Eindruck einer würdigen Dame, die 
in eine rüde Gesellschaft verschlagen worden ist. Besonders stark 
wird das Stadtbild durch rote sozialdemokratische Tücher gefärbt. 
Sie drapieren breite Balköne, und sind oft mit den vertrauen 
erweckenden Zügen Otto Brauns geschmückt. 
Manchmal kommt es zu krassen Zusammenstößen zwischen die 
sen Symbolen. In einer City-Straße Zum Beispiel wirbeln sie 
bunt durcheinander und bedrohen sich im schmalen Luftraum zwi 
schen den Häusern. Hammer und Sichel setzen sich wider das 
Hakenkreuz zur Wehr, Liste 1 mengt sich energisch dazwischen, und 
eine der spärlichen schwarzweißroten Hugenbergfahnen sucht sich 
ebenfalls ihren angestammten Platz unter den Balgenden zu er 
obern. Gar nicht selten enthüllt sich in voller Öffentlichkeit, welche 
peinlichen Gegensätze irgendein Mietshaus birgt, Die Fahnen 
bringen es an den Tag, daß die Bewohner seines zweiten Stock 
werks die des dritten von Rechts wegen hassen müssen. Vielleicht 
haben sie sich vorher ahnungslos gegrüßt, wenn sie sich auf der 
Treppe begegneten, und nun erfahren ste durch den Anblick ihrer 
Fassade, daß ste feindlichen Parteien angehören, und gehen sich 
in Zukunft stumm aus dem Weg. 
SLe verbreiten keine Heiterkeit, diese Dahlien. Düster wehen sie 
gegeneinander, künden Programme, die sich den Garaus wachen, und 
geben die Erbitterung preis, von der die Menschen erfüllt sind, 
die scheinbar friedlich unter ihnen hinwandeln.
        <pb n="33" />
        E 
il 
auob 
obne 
die Lpraobe äark in ibm noob viele Oebalte 
Dmsobweik benennen. 
dakt umrisssne Vsrtrster GbenkaUZ mZ Duck 
UorsMraAON, MLF srstarrt unä l66r 86M, aber 
Nie kalt sied dank ikrsr Traditionen unä wird 
dar ^ukrükrer leioüt Kyrr« 
.. Üat Irland nur äsn sekleetitsn krotest wider 
MN6 beklsekts Ordnung darstsllon wollen? Nir 
yeköint, ssin'puok strebt über äio Fssellsobakt- 
Üeb6 Lpbars binaus. Dis Nensebon, um äie 68 
Kreist, babsn 2war itiren bestimmten so/Hen 
Ort, sind jsdoeb aus ibm Mein niobt M er° 
klären. 8ie bsjaben oäer verneinen äie 2ustLnäe, 
vbne nur sie 2u meinen, sie verkörpern ein 
eigenwilliges 8ein, das mebr ist als äie Uesul- 
tierenäe äer jeweiligen Verbäitnisso. OanL am 
. Lnäs sagt Austin, äer Oäbbrt begraben bat: 
«,^l8 mükte niobt alles LwangslZukig in äie Ord 
nung Lurüekkebren!" Die Oränung, an äie bior 
Mdaobt wirä, ist eine anäere als äie gesell- 
sebaWebe. Ds ist äie Oränung äer guten Natur, 
äer reebten Ritte, oäer wie immer man jenen 
iäealen Oleiebgewiebtsrustanä nennen mag, äer 
naeb einer sebr wesentbeben, sebr kranrösisoben 
Vorstellung äie unerläkliebe löeäingung jeder 
erträgbeben socialen Oränung ist. Ibm sollt 
Oilbert äureb seinen Vod äen Vribut; äustin 
äureb äen Vmbrueb seiner Person; Uenöe äureb 
ibr Zweites Deben an äer Leite von äustin. 
Ran konnte wider äiese Kösung einv/enäen, 
daß sie äer Natur des Rensoben su viel unä äen 
gesellsebattlieben Verbältnissen su wenig gebe. 
8ie ist unrevolutionär; sie verlegt äas 8obwer- 
gewiebt aus äer Oesellsebakt beraus unä verrät 
eine tieks Lkepsis gegen äie RöMobkeiten, äie 
eine Veränderung äer socialen Oränung gewäbrt. 
Denn entspringen wie bei Irland Oiüok unä Dn° 
glüek, Ilnbeil unä prieden äer Desobakkenn^it 
äer Rensoben unä ibrer Leriebungen, so wirä 
äamit Luglsieb geleugnet, daß äie Rensoben 
selber durobaus von äen Zuständen abbängig 
seien. 8ie ruben in sieb oäer sinä äoeb eines 
Oleiobgewiebts käbig, äas niebt äie Variable 
irgendeiner Oesellsebaktsoränung ist, sonäern 
umgekebrt äie Voraussetzung riebtiger socialer 
Ordnungen bildet. leb bemerke 2u dieser ^uk- 
kassung nur noeb, daß sie in äer Vat dem 
Denken eines Volkes entsprießt, in dem Natur 
und Oesebsobakt seit langem miteinander ver 
bündet sind (oder waren) und eine Tradition 
des natürlieben Verbaltens bestebt. 
Lei uns ist es anders. Und vielleiebt ist ge 
rade darum das Duob kür den deutschen Deser 
ergreikenä. Dr merkt aus ibm, was wir niobt 
baben: Rensoben. Oewiß besitzen wir sie; aber 
insokern sie sieb niobt ersoböpken in der 2u- 
gebörigkeit Lu einer socialen Position, einer 
Hasse oder einer Partei, sind sie gewisser 
maßen unbestätigt und müssen verkümmern. 
8ie gelten nur als De^ugspunkte unä werden im 
übrigen niobt beaebtet. Dieser mensobenlose 
Zustand mag auob seinen 6rund in dem be- 
reobtigten Mißtrauen gegen die un^äbligen Ver- 
baltungsweisen' baben, die siob als mensobliobe 
ausgeben und kaktisob egoistisoben, gesellsobakts- 
sobädlioben Interessen dienen. Menn sieb in 
dessen das Nißtrauen unbegrenzt set^t, werden 
bald die Nensoben abbanden kommen, die eine 
Oränung tragen können, der Oeist wird siob von 
der Natur absondern und die Natur über die 
Vker treten. In Irlands Doman geben noob 
Uenseben um, die diesen Namen verdienen, lind 
Berlin, im April. 
Lebenswahr? 
eien aus der Gesellschaft ausgeschlossen, enthüllt sich die Gesell 
schuft, nach der dem Mädchen der Sinn steht, zuletzt als eine ge- 
älschte. So gelingt es trotz scheinbarer Aufrichtigkeit, die sozralen 
Verhältnisse doch wieder zu verdunkeln. 
Der Film enthält im übrigen reizende Szenen und ist mit wehr 
Witz als die meisten anderen Ufa-Komödien arrangiert (Regisseur: 
Karl Hartl). Brigitte Helm ist in ärmlichen und blendenden Tor 
letten gleich glaubhaft. Zu Lucie Englisch möchte man immer 
Mizzi sagen, so filmwienerisch versteht sie zu maunzen. Wer nicht 
gesehen hat, wie Rudolf Förster den Zylinder aufsetzt, weiß nicht, 
was letzte Eleganz ist. 
Old ShaLLerhand unter Gangstern. 
Im Gangster-Film der Paramount: „Straßen der Wel t- 
stadt" geht es unbeschreiblich toll zu. Eins, zwei, drei, werden 
Menschen um die Ecke gebracht, der Mordbetrieb flutscht nur so. 
Ich erinnere mich, einen Detektivroman von Wallace gelesen Zu 
haben, der im Milieu der Alkoholschmuggler spielt; er ist harmlos 
im Vergleich mit diesem Filmszenarium, dessen kriminelle Orgien 
bestimmt den Neid des englischen Autors erregt Hütten. Man wird 
sich, nebenbei bemerkt, noch gar nicht des Todes von Wallace be 
wußt. Denn seit er gestorben ist, sind schon zwei weitere Detektiv 
romane von ihm erschienen. Offenbar hat er auf Vorrat gearbeitet. 
Aber nicht nur Wallace wird durch den Film übertrumpft, sondern 
beinahe auch Karl May. Der Held des Films ist nämlich der reinste 
Old Shatterhand. Gespielt von Gary Cooper, einem , der neuen 
Mannstypen, mit denen Filmamerika uns beschert, gleicht er dem 
großen Freund Winetous an sieghaftem Wesen, selbstbewußtem 
Auftreten, Kühnheit und Listen. Er führt immer zwei Revolver mit 
sich, schießt Freunden bei Gelegenheit die Zigarette aus dem Mund 
und schützt mit ungeheurem Aplomb seine Freundin vor dem 
Zugriff des teuflischen Chefs. Wunderbar ist vor allem, wie er sich 
der Bande entledigt. Im Luxuswagen rast er mit ihren Haupt 
mitgliedern so schnell die Bergstraße hinan, daß ihnen Hören und 
Sehen vergeht, kocht sie gewissermaßen durchs Üebertempo gar und 
setzt sie. dann hoch oben aus. Mcht anders mag Old Shatterhand 
einst durch die Prärien des wilden Westens galoppiert sein. Und 
auch darin stimmt sein Ebenbild mit ihm überein, daß er eigent 
lich nie schießt, um irgendeinen Unhold zu töten. Sein Edelmut 
ist viel zu gewaltig dazu. 
In diesem Film, der eine Ausgeburt grenzenloser Naivität ist, 
gibt. es.eine filmisch vollkommene Szene. Sie vergegenwärtigt die 
Erinnerung einer Gefangenen an ein wichtiges Gesvräch. Man hat 
einen derartigen Vorgang früher gewöhnlich so dargestellt, daß man 
die Bilder auftauchen ließ, auf die sich die Erinnerungen bezogen. 
Hier wird das Gespräch selber mit Flüsterstimme rekapituliert, 
ohne daß Bilder sich zeigten. Die Worte scheinen aus den Steinen 
zu dringen und wirken so unkörperlich, als seien sie vom Gedächt 
nis gewebt. 8. Lraeaubr. 
r r. Ufa hat einen neuen Film hemusgebracht, der sozusagen 
lebenswahr rst oder es doch sein möchte. Er heißt: „G räfin von 
MonLe Christo" und unterscheidet sich von den üblichen Fil 
men dann, daß seine Heldin keine Karriere macht. Während sonst 
dre^ geplagten PnvatseLretärinnen, die weiblichen Warmhausan 
gestellten usw. rm Film^ regelmäßig das große Los ziehen und 
amen reichen, hübschen jungen Ehepartner kriegen, der sie mit 
Schlag aus der Alltagsmisere befreit, kehrt hier die arme 
Fumstatistln nach kurzem Grandhotelglück wieder Zu ihrem Aus 
gangspunkt zurück. Sie hat auch einmal in schönen Kleidern auf 
ven Höhen der Menschheit durch die Hotelhallen wandeln wollen 
und rst M diesem Zweck während einer Filmprobe im Auto der 
r5llUrgesellschaft ausgerissen. Wunderbare Zufälle ermöglichen ihr, 
Lm paar Tage lang die Sehnsucht nach Luxus, Freiheit und Glanz 
Zu befriedigen. Aber kein Generaldirektor legt sich ihr Zu Füßen, 
rern Lord naht, der sie um ihre Hand bäte — das alles kommt im 
Leben Nicht vor, sondern ereignet sich nur in verlogenen Filmen. 
Diesem widerstrebt es, die Wirklichkeit zu beschönigen, und schleu 
dert darum die Statistin am Ende von neuem in den Abgrund, 
aus.dem sie ausgerauscht war. Die Herrlichkeit des Hotel.daseins 
ist eme flüchtige Episode, der Wunschtraum nicht mehr als ein 
Traum gewesen. Man erwacht aus ihm und begnügt sich-damit, 
weiter winzige Rollen zu spielen und die Freundin eines schlecht 
bezahlten Reporters zu sein. 
So ist das Leben! Wahrhaftig auf den ersten Blick hin scheint 
es, als bedeute -dieser Film eine Art Umkehr, als sei die Ufa geson 
nen, der Wirklichkeit mehr als bisher die Ehre zu geben. Das Herz 
quält über im Gedanken, daß sie in Zukunft Filme herstellen 
könne, die unser soziales Dasein nicht vertuschen, sondern ent 
larven, die dumme Illusionen zerstören, statt sie Zu hegen, die, 
kurz gesagt, das genaue Gegenteil jener Filme wären, deren Pro- 
oüktlon sie seit Jahren betrieben hat. Sieht man aber näher hin, 
&amp;gt;5 Zeigt, sich leider, daß der Augenschein trügt und auch der neue 
Fäm nicht eben zu Hoffnungen berechtigt. Denn warum landet 
die Filmstatistin nicht in dem Paradies, das solchen Mädchen von 
den Filmproduzenten gemeinhin. Zugedacht wird? Weil sie im 
Grandhotel in die Klauen eines Hochstaplers gerät und weil der 
vornehme Herr, der dort in Lieb zu ihr entbrennt, ebenfalls ein 
Hochstapler ist. Wäre er keiner gewesen, so hätte sich ohne Mühe 
das normale Happyend ergeben. Da aber dieser schablonenhafte 
Schluß ausnahmsweise einmal vermieden werden sollte, hat man 
mit der gewohnten Jnstinktsicherheit dafür gesorgt, daß nicht der 
Eindruck entsteht, als verhindere die obere Gesellschaft den Anstieg 
der armen Statistin. Sie muß das Ziel der Wunschträume bleiben, 
die Gesellschaft, und um ihr diese Eigenschaft zu erhalten, hat man 
die zum Absturz bestimmte Heldin nicht.dem hergebrachten Gene 
raldirektor oder Lord begegnen lassen, die beide sie unfehlbar zu 
slch heraufgezogen hätten, sondern sie mit einem Hochstapler ver 
koppelt, der nicht zur Gesellschaft gehört. Mit anderen Worten: 
durch die Motivrerung, die d.,s Scheitern der Statistin im Grand 
hotel erfährt, ist die Lebenswahrheit wieder aufgehoben worden, 
die ihrem Scheitern selber zukommt. Das Mädchen hat keinen Ort 
in der Gesellschaft, gewiß; aber damit um Himmelswillen das 
Publikum nicht auf den Gedanken verfällt, die unteren Schichten
        <pb n="34" />
        Zur Produktion der Jungen. 
Bei Gelegenheit zweier Bücher von Klaus 
Von S. Kracauer 
Mann. 
„Das Schreiben fiel ihm sehr leicht; so 
leicht, daß er diese Beschäftigung niemals 
völlig ernst genommen hatte“ (Aus „Treff 
punkt im Unendlichen“ von Klaus Mann.) 
. •. 
Klaus Mann ist noch nicht 26 Jahre alt 
und hat bereits einen Haufen Bücher geschrieben, 
die auch alle - gedruckt und besprochen worden 
sind. Jetzt sind gleich zwei neue auf einmal von 
ihm erschienen: eine Art Autobiographie: 
„Kind dieser Zeit“ (Transmare Verlag, 
Berlin. 332 Seiten) und wieder ein Roman: 
„Treffpunkt im Unendlichen“ (S. 
Fischer Verlag. 368 Seiten). Ergibt zusammen 
700 Seiten. Womit ist diese Unmasse Papieres 
gefüllt? Die Antwort hierauf veranlaßt mich zu 
wenig vergnüglichen Betrachtungen. 
Um bei der Autobiographie zu beginnen, die 
von der frühesten Kindheit an bis zum 18. Le 
bensjahre reicht, so bestätigt sie, was ich schon 
einmal an diesem Ort feststellte: daß Klaus Mann 
über ein natürliches Talent sich mitzuteilen ver 
fügt. Sie ist routiniert erzäh.t, enträt nicht des 
Charme und besitzt sogar einen gewissen doku 
mentarischen Weit. Er rührt in der Hauptsache 
daher,-daß ihr Verfasser der Sohn eines berü hm- 
ten Vaters- ist und oft aus der Schule, das heißt 
aus dem Elternhaus plaudert. Wer sich einen 
Spaßmachen will mag „Unordnung und frühes 
Leid" mit diesen .Erinnerungen vergleichen. Zu 
der Chance,, daß private Kindheitserlebnisse hier 
gleichzeitig literarische Pikanterien sind, tritt 
noch der Glücksfall bedeutender Zeitverhätnisse, 
der ebenfalls ausgenutzt wird. Man erfährt vor 
allem, wie der Krieg und die späteren, zum Teil 
aus nächster Nähe erlebten Wirren auf die „Her 
zogpark-Bande“ wirken; üben diese Ereignisse 
auch einen geringen unmittelbaren Einfluß aus, 
so greifen sie doch mittelbar in die Entwicklung 
der Kinder ein und verstärken von den Pubertäts- 
jähren an die exzentrischen Neigungen. Die Tat 
sachen, die nicht selten heikel sind, scheinen mit 
Aufrichtigkeit wiedergegeben zu sein; ihre Deu 
tungen dagegen sind überhastet und banal. Und 
damit komme ich zum Gebrechen des Buchs: 
unter seiner glatten Oberfläche ist weder Zwang 
noch Substanz zu spüren. Offenbar hat Klaus 
Mann so etwas gemerkt. Aber er läßt sich durch 
die von ihm selber möglicherweise geahnten 
Mängel nicht vom Schreiben abhalten, sondern 
sucht sie durch eine Vorbemerkung zu ver 
tuschen. Diese Vorbemerkung enthu It seinen Un- 
ernst und verrät, daß die erwähnte Aufrichtigkeit 
den Tatsachen gegenüber mehr modisch als un 
erbittlich ist. Denn statt sich in den einleitenden 
Sätzen allenfalls für sein frühes Erinnerung? 
unternehmen zu entschuldigen, rechtfertigt er es 
mit gespreizten Argumenten, die unerfahren sind 
und zu dem Buch gar nicht passen. Er erklär 
zum Beispiel: „Mich deucht aber, auch der 
Schriftsteller des ersehnten Kollektivs:aates wird 
nur fähig sein, für das Allgemeine etwas auszu 
sagen, solange er, als Beispiel und Gleichnis, das 
einzelne nehmen darf. Nicht Ueberwindung des 
Individualismus sei unser Ziel, sondern Einfü 
gung des individuellen Bewußtseins in ein um 
fassenderes, kollektiveres.“ Einmal sieht man 
dieser Formulierung schon an der Nasenspitze 
an, daß der in ihr enthaltene Gedanke schlank 
weg aus der Luft geholt ist, in der er liegt, und 
zum andern dient sie rein als ideologischer Auf 
putz von Kindheitsgeschichten, die faktisch nir 
gends über sich hinausweisen. Auch von der 
„Krise des Bürgertums“ ist natürlich in der Vor 
bemerkung die Rede. Ich weiß nicht, was schlim 
mer ist: der unerlaubte Umgang mit solchen 
Vokabeln oder ihre fixe Verwertung im eigenen 
Interesse. 
Man könnte milder urteilen, wäre nicht der 
zum selben Zeitpunkt erschienene Roman, der 
den angeblichen Gehalt der Autobiograpnie hätte 
erweisen müssen, einfach zum Kotzen. Einen der 
art drastischen Ausdruck zu gebrauchen, scheue 
ich mich um so weniger, als ihn der Autor selber 
in seinem Roman wieder und wieder verwendet. 
Gespräch zwischen einer Mutter und ihrem Sohn: 
„Sie erhob sich aus dem Plüschsessel, um zu ihm 
ansBett zu treten. ,Du siehst noch grün aus, wie 
Ausgekotztes," stellte sie angewidert fest und 
prüfte ihn aus zusammengekniffenen Aucen. — 
Na, bist noch nicht gerade rosig, mein Schatz," 
sagte er, wozu er kurz lachte.“ — Gespräch 
zwischen zwei jungen Liebenden, in Afrika na h 
dem ersten Haschischgenuß: „Kotzen! Fest 
kotzen!* bat er von Herzen. Kotz auf .den Bo-
        <pb n="35" />
        Biteratur, deren gute und sedleedte Bestandteile junge Autor wird ausgequetsobt, bevor er noed 
sied sedon allein voneinander sondern, als die angeküllt war, und muk um der augendlioklioden 
jungen Ledriktsteder selber. Indem sie völlig un- Obanoe willen wie ein Rsnnpkerd das BetZte 
Bs dätte sied kaum verlodnt, sie so auskübr- 
dod Zu debanäeln, wäre äer Ball Klaus Mann 
deute niedt t pised. Auod andere Autoren, 
die wie er medr oder weniger talentiert sind, 
deoken wie äie Kaninoden und produzieren am 
laufenden Band. Bnd äadr kür äadr wird die 
Oerkentliobkeit mit den BrZeugnissen ikres 
Zobreibtriebes deglüekt. 
lob gede von vornderein Zu, äak diese Beber 
Produktion teilweise äured äie Verkältnisse ver- 
soduläet wird. Brüder konnte man noed einem 
balbwegs begabten jungen Mann äsn Bat erteilen, 
äak er Zuerst einmal einen praktiseken Beruf 
ausüden möge, ede er sied gerade als kreier 
Ledriktsteller etadliere. Ber Bat war gut, klingt 
aber jetZt läederlied. Denn die, meisten jungen 
Menseben, die sied Zur Lodriktstellerei binge- 
Zogen küdlen, fänden keinen Broterwerb, auod 
wenn sie idn suedten, und müssen darum gar 
niedt die innere Rot anküdren, um aus der 
ankeren die lugend des Biteraten maedsn Zu 
dürfen. Verbungern will sedlieklied niemand. 
Bine solode Zwangslage erklärt manedes; 
das Verständnis kür sie kann indessen nie und 
nimmer die Bedenken gegen jenen d e m - 
mungslosen Bitera turdetrieb auk- 
Uitverantwortlm kür den Bnkug dieser 
tzuasilitsratur sind die Verlage. Ratürdod ist 
mir bekannt, äak ibre Dispositionen Lum niedt 
geringen ^eil durob die gegenwärtigen Zustände 
bedingt werden. 8ie bekinden sied öfters in Ab- 
dängigkeit von den Druckern, deren Nasodinen 
gefüttert werden müssen, und sind darm ge 
zwungen, äie Rmlauksgesodwindigkeit ibrer Bro- 
duktion su erdöben; überdies verlangt das Bu- 
dlikum nun einmal jadraus jabrein seine Rovi- 
täten. Bennood lieke sied denken, äak die Aus- 
wabl der Manuskripte niedt so direktionslos 
erfolgte, wie es tatsäeblieb der Ball ist. Im Be 
dürfnis, stets etwas Reues Zu bieten, verfallen 
äie Verlage vor allem in äsn Bebler, einen 
unkritisoden Kult mit jungen Ta 
lenten Zu treiben. 8ie maeben Kotau vor der 
äugend als soleder, sie verlieren das Bnter- 
sobeiäungsvermögen, wenn ein Autor, der noob 
niobt dreikig alt ist, strablenä bei idnen an-, 
klopft, sie balten jeden unreifen 8odmarren kür 
eine äruokreike Verbeikung. Bnä baden sie 
glüokliod ein einigermaken marktgängiges Valent 
gefunden, aus dem vielleiodt etwas werden 
sinnig ärauklos produzieren, treiben sie Raubbau 
mit idren besten Kräften. Vor kurzem sedrieb 
ied über Beter Nendelssodn bei Oelegendeit 
seines Romanes: „Baris über mir", äak es 2um 
mindesten unrationell sei, „seine Anlagen wie 
ein unvernünftiger Bnternedmer aus^ubeuten, der 
über den augenbliekdeden Brokit niedt dinaus- 
äenkt". Basselde gilt kür Klaus Mann und andere 
Biteraten. 8ie versedleiken sied; sie plündern 
ibre Brlednisse, bevor sie noed von idnen Besitz 
ergrikken baden; sie sammeln Brkadrungen Tum 
einzigen ^week äer sofortigen Verwendung, 
gammeln also in lVirkliedkeit Kerne. Iek frage 
mied, od sie tatsäodded auk die kortwädrende Ba- 
brikation von Belletristik angewiesen sind, äie 
sie so sedwer gekädrdet, und niedt vielleiedt 
dood irgendeine Nögliedkeit datten, idren Be- 
bensunterdalt auk andere ^Veise 2u verdienen. 
Beraäe weil einige äer Bungen Talent baden, 
sebeint es mir riebtig, sie vor der ständigen 
Brostituierung ibrer natürbeden Bäbigkeiten 2U 
warnen» M,ie. MlB.aIleräivgK..Äse Beerlauk Mge- 
stoppt werden, wenn er äured einen 8atZ wie 
diesen bekräktigt wird, den Klaus Nann aus 
Bnde seines Brinnsrungsdanäes stellt? „Märe 
mein Vertrauen in äie Kräkte, die eine Nisodung 
des Blutes in mir gereugt bat, niobt so uner- 
sodütterliod fest, wie es ist —: red müKte die 
Beäer weglegen und so auk das Merkseug ver- 
riodten, mit dem allein mir vergönnt ist, mein 
Beden seinen Besetren naek ru küdren und so 
dem allgemeinen Beden 2u dienen." Mer sied 
in einer so wodltönenden Keldstverdlendung ge 
fällt, wird niedt leiedt aukLurütteln sein. Badei 
wäre Klaus Nann in äer avgenebmen Bage ge 
wesen, sied sozusagen aus erster Rand öder ein 
paar wesentliode Vorausset^üngen des literari^- 
soden Broäuktionspro^esses Lu unterriodten. Br 
mükts um äie Verantwortung dem Mort gegen-' 
über wissen, um das Martenkönnen, um die 
Modtvolle Auslese der Materie. Ader weder in 
seinen Büedern noed in denen der jungen 
Zebriktsteller, an die ied bier denke, ist von 
alle dem etwas su merken. Bs ist, als dätten sie 
nie vor den welken Bläeden gewittert, die sie 
Ziu deäeoken baden, alg dätten sie nie die Bust 
an der genauen VeLtziebnung, nie die tzual des 
Bntgleitens aus der Kpraobe gespürt. 8ie sodrei- 
den klü^ig, und das ist wenig genug. Vermut- 
lied sedreiöen sie so, weil sie flüssig sind. 
Klaus Mann erklärt in seinem Roman: „la, das 
gedört wobt Zu den Zwangsideen unserer Be- 
neration: immer kort 2u müssen." Solange sie 
immer kortklieKen und kortsodreibsn, statt in der 
8praede auZLudarren und in den Kaeden an 
wesend 2u sein, werden sie trotr idres BalentsF 
niemals eine daltdars sodriktstellerisode Bsistung 
vollbringen und sudelten sie ganZs Bidliotdsksn 
Zusammen, 
Aen!' riet er ikr. Aber sie Zagte verZweikelt: 
^8 kommt niobts — es ist ja alles ganZ trooken 
Ist binZuZukügen nötig, äak der Roman in 
der Berliner Besellsedakt spielt? Genauer gesagt: 
spielt er in jenen Berliner Kreisen, -be KIau8 
Mann ansodeinenä besonäers gut kenn engelernt 
kat. 8is besieben aus Maäoden und .lünglingen, 
die Ziob sebr wiodtig vorkommen und vor lauter 
Miodtigkeit manodmal am Beden verZweikeln, 
aus Künstlern und Biteraten, die in grokinäu- 
strieUe Zirkel dinsinragen, nnä aus irregulären 
Bodemiens, äie sied dämonisod gebärden. Bas 
Zergdeäert sied ununterdrooben selbst, sodwätZt 
Melmakulatur, mixt Drohen, verweobselt Baris 
mit einer Böpenäanoe von Berlin nnä bat 6elä 
genug, um äie Brotik Als Kauptmetier Zu detrei- 
den. Biese Klüngel gedeiben vermutliod immer 
noed 3-m Rand äer Bourgeoisie, nnä es lieke sied 
denken, äak man etwa äie Rokknungslosigked ge 
staltete, äie mit idnen gemeint ist. RemingwaA' 
bat das getan. Ader Klaus Mann mit seinem 
86dr6idtalent sedreidt das sedmierige Beben ein- 
kaed ab, obne idm irgendeine Bedeutung Zu ent- 
nedmen, nnä küblt sied noed wobl dabei. Be- 
sedrieden muk werden. Ber Zkrupellosigkeit 
dieses Betätigungsdranges entspriedt äie äer 
Maode. 8ie ist modern irisiert und erstradlt im 
BlanZ klüobtig aukgelesener Lkkekte, die in diesem 
Zusammenbang nur leider niedt glänZen wollen. 
80 sind gewisse Zeitgemäke Verkadrungsweisen, 
äie bei äobn Dos Bassos und Ratban Asod aus 
triftigen Bründen auktauoden, bier unverstanden 
übernommen; so naeb bewäbrten Nüstern Aktu 
elle Reportagen eingestreut, äie an dem detrek- 
kenden Ort keine Funktion erfüllen . . . Bin ver- 
sedmiertes Talent. Bine wendige 8odmierersi. 
qr 
b ergeben. 'Meistens bleibt er dann bald. unter 
wegs liegen und mag verreeken. Bas ist eine 
Verlagspolitik, die diesen Ramen üderbaupt 
niobt verdient. Mie wäre dem anarobiseben 
Unwesen abZudelken? Unter anderem äadurob, 
äak man niobt naek der äugend des Autors, 
sondern naod dem Mert seines Manuskriptes 
fragte. Körner käme es Zweifellos daran? an, 
äak man die jungen Zodriktsteller, die den 
Bässiersobein erkalten daben, pkleglied bedan- 
äelte und idnen 2eit Zur Bntwioklung gönnte. 
Auod dürfte man sie niedt einkäed sied selber 
überlassen, dätte sie vielmedr fortlaufend Zu 
beraten und wenn mögliod Zu leiten. Bine solode 
Aktivität den Autoren gegenüber und die Bin- 
kalkulierung längerer Bristen Zeitigte wakr° 
sodeindod bessere Ergebnisse als das jetzige 
kurZsiodtige und rein passive Verbalten Zabl- 
reioder Verlage... Bood Lob begnüge mied bier 
mit diesen Andeutungen. 8ie sollen in adsek- 
barer Zeit näber ausgeküdrt werden. 
deden, den Klaus Mann und ssinesgleioden ent- 
kesseln. Br sedädigt niedt einmal so sedr die könnte, so detZen sie es vorzeitig Zu Voäs. Ber
        <pb n="36" />
        'Uroleiarische Schrifistesser in Irankreich 
Gründe auf.z.u.weis.en, die .für al.le echten Revolutionäre maßgebend 
smd, denen eme Veränderung der Welt am Herzen liegt . . 
Du'- hie'-r getroffenen Abgrenzungen sind zweifellos nicht nur 
des Augenblicks oder der jeweils führenden Männer diktiert wer 
den, wollen nicht heute verteidigen, was wir morgen der Bedürft 
niste einer Eintägspolitik wegen verurteilen müßten, die den 
Notwendigkeiten der Stunde gehorcht. Ich Lestreite, daß die Rolle 
ines revolutionären Schriftstellers gerade hierin besteht. Wir 
weigern uns zum Beispiel zu sagen, daß Trotzki ein Gegenrevo« 
lutionär sei, ein „Vorkämpfer der Bourgeoisie" . . - Wir weigern 
uns, dis Verleumdungen und Lügen anzuerkennen und zu bestä 
tigen, die ihn in den Augen des Proletariats zu beschmutzen 
suchen . - . Nach unserer Meinung hat ein revolutionärer Schrift 
steller richt so sehr die Aufgabe, Schmähungen dieser Art zu Ver 
Im Hinblick auf unsere deutschen Verhältnisse scheinen mir am 
mterestantchen jene Formulierungen zu sein, in denen die Be 
ziehung der Gruppe zur Partei und zur ParteipoliLik fest 
gelegt wird. Sie lauten im Auszug wie folgt: 
„Das Proletariat ist in Frankreich gespalten und in seiner 
überwiegenden Mehrheit noch nicht organisiert. Wir wünschen 
nicht aus unseren Reihen gewisse Arbeiter zurückzuweisen, weil sie 
Trotzkisten, Anarchisten . « parteilos oder reine Syndikalisten 
sind. Welche politische Ueberzeugung immer sie hegen: ihre Aus 
sagen bilden den notendigen Bestandteil einer proletarischen Lite 
ratur, die diesen Namen verdient. Es ist nicht unsere Sache, Zu 
gunsten der einen oder der anderen den Ausschlag zu geben - * - 
Wenn wir sagen, daß wir nicht die Verkünder der Losungen 
emer Partei sein wollen, so ist diese Erklärung wie folgt zu ver 
stehen: wir wollen in unseren Werken nicht alle Schwankungen 
und Widersprüche mitmachen, die einer Partei durch die Taktik 
, 2.Z. LA. LYF 
In Paris hat sich vor kurzem eine „Gruppe proletari 
scher Schriftsteller französischer Sprache" ge 
bildet, auf die ich hier aufmerksam machen möchte. Die Gruppe, 
der unter anderem Marc Bernar d, E. Dabit, A. Habar u, 
Ueber die Aufgabe des Kikmkriiikers. 
Zur Tagung des Reichsver Landes Deutscher 
Lichtspiel-Theater-Besitzer, die in Frankfurt vom 
23. bis 2'6. Mai stattfindet. - 
Die Frankfurter Tagung der Lichtspieltheater-Besitzer bietet 
mir einen guten Anlaß, mich einmal etwas allgemeiner über 
die Aufgaben einer unabhängigen Filmkritik zu äußern; jener 
Filmkritik, die wir seit Jähren in der „Frankfurter Zeitung" 
Zu pflegen suchen. 
Der Film ist innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft eine 
Ware wie andere Waren auch- Er wird — von wenigen Out 
sidern abgefehm im Interesse der Kunst oder der 
Aufklärung der Massen produziert, sondern um des Nutzens 
willen, den er abzuwerfen verspricht. Jedenfalls gilt das für 
die große Masse der Filme, mit denen es der Filmkritiker 
immer wieder zu tun hat. 
Wie soll er sich ihnen gegenüber verhalten? Diese Filme 
sind bald besser, bald schlechter arrangiert und je nach dem 
Einsatz der Mittel und Kräfte mit einem größeren oder ge 
ringeren Aufwand hergestellt. Es versteht sich von selbst, daß 
die Kritik — gerade die Tageskritik - solche Unterschiede 
sorgfältig beachten muß, und manche Kritiker beschränken sich 
ja auch wirklich darauf, Lei der Würdigung irgendwelcher 
Filme alle möglichen EinzeHeitm die" ihrem 
Geschmack entsprechen oder nicht entsprechen. 
Aber in einem derartigen Verhalten, das noch dazu 
merstens von ganz ungeklärten. Empfindungen ausgeht, kann 
sich die Aufgabe des Filmkritikers dem Durchschnitt der Pro 
duktion gegenüber nie und nimmer erschöpfen. Denn so wenig 
die filmischen Durchschnittsleistungen als Kunstwerke gewertet 
zu werden Verlangen^ ebensowenig sind sie gleichgültige Waren, 
denen durch eine rein geschmackliche Beurteilung schon Ge 
nüge geschieht. Siemben vielmehr außerordentlich wichtige 
gesellschaftliche Funktionen aus, die kein Filmkritiker, der 
diesen Namen verdient, unberücksichtigt lassen darf. 
In der Tat: je ärmer die meisten Operettenfilme, Militär 
filme, Lustspielfilme usw. an Gehalten sind, die einer strengen 
ästhetischen Beurteilung standzuhalten vermögen, desto mehr 
fällt ihre soziale Bedeutung ins Gewicht, die gar nicht über 
schätzt werden kann. Das kleinste Nest hat heute sein Kino, 
und jeder halbwegs gängige Film wird durch tausend Kanäle 
an die Massen in Stadt und Land herangebracht. Was ver 
mittelt er den Püblikumsmasien und in welchem Sinne beein 
flußt er sie? Das genau sind die Kardinalfragen, die der ver 
antwortliche Betrachter an die Durchschnrttserzeugnisse zu 
,richten hat. , ___ 
teidiger und zu verbreiten, als die Verpflichtung, die Liefen 
Henri Poulaille angehören, gibt jeden Monat ein vorerst 
vierseitiges: „Bulletin äos serivaiW xrolstarieus" heraus, das 
schon zweimal erschienen ist. Den programmatischen Erklärungen 
dieser beiden Nummern sind alle nötigen Auskünfte über die Hal 
tung und die Ziele der Gruppe zu entnehmen. Sie tritt für die 
sozialistische Revolution ein, ist bereit, Rußland zu verteidigen, 
und will auf literarischem Gebiet das Selbstbewußtsein des Pro 
letariats wecken und seine Emanzipation herbeisühren. Die letz 
tere Aufgabe, die sie spezifisch als die ihre ansieht, soll durch dis 
Mobilisierung der Ausdrucksfähigkeit der anonymen Masten gelöst 
werden. Man möchte, mit anderen Worten, nicht nur selber schrei ¬ 
Leu, sondern auch den Arbeitern helfen, sich über ihr Dasein für Frankreich wichtig. Welche reale MaG 
Rechenschaft abzulegen und den „Schrei der Empörung" (eri äs über lurz oder lang zeigen. Lr. 
rövolts) auszustotzen. Beabsichtigt ist die fortlaufende Veröffent 
lichung der Dokumente, die auf diese Weise entstehen. 
daß zwar manche Filme aus- 
LruckuH politische und soziale Tendenzen verfolgten, aber das 
Mss doch lediglich gehobene Unterhaltung oder billig^ 
streung bezwecke. Der Einwand ist richtig und unrichtig zu 
gleich. Gewiß befleißigen sich gerade die typischen Filme an 
scheinend der Tendenzlosigkeit; damit ist aber keineswegs ge 
sagt, daß sie nicht mittelbar bestimmte soziale Interessen 
verträten. So muß es auch sein. Denn einmal können die im 
herrschenden Wirtschastssystem verankerten Produzenten nicht 
aus ihrer Haut, und zum andern sind sie um des besseren An 
satzes willen darauf angewiesen, die Wünsche und Bedürfnisse 
der noch einigermaßen zahlungsfähigen Bevölterungsschichten 
zu befriedigen: von Konsumenten also, deren Schicksal eben 
falls im großen und ganzen an die AufrechLerhaltung des 
gegenwärtigen Gesellschaftszustandes gebunden ist. 
Die Aufgabe des zulänglichen Filmkritikers besteht, nun 
meines Erachtens darin, jene sozialen Absichten, die sich oft 
sehr verborgen in den Durchschnittsfilmen geltend machen, aus, 
ihnen herauMa^ Tageslicht zu ziehen' das.' 
sie nicht selten scheuen. Er wird zum Beispiel zu zeigen haben, 
was für ein GesellschastsLild die zahllosen Filme mitsetzen, 
in denen eine kleine Angestellte sich zu ungeahnten Höhen em- 
porschwingt, oder irgendein großer Herr nicht nur reich ist, 
sondern auch voller Gemüt. Er wird ferner die Scheinwelt 
solcher und anderer Filme mit der gesellschaftlichen Wirklich 
keit zu konfrontiereu und aufzudecken haben, inwiefern jene 
diese verfälscht. Kurzum, der Filmkritiker von Rang ist nur 
als Gesellschaftskritiker denkbar. Seine Mission ist: die in den 
Durchschnittsfilmen versteckten sozialen Vorstellungen und 
Ideologien zu enthüllen und durch diese Enthüllung den Ein 
fluß der Filme selber überall dort, wo es nottut, zu brechen. 
Ich habe mit Absicht nur die der Durchschnittsproduktion 
gegenüber gebotene kritische Einstellung behandelt. Filme, die 
echte Gehalte bergen, waren und sind selten. Bei ihrer Be 
trachtung darf natürlich der Akzent, nicht allein auf der sozio 
logischen Analyse liegen, sondern diese hat sich mit der imma 
nent-ästhetischen zu durchdringen. Auf die Schwierigkeiten einer 
solchen Durchdringung kann indessen hier nicht mehr ein 
gegangen werden. 8. Lraeausr.
        <pb n="37" />
        Der KeLWer im Mrietö 
wäre. 
8. Lraeauer. 
stand einigen Leuten im Saal mit, was ihnen an einem be 
stimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt widerfahren 
ist. Hinzuzufügen wäre noch, daß seinen Auskünften lächerlich 
winzige Angaben zugrunde liegen. Die betreffenden Leute haben 
ihm Nämlich in der vorangegangenen Pause einen Zettel in die 
Hand gedrückt, der außer ihrem Namen nichts weiter als die zur 
Lokalisierung des jeweiligen Ereignisses nötigen Daten enthielt. 
Und trotz dieser minimalen Anhaltpunkte klärt der hinter 
seiner Binde hellsehende Herr Hanussen die Fragesteller vollstän 
dig über ihre Vergangenheit auf. Sie bestätigen durchweg die 
Richtigkeit der ihnen gemachten Eröffnungen und scheinen so 
erstaunt wie glücklich zu sein, daß sie auf eine derart rätselhafte 
Weise nochmals erfahren, was sie schon wußten. (Daß sie auch 
über die Zukunft jeden wünschenswerten Aufschluß erhalten 
können, beweist ein Blick in Hanussens Wochenschau, in der 
er der Öffentlichkeit und zahlreichen Privatkunden schlankweg 
die kommenden Dinge enthüllt.) 
Wie immer es mit den Gaben dieses Hellsehers bestellt sei, der 
Drang des Publikums, sie zu nutznießen, ist nicht zu bestreiten. 
Ich habe noch selten ein so gespanntes Publikum gesehen. Es 
steht in langer Reihe vor der Kabüse, in der die Zettel abzuliefern 
sind, es blickt so starr aus die kleine schwarze Binde, als sei sie 
das verschlossene Tor des Paradieses, es lauscht hörbar, wahrend 
sich Hanussen unhörbar konzentriert, und beginnt nach dem Ein 
treffen der Antworten wollüstig zu rumoren. Eine schwüle Er 
regung, die unwiderleglich anzeigt, wie sehr durch die Krise die 
Erwartung des Wunders gesteigert worden ist. Als ob sich die 
Krise durch ein Wunder überwinden lasse! Aber seiner im Halb 
dunkel zu harren, dünkt vielen bequemer als die planmäßige 
Verbesserung der Zustände, die das einzige rechtmäßige Wunder 
Berlin, im Mai. 
Kürzlich verbrachte ich einen Tag in München, von dem ich 
hier erzählen will. Ich wurde an diesem Tage in eine Ver 
gangenheit versetzt, die ich längst abgeschieden glaubte; oder viel 
mehr: die Vergangenheit nahm mich buchstäblich zu sich zurück. 
Zum näheren Verständnis muß ich vorausschicken, daß ich als 
Student vor dem Kriege mehrere Fahre in München gelebt und 
später die Stadt immer nur auf der Durchreise berührt habe. 
Von Berlin aus war ich noch nie dorthin gereist. 
Die Tatsache zu erwähnen, daß ich diesmal direkt von Berlin 
nach München fuhr, halte ich für ungemein wichtig. Berlin ist 
der Ort, an dem man schnell vergißt, ja es scheint, als verfüge 
diese Stadt über das Zaubermittel, alle Erinnerungen zu tilgen. 
Sie ist Gegenwart und setzt überdies ihren Ehrgeiz darein, ganz 
Gegenwart Zu sein. Wer sich längere Zeit in Berlin aufhält, 
weiß am Ende kaum noch, woher er eigentlich kam. Sein Dasein 
gleicht nicht einer Linie, sondern einer Reihe von Punkten; es 
ist jeden Tag neu wie die Zeitungen, die fortgeworfen werden, 
wenn sie alt geworden sind. Ich kenne keine andere Stadt, die 
das Gewesene so schleunigst abzuschütteln vermöchte. Auch sonstwo 
verändern sich zweifellos Platzbilder, Firmennamen, Geschäfte; 
aber nur in Berlin entreißen die Veränderungen das Vergangene 
radikal dem Gedächtnis. Viele empfinden gerade dieses Leben 
von Schlagzeile zu Schlagzeile als Reiz; teils weil sie davon 
profitieren, daß ihre frühere Existenz in der Versenkung ver 
schwindet, teils weil sie doppelt zu leben glauben, wenn sie rein 
in der Gegenwart leben. Daß ihnen durch das Aufgehen in 
aktuellen Momenten das Leben selber niemals gegenwärtig wird, 
ist allerdings unumstößlich gewiß... 
Mitten aus der Aktualität heraus wurde ich also nach München 
zurückgerissen. Und gleich beim ersten Schlendern am Sonntag 
morgen begann schon die Stadt ihre Gewalt auf mich auszuüben. 
Durch tausend .Mittel brächte sie meine Verwandlung zuwege. 
Da war der Geruch, jener einheimische Geruch, der von Malz, 
Benzin, Tandlerkram und wer weiß welchen'Bestandteilen her- 
rührt; da war der Himmel, der sich freundlicher als in Berlin 
zu den Häusern und Straßen herabläßt; da war der warme 
Widerschein einer beinahe italienischen Sonne. Je länger der 
Tag . dauerte, desto tiefer tauchte ich in verschollenen Zeiträumen 
unter, deren Existenz mir seit vielen Jahren nicht mehr bewußt 
Berlin, Lm Mai. 
In der Scala, deren Programm unter anderem auch die 
glänzende equilibristische Nummer des Trios Willy Schenk L 
Co. enthält, zeigt jetzt der Hellscher Erik Jan Hanussen 
allabendlich seine Kunst. Er hat vor dem Avus-Rennen dem 
Fürsten Lobkowiez geraten, vorsichtig Zu fahren, und tatsächlich 
ist Fürst Lobkowiez beim Rennen tödlich verunglückt. Die 
übrigen aufs Rennen bezüglichen Voraussagen sollen allerdings 
sämtlich unrichtig gewesen sein. Sehr zuverlässig ist die Wirklich 
keit einstweilen noch nicht. 
Ehe Hanussen gleichsam im Merheiligsten das Hellsehen zele- 
. Wert, treibt er sich erst eine Zeitlang in den Vorhäfen herum. Er 
verunstaltet ein Paar telepathische Experimente, wie man sie früher 
schon häufig sah, plaudert über Graphologie usw. Ohne daß ich 
die'magischen Kräfte anzuzweifeln wagte, über die er auf Schritt 
und Tritt gebietet, muß ich gestehen, daß mir seine profane Fähig 
keit, das Publikum in Stimmung zu bringen, nicht minder 
Lewundernswert erscheint. Bald reißt er es gewaltsam empor, 
indem er für die einzigartigen Versuche, die er hier vorführt, 
einen stärkeren Beifall verlangt, bald gönnt er ihm kurze 
Erholungspausen, damit es nicht außer Atem gerät. Geheimnis 
volles Mienenspie! und Scherze mit der Damenwelt, Ausbrüche 
jenseitiger Zuversicht und rein irdische Plänkeleien: das ver 
mischt sich ohne Schwierigkeit und geht in einem fort ineinander 
über. Bis zuletzt die Zuschauer so durchgerüttelt sind, daß sie reif 
werden für das eigentliche Mysterium. 
Es besteht, kurz gesagt, in folgendem: Herr Hanussen sitzt 
auf einem Stuhl in der Mitte des Podiums, hat eine schwarze 
Binde um die Augen gebunden, die offenbar den Zustand 
äußerster Konzentration bewirken soll, und teilt in diesem Zu 
gewesen war und deren Fortexistenz ich noch am Tage vorher 
Lestritten hätte. Hatte sich München inzwischen nicht verändert 
oder gar wieder zurückverändert? Jedenfalls zeigte es sich mir 
wie damals, eine Stadt wie aus einem Traum, die dennoch kein 
Traum war. Ich erkannte kleine Läden, an denen ich als Stu 
dent vorbeigekommen war, und las Namenschilder, bevor ich sie 
richtig erkennen konnte. Auf dem Odeonsplatz hielten die Stu 
dentenkorporationen und Taubenschwärme ihren Stehkonvent ab. 
Schon Wunderte ich mich nicht über den Stillstand, sondern fragte 
mich nur, ob auch die fütternden Kinder und die photographie 
renden Reisenden sich wiederholen würden. Sie waren vorhanden, 
fütterten und photographierten. Hinterher faß ich im Hofgarten 
an einem gedeckten Tisch unter den altem grünen Bäumen; zur 
selben, Stunde,, zu der ich früher dort immer gesessen hätte. Und 
um die Unterschiede zwischen dem Heute und dem Gestern voll 
kommen zu verwischen, nahmen die gleichen, modisch gekleideten 
jungen Herren in/ der Nachbarschaft Platz, zitterten die gleichen 
Lichtkrmgel über Gestühl und Boden hinweg. Das Gestern war 
nahezu Heute geworden. 
Nicht so, als ob ich mich ganz verloren hätte. Ich beobachtete 
Hakenkreuze, die man seinerzeit noch nicht trug, und wußte 
wieder ganz genau, welches Jahr man jetzt schrieb. Auch ver 
gegenwärtigte ich mir, daß München eine Stadt sei, die so gut 
wie keine Arbeiter enthielt. Hier waren Fabriken fern, hier 
drang nur das Land herein, das sich mit der bürgerlichen Be 
völkerung .so^ vermischte. Bürger aller Schat ¬ 
tierungen bestimmten in Wahrheit den -Geist der Stadt, und in 
einer- Zert wie dieser hielten sie natürlich aus vielen Gründen 
vermehrt darauf, daß alles blieb, wie es einst war. 
Aber - die Ueberlegungen, die ich beflissen anstellte, ver 
mochten mich nicht vor der Macht des Vergangenen zu schützen. 
Im Gegenteil: als habe es nur einen kurzen Anlauf genommen, 
so gesammelt brach neuerdings das Vergessene aus den Gräbern 
hervor. Jetzt erst recht wurde ich seine Beute. Und zwanzig Jahre 
schienen nicht gewesen zu sein. 
Vor zwanzig Jahren hatte ich mit ein M 
einem im Studentenviertel gelegenen Cafehaus verkehrt, dessen 
Inhaberin uns persönlich bekannt gewesen war. Einmal im 
Fasching hatte sie uns sogar mit Wein und einem besonderen 
Abendessen bewirtet. In jener Zeit war es notwendig geworden, 
Wiederholung. 
Auf der Dur chreise in München.
        <pb n="38" />
        das Eafs gründlich zu renovieren, und auf die Bitte der In 
haberin hin hatte ich sie bei der Wahl der Vorhänge, des An 
strichs, wie überhaupt der ganzen Einrichtung gewissermaßen 
fachmännisch beraten. Zum Erwerb eines schrulligen Eckschränk- 
chens, das ich ihr zugemutet, war sie nicht ohne weiteres zu be 
wegen gewesen. Der Bildhauer aus dem Kreis hatte die Majolika 
Umrahmung des Spiegels geliefert, der Maler ein Landschafts 
Aquarell fürs Nebenstübchen. 
Von Erinnerungen angelockt, die mich bereits im HofgarLen . 
in ihren Besitz bringen wollten, suchte ich aus mechanischem 
Zwang heraus dieses Cafe am Nachmittag auf. Es war unver- &amp;lt; 
ändert erhalten, mit seinem Eckschränkchen, der Majolika-Umrah 
mung, dem Aquarell. Aber das Ganze kam mir trüb vor, eng, 
muffig, verstaubt. Ich freute mich, daß ich mich so fremd fühlte — 
ein Herr von außerhalb, der seinen Cafe trinkt und dann, unbe 
schwert geht. Die Inhaberin war nicht zu erblicken. 
„Leer hier," sagte ich zur Kellnerin. 
„Sonntag nachmittag. Alles ist draußen." 
Wie immer, dachte ich, und erkundigte mich nach der In 
haberin. Tatsächlich gehörte ihr noch das Cafe. Sie war gerade 
unterwegs, ein wenig Luft schöpfen, hatte aber hinterlassen, daß 
sie bald zurück sein werde. 
„Sagen Sie ihr, ein Herr möchte sie sprechen." 
Ich las Zeitungen, die ich überall hätte lesen können. Mit 
einem Mal stand die Inhaberin, eine vertraute Figur, in ihrer 
gewohnten Ueppigkeit, neben mir, begrüßte mich ohne Ueber- 
raschung und setzte sich an den Tisch. 
„Schon von draußen habe ich Sie gesehen und mir gleich ge 
dacht: das ist doch der..." 
Wie immer nannte sie mich nur beim Nachnamen. Sie hatte 
sich einen Cafe bestellt und plauderte mit mir. 
„Leer heute," meinte ich wieder. 
„Sonntag nachmittag. Sie wissen doch —" 
„Hat sich inzwischen viel verändert?" 
„Nicht, daß ich wüßte. Es ist alles beim alten geblieben." 
Ja, es war alles beim alten geblieben. Während wir noch 
sprachen, war das Cafe wieder groß und schön geworden wie vor 
zwanzig Jahren und ich ein Student wie vor zwanzig Jahren. 
Das Eckschränkchen reckte sich und die Majolikawülste glänzten 
selbstgefällig und jung. Ich würde später in mein Zimmer gehen, 
zehn Minuten von hier, oder besser vielleicht in den Englischen. 
Garten... - / -5, - 
Und dann geschah es, daß die Vergangenheit mich nicht, nur 
einspann, sondern selbständig zu wachsen anfing. Sie entwickelte 
sich weiter, als lasteten nicht die zwanzig, seither verflossenen 
Jahre auf ihr, und ich, der Student, dehnte mich mit ihr in 
die unbekannte Zukunft hinein. 
„Ich will Heuer wieder renovieren lassen," sagte die Inhaberin. 
„Wird auch nötig sein," stimmte ich zu, „die Wände und Decken 
sind scheußlich verraucht." . . 
„Schauen Sie sich nur alles an... Vielleicht können Sie - mir 
ein paar Ratschläge geben, Sie kennen ja die Räume genau." 
Wir betrachteten das Cafs, und berieten uns über Anstrich, 
Vorhänge und Tapeten. Im Nebenstübchen, das auch Salon hieß, 
wurden wir lange nicht einig, es. war wie damals ein schwieriger. 
Fall. Wie damals -- aber das Damals war jetzt -eigentlich^ 
Damals mehr, setzte sich vielmehr allmählich und sprunglös- fort. 
Indem ich der Inhaberin meine Vorschläge machte, lebte,ich, 
genau genommen, in einer imaginären Zeit. Es erging mir an 
nähernd wie einem, der träumt, er müsse ein Exämen machen, 
das. er irr Wirklichkeit schon gemacht hat; nur e^ 
träumte. Mitten im Gespräch, das gerade der Farbenwahl. galt, 
fiel mir ein, daß ich einen Freund abholen wolle, mnd zugleich 
wußte ich unterirdisch, daß dieser Freund im zweiten Kriegsja.hr 
gefallen war.' Ich erinnerte mich an das Bild des. Odeonplatzes, 
das ich mir heute früh wieder eingeprägt hatte, und- im selben 
Augenblick wurde dieses Bild aus der Zeit vor dem Krieg durch 
ein viel späteres überblendet: durch das des Platzes am Tag-Är 
Kriegserklärung. Die Menschen standen dicht gedrängt, schrien 
begeistert und rissen, sich die Extrablätter aus den Händen -.— 
doch dieser Tag war, wie gesagt, noch nicht eingetroffen, sondern 
kam erst viel später. Ich erwog, immer weiterredend, wie ich 
meinen Beruf wechseln könne, und war mir unterdessen völlig 
klar darüber, daß ich längst nicht mehr in ihm tätig sei. Ich lebte 
in einem gläsernen Sarg, durch dessen Wände ich, der Lebende^ 
mich so angestrengt verfolgte, daß ich mittlerweile als leibhaft 
Lebender verblaßte. Und dann stieg eine furchtbare Angst, in mir 
hoch. Alles würde noch einmal kommen: der Krieg, die Revolution 
und die Jnflationsjahre danach. Und niemand vermochte zu er- 
messen, wie alles dann wiederkäme — 
„Kommen Sie morgen wieder?" 
Verwirrt nahm ich Abschied. Die Straßen waren am Hellen 
Tag erstorben. So kleine Häuser. Wie immer. 
Am nächsten Tag reiste ich ab. Wie ein Dienstmann seinen 
Karren hinter sich herzieht, so schleife ich jetzt ein Stück Ver 
gangenheit durch die Berliner Gegenwart nach. Es bleibt zurück 
und will sich nicht mit ihr verbinden. Aber wie wäre eine solche 
Durchdringung heute auch möglich? 8. Lra, eauex.
        <pb n="39" />
        Iitm-UottM. 
Anfang Juni. gestellt und montiert wird. Keine Klischees öden den Zuschauer 
Auf der Reeperbahn. 
Kunst ist zunächst und unter allen Umständen: Wahl der rich 
tigen Sache. Nun will ich gar nicht behaupten, daß Werner 
Hoch-baum, der junge, bisher unbekannte Autor und Regisseur 
des Films: „Razzia in St. Pauli", der jetzt seinen Weg 
in die Provinz machen wird, durchaus die richtige Sache ergriffen 
hätte; aber er sucht sich ihr doch anzunähern und widerstrebt ihr 
jedenfalls nicht. Das will heut schon viel heißen. 
Der Film spielt in der Hamburger Unterwelt, und laut Pro 
gramm sind sogar echte Ganoven und Mädchen aus St. Pauli 
mitverwandt worden. Durch die Beziehung, die eines der Mäd 
chen mit dem Klavierspieler einer sinistren Bar unterhält, soll die 
Hoffnungslosigkeit veranschaulicht werden, in der diese aus Lum 
penproletariern und kleinen Verbrechern zusammengesetzte Bevölke 
rung dahinlebt. Man ist zermürbt; kein Lichtschimmer dringt hier 
herein. Die Fabel selber ist einfach und dünn. Ein Kraftkerl von 
Einbrecher, der bei dem Mädchen Schutz findet, verschafft diesem 
die Illusion eines abenteuerlichen Daseins, das über den erbärm 
lichen Alltag hinausführen könne. Die beiden verbringen im Stäb 
chen und in der Bar eine Nacht zusammen und wollen dann 
fliehen. Aber am Schluß wird der Einbrecher erwischt, und der 
Stumpfsinn beginnt wieder von neuem. Um den sozialen Ort 
dieser trüben Welt zu bezeichnen, hängt Hochbaum ans äußerste 
Ende noch eine Szene an: Hafenarbeiter ziehen im Morgengrauen 
mit einem verheißungsvollen Song zur Arbeit. Die Szene ist gut 
gemeint, erzielt jedoch ihres Nachklappens und verschiedener Un 
stimmigkeiten wegen nicht den gewünschten Effekt. 
Man merkt dem Film an, daß sein Hersteller von der Sache 
durchdrungen ist. Und das ist wichtiger als. die starke filmische 
Begabung, über die er außerdem noch verfügt. Viele Filme 
sind zweifellos mit Talent gemacht. Da sie sich aber nicht um eine 
Sache, sondern um ein Nichts drehen, bleibt das in ihnen inve 
stierte Talent ohne Bedeutung. Es läuft leer und betätigt sich 
rein formal; während das Hochbaums durch einen wirklichen 
Gegenstand erregt und gebunden ist. 
Welch eine Wohltat, wieder einmal einen Film zu sehen, in 
dem ein Gegenstand, der diesen Namen verdient, zu bewältigen 
versucht wird. Da die Handlung nicht eigentlich einen Selbst 
zweck hat, sondern nur die vollkommene Entwicklung der Zu- 
ständlichkeiten bezweckt, liegt der Hauptakzent auf der Mi 
lieuschilderung. So ist es auch in der Ordnung, und 
gerade die besten Filme haben sich bisher immer in der epischen 
Vergegenwärtigung gewisser Verhältnisse und Situationen er 
schöpft; denn nichts entspricht dem Wesen der Filmkamera mehr 
als das freizügige Wandern durch die Welt der optischen Zeichen. 
Es zeugt für den Film, daß seine Milieudarstellung zu spannen 
vermag; obwohl Hochbaum nach Art der Anfänger noch unökono- 
misch verfährt und manchmal, vor allem am Schluß, zu viel des 
Guten tut. Er ist in sein Thema vergafft. Und der Gewinn da 
von ist der, daß das Hamburg des Hafens, der Reeperbahn und 
der verdächtigen Kneipen hier nicht in korwentionellen Abkür 
zungen vorüberzieht, wie sie die üblichen Ansichtskarten bieten, 
sondern mit Entdeckerlust und sachlicher Leidenschaft beobachtet. 
an — er ist vielmehr gefesselt durch originale Bilder, deren Ein 
stellung und Schönheit die Folge der ihre Produktion bedin 
genden sauberen Haltung ist. 
Wolfgang Zilzer verkörpert den etwas vertrottelten Musiker. 
Gina Falkenberg, von der Regie ausgezeichnet eingesetzt, 
gibt sich traurig und schnöd; dazwischen ein leichtes Blühen. 
Charly Wittong: ein volkstümlicher Sänger. 
Der Tenor inderLandschaft. 
Der neue Jan Kiepura-T o nfilm der Ufa: „Das 
Lied einer Nacht" verspricht ein großer Publikums erfolg zu 
werden. In der Tat ist er voller Glanz. Zunächst beweist er den 
technischen Fortschritt des Tonfilms: die Stimme Kiepuras er 
klingt in ihm, von einigen überlauten Stellen abgesehen, so rein 
und mächtig, wie man vielleicht noch nie einen Tenor im Film 
gehört hat. Und welche Steigerung erfährt der Genuß, den diese 
Stimme bereitet, erst noch dadurch, daß sie in einer herrlich photo 
graphierten Landschaftspracht schallt. Das hohe 6 und Älpen- 
gipfel hinter Blütenbäumen, italienische Arien und das Plätschern 
oberitalienischer Seen: eine paradiesischere Häutung von Süßig 
keiten ist nicht wohl denkbar. Auch sonst geschieht alles, um das 
Publikum zu beglücken. So weiß es zum Beispiel, daß nicht der 
von Fritz Schulz nett gespielte Hochstapler der berühmte Tenor 
ist, sondern Kiepura selber, der sich als dessen Sekretär ausgibt, 
weil er sich endlich einmal ungezwungen wie ein gewöhnlicher 
Sterblicher bewegen will. Da er aber andererseits in einemfort 
singt und überhaupt den berühmten Tenor in sich schlechterdings 
nicht zum Schweigen bringen kann, ist sein Inkognito bald gelüstet, 
und das Publikum darf Zeuge der Begeisterung fein, die sich an 
den Enthüllungsakt knüpft. Vervollständigt wird die Unsumme 
des Glücks durch einen allzu niedlichen Backfisch (Magda Schnei 
der), der sich in die Macht des Gesanges verliebt, ferner durch ein 
paar populär-komische Typen, unter denen Margo Lions rabiater 
Manager Erwähnung verdient, und nicht zuletzt durch die Musik 
Spolianfkys. Hinzuzufügen wäre nur noch, daß der wohlgefällige 
Zauber von der Regie (Anatol Litwak) versiert hergerichtet und 
mit allerlei Bildeinfällen ausgestattet worden ist. Wenn etwa gleich 
am Anfang die Stimme des Sängers im Radio ertönt, steht man 
eine Reihe von Szenen, in denen die Wirkung der Stimme auf 
die verschiedenen Hörer gewissermaßen humoristisch glossiert wird. 
Außer Glanz und Genuß gibt der Film freilich nichts. Er 
ist ganz hohl inwendig. Die Stimme schwingt sich um ihrer selbst 
willen in die Höhe, und die Landschaften sind eitel Dekoration. 
Im Hamburger Film ist eine Sache angesprochen, die uns wirk 
lich betrifft; in diesem Film wird allen Sachen ausgewichen, 
die uns etwas angehen könnten. Die Wendung ins Deko 
rative, die er gleich dem Film: „Der Kongreß tanzt" und 
anderen Großfilmen vollzieht, scheint in der Tat zu den erfolg 
reichsten Ausweichmöglichkeiten der letzten Zeit zu gehören. Man 
verstellt die Wirklichkeit durch leckere Kompositionen, und das 
Publikum läßt sich durch die Mache so betäuben wie weiland 
Odysseus durch die Nymphe Kalypso. Mittlerweile bleibt die 
Wirklichkeit im Halbdunkel und ein Spielball von Elementen, 
denen das Zwielicht gerade recht ist. Doch auch Odysseus ist 
eines Tages heimgekehrt. 8. Lraeausr.
        <pb n="40" />
        A &amp;lt;Vo 2, 2. 
»«8 Ävr L»»1vlLti«». 
Nebst einem Bxkurs über die 8 o 2 ia 1 s 
Bomanreportage. 
Von 8. XrLeLuer. 
Der Boman: „Konfektion" von Werner 
^ürk (Agis-Verlag, BerlinAVien. 264 8eiten) be- 
anspruedt sedon äured seine 8tokkwadl Interesse. 
Dargestellt wird in idm äie Konfektion am Baus 
vogteiplatZ; ein 8tück ^Virklicdkeit also, das bis- 
der meines Bissens Bteraräscd noed niedt bearbeitet 
worden ist. Oewill gibt es Bomane, in äenen etwa 
Mannequins eine Bauptrolle spielen &amp;gt;— ied denke 
2um Beispiel an VBldelm Lpe^ers: „Ied ged' aus 
und äu bleibst da". Aber äie Bäcker dieses Bcklags, 
verkakren mit äkrem Ikema äknlied wie andere init 
dein Krieg: das deidt, sie benutLen die Konfektion 
als BoBs kür irgendein Diebeserlebnis oder sonst 
eine Oesediedte. Der Hintergrund bleibt dabei völlig 
im Hintergrund. Dürk dagegen Ziekt idn kervor, 
und man dat duredaus den Bindruck, äak er die 
Konfektion mit idren Odeks und Lwisckenmeistern, 
idren Beisenden, Binriedtern, Dekrlingen und Baus 
dienern sedr genau kennt. Offenbar dat er sis 
niedt nur von aullen betraedtet, sondern ist selber 
in der Vraneke tätig gewesen. Ied sedlieks daZ 
aus der 8iederdeit, mit der er die Dopograpkie, die 
8pracke und die Bsancen dieser Welt bederrsedt. 
Nan lernt etwas aus dem Bück. 
Leins lendenr: ist radikal. Indem es die Zu 
stände in der Konfektion aukweist, geillelt es sie 
Zugleiek. Der von oben der ausgeübte Druck, äe^ 
sied über die ^wisekenmeister kinweg bis 2u den 
Leimarbeiterinnen kortpLan^t, stellende Millbräueks 
und bedenkBede Manipulationen: das alles ist, wie 
mir sedeint, mit 8ackkunde und odne unzulässige 
Verallgemeinerung wiedergegeben. Besonders aus- 
kükrlicd werden die Verkältnisse der Angestellten 
gesedildert. 8is treten in den versediedensten 
Spielarten auk, Wpiseke, idren ZestzllsckakBmken 
Funktionen LUgtzordnete Bxemplare, die doed keines- 
^6gs der individuellen Bärbung entraten. Bs ver- 
stsdt sied von selbst, dall Dürk die 8onderposition, 
die sie Zwiseden dem Arbeitgeber und der Nasse 
der Abkängigon einnedmen oder einLUnedmen 
glauben, äer Kritik unterriekt. Br Zeigt, wie er- 
daben sied idrer viele über die Doknempkänger 
dünken, stellt idren Mangel an solidarisedem Ver- 
dalten blök und Zerstört manede Illusionen, die sie 
sied maeden. 
8o danäelte es sied um eine Vrt soÄaler Boman- 
rexortage von bestimmter 1endon2? Bben niedt. 
Bnd das gerade Linde ied an dem Bued erkreulied. 
Oenn die als Boman aukgeputLte gesel B 
s edaktskritis ed e 2 ust a n d s s e d i 1 ä. e^ 
rung^ die seit etlieden äadren bei uns gepklegt, 
ist eine unkruedtb arsNis e dkor m. lind r ' 
darum, n-eil sie, vsäer saedgemäk in die ^ustärül^ 
einäringt, noed aued den Borderungen entspriedt, 
die an einen Boman ru riedten ^ärsn. lVas runäedst 
idr Verdalten jenen gegenüber betrikkt, so verkädrt 
sie naed einer Barole, die im ersten Naedkriegs- 
jadrrednt rismlied viel von sied reden maedte, aber 
in^^isedsn glüeklieder^eise an 8edlagkrakt verloren 
Zu daben sedeint. Ied meine die Barole von äer 
V erleb enäigung äer lVissensedakt. IIm der 
aus triktigen Orünäen in Wkkreäit geratenen Vdssen- 
sedakt vieäer aukrudelken, glaubte man rvüseden idr 
nnä äem „Beben" vermitteln ru müssen; odne sied 
darüber Beedensedakt abrulegen, daK sie desto medr 
Beben entdält, je strenger, je unbekümmerter um das 
„Beben" sie ist. Im kalsvd verstandenen Interesse, 
sie diesem anrunädern, raubte man idr die genaue 
Legrikkliedkeit, die sie gerade Lur lVissensedakt 
stempelt. Klan popularisierte sie, statt rm idr 2U er- 
Lieden; man aktualisierte sie, statt die Aktualität 
K'issensedaktlied xu begreiken. Von soleder Verleben- 
äigungssuedt sind Z^eikellos aued die Verkasser der 
soLialen Bomanreportagen erküllt. Die ^ukgabe, un 
sere geseUsedaktlieden Verdaltnisse in Borm von 
^bdanälungen und vüssensedaktlieden ^Verksn ^u 
analvsieren, äündt idnen 2U trocken, und so ge 
stalten sie idr Material lieber in Borm von Romanen. 
Angegeben, daü diese Metdode leiedter an2u^'enden 
und daukig genug dankbarer ist; aber sie stedt an 
dokumentarisedem V^ert und Mögliedkeiten eedten 
Bingreikens ^eit dinter der exakten ^nal^se Zurück, 
l^iedt allein daü die Bomanreportage ein Bild der 
gesellsedaktlieden Verdaltnisse ent^irkb, das sied 
rein äured äie ^rt seiner Mitteilung niedt kon 
trollieren lädt, sie verrücktet auek von vornderein, 
eben um äer Bomandaktigkeit 'Villen, auk äie 
substantielle Durcdäringung des 8tokkes, die nur mit 
Bilke reines gewissen tdsoretiseden Apparates be 
werkstelligt werden kann. 8ie erobert niedt Neuland, 
sondern dinkt der lVissensedakt naed; sie aast mit 
Bekunden, die 2u idrer Herausstellung der svstemati- 
scden Bntersucdung bsdürkten; sie erhielt allenfalls 
geküdlsmäÜige Wirkungen, statt Brkenntnisse 2U 
produzieren, äie uns wirklied ru Veränäerungen bs- 
käkigten. 
Bbenso wenig vermag äieser B^xus der kriti- 
scden Lustandssedilderung die Bunktion des Bomans 
ausZuüben. Der Bauxtkedler, dessen sied die ein-, 
sedlägigen Autoren geduldig maeden, ist aber der: 
äaü sie die Zustände und Bendenren, um die es 
idnen 2u tun ist, niedt aus der episeden Oestaltung 
dervorgeden lassen, durek diese vielmekr umgekekrt 
jene tzxtzmxMrüeren wollen. Das keiüt, sis vermitteln 
gar niekt primär das der Bomankorm Lugekekrte 
konkrete Dasein, sie benutzen es nur Lur Verleben- 
äigung eines 8tokkes, äer vermutliek in einer ^b- 
danälung ungleiek trekkenäsr äargSstsUt weräsn 
könnte. Die meisten äer kier gemeinten Boman- 
reportagtzn leiäen an äem (Fsbreeken äer 8edsin- 
konkretdeit. Ikre 8ituationen sind von einer 
bestimmten abstrakten ^ukkassung der konstruiert 
und müßten dock von reektswegen auk sie kinwsisen; 
ikre, Menseken, sind keine wirkliek srkakrenen Men- 
scken, sondern Buppen, die 2ur Verdeutlickung der 
BenäenZ ins kakle Bonstruktionsgerippe eingsset2t 
und mit der an der betreffenden 8teUs källigen Br- 
kennüngsmarks verseken werden. Ick erinnere mick 
eines Bomans, in dem einmal das Wort Bleinbürger 
so gsbraucdt ist, dak die ^.rt seines Debraueds die 
UntAuglivlikeit des ganzen Bomans entkMt. Der Ber- 
minms dient dort nämlick sur naiven BennLemdnung 
irgendeines Menscden oder einer Menscdengrupps. 
Nun gekört dieser Ausdruck äer tdeoretiseksn 8pkäre 
2u, in äer er eine äekinierbare Bedeutung bat. 
Venn er in die konkrete Umwelt verpflanzt unä 
dort ungebrocksn benutLt wird, deidt das nicdts 
anderes, als äaK diese Umwelt keineswegs die 
Xonkretkeit besitzt, über äie sis äock als Bomanbe- 
stanä-teil Zu verfügen dätte. Denn wäre sie wirkbck 
konkret, so müLts sied gewiÜ aus der OdarLkteri- 
sierung eines in ikr bekindlicken kleinbürgerlicksn 
Menscken ergeben, dall er kleinbürgerlick ist; nickt 
aber dürfte der Mensed dadurck ekarakterisiert wer 
den, daK man ikn tendenziös Kleinbürger nennt. 
(Daü Begriffe wie äer äes Kleinbürgers natürlich 
auek legitim in einem Roman auktretsn können, 
bedarf wokl keiner Brwäknung.) Kurrum, die 
Bomanreportage versagt sowokl den Bakten wie den 
^.usprücksn der Bomankorm gegenüber. Bnkräktig 
bewegt sie siek rwiscken V^issensekakt und gestalte 
ter Bpik, Brkindung und Dokument. 
sk 
DaL siek Bürk äured seinen Oegenstanä nickt 
rur romankakten 2ustanäskritik verkükren lallt, ist 
vor allem dem glüeklicken Oriff ru danken, den er 
mit der Bigur des Beiden tut. Der empört siek 
niekt etwa gegen das Bestekende, sondern ist ein 
Karrierist, ein ganr gerissener dünge, der siek 
skrupellos vom BekrBng rum Mitinkabsr eines gro- 
Üen Konkektionskauses durekwinäet und -boxt. Die 
ser peinlieke Byp nimmt die Mitte des Buedes ein, 
und die Nationen seines glorreieken Anstiegs be 
stimmen den dang der Handlung. Ist es nun sckon 
wicktig, dall Bürk den Beiden konkret gestaltet, 
so ist es noek ungieick wicdtiger, äaL er gerade 
den gesckworenen Beind der im Boman vertretenen 
Interessen 2um Beiden mackt. Denn durek die so 
getrokkene lVaki bewakrt er sied davor, in die üb- 
lieke so2iais Bomanreportage su entgleiten. 8is 
wäre sofort gegeben, wenn der eigentiieke Bräger 
äer Banälung die 2U verkeektenden Bendenren direkt 
verkörperte. Dann Belle sied kaum der Oekakr ent 
rinnen, der alle diese ^wisedenproäukts erliegen: 
dall der Boman 2ur pseudo-dokumentariseken Dar 
stellung verblallts und die nur in genauer Bnter- 
sucdung 2u demonstrierende Ballung ein ikr ab- 
träglicdes 8ektzin1sb6n gewönne. 8o aber ist Bürk 
gezwungen, gewissermallen gegen den8träck 
2u sedreiben. Die wider das ^iei des Buedes ge- 
ricktste Bewegung seines Beiden, die alle übrigen 
Biguren mitreillt, nötigt idn, den Autor, Zu lauter 
indirekten Aussagen, verdinäert ikn daran, der Ban- 
äenZ selber das ^Vort Zu erteilen. Dr xersonikiZiert 
sis nickt, sondern iLÜt sie durek das Medium äer 
Bersonen ersekeinen; er illustriert niekt sein lVisssn 
um die Zustände, sondern maekt die Zustände exisck 
siedtbar. 
Im grollen und Zangen ist dieser Boman jeden 
falls wirkliek ein Boman. Ick überseke nickt, dall 
er nur eben sein Bkema abwandsit, odne es je ZU 
IransZendisren, verscdieäene rein sekematiseks Bi- 
guren und Desxräcke entdält und eine lockere, 
nioktssagende Komposition kat. Aber diese 8ckwäcksn 
werden äadurek Zurüekgedrängt, dall er der Ver 
lockung, die l?orm des Bomans au millbraucken, 
mit Brkolg widerstekt. BinLu kommt, äak er knapp, 
spannend unä sckön äullsrlicd errädit ist. Alier- 
äings üisllen die 8ät2e su leickt.
        <pb n="41" />
        HMKakmMlder. 
Besuch in der Woch enend-Ausstellung. 
Von S. Kraeauer. 
Berlin, im Juni. 
Die Messe-Ausstellung: „S o n n s, L u f t u n d Hau s", über 
die bereits bei uns berichtet worden ist (vergl. den Artikel Eugen 
Ohms in der. Reichsausgabe vom 24. Mai), nimmt Zustände vor 
weg, die noch nicht emgetreten sind. Guckkastenbilder einer neuen 
Welt erscheinen in ihr/Zeiten, die auf den Abgang der unsrigen 
ungeduldig warten. Wodurch gelingt diese Schau des Kommen 
den? Durch die Auswahl der Darbietungen. Man zeigt, was sem 
sollte, und verhüllt die Widerstände, die sich seiner Verwirklichung 
entgegensetzen. Wenn aber der Traum schon so sichtbar ist, muß 
die Decke ,zu sprengen sein, unter der er sich regt. 
' - » 
Im Eingangssaal, der die Frage: „Warum Wochenende?" be 
antwortet, wird die Wirkung der Berufsarbeit auf den Körper 
und die Notwendigkeit seiner Reparatur durchs Wochenende ver 
anschaulicht. Nicht nur veranschaulicht, sondern ins Publikum 
Kineingewirkt. Man sieht zum Beispiel ein riesiges Modell der 
menschlichen Haut, aber dieses Modell sagt erst etwas aus, wenn 
der Besucher es durch selbsttätiges Eingreifen zur Aussage zwingt. 
Er muß eine Kurbel drehen und erfährt dann, wie die Häut auf 
Wasser, Seife, Bürste usw. reagiert. Der Grundsatz, den Lernen 
den im Interesse der besseren Durchdringung des Stoffes zu akti 
vieren, ist nicht vom heute. Nur oben wird er hier auf ein Gebiet 
übertragen, auf dem er bisher kaum praktiziert worden ist. Noch 
haben die Massen eine instinktive Scheu vor der Medizin; noch 
pflegen viele Aerzte diese Scheu, statt sis zu zerstreuen — ein Ver 
halten, das zweifellos mit ihrer geringen Neigung zusammen- 
hängt, die Ursachen mancher individuellen Erkrankungen in denen 
des Kollektivkörpers Zu suchen. Die Propaganda fürs Wochenende 
prägt, vielleicht ohne Absicht, dem großen Publikum die Be 
Ziehung zwischen den sozialen Verhältnissen und verschiedenen 
medizinischen Mysterien ein. Man braucht nur aktiv die Kurbel 
zu drohen, und schon ist die Sache klar- - 
Panoramaartig mrfgestMe Phstomontagen in der Pergola 
führen eine Sprache, die es in sich hat. Ehe sie das Paradies der 
Wochenend-Siedlung illustrieren, vergegenwärtigen sie die scheuß 
lichen Mietskasernen, in denen die Proletarier wohnen. „Laßt 
die Mietskasernen baden!", steht unter einem solchen düsteren 
Panymma geschrieben. Und zwar wird diese höhnische Aufforde 
rung einem jungen Pärchen in den Mund gelegt, das gerade zum 
Baden hmauszrchd Wer wüßte nicht,, auf welche Hindernisse zum 
Beispiel die Liquidierung des Mietskasernenelends stößt? Sie 
werden stillschwelgend Übergängen. Aber die deutlichen Photos und 
der. provökaLorische Ton der Sprache sind wie ein Hämmern gegen 
verschlossene Türen. 
G 
Auf einer Hobelbank liegt ein-Holzbrett. An Junge kniet auf 
dem Brett und sägt. Die zusammengekauerte Gestalt des Knaben 
ist umnderbar anzusehen — so in die Aktion des Sägens ver 
tieft, daß sie mit dem Material zur undurchdringlichen Einheit 
verwächst. Ein Geruch von Freiheit umgibt die Gestalt. Das sägt, 
sich ohne äußere Hemmung leidenschaftlich ins Unbekannte hinein. 
Der Junge ist nur einer von vielen Männern und Knaben, 
die sich in einem ihnen eingeräumten Ausstellungssektor wie in 
einer Äse betWgen dürfen. Unterhalt der kleine Natur- 
schutzpark von der Vereinigung Deutscher Werklehrer, die durch 
seine Anlage für den Werkunterricht in der Schule werben will. 
Er ist noch längst nicht überall eingeführt, und aus budgetären 
Gründen wird sogar zur Zeit seist Abbau, erwogen. Die Kinder, 
die hier angesichts des Publikums zeichnen,. nähen, - kleben, schrei 
nern usw., sind lebendige Demonstrativ deren Verfüh ¬ 
rungskraft sich niemand entziehen kann. Sie kommen aus den 
Klassen, üben sich im vernünftigen Umgang mit. den Stoffen und 
werden dazwischen mit Marmeladebroten verköstigt. Auch schul- 
entläffene Arbeitslose nehmen am Unterricht teil. 
So gewiß sich die Arbeit dieser Kinder heute wie unter einer 
Glasglocke vollzieht, ebenso gewiß versinnlicht sie einen Zustand, 
in dem sie keine Ausnahme mehr ist, sondern die Regel. Eine 
Statue, nach der sägenden Knabenfigur gebildet, könnte sein 
Zeichen sein. Das Zeichen aber hätte zu besagen, daß alle Knaben, 
Sägen und Bretter uneingeschränkt zusammengehören. Einst 
weilen begegnen sie sich nur selten und unter vertrackten Kautelen. 
„Hier gibt es eitel Sonne, 
Der Kinder und der Mütter Wonne", . 
so lautet der Begleitvers zu einer Bildmontage, die das Glück 
in der besiedelten Natur draußen zeigt. Das ganze Freigelände 
ist dieses Glückes voll. Es enthält , lauter Wochenend- und Sied 
lungshäuschen „für alle", die nur leider, so billig und puppen 
haft ihrer viele auch sind, nicht von allen bezahlt werden können, 
Sie haben sogar die Fähigkeit zu wachsen, aber die meisten Leute 
renkten sich , schon jetzt die Glieder, aus, wenn sie sich nach ihren 
niedrigen Decken strecken wollten. Diese netten Dinger, deren 
einige immerhin bereits Käufer, gefunden haben, sind durchaus 
doppeldeutig. Einmal stellen sie eine Zuflucht dar, die das Be 
stehende nur noch verfestigt. Denn wer sich in ihre hübsche. Ge 
borgenheit zurückzieht, bleibt gern in seinem Blumentopf stecken/ 
und ist daher mehr am Steckenbleiben als an Veränderungen 
interessiert. Zum andern sind, die Häuschen ein Versprechen. Viel 
fach nach dem Freien geöffnet und doch heimlich, mitten in der 
Natur und doch in Verbindung mit dem Arbeitsplatz, weisen sie 
auf eine Zeit hin, in der sich Privates und OeffentlicheD, Stadt 
und Land richtiger zueinander Verhalten. Gleich ihnen ist die 
Spiel- und Festwiese zur Hälfte eine Fata morgana. Jugend ver 
eint sich hier zu Gruppenspielen und gymnastischen Posen, die auf 
allegorischen Wandgemälden abgebildet sein könnten, und rund 
ums Oval laufen Sitzreihen und Blumenbeete, die Stufe um 
Stufe erklimmen. Das Oval ist entspannt und die Beete erinnerst 
an den Frieden. Ein Schein, der nicht trügt; aber vergißt Mast 
über ihm die sortgelassene Wirklichkeit, so ist man betrogen. 
Herrlich ist ein Hallmteil, in dem sich folgendes beieinander 
findet: ein richtiges Flugzeug; das große Modell einer V-Zug- 
Lokomotive; ein Stück Zoo in Lebensgröße mit Palmen und einer 
echten Antilope. Raum- und Zeitzusammenhänge sind in diesem 
Abschnitt gleichnishaft aufgehoben, Weltelemente aus der Kruste 
gerissen und kurzerhand ineinander verschränkt. Geld spielt hier 
keine Rolle mehr, und die Entfernung ist nichtig. Man fährt nach 
Taugenichtsart auf der Lokomotive mit, die über unsichtbare 
Schienenstränge hinrvllt, oder besteigt das Flugzeug und ist schon 
am Ziel: dicht bei der Antilope/ die ohne Furcht grast. -- u
        <pb n="42" />
        Mt-Berlin im Wetten. 
Lümmer ist Boutaus 
b^^^s Desekiekts kehrt in Bildern, 
^V-- V2Z- VL5 
Keißer Abend. 
Berlm, im Juni. 
Jetzt in den heißen Tagen öffnen sich abends die Poren 
Berlins, und die Stadt dünstet ihre Menschen aus. Viele sammeln 
sich aus dem Kurfürstendamm und wälzen sich ununter 
brochen fort — ein träges Gewühl, das genau so glüht wie der 
Asphalt; Man sieht ihn nicht mehr, denn er wird vollständig vom 
Ineinander menschlicher Körper bedeckt, die eine lebendige Schicht 
über der toten bilden. Und wo sie aufhören, beginnen gleich die 
Karosserien, aus denen Köpfe herausragen, die wartenden Wagen, 
die in Laub gehüllt sind. Das Laub raschelt nicht, sondern ist still 
und erschöpft. Endigte es noch im Himmel! Aber vom Himmel 
wird es durch die Lichtreklamen getrennt, deren farbige Zeichen, 
Worte und Linien die Höhe beherrschen. Sie sind grell wie die 
Hitze, erhellen Bruchstücke von Dächern, Türmen und Karyatiden, 
und werfen zusammen mit den Bogenlampen einen betörenden 
Schein auf das Menschengewimmel. Es ist bunter noch als die 
Lichter. Kleine Pärchen, Provinzler, junge Dandys, vornehme 
altere Herren, vierschrötige Männer, Dämchen, Damen und Mäd 
chen, Arbeiter, Gelegenheitsmacher, vergnügte nächtliche Banden 
— aus allen Ländern und Stadtquartieren sind sie hier zusammen 
geströmt. Außer dem Pflaster und der schwülen Luft, die sie ein 
atmen, haben sie kaum etwas miteinander gemein. Im Gegenteil, 
so dicht sie sich streifen und kreuzen, so scharf und unvermittelt 
grenzen sie sich gegenseitig ab. Keine Atmosphäre ist zwischen den 
Gesichtern, keine Woge nimmt das Widerstrebende mit. Sämtliche 
Konturen sind vielmehr von einer Härte, die unduldsam ist. Armut 
und Reichtum, Unschuld und Laster: diese Begriffe aus den Kin 
derbüchern, die sonst vielfach abgewandelt werden, verkörpern sich 
an solchen heißen Abenden auf dem Kurfürstendamm und ziehen, 
grün oder rot beleuchtet, zwischen Laubfolien und Restaurations 
gärten dahin. Der Bettler singt. Der Portier schließt die Wagen 
tür. Ein Jüngling flüstert Liebesworte. Die Herrschaften lachen. 
Durchs Halbdunkel wirbeln Prozente. 
Es ist die Hitze, die jeden einzelnen so aus sich heraustreibt. 
Wie sie den Asphalt erweicht, so löst sie die Menschen auf, bis sie 
sich völlig zeigen. Sie haben Röcke und Westen zu Hause gelüsten 
und wirken in diesem Zustand nackter als ohne Kleider. Hosen 
träger straffen sich sichtbar, durchschwitzte Hemden kleben am Leib 
und dünne Blusen drohen zu platzen. Der Körper ist an die 
Oberfläche getreten und nicht nur der Körper, sondern alles, was 
in und um ihn ist, der ganze Mensch selber mit Haut und Haaren. 
Die vorquellenden Augen enthalten seine Begierde, das Miß 
vergnügen sitzt in den überdeutlichen Pickeln, und der Gang ist 
eins mit der Not. Die Geheimniste verdampfen, Neid, Haß, Glück 
und Einsamkeit wölben sich öffentlich im Raum. Sie drücken sich 
in der Sprache der Glieder aus, deren schwellende Plastik nicht 
übersetzen werden kann, sie vergegenwärtigen sich durch Gebärden, 
die nach ihrem Verschwinden noch lang in der Luft stehen. 
Nichts bleibt zurück und alles ist außen. 
Auch dieStimmen sind ungedämpft; es ist, als seien über 
all verborgene Schalltrichter angebracht. Die Rufe der Zeitungs 
verkäufer gellen, Frauen kreischen, und Worte, deren Hülle durch 
geschmolzen ist, brechen aus der Finsternis hervor. Wer unter 
schiede noch verständliche Fetzen in dem Gebrüll? Es sei denn, daß 
man das Gegeneinander der Stimmen heraushörte, die Qual, 
die nur schreien will, und die Lust, hier auf der Erde zu sein. 
Die Figuren sind Entladungen und das Tosen ist eine Explosion. 
8. Lraeaner. 
Narr sokrsibt uns aus Berlin: V^ird sonst in Berlin neu ssbaut, 
80 kaun 68 Lueistsus' uiokt modern ASUUA ssiu. Biüs ^.usuaUms 
diidet äis neue LraNLler-Leke arn Lurkürstsuäaiurri, äis au. 
äis Stelle dss siustigsv „Oats dss Msstsus^ Fetreten ist. klit diesem 
letrt erökkneten Bokal isd ein sehenswertes 8tüek ^1t-8er1in in äen 
besten ein^e20§en. Bis äuüers ^.rokitektur erinnert an äie äes 
8tamruiokai8 linier äen Binäen^ äie innere spiegelt äen Deist äer 
BieäernieierLeit 1820 bis 1860 wiäer. Heine DakG-Bäums irn Brä^ 
^eselioü, mau xlaudt, in äer OUaiss liier §elaudet 2u sein. Bin 
Lümmer ist Boutaus xsMiämet, ein anderes äsr Ba^Iioni, ein drittes 
^^^ 
äen Dioden von eksmals. Vie b^^^s Desekiekts kehrt in Bildern, 
8tisken, Tapeten unä Stühlen wieder, unä so^ar äie brachten äsr 
Lellnerinnen sinä wie aus versohollsnen laZem In äsn Bestaura- 
tionsräumen öden wirä äer reirrends Bepstitionskurs iortAesetLt. Sis 
sinä mit äen Br^euAnissen äer Stanthehen BorLsIIanmanüIaktuv 
xeiüllt: Vasen und BiskuitkiAursn aus äer Bpooks Sohinkels unä 
Sehaäows- LierporriellaneQ unä Druppen, äie ihre 1an§s Oesokiekts 
haben, ^m anÄehenästen ist vielleieht äer Baum, in äem äie Berliner 
8tammti8eüs äes vorigen äahrhunäerts ins OeääoUtnis riurüekAeruien 
weräen. Bresken von Vialter Lrier halten äie laielrunäe äes 
„Llaääeraäatseh^ lest, . ver^sbenwärtiFSn äsn „Bunuel über äsr 
Sprss". Bin §roüer Bries §ilt dem alten „Oats Q r o Ü e n w a h n" 
selber, in äem naeL 1900 die ^an2s Berliner LohLme (Beter Rille, 
Bise Basksr-Sehüler usw.) residierte. Nan siebt sie alle wieder, die 
Boten und dis noeb Bebenden, mit Binsekluö des roten Biobarä, 
äer die Leitungen ausirux und leider vor Kursem verstorben ist. 
Davor sieben die bekrittelten und bemalten Stammtisobe, aueb sie 
aus der VerZänAliebkeit gerettet. IVas einst aus der. Bür^erliebkeit 
in äie Dakä-Vildnis Rüebtsttz, ist iettt 2um Dekor derselben LürAer- 
liobLeit geworden. —sr.
        <pb n="43" />
        Pathos des Kriegs substanziieren zu können. Hierzu bedürfte es der 
Bezugnahme auf eine Idee, die das Faktum des Kriegs tatsächlich 
umklammerte. Stattdeffen leiten die betreffenden Vorschläge ihre 
Architekturen aus Vorstellungen und Begriffen ab, die viel zu. 
dünn, ausgelaugt und neutral sind, um diese Architekturen selber 
zu rechtfertigen. Der Komplex der fünf Steinpfeiler ist ein Sym 
bol, das weniger, GewiM als die Steinpfeiler hat, und der von 
den Figuren getragene Block erdrückt den Gedanken, der ihm zu 
grunde liegt. Leicht verständlich, daß von so schwachen symbolischen 
Werten auch die rein architektonischen in Mitleidenschaft gezogen 
werden. 
Solche Erwägungen sind offenbar auch bei der Urteilsbildung 
von Einfluß gewesen. Denn das Preisgericht hat eine Reihe von 
Entwürfen anerkannt, die sich positiver Aussagen enthalten oder 
doch jedenfalls mit einem Minimum von Bedeutungen auszukom- 
men suchen. Unter ihnen hefindet sich zum Beispiel ein architek 
tonisch ansprechender von Ernst Zinßer, der das eigentliche Mal 
als eine Art von offenem Atrium ausgestaltet. Auch andere preisge 
krönte Vorschläge Ziehen sich Zur Hauptsache auf den wirksamen my 
thischen Gehalt des Waldes und der Landschaft zurück. So verbindet 
Dr. Heinz Hildner die drei Hügel des Geländes durch einen Rund 
weg, von dem aus sich allenthalben Blicke auf den tiefer gelegenen 
Versammlungsraum in der Mitte eröffnen. Uebersteigert wird 
der dem Wald rechtmäßig beizumessende Sinn in einem Projekt, 
das einen kreisrunden „heiligen Wald des Schweigens" anordnet, 
den es durch einen ringartig ausgeholzten breiten Gürtel von der 
profanen Außenwelt absondert. Die Funktion des Waldes erlischt 
sofort, wenn er zum symbolisch gemeinten Architekturelement er 
hoben wird, und ich wüßte nicht, wie man die Leere dieser Sym 
bolik drastischer kennzeichnen könnte als der Verfasser des Pro 
jekts selber, der nicht verabsäumt, feinem „heiligen Wald des 
Schweigens" gleich eine Planskizze zur „Verkehrsregelung im 
Ehrenhain bei vaterländischen Veranstaltungen" beizugeben. Vor 
sichtiger verkehren Gerhard Morgenstern und Kurt Voutta mit den 
Symbolen, die Autoren eines Entwurfs, der sich nicht auf ein 
einzelnes Wahrzeichen beschränkt, sondern eine Menge von Ge 
denksteinen, die den verschiedenen Ereignissen des Krieges gerecht 
werden sollen, über den Hain verteilt. Hier wird der Besucher 
aktiviert, und Wald und Erinnerung wirken zusammen auf den 
Wanderer ein. „Das SchlagwortarLige, das viele Einsender such 
ten", heißt es auch sehr richtig in der Begründung des Preis 
gerichts zu diesem Entwurf, „ist hier verdrängt durch das An 
schauliche". Pros. Wilhelm Kreis nutzt ebenfalls das Motiv des 
Weges gut aus: zum eigentlichen Mal führt eine ansteigende 
Waldschneise, an deren Ende sich hochragende Kriegergrabkreuze 
gegen den Horizont abheben. Ueberhaupt wird Kreis diesmal 
feiner Neigung zur Monumentalität Herr und behandelt das 
Symbolische mit reifer Zurückhaltung. 
Der Rest ist nicht Schweigen im Walde, sondern Radau. In der 
Tat: wer die Masse der ungekrönten Entwürfe durchmustert, dem 
vergehen die Sinne vor wildem Geschmetter und ein Alpdruck, 
der nicht nachlassen will, senkt sich auf ihn herab. Siegesalleen 
runden sich Zum Kreis, Völkerschlachtdenkmäler stolpern himmelan, 
wuchtige KoloM trampeln alles nieder, Steinbogen wölben 
sich über der nichtsahnenden Landschaft, protzige Schwimmhallen 
gebärden sich als Gedenkstätten und Monstrefilmtreppen nehmen 
ihren Lauf. Diese architektonischen Exzesse, deren manche vor das 
Forum des Psychoanalytikers gehörten, belegen sinnfälliger als 
Statistiken die Zerrüttung im Innern. Verzweiflung symbolisiert 
in ihnen mythische Gewalten, von denen sie nicht ergriffen ist, und 
Ohnmacht umgibt sich hier lautsprecherisch mit. Monumenten. 
Nicht alle preisgekrönten Entwürfe vermeiden das „Schlag- 
wortartige", das die Gutachter unmißverständlich geißeln. Den 
Passierschein erhalten hat etwa ein Ehrenmal in Gestalt eines 
gewaltigen Steinblocks mit der weithin sichtbaren Aufschrift: 
„2 000 000", den dichtgedrängte Figurenscharen stützen. Oder dgs 
Mal setzt sich aus fünf ungeheuren Steinpfeilern zusammen, die 
der Bezeichnung der fünf Kriegsjahre dienen. Aehnliche Lösungen 
finden sich unter den anerkannten noch mehr. Sie haben dies ge 
meinsam: daß sie sich aus dem Negativen herauswaaen ob»-» 
Angesichts der vollendeten Tatsache von 1828 Entwürfen ist es 
nicht an der Zeit, das Projekt des Reichsehrenmals selber noch 
mals zur Diskussion zu stellen. Genug, daß die. Ausstellung 
schlagend die Schwierigkeiten dartut, in die dieses Projekt sämtliche 
um seine Verwirklichung bemühten Künstler stürzt. Woher rühren 
die Schwierigkeiten? Sie haben ihren Grund nicht zuletzt darin, 
daß sich eine einheitliche, überragende Auffassung des Kriegs 
noch nicht hat durchsetzen können. Verschiedene fundamentale 
Prinzipien kämpfen heute um ihre Geltung, Erkenntnis und 
dunkle Machtansprüche liegen miteinander im Streit —° das 
Ehrenmal aber soll seiner Bestimmung gemäß Gehalte vergegen 
wärtigen, die allen gemeinsam sind. Diese Aufgabe Ließe sich mit 
Erfolg angreifen, wenn ein Prinzip herrschte, das wirklich allge 
mein bejaht Zu werden verdiente. Sie in unserer Situation positiv 
Zu bewältigen, ist unmöglich. 
Keichsehrmmal. 
Zur Ausstellung des Jd eenw ettbew erbS. 
i'« Berlin, im Juni. 
Der Wettbewerb zur Erlangung von Vorschlägen für die Aus 
gestaltung des Reichsehrenmals, das bekanntlich bei Bad 
Berka (Thüringen) in Form eines Ehrenhaines errichtet wer 
den soll, hat eine Unmenge von Architekten, Bildhauern und 
Malern mobilisiert. Nicht weniger als 1828 Entwürfe sind ein- 
gelauM, die teilweise noch durch Modelle ergänzt werden. Sie 
füllen die Ausstellungshallen am Lehrter Bahnhof, riesige Räume, 
die kaum die Ausgeburten der Monumentalfantasie zu fasten ver 
mögen. Ihre Sichtung muß eine wahre Herkulesarbeit gewesen 
sein. Das Preisgericht, das sie Unter dem Vorsitz von Staats 
sekretär Zweigert geleistet hat — dem Kollegium gehörten u. a. der 
Reichskunstwart Dr. Redslob und verschiedene namhafte Archi 
tekten an —, ist zur Prämierung von 20 Entwürfen gelangt. 
Zwanzig weitere Vorschläge sind mit Anerkennungspreisen bedacht 
worden.
        <pb n="44" />
        dem Elefanten befiehlt, auf einem riesigen 
als sei er ein Seelöwe, und ihn dann wie 
eine Reihe von Pfosten schickt, auf denen 
kann. Er tut, was sie will. Er fühlt mit 
Ball zu balancieren, 
einen Seiltänzer über 
er kaum Tritt fassen 
dem Rüssel vor, setzt 
jeden der vier Fußkolosse genau an die richtige Stelle und geht 
sogar, well es nun einmal von ihm verlangt wird, den schwindel 
erregenden Pfostenweg wieder zurück. Welch ein Gleichgewichts 
sinn sitzt unter der dicken Haut und wie ausgewogen sind alle 
Bewegungen, die er vollführt! Wäre er ein Artist, so dürfte er 
stolz auf die wunderbare Kunstfertigkeit sein, mit der er die 
Figuren beschreibt und die Schwere bezwingt. Aber er ist kein 
Artist, sondern ein Elefant, der den Sinn dieser Leistungen nicht 
einsieht, oder ihn doch mißbilligte, begriffe er ihn Denn seit wann 
wäre es die Bestimmung des Elefantengeschlechts, Bälle zu rollen 
und über Pfosten zu schreiten? Beschämt und verwaist steht er 
wieder im Hintergrund und erwartet die neuen schlimmeren 
Qualen, die ihm jetzt zugefügt werden. 
Ein Herr in weißer Uniform erscheint, eine Art tropischer 
Feldwebel, der sehr Zielbewußt ist. Mit seiner selbstsicheren Stimme 
nötigt er den Elefanten, sozusagen geistige Arbeiten zu verrichten. 
Er zeigt Hm eine Vier, und der Elefant muß viermal auf die 
Tafel klopfen; er veranlaßt das Publikum, Rechen-Aufgaben Zu 
stellen, und dem Elefanten bleibt nichts anderes übrig, als die 
kindischen Aufgaben wie ein Klopfgeist zu lösen. Empfinge er 
noch die Anweisungen in zuvorkommendem Ton! Doch der Uni 
formierte denkt gar nicht daran, ihn weitläufig Zu behandeln, 
sondern begönnert das gewaltige Tier. Wahrhaftig, er legt Herab 
lassung an den Tag, sucht dem Elefanten einzureden, daß alle 
diese läppischen Späße, bei denen mitzuwirken ihm obliegt, ernste 
und wichtige Verpflichtungen seien, und spielt durchaus den über 
legenen Gebieter, der es sich leisten darf, plump vertraulich zu 
werden. Wie einem dummen Tölpel begegnet er dem Geschöpf. 
Es kann sich nicht wehren. Aber man merkt, daß es die De 
mütigung spürt, die ihm hier widerfährt. Während der weiße 
Mann sich krampfhaft mit ihm beschäftigt, sieht es ihn nicht etwa 
an, blickt vielmehr unaufmerksam ins Leere Den Ausdruck dieser 
Augen vergißt niemand so leicht. Sie sind von einer Trauer 
erfüllt, die so unendlich ist wie die grauen zerklüfteten Flächen, 
in deren Mitte sie sich verlieren, und verraten Zugleich die grenzen 
lose Verachtung, die "das Tier gegen den törichten Weißen emp 
findet. Ja, es verachtet ihn, dem es gehorchen muß, und gibt sich 
nicht einmal die Mühe, dieses Gefühl zu verbergen, das sein 
Peiniger auch gar nicht verstünde. Mitunter vergißt es überhaupt, 
daß er. neben ihm steht, nickt einsam vor sich hin und schüttelt 
abwesend den Kopf. In solchen Augenblicken hängt es den unent 
wirrbaren Geschichten aus der Vergangenheit nach, und die Weis- 
beit der Wälder rauscht durch sein Blut. Wurzelnacht, Lichtungen, 
Schneisen — dort weilt in Wahrheit sein Geist. Und nur mecha 
nisch führt es die Aufträge aus, über die es erhaben ist, ohne sich 
um die plappernde Uniform Zu bekümmern. 
Diese scheint ihrer Sache so sicher zu sein, daß sie einmal dem 
Elefanten sich aufzurichten befiehlt. Er richtet sich auf, und es ist, 
als berste die Erde, als ginge die Natur aus den Fugen. Gegen 
jede Gewöhnung steigt die ganze ungeheure Masse in die Höhe, 
steht auf den beiden Hinterfüßen und erstarrt zur furchtbaren 
Drohung. Ist das noch der Elefant, der Kegel schiebt und ein 
Holzstäbchen zerbricht? Ein Urwelttier ist auf dein Podium er 
standen. Sein Leib ist ein Massiv lebendig gewordener Felsen, sein 
Kopf eine Fratze, in der sich die Empörung der Elemente ver 
körpert. Kein Bild, das wir kennen, gleicht dieser Gestalt. Aus 
Aer Glefant. 
Berlin, im Juni 
Im Wintergarten, dessen Programm durch eine Solonummer 
von Paul Graetz gekrönt wird — der Künstler singt und springt 
mit Gelenkigkeit und Noblesse ein Potpourri Altberliner Chansons 
—, tritt auch ein Elefant auf, der einem in der Seele leid 
tun kann. Langsam kommt er hereingeschritten, ein mächtiges 
graues Tier, und stellt sich im Hintergrund auf Vielleicht erinnert 
er sich noch an die Wälder, durch die er einst stampfte, an die 
Gerüche der Freiheit und an die Sonne, die manchmal über ihm 
leuchtete. Aber Wälder und Freiheit sind schon Lange vorbei, und 
das Scheinwerferlicht, das die Bühne erhellt, ist mit der Sonne 
nicht zu vergleichen. Man ist gefangen. Man darf nicht mehr 
jubelnd trompeten oder nach Gefallen Baumstämme knicken, son 
dern muß sich wie ein Besiegter in sein Schicksal ergeben. 
Das Schicksal wird durch eine lächelnde Dame verkörpert, die 
ihren Augen schießen böse Strahlen, und ihr Rüssel stürzt un 
heilvoll nieder. Sie brauchte ihn nur leicht zu schwingen, und der 
Wicht vor ihr wäre nicht mehr. Und statt reglos wie ein düsteres 
Monument auf demselben Fleck Zu verharren, könnte sie dann 
Schritt für Schritt, als ginge sie über lauter Pfosten, irr den 
Zuschauerraum niedersteigen und das Publikum zertrampeln, das 
nichtsahnend gelacht und geklatscht hat... 
Das alles könnte sie tun, und niemand vermöchte den Aus 
bruch Zu hindern. Aber nach einer kurzen Pause, die nicht auf 
hören will, senkt sich das unförmige Wesen langsam herab und 
verwandelt sich wieder in den alten Elefanten Zurück. Die Wunder 
der Dressur nehmen ungestört ihren Fortgang. Mit einer uner 
müdlichen Geduld vollbringt der Elefant, was ihm geheißen ist. 
Wie dieser Elefant, so verhalten sich manchmal die Völker. Sie 
werden gegängelt, sie balancieren, rechnen, richten sich auf, senken 
sich nieder und üben Geduld. Doch gleich dem Elefanten sind sie 
nicht immer, was sie zu sein scheinen. Um zu erfahren, wie es 
ihnen wirklich zumute ist, muß man den Text entziffern, der in 
ihren Augen geschrieben steht. Genau wie beim Elefanten. 
8. Xraenuer.
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        Q) 
le^'E 
Gedenkfeier 
für MaLLHsr K^thenacU 
—SL» Berlin, 24. Fum. 
Der Deutschs Republikanische Reichsbund und 
das Reichsbanner feierten heute abend das Andenken Wak- 
ther Ratheuaus im Llumengeschmückten Plenarsitzungssaal des 
Reichstages. An der gleichen Stätte, an der vor Zehn Jahren der 
Sarg des von Mörderhand gefallenen Ministers aufgebahrt worden 
war. Jene Zeiten sind uns, die wir sie miterlebt haben, schon 
beinahe historisch geworden. Aber als die Fahne der Republik 
hochgezogen wurde, stiegen sie mit ihr langsam empor und 
kehrten wieder in die Gegenwart Zurück, die trüb ist wie sie. Es 
war, als beschwöre die Fahne selber, die das Symbol der Repu 
blik ist, die Erinnerung an den großen Toten herauf, der die 
Republik mitgeschaffen und für sie das Opfer seines Lebens 
gebracht hat. Ihn, den „Märtyrer der Republik", feierte Ober 
bürgermeister Dr. Luppe (Nürnberg) in kurzen einleitenden 
Worten, die der Vergangenheit galten und dem Heute zugewandt 
waren. Denn sie legen den Sinn dieser Stunde dahin aus, daß 
Rathenau ehren nichts anderes heiße, als sich für den. Kampf 
stählen, der um den Volksstaat entbrannt ist. 
Auch Graf Harry Keßler begriff in seiner wohldurch 
dachten und formsicheren Gedenkrede Rathenau nicht als historische 
Erscheinung, sondern als eine aktuelle Gestalt. Was aber bedeutet 
dieser „Wegsucher" unserer Zeit? Er hat zunächst, so etwa formu 
lierte der Redner, schon lang vor dem Krieg die politischen 
Gefahren erkannt, von denen unser Volk noch heute bedroht ist, 
und dann nach dem Krieg die Folgerungen aus seinen Erkennt 
nissen gezogen. Wie sie es ihm ermöglichten, die UnhaltLarkeit 
des Versailler Vertrages und den wirtschaftlichen Widersinn der 
Reparationen zu durchschauen, so bestimmten sie ihn dazu, sich 
rechtzeitig mit den Problemen des Wiederaufbaues zu befassen. 
Dank dieser konstruktiven Einsichten vermochte er der deutschen 
Außenpolitik in einer der schwierigsten Epochen unserer Geschichte 
eine Idee zu schenken und jene Linie einzuschlagen, die früher oder 
später zur Befreiung Deutschlands führen muß. Durch die äußere 
Befreiung hat er im Innern die des-deutschen Menschen er 
reichen wollen. Freiheit des Menschen: das war in der Tat 'die 
Mitte seiner von Graf Keßler geistreich skizzierten Philosophie. Um 
oieser Freiheit'willen bekämpfte er den alten Obrigkeitsstaat, wurde 
zum Verteidiger der jungen Republik. Als der große Praktiker, 
der er war, erkannte er aber auch, daß die menschliche Freiheit 
im Zeitalter der Masten nur unter gewissen sozialen und 
wirtschaftlichen Bedingungen zu realisieren ist. Alle seine 
Schriften Zeugen von einem leidenschaftlichen Ringen um das 
Problem, wie Seele und Mechanisierung miteinander zu vereinen 
seien. Vermochte er es auch nicht zu lösen, so wies er doch einen 
Weg. Und zwar war ihm bewußt, daß der Prozeß der Mechani 
sierung nicht mehr rückläufig gemacht werden könne, sondern im 
Dienste der menschlichen Seele noch intensiviert werden müsse. 
Der Weg, den er meinte, führte zum Sozialismus, zur Ver 
wirklichung der Planwirtschaft, deren Lebensfähigkeit schon im 
Krieg bündig dargetan worden war. Und nur in dem einen, 
allerdings wesentlichen Punkt unterschied er sich von Marx: daß 
er vom Sozialismus nicht die Befreiung des Menschen erhoffte, 
vielmehr umgekehrt die Herbeiführung des Sozialismus von der 
Schaffung eines neuen Menschentypus abhängig machte. Damit 
aber wurde er zum Künder und Führer der in Umbildung 
begriffenen deutschen Jugend von heute. Graf Keßler 
verweilte bei dieser Jugend und deutete die radikalen politischen 
Bewegungen, denen sie sich Zum großen Teil angeschlossen hat, als 
religiöse Bewegungen, die auf den neuen Menschen gerichtet sind. 
Unter schweren Wehen wird er geboren werden, und schon sieht 
man seine Konturen. Phhsiogonomische Veränderungen haben 
stattgefunden, die Architektur ist neu geworden, und auch der Sport 
weist auf die kommenden Dinge hin, die Welcher Rathenau er 
träumte. Der Redner erinnerte an fein Wirken für Deutschland 
vor, in und nach dem Krieg, an seinen Kampf gegen die Ver 
leumdung Deutschlands und an die mit feigem Mord vergoltene 
Liebe, die er, der Jude, für die germanische Raffe empfunden habe. 
Den Antisemitismus geißelnd, der unser Volk verunziere, drückte 
der Redner am Schluß die Hoffnung aus, daß der „Karneval der 
Verzweiflung", in dem wir uns heute befinden, bald zu weichen 
beginne. 
Mit dem Dank Dr. Luppes an Walth.er Rathenau und dem 
Gelöbnis, ihm nachleben zu wollen, ging die schöne, würdige FeieZ 
Zu Ende, " - - 
o 6 or § 8 ebäksrs R o m a n: „8 trL e n 
kübren auk unä ab" (6Ms Verlag, Köln. 
284 8eiten. Lart. .F, 3.40) ist ein einkaebsr, Lm 
lebton erMbltsr Re riebt, äer keinen ^.nsprueb 
auk Lunst maebt. Lein Relä, ein kleiner ^.ngs- 
stsllter kommt eines aus Rikersuobt begangenen 
Oe^altaktes -vegen ins bekängnis, gebt äann auk 
äis ^alös, lebt lang äas Reben äer Arbeitslosen 
mit unä organisiert sulstZt, äureb einige glüek- 
Rebe Ilmstänäe" begünstigt, eine Lr^srbsltzMN- 
8ieälun§, äie als eine ^rt von ^.usnmg aus äem 
RRnä ersebeint. 8olebe Verlebte sinä sebon bin- 
reillsnäer gestaltet, mit bärterem Orikk äer ^Virk- 
liebkeit abgerungen vmräen. Oennoeb bat äas 
Bueb einen gewissen äokumentarlsoben ^ert. Dr 
bestellt, Kur? gesagt, äarin, äab sieb bisr eine 
^useinanäersetLung L^iseben katboliseber 
Oesinnung unä unseren beutigen so 2 Laien 
Verbältnissen vollmebt. Unä L^ar n-irä äie katbo- 
lisebe Haltung piekt als llenäems an äen ^8tokk 
berangstragen, sonäern im Material selber ont^ 
vü ekelt. 8is prägt sieb in äer Rübrung äes Ls- 
riebts aus, äis xum Rntsrsebieä von gesellsebakts- 
kritiseben Reportagen soMologisebe Lstraebtun- 
gen meiäet: sie verkörpert sieb in einer . Rigur 
vie äer äes Raplans Rranä, äer seelsorgerisebs 
Tätigkeit mit xraktiseber Rilkelsistung verbindet 
unä als Mittler ge^issermaben äen Leblüssel äes 
Rsils in Vänäen bat; sie grenzt sieb in vsrsebie- 
äenen (lespräeben ausärüeklieb von anäersn Hal 
tungen ab. 80 kommt es einmal 2u einer ""Vis- 
kussion Zvüsebsn einem kommunistiseben Arbeits 
losen unä einem dlationalistsu, in äer sieb äer 
^utor äureb äen Munä äes Laxäans gegen beiäs 
Kiebtungen venäet. ^Vie er äie dlaebabmung äes 
russiseben Beispiels verwirkt, so verneint er aueb 
äis Aulässigkeit äer rsebtsraäikalen läeologie: 
„Das dlationals, vis 8is es nennen, ist et^as 
Ftzlbstverstanälmbes, äab man es niebt immer be 
tonen muü." Lbenso äeutlieb verurteilt er gs- 
^visss ^ussobreitungen äes AApitalismus; vor- 
allem jene unmäüig aukgeblabten Ilnternebmun- 
gen, äie trüber oäer später platten müssen. Lpraeb- 
robr äer Lritik ist ein besonnener, mittlerer In- 
äustrieller, äsr angesiebts äer vielen LrasbZ rings 
um ibn erklärt: „O-robmannssuebt in (lemein- 
sebatt mit ^xnisebsr 8krupsl1osigk6it kann aueb 
äas kestssts OsbLuäs 2um sanken bringen." l)er- 
sslbe Inäustrielle kinanMert am Zeblull aueb äas 
8ieälungs^erk, äas obns seine IInterstütLunZ gar 
niebt in ^ngritk genommen veräsn könnte. Vine 
latsaebs, aus äer sebon einäeutig bervorgebt, äall 
äas optimistisebe Vnäs äes Romans keinen ge 
nerellen Bösungsversueb bringt, sonäern sieb auk 
äis Veransebauliebung einer ^.usgleiebsmög- 
liebkeit besobränkt. Vak äas 8trebsn naeb 
soleben ^.usgleiebsn äen Vorzug vor raäikalsn ge- 
sellsebakiliebsn Ilmbrüeben erbält, sntspriobt nur 
äer Einstellung katboliseben Donkens 2u äsn im 
nomveltliubsn ^ngslegenbeüen. Der Roman ist inso 
fern sukMu^ als er uns äiesss Denken 
gleiebsam im ^lltagsgeumnä reiA. 
8. Lraeauer.
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        LeivLvi»- unä ULunsInnIvv^ieLI 
Are Techniker verteidigen stch 
koräsrt 
M^on« 
müsse, 
inäivi- 
werden dürfen. Wie sie unschuldig an den Wirkungen der Ratio 
nalisierung ist, so kennt auch die von ihr erzeugte Apparatur als 
solche keinen Makel. Und Kelen verfährt durchaus folgerichtig, 
wenn er alle jene Tendenzen verdammt, die der Technik nicht freie 
Hand lassen wollen. So wendet er sich gegen die Aufrechterhal 
tung der Betriebsgeheimnisse, durch die verhindert werde, daß 
viele wichtige Erfindungen und Verbesserungen der Allgemeinheit 
zugute kommen; so beklagt er die Anarchie in der fachwissenschast- 
lichen Literatur, die einen UeberLlick über den jeweiligen Stand 
der Technik nicht mehr erlaube. Die dem Fortschritt der Technik 
bereiteten Widerstände hemmen nach ihm zugleich den Gesamtfort- 
fchritt. 
Gibt es einen Ausweg aus der Sackgasse? Die Meinung dieser 
Techniker geht dahin, daß der Uebergang zur Planwirtschaft 
einen solchen Ausweg bedeute. Und durch die Herstellung von 
Maschinen an eine konstruktive Tätigkeit gewohnt, konstruieren sie 
sofort, ihr engeres Fachgebiet verlassend, Gerüste zu einer Plan 
wirtschaft in den freien Raum hinein. Es mag hier unerörtert 
bleiben, ob ihre wirtschaftlichen Konstruktionen genau so haltbar 
sind wie jene speziellen, die sie in ihrer Eigenschaft als Techniker 
entwerfen; denn wichtiger ist einstweilen dies: daß sie durch ihren 
Beruf gleichsam von selber genötigt werden, sich mit dem Ge 
danken planmäßigen Wirtschaftens überhaupt zu befassen. Sie 
nähern sich ihm nicht auf Grund bestimmter politischer Ueberzeu 
gungen, sondern kraft logischer Schlußfolgerungen, zu denen sie 
durch die von ihnen ausgeübte Tätigkeit kommen. Indem sie tech 
nische Erwägungen gradlinig und unbefangen verlängern, ge 
langen sie zu Forderungen, die sie an die Wirtschaft richten zu 
müssen glauben. Die Kritik der Gesellschaft an der Technik wird 
von ihnen, den Technikern, mit einer Kritik der Gesellschaft be 
antwortet. 
Wer ihnen dort die Gefolgschaft verweigert, wo sie sich über die 
vom Beruf gesetzten Schranken hinauswagen, wird sich zum min 
desten nicht den Reflexionen entziehen können, die sie als Fach 
leute innerhalb ihres Berufes anstellen. Sie haben ihren Ursprung 
in gewissen Widersprüchen, die sich im Verlauf der praktischen 
Arbeit zwischen den besonderen technischen Möglichkeiten und der 
übergreifenden gesellschaftlichen Wirklichkeit ergeben. Die Städte 
bauer werden heute zum Beispiel, wie Martin Wagner aus 
eigenster Erfahrung belegt, durch die ständige unkontrollierbare 
Wanderung der Produktionsstätten nach dem Ort der niedrigsten 
Selbstkosten gehandicapL. Diese vom Rationalisierungsstreben her- 
vorgerusenen SLandortverschiebungen ziehen eine unaufhörliche 
Entwertung der Wohnungen, der Läden, der Einrichtungen der 
öffentlichen Hand usw. nach sich, der ebenfalls im Interesse ratio 
nellen Wirtschaftens begegnet werden mußte. Wie soll das ge 
schehen?. Es könnte nur durch große Landesplanungen geschehen, 
Vorrang vor ieäem gestellten Ikema unä 
vom Lekrer, äa6 er äen Zeküler in seiner 
tümliekkeit kestLrken unä vmiterkükrsn 
8oäen äiese Naximen niekt ins Lkorloss 
Berlin, im Juni. 
Eine der Technik feindliche Stimmung greift heute um sich. 
Es gibt eine Menge Leute, die sich nach jenen Zeiten zurücksehnen, 
in denen man Sendestationen und Giftgase noch nicht kannte, und 
Zahlreiche Menschen sind der Ansicht, daß das ungezügelte Tempo 
der technischen Entwicklung die Schuld an dem über uns herein- 
geLrochenen Unheil trage. Genießt in Rußland die Technik nahe 
zu göttliche Ehren, so ist man ihrer bei uns ein wenig müde ge 
worden. Nicht so, als ob man Bequemlichkeiten missen möchte, 
die sie verschafft, aber man hält ihren Geist für zerstörerisch. Er 
entläßt Erfindungen aus sich, die immer wieder die geschlossene 
Form unseres DaseinH sprengen, und bindet sich nirgends an 
Grenzen. Vor allem wird die Technik von breiten Kreisen als 
die Urheberin der Rationalisierung bekämpft. Wenn ste in ihrem 
Winden Eifer, so meint man. dieses Teufelswerk nicht in Szene 
gesetzt hätte, wären auch die verhängnisvollen Folgen des 
Rationalisierungsprozesses ausoMieben, unter denen wir jetzt zu 
leiden haben. Die Technik hat gewissermaßen die Rolle des Prü 
gelknaben übernommen. 
In einer Versammlung des Bundes geistiger Berufe 
ergriffen jüngst einige Techniker das Wort zu ihrer Verteidigung. 
Dieser Bund ist zu dem Zweck gegründet worden, die Vertreter 
geistiger Berufe für das sachliche Studium ihrer gesellschaftlichen 
Lage zu interessieren. Zum Unterschied von seiner ersten Veran 
staltung, die diesem Zweck nur wenig entsprach (vergl. das Refe 
rat Grete de Francescos in der Reichsausgabe vom 17. 4. 1932), 
kam die zweite den Zielen des Bundes wirklich entgegen. Ihr 
Thema lautete: „Technik und Planwirtschaft". Und 
sie zeigte zum mindesten, wie verschiedene Techniker von Rang die 
Funktion der Technik beurteilen. 
Sie alle — Hauptsprecher des Abends waren der bekannte 
Wasserbauer Dr. Jng. N. Kelen von der Technischen Hochschule 
Berlin, Stadtbaurat Dr. Martin Wagner und Architekt Hans 
Luckhardt — drehen den Spieß gegen ihre Angreifer um. 
Sie erklären, daß nicht die Technik zur Wirtschaftskrise geführt 
habe, sondern diese umgekehrt durch die falsche Anwendung der 
von der Technik gelieferten Mittel entstanden sei. Verantwortlich 
für die Schwierigkeiten, in denen wir uns befinden, machen sie 
die heutige Wirtschaftsweise, nicht aber die von den Gegnern be 
hauptete Libertinage der Technik. Im Gegenteil, diese gilt ihnen 
als sakrosankt und ihre ungestörte Entfaltung als die entschei 
dende Voraussetzung gesellschaftlichen Lebens überhaupt. Nach 
dem etwas linearen Schema, das Dr. Kelen aufstellt, ist die Tech 
nik das Fundament der Wirtschaft, deren Steigerung die Herauf- 
kunft der wirklich sozial durch geformten Gesellschaft ermöglicht, die 
ihrerseits erst die Grundlage einer zureichenden Kultur bilden 
kann. Aus dieser Formel ergibt sich zwangsläufig, daß die Kon 
struktionsfehler des jetzigen Systems nicht in der Technik gesucht 
Das Luek: „^ukbau äss ^olekon- unä 
L u n 8 tu n t 0 r r i e k t.s" von Ü3.K. 8ekuK 
(Ookr. Loksr ^4.0, LALrdrüeksn), äss aus äsm ^4us- 
tausek .iLkrslLNAsr Lriakrun^sn InnorkLlk äer 
„^rkoitsMMsinsekAkt äor ^sieksnlokror unä -Iskrs- 
rinnon Im Luur^edist" entstLnäon ist, kskLnäsIt 
svsttzmatisek äio Osstaltun^ äos IIntorrLoktL in äsn 
sinsokiASiMn LäOk'srn von äer untorston Volks- 
sekulklnsso an bis Lum ^d^ANK von äer kokorsn 
8okuls. Lreios kkAntAsiosokAUsn, sekmüekonäos 
^sieknon, ^sieknon aus äs? Vonstollun.^ unä vor 
äor klatur usw. — ullo ^4rton kiläonäen Oestaltens 
woräsn erörtert unä in ikrer Loäoutun^ kür äie 
verLe.üieäenen ^tersstuken äurMstsIU. Lnä von 
äsn nIlLsmeinsn Ooslektspunktsn wsnäot, siek äann 
äie Letrneütuns: immer Lur praktisekon ZLnäünbunD: 
unä 2U Lümtlioüen kür äsn Ilnterrieüt vieütiMN 
OotAils. — LiniLe Morts 2um OrunäsLtLlieüsn. 
„Mä^estultunx äes Linäes ist keine Lunst", ksiüt 
^s an einer Ltelle. In äer Lat erbliekt 8eüu§, 
äurenLus rieüti^. im 2eioüenuntsrrieüt niekt eine 
^nleitunK Lum wie immer Kenrtetsn künstlorisekon 
Leünkken, sonäern eine Netkoäo xur Lntwieklun^ 
meürersr in ullen Linäsrn nn^eleLtsn Lrükts. Oer 
8inn äer LrLieüunL ist naek ikm edsn äie IIokunA 
äisser Grotte Lum 2week iüres spüteren Lunktio- 
nierens. Lei soleksr Raltun^ versteüt es siek von 
selbst, äaü Lsüux äsn Lskler vsrmeiäet, in äen 
viele verkeilen: vor luntsr Le^eisterun^ über äie 
Aus äem Hub spukten Lenakrts kinälieks ^nsckAU- 
^LK'bUHWS ÄS WMZx rm MMNV6L ZtMuW ks§L^ 
Kulten 2u sollen. Im OsLsnisik 8ekus 
ärüekliek: „Die starken LrLkte äss kinälieken 6s^ 
stLltunMäranLes kinüdsrretten ins dowuüto OsstAl- 
tsn ist unsers sekwiori^o ^.uiLade". Mio aus äem 
LLN2sn 2usZ,mmenÜLNL kervorLeüt, in äen äieser 
8at2 eingebettet ist, lie^t äas Oowiekt bier min« 
äestens so sokr auk äer Lowulltkoit wis auk äem 
0sstnlten. Oennoeü ent^süt 8ekuC niekt immer äer 
Oekukr äss läealisten, äie oiMnisoks Lsrsönliekkmß 
L-u ükersekätLsn. Lr ^ikt Lum Leispiel äem 1ko- 
ML, äse aus einem spontanen Lrlsknis kommt, äen' 
äueller Millkür loeken, so keäürken sie äer ArgLn? 
Lung äurek eine Anäers Naxime, äie Oarl Liniert 
iüngst in seinem troWekon Artikel: „äugenä malt 
unä xeieknet" (vergl. ReieksLusgake vom 27. LIm) 
Angeäeutet kat. Lr meint äort, äall äer Foieksn- 
unterriekt niekt nur äio ekarAktsroloMseko Ausle 
gung äer kinälieken ^ukrnskmungen, sonäern auek 
ikrs intellektuelle ä,uLnütLUng Zu köräern kake. Die 
vielen äem Luek keigekügten IllustratiOneL unä 
VilätAkeln, äie äurekv/eg tvpiseks Lnterriektsproken 
sinä, kowdissn ^um Olüek, äaü Lekug in äer LraxiH 
äie kontrollierkFre intellektuelle Liläung niekt vor- 
NAeklassigt. Lein prLektvoH AusMstAttstos MsrK 
veräisnt äie VeL-ektung aller im veitestsn 8inn 
VLäAgoWsek interessierten Lreise.
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        ZUM Ende des Sklarek-Urozesses 
E v.8o- VFL 
heißen, daß einer der Verteidiger durch eine heimtückische 
Krankheit dahingerafft wurde. Aber der Zufall erhellt stets 
den Sinn des Geschehens, dem er zufällt. 
* 
Die Star eks: Es wäre allzu billig, ihre Verbrechen mit 
ihrer Herkunft in Beziehung zu bringen. Die Lahusen können 
sich neben ihnen sehen lassen, und im Vergleich mit Kreuger 
sind sie kleine Pinscher gewesen. Wie die andern Abenteurer, 
Glücksritter und Gauner ihresgleichen haben sie einfach die 
Nachkriegsverhältnisse genutzt, die ihnen entgegenkamen. In 
alle Lücken, die sich ihnen durch den desorientierten Verwal 
tungsapparat, durch wirtschaftliche Fahrlässigkeit und mit 
einem nur noch von ihrer Skrupellosigkeit übertroffenen Ge 
schick eingedrungen, um Vorteile für sich zu erlangen. Sie 
haben Beutezüge mit verteilten Rollen unternommen. Ist der 
herrschsüchtige Max, wie die Brüder behaupten, der eigent 
liche Bandenführer gewesen, so hat Leo kraft seiner gesell 
schaftlichen Talente gewirkt und Willi für die Herstellung 
von Belegen und falscher Bücher gesorgt. Alle drei müssen 
aus ihre Art hervorragende praktische Menschenkenner sein, 
denn sonst hätten sie trotz der Willfährigkeit, die ihnen die 
Gegenseite bezeigte, diese nicht so fest in ihre Hand bekom 
men können. Allerdings, war es für sie weniger schwer als für 
andere, ihre Menschenkenntnis zweckmäßig zu verwerten, weil 
sie, an Verschwendung im Privatleben gewöhnt, mit den Be 
stechungsgeldern nicht geizten, und die Kunst zu bestechen um 
so leichter auszuüben ist, je größer die dafür aufgewandten 
Summen find. Der Buchhalter Lehmann, der es wissen 
muß, schätzte die Ausgaben für Beamte auf l^i bis 2 Mil 
lionen. Diese Ausgaben lohnten sich, denn sie gestatteten den 
Sklareks, sich durch Kellerwechsel, vordadierte Schecks usw. ein 
Vielfaches der so freigebig verteilten Beträge zu beschaffen. 
Eine Hand wusch die andere, und die andere wußte nicht, 
was sie tat. 
Der Kredit, den die Stadtbank auf Grund gefälschter Unter 
lagen den Sklareks gab, erreichte die Höhe von zehn Millionen. 
Aber waren die Sklareks auch Betrüger von Format, so 
sammelt sich doch nicht das Interesse auf ihnen. Es ist viel 
mehr der Welt zugekehrt, die dem Trio Vorschub leistete und 
sich in seine Schwindeleien immer tiefer hineinreitzen ließ. 
Da sie eine unantastbare Welt der Beamten und Würdenträger 
war, saß sie vor allem in diesem Prozeß zu Gericht. 
Zwei Bürgermeister, zwei Stadtbankdirektoren und noch 
Berlin, 29. Juni. 
Der SNarek-Prozetz ist mit der Verkündigung des Urteils, 
gegen das keine Berufung wehr beantragt, sondern nur noch 
Revision eingelegt werden kann, nach einer Dauer von 
8Z4 Monaten zu Ende gegangen. Die Verhandlung folgte 
einer Voruntersuchung, die sich bereits auf zwei Jahre erstreckt 
hatte. Eine endlose Zeit. In ihrem Verlauf sind Zustände 
enthüllt worden, deren deutende Darstellung eines Balzac 
würdig wäre. Denn nur ein Dichter seines Formats könnte 
aus dem Prozeß die Gesellschaft rekonstruieren, die dieses 
jahrelange Treiben und Treibenlassen ermöglichte. Und wie 
er mit einem scharfen Blick für das Einzelne die Verirrungen 
der verschiedenen Akteure bloßlegen müßte, so müßte er auch 
die Divinationsgab Hes Soziologen besitzen und den Zu 
sammenhang zwischen diesen Verirrungen und der allgemeinen 
Struktur des öffentlichen Wesens gestalten. Von den Spielern 
und Gegenspielern sind einige durchaus typische Erscheinungen 
gewesen. 
Damit ist schon auf den Grund hingewiesen, aus dem 
dieser Prozeß zur Sensation wurde. Das Publikum fühlte, 
daß es in ihm nicht nur um die dreizehn Angeklagten ging, 
die gefaßt worden waren. Hinter ihnen ahnte man andere 
Figuren, die ebenfalls zur Verantwortung hätten gezogen 
werden sollen, aber in einen undurchdringlichen Dunstkreis 
gehüllt blieben.. Immer wieder wird in den Prozeßberichten 
und Zeitungskommentaren die Frage nach diesen Hinter- 
männern aufgeworfen und die begründete Vermutung ge 
äußert, daß unter der Aera Boeß noch mehr faul war als der 
jetzt herausgeschnittene Schaden. Man hätte die Operation 
durchgreifender gewünscht, man schloß aus der hohen Stellung 
der Korrumpierten auf den gewaltigen Umfang der Korrup 
tion, man übte Kritik am ganzen System, in dem eine solche 
Korruption sich so lange ungestraft austoben konnte. Die 
politische Agitation vor allem hat von dem Prozeß zu 
profitieren gewußt. 
Daß der Prozeß sich nicht auf ein zu isolierendes 
Ereignis bezog, verdeutlichen nicht zuletzt die düsteren Be 
gebenheiten, die sich fortlaufend an seinem Rande vollzogen. 
Zwei der Angeklagten, Direktor Kiebusch und Magistrats 
rat Dr. Schalldach, starben während der Voruntersuchung. 
Stadtrat Busch erlag im Juni 1930 einem schweren Lei 
den. Generaldirektor Schuening beging kurz nach seiner 
Zeugenvernehmung Selbstmord. Wie er, so mußten auch 
andere Zeugen unvereidigt bleiben. Ein Zufall mochte es 
Nacheinander chon AEekten- nnd^? E" noch ein 
nicht durchführbar der gegebenen Verhältniffe 
-r übers^Ze?Lin7^ Gegenangriff. Und gleichviel^ °S 
«L,?7jLS
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        zu 
im Dienst bis zu enier gewissen Position durchgerungen. Daß 
treten! Sie wollten die Herren spielen und wurden 
schäbigen Knechten. 
Es waren lauter kleine Leute, die sich hockzustapeln 
suchten. Sie kamen über ihre Parteien in Stellungen, 
ihnen ihrem Charkter nach nicht zukamen, oder sie hatten 
andere Direktoren, höhere städtische Funktionäre, Revisoren und 
mehrere kleine Typen, um die es nicht weiter geht: das sind 
die Partner der Sklareks gewesen. „Halb zog sie ihn, halb 
sank er hin", kann es von ihnen heißen. Manche allerdings, 
wie etwa der Bilanzfälscher Kieburg, scheinen durchaus 
selbständig gesunken zu sein, ohne daß man sie außerdem 
ziehen mußte. Und ihrer viele haben sich nicht auf die passive 
Begünstigung beschränkt, sondern die empfangene bare Münze 
mit aktiven Gegenleistungen bezahlt, die ebenfalls bare Münze 
bedeuteten. SLadtbankdirektor Hoffmann informierte die 
Sklareks über bevorstehende Prüfungen und skizzierte ihnen 
Kreditanträge, Stadtrat Gaebel verlängerte eigenmächtig 
ihren Vertrag auf die ausschließliche Belieferung der städti 
schen Stellen, Buchprüfer Lud in g beriet sie steuertechnisch, 
obwohl ihm Nebenarbeit verboten war. Und so ging es fort. 
Aber die scharf kontuierten Delikte sind nicht einmal ent 
scheidend. Ungleich wichtiger sind vielmehr jene Eigentüm 
lichkeiten des Ensembles, die, ohne selber strafbar zu sein, 
der Nährboden für die Delikte waren. Gemeint ist hier zu 
nächst die erschütternde Kenntnis- und Verantwortungslos 
keit, mit der zahlreiche hohe Verwaltungsbeamte ihre Berufs 
Pflichten versahen. Sollte man sie einzig und allein darauf 
zurückführen dürfen, daß ein Teil der Funktionäre rein in 
folge der Parteizugehörigkeit, also nach den Gesetzen der Frak 
tionsarithmetik, in die Aufsichtsräte kommandiert wurde? 
Tatsache ist jedenfalls, daß etwa Kohl, Gabel, Degner 
als politische Beamte Machtkompetenzen erhielten, die sie nur 
mißbrauchen verstanden. Einer dieses Schlages bekannte auch 
im Gerichtssaal, daß er keine Ahnung von seinen Obliegen 
heiten gehabt habe. Doch nicht sie allein waren schuldige Un 
schuldsengel, die von nichts wußten, sondern ebenso sehr die 
Berufsbeamten, die vom Baum der Erkenntnis hätten ge 
gessen haben müssen. An ihrer Spitze Herr Bo eß, der auch 
bei seiner Zeugenvernehmung wieder als die Verkörperung 
der Unfähigkeit wirkte. Er habe nichts gehört und nichts ge 
sehen, und der ganze Sklarekskandal war für ihn sozusagen 
eine einzige Ueberraschung gewesen. An ihm nahmen sich die 
anderen das Vorbild, das er nicht war, bis herunter zum 
Revisor Luding, der erklärte, daß die Buchprüfung eine 
Glückssache sei. (Nur ein Gents unter den Revisoren hätte 
eine solche Erklärung mit einigem Recht abgegeben werden 
dürfen.) Besonders charakteristisch in dieser Hinsicht ist der 
Fall der Stadtbankdirektoren Hoffmann und Schmitt, 
die zum Unterschied vom Sozialdemokraten Schneiden 
etwa, Lei dem auch für die Dauer von drei Jahren auf die 
Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter erkannt wurde, 
ein auffallend mildes Urteil erhalten haben. Die grenzenlose 
Leichtgläubigkeit, mit der sie, die gerächten Bankfachleute, trotz 
der ihnen zugegangenen Warnungen den Sklareks Kredit um 
Kredit bewilligten, wird noch durch ihre Motivierung dieses 
unangebrachten Vertrauens verschlimmert. Immer wieder be 
teuert Herr Hoffman vor Gericht, daß man den Sklareks 
darum ohne jedes Bedenken entgegengekommen sei, weil sie 
„Behördencharäkter" gehabt oder, wie er sich auch einmal aus- 
drückt: „weil sie als ein Anhängsel der Stadt" gegolten HU 
ten. Mit anderen Worten: man handelte nicht, wie die Posi 
tion es verlangte, aus eigener Verantwortung, sondern nach 
den Spielregeln der Clique. Da die Sklareks oben gut unge 
schrieben zu sein schienen, drückte man beide Augen zu und 
beachtete statt der Unterlagen, die sie lieferten oder nicht lie 
ferten, nur ihre famosen Beziehungen zur Spitze. Wenn man 
von einem System reden will: dies war das System. Ihm 
huldigten die Stadtbankdiretoren, der Kämmerer, nahezu alle. 
Die eine Stelle schob die Schuld auf die andere ab, und die 
Sache selber fiel unversehens unter den Tisch- 
4^ 
Vielleicht hätte das Uebel weniger um sich gegriffen, wenn 
nicht die meisten Beteiligten vom Drang der Emporkömmlinge 
nach Glanz und gesellschaftlicher Stellung besessen gewesen 
wären. Da die Sklareks selber diese Neigung hatten, konnten 
sie schon aus Instinkt die Wünsche ihrer Gönner erraten und 
befriedigen. Auf ein Rätselraten waren sie offenbar in der 
Regel gar nicht angewiesen. Leo meinte einmal, daß sie, die 
Brüder, für ihre Freunde die reinsten „Automaten" gewesen 
seien. Und der Oberstaatsanwalt versicherte in seinem 
Plädoyer, er glaube aufs Wort, daß sich die Beamten höchst 
schamlos betragen hätten. Sie bezogen für sich und ihre nähere 
und weitere Familie von den Sklareks die Garderobe, sie 
nahmen Provisionen, Zehn- und Hunderttausende entgegen, 
sie ließen sich mit silbernen Kaffee-Servicen und Lebensmitteln 
beschenken. Die Sehnsucht nach dem, was sie für die Gesell 
schaft hielten, beherrschte sie ganz. Der Kommunist D e gner 
richtete sich mit den Schmiergeldern eine teure Wohnung ein, 
und sein Fraktionsgenosse Gäbe! besuchte in Gesellschaft Leos 
die Ballokale am Kurfürstendamm. Auf die Notwendigkeit, 
solche Lokale zu politischen Studienzwecken zu ergründen, hätte 
er sich nicht herausreden sollen. Und wie großartig ist nicht 
Stadtbankdirektor Schmitt im Jagdschloß der Sklareks aufge- 
ver- 
die 
sich 
sie dann rasch der Verlockung erlagen, ist gewiß nicht zu ver 
zeihen, aber immerhin zu erklären. Ihr schädliches Handeln 
wurde mitbedingt durch unsere gesellschaftliche Situation. In 
diesem Nachkriegsjahrzehnt, in dem die Unterschiten endlich 
Lust zu bekommen glaubten, und zugleich — ein Widerspiel 
der hin- und herwogenden Machtkämpfe — sämtliche Maß 
stäbe des Verhaltens in Verwirrung gerieten, war der Auf 
trieb leicht verführbarer Naturen weniger als je an Grenzen 
gebunden. Keine Autorität leitete ihn in die richtigen Kanäle 
— im Gegenteil, die aus der Inflation hervorgegangene 
gesellschaftliche Oberschicht, die ein Beispiel hätte geben sollen, 
war selber nicht dazu bereit, sich Schranken aufzuerlegen. 
Man strebte danach, es ihr gleich zu tun, hatte aber nicht 
eigentlich Achtung vor ihr. So konnten freilich betrogene Be 
trüger und ehrgeizige Schwächlinge auf den Glauben geraten, 
daß jedes Mittel recht ei, um in die Höhe zu fallen. Es ging 
ja gut, es kam niemand dahinter und viele andere trieben es 
ebenso. 
* 
Eine maßlose politische Hetze hat sich auf diesen Prozeß 
wie auf eine willkommene Beute gestürzt und ihn entgegen 
seinem wahren Sinn und über jedes zulässige Maß hinaus zu 
Propagandazwecken verwertet. Er sollte von der Verrottung 
des „Systems" zeugen, sollte das untrügliche Zeichen der 
„sozialistischen Mißwirtschaft" sein. In Wirklichkeit aber ver 
hält es sich anders. Die Freunde der Sklareks reichten von den 
Kommunisten bis zu den Antisemiten, und Leute aus allen 
politischen Ltgern hatten den Wert unverdienten Geldes er 
kannt. Wen klärte nicht der „Silberne Pokal der Freund 
schaft" darüber auf, daß die Lust an Geschenken nicht von der 
Parteizugehörigkeit abhängig ist? Ein Pfarrer und deutsch 
nationaler Reichstagsabgeordneter segnete diesen Pokal ein, 
und so gut wie andere Stadtverordnetenfraktionen ließ sich 
die deutschnationale .Wahlgelder von den Sklareks spendieren. 
Auch für das, was man heute unter dem „System" versteht, 
ist der Sklarek-Prozeß nicht symptomatisch. Er beweist höch 
stens, wie sehr das „System" in der Berliner Stadtverwal 
tung mißbraucht worden ist, und sagt etwas über die Art dieser 
Mißbräuche aus. Sie erklären sich eines Teils, wie wir schon 
andeuteten, aus der Nachkriegssituation und sind anderen Teils 
ngch eine Folge des alten, durch den Krieg zusammengebro 
chenen Systems, das den Untertanengeist mehr gepflegt hatte 
als die Tugend der Verantwortung. Durfte es wirklich 
wundernehmen, daß die aus dem Druck der Vorkriegsverhält- 
nisse entlassenen Untertanen ihre Freiheit mitunter nicht zu 
gebrauchen verstanden und daß in dem kurzen Lehrkurs hie 
und da ein Unglück geschah? Die Demokratie zu praktizieren, 
, ist eine Sache der Uebung.
        <pb n="49" />
        Zweifels, der Milde und äes VerständigungswiL 
Ions äem blinden Banatismus und jeder Art von 
unver- 
frei, in deren Dieke es 
Nag. latsäobliob sind 
8ätZen lauter Lüoken 
man binwegspringen 
niebt stetig dabin, sie 
an die 
Mann 
In einem Büokbliok auk äie eigene Lntwiok- 
!un§ erläutert Keinrieb Mann. äie Auffassung, 
äie er sobon krüb von seinen Arbeiten batte: 
,Ir trat mit ibnen in äen Dienst einer Maobb 
äie er versobieäen, meistens aber mit äem 
Namen äes Oeistes beZeiobnete". Diese VeZeiob- 
nung bleibt bis ZuletZt in Kraft, ja, sie dient da- 
M, äie Mission äes 8obriktstellers Zu bestimmen. 
Lr wird von Keinriob Rann als äer Verkeobter 
äes Oeistes, als äer Vorkämpfer äer (Feisteskrei- 
beit definiert unä gepriesen. Der AKZent liegt 
Lowobl auk (reist wie auk BreibeiL „Die öeistes- 
kreibeit, oäer was von ibr noob übrig ist, muk 
verteidigt werben", beikt es in einer gegen äie l 
sondern lakt Doblräume 
wie in 8palten rumoren 
Zwisoben den knappen 
eingesobaltet, über die 
muk. Die Diktion kliekt 
Zm denen 816 binärängt. 8ie ist durobaus 
bobe Meinung gebunden, die Beinriob 
vom Beruf des Kobriktstellers bat. 
äenkem Die Keinriob Manns bestätigt, äak er ' 
äurobs V^ort Zum Oedanken kommt. 8ie ist bell 
und klar, obne äak sie sieb im Klaobland be 
wegte, dort, wo es keine 8obatten gibt und 
Leine Dämonen. Im Oegenteil, ibr Ort ist viel 
eber ein Zerklüftetes lerrain, das genug Dun- 
Lslbeit birgt. Aber wie sie das Dunkel niobt 
verleugnet, so verweilt sie auob niobt bei ibm, 
Vvr SoLrlLtsIvIIvr M«iiLi LeL Al»»L. 
ZULH1LHNkrS5L-^ANä: „Das ökksutIiebH LGbe 
Von 8- UraeNNGk. 
wird immer neu unterbrooben. Dnd vom sobwar- 
Len Orund der Lüoken bebt siob das Oekunkel 
der 8atZe wie das gesoblikkener 8teine ab. 
Die literarisobe Lewuktbeit, von äer diese 
Zpraobe Zeugt, wird, nebenbei bemerkt, auob 
durob Zablreiobe Oedanken über das Metier des 
Lobriktstellers belegt. 80 Ziebt Keinriob Mann 
eine sobarke OrenZbuie Zwisoben der Repor 
tage und dem Doman, 2um Dntersobieä von 
jener, die Zwar wirkbobkeitstreu ist, aber den 
„8rnn des Lebens" niobt trifft, kennZeiobnet er 
diesen wie folgt: „Die groken Domäne sind 
immer und Lusnabmslos übersteigert gewesen 
weit binausgetrieben über die Make und 
OesetZe der V^irkliobkeit. Das Denken und Lüb- 
len äer Nensoben war in ibnen bektiger und 
tzntsoblossener, das Lebioksal gewaltiger, und 
äie Dinge und Vorgänge erstanden stärker in 
einer bukt, die Zugleiob leiobter war und erre 
gender glänZte." Da« Verdienst einer soloken 
Lormuberung ist darin Zu erblicken, äak sie 
beriobtigenä in die literarisoben Demübungen 
äsr SsxsEri. smzrsR. 8s vsist äi« kspor- 
tage, äie sie .7 b . i . n äsn Vordergrund d .. rän . gen t mrsöoo b betne, 
aE äsn ibr Zukommenden BlatZ Zurüok unä 
stellt die Bedeutung beraus, die äer Boman 
iAestaltung der W'irkliobkeit bat. (Vergl. die ent- 
spreob enden Auskübrungen in meinem der so- 
ÄLlSN BomanrepOrtage gewidmeten Artikel 
„Lm Boman aus der Konfektion" im Literatur- 
bIZ.it vom S. Zum.) 
Iowa und andere lots; lbemen wie die Ver- 
bner 8ieälungen und äie Bunktionen äer Kri- 
minalpobZei werden bebanäelt; Bariser Bilder 
misoben sied mit Linärüoken von lbeaterpro- 
ben unä einer Betraobtung äer Oegenwartslits- 
ratur; Erörterungen über Antisemitismus, rieb- 
terliobe Verantwortung usw. beleuobten unsere 
innerpolitisobe 8ituation; autobioZrLpbisobe Am 
gaben kübren ins Brivate unä dann wieder an 
äie Oekkentliobkeit Zurüok. Line Menge von Oe- 
genstanden, äie sieb aber darum gut mitein 
ander vertragen, weil sämtliobe Aeukerungen 
von einer einbeitlioben unä gesoblossenen ILal- 
tung durobdrungen sind. Diese Haltung gebt 
niobt einkaob in äen paar LeberZeugungen auk. 
Zeltsner Lall: ein äeutsober 8obriktsteller. der 
äen Oeist in die V^irkliebkeit überkübren und da 
mit eine BeZiebung berstellen will, die bei uns 
kaum .je geglüokt ist. Denn noeb immer be- 
sobränken sieb bierZulande die meisten 8obrift- 
steiler bZw. Diebter auk ibre Literatur oder 
Kunst, obne sieb um das Ausseben der V^irk- 
bobkeit Zu bekümmern. Als ob die Kunst sieb 
ungestört entfalten könne, gleiobviel, wie diese 
besobakken sei! Keinrieb Mann versnobt als poli- 
tiseber Kobriktsteller, beide 8pbären in ein rieb- 
tiges Verbaltnis Zu einander Zu bringen. Und es 
beikt seine Bemübung niebt verkleinern, wenn 
ieb bier auk eine 8obwierigkeit binweise, der er 
nieder und. wieder begegnet. 8ie rübrt datier, 
dak er seinen Ausgang weniger von den realen 
Maobtkaktoren und den jeweiligen ökonomisoben 
und soZialen Zuständen als von einem allgemei 
nen Begriff der Oeisteskreibeit nimmt, dessen 
Annabme kreibob selber von bestimmten Vor- 
aussstZungen abbängt. Indem er nun, diese Vor 
aussetZungen ausklammernd, seinen Degrikk des 
Oeistes in ideabstisober W'eise verabsolutiert 
und mit ibm eine Demokratie korrespondieren 
takt, die ebenfalls ideal gemeint ist, verfeblt 
er öfters die riebtige LinsobatZung der realen 
Kräfte und Gegenkräfte, die jeder politisoben 
Aktion voranZugebsn bätte. In einer vor dem 
8obutZverband Deutsober 8ebriktstel1er gebabe- 
nen Dede soblägt er etwa den gemeinsamen 
Kampf aber ^briktstebervereinigungen gegen die 
Mensur vor. „Lin pobtisobes Komitee, gebildet 
aus Vertretern aller unserer Organisationen — 
unä iob möelits wissen, ob äie Mensur, äie 
legale wie äie illegale, äie sieb einsobleiobt, 
ä » e r n fol 1 genden lag noob - / üb - erlebe v n w - ü - r - d -- e!" 
^e . r solMxs siod 6vr 6-eist m nsok 6 , m po , li- 
nteressen m versobiedenen Lormen 
niedersoblägt, ist ein derartiger Vorsoblag illu- 
sorisob. Denn ein pobtisobes Instrument wie 
die Mensur kann nur mit politisoben Mtteln 
beseitigt werden und, niobt mit denen eines ab 
solut gesetZten Oeistes. DeZeiobnend ist auob 
die binsiobtliob des deutsob-kranZtzsisoben Ver- 
bältnisses vertretene Meinung, „dak die DeZie- 
bungen der beiden Lander leider noob immer 
sebwanken — obne bereobtigten Orunä, aber 
doob sebwankep naob dem Debeben der Diplo 
maten, man könnte auob sagen: naob ibrem 
latent." Laktisob ist das 8obwanken niobt aus 
dem Belieben der Diplomaten Zu erklären, son 
dern aus dem keineswegs wibkürlioben Verbal 
ten von Oruppen und Darteien, deren Lxponen- 
ten unter anderem die Diplomaten sind. Die 
Beispiele Zeigen deutbob die örenZe an, die 
einer Dolitik aus dem Osiste geZogen sind. 
Diese wird siob immer demonstrieren können, 
unä das ist unter LmsMnden viel. Aber ^Vir- 
kungen im politisoben Medium erZielt sie dann 
allein, wenn sie äen 6eist der Dolitik erkakt. 
Atzinriob Manns neuer Brosa-Vanä: Mensur geriobteten Bede, unä auob die Diebter- 
^,D as ökkentliobe Leben" (Baul Zsolnaw Akademie soll unter anderen Aufgaben vor allem 
Verlag, BerlinVZien — LeipZig. 359 8eiten) diese in Angrikk nebmem 
ist eine 8ammlung von Lssa^s. Beden. Der Kampf kür die Oeisteskreibeit, der äen 
LleinsnAuksätZen und Zeitungsartikeln, die wobl Zobriktstellern obliegt, ist naob Beinriob Mann 
äurobweg den letZten Zebu Zabren entstammen, gleiebbedeutenä mit dem Kampf für äie Demo- 
Zu losen Gruppen vereint, berübren diese Bei- Lratie. 8ie sobeint ibm, äer äie lugenden des 
trage äie versobieäensten Lebensgebiete. Man 
findet Oeäenkworte auf 8tresemann, ädie Baw- 
ZobwarZweikmalersi verriebt, die sinZige politi- 
sobe Lorm Zu sein, die den „Osist" einlakt und 
balbwegs vor Vergewaltigungen ZobütZb Dr feiert 
Ktresemann, er erklärt, äak der russisobe Ver 
snob „auk den Orunälagen unseres Daseins, wie 
es geworden ist, niobt gelingen könnte." Die 
tzuebe seiner politisoben Leidensobakt ist ersiobt- 
bob weniger die Leidensobakt kür die Dolitik als 
die kür den Oeisb „Lnäliob war ibm klar gewor 
den", sagt er in dem erwabnten Düokbbok von 
sieb selber, „weloben Millen er dem Leben, wie 
Gs wirkliob ist, entgegenbraobte. Denselben, wie 
N,Die Fpraobe ist in einem Duob das 
kennbare Zeioben einer Oesinnung, eines Dan- 
ges --- und auob der Dauer, äie es baben wird." 
Nur ein 8obriftst6llbr Kann so von äer 8praobe , 
in seiner Arbeit: es soll wabr sein-" Im Inter 
esse äer Verwirkbobung dessen^ was er IVabr 
beit oäer (reist nennt, wird er Zum politisoben 
8obriktsteber, Zum Verkünder äer Demokratie. 
Dnä wann immer er sieb kür diese einsetZt, be 
tritt er niebt eigentbob als Bobtiker äie Arena, 
sondern als ein Bitter des Oeistes.
        <pb n="50" />
        Gnde eines Mmlieöüngs. 
Berlin, Anfang Juli. 
Vor wenigen Monaten noch war auf dem Aushang eines Kon 
zertcafes am Zoo zu lesen, daß Bruno Kastner in diesem 
Lokal gastiere. Wer um seinen früheren Ruhm wußte, konnte nur 
mit einer Empfindung der Trauer dem gefeierten Namen in einer 
solchen Umgebung begegnen. Er selbst hatte alles versucht, um das 
Abgleiten in die Anonymität zu verhindern. Durch den Tonfilm 
und die geheimnisvollen Wandlungen der Mode außer Kurs ge 
kommen, war er zum Theater zurückgekehrt, von dem er einst 
seinen Ausgang genommen hatte, doch das Glück blieb ihm dort 
fern. Es ergibt sich selten denen, die, nachdem sie groß gewesen 
waren, zum zwerten Mal klein beginnen wollen. Nun hat er 
die letzte Folgerung aus seinem Mißgeschick gezogen und sich 
in einem Hotelzimmer in Kreuznach erhängt. Es soll nicht Geld 
not gewesen sein, die ihn zum Strick greifen ließ. 
Bis in die letzten Jahre des stummen Films hinein war er ein 
Publikumsliebling wie kaum einer nach ihm. Er spielte jenen 
Typus des Hochstaplers, dessen Handlungen, so tadelnswert sie 
auch sein mögen, diese schlecht ausbalancierte Welt wieder etwas 
ins Gleichgewicht bringen. Er spielte den Gent, der charmiert. 
Und er spielte, wann immer er auf der Leinwand erschien, den 
Liebhaber, der die Herzen der Frauen betörte. Verübelten sie es ihm, 
wenn er bei ihnen einbrach und sich mit ihrer Schmuckkassette ent 
fernte? Nur um so stürmischer wandten sie sich ihm dann zu. 
Denn er war von einer Eleganz, die jeden Einwand verstummen 
machte, und trug auch in den heikelsten Situationen ein Benehmen 
zur Schau, das im Verein mit seinem Smoking unbeschreiblich ent 
zückte. Die Wirkungen, die es hervorrief, verdoppelten sich, so oft 
er lächelte und seine wundervollen Zahnreihen entblößte, die herr 
licher als alle von ihm gestohlenen Perlenhalsbänder blitzten. 
Kein Wunder, daß er dieses Lächeln häufig benutzte. Wenn er aber 
einmal nicht lächelte, verkörperten seine Züge den Ernst von 
Knabenhelden in Kolportageromanen — einen Ernst, der nicht 
schwül war, sondern sachlich und verschlossen wie der eines Ritters. 
Und vielleicht war es überhaupt seine stets durchgespürte Ritter 
lichkeit, um derentwillen man für ihn schwärmte. 
Wie ein Schlager verschwand er dann plötzlich und ohne viel Auf 
hebens von der Bildfläche, die ihm die Welt bedeutete. Anders 
Lieblinge kamen herauf, die nicht mehr waren als er, aber der 
unergründlichen Laune des Publikums besser entsprachen. Und 
kaum hatte das Jublikum ihm den Rücken gekehrt, so teilte er 
das Los aller Lieblinge, der vergangenen und der künftigen: 
sein Glanz geriet nicht nur in Vergessenheit, sondern fiel überdies 
von ihm ab. Denn diesen Glanz besaß er von Gnaden der Menge, 
und als sie ihn von sich stieß, nahm sie den Glanz mit sich fort. 
Darum blieben auch seine späteren Bemühungen vergeblich. Er, 
der nicht aus sich selber leuchtete, war um jene Aura geprellt, an 
der ihn die Menge wiederzuerkennen vermocht hätte, und hatte 
mit dem vergötterten Bruno Kastner nur noch den Namen gemein. 
Es muß ihn zu Tode gequält haben, daß er weiter lebte und zu 
gleich schon gestorben war. 
Vor seinem letzten Abschied aus Berlin soll er geäußert haben, 
daß er nicht zurückzukommen gedenke, da er vor dieser Stadt 
einen Ekel empfinde. Die Grausamkeit Berlins, die um so schlim 
mer ist, als niemand ihre verborgenen Zwecke errät, hat ihn jetzt 
endgültig in den Tod getrieben und auch den Ekel besiegelt. Wie 
er zur Zeit seines Ruhmes beschaffen war, vermag kein Bild 
mehr zu zeigen. Auf den Ansichtskarten, die ihn dem Gedächtnis 
erhalten möchten, tritt er dem Beschauer als eine Gestalt von 
leicht doofer Süße mit schimmernden Zähnen entgegen. 
8. Lr-ULLUSEE 
Viokoickt vorksnnt Bsinrick Uann sack 
äarum äas Oo^ickt Zs^isssr notvvsnäi^ GM?u- 
kLlkuksrsnäSr poktisckor OsFekenksitsm ^vsll 
or ^anr unä un^okroeksn äer Nensek ist, äsn 
or in AxistbNL wissen ^vill. Dnä ^W-ar verkör 
pert er einen l^pns, äer Zer^äe keute vorkilä- 
kakt sein rnnkte. (UZtte äie Osw-okratis mokr 
solcher Nenseken desessen, so ^vLrs uns ciniASZ 
erspart Zokkeksnh Denn ^ver ist äieser 8ckrikt- 
steiler? Bin Brennä äer ^ukklärnnF, ein ^nksn- 
§er äer Vernnnkt, OLw.it krauckt sn siok nock 
nickts ZeZLFt rn sein; Aber in einer Zeit, in äer 
äie Vornunkt so §6-^^ kat, ist sckon 
äLs Bekenntnis 2u Lkr ein verkoikunFsvoKss 8i§-° 
NLk Bs §Lkt auck eine sekieekte ^nkklLrunZ; 
jene, äie nickt Lnkklärsn, sonäern Luklössn unä 
jsäen BestLnä ive§1euZnen w.öckten. Ois Bücken 
Lvviscken äsn knLppen 8ät^en Oeinriok Nanns 
de'vveisen, äak er äas nickt AukiösdLre Ln seinew 
Ort steken iLN. Br kennt äes Dunkel äes 
sekleckts, kLt äen 8üäen erkakren unä weik 
uw äLs Neer- „.leäer, äer einw.Ll Lkreisen, §LN2 
Lkreisen wuk, erkennt äes Neer ^vieäer, seinen 
tieken ^.tem, seine winäi^e BlLue unä äen 
01LN2, unseren OlLN2, äer über ikw unter- 
§ekt." Dw so §röKeren ^.nspruck kat er 
äurauk, kür äie 8Lcke äer ^ukklZrun§ ru 
kswpkew ^.us eintzw Zeküllten Oasein ker- 
Lus, äas äie Olew.entLrwLckte in siek auk- 
Fsnowwen Kai, verwirkt er eine -lu^enä, äie 
sick nur elswentLr ZekLräet unä Lw lieksten 
wit 8ekrMvLkken Lrxuwentierte. 8ein 8inn stekt 
NLvk äem MeiniZten Ouropa, sein 2iel, äss er 
innerkLlk äer BepukKK erreioken ^u können 
ZlLukt, ist äeZ Onäs äer .äuskeutunA, Bs ist 
kein Vernünkti^er, äer äss Volk äLvor v^Arnt, 
Luk äen „Buk äes ^KZrunäs" ?u koren, sonäern 
äer Dickter äer .Döttinnen" unä äes BornLns: 
„Die kleine 8tsät". Dnä er ZerLäe, äer äiessn 
Buk vernommen kat, sckreikt äen ZLtZ nieäer: 
,^u ^ünseken ist ein OeutscklLnä äer Vernunkt 
— äas Txveikelt, Uiläe kennt unä äesk^lk um 
nickts xveniZer kLnäelt."
        <pb n="51" />
        Oebiet, in das sie vorsioüen, jedes exotisebe an 
Üei86n, nüclUorn. 
Von 8. Kraeauer. 
läüt. Diese 
müben sieb, 
wagemutiger 
sieb beraus, 
Ablenkung ist, wo niebt ibr Ziel, so äoeb eine 
ibrer Funktionen. Kind die Rekabr der dureb sie 
bewirkten Kntkremäung bestebt eben darin: daü 
diese uns an äer Durebäringung der Zustände 
verliindert, in denen wir leben, und so das 
Handeln ersebwert, das einer Veränderung der 
betretenden Zustände gilt. Man kann die Wir 
kung der ganzen Reisebteratur teilweise mit der 
von Opiaten vergleieben. 
Ibr entgegenzuarbeiten, ist nun die ^bsiebt 
einer Riteraturgattung, deren einzelne Werke in 
übertragenem 8inn ebenfalls Reisebesebreibun- 
gen sind. blur daü die Reisen, äenen sie sieb 
widmen, in umgekebrter Riebtung vonstatten 
geben. Diese Expeditionen sieben niebt naeb 
Afrika oder ^.sien aus, sondern erkorseben das 
von uns bewobnte Terrain; sie wenden uns 
niebt den Rüeken zu, sondern verfolgen die 
Aufklärung des gesellsebaktlieben 8ebis, das 
unser' Kun und Denken bedingt. Kurzum, es 
bandelt sieb liier um jene s o z i o l o g i s e b e 
Literatur, die immer melrr in Wifnabme 
zu kommen sebeint. Oebieterisebe blotwenäig- 
keiten treil)en sie b er vor. Rinmal bat sieb die 
gesellsobaftbobe Wirkbebkeit niebt minder wie 
die geograpbisebe gewandelt und zum andern 
muü im Interesse ibrer Neugestaltung mit ver 
doppelter Anstrengung dem Kluebtwillen be 
gegnet werden, der wieder und wieder von ibr 
fortsebweüt und sie in (liebten Uebeln zurüek- 
. —die geograpbiseben Rntäeekungs- 
labrten in die neue Wirkbebkeit. 
^ber darülrer binaus Naben sie 
das Ziel, alle Rxpeditionsteiln^ 
mer zur Veränderung dieser Wirk- 
Rxotik weit Übertritt. 8ie beweisen uns, daü 
das Mebste zugleieb das fernste ist; sie sind 
Lntdeekungsreisen in äer genauen Bedeutung 
des Worts. 
Rxpeditionskilme unä Reisebüeber erfreuen 
sieb beute einer groken Reüebtbeit. Zwei Mo 
tive tragen sie, wie ieb meine, empor. Das eine 
ist dies: äak äie 8inne äer "keebnik naebzu- 
kommen eilen, IVaeb äem Krieg bat diese Rr- 
kinäungen gezeitigt, dureb äie äer Verkebr auk 
eine ungeabnte Weise besebleunigt unä verviebäl- 
tigt worden ist. Klugzeug unä Radio baben sieb 
eingebürgert unä Verbindungsmögliebkoiten er- 
ökknet, von äenen noeb äie vorige Generation 
niebts wuüte. ^ber wenn äie Lräe kaktiseb 
zusammengesebrumpft ist unä ibre Lewobner 
nLiier aneinandergerüekt sinä als je: erkabren 
wir sie wirklieb sebon so, wie sie sieb uns 
eigentbeb darstellen müüte? Obwobl wir im 
Klugzeug reisen unä auk äer Klaviatur äer 
Wellenlängen zu klimpern versieben, sinä nur 
cloeb noeb mit allen Lasern unseres; Lesens äer 
alten Rrde verbaktet. Ibr veränäertes Antlitz zu 
erobern, ist äie Mission jener Käme unäRüeber. 
Inäem sie exotisebe Oegenäen erseblieüen, sagen 
sie uns, daü äie Exotik niebt mebr gleiebbedeu- 
tenä mit unenälieber Kerne ist, sonäern ärebt 
neben uns sieb entfaltet: inäem sie äureb äie 
Oeograpbie rasen, vermitteln sie uns äen von 
äer äHmik umgesobakkenen kaum. 8ie erfüllen 
eine Kionieraukgabe, sie passen unsere 
mensebbebe Konstitution äer neuen planetari- 
seben an. Rnä über kurz oäer lang werden wir 
äarik ibrer Mitbilke äie ä^eebnik tatsäeblieb ein- 
bolen können. Das beiüt, wir werden äann er 
worben baben, was wir äureb äie teebniseben 
rarüngemsebakten besitzen, unä äie kleine, vomg 
unkabbare Welt wirä uns zur Zweiten blatur 
geworden sein. 
Das andere Motiv ist das der Kluebt. Reise 
filme und -büeber dienen kaktiseb (bewuüt oder 
unbewukt) aueb dem ' Zweek, unsere eigene 
Wirkbebkeit äureb die Kerne zu überblenden. 
8!e lassen eine Kata morgana über der Wüste 
unseres Alltags ersteben, sie Zaubern uns lauter 
lieben Kontinents, den äie ^rlaritslosen bevöl 
kern, sebeint ebenkalls ins Rliekteld rüeken zu 
wollen. Ibm ist ein Rueli zugeeignet, das von 
den Rrtabrungen eines Debrers in einem Rr- 
werbslosenbeim l-eriebtet unä binnen zweier 
Nonate der Oettentliebkeit vorgelegt werden 
wird, bliebt zuletzt wäre bier der bulle soziolo- 
gisedler Literatur zu gedenken, die aus Ruüland 
zu uns berüberkommt. Darstellungen des neuen 
bäuerbeben Kollektivs (ÜR etjakow: „belä- 
Rerren" und Rlaäkow: „lb e u e R r ä e"), 
der babrikarbeit (lab Korb er: „Line brau 
erlebt den roten Alltag"), der 8itua- 
bon der Rändler Rk. ltoesmann: „Riseb- 
!) e i n st r e e k t ä i e W a k k e n"), der Dage 
des trüberen gebildeten Mittelstandes (R o m a- 
k! o w: „D r e i R a ar . 8 6 i ä e n 8 t r ü m p k e") 
usw. werden dort in Massen erzeugt. 8o gewiü 
den russiseben Rüebern eine von den äbnlieb 
gerieldeten deutseben Werken versebiedene Vuk- 
gal)e zu fällt, ebenso gewiü können äoeb unsere 
deutseben Autoren aus einigen von ilmen (vor 
allem aus den Werken äuetjakows) in metbo- 
äiseber Rnrsiebt viel lernen. 
8oziologisebe Expeditionen — sie sinä wie 
betörende Rüder verfugen, damit wir zu Fragen, 
vergessen, wie- es um uns selber bestellt sei. aset ranzen e erserg n. ernoe 
ganz unä gar unbekannte äänl des gesebsebaft- 
soziologiseben Expeditionen be- 
diese.blebel zu zerteilen. Und je 
sie sind, desto äeutbeber stellt 
daü das sebeinbar so vertraute 
Zur Kntliübung bisber noeb ungesiebteter 
Zustände baben die zablreieben sozialen Repor 
tagen der letzten Jabre niebt unwesentlieb bei 
getragen. Zwei teil os vermittelt äie Reportage 
keine Erkenntnisse, die verbinälieb wären, und 
gar äie Romanreportage besitzt, wie ieb erst 
unlängst austübrte, nur einen sebr eingesebränk- 
ten Wert. Dennoeb sind die llüelier dieser Wä 
selion darum nützlieb, weil sie den iibermäeb- 
tigen Rang Illusionen in ibren Resern be 
grenzen. 8ie möebten die 8eblaktrunkenen aut» 
rütteln und äie träumenden weeken. Rrik Reger 
z. R. unterriobtet in seinem mit dein Kleistpreis 
ausgezeieluieten Werk: „Rnion der testen Rand" 
über die Verbältnisse im Inäustrierevier. Rlivier 
erinnert in seinem neuen Dueb an dir; Vorgänge 
naeb Rn.de des Krieges unä Werner Rürk selub 
äert im Rotnan: „Konfektion" die Zristände 
innerbalb eines groüen Oewerbes. Rrst in den 
letzten Woeben bat der junge begabte Raus 
Kaliada einen Roman: „Kleiner Nanu — was 
nun'?" berausgebraeld. der sieb in breiter ^us- 
tübrliebkeit mit dem Imbemslau eines kleinen 
Angestellten besebäktigt. ^ueb die beutige Wirk- 
iiellkeit des Arbeiters beginnt erseldossen zu 
werden, unä gern weise leb in diesem Zu- 
sammenbang wieder aut die svstenuUisrdie 
„Die jug end liebe Arbeiterin" von
        <pb n="52" />
        L - L'O 
Iitm-Sommer. 
Berlin, Anfang Juli. 
Den lauten Ereignissen, die jetzt die Straße beherrschen, ist die 
ereignislose Stille in den Berliner Kinos umgekehrt proportional. 
Man verunstaltet eine Reprise um die andere, das ganze vergan 
gene Repertoire wird wieder durchgekaut. Die „Privatsekretärin" 
macht von neuem eine unwahrscheinliche Karriere, die „Stürme 
auf dem Matterhorn" toben, und „Der Andere" kehrt in sein 
eigentliches Ich zurück. Einige dieser Filme sind noch ganz leben 
dig und halten jeden Vergleich mit den späteren aus; viele da 
gegen wirken wie Grabgespenster, die bei der leisesten Berührung 
vergehen. Noch nie ist bisher im Sommer ein solcher Mangel an 
Nachschub gewesen. Verschuldet wird 'die Dürre durch das Kon- 
Lingentgesetz, das neuerdings bekanntlich sehr verschärft worden 
ist. Sollte seine Auflockerung nicht möglich sein, so befürchten die 
Interessenten für den Winter eine filmlose, eine schreckliche Zeit. 
Was den Produzenten recht ist, scheint wieder einmal den Kon 
sumenten (d. h. den Theaterbesitzern) picht billig zu sein. 
Eine einzige Neuheit ist zu verzeichnen: der Ufa-Film: ,,Der 
Mann ohne Namen" mit Werner Krauß. Die Ufa hat sich 
hier um ein gefüllteres Thema, um eine dichtere Atmosphäre als 
die hergebrachte bemüht. Dennoch gelingt es der Werkstattarbeit 
Robert Liebmanns nicht, den Oberst Chabert-Stoff wirklich zu be 
wältigen. Sie schlagt wesentliche Motive an, ohne sie zu Ende zu 
entwickeln, und stoppt den Eintritt ernster Möglichkeiten vorzeitig 
ab. So wird der Kampf geschildert, den der nach Ißjähriger Ab 
wesenheit Zurückgekehrte und längst Lotgesagte Automobilfabrikant 
Heinrich Martin im Interesse der Anerkennung seines Namens 
führt; aber ehe noch diese Kampfszenen ihren Sinn erfüllen und 
die bittere Hilflosigkeit des Einzelnen dem Staatsorganismus 
gegenüber illustrieren können, hören sie plötzlich auf und münden 
in einen törichten Lustspielschluß ein, der ganz zu Unrecht wieder 
aufatmen läßt. Und wie das soziale Motiv verebbt das private. 
Aus der Tatsache, daß der Heimkehrer seine frühere. Frau mir 
seinem besten Freund verheiratet findet, werden keinerlei deutliche 
Folgerungen gezogen, und man weiß weder genau, ob die Frau 
ihn zuletzt erkennt, noch ob die abweisende Haltung des Freundes 
auf bösem Willen beruht. Durch den Abbruch der thematisch ge 
gebenen Konflikte und ihre Auflösung in den Gewässern des 
Schwanks entstehen überdies schwer erträgliche Unmöglichkeiten. 
Innerhalb eines realistisch gemeinten Films ist es wenig glaub 
haft, daß der Held seinen Namensanspruch nicht zureichender be 
gründen kann — Zeit genug dazu wird*ihm in den gedehnten 
Szenen wahrhaftig gelassen -- und die Schnelligkeit, mit der er 
sich um des happy end willen in ein fremdes Mädchen verliebt, 
widerstreitet den Bindungen, die ihn angeblich ins alte Zuhause 
zurücktreibsn. 
Kurzum, der Film bleibt wie die meisten andern in lauter 
Unentschiedenheiten stecken. Sie rühren daher, daß er 
und seinesgleichen ihr Dasein nicht so sehr einer substantiellen 
Kraft als dem Willen verdanken, es jedermann recht zu machen, 
ohne dabei die Gesetze der Neutralität zu verletzen. Es gibt auch 
unpolitische Lebensregungen, die eine gewisse Sättigung der 
Neutralitätssphäre gestatteten. Aber sie scheinen bei uns in einem 
hohen Grade erstürben oder doch verkümmert zu sein. Denn dieser 
Film, der die Flauheit seiner Konzeption mit der Mehrzahl der 
übrigen Filmprodukte teilt, verrät nirgends eine gedankliche oder 
gefühlsmäßige Beziehung zu der von ihm zu treffenden Sache, 
sondern an allen Ecken und Enden immer nur den einen Wunsch: 
um keinen Preis Anstoß Zu erregen und sämtliche Klippen Zu um 
schiffen, die seinen Publikumserfolg beeinträchtigen könnten. Er 
ist von außen her bestimmt, er richtet sich nach Bedingungen, die 
ihm selber nicht immanent sind. Und vergeblich sucht man nach 
Antrieben, die ihm zum unableitbaren Leben verhülfen und seine 
Entfaltung von sich aus bestimmten. 
Die Regie Ucickys sprengt nirgends die Grenzen der Routine; 
es sei denn in einer kleinen Szene, die im Archiv für Kriegsverluste 
spielt. Sie zeigt einen Büroangestellten, der immer höher und höher 
an den Aktenregalen empoMettert; dann kommt er wieder her 
unter, und die Szene, die keine Konsequenz hat, ist aus. Infolge 
der Schwächen des Manuskripts werden gerade die Hauptdarsteller 
gehemmt. Man merkt es Werner Krauß an, wie sehr ihn seine 
Rolle vergewaltigt. Wenn er das Spiel zu tragischer Größe steigern 
will, muß er sich lustspielhaft benehmen, und hat er sich in ein 
heiteres Lächeln hineingelebt, so wird er sofort von neuen Wolken 
umzogen. Eine Figur, die nicht gesehen, sondern zusammen 
gekleistert ist, kann auch er nicht Zum Charakter gestalten. Aus 
ähnlichen Gründen ist Helene Thimig um ihre Bewegungs 
freiheit betrogen. Falkenstein als kleiner Agent, Maria Bard als 
Helle sympathische Stenotypistin und Grünbaum als Rechtskonsulent 
versehen durch ihre spielfreudigen Leistungen den Film mit einigen 
kräftigen Lichtern. Aber diese Chargenrollen gehören nicht not 
wendig zur Komposition, wären vielmehr überall möglich. 
8. Xr3,6au er. 
An der Grenze des Gestern. 
Zur B erlitt er Film - und Pho to -Schau. 
Von S. K^acauer. 
Berlin, im Juli. 
Ist einem Ladenkomplex der Joachimsthalsr Straße ist jetzt eine 
p e r m a n e n t e F i l m - undPhoto-Scha u eröffnet worden, 
die ein Material vereint, wie es in dieser Fülle noch niemals ge 
boten wurde. Dokumente, Bilder und Proben sind hier zusammen 
gestellt, die von den ersten Anfängen der Photographie und des 
Films bis zur jüngsten Gegenwart reichen. Sie gewähren einen 
nahezu lückenlosen Ueberblick über eine Entwicklung, an der wir 
selber so ganz beteiligt waren, daß wir sie bisher nicht von uns 
abzulösen vermochten. Durch diese Sammlung erst wird das un- 
gewußt mitgeführte Leben offenbar und tritt uns fremd gegenüber. 
Und indem wir sie mustern, erkennen wir, nicht ohne zu schaudern, 
wie das Heute stückweise in die Vergangenheit zurücksinkt und 
das Vergangene stetig im Heute weiter rumort. 
Die Ausstellungsräume erinnern an Buden. Alle Wände sind 
von oben bis unten mit Photos gepflastert, und dazwischen leuchten 
immer wieder grelle Außenplakate. Noch andere Umstände tragen 
dazu bei, den Eindruck des Jahrmarktzaubers zu wecken.Der Betrieb 
dauert bis in die späte Nacht; in einem der Räume, der als altes 
Vorstadt-Kintopp ausgestattet ist, werden verschollene und neue 
Filme gezeigt; die Schaufensterdekoration gleicht einer sichtbar ge 
wordenen Drehorgelmelodie; der Eintrittspreis ist so niedrig gehal 
ten, daß die offene Ladentür nicht als unüberwindliches Hindernis 
wirkt. Kurzum, die Straße zieht sich tief in die Schau hinein, 
und deren heimlichste Winkel noch sind für Passanten geschaffen. 
Mag die Improvisation, die hier herrscht, den Absichten der Ver 
anstalter oder einfach der Knappheit an Mitteln zu danken sein: 
sie entspricht jedenfalls genau dem Gegenstand, der vorgeführt 
werden soll. Diese Bilder müßten nicht allein ihrer Herkunft und 
ihres Sinnes wegen in Hellen, vornehmen Museumssälen ersticken, 
sondern wären auch darum in einer solchen Umgebung schlecht 
untergebracht, weil sie noch nicht völlig historisch geworden sind. 
Ihr Ort ist an der Grenze zum Gestern, an der nur improvisiert 
werden kann. Denn im Zwielicht dort verschwimmen vorerst die Kon 
turen, und das Rauschen des gelobten Daseins klingt in die kaum 
verlassenen Felder herüber. 
Aus der Urzeit stammt die Aufnahme eines Fensters von 
Niöpce, der zwischen 1816 und 1830 gewirkt hat und der Vor 
läufer Daguerres gewesen ist. Die Photographie ist auf besonders 
präpariertem, in Asphalt getränktem Papier hergestellt worden und 
wird keine lange Lebensdauer mehr haben. Schon Zeigt das Bild 
Sprünge und Risse, schon droht die Gestalt wieder in die Mono 
tonie des Grundes einzugehen, dem ihr Schöpfer sie abgelistet 
hatte. Es muß für ihn ein Glück ohnegleichen gewesen sein, alle 
todgeweihten Dinge zu bannen. Noch ist die Erscheinung deutlich 
Zu sehen, mit dem Fensterkreuz und der steinernen Brüstung — ein 
armseliges Fenster an irgendeinem Pariser Haus. Aber gerade die 
Nichtigkeit dieses Sujets veranschaulicht das von den ersten Licht 
bildnern Gemeinte. Sie waren zweifellos von der Mission erfüllt, 
das Zeitliche einer Welt zu segnen, die das Zeitliche segnet. Und 
die Rührung, die sich der heutigen Betrachter beim Anblick des 
vergilbten Blattes bemächtigt, erklärt sich eben daraus, daß es zum 
Unterschied von den meisten modernen Photos das Vergängliche 
retten, nicht aber bis zum Ueberdruß verewigen will. Dadurch, 
daß es ein flüchtiges Phänomen um seines möglichen Sinnes 
willen wunderbar zum Stehen bringt, ruft es wieder die ursprüng 
liche Bestimmung der Photographischen Technik ins Gedächtnis zu 
rück, deren Nutznießer sich längst damit begnügen, die Verflüch 
tigung unwesentlicher Phänomene sinnlos aufzuhalten. 
- - &amp;gt; * 
Anfänge des Films: eine Wundertrommel wird gedreht, und 
aus kleinen Bilderheftchen, die man wie ein Kartenspiel rasch mit 
dem Finger Überschlagen kann, erstehen kunstlose Szenen. „Du 
ahnst es nicht," heißt eines der Heftchen, und diese Behauptung 
ist dazu geeignet, die Neugier von Rummelplatz-Besuchern zu 
wecken. Noch erhalten sich im Luna-Park die Biofixbilder-Apparate 
jener Zeiten fort, die der spendierfreudigen Lüsternheit übertrie 
bene Versprechungen machen. Schaubudenluft umweht überhaupt 
den Beginn der ganzen Filmproduktion, ist die Atmosphäre, in der 
die Versuche Max Skladanowskys gedeihen. Und wie das unge 
schlachte Instrumentarium, dessen sich dieser Erfinder bedient, 
schon viele, später herausgearbeitete Möglichkeiten in sich enthält, 
so ist die Stelle, an der ins jungfräuliche Stoffgebiet eingebrochen 
wird, für ^ie Zukunft entscheidend. Immer haben die Umstände, 
unter denen eine neue Entwicklung anhebt, einen unabsehbaren 
/ Einfluß auf ^eren Verlauf. Der von Skladanowsky ge- 
j schaffene erste''Spielfilm der Welt nennt sich: „Die Rache der 
/ Frau Schultze" und ist eine Art von Moritat, deren Bilder
        <pb n="53" />
        Nachzutragen wäre noch, daß das gewaltige Material, das in 
der Schau nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht 
werden soll, von zahllosen Filmschaffenden zur Verfügung gestellt 
worden ist. Regisseure haben ihre Privatarchive geöffnet, Kom 
parsen wertvolle alte Fotos beigesteuert. Die ausstellende Gesell 
schaft, die von ihren Bruttoeinnahmen bestimmte Prozentsätze an 
die WohlfahrtSkaffen einiger Filmverbände abführt, will auch 
in anderen großen Städten des Reiches Zweigausstellungen grün 
den. Geplant sind ferner in der Zentrale selber: Verträge der 
verschiedensten Art und Sonderveranstaltungen aus Spezialge 
bieten. 
Leben vollständiger als irgendeine andere Kunstgattung darstellt, 
zählt zu seinen Aufgaben vielleicht auch diese: uns immer wieder 
auf das fragwürdige Jnsinander von verrinnender Zeit und Ge 
fühlen oder Leidenschaften aufmerksam zu machen, die Dauer M 
haben behaupten. Die Heiterkeit, die jüngst veraltete Bildstreifen 
wecken, ist freilich dunkel grundiert; denn der Anblick von Klei 
dern und Gesten, in denen wir uns vor kurzem noch geäußert hat 
ten, gemahnt an den Untergang jeder Gegenwart überhaupt. Und 
zweifellos werden viele Sportfeste, Tragödien usw., denen wir 
heute auf der Leinwand begegnen, bald genau so komisch wickn 
wie das Paar am Elterngrab. Mefreit von dieser Komik ist nur 
die vollends historisch gewordene Wirklichkeit, die nicht mehr in 
die unsrige hinübergreift, und die Erscheinung von Gehalten, Ue 
so gut evident und übermächtig sind, daß sie sogar noch ihre ver 
gehende Erscheinung bezwingen. Aber wo kämen sis in der jetzi 
gen Welt vor? 
* 
Von der Vergangenheit rückt die Ausstellung unmerklich zür 
Gegenwart vor. Einige Etappen der Entwicklung heben sich immer 
hin ab. Da ist der Brief von Max Mack an Albert Bassermann, 
in dem dieser, der sich bisher gegen das Filmen gesträubt hatte, 
erfolgreich beschworen wird, eine Rolle im Film: „Sein eigener 
Mörder" zu übernehmen. Da sind Abbildungen der ersten, jm 
Atelier gebauten Dekoration, da werden Proben von Filmen ge 
boten, die eine neue Serie einleiteten oder in technischer Hinsicht 
eine wichtige Anregung brachten. Aber trotz dieser kleinen Sig 
nale findet man nicht die Schwelle, hinter der ein für allemal das 
Gestern läge, sondern gleitet ohne Zwischenstation ins Heute hin 
ein. Das Gefühl der Unheimlichkeit, das dadurch entsteht, daß man 
nicht eigentlich weiß, wann die modernen Gewänder die alten 
verdrängen, wird noch durch das Bewußtsein gesteigert, daß mit 
dem technischen Fortschritt die Leere der Filme selber wächst. Am 
Ende der Schau ist eine neue Tonfilmkamera aufgebaut, die sich 
zum plumpen Bioskop Skladanowskhs wie ein eleganter Wagen 
von Heute zu einem urtümlichen Ford verhälp Die Filme jedoch, 
die aus dieser schnittigen, wundervoll durchkonstruierten Appara 
tur hervorgehen, befriedigen nicht die Erwartungen, die man an 
die Vervollkommnung des ursprünglichen Modells knüpfen bürste. 
Jm Gegenteil: je mehr sie zu Jndustrieprodukten werden, desto 
hohler klingen sie, und der Zuwachs des in ihnen investierten 
technischen Könnens scheint geradezu ihre Substanzminde. 
rung zu bedingen. Sie verkehren richtige Absichten, sie heben 
die Kolportage und senken sie dadurch, sie liefern der Bevölkerung 
faule Ideologien und verbauen die Gehalte durch Dekorationen. 
So hätte es nicht zu sein brauchen, aber so ist es faktisch gekommen. 
Der Gang durch die Ausstellung gleicht aufs Haar einem Rutsch 
ins Bodenlose. Eine Hoffnung aber bleibt: der herrliche Apparat, 
der diese nichtigen Produkte erzeugt. Er kann nicht vergeblich 
geschaffen worden sein, sondern wird eines Tages die Funktion 
erhalten muffen, die ihm in Wirklichkeit zukommt. 
von Versen wie diesen begleitet werden: 
„Abends, wenn die Glocke Zehn, 
Will Frau Schultze schlafen gehn, 
Ihr Herr Nachbar — componiert, 
Spielt Posaune und klaviert." 
Bezeichnend auch, daß eine Zirkusreiter!» die Rolle der Räche 
rin spielt. Alle Filme von damals sind Illustrationen zu Bänkel 
sängerweisen oder vergegenwärtigen wie selbstverständlich kolpor- 
tageähnliche Themen. Derselbe Zwang, dem die Techniker bei 
der Ausbildung der Apparatur gehorchen, führt ste Motiven zu, 
die unterhalb der offiziellen Literatur ihr Wesen treiben. Es ist 
die Welt der Volksbelustigungen, in die sie vorstoßen, der primitiv 
gemachten und genossenen Abenteurergeschichten, der Zehnpfennig 
Broschüren, die in Schreibwarengeschäften und Hinterhöfen an 
die halbe Öffentlichkeit kommen. Wenn aber diese Welt als erste 
dem Film erobert wird, so heißt das nichts anderes, als daß er 
ihr zugeordnet ist. Und in der Tat: als ein Geschöpf der Straße, 
als ein Permittler jener unzerstörbaren, großen Motive, die sich 
in Schauzelten deutlicher offenbaren als in der sogenannten Lite 
ratur und das Glück der Unverbildeten und der Weisen sind, feiert 
er später die höchsten Triumphe. Die Chaplinaden, die das Zeichen 
seiner Abstammung unverwischbar auf der Stirn tragen, sind zu 
gleich seine Erfüllung. 
„Rache der Gefallenen. Sittengemälde in vier Akten": diesen 
Titel führt ein verschlissener Film, in dem der junge Hans 
Nlbers als dämonischer Verführer auftritt. Noch wehen seine 
Locken in voller Pracht, noch ist seine Eitelkeit unschuldig wie die 
von Helden in Dienstmädchenromanen. Jetzt will er die Bolks- 
figur sein, die er in seiner Novizenzeit vielleicht wirklich war. 
und trifft sie nicht mehr. Der Kitsch, den er einst darstellte, war 
populärer Natur, die Bedeutung hatte; die Natur, die er heute 
im Interesse seiner Popularität mimt, ist Kitsch. AuWlußrekch 
rst ein Bild aus diesem Film. Mit der Pistole in der Hand steht 
die (anscheinend schon gefallene) Heldin im reich ausgestatteten 
Familiensalon einem Staffelei-Gemälde gegenüber, das den Ver 
führer in Frackuniform zeigt, und hegt Gefühle, die der Text wie 
folgt ausdrückt: „Diesen Mann liebte ich einst. Öh, wie ich ihn 
heute Haffe! Ich muß ihn töten, und sei es auch nur im Bild!" 
Statt daß man nun der Heldin die Erregung anmerkte, die diese 
Worte verraten, wirkt sie im Gegenteil wie eine völlig unbeteiligte 
Person. In der ruhigen Haltung einer gehobenen Mittelstands 
Statue erfüllt sie die Mitte des Zimmers, und der Windstille, die 
ihren Busen am Wogen verhindert, entspricht durchaus die Gleich 
gültigkeit, mit der sie den Revolver umfaßt. Das Mordinsirumenl 
könnte eine leere Streichholzschachtel sein, die im nächsten Augen 
blick abgelegt wird, so gering sind seine Beziehungen zur Ge 
fallenen und zum Frack. Und doch diese tragischen Worte? Die 
Aufnahme beweist, daß sich zur Zeit ihrer Entstehung der in 
zwischen vom Film eroberte Raum noch nicht aufgetan hat. Der 
Salon ist ein abgewandeltes Bühnenpodium, die Darsteller find 
Schauspieler, die nicht reden dürfen, die Möbel kommen aus der 
Requisitenkammer, und die Kamera hat Angst, sich vom Fleck zu 
rühren. Solange dieses Borstadium dauert, gehören die Menschen 
und Dinge weder mehr zum Theater, in dem sie sich verständlich 
machen könnten, noch bereits in jene Welt, die auf der Leinwand 
widergespiegelt zu werden vermag. Es sind Gespenster, die im 
Morgengrauen agieren und deren Sprache nicht die unsrige 
ist. Ihre Gebärden scheinen ihre Worte Lügen zu strafen, ihre 
Arglosigkeit ist Aufruhr, und ihre Pistolen schießen ins Leere. 
Wenn die Kamera aus der Starre erwacht, werden sie weichen.' 
Viele Filme der abgelebten Epoche sind nur noch komis ch. 
Nicht dort wo ste komisch sein wollen, sondern gerade an den 
Höhepunkten des Ernstes. Inmitten einer Friedhofsszsnerie zukn 
Beispiel, die offensichtlich best rührenden Schluß einer dramatischen 
Handlung bildet, verweilen ein besser gekleideter Herr, der jedem 
Courths-Mahler-Roman zur Ehre gereichte, und die kniende 
Henny Porten, Der Kommentar zum. Bildertext lautet: 
„Der schönste Platz, den ich auf Erden hab', 
Das ist die Rasenbank am Elterngrab." 
Daß die Trauergestalt und der etwas abseits stehende Herr 
erschüttert sind, duldet nicht ^n mindesten Zweifel. Dennoch 
zwingt das Bild Gelächter herauf, und auch andere, weniger krasse 
Szenen aus verjährten Gesellschastsfilmsn sind unrettbar der Ko 
mik verfallen. Sie entspringt einer bestimmten Veränderung, die 
mit diesen Bildern vorgegangsn ist. Zeigten sie ihren ersten Be 
trachtern im wesentlichen nur den von ihnen gemeinten Gehalt, so 
zeigen sie ihren heutigen Betrachtern das sonderbare, Sben ver 
moderte Milieu, in dem jener Gehalt sich so naiv kundgab als sei 
er darin wirklich verwurzelt. Wir sehen nicht nur die Ergriffen 
heit des Herrn, sondern auch sein antiquiertes Jackett, und sind 
zu bemerken genötigt, daß die Trauer Henny PortenS gleich unter 
der veralteten Hutform sitzt. Der Akzent der Bilder hat sich ver 
schoben, die modischen Aeußerlichkeiten, die früher verschwanden, 
treten jetzt wie eine Geheimschrift sichtbar hervor. Und statt von 
dem Pathos mitgerissen zu werden, das in der Zeit ihrer Aktuali 
tät aus ihnen sprach, erregt uns nur noch der lächerliche Kon 
trast, der zwischen den pathetischen Ansprüchen und der hinfälligen 
Erscheinung ihrer Helden besteht. Da der Film das erscheinende (
        <pb n="54" />
        Ss.8o/V&amp;gt;l,) 
^sulivL 
/ 
RroLsÜ 
unZemisebt 
Wabl 
ZÄUZ8 
VON äsr vürklieben Welt abZe- 
sebüürt, um in sieb 2U verenden. 
Ikr Leben ist einher NonoloZ. 
Hie Oestalten, mit denen sie um- 
Zsbt, verrinnen unä Zenau 
äort,. "vo sie eine Ourebbruebstelle 
Sekunden 2U baben Zlaubt, ist sie 
am weitesten von ibr entkernt, ^u- 
1st2t verstriekt sie sieb in Wabn- 
sinn, der dieVorstuks ibresllnter- 
^n§st erküllt diese 
ässto msbr vürä sis 
sis 
2u§rikk des Lebieksals entbinden moebts, so v^sr^Z 
in seine "Werks auk, daK er sieb noeb niebt einmal 
äialektiseb LU ibm verbält. Oennoeb meint er es 
r^sikellÖZ, ^enn er unbeirrbar, als ob er einem 
kremäen ^uktraZ Zeborebe, den OanZ des slsmen^ 
^aren Ossebsbsns verkol§t. Wer sollte so leiebt äen 
c.. .. °°tr»ks i ln o ? 6^.L ,st: i 
6«sIIschM ^irä smn, Ls mok ^bsr 
^s LrsprünZe bin^eZstzt^en äürkte. Mbme sie 
niebt äie Zan^e unerlösts 8eböpkun§ mit - die 
Triebs erbielten die Oberbanä unä äer Lsviatban 
verseblänss äis Welt. 
ibm Vsrkallenen und Asiebnet sie 8ebIaZ 
8ebla§. Wie ^.ärienns' Ussürat, so versinken 
Welt §enau so ds die des Ro 
mans: „Leviatban". In ibm suebt 
das VerbänZnis niebt ein sebuld- 
loses Opksr; Leidensebakten viel- 
mebr, die nn erb eilt galten, Sueben 
bier ibrerseits das VerbänAnis. 
Raul üueret, die RauptkiZur dieses 
"Werks, verkörpert die Lier naeb 
Reiebtum, Liebe und Llüek; Ua- 
äams Londs stellt die 8uebt der 
l^euZierds dar; Lrau OrosseorZo 
ist von jenen Ze^LlttätiZen Trie- 
ben bestimmt, dis unter der Lrusts eines versäumten 
Lebens sieb re§en. 8is begegnen sieb alle in der kro- 
vin2, die als ein ^lpdruek gestaltet ist, .den boebstens 
der Nond besebeint. Die Welt, so vürä am 8ebluK 
§ssaZt, ent^ieb der sterbenden ^nZele v?is ein böser 
Lraum. In der Lat, allein äis Ossiebte. des Lraums 
k U örn t nee i n l s » ä . sn M unZeb ^ e ° sm k mmtesnn ä ^eursbrueb äer kassion b esn - 
gehört äisssr ä^s ^sksii öss 
berank Na§ es ankängbeb noeb 2ÖZsrn ZsZen 
äas L . näe 2u ereilt es in 'cvörtliebem 8in , ne die 
dulien Oreen, dessen neuen Roman: „Lpaves" 
E im Leuillston äsr „Rrankkurtsr Leitung" ver- 
ökkentliebsn werden, ist von nerdamsrikaniseben 
Litern in Raris Zeboren und bat käst seine Zan26 
äuZend in Lrankreieb verbraebt. 
Ois Menseben, die der 2^eiund- 
duMpktzn, aus der Lebernatur ent- 
lasssnen ^latur, werden sie Zan2 
und Zar 2nr Reuts des 8ebieksa1s, 
das diese 8pbäre völlig beberrsebt. 
Ibm ist ^.drisnne Nssurat aus- 
Zeliskert, die Heldin von Lresns 
§1eiebnamiZem Roman. 8is feitet 
allmäblieb ins lotenreieb binab, 
das ibr dureb Menseben und 
LinZs seine Rotsebakten sebiekt. 
de mebr sis ibnen Lebör sebenkt 
— aber es'bleibt ibr keine andere 
dreikiZzäbriZe Üiebter in seinen 
bisberiZen Romanen darZestellt 
bat, sind ^.usZeburten der uner- 
losten und unerlösbaren ,8eböx- 
kun§. RettunZslös einb62o§sn in 
^rve». 
seblieLUob, unä nirgends erökknet sieb ein WeZ, äsr 
naeb auLen Vliese, in äas Ze^vordene Miteinander 
äsr Ävilisiertsn (FSLslIseLLkt. Oreen nimmt das uns 
.vertraute Ksssllsebaktliebs Oasein, äas sied äsm 
Die s^sts A^anuskcr'kpk'Leite cies Komanes „Lpaves" 
von /uiisn 6^een.
        <pb n="55" />
        Betrogene Jugend. 
Won Albert Lamm. 
Vorwort der Redaktion 
Die Erwerbslosigkeit ist zum Dauerzustand geworden« Wie 
rasch und bis zu welchem Grad sich dieser Zustand bei einem 
Konjunkturaufschwung ändern wird, steht dahin. Zweifellos ver 
streicht aber auch im besten Falle noch eine geraume Zeit über 
hie Wiedereingliederung der Massen in den Arbeitsprozeß. 
Zu leiden unter den schwer wandelbaren Verhältnissen hat vor 
allem die erwerLslose Iugend Ganze Jahrgänge Jugend 
licher, deren Recht und Pflicht es wäre, sich eine Stellung im 
Leben zu erobern, harren vor verschlossenen Türen. Ist die 
ältere Generation immerhin noch im Besitz von Erinnerungen, 
so dürfen sie nicht einmal Hoffnungen nähren, sondern werden 
zuM alten Eisen geworfen, obwohl sie doch funkelnagelneu glän- 
zen^ Und vorenthalten bleibt ihnen gerade das, wonach sie, ihrem 
Entwicklungsstädium gemäß, mit Leib und Seele verlangen: eine 
Tätigkeit, die ihrem Dasein eine Art von Sinn zu geben vermöchte. 
Has Outsidertum, Zu dem sie ohne ihre Schuld verdammt sind, 
ist aber um so bedrohlicher, als es an jener allmählichen Ver 
schmelzung mit der Gesellschaft verhindert, die sich von rechtswegen 
nach den Schuljahren vollziehen müßte, We wachsen nicht, wie es 
ihren eigenen und den gesellschaftlichen Notwendigkeiten entspräche, 
in die Arbeitsmethoden, Gesetze, Spannungen und geistigen Ueber 
lieferungen des Volksganzen und der ihnen zubestimmten Schichten 
hinein — sie stehen draußen wie Verbannte in einem abseitigen 
Raum. * 
Was weiß man von ihnen? So gut wie nichts und jedenfalls 
kaum mehr als dies: daß sie, die abgeschnürt vom Leben sind, 
das allein Leben heißen darf, mit einer begreiflichen Willfährig 
keit den politischen Rattenfängern Gefolgschaft leisten, die ihre 
Unerfahrenheit und ihren Tatendrang zu nutzen verstehen. Und 
Loch käme es darauf an, tiefer in diese Welt einzudringen, die sich 
neben der eigentlichen neu gebildet, hat. Denn überläßt man sie 
immer weiter sich selbst und einer verderblichen Agitation, so ver 
härtet sie sich mehr und mehr, und die in ihr sich regeMen Kräfte 
werden vollends an sich und an der Gesellschaft verzweifeln. Schon 
sind wir diesem Punkt bedenklich nahe ,gerückt. Und wenn es nicht 
bald gelingt, die unerträgliche Lage ü&amp;gt;er Erwerbslosen, durch ge 
eignete Maßnahmen erträglicher Zu gestalten, ist -das Gesamtleben 
der Gesellschaft gefährdet. 
Voraussetzung solcher Maßnahmen ist die Vertrautheit mit 
denen, deren Lage gebessert werden soll. In der Absicht, auf die 
betreffenden Zustände aufmerksam zu machen und so ihre Ver 
änderung einzuleiten, veröffentlichen wir im folgenden Auszüge 
aus einem (demnächst im Bruno-Cassirer-Verlag erscheinenden) 
Manuskript, das über die Lebensumstände der erwerbslosen Ju 
gend unterrichtet. Sein Verfasser ist Albert Lammein 
Äetzefinnter, tätiger Mann, der laWL Jahre in SüddeuLWaM 
lebte und Lmpfts und dann nach Berlin verzog. Warum? Weil 
er zu denen gehen wollte, „deren Leidensweg am Ende angelangt 
ist, die an das Zeitalter der Maschine sich selbst verloren hatten 
und nun auch von diesem abgeschoben waren ins Nichts: Zu den 
Erwerbslosen. Unter diesen aber Zur erwerbslosen Jugend. Denn 
nur Lei der Jugend kann ein neuer Lebenswille noch mit so viel 
Unbefangenheit sich äußern, als aller Schutt der Urteile, von 
mals es zuläßt, -7- gerade weil hier Erfahrung zum Vergleichen 
und. damit Verleitung zum bloßen Widerspruch fehlte Um diese' 
Jugend kennen Zu lernen und ihr Zu helfen, verschaffte sich Lamm 
eine Stelle als Zeichenlehrer an einem Jugendheim 
für Erwerbslose, das vor kurzer Zeit. geschloffen wurde.. 
Der Wert der Einblicke, die er hier erhielt, wird noch durch den 
der Haltung erhöht, mit dD er dem Uebermaß der Not entgegen- 
zutreten sich bemühte. 
Kurort Merlin 
. »E, im- IM 
Denn Berlin heute die Menschen starker als je verbraucht, so 
bemüht es sich doch auch doppelt um ihre Auffrischung, damit sie 
sich dann wieder besser verbrauchen können. Und diese Fürsorge 
ist bereits so weit gediehen, daß man die Erholung nicht einmal 
mehr in Wannsee suchen muß, sondern sie in der Stadt selber 
findet, dort, wo die Unruhe am größten ist. Lauter kleine, ihr 
dienstbare Oasen sind während der letzten Monate entstanden. Sie 
liegen mitten in der Krise und dem Wahlkampf und nur einen 
Schritt von den nächsten Sträßenkämpfen entfernt. 
So ist zum Beispiel der Dachgarten eines Hochhauses gegen 
über dem Anhalter Bahnhof ganz der Erholung gewidmet. Man 
durchstiegt im List zehn Stockwerke, in denen das Geschäftsleben 
wo nicht Müht, so doch vegetiert, und erreicht eine Plattform, 
die den Rang eines Höhenluftkurorts beanspruchen darf. Denn 
sie ist nicht einfach eine asphaltierte Rechtecksfläche, sondern eine 
Art künstlicher Alm» Saftige grüne Wiesen dehnen sich unmittel 
bar über den stickigen Büros, und aus dem Erdreich der Kassa 
bücher und Akten sprießt eine üppige Flora in zahllosen Kübeln" 
empor. Hier scheint die Sonne leuchtender als drunten in der 
Liefe, hier weht der Wind wie um Gipfel. Der besondere Zauber 
dieser tzimmelslandschaft besteht aber darin/ daß sie eine Menge 
Liegestühle enthält, die zur kostenlosen Benutzung sreigegeben 
sinh. Wer Will, kann in ihnen von früh bis in die Ncht hinein 
die Zeit vertrödeln, wenn er sie hat, und sich einbilden, auf der 
Terrasse eines Luftschlosses zu weilen. Zwar erblickt man von 
ihr-aus nur Berlin, das man kennt, aber ein anderes als das 
bekannte, dem man glücklich entronnen ist» Fremd wie ein 
blaues Tellergemälde schimmert die Stadt. Ihre Armut, ihre 
Erwerbslosen und ihre politischen Wirren werden durch die 
Dächer verborgen, die sich nach allen vier Himmelsrichtungen 
erstrecken und in eine leichte Dunsthülle getaucht sind, der allein 
die Kuppeln, Türme und Hochhäuser entsteigen. Ist das noch 
Berlin? Nicht die Stadt selber,^ ihr unwirklicher 
Glanz dringt zu den Liegestühlen hinauf -- ein Glanz, der sich 
Von den Straßen und Plätzen abgelöst hat und den reinsten 
Sommerfrischenfrisden verbreitet. Die Kurgäste laben sich an 
dem Frieden, lassen sich bräunen und genießen das Panorama, 
aus dem . sie stammen, wie eine M sie nie durch ¬ 
messen werden. Um die Illusion noch vollkommener zu machen, 
steht ihnen überdies ein Fernrohr zur Verfügung, das nicht so 
sehr die Annäherung der Schaüobjekte als Me Versetzung in ein 
entlegenes Jenseits bezweckt. 
Diese der Erholung günstige Abgeschiedenheit wird auch aus 
ebener Erde neuerdings zu erreichen versucht. Merdings ist die 
Sehnsucht nach ihr im StraßMN schwerer zu befriedigen als 
hoch über den Dächern, und es bedarf schon besonderer Vorkeh 
rungen, um sie hier unten ungetrübt zu verwirklichen. Ein vor 
kurzem eröffnetes Cafe, das dicht neben einem Verkehrszentrum 
liegt, vermittelt seinen Gästen dadurch die gewünschte Entspan 
nung, daß es sie in einen submarinen Naturschutz 
park verpflanzt. Zwischen den einzelnen Tischen sind leuchtende 
Glaskästen ausgestellt, in denen die merkwürdigsten Fische sorglos 
herumschwimmen. Sie nahen Ar rauschenden Gewändern, schillern 
in bunten Färben und tragen schwierige lateinische Namen, M 
für alle Fälle auf.kleinen Schildern verzeichnet sind. Aber man 
muß zum Glück ihre Namen nicht auswendig lernen, sondern 
braucht nur die Bewegungen zu verfolgen, die diese Unterwaffer- 
gsschöpfe vollführm während man sie unaufhörlich und sinn 
los an bleich Farnen vorbeiziehen 
ficht, beginnt man selber von der Oberwelt zu genesen. Das Bei 
spiel der innerlich erhellten Aquarien verführt sämtliche Herzen, 
und es ist, als ließen sie sich allmählich von der stummen Weisheit 
der Fische erfüllen. VM sich' die Gäste, auch darum 
der Ruhe so willfährig hin, weil ihnen durch das Treiben in den 
perlenden Gewässern die Aussicht auf die Nachb^rtische verdeckt 
wird. Die gläsernen Wände verwehren den Gesichtern, 
ihnen aufsteigen wollen, schreckhaft deutlich zu werden, und machen 
hie Worte unhörbar. So bleibt man allein in der Gesellschaft der 
schweigsamen Wesen zurück und ist ihnen nachzueifern genötigt. 
Himmel und Meeresgrund liegen mitten in Berlin. Und ich 
weiß nicht, was wunderbarer ist: daß man gar nicht erst verreisen 
muß, um in ihren Höhen und Tiefen wie in Kurorten Erholung 
Zu finden oder daß man von der langen Reise nach diesen uner 
meßlichen Fernen mit einer Plötzlichkeit ohnegleichen zurückkehren
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        ZZ-Ju&amp; /93b 
Ng 540-542
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        ! wenn: 
1 er von Deutschen... oder einer Gesellschaft hergestellt ist, 
j die nach deutschem Recht mit dem Sitz in Deutschland errichtet ist, 
i 2. die Atelieraufnahmen und — soweit die Art des ver- 
! filmten Gegenstandes es zuläßt — auch die Außenaufnahmen 
in Deutschland hergestellt sind, 
Z. das Manuskript, bei Tonfilmen auch die Musik, von 
j Deutschen verfaßt ist, 
4 . die Produktionsleiter und Regisseure Deutsche sind, und 
j 5. 75 v. H. der Mitwirkenden innerhalb der einzelnen Ve- 
j schäftigungsgruppen Deutsche sind." 
' Es ist klar, daß durch diese Festsetzung die Freiheit der 
inländischen Produktion getroffen wird. An ihr find faküsch 
viele Ausländer (in der Hauptsache Oesterreicher und Ungarn) 
beteiligt, die fortan nur noch in einem bestimmten Prozentsatz 
auftreten dürfen, wenn ein unter ihrer Mitwirkung ent 
standener Film das Prädikat „deutsch" erhalten soll. Be 
teiligen sie sich in einer größeren Zahl als der zulässigen an 
dem betreffenden Werk, so fällt dieses — eine rigorose Hand 
habung der Verordnung vorausgesetzt — unverzüglich unter 
die Sonderbestimmungen, die für ausländische Filme gelten. 
Auch die Theaterbesitzer'haben Grund, von der Neuregelung' 
eine Erschwerung ihrer Lage Zu fürchten; denn die von ihnen 
schon seit einiger Zeit als unzureichend empfundene Beliefe 
rung des Marktes durch die deutsche Produktion wird sich in 
Zukunft eher noch dürftiger gestalten. 
Aber hier handelt es sich nicht so sehr um die etwaigen 
Schwierigkeiten des Gewerbes, als um den Gehalt der Maß 
nahme selber. Sie ist zweifellos ein Zeichen jener autarki- 
schen Tendenzen, die heute durch die Welt gehen (und sie 
zersplittern). Andere Staaten haben ja ebenfalls ihre Kon 
tingentbestimmungen oder werden sie erlassen. Dergleichen 
steckt an, und bald wird sich jedermann fragen müssen: nicht 
wo er der von ihm gemeinten Sache am besten dient, sondern 
wo er die prozentualen Bedingungen nicht verletzt. (Sonder 
bar oder vielmehr gar nicht sonderbar: daß gerade die Regle 
mentierung nach derartigen „nationalen" Gesichtspunkten 
Mechanistischen Grundsätzen Zur Macht verhilft.) 
II. . 
Wäre die neue Kontingent-Verordnung vorwiegend eine 
Aktion wirtschaftlicher Notwehr, so hätte man sich außerhalb 
der am Film interessierten Kreise wahrscheinlich nicht viel um 
sie bekümmert. Die Sensation, die sie in der Öffentlichkeit 
hervorgerufen hat, erklärt sich eben daraus, daß man in ihr 
«weniger das Produkt ökonomischer Erwägungen als ein 
Symptom des „n e uen Kurse s" erblickt. Sie scheint in 
irgendeinem unterirdischen Zusammenhang mit der geplanten 
Rundfunk-Reorganisation zu stehen und wie diese eine Kultur 
Politik einleiten zu wollen, die den in der Regierungserklärung 
des jetzigen Kabinetts vertretenen Anschauungen entspricht. 
Und indem sie den Numerus eluusus für ausländische Film 
schaffende einführt, begibt sie sich, so glaubt man Zu spüren, 
in eine gefährliche Nähe Zum nationalsozialistischen Programm, 
dem sich der verfassungsmäßige Begriff des Deutschen noch 
Nicht einmal in der deutschen Staatsangehörigkeit erschöpft. 
Indessen wäre es schon darum verfehlt, die Verordnung 
rein als ein solches Symptom Zu bewerten, weil sie nach zu 
verlässigen Informationen längst vor dem Regierungsantritt 
des Präsidial-KabiM geplant gewesen ist. Wenn aber ihre 
- Bearbeitung noch in die Zeit Brünings fällt, handelt es sich 
Lei ihr jedenfalls nicht um eine plumpe Anpassung an die 
augenblickliche Konjunktur. Hinzu kommt ferner, daß sie tat 
sächlich ernsten Ueberlegungen entspringt, die auf eine Ver 
besserung des Stands der deutschen Film 
produktion abzielen. Diesen Ueberlegungen nachzugehen, 
ist unter allen Umständen wichtiger als eine Kritik, die ihrem 
Gegner nichts vorgibt und sich undialektisch zu ihm verhält. 
Denn eine Sache angreifen heißt das wirklich (oder auch nur 
vielleicht) mit ihr Gemeinte vollkommen ermessen. 
Analyse einer Merordnung» 
Zur Neufassung 
der Filmkontingent-Bestimmungen, 
Von S. Kracauer. 
Berlin, im Juli. 
I. 
Die durch die Notverordnung vom 28.,Juni in 
Kraft getretene Neufassung des F i l m k o n t r n g e n t- 
Gesetz e s ist eingreifendex Art und hat sowohl ihrer prak 
tischen Folgen wie ihrer mehr prinzipiellen Bedeutung wegen 
Anlaß zu erregten Diskussionen in der Fachpresse und rn den 
Tageszeitungen gegeben. Und zwar beziehen stcy dre Erörte 
rungen vor allem aus die folgende, jetzt hinzugekommene Be 
stimmung: , 
, „Ein Bildstreifen ist als deutscher Bildstreifen anzuerkennen, 
Die Verordnung ist, wenn ich recht unterrichtet bin, auf 
die Einsicht zurückzuführen, daß der deutsche Film an Su be 
st anzlosigkeit krankt. Diese Erkenntnis — sie bildet die 
Grundvoraussetzung der Kontingent-Bestimmungen — deckt 
sich durchaus mit dem Ergebnis der kritischen Filmbetrach- 
Lungen, die wir seit langem in der „Frankfurter Zeitung" üben 
müssen. Immer wieder haben wir auf die Leere der meisten 
Lei uns gebotenen Filme hingewiesen, auf ihre fatale Neigung, 
die Wirklichkeit durch Illusionen und Dekorationen zu ver 
stellen, auf ihre Armut an unableitbarem Leben, Mit einem 
Wort: sie sind Konfektion. Nun geht die Meinung des 
Gesetzgebers offenbar dahin, daß das Unwesen dieser Kon 
fektion durch gewisse ausländische Elemente ver 
schuldet werde, die sich an allen entscheidenden Stellen der 
Filmbranche eingenistet hätten und andere, vielleicht substan 
tiellere Kräfte verdrängten. Die ins Auge gefaßten Klüngel 
näher zu kennzeichnen, ist hier nicht unsere Sache. Genug, daß 
das Leitmotiv des zitierten Abschnitts der Verordnung dieses 
ist: eine Handhabe zu erhalten, die es ermöglicht, bestimmte 
verderbliche Einflüsse eine Zeitlang aus dem Filmbetrieb aus- 
zuschalten und Raum zu schaffen für Menschen, denen man 
mehr Gehalt zutraut. Die faktische Monopolstellung der 
formalen Versiertheit, die unter anderem auch die 
unmögliche Gattung der „gedubbten" Filme auf den Markt 
gebracht hat — das heißt, jener Filme, in denen den Dar 
stellern des Produktionslandes die Sprache des Absatzlandes in 
den für sie nicht bestimmten Mund gelegt wird — soll zugunsten 
von inhaltreicheren Leistungen aufgehoben werden, deren mut 
maßliche Schöpfer sich bisher nur noch nicht hatten durchsetzen 
können. Damit ist Zugleich gesagt, daß sich die Verordnung 
ihrem Sinne nach nicht gegen die im deutschen Filmbetriebe 
tätigen Ausländer als solche richtet, sondern allein gegen die 
typischen Konfektionäre, die zum großen Teil Ausländer seien. 
In der Tat ist den Kontingent-Bestimmungen ein Passus ein 
gefügt, der den staatlichen Exekutivorganen gestaltet, aus 
„kulturellen oder künstlerischen Erwägungen" im Einzelfall auf 
die Durchführung des numerus eluusus zu verzichten. Unter 
der Zur Zeit fraglos erfüllten Bedingung, daß der Exekutor 
weiß, worauf es im Film ankommt, hätte also das Reich jetzt 
eine vernünftige Regulierung des Filmbetriebs in der Hand? 
Wir möchten es glauben. Aber jede gesetzgeberische Maßnahme 
entwickelt ein eigenes Leben aus sich heraus, dessen Richtung 
unabhängig ist von der des immer auswechselbaren Trägers 
der Exekutivgewalt. Und es scheint uns keinen Zweifel zu 
dulden, daß der Kontingent-Verordnung Tendenzen inne- 
wohnen, die sich unter den herrschenden Umständen verhängnis 
voll auswirken werden. Sie gehen nicht zuletzt aus einer 
F eh l k o nst ru kti o n im Kern der Verordnung hervor. 
III. 
Angenommen selbst, daß die hier dem Gesetzgeber Zugescho 
Hene Argumentation den Tatbestand trifft und für die Her ¬ 
stellung substanzloser Konfektiönsware faktisch die in der hei 
mischen Filmindustrie wirkenden Ausländer verantwortlich zu 
machen sind, so heißt das doch noch nicht, daß die Sub st a n Z 
eine Funktio n d er Staatsangehörigkeit, der 
Herkunft,- e r Ä b st a mmung sei. Eben diese verkehrte 
Deutung des Tatbestandes gehört aber mit Zum Fundament 
der Bestimmungen, und genau in ihr besteht die gemeinte Fehl 
konstruktion. In anderen Zeiten hätte sie vielleicht keine be 
denklichen Folgen, sondern träte hinter dem praktischen Zweck 
einer solchen Verordnung Zurück; in unserer Zeit muß sie dar 
um schädliche Wirkungen haben, weil sie eine weitverbreitete 
Anschauung gewissermaßen legalisiert. Die nationalistische An 
schauung, derzufolge das Nationale sich nicht in substantiellen 
Leistungen offenbart, sondern, gleichviel im übrigen, wie es 
beschaffen ist, als deren alleinige und entscheidende Bedingung 
gilt, Sie macht die Substanz, die doch eine Sache für sich ist, 
zum Derivat des Nationalen schlechthin. 
Der TatbM der den Anstoß zur Verordnung gegeben 
hat- läßt in Wirklichkeit nur die Deutung zu, daß man bei 
uns nicht dazu fähig gewesen ist, dem ausländischen Einfluß 
wirkungsvoll zu begegnen. Mehr noch: man hat die Konfektio« 
näre nicht etwa lässig geduldet, sondern sie begünstigt und ihre 
Ware, positiv bewertet. Zum Teil aus Gründen, die jedenfalls 
nicht zu Lasten der betreffenden Ausländer fallen. Es muß 
hier bündig erklärt werden, daß gerade die verlogensten 
und hohlsten Produkte der Konfektion von 
breiten Schichten desdeutschenKinopubli- 
kums mit besonderem Beifall ausgenommen worden sind. Die 
Branche hat sich nach den Kassenerfolgen gerichtet. Das An 
schwellen der substanzlosen Filme kann also keineswegs allein 
auf die Tätigkeit der Ausländer zurückgeführt werden, sondern 
ist ebenso sehr in unserer gegenwärtigen Mentali 
tät begründet. Enthielte sie genug Widerstandskräfte, so wäre 
der etwa von außen kommende schlimme Einfluß rasch ge 
brochen. 
Nun könnte es scheinen, als ob die Verordnung dieser
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        waltungsprinzips verhindern. Der Erkenntniss 
Raum gewährend, daß Kultur Nicht zu bevormunden ist, son-! 
dern höflich ausgesucht Zu werden verlangt, hätten sie vor 
allem dafür zu sorgen, daß die eigentlichen Kulturträger — 
Autoren, Künstler usw. — ihren.Wünschen und Meinungen 
innerhalb des Rundfunkbetriebs Geltung verschaffen kön en. 
Der unlängst in Berlin gegründete „Bund freier Rundfunk 
Autoren" hat Vorschläge für Programmausschüsse ausgear 
beitet, die sich aus Mitgliedern des Bundes zusammensetzen 
Im Interesse der Programmgestaltung des Rundfunks 
wird eine weitgehende Auflockerung der Leitsätze uner 
läßlich sein. Sie muß von den Richtlinien erwartet werden 
und hängt auch ein wenig — keineswegs in einem entscheiden 
den Sinne — von der Wahl der mit der Exekutive zu betrau 
enden Funktionäre ab. Je verständiger und liberaler die Pro 
grammbeiräte zusammengesetzt werden, desto mehr vergrößern 
sich die notwendigen Durchbruchsmöglichkeiten. Der Geist 
selber, in dem die Bestimmungen erlassen sind, bleibt allerdings 
vorerst unaufhebbar. 
Immerhin sollte er, eben auf Grund der hier angestellten 
Überlegungen, die Gefahr bemerken, in die er sich begibt. 
Er trocknet den Boden aus, den er bestellen will, wenn er die 
Kultur einfach zum Objekt der Verwaltung macht und sie 
Zwecken verpflichtet, die sie sich nicht selber stellt. Die kommen 
den Männer des Rundfunks müßten zum mindesten soweit 
Selbstentäußerung üben, daß sie Vorkehrungen einschal 
ten, die eine radikale Durchführung des Ver- 
Stadt-Erscheinungen. 
Von S. Kracauer. 
Berlin, Anfang August. 
Der Tänzer. 
Hohe Mietshäuser fassen die grade Straße ein, in der zwei 
Baumreihen stramm stehen wie Rekruten. Vom einen Stamm zum 
andern sind immer genau zwölf Schritte. Ueber den Laubmon- 
turen ragen die Fassaden hervor, schmutzige Wände mit einge 
lassenen Balkönen und vielen Fenstern, hinter denen sich ein besse 
res Familienleben vollzieht. Es verfügt über Warmwasser und 
Zentralheizung, und wenn eine Familie das Haus räumt, , rückt 
die neue gleich nach. Veränderungen entstehen dadurch nicht; 
höchstens wird die Dapetenfarbe gewechselt. Im Erdgeschoß be 
finden sich unbedeutende Kneipen und kleine Läden, die dem Be 
darf der Straßenbewohner dienen. Aus den Küchen schlürft es in 
diese Geschäftchen hinein und dann wieder empor zu den Etagen. 
Die Trottoirs sind viel zu breit, da die wenigen Passanten, die 
sie bevölkern, dicht an den Schaufenstern entlang zu gehen Pflegen. 
Auf dem Asphalt fahren fortwährend Wagen und Taxis vorbei, 
die im Verein mit einigen Zeitungsbuden der Straße ein groß 
städtisches Aussehen verleihen. Dennoch langweilt sie sich. Ihre 
Erker sind es müde, sich ewig anzustarren, und ihre Bäume müssen 
immer denselben Abstand wahren. Man könnte sich vorstellen, daß 
die Straße zum Zeitvertreib gern mit einer der zahlreichen 
Straßen tauschte, von denen sie rechtwinklig gekreuzt wird. Aber 
diese Straßen unterscheiden sich nicht im geringsten von ihr. So 
bleibt sie lieber, wo sie ist, schnurgerade Straße, wie es deren 
Tausende gibt. 
In ihrer Mitte erscheint ein schmächtiger, verwahrloster Mann. 
Er denkt nicht daran, den Fußgängersteig zu benutzen, sondern be 
wegt sich auf dem Fahrdamm, der jetzt, am frühen Nachmittag, kaum 
befahren wird. Bewegt sich der Mann wie ein gewöhnlicher Mensch? 
Seine Schritte sind die eines Tänzers. Jeder hat im Kino schon 
Zeitlupenaufnahmen gesehen, durch die alle Gebärden zum Ver 
weilen gezwungen werden. Der Springer scheint in der Luft inne- 
zuhalten, der fallende Reiter erreicht niemals die Erde. Nicht anders 
tanzt auch dieser Mann über den Asphalt. Während wirkliche 
Tänzer in einem Rhythmus dahingleiten, der uns faßbar ist, be 
schreibt er Figuren, die von einer unnatürlichen Langsamkeit sind. 
Bald schwebt er so gemächlich zwischen den Baumreihen, als wolle 
er nicht mehr den Boden berühren, bald kriecht er wie ein Wurm 
ohne Flügel und führt dabei Drehungen aus, die kaum je zur 
Spirale gedeihen. Die Uebergänge zwischen den verschiedenen Höhen 
lagen sind sanft und verworren, und die Kurven, in denen er sich 
windet, ähneln endlosen Schnörkeln, die an eine unsichtbare Unter 
schrift angefügt'werden. Gesang begleitet ihre Entwicklung. Wahr 
haftig, der Mann singt mit einer Stimme, die hell wie die eines 
Kindes ist. Die Melodie hört nicht auf und fängt nicht an, sie folgt 
vielmehr den unverständlichen Bahnen, die er ohne Abschluß auf 
und nieder zieht. Statt sich ihnen aber anzupassen, klingt sie immer 
gleich hoch und fern, eine Melodie von entlegener Süße, die nicht 
abreißt, so sehr sie auch gedehnt wird. Wie schön könnte sie sein, 
wäre sie nicht unheimlich wie der verlangsamte Tänzer! Sein 
Haar ist rötlich, seine Blicke richten sich auf das Asyl, das ihm in 
dieser Welt vorenthalten worden ist. Wir andern erkennen es 
nicht, er selber jedoch ist bereits auf dem Wege zu ihm, und zieht 
mit irren Tönen und Zeitlupenschwüngen in eine unzugängliche 
Geborgenheit ein. 
Die Mietshäuser reihen sich unbeteiligt aneinander. In ihrem 
Innern rauscht Warmwasser, und außen steht nüchtern das Laub. 
Zwölf Schritte sind immer von Baum zu Baum. Vielleicht hat die 
Straße den Tänzer ausgebrütet. Und was sie verschweigen muß, 
verdichtet sich zu dieser Figur. 
Die Brücke. 
In einer Hauptverkehrsgegend kreuzt die Stadtbahn einen 
breiten Straßenzug. Er macht nicht die geringste Biegung, und 
jedermann kann ohne Schwierigkeit unter der Brücke Passieren, 
auf der in einem fort die Züge hin- und Herrrollen. Obwohl sie 
kein Hindernis bedeutet, ist sie aber doch eine Scheidewand. Sie 
spaltet die Straße in zwei Teile, die sich trotz ihrer Gleichförmigkeit 
nicht miteinander vermischen. 
Der eine Teil liegt in der Weltstadt. Er enthält belebte Ge 
schäfte, Amüsierlokale und glänzende Lichtreklamen, und wird von 
einem Menschenstrom durchzogen, der sich ununterbrochen weiter- 
wälzt. Den Strom abzulenken, scheint unmöglich zu sein. Mit 
einer unerbittlichen Gewalt wogt er genau bis Zur Brücke und 
bricht dort jäh ab, ohne den anderen Teil der Straße auch nur 
zu streifen. Wäre dieser noch eng und verkümmert! Aber davon 
kann nicht die Rede sein. Seine Häuser suchen an Pracht ihres 
gleichen, und schöbe sich nicht die Brücke dazwischen, so merkte 
niemand den Unterschied zwischen beiden Hälften. Und doch ist 
die jenseits der Stadtbahn gelegene nicht wie ihre gradlinige Fort 
. setzung vam Weltstadtgetoss erfüllt, sondern in den tiefsten Provinz 
frieden getaucht. Der Gegensatz ist so kraß, daß man ihn unmittel- 
und Einfluß auf die Programmbildung der Ruüdfunkgesell- 
schaften sowie auf die Vergebung von Arbeiten gewinnen 
sollen. Sei es durch diesen Bund, sei es auch durch andere 
Mittel — die neue Rundfunkverwaltung wird jedenfalls zur 
freiwilligen Beschränkung ihrer Machtansprüche genötigt sein, 
um kultureller Leistungen überhaupt habhaft zu werden. Ver 
führe sie nach den Maximen der Leitsätze und so autoritär, wie 
diese es gestatten, wir gingen Zeiten einer entsetzlichen Dürre 
entgegen. 
Nicht minder gefährdet würde es dadurch, daß man es 
einfach „in den Dienst der nationalen Idee" stellen wollte. 
Eine kulturelle Leistung hat Gehalte zu vergegenwärtigen, 
und die Art und Weise, in der sie das tut, ist unstreitig immer 
durch nationale Eigentümlichkeiten bedingt. So gut es nun 
möglich ist, daß diese Gehalte sich ausdrücklich und unmittelbar 
auf das Nationale beziehen, so wenig ist doch dergleichen 
allgemein zu fordern. Denn die Kulturarbeit hat ihren Wert 
in sich selber und wird darum in dem Augenblick aufgehoben, 
in dem man sie einer von außen herangebrachten Idee Unter 
tan macht. Welch eine Umkehr der wahren Verhältnisse! Wäh 
rend tatsächlich die nationale Idee von den bedeutenden Kul 
turwerken her Inhalt und Glanz empfängt, möchte die neue 
Rundfunkregelung die Kultur der nationalen Idee versklaven. 
Worauf gründet sich diese nationale Idee, wenn nicht auf die 
kulturellen Leistungen des Volks, die das Dunkel vor uns in 
engster Fühlung mit den verschiedensten Sachen und Stoffen 
I immer neu durchdringen? 
Es ist eben doch der Bürokratismus, der aus den genann 
ten Weisungen spricht. Er lebt nicht in der Kultur, er meint, 
über sie verfügen zu können. Mag er das Gute auf seine Weise 
wollen: in Wirklichkeit führt er zur Restauration. Vielleicht 
gelingt es ihm, die hohle Zerstreuung zu reduzieren. Aber er 
ersetzt sie nicht durch Kultur, sondern droht diese kraft autori 
tärer Maßnahmen in eine dumpfe Ge fan ge ns ch aft zu 
bringen, in der sie sich am Ende noch schwerer regen kann als 
in Zeiten, in denen die Zerstreuung gleißend und gewaltlos 
ihren Platz einnimmt.
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        wegen, sondern um der Substanz willen, die ihn vor den 
meisten anderen Filmen auszeichnet. Man kann nichts aus ihm 
lernen; 
duktion 
Nullpunkt angelangt. 
Weltnot unbekannt ist 
Ehebruchs unerträglich 
verwandte Regiekunst? 
Ehrendiplom 
Grenze der 
Richtigkeit. 
Es wäre 
zeigt würde. 
Der 
ist -oas 
putzt er sich seine Schuhe. Wird so wie hier die 
Lust durchschaut, dann hat es mit dieser seine 
Der französische Film darf sich eben darum jede Freiheit er 
lauben, weil er sie nirgends mißbraucht. Er.gründet die Schnödig- 
keit in Trauer und.verbindet das Frivole mit dem in Frankreich 
heimischen WiMchkeitssinn. Von einem großartigen Realismus 
ist die Szene im Morgengrauen. Der Hausdiener des Bordells 
fegt die Schmutzreste zusammen, die das einzige Ueberbleibselder 
nächtlichen Vergnügungen sind. Aus dem Draht des Kranzes, 
der das Haupt des einstigen Tugendkönigs schmückte, macht er 
sich einen neuen Schlüsselbund zurecht, und mit dem zerfetzten 
zu wünschen, daß der entzückende Film überall ge- 
. Nicht seiner (allerdings hervorragenden) Mache 
die vollendete Substanzlosigkeit. In dem unseligen Hollywood 
scheinen nachgerade alle Substanzen ausgelaugt zu werden. Mgn 
verfährt dort nach einem Kodex, von dem man zü glauben scheint, 
daß er internationale Gültigkeit besäße. Indem man aber nur 
Stoffe, Typen und Gesten passieren läßt, die angeblich der all- 
Der Lubitsch-Film ist bereits auf diesem 
Er spielt in einem Milieu, in dem Äre 
und zieht das Nichts eines überflüssigen 
in die Länge. Was nutzt die auf ihn 
gemeinen Nachfrage entsprechen, beraubt man die Filme sämtlicher 
besonderer Gehalte und bringt Surrogate zuwege, die hoffentlich 
eines Tages überhaupt nicht mehr erfragt werden. Sie bestehen 
aus lauter Abstraktionen und haben mit zu hohen Allgemein 
begriffen die Inhaltsarmut gemein. Aus Liebe wird in ihnen 
Liebelei, aus -einer idealen Gestalt ein Star und aus der Wirk 
lichkeit ein Schatten. 
Sie gleicht der Kunst des Friseurs und 
ist gerade darum erbärmlich, weil sie sich ohne Beziehung zu irgend 
einem bedeutenden Stoff entwickelt. Maurice Chevalier ist 
mit ins Verderben gerissen worden. Er, der einst groß war, als 
er im Empire die „Valentine" sang; und sich noch damit be 
gnügte, ein Pariser Gawin zu sein, muß heute amerikanisch und 
deutsch parlieren und hat damit sein Wesen verloren. Man hat 
ihm aus Geschäfts gründen Weltgeltung verschafft und ihn zugleich 
zum Markenartikel entwertet. Dabei spürt man überall seine 
Natur durch und merkt auch, was Jeanette MacDonald zu leisten 
vermöchte. Schauriger Anblick: wie Liese beiden sich zu Aller- 
weltsfigunD erniedrigen. 8. LraoLuar. 
bar hinter der Brücke erfährt. Wer sich aus dem Menschengeriefel 
löst und nur ein Paar Schritte tut, ist bereits vom Leben ab- 
yetrennt und kommt vor Einsamkeit um. Ein Modergeruch um 
weht diesen Straßenteil, und welche Anstrengungen rmmer gemacht 
werden, um ihn aufzufrischen, sie verfehlen ihr Ziel Aus der 
Ueberlegung heraus, daß eine Brücke keine Wand und ern Weg 
von Zwei Minuten keine Entfernung ist, haben sich hler Cafes 
und Vergnügungsstätten angesiedelt, die von der Nähe des Ver 
kehrs zu profitieren suchen. Es gelingt ihnen nicht, -^hre Herr 
lichkeit gleicht der von Strandkasinos, und ihre Gärten erinnern 
an die Vergnügungsorte mittlerer Städte. So unverwischbar ist 
der verschollene Eindruck, den sie erwecken, daß sie auch dann 
hinterwäldlerisch wirken, wenn sie Besuch von der anderen breite 
erhalten. Indem die Gäste die Brücke kreuzen, kehren sie in ver 
gangene Zeiten zurück. Sie verwandeln sich in altmodische Per 
sonen, und ihre Hüte und Kleider sind aus der vorigen Generation. 
Der Menschenstrom wird auch von der Gewohnheit gelenkt. 
Die Macht, die sie ausübt, übertrtfft die großer Umstürze. Viel 
leicht vermöchte nicht einmal eine Revolution die Scheu vor der 
Brücke zu besiegen und die eine Straßenhälfte aus der Ver 
lassenheit zu retten. 
Ausländische Mine. 
Berlin, im August. 
Eine französische Satire. 
Keck und reizend wie Maupassants Novelle „1.6 ro8i6r äs 
Naäams Hu88on" ist auch der nach ihr gedrehte französische Film: 
„Der Tugendköni g". Um Einen Begriff von seinen Vor 
zügen zu geben, muß ich den Inhalt wenigstens andeuten. In 
einer französischen Provinzstadt wird jedes Jahr eine Tugend 
königin gewählt. Da zur Zeit der Handlung aber die Tugend unter 
den Mädchen ausgestorben zu sein scheint, fällt die Wahl aus 
nahmsweise auf einen Jüngling, der ein vollendeter Trottel ist. 
Er wird gekrönt und erhält ein Diplom, das seine Tugend preist. 
Beim Festessen trinkt er zu viel, besteigt dann im halben Rausch 
emen Omnibus nach Paris und gerät mit seinem Diplom in ein 
öffentliches Haus. Hier gewinnt er Geschmack an der Liebe, ver 
liert dabei allerdings die ihm bestätigte Tugend. 
Der Zauber dieses Lustspiels erklärt sich weder aus der Kunst 
der Darsteller und des Regisseurs Bernard Deschamps noch 
etwa aus der Verwirklichung neuartiger filmischer Möglichkeiten 
sondern rührt einzig und allein von gewissen Eigentümlichkeiten 
her die rhm wie selbstverständlich innewohnen. Französischer EsPrit 
und französische Lebensauffassung bewähren sich in dem Film. 
Sie durchsetzen ihn, sie erzeugen seine Pointen. Gewiß ist er auch 
von begabten Kräften geschaffen; aber den Erfolg, der ihm mit 
Recht zuteil geworden ist, verdankt er doch nur jenen Qualitäten, 
me ihm als eine natürliche Voraussetzung zugrunde 
uegen und schlechterdings unnachahmlich sind. 
Oder wäre es zum Beispiel in einem anderen Lande möglich, 
den herrschenden Kleinbürgertypus, Provinzgebräuche und natio 
nale Gepflogenheiten so anmutig-frech zu verspotten? Das sichere 
Frankreich produziert und erträgt diesen Spott. Unter den An 
Machen, die auf den Tugendtrottel gehalten werden, findet sich 
obligate des Ministers. Aber der Minister ist nur in 
Gestalt eines Grammophons zugegen, auf dem die bei solchen Ge 
legenheiten ein für allemal übliche Rede abgespult wird. So geht 
es werter. Während die Marseillaise zu Ehren des Tugendkönigs 
ertönt, macht dieser eine besonders klägliche Figur, unter der das 
Ansehen der Nationalhymne zu leiden hat. Und nachdem der Held 
verschwunden ist, benimmt sich der Feuerwehrkommandant der 
ihn zu suchen hat, wie Napoleon vor dem Antritt einer ruhm 
reichen Expedition. 
Auch der unvergleichliche Charme, mit dem die Frivolität ver- 
gegenwarügt wird, ist nicht zu verpflanzen. Bezeichnend für ihn ist 
vor allem die gewagte Szene zwischen dem Mädchen und dem 
diplomierten Jüngling im Bordellzimmer. Statt daß die beiden 
selber erscheinen, ist nur das Zimmer zu sehen, in dem sich das - 
Publikum, das die Bewegung des Aüfnahmeapparats mitzuvoll- 
Mhen genoügt wird, mehrmals umherdrehen muß. Bei der ersten 
^rehung zeigt sich die Toilette des Mädchens, bei der zweiten er- 
blM man die Kleider des Liebesnovizen über einem Stuhl Ich 
diesen lur die Handlung entscheidenden 
man^ darstellen können. Aber ich erinnere Mich 
mancher Filmlustspielszenen anderer Nationalität, die rein thema- 
stöß' °w' ^°Eloser waren als diese und doch plump und an- 
aber man kann an ihm abmessen, was der übrigen Pro- 
fehlt. 
Amerikanische Komödie. 
neue Lub its ch-Film „Ein e Stunde mit Dir" 
genaue Gegenteil jenes französischen Films; das heißt:
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        Von 8- XrLSLuer- 
Blanwirtsebakt 2U verbinäen suebt). Das Ver- 
bängnis einer soleben Zwiespältigkeit ist noeb 
niebt einmal, äak äer Oeist als das sebwäebere 
BrinAip gewöbnlieb Au kurA kommt, sondern be- 
stebt viel eber darin, äak geraäe die Anbetung 
äes Irrationalen dieses vertreibt, le mebr das 
Blut, das völkisebe Wesen, die Banäsebakt usw. 
angestarrt unä besebworen weräen, äesto leieb- 
ter verklüebtigen sie sieb. Zur riebtigen BxistenA 
gelangt äie Ixatur eines Volkes erst dann, wenn 
äas Volk gewillt ist, alle äer Vernunft Augäng- 
lieben Angelegenbeiten vernünftig Au regeln. 
ist, so weik ieb niebt, was noeb deutseb sein (so etwa liegt äer beim „1at"-Lrtzi8, äer 
kann." Aueb in der politiseben 8pbäre kämpkt äie organisebe Bebre mit äem Oedanken der 
Bbiek für den Vorrang äes Oeistes. Br fübrt äer 
nationalsoAiabstiseben lugend 2U Oemüt, „wie 
unäeutseb, bequem unä feige es ist, in 8preeb- 
ebören (Besinnung in äie Bukt 2U sebieken", 
warnt äavor, äie morabsebe Zucht über der 
mibtäriseben Au vergessen, und verwirft eine 
Bewegung, äis glaubt, äak „Werts wie Nsnseb- 
iiebksit, Osistsskrsibsit, Osrsebtigkeit ,von äsn 
suäsn erkunäen' seisn..." — „leb weik um das 
Deebt des Blutes," sagt er einmal besonders 
prägnant, „aber dieses Beebt wird ?ur fressen 
den Oswalt, wenn der Deist es niebt bändigt. 
Denn so gewik es ist, äak der Deist eines Volkes 
aus seinem Bluts stammt, so gekäbrlieb wäre 
die Neinung, Blut unä Deist seien eins." 
Vortrekkliebs Binsiebten! Der l^utAwert je- 
äoeb, den sie gerade' beute baben könnten, wird 
dadureb nabe^u aukgeboben, dak Vbiek mit äem 
gleieben Atemzug, mit äem er äie Herrsebakt 
äes Oeistes toräert, äie Bsäingungen verneint, 
unter äenen er, äer Oeist, einAUgreifen ver- 
möebte. 8einem Wunseb naeb Zuebt wider 
strebt sein Dang rum Irrationalen, und 
wieder und wieder maebt er aus dem «„Blut", 
das, wie er selber sagt, den Oeist gebiert, ein 
Ziel dieses Deistes. Die materiabstisebe Os- 
sebiebtsbetraebtung wird Zugunsten der organi- 
seben enttbront, die 8tämme, 8tände, Bünde 
werden gegen die Barteien, Intersssenverbände 
usw. ausgespielt. Bortwäbrend kreuzt sieb die 
Wendens 2ur Beberböbung der naturälen Vor 
aussetzungen geistigen Wirkens mit jener ersten 
lendenA, die äen Oeist in Lrakt wissen will, 
äer sieb äoeb vom natürlieben Bunäament erst 
auksebwingt. 8o rüekt ä'biek äem ,^osmopolitis- 
mus" Keinrieb Nanns mit äem Argument Au 
Beibe, äak Oesetr unä Beobtsgekübl einer Kation 
„gesebiebtbeb, lanäsebaktlieb, völkiseb gebunäen" 
seien, unä annulliert äerart äas Oeistigs zugun 
sten äes Boäens, in äem es wurAelt, statt, von 
äen gesebiebtbeben, lanäsebaktlieben, völkiseben 
Bindungen ausgebend, wider die von Neinrieb 
Mann entwickelten Inbalte andere Au setzen. Am 
deutbebsten entbüllt sieb äie gegen den Deist 
geriebtete Besinnung in äem von Ibietk Ange 
stellten Vergleiek äer jetzigen 8pannungen mit 
äenen äer BeformationsAeit. I'biek 
meint, äak beute genau so wie äamals ein 
neuer Olaube an Deutseblanä ent- 
stebe — äer Dlaube an „äie BigengesetAliebkeit 
und Beberwirkliebkeit der Kation" —- und dar 
um aueb beute der Dlaubensstandpunkt, äen 
Butber vertrat, äem Vernunktprinöip, äas 
Zwingb geltenä maebte, überlegen sei. „Bs äark 
keine Deutung der Vernunft erlaubt sein, wo äer 
ölaube spriebt! Wage ieb es, meinen Olauben 
nur mit einer einzigen WurAblkaser an die Ver 
nunft AU knüpfen, ibn von der Batio, von der 
Bogik ber AU begründen, so nebme ieb ibm da 
mit seine magisebe Krakt, ieb nebme ibm seine 
göttliebe Verbundenbeit, ieb maebe ibn Aum Dis 
kussionsgegenstand, unterstelle ibn Aeitlieber, 
niebt ewiger Ordnung. Butber batte reebt, niebt 
Zwingb." Um davon abAuseben, dak der Olaube 
an „die BigengesetAbebkeit und Deberwirklieb- 
keit der Kation" qualitativ von jedem tbeologi- 
seben Olauben versebieden ist unä äie beutige 
Bewegung als eine pobtisebe tatsäebbeb ganA 
in die Zeitliebkeit eingebt —° um von alleäem 
abAuseben, wükte ieb niebt, wie Ibiek äie bier 
geäukerte Auffassung von äer Brbabenbeit des 
Olaubens über die Vernunft mit äem Ansprueb 
vereinen könne, äak äer Olaubenskampk, in äem 
äoeb naeb ibm das Volk Aur Zeit stebt, im Zeb 
eben äer Vernunft getübrt weräen solle. Zwei 
8eelen wobnen in seiner Brust, unä äie eine 
wird von äer anäern okt genug exmittiert. 
„Oeist" unä „Blut" Awiseben beiäen Ex 
tremen bewegt sieb beute, wiäerspruebsvoll unä 
unentseblossen wie Ibiek, ein guter leb un- 
sexer lugend. 8ie wendet den Bbek Aum Irratio 
nalen und möebte äoeb äie Batio niebt missen 
linier dem litel: „Die Zeit ist reik" 
dringt Brank Bbiek eine AnAabi von Beden 
unä Verträgen beraus, äie aus äen labren 1930 
bis 1932 stammen unä Aum kleineren Beil im 
Ausland gebalten worden 8inä (Baul Zsolna^ 
Verlag, Berlin-Wien-beipAig. 314 Leiten. Oeb. 
4.80). 8ie befassen sieb in äer Hauptsaebe 
mit äer deutseben,Brise unä äen Uög- 
bebkeiten, äie sie in sieb birgt. Obwobl Bbiek 
dabei inuner wieder geAwungen i8t, ing Oebiet 
äer Politik vorAudringen, lebnt er 68 doeb aus- 
drüekbeb ab, als Barteipolitiker 2u spreeben; 
äenn 68 i8t nieiit „äie Aufgabe äe8 Diebters, 
staatspolitisebe Biebtlinien Au geben, 8onäern 
einen geistigen Zustand eindeutig 2u bestim 
men". In äer Bat kann man Bbiek nieiit etwa 
als einen Barteigänger äer ^ationalsoAiabsten 
bsAeiebnen. Aber er i8t, im Binklang mit 8einen 
trüberen 8ebriften, von einein starken Olauben 
an äie lugend erfüllt, äie sieb in äie8en Oegen- 
äen aukbält, unä bejabt Ansebauungen unä Ziele, 
wie 8ie unter anderem äer „Bat"-Brei8 formu 
liert. Daraus gebt sebon von selber bervor, äak 
er sieb xleiebmäkig wiäer Biberabsmus unä 
Marxismus riebtet. Den in ibnen verkörperten 
BrinAipien unä aueb äer „8eb6inr6vo1ution" von 
1918 bält er äas „neue nationale Wunsebbilä" 
entgegen: „aus eigener Brakt, rnit eigenen Mit 
teln, naeb äen OesetAen äer eigenen nationalen 
Besonäerbeit einen streng so2ialen äeutseben 
Volksstaat wieäer aukrudauen". 
Die Brörterung äieses pobtiseben Oreäos, LU 
dessen Ltammbegrikken Vokabeln wie Autarkie, 
organisebe Olieäerung äes Volk8 usw. geboren, 
i8t liier um 80 überflüssiger, al8 Bbiek 8ieli äie 
Holle ein68 Bolitikers ja gar niebt anmakt. Drin- 
genä geboten aber ist äie AuseinanäersetAung 
mit 8einer Haltung. 8ie wirä äaäureb gekenn- 
Aeiebnet, äak sie — wo niebt ibrer Absiebt 
naeb, so äoeb kaktiseb —- 2wiseben äer Aner 
kennung des Oeistes unä äer blutmäkigen Da 
seins unentsebieäen bin- unä ber8ebwankt. Bin 
'Widerspruob ist in ibrem Orunä 
angelegt, äer mir kür äas Beben breiter 
8ebiebten unserer lugend (niebt 2ulet2t aueb 
äes „Bat^-Breises) t^piseb 2u sein sebeint. Bs 
gibt fruebtbare Widersprüche, äie äen ^lenseben 
erst Aum Nenseben maeben. Dieser Widersprueb 
dagegen ist unkruebtbar. Dnä er mükte von äen 
ibm Verfallenen darum dürebsebaut unä getilgt 
weräen, weil er sie empfindlich läbmt, weil er 
sie stets von neuem an der Verwirklichung äes 
richtig Erkannten bindert. 
Bbiek beweist wiederbolt unä an entsebei- 
äenäen 8tellen, dak er äem „Oeist" — ieb über- 
nebme äas Wort in äem groben und allgemeinen 
8inne, in äem es unsere Diebter 2u gebrauoben 
lieben — äie ibm Ankommenden Bbren gibt. Im 
Bssa^: „Der Diebter unä seine Zeit" findet sieb 
ein seböner Absebnitt, äer Ooetbes Deutsebtum 
gegen sture ebauvinistisebs Angriffe verteiäigt. 
Dort wirä (unter Berufung auk üundolk) erklärt, 
dak Ooetbe geraäe äureb jene Bigensebakten 
Bedeutung für Deutschland gewann, äie äen 
Batriotismus ausseblossen; dort beikt es, äak er 
das deutsche 'Wesen insofern repräsentierte, als 
er äie Oekabr eines Binbruebs äer irrationalen 
Vlaebte dureb das ordnende OesetA Au bannen 
suebte. „Nag sein, dak so gedaebt niebt natio 
nal gedaebt ist. Aber wenn dies niebt deutsch
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        4) ,1. AAngw 
den) nurschöpfepischen, zivilisationsfreien Provinz 
zu flüchten. Berlin ist als Zustand heute im fern 
sten Provinzler wirksam und real; und es muß 
als ein Stück Realität, der wir nicht entrinnen 
können, ohne Ressentiment und Romantik vom 
deutschen Leben verarbeitet und bezwungen werden.“ 
Flucht aus Berlin? Die Antwort Ullmanns lautet: 
Nein 1 . Er erteilt sie in der Gewißheit, daß Berlin 
„der Ausdruck des deutschen Schicksals und seiner 
Verwirrungen“ ist, und verknüpft sie mit der Er 
wartung, daß sich unter dem Druck der Not in 
der Reichshauptstadt endlich eine führende Schicht 
bilden werde, die wirklich Elite heißen darf. Auch 
wer nicht in allen Begründungen und Forderungen 
mit ihm übereinstimmt, wird doch die Haltung be 
jahen müssen, aus der heraus er, der Kritiker 
Berlins, sich von dieser vielgehaßten Stadt nicht 
abkehrt, sondern sie, einem Liebenden gleich, erst 
recht ans Herz drückt. 
Berlin in Deutschland. 
Von S. Kracauer. 
Ein wichtiger Beitrag zur wachsenden Literatur 
über die Reichshauptstadt ist das Buch Hermann 
Ullmanns: „Flucht aus Berlin?“ (Eugen 
Diederichs Verlag, Jena. 120 Seiten. Geh.2.60). 
Es empfiehlt sich rein schon als eine sichere Dar 
stellung der für die Wirklichkeit Berlins entschei- 
■ denden Züge. Indem Ullmann diese Wirklichkeit 
von verschiedenen Seiten aus betrachtet — nicht 
ohne die heutigen Tatbestände durchweg histo 
risch zu unterbauen —, übt er zugleich an ihr 
schonungslose Kritik. Eine Kritik, die nicht auf 
mehr oder’ weniger zufälligen Impressionen, son 
dern auf einer fundierten Anschauung der gesamt 
deutschen Verhältnisse beruht. 
Hassende und auch Liebende haben die Reichs 
hauptstadt zu schildern versucht, und Ullmann ist 
nicht ihr Entdecker. Er muß aufnehmen, was 
andere nicht minder scharf beobachtet haben: die 
Geschichtslosigkeit dieser Stadt, die formlose Un 
ruhe, von der sie beherrscht wird, die Vermittler 
rolle, die sie zwischen dem deutschen Osten und der 
westlichen Zivilisation spielt. Und gewiß ist man 
ches tiefer erfaßt worden, als es hier geschieht; so 
etwa die fragwürdige Beziehung Berlins zum Boden, 
die Ernst Bloch erst unlängst in seinem großartigen 
Aufsatz: „Berlin, von der Landschaft gesehen“ 
(vergl. Reichsausgabe vom 7. Juli) erforscht 
und gedeutet hat. Aber das Schwergewicht der Be 
trachtungen Ullmanns liegt doch auf der Analyse 
eines Phänomens, das bisher meines Wisens noch 
nicht so grundsätzlich angegriffen worden ist. Ich 
meine das Phänomen der Berliner Ober 
schicht. 
Diese Gesellschaft, die keine ist — Ullmann 
leitet ihr Parvenutum aus ihrer Entstehungsart ab. 
„Die industrielle Gründerzeit hat ganz Europa ver 
wüstet, aber sie hat überall allmählicher eingesetzt 
und mehr Zeit zur Anpassung gelassen als in 
Deutschland und zumal in Berlin. In diesen un 
seligen Jahrzehnten ... ist die Stillosigkeit des 
Parvenus geradezu der Stil Berlins geworden ... 
Und wenn auch der Parvenu überall den Ton an- 
zugeben begann: in Berlin war er nahezu mit sich 
allein. Weder eine alte Gesellschaft noch ein 
starker, einflußreicher Untergrund von Volkstum 
trat ihm entgegen und hemmte ihn.“ So mußte 
freilich nach dem Zusammenbruch eine Oberschicht 
übrig bleiben und weiter gedeihen, die noch viel 
ungehemmter war und aller Voraussetzungen zur 
Gesellschaftsbildung ermangelte. Man traf sich zu 
technischen Zwecken, ohne sich zum Miteinander 
leben zu verstehen, und tauchte in zahllosen Klün 
geln unter, die nur den Mangel eines allgemeineren 
Consensus bewiesen. Kurzum, die Oberschicht war 
und ist alles andere eher als eine wirkliche, zur 
Führung berufene Gesellschaft. Und mit Recht, 
wenn auch nicht ohne Uebertreibung, wird die 
Frage aufgeworfen: „Die Ohnmacht der Zentralen, 
der politischen, bürokratischen, verwaltungstechni 
schen, der Meinungszentralen, die in Berlin gehäuft 
sind ... dieses völlige Versagen der Selbst- und 
Staatsverwaltung gegenüber den Riesenaufagben der 
Krise — wo hat das alles seine Wurzeln, wenn 
nicht in dem Fehlen einer geschulten Schicht, einer 
Elite? ... Oder vielmehr: muß diese Apparatur 
nicht versagen, wenn der geistige Ausgleich, die 
seelische Beziehung zwischen denen stockt, die sie 
bedienen?“ 
Dringt Ullmann auch nicht zu den letzten Grün 
den der von ihm beschriebenen Zustände vor, so 
wertet er doch seine Einsichten mit einer guten 
Besonnenheit aus. Sie wird dort zur außerordent 
lichen Tugend, wo sie nicht aus Kompromißlust 
hervorgeht, sondern aus - dem Wunsch, umfassend 
zu urteilen. Ullmann erkennt genau, daß die Schä 
den, die sich in Berlin besonders drastisch dar 
bieten, gesamtdeutsche Schäden sind, und 
lehnt alle Versuche ab, die Berlin gewissermaßen 
zu einem Geschwür am deutschen Volkskörper stem 
peln wollen. Und die eigentliche Bedeutung seines 
Buches besteht aber darin, daß er aus seiner Kritik 
nicht die üblichen Schlüsse zieht, zu denen die 
Widersacher Berlins in Berlin selber und in der 
Provinz gelangen. „Nein, die bloße Negation »Ber 
lins 4 tut es nicht. Berlin . . . als soziologische Tat 
sache, als irgendwo in Deutschland vorhandener 
Zentralenapparat und damit als Zustand und Pro 
blem wird immer bestehen. Es ist ohne Zweifel ver 
dienstlich, gegen die Ueberwertung der Maßstäbe, 
die aus »Berlin 4 stammen, zu kämpfen. Aber es 
ist weder tapfer noch fruchtbar, vor jenem Problem 
als solchem in das Idyll und das romantisch über 
steigerte Ideal einer (nie und nirgends bestehen
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        6 
v 
v 
s 
ber, cerstort äie Bedeutungen unä reikt äie eälen 
ibrer kinsteren Dewalt er- 
wobl aber einen desperaten 
Unglaube bat seinen eigenen 
Oebilde in Betreu. 
Die Erkenntnis 
zeugt keinen Dak, 
Unglauben. Dieser 
gäbe von AlltagsgespraoMN. ^!s würden sie 
durcb eins DrammopLonwalre reproduciert, 80 
blöd unä Liekos entwickeln 8ie sieb, 80 stumpf 
breeken 8ie ab. Bnd obwokl soleke Bnterbaltun- 
gen von uncäbbgen Nenseben jederceit gekübrt 
werden, sobeint 68 äoob, als babe man 8ie noob 
nie 80 gekört. Line Bremdbeit, äie daber rükrt, 
äak Hemingway äen Dunstkreis kortsekeucbt, 
binter dem sie in äer Mirkliobkeit aukcieben 
unä vergeben. Der Brieg bat ibm äie ^ugen ge- 
okknet, unä er gebrauebt 8ie jetct obne Brbarmen. 
^.ber auob obne Bmpörung. Denn was nutct 68, 
siob aukLulebnen, wenn äie blöke Natur äie 
Uaokt ergreift unä äer Dnsinn wieder unä wie- 
äer äie Bokknung becwingt? Ibn auob nur ver 
urteilen cu wollen, wäre ein unkrucktbares Be 
ginnen. Nan kann ibm in8 ^ngesiobt blioken unä 
äamit gut. 
Die in äie Hemingway verkälli, 
Ist aber keineswegs gleickbeäeutenä mit ^.pa- 
tbie, unä äa8 Unstarren des Lruebwerks äer 
Melt bringt ibn niebt rum Brstarren. Im 6e- 
genteil, äer Nibilismus loekert ibn, bekäbigt ibn 
cu Binsiekten unä Gestaltungen, äeren er wobt 
uisprünglieb niebt käbig gewesen wäre. Von 
Natur aus neigt er eber cur Bejabung äer Brakt, 
äes 8ieges, äes Dlüeks, äer Oesunäbeit; wokür 
niebt culetct seine Brsebeinung spriebt, äie, naob 
äen Bildern cu seblieken, blübend ist. Durek 
äen im Brieg erlittenen Bmbrueb nun, wird 
ibm, äem b^mnisek angelegten Uenseben, äer 
siob äen Bäumen unä Gestirnen gleieb nabe 
Mbit unä äie Oebeimnisse äer Oeburt unä äes 
Bodes krüb erkäbrt, das Missen um äen Unter 
gang ruteib Unä statt sieb von ibm abcuwenden, 
spürt er ibm naeb, gibt er sieb willig ibm bin. 
Niebt nur äas ansteigende Leben ist sein Degen 
stand, sonäein erst reebt äas sieb verlierenäe, 
äas ins Dunkel gleitet. Der Held muk äem Un 
terlegenen weieben, äie Droke äer Bnsekeinbar- 
keit. In einem äer Bragmente wirä ein sebleeb- 
ter 8tierkämpker geseKüdert, den äie Nenge 
sobmäbt. Besonders r Fseblukreieb ist äie Br- 
Läblung vom alternden doekei, der niebt mekr 
reüssiert, naeb und naeb verkommt und am 
Bnde cu Bod stürct. Niebt der Träger des Bubms 
— einer, der aus der Beibe tritt und versebwin- 
äet, erkält bier äie (Borie; oäer riebtiger: er 
wird notiert und damit eingereibt. 
^llem Versebwindenden kolgt so äer Diebter 
bis ins Niebts binein. Da ibm die Hymnen rer- 
broeken sind unä er niebt alles preisen kann, 
ist äas Niebts äer aukerste Ort, äen er erreiebt. 
Mirä er es bleiben? Der Loekung äes Niebts 
immer naebLugeben, wäre aueb Desertion, 
Lr Brnesi Kemingwa^s erstem, Mct 
übersetzten Oesobiobtenbueb: „In unserer 
2eit" (Lrnst kowoblt Verlag, Lerbn. 185 8. 
6eb. 5.50) linden sieb viele 8teben b^mni- 
sober Begabung äes natürboben Lebens. Ibm 
ist der Diebter gläubig cugetan. 8ein Held Niek, 
äer immer wieder vorkommt, lernt als lunge 
das primitive Dasein der Indianer kennen und 
ist mit dem Lluk vertraut, an dessen Lkern er 
aulwäebst. Lin männlieber Burseb, ein 8tüek 
Natur in der groken Natur. Linmal treibt er siob 
auk der Lisenbabn berum und gerät irgendwo 
am 8cbi6nenstraQg in äie Oesebsobakt eines 
ausrangierten Boxers und eines Negers. Naob 
dem Lrieg läukt er mit Deorge in der 8ebweic 
8ki, beseligt über diesen 8port, äer berrliober 
ist als jeder anders Oenuk. Noob später, wan 
dert er, wieder in der Heimat, cum geliebten 
Bluk, kampiert einsam, verscbmilct mit äem 
Liekernnaäelboäen und äer Nackt unä gibt siob 
äem (Bück äes Lorsllenkisebens bin. 
Lob äes naturbakten Niteinanäers, äer 8treik- 
cüge durcb äie Melt, äer Lameraäscbakt aller 
Mesen — äas ist nicbt weit von Malt Mbitman 
entkernt. Mie äieser, so bätte auob Hemingway 
vielleiobt B^mnen angestimmt, wenn er niobt 
durcb den Lrieg gegangen wäre. Der Xrieg 
aber, der ibm cur Orunäerkabrung geworden 
ist, bat sein Zutrauen cu äen Keilskräkten äes 
elementaren Desobebens verniobtet unä die D^m- 
nen cerbrooben. Im wörtlicben 8inne. Das Buob 
ist in jener Nosaikteebnik gesobrieben, die von 
Zobn Dos Bassos ausgebaut und leider cu mani- 
rlert angewandt wird. 2wiseben äen eigentlioben 
Oescbicbten sind kurce Lragmente einmontiert, 
äie kaum je eine einleuobtenäe Beciebung cu 
ibrsr Umgebung baben. 8ie beben stets erneut 
äen 2usammenbang auk, äer sieb bilden will, 
und sollen okkenbar dartun, dak das Miteinander 
ein Degen einander und die Mirkliobkeit sinnlos 
ist. Bntsobeidend ist nun, dak die kragmentari- 
sc^ien ^bscbnitte. äis äen einbeitlioben Verlaut 
sprengen, aueb ibrem Inbalt naeb Dranatsplittern 
gleicben. ^lle banäeln sie vom Lrreg, von äer 
Grausamkeit, vom löten. Blüebtige Bilder aus 
Moebensebauberiebten, so taueben diese 8cenen 
auk: Leinde werden ab^esebossen; eine Brau, 
äie aus einer 8taät kliebt, bekommt ein Linä; 
äie 8obreeken von 8tierkämnken ersteben; Hin- 
riebtungen sind protokolliert usw. Ls ist, als 
explodiere unablässig die auker Band und Band 
geratene Natur und riebte ibre Verwüstungen an. 
8ie, äie so gut unä wunäerbar sein kann, äak 
man sie immer nur besingen mocbte, werdet 
siob, äem Abgrund ^.dsteigend, gegen siob sel 
lon: äen der rmMssrörb't^ In äer Bat: äer im 
Lrieg gewesene Hemingway lakt äen «lubel ge- 
krieren, bleibt sogar äort reserviert, wo äer 
Hymnus voll einrusetcen bätte, und stellt sobein- 
bar ungerübrt ksst, wie äie Melt in Mabrbeit 
bescbakken ist. Mie ist sie besobakken? 8ie gebt 
obne Antwort über äie wiobtigsten Bragen bin- 
weg unä ist im Orunä, äen man nicbt siebt, 
aukeroräentliob banal. Ibr äookes Dnwessn be- 
sobreibt der Diebter mit einer Illusionslosigkeit, 
wie man sis vor ibm kaum kannte. Da ist äer 
Revolutionär aus Buäanest, äer mit einem Bm- 
pkeblungsscbreiben seiner Bartei Italien bereist. 
Br glaubt an äie Bortsobritte äer revolutionären 
Bewegung in Italien, bat eins Abneigung gegen 
Nantegna unä wandert gern über einen Bak. 
Bertig ist äie Ossobiebte. 8is konstatiert gewollt 
nücbtern verscbieäene, niebt cueinanäer passende 
Lebensaukerungen eines Uensoben und äeokt cu- 
gleicb das Nikverbältnis cwiscben der Idee unä 
ibrer Verkörperung auk. HeberaÜ gebt es äarum, 
äie Bealität cu sntbloken, äie sonst mit einem 
8cbleier verbükt wird, und sie in ibrer Babl- 
beit cu ceigen. 2um Vorsobein kommt etwa 
der kaktisebe ^blauk bürgerlicber Dutcendeben; 
die Blattbeit einer Demeinsobakt, die keine ist, 
die Oede, äis rwisoben äen Bartnern berrsobt. 
Der 8prL6bgebi'aueb retouebiert gemeinbin solobs 
Beciebungen. Bier aber wird unter äie 8pracbe 
gegrikken und die Deutlicbkeit einer Bb^^o^rapbie 
ercielt, äis niebt äen geringsten Bickel im Os- 
siobt unterscblägt. Bin junges amerikanis.cbes 
Baar' macbt äie übliobe Italienrsise und weik 
nicbt, was es mit sieb, mit der 2eit, der Land- 
sebakt und dem Leben ankangen soll. Br räkelt 
sieb auk äem Bett berum und liest; sie ist un- 
bekrieäigt, obne reebt cu abnen warum, und 
wünsebt sieb das Blaue vom Bimmel berunter, 
den sie doeb über sieb bat. „Und iob will an 
meinem eigenen liseb von meinem eigenen 8il- 
ber essen, unä iob will Bercenbeleuebtung. Und 
iob will, dak Brübling ist, und ieb will mein 
Haar vor dem 8piegel riebtig bürsten können, 
und ieb will eine kleine Latcs baben, und ieb 
will neue Lleider baben. — ,Nun kör sckon 
auk und nimm was rum Lesen/ sagte Oeorg. Br 
las wieder." Nur selten klingt diese Nelodie äer 
8ekn8uebt durek. Das Bngenügen verkapselt 
sieb vielmebr meistens in äis trockene Nittei- 
lung Lukerer Dmstänäe- in äie kübllose Mieder-
        <pb n="64" />
        RnKIttliri 
&amp;gt;VL »«Ü6N «ILÄ innen 
2u 
Dudwig Renn sebiekt seänsm Bueb: 
„RuLZ 
drei RuÜlandbüeLsrn. 
Von 8. kraLLue?» 
unä menschliche Dinge durcheinander mengt. Drotö- 
kistin, die 8is äst, will sie äie Deiäen äsr Opposition 
und äis Bebler äes Ltalin-Lurses entbüllen. Ltatt 
sieb nun in äsr Rauptsaebs mit Vorgängen 2u be? 
kasssn, äie wirklieb in äis gemeinte Richtung wer^ 
sen, erräblt säe eins Nengs von Datsaebsn, äis 
wsäer kür Irotaki noeb gegen Ltalin spreeben, wis 
erkreulieb oäsr empörend immer sis seien. AwsikeD 
los ist sis eine jener Brauen, äis sieb darum Lur 
Revolution bekennen, weil sis äis DnLulängNebkeR 
alles Iräiseben niebt ertragen. Lein Zustand und 
erst recht niebt einer, äer sieb Lu konsolidieren 
beginnt, kann ibnen genügen, ^ber indem sis äsn 
politäseben Lampk im Interesse von vielen kübrsn, 
äis niebt rein xolitiseber ^rt sinä. verwechseln sis 
unwillkürlieb äis politiseb LU beseitigsnäs Not mit 
äer kreatürliebsn überbaupt unä verläersn äsn Linn 
kür äis Nögliebksitsn der Bolitik. 
Mie ssbr msnsebliebes Nitgekübl das politisebs 
Räsonnement überwisgt, ist an allen Beken und 
Bnäen Lu spüren. Dswik keblt niebt der Lliok kür 
äis ^ustänäs äm aRgsmeinsn, kür Barteitaktik und 
Ab änderbares. 8o wirä äas sebwankenäs Verbalten 
äsr Bartei äsn Lulaken gegenüber angegrikken, äis 
Dekabr äer Bürokratisisrung äurebsebaut unä Lritik 
an den ausländischen - Lowjetinstitutionsn geübt. 
Diess Letraebtungen sinä inäessen nur äer Neben? 
skkekt einer Br^äblung, äüs äas Deben eines Lreises 
von äünglingen unä Nääeben bebanäelt unä äabei 
stets wieäer privats unä ökkentliebs Motivs Lusam- 
menLieken läKt. Binigs vertreten kaktiseb äis 
Laebs: Betruseba Lum Beispiel, äer sieb bei jeäer 
Delegenbeit gegen ääs „Bvänen äer Revolution" 
wenäet, oäsr Lergej, äer sieb umbringt, weil er 
seinen Lonüikt mit äsr Bartei niebt 2U lösen weik. 
Anäers äagsgsn erleiäsn ein Lebieksal. kür das dis 
politiseben Verhältnisse sebleebterdangs niebt ver 
antwortlich Zu maeben sinä. Dis äüäin Njurka, 
äis sieb äem Läuker Vlaäa ergeben bat — er er 
innert an Destaltsn aus vorrevolutionären Romanen 
— wirä von äissem angssteekt unä erbängt sieb. 
In jeäsm Danä könnte ein solches Nääeben lieben 
unä sterben. Bs ist gut LU versteben. äak die Ver- 
kasserin ibr RerL an äiess mutige unä aukriebtigs 
äugenä bängt, äis mebr taugt als das Dres der 
Larrieristen. Manebs Biguren bssebrslben aber 
eins so inäiviäuells Debsnskurve, äak sie näebt als 
Verkörperung äsr Opposition aukgekakt weräen 
können. 
Der Roman bat Lrotrrki vorgolegen, und es ent-- 
bsbrt niebt der politiseben Bikantsrie, äak dieser 
in seinem mit abgedruektsn Antw ortsebrei- 
bsn von dem Bueb weit abrüekt. Br stellt ein paar 
Bebler riebtig unä erklärt im gleieben Lats, in dem 
er äer Verkasserin mit weltmännischer Bökliebkeit 
seins L^mpatbis ausärüekt, äak ibrs V/^ege unver? 
söbnlieb auseinanäergingen. Da sie äie ,AVur2bl des 
Uebels in äer Diktatur äes BroRtariats" erblicke, 
sei ibrs Arbeit „vollständig Lugunsten der LoLial- 
äemokratis gegen äen Lommunismus" geschrieben. 
In äer Bat schreibt am LebluK der verbannte Oppo- 
sitionsHs Laseba seiner Brau: „detst ist dis Bar? 
tei äureb äis Bürokratie voUstänäig erstiekt, sis ist 
tot!... leb krags mieb immer wieäer: Ist äaran nur 
äer Lurs äsr Barteikübrung schuld oder liegt das 
niebt vielmebr im Lastern der Diktatur? . . Wenn 
äiess Brage äas Ba^it sein sollte, so bestätigt sis 
noeb einmal, äak äis äer Verkasserin vorsebwebenäs 
Revolution über jeäs xolitisebs binauswsist. 
* 
Der Roman: „Bin Millionär in Lowjet- 
ruk 1 anä" von 11ja 11 k unä Bugsn Betrow 
(Baul Asolna^-Verlag, Berlin-Wien-DeipLig. 427 
Lsiten. Deb. 7.—) ist eins angenehme Ausnabms 
in äer russisebsn Diteratur. Br stellt äas Lowjet- 
leben niebt unmittelbar äar wis äis meisten anäeren 
Romans, äie niebts wsiter als maskierte Reportagen 
sind, sonäern maebt es Lum Bintergrunä einer wirk- 
lieb äurebkomxonierten Ranälung. lind statt in äog? 
matisebem Brnst LU ersticken, Leigt er eins Heiter 
keit, dis noeb mit sanktionierten Drundsätrsn Zu 
spielen verstsbt unä mebr sebten Brnst verrät als 
das Rbrbakts Wesen, das bsuts so vielen russD 
seben Broduktsn eignet. 
Ist Ostip Benäsr, äsr Neid des Romans, ein aus 
äer kapitalistischen Bpoebs übrig gebliebener Lebää- 
ling oäsr ein keblgeratener LproK äer Lowjstunion? 
Man weik es niebt recht, deäenkalls pakt ikm äse 
ganLS Lolsebewismus niebt, unä sr sebnt sieb da? 
naeb, mit einer Million in der Basebs naeb irgend 
einem vom Kommunismus noeb niebt bekleekten Ris 
ds äaneiro Lu verdukten. Aber wober äis Million be 
kommen? Venäer, äer seiner Binäigkeit wegen auch 
der „groüs Lombinator" genannt wird, bat äen Bin? 
kalk, in äer Wüsts äer Lowjetunion einen Millionär, 
lanäkabrtsn" (Dasso-Verlag, Berlin. 189 Lei 
ten) die Brklärung voraus, dak er in ibm „kleines 
Material aus äem Deben" bringen wolle. Mebr 
leistet er tatsächlich niebt. Weäer stellt er je 
breitere ^usammenbänge äar, noeb wiämet er sieb 
etwa äen allgemeinen Broblemen äes sorialistiseben 
Aukbaus, noeb erteilt er überbaüpt Auskünkte, äis 
einen Brkenntniswert bätten. Mit Bcbtzuklaxpen ver- 
seben, reist er vielmebr gleiebsam bewuütlos im 
Danä uinber unä verreiebnet lauter Binärüeke, äis 
auks Deratewobl gexüüekt sinä. (Dis Lweite, mit 
einem äeutseben Weber unternommene Reise be- 
Lweekt Zwar äas Ltuäium äer Bextilkabriksn, ver- 
läukt aber aueb böebst uns^mpatbiseb.) Alleräings 
wirä Renn niebt eigentlieb vom Wunsch äes Bor 
sebers, sonäern vom Beimweb äes (Gläubigen naeb 
Ruklanä getrieben. Unä äa er äer Laebs sieber ist, 
äeren sieb jener erst versiebern mükte, äienen äie 
Brkabrungen, äis er ärüben sammelt, von vorn- 
berein weniger äer Erweiterung unseres Bissens 
als äer Bestätigung äes (Geglaubten. 
Bs gibt (Mubige, äie aus äem 2wsikel kommen. 
Renn gebärt niebt. LU ibnen. Br ist graälinäg wie 
ein Loläat oäsr eins Bappelallee unä von äer 
Lebliebtbeit äes Mönchs. Intellektuelle Lkrupel lie 
gen ibm kern, primitive 2ustänäs Liebt er von 
Natur aus äen Lweiäeutigen vor, äie äbn verwirren 
könnten, „Alls sagten immer äas gleiche," meint 
er einmal, „unä jedesmal war ieb wieäer begeistert 
von äieser Lelbstverstänäliebkeit." Dkkenbar sinä 
ibm individuelle Neigungen so unbekannt. äaK äer 
Verriebt auk sis kür ibn eins Bntlastung unä kein 
Opker ist. Dieser Haltung entsprechen Beobaeb- 
tungen, äis sinkaeb, lauter unä aus RoD gesebnitrt ' 
sinä. Man vernimmt, äaK viele Deute an ibn, 
äen äeutseben Lebriktstellsr. äis Aukkorderung rieb- 
ten, äas äeutsebs Volk möge enälieb äie Bevolution 
maeben, äak äie Bauern sieb raseb in Arbeiter ver 
wandelten, äak äie Abnahme äes Lirebenbesuebs 
vom Widerstand äer Dopen gegen äis Braktori- 
sierung berrübre usw. Das alles ist in einem 
Obronikstil erräblt, dessen gesinnungskrommes We 
sen noeb ergreikenäsr wirkte, wenn seins vürktig- 
keit auk äie Dauer niebt langweilte. Die Despraebo 
reiben sieb obns Kommentar aneinander, unä nie 
mals weräen äie Beststellungen von Urteilen um 
spielt. 8o schildert Denn ein Zusammensein mit 
Nax RoeD, obns äaK äieser äas ibm rukommsnäs 
besonäers Deben gewönne. Br lebt in einem Lau- 
Kasus-Lanatorium, bat sieb so unä so geankert 
unä äamit LebluK. Des eben sinä allein äis tz^pD 
seben 2ügs, unä aueb sie nur insoweit, als sis ins 
Idealbild passen- Dieses Lilä in äer Wirklichkeit 
wisäerrukinäen, ist äas einrigs Linnen BsUns. „Dnä 
wen äer Bünkjabresxlan niebt begeistert,^ sagt ein 
Molgnäsutseber ru ibm, „äer muL äoeb sebon gans 
eingerostet esin." Lein Dlaubs ist so simpel, äak 
er über soleben Leieben äer Vsjabung äis Degen? 
kräkts unä Lebwäerigkeiten kaum bemerkt. 
Immerbin entbält äas Bueb einige Lätse, äie 
niebt nur erbauen, sonäern aueb erbellen. Beim 
Besueb einer Lollektivwirtsebakt stellt Bonn kest: 
„Bür äie Bauern bier beäsutet äsr LoLialismus 
etwas, was wir gar niebt mebr lassen können, weil 
es uns längst selbstverstLnälieb geworden äst." Lins 
Binsiebt, äis kreiliob Ibrs Bruebtbarke.t erst ent- 
kaltst bätts, wenn sis binreiebenä ausgebaut wor 
den wärs. Brwäbnt sei aueb dis seböns Bormu- 
lierung eines Armeniers: „Brst dadureb, daü wir 
mit äem Nationalismus aukgebört baben, können wir 
uns national entwickeln." 
ch 
Mabrenä Renn von auken ber kommt, ein Bil- 
ger, äer gsweibts Ltätten auksuebt, bat Narga- 
rsts Nsumann, äis Verkasserin äes Buebes: 
„leb kann niebt mebr . . (B. Brager Ver ¬ 
lag, DeipLig-^isn. 240 Leiten. Deb. 3.50) jabre- 
lang in Buklanä selber gelebt unä gekämpkt. Lis 
war Nitglieä äer Bommunistäseben Barteien ver? 
sebieäener Dänäer unä Lwiseben 1923 unä 1930 mit 
der Irotski - Opposition verbunden. Deren 
Lebieksals werden von ibr geschildert. Niebt in 
einer Darstellung, äie äen Verlaut äer politiseben 
Breignisss Lusammenbängenä beriebtete, sonäern in 
Borm eines Romans, der den Binüuk dieser Breig- 
nisss auk eins Druxpo junger Uenseben Lu gestalten 
versnobt, mit äenen sis okkenbar vertraut ge 
wesen ist. 
Nag äer Roman als solcher belanglos sein: Lum 
Dntsrsebisä von Renns Bueb, äas angesiebts äer 
Munsebkassaäs verbarrt, äeutet er äoeb wenigstens 
an, was binter äen Lulissen gesebiebt. Nur tut äis 
Verkasserin äer von ibr beabsichtigten Wirkung 
äaäureb ^.bbrueb, äak sie in einem kort politisebs
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        ^0^5-HM 
auk2utrsiksu, äem er sein Oslä akuskmsu kann^ 
Diner äer Dumxaus, äis er untsr^vsFs kindst, sst2b 
iku auk äis riektigs 8xur. In ^scksruomorsk lebt ein 
86Mi88er Lorsjko, äer als ksscksiäsusr Buekkaltsr 
sein Dasein kristst, in IVirkliekksit aber Unsummen 
ermorden kat, äis er in einem Dökksreksu aukks- 
v^akrt. Dr v^irä nun von Lenäer L Oo. uaek allen 
RsKsIu äer Dunst vsrkolZt. Der Domdinator mackt 
ilin s^stsmatisck würd unä verkamt äann eins Ds^ 
dsuskssekrsikuuA äes Dr^tomillionärs, äie er äis- 
sem 2um Vsrkauk aukistst. 2ulst2t 2aklb Dorojks 
v^irkliek äis Zekoräerte Million kür äas Verreieknis 
seiner 8ekanätatsu. Die äaZä uaek äem Olüek ist 
2U Dnäe; äas Luek allerdings uoek uiekt. 
^Vit2i§ unä ksdsuksulos nie äis Lenten^en Ostip 
Venäers sinä auek seins Daunereien. Dr nutst äis 
vsrtraektsstsu Dmstänäe unä v^eiü sogar aus einem 
autikapitalistiseksu Verkalken Lapital 2u seklagsn; 
äarin ^eit seinen Oskäkrdsu LalagauoM und Bani-- 
ko^vski überleben, äis siek ikrsu Dütsrkalt äamit 
erseknorren, daü sie sieli als 8ökus eines Dsutnauts 
Lekmiät ausgeden, irgendeines Revolutionskeläen, 
ässsen Dinder man v^okl oäer übel äurekküttern 
muÜ. (Dekenkei bemerkt sinä sie nickt äie einten 
Doekstapler, äis äen glorreieken Oeäanken gelallt 
baben, äiesen Lebmiät 211 ibrem Vater 2u ^äblen.) 
Lolebs kleinen Lsut62ü§e veraebtenä, gekt Bender 
mit wunderbarer Oesekiekliekksit gleiek auks Oan2s. 
Auk äer Reise naeb Isebernomorsk, äis er mit seiner 
Lands im Auto 2urüeklegt, lallt er sieb 2. L. als 
Lieber eines Autorennens preisen unä bewirten, äas 
2ukälli§ in äiesem Ra^on veranstaltst wirä. Später 
Zrünäet er eine LebeinZesellsebakt 2ur „Verarbei 
tung von Dörnern unä Buken", um sieb in äsn Be- 
sit2 äer notwendigen Auskünkts über Dorejko 2u 
bringen. Und es verstebt sieb von selbst, daü er 
gratäs in einem Lonäsrsug mitkäbrt, äer Journalisten 
und Lskördsn 2ur Deier einer Oleisvereinigung naeb 
äem Dsrnsn Osten dekördert.lVer wollte ibm böse 
Kein? Ds ist äurebaus in äer Oränung, dall er überall, 
,N^o sr auktauebt, Lum Mittelpunkt wirä unä kür 
Hins dssekränkts 2eit allgemeine Verebrung geniellt. 
Denn seins Aktionen breiten O1an2 über äie Alltags- 
wissre, unä äis Deute, äis auk ibn bereinkallen, sinä 
Zswöknliok betrogene Betrüger. 
Dunatsekarski erklärt in seinem Baek- 
Wort, äaL äis Lebelmersien Ostip Lenäers äarum 
ansuerkennen seien,. weil sie äis Axiellerwelt kloll- 
etsUtsn, eine IVslt, äis naeb ibm äer „Boäensats 
unserer HeseUsebakt", äer „besebmut^ts Kaum äes 
bswauäss äer Revolution" ist. In ibr, in äer äas 
Loeb immer niebt unterärüekts Dleinbürgertum 
Muebert, sei Venäsr mit Reckt äer „grolle ^lann". 
«Lammt er aber", käbrt Dunatsebarski kort, „in Be- 
rübrung mit äem wirklicksn Deben, so wirä äas 
wirklicks Deben ibn erdrücken müssen, als eine 
kersönliebksit, äis um so sckädlicker ist, js begab 
ter unä prinrixienloser sis ist." 
Vor allem äas Dnäe äes Romans sprickt kür äiese 
Msse. Raum bat Lenäer sein 2isl erreiebt, so mull 
er aueb sebon merken, äaü äie UMon in RuKlanä 
ebsr ein Dinäernis kür ibn ist. Dr kann mit äem 
6-M niebts ankangen, unä venn er als UiUionär 
Dinäruek 2u sebinäen suebt, rüeken äis Deuts von 
ibm ab. Die seböuen Rubel sinä in "Wabrbeit keinen 
Rkikksrling ^vert. 80 kaukt er sieb beimlieb 8aeb- 
^srts, bepklastert sieb mit goldenen unä silbernen 
Oegsnstänäen, büllt sieb in kostbare Relss unä 
klisbt aus RuÜlanä. 8okort jenseits äer Orsn^s aber 
ereilt ibn äas 8ebieksa1 in Oestalt rumänisebsr 
brenLSoläaten, äie ibn aller seiner Oüter berauben, 
'^.rm unä gsseblagen kebrt äer Dombinator rurüek. 
Leins Anstrengungen sinä vergeblieb gemessn. Nie 
mals mebr v^irä ibm ein Outsiäerglüek blüben, unä 
Ria äs äaneira bleibt ev^ig ein Lraum. 
Irots äiesss s^mboliseb gemeinten Leblusses 
tzebeinen jeäaeb äis kelteren Drkinäer Ostip Benäers 
niebt nur jenes Mlieu geißeln 2u sollen, äas von 
Dunatsebarski so xoetiseb als äer „besekmutrts 
Laum äes O-sv^anäss äer Revolution" bsLeieknet 
ivirä. Ibrs ^ngrikks reieben vielmekr mindestens bis 
sur 1?ai11snböbs binauk. Den Beweis kierkür liskern 
sunäebst einigs Debenkiguren. Din Olreis bssebäktigt 
sieb äamit, auk Iräums 2u lauern, äis ibm gs- 
tztattsn, äer penetranten 8o^jet^irkliebkeit 2u ent 
rinnen; aber äiess verkolgt ibn aueb noeb im 
Lraum unä spiegelt äem Leblakenäsn statt einer 
Data margana ^VanäreitunZen, Nitglieäsrbsikrägs 
unä Nasssnküebsn vor. Din anäerer äreis, der sieb 
sein Auskommen äureb Rebusse versebakkt, sekeitert 
äaran, äaü ibm äis Rätsel nur abgenommen v^er- 
äsn, v^snn sis läeologiseb unankeektbar sinä; ein- 
Wanäkreis ^Vorts ^is „Inäustrialisierung" inäessen 
tzpotten äer sinnvollen Verlegung. Diese komiseken 
babon unstreitig äen 2^eek, auk Deber- 
treibungsn äes 8^8tsms aukmerksam 2u marken. 
Aueb Venäer verböbnt immer vieäer das okkiriells 
Oebaren. IVenn er sieb etv^a auk äer Autoreiss äas 
Dntgsgsnkommen äer Bevölkerung äaäureb sickert, 
äaL er sein altes Vebikel mit äer Insebrikt versiekt: 
„Im Auto rennen ^ir an gegen sekleekts V^egs unä 
Rüekstänäigkeit", so trikkt er mit äiesem Rlakat 
äis Ausseb^eikungsn äsr Rroyaganäa unä alls 80v- 
jetbürger, äis ibnen erliegen. 6Eiü, äis Dombina- 
tionen äes Lombinators rergeken in Mebts; 
aber äeskalb ist er äoeb mebr als ein Labo- 
teur, äem äer Rro^eü gemarkt vsräsn muü. 
Dr ^iäerstebt äem 8^stem keineswegs als ein 
Daxitalist, sonäern als ein ibm notwendig beige- 
gebsner Gegenspieler, äer es äaran verbinäert, 
sieb selbstberrlieb 2u seblisüen. Das Anarebisebe 
stellt sieb wie verssrrt immer in Lsnäer dar. Obne 
äie Dinsebaltung äiesss Dorrektivs wärs das Z^stem 
von der Oekabr der Drstarrung bsärobt. 
Aus einem französischen Seevad. 
Von Kraeauer. 
Der 15. August. 
Roh an, ein ziemlich großes Städtchen am Ausgang der 
Gironde, ist ein so rein französisches Seebad, daß man hier 
nicht einmal deutsche Zeitungen auftreiben kann. Es ist, als mache 
man eine Entziehungskur durch. Der Erholung zuträglich ist auch 
das Ausbleiben der englischen rnlädle-elass. Sie wird offenbar 
von den Schönheiten und Pensionen der Bretagne stark genug 
gefesselt, um die weiter südlich gelegenen Küstenstriche Zu ver 
schonen. Zum Glück hat die Bretagne viel Platz. 
Dennoch ist Rohan kein abseitiges Idyll. Es besitzt z. B. ein 
Kasino, das wie die schlechte Kopie eines Lustschlosses aussieht, in 
dem einst eine offizielle fürstliche Mätresse gewohnt hat. Abends 
wird diese fatamorganatische Wirkung durch die Beleuchtung der 
übertriebenen Gesimse gesteigert, auf denen in regelmäßigen Ab- 
ständen Konditorvasen stehen, die sich weiß gegen den Nachthimmel 
abheben. Auch die Blumenvasen im Garten davor glänzen von 
innen. 
Am 15. August übt dieser Glanz eine unwiderstehliche An 
ziehungskraft auf ganz Frankreich aus. Wer etwa, ohne zu ahnen, 
daß der 15. August ein besonderer Tag ist, kurz vor seinem An- 
bruch nach Royan fährt, kann zufrieden sein, wenn er auch nur 
eine notdürftige Unterkunft erhält. In den Straßen herrscht ein 
weltstädtischer Trubel, und noch aus dem hintersten Pavillonzimmer 
blicken Gäste und Badehosen heraus. 
„Was wollen Sie... der 15. August —/ heißt eS überall, 
-,viele übernachten unten auf dem Strand." 
Trotz der Größe des Strands sind solche Auskünfte kein Trost. 
Erführe man wenigstens, welche Bewandtnis es mit dem 15. August 
hat! Aber die Bedeutung dieses Datums, an dem man sich immer 
wieder stößt wie an einer unsichtbaren Wand, hinter der gleich die 
Zeit aufhört, scheint ein Geheimnis bleiben zu sollen. Der 
15. August ist einfach der 15. August. Jedenfalls bin ich nicht klüger 
aus ihm geworden, als ich ihn miterlebte; denn er verlief wie 
andere Tage auch. Nur daß vielleicht noch mehr Leute als sonst 
herumpromenierten, die zweifellos alle wußten, warum sie es taten. 
Sie waren Eingeweihte und strahlten wie die Blumentöpfe des 
Kasinos, während sie ihren verborgenen Kult begingen. Am Abend 
des Tages fand ein Gewitter statt, das von einem Feuerwerk be 
gleitet wurde. Der Donner krachte lauter als die Raketen, die auch 
an Leuchtkraft hinter den Blitzen zurückblieben. Aber das Natur 
schauspiel war doch nur ein Zufall. Die treffendste Antwort auf 
meine so oft gesteifte Frage nach dem 15. August gab mir ein Kell 
ner, der allerdings ein Pariser ist. 
Das Palast-Hotel. 
Er arbeitet die Saison über in einem Palast-Hotel, das außer 
halb Royans auf einem kleinen Hügel liegt. Man erblickt es schon 
von weitem — ein völlig unnahbarer Kasten, der die ganze Bucht 
beherrscht und einem umgekehrten Zuchthaus gleicht; was nicht 
heißen soll, daß er ein Freudenhaus wäre. Dazu ist er viel zu 
modern gebaut; in einem Geist, der keine Kurven kennt, sondern 
nur Ecken. Die Balköne sind aus der Luft herausgeschnitten. 
Auch wenn man bereits dicht vor dem Hotel steht, ist man noch 
weit weg von ihm, weil es auf eine monumentale Fernwirkung 
berechnet ist, über der alle Kleinigkeiten vernachlässigt werden. 
Genau wie bei Filmstaffagen. Vor allem die große Halle scheint 
nur zu dem Zweck einer Komödie errichtet worden zu sein, die 
an der Riviera spielt. Der Marmor klingt dumpf wie Gips, und 
der matte Schimmer der Pfeiler und Säulen rührt unstreitig davon 
her, daß sie mit Silberpapier beschlagen sind. Jeden Augenblick 
erwartet man, Willi Fritsch hinter den grünen Vorhängen her 
vortreten zu sehen. Aber obwohl das Hotel besetzt ist, zeigt sich 
tatsächlich nachmittags niemals ein Mensch in der Halle. Der 
Grund ist der, daß die Gäste aus Pflichtgefühl die Hitze am Strand 
dem kühlen Innern vorziehen. In einem Seebad muß man in- 
einemfort Laden. So schläft das Orchester vor den leeren Sesseln 
ein, und der Gigolo starrt sehnsüchtig aufs Meer hinaus. Nur 
wenn der Kellner die Halle kreuzt, kommt etwas Leben in sie. 
Auf meine Erkundigung hin versicherte er mir, daß auch er nicht
        <pb n="66" />
        ahne, was am 15. August eigentlich vor sich gegangen sei, zuckte 
verächtlich die Achseln und meinte: 
„O'sst !s, moäs! O'osk ! On L xris sov xli." 
Es ist die Mode. Es ist zur Gewohnheit geworden. Der Kellner 
ließ es um so leichter bei diesen einleuchtenden Erklärungen be 
wenden, als er sich in Royan wie ein Verbannter fühlt. Er zählt 
die Tage bis zum Saisonschluß, an dem er wieder nach Paris 
Zurückkehren kann. Ein schwarzer zierlicher junger Mann, der 
ganz verzückt: „Oh, Paris" sagt. Das Oh erinnert an das von 
Chevalier, als dieser noch französisch sprach. Freilich harren des 
Kellners in Paris unvergleichliche Seligkeiten, die er nicht müde 
zu schildern wird. Dort ist er während des Winters in einem 
Luxusrestaurant beschäftigt, das ein wahrer Feenpalast sein muh. 
Prachtvolle Spiegel vervielfachen den Raum, drei ausgewählte 
Kapellen musizieren vom kivs-o'Llloek-tsL an bis in die Nacht 
hinein, und immer neue wunderbare Attraktionen unterhalten die 
Gäste, die dichtgedrängt tafeln. „Oh, Paris", sagt er, und die Be 
geisterung über ein Lanzakrobatenpaar zittert noch in ihm nach. 
Seine Augen glitzern, als seien ste frisch gewichst. Von der Aus 
sicht auf Paris verzaubert, tänzelt er, das Servierbrett mit einem 
Finger Lalanzierend, durch die verwaiste Halle zur Terrasse 
hinaus. 
sehr rücksichtsvoll gegeneinander. Und nicht nur die Rücken der 
Mädchen zeigen sich unverhüllt frei, sondern auch ihre Vorder 
ansichten wagen sich unvorsichtig hervor. Was noch übrig bleibt 
vom Kostüm, ist ein einziger greller Farbfleck. Wie in einem 
Kaleidoskop gehen diese blauen, gelben, roten Flecke immer 
wechselnde Verbindungen miteinander ein, so daß oft herrliche 
Kompositionen entstehen. Beim Nachmittagstanz verschmelzen 
sie paarweise unter dem grünen Laub im Rumbatakt zitternd. 
An den Abenden bilden sie lange Reihen, die bunt wie Halsketten 
sind — Banden junger Männer und Mädchen, denen es einen 
ungeheuren Spaß macht, mit untergefaßten Armen einträchtig 
über die Promenade zu bummeln. Ihre Gesichter haben einen 
sorglosen Ausdruck, den man bei uns in Deutschland gar nicht 
mehr kennt. Aber was kümmern sie sich um Deutschland! Seine 
Not ist ihnen kaum ein Begriff, und das Leben ist schön. Be 
deutend verschönert wird es seit kurzem durch Do-Do, das 
jüngste Modespiel, das seinen Siegeszug angetreten hat. Eine 
Art Kaugummi für die Hand. An einem Bindfaden hängt ein 
rundes Scheibchen, das man nach verschiedenen künstlichen 
Methoden auf- und abgleiten lassen kann. Die Hand kaut das 
Scheibchen, spuckt es aus und holt es dann plötzlich wieder zurück, 
um von neuem zu kauen. Sämtliche jungen Leute vertreiben sich 
mit diesem Do-Do die Zeit, die sie im Ueberfluß haben. Sie blicken 
im Gehen nicht nach rechts und nach links, sondern starren tief 
sinnig vor sich hin, und vergessen über einem zerrissenen Bind 
faden die Anknüpfung von Flirts, die durch nichts besser einge 
leitet werden können als gerade durch Do-Uo. 
Sogar der Chasseur des Cafös yoyot bereits. Er ist ein Junge, 
ein halbes Kind noch, das seinen Beruf als ein Vergnügen auf- 
faßt und aus Uebermut Clownsstreiche begeht, die vom Geschäfts 
führer freundlich belacht werden. Ist die Hitze zu groß, so stehlen 
sich die beiden wie Kameraden zu einer Erfrischungsbude gegen 
über und essen dort Waffeleis. Die Gäste bekommen zur Abküh 
lung Papierfächer geschenkt. Da diese überall ausgeteilt werden, 
kann man sich eine hübsche kleine Sammlung von ihnen anlegen. 
Sie sind mit kolorierten Reklamezeichnungen versehen und manch 
mal so zart gekräuselt, als ob sie aus echten Federn bestünden. 
Wenn sich alle Cafehausbesucher fächeln, beginnen die Tische zu 
schwanken, und das ganze Cafe wogt mitten in die Sonne hinein. 
Tragisch wäre der Fall eines Menschen, der Do-Do spielen und sich 
zugleich mit einem Fächer Luft zuwehen müßte. Zu den Stamm 
gästen des Cafes gehören zahlreiche ältere Herren und Ehepaare, 
die sich nur schwer unterbringen lassen. Weder wirken sie geradezu 
wie Einheimische, noch auch beteiligen sie sich unmittelbar an den 
Ferienfreuden des Badelebens. Vielmehr tauchen sie ohne Sinn 
und Zweck auf, beunruhigende Erscheinungen, die sich der Tätig 
keit des Nichtstuns völlig grundlos hingeben. Es sind die Rentiers, 
die dieses rätselhafte Leben führen. Man sieht sie in den Gärten 
ihrer Häuschen die Zeitung lesen und kann sie bei ihren gemäch 
lichen Spaziergänger: beobachten. Das Cafe dient ihnen als regel 
mäßiger Zufluchtsort. Hier sitzen ste zu jeder Tageszeit ihre Zeit 
ab, hier spielen sie Karten und hier schreiben sie Briefe, die viel 
leicht gar nicht geschrieben werden müßten. Des Abends kleiden 
sie sich besonders soigniert und lauschen mit Wohlbehagen der 
Musik, die immerhin ein paar Stunden ausfüllt. Einmal in der 
Woche findet ein klastischer Abend statt, der sich von den anderen 
Abenden hauptsächlich dadurch unterscheidet, daß die Musiker 
schwarze Röcke tragen. Sie bringen ihre Familien und Bekannten 
mit, die sich dicht Leim Podium niederlaffen, und spielen Wagner, 
Schubert, Offenbach, Verdi. Das vollbesetzte Cafe klatscht begeistert 
wie in einem Akademiekonzert und vermeidet während der Solo 
darbietungen das Fächeln. Je nach der Art der Motive zwirbeln 
die Rentiers den Schnurrbart oder blicken gerührt auf ihre Ga 
maschen. Nach dem Konzert zahlen sie und gehen befriedigt heim. 
Ihr Schlaf wird von der Regierung behütet, die über dem Zinsen 
dienst wacht. 
Das Meer. 
Das Klima ist für diese Rentner geschaffen. Die Wolken zer 
streuen sich rasch, und mild wie die Lust ist das Meer. Seine 
Brandung kämpft nicht gleich der in Biarritz wütend gegen die 
Küste an, sondern legt sich, den Bedürfnissen des französischen 
Mittelstands Rechnung tragend, behutsam auf den Strand nieder. 
Ueberhaupt weiß das Meer genau, was sich an einem so populären 
Seebad schickt und läßt sogar Gottheiten den Fluten entsteigen. 
Eine traf zum Marine- und Kolonialsest Ende August auf einem 
Kreuzer in Rohan ein. Es war eine herrliche Zeremonie. Die 
ordengeschmückten Behörden standen in der Eingangshalle des Rat 
hauses, vor dem eine Abteilung Senegalesen Spalier bildete. 
Man wartete geduldig auf den Meerbeherrscher, der aber nicht 
kam. Einmal schien es, als ob er sich nähere. Auf ein ver 
abredetes Zeichen hin kommandierte der weiße Offizier:,, Achtung!" 
und seine Senegalesen erstarrten. Das Zeichen war jedoch ein 
Irrtum gewesen. Die Zuschauer lachten, die Senegalesen lachten, 
und wirklich — der Offizier lachte auch. Alle lachten Zusammen 
und riefen sich Witzworte zu. In anderen Ländern hätte der Offi 
zier seiner militärischen Ehre etwas zu vergeben geglaubt, wenn 
er — noch dazu nach einem verkehrten Manöver — in irgendeine 
intimere Beziehung Zu den Zivilisten getreten wäre. Endlich fuhr 
das Auto vor, das einen alten Vizeadmiral mit seiner Gemahlin 
enthielt. Die Behörden sammelten sich, die kleine Truppe präsen 
tierte das Gewehr. Der Vizeadmiral mit seinen schlohweißen 
Haaren und seinen leuchtenden Augen war eine historische Denk 
würdigkeit, von der bestimmt schon die Schullesebücher erzählen. 
Während er die Front abschritt, bewunderte seine Gattin mit edlen 
Dr e Dampftrambahn. 
Man erreicht das Hotel mit einer Dampftrambahn, die aus der 
Zeit unserer Großeltern stammt. Sie ist klein wie ein Kinderspiel 
zeug und wird von jedem Windhauch gefährdet. Auf den Tritt 
brettern der offenen Wägelchen, die man leicht in die Hand nehmen 
könnte, ziehen echte Kontrolleure vorbei, denen ihr Beruf heilig ist. 
Die Lokomotive hat einen ungewöhnlich langen Schornstein, der 
fast den Lokomotivführer überragt, und stößt fortwährend gellende 
Hilferufe aus. Es ist, als befürchte sie, überfahren zu werden. Das 
ganze Bähnchen schaukelt wie ein Schiff auf hoher See am Strand 
entlang und macht alle drei Schritte Station. Viele Villen säumen 
seinen Passionsweg ein. Sie tragen poetische Namen, die beweisen, 
daß ihre Besitzer mit sich und der Welt in Harmonie leben, haben 
das provisorische Aussehen südlicher Bauwerke und dringen tief 
in den Wald ein, der die Bucht umgürtet. Der Wald ist ein ver 
gessener Grunewald, der im Vergleich mit dem Meer etwas hinter 
wäldlerisch anmutet. Kerzengerade Schneisen teilen ihn geometrisch 
auf. Dank der Lichtungen, die er für Tennisplätze, Rondells und 
andere Bedürfnisse der Zivilisation freigibt, könnte sein Inneres 
manchmal auch sein Aeußeres sein. Mutig durchfährt ihn die 
Dampftrambahn dort, wo er am wildesten ist, und pfeift mit den 
Vögeln um die Wette. Zwischen den einzelnen Baumstämmen kam 
pieren nicht selten Gruppen in Badeanzügen, die sich mit schlechtem 
Gewissen vor der Sonne geflüchtet haben. Auch die alten Weibchen 
und die Einheimischen gehen hier gern spazieren, es liegt ihnen 
sonderbarerweise nichts daran, braun zu werden. 
Das Bade leben. 
Um so leidenschaftlicher brennen die Badegäste darauf zu 
verbrennen. Die braune Körperfarbe ist zu einer Religion ge 
worden, deren Gläubige vor keinen Hautfetzen zurückscheuen. 
Manche ruhen nicht eher, bis sie schwarz wie die Neger geworden 
sind, über die sie sich als Angehörige der weißen Rasse erhaben 
dünken. Ein Bleichgesicht zu sein, gilt als Ketzerei. Darum werden 
auch schon die B^bes geröstet, von denen der Strand nur so 
wimmelt. Sie formen Sandkugeln, die sie übereinanderschichten, 
lutschen Zuckerstangen und trippeln aus dem Schoß ihrer faul 
hingelagerten Familien ins Wasser. Die Kleinen gehen mit den 
Wogen furchtlos wie mit Hunden um, die Größeren möchten am 
liebsten weinen. Wenn eines von ihnen abhanden kommt, wird 
sein Verlust durch Lautsprecher bekannt gegeben. „Ein vier 
jähriger Junge namens Roger ist am Hafen gefunden worden. 
Er trägt einen weißblauen Sweater, hat eine Schippe und kann 
von den Eltern im PolizeikommissariaL abgeholt werden." Die 
Meldung schallt über die Strandpromenade, auf der sich alle 
Mit trifft. Nach den Gesetzen der Mode benimmt man sich hier 
Gebärden der Anerkennung die Blumendekoration des Rathauses: 
zwei aus Veilchen geformte Schiffsanker. Jeder tat, was ihm Zu- 
kam; jeder führte seine Rolle vollendet durch. Das hohe Paar zog 
die Behörden huldreich ins Gespräch, die Behörden nahmen ihren 
Platz ein und die Senegalesen machten brave Soldatenaugen. Wie 
ein Schauspiel, das man sich selber gab, wickelte sich der Empfang 
ab, und obwohl sämtliche Beteiligten auf offener Szene den 
nötigen Ernst wahrten, wußten sie doch, daß sie Schauspieler 
waren. Es fehlte nicht viel, und sie hätten hinterher Beifall ge 
jubelt. In der Dämmerung entfernte sich der Kreuzer langsam, 
und das Meer war wieder friedlich wie immer. Um diese Zeit 
ist -es ein stiller glatter Spiegel, in dem die feinen Farben des 
Himmels Widerscheinen. Weit draußen fahren die Schiffe nach 
Bordeaux zu oder gleiten hinaus. Man sieht ste kaum; ihre Rauch 
fahnen sind ein Hauch. Wenn die Dunkelheit wächst, entzünden sich 
die Leuchttürme und spielen Do-Uo miteinander. Strand und 
Wasser werden dann eins. Das Kasino steckt alle seine zahllosen 
Lichter an, deren größtes der rote Vollmond ist.
        <pb n="67" />
        Zwei Krauen im Aikm. 
Berlin, im September. 
Greta Garbo. 
Da geht man ins Kino, um die Garbo zu sehen, und steht 
sie auch — aber in welcher Umgebung! Inmitten eines Unrats 
von Peinlichkeiten und erlogenen Gefühlen muß sie erscheinen. 
Wenn eine Jndustriefirma Maschinen erzeugt, so ist es in Ord 
nung; wenn sie jedoch ihren Kundenkreis zu Tränen rühren will 
und sich in dieser Absicht bedeutender Stoffe bemächtigt, so kommen 
in der Regel schlimme Dinge heraus; mag auch das Publikum 
tatsächlich schluchzen. Der Film: „Mata Hart" übertrifft noch 
die Befürchtungen derer, die schon im Gedanken daran, daß man 
in Hollywood ein solches Thema bearbeiten könne, von ungünsti 
gen ° Vorahnungen geplagt worden sind. Kein Effekt, den uns 
Metro-Goldwyn-Mayer diesmal schuldig geblieben wäre; keine 
melodramatische Szene, die sich nicht zu Erpressungszwecken un 
erträglich lang hinzöge. Der Delinquent am Anfang wird nicht 
nur erschossen, sondern zeigt sich auch'noch nach der Hinrichtung 
mit gekrümmten Gliedern. Und der Abschied des erblindeten russi 
schen Offiziers von Mata Hart ist eine Seelenzuckertorte von 
so gewaltigem Umfang, daß ' man sie niemals aufessen kann. 
Liebe, Verrat aus Dämonie, Glanz, Jugend, Trauer: all diese 
Daseinsformen und Gehalte werden wie irgendein neuentdecktes 
Oelfeld vom Spekulantentum skrupellos ausgebeutet, und mit 
ihrem puren Sensationswert macht es dann seine sensationellen 
Geschäfte. 
Man sieht die Garbo, kann sie aber nicht einmal hören. Zu 
den Widerwärtigkeiten des Films kommt noch diese hinzu: daß 
seinen Darstellern die deutsche Sprache in den Mund gezwängt 
wird. Das aus dem Film: „Anna Chnstie". her bekannte dunkle 
und rauhe Organ der Garbo mag anfechtbar sein. Doch es ist 
ihre Stimme, die einzige, die wirklich zu ihren Gebärden gehört. 
Hier verleibt man ihr eine fremde (an sich gar nicht schlecht 
klingende) Stimme ein, deren Weichheit durch das Mienenspiel 
stets Lügen gestraft wird. Noch fahrlässiger beinahe ist man mit 
einem alten General umgesprungen, der seine fatale Rolle im 
lyrischen Ton eines jugendlichen Liebhabers herunterdeklanueren 
muß. Wann werden diese gedubbten Filme endlich von der Bild 
fläche verschwinden? Wenn man nicht eine Version mit deutschen 
Schauspielern vorzieht, ist nur das. eine Verfahren richtig: die 
Originalsprache beizubehalten und die wichtigsten deutschen T^ 
in die Bildstreifen hineinzukopieren. 
Immerhin sieht man die Garbo. Und sie hat soviel Natur, 
die manchmal ganz Kunst wird, daß es ihr an einigen Stellen 
gelingt, den elenden Kitsch zum Vergessen zu bringen, in dem 
jede andre erstickte. Am Krankenbett des Geliebten und, dann 
weiter dem Ende zu ist sie gleichsam allein und vollkommen wirklich. 
Die ergreifenden Monologe ihres Gesichts sind in diesen Szenen 
beredt genug, um hörbar zu werden, und sogar die erborgte Stimme 
bleibt auf der Strecke zurück. 
Elisabeth Bergner. 
Unmittelbar nach der Garbo ist den Berlinern wieder einmal 
Elisabeth Bergner zuteil geworden. Sie hat lange nicht mehr 
gespielt. Der für sie hergestellte Film nennt sich übertrieben poe 
tisch: „Der träumende Mund" und ist, wie immer, von 
Paul Cz inner inszeniert. Zugrunde liegt ihm ein leichthin 
ernst gemeintes Boulevavdstück Henry Bernsteins, das durch die 
Verfilmung weder vertieft noch, was wünschenswerter 'gewesen 
wäre, verflacht worden ist. Denn es ist wirklich nicht einzusehen, 
warum die Frau des sympathischen Orchestermuflkers in den Tod 
gehen muß. Weil sie plötzlich eine heiße Liebe zu dem berühmten 
Violinvirtuosen gefaßt hat, in dem sie auch den Glanz der Welt 
gesammelt findet, und nun nicht mehr weiß, zu welchem der beiden 
Männer sie fortan gehören soll? Indessen, die gewaltsame Lösung 
dieses etwas postumen Konflikts wirkt nur wie eine brüske 
Ueberrumpelung und nicht als ein notwendiges Finale, das tra 
gisch heißen dürste. 
Es ist der Bergner nicht geglückt, die Konstruktion glaubhafter 
zu machen. Sie soll die kleine Frau des netten Musikers sein und 
zugleich das Weib, das den erfahrenen Virtuosen an sich zu fesseln 
vermag. Statt aber dieses aus jener hervorgehen zu lassen, spielt 
die Bergner durchweg ein Jungmädchen, das kapriziös auf seinem 
etwas kindischen Wesen beharrt. Sie trägt ihre Unreife zur Schau, 
sie behandelt die Sprache wie ein Spielzeug, das man mit sich 
herumzerrt und manchmal zerbricht. Zugegeben, daß sie diesen 
kaum der Pubertät entwachsenen Typus reizend und intelligent 
verkörpert. Nur ist die Art, in der sie ihn darstellt, schon fast zur 
Manier gediehen, und überdies traut man einem so bewußt ver 
niedlichten Geschöpfchen nie und nimmer die Eroberung des ab 
gebrühten Geigers zu. Die Anlage der Rolle ist so verfehlt, daß 
auch die paar Akzentverschiebungen keinen entscheidenden Einfluß 
erlangen. Gewiß, als Pflegerin ihres Mannes mischt die Bergner 
wundervoll Ernst und Verzicht, und wenn sie am Hals des Ge- 
NealWM Lösung. 
Paris^ im September 
Aus welchen Gründen man uns in DeutschlmL gerade die 
besten französischen (und amerikanischen) Filme vorenthM ist 
mir unbekannt. Tatsächlich hat man dem deutschen Publikum 
weder: äs 1a luus" übermittelt, eines der reizendsten Kam- 
mersplele, dre selb langem gedreht worden sind, noch den Film von 
^ean Renoir: „ka ebisuL^. Gerade dieses Werk bei uns 
emAuführen, wäre aber sehr nützlich. Denn es ist ein gutes Bet- 
Realismus, den der Film im allgemeinen und 
der deutsche Frlm im besonderen offenbar nicht aufzubringen wagt. 
E?^bgmtellr Der Film verleugnet bei.uns, wie man weiß, die 
Wrrklrchkert, wo er nur kann, und ergeht , sich lieber, in'den .aus- 
schwerfendsjen Illusionen, als daß - er das Leben richtig. widerzu-- 
spiegeln versuchte. Und doch gäbe es keine entscheidendere Aufgabe 
m Deutschland als die Schürfung des Blicks für die Realität. 
Unter seiner Stumpfheit haben wir, nicht zuletzt in politischer Hin 
sicht, viel und unnötig zu leiden gehabt. 
Die Handlung des Films: „iH edisnns" entwickelt sich wie 
folgt:.Ein älterer, mit einer Xanthippe verheirateter Bonhomme, 
der in seinen Mußestunden der Malerei huldigt, knüpft eine Be 
ziehung mit einer Grisette an, die einen Zuhältertyp zum Freund 
.l&amp;gt;ll. Da sie diesem ganz ergeben ist, hilft sie ihm, die Bilder des 
Malers heimlich in den Handel zu bringen. Der Coup gelingt, 
und der Zuhälter macht sich bald ein Vermögen. Eines Tages 
entdeckt der Bonhomme von Maler, daß er elend betrogen worden 
ist, seine Arglosigkeit weicht der Verzweiflung, und er ermordet das 
Mädchen, das ihn allein noch mit dem Leben verband. Durch eine 
Reihe von Zufällen wird nun nicht er, sondern der Freund der 
Tat bezichtigt und ins Gefängnis gesetzt. Die Frage ist: zieht man 
im Film seine Unschuld ans Tageslicht, oder läßt man ihn für ein 
Verbrechen büßen, das er —zufälligerweise — nicht begangen hat? 
Ich bin davon überzeugt, daß die üblichen Manuskriptschreiber 
die erste Lösung bevorzugt hätten. Und zwar hätten sie aus zwer 
Motiven heraus den Zuhälter entlastet und dem Maler den Pro 
zeß angedreht. Einmal darum, weil gemäß der bei uns herrschen 
den Auffassung der Film das Leben, in dem sich ja manchmal 
Justizirrtümer ereignen, nicht demonstrieren, sondern beschönigen 
soll. Zum andern darum, weil der für den Mord verantwortlich 
gemachte Maler gar noch zum (pseudo-) tragischen Helden an 
geschwollen wäre, und ein Film mit einem tragischen Helden nach 
der Meinung unserer Filmkonfektionäre mehr Laugt als ein Film, 
der das reale Dasein schildert, in dem die tragischen Helden keines 
wegs überwiegen. Kurzum, man hätte in hundert gegen eins Fäl- 
. len auf Kosten der Lebensechtheit einer billig zu erlangenden 
Wahrheit die Ehre gegeben und leichter Hand die sogenannten 
höheren Bedürfnisse befriedigt. 
Renoir läßt, der Romanvorlage folgend, den Widersinn schein 
bar triumphieren. Der Maler schweigt während der Gerichtsver 
handlung, er ist zu feig oder zu gelähmt, um sein Verbrechen ein- 
zugestehen. Da kein Verdacht auf ihn fällt, wird der Freund des 
Mädchens guillotiniert. Dergleichen pflegt zu geschehen. Es gibt 
diese Hündinnen, diese, älteren Männer, die mit dem Leben nicht 
fertig geworden sind, und diese schurkischen Kerle. Und die Stärke 
des Films ist -eben die, daß er sich dem Anblick wirklicher Menschen 
und ihrer Handlungen nicht entzieht, sondern ihm standhält; daß 
er den Sieg der Ungerechtigkeit offen darstellt, statt ihn zu ver 
tuschen. Verherrlicht er etwa die Ungerechtigkeit? Er tut nur nicht 
so, als sei sie ohne weiteres aus der Welt zu schaffen, und ver 
anschaulicht überdies, auf welch vertrackten, kaum sichtbaren Wegen 
das Leben jene Ausgleiche bewerkstelligt, die unserem Gerechtig 
keitsbedürfnis annähernd genügen. Dem Film klappt ein Epilog 
nach, aus dem hervorgeht, daß der Maler zum Vagabunden herab 
gesunken ist, der nicht einmal mehr weiß, daß er einst Maler ge 
wesen war. Die Strafe hat ihn mittelbar ereilt, er vegetiert 
kläglich dahin. Während in der Mehrzahl der Filme die Gerechtig 
keit, entgegen jeder Erfahrung, offene Türen einrennen darf, ist 
-sie hier wie in der Wirklichkeit selber nur hinter einer Wand zu 
ahnen; das heißt, sie erzeugt sich dadurch, daß sich zwei Ungerech 
tigkeiten aufheben. 
Am Können fehlt es Lei uns durchaus nicht; wohl aber an 
der realistischen Gesinnung, die aus diesem Film spricht. Zu ihr 
sollten auch unsere Filme erziehen. Denn die Kraft, das unver 
stellte Leben ins Auge zu fassen, ist eine Vorbedingung echten 
politischen Handelns. L. Lraeauer.
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        Gebärden der Anerkennung die Blumendekoration des Rathauses: 
zwei aus Veilchen geformte Schiffsanker. Jeder tat, was ihm zu- 
kam; jeder führte seine Rolle vollendet durch. Das hohe Paar zog 
die Behörden huldreich ins Gespräch, die Behörden nahmen ihren 
Platz ein und die Senegalesen machten brave Soldatenaugen. Wie 
ein Schauspiel, das man sich selber gab, wickelte sich der Empfang 
ab, und obwohl sämtliche Beteiligten auf offener Szene den 
nötigen Ernst wahrten, wußten sie doch, daß sie Schauspieler 
waren. Es fehlte nicht viel, und sie hätten hinterher Beifall ge 
jubelt. In der Dämmerung entfernte sich der Kreuzer langsam, 
und das Meer war wieder friedlich wie immer. Um diese Zeit 
ist es ein stiller glatter Spiegel, in dem die feinen Farben des 
Himmels wiederscheinen. Weit draußen fahren die Schiffe nach 
Bordeaux zu oder gleiten hinaus. Man sieht sie kaum; ihre Rauch 
fahnen sind ein Hauch. Wenn die Dunkelheit wächst, entzünden sich 
die Leuchttürme und spielen Do-Do miteinander. Strand und 
Wasser werden dann eins. Das Kasino steckt alle seine zahllosen 
Lichter an, deren größtes der rote Vollmond ist.. 
Gerade wird eine dramatische Szene in drei Ver 
sionen gedreht. Der Held, ein so kühner wie dämonischer Flieger, 
erklärt dem Kommandanten von „F P. 1", daß er die Station 
zerstört habe (oder zerstören wolle). Natürlich hat ihn eine Frau 
zu dieser Verzweiflungstat getrieben. Bitter weist der Flieger 
auf die Dame, die man leider während der Aufnahme nicht sieht, 
und schickt sich dann an, schlafen zu gehen. „Weck" mich, wenn es 
soweit ist," sagt er zum Kommandanten, „man geht nicht alle 
Tage unter auf einer sinkenden „F. P. 1"." Immer wieder wird 
die kleine Szene wiederholt, und stets von neuem ertönen die mit 
tragischer Ironie übersättigten Worte. In der französischen Ver 
sion wirken sie absichtlich affektiert, in der englischen sind sie das 
Zeichen männlicher Souveränität. 
Wenn in den Berliner Kinos Uraufführungen stattfinden, sind 
die Eingänge gewöhnlich von einem Haufen begeisterter Leute 
umlagert, die den Stars zujubeln wollen. Zwei Reihen Schutz 
leute müssen Lrlian Harvey auf dem Weg zu ihrem Wagen be 
hüten, sonst wird sie ein Opfer des Ruhms. Das Uebermaß von 
Seligkeit, das diese jungen Film-Enthusiasten hier auf der Oie 
empfänden, ist wirklich nicht auszuschöpfen. Denn wer wandelt in 
stattlicher Naturgröße und prächtigem Megerdreß über die 
Plattform und spricht die Worte: „Man geht nicht alle Tage unter 
auf einer sinkenden F. P. 1"? Hans Albers persönlich. Um 
das Glück voll zu machen, ist auch Konrad Veidt zugegen; im 
selben Megerdreß, mit Einglas und Schal. Er ist der englische 
Sprecher. Einmal sitzen sogar die beiden rein privat in der Kan 
tine Zusammen. Es gibt noch Lichtblicke in dieser düsteren Zeit. 
-r- 
Abend für Abend fährt der Dampfer mit den Darstellern und 
dem technischen Stab nach Göhren zurück. Die falschen Matrosen 
auf dem Verdeck sehen jetzt vollends wie richtige aus, und Echtheit 
und Unechtheit fließen merkwürdig ineinander. Das Blau der Ost 
see täuscht das Mittelmeer vor, der Mann am Steuerrad muß ein 
Komparse sein. Göhren selber ist eine einzige Filmdekoration zu 
einem historischen Film aus der Zeit Kaiser Friedrichs III., 
dessen Bild im Restaurationssaal eines Hotels hängt. Und obwohl 
die Häuser mit den Holzloggien, dis Strandpromenade und die 
Andenkengeschäfte das Flutdeck und die Gerüste noch lang über 
dauern werden, wirken sie doch ungleich verschollener als drüben 
auf der Oie der Schein von „F. P. 1". Bald gehen die Aufnahmen 
Zu Ende. Dann wird Hans Albers verschwinden, der Glanz er 
löschen und die Insel mit ihren 17 Menschen verlorener sein als 
je Zuvor. 
„Ii. H. 1" aus der Insel Hie. 
Berlin, 29. Sept. 
„F. P. 1" liegt nur Zum Schein auf der Insel Oie. Bald 
wird die Insel wieder verödet sein, ohne daß darum die „F. P. 1" 
im Weltmeer auftauchte, in dem sie von Rechts wegen schwimmen 
sollte. Dennoch wird man spätestens gegen Jahresende „F. P. 1" 
überall sehen können; aber die Insel Oie zeigt sich dann nicht 
mehr mit. 
Versteht man diese geheimnisvollen Zusammenhänge? Ich 
sänge noch einmal von vorne an. 
Was die Insel O i e betrifft, so existiert sie wirklich. Sie heißt, 
genau genommen, die Greifswalder Oie unix ist vom Ostseebad 
Göhren auf Rügen aus in einer anderthalbstündigen Dampfer 
fahrt zu erreichen. Eine winzige Insel mit einem Leuchtturm und 
-einem Restaurant. Wer will, kann an einem Vormittag unzählige 
Mal ihre grüne Fläche umkreisen, die steil ins Meer abfällt. In 
normalen Zeiten wird das Miniatur-Eiland von 17 Menschen 
bewohnt. 
Jetzt allerdings hat es vorübergehend starken Zuzug erhalten. 
Matrosen, deren bebänderte Mützen die Inschrift „F. P. 1" 
tragen, streifen auf der Insel herum, und neben dem roten Leucht 
turm erheben sich hohe Gerüste. Hinter ihnen beginnt eine andere 
Welt. Der Rasen hört auf, und an Stelle des natürlichen Geländes 
entfaltet sich eine leere, sanft ansteigende Ebene, die aus Eisen 
platten besteht. Sie hat einen künstlichen Glanz, schwebt über dem 
Meeresspiegel und Zeichnet sich scharf vom Horizont ab. Begrenzt 
wird sie von Fragmenten moderner Fassaden, die aber in Wahrheit 
nur die Vorderseiten der Gerüste sind. Auch der Riesenkran, der 
einsam in den Himmel ragt, ist nicht das, was er zu sein vorgibt. 
Echt ist vermutlich nur ein Zelt am Rand der eisernen Plattform, 
in dem jedenfalls richtiges Bier ausgeschenkt wird. 
Zweifellos hat man schon erraten, daß diese ganze'Schein- 
Architektur Zu Filmzwecken errichtet worden ist. In der Tat, die 
Ufa dreht hier große Stücke ihres Films: „F. P. lantwortet 
Nicht", 
K 
Die rätselhaften Buchstaben, die nicht antworten, sind die Ab 
kürzung für „Flugzeug-Plattform 1". Unter dieser Be 
zeichnung ist eine künstliche schwimmende Insel zu verstehen, die 
als Stützpunkt für den transozeanischen Luftverkehr dient. Einst 
weilen gibt es eine derartige Insel nur in einem Roman von Kurt 
Siodmak, dem der Ufa-Film den Titel und die offenbar sehr auf 
regende Spielhandlung entlehnt hat. Aber der Roman ist nicht 
etwa ein reines Phantasieprodukt, sondern nimmt ein Projekt 
vorweg, dessen Verwirklichung auf beiden Seiten des Ozeans ernst 
haft erwogen wird. A. B. Henninger, ein deutscher Ingenieur, 
hat ein solches Projekt bis ins kleinste ausgearbeitet. Er sieht ein 
Flugdeck von 500 Meter Länge und 150 Meter Breite vor, das sich 
25 Meter über dem Meeresspiegel befindet und auf einer Reihe 
von Stempeln ruht, die in die unbewegten Meeresschichten hinab 
reichen. Die ganze Konstruktion ist an einem Tiefsee-Anker befestigt, 
um den sie sich je nach der Windrichtung drehen kann. 
Da der Insel des Films die Pläne Henningers zugrunde 
liegen, kommt ihr eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu. Und taucht 
sie gar "E einmal auf der Leinwand auf, so wird jedermann 
glauben, daß sie schon wirklich sei. Man wird Flugzeuge auf ihr 
landen sehen, im Kommandoturm zu stehen meinen, mit den 
Passagieren im Hotel einkehren, tief unter der Plattform zwischen 
den Stempeln hindurchfahren und Schreckensszenen miterleben, die 
sich freilich nur bei Siodmak ereignen. Aber alle Romane bleiben 
hinter dem Leben zurück. Wunderbarer noch als diese künftigen 
Illusionen sind unter allen Umständen die Vorkehrungen, mit deren 
Hilfe sie erzielt werden. Die Hotelanlage besteht nur im Modell; 
von den Stempeln hat man einige aus Blech improvisiert und bei 
Cuxhaven in die Elbe gesenkt; der rauschende Ozean ist die fried 
liche Greifswalder Bucht; ein Ausschnitt des Flugdecks, das 
eigentlich von den Stempeln getragen werden sollte, schmiegt sich 
dem Rasen der Oie an. 
liebten weint, enthüllt sich eine nicht erwartete volle Natur. Aber 
veranschaulichen diese wenigen Auftritte auch, was die Bergner 
unter Umständen leisten könnte, so drängen sie doch nicht die viel 
zu dick aufgetragene Infantilität zurück, die keineswegs gleichbe 
deutend mit der dunklen Verwirrung ist, in der die Heldin aller 
dings befangen sein müßte. 
Czinner hat unzweifelhaft Delikatesse; ja die Gestaltung eines 
qualvollen Traumes geht sogar noch über den bloßen guten Ge 
schmack hinaus. Seine Regie erblickt im übrigen ihre Hauptauf 
gabe darin, den passenden Rahmen für die Bergner zu schaffen, 
und ist die gepflegte Arbeit eines sicheren Kunstgewerblers, der 
keine besonderen Einfälle hat. Mitunter hat er sich die Sache etwas 
zu leicht gemacht. So hätte er in einem Film, der die Einheit des 
Ortes wahrt, weder ein Pariser Restaurant mit einer Berliner 
Destille zusammensteller^ noch einen Schupomann am Ufer der 
Seine zeigen dürfen. Auch ist die Wohnung des Ehepaares für 
ein Orchestermitglied entschieden Zu luxuriös. Anton Sdthofer 
verleiht dieser Gestalt die Liebenswürdigkeit des schon halbwegs 
verbeamteten Künstlers und setzt sie vorzüglich vom Geiger Rudolf 
Försters ab. Der ist mit seiner Rattenfängerstimme ein Frauen- 
gott ohne Makel« 8. Lravausr.
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        733-7^^ 
Mker Arbeitslager. 
Von S. Kraeauer. 
Die entscheidende Form, in der sich der Freiwillig? 
Arbeitsdienst vollzieht, ist die jener Arbeitslager, 
die vor etwa sieben Jahren aus der deutschen Jugendbewegung 
hervorgegangen sind- Das erste bestand nur aus Studenten 
und sollte, wie Georg Keil in seinem Buch: „Vormarsch der 
Arbeitslagerbewegung" erklärt, die Werte des Werkstüdenten- 
tuws, das nach der Stabilisierung der Mark erlosch, 
in die Zukunft hinüberretten. Bald danach wurde 
dann, unter der aktiven Mitwirkung von Hans Dehmel 
und Eugen Rosenstock, der auch die neue Bewegung 
in theoretischer Hinsicht richtig Zu fundieren suchte, im 
Schlesischen das erste Volkslager geschaffen, das sich aus 
Arbeitern, Bauern und Studenten Zusammensetzte. Wichtig 
ist, daß diese Lager keineswegs Zu dem Zweck gegründet 
wurden, um etwa für ihren Teil der Erwerbslosigkeit abzu-- 
helfen, sondern ihrer ursprünglichen Konzeption nach außer- 
wirtschaftliche Ziele verfolgten. Es darf nicht vergessen werden, 
heißt es bei Keil, „daß es Arbeitslager als Lebensform auch 
dann geben muß, wenn die Erwerbslosigkeit einmal nicht mehr 
der unmittelbare Anlaß für die Lagerarbeit sein sollte". Sie 
entstanden aus dem Drang der (bürgerlichen) jungen Genera 
tion Zu einer fühlbareren Volksgemeinschaft als der vor 
handenen, aus ihrem Bedürfnis nach autonomem bündischen 
Zusammenleben. „Daß von jungen Menschen Gemeinschaft 
empfunden wurde, das macht die Arbeitslager Zu dem, was 
sie heute sind, und läßt für die Zukunft hoffen" (Keila.a.O.). 
Ich beabsichtige, in der folgenden Darstellung gerade auf die 
ideologische Seite der Bewegung einzugehen. 
Die im vorigen Jahre erlassene Verordnung über den 
Freiwilligen Arbeitsdienst machte sich die in den bisherigen 
Arbeitslagern gesammelten Erfahrungen Zunutze. Es erscheint 
mir hier als unnötig, die mit dem Freiwilligen Arbeitsdienst 
verbundenen Probleme im allgemeinen zu erörtern (vergl. u. a. 
die Aufsätze in unserer Beilage: „Für Hochschule und Jugend" 
vom 23. Mai, 6. Juni und 3. Juli 1932).^ Genug, daß ihm 
in den gesetzgeberischen Bestimmungen ausdiücklich nicht nur 
eine ökonomische, sondern vor allem eine sozialpädagogische 
Bedeutung zugesprochen wird, die sich nicht weit von den Ab 
sichten der früheren Lagergründungen entfernt. 
Zum Tatsächlichen noch: nach den neuesten Verfügungen 
können jetzt alle jungen Deutschen unter 25 Jahren Zum Frei 
willigen Arbeitsdienst zugelassen werden; wobei es sich von 
selbst versteht, daß die Erwerbslosen den Vorzug genießen. 
Ein Lager dauert durchschnittlich 80 Tage. Die in ihm ver 
richteten Arbeiten, die gemeinnütziger und Zusätzlicher Art sein 
müssen, dienen in der Regel der Herstellung von Sportplätzen, 
Meliorationen, Siedlungen usw. Neben dem herrschenden 
Lagertypus, der Menschen verschiedenster Berufe, Weltanscham 
ungen und Parteirichtungen vereint, gibt es noch den Typus 
des „Gesinnungslagers", in dem nach der Konfession oder dem 
Parteibuch gefragt wird. Ueberhaupt ist das interkonfessionelle 
„Volkslager" nicht unumstritten. Die freien Gewerkschaften er 
kennen es Zwar heute eingeschränkt an, aber die radikalen 
Parteien (und wohl auch das Zentrum) neigen Zu seiner 
Verwerfung. 
-Ich möchte zunächst einige Eindrücke verzeichnen, die einen 
Begriff von einem solchem Sind Ein ¬ 
drücke an sich auch belanglos, so bewahren sie doch v^^ Fehl 
urteilen wie diesen: „Den jungen Leuten wird eine Ideologie 
eingeimpft, die antidemokratisch ist und antisolidarW die 
das alte Klaffengefühl der Arbeiterschaft durch Subordination 
unter den Willen von ,Führern" ersetzt. So werden Betriebs 
bullen für die fascistische Fabrik gezüchtet..Behauptungen, 
von deren Unverantwortlichkeit schon der flüchtigste Besuch in 
einem interkonfessionellen Lager zu überzeugen vermag. Aus 
gestellt worden sind sie in einem Artikel der „Weltbühne" vom 
20. September, in dem Thomas Murner Peter Martin Lam- 
Pels Arbeitslager-Buch: „Packt an! Kameraden!" (Rowohlt 
Verlag, Berlin) ablehnt. Das Buch von Lampel ist eine Re 
portage, was sage ich, eine Sturzflut von Reportagen, in 
denen lauter Gespräche mit Leuten über Arbeitslager und 
lauter Gespräche mit Leuten aus Arbeitslagern reproduziert 
worden sind. Sie gleichen einer Kollektion ausgezeichneter 
Photographien. Aber wie immer bei solchen Moment 
aufnahmen: man kann sich auf Grund der zahllosen Bilder 
nur schwer ein Bild zusammenreimen. Oder das Bild ist schief; 
Was jene oben zitierten Sätze Murners beweisen. 
Das von mir besuchte dritte märkische Arbeits 
tag e r bei Bad Saar 0 w umfaßt 75 Teilnehmer, von denen 
23 Studenten, die übrigen in der Mehrzahl erwerbslose 
Arbeiter und Angestellte sind. Sie Hausen in einem alten 
Soldatenheim aus dem Krieg, das unter Bäumen steht und 
sich nicht Heizen läßt. Am 1. Oktober ist daher Schluß. 
Zu dem Anwesen gehört noch ein großes Freigelände und ein 
Saalbau, in dem auch gegessen wird. Der Vormittag, der un 
heimlich früh anfängt, ist mit Arbeit an einem Sportplatz aus- 
gesüllt, die Nachmittage sind dem Sport und der geistigen 
Ausbildung in Arbeitsgemeinschaften gewidmet. Man legt 
Wert darauf, daß sich in diesen wie in den eigentlichen Arbeits 
gruppen stets Vertreter der verschiedenen Schichten und Be 
rufe zusammenfinden. Soweit der Gebrauch der übrigen 
Stunden nicht dem Belieben des Einzelnen freigegeben ist, 
werden sie zum gemeinsamen Musizieren und Singen, Zum 
Theaterspiel, zur Gymnastik verwandt. Das nennt man, ein 
wenig anspruchsvoll, Freizeitgestaltung. Sogar den einfachsten 
Tätigkeiten müssen heute Begriffsorden verliehen werden. 
Ich weiß nicht, ob es sich überall so verhält: aber diese 
jungen Dienstwilligen, die erst seit zwei Wochen im Lager 
sind, haben sich einander überraschend schnell angepaßt. Nie 
mand vermag sofort Zu erraten, daß sie allen möglichen 
Schichten' und Parteien entstammen, niemand kann auf den 
ersten oder auch zweiten Blick hin den Studenten vom Arbeiter 
unterscheiden. Es ist wie in Badeanstalten. Die Homogenität 
wird durch ähnliche Kleidung und das gemeinsame Tagewerk 
verstärkt; auch bilden sich natürlich Sitten heraus, die das 
Zusammengehörigkeitsgefühl unterstreichen. Man. singt vor 
Beginn und nach Schluß irgendeines Tagesabschnittes Lieder, 
legt sich Spitznamen bei, umrahmt das Essen mit einer lauten 
indianischen' Zeremonie usw. Unter den vielen jungen 
Männern verlieren sich fast die paar Mädchen, die mir nicht 
besonders frohsinnig zu sein scheinen. Vielleicht ist ihnen die 
Arbeit Zu schwer, und dann wird sich ihre Art in diesem Kreis 
nicht recht durchsetzen können. Wie ich in dem gerade er 
schienenen Buch von Ernst Schellenberg: „Der freiwillige 
Arbeitsdienst auf Grund der bisherigen Erfahrungen" (Son- 
derschriften des Kommunalwissenschastlichen Instituts an der 
Universität Berlin. Zweites Heft) entnehme, sind die Be 
mühungen, eine gemeinsame Arbeit der Geschlechter herbeizu- 
führen, teilweise gescheitert. 
Wo sich soviele Gegensätze und Weltanschauungen Zu 
sammendrängen, ist die Frage, ob und wie sie miteinander 
auskommen, mehr als berechtigt. Meine Beobachtungen werden 
durch gern gegebene Auskünfte ergänzt. Festzustellen ist zu 
nächst: man sucht den Ausgleich nicht einfach dadurch zu 
schaffen, daß man politische Gespräche künstlich fernhält und 
das Lager zum neutralen Gebiet erklärt. Eine solche Neutrali 
tät wäre ja auch ein Vakuum. Die schlechte Enthaltsamkeit ist 
im Gegenteil verpönt, und in den Arbeitsgemeinschaften finden 
ständig Diskussionen statt, die vor der Politik keineswegs Halt 
machen. Der Nationalsozialist muß sich mit dem Kommunisten 
auseinandersetzen, und der Reichsbannermann hält wahr 
scheinlich auch nicht den Mund. Wenn man an die Straßen- 
kämpfe draußen denkt, klingt es wie ein Wunder, daß das 
Lager nach acht Tagen Noch die gleiche Zahl von Menschen 
faßt wie bet seinem Zusammentritt. Wahrhaftig, die Vertreter 
von einander zuwiderlaufenden Standpunkten und Pro 
grammen fressen sich nicht auf, sondern weiden gemeinsam wie 
die Löwen und Lämmer der uns verheißenen paradiesischen 
Zeiten. 
Dieser Friedenszustand, der vermutlich mehr durch persön 
liche als durch politische Zwistigkeiten gefährdet wird, ist an 
gesichts der heutigen Verhältnisse so merkwürdig, daß er eine 
genauere Betrachtung verdient. Es wäre zu bequem, seine 
Entstehung daraus zu erklären, daß die Lagerteilnehmer auf 
einander angewiesen sind und im übrigen durch die gemein 
same Arbeit gleichsam von selber domestiziert werdek. Wich 
tiger ist schon, daß, dem Lagerbrauch zufolge, niemand die 
Sucht kennt, dem andern seine Ueberzeugung zu rauben. Wer 
nicht von seiner Meinung ablassen will, darf die Gesinnung, 
die ihm wert ist, ruhig behalten. Kein Dogma herrscht hier- 
und zweifellos wäre auch kein einziger der jungen Menschen 
dazu fähig, die übrigen gerade auf politischem Gebiet unter 
Druck zu setzen. Am wesentlichsten aber ist ein Vorgang, der 
nicht nur zur an sich leeren Verträglichkeit führt, sondern sie 
überdies mit einem positiven Vorzeichen versteht. Ich meine 
die Haltungskontrolle. Einige Teilnehmer erzählen 
mir, daß viele im Lager mit einem Hausen angelernter politi 
scher Phrasen einträfen, deren Hohlheit sich bereits in den 
ersten Tagen enthülle. Wodurch enthüllt sie sich? Durch den 
beim gemeinsamen Leben jederzeit möglichen Vergleich zwi 
schen dem Sinn der Phrase und der Haltung ihres Benutzers, 
Wenn zum Beispiel einer von der Solidarität spricht, die man 
beweisen müsse, wird das Lager unschwer nachprüfen können- 
ab der Betreffende selber sich im Alltag nach seiner Maxime 
richtet. Und tut er es nicht, so ist die von ihm erhobene For 
derung der Unwirklichkeit überführt. Dank der dauernden 
wechselseitigen Kontrolle streben alle danach, ihre Aeußerungen 
mit ihrem Verhalten in Uebereinstimmung zu bringen und
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        nicht mehr vorzustellen, als sie faktisch sind. Die Worte be 
grenzen sich; die Realität setzt immer wieder Ideologien außer 
Kurs. 
Was die Beziehungen zwischen den Klaffen und Berufs 
schichten betrifft, so versichert man mir, daß die Mischung sich 
gut entwickle. Die Arbeiter legen ihre anfängliche Befangen 
heit in den Arbeitsgemeinschaften um so leichter ab, als sie bei 
der körperlichen Vormittagsarbeit die Ueberlegenen sind. So 
brauchen sie sich nicht in jeder Lagersituation zurückgesetzt zu 
fühlen. Außerdem befindet man sich ja in einem halben Natur 
schutzpark, in dem die gesellschaftlichen Kontraste sowieso schon 
etwas gedämpfter sind. 
denunziert sich selber als politische Naivität. 
Nicht anders kann man jedenfalls das Ansinnen bezeichnen, 
das^heute aus der Bewegung heraus an den Staat gestellt 
chaß er den Freiwilligen Arbeitsdienst um seiner volks- 
Eltlschen Ziele w-llen auch auf Kosten der wirtschaftlichen 
Rentabilltat durchfuhren möge. Sieht man selbst davon ab 
daß ein so stark wirtschaftlich bedingtes Unternehmen wie der 
Freiwillige Arbeitsdienst die ökonomische Rentabilität nicht 
«über acht lassen darf, so ist doch noch zu fragen, ob 
den volkspolitischen Zielen der Bewegung tatsächlich damit 
gedient , Ware, wenn die Regierung auf einen solchen Vor- 
ihnen gar nicht damit gedient, 
und wahrscheinlich bemeE man nicht einmal, daß wenig dazu 
gehört, um die Arbeitslager in ein Instrument der Kultu r- 
reaktion zu verwandeln. Schon heute zeigen sich Ansätze 
zu einer Entwicklung in dieser Richtung, die auch dem 
ahnungslosesten Gemüt zu denken geben sollten. Ein Laqer- 
teilnehmer antwortet auf meine Frage, wie sich junge Kom- 
Nationalsozialisten nach Absolvierung des 
Lagerdienstes verhielten, daß die Radikalen meistens „ge 
brochen zu ihren Parteien zurückkehrten und nicht mehr recht 
zu gobrauchew seien. Ebenso wird nach Schellenberg von den 
Arbeit N betont, „daß sich neben der Hebung, 
fArbeitsfreu.dlgkert das Gemeinschaftsgefühl nach der 
idealen Seite hm stark gehoben habe, Ablehnung des Radi ¬ 
kalismus und positive Einstellung zum Staate seien die be 
herrschende Haltung." Wenn es aber so ist, daß die Arbeits 
lager das Einschwingen in eine höchst problematische Mitte 
begünstigen, wenn sie junge, revolutionär gesinnte Leute nicht 
nur kritisch gegen das Verhalten ihrer Partei stimmen, sondern 
auch von jenem entschiedenen Denken abbringen, das den Ehren 
namen des radikalen verdient, wenn sie einen Zustand her 
vorrufen, in dem die eine Radikalität so wenig wie die andere 
gilt — dann befördern sie in Wahrheit nicht die Volksgemein 
schaft, sonden die politische Stagnation; dann bilden sie nichr 
die Keimzelle neuer Gestaltungen, sondern werden zum Werk 
zeug der nach rückwärts gerichteten Mächte. Dergleichen.fängt 
klein an und hört schlimm auf. Die naiven Ideologen der 
Bewegung sollten begreifen, daß sie zuletzt nur den Kräften 
in die Hand arbeiten, die mit den Arbeitslagern ihre eigenen 
Pläne verfolgen. 
/ Jeder Versuch, die Arbeitslager mit' positiven Bedeu 
tungen zu überlasten, sie als Vorform der Volksgemeinschaft 
aufzuziehen und überhaupt politisch auszuwerten, muß Ent 
täuschungen zeitigen; wenn er nicht gar der Reaktion mittel 
bar zugute kommt. Diese Erkenntnis besagt nichts wider die 
Bewegung selber. Nur wird ihr Sinn nicht dort anzutreffen 
sein, wo ihn die Gutgläubigen zu finden hoffen. 
Ein auffälliges Merkmal der sozialen und politischen 
Kämpfe in Deutschland ist ihre Abstraktheit. Es ist, als 
schlügen sich nicht so und so bedingte Menschen und Gruppen 
mit Hilfe von Parteiprogrammen, sondern als befehdeten sich 
Parteiprogramme mit Hilfe irgendwelcher Menschen. Die 
Programme sind gewissermaßen allein in der Welt und die 
Menschen nur eine Konstruktion. Dieser Grundgug geht durch, 
er bestimmt das Verhalten auf der Rechten und auf der Lin 
ken. Bezeichnend für ihn ist z. B. die ungehemmte Leichtigkeit, 
mit der die Parteien ihre Taktik sprunghaft verändern. Die 
Position des einen Tages wird durch die des nächsten 
desavouiert, und die Sprünge sind Lustsprünge. Wer soll 
dem folgen? Hätten die Aktionen wirklich Träger, so müßten 
sie sich anders entwickeln. Aber eben die menschlichen Träger 
scheinen nicht vorhanden zu sein. Es fehlt die Substanz, an 
der das politische Handeln zu haften vermöchte. Die Masse 
der Menschen ist nicht in Parteien organisiert; umgekehrt 
vielmehr: aus der Tatsache der Parteimitgliedschaft folgern 
die Organisierten erst, daß sie auch Menschen seien. Der beste 
Beweis dafür ist, daß sogar untergeordnete Fragen rein sach 
licher Natur von dem ihnen unangemessenen parteipolitischen 
Standpunkt aus entschieden werden. Das Parteidogma regiert 
unumschränkt auf Kosten der Personen, die es verfechten, und 
fetzt sich noch über die gesellschaftliche Wirklichkeit hinweg. 
Auf der anderen Seite genießt dann innerhalb der nationalen 
Bewegung der „Führer" geradezu göttliche Ehren; aber dieser 
unbegründete, phantastische, ja widersinnige Führerkultus ist 
nur der totale Widerspruch zur Abstraktion vom Menschen und 
vorrat ebenfalls, daß bei uns politische Theorie und mensch 
liche Praxis einstweilen nicht zueinander kommen können. 
W—ie d—ies.e..r Zustand sic,h —au--s-w--i-rkt, weiß jeder. Von der 
leibhaft existierenden Bevölkerung aus betrachtet, verhindert 
er die Entstehung des geringsten außerpolitischen Konsensus. 
Da die Menschen ja nur insofern Menschen darstellen, als sie 
von ihrem Parteibuch bzw. der dem Parteibuch gemäßen Ge 
sinnung okkupiert werden, öffnen sich Abgründe zwischen 
ihnen, die aber gar nicht Abgründe zwischen Menschen, son 
dern zwischen Schemen sind. Morden sich denn die lebendigen 
Träger politischer Ueberzeugungen in den Straßenschlachten? . 
Keineswegs. Die aufeinander losknallen, sind gespenstische 
Produkte von Ueberzeugungen, und erst ihre Leichen enthüllen 
Widder, daß sie auch Menschen waren. 
z? Seite der Parteiziele und -Programme aus be- 
Während mehrere politische Parteien die Arbeitslager 
bewegung mit Mißtrauen verfolgen, knüpft man in den Kreisen 
der beteiligten Jugend selbst und auch anderswo die größten 
Hoffnungen an d^ Lager. Lampel fragt einen der Jungen: 
„Ihr nehmt euch zum Ziel die Erweckung des Volkes?" Der 
nickt und antwortet: „Die Lösung von der Jugend her." Viele 
glauben in der Tat, daß diese Lager der Kern einer kommen 
den, politisch auszuwertenden Volksgemeinschaft und damit 
„die Lösung" seien. „So können die Arbeitslager da 
draufcn," schreibt Pros. Walter Norden in seinem Vorwort 
zu Schellenbergs Buch, „zu Keimzellen einer gefestigten, ver 
tieften und verbellen Volksgemeinschaft werden" Und auch 
die letzten Erlaffe des Reichslommissars für den Freiwilligen 
Arbeitsdienst Dr. Syrup sprechen von dem „echten Gemein 
schaftsgeist", den der Arbeitsdienst zu Pflegen habe. 
Nichts wäre der richt gen Entwicklung der Arbeitslager 
hinlvrlicher als dieso sie zu „Keimzellen zukünftiger politi 
scher Gestaltungen zu machen und sie derart ideologisch zu 
übersteigern. Wenn man sie als dsn Kern einer neuen Volks 
gemeinschaft ansieht und dementsprechend behandelt, erstickt 
man nur von vornherein die Möglichkeiten, die sie vielleicht 
bieten. Warum? Weil jeder Versuch, die Volkslager unmittel 
bar politisch auszukonstruieren, an der politischen Realität 
scheitern und sie damit selber zum Scheitern bringen muß: 
weil er ihnen einen Geist einhaucht, der ihrem ursprünglichen 
zuwiderläuft. 
Zugegeben, daß in den interkonfessionellen Arbeitslagern 
die Jugend aller Volksschichten sich aufeinander abstimmt und 
ihre Gemeinsamkeit Zu empfinden lernt. Aber wie dieses 
jugendliche Empfinden der Gemeinsamkeit von sich aus 
politisch wirksam werden soll, ist nicht einzusehen. Die Jugend 
bewegung in ihrer keineswegs zufälligen Unkenntnis der 
politischen Realität hat von jeher den guten Willen und Ge 
meinschaftsgefühle für bare politische Münze genommen; statt 
der Tatsache inne zu werden, daß in der politischen Sphäre 
Interessen regieren. Um eine eingreifende politische Bedeutung 
zu erlangen, hätte sich also die Arbeitslagevbewegung als eine 
politische zu konstituieren; d. h. ihre Anhänger dürften nicht 
in den Wahn verfallen, daß bereits die Lagerform als solche 
politische Konsequenzen nach sich ziehe, sondern müßten 
Stellung zu unserer Wirtschaftssituation, zur sozialen Schich 
tung, zu den Parteiinteressen usw. nehmen und sich dann zur 
Lagerform aus politischen Konsequenzen bekennen. Diese Not 
wendigkeit der Eingliederung einer an sich noch nicht politi 
schen Erscheinung, wie es die Arbeitslager sind, in reale 
politische Zusammenhänge faßt E. W. Eschmann, der Mit-; 
arbeiter der „Tat", ins Auge, wenn er im Vorwort zu dem 
Sammelwerk: „Wo findet die deutsche Jugend neuen Lebens 
raum?" die Forderung des obligatorischen Arbeitsdienstes 
durch die Sätze ergänzt: „Am furchtbarsten wäre wohl das 
Zusammenschließen eines solchen allgemeinen Avbeitsdienst- 
jahres aus den... freien Arbeitslagern der Jugend aller 
sozialer Schichten, denn hier sind die geistigen, sozialen und 
wirtschaftlichen Vorbedingungen des Arbeitsdienstjahres be 
reits praktisch erforscht worden. Andererseits ist es notwendig, 
daß dieses Arbeitslager sich in zunehmendem Maße als Vor 
posten des unvermeidlichen allgemeinen Arbeitsdienstjahres 
fühlen und ihre Fragestellungen danach einrichten, indem sie 
ihrem nationalpädagogischen Anfang eine staatspolitische und 
nationalwirtschaftliche Fortsetzung geben. Das bisher richtige 
Bestehen auf der rein pädagogischen Bedeutung der 
Arbeitslager würde die Gefahr mit sich bringen, daß vielleicht 
das kommende Arbeitsdienstjahr nach unsinnigen, veralteten 
Vorstellungen organisiert wird und eben den pädagogischen 
Erfolg der freien Arbeitslager wieder zerstört. Wie überhaupt 
ist auch hier, gerade hier, die Behauptung von der Autonomie 
der Pädagogik scharf zurückzuweisen. Gerade hier ist zu be 
tonen, daß es eine Pädagogik außerhalb des Staatlichen und 
Sozialen nicht gibt und nicht geben kann." Lehnt man auch 
das allgemeine Arbeitsdienstjahr ab, so muß man doch die 
Gültigkeit der in Eschmanns Forderung mitgesetzten Erkennt 
nis einräumen, daß die Institution des Arbeitslagers nur 
dann einen politischen Sinn erhält, wenn sie als Glied einer 
politischen Konstruktion auftritt. Als eine Einrichtung, die. 
aus eigenem Antrieb in die politische Sphäre hineinwirken 
will, bleibt sie zur Ohnmacht verdammt. Oder hat etwa der 
Frontsoldatengeist in der Politik der Nachkriegszeit sich durch- 
zusetzen vermocht? Und doch ist die Kriegsgemeinschaft binden 
der gewesen als die Gemeinsamkeit in den Lagern. 
Die romantische Illusion, daß aus der Wirklichkeit der 
Arbeitslager direkt die der Volksgemeinschaft
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        Anhang der Ideen 
, Das ist Nicht viel) aber unter den heutigen Umständen 
eine Menge. Hinzu kommt der oben geschilderte Vorgang 
der Haltungskontrolle, der das immer wieder in die Arre 
alität ausschweifende Denken einschränkt. Der Solidaritäts 
schwärmer, der auf sein unsolidarisches Handeln aufmerksam 
gemacht wird, ist fortan dazu genötigt, seine Vorstellungen 
an Fakten zu orientieren. Indem alle ihr Tun und Reden 
miteinander vergleichen, legen sie, im Prinzip wenigstens, 
den schweren Block der Wirklichkeit frei, den es in der Poli 
tik zu bearbeiten gilt. Sie stellen sozusagen methodische 
Uebungen an, die der Vermittlung zwischen Theorie und 
Praxis dienen, sie unterziehen sich der Anstrengung, die Irre 
alität durch die Konfrontation mit unserem greifbaren Da 
sein zu blamieren. 
Kurzum, die Arbeitslager haben die Aufgabe, für ihren 
Teil den Auszug aus derimaginären Welt her- 
beizuführen, in der wir noch stecken. Sie sind nicht ein Mittel 
der Politik, sondern ein Mittel der Realisierung von Politik. 
Ihre etwaige Bedeutung entwickelt sich ^nicht innerhalb der 
politischen Sphäre, besteht vielmehr darin, eine solche politi 
sche Sphäre vorzubereiten, die es bisher in Deutschland kaum 
gegeben hat. Im Einklang mit dieser ihrer Bestimmung, der 
einzigen, die sie haben, ist es nicht ihre Funktion, die Gegen 
sätze zu versöhnen und eine Volksgemeinschaft zu eröffnen — 
wohin sie unter dem Druck derartiger ideeller Zumutungen 
kämen, wurde von mir zu zeigen versucht —.sondern die 
Gegensätze in ihrer Wirklichkeit herauszustellen und echte poli 
tische Kämpfe zu ermöglichen. Statt irgendeine definierbare 
politische Gesinnung zu Pflegen, sollen sie die Bedingungen 
schaffen, unter denen Gesinnungen überhaupt sinnvoll sind; 
statt die Radikalität aufzuheben, sollen sie ihr zu Wurzeln 
verhelfen. In einem Lagerbericht über den Empfang aus 
wärtiger Gäste schreibt Joseph Wittig: „Nicht zu vertrauens 
seliger Fidelitas wurden sie eingeladen, sondern wie Rosen- 
stock in seinem Gruße sagte, zu ,freundschaftlicher Gegnerschaft 
von Menschen, die sich in Beruf und Arbeit auseinanderleben 
müssen'. Durch keine Romantik wurde die Wirklichkeit der 
Gegnerschaft verhüllt." Das wäre in der Tat der eigentliche 
pädagogische Zweck der Arbeitslagerbewegung: aus Phan 
tomen, die sich bekämpfen, Gegnerzu machen, die w irk- 
In der Ma. 
trachtet, führt der herrschende Zustand bei jeder Gelegenheit in 
einen weltanschaulichen Doktrinarismus hinein, der sich ohne 
'Rücksicht auf die Situation seiner Vertreter entfaltet. Kein 
Wunder: diese Vertreter tragen ihn nicht, sondern lassen sich 
diel eher von ihm soweit fortschwemmen, bis sie. (als Menschen) 
.verschwinden. Dadurch aber, daß die politischen Auseinander 
setzungen und Formulierungen nicht von der Wirklichkeit der 
Menschen, der zusamengehörigen Massen usw. begrenzt werden, 
erhalten sie leicht den Charakter der Irrea I i t ä t. Sie neh 
men eine Grundsätzlichkeit an, die realitätsfeindlich und nicht 
nur unreälisierbar ist; sie verdichten sich, zu Prinzipien, die 
auf die zu verändernde gesellschaftliche Materie nicht mehr zu 
rückweisen. Eine imaginäre politische Welt. Und 
was in ihr geschieht, ist selber imaginär; wie blutig immer es 
sein mag. 
* 
Wenn die Arbeitslager eine Aufgabe haben, so diese: zur 
Verwandlung des hier gekennzeichneten Zustands beizutragen. 
Das heißt, ihre etwaige Mission erstreckt sich nicht auf das 
politische Gebiet, sondern beschränkt sich rein und ausschließ 
lich aufs vorpolitische. Kein Königsweg führt von ihnen 
zu dem, was in des Wortes strenger Bedeutung Volksgemein 
schaft heißen darf; wohl aber können sie die Voraussetzungen 
für ein wirkliches politisches Handeln mitschaffen. 
- Sie können es zunächst dadurch, daß sie jungen Leuten aus 
allen möglichen Schichten, Parteien, Berufen die Gelegenheit 
geben, sich als existierende Wesen kennen zu lernen. Bis heute - 
weiß z. Ä. der Jdealthp eines Hitlermannes vermutlich nicht, 
daß außerhalb seiner Partei Menschen leben; ist er doch selber 
zum guten Teil eine Gesinnungsattrappe. Im Lager dagegen 
kann und muß sich jeder an Fakten stoßen, die rein von der 
politischen Ueberzeugung her nicht zu bewältigen sind. Man 
erfährt hier einwandfrei und unwiderleglich, daß Programme, 
soziale Forderungen usw. nicht als selbstherrliche Gebilde im 
luftleeren Raum wohnen, sondern einem menschlichen Sein 
von bestimmter Beschaffenheit entsteigen. Dies ist der Arbei 
ter und dies der Student. Dem Lagerteilnehmer werden 
seine Gegner sichtbar, er merkt, — zuerst bei den andern und 
dann bei sich selber —, daß den politischen Zielsetzungen 
etwas zugrunde liegt, das nicht in ihnen aufgeht, er ist zu 
beachten gezwungen, daß die sozialen Ideen lebendige Trä 
ger haben, die man nicht einfach als 
übersehen darf. 
Berlin, Anfang Oktober. 
Die Deutsche LuftsporL - Au § stellung am Funkturm 
enthält unter anderem eine Reihe von Flugzeugen, deren Aus 
sehen ungewohnt ist. Ihrer einige gehören vergangenen Zeiten 
an: .so dir Orvills Wright-Maschine usw. 
Wie-schnell diese Typen, hie bis auf die Urfledermaus Otto Lilien- 
thals alle dem 20. Jahrhundert entstammen, historisch geworden 
sind! Obwohl uns kaum mehr als Zwei Jahrzehnte von ihnen 
trennen, find sie schon weit hinter uns Zurückgeblieben und wirken 
heute linkisch und rührend wie Kinder. Noch schlenkern sie unbe 
holfen mit ihren Drähten herum, noch verfügen sie nicht über voll- 
ausgebildeLe Organe. Es ist wunderbar, sie Zu betrachten, und die 
gegenwärtigen Formen, die ohne Ursprung Zu sein scheinen, aus 
diesen primitiven Anfängen abzuleiten. Unmittelbar neben den 
museumsreifen Konstruktionen find neue aufgebaut, die in die Zu 
kunft vowusweisen und vielleicht bald ebenso überholt sein werden. 
Eine ist das „Flugzeug-Auto" mit zusammenklappbaren Wind- 
mühlenflügeln Mrhälk der Karosserie; -im andere das 
Lnd-AmpWmm^ Las sowohl auf dem Land wie auf dem Wassch 
niedergehen und große Strecken bewältigen kann. Phantastisch^ 
Geschöpfe, die zweifellos ihre endgültige Form noch nicht gefunden 
haben, aber bereits mit nicht Zu überbietender SelbstveHL^ 
eine Zeit vorwegnehmen, in der das Flugzeug so populär ist wlß 
ein Ford. Jeder Angestellte wird dann eines besitzen, vorausgss 
setzt, daß nicht gerade eine Krise ist, und die Luft wird voll seirtz 
von SonntagZausfliegern, die viel rascher wieder zu Hause sety 
werden als die Ansichtskarten, mit denen sie die Daheimgebliebmen 
über ihre fernen Zielpunkte unterrichten» 
Einstweilen allerdings ist dieser Jdealzustand noch nicht er4 
reicht; wenn auch ein paar „Volksflugzeuge" ausgestellt sind, dO 
nur ungefähr 6000 Mark kosten. Sie befinden sich unter einem 
Haufen moderner Typen, die man hier alle aus nächster Nähe be 
sichtigen kann. Leider bin ich nicht Fachmann genug, um sie so zü 
würdigen, wie sie es von Rechts wegen verdienten, und begnügs 
mich daher mit der Erwähnung einer Maschine, die sich hohen 
Ruhm erworben hat. Es ist die Elli Beinhorns. Sie unterscheidet 
sich von einem Monument nur darin, daß sie nicht wie dieses von 
den Touristen aller Länder aufgesucht worden ist, sondern umgeq 
kehrt ihrerseits alle Länder aufgesucht hat, um sich dort vollkritzeltz 
zu lassen. Namen, Glückwünsche und Verse in sämtlichen Sprachen 
bedecken die Tragflächen, den Rumpf, und vergeblich sucht man 
auf dem ganzen Leib nach einem unbeschriebenen, verwundbaren 
Fleck. Das Flugzeug hat keine Andenken ryitgebracht, es ist selber 
zu einem einzigen Andenken geworden. 
Viel Platz beanspruchen die von Vereinen, Gruppen und Schuß 
len hergestellten Modelle und Flugzeuge jeder Art. Aus Grüns 
den der Billigkeit bevorzugen die Bastler Segelflugzeuge, deren 
geschweifte, hölzerne Flügel sich riesig dehnen und herrlich an§ 
Zusehen sind. Eines wird gerade in einer von der Ausstellungss 
leitung eingerichteten Werkstatt gebaut. Junge Bauhandwerke^ 
die sich auf einem offenen Podium schweigend Hand in Hand ar 
beiten, schneiden und pressen die Rippen des Tragwerks zurech^ 
Wie das anderswo zusammengetragene Material verrät, wird 
überhaupt für die Einbürgerung des Flugsports eine Menge 
getan. Die technischen Grundvorstellungen dringen in die Schu 
len ein, und die ganze Fliegerei hat längst ihr esoterisches Wesen 
verloren. 
Sie hätte es schon darum nicht Zu bewahren vermocht, weiß 
sich die junge Generation leidenschaftlich fürs Fliegen inteH 
essiert. Man schämt sich in der Ausstellung beinahe, ein Laie zch 
sein, so technisch gebildet sind die Schwärme junger Leute, die M 
lich sind. Alles übrige is ° t eine Sache der Politik und in dm 
Aus? ErkEinis begrenzten Zwecks der Bewegung, 
der von ihren Führern ganz scharf visiert werden muß, folgt 
in praktischer Hinsicht, daß alle „Gesinnungslager Me als°' 
in denen sich nur Mitglieder einer einzigen Gruppe oder Par 
tei Angehörige derselben Konfession usw- zusammensinden, 
abzulehnen sind. Sie verfehlen das mit den Lagern Gemeinte 
insofern, als sie bereits die Realität der politischen Sphäre 
voraussehen, deren Wirklichkeit erst zu begründen wäre. Auch 
die von starken Kräften erstrebte Mütarisierung des Be 
willigen Arbeitsdienstes machte natürlich die Funktion 
Laaer zunichte; weil sie ihnen unter anderem die Frecheit 
raubte, die sie als prinzipiell vorläufige GAnlde haben müssen. 
_Ueber die wirtschaftliche und ideologische Problematik des 
von manchen Kreisen befürworteten Arbeitsdienstiahres rst hier 
noch nicht zu reden.
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        Die neue Produktion 
der deutschen Verleger 
^^r §eben im kokenden eine usammenstel- 
lun^ äer neuen Verlaxsproäuktion. Da sie sebr 
umkan§reieb ist, baben Mir eine ^usMabl trekken 
müssen, bei äer vielleiebt niekt alle Mesent- 
beben vüeber berüeksiebtiAt Morden sind. ^ber 
man kann aus äen Prospekten nur sebMer auk 
äie vedeutun^ äer Publikationen sebbeken, unä 
Mir Dauben alle8 in allein, äak äer veberbliek 
ein ausr siebendes vilä von äen ru erMartenäen 
vüebern vermittelt. Die bisber an^ekünäiFten 
lu^enäsebrikten sind niebt mit einbeFrikken; 
ebenso baben Mir von äer Nennung AeMisser 
ZpexialverökkentliebunFen ^bstanä genommen. 
ObMobl im allgemeinen nur äer noeb niebt er- 
sebienenen Werke geäaebt ist, mögen sieb äoeb 
in äer Diste manebe kinäen, äie bereits beraus- 
gekommen sinä. ^uk eine bürokratisebe ^norä- 
nung äer vüebermassen baben Mir um so lieber 
verliebtet, als äie Künstliebkeit einer soleben 
Ordnung nur äie ^narebie verbübte, äie im 
produktionsMesen kaktiseb berrsebt. Immerbin 
sebeint es uns nütxlieb, äen 8tokk naeb ein paar 
8aebrubriken lu glieäern, äie lum mindesten 
eine Orientierung im Droben gestatten. 
Wir beginnen mit äer 
Der Insel-Verlag bringt eine 
veibe von blebersetlungen: so äen 
Zukunftsroman: „Welt — Mobin?" von Hädous 
vuxle^, äas Werk: „^pokal^pse", äas 0. p. 
DaMrenee angesiebts äes ^oäes gesebrieben bat, 
unä äen in äer Heimat des ääniseben Diebters 
Nareus Dauesen berübmt geMordenen voman: 
„vnä nun Märten Mir auk das 8ebikk". Pin an 
derer Nordländer, ^loban Vojer, ersebeint mit 
einem Rand pr^äblun^en: „Der Verstriekte" in 
äer 0. bl. veekseben Verlagsbuebbandlung (Nün- 
eben). Um gleieb noeb einige Ausländer xu er- 
Mäbnen: der voman: „Maria Oanneols" äes 
nieäerlanäiseben viebters M. voelants kommt bei 
v. Voigtlänäer (beiplig) beraus, die p. 0. 8pei- 
äelsebe ^rlagsbuebbanälung (Wien) vermittelt 
uns äie vekanntsebakt mit dem sebottiseben vo 
rnan: „Die 8ünäerin" von Olaire 8peneer, und 
Oarl 8ebünemann (vremen) verökkentliebt äas 
neue vueb: „pva unä äer ^pkel" seines Ilaus- 
äiebters «lo van ^mmers-Küller. Unter den Novi 
täten äer Deuts eben Verlagsanstalt 
(8tuttgart) verdient der Unbestellten-voman: 
„Derrn Vreebers piasko" von Martin Kessel 
bervorgeboben xu Merden; niebt luletlt aueb ein 
neues vueb von prnst Zabn. pbilipp veelam 
jun. (beiplig) gibt einen Zeitroman von Wilbelm 
8tollenbaeb: „^Miseben Oestern unä Morgen" 
beraus, dessen Helden vier Werkstudenten sind, 
und erweitert Mieder seine Munderbare pniver- 
salbibliotbek. Wilbelm von 8 eboll verökkent- 
bebt eine Novelle: „Die pkliebt", äÜe ebenso Mie 
äer vornan: „porta Nigra" von lakob Kneip 
im Vaul-Dist-Verlag (Deiplig) ersebeint. vutb 
8ebaumann Märtet mit äem vanä: „^mei. Line 
Kinäbeit" auk (0. Orotesebe Verlagsbuebbanä- 
kung, Deiplig). Vermutlieb bekinäet sieb äer 8tim- 
mungsgebalt dieses Werks in starkem Kontrast 
lu äen beiden verliner Vomanen von Paul von 
vabn und Kurt D a m p r e e b t, äie Mir aus 
der Produktion des Dreimasken-Verlags (verlin) 
berausgreäen. Naeb Ostpreuken kübrt der vornan 
^rtur v r a u s e M e t t e r s: „Nur ein Dauer", 
äer im Dergstaät-Verlag ersebeint, äessen 
llauptautor Paul Keller aueb wieder einen 
neuen vanä Krläblungen publiziert. Orell püssli 
(Wrieb und Deiplig) kündigt einen voman aus 
der Kremdenlegion: „Der Oommandant" von 
äobn Knitte 1 an unä eine beitere 8ommerge- 
sebiebte: „Neun in ^seona", die gleieb xwei Ver- 
kasser, Ursula von Wiese und W. 0 ug - 
genb e i m, bat. Der mit dem Oeorss-Müber-Ver- 
!ag vereinte Verlag Albert Dangen (Müneben) 
verökkentliebt niebt nur neue Vüeber seiner 
Autoren Paul prnst, p. 0. Kolbenbe^er 
und Wilbelm 8 e b L k e r, sondern bringt aueb 
äen preisgekrönten voman: „Oebenna" des pinn- 
lanä-8ebMeden -larl Klemmer und vor allem, 
der ausgeMäblte Dedäebte entbält. 
^ueb in der äiespibrigen Produktion über- 
Miegen natürlieb 
Romane, Gezachinnge«, NoveUen 
besuchen. Diese geborenen Kenner betrachten die Flugzeuge nichh 
sondern begutachten sie, und Pflegen mit den schwierigsten Fachs 
ausdrücken einen Verkehr, der nicht intimer sein könnte. KeinS 
Schraube entgeht ihrem kritischen Blick, der völlig unbestechlich gegen 
den bloßen schönen Schein ist. Am fachmännischsten benehmen sich die 
Halbwüchsigen, die Buben. In einer Koje befindet sich ein Flugs 
zeugmodell, das sich von einer normalen Führerkabine aus steuern 
laßt. Eine sinnreiche Kombination, die sich gut zur Erlernung des 
Fuegens eignet, da das Modell immer genau die der Steuer^ 
betätigung entsprechenden Bewegungen aussthrt. Es versteht siH 
von selbst, daß dieser Führersitz der Lieblingsaufenthalt der heran^ 
wachsenden Jugend ist. Ständig wird er von irgendeinem kleines 
Kerl okkupiert, der mit erheuchelter Kaltblütigkeit das Modell zuq 
^rudeln bringt und dann den Steuerknüppel so sachkundig 
^rumwirft, als sei er schon im Flugzeug zur Welt gekommen. 
Das Fliegen ist für ihn nicht das geringste Wunder mehr, sonder« 
eine einfache Tätigkeit wie Lesen und Schreiben. So bewahr« 
heben sich alte Sagen. Nur die schönen Kindermärchen wollen nis 
rn Erfüllung gehen, 8. Lraoausr. 
Lyrik 
Der vmmo Oassiror-Verlag bat äsn Flüek- 
liebon Oodanken Zokakt, die KmLolbänäobtzn 
Obristian NorFensterns so einer Volksaus 
gabe: ,Abe OalAenlieäer" ru vereinen. Von 
katboliseber D^rik ersebeinen ?Mei vänäe bei 
Kösel und pustet (Nüneben): ^„v^mnen an 
Deutseblanä^ von Oertrud De Port und ein 
dünnes vueb: „Der KrippenMe^", das vutb 
8 ebaum ann, die Verkasserin, selber mit kar- 
biZen vol^sebnitten aus^estattet bat. pbeodor 
vaeeker bringt eine DebertraxunK von Verkäs 
virtenAediebten beraus, die von «lakob Deiner 
(Deipxi^) vorZele^t Mirä, äer übrigens aueb 
^beoäor D 8 ub 1 ers neue prosaäiebtunF: „Oan 
(Irande" publiziert, perner äürken Mir Oeäiebt- 
bänden von ^^nes NieZel (Diedeiiebs, äena) 
und von Paul Krnst (Albert Danken, Nüneben) 
ent^e^enseben. Oute ^Vuknabme kindet K6Mik 
Mieder ein Oediebtband: „Oesan^ ^Miseben 
8tüblen" von prieb Kästner (Deutsebe Verla^s- 
^.nstalt, 8tuttKart), der nun einmal das HerL eines 
ZeMissen Desepublikums anLuspreeben Meik. pür 
die Diebbaber l^riseber ^ntbolo^ien sind ein 
vom vembranät-Verlag (verlin) anZekündiAter 
8ammelband: „Vlit allen 8innen" unä äas Werk 
äes pbaiäon-VerlaFS (Wien): „Die sebönsten 
äeuts^ben Oeäiebte" bestimmt, äas an äie tau 
send von Paul Wieder und DudMi^ Ooldsebei- 
ÜU einem smrigsli Duoä: „Der giläsrsr 2U- 
8Lmm6NF6kakt, 6SM8UN8 ärvi berühmte 
äsrsr-Bomans. 8okkekiiok beginnt äiessr Verlas 
mit äer Dsrausgaks einer Lolisktion: „Die kleine 
Moksrsi", äeren billige Dänäoken äas 8okukksn 
äei ikm naksstskenäsn Dioktsrgrupps (^Iveräss, 
Lillinger, Dons Drimm, Driese U8W.) rugSngliok 
mavken Mollen. In äem Duck Bronnens: „Dr- 
innerung an eine Diebe" (Verlag Tradition ^Vil- 
belm Kolk, verlin) Mebt bokkentlieb ein sankterer» 
^Vind als in seinem vokbaeb vueb. Nit 8pannung 
seben Mir dem VV^erk von ^.nna 8egbei8. 
„Oekäbrten" entgegen, das die Deiden des käm- 
pkenäen Proletariats darstebt; mit vrMartungen 
aueb dem voman: „Die Wandlung der 8usanne 
Dasseläork" von losek vreitbaeb. Ausser 
diesen vüebern legt Oustav Kiepenbeuer (verlin) 
noeb kolgende vor: Julien Oreens vornan: 
„Treibgut", der in der „prankkurter ei - 
tun g" vorabgeäruekt Muräe; Arnold 2 Meigs: 
„De Vrient kebrt beim"; von Dirauäoux: 
„Abenteueräes ^lerome Varäini"; einen voman von 
Karin Niebaelis usM. Der 8. piseber-Verlag 
bereitet äas „pragment eines vomanes aus äem 
Naeblak vugo von v o k k m a n n s t b a 1 8 vor, 
verökkentliebt äas unseren Desern bereits be 
kannte vueb: „Der Vater" von ^uliusNeier- 
Oraeke unä verbeikt M^iterbin Werke seiner
        <pb n="73" />
        Damit sind die Bomane noeb niebt erseböpkt. 
Wir bringen mit ^bsiebt jene gesondert, die von 
dem unverminderten Interesse Zeugen, äas kür 
8tokke aus äer Vergangenbeit unä beäeutenäe 
Bebenssebieksale bestebt Unter die Bubrik: 
räg unä Zürieb) ersebeinenden Boman Budwig 
Bunas: „Bartbolomäusnaebt" niebt düster ge 
nug verstellen kann. In seinem neu68ten Werk: 
„Der jüäisebe Krieg" (Brop^läen-Verlag, Berlin) 
springt Bion Beuebtwanger plötrlieb rur 
^.lten Oesebiebte über unä wird damit äer 
blaebbar von blis Betersen, dessen „8andalen- 
maebergasse" (Mbert Bangen) äie Bpoebe Maie 
^urels gestaltet. Salier liegt un8 das von Beuebt- 
wanger er8t jüngst verlassene Müneben, dein 
De bloras Bueb: „Bärbergraben. Erinne 
rungen um äie labrbundertwende" gewidmet i8t 
(B. 8taaekmann, Beipxig). 
Zablreieb sinä äie Künstler-Biogra- 
pbien. Kurt Arnold Bindeisen verökkentliebt 
bei Oretblein einen Brabms-Boman, Bein2 Orotbe 
sebreibt das Beben Klabunäs bloaebim Oold- 
stein, Berlin), Bari Bans 8trobl benutzt Oo^a als 
Modell ru einem Boman ^B. 8taaekmann). Die 
Biograpbie Obristian Morgensterns von Miebael 
Bauer (B. Biper, Müneben) wird ein 8eböne8 Oe- 
sebenk kür äie Breunde äe8 Diebters sein. Das 
Zola-Bueb von Henri Barbu88e unä äie ^uto- 
biograpbie Bbeodore Dreisers ersebeinen beide 
bei Bowobb. ^.ueb Brauen sind niebt 8elten Ge 
genstand der Bebaebtung. Wir werden einen 
5eanne D^re-Boman: „Die eiserne -lungkrau" 
(Bbilipp Beelam jun.) unä ein Bueb von 8tekan 
Zweig über Marie ^ntoinette (Insel-Verlag) vor 
gelegt bekommen. Oarl Beikner (Dresden) publi 
ziert unter dein an Bilz^ Brauns bekanntes Bueb 
ankbngenäen Bitei : „Memoiien um die Bitanen", 
alte Brinnerungen von Diana v. Bappenbeim und 
^enn^ v. Oustedt. Berta 8ebleieber erräblt das 
Beben von Meta v. Balis-Marseblins (Botapkel- 
Verlag), und welebes würdigere Objekt könnte 
Benn^ Borten linden als sieb selber? „Vom Kin 
topp raun Bonkilm" beikt ibre ^utobiograpbie 
(Oarl Beikner). Zu äen Darstellungen berübmter 
Männer gebört: äie 8pino2a-Biograpbie Buäolk 
Kaisers (Bbaiäon-Verlag, Wien), ein Bobert- 
Ma^er-Boman Buäwig Binkbs: „Der göttliebe 
Buk" (Deutsebe Verlags-^nstalt) unä ein Bueb 
äes Brieb-Beik-Verlags: „Bräsiäent Masar^k er- 
räblt sein Beben". Ignax 8eipel wird ebenkalls 
auk biograpbisebem Wege verewigt weräen (Ver 
lagsanstalt 6. .B Manx, Begensburg). Deber äen 
beiligen Bransiskus sinä xwei Büeber angekün- 
äigt: äas- von ^ngelo Oonti («lakob Begner) unä 
eines von Bebx limmm manns, das in der Insel 
ersebeinen wird. Da das Bueb Oarl Bensels: 
„Das w^ar Münebbausen" (B Bngelborns blaeb- 
kolger, 8tuttgart) sieb einen Batsaebenroman 
nennt, wird es ruin mindesten keine Müneb- 
bauseniade sein. Dem Oeääebtnis Baula Moäer- 
sobn-Beekers ist ein 8ammelband des Bem- 
branät-Verlags (Berlin) rugeeignet, der Beiträge 
der Breunde entbält. — Die Bpeiäelsebe Verlags- 
buebbandlung verökkentliebt Vrieke von ^nton 
Wildgans: „^n einen Breund", der Verlag Bn- 
gelborn den Briekw^eebsel rwiseben Bomain Bol- 
lanä und Malvida von Me^senbug. 
Wir sebbeken bier die Bubrik: 
Geschichtliche Mevke 
an. Der Verlag Kösel unä Bustet (Mrmeben) er- 
ökknet äie Zweite Beibe seiner: „Bibliotbek der 
Kirebenväter" und bringt eine Bntersuebung von 
Bäelbert Kurr: „Individuum und Oemeinsebakt 
beim bl. Bbomas von ^yuin". Dak das Baupt- 
wMk des ^ciuinaten: „8umme der« Bbeologie" in 
Kröners Basebenausgaben rugänglieb gemaent 
wird, ist sebr angenebm. Bine gewisse Aktuali 
tät dark der II. Band von Blerts Werk: „Mor- 
pbologie des Butbertums" beansprueben, der die 
8o2ialwirkungen der lutberiseben Bebre bebandelt 
(B Bngelborn). Br mag ergänzt werden dureb äas 
bei Ditzäeriebs er8ebein6nä6 Mün^er-Bueb Otto 
B ranä t s'. Dureb eine billige Ausgabe 
von Mommsens Bömiseber Oe- 
seb ! ebte erwir bt sieb äer Bbaiäon-Verlag ent- 
sebieäen ein Verdienst. Oroke bistorisebe Bäume 
durebmikt aueb wieder der Brop^läen- 
Verlag im IV. Band seiner Weltge- 
sc^kliebte und in Karl Bampes: „Oesebiebte 
des Abendlandes im Boebmittelalter". Die Oe- 
sebiebte 0 e s t e r r' e i e b s wird im Bammel 
werk des ^maltbea-Verlags: „bleue öster- 
reiebisebe Biograpbie" bebandelt, von äem Mxt 
der VIII. Band ersebeint; äie der Bsebeeboslo- 
wakei beabsiebtigt der Brieb-Beik-Verlag näeb- 
sten8 beraWMiblingen. Der Breibeitskampk des 
bekannten Autoren, die wieder ^abresringe 
angesetrt baben. Wir nennen 8 ebi eke 
le s: „Bimmlisebe Bandsebakt", die selbstver- 
ständlieb rwisoben dem 8ebwarrwald und den 
Vogesen liegt, Kurt Beusers: „Abenteuer in 
Vineta" und Mankreä Hausmanns: „^bel mit 
der Nunäbal monika". Von den Werken des Zsol- 
na^-Verlags (Wien) äürkten Beimieb Manns 
eben in unserem Beuibeton ersebeinender Bo 
man: „Bin ernstes Beben" und Kasimir Bd- 
sebmids: „Deutsebes 8ebieksa1" interessie 
ren, das sieb in dem vom Diebter gerade be 
reisten 8üdamerika vollxiebt. Das neue Bueb 
von Brieb Bdwin Dwingei: „Wir ruken 
Deutsebland" gebört xur Broäuktion des Verlags 
Bugen Dieäeriebs (^ena). ^ukeroräentlieb wieb- 
tig wirä äer Zweite Band des Bomans: „Der 
Mann obne Bigensebakten" von Bobert Musil 
sein. Br kommt im Brnst-Bowoblt-Verlag (Ber 
lin), äer noeb einige andere Lweikellos lesenswerte 
Büeber anxeigt: „Das waebsame Bäbneben" von 
Brik Beger, das in den westueutseben 8tädten 
kräbt, äen Boman: „8ebau beimwärts, Bngell" 
äes jungen Amerikaners Bboma sWolke, von 
äem man sieb viel verspriebt, eine Brxäblung 
Blse Basker-8ebülers und den Brauen- 
roman: ,,^nn Viekers" von 8inelair Bewis. 
Der Boman äes jungen Wiener 8ebrikt- 
stellers Buäolk Brunngraber „Karl unä 
das 20. -labrbundert" wird wegen seiner 
neuartigen literariseben Borm besondere Be- 
aebtung kinden (8 o e i e t ä t s - V s r l a g). „Da 
droben in den Bergen" spielen Oesebieb- 
ten von 0. Heer (Baul Branke Verlag, Ber 
lin). Wabisebeinbeb sebliekt sieb der Raebkriegs- 
roman von Oskar ^a ria 6 ra k: „Biner gegen 
alle", äer in äer OeAellsebakt von Bomanen 8ieg- 
krieä von Vegesaeks unä loe Beäerers im Uni 
versität-Verlag (Berlin) ersebeint, an sein piaebt- 
volles Bueb: „Wir sind Oekangene" an. In der 
Verlagsliste Buäolk Bipers (Müneben) bemerken 
wir äen Boman: „Das kalsebe Oolä" des 8ebwei- 
xers 0. B. Bamux und das Bueb: „Die grobe 
Büge" von Bruno Bie b m, in dem das^ Bnde des 
Kriegs dargestebt wird. Beimar Bl o b b i n g 
(Berlin) verspriebt uns eine I^ovellen-8amm1ung 
äeutseber Br^äblerinnen (Vieki Baum, Biearda 
Bueb usw.), tzuelle L Mever (Beipxig) einen Bo 
man: „Der ^weibändermann" von Ourt Bbomalla, 
in dem es sebr ^eitgenössiseb Luxugeben sebeint, 
die Oottasebe Buebbandlung (8uttgart) ein Ilorst- 
Wessel-Bueb, dessen Verkasser' Banns Beins 
Bwers ist. Unter den Bomanen des Brieb-Beib- 
Verlags (Berlin) sei einer von Bouis Bromkielä: 
„VierundöwanZäg 8tunden" genannt. Daü xwei so 
unermüäbebe Kämpen wie Bpton 8 ine ! air und 
Bja Bbrenburg, die beide Autoren des Malik- 
Verlages (Berlin) sind, dem Büebtzrseblaebtkelä 
niebt kern bleiben, verstellt sieb von sekbst; jener 
ersebeint mit dem Brobibitions-Boman: ,,^jxo- 
boi", dieser mit einem Boman: „Moskau glaubt 
niebt an Bränen", der aber in Baris spielt. Der 
Bruno Oassirer-Verlag (Berlin) verxeiebnet in 
seinem Brogramm u. a. Max Bene Besses Bueb: 
,Moratbs Bluebt" und den Boman: „Bine Branä- 
stiktung", in dem Karl 8treeker sieber die 
eigene Bebenswirkbebkeit gestaltet. Bine beson 
dere Breude werden uns die.swei Bände Br- 
xäblungen: „Vom Brote der 8tillen" von Begina 
B 11 mann bereiten (Botapkel-Verlag, Brlenbaeb 
und Abrieb). 
K«U«rhistorische ««d biographische 
Darstellungen 
kaben außerdem ^utobiograpluen, Brieksammlun- 
gen unä Werke biograpbiseber ^rt, äie niebt 
in Bomankorm gebalten sinä. 
Otto Brües greikt in seinem Boman: „Die 
Wieäerkebr", der ein 8tüek Kölner Oesebiebte 
bebanäelt, auk die lebenskrobe Baroekxeit xurüek 
(Orotesebe Verlagsbuebbanälung). Binen beiteren 
OrunöLug wird aueb das Bueb der Insel: „Der 
Zauberer von Bomburg und Monte Oarlo" von 
Bgon 0 a s a r Oonte Oorti baben, das äie 
Bntstebung dieser beiden 8pie1banken sebildert; 
wäbrenä man sieb den bei (Iretblein L Oo. (Beip-
        <pb n="74" />
        8eiten absugewinnen 8uebt. Die beute im bterari- 
8eben 
baben 
Helene 
erlebt 
Inter688e 8vbr bsjbsbten Bulz1anärei86n 
wieäei' swei Büeber gessitigt: äa8 von 
von datier: „Bine äsut8ebs Brau 
8owjetrulzlanä" (Berg8taät-Verlag, ör68- 
BurenvolkeZ erkäbrt 86i'ne Bar8te!lung im Bueb 
von vene^8 Beitr, äe886N äeut8ebs ^U8gabs 
dei Paul Bi8t kommt, äer aueb äie Memoiren 
ä68 ebemaligen Orokkür8ten ^lexanäsr von Buk- 
lanä publiziert. Kurt Ker 8 ten 8 Bueb über äis 
48sr Bsvolution (Kiepenbeuer) enthält vermutlieb 
starke Besiebungen sur gegenwärtigen 8ituation, 
äsrsn Brksnntni8 äureb äis Bsber86tsung äs8 
^srk8 von äsan Pr6vo8t: „6e8ebjebt6 Brank- 
isieb8 8sit äsm Weltkrieg" (Bngslborn) glsieb- 
I^bs vertiekt weräen wirä. Unnötig ein Wort über 
äis besonders Beäeutung äs8 8eblukbanäe8 von 
^0O Brot 2 kj 8: „Oe8ebiebte äsr ru88i8ebsn In 
volution" (8. Bi8eber-Verlag) su ver^ebwenäen, 
in äsm äis Brobsrung äsr Maebt äureb äis Bol- 
8ebewiki im Oktober 1917 gSZebiläsrt I8t. 
Kilevalrr^mifteaschaft 
Gesamtarrssaverr rrnd Krrltnrkvittk 
Krrrrkbetrachtrrrrgerr 
prok. 1o8sk ^laäler, äsr in 8einen litsrar- 
bi8tori8ebsn Werken vor Allem äis „Ianä8mann- 
8ebaktlieben Bigentümbebkeitsn" berü6k8iebtigt, 
^ie S8 nsueräingZ immer beim Bunäkunk beu^t, 
verokksntliebt im Verlag OreNlein L Oo. eins 
„Biteraturgs8ebiebte äsr äeut8eben Biägeno886n- 
^ebakt", In metboäi8eber IIin8iebt 8tebt ibm 
wabr8ebeinlieb eins pudlikAtion von kleine Otto 
II ur e r nabs, die 8ieb mit äem „8ebwaben- 
^um in äer 0si8t S8gs8elrieilte" bekabt (Ootta). 
Karl Vok l e r trat sine Monograpbie über „Bope 
äe Vega unä sein Zeitalter" gs8ebrieben (Besk- 
8ebe Verlag8buebbanälung). IIing6wi686n 8si aueb 
auk Bselam8 8ammelwerk: „Deutzie Biteratui", 
äsrsn Heiken: „Bomantik", „Pobti8ebe Biebtung" 
unä „Baroekärama" erweitert werden. 
Ba8 ^i6t28ek6-^rekiv beginnt .jetst mit der 
Verokkentliebung äe8 gesamten ungekürzten 
8ebriktlieben l^aebla8868 von ^iet28eke; äie kri- 
ti8ebs 6e8amtau8gabe er8ebeint in äsr Besk- 
8eben Verlag8buebbanälung. Die Beut8ebe Ver- 
1ag8-^N8talt vervoll8tändigt ibrs ^ndr6-6 i ä 6 - 
u 8 gabe dureb äsn Band: „Oor^äon", unä äsr 
pbaidon-Verlag bat eins Volk8au8gabe von Ilna- 
pruno Ks8or^t. — krtrsuliek i8t, äräz 28olna,y, äsr 
auek einen neuen M s 118 vorle^t, äa8 äeut8eke 
l^uklikum mit einem ^Verk äs8 IrAN2Ö8i8eken 
Venker8 ^.lain („K6ksn8a1ter unä ^.N8eliauun^") 
dekAnnt maekt. „Mie äenken 8!e äkirüder?" 
lautst äer litel eine8 lL88A^l)Anäe8 von 0ke8ter- 
ton, äer, wenn 68 mit reekten Dingen ru^ekt, 
äie Antworten 8elder vorweAnekmen wirä (Oarl 
8ekünemANn). Unter äen kulturkriti86ken Vünäen 
äe8 ?Au1-^ekk-Verla§8 (Berlin) dekinäet 8iek B^ul 
0 o k e n - ? o r t k s ! m 8 Buek: „Die ^Vieäerent- 
äeekunF BuropA8". 
^U8 äer Beide äer Lun8tküeder nennen wir 
äa8 ^Verk von Nax Deri: „Die 8tilLrten äsr 
Xun8t im ^Vanäel von 2wei lAdrtAU86näen" 
(Veut8ek68 VerlaF8dau8 Bon^ L Oo., Berlin) unä 
Ou8tkLV 6 l ü s k 8: „Bul)6N8, Vrrn V^k unä idr 
Krei8", äa8 ksi Xnton 8edroll L Oo. (V^ien) 
6r86deint. Vie8er Verlag dringt aued eine pro- 
ArAMmati86d6 8edrikt von 1o8ek Oantnsr: 
„Bevi8ion äer Lun8t^68etu6dte" dsrau8, äis einen 
XndanA über 8emper unä Bs Oorbu8ier entbült. 
— Bier i8t äsr pL88enäs Ort, um Zweier NonoAra- 
pbisn über 8tLäte 2u ^säenksn. ^Vilbslm IlAU- 
8 sn 8tein vereinigt 8ein6 2um überwiegenden 
ä^eü in der „l^euen Bund8ebLu" 6r8ebien6nen 
^ut8At26 2U einem Band: „Buropüi86be Baupt- 
8tLdte" (Botaplsl-Verlag), und äer ^MAltbeA- 
Verlag be8ebert un8 mit einem Biläerbueb: 
,,^isn". 
Die Iloekklut äer 
Reportagen, 
äie in äen leisten labrsn äen BüebermArkt übei - 
8ebw6mmto, i8t immer noeb niebt surüskgs- 
wieben. Der Bbaiäon-Verlag bringt: „Terror auk 
äem Balkan" von Albert Bonäre 8, äem be- 
lübmten, um eins Be88erung un8erer 2u8tiinäe 80 
verdienten 5ournali8ten, äer bei einem 8ebikk8- 
unglüek bskanntlieb 8ein Beben eingebükt bat. B8 
8vbeint un8 niebt sweikelbakt, äak röb 8 t in 
86mem Lueb: „Balkan äureb8 8eb1ü886boeb" 
(Verlag liaäition) äem86lben Oegen8tanä anäere 
Aktuelle Schriften pre Politik, 
Wirtschaft, Gr^ieknng rr^d Sanpraris 
Bibers Kenntni8 In dien8 möebte die Bu kl i- 
kation de8 Oabwe^-Verlage „Indien in äer Welt 
politik" von laraknatb I)a8 vermsbren; Brok. 
II au 8 bok e r bat äa8 Vorwort g686bri6ben. Ber 
8. Bi8ebsr-Verlag bereitet ein Bueb: „Inventur 
äer europäi86ben Probleme" von Oarlo 8korsa 
vor, äa8 die Vsrökkentliebung: „Buropäi8ebe Bro- 
kile" de8 Bniver8ita8-Verlag8 ergänzen äürkte, in 
der 8ieb Ban8 Boger Naäol über 8eine Begeg 
nungen mit 8taat8männern und Nonareben un- 
8erer ^eit verbreitet. Im Babmen der äVat-8ebru- 
ten (I)jederieb8) er8ebsinen Arbeiten von Ban8 
ebrsr, Berdinanä Bried und (selber 
Wir 8 ing, dsren Inbalt den Be8ern der „äH" 
wob! kaum eine Beberra8ebung bedeuten wirä. 
I)a8 mäebtig ang68ebwobene 8ebrikttum über den 
I^ational80siali8MU8 erkäbrt eine Bersieberung 
äureb die I)ar8tebung Konrad II ei den 8: „6s- 
8ebiebte äs8 blational8osjab8mu8" (Bowoblt-Ver- 
lag) und äureb K. Wittkogel 8 Bueb: „Der 
l^ational8osiali8mu8" (Nalik-Verlag), äa8 äie 
Wirkliebkeit der Bewegung mit ibism Programm 
vergleiebt. Die aktuellen Bragen äer äeutseben 
Agrarpolitik weräen in Brwin "b o p k 8 Werk: 
„Orüne Bront" (Bowoblt-Verlag) bebanäelt. Kurt 
von Beibnits entwirkt in 8einsm Bueb: „Im 
Breieek Bebleieber, Hitler, Binäenburg" (Bietrieb 
Beimer) auk Orunä eigener Beobaebtungen Bil- 
äer äi68er ärei Männer. Von Buäolk Oläen i8t 
eine Bebsn8b68ebr6ibung ä68 B6ieb8prä8id6nt6n 
(Bowoblt-Verlag) su erwarten. In äa8 Centrum 
äer ^U8einanäer86t2ung swi8eben Kommuni8mu8 
unä Mtionali8mu8 kübrt Ban8 Kobn8 nsue8 Bueb 
„Bei' blationali8mu8 in äer 8owMunion", äa8 im 
8oeietät8-Verlag er86bejnt. 
^n er8ter 8telle äer 8ebrikten sur Wirt8ebakt 
maeben wir auk äa8 Bueb: „6s8ebäkt8etbik und 
Verantwortliebkeit der Banksn" von vr. B. 
8 ebu 1 tbsb (Botapkel-Verlag) aukmerk8am, 
äe886n Ibema sum minäe8ten auberordsntlieb 
sünäenä i8t. Br. B. N ü l l e r 8 Bueb: ,Mu88obni8 
06tiejä68eb1a6bt" (Verlag8an8talt 0. B Nans) i8t 
eine Blnter8uebung über die italieni8ebe Band- 
wirt8ebakt im ^eieben der Biktatur. Ba8 in einer 
ä6ut8eben ^U8gabe äer Beut86ben Verlag8-^n- 
8talt 6r8ebeinenäs Werk: „Wäbrung8not der 
lau) unä B. 0. ^Veikkopk 8: „I)a8 Banä, wo 
man äis Arbeit ebrt" (Nalik-Verlag), ein Be- 
riebt, äer 8ieb auk 18 OW äurebme886N6 Lüo- 
meter besiebt. I^loeb weiter i8t Bgon Brwin 
Bi 8 e b vorgeärungen, äer in einem bei Brieb 
Beik er8ebein6näen Bueb 86ine Binärüeks au8 
Obina verseiebnet. Beinrieb Bau8er tauebt neuer- 
äing8 im I)ieäerieb8-Verlag auk, wo er unter? äem 
Bitsl: „^Vetter im 08tsn" ein Bueb über 08t- 
prsuben vorökkentliebt. Der Oiläe-Verlag (Böln) 
wird äureb 8sine Werks: „Von äsr ^6uksl8in86l 
sum Beben" unä „^imee auk 8ebleiebwegen" äÄ8 
8pannung8beäürkni8 bekrieäigen. Bniekerboeksr, 
der viellsiebt noeb Zebneller 8ebreibt, al8 er rei8t, 
i8t mit einer groben Beportage: „Kommt Buropa 
wieder boeb?" sur 8teils (Bowoblt-Verlag). Bbi 
Beinborn ersälät ibre Blugabenteuer (Beimar 
Ilobbing), und ^xel Bggebreebt bietet in 8einem 
Bueb: „lunge Nääeben" ^ukseiebnungen ülier 
die Vreisebn- bi8 8eebsebn,iäbrigen an (Bietrieb 
Beimer, Berlin). 8ebr wiebtig 8ind die beiden 
Bepoitagenbände äs8 Bruno 0a88irc;r-Verlage 
da8 Bueb: „Betrogene .lügend" von Albert 
B a m m, au8 äem wir in un8erem Beuilleton 
^U88ebnitte braebten, unä Brn8t II a k k n e r 8 
Beriebt: „.lugenä auk äer Banä8trabe Berlin8", 
der neue ^uk8eblÜ886 über die .lugenäebquen 
gibt. 
Nit äiv8en Beportagen 8ind wir in die Oegen- 
wart eingerüekt. Wir verseiebnen im kolgendsn:
        <pb n="75" />
        Weit" von ItaMronä Datonotre, äer ai8 
8taat88ekretär äem kakmett läerriot anFokört, 
i8t mit einem Vorwort von 1o86pk Oaälaux ver- 
8eken. WoikganF Vorti 8 ek 8 Ikrek: „Die Wirt- 
86kalt äer ?6r'8önlieklceit", äa8 in Erwartung 
verantwortunF8bewukter Der8öniiekiv6jten äen 
8taat weitFekenä au8 äer Wirt8ekakt au88ekaiten 
möekte, er8ekeint im ^maitkea-VeriaF; eken8O 
eine 8ekrikt von Dnrieo Oarantini mit äem 
veikeikunF8voiien „Da8 Dnäe äer ^rkeit8- 
iokugkeit". Niekt verge88en werden 8oii 8ekiiekiiek 
da8 Duek über Deut8ek6 INanwirt^ von Drie- 
eiu8, da8 der Oaiiwe^-Verlag kür näek8te8 takr 
anbündigt. 
DeiträFe xum Droblem der Drxiekung keiern 
xwei Zro8eküren de8 Verlag lt. Voigtländer 
(keipxig). Die eine: „Xri8!8 do8 Drauen8tudium8" 
von (lertrud Däumer betraektet die Wirkung 
der DeberküüunF un8erer lloek8ekulen auk da8 
Drauen8tudium; die andere: „Da8 IkldunF8we8en 
in Deut8ekland", die von der Deut8ek6n ?äda- 
Fogi8eken ^u8land88teHe b68orgt i8t, er8ekeint 
FleiekxeitiF in enFli8eker und kranx08i8eker 
8praeke. Die Deut8eke VerlaF8-^n8talt verökkeni- 
liekt ein Duck von Drn8t It o k e r t 0 u r- - 
tiu 8 über die Elemente der DildunF, der Verlag 
Kö8el und ?u8tet kaut 86m „Danäbuek äer Dr- 
xiekunF8wi88en8ekakt" weiter au8. (K^ammelte 
^uk8ätxe von ?rok. Dduard 8 pranger werden 
unter dem dutel: „Volk, 8taat, Dr^iekunF" bei 
Huelle L Na^er er8ekeinen. 
Dine ganxe Literatur über den 8 i e ä- 
I u n F 8 - und Xleinkau8kau i8t im Dnt- 
8teken kegrikkek. Dierker gekoren x. ll da8 
„?rakti8eke Danäbuek kür 8iedwr und DiFenkei- 
mer", „Da8 DiFenkvim", „Da8 waek86nde Hau8" 
von 8taätkaurat Wagner und andere 8ekrikten 
äe8 Deut8eken Verlag8kau868 Dong L Oo. Oallwa^ 
bringt ein Duek Ouiäo klarber8: „Da8 ki6i8tek6nd6 
Djnkami1jenkau8 von 10—30 000 Nk. und dar 
über", ^.nton 8ekroll L Oo. 8ammelwerke über 
die internationale W6rkkunä8ieälung Wien 1932 
und kleine DinkamilienkäuZ mit 50 Ki8 100 
(Quadratmeter Orundklaeke. Dtwa8 aukerkalk 
die868 Ilakmen8 8tekt noek der „^lmanaek der 
keinen Lücke". Lin äVagebuek der brüten kran- 
xö8i8eken Ilexepte von Nareel X. Doule8tin, von 
dem 8oeietät8-Verlag an gekündigt. 
8ekluk äer 2u8amm6N8teUung kelrren wir 
Lur Natur xurüek, die ja keute auek äa8 ^iel 
aller W66kenä-^u8klüg6 bildet. Unter äie llubrik: 
Gvdlrrrrtde 
Forschungsreisen nnd Grpedilionen 
källt noek eine ^nxakl von 8ekrikten. Der Verlag 
Dibliograpki8ek68 In8titut ^.-6. (Deipxig) wird 
die bekannte Nonat88ekrikt: „Atlant! 8" 
übernekmen und kündigt auker einigen lexika- 
li8eken Dänäen vier Atlanten, xwei neue Italien- 
kükrer und einen Dej8ebei iekt: ,,^ta Liwan" d68 
Drankkurter Völkerkundlern Lrn8t Vatter über 
86ine 8üd8ee-Lxpedition an. Von äer LornekungZ- 
arbeit in ?oitugi68i8ek-6uinea kanäelt Kugo 
^Väolk Dernatxik8 Duek: „^etkiopen äen 
We8ten8" (^.nton 8ekroll L Oo.). Weitau8 äie 
mei8t6n 1161860 8ekeinen in äie lierwelt gekükrt 
xu kaben. Lrnnt D. Döknäorkk 8ekiläert in 8einem 
Duck: „Noak8 ^reke" (Oretklein L Oo.) äie lagä 
auk Wakneke, Larl 8t6mm1er verökkentliebt 
im 8elben Verlag: „Da8 Luek der ^dler", der 
Däne Veläon Lri18 verxeieknet unter dem 
llÜtel: „Wilde, weite ^rkti8" (Lngelkorn) Lrleb- 
M886 auk einer (lrönland-Lxpedjtion. 8oleke 
Düeker 6nt8preek6n wob! äem 0e8ekmaek einer 
breiten L^ernekakt, die 8iek korineknt von kier 
unä über äer Lektüre abenteuerlieker Werke wie 
äer von Wkkjel L ö n k u 8: „Die Löwen am Lili- 
matui" (DeekZeke Verlag8buekkanälung), von 0. 
Deinriek: „Der Vogel 8eknarek" (Dietriek 
Deimer), von 8venä Lleuron: ,Mit einem 
8töbeikunä äurek Wald! und kleide" (Diederiek^ 
und von 1äan8 8ekomburgk: ,/kiere im letxten 
Daradie8" (lleimar Dobbing) den gar niekt para- 
dio8i8eken Alltag xu verg688en wün8ekt. 8ie be- 
gleitet auek Ferne äen Oewoknkeiinrenenäen 
Ookn kok, äer in 86inem neunten, Kai L. G 
kroekkau8 ernekeirmnäen Duek: „Dar Wille äm' 
Welt" XU 8'mk 8elb8t XU rei86n vernpriekt. ldok- 
ken nur, äak er im Lall äe8 OeknF6N8 niekt vor 
^nker liegen bleibt. La8mir Lä8ebmiä, der 
mit 86NMN krüberen Denebüebern einen neuen 
äer 11ei8eke8ekreibung genebakken kat, b'M 
ini 8oeietät8-Verlag ernebeinen: „Zauber unä 
Oröke äes Vlittekn^ Dem Lueb Iäan8 
ueling 8 „8eeb8 tun gen8 tippeln naek Indien" 
kolgt ein xweiter Danä, äer von äer akonteuer- 
keken WanäerunF äer lungere äurek Fanx In- 
äien Ki8 xum Himalaja erxäiät (8oeietüt8-VerIag). 
7?^- 7/^ 
Kestattschau oder Holitik? 
Von S. Kraeauer» 
Ernst Jüngers Buch: „Der Arbeiter. Herr 
schaft und Gestalt" (Hanseatische Verlagsanstalt, Ham 
burg. 300 Seiten. Geb. 5.80 Rmk.) ist aus dem Grunde 
wichtig, weil es nicht von fixen Parteiprogrammen und welt 
anschaulichen Formulierungen ausgeht, die vielleicht der heu 
tigen Wirklichkeit gar Nicht mehr angemessen sind, sondern 
diese Wirklichkeit selber ins Bewußtsein zu erheben sucht. 
Genauer gesagt: Jünger stellt, wenigstens seiner Absicht nach, 
keine freischweöenden Forderungen aus, die von außen her an 
unsere Situation heranträten und doch sie zu verändern be 
anspruchten — er leitet, gerade umgekehrt, aus dem Bild 
des gegenwärtigen Zustands das des künftigen ab. „Der Plan 
dieses Buches besteht darin, die Gestalt des Arbeiters sichtbar 
zu machen jenseits der Theorien, jenseits der Parteiungen, 
jenseits der Vorurteile als eine wirkende Größe, die bereits 
mächtig in die Geschichte eingegriffen hat und die Formen einer 
veränderten Welt gebieterisch bestimmt." Wie immer man die 
Erkenntnisse Jüngers beurteilen mag: sein Streben nach einer 
unbefangenen Betrachtung unserer faktischen Verhältnisse ist zu 
bejahen. Denn das ganze politische Leben krankt zur Zeit da 
ran, daß alle möglichen Parteien und Gruppen mit Be 
griffen operieren, die längst von der Realität überholt worden 
sind, in der sie einzugreifen meinen. 
Die Situationsanalhse Jüngers ist natürlich durchaus anti- 
liberalistisch- Sie verwirft das bürgerliche Denken, sie läßt am 
19. Jahrhundert kein gutes Haar. So wird dem Bürger- 
nachgesagt, daß er „auch im Kriege jede Gelegenheit zur Ver 
handlung zu erspähen suchte, während er (— der Krieg —) 
für den Soldaten einen Raum bedeutete, in dem es zu sterben 
galt, das heißt, so zu leben, daß die Gestalt des Reiches 
bestätigt wurde . . Eine Aussage, die an Sombarts: 
„Händler und Helden" erinnert und die Beziehungen zwischen 
Bürger- und Soldatentum höchst willkürlich stilisiert. Es ver 
steht sich von selbst, daß Jünger dem Bürger jedes Verhältnis 
zum Elementaren abspricht'und die bürgerliche Vernunft des 
Verrats am Gefährlichen bezichtigt, das sie zur Sinnlosigkeit 
entwerte. Man kennt diese Sprache unter anderem vom „Tat"- 
Kreis her, der sich in ähnlich vernichtenden Urteilen über die 
ftberale Haltung ergeht. Ich habe hier nicht die Aufgabe, die 
großen Kategorien des Liberalismus aus der Verdammnis zu 
retten oder den Nachweis zu führen, daß Jünger ständig den 
Abhub der Bürgerlichkeit ihrem Urbild unterschiebt. Genug, 
wenn feststeht, daß seine Formulierungen einer Stimmung 
Ausdruck verleihen, die heute in den verschiedensten Lagern 
der Jugend herrscht. 
Die Frage ist, Zu wessen Gunsten der Bürger mit seinem 
Fortschrittsglauben, seinem Humanitatsanspruch usw. in Acht 
und Bann getan wird. Etwa zugunsten des kämpfenden Pro- 
letariaM Keineswegs. Jünger bemüht sich vielmehr zu 
zeigen, daß der historische Materialismus und der bürgerliche 
Idealismus Zusammengehören, daß sie beide sozusagen Ver 
fallserscheinungen sind. Er lehnt die marxistischen Bestimmun 
gen ab, die den Arbeiter nur deshalb zum Angriff gegen die 
Gesellschaft herausforderten, um diese zu retten, er Zählt das 
Klassenbewußtsein zu den „Resultaten des bürgerlichen 
Denkens", er verneint die „Klassenpolitik alten Stiles", die 
nichts anderes bedeute, „als sich dort in Teilergebnissen zu 
verzehren, wo es um letzte Entscheidungen geht". Auch diese 
Kritik der Theorie des Sozialismus erfreut sich bekanntlich 
einer starken Anhängerschaft. 
Beide: das liberale Bürgertum sowohl wie das klassen 
bewußte Proletariat haben also nach Jünger verspielt. Unter 
der Decke der ihnen Zugeordneten Terminologien ist aber 
bereits ein neuer Träger der Geschichte herangewachsen, den 
Jünger als die „Gestalt des Arbeiters" begreift. „Wir finden 
-.. aufs neue bestätigt," erklärt er bündig, „daß unter dem 
Arbeiter weder ein Stand im alten Sinne noch eine Klasse 
im Sinne der revolutionären Dialektik des 19. Jahrhunderts 
zu verstehen ist. Die Ansprüche des Arbeiters greifen im
        <pb n="76" />
        daß 
letzte, äußerste Größe setzt? 
nisten, Werteinsichten und politischen Ueberlegungen 
Handelns. Der marxistische Theoretiker Lenin hat 
zu erstreben wäre, 
-als Folge eines von 
Zweck politischer Aktivierung 
steckt der eigentliche Kon 
Buchs. Denn wie könnte 
sondern 
Erkennt- 
gelenkten 
den Ar^ 
Italien 
Schauweise, der er sich wie selbstverstän' -b einfügt, geht er 
sichtlich auf Spengler zurück. Ja, Speu^ hat bei diesem 
Buch Pate gestanden; bis in die Sprache hinein, die kriegerisch 
tut, über alle möglichen Dinge diktatorisch verfügt und manch 
mal an Tagesbefehle gemahnt. Man brauchte auf diese Be 
Ziehung weiter kein Gewicht zu legen, stimmte Jünger nichts 
mit Spengler in einem entscheidenden Punkt überein: darin 
nämlich, daß er die Gestalt met ap h h sizi ert. „Eine 
Gestalt ist, und keine Entwicklung vermehä oder vermindert 
sie . , . Die Geschichte bringt keine Gestalten hervor, sondern 
sie ändert sich mit der Gestalt... Ebenso wie die Gestalt jem 
seits des Willens und jenseits der Entwicklung zu suchen ist, 
steht sie auch jenseits der Werte; sie besitzt keine Qualität." 
Satze von Jünger.» Ihr Inhalt entspricht durchaus dem 
kontemplativen Gestaltbegriff Spenglers. Nur daß dieser ihn, 
in seinem Hauptwerk wenigstens, vorwiegend auf die gewor 
denen, abgelaufenen Kulturen anwendet, die man tatsächlich 
verwirklicht werden, 
gebraucht. Hier, genau hier 
struktionsfehler des 
je eine Gestalt dadurch 
man sie von vornherein als 
Sie ist nicht etwas, das 
ergibt sich allenfalls hinterher 
beiterstaat der Sowjetunion geschaffen, und das 
Mussolinis ist gewiß nicht aus irgendeiner Gestaltschau ent- 
mit einigem Recht so auffassen wag, als seien sie die Dar 
stellung irgend einer nicht ableitbaren Gestalt; während Junger 
denselben Gestaltbegriff Zum 
Gegenteil über alle ständischen Ansprüche hinaus..Das 
heißt, Jünger entreißt das Wort Arbeiter seiner gewohnten 
Umgebung und verleiht es den eigenen Konstruktionen ein. 
Ein Begriffsraub, der ihm durch die Tatsachen selber ge 
boten zu sein scheint. Denn überall in unserer Zeit sind, wie 
er meint, Anzeichen sichtbar, die auf die kommende Herrschaft 
eines Typus hindeuten, der unter liberalen oder marxistischen 
Begriffen nicht mehr Zu fassen ist. Dieser Typus, der sich schon 
heute durchsetzt, gilt hier aber darum als der des „Arbeiters", 
weil ihm Arbeit nicht „Tätigkeit schlechthin" ist, „sondern der 
Ausdruck eines besonderen Seins, das seinen Raum, seine 
Zeit, seine Gesetzmäßigkeit Zu erfüllen sucht". Er lebt, den 
Gegensatz Zwischen dem Individuum und der Masse auf 
hebend, in den „organischen Konstruktionen" der Aufmärsche, 
der Ärger, der Gefolgschaften; er Zieht dem Zustand einer 
Freiheit, mit der er nichts anfangen kann, einen Zustand vor, 
in dem Freiheit und Gehorsam Zusammenfallen; er schließt 
das Elementare nicht aus, das (nach Jünger) durch den 
Idealismus und Materialismus außer Kurs gesetzt wird, 
verkörpert vielmehr einen „heroischen Realismus". Verzicht 
auf Individualität, Maskenhaftigkeit, soldatisches Wesen, Be 
reitschaft zum Trauring jeder Art, Freude an der gemein 
samen Arbeitstracht usw.: das wären einige Merkmale, an 
denen man ihn erkennt. Im übrigen ist der Kintopp mehr sein 
Fall als das Theater, literarische Fragestellungen bedeuten 
ihm nichts, und von den zeitgenössischen Presseerzeugnissen 
interessieren ihn am meisten Photos und dokumentarische 
Berichte. 
Aus den in der Gegenwart Vorgefundenen Ansätzen ent 
wickelt nun Jünger die Welt, die der von ihm charakterisierte 
Typus zu verwirklichen strebt. Ihrer ganzen Beschaffenheit 
nach drängt die Gestalt des Arbeiters darauf hin, die liberale 
Gesellschaftsdemokratie durch die Arbeits- oder Staatsdemo 
kratie zu ersetzen und den Uebergang von der heutigen „Werk- 
stättenlandschaft", in der noch anarchisch und zusammenhangs- 
kos experimentiert wird, Zur „Planlandschaft" zu vollziehen. 
Rußland und auch Italien sind wohl die vagen Muster dieses 
Zukunftsreiches. In ihm verwandelt sich die Technik aus einem 
seine Gebraucher mißbrauchenden Instrument Ziellosen Fort 
schritts in ein Instrument planmäßiger Herrschaft. Sie erfüllt 
überhaupt erst dann die ihr zubestimmte Funktion, wenn sie 
nicht wie heute noch teilweise dem individuellen Belieben dient, 
sondern „ein Mittel zur Mobilisierung der Welt durch die Ge 
stalt des Arbeiters" wird Das ferne Ziel, auf das Jünger 
schaut, ist die Planetarische Planung, die eines Tages die 
emzelstaatlichen Planungen ablösen mag. Je mehr wir auf 
einem durch furchtbare Kriege und elementare Ausbrüche ge 
kennzeichneten Wege in die „Planlandschaften" einrücken, desto 
reiner wird sich die Gestalt des Arbeiters enthüllen. Bis sie, 
im vorgeahnten Endzustand, den gesamten Lebensstil bestimmt 
und kultische Bedeutung erlangt. 
Soweit die Konstruktion Jüngers. Verschiedene Parteien 
täten gut daran, sich mit ihr zu befassen, nimmt sie doch ihren 
Ausgang von der Realität eines großen Teils unserer 
Jugend. Diese Jugend .— vor allem die norddeutsche — 
ist in der Tat so,' wie Jünger sie schildert. Sie hat 
eine besondere Beziehung zur Technik, ist dem bürger 
lichen Milieu entglitten, ohne doch im spezifischen Sinne 
proletarisch sein zu wollen, und hegt Wunschträume, in 
denen das Nationale mit einer vagen Vorstellung von 
planmäßiger Wirtschaft verschmilzt. Stark ausgeprägt ist 
auch ihr Hang zu festen Zusammenschlüssen militärischer oder 
mehr Lündischer Art, die den einzelnen von der jetzt nicht ver 
wertbaren individuellen Freiheit befreien und ihm die Chance 
totaler Eingliederung eröffnen. Vorhanden ist nicht zuletzt die 
Lust am Elementaren und die Gegnerschaft gegen den Geist 
oder was man sich darunter denkt; aber mag selbst der Liberale 
pder der Marxist, der mit teuflischen Zügen an die Wand ge ¬ 
malt wird, völlig verzeichnet sein, so dient sein Zerrbild 
darum doch nicht minder der Bekräftigung eines greifbaren, 
sehr wirklichen Daseins. Diese Jugend, deren Existenz ja nur 
unsere allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse 
widerspiegelt, ist bisher gerade von den politischen Willens 
mächten kaum beachtet worden, gegen die sie sich wendet. So 
geht es nicht fort. Man wird das politische Vokabularium 
erweitern und sich mit ihr auseinandersetzen müssen. 
Denn, wie auch die Konzeption Jüngers beweist: die 
Kräfte der hier gemeinten Jugend wissen sich in der politischen 
Sphäre nicht zu entfalten und werden immer wieder in eine un 
mögliche Richtung gedrängt. Der Hauptbegriff, mit dem Jünger 
operiert, ist die Gestalt. Unzählige Male heißt es, daß die 
„Gestalt des Arbeiters" realisiert werden solle, und schon die 
Nennung dieses Begriffs genügt seinem Benutzer beinahe, um 
das liberale oder marxistische Denken zu verfemen. Die Ge 
stalt ist alles; sie erschließt eine Dimension, in der sämtliche 
von Jünger einfach dem^lü. Jahrhundert zugeordnetsn Be 
griffe und Verhaltungswersen hinfällig werden. Kein Gedanke 
daran, daß er sich etwa ernsthaft mit dem Prinzip des Fort 
schritts und der Klassenkampf-Theorie beschäftigt; er glaubt 
solche Prägungen vielmehr durch den schlichten Hinweis auf 
Aue neue GchaM tilgen zu können. 
Es wird also notwendig sein, den von Jünger so belasteten 
Begriff der Gestalt näher zu untersuchen. Die Denk- oder ^ 
standen. In der ganzen Geschichte existiert keine „Gestalt", die 
als Gestalt dem Blick vorgeschwebt hätte, und statt das Prinzip 
der Prinzipien zu sein, ist sie viel eher die Erdenspur großer 
Prinzipien. Indem Jünger die „Gestalt des Arbeiters" ver 
goßt, schlägt er daher auch nicht, um in einer ihm gemäßen 
Sprache zu reden, die feindlichen Begriffsheere in die Flucht, 
sondern hebt sich von ihnen ab und entweicht ins Imaginäre. 
Er stellt sich gar nicht den politisch wirksamen Lehren, die er 
bekämpft; er erklärt sie von einer Dimension aus für nichtig, 
die keine politische Realität hat. Sein Buch erhebt den An 
spruch, ein Ziel zu weisen und politisch aktiv zu sein; es be 
trachtet faktisch das Werdende aus der Scheinperspektive des 
Gewordenen und verhält sich ästhetisch-kontemplativ. 
Kurzum, die Schau Jüngers ist alles andere eher als eine 
politische Konstruktion. Ich sehe davon ab, das Sein zu kenn 
zeichnen, dem sie entstammt. Es ist so geartet, daß es sich kultisch 
äußern möchte, ohne die Frage nach dem Sinn des Kults zu- 
zulassen, und sich Zu unausgegorenen Behauptungen wie diesen 
versteigt, man könne „bereits heute inmitten der Zuschauerringe 
eines Lichtspieles oder eines Motorrennens eine tiefere Fröm 
migkeit ... beobachten...als man sie unter den Kanzeln und 
vor den Altären noch wahrzunehmen vermag". Wesentlicher 
als die Betrachtung dieses dumpfen und schwierigen Seins 
scheint mir hier der Nachweis zu sein, daß ihm die politische 
Selbstdarstellung gründlich mißlungen ist. Wahrhaftig, Jüngers 
Buch enthält Widersprüche, die sogar eine Gestalt sprengen 
müssen. Auf der einen Seite wird die Wendung zum Elemen 
taren vollzogen und das Schlachtfeld als „der spezielle Fall 
eines totalen Raumes" vor Augen geführt; auf der anderen 
Seite wird der Eintritt in „Planlandschaften" angestrebb 
Merkt Jünger nicht, daß die Tätigkeit des Planem den Ein 
satz einer Vernunft verlangt, die das Elementare zwar nicht 
auszulöschen, aber doch zu übergreifen und zu beherrschen hat? 
Ohne diese Vernunft entscheidend einZukalkulieren, vereint 
er naiv Tendenzen, die einander entgegengesetzt sind. Der 
gleichen mag metaphysisch sein; politisch praktizieren läßt es 
sich nicht. Und um einer derartigen politisch undurchkonstru- 
Lerbaren Gestaltschau willen soll der Begriff des Arbeiters mit 
allen seinen Wurzeln aus dem Boden gerissen werden, in dem 
er noch immer haftet? Eine Verpflanzung, die am Ende auch 
vom Standpunkt Jüngers aus sehr bedenklich wäre. Denn da 
Jünger nicht anders als die Arbeiterparteien die Ablösung 
der kapitalistischen Privatwirtschaft im Sinn hat, handelt er 
seinen Interessen entgegen, wenn er durch die Ausweitung des 
Wortes Arbeiter zu einem politisch unverbindlichen Begriff 
diese Parteien Zu schwächen sucht. Oder meint Jünger, daß die 
„Arbeitsdemokratie" uns gewissermaßen von selber Zuwachse? 
Ich weiß nicht recht, was er meint und was er will. Er 
lehnt hier die Restauration ab und tut dort nichts, um ihr 
Kommen zu hindern. Er befürwortet die Planung und wider 
strebt ihr haltungsmäßig zugleich. Diese Gestaltschau eröffne! 
nicht so sehr einen Weg in die Politik als eine Fluchtwöglich- 
keit aus ihr heraus- Sie ist zweifellos bis zu einem hohen. 
Grad nichts weiter als der ideologische Ausdruck gewisser 
Schichten, die im Interesse ihrer sozialen Behauptung der 
Illusion bedürfen. 
Und doch wird der von Jünger angesprochene und ver 
tretene Typus früher oder später zur wirklichen Politik durch 
dringen müssen. An zwei Bedingungen ist die Fruchtbarkeit 
dieser Begegnung geknüpft. Die eine: daß die Jugend, deren 
Wortführer Jünger ist, sich nicht über politische Kräfte wie 
den Marxismus oder den Liberalismus hinwegsetzt, um 
schließlich im Leeren leer dazustehen, sondern die Tuchfühlung 
mit ihnen aufnimmt, die sie allein zur politischen Realisierung 
befähigt. Die andere: daß jene politischen Mächte, auf die es 
ankommt, die in dieser Jugend investierte Substanz An fassen 
ernen.
        <pb n="77" />
        / 7' AH 
Berlin, im Oktober. 
Amerikanisches Volksstück. 
„Der Champ": ein hinreißender Reißer. Erzählt wird in 
ihm die Geschichte eines von seiner Frau verlassenen Exboxmeisters, 
der mit seinem Jungen zusammenlebt. Er säuft und spielt, weil 
er sich über seinen Abstieg grämt, er ist eine Vagabundennatur, 
die sich nicht mehr retten kann. Sein einziges Glück ist der kleine 
Sohn, der ihm Kamerad, Freund und Mutter bedeutet. Tatsäch 
lich begleitet Dick, dieser winzige Kerl, den Champ auf allen 
Wegen und Abwegen, bringt ihn zu Hause ins Bett und sucht 
ihn vor jeder Gefahr zu behüten. Obwohl er noch ein Kind ist, 
hat er durch sein Schicksal doch schon die Erfahrung und Weis 
heit des Alters erlangt. Ich könnte mich nicht entsinnen, daß schon 
einmal eine solche Vater-Sohn-Beziehung dargestellt worden wäre. 
Sie ist merkwürdig und rührend und endet erst mit dem Tod des 
Champ, der aus Liebe zu Dick wieder einen Boxkampf wagt, in 
dem -er siegt und zusammenbricht. 
Ein Hinreißender Reißer- bis auf das letzte (leicht zu streichende) 
Finale, dessen hundertprozentige Sentimentalität die Tränendrüsen 
allzu schrill, allzu amerikanisch alarmiert. Aber was schadet dieser 
feuchte Endspurt in einem trockenen Lande? Er vermag die 
DuW des Films nicht zu beeinträchtigen, sie, die so 
Dmentar ist, daß sie sich trotz der leidigen Verdeutschung unge 
brochen behauptet. Welch ein Schauspieler ist aber auch Wallace 
B eeryl Man erfährt, daß das Schicksal des Boxers ungefähr 
sein eigenes gewesen sein soll. Gleichviel, ob dieser Umstand die 
Echtheit der von ihm geschaffenen Gestalt vertieft hat: der Champ, 
den er auf die Beine stellt, ist ein völlig dreidimensionales, märchen 
haft wirkliches Wesen. Ihm eignet die Gutmütigkeit der Stärke, 
der nicht zu bändigende Freiheitssinn, die Scham über sein Elend, 
die große Naivität^ er der Spiel ¬ 
leidenschaft verfällt, wie er angibt und renommiert und dann wieder 
ganz klein wird, wie er aus Verzweiflung mit den Fäusten gegen 
die Zellenwand hämmert. Das ist nicht eine erfundene, aus- 
getüftelte Figur, das ist ein leibhaftiger, prächtiger Mensch,, dessen 
ungeteilte Existenz noch in der kleinsten Aeußerung steckt. Und 
Jackis Cooper! War der andere Jackie (im „Kid" z. B.) ein 
herziges Kunstbübchen, so ist dieser ein wahres Naturgeschöpf. 
Woher der Junge das Spielen hat? Als sei er selber der Dick des 
Films, so unbefangen und bis auf den Millimeter richtig führt er 
die Rolle durch. Er ist schnöd, besorgt, lausbubenhaft, kindlich, 
erwachsender beherrscht sede von ihm verlangte Nuance. Seinen 
Weinkrampf an der Leiche des Vaters wird man nicht mehr 
vergessen. 
Die nie verblassende Ausdrucksgewalt dieses geschundenen 
ünd sonderbaren Paares ist nicht zuletzt der unvergleichlichen 
Regiekunst Kina Vidors zu danken. Er hat wie kaum ein 
gcment Gerhard Lamprechts und einige wundersckone Bilder lobev 
aber im Grund kommt es in einem solchen Fall auf die bestes 
oder schlechtere Mache gar nicht an. Die Hauptsache ist vielmebr 
der Stoff selber. Und alles ist in bester Ordnung, wenn I 
Paraden imd dergleichen jenc Tendenzen ausbreiten hilft die man 
kennt. 
Nur anhangsweise erwähne ich noch, daß dis Uraufführung! 
nicht nur stark beklatscht, sondern auch durch die Anwesenheit des! 
Kronprinzenpaares ausgezeichnet wurde. Vielleicht hing das eine 
mit dem anderen zusammen. Nach der Premiere staute sich die 
Menge vor den Portalen des Ufa-Palastes und wartete gespanm 
! und geduldig. Als dann der Exkronprinz endlich erschien, schrie 
man ihm Hoch Zu und ließ sich von seinem Lächeln besonnen. 
Nicht alle freilich zogen die Hüte. Und manch einer glaubte wahr 
scheinlich, daß sich der Film jetzt einfach im Freien fortsetze, und 
verglich unwillkürlich die auf der Straße gespielte historische Szene 
mit anderen, inzwischen offenbar längst vergessenen Szenen aus 
dem Weltkrieg, der Revolution usw., die jeder den Schatzkammern 
der Geschichte entnehmen kann. 
Deutsche Plastik. 
Zum Schluß mochte ich auf den schönen Kulturfilm der Uni 
versal: „Die steinernen Wunder von Na um bürg" 
aufmerksam machen. C. Oerte! und R. Bamberger schlagen in 
ihm einen neuen Weg ein. Sie wählen nicht Gegenstände, die in 
Bewegung befindlich sind, sondern suchen umgekehrt ruhende j 
Dinge durch die bewegte Kamera zu erschließen. Dieser Versuch 
zeitigt ein wunderbares Ergebnis. Indem nämlich der Blick im 
Film so gelenkt wird, daß er die Gestalten und Gruppen immer 
wieder auf anderen, geschickt ausgesuchten Wegen umfahren muß, 
beginnt allmählich der Figurenreichtum zu leben. Die Stifter 
werden zu handelnden Personen, die Abendmahlszene etwa tritt 
förmlich aus dem Stein heraus, und alle Kompositionen verwan 
deln sich in Gebilde, deren Wirklichkeitsnahe erregt. Es fehlte nicht 
viel, und sie wandelten wie erweckte Schläfer umher. 
8. LrLSLuer. 
Jene Mine. 
Berlin, im Oktober. 
Geschichte eines Groß st adthauses. 
Der Film: „Mädchen in Uniform", die erste Kollektiv 
arbeit der Froelich-Film-Gesellschaft, ist ein so ungeheurer Er 
folg gewesen, daß es schwer gewesen sein muß, das mit diesem Film 
begonnene Werk fortzusetzen und auszubauen. Welchen Stoss 
wählen, ohne m die übliche Bahn abzugleiten un-d zu enttäuschen? 
Man hat sich für das Hörspiel: „Mieter Schulze gegen 
Alle" von Auditor entschieden, einem Pseudonym, hinter dem 
sich mehrere Frankfurter Juristen verbergen sollen. 
Dieses Stück bietet in der Tat einer Spielgvuppe wichtige Vor 
teile. Es enthält eine Menge von Personen, deren keine eine be 
sondere Bedeutung beanspruchen kann, und legt den Hauptakzent 
auf die Zustandsschilderung. Alle Menschen sind hier Helden, oder 
richtiger: das Gegenteil von Helden, und alle leben sie unter den 
gleichen Bedingungen, von denen sie fühlbar geprägt werden. Sie 
sind Kleinbürger und bewohnen eine Mietskaserne, in der sie so 
dichtgedrängt Hausen, daß sie einander ständig auf die Fersen 
treten. Was geschieht, was muß in einem solchen Falle geschehen? 
Die Klatschsucht feiert ihre heimlichen Siege, die jedesmal öffent 
lich ausposaunt werden, ein Wort gibt und hetzt das andere, und 
das Produkt sind Streitigkeiten, deren Ursache ein Nichts und 
deren Folge eine Kette von Beleidigungsklagen ist. Wie von selber 
gebiert der Urschlamm des Mietshauses solche Prozesse. Sie füllen 
Aktenberge, ohne sie wirklich zu füllen, kosten ein Geld, das sie 
nicht wert sind, und beschwören über die Beteiligten und die Nicht- 
Leteiligten Unheil herauf. Mit dem Ausweis dieses Milieus ver 
bindet das Verfasser-Kollektiv auch die moralische Absicht, das 
Laster der Krakeelsucht zu bekämpfen und die Michael-Kohlhaas- 
Naturen vor sachlich unbegründeten Katastrophen zu bewahren.! 
Sprachrohr der Tendenz ist der geplagte Richter, der am Schluß 
den wildgewordenen Parteien ins Gemüt redet und Lurch einen 
Vergleich dem ganzen Unfug ein Ende macht. 
Carl Froelich hat die Typen, die Zimmereinrichtungen und! 
die verschiedenen Situationen mit Liebe auZgemalt. Er stellt ein 
filmisches Mosaik zusammen, das sich sehen lassen kann, und ver 
anschaulicht vor allem die Atmosphäre trüben Geschwätzes. Wenn 
die Beschreibungen dennoch nicht besonders fesselnd geraten sind, 
so rührt das unzweifelhaft daher, daß hier der Kleinbürgermuff 
auf kleinbürgerliche Art festgehalten ist. Liegt es an der Text 
vorlage oder an der Verfilmung: die Mietshaus-Szenerie ist zwar 
beobachtet, aber nicht durchdrungen. Es fehlt der Blick Hinter die 
Kulissen des Alltags, jener Blich der zu Photographischen Einstel- 
lungen führt, die das Gewohnte in ungewohntem Lichts zeigen 
und es damit zugleich deuten. Dis üblichen Dinge werden, im 
Gegenteil, so konventionell wiedergegeben, wie sie sich gemeinhin 
Zeigen, und kaum je fällt auf den Wirrwarr ein Strahl aus einer 
anderen Welt. Auch der Richter gehört noch zu dieser. 
Ernst Karchow macht ihn zu einer Figur, der man anmerkt, 
daß unter der Decke strenger formaler Sachlichkeit sympathische 
Gefühle sich regen. Der Mieter Schulze Paul Kemps ist nicht so 
sehr eins einheitlich durchkomponierte Gestalt, als eine Erscheinung, 
die in einzelnen Episoden erglänzt. Die mondäne Jda Wüst, dre 
hier allerdings nicht am Platz wäre, ziehe ich für meinen Teil 
der mütterlichen weit vor. Mit Ohrringen, dicker Halskette und 
einem impertinenten Lachen ausgestattet, fegt Drude Hesterberg 
als Metzgermeistersgattin durch das Stück. 
- Husarenstreiche. 
Aus den Schatzkammern der Geschichte hat die Ufa eine Epi 
sode hervorgekramt, die zwar so klein ist, daß man sie kaum sieht, 
aber dafür Zur Zeit der Franzosenherrschaft spielt. Im Jahre 1812. 
, Ein schwarzer Husar mit dem Totenkopf am Tschako erhält vom 
Herzog von Vraunschweig den Auftrag, ihm die Braut wiederzu- 
bringen, die von Napoleon für einen anderen Mann beschlagnahmt 
worden ist. Natürlich gelingt der tollkühne Husarenstreich Und die 
Freude über ihn wird noch dadurch erhöht, daß die aus den 
Franzosenhänden befreite Braut sich vom Herzog abwendet, um 
fortan ihrem Husaren anzugehören. 
Mag sich die Geschichte in der Wirklichkeit auch weniger sinn 
reich Zugetragen haben, im Film: „Der schwarze Husar" 
spielt sie sich jedenfalls Zwangsläufig so ab. Denn der schwarze 
Husar mit dem Totenkopf am Tschako ist kein anderer als Kon 
rad Veidt, der doppelt verführerisch wirkt, wenn er in einer Uni 
form, die ihn womöglich noch schlanker macht, verwegene Attacken 
reitet. Wie sollte Mady Christians ihm widerstehen können? Außer 
dem Anblick dieser beiden werden uns zum Ueberfluß einige kriege 
rische Plänkeleien, der komische französische Gouverneur Wallburgs i 
und bedeutende militärische Schauspiele geboten. Das Ganze klingt 
in die übliche pompöse Schlußapotheose aus, die diesmal dem Aus 
Zug der Regimenter in den Befreiungskrieg gilt. 
Wie unschwer zu merken ist, handelt es sich hier wieder einmal 
um eine Mischung heute bewährter Effekte. Man könnte das Arran-
        <pb n="78" />
        siob überall selber in äiesem Beriobt. latsäob- 
liob, er entbüllt niebt nur eine bestimmte Laebe, 
zweiter ein Auge für die Realität. Mag er Bretterzäune um einen 
Trainingsplatz aufbauen, Straßenzüge zeigen, Ausschnitte einer 
Rennbahn vergegenwärtigen oder in abgeschlossene Interieurs 
entführen: immer ist die Wirklichkeit aufs Haar genau erkannt 
und widergeW zwar nicht eine beliebige, sondern eben 
jene, die einzig und allein an die betreffende Stelle gehört. Vidor 
entdeckt-gleichsam^ die wirklicher sind als die ge- 
geben^ Hinzu kommt, daß er mit derselben Virtuosität über 
Massenszenen und Soloauftritte verfügt. Die Bilder in der Stube 
des Champ stehen den großartigen Arenabildern nicht nach. Nir 
gends bildet sich eine Lücke. Das Leben bewahrt durchweg eine 
vollendete Dichte, 8. Lese au er. 
Z7 L-, M-L 
»knv ^rdvit. 
2u den Luebern von Lamm unä üakkner. 
Von 8. RrLCLuer. 
Im luli dieses labres baben wir in unserem 
VtzuMeLon einige Lobiläsrungen Lidert 
Lamms aus einem Brwerbslosenbeim gebraobt, 
durob äie äer Oekfentliobkeit wobl rum ersten 
Nai ein wirkliober Binbliolc in äas Leben äer 
arbeitslosen lugend gewäbrt worden ist. Das 
Nanuskript, äem äie Lobiläsrungsn entnommen 
waren, ist jetst enäbod unter äem litel: „Be- 
trogeve lugend" in Buebkorm ersebienen 
(Bruno Oassirer Verlag, Berlin, 190 Leiten. Oeb. 
4.50 
Leben seines Ltokkes wegen verdient dieses 
Vueb Leser aller Kiebtuvgen unä Parteien. Nan 
bat sebr viel über äie Not äer erwerbslosen 
lugend klagen gebört, obne siob äoob einen reob- 
ten Begriff von ibr maeben ru können. Lamm 
stellt sie äar. Niebt so, als ob er äie bier gemeinte 
lugend statistisob ru erlassen sucbte, oäer sie 
Überhaupt wie irgendein Objekt der Wissensobakt 
betraebtete, dessen man siob mit Büke ps^obo- 
loms^er, pädsgogisober, sorialkritisober Rate- 
zMen bsmaebtiA er begibt Mb vislmsbr mit ¬ 
ten unter sie, um ibr Leben von innen ber ru 
erkabrem Bs ist eine Welt jenseits äer unsrigen, 
in die er uns kfibrt. Die Vierrskm bis Zweiund- 
^wanrigjabrigen, von denen sie bevölkert ist, 
baben niobt äie geringste Beriebung rum Lrbeits- 
prorek, erblioken im Oesetr ibren gesebworsnen 
Beinä, leben meistens abgetrennt von äer Bamilie 
unä äen proletarisoben oäer gar bürgerUoben 
Traditionen unä entbebren äen 6enuk aller ge- 
sellsobaktlioben Oüter. Loblimmer noob: äie Zu 
kunft sobeint ibnen versperrt. Wo balten sie siob 
in Wabrbeit auk?^ Bas Vakuum ist ikr Ort. Wt 
jener keinen Genauigkeit, äie äas beleben aktiver 
Lnteilnabme ist, besobreibt Lamm äie tWisoben 
Zu8tände,.dis siob in äer Leere entwickeln. Lein 
Beliebt maobt äas BewiMssin transparent, äas 
äie lugenälioben von siob unä äen sorialtzn Vor- 
kältnissen baben, analysiert ibre Verhaltun^s- 
weisen unä lebrt erkennen, weloker Linn siob 
binter maneben abstokenäen oäer, uvbe^reik- 
lioken Leukerun^tzn verbirgt. Oiebstäble, Laster, 
asoziales Bensbmen unä konkuZGK KsbeÜGniumZ 
äas alles ist niobt nur ZobonunAslos wiäerFespie- 
xelt, soväeru aueb auk seinen eiAevtliobsn Lr- 
sprunZ 7.urüok^6kübrt. Lnä äas Bilä, äas Lamm 
entwirkt, wirkt äarum äoppelt ersobütternä, weil 
es ärastisob rei^t, äak äiese luFenä obne eigene 
Lobulä bis Lur Unko^rigielbarkeit entstellt wirä, 
äak sie in ^Vabrbeit voller guter Begungen steokt, 
äie rein unter ''äem Vruok äer anormalen sorüa- 
len Beäingungen Binnsalen gleieb versiegen 
müssen. 
Niobt jeäer Beliebige bätte in äie von äer 
Zivilisation proäurierte Wüste äes Brwerbslosen- 
äaseins voräringen können. Inäem Lamm sie er- 
soblieüt, vermittelt er uns noob etwas anäeres 
als notwenäiges Wissen: äie Bekanntsobakt mit 
einer kumanev Natur. Lie, äie Bmpkinäung 
mit Helligkeit vereint, Verstavänis kür äas aktuell 
Biobtige bat unä über äer Babigkeit rur 8in- 
gäbe nie äas Urteilsvermögen verliert, bezeugt 
er entbüllt aueb äas Lngewiesensein äer Laebe 
auk eine bestimmte Person. Lamm bat, muk man 
wissen, äie Punktion äes Zeiebenlekrers im Br- 
werbslosenbeim aus äem Beäürknis beraus über 
nommen, äort Hüte ?u leisten, wo sie am äring- 
liebsten von ibm gekoräert ist. Niebt Neugier 
treibt ibn ru'äer betrogenen lugenä, sonäern ein 
Zwang, äem er besonnen unä ausäauernä ge- 
borokt. Wie äieser Zwang seine pääagogiseken 
Lrkolge beäingt, so entbebt er aueb äie im Bueb 
verreiebneten Biyärüeke unä Veobaebtungen 
äer sebleobten Zufälligkeit. Lie bleiben niebt an 
äer Lukenseite bakten wie irgenäerns gleiobgül- 
tige Beportagtz, greifen vielmebr äie mit äer 
Erwerbslosigkeit junger Nensoben aukgegebsnen 
Probleme wirkliob an. Lnä so kurodtbar ist äie 
Begegnung ^äer bumanen Natur mit äem ibr ru- 
georäbtzten Ltokk, äak äie Kenntnis äes von 
Lamm gebotenen Naterials geraäeru eine uner- 
läkliobe Voraussetzung für alle künftigen ^lak- 
nabmen unä Lktionen auf äiesem Oebiet biläet. 
Brkennt äie in äen leeren Kaum ausgestokene 
lugenä überbaupt noeb Binäungen an? „Line un- 
beimliob, m^stiSobe Uaobt äieser Welt", sobreibt 
Lamm einmal, „ist ibre beäingungslose Loliäari- 
tät; sie ist ibr Kalt unä ibpe Nokknung. Lie ver- 
kebren wabrlrob obne Lentimentalität miteinan- 
äer; sie maoben siob oft äas Leben weebselssitig 
rur Kölltz, meistens äenkt jeäer Zuerst an siob. 
Lber wo sie an äie Orenren ibrer Welt kommen, 
wo irgenäwtzr oäer irgenäetwas aus äer Welt 
äer kremäen groken UaebL ibnen gegenübertritt, 
äa balten sie Zusammen, obne äanaek ru fragen, 
ob äer Lngegrikfene Keebt oäer Lnreokt bat. 
Das gibt äen keierlioben Lobwung ibrer Bünäe 
(äer sogenannten „Kli^uen"), äas gibt äie äunkle , 
Uaobt ibrer Proteste unä Demonstrationen..." 
Leber äiese lugenä-Lli^utzn, auf äie Lamm bier 
anspielt, sinä bisber nur vereinrelte, meist sen 
sationell aufgemaebte Naobriebten in äie Zeitun 
gen gedrungen. Bs ist äaber sebr ru begrüben, 
äak äei' Bruno Oassirer-Verlag mit Lamms Bueb 
7Ugleiob äen Banä: „I u gen äauk äer Lanä- 
straLe 8 e r l i n" voN Brust Kakkner ber- 
ausbringt. (230 Leiten. Oeb. 4.50 in äem äas 
BbyuemWesen eingebenä bebanäelt wirä. 
Blakkner, der sieb als Journalist lang rwisoben 
LlexanäerplatL und Loblesisebsm Babnbof um- 
kergetrieben bat, eirablt in Borm einer Koman- 
Keportage dis Oesobiebte der lugtzndlioben- 
Blioue: „Blutsbrüder" lob muk gesteben, äak 
iob selten Lebüäerungen des ,Milieus" gelesen 
babe, die so spannend gesobrieben sind. Lie 
spiegeln unbekannte Zustände naturgetreu 
wider, beruben spürbar auf eigener Lnsobauung 
und begnügen siob rum Olüok niobt mit unru- 
sammenbängendtzn Wirkliobkeitsaussobnitten, 
sondern bringen das bier und dort Brlebte auk 
den Nenner einer Babel, die uns Zwanglos durob 
äas unteriräisobe Orokstaätlab^rintb kübrt. Wenn 
etwa ein Bilm aus dem Buob gemaobt werden 
sollte, erbielte das Publikum einen Lnsobauungs- 
unterriokt, dessen Wert den äer üblioben Lnter- 
weltsfilme weit überträfe. 
Leben äie Erwerbslosen Lamms immerbin im 
Brieden eines pagesbtzims, so sind die jugenä- 
lioben Banden, von denen Dafkner^eriobtet, den 
Oekabren äer Welt ausgeliekert. Zweifellos soba- 
ren sie siob auob nur darum Zusammen, weil 
jeder für siob allein niebt existieren könnte. Die 
entlaufenen Bürsorgeröglinge, die das 6ros bil 
den, werden von ibren Lnstalten gesuobt, und 
die andern, die niebt aus den Lnstalten kommen, 
baben gewobnlieb ebenfalls etwas auk dem Berb- 
bolr. Bein Wunder, dak sieb die lungen ru Bli- 
czuen vereinigen, um den Daseinskampk ru be- 
steben. Uav muk bei Blakkner selber naoblesen, ) 
wie sieb das Leben in soloben Lliouen vollriekt. 
Bs ist voller trauriger Lbenteuer, gipfelt in dunk 
len Orgien, gebt von der Vagabundags unmerk- 
liob ins kriminelle über unä endigt in der Kegel 
bei äer Polizei, äie als keinäliebe Orokmaebt äen 
ganren Hintergrund ausküllt. Lneipen, Loblaf- 
stellen, Wärmeballen, Kummelplätre, Babuboks- 
wartesale, Zimmer von prostituierten, Ltraken
        <pb n="79" />
        maobteu 
vational- 
geäaedt 
Während die angebliche Hauptsache von allen geglaubt und geprie 
sen wird, nimmt die echte Hauptsache, die, auf die unser Leben wirk 
lich bezogen ist, in der Welt den Charakter der Unscheinbarst 
an, dsr niemand so leicht Beachtung schenkt. Jene um dieser willen 
zu entthronen, ist daher eine Aufgabe, deren Bewältigung mitten 
in die Melancholie hineinführt, wenn sie nicht gerade die Komik 
heraufbeschwört. Nicht umsonst sagt man den Clowns nach, daß 
sie melancholisch seien. Melancholie und Komik sind nur zwei Aus- 
Der in ein Silbergewand gehüllte Clown, der wie der ältere, 
schon gereifte Bruder seiner beiden Gefährten wirkt, kommt bnld 
nach den einleitenden Späßen völlig grundlos auf den Gedanken, 
daß man sich akrobatisch betätigen könne. Es ist eine Laune, sonst 
nichts. Aber diese Laune setzt sich in den Zwei andern fest. „Akro 
bat — schöön," sagen sie und schmücken dann das Thema so 
lange aus, bis es förmlich zur fixen Idee wird. Diese nimmt all 
mählich eine greifbare Gestalt an, verdichtet sich zu dem Projekt, 
eine Brücke zu bauen. Was nun folgt, ist eine richtige Hand 
lung, die sich aus dem Leitmotiv des Brückenbaues entwickelt. Kein 
Theaterstück könnte eine geschlossenere Fabel haben, und während 
der rote Faden, der die Bilder einer Revue miteinander verbin 
den soll, gewöhnlich rasch abreißt, hält hier das Zwirnsfädchen 
des Brückenbauplans sämtliche Aktionen bis zum Lausbübischen 
Ende unzertrennlich zusammen. Der Witz ist nur der: daß die 
Krücke auf lauter Umwegen zustandekommt, die wesentlicher sind 
als das Ziel selber. Sie nehmen nicht nur die Hauptzeit in An 
spruch, sie führen auch zu den entscheidenden Sehenswürdigkeiten 
hin. Im Vergleich mit diesen ist die Brücke, die von den drei 
Clowns mit Hilfe zweier Pagen errichtet wird, ein belangloses 
Abfallprodukt, das, wenn es mit rechten Dingen zuginge, nicht die 
geringste kompositionelle Belastung vertrüge. Es ist, als werde 
man in einem Barockpark dazu genötigt, die großartigen Perspek 
tiven, um derentwillen er angelegt ist, zugunsten unbeabsichtigter 
Effekte zu vernachlässigen, die sich auf den Seitenpfaden vielleicht 
bieten. 
Bewußter und dialektischer könnten die Clowns ihre Mission 
gar nicht erfüllen. Worin besteht diese Mission? In dem Nachweis, 
daß das, was wir gemeinhin für die Hauptsache halten, in Wirk 
lichkeit die Nebensache ist. Es gibt keine echte Clownerie, die nicht 
die Bestimmung hätte, die herkömmlichen Weltverhältnisse umzu- 
kehren. Schon die Zirkusspäße dienen dem Zweck, den Ernst der 
Jongleure und Dressurkünstler aä adsm-äum zu führen (ohne ihn 
darum ganz zu vernichten). Und wenn Grock mit dem Flügel nicht 
umzugehen weiß oder Chaplin aus allen üblichen Beziehungen 
zu den Dingen und Menschen Heraustritt, so geschieht immer 
wieder das gleiche: die gewohnte Ordnung wird bagatellisiert und 
die scheinbare Bagatelle in die Mitte gerückt. Tiefste Bedeutung 
des Clowntums: die Akzente aufzuheben, die wir als Selbstver 
ständlichkeit hinnehmen, und die Hierarchie der Werte in Frage zu 
Ziehen, der wir im Alltag uns unterwerfen. Gerade das Wichtige 
gilt dem Clown als unwichtig, und das Unwichtige schwillt vor 
seinen Augen so riesengroß an, daß er es nicht mehr Zu übersehen 
vermag. Durch diese Vertauschung der Proportionen gelingt es 
ihm aber, auf die Zweideutigkeit hinzuweisen, die unserem Tun 
innewohnt. Jenem vor allem, das auf die Errichtung von Werken, 
von ungemeinen Taten usw. bedacht ist. Denn wie kein anderes 
schnürt es uns vom Grunde des Wesens ab, spiegelt uns falsche 
Größe vor und mauert uns ein. Babylonische Turmbauten sind 
die der Clownerie zugeordneten Objekte. 
und wisäsr Straßen sind äis t^piseksn ^uksnt- 
kaltsorts äer Lilgnsn-NitFUsdsr. Oskükrt von 
ikrsrn „LI!guen-8uHsn", äsr sied äurek Lör- 
psrkrakt unä dößsrs Intelligenz auereietlnet, vsr- 
eekakken 8ie Ließ auf eins medr oäer minder 
illsZals HVsiss ikrsn I.sdsn8untei kalt, äsr sieli 
mit emnLnäkrsien Uiiteln allerdings niekt er 
werben lisßs, keisrn naeb gebeimnisvollsn, rrism- 
ließ anstößigen Riten romantisebe Orsixrossßsn- 
operkssts unä verwickeln siek wie äie Ringvsr- 
tzine äer ^rwaeksenen in blutige Lämpks mit 
anderen Kügusn. Der überwiegenden Uebrrabl 
bedeuten diese Mnäe Heimat und 8ebutr, unä 
kaum je kinäst sieb einer aus ibnen ins normale 
lieben rurüok. 
Die Oarsiellung Rakknm's wird niobt nur äer 
Lliouen-^ugsnd selber sereobt» sondern streikt 
auob dis 2ustLnde, äureo die sie beraukkommt. 
Uan lernt die krriebungsmetboden der Kürsorge- 
Lnstalten kennen und erbält Au^ekluß über 
manobe unnötigen Aobwierigkeiten, äis äen 
Jugendlieben von äer Oberwelt der' Asmtsr unä 
Oeriobte .gemaebt werden. Oerads in äiesen 
6ren2gsbieten^ in densu es äen versteckten 
guten killen anruerkennsn und übsrkaupt inäivi- 
äueU ^u vsrfabren gälte, vermißt man bei uns 
bäukig den Kinsatr Kumansr Mtursn. Viellsiebt 
gelingt es dem Bueb Rakknsrs, einige Kräfte ^u 
mobilisisren, die dsm Treiben äsr Verwabr- 
lostsn-Vanclen produktiv ?:u begegnen wissen, Ads? 
man äark siob. Keiner lausobung darüber b!n- 
geben, daß eine durobgreifenäe Beseitigung des 
KliqueN'^Vesens nur von der Vesssrung unä Ver 
änderung unserer allgemeinen VerkMmZse xu 
i ck« 
äis Välkyr äer ^UiierteQ Über veutsedlailä 
uvä maebsv. Lebaäe, äaü uiedt auob äer 
LorlslistisedeiL Belegung ausKidrlieber 
H^oräsa ist. 
Akrobat-fchöön. 
Von S. Kracauer. 
Berlin, irn Oktober. 
Die drei Andreu - Rivel , die wieder in der Scala auf 
treten, sind Clowns von einer hohen Vollkommenheit. Kaum merkt 
man ihnen noch an, daß der Clown dem Zirkus entstammt. Denn 
sie produzieren nicht einzelne Einfälle, die zwischen einer Raub 
tiernummer und einem Cowboyritt Platz hätten, sondern bauen 
ein ganzes Gebäude aus Einfällen auf, ein in sich zusammen 
hängendes Stück, das seinen Anfang, seinen Höhepunkt und sein 
Ende hat. Aber widerspricht nicht eine solche Gestaltung der dem 
Clown auferlegten Notwendigkeit zu improvisieren? Die Kompo 
sition der Andreu-Rivel zeichnet sich dadurch aus, daß sie eigent 
lich eine Folge von Zufälligkeiten ist und nur wie durch ein Wunder 
zur Einheit gedeiht. Indem die Clowns sich zur Durchführung 
eines gemeinsamen Werks vereinigen, betreiben sie in Wahrheit 
^praktische Dialektik; das heißt, sie improvisieren nicht blank und 
Won vornherein, sondern täuschen einen Werkwillen vor, den sie 
'fortwährend desavouieren. So stellen sie die Gelegenheitsmacherer, 
die doch ihr Beruf ist, doppelt drastisch heraus. 
b ^c?Se»L-r 
K. Aaschwitz: „Per WaAeUwah«-. 
I» sslvsm Luod: »,V 6 r Lk a 8 8 s » M Lb v. Ursaev« 
uvä NsNuLg äss veutssLeovassss" (v. 8. Seeksods 
Verla^sduovkaväluvs, NüneUsn. 385 Leiten), äas äis 
vöUiFS Ksudsardvituns eines sovon vor ^akreu er» 
sokievsaeL uoä Larvisedsn vergritteoeL Werkes ist, 
sotvio^elt Lurt Lasov^Lts sloe seistrsioks 
rpsorls iever ULsseuvakovorsttzHungen, von äenva äis 
Vvlker vie von Seuedvir ertaLt veräer». Der Nassen- 
vsk» tritt vaeL 1dm immer »1s Vexisitersodeivung 
von VorgLugsL äes Stsstsledeos uvä poiitisodvr Lr- 
eigrrisso auk, entstsdt regvimLÜig als Voigv äes Koa- 
kUdt« svisedev äea k'oräekurlSvL äes Qe^issens uvä 
eioem viokt ru arräerväsn latdestauä, äer äas Oe- 
Hrissev belastet, uvä ist nur äurod äis ^ukdedung 
äiese« latbestanäs, also äureb äis NUeäerdsrsteUuug 
äs? Ksebts, ru beseitixen. vie geoau äurebsekädrts 
Lttubturaoalvse äes NasseQvabns rsitigt uvter aväe- 
rvM äis viedtigs LrbevntQis, äaü er ausQadmslos eine 
Lpaltuvg äes SevuLtseius mit sieb briogt. NasebvitL 
exemplikiriert kauptsLebliob an äer Kriegspropaganda 
äer Rvtevtv, vie iiberkaupt an äenMegrirkev, äie siob
        <pb n="80" />
        drucksformen desselben Verhaltens, das sie so notwendig bedingt, 
daß die eine ohne die andere kaum bestehen kann. In Sternes 
„Tristram Shandy" treten sie denn auch gemeinsam auf und offen 
baren ihre Zwillingsnatur. Die Andreu-Rivel drängen als 
Clowns, die sie sind, das melancholische Element begreiflicherweise 
in den Hintergrund ab und sabotieren ihr Brückenwerk auf eine 
rein komische Art. Und zwar gebärden sie sich mit Ausnahme 
des Silberclowns wie Kinder, die immerfort spielen und ab 
schweifen müssen. Die Beschäftigung, der sie obliegen, erschöpft 
sich darin, durch lauter Einfälle, die nur Kindern in den Sinn 
kommen, den Zweck ihrer Zusammenkunft zu vergessen. Zu der 
unerhörten Komik dieser beharrlichen Nichterfüllungspolitik gesellt 
sich die der Einfälle selber. Sie wirken doppelt komisch: einmal, 
weil sie den Brückenbau stets von neuem unterbrechen, und zum 
andern, weil sie das kindliche Wesen so genau und ideal wieder 
geben. Bald erschrecken sich die Clowns durch Maskeraden, bald 
verprügeln oder kitzeln sie sich usw. Die Situationen, in denen 
sich Kinder als Kinder bewähren, dürften hier vollständig inven 
tarisiert sein, und jede von ihnen ist mit akrobatischer Sicherheit 
durchgestaltet. Daher muß man auch fortwährend lachen. Und 
dieses Gelächter der Kleinen und Großen bezieht sich sowohl auf 
die Kindereien als solche wie auf die durch sie erreichte Entwer 
tung der geplanten Haupt- und Staatsaktion. Die Kleinen können 
unbefangen lustig fein, und die Großen brauchen nicht melancholisch 
zu werden. * 
Andere Clowns, so die alten Fratellini, nehmen ebenfalls ihre 
Zuflucht zum unverantwortlichen Kinderstreich. Von ihren Num 
mern unterscheidet sich aber die der Andreu-Rivel darin, daß sie 
auf eine musterhafte Weise den ganzen Vorstellungsablauf des 
Kindes reproduziert. Tatsächlich, diese drei Clowns begnügen sich 
nicht mit der Darbietung des einen oder anderen komischen kind 
lichen Zugs, sondern zeigen überdies, wie sich im Kind ein Zug 
aus dem vorigen entwickelt. Der Erwachsene hält meistens die 
Kinder für geistesabwesend und zerstreut. Sie springen ununter 
brochen vom Thema ab, handeln sprunghaft und leben scheirrbar 
völlig im Augenblick. Ist es aber in Wahrheit nicht so, daß diese 
launischen Kinderassoziationen sich durchaus zusammenhängend 
und keineswegs launisch entfalten? Daß sie sich faktisch auf Grund 
einer Gesetzmäßigkeit vollziehen, die nur darum undurHschaut bleibt, 
weil sie nicht vom wachen Bewußtsein und den hochwichtigen 
Zwecken der Erwachsenen bedingt wird? Die Andreu-Rivel unter 
streichen besonders nachdrücklich die strenge Logik, mit der die 
kindlichen Einfälle sich folgen. Wunderbar ausgebaut ist sie in 
jenem Abschnitt, in dem die beiden Clowns sich nicht um alles in 
der Welt von ihrem reifen Silberbruder dazu bewegen lassen 
Bollen, nun endlich mit dem Brückenbau zu beginnen. Jeder Ein ¬ 
spruch des Silbrigen wird ihnen nur zum Anlaß neuer Spiele. 
Wenn dieser zum Beispiel wiederholt „Genug" sagt, so bewegen 
sie sich sofort im Rhythmus des Worts, statt seiner Bedeutung ein 
gedenk zu sein, und wenn er sie anbrüllt, verfallen auch sie in ein 
Gebrüll, aus dem dann bald in unmerklichem Uebergang irgend 
eine andere Tätigkeit hervorsprießt. Einmal kitzelt etwa der eine 
zufällig seinen Gefährten: es versteht sich von selbst, daß dieser Vor 
gang gleich systematisiert wird. Kurzum, die knrdlichen Abschwei 
fungen sind keine vereinzelten Willkürakte, sondern hängen dicht 
miteinander zusammen, die Eingebungen der Zerstreutheit stehen 
unter sorgfältiger Kontrolle, und der Fluß der Arabesken hat einen 
geregelten Lauf. * 
Durch den logischen Zusammenhang aber, in den die Andreu- 
Rivel ihre Ulkereien bringen, gewinnt die Szene eine außerordent 
liche Trefe. Denn die Logik, um die es hier geht, ist nicht die 
normale, sondern am ehesten die des Märchens. Indem die Rivel 
diese Logik anwenden, heben sie nicht nur ihr seriöses, allzu seriöses 
Brückenwerk auf eine Weise aus den AngÄn, deren UM 
schon allein dem Clownwesen genügte; sie deuten vielmehr darüber 
hinaus auch noch einen Sinn in der Unsinnigkeit an. Der lustige 
Unfug ist bei ihnen mehr als ein bloßer Unfug, der die böse Ver 
schlossenheit un) den falschen Ernst sprengen soll;-er erhält außer 
dieser, jeder Clownerie zukommenden Funktion eine andere, die 
ihm selber Bedeutung verschafft. Dank der sonderbaren Logik, der 
er untersteht, ruft er die Ahnung einer Wirklichkeit hervor, 
die mit der unsrigen nicht identisch ist; einer Wirklichkeit, die sich 
zu der alltäglichen so windschief wie die der Märchen und mancher 
Träume verhält. Auf sie weist die fanatische Systematik der Kin 
dereien hin, zu ihr schlagen die Andreu-Rivel eine schwindel 
erregende Brücke, die kühner ist als die schließlich gebaute und von 
den aus der Verschlossenheit und. dem Ernst entlassenen Menschen 
Lei einiger akrobatischer Uebung unschwer beschriften werden 
*önnte. 
SVb -ü 0L 
Arbeiter, lernt arbeiten! 
Zu ein em sowj etrussisch en Tonfilm. 
Berlin, im Oktober. 
In der Berliner Botschaft der Sowjet-Union wurde vor 
einigen Tagen einem geladenen Publikum der Tonfilm: „Dinge 
und Menschen" gezeigt. Es ist der erste tönende Film, der 
aus Moskau zu uns kommt, und er beweist unter anderem, daß 
die russische Tonfilmproduktion in technischer Hinsicht die unsrige 
eingeholt hat. Geräusche und Sprechorgane stufen sich vielfältig 
ab, und die Kamera ist beweglich wie früher geblieben. Beachtung 
verdient, daß auch die meisten Tonaufnahmen nicht im Atelier, 
sondern gleich an Ort und Stelle im Freien gemacht worden sind. 
Die Bevorzugung dieses Verfahrens zeugt vom realistischen Sinn 
der heutigen Russen. 
Ich möchte die Fabel des Films andeuten, weil aus ihr 
einige interessante Folgerungen zu ziehen sind. Sie handelt von 
der Erbauung des Kraftwerks Dnjeprostroj und hat pädago 
gische Absichten. Jedenfalls ist die ganze erste Hälfte der scho 
nungslosen Kritik am russischen Arbeiter gewidmet. Man be ¬ 
obachtet die verschiedensten Typen beim Bau und muß schließlich 
feststellen, daß sie eine Fülle von Lastern haben. Sie bedienen 
sich veralteter Arbeitsmethoden, sie geben sich, wo sie nur können, 
dem Genuß des Nichtstuns hin, sie greifen zur Flasche und schä 
digen überhaupt bei jeder Gelegenheit den sozialistischen Aufbau. 
Kein Wunder, daß die Arbeit nicht vorwärts rückt. Der gerade 
eingetrosfene amerikanische Ingenieur, der die örtliche Leitung 
übernehmen soll, ist über die ganze Schlamperei äußerst mißver- 
gw""-l und saot dem russischen Vorarbeiter seine Meinung offen 
ins Gesicht. Darob Empörung des Russen. Kommt es jetzt zum 
oo^r werden die Arveiter sich bessern? Sie bessern sich. 
Und zwar nicht nur deshalb, weil sie sich vom amerikanischen 
Ingenieur verachtet fühlen, sondern auch auf Grund der Lektüre 
eines amerikanischen Zeitungsberichts, in dem das Stocken der 
Arbeiten gegeißelt wird. Bei ihrem Ehrgeiz angepackt beschließen 
sie, die Fahrt zur Baustelle fortan in einem Unterrichtswagen 
zurückzulegen, in dem man sie nun tatsächlich mit schwierigen tech- 
mschen Problemen beschäftigt sieht. Ein Sieg nach dem andern 
wird so über die faule, schlechte Natur errungen. Mit dem 
Erfolg, daß die Arbeit flutscht und das riesige Kraftwerk wie 
irgendein Märchenschloß gleichsam über Nacht aus der Erde 
schießt. Der amerikanische Ingenieur aber, der ursprünglich ein 
starkes Heimweh nach New York hatte, ist mittlerweile etwas 
skeptisch gegen die Segnungen der westlichen Zivilisation geworden 
und nimmt sich vor, noch in der Sowjet-Union zu bleiben. 
Ein Film wie dieser gibt uns mehr Aufschluß über das gegen 
wärtige Rußland als manche Reportagen, die Las Produkt eiliger 
Besuchsreisen sind. Vor allem zeigt er deutlich, was man immer 
allzu leicht vergißt: an welchem Punkt die russischen Machthaber^ 
faktisch ansetzen müssen. Sie formen nicht eine bereits Lurch den 
Kapitalismus gegangene Bevölkerung um, die mit der Technik ihre 
aktiven und passiven Begegnungen gehabt Hätte, sondern holen 
ganze Völkerschaften aus dem primitiven, vortechnischen Dasein 
herauf. Ihre Anstrengungen gelten sozusagen dem Urmaterial und 
wären daher auf europäische Verhältniße niemals unmittelbar zu 
übertragen. Denn ginge es bei uns um Eingriffe in völlig aus 
modellierte Strukturen, so handelt es sich dort noch um etwas 
anderes als um die Veränderung des Wirtschaftssystems und der 
Traditionen: nämlich um das Durchkneten von Völkermassen, die 
lüsber kaum ein ebenes NewuEein Latten. Nichts ist merkwür 
diger und wunderbarer als der vom Film veranschaulichte Zu 
sammenstoß dieser gerade erweckten Menschen mit den modernen 
Maschinen. Arbeiter, in deren Gesichter sich die unendlichen Step 
pen und Wälder tief eingezeichnet haben, werden plötzlich aus der 
Naturverbundenheit herausgerissen und technischen Ungeheuern 
gegenübergestellt, die ihrerseits Erzeugnisse eines von der Natur 
abgelösten, rein rationalen Denkens sind. So ähnlich wie den 
Arbeitern muß den germanischen Stämmen zumute gewesen sein, 
als sie mit den Herrlichkeiten Roms Bekanntschaft schloffen. Der 
Film zeigt aber nicht nur das Mißverhältnis zwischen Dingen 
und Menschen, er versucht auch zu demonstrieren, wie sich diese 
der fremden Apparatur bemächtigen. Sie lernen wie brave Schüler, 
sie sind rührend beflissen. Der westliche Zuschauer sollte sich indessen 
klar darüber sein, daß hier das unbekannte Wissen nicht einfach 
übernommen wird. Indem die Russen von der Technik Besitz er 
greifen, verwandeln sie diese Zugleich und verleiden sie ihrer neuen 
Lebensordnung ein. Es läßt sich beinahe aus dem Film ab lesen, 
wie sehr die Technik drüben ihre Funktionen ändert. Die Maschinen 
scheinen ihren Hochmut und ihre Bedrohlichkeit abgestreift zu 
haben, und wenn am Schluß der amerikanische Ingenieur einen 
Blick aufs fertige Kraftwerk wirft, so verrät seine Gemütsbewe 
gung, daß ihn nicht nur die technische Zweckmäßigkeit des Gebildes 
berührt. 
Wenn ich diesem Film ein Paar Aufklärungen über Sowjet 
rußland entnehme, habe ich damit seine Bedeutung, für uns nahezu 
erschöpft. Er ist nicht wie die großen Revolutionsfilme Eisensteins 
und. Pudowkins einem internationalen Publikum zugekehrt, sondern
        <pb n="81" />
        Von 8. Xraeauer. 
I)sr ^.U8äruek: „Vivisektion 6er ^oit" Kiammt 
von Lrik k^6^6r solkoi'. Und stvar ernpiieklt 
er den Kesern in einer ^rt von Vorrede, diesen 
^usdruek auk sein Vnek: „D as vv 3, eks 3, ine 
Häkneken" Mo^vokIt-VerlaF, Berlin. 560 8. 
6ek. 7.50 Lnru^venden, ^venn sie es et^L niekt 
kür einen Born an kalten sollten. lek niuk Ze- 
steken, dak rnir die Bra^e naek der Borm des 
Bnekes^ im VerZleiek mit der naek seiner ldal- 
tnnF als riemliek untergeordnet ersekeint. Ba 
ker verriekte iek ^unäekst auk eine ästketiseke 
Brörteinn^ und stelle lieber xleiek ?u ^nkanZ 
kest, dak kier. tatsäekliek eine 2eit kei leken- 
diAem Beik seciert wird. 
'Ueleke 2eit? Bie Bpoeke von 1927 kis 
1 9 31, oder die „r^veite deutseke Oründerxeit", 
nüe BeZer sie nennt. Bin Zrokes ü'kema, dessen 
BearkeitunA eine Büke kandAreikkeker Brkakrun- 
§en xur VoraussetsLunF kat. Kleber besitzt niekt 
nur diese BriakrunZen, er kat auek eine Bakel 
Fe^äkk, die ikm ikren ^uk^veis ^virkliek §e- 
staitet. 8ie kandelt vom Bonkurrenrkamxk der 
nestdimtseken 8tadte ^Vakn'stadt, Bokldork und 
Biieikeid, die alle drei ZevraKiZe ^nstrenZunFen 
maeken, siek §e§enseiti^ an Braekt und ^n- 
seken xu ükerkieten. ^Vie die ak?u svmkoksek 
kenannten 8iZdte in 'Uakrkejt kekZen, ist um so 
ieiekter ^u erraten, als ersiMlieK die versekie- 
densten Bersonen und Brei§nisse dem Beben 
enMommen worden Zmd. Vsnnoek ist das Luek 
kein 8eklüsselroman. Bs üksrklendst die Bakten 
im Interesse der Komposition und betreibt die 
Bntkükun^en nie um ikrer selbst Millen. Bke 
iek aber auk die eHentkeken ^.bsiekten UeZers 
einFeke, muk iek noek sein Material näker kenn- 
reieknen, das von einem Bmkan§ ist, der unter 
allen Umstanden Anerkennung verOienk Die 
Zaune B o m m u n al p o l i t i k M i e k t i Zer 
BrovinLstädtein zener auk die Inklation 
kolZenden ^.era der 8ekeinb1üt6 und der Kur2- 
kristiZen Kredite ist kier eikakt. „kla Brosit!", 
pkleZt der Bedakteur Beekmann ?:u saZen. „^.uk 
eine Zedeikkeke Zusammenarbeit L^iseken 
8tadtv6rMa1tunZ, BürZersekakt und Bresse!^ 
Bben diese Zusammenarbeit Mird von BeZer ent- 
kaltet. Br lakt die VürZermeister der drei 8tädte 
auktreten, ikre ^Viitsekaktskapitäne und 8tädt- 
rate, Moklassortierte MitZlieder der Braktionen, 
MittelstLndsvertreter, rükriZe Besekakükuber, 
l^pen der Brovin^Zeseksekakt usivz Bud ^akl- 
reiek wie die BiZuren sind die Aktionen, in die 
er sie verMiekelt. Man erlebt noek einmal dbn 
Bausek^ustand mit, in dem siek 2ü der Ztzsekk- 
derten 2eit niekt nur V^aknstadt, Kokldork ukd 
Bitelkeld bekanden, ist 2euZe unsinniZer Brosek- 
tiersuekt und koklen ^uktriebs und Mird an Bland 
seklaZender Beispiele über die Be^iekunZen 
rwiseken ^Virtsekakt und Kommune, Bükrern 
und Benaskükiten, Illusionen und Brokiten be- 
lekrt. Indem siek die 8tokkmassen dank dem 
Konkurrenrikampk - Motiv naekeinander aukblät- 
tern, veransekaulieken sie mit aukerordentkeker 
'Breue einen ^bseknitt deutseker Oesekiekfe, 
dessen sekeinkakte OrokartiZkeit sekon den Klad- 
deiadaisek in siek beseklok. 
BeZer bildet diese Bpoeke niekt einkaek ab, 
er sekkt^t ikr den Bauek auk und seciert sie. 
Iek kinde die 8aekkenntnis erstaunliek, mit der 
er noek die verborgensten BingeMeide kreilegt. 
Bs ist eine verkältnismäkig kleine Müke, t^piseke 
Ideologien 2U entlarven und kinier die Kulissen 
bedenklieker Transaktionen ^u leuekten. ^ber 
Beger begnügt siek niekt mit einer 8o^talkritik 
koken ^kgemeinkeitsgrades,, sondern arbeitet im 
konkreten Material. 80 gelingt es ikm, Hüllen 
absureiken, die weniger gSMiegte Betraekter 
Makrsekeinliek gar- niekt als Büken empkanden. 
,,später... versiekerte der Minister", ktziN 
einmal, „dak es einem verarmten Band niekt 
Liieme, rausekende besitz 2U keiern —; und das 
,verarme Band' v^urde unter seinen Worten, die 
von (Bäserklaug und lekergeklapper begleitet 
vraren, 2u einem Talisman, der langes Beben 
bei gekükten Zeküsseln verkiek, oder auek rm 
einem Betisek, der immer da Mar, Menn man 
das Bedürfnis rum Beten kükke." ^n einem an 
deren Ort vrird kestgestekt: . MWMM;er man 
dient von vornherein ausschließlich zum innerrussischen Gebrauch. 
Seine Aufgabe ist: im Interesse des Fünfjahresplanes die noch 
dem alten Schlendrian verfallenen Albeitermassen zu mobilisieren. 
Da wir selber also im Film gar nicht angesprochen werden) können 
wir ihn auch nur von außen betrachten. Ja, Nicht einmal das ist 
uns ohne weiteres möglich. Denn er enthält eine Menge von 
Wiederholungen und Exkursen, die den beteiligten russischen Zu 
schauern zweifellos unentbehrlich dünken, auf uns aber als er 
müdende Längen wirken Immerhin wäre seine öffentliche Auf 
führung von außerordentlichem Nutzen. Und sei es allein darum, 
werk sie unseren Kulturfilmen einen Spiegel verhielte. Es versteht 
sich von selbst, daß die europäischen „Kulturfilme" nicht so ziel 
bewußt und einheitlich ausgerichtet sein können wie die filmischen 
Instruktionen der Russen. Aber sie brauchten auch nicht so öde und 
mhaltZIos zu sein, wie sie in Wirklichkeit sind. Immer wieder um 
gehen sie in weitem Bogen unser Dasein und flüchten in Regionen 
deren Kenntnis uns nicht im geringsten betrifft. Der Film: Dinge 
und Menschen" verstärkt den Wunsch nach Kulturfilmen, die diesen 
Namen verdienen. Es gäbe genug Dinge und Menschen, in die sie 
ungestraft hineinleuchten dürften. Aber die Angst davor, sich mit 
der Realität zu befassen, ist bei uns faktisch größer, als ste 
sein müßte. 
Obwohl der Russenfilm nicht ästhetisch befriedigen, sondern 
zum Handeln anspornen will, berücksichtigt er doch auch zu fernem 
Glück das Bedürfnis nach Kontemplation. Eine Reihe von Szenen 
dienen weniger der Aktivierung als der Betrachtung von Zu- 
ftändlichkeiten. So jene, in denen der Amerikaner auftritt. Er ist 
eine kunstvolle Charakterstudie,die nichts weiter bezweckt als sich 
selber. Sie steigert sich zu einem Dialog von großartiger Komik, 
in dem sich der Amerikaner und der russische Vorarbeiter dadurch 
verständigen, daß sie in einemfort „Aoh" zu einander sagen. 
8. Kraoaue^ 
Kelsermann: „Die Stadt Anatom 
Bsrndarä Ksllsrmapa, äessev vunäerdar 
spaaosaäer Roman: „Der Tunnel" sied Lood so luag 
unä fri8od erkalten kat, als sel er niekt sekon vor 
clem Kricg, sondern erst kente gesodriebca, legt einen 
neuen Roman: „Die 8taät v a t o I" (8. Mseker 
Verlag, Berlin. 48d Seiten) vor, in äem vicäsr äie 
Leeknik eine Hauptrolle spielt, ver Sodauplatr ist 
äas abgolcgcns öalkanstääteksn ^aatol, äas von Beu 
ten de^voknt virä, äie siek miteinanüer vertragen 
oäer niekt vertragen, sekr sääöstlicd empkinäen unä 
keim Klang äer Namen Baris, Berlin unä""Donäon 
"wollüstig ersekauern. Nit äieser vilä vmekernäeu 
wtzvseklieken Bauna stellt nun Lellermann ein Froü- 
rüxiAes Experiment an: er läüt äas moderne Luropa 
naek äem lürkenort vorärinxen unä beokaoktet, v/ie 
siek äas Beden in ^.natol unter äen veränderten Le- 
äinKunben ent^iekelt. Die Dntäeekunx von 'Lrädl- 
quellen v^irä rum ^ukdrueksissnal. Raum dexinnen 
sis LU sprudeln, so ist es mit äer disksrixen 8ekläk- 
ri^keit ^.vatols enäsültix vorbei, ^.natol ^vmtet siek 
Lum Inäustris^entrum, .4.natol nimmt äis BenrBn äer 
ruströmsnäen Spekulanten, Olüeksrittsr usv. deZieriF 
an. Die Sekiläerun^en äes Taumels, in äsn äie §LN2s 
Bevölkerung gerät, sinä interessant, ia destriekenä. 
Sis verfolgen einzelne Fekieksale, weisen äie Wand 
lungen naek, die durek den Lindruek der fremden 
Nackte kervorgeruken werden, unä erstrecken siok 
auf die gesellsclmMieden Böden und liefen. 2nei 
allgemeinere Erkenntnisse geden ^ie von selber aus 
idnen dervor. Die eine besagt, daü die Naturvück- 
sigkeit einer Bevölkerung äem Anprall äer 'Lapita- 
listisoken Bebenskormen nickt standLukaltsn vermag. 
Die andere: äaL die von der Industrialisierung be 
drängte Natur siok dock auek innerkalb der kapita- 
listiscden Wirtscdakt kräftig ^veiterbedauptet. ^us 
äen Ve^odnern ^-natols v/eräsn r^var Zeitgenossen 
unä Kapitalisten, aber diese tragen in ikr neues Da 
sein die alten Beidensekakten dinein, äis Mst nur 
lemdter aussokveifen und entarten. Der Roman ver- 
ansodauliokt eins Rtille von soleksn Netamorpkosen, 
die siok aus äem SusammenstoS Lvöseden Natur unä 
1?6cknik ergeben.
        <pb n="82" />
        die Lrwaebsenen cu ernäbren vermoobte, äesto^ 
gröbere Lortsobritte maobte man in äsr 8aug- 
bngseinäbrung." Kiese auks Deratewobl beraus- 
gegrikkenen Landbemerkungen, äsrsn das Lueb 
voll ist, vermitteln immerbin einen Legrikk vom 
sociologisoben Wissen Legers nnä äer ^rt 8eine8 
^usärüoks. Ls bewäbrt siob dei äer ^nal^se 
vertiaokter Vorgänge, in denen siob Leobt unä 
Knreobt, social unableitbare Lbantastik unä kapi- 
tabstisober Kesobäktssinn uncertrennliob misoben, 
es treibt riobtige Karstellungen bürgerliober 
D^pen bervor, äeren Verbalten sieb niebt obne 
weiteres auk äem. Generalnenner äer KlLsseü- 
bedingtbeit bringen läkt. Keberbaupt bätet sieb 
bleuer davor, sämtliobe Lebensauberungen sokort 
cu Ideologien cu entwerten, unä äie Mensoben 
naeb bekanntem Muster rein al8 ein Lrodukt äer 
Zustände aukcukassbn. Mensoben unä Zustände 
Sieben vielmebr in Weobselwirkung miteinander. 
Lustav Lolokk etwa, Kaststättenbesitcer unä 
Kauptkigur, verkügt über ein optimistisobes Natu 
rell, das wenigstens teilweise sein Handeln be? 
dingt, und Lrilon, Lebwaudt usw. baben stark 
individuelle ^üge, äie bin genommen werden 
müssen. 
Kab Leger solobe, von äer üblioben social- 
kiitisoben Lomanbteratur vernaoblässigten Le- 
stände sorgkältig einbeciebt, besagt aber niebt, 
dab er mit seiner eigenen Kritik vor ibnen Kalt 
maebe. Kier bin iob am entsobeidenden Lunkt 
angelangt, jenem, um äessentwiben äem Luob 
eine besondere Leaebtung gebübrt, Obwobl 
Leger linksradikal eingestellt ist unä aueb mr- 
gends verleugnet, äab er äie gesellsobaktlieben 
Verbältnisse von äiesem 8tanäpunkt aus er 
bebt, bält er sieb äoeb keineswegs an 
äie ke^tgekabrene paiteipolitisebe Terminologie, 
äie cum Leispiel mit einer Legrikkssebablone 
wie äer äes Kleinbürgern auk lange 8treoken bjn 
auskommen cu können glaubt. Im Gegenteil, er 
erklärt sieb wider äie t^pisoben ^nsebauungen 
unä Vertreter äer Linksparteien genau so be 
stimmt näs gegen äie läeologien unä Kersonen 
im anderen Lager, Der 8obn Lolokks, mit äem 
er siob wobl weitgebenä identikiciert, erkennt, 
naeb einer Kerioäe engerer Leciebung cui' Kartei, 
äak es besser sei, ein Lincelgänger cu blsibsn. 
Worauk gründet siob äiess Erkenntnis Lugenh? 
^uk Linärüoke wie äie kolgenden: „Man ver 
langte von ibm, äab er, wo es äabeim ärunier 
unä ärüber ging, sein Augenmerk auk äie unter-- 
ärüekten Kbinesen riobie... —- unä es muMe 
ibn wie äie stimme seines Vaters an, äie ,Zu- 
kunkt sagte. Man legte ibm äsn eisernen Divi 
sionsgeneral b^sobang Lakuei aus Kern -- unä es 
xvar ibm, als böre er Lebmenburg von äsm vet- 
xvorrenen inäisoben Spinner Lanäbi er^äblt. M n 
kübrte ibm äie Kinäer äer Karl Narx&amp;gt;8obräe 
vor,, xvo ^ebnjabrige ibre ^nsiobten über aktuelle 
Krobleme nieäersobrieben, als ob ^ebnKbrige 
etxvas äarüber miDuteilen xvübten unä als ob es, 
v^enn sie es xvukten, niobt um so sobauerbober 
. gewesen v^äre, unä v^o Krei^ebnjübrige in Ibea- 
terstüoken sebon Kasebemmensrenen xvie äie 
blasierten Kobläorker Kunstsebüler aukkübrten — 
unä äie Lensation, äie ämaus gemaobt ^vuräe, 
vervranäelte siob vor seinen sebarksiebtigen 
^.ugen in jene anäere, äie bürgerliobeDIatter aus 
einem künkjäbrigen äungen maobten, äer mit äem 
Zeppelin naeb Kernambuoo kubr..Kurzum, 
Lugen kinäet in äen Kreisen, kür äie er äoob 
eintriti, äen gleioben kaulen Zauber xvieäer, äer 
ibn aus äem bür^ei lieben Nilieu berausgetrie- 
ben bat —, nur mit äem Kntersebieä, äak ibn 
statt äer marmornen Liegesallee jet^t eine rote 
erwartet. Nan merkt, worum es "Neger gebt. 
Lm äie K a l t u n g, äie bei uüs äem poIitiZo 
Kanäeln Lugrunäe liegt. Mabrbakiig, äie polemi» 
seben Klebe, äie er rüeksiebtslos naeb allen ZW 
ten au st eilL Zelten niobt so sebr einer sMsoW 
Gen socialen unä pobiisoben Besinnung als äer 
Italtung, aus äer alle (Besinnungen erwaobsen. 
Mger rüokt äieser Kaltung, äie unser gesamtes 
Akkentliobes Kasein beäingt, 2U Leibe unä stöbt 
Auk äie alte, bier äureb äen Oit^-Verein: „Kas 
H^aobsame Käbneben" illustrierte vvilbelminisobe 
Hrokmannssuobt, auk verblenäete Vitalität unä 
^ngst vor äer VVärkbobkeiL „^lles malt er grau 
K grau", so briobt Kolokk einmal gegen seinen 
Hobn Lugen aus, „— na sobön, mag ja sein, äab 
alles grau ist, aber äann ist es unsre veräammte 
Ikliobt unä Lobuläigkeit, Kosenkarbe kür "ne 
Komplette Morgenröte 2U besorgen... ^Vir Nen- 
^bben von beute wollen verdammt niobt wissen, 
Hm wir uns bekinäen unä wie'es uns gebt. ^Vir 
Hmllen uns über unser armes 8elbst erbeben. 
Eottseiäank gibt es neben äer' Wirkliobkeit auob 
yoob eine Keberwiikbobkeit, und äas ist unser 
' Lall, und äas kreut ein' denn ja aueb." ^Vir wol 
len niobt wissen, wo wir uns bekinden: das ge- 
p^n ist die Kaltung, die Keger in seinem Luob 
denunciert. Mit einer kanatisoben Lesessenbeit 
greikt er ibre Vernunktkeinäliebkeit an, ibre Ab 
neigung gegen eine aukgeklärte Lxistenc und ibre 
Irrealität, äie immer wieder' neue Katastropben 
beraukbesobwört. Kie ^Viobtigkeit und Aktualität 
dieses von ibm gekübrten Kampkes erblioke iob 
aber (in Kebereinstimmung mit den Lormulie- 
^rungen meines kürcliob in unserem Leuilleton 
ersobienenen ^uksatces^ „Keber Arbeitslager") 
darin, äab er niobt unmittelbar pobtisobe ^b- 
Kiobten verkolg't, sondern die Knwirkb'^keit 
unserer politisoben Aktionen beseitigen wib. äein 
2iel ist der Kmbruob unsres VVesens, die Neali- 
sierung äeutsober Dolitik. 
Könnte Keger äem von ibm Kemelnten das 
nötige Kewiobt verleiden, so wäre die Gültigkeit 
dieses Luobes besiegelt, ^.ber äer Kaken ist: äak 
er sein 2iel eben nur meint. Lr bat niobt die 
Krakt, es cu bewabrbeiten, er erkennt äie sebleobte 
Kaltung, obne von jener, auk die es ankäme, 
äurobdrungen cu sein. Kaber rübrt es, dak seine 
Kolemik siob niobt cu begrencen weik und sein 
8arkasmu8 okt übers 2iel sobiekt. Dem Keäak- 
teur Keekmann werden Kemeinbeiten cugesebrie- 
ben, die niebt die geringste entbüllende Lunk- 
tion baben, da sie. weder cu seiner Obarakteri- 
sierung notwendig, noob kür seinen 8tand bs- 
Zeiobnenä sind. Von Köwedabl, dem 8ekretär des 
^Vabnstädter Oberbürgermeisters, beikt es an 
einer 8telle: „Lr opkerte siob bei vollem Le- 
wulZtsein. Lr opkerte sieb küi' 8ebwanät, der niobt 
geopkert werden äurkte. Lr war als guter Keut- 
sober cu jedem Opker bereit." ^Vocu diese 
grundlose Ironie? Lin Ion der Litterkeit dureb- 
ciebt das Luob, der niobt so sebr aus der Lübe 
als aus dem Mangel kommt. Man versiebe miob 
reobt: iob wende mieb niebt gegen äie Negation», 
die durebaus den riebtigen Gegenstand trikkt; ieb 
beklage nur, dak kaum je äas Kositive beceugt 
ist, das die Negation cu unterbauen vermöebte.' 
Ls bätte gar niebt in Worte gekakt, sondern in 
äer Gestaltung mitgegeben sein müssen. Neger 
versagt jedoeb gerade bei der Gestaltung; das 
beikt, er bringt es niebt cuwege, jene 8ubstanc 
ersebeinen cu lassen, äie eine unentbebrbebe Vor- 
aussetcung künstleriseber (Gestaltung ist und seiner 
Kritik erst ä'ie binreikenäe Kewalt sobenkts. Kie 
Mensoben in seinem Luob baben nur eine Krei- 
viertelexistenc, sie sinä mübsam äurobgekübrte 
Krojekte von Mensoben, äenen bäukig äas Ltwas 
keblt, von äem äas Mensebsein abbängt. Lrau 
8^näiku8 Lisenmenger cum Leispiel wirä damit 
bestritten, dals sie alle Lremdworte eindeutsobt. 
Kewik, man kann eine Obargenkigur äuieb eine 
kleine Ligentümliobkeit andeuten; aber diese 
muk so eingesetct sein, dak sie tatsäobbob niobt 
mebr als eine Lrkennungsmarke ist. Ls verrät die 
8ebwäobe Legers, dak seine Mensoben niebt 
Anlak cu Kombinationen geben, sonäern käst 
äurobweg aus ibnen besteben. 80 Leokmann^ so 
8obwandt, die beide wie ausgebeokt wirken, 
wenn man sie etwa mit dem Leäakteur 8tukk 
und dem Lüigermeister Kareis in Lallaäas: 
„Lauern, Loncen, Lomben" vergleiobt. Welob 
ein sobwieriger Lall: die tieke, ja eingreikenäe
        <pb n="83" />
        UAltunA8kritik, äis AsZsr iidt, bleibt in äsr (^6- 
staltunA und68tätiZt. 8is sinkt odninLektiZ Tu» 
rüek, ist ein wissen, äern es 8,n 8ein ZBdriekt. 
Oitendsr kat kte^er äiese UnTulANFliekkeit sei- 
der Aekütät, äenn er' läkt Lu^en kur^erirLnä snrn! 
Boxer resignieren. Bin Verkiekt, äer seine eigens 
Litnation SMrdolisert. 
* 
Bs Frbt Beute erkolAreioke kornLnanioren, äie 
L^veikellos sprLeBBeZLdter als BeZer sinä unä 
sied aueB Besser auk äie FestalteriseBe UaeBe ver 
stellen. Nan nennt sie so^ar Ferne vieBter, Meit 
idre BüeBer einen Fetussen OtanT verbreiten unä 
überäies einer Haltung entspringen, äie korn- 
rnoä FbnuF ist, urn äern breiten Besepublikurn 
auk äer 8tebe ein^uFoben. ^ls ob äer Biebter 
niebt irn entsebeiäenäen Kinne ein Brkennenäer 
^äre, als ob er sieb niebt Feraäe äureb äie Bn- 
besteebbebkeit seiner Haltung rnabikestierw! äeb 
inuk Festeben, äak ieb äas Bueb von keFer, äer 
verrnutbeb kein Diebter ist, vreit zenen BrxeuF- 
nissen versiebe, äie Fenreinbin als äiebteriseb 
Feiten. Leine ^ukriebtiFkeit bükt über äürre 2onen 
binv^eF unä seine BntsauberunFsrnetboäe ent- 
sebääiFt kür versaubernäen Olans. Bs ist, v^enn 
rnan null, ein polemiseber Traktat; einer, äer 
v^irklieb et^vas rneint. Das Oespräob, in äas er 
auskbnFt, ist so trauriF ^üe sebon. Der sterbenäe 
Bolokk, äer sieb 2uni ersten Uale seines luns be- 
Mukt Fe^voräen ist, saZt 2u seinem Lebn: „Bs 
war eine unFebeure Not.unä äaraus kam äie 
NaklosiFkeit, unä äaraus wieäer äie unFebeure 
Not." BuFen antwortet: „leb Fiaube aueb, äak es 
keine BösunF Fibt. Beine BösunF, äie niebt aueb 
wieäer in Lünäen verstrickt würäe. Ltatt äer 
BösunF bleibt nur äie BösunF, niebt kabrlässiF 
Lünäen Lu beFeben, äie bei Oebraueb äsn Ver 
nunft vermeiäbar waren..." 
Nir sebeint, äak in diesen weiten noeb mebr 
soleber waebsamer Häbneben kräben sollten. 
unser öffentliches Wesen von dem älterer Demokraiien unter- i 
schied, war der Ausfall jedes auch noch so bescheidenen Con- M 
sensus zwischen den Angehörigen verschiedener Parteien. Es W 
war, als hätten bei uns die Parteien die Menschen mit Haut 
und Haaren geschluckt. Daß sie sich sofort zu ganzen Welt 
anschauungen oder zu deren Ersatz verdichteten, ließ sich 
zweifellos nicht umgehen, und ebenso mochte die Tatsache, daß 
sich Zentrum und Sozialismus, kapitalistische und anti- 
kapitalistische Prinzipien gegenseitig auSschlofsen, ihre Rich 
tigkeit haben. Das Merkwürdige war nur, daß diese Welt 
anschauungen und Prinzipien alle menschlichen Substanzen 
vollkommen aufsogen. So daß «in Zustand eintrat, in dem 
nicht mehr die Menschen Parteipolitik trieben, sondern die 
Parteipolitik Menschen vertrieb. Zwischen den Mitgliedern 
der einen und der anderen Partei schien nicht die geringste 
Gemeinsamkeit des Denkens und Fühlens zu bestehen, uNd Dr 
noch die untergeordnetste Sache wurde nach den höchsten 
Partei- oder Verbandsgrundsätzen behandelt. Kein Wort über 
die gespenstische Irrealität dieses Zustands, in dem selbst die 
faktisch vorhandenen Bindungen und gemeinsamen Interessen 
zugunsten von parteipolitischen Konstruktionen unbeachtet 
blieben, die oft sehr unwirklich waren. Zwischen den hier und 
dort eingegliederten Menschen gähnte jedenfalls ein Abgrund, , 
und ihren vor- und außenpolitischen Beziehungen 
fehlte die Sanktionierung, die sie lebensfähig gemacht hätte. 
Angesichts dieser furchtbaren Entleerung des neutralen 
Gebiets mußte sich der Rundfunk tatsächlich damit begnügen, EI 
rein formale Ausgleiche zu finden. 
Von den Gegnern des „Systems" ist der bisherigen 
Demokratie gerade die formale Beschaffenheit zum Vorwurf 
gemacht worden. Sie verdammen die Parteiherrschaft, sie 
maßen sich an, jene substantielle Einheit herzusiellen, die wir 
noch nicht gehabt haben. Halbwegs im Sinne dieser System 
gegner erfolgte, als eine der ersten Handlungen des Präsidial- 
kabinetts, die Umwandung des Rundfunks. Man hob die 
politischen Uebe^wachungsausschüsse auf, um den direkten Ein 
fluß der Parteien zu brechen — ein Vorgang, den man auch 
„Entpolitisterung" nannte —, traf organisatorische Maß- M 
nahmen, die das autoritäre Prinzip über das parlamentarische M 
stellten, und verkündete durch den Mund des jetzigen Reichs- D 
kommissars Scholz: „Will der Rundfunk wirklich mehr als D 
der flüchtigen Unterhaltung und oberflächlichen Zerstreuung W 
dienen, so hat er sich die hohe Aufgabe zu setzen, Träger und 
Mittler deutscher Kultur und deutschen Geistes zu sein. Er soll 
und muß, um dieser Aufgabe zu genügen, die Seele des 
deutschen Volks zu erfassen suchen usw." 
Der „reorganisierte" Betrieb funktioniert bereits so lange, M 
daß man sich ein Urteil über ihn bilden kann. Wir fragen: Hat 
er dem Uebel der nichtssagenden Neutralität abgeholfen? Sind M 
jene Schäden beseitigt worden, die das parlamentarische Re 
gime angeblich hervorgerufen hatte? Wird heute im Rundfunk M 
deutsche Kultur und deutscher Geist getragen und vermittelt? M 
Die Antwort ist ein bündiges Nein. Und nimmt man er 
laubterweise an, daß die neuen Männer nicht einfach Partei- W 
Politik treiben, sondern wirklich das Vakuum ausfüllen wollen, 
das im „System" herrschte, so wird die Kritik am gegenwär- D 
tigen Rundfunk zur Kritik an den Bestrebungen der „nationa 
len" Systemgegner überhaupt. 
II. 
Ehe ich auf Grund des kulturellen Programms der B er» 
kinerFunk-Stunde in der letzten Oktober-Woche einige 
für die gegenwärtige Rundfunk-Gestaltung typische Züge ver 
deutliche, schicke ich noch folgende Sätze aus der programmati 
schen Ansprache voraus, die Richard Kolb in seiner Eigen 
schaft als Programm-Direktor und stellvertretender Intendant 
des Berliner Senders gehalten hat: „Man sollte sich . . . ab 
gewöhnen, über den Geschmack seiner Nebenmenschen die Nase 
zu rümpfen. Die Programmleitung hat allen Wünschen nach 
Möglichkeit Rechnung getragen. Und wenn viele von uns ihre 
Freude und Erhebung an einem Dichtwerk oder an einer klassi 
schen Komposition finden, so nehmen andere Erholung und 
neue Kraft aus den Klängen eines Wälzers oder Schlagers. 
Deshalb sollte man auch leichte Sachen nicht zu leicht nehmen * 
Gewiß nicht. Aber schwer sollte man es nehmen, daß 
schon am Anfang der neuen Aera sich solche Widersprüche 
offenbaren wie die zwischen den Aussagen der Herren Scholz 
und Kolb. Während jener mehr will als flüchtige Unterhaltung 
und oberflächliche Zerstreuung, ermähnt dieser dazu, nicht die 
Nase über den Geschmack an flüchtiger Unterhaltung und ober 
flächlicher Zerstreuung zu rümpfen. Und will der eine den 
Hörern deutsche Kultur und deutschen Geist auftischen, so be 
absichtigt der andere, allen Hörerwünschen nach Möglichkeit 
Rechnung zu tragen. In zwei wichtigen programmatischen Dar 
legungen finden sich also Aeußerungen, die einander entgegen 
gesetzt sind. Ihre Konfrontation verrät nicht nur den Unter 
schied zwischen „nationaler" Rundfunk-Ideologie und „natio 
naler" Rundfunk-Praxis, sie erhellt vor allem die Haltungs- 
losigkeit in den Kreisen derer, die das „System" des Mangels 
an Haltung bezichtigten. 
Welche Ergebnisse so verschwommene Grundeinstellungen 
zeitigen, kann man sich ungefähr denken. Aber es genügt nicht, 
sie sich nur auSzudenken; denn die Gedanken, die man sich etwa 
! Wer sie macht, werden durch die Wirklichkeit weit übertroffen. 
, Hätte zum Beispiel irgendein Mensch aus der vom Reichs- 
Hestem - Keule - Morgen. 
Zum Thema: Rundfunk. 
Von S. Kraeauer. 
7 . . l. 
Seit die neuen Herren des Rundfunks Gelegenheit gehabt 
haben, zu zeigen, was sie nicht können, ist die Kritik am 
Rundfunk nicht mehr verstummt. Sie kann m der Tat mcht 
scharf genug sein. Und wenn ich sie nicht gleich mitvollziehe, 
sondern zunächst den früheren Zustand betrachte, der 
durch den blamablen neuen beseitigt wurde, so geschieht es 
nur in der Absicht, diese Kritik möglichst produktiv zu ge- 
^Der frühere Zustand: es wird sich noch herausstellen, daß 
und warum er befriedigender als der jetzige war. Aber man 
sollte sich im Interesse der Herbeiführung eines wirklich 
besseren Zustands gerade heute seine grundlegende Schwache 
nicht verhehlen. Ich meine die Art der am alten Rundfunk 
geübten Neutralität. Sie war freilich nicht allein für 
den Rundfunk bezeichnend, bestimmte vielmehr unser gesamtes 
öffentliches Leben. 
Es gibt eine substantiell erfüllte Neutralität und eine, die 
sich formal verhält. Die bei uns herrschende war vorwiegend 
formaler Natur. Das heißt: ihr Wesen oder richtiger 
ihr Unwesen erschöpfte sich darin, die in Betracht kommenden 
Parteien, Verbände usw tunlichst nicht zu verletzen, Vor 
stöße nach der einen Seite sofort durch solche nach der an 
deren aufzuheben und immer die Balance zwischen den 
Machtfaktoren zu wahren. Man lenkte nicht einem eigenen 
Ziel zu, man wurde von allen möglichen Rücksichten gelenkt. 
Am erschreckendsten enthüllte sich der Charaktermangel dieser 
Neutralität in den häufig veranstalteten Weltanschauungs 
diskussionen, die den löblichen Zweck verfolgten, die neutrale 
Zone mit Inhalten zu beleben, aber faktisch nur ihre Inhalts 
losigkeit bewiesen. So erinnere ich mich einer Auseinandersetzung 
über die Arbeitsdienstpflicht, die von einem Jungdo-Mann und 
einem sozialdemokratischen Studenten geführt wurde. Sie 
vergegenwärtigte den Standpunkt des Jungdeutschen Ordens 
und den der Sozialdemokratischen Partei und verlief rm 
übrigen nach dem Schema: „Rechts sind Bäume, links sind 
Bäume und dazwischen Zwischenräume". Je höher in solchen 
Diskussionen die Geflnnungsbäume himmelan wuchsen, desto 
deutlicher machte sich das Vakuum zwischen ihnen fühlbar. 
Wahrhaftig, die Rundfunk-Neutralität war nichts weiter als 
die Resultierende der jeweils im leeren Raum angreifenden 
Kräfte und Gegenkräfte. 
Sie spiegelte damit nur die allgemeine Verfassung wider, 
in der wir uns während der Nachkriegszeit befanden. Was
        <pb n="84" />
        kommissar erhobenen Forderung nach deutscher Kultur Köhns 
inzwischen allerdings desavouierte Wochenend-Ketzereien ohne 
weiteres ableiten können? Oder die Bekenntnisse Dr. Kleo 
PleyerS, die anscheinend nicht gerügt worden sind? Das 
Auftreten Dr. PleyerS darf aber eine um so größere Bedeutung 
beanspruchen, als mit ihm die neue Reihe: „Wir stellen vor..." 
eröffnet wurde, in der später noch andere politische Persön 
lichkeiten sprechen sollen. Der Herr, den vorzustellen man solche 
Eile bewies, ist Grenzdeutscher, Teilnehmer am Hitler-Putsch 
1923, einstiger Nazimann, Führer der „hündischen Reichs 
schaft" und seit 1931 Dozent an der Hochschule für Politik. 
Ich muß mir leider versagen, seine Bekenntnisse hier ganz vor- 
zuführen. Sie handelten von der Volkserzieherischen Wirkung 
des Weltkriegs, die darin bestanden habe, daß man wieder in 
feste Bünde eingesperrt wurde, vom Limbischen Urerlebnis, 
vom hündischen Blutserlebnis, von der hündischen Lebensform, 
vom hündischen Geist usw. Mögen sich die Bündischen (diefe 
Bündischen) an ihrem Wesen erbauen. Wenn jedoch dieser 
bündische Geist in Gestalt von Herm Pleyer am Rundfunk 
ungestraft erklären darf, daß unsere politischen Parteien 
undeutsch seien, undeutsch schon deshalb, weil ste undeutsche 
Namen trügen, dann beginnt der Skandal; um davon zu 
schweigen, daß bei diesen Faseleien von Geist überhaupt nicht 
die Rede sein kann. „Wir stellen vor. . ." heißt die 
Veranstaltung. Jawohl, wir stellen ein Geschwätz vor, 
das sich in der wüsten Beschimpfung des „Systems" 
gefällt, ohne etwas anderes als Phrasen dagegen auszufpielen. 
Phrasen wie diese: daß sich der Deutsche seine Lebensform 
nicht vom Ausland vorzeichnen lassen solle; daß sich in Ver 
Partei Massen, im Bund aber „Kerle" zusammenfänden; daß 
aus der bündischen Lebensform das „Baubild des Reiches" er 
wachse usw. Niemand wird uns einreden wollen, daß der 
demagogische, heillos romantische Jargon des Herrn Pleyer 
mit deutscher Kultur zu verwechseln sei. Wird er uns dennoch 
versetzt, so geht daraus nur hervor, daß man am Rundfunk 
entweder nicht weiß, was deutsche Kultur ist, oder unter dem 
Vorwand ihrer Förderung politische Hetzereien einschmuggeln 
möchte. Die formale Neutralität von ehedem ist sauberer, sach 
licher, mit einem Wort deutscher gewesen ¬ 
Es versteht sich von selbst, daß nicht alle Manifestationen 
des neuen Rundfunk-Geistes so durchsichtig tendenziös sind. 
Immerhin ließ man sich innerhalb der angegebenen Zeit 
spanne die gute Gelegenheit des italienischen Regterungsjubi- 
läums nicht entgehen, um den Fascismus empfehlend in Er 
innerung zu bringen, und machte auch sonst einige Versuche, 
den politischen Kurswechsel allgemein-geistig zu verklären. In 
einem Vortrag Reinhold Schneiders: „Die doppelte Wirk 
lichkeit der Geschichte" wurde zum Beispiel erläutert, daß die 
Geschichte ihre eigentliche Wirklichkeit dort Habs, wo es sich um 
die Entscheidungen handle, die in der Brust des einzelnen, 
des Führers, ausgetragen werden. Nicht aufs historische Wissen 
komme es an, sondern auf die intuitive Versenkung in solche 
Entscheidungen; nicht auf Erfolge und Trophäen, sondern 
auf Opfer und Dienst. Zur Ergänzung dieses Vortrages ser 
gleich noch eine andere Stelle aus der erwähnten Ansprache 
des Programm-Direktors Kolb zitiert, in der von der 
Verpflichtung des Rundfunks, Volksbildung zu betreiben, die 
Rede ist. „Das geht jedoch nicht auf dem Wege der Wissens 
vermittlung, wozu der Rundfunk außerstande ist, sondern nur 
durch seine Umformung in «ine unmittelbare Lebensnähe, die 
auch der letzte des Volkes imstande ist, zu begreifen. So wird 
Wissen und Kunst zur Bildung. Es ist die Entakademisierung 
des Programms, die von einem großen Teil der Hörer 
zuschriften verlangt wird." Formulierungen, die mit der Rede 
Schneiders darin übereinstimmen, daß sie eine der Aufklä 
rung abholde Gesinnung bekunden. Schneider setzt 
das bloße Wissen um der moralischen Entscheidung willen 
außer Kraft und vergißt hinzuzufügen, daß eine Entscheidung 
um so begründeter (und keineswegs unmoralischer) ist, je 
mehr sie auf der genauen Kenntnis aller einschlägigen Um 
stände beruht. Kolb seinerseits will das Wissen solange um- 
fchmelzen, bis es in «ine unmittelbare Lebensnähe rückt; wöbet 
vom Wissen vermutlich nicht mehr viel übrig bleiben dürfte. 
Auch der Vortrag, den Paul Alverdes über das Thema: 
„Der Geistige in der Nation" hielt, bewegte sich teilweise in 
-derselben ivtelliW^feindlW Richtung; o.bwohl Alverdes, was_ 
ihm angesichts der heutigen Verhältnisse als ein Verdienst an 
gerechnet werden muß, die „Herabwürdigung des Geistes" im 
nationalen Lager scharf, ja erbittert bekämpfte. Aber mit dem 
gleichen Atemzug, beinahe, mit dem er für die Rehabilitierung 
des „Geistes" eintrat, machte er sich die nationalistische Be 
hauptung zu eigen, baß ein großer Teil der deutschen Intelli 
genz während des Krieges im Geheimen mit unseren Feinden 
einverstanden gewesen sei und überhaupt Schuld und Schande 
auf sich geladen habe. Welcher große Teil der deutschen In 
telligenz? Und wo ist die Schuld in Wahrheit zu suchen? Meine 
Aufgabe besteht indessen nicht darin, erbärmliche Verleum 
dungen zu berichtigen, sondern im Nachweis der sich heute am 
Rundfunk vordrängenden Tendenzen. Wie bereits diese Bei 
spiele zeigen, bevorzugt man dort jetzt Gedankengänge, die nicht 
so sehr ein Zeugnis deutscher Kultur, als ein Zeichen der 
Kulturreaktion sind. Man verdächtigt den Intellekt, der ein 
guter Geselle ist, schiebt das Wissen beiseite, das den unteren 
Schichten als Waffe dienen kann, und propagiert einen Herois 
mus, zu dessen Wesensmerkmalen Dummheit und Unwissen 
heit gehören. Wer den Profit davon hat, ist klar. 
Herrschte noch ein Zweifel darüber, daß der deutsche Geist 
von den neuen Machthabern in eine Zwangsjacke gesteckt wird, 
so wäre er durch die literarischen Programme behoben. Sie sind 
von einer Dürftigkeit, der auch die Benutzung Paul Ernsts und 
die Einbeziehung der paar namhafteren Dichter, die mit der 
Rechten sympathisieren, nicht aufzuhelfen vermag. Und wer 
sie abhören muß, hat das peinliche Gefühl, daß die Rundfunk 
leute erst jetzt verzweifelt nach den künstlerischen Offenbarungen 
jenes deutschen Geistes Umschau halten, den sie meinen. Ihr 
Finderglück ist gering. Ich nehme nicht einmal Anstoß daran, 
daß man das Hörbild: „Stein" von Hans Henning Freiherr 
von Grote aufführte, eine historische Schwarte, die wie das 
Modell zu einem künftigen Ufa-Film wirkt und brav und ge- 
sinnungstüchtig auSgepinselt ist. Dergleichen wird in allen 
Parteilagern fabriziert. Viel verräterischer sind jene Erzeug 
nisse, die man uns als Proben heutiger Dichtung anzubieten 
wagt. Von Carl Heinz Hillekamps wurde die Geschichte 
eines Knaben gelesen, der in Gesellschaft eines Knechtes völlig 
einsam im Wald aufwächst, während der Pubertätszeit zum 
ersten Mal aus der Ferne ein junges weibliches Wesen erblickt, 
daraufhin in eine schwere Krankheit verfällt und nach einigen 
Umschweifen unheilbar geistesgestört wird. Ich habe den myste 
riösen Fall, der von einer „seltsamen Unwirklichkeit" ist, wie es 
oft in schlechten Besprechungen schlechter Bücher heißt, ohne die 
Poesie wiedergegeben, die ihn fortwährend umschwitzt und noch 
hoffnungsloser ist als der Fall selber. Daß diese Unwirklichkeit 
beim heutigen Rundfunk auf starke Nachfrage rechnen darf, be 
stätigen auch die Prosastücke, die Karl Nils Nicolaus las. 
In einem von ihnen fährt Jan nachts auf seinem Motorrad 
mit der Geige im Rucksack zum heimatlichen Meer, um sich über 
den Tod seiner Frau zu trösten. Dort auf den Dünen spielt er, 
wie Nicolaus es ausdrückt, „vom großen Leben, das göttlich 
ist, und vom großen Tod, der auch göttlich ist". Man bangt 
jeden Augenblick davor, daß diese geschwollene Sprache platzt, 
aber obwohl ste immer weiter mit Luft gefüllt wird, stößt ihr 
nie etwas zu. Die Luft ist die Innerlichkeit. Alle drei Geschich 
ten haben Innerlichkeiten zum Thema, die im Vergleich mit den 
wirklichen Ereignissen dieser Welt so nichtig sind, daß sie sich 
schon kosmisch aufblähen müssen, um überhaupt gesehen zu 
werden. Hätte der Rundfunk nicht greifbarere Belege des deut 
schen Geistes aufstöbern können? Aber der wahre deutsche Geist 
verkörpert sich heute in Schriftstellern und Dichtern, die ihre 
Augen nicht zumachen, sondern sie öffnen, die sich um unsere 
sozialen und politischen Verhältnisse bekümmern, Kritik üben, 
wo es not tut, niemals pflichtvergessen ins Unirdische und 
Überirdische flüchten und jene Unruhe verbreiten, die der Feind 
des Nurbeftehenden ist. Ich verzichte darauf, Namen zu nen 
nen, die bekannt sind und uns zur Ehre gereichen. Genug, daß 
sie sich in ihrer Mehrzahl auf der anderen Seite befinden, dort, 
wo der jetzige Rundfunk sich aus guten Gründen zu tummeln 
weigert. Ihm und den hinter ihm stehenden Kreisen geht es 
ja gerade darum, die Gefahren auszuschalten, die von diesen 
Dichtern und Schriftstellern her drohen. Sie suchen nicht die 
Kunst an den Stellen auf, an denen sie anzutreffen ist, sie suchen 
eine künstlerische Stütze der von ihnen vertretenen Politik. So 
müssen sie freilich Ohnmachtsprodukte wählen, die nicht aktiv 
das wirkliche Leben angreifen, sondern zwischen der Scholle 
und de» Sternen keine ander« Bleibe haben als eine Jnner- 
lichkeit, der jede Beziehung zu unserem äußeren Dasein fehlt. 
Ins äußere Dasein will sich die Bürokratie eben nichts herein 
reden lassen. Daher empfiehlt ste auch so dringlich die Pflege 
„landsmannschaftlicher Eigenarten". Noch immer hat die Re 
stauration die gegenwärtige Kunst, die dadurch, daß sie — un 
bekümmert um Stammeseigentümlichkeiten -- der Gegenwart 
auf den Leib rückt, nur eine neue, zeitgemäße Form der 
Stammeseigentümlichkeiten entwickelt, zugunsten epigonaler und 
historisch gewordener Gestaltungen unterdrückt. 
Dem starken Bedürfnis der für den Rundfunk verantwort 
lichen Mächte, unbeleuchtet schalten und walten zu können, 
entspricht nicht zuletzt die Art und Weise, in der die Aktuali- 
täten bewältigt oder vielmehr nicht bewältigt werden, 
Schickt man /,die PleyerS und andere Leute vor, die 
das Volk im „nationalen" Sinne bearbeiten und gegen 
das „System" mobil machen sollen, so ist man leise- 
treterischer, als es der alte Rundfunk je war. Die be 
schränkte Meinungsfreiheit, die sich damals im Rahmen der 
Neutralität entfalten durfte, hat der Angst vor Meinungen 
Platz gemacht. Wenn etwa die „Stimme zum Tag" ertönt, 
darf man sich darauf verlassen, daß sie aus dem Tag ins Un 
gefähre und Irgendwo entführt. Während einer Woche, die 
voll von interessanten, einer Stellungnahme bedürftigen Er 
eignissen war, hörte ich ste zum Beispiel aus Anlaß eines 
Falschmünzerprozesses über Falschmünzerprozeffe im allge 
meinen sprechen; über eine Pinguinen-Jnsel, die in einem 
Wlm gezeigt wird; über einen Besuch in London, der mit dem 
Tag überhaupt nichts zu schaffen hatte. Sie drang nicht in
        <pb n="85" />
        Nan wird in dem Duob .vergebliob naöb einem 
TVort über das Lampkrie! und naeb inbaMoben 
Oespraoben Sueben. Aber so muA es auob sein. 
Denn Anna ^gbeks besokreibt die DewsgunZ 
niobt von aubon ber, sondern spriobt aus der 
den Tag ein, sie umging ihn wie «inen heißen Brei. Ver Herr 
aus Hondon erzählte unter anderem, daß die Arbeiter dort 
ihren Platz im Leben kennten, daß man in den Straßen keine &amp;gt; 
Hupen höre und der Hyde-Park von einem Gitter umgeben 
sei, das nachts geschloffen werde. Stimme zum Tag? Eine 
„Generalanzeiger-Plauderei aus der Provinz. Uebrigens be 
sorgte derselbe Londoner Plauderonkel auch die Ketzereien am 
Wochenende. Und zwar ketzerte er zum Unterschied von Köhn 
nicht ungehemmt darauf los, sondern bemühte sich im Gegen 
teil, uns von der Neigung zur Ketzerei zu befreien. Wir 
möchten uns doch nicht immer gleich ärgern und um jeden 
Preis recht haben wollen! Wir möchten ein . wenig Humor 
haben? Wir möchten uns gegenseitig Achtung entgegenbringen! 
Es fehlte nicht viel, und man wäre von dieser Ketzerei, die 
eine einzige Bußpredigt war, ergriffen gewesen. Schade nur, 
daß sie von einem Ort aus gesprochen wurde, an dem man 
neuerdings dem Gegner keine Achtung mehr entgegenbringt 
und um jeden Preis recht behalten will. Der Wolf im Schafs 
pelz, der Frieden blökt , . . Hält man diese unangebrachte 
Mahnung zur Versöhnlichkeit mit der geistesabwesenden Be 
handlung der Aktualitäten zusammen, so ergibt sich, daß die 
dem Rundfunk jetzt vorgeschriebene Aufbauarbeit am Staat 
im Abbau der Kritik an ihm und darüber hinaus in der mög 
lichst weitgehenden Verdrängung unserer Zustände aus dem 
Blickfeld besteht. Je dunkler es um uns ist, desto besser ver 
richtet der autoritäre Staat die Aufbauarbeit allein. Und. die 
des Rundfunks beschränkte sich darauf, mit Hilfe der Laut 
sprecher lauter Stille im Land zu züchten. 
Dieser kleine Programm-Querschnitt genügt, wie ich glaube, 
um uns über die negativen Leistungen der „System"-Geg- 
ner aufzuklären. Sie, die sich in der Kritik der Demokratie 
gegenseitig überbieten, beweisen einstweilen im Rundfunk ihre 
Unfähigkeit, irgendetwas besser zu machen. Statt die frühere 
formale Neutralität aufzufüllen, treiben sie mit sturer Ein 
seitigkeit Parteipolitik und berauben uns zugleich der Vorteile 
jener Neutralität. Statt den Kampf der Meinungen zu leiten, 
unterdrücken sie ihn. Statt eine Haltung zu vermitteln, predigen 
sie die Gesinnungen, die ihnen passen. Statt den deutschen Geist 
auszubreiten, hüten sie sich vor ihm. Merkt man, woher der 
Wind weht? Aber es weht gar kein Wind. Im luftigen Büro 
haus an der Mäsuren-Allee herrscht vielmehr eine Stickluft 
wie niemals zuvor. 
III. 
Um wieviel überlegen war das „System* seinen vermeint 
lichen Ueberwindern! Vielleicht zeigt sich erst heute, daß die 
leere Neutralität, die es übte, auch einige Tugenden 
besaß. Sie erlaubte dem Rundfunk wenigstens, unbefangen zu 
experimentieren und bedeutende Köpfe und interessante Gegen 
stände aus den verschiedensten Sphären zu bieten. Und mochte 
sie ziellos sein und manchmal schlecht zu wählen verstehen, so 
ließ sie uns doch die Wahl und unterschlug nicht gerade das 
Beste. Jedenfalls steht nach diesen Monaten veränderter Rund 
funk-Praxis fest, daß der alte Zustand dem jetzigen vorzuziehen 
ist, daß — in einem so gemischten Land wie Deutschland vor 
allem — jene Neutralität, die der einen und der anderen Rich 
tung Raum gibt, mehr taugt als das unliberale und 
intolerante Verfahren derer, die den deutschen Geist 
gepachtet zu haben glauben. Fast scheint aus ein paar schwa 
chen Anzeichen der jüngsten Zeit gefolgert werden zu müssen, 
als ob sie, die neuen Machthaber, an der Richtigkeit ihres 
Kurses selber zu zweifeln begännen. Wenn sie aber nicht 
gründlich umschwenken, istderBankrottdesdeutschen 
Rundfunks als eines Kulturinstrumentes be 
siegelt. 
Rede ich einfach einer Wiederherstellung des Früheren das 
Wort? Aber ein durchschauter Zustand kehrt nicht zurück. Und 
ist auch erwiesen, daß die jetzige Rundfunk-Bürokratie das bis 
herige „System* nicht nur nicht erledigt, sondern gegen ihre 
Absicht eher gerechtfertigt hat, so bleibt doch die Frage fort 
bestehen, ob nicht die formale Rundfunk-Neutralität in eine 
substantielle verwandelt werden könne. Man ver 
stehe mich recht: ich setze die heute doppelt einleuchtende Not 
wendigkeit ihrer Aufrechterhaltung voraus und erhebe eine 
Frage, die sich aufs außer- und vorpolitische Verhalten in 
Deutschland bezieht. Sie gilt dem Vakuum, das sich zwischen 
den Parteien dehnte und die inhaltlose Neutralität von sich 
äuZ bedingte. 
Dieses Vakuum, dieses Nicht-bei-sich-sein der Menschen 
rührt von einem bei uns tief eingewurzelten Hang her, den 
auch der deutsche Idealismus bezeugte: vom Hang, die wirk 
liche Existenz um irgendeiner Idee willen zu versäumen, das 
Allgemeine zu denken, ohne es mit dem Besonderen zu ver 
knüpfen, in das eingesenkt es doch erst Dasein gewönne, und 
über der Weltanschauung die Realität zu vergessen, auf die sie 
hinzuweisen hätte. Nenne man es Romantik, Doktrinarismus 
oder wie immer — stets und überall wiederholt sich in Deutsch 
land der Vorgang, daß sich die Menschen von ihrem Sein ab 
heben und eine Doktrin aufsuchen, die sich zu jenem Sein 
meistens windschief verhält. Sie verlassen sich: sie leben 
hier und argumentieren dort. Alles Existenzmäßige muß 
so veröden; um ganz davon abzusehen, daß der Mangel an 
einer engen Fühlung zwischen vielen parteipolitischen Kon 
struktionen und der zu verändernden Realität die politische I 
Durchgestaltung dieser Konstruktionen selber verhindert. I 
In seinem ausgeZeichneöen Aufsatz: „Der Turmbau von 
Babel. Zur Krise des deutschen Rundfunks" (vergl. Reichs 
ausgabe vom 29 Oktober) bestimmt Alfons Paquet die Auf 
gabe des Rundfunks wie folgt: „Es gibt auf diesem Felde 
gar keine höhere Chance als die äußerste Intensität der künst 
lerischen, geistigen Leistung." Vielleicht ist dem Rundfunk noch 
eine andere Chanoe eröffnet, die der Ausnutzung der von 
Paquet gemeinten gewiß nicht im Wege stünde; eine Chance 
auf lange Sicht. Wie kaum ein anderes Instrument könnte er 
dazu dienen, den deutschen Menschen der von ihm 
immer wieder Preisgegebenen Wirklichkeit 
zuzuleiten. Ich bin mir dessen bewußt, daß nicht alle . , 
Parteien gleichmäßig an dieser Forderung b-eteMt^sind; troh 
der politischen Konsequenzen aber, die sie ZweWlos in sich 
birgt, ist sie zunächst vorpolitischer Art. Den unseligen 
deutschen Doktrinarismus zu brechen, dem keineswegs die 
extremen Parteien allein frönen; der falschen Romantik die 
Auswege zu versperren; eine richtige Verbindung Mischen 
den theoretischen Begriffen und dem Wirklichkeitsstoff herzu 
stellen, der mit ihnen korrespondieren müßte; das Gedachte 
jeweils dem Gelebten und das Gelebte umgekehrt dem Ge 
dachten zu verpassen; die vorhandenen ExistenzforMN so ins 
Licht zu rücken, daß sie schlechterdings niemand mehr zu üben 
springen vermag: das ist die Aufgabe, die dem Rundfunk eine 
inhaltliche Funktion verliehe. Sie schreibt ihm eine bestimmte 
Richtung vor und laßt sich auf unzählige Weisen anpacken. 
Man kann ihr zum Beispiel dadurch gerecht werden, daß man 
verschiedene Urteile über ein Ereignis, einen Film usw. zu- 
sammenstellt und sie mit dem beurteilten Gegenstand selber, 
so gut es geht, konfrontiert; daß man bei gewissen Diskussions- ' 
Veranstaltungen stets auf die Konkretion der geäußerten Ab 
sichten dringt; daß man drastische Fälle der Verblasenheit W 
oder eines exemplarischen WrMchMssinnes behandelt usw. 
Aber es ist hier weniger an den Beispielen Äs an der An 
erkennung der Methode gelegen. Machte der Rundfunk sie sich 1 
zu eigen, so erhielte seine Neutralität endlich Substanz, und W 
am Ende wäre dann auch eines Tages in Deutschland eins 
Politik möglich, die sich zwischen wirklichen Menschen und W 
nicht zwischen Phantomen abspielte, M 
NlILS VOLL KSDttS. 
Von 8. XrLLLuer. 
Das 8uod: „V i e 6 e k s d rt s n" von n n s. ,, 
88gksrs sOustav Lispsnkousr Vsrls.^, Lsriin. So 
319 8. gsd. S.8V) ist sixsutliok kein Roman, son- 
äsrn eins CdronL. Lins Ugrtxrsr-Ckronür. Dar- / 
gssisÜt wird in ibr äas Dsbsu (und 8tsrbsu) vis 
ier brausn unä Uanusr, äis wäbrsud äsr Nasb- 
kris^sit äis Irä^sr äsr revolutionären Lews- 
*AUNA Z6V/68SN sinä. UnALrn, Dolsn, Italiener, 8ul- 
ALren, Obinesen: äer 2u^ äsr Helden arstrsekt 
sied von Danä su band. Deberall aber sind, ibre 
8ebieksale ^leieb. 8is werden vsrkoW, gsinar- 
teri, in die (leäängnisse geworksn; sie kübren 
Ausb in äer NiniAration äas Dasein von Xömp- 
tern. ^er aktiv kür äis 8aebe äer Involution 
eintritt, nirnint in äer De^sl niebt sied selber 
^iebt^, sonäern äis 8aebs. Ls ist äaber Mt 2U 
versieben, äak äie Daten unä rnsbr noob äie 
beiden der Hevowtionärs verbäbnisinM^ ssäen 
wiäer^esnieZeb werden. Anna 86Abers bat 
keine Rübe ^esebeut, urn diesen DebendäuNn 
bis in äen Alltag binsin naeb^nsnüren. M einer 
DsnauiKsit, äsrsn nur äer Beteiligte keb » ist 
seb'dsrt sie äie unmensoblioben Drsn^ teten nn- 
garisebo.r unä bu^arisobsr ^VeitzMäisten: äb 
ssäistisoben Orgien, äis bei äer (FekanAsnnabrne 
roter 8oläaten unä bei Verboren bs-an^en wsr- 
äen; äie Dutbebruuxsn der Dlüobtbn^ und me 
Tapferkeit ibrer bnierstütLsr; äie lanxsn. 6e- 
fHuAnidebre äer . ; äie 8sbwIeriA' 
keiten äer bxistenL in äer Verbannung. Reben 
össtalten, äis rnan balb unä balb Lu srratsn 
glaubt, tauebsn anonzfine biguren auk, Rarnsn- 
lose, äie niernanä je kennen wirä. Ibnsn allen 
ist bier ein Denkmal gesetzt. Dnä bintsr äissen 
Personen sinä noob bunäerts Dngsnannts xu 
abnsn^ äie niebt anders wie sie ?u band ein und 
ru sterben wissen.
        <pb n="86" />
        deäeutenäes Oestaltungsver- 
entsebieden sämtliche lanä- 
der entscheidenden willen 
beben, und nur ein 
mögen kann derart 
läufigtzn Binge um 
unterdrücken. 
Dak diese Melt leibkaktig beraukbesebworen 
wird, ist der 8praekkraft xu danken, über die 
Z.NNL Kegbers verfügt. 8ie bedient sieb einer 
Prosa, die im strengen 8mne gediebtet ist unä 
die Vorstellungen der dämpfenden, Leidenden, 
Exilierten getreu vermittelt. Man lese etwa einen 
Abschnitt wie diesen: „b^ies von den Lindern 
kroch über die loten ins Breie, Drauken war 
alles verändert. Der glänzende weibe Bimmel 
war ganx tiek gesunken Die Bütten waren ge- 
sekrumpkt; den ^Veg binauk sekleiken sie fremde, 
Kebwers Lauern mit langen, roten 8eklepp6n. 
Neben äer lür bielten 8oldaten ein grobes, wil 
des Pferd. 8ebös Bütte xuekte und lackte, ein 
Mkribes, kreisebenäes Lacken, wie auk Bock- 
xeit. Me Bütten sebrien und witterten." Oder 
die 8xene, in der sieb ein in Bubland lebender 
Obinese, der naeb Bause mub, von seinem Lind 
trennt: „Lur? vor seiner eignen Beimreise kubr 
er noebmal beraus, um das Lind ?u seben. Lr 
stand am Benster, 2wei Bande voll Lind. — Bin 
wenig VVärme, Abfall äes berausebenäen, trium- 
pbierenden Olüeks, das sein Vater über äie Oe- 
burt seiner 8öbne gespürt batte. Bas satte 
Kobläkrige Lind betraebtete ibn stumpk mit glän 
zenden Läkeraugen. Li' gab es Zurück. Mögen es 
andere nebmen. Br würde es später tun. ^ber 
er wubte: später war nie, und andre, das waren 
äoeb ebensolebe wie er." BLese Kpraebe bat äie 
Bewalt, grobe 8tääte am BoriMnt vorbeixieben 
xu lassen, das ^usbarren der Kreatur ru ver 
gegenwärtigen und aueb äie ungelebten, veräeek- 
ten Empfindungen siebtbar xu maeben. Rinxu 
kommt die Lompositionsteebnik äes Buebs, die 
von sieb aus auk einen wesentlichen Oebalt bin- 
weist. Lauter kürzere Kxenen sind sprungbakt 
Aneinander gereibt, äie bald in einem Oekängnis 
Gpielenj, bald unter den Emigrierten, bald in 
8taäiG 8mä Me nur ein Provisorium kür sie. 
Kleiebgültige Orte, an äie der Zukak sie kübrt. 
8ie trekkon sieb in Wobnungen, die in jeder bc- 
Nebigsn 8taät liegen könnten, und sind rnit dem 
bedanken vertraut, am näckstsu lag weiter- 
Nieben xu müssen. 80 wären sie Nomaden obne 
^ukaussd In der lat ist ibnen Buklanä köck- 
MSN8 der gebeibgte Vorkok der Heimat und die 
Keimst selber ein Lampkplatx. Ibre riebtige Hei 
mat werden sie erst dann linden, wenn sie die 
Nacht Erobert baben und ibnen das Zukause 
niebt mebr ein Martyrium bedeutet. Einstweilen 
aber schweifen sie dureb die gegenwärtigen Vcr- 
bältnisse wie Kometen, und kalten sie sieb aueb 
Zum Beispiel in Paris auk, so sind sie äoeb wei 
ter von Paris entkernt als von Budapest oder 
Lantom 8ie verschmähen es, irgendwo einxu- 
vmrxeln, und befreien sieb von sämtlieben Bin 
dungen, wenn die revolutionäre Aufgabe sie rukt. 
Zwei ckmesisebe Brüder, die sieb Fahre bindureb 
Niebt geseben baben, begegnen sieb einen lag 
lang, um dann sokort wieder auseinander xu 
eilen. Bis pamilie xäklt niebts, und es gibt nur 
Hins Liebe: die xur Bevolution. Von ibr erfüllt, 
besebreiben die Personen des Luchs irreguläre 
Babnen dureb den leeren Baum unserer Zeit. 
* 
Von äen xablreieben Bmigranten-Kebieksalen 
münden niebt alle wieder in die Bevolution ein, 
die sie aus sieb entlieb. Bin Italiener wandert 
naeb Amerika aus; ein Boebsebullebrer, der an 
der ungarischen Bäte-Bevolution teilgenommen 
bat, labt sieb in einer kleinen deutseben Uni 
versitätsstadt nieder, in der er betratet und sieb 
xu babilttieren gedenkt. Bis 8egbers berichtet 
diese und andere Bälle, obne sieb ein Urteil über 
sie anxumaüen. -Vus ibrer stummen Brxäblung 
gebt nur immer wieder kervor, wie unerträglieb 
kür die Kampfer das Dasein in der Btappe ist 
und welche Anstrengung es sie kostet, kortwäb- 
rend ein Beuer xu sebüren, das aus Mangel an 
Nahrung xu erlöschen ärobt. V/underbar dureb- 
sebaut ist die Bnrube, die diese Bntglsitenden 
von Zeit xu Zeit paekt. Der Boebsebullebrer 
gebt manebmal auf den Babnbok, obne je in den 
Zug einxusteigen, der ikn xur Bevolution xurüek- 
bringen könnte, und der in Bubland gefeierte 
Baludi trauert darüber, xum alten Bisen gewor- 
ken xu sein. Zweifellos verweilt, die Kegbers aueb 
äesbalb bei denen, die abwandern und verschwin 
den, um desto beweiskräftiger xu xeigen, äak die 
Kette der Bevolutionäre dennoeb nie abreibt. 
VVie sieb Olied an Olieä fügt, schildert ' sie 
in xwei 8xenen xiemlieb am Anfang und am 
8eblub des Buebes, die selber gleich wie Ketten 
glieder sind. In der ersten wird berichtet, äab 
der alte Kolonjenko —- „er batte äie polnischen 
» Kerker sebon al^ewobnt, als sis noch xaristiscb 
waren" — dem jungen äanek, äer xu ibm in die 
Zelle kommt, die Band auk den Kopf legt und ibn 
äaxu ermähnt, im Oekängnis xu arbeiten und xu 
lernen. „0b man vier dabrs kier bleibt wie du, 
oder acht wie ieb, oder lebenslänglich —xwi- 
seben uns und drauken dark es nie eine Linkt 
geben, versiebst du, was ieb dir sage?" Bnä in 
der Kebluksxene legt der mittlerweile erprobte 
-lanek seinerseits die Band auk den Kopf des 
jungen Babiak, der abnt, „dak die gleiche Krakt 
sebon in ikm selbst drin war, wLkrend äaneks 
Band noek auk seinem Kopf lag." Die Kraft würd 
von den Oekäbrten weitergegeben —- dieser Brost 
lebt in dem Vuek. 
Orts- unä UMä'EZsvsokss! nu äsm vor- 
ZLnommsn, um äs« sinnlose ^eksnsmLnäer w 
äer Veit auvk korm^l ru illustrieren. Hier äs 
xsxsn vsrlolzt äas mosnikLrtizs erklären - - 
re,äe äie umseketirte Ldsledt, ä^s smnvolls ln- 
kwg.näkr8re&amp;gt;isn von VorßsnMN ä-rrLutun, ms sied 
sn mLnnieksltiFSN Punkten ereiZnsn. vis stets 
neue Versnäerunx äsr Lrene soll mittsldar äie 
Oeäe äsr zsMokntsn liürWrlielisn 8ods,uplstrs 
entdüHen unä äis LinkeitlioMeit emsr äis VVe^t 
umsvnnnsnäen SsvsZunF bsi-suFsn. E em iwr 
8aebe sieberes Bewubtsein vermag so lolM.' 
tig, wäe es in diesem Bueb gesebiebt, äas ubliebe 
Bezugssystem xugubsten eines fremden aurxu- 
KerrnA Aorten Wex sich selbst 
nennt Nenny Norton Urr VnoL: „V 0 in 
,Lientopp' 2nin l'onkil in" (Lnrt ktoiLnor Ver 
lag, Dresden, 125 Seiten) Ire Untertitel: ,,Mn StneL 
cniterlebter Utlrn§s8eliiolit6", sder ^1r inlterleden 
dürfen, Ist in Wakrkeit einLix und allein 8ie selber. 
Sollen ^dr uns darüber beLlnAen? Ls ^Lre niebt Fans 
gereebt. Denn ^ver sieb -nde sie trot2 oder Aersde 
wexen versebiedener Din^veise nnk dns OUlob der 
Dernnt nnd der Desebeidenbeit iiir ein Nnster der 
Vollbornnrenbeit bLlt, dein bnnn es Kanin ^br ver 
argt werden, daü er über der NetraebtnnF seines 
Ldendildes alles anders vergiüt. Und auüerdein werden 
-^ir Dir die ansUibrlieben SebildernnAsn ibrer Rollen, 
ibrer Rrkolge, ibrer Deliebtbeit beiin Uudliknin ns^. 
dadnreb reieblieb entsobLdigt, daü sie nns eine Reibe 
von „Urnpiindnngen nnd Uedanken" preisgidt, die mebr 
das intiine Neben detrekien. 80 erriAblt sie nns 2nrn 
Deispiel, daü ibr dis Arbeit in der Xiiobs groüs 
k'rende bereitet, daü sis ein ganZ inoderner Llevseb 
sei nnd daü sie sieb ans Instinkt^rilnden ^niebt runi 
Dnbikoni riu bekebren gedenkt. Die Oedanken, die sie 
sieb rn^bt, belieben sieb sorvobl ank dis Unnst vie 
das Neben. „leb glanbe Za tiberbanpt,^ erklärt sis 
einrnal, „daü nnr das 8piel anderen st^vas sagen 
nnd in ibren UerLSv Wnr^eln seblaFsn kann, das 
selbst seine Wnrreln ktiblt nnd sieb ibnen verbunden 
weiü: I^atnr nnd Ueibbl". Ls sei verraten, daü das 
übrige Uedankengnt ebenso Tvnrrelbakt ist. Lnrsnin, 
üatnr nncb Ueinbl sind bier nnansseböpklieb, nnd ob- 
Tvobl dis nationalgesinnts Diva, sieb ^ini^er ibrer 
traxiseb aus^ebendsn Uilrns erinnernd, uns an irgend 
einer Stelle versiebert, daü ^ir nns nin die arnsrika- 
nisebe bleiAnng ?ntn bappy end niebt 2N knrnrnsrn 
branebten, sebeint ibr doeb das Sirene Dasein ans 
einer Uolge paradiesiseber bappy ends rn bssteben. 
V^irklichktzit äer Bevomtiouäre heraus led 
konnte mir einen äokumeutarischeu 6eriekt den 
ken, äer äen Ereignissen objectiver unä voll- 
stänä'ger gercebt würäe; ieb kenne indessen 
kein Bück, äas äie revolutionären .4ktlouDü so 
^aux aus äer Verfassung äerer witzäergäbtz, von 
lbmen 5ie bewirkt vvoräen sinä. Gestaltet ist 
Wender äa^ revobä'. nk're s^ewu^sein üborkÄupt 
s?s äa«r B^wu^isch voo/ Btzvchähoärtzh» .pom 
äureb äie V't ä^r s)^r^ ^'ung MLn, &amp;lt;wlO 
sie ibr Oe-ebiek 5,0",^ sen dnä s^-h u^r ä^H 
versebieäensten -Bmstänäsu vsrbs l«k, Bs is-i 
eine rnit keiner andern vergleiebbare IVeib ?L 
der sie leben. Ob sie nun naeb Berlin,hack Bö- 
logna oder naeb ?aris versekla^en werden: äress 
&amp;lt;1^5^ 
DS
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        /V- 
In der unmittelbaren Nähe des Platzes und von ihm aus 
sichtbar erhebt sich ein Büro Hauskasten, der von einem 
Auch unter der Erde ist der Alexanderplatz einwandfrei organi 
siert. Drei Untergrundbahnhöfe liegen hier übereinander, 
zwischen denen ein Labyrinth von Gangen, Podesten und Treppen 
vermittelt. Sämtliche Räume und Raumteile glänzen wie Bade 
zimmer, so daß man eigentlich nur noch die vernickelten Hähne der 
Brausen vermißt. Vielleicht wird die proletarische Bevölkerung, 
die in der Nachbarschaft wohnt, durch diesen hygienischen Glanz 
für die Dürftigkeit ihrer Stuben entschädigt, in denen er nötiger 
Ware. Die Bahnhöfe sind in verschiedenen Farben gekachelt unv 
außerdem, der besseren Übersichtlichkeit wegen, mit Buchstaben be 
zeichnet. Obwohl aber die Farben und Buchstaben an allen mög 
lichen Stellen auftauchen, um die Suchenden auf den rechten Weg 
zu führen, ist es doch außerordentlich schwierig, den gesuchten 
Punkt auch wirklich zu finden. Das System ist nämlich von einer 
künstlichen Vollkommenheit, die des improvisierten Zugriffs spotter 
und sich erst nach einem längeren Studium überhaupt fassen läßt. 
Aus einem an sich begreiflichen Ordnungsfanatismus heraus sinv 
tatsächlich manche Linien und Ausgänge, so gut versteckt, daß man 
ste einfach nicht auffinden kann. Man will nach X und gelang: 
nach v, von wo man wieder über V oder O zurück muß. Dafür 
hat man allerdings das große Vergnügen, ausgedehnte Rolltreppen 
benutzen zu dürfen. Eine von ihnen weicht von den normalen in 
sofern ab, als sie in die Tiefe statt nach oben befördert. Woher es 
übrigens rührt, daß die meisten Menschen solche Treppen, die sie 
doch aus Bequemlichkeit verwenden, erst recht hinan- oder herab 
stürmen, wäre noch zu ergründen. 
Anzug: Krack 
K r Berlin, im November. 
Folgende Emladung liegt uns vor: 
„Der Schutzverband Deutscher Schriftsteller 
und der V. E. N.-Club (Deutsche Grupve) 
Geben UM Donnerstag, dem 17. II. 1932 , . . ein Festbankett M 
G e r h a x L H a u b L m a n n s s i s L Z i g ft e M G e S u r t s t a g. 
Wir Sitten unsere Freunde und unsere 
MeLer mit ihren Dame« daran LerlMnehmeK. 
Die VörstLnde. 
PreiS des Gedecks für Mitglieder mit ihren Damen je NmL Z—; 
für NichtmiLglieder ie RmL. 4.—. Anzug Frack ..." 
LuS disfem Text geht unzweideutig hervor, daß der E. D. S- 
(Schutzverband Deutscher Schriftsteller) den siebzigjährigen Ger- 
hart HauPLmann nicht anders zu feiern gedenkt wie einen Minister, 
den er nicht zu feiern brauchte. Er hat gesellschaftlichen Ehrgeiz, 
der S. D. S. Er tut es nicht unter dem Frack. 
Wer und was ist dieser Schutzverband, der des Fracks bedarf, 
um erneu deutschen Dichter zu ehren? Jedenfalls ist er keine Ber 
einigung, die um der gesellschaftlichen Repräsentation willen ge 
gründet worden wäre. Repräsentieren mag der P. E. N.-Club, 
wenn seine Mitglieder es kennen. Der S. D. S. dagegen nennt sich 
selber im Untertitel: „Gewerkschaft Deutscher Schriftsteller" und 
verfolgt den Zweck, seinen Mitgliedern wirtschaftliche Hilfe und 
Rechtsschutz zu gewähren. Die meisten deutschen Schriftsteller haben 
Hilfe und Schutz auch nötiger als einen Frack, ja, sie befinden 
sich vermutlich nur im S. D. S., um Hilfe und Schutz zu erhalten. 
Daß sie heute bittere Not leiden und ihre Mahlzeiten nicht eben 
Festbankette sind, ist wahrhaftig nicht weiter sonderbar. Denn ihr 
Beruf ist der gleiche, den auch der Dichter der „Weber" als den 
seinen ansah: Kraft des Worts, die Sache der Unterdrückten zu 
vertreten und — sagen wir es allgemein — für eine bessere Zukunft 
Zu kämpfen. Vielleicht rührt es von dem Ernst her, mit dem viele 
deutsche Schriftsteller, bekannte und unbekannte, ihren Beruf be 
treiben, daß sie zwar allenfalls Lorbeeren ernten, aber nur im sel 
tensten Fall Fräcke Diese Tatsache dürfte sogar dem Vorstand des 
S. D. S. nicht verborgen geblieben sein. Kann er doch das Verdienst 
für sich in Anspruch nehmen, die „Künstlerkolonie" am Breiten 
bachplatz erbaut Zu haben, in der seine Mitglieder billige Unter 
kunft finden. Einige von ihnen sind allerdings schon so ins Elend 
herabgesunksn, daß sie selbst den geringen Mietpreis nicht mehr 
aufzubringen vermochten. 
Das alles weiß der Vorstand des S. D. S. Er weiß, daß sich 
auch Schriftsteller von Namen und Rang heute durch die Zeit 
hungern müssen, die sie bereichern, weiß um die Dürftigkeit Be 
scheid, die stolz und verschwiegen ertragen wird, und beharrt 
dennoch unnachgiebig auf dem Schein des Fracks, den er zwei 
fellos hat. Seine Forderung verrät nicht nur, daß er nicht weiß, 
was er weiß, sie stellt einen offenen Hohn auf die deut 
schen Schriftsteller dar, die in ihrer Mehrzahl möglicher 
weise gar keine Verbandsmitglieder wären, wenn sie die ihnen 
anbefohlenen Fräcke besäßen. Dieses Kleidungsstück als eine Selbst 
verständlichkeit bei ihnen vorauszusetzen, heißt ihre Notlage ver 
kennen, die man kennt, und ihren Beruf mißachten, den man 
freilich nicht Zu kennen scheint. Wie aus den jüngst veröffentlich 
ten Briefen Holsteins Zu ersehen ist, lehnte dieser einmal eine 
Einladung des Kaisers mit der Begründung ab, daß er leider 
über einen Frack nicht verfüge. Was Holstein recht war, hatte dem 
Vorstand eines Schriftstcller-Schlchver^ billig sein sollen; 
noch, dazu bei einer Gelegenheit, die nicht so sehr den Prunk der 
Hemdbrüste als den der Geister verlangt Oder ist es bereits wie 
der so weit, daß man sich mit den Damen um jeden Preis, uüd 
sei es um den der Würde, Zu Hose drängen will? Fehlt auch 
der Hof einstweilen, so sind doch offenbar die Höflinge vorhan 
den, die ihn am liebsten mit den Frackschößen herbeiwedeln möch 
ten. Sich fragen nicht nach dem Geist, sondern nach seiner Aus 
stattung Und statt, wie es ihre Pflicht wäre, dafür Zu sorgen, 
daß das Licht hell strahlt, dgs dir deutschen Schriftsteller ver 
breiten, stellen sie es unter den Scheffel eines gesellschaftlichen 
Glanzes,- der es unfehlbar verdunkelt, obwohl er selber keines 
wegs glänzt. 
Anzug- Frack. Dank der erbärmlichen Torheit dieser Vorschrift, 
zu der noch die hohen Kosten des Festbanketts kommen, werden wir 
das peinliche Schauspiel erleben, daß viele Schriftsteller, die ein 
Anrecht darauf hätten, Gechart HaupLmann zu feiern, ihre Zuflucht 
Zu Frackverleih-Jnst^ nehmen müssen, um den großen Kolle 
gen überhaupt öffentlich feiern zu dürfen. Hoffen wir, daß ste, um 
die es geht, auch wenn es ihnen nicht gut geht, auf ihre Mit 
wirkung an einem solchen Schauspiel verzichten. Und daß sie sich 
zu einer anderen Feier zusammensmden, einer, die den Dichter 
best er ehrt als die tief beschämende des Verbandes. 
Haltung: annähernd wie in „Hanneles Himmelfahrt" oder „Fuhr 
mann Henschel". Anzug: nach bestem Vermögen. Gedeck: Würstchen, 
GeseMckafts-Anzug reicht aus! 
Tu von uns vorgestern unter dem Dite! „H. u r n L rLoL" 
Uebraektev Qlosse ist NLvktvLgUok noed NiHLnsuküFeri., UaL äera 
Vorstand äes LEktsteller-ZevutLverdLQäss selbst keäenken xsse» 
Nie PraeLvorselirttt bei seiner OerL^rt HLuptrQLQQ-k'eier gekorNmeD. 
Lir sein soLewSQ. Lr kat eine Karte av sewe NitMeäsr vsrseLieL^ 
IQ 6er es keiüt: ,MMrlLeLtz ^nkrLgerr Aeden VerlassuriA rartLU- 
teu6Q, 6sÜ rur rsilnLUme ara Oervart HLuptruanu-LLLkett QeseU- 
seüaktSLLsiiF ausreieLt^. 
Aer neue Ateranderptatz. 
Berlin, im November. 
War der Alexanderplatz während seiner Bauzeit ein formloser, 
offener Raum, durch den von allen Seiten her der Wind 
pfiff, so ist er jetzt ein Muster der Organisation. Der Wind 
pfeift natürlich immer noch. Gegen die Innenstadt abgegrenzt 
wird der Platz von zwei riesigen Büro-Hochhäusern, die wie eine 
Wallmauer aussehen. Auch mit den modernsten Kriegsmitteln 
vermöchte bestimmt niemand den Wall zu erstürmen. So ist es 
ein Glück zu nennen, daß er sich dort öffnet, wo die Königstraße 
in den Platz einmünden will. Wahrhaftig, die Wallmauern unter 
brechen ihren Lauf, lassen die Königstraße passieren und geben 
zugleich einen wunderbaren Blick auf die Stadtbahn freu Ueber 
Die Gleise, die eine Art von Querverbindung zwischen den bei 
den Hochhäusern herstellen, rollen in einem fort die bunten Stadt 
Lahnzüge, und die Eisenkonstruktion des Bahnhofs steht gerade 
noch durch die Lücke hindurch. 
Wer dieser Stadtbahnbetrieb hat nichts mehr in das Leben 
auf dem Platz selber dremzureden, sondern wird von den Büro 
Haus-Massiven mit einer selbstherrlichen Gebärde in den Hinter 
grund zurückgedrängt. Sie schaffen Platz für den Platz, und das 
eine von ihnen flankiert ihn sogar ein Stück weit, damrt er sich 
desto ungehemmter entfalten kann. Seine Fläche ist ungeheuer, 
sie gleicht einem See, dessen Ufer man stellenweise aus den 
Augen verliert. Wäre sie nicht von einem Rondell unterteilt, 
das die Platzmitte ausfüllt, so könnten sich Menschen und Fuhr 
werke wahrscheinlich gar nicht orientieren und stießen immer 
wieder zusammen. Sie kommen ja aus den verschiedensten Rich 
tungen und wollen nach den verschiedensten hin. Das Rondell 
aber, das sie nicht durchkreuzen dürfen, nötigt sie rein durch sein 
Dasein dazu, sich hübsch artig im Kreis zu bewegen. Autos, 
Autobusse, Lastwagen, Passanten: alle umkreisen diese grüne 
Rasenfläche, die wie ein Niemansland daliegt und in regel 
mäßigen Abständen von Straßsnbahnmasten und Verkehrsschutz 
leuten eingefaßt wird. Den unaussprechlichen Frieden, den sie aus- 
strömt, können auch die gelben Straßenbahnen nicht stören. Jm 
Gegenteil, indem sie ohne Aufenthalt über das Rondell Hinweg 
rauschen, vertiefen sie nur den Eindruck, daß es ein Natur 
schutzpark ist.
        <pb n="88" />
        Z 
Die Menschenmenge zieht sich an den Bauzäunen entlang, die 
noch immer ihre Kurven auf der Platzfläche beschreiben. Sie sind 
mit handgeschriebenen Zetteln beklebt, auf denen billige Mittags- 
Lsche und günstige Gelegenheitskäufe angepriesen werden. Vor den 
Zetteln stehen Straßenhandler, deren Beredsamkeit schlechterdings 
nicht zu überbieten ist. Einer von ihnen halt eine kleine Schlange 
aus DmhLspiralen feil, die man nur in einer bestimmten Richtung 
streicheln muß, damit sie sich auf ihrem Papptellerchen ununter 
brochen windet. Kitzelt man sie gar am Schwanz, so gebärdet sie 
sich wie toll und reckt Zornig den grünen Kopf empor. Der Häusler 
begleitet ihre Manöver mit Ansprachen, die nicht der Zweideutig 
keit entraten, zwingt durch seine Worte die Zuhörer dazu, die 
leblose Drahtspirale zu beseelen, und versichert alle die seiner Ge 
ringschätzung, die nicht einen Groschen für ein Ding anlegen wol 
len, das soviel Humor und Stimmung verbreitet. Derart unter 
Druck gesetzt, kaufen viele die Kuverte, in denen das Pappteller- 
chen mit der Schlange steckt. Sie werden hinterher um eine Ent 
täuschung reicher sein. Aber wie gerne sucht dieses Straßenpubü- 
knm der Erwerbslosen, der Arbeiter und Kleinbürger seine Zu 
flucht bei Illusionen, die es dem Alltag entrücken. Wo er ein Loch 
hat, schlüpft es hinein. An der Bretterwand, die eine Abwechslung 
nach der andern gebiert, lehnt auch eine Malerin mit dem Zeichen 
block in der Hand. Schon ist das Polizeipräsidium, naturgetreu 
durchschattierL, auf dem Papier zu sehen, und die Büro-Hochhäuser 
werden bald folgen. Mädchen, Männer und Frauen umlagern die 
Künstlerin, blicken ihr nach, wenn, sie die Höhen und Bretten 
visiert, und freuen sich über die gelungene Wiedergabe einer Wirk 
lichkeit, die sie nur zu genau kennen. Sie mustern ihren Platz 
anders als sonst, sie entrinnen ihrem verzweifelten Dasein für 
einen Augenblick, indem sie in seinem Abbild versinken. 
8, LraeLusk. 
Warenhaus-Konzern errichtet worden ist. Zwischen ihm und den 
beiden Büro-Hochhäusern an der Stadtbahn liegt nicht nur der 
Platz, sondern eine halbe Welt. Jenes Gebäude ist eine finstere 
Unternehmerfeflung, deren Kolossalfront aus lauter Lisenen be 
steht, vor denen man unwillkürlich zittert. Sie endigen oben stumpf, 
jagen pausenlos über den Mittelturm hin und folgen einander 
in so unabsehbarer Menge, als gälte es einen Vertikaltrust von 
Lisenen Zu bilden. Jede von ihnen ist ein senkrechter Gewaltakt. 
In den schmalen Zwischenräumen, die sie frei lasten, sitzen die 
Fenster wie in Rinnen, mangelhaft ernährte, eingeschüchterte 
Fenster, die an Angestellte erinnern. Ihre Tätigkeit ist völlig durch 
rationalisiert, ihr Gehalt entspricht genau dem Tarif. Bald wer 
den sie ab gebaut. Tann geht der Betrieb ohne sie weiter, und die 
Lisenen streichen noch brutaler über die blinde Fassade. Aber es 
könnte auch sein, daß der Betrieb eines Tages nicht mehr weiter 
ginge... Im Vergleich mit diesem Konzern-Gebäude, das eine 
einzige Drohung ist, tragen die beiden Bürohäuser am Platz selber 
eine freundlichere Gesinnung zur Schau. Sie sind nicht geradezu 
dem Größenwahn verfallen, sondern passen sich immerhin den Ver 
hältnissen an. Und statt mit einem hochfahrenden Pfeilerwerk auf- 
zutrumpfen, das die Knute über den Fenstern schwingt, schließen 
sie diese paarweise in Kästchen ein, in denen sie sich wie in Eigen 
heimen ausleben dürfen. Häuser, die wenigstens für Menschen 
gebaut sind und nicht nur zum Ruhm anonymer kapitalistischer 
Mächte. Vorerst stehen sie freilich größtenteils leer. Das eine von 
ihnen enthält einen bekannten Restaurations-Betrieb, der Zwei 
Geschosse einnimmt und mit edlen Hölzern und modernen Be 
leuchtungskörpern ausgestattet ist. Die Kultur der Räume bildet 
eine Gratiszugabe Zum Bier und den Würstchen. 
Ist der Platz jetzt nach der Stadtbahn zu abgeschlossen, so steht 
er nach der anderen Seite zu noch weit offen. Ganze Stadtteile 
drängen aus dem Osten heran, und zu jedem gehört ein eigener 
'Straßenzug, dem der Blick vom Platz aus folgen kann. Diese 
Straßen graben sich immer tiefer ins graue Elend hinein, das 
sie zuletzt verschlingt. An der Stelle, von der sie ausstrahlen,, ist 
ein Stück Vergangenheit übrig geblieben, ein Kleinst adt- 
Jdyll. Es setzt sich aus ein paar niedrigen alten Häusern zu 
sammen, die eine grellrote Backsteinkirche umgeben. Je näher man 
der Gruppe kommt, desto mehr entschwindet die Großstadt; bis 
man sich am Ende auf einem abgelegenen Plätzchen befindet, zu 
dem kein Laut von der Welt dringt. Mitten im Alexanderplatz 
Gebiet, ist man Stunden weit von ihm fort, irgendwo in der 
Mark. Eines der Häuschen hat einen Biedermeier-Giebel, und 
die Kirche, die unzählige Backsteine verschlungen hat, ist Zweifellos 
der Stolz der Gemeinde. Dlan sieht sie vom Plätzchen aus nur bis 
zur Hüfte, so hoch wächst sie über die Dächer hinan. Ihre Ehöre 
runden sich üppig, ihre Backsteine bringen kunstvolle Ornamente zu 
stande. Hier, zwischen den Kirchenmauern und den Häuschen, 
wäre der geeignete Ort für einen malerischen Tümpel mit Enten 
und Weiden. Nach der Rückkehr ins Leben, die höchstens eine 
Minute währt, vergißt man sofort das stille Revier. Die Unter 
grundbahn rauscht durchs Bewußtsein, die tausend Geräusche des 
Platzes sind viel zu gegenwärtig, um Erinnerungen aufkommen 
zu lassen. Und erblickte man nicht aus der Ferne vie Kirche, so 
glaubte man das an sie geschmiegte Gewinkel flüchtig geträumt 
zu haben. 
68 vor, Henri LslKmA äis Aränälieks Lskkürs- 
äer Lrüksekriktsu von Marx 2u smpksklsn, damit er 
WsniAstsns srkäkrt, äaü äsr Materialismus, äsn er 
so nsksnksi unä von oksu kerak xu srlsäiMn Zlaukt^ 
in siusm „rsalsn Humanismus" Wurzelt, äsr tausend 
mal realer unä kumaner ist als sein dritter. * 
Lsäürkte es noek eines l^askWeises, äaL äsr 
„Ueus Humanismus" äie 1 ä e o 1 o Z i s e li s Ver« 
Klärung äes resktskürAerliekeü, kul 
t u r r e a k t i o n ä r e u Lassismus ist unä' 
niskts auüsräsm, so Wäre er äureb äie LoräsrunAey 
erkraekt, 2U äenen LÄdinZ am Lekluü ZelauZt. Um 
Fan?: äavon adMseksn, äaü sie im Woklverstauäsneir 
Interesse eines ksstimmtsn poktiscksu Lurses vou- 
äer keineSWSAg ein^anäireien LskauptunZ LUSAebsn^ 
äer „Hassenstaat im alten Zinne" sei ^srseklaAen, 
stellen sis äem künktiZen äsutssksn Ztaat ^ukAakem 
In seiner 8ekrM: „D er d r i t t e Luman i s- 
m u s" .(VerlaZ Die Kunde, Lerlin' 80 Reiten. Oek. 
1.80) verkündet Lot Kar Heidi n Z einen 
dienen ÜumaiiismuSi der uns ^um Lntersskied vom 
ersten der Lütten, Lrasmus usW. unä vom weiten 
äer Llassik enäliek das Lei! krinZen soll.^^Vis siebt 
dieser Lumanismus, äer dritte seines 2eiekens, aus? 
l^ask einer äer vielen LestimmunAsn LelkinZs ist 
er, äis „Linsisbt in äie dMirksnäsn OrunäAsvalten 
äer eigenen 2sit, äie ekrlürsktiAe Ledau auk äen 
AtzsekiebteseKaUenden läter, von äsm aus jsäe an- 
tkroxoleKseKe LeL M idrsm Maüstad 
kommt, äis MnäunZ-M in unssrsm Llut Wirksn- 
äsn Aöttlieken Lräkte und seklieüliek äsr ^ille 2um 
siZsnen - Kaum, vis er im Ztaat sied ausärüekt..." 
^.n einer anderen RtMs keiüt es: „äVas am Uuma- 
nismus eindeutig ist, kt sein LormunASWille, ist 
sein ^iKsen um äie eedte Mittellinie jeden (Leiek- 
AtzWiekts . . ." Dkiä Wieder anderswo Wird erklärt: 
. . dumanistissd äsnksn deikt konservativ. 
lsdensKläudiZ, korm- Unä ^estaltAlsukiZ äsnksn". 
Isd Msits diese Medprodem nur Korans, um xu ver- 
ansedaulisden.- Wie sskr sied Lolkins rsin im 
Ideellen devext.. 2yM Olüsk tut er ausd manedmal 
Weniger vornekm. Lnä Wer aus den anAelükrteu 
^eukerunKen äsn siMntlisdsn Zinn äer * neukuma- 
nistiscchen LaltM Aanr; erratsn daden 
sollte, kann ibn der kolAenäsn LemerkunA, in äsr 
sied LelhinA von äsr dialektiseken LkeoloAie ak- 
Aienxt, unsekWer entnekmen. „Msson notZsärunAsn 
VektretSr der äialektiseken LkeoloAie sied mit Oe- 
äAnkeuZänAM verdmäsL^ äie an eine Lös vLG AO5 
staatliedsn Ordnung von Wirtsekaktlieken Zisternen 
dsr Zlauksn, so Wird sied äsr Humanismus, akAe- 
sebon von aller parteipolitisek kedinAten auZen- 
dlisklisdsn ^usleZunA, viel edsr im N^Äius äes 
Dritten LsiedeZ dsstätiZt kinäsn " 
"Uas sied disr, im ^nklanK an äiesen „Uvtdus" 
Dritter Humanismus nennt, ist kaktised niedts M- 
äeres als ein einLiZes Lemüdsn, äie nationalistisede 
Ls^vetzung äsn soZsnannten Zedilästen Rtänäsu 
kopk- unä munä^ereedt xu maedsn. LsIdinK kommt 
idnsn unaukdörlied mit Oostde unä I^iet^Zede unä 
detrsidt üderdaupt einen LiläunZsaukvanä, dessen 
DsMiKkeit uiemanä so lsiedt verksnnsn virä. Deiäer 
Lsrstört er selber äsn ZeistiA ^vodldadenäsn Dim 
ärüok, äen er ^u erveeksn susdt, vüeäer äaäured, 
äaü er okksndar einige viedtiZe unä äuredaus silier- 
kädiZe Autoren ^vie stva Nax ^Veder oäer Narx 
nisdt Askesen dat. Latte er sie Aelesev, so konnte 
er Lum LeisMel unter keinen Umständen dekretieren: 
„^irtssdakt unä Deednik sinä nur peri^dere ^us- 
äruekskormen unseres Seins..." und damit ^irt- 
sedakt unä Deednik erlsäiZt sein lassen' oäer sied 
im L!amuk ZsAen den Didsralismüs unä ZoLialismus 
Aeraäs z'ensr ^rAUMsnte deäienen, äie LvuikeHos'äis 
ältesten Daäsndütsr sinä. Lr Zreikt äas Lrinriip äer 
AröütmöAlisden KVoddadrt mit äer LeZrunäunZ an, 
äaü „seine LrküllunA die AeistiAs vüe uirtsedakt- 
lisds ^Velt in eine unikorme LsdrederZartenkultur 
verhandeln Würde", er masdt Lront „AeZen den alles 
Ledv erAeWiedt in den soLialen Lortsedritt oder ein 
so^ialistisedes LroZramm versediedenden Materialis 
mus, äsr die mensedlicden, rsliZiösen unä Volk- 
daktsn Ludstanösn Lsrsetxt.. ." Zollte man Wirtzlied 
äiesem nsudumanistissdsn Lolemiker noed erläutern 
müssen, äaü äsr von idm Zemeinte ^srset^unZsxro- 
26Ü nisdt die Zedulä äes Materialismus ist, sondern 
anderen, dösdst konkreten Ilrsaeden entspringt und 
erst de^ A^torisliMrus emportrerdtk led 
äsn Zeürlktsn von D 0 tL A r LsIdinF und Laus Raum an 
Von 8. Krakauer. 
L rsAt sish Wisäsr in äsn Askttästsn 
MäkäKv. Oh ss allerdings Wirkliek IsksüdiA ist, vttä / 
skk Koek ssigen. l^ickt Ssl^ äsr Lklskti/ä^ j l) 0 &amp;lt; 
Mus, daü sr in äis 2sit sinxngrsiksn vsrinögs, und 
mansks lässn Linäiliäsr Lat nur läsologisn.
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        xuge- 
Deutsebs Nation in 
aueb 
In 
dort 
aueb 
8tatt 
Bans Naumann 
seiner ^Brosebüre: 
geben. 
Da Naumann die (Gründe lürs Dbaos 
Zuebt, wo sis niebt liegen, muK er natürlieb 
eine D-ösung erbolken, die illusoriseb ist^ 
Ztrakkers und grokxügigers Ordnung der Wirtsebakt 
Mirä es niebt anders bestellt sein. 
Neuer Humanismus? Alter Dklektixismus. Leine 
ganx leer wären. 
Wie Belbing, so ist 
Ideologiseb belangen. 
Aber geistige Vewsgungen wis die Aufklärung usw., 
die den klatx der aus sebr realen (Gründen abs^er- 
benden ständiseben Vorstellungswelt einxunebmen 
sueben, kälseblieb xu Krankbeitserregern stempeln. 
Dinmal sebeint es, als ob Naumann der kabtiseben 
Dexiebung xwiseben Brsaebe und Wirkung doeb 
inne würde, An iensr Ltelle, an der er xeigt, wis 
die „besitxlose und etboslose Dabrik- und Dobnar- 
beitermasse" entstanden ist, Lukert er sieb wis 
folgt: „Dis Nation, xur gleieben Zeit unglüek- 
lieberweise sebwäeber werdend in ibren drei wirk- 
lieben Ltänden, batte weder Nänner noeb Nittel 
bereit, sieb diese neue Nasse in Ibr (belüge wirk- 
lieb einxugliedern . . Was bier eingsräumt ist 
—° die Batsaebe nämlieb, dak der Zerfall des stän- 
disebsn Begimes von seinem eigenen (notwendigen) 
Versagen der veränderten Wirkliebkeit gegenüber 
berrübrt —, wird Indessen sonst nirgends 
Funktion ist allenkalls die, einige gebildete Wände 
'E sebmüeken, die sonst 
über deren prsAtisebe Bedeutung mau sieü moM un 
Zweikel sein wird. Dinmal müsse der 8laat, meint 
Belbing, „die unter dem sebon reebt vieldeutig ge 
wordenen Wort ,8oxialismus' xum Ausdruek kommen^ 
den Debensreebte der Lesitxlosen dureb eine straf-- 
kere und grokxügigers Ordnung der Wirtsebakt xü 
erfüllen wissen usw.; xum andern babe er 8orge kür 
die „Neubildung des Adels" xu tragen. Welebe polk 
tiseben Näebte im 8taat berrseben sollen und wie sie 
es anlangen müssen, um die strakkere und grok^ 
. xügigere Ordnung der Wirtsebalt xu erxielen, sagt 
uns Belbing niebt, Aber er entsebädigt uns doeb 
kür sein Lebweigen dureb eine Andeutung, die sieb 
auk die Adelsbil^ung dexiebt. „Wir erleben beute in 
der kaseistiseben Auslese um Nussölini und in der 
russiseben kommunistiseben Bartei ... auk entgegeu- 
gesetxtem Boden gleieberweise den VersUeb, eins 
neue Mits xu bilden." Da die russiseb^ kommu- 
nistisebe Bartei vermutlieb nur um der tbsoretisebew 
Vollständigkeit willen bier erwäbnt worden ist. blecht 
als Musterbeispiel unserer neuen Dlite allein die las- 
oistlsÄiG AusI iE Nud —AnaloL^ kür dch 
sieb naeb der von ibm selber so sebon gesenildsr- 
Len Art germaniseber Beiden freiwillig xum 8ebmk- 
sal xu bekennen, das die tztändisebe (Niederung d.a^ 
bingeraklt bat, seblägt er uns als Bettung die Be- 
stauration eben dieser ständiseben 
Oliederung vor, das beikt: er lebnt sieb blind 
gegen das Lebieksal aul, das er in die Band neb- 
men sollte, er bemübt sieb niebt darum, die sorials 
Wirkliebkeit xu verändern und damit die Voraus- 
Zetxungen kür ein neues, xweilellos aueb volksbak 
tes Dasein xu sebalken, sondern möebte die* Wirk- 
liebkeit in eine Dorm xurüekbannen, die dureb 
ibren Wandel längst xerbroeben ist. Dis Realisier 
rung seines Wunsebtraumes verspriebt er sieb von 
der „romantiseb-volkstümlieben Welle", die sebon 
die dugendbewegung emxorgetrieben babs, und 
niebt xuletxt von der nationalsoxialisti- 
seben Bewegung mit ibrer „Idee einer Dlite als 
eines neuen Adels, der Dnergie des Willens und 
der Bat, mit ibrer Beiligspreebung des rassiseb- 
nordiseben Bvps, der Drböbung von Blut und Oeist 
über Verstand, Deküb! und Bildung . . ." „Könnte 
sie", so meint er von ibr, die er ausdrüeklieb als 
eine romantisebe Bewegung kennxeiebnet, „das Bro- 
letariat endlieb xu einem deutseben 8tande maeben, 
könnte sie unserem deutseben Bauerntum seinen 
deutseben Ltandesebarakter wiedergeben, könnt« 
sie einen neuen deutseben Adel sebalken, so würde 
sie kür unser Volkstum von unendliebem Legen 
sein." Könnte sie — aber sie kann niebt. Denn 
die Wirkliebkeit ergibt sieb nie und nimmer ro- 
mantiseben Wunsebträumen, die ibrem Lobei n 
einen andern entgegensetxen. 
dieser Ideen ist vielmebr böebstens ein Zeieben 
dakür, dak die ständisebe Oliederung dem Ltruktur- 
wandel der sie mitbedingenden soxialen Wirklieb- 
keit niebt standxubalten vsrmoobt bat. Wenn 
solebs Wandlungen überbaupt vom ärxtlieben 
Ltandpunkt aus betraebtet werden sollen, so bann 
man chdenlalls nur die Alterssebwäebs des stän- 
diseben Organismus selber diagnostizieren; niebt 
Oelabr " (d. 8. 
NetLlersebe Verlagsbuebbandlung, 8tuttgart. 37 
Leiten, geb. 1.50) entwirkt er ein Bild der 
deutseben Oesebiebts, um aus seiner Letraebtung 
einige Folgerungen xu xieben, die den gegenwär 
tigen Lustand betreklen. Dr stellt das germanisebs 
Wesen dar, xu dessen Digentümliebbsiten es u. a. 
gebäre, dak man eine 8aebe um ibrer selbst willen 
tue und der Held sieb lreiwillig xu seinem 8ebieb- 
sal bekenne. Dr arbeitet ferner die Äruktur un 
serer ktaatlieben Verlassung beraus: ibre uralt- 
loderalistispben Düge und ibre standisebe Oliederung, 
die sieb vor allem im mittelalterliebsn Deutsem 
land ausprägte. „Ds gab einen Oraduolismus der 
Htände, erst ^.del und Dauern, und dann naeb der 
glüeklieben. dis Nation in ibrem Oelüge niebt er- 
sebütternden Dlngliederung eines dritten Ltandes. 
^del, Bürger und Dauern." Diese Verlassung, 
deren 8tabilität sieb noeb dadureb erbebte, daK 
wir xum Dntersebied von Drankreieb weniger das 
Ftreben naeb einem NationalWp als naeb versebie- 
denen deutseben LtandesWxs batten, wird von 
Naumann als eine ^Vrt von DrlMung gepriesen. 
8ie berubt aul dem Niteinander von Ltänden, deren 
sample „im allgemeinen niebt der Zerstörung, 
sondern dem ^ukbau" dienten; sis war „ein ir- 
disebes Lpiegslbild zenss groksn. metapbMseben 
Oradualismus, in welebem die Oeseböple xu Oott 
bin geordnet waren ..." * 
Und beute? Naumanns 8ebilderung des Deuts 
lst ein einziges Dlagelied. Din Klagelied über 
den 1'od des ^dels, die Oeläbrdung des Bürger 
tums, die ^usliekerung des Bauerntums an den 
Vierten 8tand, „der aber kein 8tand mebr ist, son 
dern nur eins Klasse, eine Bartei", über die Der- 
aulkunlt eben dieser Klasse in Oestalt des Brole- 
tariats und niebt xuletxt über den 8turx des — 
Königtums. Nan mag die jetzigen Verbältnisse als 
ein Obaos aullassen, unmöglieb aber, oder rieb- 
tiger: irreal und romantiseb ist es, ^ei ibrer 
Deutung Drsaebe und Wirkung xu ver- 
weebseln. denau das tut Naumann, wenn er 
erklärt: . Leitdem es mit der Aufklärung des 
18. dabrbunderts wie eine Krankbeit über Deutseb- 
land kam und seitdem dann besonders im 19. 
dabrbundert Kapitalismus und Droletariat, Narxis- 
mus und wirtsebaltliebe Weltansebauung, Deber- 
völkerung, politisebes Nasssnbewuktsein und Na- 
sebinenxeit erwaebten, alle miteinander auks engste 
versebwistert und keines obns die anderen denk 
bar, eine wirkliche 8ebar apokal^ptiseber Deiter, 
seitdem ist es langsam xu einer ^.ullösung und 
Leblieklieb xu einer namenlosen Katastropbe in 
dem ständiseb und kulturell so sebon gegliederten 
Aulbau des deutseben Volkstums gekommen." leb 
gebe gar niebt darauk ein, dak bier Veränderungen 
der Wirkbebkeit (Kapitalismus, Debervölkerung) 
mit Veränderungen des Lewuktseins (Aulklärung, 
Narxismus), die doeb in einer bestimmten Weise an 
zene realen Veränderungen gebunden sind, einkaeb 
in einen Bopk geworfen werden, sondern stelle nur 
lest, wie getrübt der Dliek dieses bervorragenden 
Kenners deutseben Volkstums kür die tatsäebliebe 
Verkettung der gesebiebtlieben Ereignisse ist, so 
bald es sieb um die xolitisebe Aktualität bavdelt. 
In Wabrbeit verbält es sieb keineswegs so, dak der 
sebön gegliederte ständisebe Aukbau dureb die De- 
Zieption der Aulklärung, des Diberalismus und des 
Narxismus xerstört worden wäre; die Dexeption
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        O 
Aber das ZahlenL-ild ist nicht nur zum Mittel aller dieser 
Zwecke geworden, sondern entfaltet sich weit über sie hinaus, einem 
noch verborgenen Ziel entgegen. Tatsächlich erfreut es-sich heute 
einer Beliebtheit, deren Sinn sich nicht ohne weiteres erraten läßt. 
an jedem Lag des Jahres und zu jeder Tageszeit unschwer enr- . 
nehmen läßt. Nett ist das Räderwerk, das für die Verwendung 
von Phssphorsäuredünger wirbt, und schlagend das bunte Plakqr 
des Reichsmilchausschusses, das die Bauern dazu bestimmen möchte, 
ihrer Butter die marktgängige Qualität Zu verleihen. 
Kaum der Erwähnung bedarf, daß die Ueberredungsgewalt 
des Zahlenbildes von der Agitation nach bestem Vermögen 
ausgenutzt wird. Gind Zahlen nicht immer beweiskräftig, so liefert 
doch das Bild zum mindesten den kräftigen Schein des Beweises. 
Manchmal kommt dieser auch ohne Schein gar nicht aus, weil er 
sich sonst gleich als Scheinbeweis enthüllte. So bedient sich die 
Vereinigung der deutschen ArLeitgeberverbände eindrucksvoller 
Kurven, um das Verhältnis der Tariflöhne und der Großhandels 
preise in eine ihr günstige Beleuchtung Zu rücken. Aber die Kurven 
sind ziemlich willkürlich genullt und lassen einige Faktoren aus, 
die in diesem Zusammenhang wichtig wären. Sehr interessant ist 
die KrM-Mrstellung des Vereins deutscher Maschinenbauer, dre 
den ReinprsduktionswerL der Industrie mit dem kleineren Der 
Landwirtschaft konfrontiert und die Autarkie-Schwärmer sinnfällig 
widerlegt. An der Wand der Reichszentrale für Heimatdienst wirv 
für die Ankurbelung der Wirtschaft gekämpft und mit vielen Tep 
pichnägeln ein schauriges Bild unseres waffenlosen Zustands rn 
die Köpfe genagelt. 
Entstehung von Volkskrankheiten, Unfällen usw. zu unterrichten. 
Und wer etwa die Berliner Ausstellungen der letzten Jahre be 
suchte, wird beobachtet haben, daß sie in steigendem Maße Sinn 
bilder zur Veranschaulichung von Quantitäten verwenden. Sie 
greifen zu Photomontagen, sie nehmen alle möglichen bekannten 
Zeichen und Vorstellungen zu Hilfe, um den Gehalt der Zahlen 
durch eine eingängige Bildersprache zu popularisieren. Da nun Aus 
stellungen nahezu durchweg dem Allgemeininteresfe dienen oder doch 
ihm zu dienen vortauschen müssen, ist dem Zahlenbild von Anfang 
an die Bestimmung mitgegeben, ein Wissen auszustreuen, das den 
Massen nutzt. Die Hygiene-Ausstellung hat Propaganda für die 
Volksgesundheit gemacht, die Bau-Ausstellung die Wohnkultur zu 
fördern gesucht. Seiner Herkunft nach ist also das Zahlenbild In 
strument einer Aufklärung, die keineswegs nur müßige Ziele ver 
folgt, sondern die gesellschaftlichen Lebensbedingungen verbessern 
Will. 
Es ist, als wolle man aus einer Art von Zwang heraus den gan 
zen statistischen Stoff unter die Massen bringen. Das statistische 
Reichsamt etwa gibt seiner kleinen Sonderschau den Titel: „Popu 
larisierung der Statistik" und führt dem Publikum auf graphische 
Weise eine Menge von Daten zu, die man vielleicht nicht alle not 
wendig Zu wissen brauchte. Der Eifer des Reichsamtes ist so groß, 
daß es sogar die Zukunft Ziffernmäßig vorwegnimmt; jedenfalls 
entwirft es ein Zahlengemälde, das die schon geborenen und die 
noch ungeborenen schulpflichtigen Kinder im Alter von 6 bis 14 
Jahren von 1880 bis 1940 enthält. Bezeichnend für den Zug zum 
Zahlenbild find auch die in den Schulen verunstalteten Lildstatisti- 
schen Uebungen, deren Früchte in der Ausstellung farbig erglän 
zen. Zahlreiche Arbeiten veranschaulichen das Bemühen deutscher 
und japanischer Schüler, sich alle möglichen Quantitäten durch 
Kreise, Karten und Männchen ein für allemal einzuprägen. Der 
Gegenstand, auf den sich ihre Darstellungen beziehen, ist in der 
Regel die Volkswirtschaft und das staatliche Leben. 
Woher dieser Vorstoß des Allgemeinbewußtseins ins Zahlen 
gebiet? Andere Zeiten als die unsrigen Haben das Wissen um die 
Zahlen „ , die unser gesellschaftliches Dasein betreffen, entweder 
verpönt oder als ein Geheimnis gehütet. Wenn solche Zahlen 
jetzt an die Öffentlichkeit getrieben werden, so kann das nur den 
Sinn haben, daß die Öffentlichkeit mit ihnen umgehen soll. Viel 
leicht steckt in der Tendenz zum Zahlenbild die zum planwirt 
schaftlichen Handeln. Denn eine Grundvoraussetzung dieses Han 
delns wäre allerdings die Vertrautheit des Volks mit den Zahlen, 
die es erzeugt. 
Statistische Zahlen sind vieldeutig, und wer sie zu interpretieren 
hat, kennt ihre Gefahren. Aber stellt sich eine der vielen Bedeu 
tungen, die ihnen innewohnen, bildlich dar, so treten die nicht 
illustrierten Bedeutungen gern in den Hintergrund zurück. Denn 
dem Bild eignet eine starke Versührungskraft, die vor allem kritik 
lose Menschen gefangen nimmt. Es fordert ausschließliche Hingabe, 
es verdrängt die Möglichkeiten, die in ihm nicht einbegriffen sind. 
Kein Wunder, daß sich Reklame und Propaganda des 
Zahlenbildes bemächtigen. Die Berliner Städtischen Gaswerke 
lenken Zum Beispiel dadurch die Aufmerksamkeit auf sich, daß sie 
die Größe ihres Betriebs demonstrieren. Ihre Rohrleitungen 
reichen, wie aus drastischen Abbildungen hervorgeht, von Berlin 
bis fast nach Neufundland, und unter der Last ihrer jährlichen 
Koksmenge erstickt das riesige Karstadt-Gebäude. Nach ähnliches 
Methoden verfahren die sozialhygienischen Reichsfachverbände, die 
Auto-Industrie oder die Berliner Elsktrizitätswerke, die unter 
anderem ein interessantes „dreidimensionales Belastungsgebirge* 
zeigen--ein plastisches Modell, dem sich der Elektrizitätsverbrauch 
* 
Jedermann kennt die graphischen Vergegenwärtigungen, um 
die es hier geht, von den Reklamen in Schaufenstern her, aus 
den Zeitungen usw. Man sieht Männchen nebeneinander, deren 
Zahl oder Größe eine Vorstellung von der Bevölkerungsdichte in 
Deutschland gibt, erhält aus einer Kombination von Kreisen 
Aufschluß über die Bedeutung der Weltsprachen, wird durch Sinn 
bilder mannigfacher Art in die angenehme Lage gebracht, alles 
Wissenswerte über die Rassen der Erde zu erfahren. Der Zweck 
dieser Zahlenbilder ist immer der gleiche. Sie wollen das Ver 
ständnis gewisser Zahlenwerte dadurch erleichtern, daß ste diese 
Werte in einer Gestalt vorführen, die ihre sofortige Erfassung 
ermöglicht. Während die nackten Zahlen ein Nacheinander sind, 
das sich dem Leser nur schwer erschließt, setzt ihre Verbildlichung 
den Betrachter mit einem Schlag ins Bild. Ohne erst auf lang 
wierige Beschreibungen angewiesen Zu sein, hat er die von den 
Zahlen gemachten Aussagen über Zustände und Entwicklungen 
unmittMar vor Augen. Das Zahlenbild illustriert ja nicht allein 
den reinen Zahlentext, sondern gibt Zugleich den Kommentar 
dieses Textes figürlich wieder. Es ist die Gestalt einer Zahlen 
reihe zuzüglich ihres Sinnes. 
i - * ' - 
ro&amp;lt;^ 
/V5 
Zahl und Iild. 
ILir. Berlin, im November. 
In den Räumen des Zentralin st ituts für Er 
z i e hung u nd Unterricht ist zur Zeit eine interessante 
Ausstellung Zu sehen, Sie nennt sich: „Zahl und Bild" und 
veranschaulicht an Hand zahlreicher Beispiele die verschiedenen 
Methoden, nach, denen heute die Ergebnisse der.Statistik bild- 
mäßig- dargestellt werden. Um gleich die nötigen Daten zu geben: 
verunstaltet worden ist die Schau vom Zentralinstitut selber unter 
Mitwirkung des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit, dessen 
Referent Dr. Kurt H. Busse die Sachbearbeitung übernommen 
hat. Für die gute Aufmachung zeichnet der Deutsche Lichtbild 
Dienst verantwortlich. 
O 
Inzwischen hat sich die Neigung zum Zahlenbild längst ver 
selbständigt und ist den verschiedensten Zwecken Untertan gemacht 
worden. Obwohl hier, vom wissenschaftlichen abgesehen werden soll, 
der die ZahlwM heraufbeschworen hat, noch auch 
grundsätzlich auf sie angewiesen ist, möchte ich doch eines einzig 
artigen VÄs^ das die Ausstellung auf 
Zeigt. Ich meine den im Aufbau befindlichen A t la s der d e u t- 
s ch e n V o l k stund e, der von der Notgemeinschaft der deutschen 
Wissenschaft heraM wird. Dank der vorgelegten Proben er ¬ 
hält die Oeffentlichkeit zum erstenmal Einblick in die Methodik des 
gewaltigen Werks. Es kommt auf Grund einer Enquete Zustande, 
die über 20 000 Ortschaften umfaßt und das gesamte, noch erhaltene 
Kulturgut zu inventarisieren sucht. In den sorgfältig ausgearbeite 
tem Fragebogen, deren Beantwortung meistens den ortsansässigen 
Lehrern obliegt, finden sich Fragen wie diese: Wer bevorzugt den 
Montag als Hochzeitstag? Ist an den Häusern eine Dachrinne an 
gebracht, und- wem wird der Erstgeborene ge 
nannt?-Welche Namen- trW -der Palmstrauß.?- Jeder Frage ist 
eine eigene Karte Deutschlands gewidmet, in die alle zur betr^ 
dm Frage gehörenden Auskünfte mit Hilfe von Zeichen eingetragen 
werden; so daß man aus der Karte unverzüglich die Gegenden aL, 
lesen kann, in denen etwa die Katholiken den Montag als Hoch 
zeitstag bevorzugen. Natürlich sind die Karten durchweg im selben 
Maßstab gehalten, um die rasche Herstellung von Beziehungen zwi 
schen den einzelnen Befunden Zu erleichtern. Wenn das Werk erst 
vollendet ist, wird unser Besitz an altem Kulturgut in einer bisher 
ungeahnten Weise erschlossen sein, und aus seiner geographischen 
Fixierung werden sich dann zweifellos neue Erkenntnisse ergeben^ 
- Jeder quantitativ durchdrungene Stoff läßt sich selbstverständ 
lich auf mannigfaltige Weisen versinnlichen. Man mag ihm mit 
Kurven Leikommen, mit Säulen, mit Meßbildern, in denen 
Figuren verschiedener Größe auftreten, oder mit Zählbildern, in 
denen die Zahl und ihre Bedeutung durch bestimmte Mengen 
schematischer Bildchen repräsentiert werden. Die Ausstellung 
gestattet nicht nur einen lehrreichen Vergleich zwischen den Dar- 
stellungsartm, sie lehrt auch erkennen, daß jede ihre Vorteile und 
Nachteile hat. Und zwar entspinnt sich fast stets ein Konflikt 
zwischen Genauigkeit und Anschaulichkeit. Während bei Meß 
bildern, die verschieden große typische Bilder enthalten, der 
Ziffernmäßige Wert des Bildes in der Regel zurücktritt, verküm 
mert Lei Zählbildern gemeinhin der Inhalt des gewählten 
Symboles auf Kosten seiner Menge. Welche Methode sich als die 
beste empfiehlt, kann nur von Fall Zu Fall entschieden werden 
und hängt nicht zuletzt von den mit der Verbildlichung jeweils 
verbundenen Absichten ab. 
Die Tendenz Zum häufigen .Gebrauch des Zahlenbildes ist 
modernen Ursprungs. Ausgebildet worden ist sie Zuerst in den 
großen Ausstellungen, in denen es darauf ankam, gewisse 
statistische Erkenntnisse dem breiten Publikum einzuhämmern. So 
hat zum Beispiel die Dresdener Hygiene-Ausstellung schon vor 
dem Krieg mit Zahlenbildern zu arbeiten begonnen; aus dem 
Bedürfnis heraus, die Besucher möglichst schlagkräftig über die
        <pb n="91" />
        ( ^c76^,'^ ) 
8vvl« oluLV D»ÄV 
Vo» 8- XkK.GLUSQ 
Der Kreis junger Dsute, äsn Brieäried 
Dordsrg in seinem Roman: ,,. . . unä glau- 
den. es v ärs äis Disds" (Baul Lkolna^-Ver- 
lag, BsrUn-Misn-DoipLig. M4 8oitsv. Osd. N. 6.80) 
dsraukbosnd^ört, sedsint Alten ZednitLler-BoMLnon 
entsprungen su sein. Das deillt, ieb dor^olkls kei^ 
N68V6Z8, äaü 68 soleds jungen Nensedon aued 
Leute gibt, vor Allem in Misn unä anäeron groll- 
stäätiseden Lnklaven; Ader nisdt alles Bsutigs ist 
virklisd von Heute. Duä äioss kleins Dlique gar 
kommt 80 aus äem Osstern, äaü sie v^is ein ver- 
sodollsues Drüxpoden in unserer Loit anmutst. 
„Danja 83Ü äa", dsiüt^es einmal, „mit ssdr iräi- 
Ledsm IntereAss in ein Uoäsjournal vortiskt, unä 
sedon begann äas kleine Dasein seins Düeksu sssgen 
mied Zm mobilisieren: ^so Msi! unä Viktor Bsllmer 
tauedtsn auk unä Latten laute Ztimmsn, äer Kellner 
seLlsWts Leitungen derbsi, unä in dalkenäieksn 
Lettern stanä es äa Wer äsr Mn^sn Breite: ,2«-ölk 
Mllionsn WdsitslosF'". Wenn mied niebt 8lies 
täusedt, kloM äie OsgenMart, äis sied Lisr in (ls- 
AtLlt von L^ölk Wllionen ^rdsitdlosen ssdüodtsrn 
bemerkbar maodt, sonst nur noeb dei seltener Oe- 
lsgendeit an. 
O 
Dis MVWN Deuts smä üdsräiss visl LU sebr mit 
sleL desedäktigt, um auk äas Llopken übsrdaupt cu 
asdtsn. Momit Wer bssedäktigen sis sied? Nit äsm, 
^VL8 äor auk äsr DmsedlaMsite entdalttzne Mased- 
rsttsl „äis ssellsode Rot unä 8sdvsuedt äsr deuti- 
Äsn äugsnä" nenZä. Madrdaktig, sis Laden ss so 
eilig, »isL in iLr Innsnledsn cu stürcen, äaü man 
kaum erkädrt, ^sr äis Vstrekksnäen eiMutlisd 
sinä. 8tuäonten, sin Diodtor, ein Bäsonsur, ein 
Lportsmann, äsr okkevkar im väterlieden Dsssdäkt 
arbeitet, ein paar LürgerstÖedter, äis keine peku 
niären LorÄHR^u^dLdsn sedsiuen, unä nisdt culstct 
Dauja: äas ungskadr ist äas vag bestimmte Lnssm- 
bis. Keins MtZlisäer belegen sied vor Linterg/ün^ 
äsn, äie völlig im Bintsrgrunä bleiben, unä inter- 
essiersn sied ^säer kür äie Melt noeb kür idrs 
etwaigen Beruko, sonäsru siucig unä allein kür idre 
„seslisede ^ot". Diese Mt bsstedt natürlied in 
niedts anäsrem Als in DisbWerlednissen äer vor- 
sedieäensten .4rt. Der Kportsmann ist ein Don 
äuau, Butd liebt Beter, Bstsr nimmt Inge unä bs- 
gsdrt Kiläe, Kiläs vereinisst sied mit äem Died- 
ter kalter, äsr Danzs liedt, äie nued von Viktor 
Ätzliedt vürä. Dntvviekelten sied äiess NeriedunAen 
^veniZstens einiÄtzrmakev Flatt? .Wer von äen Diai- 
sons äes Kportsmanues sdÄSseden, sinä sie deinads 
äured^sZ so kompliciert, äaK man nio reedt vmik, 
od sie sied üderdsupt noed ont^iekeln. Dnnenndar 
sedvieriA ist vor allem äas Verdältnis c^iseLen äsn 
deiäeu LsuptkiÄuron ^Valtsr unä Dania, ässsou ein- 
celne Ddasen äas Lued Luskülleu unä äis V^elt mit 
idren r'völk Nillionsn ^rdeitslossn veivirLnÄSN. Die 
seeliseLe dlot 'Malters drauedt kreilied viel Dlatr;. 
Denn venn cum Beispiel äie Oelsssendeit kür einen 
KuK FünstiA v^äre, kükt er nisdt einkned äie ^e- 
liedte, sonäern reklektiert erst lanZ Wer äis ?ro- 
dlematik äss KuRes. „Immer verkanÄS isd mied an 
äiesem Uaken; ied dessann väeäer komplicierte Dn- 
tsrLuedunZEN Wer As M^tigksit äss LusssZ LQLU« 
ktellon, od red Danja nun küssen sollte oäer ^mruni 
lieder niedt, vas Wsededsn v-ulräs, Mßnn icd sie 
kükts, unä —° äs spürte ied, äaü idr Vliek auk mied 
Zeriedtst ^'ar, unä sad naed idr din: sie seinen aus 
otvLS Lu ^kartsn, auk msins DutÄSssnung vieUsiedD 
äann pLötcHeL Klsudte ied klar cu wissen, äsk 68 
äoed nur mein KuK sein könne — Wer äa ^ar es 
mir sden sedon klar, unä allss vorder, es kann äoed 
nur besinnungslos gesededen, äer KanL grodo 
HauseL, äsr ^'adre Taumel muk sied äoed vordeV 
dtzAedou, im dürren DntsedluK." dlLtürlied ms^ 6Z 
untsr Ilmstänäsn niodt einkaed sein, einon Kuü cu- 
stsnäs Lu dringsn. Hier zeäoed erlangt äis mit 
äieser Aktion verdunäene Nüde keine Lsäeutung; 
äie sis virklied gsdaltvoU maedts, sonäern ksnn^ 
Zeiednet lsäiglied oinon pZ^rdologisedsn Zustanä. 
Den äss 8MtlinM, äer von äsn Linsen äes srerdten 
Lsslenkapi^alK ledt- 
Dis KorM, äsrsn sied DordsrU cur bsstMuüK äes 
ps^cdologiseden ZtoIkW dsäisnt, ist äie äes DaKs - 
d u e d s. Vatsä« dlicd sstct sied äsr ZanW Roman aus 
lückenlos intzrnanäsrgrMsnäen DÄZebued ^ukLeicd- 
nungsn äer NedrLLdl äes detsiligten kersonals Lu- 
Kämmen, (legen äsn etvaigsn Vor^urk, äaL M§s° 
düeder äoed Lsuts selten gWedrisdsn ^eräen unä 
idrs Vsr^vGnäung änder Isiedt irreal virksn könnte, 
ve^sdrt sied namens äes Motors äsr Diedtsr Mal 
ter, äer aus ssinen Drlsdnisssn sdsntaUs einen Re- 
man cu maeden gsäsnkt. „DaQ in äisssm Lrsiss von 
ungekädr Lsdn Deuten glsied sieden auk einmal La^s- 
düedsr kükr^n, käme mir ja seldst ein v^emss ün- 
Wadrsedeinlied vor.-.Wer äall in destimmten Leit- 
adstänäen bestimmte Vorgänge rekapitMsrt unä de- 
stimmte Dederlegungen äs ran geknüxkt v^eräsn 
äas ^ieäorum Lalte ied kür so seldstverstLnälied 
glauddakt unä siedsr, äaL eins soleds Rorm äsr 
Dinkleiäung vodl Zersedtkertigt srsedisnH." Dd^odl 
sied Malter alias Dordsrx in äisser Vermutuirg^ 
rvoiktzllos irrt, oäer äoed zsäenkalls äis Rskspitu- 
lation vorgangener Vorgänge, venn sie Wer- 
daupt stattkinäst, äurcdaus nisdt tageduedartig 
Zu erkolgsn xklsgt, äark man äie gs^Ldlts Tags» 
dued-Dorm um so oder passieren lassen, als sis nut 
gewissen Kkrupeln cu unterbauen vsrsuedt vürä. Mal 
ter dat äaL Dageducd in äsr ^.dsiedt dogonnsn, Ddr« 
liedkeit gegen sied selber ru üben, unä kommt erst 
in äem ^.ugendliek auk äen Oeäanken seinor literarD 
aeden ^usv/ertung, in äem sr sied von äer Dnäured- 
kndrbarkeit zensr Wsjcdt üderzeugt. Lins Begrün- 
äung, äie alleräings sedon verrät, vüe psyodoloZiscd 
äas ganM Dnternedmen gemeint ist. Ds stammt aus 
äer Vetraedtung Leeliseder Bolationsn unä münäst 
vüeäer ins Lsslisede ein. Ilmmerdin ist äas starks 
Da!ent ancuerkennen, mit äsm DorbsrZ äie Ueber- 
liekerungen psz-edologiseder BrLädlsrkunst auknimmt 
unä kortgestaltet. Lr dantieit, mit seinen Dagsbüederu 
vüs mit Axisgeln, äis ein unä äasselde Lrsignis von 
versodmäenen -Zeiten^ der bannen, vsrstedt sied auk 
äis Aediläerung äer dintorbliebenen bürgerliodsn 
Keslsnintorisurs unä kolgt subtilen Kedvüngungbn bis 
in äsn leictsn Bs^nütseins^inksl dinsin. Ds^ emp- 
kinälreds Innere Danias Zum Beispiel ist sart unä 
rsiMnä ^isäerZeZebsn. led Labs M arwäLnsn vsr-
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        D»8 L«H&amp;gt;VIL 
gössen, daü Danja eine Russin ist, väs sie in äsn 
beutigen russiseben Romanen niebt mebr verkommt; 
viel ober in maneben äeutseben, äsnsn solobe rus- 
sisebe Nääeben immer sin Ltüek Lxotik bedeuten 
lanza liebt oäsr lisN aueb niebt unä kübrt ver- 
iviekelte Gesxräebe darüber; vas sis sonst noeb tut, 
ist nielit Zu ermitteln. ^.m wenigsten gelungen sebeint 
mir äsr Lportsmann Zu sein, äsr sieb iin Dagebueb, 
das gar nielit Zu iliin paüt, kort^äbrend v^ie sin ver 
sierter RerZensbreeber ausdrüeken muü. 
Daü SS lorberg inmitten äsr vielen seeliseben 
Rot nielit nur bebaglieb Zumute ist, gebt aus seinem 
gegen äsn Lebluü liin gemaebten Versueb bervor, das 
xs^ebologisebe Milieu Zu durebbreeben. Dr läüt Wal 
ters Gewissen sieli regen. Walter, äsr im allgemeinen 
rein von sieli selber erküllt ist, legt sieli Reeben- 
sebakt von seinem Verbal tnis Zur ^uüenvelt mit ibren 
Z^völk Millionen Arbeitslosen ab. Das Drgebnis ist 
kreilieb dies: daü er angesiebts äer Z^volk Millionen 
nielit etvm sein^ eigenes millionenseb^veres Innen 
leben einZusebranken lernt, sondern, im Gegenteil, 
es noeb weiter Ausbauen v^ill. 2var vvünsebt er sieb 
äsn Dag bsrbsi, an äsm äis Klassen aukbören unä 
niemand me^r bungern ^vird, Aber er beklagt Zugleieb 
Ais „spieüerisebe Dngstirnigkeit", mit äsr kür solebs 
2isls gekämpkt r^sräs, unä meint auÜerdem, daü ibrs 
Verivirkliebung weniger ^iebtig sei Als äas. v^as ibn, 
Walter, im Innern belege. Dr nennt äas ibn Ve- 
regende sebliebt Diebe unä sebreibt von ibr ins 
lagebueb: „Wenn äis neue Ordnung von bier aus 
erst sieb sebakken müÜte unä Boden gewinnen? 'Wenn 
ibr unbrauebbar ^vart kür sis, sbe ibr äiesss niebt er 
kennt babt? Ds kenn äoeb niebts Kollektives sein, 
8xi»»L«8. 
Dank diesem bebutsamsn Verkabrsn tritt der ent- 
sebeidends 2ug der BxiZtenZ LxinoZas Zutage: die 
Binbeit von Denksn und Lein, die in äer 
Wirkliebkeit seines Dsbens nur die Attribute einer 
unä derselben LubstanZ Zu sein sebeinen. Immer 
lieäer leist Xa^ser daran! bin, lie sieb bier Ral- 
tung und Debre leebsslseitig belabrbeiten. Lsiner 
^ukgabe gemäÜ streikt er natürlieb nur die Geb alte 
des Werks, ^.ber bringt er aueb keine Gedanken- 
Analvsen, so arbeitet er äoeb naebärüeklieb jene 
Leiten äes spinoZistiseben Lebakkens beraus, die uns 
beute besonders Zugelandt sind. Dr leitet äie ^uk- 
klärung aus LpinoZa ab, kennZeiebnet die Lxreng- 
krakt und Gekäbrliebksit seines Denkens und erbellt 
die Behebungen Zliseben xbilosopbisobsr Dbeorie 
und politiseber Braxis. leb kann mir niebt versagen, 
ein paar bei Lauser Zitierte LätZe LpinoZas liederZu- 
geben, die sied gegen die Vergelaltigung des Volks 
äun:b eine äiktatorisebe Rerrsebakt riebten: „Wenn 
aber Lklaverei, Barbarei und Bin öde Rrieden beiüen 
sollen, dann gibt es kür die Menseben niebts Rr- 
bärmlieberes als den Rrwden. In der Dat gibt es ge- 
löbnlieb mebr und bektigsre Ltreitigksiten Zliseben 
Litern und Lindern als Zliseben Rerrsn und Lneeb- 
ten, und äoeb liegt es niebt im Interesse des Baus 
baltes, das väterliebe Reebt in Berrsebakt uinru- 
vanäeln und damit die Linder als Lklavev Zu 
bebanäeln. Die Lklaverei, niebt der Rriede kordert 
also, alle Gemalt einem Zu übertragen: denn der 
Rrieäe bestebt väs gesagt niebt in einem Versebont- 
sein von Lrieg, sondern in der Einigung und Bin- 
traebt der Gesinnung.^ 
Obne daü Lauser LxinoZa je kälseblieb Zu aktuali 
sieren suebts, Zeigt er die Aktualität dieser Ge 
stalt. Nan muL nur die Verbaltnisse Zu transponie 
ren verstsben. Xr» 
LtütZxkeiler, starker unä einZiger. Und es 
v^ird eben erst äann keinen Hunger mebr geben, 
bis es äis Diebe gibt. leb glaube es so." 
lob muü gestoben, äaÜ mir äiess Vrüekenkonstruk- 
tion niebt ganZ klar ist unä daü ieb vor allen Din- 
Zen niebt sinssbs, varum Walter äsn Kampk Zur 
^.bsebakkung äsr XlaAsen um äer von ibm ange- 
sproebenen Diebe killen deklassieren muü. Ds keblt 
ja keineswegs an Zeugnissen äakür, daü äis Diebe 
sieb mit einem derartigen Dampke vsrbünäen kann. 
Inäsm Walter (bZw. I'orberg) äissen Rund verwirkt, 
beweist er unZweideutig, daü ss ibm bei der ^us- 
einanäsrsstZung mit der latsaebs der ^rbeitslosen- 
Millionen nur um die Dbrenrettung seiner sselisebsn 
Rot Zu tun is*t. Rr bietst dis ^.rbsitsloLsn auk, vmil 
sr sieb rubiAsn O-svüsssnL vüsdsr in ssins Rrivat- 
ZemLeber Lurüek^iebsn möebts. ^bsr das ^rZumsnt, 
mit dssssn Lilks sr ssin Os^vässsn besebvdebtiZt, ist 
kaktiseb eins purs IdsoloZis. Osnn einmal sind die 
k-isbsserlsbnisss, dsnsn sr oblieZt, noeb niebt mit 
Insbs idsntiseb, und mim andern wüÜts ieb niebt, 
vüs solebs lan§ivieri§en ps^eboloZisebsn ^bläuks 2u 
zener einZrsikenäen Naebt bslanZen sollten, äis sr 
ibnen im Intsrssss ibrer VertsidiZunA doeb bsimikt. 
Lur?um, das* ks^ebo1o§isebs v^ird bier niebt äureb- 
broebsn, sondern bleibt in sieb bskanZsn. ^ueb sr- 
siZnet sieb nirgends ssins ^srsstrunZ; stvm naeb dem 
Vsis^isl von „Rräulsin Rlss", sinsm Merk, in äsm 
die ks^eboloAis bis 2um Rnds ibrsr selbst trsibt. 
Oe^viü §laubt dsr junsss "Walter auk äsn letzten 
8tzitsn an äsr Wirkliebkeit äsr lüebs in unssrsn 
^aZsn vsiMsiksln iru müssen; äisss kra§WürdiKs, 
vom bekrsundstsn Räsoneur nur labm korrigierte 
Rrksnntnis r^vingt ibn zsäoeb niebt Lur Abdankung 
jeder in eure eigens Rot verstrickt, jeder, äsn es 
angebt, Also jeder... äeäer' in seine Rot. 8ebt ibr Gespens t er v on ebsdem . Zolange sis das Wesen 
denn niebt äie groüe Brüeke, äis sieb völbt über m it ä sm V er l esen d en un ä ib re W e lt m it d er W e lt 
Hunger unä Diebe? Beide, nur Rkeiler, bsiäs, jetZt. ver l eo b se l n, l sr ä sn s i e s i e b n i ema l s sum R eu t s 
^.ber es värä keinen Hunger unä äennoeb Diebe,durebkinäen , in das sie sieb verirrt baben 
v^AZ sueb segnen soll, ebs ibr niebt krsi geworden bloÜyr KeslsnbaktigkÄt, ist vielmebr deren kolgsnlossL 
esiä uns sueb unä Zueinander konnt! Ibr seid äoeb k ro ä u kt . 
In seinem Vuebr „8 plNoL a" (kbaidon-Verlag, 
Wien und I&amp;gt;siMK. 313 Leiten) entlirkt Rudolk 
Lauser ein I^sbensbilä des Denkers, das niebt nur 
ässbalb Lur rsebten 2sit kommt, leil sieb der Os- 
burtstaZ Lpinoras gerade jetst Lum 3M. mal gszabrt 
bat. 
Dntsr den vislen Viograxbien, äie läbrend dsr 
letzten dabre über uns ausgesebüttet lorden sind, 
stellt diese sebon insokern eins ^usnabme dar, als 
sie niebt einem belegten Dasein, sondern einem 
sebr verborgenen gilt. Ra^ser löst äie käst unlös 
bare ^.ukgabs, die Liograxbis eines kbilosoxben 2U 
sebreiben, dessen biograpbiseb erkaLbars Lüge Tu 
versinken sebeinen, mit auüerordentliebem lakt. 
Wiebtig ist vor allem, daL er auskübrlieb bei den 
802ialen, politiseben, religiösen Zuständen verleilt, 
die LpinoLAS LxistenL und Werk mitbedingen. Lr sebil- 
äert die Lituation der Marranen in Rolland, äen ein- 
greikenden Obarakter der Lämpke, die sieb Lliseben 
den neuen Gedanken unä den alten Glaubens- 
bekenntniLsen vollrieben, die Bedeutung äer Regent- 
sebakt äan äs Witts ULl. 8o gelingt es ibm, Lx-inoLas 
Debre in den bistoriseben Raum ein^ubesieben und 
dis Dmlelt berrustellsn, dis sein Deben bs- 
gren^k Bs ist ein Deben, das äen Lebau- 
xlats dsr Dreignisss meidet, um im Den 
ken LU vergeben. Indem Xa^ser seinen Ltationen 
Lolgt, lLÜt er völlig dis Rs^ebologie aus dem Lpiel, 
die bier noeb unangebraebter läre, als sis es sonst 
Zebon ist. Ltatt naeb ^rt maneber beliebter Biogra- 
xben das Werk aus irgsndlelebev Ltrukturen des 
smpirmeben Daseins Zu deuten, erklärt er eber um- 
gekebrt den ^.blauk des Daseins aus der Ltruktur 
ApinoZiKtisebSN Denkens. Leins RrZLblung ist gegen- 
stänälieber ^.rt, sie besebreibt dieses Deben von den 
Gebälken ber, um derenklillen es sieb vsrsebrt. Das 
lenigs Rrivats lirä niebt unzulässig ausgeleitet 
und zede Bpisode auk ibren Zinn bin untersuebt.
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        j^r^L) -S^L. 
Auf der Leinwand: 
Berlin, im November. 
Harold Llohds neuer Tonfilm: „F i l m v e r r ü ck L", der 
jetzt in deutscher Fassung gezeigt wird, ist von einer so drastischen 
Komik, daß man aus dem Lachen nicht herauskommt. Nur ein 
Beispiel von Zahllosen: ein Kücken ist in ein Kanalisationsrohr 
gefallen und Lloyd schafft es dadurch wieder nach oben, daß er 
Wasser ins Rohr fließen läßt Munter erscheint das Kücken auf dem 
Wasserspiegel im Tageslicht. Der Film hat eine geschlossene Hand 
lung, die darin besteht, daß Harold als Filmenthusiast nach Holly 
wood reist, dort wider Willen lauter Unheil anrichtet und schließ 
lich zu seiner eigenen Ueberraschung doch noch den ursprünglich 
ersehnten Kontrakt erhält. Natürlich ist diese einheitlich durchge 
führte Handlung nur der oft kaum sichtbare Rahmen für eine Fülle 
von Improvisationen. Ihrer Zwei sind in sich zusammenhängende 
Einfallsketten. Die eine entspringt einer Verwechslung. Harold 
tauscht bei einer Gesellschaft seinen Frack für den eines Zauberers 
ein. aus dem dann beim Essen und Tanzen eine Menge ungeahnter 
Dinge hervorbrechen. Weiße Mäuse machen sich selbständig, eine 
Taube fliegt durch die Luft des Saales und die Knopflochblume 
verspritzt in den unpassendsten Augenblicken Wasser. Die andere 
Improvisation-reihe vermischt Sein und Schein. Während einer 
gigantischen Aufnahme im Filmatelier stürzt sich Harold auf den 
gerade agierenden Darsteller, der im Privatleben sein Nebenbuhler 
ist, und ein äußerst roher Kampf hebt an, den der Zufällig vorbei 
kommende Filmdirektor für die Haupt- und Staatsaktion eines 
eben in Arbeit befindlichen komischen Films hält. Er kann gar 
nicht aufhören zu lachen. Und obwohl er später über seinen Irrtum 
aufgeklärt wird, engagiert er doch Harold mit der Begründung, 
daß er ihn eben zum Lachen gebracht habe. In der Tat versteht 
sich Harold Lloyd auf diese Kunst wie nur wenige und hat sie im 
neuen Film so weitergebildet, daß ste die Form der bloßen Gro 
teske schon manchmal sprengt An seinen Höhepunkten nimmt der 
Film märchenhafte Züge an. Der Held wird dann zum Tolpatsch, 
und der Tolpatsch zum Hans im Glück. Die Situationskomik aller 
dings bleibt Zum großen Teil auf der Strecke zurück. Während 
bei Chaplin etwa irgendeine Verwechslung stets einen Hinweis aus 
die Unordnung in der menschlichen Gesellschaft enthält, ist ste ber 
Lloyd immer nur eine Verwechslung. 
Der Ufa-Film: „Der weiße Dämon", den die Zensur 
aus unbekannten Gründen verboten hatte, ist jetzt doch freigegeben 
worden. Offenbar erst nach Strichen; denn hier und da ist eine 
Lücke zu spüren, in der etwas gesteckt haben muß, was man aber 
nicht allzu sehr vermißt. Wenn es allein auf die Spannung an- 
käme, wäre dieser Film schlechthin vollkommen. Er stellt die Jagd 
auf eine Bande skrupelloser Rauschgift-Händler dar, ber 
deren Verfolgung noch dazu eine Sensation die andere jagt. Das 
fängt im Ozeanriesen an und hört im Wasserflugzeug auf. Da 
zwischen liegen Stationen wie die Kulissen eines Varietetheaters, 
eine Hamburger Hafenkneipe, kD-Züge in voller Fahrt, der Dach 
garten des Pariser Hotels Grillon und Lissabonner MiSeus. Mehr 
Schauplätze in anderthalb Stunden hineinzupacken, ist einfach nichr 
möglich. Hinzu kommen die Aufregungen der Fabel selber und 
das Tempo, in dem sie sich abwickelt. Ueber Verhaftungen, die 
nicht ausgeführt werden können, Attentate, die scheinbar glücken, 
Grammophon-Verabredungen, Revolverschüsse und andere Zwi- 
schenfälle geht es unaufhaltsam weiter bis zur Erledigung der 
Bande und der Entdeckung ihres geheimnisvollen Chefs. Die Lüf 
tung seines Inkognitos ergibt eine Schlußpointe, die dem gewieg 
testen Detektivromanautor Ehre gemacht hätte. Kurzum, der Film 
hält die Zuschauer in Atem, und da er keinen höheren Ehrgeiz als 
diesen kennt, darf man mit ihm zufrieden sein. Umsomehr, als er 
von Kurt Gerron schmissig und mit großem Aufwand arrangier: 
worden ist. Die Schiffsszenen zu Beginn sind unterhaltend, die 
Effekte der einzelnen Auftritte klar aufgebaut und die Bilder sorg 
fältig ausgewählt. Wer anders als Hans Albers könnte der 
Held sein, der den Augiasstall reinigt? Er begibt sich in tausend 
Gefahren, um ihnen immer sieghafter zu entsteigen, und ist von 
Anfang bis zu Ende ein einziger Glanz. Dennoch wirkt er sym 
pathischer als in früheren Filmen, weil er in diesem nicht nur 
auftrumpfen muß, sondern auch ab und Zu hilflos sein darf. 
Schade, daß er nicht häufiger die Gelegenheit erhält, sich in den 
gemäßigten Zonen zu tummeln. Zu den Hauptstützen des En 
sembles gehören Gerda Maurus, die das Laster der Rauschgiftsucht 
verkörpert, und Peter Lorre, dessen Verbrechertyp ausgezeichnet 
gelungen rst. Sein kahlgeschorener Kopf wirkt wie der eines 
Asiaten, der zum Zweck feingesponnener Verbrechen durch die euro 
päischen Hauptstädte schleicht. 
Ueber den Zivilisationskitsch, der sich im Marks ne 
DieLrichsFrlm „Die blonde Venus" breit macht- ist 
kein Wort Zu verlieren. Die blonde Venus fallt tief und immer 
tiefer, ohne eigentlich zu fallen, denn sie liebt ja nur ihr Kind, 
und weil sie ihr Kind so liebt, nimmt sie ihr Mann, der ste natür 
lich ebenfalls liebt, zuletzt wieder in Gnaden bei sich auf, obwohl . 
sie doch Lief gefallen war. Beinahe bedrückender noch als diese &amp;gt; 
Rührseligkeit ist die künstlerische Art, in der sich Josef von 
Sternberg, dem ste aufoktrohiert wurde, mit ihr abzufinden 
sucht. Er hätte sie in die Kolportage hineinzerren sollen und be 
handelt ste nobel. Die badenden Mädchen am Anfang, das Variete, 
die südamerikanische Farm usw. — alle Szenen werden zu Bildern, 
die eingerahmt an der Wand hängen könnten. Und ein ewiges 
Dämmerlicht herrscht in ihnen, das sie noch anspruchsvoller macht. 
Das ist die Tonart für ein Kammerspiel, nicht aber für einen 
solchen Stoff. Indem Sternberg seinen Unwert zu adeln trachtet, 
statt ihn entschieden herauszustellen, erhöht er nicht etwa die 
Niedrigkeit der dem Stoff innewohnenden Gesinnung, sondern 
erniedrigt auch noch das Höhere. Denn die Kunst, die man aufs 
Imprägnieren von Leerläufen des Gefühls und gesellschaftliche 
Ideologien verwendet, wird von diesen herabgezogen und ver 
liert ihren Sinn. Marlene Dietrich vollzieht natürlich den vermeint 
lichen Veredelungsprozeß mit. Das gewisse Etwas, das von ihr 
ausgeht und viele bezaubert, leidet aber bei ihrer Erhebung in dre 
oberen Sphären, die gar nicht die oberen sind, schwere Not Es 
kommt zum Vorschein, wenn sie die Dialoge der Beine beseelt 
Uebertönt ste dagegen als blonde Venus mit der Seelenharfe die 
Beine, so wird die Rangordnung in fataler Weise verkehrt. Nicht 
so, als ob sie bei der Darstellung der Mutterliebe, der Resignation 
usw. mimisch versagte. Das Peinliche ist nur, daß diese seelischen 
Zustände nicht, wie es zu fordern wäre, um ihrer selbst willen 
erscheinen, sondern als erotische Verführungsmittel dienen. Der 
unerträgliche Mißbrauch der hier mit echten Empfindungen ge 
trieben wird, enthüllt seine wahre Natur dort sehr deutlich, wo 
es sich tatsächlich darum handelte, die Beine zum Sprechen Zu 
bringen. Auch in den Varieteszenen möchte sich die Dietrich rein 
von oben her geben, und der Effekt ist der, daß ste nicht einmal 
wie einst im „Blauen Engel" ein Prickeln erzeugt. Die Chansons 
werden von Luftkissen erstickt, die bloße Andeutung der sinnlichen 
Reize verfehlt ihren Zweck. Das ist die Rache für die Ausnutzung 
der Seele im Interesse der Erotik: daß diese genau an den Orten 
Zu kurz kommt, an denen sie sich von Rechts wegen zu Zeigen hätte. 
* 
Unter den Filmen, auf die kurze Hinweise genügen, wäre die 
deutsche Fassung des LubiLsch - Films: „Der Mann, den 
sein Gewissen trieb" zu nennen, die bereits gelegentlich 
der Wiener Aufführung besprochen worden ist. Die gegen den 
Krieg gerichtete Tendenz des Films in Ehren: aber das Ueber 
maß sachlich unorientierter Sentimentalität entwertet zuletzt leider 
wieder die Tendenz. Großartige Regieeinfälle gehen durch. Abge 
sehen vom vielgerühmten Anfang, der den in Paris nach dem 
Waffenstillstand abge^altenen Dankgottesdienst mit schlagender opti 
scher Kritik vergegenwärtigt, ist eine geistreiche Szene Zu loben, die 
dem Ton eine besondere Rolle Zuerteilt. Während das Liebes 
paar durch den Ort wandelt, stürzen die Bewohner zu Beobach 
tungszwecken aus ihren Ladentüren, die mit Glöckchen ausgestattet 
sind. Und ohne daß man die Neugierigen selber erblickte, folgt den 
beiden Vereinten noch lange ein Gebimmel, das ihre zärtlichen 
Gespräche begleitet. Eine Abhandlung wäre zu schreiben über 
die sonderbare, in ihrer Bedeutung noch gar nicht durchschaute 
Verschiebung nationaler Ausdrucksformen, die 
der Tonfilm heute vornimmt. Der Film schildert ein deutsches 
Familienmilieu, das in Hollywood von amerikanischen Schauspie 
lern produziert worden ist und nun, nachträglich eingedeutscht, in 
jenes Land Zurückkehrt, aus dem es geholt worden war. Das Ur 
sprüngliche wird so vielfach gebrochen; aber die Verzerrungen, die 
ihm widerfahren, erwecken ein Ahnung künftiger Möglichkeiten. 
Zweifellos weist der bedenkenlose Güteraustausch, den der Ton 
film bewerkstelligt, auf eine Zeit vor, in der sich die nationalen 
Eigenarten nicht nur gegenseitig abgrenzen, sonder miteinander 
vertragen werden. 
Der Ban c rost-Film: „W er ha t h i er re cht . . ver ¬ 
folgt die nützliche Tendenz, das Publikum über die Schattenseiten 
des Berufsboxertums aufzuklLren. Die Manager sind oft skrupel 
los und entledigen sich zu ihrem Nutzen rasch der Kräfte, die sie 
verbraucht haben. Es bekommt Bancroft gut, daß er diesmal mehr 
Püffe zu erdulden als auszuteilen hat; denn die Passivität, die 
ihm durch die Rolle auferlegt wird, zwingt ihn zur Auswertung 
aller seiner reichen darstellerischen Mittel. Sehr lustig ist ver dampf 
Zwischen seiner Schwere und dem schlagfertigen Mundwerk der 
Ehepartnerin, die den großen Mann keifend am Gängelband führt. 
„Zigeuner der Nacht": ein heiterer Kriminalfilm mit 
Musik von Paul Abraham. Harmlose Unterhaltung; nicht unwitzig 
gemacht. Jennv Fugs Zeigt wieder einmal ihre Begabung für 
charmant-komisches Ungeschick. 
8. LrLELnsr.
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        / o --3 2 
^V? i/^ 
.' K. H. Kemek: „Ake Aettneri« Wskty" ,/ 
i - vas Book: „v i s LsIlQSriL N o 11 &amp;gt;*' Von 
r- Hans Otto Neu«! (k's.eksirsitsr-Verlas, VsriiQ. 
221 Seiten) ist sjcns 8itt6Q8vdiräs^Qss, in äer äie 
Ltzden88vkiok8als eines armsn Mäckens verssFSQ- 
vLrtixt weräen, äas okns eigene Sednlä immer tisksr 
bergab xisitst. -^der niekt um äieses L5Lävken seldsr 
r xsdt es in äem 6usk. sonäern nm zene Näsvis, änred 
r äeren ^uArikk oäsr Ovirmaevt NoUz^ so viel leiäen 
mnL. Vis Seknle nnä Lliquenvrirtsedakt äer ?rovin2- 
staät, äie Nsovtspfisx«, äie iveidlieden Pürsorseanstal- 
k tsv, äie Mmisekkeit äer Xlelndür^er, äie Verbin- 
; äunxsstuäentev: sis alle steten visr vor Hsrievt. 
Ssvaäs, äaS äsr ^utor Nielit immer Liviselien scplsev- 
tsn ^nstänäen unä menseklielitzL ^edlsektissiLeiten LU 
unterselreiäen verstellt; sder seins sosials Lwpöruns 
ist esvt unä triktt aued KLukiss äis 8aevs, äis rsstxs? 
l nadelt 2u weräen vsräisnt. vursk äas äiieltantiseLs 
- UnFsseklek, mit äem er dsi äsr Vr^LdiunA vsrkävrt, 
; ^irä äas Luck leiäer um sinsn Lei! seiner WärkunZ 
z KSdrasUt. 
/05 &amp;lt;j - -lleA^Le-, 
Urmßische Baukunst. 
Berlin^ Anfang Dezember. 
Die Preußische Staatshochbauverwaltung ver- 
anstaltet im Verkehrs- und Baumuseum eine Ausstellung: 
„Preußische Baukunst", in der an Hand ausgewahlter 
Entwürfe, die zum überwiegenden Teil den Wenböden und 
Archiven der Behörden entstammen, die künstlerische Entwicklung 
der BauverwalLung vergegenwärtigt wird. Dank der sorgfältigen 
Sichtung des Materials, die ein Verdienst von Ministerialdirektor 
Dr. Kießling und seines Mitarbeiters Ministerialrat Dr. Behrendt 
ist, nötigt diese Sammlung wirklich Zur Sammlung. Sie greift 
auf die frühen Traditionen der Staatsbauverwaltung (um 1800) 
Zurück, führt über Heinrich Gsntz und Friedrich Gilly zu Schinkel 
und von diesem weiter bis zum Ende der sechziger Jahre. Hier, 
vor Beginn des Krieges 1870/71, bricht sie ab, so daß man ein 
geschlossenes Bild jenes wichtigen Zeitabschnittes zwischen der 
Aera Schinkels und den Gründer;ahren erhalt, in 
dem die klassizistisch-romantische Richtung zu Ende schwingt und 
der Jndustrialismus immer stärker nach eigenem Ausdruck ver-- 
langt. 
Dis Entwürfe aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr 
hunderts verraten immer wieder, wie gut sich das Preußentum 
mit dem Klassizismus verträgt. Es werden einige Normal-Pläne 
für Amtswohnungen, Forsterhauser usw. aus der Zeit um 1800 
gezeigt, deren nüchterne Strenge unmittelbar in die Formen 
Gillys überleitet. Jener Frühzeit gehören auch Zeichnungen von 
Gewächshäusern an, die bereits vom Geist moderner Sachlichkeit 
erfüllt Zu sein scheinen. Allerdings wäre nichts verkehrter, als 
aus der äußeren Aehnlichkeit auf die Uebereinstimmung der Bau 
gesinnung schließen Zu wollen. Denn während sich in den 
Modernen Glasbauten das technische Wesen des Hochkapitalismus 
darzustellen sucht, verkörpern die damaligen eher die traditionellen 
Tugenden des preußischen Militär- und Beamtenstaates. Von 
Gilly selber ficht man ein Rittergut in Steglitz, das trotz der 
üppigen Raumbemessung soldatisch straffe Züge aufweist. Sie 
werden auch nicht durch die im Hintergrund des Fassad Entwurfs 
Lngedeutete Landschaft gemildert, die mit Hilfe von Zypressen 
und Tempelchen den Berliner Vorort in ein nordisches Hellas 
verwandeln möchte. Eins Staffage von schöner Zaghaftigkeit, 
vor der die Lisenen und Fenster des Rittergutes exerzieren. 
Paradeplätze und Kasernen sind noch dis Hauptpointen eines 
SLadtplanes von Schinkel, dessen Klassizismus auf dem reibungs 
losen Ineinander von militärischer Disziplin und dorischen Säulen 
beruht. Er ist nicht mit seinen bekannten Entwürfen, sondern 
mit ein paar Zweckbauten vertreten. Unter ihnen fällt der 
Leuchtturm von Arcona auf, in dem der herkömmliche Stil zum 
Aweckstil durchzubrechen trachtet. 
Wer trotz mancher Beziehungen zwischen sachlichem Preußen- 
tum und technisch-kapitalistischer Sachlichkeit ist noch ein weiter 
Weg bis zu den Industriebauten von heute. Wie weit er ist, geht 
aus der Darstellungsart Schinkels, seiner Vorgänger und Nach 
folger hervor. Entwürfe vergegenständlichen zum Unterschied von 
den modernen ein gebundenes Bewußtsein, das nicht in 
Relationen zu denken geübt ist, und insofern das Widerspiel der 
sozialen Situation, der sie entwachsen. Die Freitreppe in Gillys 
Ritterguts-Grundriß stößt von einem braun ausgepinselten Ge 
ländestreifen ab, der von rechtswegen nur in einem Aufriß etwas 
zu suchen gehabt hätte. Daß er sich in den Grundriß verirrt, ist 
ein Zeichen des Gefühls für Bedingtheit. Das gleiche Gefühl 
spricht auch aus den säuberlich durchgeführten Pflastersteinen, die 
einen anderen Grundriß Gillys umgeben. Man verfügt noch 
nicht nach kapitalistischer Weise über den Raum, man ist in 
ihn eingeordnet und hängt von ihm ab. Schinkels Perspektiven 
und Fassabend etails sind wahre Wunder einer Genauigkeit, die 
sich nur daraus erklären läßt, daß sich der Künstler seiner Um 
welt verhaftet weiß; Jeder einzelne Backstein in einer Wand 
korrespondiert mit der Landschaft, und die Barke im Fluß ist 
ein Element der Architektur, an der sis vorübergleitet. Das 
heißt aber nicht, daß Schinkel die Bauwerke im Sinne der 
Späteren dem Milieu anpaßte; er will sie vielmehr zu einem 
echten Bestandteil der Welt, seiner Welt, machen. Der Drang 
Zur Eingliederung des Gebäudes in dis Natur der Landschaft 
oder der Stadt tritt erst von der Zeit an auf, in der durch 
technische Erfindungen, soziale Veränderungen usw. die Be 
ziehungen zur Natur lockerer werden. 
Nach Schinkel bemächtigt sich die gleichzeitige Romantik mehr 
und mehr der Baukunst. Zwei kleinere KirchEntwürfe, die neben 
einander hängen, veranschaulichen in lehrreicher Weise diese Ent 
wicklung. Der eine von Schinkel selber steht an der Schwelle des 
Kommenden: antike Formen behaupten sich inmitten gotischer 
Vertikalen, vertrocknender Klassizismus bändigt gerade noch die 
romantische Schwärmerei. Der andere von Stüler, der etwa zehn 
Jahre später entstanden ist, zeugt schon von fortschreitender Er 
weichung. Die festen Rundbogen Schinkels werden zugunsten 
launischer Wölbungen verdrängt und gut organisierte Wände, die 
für sich selber sprechen könnten, von englischer Gotik überzogen. 
Das Bürgertum glaubt die blaue Blume zu suchen, und macht sich 
tatsächlich viel blauen Dunst vor. Eine schlesische Hochofenanlage 
aus dem Jahre 1850 sieht wis eins mittelalterliche Festung aus, 
von deren Wällen nur dann die Zugbrücke herabgelassen wird, 
wenn ein verbündeter Raubritter naht. Man steckt schon zu tief 
im Frühkapitalismus drin, um jene altpreußische Nüchternheit 
zu bewahren, dis, ohne ihn zu meinen, doch durch ihre vnge- 
schminktheit sein wahres Wesen enthüllte. Gewiß, die Fabrikschlote 
sollen rauchen, aber niemand soll's wissen. So zieht man sich von 
den häßlichen Produktionsstätten des Profits in die Schönheiten 
christlicher Basiliken und italienischer Villegiaturen zurück. Das 
Idyll wird Trumpf. Ihm huldigt der Potsdamer HofarchitekL 
Ludwig Persius, der dis Symmetrie verwirft, den geschlossenen 
Baukorper auflöst und seine Architekturen in die unberührte Na 
tur hineinkomponiert, aus der sich die Zelt entfernt hat. Dis 
ideologischen Abläufe jener Jahrzehnte sind besonders deutlich den 
Entwürfen Carl Ferdinand Busses zu entnehmen, dessen Wer? 
m dieser Ausstellung Zum ersten Male vor Augen geführt wird 
(vergl. den interessanten Aufsatz von Walter Curt Behrendt über 
Busse im „Zentralblatt der BauverwalLung", Heft 53). Er kommt 
aus der Strenge Schinkels und gibt sich dann der romantischen 
Strömung hin. Das Pfarrhaus Zum Beispiel, das er für die 
Wiesenkirche in Soest entworfen hat, wäre die geeignete Unter 
kunft für eine Spitzweg-Figur. Hinten schwebt die bläuliche Kirche 
und vorne wuchern die Lauben. Und doch kündigt sich trotz solcher 
Lieblichkeit in diesem Künstler die Ahnung der modernen Welt 
an. Sein Moabiter ZeLlengef a n gnis, das heute noch zur 
Stadtbahn herüberdroht, hat sowohl die Romantik wie die klassi 
zistische Verkleidung abgestreift. Kahl steht es in der rauhen Luft, 
eine angegraute Architektur, mit deren UnversonUchkeit ihre 
Jllusionslosigkeit versöhnt. 
Den Beschluß der Schau bildet die Emser Trinkhalle (1860), 
die mit ihrem Renaissanceprunk schon auf den Zauber der Grün 
derjahre hindeutet. Doppelsäulen tragen die Bogen, Statuen froh 
locken in den Nischen über die reichen Gewinne, und ein riesiger 
Glasbaldachin überdacht die Terrasse, auf der sich Geschäftsleute 
von den Strapazen ihres Berufes erholen. Noch sind die Stützen 
aus Gußeisen, die den Baldachin tragen, aber mit dem Fortschrckt 
der Technik werden sie nach weiteren stürmischen Jahrzehnten 
ebenso verschwinden wie die Renaissancesrnamentik und dis 
Statuen, die der Anonymität der modernen Kapitalmächte nicht 
mehr entsprechen- b.
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        C 
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$ • 
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Prohibition 
Von S. Kracauer. 
sonen als volle Individuen durchgestaltet, oder die 
könnte Sinclairs Roman als einen Sitten- 
r o m a n ansprechen. Außerordentlich interessant 
sind etwa die Einblicke, die er ins Leben der 
Patrizierfamilien aus dem Süden bietet. Sie hal 
ten an ihren Traditionen und Konventionen fest, 
verfügen über ein gewisses Erbgut an Phantasie 
und identifizieren nicht ohne weiteres den Wert 
Die Mattigkeit Sinclairs hat ihren Grund er 
sichtlich darin, daß es sich mit der Prohibitions 
bewegung ähnlich wie mit dem Pazifismus ver 
hält. Nicht anders wie der Krieg ist auch der 
amerikanische Alkoholismus keine isolierte Er 
ben aus vielen sozialen Schichten vereinigt und 
fesselnd verarbeitet ist. 
gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben, 
ganz freigelegt hätte. Bei seinem geringen Zug 
zum Individuellen war er also in Wahrheit vor 
allem auf die scharfe Darbietung der sozialen 
Konstruktionen angewiesen. Tatsächlich aber ge 
horcht er der Notwendigkeit, die Kämpfe ums 
feuchte Element soziologisch und sozialistisch zu 
motivieren, nur stellenweise und nicht sehr ener 
gisch. Gewiß, er zeigt, wie reiche Bankiers zu Al 
koholschmugglern werden, deckt die Heuchelei 
auf, die in den Lagern der Alkoholfreunde und 
ihrer Gegner herrscht, und läßt Maggie May in 
eine ausbaufähige Beziehung zur Arbeiterpartei 
geraten. Indessen, die Andeutungen dieser Art 
Ort der betreffenden Figuren ergeben. Die Be 
schaffenheit des Koordinatensystems, auf das er 
diese Figuren beziehen muß, hat aber Charakteri 
sierungsmängel zur Folge. Roger zum Beispiel 
soll ein charmanter Junge mit genialen dichte 
rischen Fähigkeiten sein, gehört jedoch leider 
der upper dass an und treibt sich dauernd unter 
und ihr Anstand wirkt etwas dürr. 
# 
und Prohibition: beide wenden sich gegen die 
Symptome eines Uebels, statt das Uebel selber 
an der Wurzel anzugreifen. Da sie aber die Her 
kunft der Symptome übersehen, können sie nicht 
einmal diese tilgen. Sie führen einen Kampf, der 
trotz mancher willkommener Einzelergebnisse 
aussichtslos ist; vorausgesetzt, daß er den Kämp- 
senden nicht zuletzt doch die Augen über den 
wahren Sitz des Krankheitsherdes öffnet. Wenn 
Sinclair, dem es, wie man weiß, um die Ver 
änderung der gesamten Gesellschaftskonstruktion 
geht, sich in seinem neuen Buch auf die Abwand 
lung des Problems Alkohol beschränkt, so schließt 
er eher die Augen. Und seine Befangenheit rührt 
Millionären herum. Sinclair fühlt sich daher ver- eines Menschen mit dem seines Besitzes. Die 
pflicht et, ihn einerseits zum Zyniker zu stempeln, Beziehungen solcher Familien zu New Yorkern 
um ihn nicht ironisch behandeln zu müssen, und sind bis in alle Details hinein beschrieben. Ferner 
ihn andererseits ironisch zu behandeln, weil er ist dargestellt: ein fixer Redakteur, der sich ge- 
nur ein goldblonder Liebling ist. Auch das Hei- schickt hochstapelt; der feudale Haushalt eines 
dentum, das Maggie May und Kip im Interesse Finanzgewaltigen; das Treiben literaturbeflisse- 
der Prohibition entwickeln, erfähit keine klare ner Gesellschaftskreise; der Alltag in einer großen 
Bewertung. Auf ihre Tapferkeit fallen Schatten, Pension. Ein reichhalt’ges Material, das Stichpro- 
Preis J 4.80) erscheint bei uns in dem Augen 
blick, in dem Amerika wieder naß werden will. 
Vielleicht ist dieses Zusammentreffen auf das 
Zögern des Autors zurückzuführen, den Kampf 
gegen den Alkohol aufzunehmen. Jedenfalls ver 
hält sich Sinclair auch in seinem Buch selber wie 
ein Zögernder, Er greift die alkoholischen Aus 
schweifungen an, ohne durchaus für das Pro 
hibitionsgesetz einzutreten. Man hat das Gefühl, 
daß die ganze Angelegenheit nicht unbedingt die 
seine ist. Der Ton des Buches ist ziemlich ge 
dämpft. 
eben daher, daß er eine Aktion in die Mitte sind stets Gelegenheitsprodukte und bilden jeden- 
rückt, deren Vordergründigkeit ihm gewiß nicht falls nicht die Hauptader des Romans. Es ist, als 
verborgen ist. Er müßte aber ein größerer Künst- befürchte Sinclair, von seinem Thema abzulen- 
ler sein, als er ist, um dennoch die selbstgewählte ken oder es zu bagatellisieren, wenn er die 
Aufgabe bewältigen zu können. So lahmen* ihn Scheinhaftigkeit des Prohibitionsstreites drastisch 
sachliche Skrupel, die sich ohne Zwischeninstanz enthüllte. Lieber beschränkt er sich darauf, das 
in ein künstlerisches Versagen umsetzen. Ge- Für und Wider in der Alkoholfrage umfassend 
wohnt, seine Typen aus den sozialen Zuständen miteinander zu konfrontieren und die Personen 
herauszukonstruieren und den Schwerpunkt auf vorwiegend als Beispiele und Gegenbeispiele auf- 
die kapitalistische Struktur der Gesellschaft zu treten zu lassen. Kaum spürt man, daß'sie Bürger 
legen, bewegt er sich nur unsicher in den Rau- sind. Sie haben es nicht zu richtigen Individuen 
men, in die ihn das Romanthema drängt. Hier und ebensowenig zu richtigen sozialen Typen ge 
golten die üblichen Stilisierungen nicht; hier bracht. Als halbe Geschöpfe bleiben sie im Da- 
wird der soziale Standort durch das Verhältnis zwischen stecken. 
der verschiedensten Menschen zum Alkohol über- * 
deckt. Kurzum, Sinclair ist durch seinen Stoff Der Vorteil der Halbheit ist, daß neutrale 
zur Darstellung menschlicher Züge genötigt, die Schilderungen überwiegen, die unsere Kenntnis 
sich nicht unmittelbar aus dem gesellschaftlichen des amerikanischen Lebens vermehren. Man 
• 
Die Handlung, die vor dem Krieg beginnt und 
tief in die Nachkriegszeit hineinreicht, ist natür 
lich durch die thematische Aufgabe bestimmt. 
Sie spielt in den Südstaaten und später in New 
York und umfaßt lauter Personen, die alle irgend 
eine Beziehung zum Trinken haben? In den 
meisten Fällen sind diese Beziehungen positiver 
Art. Kips Vater geht an Trunksucht zugrunde, 
und Maggie Mays Vater, ein reicher Zuckerrohr 
pflanzer, bringt sich sogar infolge des gleichen 
Lasters um. Sein Sohn Roger hat die Säufer 
anlage geerbt, die ihn vermutlich eines Tages ins 
Unglück stürzen wird. Daß das Prohibitionsgesetz 
ihn und die meisten andern erst recht zum Ge 
nuß geistiger Getränke reizt, versteht sich von 
selbst. Ausgemachte Antialkoholiker sind eigent 
lich nur Maggie May und der atme Kip, zwei 
sympathische junge Menschen, die nach ihrer 
Heirat ein stilles normales Leben führen würden, 
wenn sie sich nicht durch die traurigen Schicksale 
in ihren Familien und ihrem weiteren Kreis dazu 
berufen fühlten, die Sache der Prohibition aktiv 
zu verfechten. Kip tr’tt in den Bundesdienst und 
1 wird bei einer Razzia gegen Alkoholschmuggler 
erschossen. Seine Frau hält Vorträge gegen den 
Alkohol, in denen sie den Untergang ihres Vaters 
schildert, wirbt zahlreiche Anhänger und ruft 
nach Kips Opfertod zum Frauenkreuzzug gegen 
die Speakeasies auf. 
Upton Sinclairs Roman: „Alkohol“ scheinung, die für sich allein zu beseitigen wäre, Diese Unentschiedenheiten wären dadurch zu 
(Malik-Verlag, Berlin. Uebersetzung aus dem sondern das Zeichen eines Schadens, an dem die tilgen gewesen, daß Sinclair entweder seine Per- 
Amerikanischen von Elias Canetti. 480 Seiten, ganze Gesellschaftsordnung krankt. Pazifismus
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        In 
A68te11ter in 
So Konen Diteratur" 
durch die Dorträtskixxen, Austanrlsobil^ 
und Oespräebsprotokol'e Meiskopks bindureb. lm 
Aever weibliche Angestellte. 
Die Selrrikt von 1 o 8 ek W i t 8 e lr : ,,V e r u k 8 - 
unä Deben88 6 lriek8al6 ^veidlielrer z^n- 
len Drinxips. Ds gilt in den Diskussionen, memat 
als Sich ist vielmehr der natürliche, gar niebi 
weiter xu erörternde Ausgangspunkt von Detraol, 
tungen und Konstruktionen, die siob auk die 
sebsebaktlieben Deistungen bexieben. Keine lhah 
davon, dak die Natur dadurob vergewaltigt würde , 
aber sie stebt allerdings unter kester Kontrolle. 
Obne dak es xur allgemeinen Dormuberm," 
solcher Erkenntnisse käme, schimmern sie doch 
(Dekt 2 äer SoLialpolitiZelren Selrrikten äe8 Dor8elrun88- 
in8titut8 küv So2ia1^vi886N8elialten in Köln. Lbenäort. 
66 Seiten, i.—) i8t eine rnetlroäoloKi8elr intere88ante 
UnterZuelrunK, äie auelr auk anäere 1iterari8eke Oediete 
ausUeäelrnt ^veräen 8ollte. Wit8ek analv8iert naek ke- 
8tirnrnten saeklieken unä 8OLialkri1i8oken 6e8iekt8punk- 
ten alle Romane, äie 8iek mit vzeiklieken -VnA68tel1lsn 
kekaD8en, unä erkekt 80 eine literarmoke Strömung- in8 
IZevuLtsein, über äeren Stärke man 8iek bi8ker noek 
kaum Reeken86kak1 ali^elegt katte. Sie i8t er8t in äer 
KaekkrieT826it ent8tanäen, kängt auk8 innigste mit 
äem Waekstum äer ^ngestelltensekakt, äer Veränäe- 
rung ikrer Funktionen unä ikrer Lunekmenäen Rrole- 
tarisierung Zusammen unä kat bereits Laklreieke 
Werke emporgetrieken. Xu iknen gekoren äie Ro 
mane von Ruäolk Vraune, äosek Rreitkaek, ^nita 
Rrüek, Irmgarä Kenn, Naria Deitner usM. — Autoren, 
äenen neueräings auek Martin Ke8sel keigetreten ist. 
Selkstverstänäliek vergiüt Witsok in seiner Xusammen- 
stellung niekt lene Sorte von UnterkaltungslitHratur, 
äer es weniger äarauk ankommt, värklieke Xustänäe 
2U kesekreikev, als äie univirklieken Illusionen äer An 
gestellten riu näkren. ^.m SekluÜ konfrontiert er äas 
Rrgeknis seiner ^.nalvsen mit äen socialen latdsstän- 
äen unä Lsigt, v^ie siek Diteratur unä Realität v/eek- 
selseitig erkellen 
(Nalik-Vor'ag, Her!in. 299 8citcn, (lob. &amp;lt;K 4.25l 
beliebtet D. 0. Weisko p k von einei' knapsl 
balb,jäbi-jgen lteise durcb Dukland. die ibn unter 
andereln naeb Nagniiogorsk im hral, nac-li 8ta- 
linsk im Kclsnexbecken und ins ^!tai-Oebirge 
kübrte. Dr bat — das mnk vorausgescbiekt worden 
— keine Ergebnisse wissenscbaktlicber hi't 
xurückgeliracbi, sondern hukxeicbnungen, in 
denen siok unmittelbare hindrücke verdielüen. 
Diese lteportagen, au8 deren Deibe wir vor kur 
zem eine Droiie in lmserem heuilleton verökkent- 
l lebten, 8ind scbon darum wertvo l, weil 8ie xnm 
linterscbied von den 8cbilderungen der mei8ten 
Duklanclreisenclon auk (ler Kenntnis der russi- 
scben 8pracbe beruben. Da 8ie kerner eine Nenge 
verscbiedonartiger Oebiete und hel-ensumstände 
betreffen, verscbafken sie un8 wirklicb eine leben 
dige Vorstellung von der gegenwärtigen Situation, 
^ugegeben, dak 8ie kür ibren Gegenstand ein 
günstiges Vorurteil begon und vielleicbt manche 
Dinge unbeachtet lassen, die ein ^Vn6erdenken- 
der kritiscb erwäbnto. ^ber daraus ,VVei s Kopf 
einen Vorwurk xu macben, wäre um so verkebr- 
ter, als er se'lrer 8eine (lesinnung nirgend8 ver- 
beblt. Dnd üb^ entÜM das DMH^s er eh- 
wirkt, 80 wesentliebe ^üge, dak die etwa unbe- 
rüek8iebtigt gebliebenen xunäcbst rubig ausge- 
8ebaltet werden dürfen. 
bin entkleidender ^ug i8t xum Dei spiel der, 
dak man in der Kowjetunion niebt jene ^ngst 
kennt, die geradezu ein Destimmungsmerkmal 
unseres neuen Nationalismus ist: die ^ngst, 
es könne clieNaturd u r 0 b d 0 n I n t e l I e k t 
g 0 s 0 bädigt werden. Immer wieder erxäblt 
Meiskopk von Dauern, Hirten, 8teppenbewobnern, 
die sieb wie ein 8ebwamm mit den) Missen voll 
saugen, das man ibnen Mxt bietet. 8ie, deren 
viele vor absehbarer l^eit noeb niebt einmal eine 
hisenbabn mit eigenen ^ugen erblickt batten, ar 
beiten an den DrelM studieren teebnisebe 
Merke und bemüben sieb leidensebaktbeb um 
den hrwerb des rationellen Denkens, dessen 8inn 
ibnen dureb die hxistenx des groben D'anes ver 
gegenwärtigt wird. Kommt dabei ibre Natur rm 
kurx? Oder verlieren die lernenden die natio 
nalen Digentümliebkeiten, von denen unser Dund- 
kunk xurxeit niebt genug xu sebwärmen weik? 
Im Degenteil, krakt der Natur, in deren selbst- 
verständliebem Desitxe sie sind, gelingt es ibnen, 
ibre Verstau deskräkte xu mobilisieren, und "was 
an eobten higentümlicbkeiten verbanden ist, muk 
des vermehrten Verstandesgellraucbs wegen 
wakrbaktig niobt untergeben. „Dm ... das erste 
Vketall aus ,ibrem* Ilocboken tanxen die Kom- 
somolxen und Komsomo'xinnen der ersten Nioder- 
stobbrigade einen wilden lanx", beriebtet Meis- 
kopk. Ebenso kübrt er Deispiele des Heroismus 
und der Onkerbereitsobakt an, die binlängbob l)0- 
weisyn, dak die Natur bier ein gewaltiges. Mort 
mitxureden bat. Menn man sie bei un8 gegen 
den Intellekt aukxubetxen sucbt, so gesebiebt es 
auk Orund einer ideologiseb bedingten Verwechs 
lung, auk die ieb seinorxeit in meiner gegen den 
„lat"-Kreis geriebteten ^bbandlung: „^cukrubr 
der Wttelsebiebten" (vergl. die D6icb8au8gaben 
vom 10. und 11. Dexember 1931) aufmerksam 
maobto. Dnd xwar verweobselt man xwei 8orten 
von Intellekt: den, der selber ein sobleobtes Na 
turprodukt ist, da8 siok blind und eigensüchtig 
enthaltet, und den, der dank seinem Ursprung in 
der Vernunkt die menschliche Oesellsekakt xu 
regulieren unternimmt. Dieser letxte Intellekt b! 
niobt der Deind, sondern der Dreund .ieder die 
tur, die siob überbaupt richten lassen will, und 
er allein ist auob von den Dussen gemeint. Dee 
gebt aus ibrem VorbältniZ xur heobnik eindonti" 
bervor. „Uan sobreibt im Ausland immer wieder-" 
sagt ein basolrkit scher^gro-Ingenieur, „wir beran 
soben uns an der heobnik -- aber das ist kabcb. 
8ebt ibr, was mieb berausebt ist etwas ganz 
anderes. lob sebe dann immer die Dauern vor mb, 
die ... niobt mekr diese unendlich langen, toten 
8tunden im Dunkeln durobdösen müssen ..., 
sondern aueb die Melt erkennen lernen, an! 
waoben, aus einem stumpfen Dasein in ein Delien, 
das siob xu leben lobnt!" ^ebnliobe hussprüeb«- 
kinden sieb wiederbolt. 8ie lebren, dak in dei 
8owletunion statt des blinden Intellekts, dei 
stumpk in die heebnik einmündet, ein von de- 
Vernunkt ber bestimmter angesprochen wird, de, 
die Technik im Interesse der Oesellsebakt um 
greiken möchte. „Dei uns kann die Nasebine n 1 
xum wilden hier werden", erklärt ein hngm 
Nann, „bei uns wird sie immer nur ein Oebi!«- 
des Nonseben sein." Niobt anders begrenxt diese, 
Intellekt aueb die 8elb8tberrlicbkeit des nation.-, 
Lkei ielit 
r»n^ «Ivi 8&amp;lt;»^H jvtirnioii. 
seinem Ducb: „Ankunft l in II o b l) a n 
„Aas AeUatter des Kikms". 
Von aosok o r 6 8 o r, äom Neiter äer iaoAter8Mnn,- 
lunK unä ä68 ^.roälv« Mr k'LImk.unäe an äer Wiener 
NatLonalbidliotäek, ist ein ^1eine8 Werk: ,,I)a8 Zeit 
alter äe8 lMiN8" er8elnenen (R e i n k 0 I ä - V e r 1 a 
Wien unä NeiMiss. Klit 236 Niläern. 223 Seiten), äa8 
äie Lr8eäeinun^ ä«8 Pilrn8 äer Kultur- unä kun8tkriti- 
8eken ^nalxse unter^virkt. In einer vorLü^Ueken 
lü8tori8elien Linleitun^ rüeiz^t äer /Vutor, äall äie Ver- 
8ueke äer l^6N8olien, NevzeAunNen unä xeitlielie 
läule naelc Vrt äe8 irn IM in äureliNefülrrten Nrinzip8 
Zru ver^NnnMnrtiSkn, di8 in äie, prirnitiven weiten r^u- 
rüekreielren. ^Vn äie8en ^e8cäUo^ Lxkur8 8eklie3t 
8ielr äie Netraektuna äe8 äein kilrn zu^eoräneten Xeit- 
aller8, äa8 äurelr äie Vorlierr8elrakt ä68 Vi8uellen, äie 
VeräränNun^ äe8 Inlialt8 äurelr äie kor in KekennLeielr- 
net ^eräe. Mne Kritik äer Oe^enMart, äie in kolß:enäe 
SätLe einrnünäet: .,l)n3 unter solelren Verlrältni88en 
ein Mttel, äa8 äie KröÜte Niläkrakt 8UAr?e8tiv unä 
nrülrel08 entknltet, äer lUlin, nl8 'vvalrre Lrlö8UN8- äer 
Men8elrlreit an868elren ^eräen konnte, lie^t auk äer 
Hanä. Der Ornä äer ^b^ielrunss von äen takten äe8 
InKlielren NedenZ i8t äer liöoli8te, äer Oraä äer HaN- 
^enäung eigener IntelliAenL äer tiekste." Saelrkunäi^er 
al8 äie86 Kritik 86lder, äeren Ueäeutun^ äaäurelr nalw- 
isu illu8ori86li vzirä, äaü 8ie äie 8OLiolo^i8elren Xu- 
8anrnrenlrän^e völlig auüer nelrt läüt. «inä.äie eiAent- 
lielren Material-Vnnlvsen, äie an Ilanä xalilreielrer 
Riläer äie opti8elren Oe86t8e äes Kilrn8, 8eine Drarna- 
turKie usrv. lrerau82uard6iten 8uelien. Wielrti^ 8inä 
liier vor allern äie Hin-cv^e auk äie UeLielrunNen 
2Mi86lren Kilrn unä äheater. (IrbAor ^elanNt su äem 
Kr8-edni8, äaü äer Kilm 8einen Haupt^ert al8 Llittel 
äer Wi88SN8elrakt lrade. X!ur Kun8t könne er er8t rver- 
äen, rvenn äer Di&amp;lt;I,ter 8ielr äie8vr Mr8elrine benräelr- 
übrigen sind seine Darstellungen mebr dem All 
tag xugewandt und dokumentieren vor allem das 
Debensgefübl, das sieb beule in den russischen 
Nassen regt. „leb batte mieb schon eingewöbnt 
und küblte mieb wobl", erxäblt eine ebemabge 
Drostituierte, „aber an diesem Oeburtstag spürte 
ich auf einmal, dak das heben neu ist, dak es 
einen 8inn bat, xu leben... und dak es sc;bön 
ist!" — „Ks gibt ja jetxt so viel Neues in der 
Melt", sagt einer, „wir sind in der besten und 
glücklichsten Zeit geboren..." Und ein ^rxt in 
HIagan meint: „Das wächst schon alles in die 
Höbe. Von ganx unten ber. he lau-all. Das wächst, 
sage iob euch, das wächst! lind wenn ibr in ein 
paar Habren wiedo rkommt " Die h on Kernn- 
gen dieser ^uversiebt lassen keinen ^weikel dar- 
ül)er aufkommen, clak es in der 8ow.ietunion tat- 
säeblieb gelungen ist, die Kräfte des Volks xu 
befreien und xu procluktivieren. Kr.
        <pb n="97" />
        WoLögrapßiertes Merlin. 
- BerM, Mitte. DezsMeL. . 
Im - Zichthof des Kunstgewerbemuseums, werden 
100 0 Berliner Ansichten gezeigt» dis von A. Ven n e - 
wann phötograpW sind. Sie kleben auf LrEm wM 
Kartons'und veranschaulichen alle möglichen Einzelheiten des 
Berliner Lebens, Las der Oeffentlichkeit zugewaM ist. Daß sie 
ein wenig starr wirken, so, als seien sie stehen geblieben, sMart 
sich Zweifellos au^ durch den Film veränderten Art unseres 
Sehens. Der Film hat uns daran gewöhnt, die Gegenstände nicht 
mehr von einem festen Standort aus Zu betrachten, sondern sie zu 
umgleiten und unsere Perspektiven frei zu wählen. Mas er tzer- 
mag: Die Fixierung von Dingen in der Bewegung, ist der Wsts- 
graphie versagt. Daher erscheint sie dort, wo sie noch Selbständig- 
keiü beansprucht, als eine Form, die historisch zu werden beginnt. 
Sie löst-sich langsam aus der Gegenwart und nimmt schon ein 
altmodisches Wsen an Hierin gleicht sie der Eisenbahn, die 
sich zum Flugzeug wie die Photographie Zum Filmstreifen verhalt. 
Eisenbahn und Photographie: beide sind Zeitgenossen und ein« 
ander darin verwandt, daß sich ihre Gestalten vollendet haben und 
langst die Vorstufe neuer Gestalten bilden. Wir haben uns heute 
von den Schienen nicht anders abgelost wie von der einst für dis 
Kamera unerläßlichen Ruhelage. Und gehört auch die Photo 
graphie noch durchaus dem Heute au, so fallen doch bereits 
Schatten auf sie, die alle fertigen Besitztümer umhüllen. 
Ausgenommen sind fast lauter Objekte, die man vom Alltag Her 
kennt. Altbsrliner Häuser, Schlösser und Paläste, Straßen und 
noch einmal Straßen, spielende Kinder, Restaurants, Werktätige 
der verschiedensten Berufs, Passanten, Weekend-Ausflügler, Parks 
anlagen 'und schone Punkte der Umgebung, Bahnhöfe, Industrie 
werke und moderne Geschaftsbauten — das Inventar könnte 
schwerlich vollständiger sein. Diese vielen Bilder sprechen vor allem 
zur Erinnerung. Sie beschwören Eindrücke herauf, die wir gehabt 
haben, ohne uns Rechenschaft über sie abZulLgen, sie bannen Alt 
vertrautes, das die ganze Zeit über mit uns gegangen ist. Die 
Lichtreklamen sind unsere. AbendgesM 
schon manchmal der spülende der die Ritzen 
Mischen den Pflastersteinen auskratzü Sämtliche Photographien 
rufen eigentlich nur d i s optischen Bestände ms Gedächtnis zurück^ 
die unserem Dasein einverleibi sirK. Nichts aber ist mehr in Ord 
nung, als daß sie gerade jene Welt vergegenwärtigen, die wir be 
sitzen. Denn sie und nicht die neue, erst Zu erobernde Welt ist der 
rechtmäßige Gegenstand der Photographie. Tatsächlich vermag ein 
Photo graphisches Bild keinen vollen Begriff von irgendeinem Ding 
zu verschaffen, das der Betrachter des Bildes noch nicht gesehen 
. haü Da- Original' einer Aufnahme laßt sich aus dieser niemals 
erschließen, und die zahllosem ReproduktionM W 
Kunstwerken verbreiten, nicht etwa die Kenntnis der Werke, sondern 
beweisen' nur, Laß' die''reproduzierte KunstHm /eingrM 
Wirkung verloren hat. Eine unzulänglich^ M bis 
man von einer Reise m'ckLringL, exM dis dem Lichtbild M 
kommende Funktion besser als eine Prachtphotogmphie unhereW 
Gegenden. Es wäre nützlich, einmal genauer zu untersuchen, M 
Zu welchem Grade die m dm Illustrierten angeschwemmten Anst 
nahmen W Ausnahmefähigkeit des Publikums für die sichtbare 
Welt ersticken. Die PHotographis gibt ja nicht die Bedeutungen 
mit, die erfahren sein müssen, um ein Objekt zu unsere 
machen sie spiegelt nur das aus allen Erfahrungszusammem 
hängen gerissene Objekt wider. Nicht das Aeußere des Objekts- 
sondern eine unverbindliche Abstraktion von ihm geht ins Photo- 
graphische Bild ein. Statt also, einm Gegenstand vorzustellm, ist 
die Photographie auf den bereits voegestelltm Gegenstand ange 
wiesen, um ihn überhaupt darbieten zu können. Ihr Hauptfeld ist 
das versunkene Bekannte. In der Ausstellung dient sie auch wirk 
lich als'Führ-Zr durchdie'Erinnerung.'Indem sie uns 
aber zu einer erstaunlichen Fülle von Mederbegegnungen verhaft- 
erteilt sie uns endlich d'e Verfügungsgewalt über die Sachen uB 
Figuren- mit denen wir unbewußt IMm. 
Besonders gelungen sind einige Bilder aus dm 
garten. Eis -ringen da- LMHafte,MrschMens hes TrexWrtMB 
dadurch heraus, daß Aß kaum höher als bis Zum Ansatz dßZ ÄMK 
dringen und den Himmel ganz unterschlagen. So w'rd die freie 
Natur draußen ferrMtzMm und dsr WnnmchamMx des künst 
lichen Parks Monü WMchnürü vM der KßMwM, WW er 
schon ins Vergangene Mger« zu smm Er wirkt ww MUMM 
der Photograph Wer, und viMcht folgt ihm diese -Mum ss 
mWlos nach, weil auch sitz an der MwM des ZestßM wM. 
^8, LrK6SUSN- 
Straße oöne Erinnerung. 
Von S. Kracmrer. 
Berlin, im Dezember. 
Scheinen manche SLraßenzüge für die Ewigkeit geschaffen zu 
sein, so ist der heutige Kurfürstendamm die Verkörperung der leer 
hinfließenden Zeit, in der nichts zu dauern vermag. Am deut 
lichsten bin ich mir dieser Tatsache durch zwei Ereignisse bewußt 
geworden, die ungefähr ein Jahr auseinanderliegen und in sich 
Zusammenhängen. Das erste: Ich will vor Antritt einer Reise noch 
rasch eine mir altvertraute Teestube aufsuchen, um dort eine 
Kleinigkeit zu Mittag zu essen. Die Teestube gehört so durchaus 
zu meinem Stammbesitz an Lokalen, daß ich, ohne mich weiter 
um zusehen, automatisch das Vorgärtchen passiere und die Tür 
klinke niederdrücke. Die Tür ist verschlossen. Erschrocken blicke ich 
auf und erkenne durch die Spiegelscheiben, daß das Innere ge 
räumt ist. Es muß über Nacht geräumt worden sein, denn am 
Abend vorher war die Teestube noch erleuchtet gewesen. Oder 
tausche ich mich? Während ich mir den gestrigen Abend zu ver 
gegenwärtigen suche, bemerke ich unmittelbar vor mir ein Schild 
an der Tür, auf dem erklärt wird, daß der Eigentümer des Lokals 
dreses bald an einer anderen Stelle aufzumachen gedenke. Da ich 
nicht so lange warten kann, kehre ich traurig um und besuche ein 
mir bisher unbekanntes Cafe an dsr nächsten Kurfürstendammecks. 
Das zweite Ereignis, das sich, wie gesagt, ein Jahr später 
zugetragen hat, betrifft eben dieses Cafe. Vorauszuschicken ist, daß 
mein erster Aufenthalt in ihm zugleich mein letzter war. Der 
Glanz seiner Architektur erschien mir als übertrieben und steigerte 
noch dazu die Empfindlichkeit gegen den schlechten Geschmack seiner 
Getränke. Dennoch zählte das Cafe zu meinen bleibenden Straßen 
eindrücken. Ich kam hier fast jeden Abend vorbei, und mochte ich 
auch gerade zerstreut oder in ein Gespräch vertieft sein, so rech 
nete ich doch an diesem Punkt meines Weges fest mit den Licht 
effekten, die das Lokal in verschwenderischer Fülle entsandte. Je 
Heller die Lichter, desto trüber das Publikum. Eines Abends über- 
fällt mich plötzlich eine Art Heimweh nach dem Cafe. Man hat 
selche Tage, an denen man vor der Gewohnheit ausrückt und die 
gemiedenen Orten begehrt. Schon bin ich bei der bewußten Ecke, 
aber wo ist ihr Glanz? Die Ecke leuchtet nicht mehr, und an Stelle 
des Cafes tut sich ein verglaster Abgrund auf, in den ich langsam 
hineingezögen werde. Er ist per sofort zu vermieten. Ich ent 
schließe, mich nur zögernd zu einem neu gegründeten Lokal, das 
zwischen dieser und der folgenden Straßenkreuzung liegt. 
Nicht so, als ob ich bezweifelte, daß der Kurfürstendamm ein 
paar Läden und Betriebe enthält, die zur Seßhaftigkeit neigen: 
sie verschwinden jedoch in der Menge der übrigen, die wie eine 
Hafendevölkerung kommen und gehen. Der Zeitpunkt, zu dem 
diese Lokalitäten jeweils auf der Bildfläche erscheinen, ist grund 
sätzlich nicht zu ermitteln. Genug, daß sie von irgendeinem Termin 
an vorhanden sind, aus dem Nichts entstandene Restaurants, 
Cafes, Barinterieurs, Pensionen und Geschäfte, die sich durchweg 
so gebärden, als existierten sie wirklich. Dabei können sie nur durch 
Hexerei hergeweht worden sein. Ein leichtes Spiel für solche un 
heimlichen Winde sind vor allem die zahllosen Lädchen, die sich ab 
sichtlich klein machen, um nicht zu viel Platz einzunehmen. Man 
hätte sonst Schwierigkeiten bei ihrem Transport- Sie bieten 
Spezialitäten wie Parfüms, Täschchen und Leckereien an, die sich 
durch eine besondere Winzigkeit auszeichnen. und befassen sich 
überhaupt vorwiegend mit dem Vertrieb von Gegenständen, denen 
selber ein Hang zur Ortsveränderung innewohnü Was bewegte 
sich zum Beispiel freudiger als ein schönes Abendkleid? Hinter 
jedem neuen Schaufenster beinahe erwarten uns neue Toiletten. 
Obwohl die Auslage schmal ist, treten sie doch mit dem Anspruch 
von Modeschöpfungen auf und wahren einen so aristokratischen 
Äbstand voneinander, daß man ihnen die billigen Preise nicht 
glaubt, die vielleicht gar nicht so billig sind. Mit diesen Kreationen 
aus zweiter Hand wetteifern die Möbel, die heute vom reinsten 
Wandertrieb besessen zu sein scheinen. Alter Hausrat, der Jahr 
zehnte lang vor denselben Tapeten stand, hat seine Quartiere 
verlassen und blickt jetzt aus fremden Fenstern auf die Straße 
hinaus. Gleichen die Magazine, die ihn beherbergen, Asylen für 
Obdachlose, so sind die modernen Einrichtungsgeschäfte in der 
Nachbarschaft als Hotelhallen ausgebildet. Unabsehbare Schrank- 
flächen blinken wie der Meeresspiegel, stählerne Tischbeine fahren 
unbeschwert durch die Lust. Ihre Wurzellosigkeit ist zum Vorbild 
aller dieser Geschäfte selber geworden. Viele von ihnen geben sich 
nicht einmal mehr die Mühe, wie ein festgegründetes Unterneh-
        <pb n="98" />
        MSN zu wirken, sondern erwecken von vornherein den Eindruck 
der Improvisation. Stapellager voller Gelegenheitsware, die jeden 
Augenblick aufbrechen können. Aber sie sind nur die fliegende Vor 
hut eines Ladenheeres, das stets zum Nachrücken bereit ist. Den 
ausscheidenden Firmen folgen andere, die wie die verschwundenen 
Md. Manchmal verzichtet der Spuk auf die Maskerade und ent 
hüllt mit seinem wahren Gesicht zugleich seine Vergänglichkeit. In 
emer möblierten Parterrewohnung, die offenbar Klubzwecken 
dient, versammeln sich seit kurzem Abend für Abend tanzende 
Paare. Man sieht in die Wohnung hinein, man Hörr von außen 
eine Konservenmufik, die ebenso gedämpft klingt wie das rötliche 
Licht der Kristallüster, das die Winkel nur streift. Aus den Schat 
ten kommen private Lederfauteuils hervor, Rauchtischchen, Tep 
piche — eine verschollene Innenwelt, die von ihren Bewohnern 
längst preisgegeben worden ist. Stumm und mechanisch drehen 
sich die Paare im Kreis. Sie sind aufgezpgen wie Marionetten, 
und klopfte man ans Fenster, so erstarrten sie gleich. 
Der immerwährende Wechsel tilgt die Erinnerung. Ich wüßte 
Liese Tatsache nicht besser zu veranschaulichen als durch die Er 
gänzung meines Berichts über die Teestube und das Cafe. Wäh 
rend ich in dem Abgrund versinke, der sich dort öffnet, wo die 
ganze Zeit über das Cafe gestrahlt hatte, entsinne ich mich zum 
erstenmal wieder der Teestube, die doch schon vor einem Jahr ge 
schlossen worden war. Ihr grünes, verschlissenes Mobiliar, ihre 
altmodischen Stiche und ein paar kuriose Leute, die hier regelmäßig 
verkehrten: alle diese Einzelheiten entsteigen frisch dem Gedächt 
nis. Ich sehe sie vor mir, ich bin unter ihnen zu Gast. Aber um 
sie zurückzurufen, hat es erst der Wiederholung eines besonderen 
Ereignisses bedurft. In der Ueberzeugung, daß ohne.diesen äuße 
ren Anstoß das alte Lokal mir niemals mehr vorgeschwebt hätte, 
werde ich noch aus folgendem Grund bestärkt. Jene Teestube ist 
bald nach ihrer Schließung durch eine ziemlich betriebsame Kon 
ditorei ersetzt worden, die ich inzwischen nicht selten ausgesucht 
Habs. Wäre nun der Raum mit der Kraft begabt gewesen, Erinne 
rungen entstehen zu lassen, so hätten sie mich in der Konditorei 
zwangsläufig überwältigen müssen. Statt dessen ist mir während 
der Stunden, die ich in dem Lokal zugebracht habe, seine frühere 
Daseinsform auch nicht im Traum nachgegangen. Der Konditorei 
betrieb hat in Wirklichkeit die einstige Teestube nicht nur abgelöst, 
sondern sie so völlig verdrängt, als sei sie überhaupt nicht gewesen. 
Durch seine komplette Gegenwart ist sie in eine Vergessenheit ge 
taucht, aus der sie keine Macht mehr erretten kann, es sei denn 
der Zufall, über dem sich der Alltag rasch wieder schließt. 
bleibt das Vergangene an den Orten haften, an denen 
Lebzeiten hauste; auf dem Kurfürstendamm tritt es ab, 
Spuren Zu hinterlassen. Seit ich ihn kenne, hat er sich in 
bemessenen Perioden wieder und wieder von Grund auf ver 
ändert und immer sind die neuen Geschäfte ganz neu und die von 
ihnen vertriebenen ganz ausgelöscht. Was einmal war, ist auf 
Nimmerwiedersehen dahin, und was sich gerade behauptet, be 
schlagnahmt das Heute hundertprozentig. Ein Taumel, wie er in 
Kolonialgebieten und Goldgräberstädten herrscht, wenn auch 
Goldadern in dieser Zone kaum noch entdeckt werden dürften. Man 
hat vielen Häusern die Ornamente abgeschlagen, die eine Art 
Brücke zum Gestern bildeten. Jetzt stehen die beraubten. Fassaden 
ohne Halt in der Zeit und find das Sinnbild des gewichtslosen 
Wandels, der sich hinter ihnen vollzieht. Nur die marmornen 
Treppenhäuser, die durch die Portale schimmern, bewahren Erin 
nerungen: die an die Vorkriegswelt erster Klasse. 
* 
Wer sich zu tief mit der Zeit einläßt, altert geschwind. Ein 
Haus auf dem Kurfürstendamm beginnt dieses Schicksal zu spüren. 
In seinen Erdgeschoßräumen haben viele Restaurations- und 
Varietebetriebe ihr Glück probiert, ohne daß es einem von ihnen 
je gelungen wäre, sich über Wasser Zu halten. Jm Gegenteil, nach 
gewissen Fristen, die immer enger zusammenschrumpften, find sie 
alle verkracht oder weitergewandert. Da sich schon seit längerer Zeit 
niemand mehr in das Haus hineintraut, ist es aus dem Verände 
rungsProzeß ausgeschieden und lungert jetzt beschäftigungslos 
herum. Noch prangen Schilder am Gitter. Aber sie sind unnütz 
geworden, und statt dem Haus Leben zuzuführen, bezeugen sie 
nur seinen frühen Verfall. Er läßt sich nicht aufhalten, weil das 
Haus am Gewesenen keine Stütze hat. Niemand widmet ihm 
einen Blick. Die Zeit nimmt es rasch mit sich fort. 
es zu 
ohne
        <pb n="99" />
        Das Buch als Ware. 
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C 
Gegenstand de Begehrens, des Kaufes. und .mit dem Buch gesetzten „Gemeinschaftswerte’ 
W O 
berühren, 
dhnss 
- o 
würden. Eine solche methodisch streng durch 
geführte Monographie könnte der rein ideologisch 
verfahrenden Literaturgeschichte zu Grund und 
Boden verhelfen und außerdem wesentliche Er 
gebnisse soziologischer Art zeitigen. 
Die der Gegenwart gewidmeten Abschnitte 
Josef Nadlers Broschüre: „Bu chhan- 
d e 1, L i t e r a t u r und Nationri n G e - 
s c h ich t e u n d G e g e n w a r t“ (Junker und 
Dünnhaupt Verlag, Berlin: 46 ; Seiten, geb. 
meisten Zeitungen nützlich gewesen wäre. Tat 
sächlich liegt die Literaturkritik der deutschen 
Presse so im argen, daß man sich ihr gegen 
über schwerlich mit Aeußerungen wie diesen 
begnügen kann: „Die Presse sündigt nicht durch 
scharfen Meinungskampf um das bedeutende 
Tausches, und suchte man von da aus den gei 
stgen Akt des Schaffens zu beleuchten,so sähe 
die: Literatur wesentlich anders aus, als sie 
heute gesehen wird/ 4 In der Tat erschließt die 
kleine historische Skizze ein bisher verhältnis 
mäßig unbekanntes Gebiet. Vdm Warencharakter 
des Buches ausgehend, stellt sie die Beziehun 
gen zwischen wirtschaftlichen und k u I- 
turellen Faktoren dar und arbeitet vor allem 
den Einfluß heraus, den der Buchhandel zu 
manchen Zeiten auf die geistige. Entwicklung 
genommen hat. Einige Miniaturporträts größer 
Buchhändler veranschaulichen außerordentlich 
klar die oft entscheidende Bedeutung, de mate 
rielle Antriebe und Energien für den ideellen 
Ueberbau gewinnen. Es wäre zu wünschen, daß 
diese paar Hinweise, die sich zweifellos mit den 
stammesgesch’chtlichen Untersuchungen Nadlers 
ist auch die Anweisung, daß die Univer 
sität sich um die Realisierung solcher Werte 
bemühen sollen „An jeder Universität" erklärt 
Nadler in Uebereinstimmung mit Kolbenheyer, 
„müßten Jahr für Jahr die berufenen Männer 
vor Zuhörern aller Fakultäten Stand und Rieh- 
tung der Gegenwartsliteratur furchtlos und 
kritisch prüfen/ 4 Wer ist berufen? Und über 
dies ist die Stellung der Universität innerhalb 
der heutigen Gesellschaft viel zu problematisch, 
als daß man eine solche Aktion ohne weiteres 
gutheißen dürfte. Was die Einflußmöglichkeiten 
der P r e s s e betrifft, so befürwortet Nadler die 
frele Meinungskonkurrenz, sofern sie nicht zur 
Anpreisung des Schundes führt. Auch hier 
zögert er, die etwa zu fördernden Gehalte selber 
zu umreißen. Eine Zurückhaltung,. die darum 
. doppelt bedauerlich ist, weil an diesem Ort eine 
zu einer Monographie ausgebaut inhaltliche Krit’k des buchkritischen Teiles der 
als Handelsgeschichte, um das Buch als einen Nadlers folgt. Formal wie die Bestimmung der „Kauffe:ndlichkeit durch Leihgemeinden ist 
besser als Lesefeindlichkeit, aus Ersatzbedürf 
nissen." 
• Zum Schluß fordert Nadler eine großzügige 
Organisation der deutschen Bücher- 
a u s f u h r, die ihm als nationale Lebensfrage 
gilt. Er ermähnt vor allem zurverständnisvollen 
Berücksichtigung, der östlichen Randstaaten, die 
ein stark es V erlangen nach d eutseher Kultur 
trügen. Nicht minder beachtenswert wie seine 
Kritik an den dort geübten Propagandamethoden 
ist die an der österre’chischen Fahrlässigkeit. 
„Es ist darauf zu schwören/ 4 versichert er, „daß 
es in keinem der i nächstbeteiligten. Wiener Mi 
nisterien eine Stelle gibt, d’e sich mit den gei 
stigen Beziehungen Oesterreichs zu seinen Öst 
lichen Nachbarn beschäftigt." Auch das groß 
spurige Auftreten . mancher deutscher Kreise 
Oesterreich gegenüber bleibt nicht ungerügt. 
Die ganze bittere Zustandsschilderung klingt in 
einen Appell an den deutschen Buchhandel 
aus, die bisherigen Versäumnisse durch eine 
vermehrte Pionierarbeit im Raum „von Reval 
bis Fiume" wettzumachen. Wobei man nur 
wieder gewünscht hätte, daß auch des Inhalts 
der über die Grenzen zu schickenden Literatur 
ein wenig gedacht worden wäre. 
leitet Nadler mit der Bemerkung ein; „Es gibt Buch. Und da Irren menschlich ist, so fällt sie 
kein Mittel, die erwürgende Massenerzeugung nicht in Schuld, weil sie sich von Fall zu Fall 
künstlich zu drosseln, damit das Edelerzeugnis im Urteil vergreift. 44 Viele Irrtümer, die sie in 
. .. , „ wieder Raum gewinne/ 4 Da diese kapitalistische der hier gemeinten Hinsicht begeht, sind nur 
R. 1.60), der ein Ende dieses Jahres vor dem Situation als gegeben hingenommen wird, drängt allzu menschlich, und darum doch eine Schuld. 
Allgemeinen Deutschen Buchhandlumngsgehilfen- sich von selber die Frage auf, wie das Buch Ueber ’den Rundfunk und die etwaige Weihe 
verband gehaltener Vortrag zugrunde liegt, er- in ihr seine kulturelle Funktion auszuüben ver- kraft seiner Bücherstunden äußert sich Nadler 
öitert Fragen, die für das deutsche Buch lebehs- mag. Nadler erkennt durchaus richtig, daß der einstweilen abwartend; nicht ohne die Ge 
wichtig sind. Sie sollte schon darum nicht nur Buchhandel außerstande ist, den Verkauf des fahrenmornente zu erwähnen, die der Bevölke 
rn Fachkreisen gelesen werden, weil sie die wertvollen Buches zu erzwingen, und legt daher rung von diesem Instrument her drohen. (..Dei 
aktuellen Betrachtungen an einen historischen den Nachdruck auf die Erziehung der ärgste Zeiträuber aber ist.der Rundfunk “) Seine 
Rückblick anknüpft, der seines materialistischen Käuferschaft. „Den Schlüssel zur Lage emp’rischen Beobachtungen sind überhaupt 
Einschlags wegen unser besonderes Interesse, hat nur der Käufer/ 4 Die Analyse der an ihm häufig sehr treffend.. So verteidigt er mit den 
verdient. Er kommt andeutungsweise einer For- zu leistenden Erziehungsarbeit wird leider von Volksbüchereien auch die Leihbibliotheken, die 
derung entgegen, die Nadler wie fe’zi formu- einem gewissen Formalismus gehemmt, der den Umsatz nur verlangsamten, und prägt bei 
liert: „Schriebe man Literaturgeschrchter einmal allerdings wohl zwangsläufig aus dem Standort dieser Gelegenheit den ausgezeichneten Satz:
        <pb n="100" />
        ts Lvno 
? Bäzare und Fuß 
Mihnachtücher Mudettzauöer. 
Von A. Kracauer. 
. . , Berlin, im Deze-mL«. 
Wa sich sonst glatte. Straßen .und Mätze Mzichen^ tauchen nor 
Weihnachten wunderbare Jahrmarktsstädte ans, die aus Rollwagen, 
Buden und Tischen bestehen. Sie find von TannenwAdern.ein-, 
gebettet, deren entwurzelte Stämme den Ausblick auf die Asphalt 
flächen verdecken, und lassen den gemeinen Alltag nicht durch. Die 
Schausenster weichen in den Hintergrund zurück, die Straßen 
bahnen rauschen jenseits der Tannen, die selber nicht .rauschen 
können. Eine unübersehbare Menschenmenge 
gänger gehören zusammen — kommt aus dem grünen Dickicht 
hervor, bildet Knäuel, die zergehen, wälzt sich weiter und ent 
Ourck äsN 8okr-Z.o^ Lur LüäLeS, 
Vrieü LLstusrs N^usL L^srduM: .D s r 
Z K. KL i° (mit rsiMväsu IIlu-trationM von IV Liter 
WMLMK &amp; 0-0. Verls^, VerHu-0rmr6MLlä. 
132 8MerO sutkält iLiitsr ^.dsntsusr. äis sied m 
äsr ^Lt rrnr Lir emsra ZL. Nai srsiKNöL körmsu. 
OL äs?^ klsins LourLÄ visdts VON äer Küäses 
MHik, üksr äis sr äoek smsQ ^üksaLZr sekrtzidsv soll, 
M-K^ sr AM MekmrttLS äss uuWöÄieksL ^'LML 
äöMiV, m &amp;lt;Fh?e^ekLLt ssmss Oüksls VmLs^uiL, 
äsr sirr luLti^sr Luads ist, nnä äss sdsmLliMv 
^irkuLvksräss NsLro ^L^Lllo. ÄLZ auf ktOUssknksn 
UM unä Mis Lssedmisrd EnkMAtZt. Dis ärsi ^ts'^sn 
sinktz-sk in sinsn Lltsn KskrLvk sin. äsr vMÄiod 
LMS MekMLnä wskr dLt, unä ÄLNN Lsnt äis Vsiss 
los. WunäsrdLr ?-mä Äs ZtAtionsn. äis -is untsr- 
WASkSN. 8o konunsn 616 MM VmSVIH^ IM 
ZMLrEsÄL' ä, In äsm Wo Wdss^kreidlicäw 
MH MEkL M EMZkMÄ LWEMM Mirs, Wä 
Lpätek in äis VMS E LWÜM VsrLLNWLksi^ Äs 
LlL M WOÄsrnisiEtW MMM LutLMLZHM ist.- Drs 
Llttzü Ltzläsn Mis ^Lvolson, OLE, HEUsL trsidLa 
Äsr ÄEt säsr svitzlsu mit LoläLten^ MsoväsrS MR 
&amp;gt;M äis EkMts tMsIt. M äsr döLH'ÄMLWWMLls " 
in äis Lokuls ^süm MÜS86V unä Von äsn Linäsrn 
srZwksQ NsräM. äisso DinMIs siner NUülsE 
kkLNtLsis vsrWise.ltsn sut sms liedensMuräiLso ^siss 
LelrEbnütnisss, LinäertrsumH nnä äun^sMust an 
nbskmütrKGv ÄLs^M. Mekt vßrsekMi^Lsn soi, ÄLÜ 
WLvcdwÄ uueü I.üekM sntsteLsn, äis nur notäürktiK 
veräeckt Linä. Ois 8sWäGrun§ äsr 8tÄät Nöktro- 
potW^ vchxM SMG krLKMüräÄs LeÄeKmm Mir 
^seknik, unä meÄ Mltsn tritt äsr LEUMts ^Vits 
äsr DiLloM an äis LtsUs nitrier ^nssimuunK. 
Lr. 
Der usuC DolittlS-LZmä. 
Dis Lstts äsr OoliMs-LLnäs rsiLt niekt ad. Im 
voMsn Mur äsr x^uts Doktor s.uk äsm V-üskeu sinss 
MsLsnkMsrK LMü Nonä Asklo^sn, in äisssm Msräen 
Mir stdsr äis ^dtzMoWr, uAtsrri Met,. äisMrW KuA 
äsr DLnäunK bsEnsn. vsr nsus Zanä: o k 
tor Vo 11tLIs Ln. L. ä s m N.o ü ä" (MMnM. H. 
O-o. Vsrts^ Nsrliv-OrnneMLiä. 2M 8.' 6 ödi . VO) 
ist äsr LsNs äsr OsWIs-OsseÄsIrtsn nnä soll idr 
letzter KSin? ^bsr Mir dnitsn äis kdnntLsis idrss 
Lr^Ldlers LuKd I, o k tin L kür visl LÜ nn- 
srsedoMsÄ Lls äLÜ sis isiM- plötLlied MbEdsn 
konnts, nnä dokksn Mm minäestsn noed ru sr- 
kndrsm Mis Doktor Dolitrls Misäsr 2ür Nräs dsr- 
untsr kommt. OsNü iÄtsLedlisd mutL sr AM Vnäs 
äss Luedss auk äsm Nonä hisidsn, nnä nur sein 
8skrStLr Domm^ Ltudbins Mirä Misäsr sräMLrts 
dskoräsrt. Disssr iunKS Mnn dsriMst uns Äs 
wsrknüräiKsn Dinss, äis Sr unä äsr Doktor unk 
Msswm Irudnntsn MlsdtM. in sinsw so nüedtsrnsn 
^on, änL niedt äsr ^srinLsts ^MSiks! nn idnsn Ls- 
stuttst ist. Nun muÜ idm Änudsn, äuK unk äsm ^on 
LÜ6Q Mieden äsn 80 ^ssedät^tsn Dsstirn äis kllLü^su 
VtzrstLnäiMnMMöMedksitsn dssitE: äaü ss äsr 
in KAwtiiedsn MspsyrAedsn dsMLnäsrts Doktor äoO 
odsn äudin LSdruedt dnt. Ed Äis Lvroedsn äisssr 
Dklnn^sn srtorsedM unä Zmw Voispisl .lnMs 
rintsrdAltunKöü mit äsn ^iWtsrrLnksn LU pkiMSü; 
äuL äsr NLUn im läonä niedt, Mis Mir disdsr LM 
NAdmsL, Sin RinäsrMredsn ist, sonäsrn sin MirkUed 
IsdonÄEr Nsss, äsr äsm LtsinLöitZÄtSr sntstLmmr. 
Zu ÄiSLsn 1°At8ASdSQ kommE LNÄsrS, äis niedt 
MHMK^r MUnäsrdLr LMÄ Nn (Mek noed. ÄLd 
DoMr Dolittls sied äänk Lsinsr inniLSn Vs^sdun- 
ÄSN M MsdtE unä undtzlsdtM Mtur ÄdsrM M- 
rsodtkiLäM kLnü unä ÄLdor Lued unter äi^sn 
sedMisrlE Dw^tLnäsn niedt in VsrMirrunL LsrLt. 
W^r se in krUdsrsn OsLediedtsm äis Lut äsr Dräs 
LvisItM, dLuÜL Sin tzMitsr Vrotsst Ks^sn äis Os- 
MLlttLtiKksit äsr DüvSrnuükt äsr Nsnssdsn, so ist 
sr im Nsmedsräo-sD Nonärsvisr . vornäSLSnä äsr 
porsedsr, äsr iLUtsr undskLnnts ötzkLdrsü dsstsdd 
Ois Rinäsr Msräsn idn um so Ilsdsr äured äis 
krsmäs DLNäsedakt dsÄsitsn. Zäs sr sied Misäsr in 
OsssIlLedukt ssinsr äroUrssn Disrs dskinäsd 
- 8» Ln-LeLAs^-. 
schwindet wieder im Dickicht. Es ist, als sei das Gewimmel ein 
notwendiger Bestandteil der hölzernen Stadt- 
Feilgeboten werden in ihr Dinge, die für gewöhnlich keine 
feste Unterkunft haben; es sei denn im Halbdunkel von. Passagen, 
Unnützer Krimskrams, der nicht zu ernster Beschäftigung, sondern 
allenfalls zum Zeitvertreib taugt. Hier in der BvdenstM wagt 
sich das Gelichter vollständig an den Tag. Es. kriecht aus Ritzen, 
und Schlupfwinkeln hervor und freut sich des Passierscheins, den 
man ihm in Erwartung der Feiertage gegeben hat. Solange ste 
dauern, währt seine Herrschaft. Ast doch diese Zeit die der kleinen 
Dämonen,.-die..sich das ganze Jahr, über.nicht austob.m..dürfen,. 
Fetzt -endlich wecken sU freigelaffen, um . ihre Saturns 
begehen. . Kaum sind sie ausgeschwLrmt, so tritt an die Stelle 
unserer Welt ein« andere. Eine primitive Vörwelt,. die so zu 
sammengeschrumpft ist, daß sie, die einst aus Höhlentiefen bis zu 
den Sternen reichte, heute beguem in Zimmerecken Olatz findet. 
Erwachsene gelten in ihr nicht mehr als die Kinder. Sie nehmen 
Angsttraume in die Hand, spielen mit überwundenen Göttern und 
belustigen sich über die Miniaturverkörperungen elementarer Ge 
walten. ' . . - 
Den Sinnen, die ihre Lust büßen wollen, bietet sich eine, ganze 
wilde Jagd von Gegenständen an- „Alles regt sich, alles bewegt 
sich/ schreien die Händler. In der Tat regen und bewegen sich 
dies« .Nachbilder des großen Natur- und Geisterplunders nach 
unserem Gefallen, Die Katze lupft ein Bein, der Esel streckt. AmM 
und Schtvanz heraus, und die graue Maus, der „Schrecken der 
Damenwelt", huscht pfeilgeschwind über den Boden. Es muß 
schön sein, wenn die Damen quietschen und sich hinterher alles m 
Wohlgefallen aufläst. Auch die Babys werben noch halb zum 
Tierreich gerechnet und wie aus Spaß zur immerwährenden 
Wiederholung der ihnen eigentümlichen Tätigkeiten genötigt. Das 
mechanische Krabbeln, Strampeln und Grimasfleren wäre zum 
Fürchten, brachen sie nicht glücklicherweise eines Tages den Bann. 
Ihrem winzigen Maßstab find viele Gebilde angepaßt, deren 
Originale sich manchmal wie besessen gebacken. Wahrscheinlich ist 
es nicht jedermanns Sache,, sich einer Luftschamkel anzupertrauen. 
Wenn aber die Schaukel auf einem Rollwägelchsn sitzt, das nur 
gezogen zu wecken braucht, damit sie sich zu drehen beginnt, 
bleiben sogar die zierlichen Figürchm bei Besinnung, die in ihren 
Kabinen durch die . Luft sausen müssen. Nicht minder harmlos ist 
die Bergfahrt zu einem Gipfel, besten schwindelerregRid« Höhe 
von der eines Fingers übertryffen wird, oder die Veranstaltung 
eines Pfeckerennens, das auf einer Dellerfläche gelaufen wecken 
kann. Man zieht di« Schraube an und gMetet Wer. Kraft-,- die 
kaum zu HSMgcn find und oft Katastrophen entfesseln. Ja, die 
Erdkugel selber ist uns in Gestalt eines als Globus ausgebil- 
dewn, Kreisels unterworfen. Ein Griff genügt, um sie so rasch 
rotieren zu lasten, daß sämtliche astronomische Gesetze in Ver 
wirrung geraten. Während sie auf der Schnur tanzt, wecken ihre 
fünf Weltteile vom Kerzenlicht eines Slechernen Leuchtturms be- 
schienÄ. Dazu ertö^ das. künstliche Gegacker einer nicht vorhan 
denen Henne und eine sanfte FMemnufik, die mit Hilfe eines 
Metallstücks kinderleicht zu bewerkstelligen ist. 
„Alles regt sich, alles bewegt sich." An die Oberfläche dringt 
auch ein Zeug, Von dem wir nur mittelbar etwas wissen. Es trägt 
keinen Namen, fegt durch die Stuben und überfällt/uns gern 
hinterrücks. Nachts wird es lebendig, ohne sich je zu zeigen, und 
im Hellen Tag verstört es die Dinge, so daß sie bösen Schabernack 
treiben. Dadurch, daß diese Unwesen in den Buden sichtbare For 
men annehmen, verlieren sie sofort die Macht, die sie über uns 
haben. Sie enthüllen sich zum Beispiel als Puppengeschöpfe aus 
Holz, Draht und Stoffresten, die unserer Laune so sehr zu Willen 
sind, daß sie auf den leisesten Druck hin durch den Hohlraum der 
Feiertagszsit Hüpfen. Besonders kurios ist der Irrwisch ausge-
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        / 
Zwei große Iitm Kremieren. 
Berlin- Ende Dezember. 
Asts Nielsen. 
Viele Jahrs hindurch ist Asts Welsen nicht mehr auf der Lein» 
wand erschienen. Sie, die den stummen Film zum Rang einer 
Kunstgattung erhoben und eine Reihe unvergeßlicher Gestalten ge 
schaffen hatte, war schon von der Bildfläche verschwunden gewesen, 
ehe der Lonflim einzusetzen begann. Woher dieser Plötzliche Ab 
gang? Schuld an ihm trugen, wie ich in meinem Artikel: „Asts 
Nielsen und die Filmbranche" (vergl. Reichsausgabe vom 18. April 
19Z1) dargelegt habe, nicht so sehe gewisse, aus den sozialen Um 
schichtungen zu erklärende Wandlungen des Zeitgeschmacks, als die 
hartnäckigen und unbegründeten Widerstände, die sich in den Kreisen 
der WlmproduMon und des Filmverleihs gegen die Künstlerin 
regten. Um so weniger kannte das Verlangen nach einer Kunst 
verstummen, die durch die bisherige Entwicklung des Tonfilms 
wahrhaftig nicht aus der Erinnerung verdrängt worden war. 
Die Berechtigung dieses in der Öffentlichkeit wieder und wie 
der geäußerten Verlangens hat der nach einem Roman Schirokauers 
gedrehte Ulm: „Unmögliche Liebe" jetzt glänzend erwiesen, 
Asts Nielsen spielt in ihm eine alternde Bildhauern, die trotz ihrer 
zwei erwachsenen Töchter auf das eigene Leben nicht verzichten 
will. Sie liebt einen berühmten Bildhauer, gerät dadurch in einen 
Konflikt mit den Mädchen, die sich benachteiligt glauben, und resig 
niert spätem Ich erwähne nur M daß die Durchführung dieser 
Fabel älteren Stils an sich nicht eben zu fesseln vermag. Sie be« 
- handelt den Stoff auf konventionelle Weise, benutzt an entscheiden. 
der Stelle eine Jrrenhausszene, die uns besser erspart geblieben 
wäre, und mündet in einen 
Aber gleichviel, der Film gibt doch Asta Nielsen die Möglich, 
kelt, alle Zweifler schlagend und endgültig zu widerlegen. So groß 
ist ihre Kunst, daß sie sich in einer veränderten Zeit ungemindert 
behauptet. Nicht zuletzt dank der Stimme, deren schmiegsame 
Herbheit sich den verschiedenen Situationen leicht anpaßt und 
mit dem Gesamtspiel wie selbstverständlich zusammenwächst. Ge 
rade das Ineinander von Sprache und Mimik ist Frau Nielsen 
wunderbar gelungen, Sie läßt den stummen Auftritten viel Raum; 
so daß die Aussage nicht eigentlich durch die Gebärde unterstützt 
wird, sondern dieser jeweils das Wort entspringt. Noch kaum je ist 
die Sprache so filmgerecht eingesetzt worden. Hinzu kommt die 
Meisterung des Mimischen selber. Schon beim ersten Erscheinen 
der Nielsen ist die ganze Figur fix und fertig vorhanden. Man weiß: 
diese Bildhauers W sich ihre Existenz selber geschaffen, sie lebt 
zwischen den Milieus einer geregelten Bürgerlichkeit und einer 
freizügigeren Bohöme (die ebenso bürgerlich ist), sie möchte ihre 
mütterlichen Pflichten nicht vernachlässigen und doch noch einmal 
jung und unbeladen sein usw. Das alles weiß man, ehe ein Wort 
fällt. Eine Kraft des Ausdrucks, die auch die DurchgangZPaflagen 
erfüllt und sich in den großen Szenen hinreißend steigert. Der tra 
gische Grundton, den man von früheren Rollen der Nielsen her 
kennt, ist das düstere Lokalkolorit, in das alle mimischen Nuancen 
getaucht sind. Vielleicht hätte er manchmal zugunsten hellerer Töne 
ein wenig verblassen sollen. Infolge seiner Herrschaft kann zum 
Beispiel das Glück nicht frei ausschwingen, das die Bildhauerin 
über den Rowpreis empfindet, und auch ihre Liebe klingt nur ge 
dämpft. Die straffe Führung jedoch, die längere Abschweifungen 
ausschließt, duldet auf der anderen Seite nicht selten kurze Unter 
brechungen des Zinienzugs, die für seine Strenge voll entschädigen. 
Eine herrliche Enklave ist etwa das Lächeln der Schelmerei, das 
manchmal durchs GevM dringt und sofort den strahlenden Himmel 
hervorzanbert. 
Erich Waschnek hat den Film stüssig ünd mit dem hier an 
gebrachten psychologischen Verständnis inszeniert. Seine Stärke 
scheint der Sinn für die Eigentümlichkeiten der Darsteller zu sein. 
Wie er der Kunst Frau Nielsens zu bedeutenden Wirkungen ver- 
HM, so verfeinert er das Spiel Poin^ und läßt Ellen 
Schwannecke gewähren. Diese junge Künstlerin hat nicht nur 
jenen seltenen Charme, der aus einer aufrichtigen Natur kommt, 
sie verfügt auch über mehr als eine Dimension. Ihr Backfischlachen 
steckt an, ihr Schluchzen ist von rührender UnM ihr 
Wesen wird von reinen Empfindungen durchwaltet. Sie ist insofern 
eine Ausnahme, als ihr das Seelenschmalz fehlt, das in zahllosen 
anderen Fällen die Begegnungen zwischen Ernst und Heiterkeit ver 
hindert. 
Asta Nielsen wurde bei der Premiere mit begeisterten Ovationen 
begrüßt. Sie steht nun vor einem zweiten Beginn, Und es gäbe 
repräsentative Figuren genug, die nur durch ihre Kunst erweckt 
werden könnten. 
Technik und Menschen. 
Die Ufa hat uns zu Weihnachten mit dem langerwarteten 
Großfilm: „P. ?. 1 antwortet nicht" beschert, der seines 
sensationellen Inhalts wegen vermutlich die Millionen wieder 
Einbringen wird, die er gekostet hat. Worin besteht die Sensation, 
die er bietet? In der Vorwegnahme eines technischen Riesen- i 
Projekts^ dessen Verwirklichung man heute tatsächlich ernsthaft« 
erwägt. Wie ich in meinem Artikel: I auf der Insel Oie" I 
fallen, zu dem sich das verborgene Gesinde! verdichtet. Weder 
er eW Spur von Menschenähnlichkeit, noch auch gleicht er sonst 
emer bekannten Kreatur. Seine Gliedmaßen sind Garnspulen und 
-rollen, und das ganze Gestell wird von einem Seidenstern ge 
krönt. Wehe, wenn ihn einer abwickelte. Dann verschwände die 
drollige Schrecklichkmt, und das Fadenmännchen wirkte zu unserem 
Verderben wieder hinter den Kulissen. 
MMn unter diesen müßigen Artikeln machen sich Seifen, 
Krawatten, Parfümerien, Schals und andere handfeste Warm 
breit, die sich über ihre nichtsnutzige Nachbarschaft erhaben dünken. 
Sie liegen in Koffern zur Schau, die so billig sind wie sie selber,' 
und fordern seriöse Beachtung. Aber wenn sie such noch ss wichtig 
tun, gehören sie darum doch nicht minder zur Bagage ringsum. 
Man hat sie aus den Geschäften vertrieben, und nun führen sie in 
der Budenstadt dieselbe Vagabundenexistenz wie das übrige Ge 
lichter und die Verkäufer an Ständen und Tischen. Der Spuk aus 
Erdspalten und Möbeln verträgt sich ohne Schwierigkeit mit den 
Ausschußprodukten der Gesellschaft. Nicht umsonst drohen die Ge 
sichter mancher Arbeitslosen, die hier für einige Tage einen Ver 
dienst gefunden haben, ganz zu vergehen und dem Fadenmännchen 
Zu folgen. Hinter einem Tannenwaldbündel sitzt ein Bettler der 
sich ausdrücklich als einen „Zivilblinden" bezeichnet. Er bringt auf 
feinem Harmonium Melodien hervor, die das Hennengegäcker und 
die Flötenimitation übertönen. Sie werden erst dann lustig 
klingen, wenn alle diese lebensgroßen Elendsfigurm klein ge 
worden sind wie die springenden Püppchen, mit denen wir spielen. 
1-fL) V- L 
iV - 7^ 
Muchausstessungen in Merlin. 
^)ie deutsche Gesellschaft zum Studium Ost 
euro ps schutvo^^ in ihren Räumen eine sehr lehr ¬ 
reiche Ausstellung: ',Die schöne Literatur in der 
Sowjet-U nis n" veranstaltet. Diese Schau sucht am Beispiel 
der ins Deutsche übersetzten Sowjetliteratm nicht nur einen 
Querschnitt durch die sowjetruffische Belletristik, .sondern auch 
eine Einführung in das/Verständnis d^ 
Zu geben. Bilder und Karikaturen der bedeutendsten Autoren so 
wie Angaben Wer ihr Leben und ihre Arbeiten vervollständigen 
Las Bild- Jn dieseM Zusammenhang sei auch, auf das „soeben er 
schienene 'Werk' der Gesellschaft:- -,D i e Sü wj et -Unio n 
1. 917 — 19 32" hingewiesen, das eine systematische und mit 
Kommentaren versehene BMiogräMe der wichtigsten deutsH- 
fptachigen Bücher und Aufsätze über die Sowjet-Union enthält. 
Einen ausgezeichneten Ueberblick über den Stand des Prole 
tarischen Bü^ Ausstellung: „Di e W elt v o n h e u te 
und morgen" an der sich außer den bekannten Verlagen für 
Arbeiterliteratur auch die Verlage S. Fischer, Rawohlt, Kiepen» 
Heuer usw. beteiligt haben. Sie ist unweit des MittelmaM un 
tergebracht und stellt in sinnfälligen Arrangements die gesamte 
einschlägige Literatur zur Schau. Man erfährt in ihr,z. B., daß 
dieser Lage der I. Band des „Kapital", dem der II. und III. bald 
folgen werden, in einer Volksausgabe erscheint, die an Billigkeit 
ihresgleichen sucht. Die Jahrgänge der Zeitschrift: ,/Unter dem 
Banner des Marxismus", von der das eine oder andere Heft nicht 
mehr erhältlich ist, sind dort vollständig zu haben. Natürlich fehlt 
auch die bekannte und unbekanntere RüßlandliLevaLur nicht, deren 
Romane und Reportagen sich mit dem theoretischen Schrifttum 
vermischen. Nur die Werke Trohkis scheinen sogar in diesem Kreis 
das Schicksal ihres Verfassers teilen sie doch nir ¬ 
gends Zu sehen. Die Ausstellung soll noch den Januar über ge 
öffnet bleiben, K r.
        <pb n="102" />
        (vergl. Reichsausgabe vom 80. September 1932) bereits aus- 
führte, ßnd die rätselhaften Buchstaben, die nicht antworten, eine 
Abkürzung für: „Flugzeug-Plattform 1", und unter dieser Platt 
form wiederum ist eine künstliche, im Atlantik schwimmende Insel 
Zu verstehen, die als Stützpunkt für den transozeanischen 
Luftverkehr dienen soll. Mit Hilfe eines gewaltigen Auf 
wands an Mitteln ist es geglückt, die nicht vorhandene Insel so 
realistisch darzustellen, daß ihre Existenz nicht den geringsten 
Zweifel zu dulden scheint. Man verfolgt ihre Entstehung in der 
Werft, sieht sie auf gewaltigen Stempeln mitten im Weltmeer 
ruhen und beobachtet vom bequemen Sessel aus die Landung eines 
Flugzeugs auf dem Jnselverdeck. Die gigantischen Konstruktionen 
des Unterbaus, die funkelnden Lichter bei Nacht und die Vision 
der dem Morgengrauen entsteigenden Plattform: das sind Ein 
drücke von einer Großartigkeit, wie sie der Film bisher selten 
erschlossen hat. Ein technischer Traum ist hier ins Dasein herein 
gerissen, ehe er überhaupt zum Dasein gehört. Die Vollkommen 
heit der Illusion wird noch durch fabel^rfte Fliegeraufnahmen 
gesteigert. Sie vermitteln nicht nur außerordentliche Naturbilder, 
sondern geben auch Perspektiven wieder, deren Kühnheit die Phark 
Laste mühelos zur schwimmenden Insel hinleitet. 
Im Vergleich mit der technischen Konzeption wirkt die Fabel 
allerdings doppelt erbärmlich. Sie gipfelt in einem Sabotageakt 
gegen die Insel, der aus unerfindlichen Gründen von unbekann 
ten Auftraggebern veranlaßt wird. Und ihr Held ist ein vagabun 
dierender Ozeanflieger, der aus Gram darüber, daß die geliebte 
Frau seine Neigung nicht mehr erwidert, beinahe die Flugzeug 
Plattform einschließlich der Frau und dem Freund untergehen 
läßt. Erst im letzten Augenblick rettet er dann doch noch das tote 
und lebende Inventar. Ein Kitsch, der angesichts des Glanzbaus 
der U. 1 ziemlich peinlich berührt. Immerhin erfüllt er, wenn 
auch Wider Willen, die Funktion, einmal drastisch zu veranschau 
lichen, wieviel Unreife und Sentimentalität zwischen Eisenrippen 
und in Flugzeugkabinen wohnen und wie wenig der Stand des 
menschlichen Bewußtseins vorerst dem der, heutigen Technik e 
spricht. 
Karl Hartl, ein begabter Regisseur, hat nach besten Kräften 
versucht, den pompösen Stoff sachgemäß und spannend zu ent 
wickeln. Ganz ist er seiner nicht Herr geworden. Das Tempo 
schleppt manchmal zu sehr, und über der Ausmalung der mensch 
lichen Bagatellen wird die Schilderung der technischen Vorgänge 
vernachlässigt, die viel interessanter gewesen wären. Man hätte 
gern mehr Plattform und weniger Gefühlsleben gekostet. Es ist, 
als würde Hartl eine gewisse Befangenheit nicht los, die ihn zum 
Beispiel bei der Darbietung der Matrosenszenen und des Han« 
seatenmilieus spürbar beeinträchtigt. Nur in den Montagen, den 
Flugbeschreibungen und an einigen anderen Stellen kämpft er 
sich zur unbelasteteren Gestaltung durch. 
Eine neue Erscheinung im deutschen Film ist Sybille 
Schwitz. Sie verkörpert die weibliche Hauptrolle mit einer er 
staunlichen suggestiven Gewalt. Ohne daß ihr Gesicht an sich ewe 
zwingende Form besäße, erlangt es in der Bewegung des Spiels 
sofort eine Macht, die beinahe magisch genannt werden muß. Jede 
leise Veränderung der Züge beschwört Gehalte herauf und weckt 
ganze Vorstellungsketten. Nicht anders braucht die Stimme nur 
Zart zu modulieren, um weit auseinander liegende Empfindungen 
Zu vergegenwärtigen. Hans Albers als Ozeanflieger? M 
mal zum Glück nicht immer nur siegen und strahlen. Und gerade 
dadurch, daß er die Rolle des Unterlegenen sympathisch aussüllr, 
beweist er, wie groß seine Naturgaben sind. Statt ihn zum Plakat 
eines Volkshelden zu stilisieren, sollte man ihn in den Niederungen 
alltäglicher Konstellationen Zeigen, in denen er seine reiche Wü- 
gift besser verwerten kann. Paul Hartmann, der den Insel 
ingenieur spielt, bringt zu diesem.Beruf die nötige Härte und 
Bestimmtheit mit. Der harmlose Fotoreporter Peter Lorre.s ist 
Mb Ausgeburt anheimelnder Unheimlichkeit. (,F. ?. l ant 
wortet nicht" wird zurzeit auch im Frankfurter Ufa 
Palast gezeigt.) 8. LraeLU^
        <pb n="103" />
        1^32- 
Entsäuert (BCP) 
2008 
Schempp® 
Bestandserhakung
        <pb n="104" />
        <pb n="105" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
