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        <title>H:Kracauer, Siegfried/01.12/Klebemappe 1933 - [Geschlossener Bestand der Mediendokumentation, Nachlass]</title>
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        LML „L'UsxSLÜSL La»!M^«rxsr" / pressskabrt Berlin-NsmburZ 
Lr. Ramburg, W. DsZembsr. 
bkabrt. 
Gegen ^ill. in der Balls des Dsbrter Vabnboks Ztebt der 
neue Kcbnelltriebwagsn dsr Rsiobsbabn bereit, dis Vertreter der 
Rresss auk^unebmen, die LU einer Rrobekabrt eingHladen sind. 
Bell bsbt sieb der in Weiü und Violett gebaltens Wagen vom 
dunklen Ballenbintergrund ab. Br Ist Überaus sM3.uk und wirkt 
so leiebt, als sebwebe er über den Zebiensn. Asins Rormen sind 
von einer BleganL, die tecbnisob begründet ist. Um nämlieb den 
Duktwiderstand möZIIMt ru verringern, der im Quadrat der Ge^ 
ssbwindigkeit wäsdst, bat man die beiden Wagenenden stark ab 
gerundet, 61s Wagsndecken weit beruntsrgsXOgen und den Raum 
unter den Wagenkästen mit VleobsobürXen umkleidet. 80 macbl 
der Wagen einen ganL gescbloAsensn Bindruck. Wir steigen ein; 
niebt oMs daÜ vorber einige Jupiterlampen intensiv Lukgeisuebtet 
batten, in deren Riebt das Rabr^eug doppelt unwirkliob glänLto. 
^bkabrt: 10.35. Dis Rünktliebksit Ist in disssm Ball besonders 
wiebtig, weil unterwegs drei RersonsnLügH und noob visl mebr 
GütsrLügs übsrbolt wsrden müssen. 
Daslnners. 
Der Wagen Xiebt sebnell an, käbrt absr dureb die Vororts 
VOLK so langsam, daL man Ruüe bat, sein Inneres LU betraMem 
Lwisoben den okkenen Abteilen der beiden glsiob langen Wagen- 
bälktsn liegen in der Ritts die Toiletten und der Lrkriscbungsraum, 
der wie eins Bar ausgebildet Ist. ^Rss II. ULSss; Lusammen kür 
100 Rassagiere. Um klatX LU sparen, sind nur seitliebe Gepäck- 
netre angebraebt, dis dureb Gepäokräums an dsn Wagenenden 
ergänzt werden. Rots Beppiobs, dis mit der übrigen Ausstattung 
barmonisrtzü, dienen der Geräusebsdämpkung, kür dis übsrbaupt 
gut gesorgt ist.Das Kurren der Rotoren übßrtönt nie dis Ge- 
spracbs, sondern wirkt 3,1s sins angenebme Rolie. Wer sieb Vs- 
wegung verscbakken will, kann Xwisoben den Zitzen — drei auk 
der einen Leite und tzinsr auk dsr andern des RittelganM 
endlos spazieren geben. Der gegebene ^usruÜMnkt dieser kleinen 
Binnsnreiss ist die Bar, in dsr sieb alls Welt trikkt. 
ZeünsllrKksit. 
Nintsr Lpandau dMnnt dsr "Ungsn smns ^olls OsZeü^ln^ 
drZksit LU sutkaltsn. ^.n dsn Roxksndsn dss IVngsns dskinden 
ZiM von jedem klntL Aus sieütdnr, L^ei Zroüs ^siKsr, dis Üder 
dis je^eiliZ erreioüte RilomsterrÄÜI aukklüren. 8w werden von 
ZaelikundiKsr Rand Ksdreüt und dsiVGMN sied raseü von der 
Aikker 100 Lur 2ikksr 150, ja noeü darübsr lilnaus. Usür Als 150 
Xilomstsr die 8tunds — küssen die Zinne diese LeünelliZiLeit? 
Nan sxürt sie mit dem deüor, dem lastvermößen, den ^ugen. 
Das Zurren seli^illt an und vmeüst sieü ru einem xlereümMiZsn, 
wundervollen Ion aus, den man bald nieüt msür kört. (IVenn 
er bei langsamerer Rakrt naelilüÜt, vermiet man ilin seümerr- 
lieli.) Der IVagen dedt leise von reelits naeü links, und es be- 
dark eines stärkeren Druckes, um die Uitteltür nu ökknen. Ver 
vollständigt werden diese DmxkindunZen dureü die Vilder der 
Dandseliakt. Zwar, das Rlaeüland in der Derne bewegt sieb nickt 
mit, sondern grenzt stumm und reglos an dsn NoriLont, aber 
dakür sind dis Oegenstände im naüen Dmkrsis alle vom Os- 
seliMndigkeitstLumel ergrikken. Rasend ^is nie disker klutseksn 
die ^elegraplienmasten vorbei, und dis KtationsgebLuds Werden 
rm langgSLogenen vsrsebWimmenden Rläeben, deren Fenster 
LLnder, deren blamen unleserlieb sind. Diese MscliWindigkM 
autzMkosten, ist einer der größten Senüsse. Bedeutet sie ru Be 
ginn vielleicbt eins erregende Vensation, so sebenkt sie später 
dem Rorper, der sieb an sie geWobnt bat, ein beinabe unirdisebes 
Rulzegekübl. Bs ist, als gebe man in kremds Räume ein, dis voller 
8Ms sind, und nie mebr möebte man wieder Ruü auk der Rrds 
kassen. 
Im Rübrerraum. 
Der Rübrsrraum, den wir wäbrend der Rabrt besueben dür- 
ken, gleiebt in seiner nüebiernen Rbantastik dem Bestandteil 
eines jener teekniseken ZukunktsxrsjektK, dis in WMebsn modsr« 
neu Rilmen so Kel'bstverMndlleb auktretsn, als ob Äs «obon 
Virkliobksit seien. Dennoeb ist er kein aus Rülpsen WLimmertsk 
Vraum, sondern sins grsikbaw, MveMWiZO ReaRtät. Die Rr» 
innerung ane RilmatsliGr wird Lweiksllos dadurob bervorKeruksn, 
daü der Raum eine ungewobnts Rorm bat- die rem äsn tsob« 
nisebsn BedürknisZen entspringt. Lr ist vorne koMseb abge 
rundet und seins uiedrigM IVände besteben aus lauter Revstsrn- 
^m ^pparatentisob sitLt neben dem Rübrer ein VeobaMsr, der 
aueb vorerst noeb beibebalten werden soll. Der Rübrer selber 
bat nur eine einLige Lurbel Lu bedienen, mit deren Rilke sr die- 
Oesebwindigkeit reguliert; seine ^ukgabe ist also wesevtliob ein« 
kaober als etwa die eines Dvkomotivkübrsrs. Mslob eins ^us» 
siebt: js kompliLisrtsr die Rasebinen werden, desto lsiebter ge 
staltet sieb ibre Denkung. Rebrig bleibt ruletLt sins Lurbsl und 
ein OrikL. Die Kumme geistigen ^ukwauds, die ausserdem daZm 
gekört, um den Triebwagen mit 1Z0 Lilometer OssebwindiAkeit 
vorwärts Lu treiben, Ist in seinen Lwer Uaybaob-Dieselmotoren 
investiert. Riebt restlos allerdings; denn die BeobaebtunK der 
Lignale kann dem Rübrer niebt abgenommen werden; wenn aueb 
Kieberungen jeder ^.rt getrokken sind, die ilm unterstütLen. Rr 
rüokt von Asit M Leit an der Lurbel und verkolgt angsspannt 
die Strecke, die sieb sebnurgrad vor ibm debnt. Kie vsrsebwindet 
Lm Ru, ais wird von den Renstsrn gskreEN. 
Veu'scbredtzns Rinrelb srten 
^llmLblieb lullt die ZebnelliZksit wie ein Rarkoiikum ein und 
einige Mtreisende seblaken sogar. Da siob aueb sonst niebts 
Reues bietst, mögen ein paar Erläuterungen eingssebaltet wsr- 
den, dis von den Rsrrsn der Rembsbabn-Direktmn gegebsn wor 
den sind; wobeileb kreilieb von äsn rein teebniseben ^uskünkten 
absebs, dis nur den Raebmann intsressisren. Was runLebst dis 
Ossebwindigkeit bstrikkt, so ist sis darum niebt bis 2U dem an 
sieb beuts möglieben Roebstmak g^teigert, weil sieb ja der 
Iriebwagen dem übrigen Augvsrkebr anpasssn muü. Nan könnts 
vielleiebt statt des eine» Wagens Mgs aus mebreren Wagen ver- 
wHNdtzn, sisbt M aber runäebst vor, KurLo Lugsinbeitsu unter l-m- 
ständen öktsr verkebren su lasssn. Wiebtig ist der Rinwsis dar^ 
auk, daÜ durob die Venutrung der modernen Rotoren die Dampk- 
krakt ksinWwegs sntbebrliob wird. Im Gegenteil, man bokkt, daü, 
äbnlieb wie beim Gas, dis Lonkurrenx des Rotors siu Verbesss- 
rungen des alten Dampfantriebs kübrs. Dis in wenigen Renaten 
erfolgende Korrektur einer Kurvs vor Wittsnbergs soll dis Vor- 
Kürzung der Rsbr^eit Berlin—Ramburg auk rwei Ztunden er- 
möglleben. (Der RD-2ug benötigt kür diese Ltreeke eins Seit von 
drei' Ltunden.) 
n k u n? t. 
Die Rabrt vsrlangsamt sieb, dis Räussr werden ru Räusern. 
Und waren sebon auk der kreisn Ltreeks immer wieder Renseben- 
gruppsn TU ssbsn, dis sieben blieben, den 2ug mit den ^ugen 
verseblangen und ibm ruwinkten wie einem Glücksboten oüsr 
einem Rreund, so erweitern sieb jet^t von Bsrgsdork an die Grup 
pen Xu Rassen. Wabrbaktig, dis Balkons, die ZtraLenkreuLUNgsn 
und dis Vadvstsigs der Vorortstationsn sind diebt mit Rensebsn 
besetrt, dis sieb das Zebauspie! dss sebimmernden Wagens niebt 
entegben lassen wollen. 8is staunen ibn an wis die Brküllung 
einer Zebnsuebt, die in rbnsn wobnt. Lr läÜt sieb niebt balten, er 
gleitet an ibnen vorbei und über sie bivweg. Dm 12.55 kabren 
wir in den Hamburger Rauptbabnbok ein. Runderts erwarten aueb 
bier den Wagen und buldigen ibm scbwsigend. Reu und unvsr- 
brauebt, kaülicb und doeb kaum ru lassen, barrt er, ein blenden 
der ^riumpbator, in der düsteren Balls. 
Beim ^usgang börs icb im Gedränge einen Arbeiter sagen? 
„Wer da mitkabren dürkts, konnte laeben." 
Riebt Reid sxriebt aus diesem ZatX, keine 8pur von Reid. 
^llenkalls entbält er den Wunseb naeb Leiten, in denen uns 
ru laeben erlaubt ist.
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        sZL&amp;gt;LL 
Au ergänzen märe der Beacht noch durch eine allgemeineBemer« 
kunss. Sie betrffft die s o z i a l d e m o k ra L i s ch e K u l t urps l i§ 
t il, Es scheint uns keimn Zweifel Zu dulden, daß diese Kultur 
politik zur Zeit ihrer Lerlherrschast mit bestimmten Mängeln be 
haftet gewesen ist, die den Vertretern des autoritären Prinzips das. 
Spiel leichter gemacht M Verhältnis der hier ge- 
meinten.Kulturpolitik zum FortschriMgedanken, ihre Zu formale 
Auffassung geistiger Leistungen usw. — das alles sind Punkte, die 
einer Revision unstreitig bedürftig wären. Es ließe sich denken, daß 
die SoZialdemokratie die jetzige Oppositionsstellung dazu benutzte, 
gerade ihr kulturpM Bewußtsein einer durchgreifenden Prü 
fung zu unterziehen. Hiervon hatte nicht zuletzt auch ein künftiger 
Rundfunk Gewinn. 
/-L 
Landesgrenze halt, so müssen sich auch die durch den Aether ge 
sandten Programme dieser Tatst L-l fügen. N Instrument, das 
seiner Natur nach jede Gr-enschrauke aufhebt, duldet von sich aus 
keine Benutzung Zu. Mitteilungen, die am Liebsten neue Schranken 
errichteten. Der Rundfunk ist, so meinten beide Redner^ auf die 
Verbindung der Nationen eingestellt, die ihm zugeordneLerl Gehalte 
müssen übernationaler Art sein. 
Die von solchen Erkenntnissen geleitete Kritik am gegenwärtigen 
System kann sich schon auf die Erfahrung berufen, daß die Pasten« 
Regierung durch ihre Maßnahmen die Weltgeltung des deutschen 
Rundfunks beeinträchtigt hat. Mit der Aera Scholz ist eine Hörer 
flucht im. Ausland emgetreten, das die Erzeugnisse eines unbeküm-' 
merten Nationalismus als provinziell empfindet und ihnen die 
Passage verweigert. Nun ist gewiß nicht Zu verkennen, daß seit dem 
Rücktritt des glorreichen Rundfunk-Kommissars die allzu drastischen 
Mißgriffe ausgemerZL worden sind. Aber heraus gebildet hat sich eine 
Diktatur der Bürokratie, die beinahe noch bedenklicher ist 
als die unverhüllte Aggressivität unter Papen. Sie verleugnet in 
ihren Darbietungen die Aenderungsbedürftigkeit der Zustände, er 
setzt berufene Führung durch VerwaltungsdekreLe und versteckt den 
TenhenzbetrieL hinter den Kulissen gehobenen Niveaus. Daß sich 
ihr, aus materiellem Zwang heraus, manche namhafte Künstler 
und freidenkende Gelehrte zur Verfügung stellen, wandelt nicht den 
Charakter dieses Regimes, sondern verfestigt ihn nur. Bezeichnend 
für ihn ist unter anderem die geringe Experimentier^ auf 
musikalischem Gebiet), die unfruchtbare Art der Verwendung histo 
rischen BildungsguLes, der Mangel an Beziehung. Zur eigentlichen 
AktualiM die . Vernachlässigung vitaler Interessen der Massen,. 
Feststellungen, die durch konkrete Beispiele hinreichend erhärtet wur 
den. (In diesem Zusammenhang sei auch auf die kritische Ausein 
andersetzung unseres Feuilletons mit dem Rundfunk hmgewiesen. 
Vergl. die bisher, erschienenen großen Aufsätze von A. Paquet 
und S. Kracauer, R ichsausgabe vom 29. Oktober und 9. Novem 
ber 1932.) 
Gefordert wird von beiden Rednern die MobiWerung der Hörer 
Zum IwE der Beseitigung des am Rundfunk herrschenden Systems. 
Nicht so, als ob man einfach zum alten Züstand zurückkehren wolle 
— Aufhäüser rügte mit Recht die „HyperobjekLivitäL" der republika 
nischen Regierungen vor Brüning —, aber man erstrebt doch die 
WiederheTstellung der Parität und auf ihrer Grundlage, wie Paquet 
es ausdrückte, die leidenschaftliche MittzeteiligunH 
des Rundfunks an den Interessen der Gesamtheit." Soll der 
Rundfunk werter ein Instrument kulturreaktionärer BehZrhm-Dik- 
Latur sein oder jene Freiheit erhalten, m der er dem „Geist" dienen 
kmn? Nur im Zweiten Fall ist seine Entwicklung verbürgt. Sie 
weist ihn darauf hin, em Freund der Massen zu werden. 
Zum Schluß des Abends wurde eine Entschließung an 
genommen, in der es unter anderem heißt: „Wie kein anderes 
Organ besitzt' der Rundfunk die Eignung zur kulturellen und politi 
schen MaflenMpagända^ zu betreiben, kann nur 
gelingen/ wenn eine starke VertrauLnZbasis zwischen Rundfunk 
leitung und wird- Zux Zeit fehlt 
Vertrauen in den weitesten Kreisen der werktätigen Rundfunkhörer. 
weil sich die SendelLiLungen lediglich als die Beauftragten vou Re 
gierungen fühlen, deren Maßnahmen sich im Sinne einer sowohl 
dem. Ansehen des deutsche« Rundfunks als auch der kulturellen 
Entwicklung des-deuLW geistigen und pOlMchen 
Reaktion auswWön müssen Ihr gilt der schLiH aller in 
den SpitzenürMnisationen der Freien FunkZentrale vereinigten 
Rundfunkhörer. °. Im Rundfunk müssen alle politischen Auffaffun- 
tzm-und Weltanschauungen zum Wort kommen. Unbedingt erforder 
lich rst daher die Mitarbeit der großen HörerorganisationLn bei der 
PrMrammM sowie bei der fortschrittlichen Entw 
gesamten Rundfunkhetriebes. Bor allem die Menschen der schaf 
fenden Arbeit haben ein Anrecht auf die Behandlung der Zeit 
probleme im Rundfunk, von deren Lösung die Gestaltung ihres 
Eigenlebens ausschlaggebend beeinflußt wird..." Die Resolution 
klingt in einen Appell an alle „freiheitlich gesinnten" Rundfunk 
hörer äus, sich den Organisationen anzuschließen, die gegen die 
Reaktion im Rundfunk kämpfen. 
Hegen die Weaktion im Mundfunk. 
LZ* Bsrttn, im Januar: 
Der MwshrwNe der Rundfunkhörer scheint Zu erwachen. Beweis 
hierfür- eine Kundgebung, die von der Freien Funkzentmle 
in Verbindung mit den großen ArLeiterkulturorganifatwnenver- 
anstaltet wurde. Diese von sszialdemokratischer Seite einberufene 
Versammlung war eine Demonstration gegen das jetzige Rundfunk 
Regime und verfolgte zugleich den Zweck, die mit ihm unzufrie 
denen Konsument.n zu aktivieren. Wobei man unter Konsumenten 
selbstverständlich nicht nur die Arbeiterhörer verstand, sondern auch 
jene breiten Schichten des Bürgertums, die durch den herrschenden 
Kurs außer Kurs gesetzt werden. 
Redner des Abends waren der sozialdemokratischL Rsichstags- 
abgEordnete Aufhäussr und Dr. Alfsns Paquet. Sie 
stimmten in einigen Gesichtspunkten überem, die von astgemeinem 
Interesse sind.- / 
Wichtig zunächst die unbedingte Anerkennung des Rundfunks 
m technischer Hinsicht. Soviel Mißbrauche auch mit M Instru 
ment getrieben werden: Maschinenstürmer Neigungen sind der 
geschulten Arbeiterschaft heute fremd, Wer indem sie den Rund 
funk bejaht, will.sie ihn in einem Sinn angewandt wissen, der ihm 
wirklich entspricht. Da er eine Erfindung ist, hie das gesprochene 
Wort überall hmträgt, wird es seine Hauptfünktisn sein, 
Leistungen für die Massen z^ Er kann sich 
überhaupt nur im Zusammenhang mit den Massen entwickeln und 
muß notwendig verkümmern, sobald man ihn künstlich von ihrem 
Leben trennt. . 
Aus dieser'grundsätzlichen Einsicht lassen sich verschiedene in 
haltliche Folgerungen ziehen. Eine, die besonders betont wurde, 
ist die: daß ein bornierter Nationalismus den Eigentümlichkeiten 
des Rundfunks zuwiderläuft. Machen die Wellen nicht an der 
Der schönste Film 
MsvL iob rair dls Mms des LdKsIaukHvsv llabrss 
vsrKeZea^värti§o avd mied trage, ivelobsx' vou 
^U6Q der sedönste Ftz^esea sei, so täUt Malus 
^LM okns 2öZern aut dsan kenoirs: 
e/rie-rrrs Lr ist allerdmZs sekoa Liter; aber ieb 
^Lr&amp;gt;6 iba do-eb erst vor ^veniZen Uoirateu m einem 
^äriser Vorstadttciao gesellen. Oenrieseu 2U werden 
verdient dieser niedt et^va darum, ^veil er in 
teebniseder oder künstleriseber Linsiebt volücom" 
mener ivLre 3.1s manobe andere, inL^iseben er eine- 
neue Mwe, sondern aus tollendem Orund: Die 
A66eil? eb at tlieb6 lVirtdiebtrsit ist in ibm unversiellt 
^viederZeFeden. Oenau jene Zustande, die man bei 
mrs im ^i!m üderbaupt niobt reiZt oder bis 2ur 
linden ntlietdreit veriälsebt, v^snn man sie sebon 
einmal niedt bat umZeben können, sind im kenoir- 
^ilm obns LeseböniZunZ ins ^uZe Zstaüt. Lein 
^nema ist ein -lustimnord. Ourob eine Neide von 
Lutällen ^vird niedt der Nalsr, der die im Mtel- 
xundt der Hand'unA siedende Orisette erstoeben 
dat, ins OeMnMis Zeset^t, sondern der 2ndälter, 
der am Nord des Nädebens unsednidiZ ist. dis 
^üre durebaus mösslisd gewesen, den Irrtnm voed 
reedt2eiti§ auUEären und so der irdiseden de- 
recdtiKdeit rum 8ieZ Lu verbellen. vor Nilm Zedt 
jedoeb seinen IVsZ, der sur Linriebtunx des 2u- 
bälters tübrt, unerdittiied 2U Lade. Oenau darin 
aber destodt seine Ltärde: daü er es versodmadt, 
auk Xosten der Nedsnseodtdeit einer büii§ ru er- 
lanZenden MHdrdeit die Ldre mr §edsn. 8latt sied 
dem ^ndlied ivirklieber Nensoden und idrsr Land- 
iunMn su entheben, bält er idm stand; statt die 
Mängel unserer NeedtspreedunZ 2u vertuseden, 
stellt er sie exsmplarised und pdrasenlos dar. Ver- 
derrliedt er damit den Nauk der ^elt? Lr tut nur 
niedt so, a^s sei die IVelt so leiedt Lu verändern, 
und bindert uns daran, in ^potbeesen 2U Medien, 
^ued der an^edänZts Lpilo§, der veran-ebauüobt, 
daÜ der seduld^s Äaler später xum elenden Vaga- 
dunden deradsindt, dient niedt der NedadditierunA 
der ^Virdliedded, sondern tübrt nur einen der ^us- 
Kleiode vor, die das lieben unter Ilm^iänden 
sebattü ^u der reaüstüeben Oesinnuns, die aus 
dis-em ^erlc spriedt, sollten unsers Nlms niedt 
minder ergeben. Denn die Trakt, die socialen Ver« 
bä^nisse sedark ins ^use 2U lassen, ist eins Vor- 
dedinMinA eedten politiseden Nandelns. 
8. Traeausr.
        <pb n="3" />
        von seiner Nission. erweist sick Lekapowalow als 
widerstandsfähig gegen die* Versuchungen, die im 
Oekängnis und später in Libirien an ikn horantre- 
ten. Mio er die erotiscken Bedürfnisse ausschaltet, 
die sick der intellektuellen Oenossen in der Ein 
samkeit bemäcktigen — betrübt stellt er fest, daß 
in ihren Biedern mekr von Diebs als von Bevo 
lution die Bede ist —. so verkärtet er sick gegen 
die Dränen der Nutter. „Mir Arbeiter Kämpfen da 
für, daß alle schmerzgebougten Nüttsr, die um 
ikre Linder weinen, um ikre Lökne und Döckter, _ 
die wie meine Lekwester Darja* wie meine Brüder 
Zugrunde geben, daß alle diese unglücklicksn. elen-? 
den Nütter sick aukriekten, die Not und den Hunger 
überwinden." 
Nach der Büokkskr aus Libirien (1901) folgen 
dakrs höchster Aktivität. Bauptstationen: illegale, 
konspirative Tätigkeit in den verschiedensten In 
dustriedistrikten; Arbeit in Odessa im ^usammen- 
kang mit der „Batjomkin^-Bpisode; kükrende Deil- 
nakme an den Barrikadenkä^npken in Okarkow; 
dazwischen Baussuchungen, Oekängnisse usw. Diese 
Berichte aus der 2eit beginnender Vuseinandsr- 
setzung mit den Nensehswiki und erstarkter Bartsi- 
organisation lesen sick käst wie ein Heldenepos, 
als das sie wahrhaftig nickt gemeint sind. Nan 
kann iknen wesentliche Auskünfte über die Lebens 
form der Berufsrevolutionäre entnekmen, jener 
Lckiekt, der die russiscke Bevolution rrum guten 
Deil ikren durchgreifenden Brkolg verdankt. In dem 
(337 Leiten, geb. 4.80) und „Illegal" (376 
Leiten, geb. 4.80) — gewähren einen außer 
ordentlich aufschlußreichen Binblick in die Vor 
geschichte der russischen Bevolution. Lie reichen 
einstweilen bis Lur Bevolution des dakres 1905 und 
schildern die Bntwieklung der revolutionären.Be- 
wegung von ihrem Ursprung in terroristischen 
Vrbeiterprkeln an Lur organisierten Nassenpartei. 
Bin aktiver ^rbeiterrovolutionär berichtet in ihnen 
über Dkeoris und Braxis der Narodniki, über die 
Ablösung dieser Orupps durch die „LoLialdemo- 
kraten", über die Lpaltung der Narxisten in 
Nenschewiki und Bolsekewiki usw. Bntsckeidend ist 
aber nickt so sekr der dokumentariscke als der 
persönliche Mert des Bück es; genauer gesagt: sein 
unpersönlicher. Denn die Berson Lokapowalows 
geht so ganL in der Bewegung auf, daß sie mit ikr 
identisch wird. Bs ist das Bild des klassischen 
L.rbeiterrevo1utionärs, das diese. Biogra 
phie uns vermittelt. 
, * 
. ^.lls Btappen, die Lebapowalow durchläuft, sind 
Nr die Ossamtbewegung typisch, alle seine Lchiek- 
sale und Bandlungsn exemplarischer ^.rt. Im dabre 
1871 geboren, wächst er in Deningrad als Netall 
arbeiter unter dem vollen Druck des zaristischen 
Regimes auk und flüchtet zunächst aus dem Llend zu 
den Bepräsentanten der Beligion. Bald erkennt er 
&amp;lt;ien Arbeiter rur pLssivsn Lrkrebsiiksid surubeltsa. 
und -verwirft mit den -Lir-oke-nd-ien- ern--die kircklie-k.en 
Institutionen selber. „Ick änderte sekrokf meine 
Lebensweise, körte auf, die Lirckon besueken, ^u 
beton, vor Heiligenbildern die Nütse abrunokmen und 
mick ru bekrouLigon. Der Anblick von Lircken, La- 
pellen, Bopsn und Nönckon flöÜte mir Bkel ein." 
Dr liest in diesen dakren viel und wendet,sick in- 
stinktmLÜig gogon die kerrsckends ^nsickt, da6 die 
Lunst um dor Lunst willen betrieben werden müsse. 
I.'ebtzrkaupt reift er durch seine ganse Lituation ge 
wissermaßen von Natur aus jenen Dekren entgegen, 
die ikn später erfüllen. Mie die BBanM nack dem 
Dickt drängt, verlangt er nach dor Bekanntschaft mit 
„LoLialiston oder Nikilisten". „Mir durchirrten Ltra- 
öon und Boulevards und betrachteten aufmerksam 
alle Ltudenten, denen wir begegneten ... Mäkrend 
die B evolutionäre aus der IntolligenL damals ^.rbeitsrE 
suchten, um mit ihnen in Verbindung 2u freien, 
suckten ihrerseits dio Arbeiter eifrig die Bekannt- 
Kckakt mit der revolutionären Intelligenz." 
In äsn Lreisen der NarodowoBen beginnt er sick 
Lum B—e--r-u-k--s-r-ov-o-l-u--ti-o--n--ä-r ausrubilden. Bier kommt 
er auch endlich mit dor Intelligenz in Berükrung. 
Die Beziehung zu ihnen erweitert vor allem sein 
Oekühlsloben: kannte er bisher nur Baß gegen die 
(Ftzwaltkabor, so üborträgt sick jetzt die Diebs der 
IntoBoktuollon zu den Bnterdrüekten auk ikn. Mick- 
big ist dio ^.rt seiner Begegnung mit der marxisti- 
seken Dekre. Lie kommt natürlich von auBen an 
ikn Koran, trifft aber auf ein vorbereitetes Be- 
wuütsein. das sckon praktisch erfakren kat, dak 
Begriffe wie „Volk" oder „Bauerntum" kein un 
teilbares Oan^e be^eieknen. Die gelobte Dialektik 
nötigt Lekapowalow da^u die marxistische wie 
selbstverständlich ?u übernokmon. Violloickt nir 
gends sonst als gerade im ^aristisekon ButBand ist 
dor revolutionäre Narxismus so unmittelbar der 
gestzUsekaftlieken Bealität rugoordnet gewoson. Nit 
der Aneignung dor Dkooris gokt die rovolutionärs 
Braxis Band in Band; beide sind nur dio 2wei Lei 
ten desselben Broressos. Lekapowalow arbeitet in 
einor Oekoimdrueke.rei; er beteiligt sich am Ltroik 
der Meber und Lpinnor im dakre 1896; er sit/d an 
die 2wei dakre in der Botor-Bauls-Bostung ab. 
Bmpfindet or die Dualen, dio er im (dofängnis or- 
Büdot, als tragisek? ^bör er gäbe ja nickt einmal 
, —. pieer Lacks 
&amp;gt;»»rr »«' 
widerfährt, gekört nickt anders zu ihm nie sein 
Rock oder die Dukt. die er atmet. ^Ile indivi 
duellen Reaktionen scheiden in diesem Dasein aus, 
das einer objektiven Aufgabe unterstellt und nur 
ein objektives Bathos kennt. Die Dheoris von der 
Broborung der Nackt du^ck die organisierte Nasse 
des Broletariats erhöht die Nasse und verhandelt 
den Revolutionär in ikren Disnsr, DurokärunLSL 
angegebenen Zeitabschnitt haben die Nitglieder 
cUs soriLls kuiil-ti»» cksr kopsn, äis äLriii destslit, äisssr XvLntLLi'as bereits bestimmte 1'rsäitionsn, 
äis i» äer VerbLvnunx. in äsn Oeksn^mssen unä 
VHMux üer gemeinsamen Aktionen ausgeblldet 
worden sind. 8is kennen sich, *sie wissen, wo jeder 
von ihnen am besten einLUsetLen ist. Mandsrmissio- 
Die Debenserinnerungen von Lokapowa-- 
l.ow — erschienen sind bisher im Nopr-Vsrlag Lwsi 
Bände: ,,^uf dem Mege Lum Narxismus" 
naren ähnlich, sind sie an keine koste Ltätte ge 
bunden, sondern ziehen von Ort zu Ort. Lckaxo- 
walow sucht 6-obiets auk, dis von der Bewegung 
noch Kanin erfaßt worden sind, um dort Bropaganda 
und Agitation zu treiben. Bixpunkte innerhalb der 
Dandschakten und Ltädts sinn dis Adressen von 
Oenossen, dis alle einen Decknamen haben. Ob 
man sie freilich erreicht, ist ungewiß, weil ihre 
Bntsrkünkts schon längst ausgehoben und sie selber 
verhaktet sein können. Die LpitLelorganisation der 
Ockrana nötigt 2U. einer Machsamkeit, mit der ver 
glichen die des Loldaten ein Linderspiel ist. deder 
Augenblick birgt anders Oefakren, jede Lituation 
den. „Die (geschickte vsrsckweigt," erLäklt Lckapo- 
walow, „wo ein Bevolutionär'gezwungen war, ru 
übernachten, wenn er spät in der Nacht in llkvorj 
ankam. .. Der Bevolutionär konnte nicht mit einem 
l^^gen in die Ltadt fahren, da man von ikm im 
Botel oder im Dastkok den Baß verlangt hätte. Die 
Nacht auf dem Bahnkok 2u verbringen, war auch 
unmöglich, weil einerseits der Bahnkok in Bwerj 
sokort nack ^bkakrt des LcknsllLuges ... geschlossen 
wurde, andererseits aber die nur sekr wenigen 
Bassagiere von den Oendarmen aufgekordert wur 
den, ikre kapiere 2u Leigen." BinLu kommt die 
Arbeit der Instruktion, der Beschlußfassung über 
aktuelle Dosungen, der Berichterstattung an die 
im Ausland weilenden Barteispitr^n. 8o dickt die 
geistige Lontinuität ist, so weekselvoll, unLUver- 
lässig und abenteuerlich gestaltet sieh die Bmpirie. 
Das Vaterland stellt noch bevor, die Beimat liegt 
jepsoits dor vollzogenen Bevolution. 
-ir 
Der ,,^1ts", so kieß Den in schon unter den 
Bevolutionären, als er noch nicht dreißig war. Leka- 
powalow trifft ikn in Libirien und entwirft ein ein- 
Buchtendes Bild von ikm. „Denin sprach lange mit 
jedem einzelnen Arbeiter," keißt es unter anderem, 
„überkaupt mit jedem neuen Oenossen, als wolle or 
dessen skeptisches Oewickt für dio kommende revo 
lutionäre Vrboit keststellen. Von diesem Lage an Kot- 
ten wir alle, gan? besonders ick, das größte Ver- 
&amp;gt;&amp;gt;« k»NÄ.» 
den ferner seine Oabe, dem Arbeiter Vertrauen ein- 
zuklößen, sein eiserner Mille, seine Tätigkeit zur 
metkodiseken Binstollung der*Arbeit, „wie sie sonst 
nur Deutschen eigen ist", und sein Olaube an die 
Lraft der mensoklieken Vernunft. Die Holle, die er . 
in jenem Lampkstadium spielte, gebt aus den ikm 
gewidmeten Leiten eindeutig ksrvor. Bs ist die des 
LrÄeLerA Mes noek ungeborenW VoLsSs 
AlvurorLvi» eines rnssiseiien Revolntionries 
Von 8. Kracauen
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        Weotogie gegen Nationalismus. 
Benlirr, im Januar. 
Wie unzutreffend die häufig gehörten Klugen Wer die wach 
sende Veroberflächlichung und Sensationslust unserer Zeitgenossen 
sind, scheint mir durch eine von der Gesellschaft für deutsches 
Schrifttum arrangierte Veranstaltung erwiesen, die dieser Lage 
m der Berliner Singakademie stattfand. Die Ankündigung, daz 
in ihr Friedrich Hielscher, k. Erich Przhwara und Pros. Günther 
Dehn über das Thema: „Reich und Kreuz" sprechen wür 
den, hatte so viele Menschen herbeigelockt, daß der große Saal mü 
seinen Balkönen und Emporen bis auf den letzten Platz gefüllt 
war. Und nicht genug damit: das Publikum erlahmte keineswegs 
im Verlauf des Abends oder verflüchtigte sich gar nach der ein 
gelegten Pause, sondern folgte knapp drei Stunden lang mit un 
verminderter Aufmerksamkeit Ausführungen, die an Schwierigkett 
nichts zu wünschen übrig ließen- Da sage noch einer, daß die 
eigentlichen Attraktionen der Gegenwart Kinos und Boxkämpfe 
seien! Allerdings galt die Aussprache den letzten Dingen, und 
vielleicht ist überhaupt eine Anekdote nicht ganz unrichtig, die von 
Heinrich Wölsflin herrühren soll. Wenn ein Deutscher, habe Wolfs- 
lm gesagt, auf eine Weggabelung stößt, und am einen Weg steht 
eine Tafel mit der Aufschrift: „Hier geht es zum Paradies", am 
anderen Weg aber eine mit der Aufschrift: „Hier geht es zu einem 
Vortrag über das Paradies", so wählt der Deutsche unweigerlich 
den Weg zum Vortrag über das Paradies. Daher sind wir auch 
noch immer so weit von paradiesischen Zuständen entsernt- 
Man weiß, daß Friedrich Hielscher einer der Verküuder 
des neuen Nationalismus ist. Er hat das Buch „Das Reich" 
geschrieben und gibt eine Zeitschrift gleichen Titels heraus, Zu 
deren Mitarbeitern unter anderem Ernst Jünger, Franz Schau 
wecker, F. W. Heinz und Ernst von Salomon gehören. In seinem 
Referat, das den Abend einleitete, entwickelte er, was er unter dem 
„Reich" versteht, und hielt überhaupt mit weltanschaulichen und 
weltgeschichtlichen Perspektiven nicht hinter dem Berg Zurück. Um 
das Ergebnis der Aussprache gleich verwegZunehmen: der pro 
testantische und der katholische Theologe hoben Hielscher mit Leich 
tigkeit aus dem Sattel, in dem er nicht sitzt. 
Denn sein Weltbild ist gar kein Weltbild, sondern nichts weiter 
als ein Gemenge halbverdauter Begriffe, die aus unkontrollierten 
Bedürfnissen des Gemüts heraus zu sturen Zwecken umgerührt 
werden. Worin besteht diese Schau des „Reichs"? Hielscher 
glaubt aus Luther — einem Luther, wie er ihn begreift — die 
Auffassung beziehen zu können, daß die Welt, die in Spannung 
Mischen Krieg und Frieden lebt, Gottes sei und daher gutge 
heißen werden müsse, wie sie ist. Ferner: daß der Staat die Be 
fugnis habe, den Anspruch auf absolute Macht zu erheben. Daß 
für diese Einsichten auch Nietzsche und Heget als.Kronzeugen rekln-' 
miert werden, bedarf kaum einer Erwähnung; große Gedanken sind 
stets der Gefahr privaten Mißbrauchs ausgesetzt, der freilich auch 
seine Grenze haben sollte. Träger der verabsolutierten Staatlich 
keit ist nach Hielscher natürlich das Preußentum, das weniger 
einen Stamm unter den Stämmen darstelle als die Verkörperung 
der Alacht. Nimmt man nun noch den Begriff der Innerlichkeit 
hinzu, der dem der Macht korrespondiert, so sind die Baumaterialien 
fürs Reich nahezu beisammen. Deutscher wird man, wie Hielscher 
erklärt, nicht durch Herkunft, landschaftliche Verbundenheit usw., 
sondern allein durch die innere Entscheidung. Die Rasse bildet also 
keine Voraussetzung des Deutschtums, kommt vielmehr erst am 
Ende herauf. Tritt Hielscher damit auch in Gegensatz zu anderen 
nationalistischen Kreisen, so gelingt es ihm doch durch diesen 
kühnen idealistischen Dreh, den künftigen Typus des Deutschen Zu 
dem des Menschen überhaupt zu verallgemei^ Er gilt ihm als 
der Bürger des „Reichs", das sich eines Tages von der Rhein 
mündung bis nach Siebenbürgen dehnen werde. Es ist „ewig", 
es ist dem Kreuz überlegen. Seine Funktion ist: die Macht um 
der „Innerlichkeit" willen zu „tun". 
ch 
Die dogmatischen Erörterungen der Theologen hatten mit 
dieser dilettantisch zusammengezimmerten GedankenbaoE ein 
leichtes Spiel. Ich schicke einen Hinweis auf die Rede Pater 
Przywaras voraus, deren geistreiche Konstruktionen sich nicht 
eigentlich unmittelbar mit Hielscher und dem modernen Natio 
nalismus befaßten. Vorn Standpunkt katholischer Theologie aus 
ist nach Pater Przhwara der Begriff des Reiches mit dem Gottes 
synonym und die Kreatur der Ort sich kreuzender Spannungen. 
Gewiß wird die Kreatur in Gott hineingeboren und hat an 
seiner Herrlichkeit und Fülle teil —° hier unterscheidet sich die 
katholische Lehre von der protestantischen —, aber gerade durch 
diese Teilhabe erfährt sie nur immer deutlicher den Abstand von 
Gott und die Unmöglichkeit, sich seiner magisch Zu bemächtig 
Das heißt nichts anderes, als daß ein Nationalismus ä La Hiel- 
scher zu verwerfen sei. Die eivitas Der, deren letzte Darstellung 
Las Heilige Römische Reich Deutscher Nation war, ist durchaus 
im Zeichen des Kreuzes konzipiert. Was die deutsche Gegenwart 
betrifft, so gelangte Przhwara zu einer merkwürdigen Deutung, 
die iedenfalls den nationalistischen Wahn in tiefen Schatten 
taucht. Deutschland habe die Anwartschaft aufs Reich insofern, 
als es das Volk der furchtbarsten Spannungen sei, die sich bis in 
die Formen des Denkens hinein kreuzten 
Angepchts der Tc: .. daß der neue Nationalismus zweifel 
los protestantische EmSDge hat, waren die Darlegungen Pros. 
Günther Dehns besonders wichtig Dehn, um" deffentwillen 
seinerzeit der unrühmliche Hallenser Universitätsskandal entstand, 
gehört dem Kreis der radikalen protestantischen Theologen an. 
Seins Rede wirkte außerordentlich stark; nicht nur darum, weil 
sie fundierte Ueberzeugungen schlagend formulierte, sondern auch 
der seltenen Einheit von Person und Sache wegen, die sie ver 
mittelte. Schon die von ihm Vovausgesandte Erklärung, daß er 
nicht aus einer unkontrollierbaren Schau heraus spreche, in der 
jeder seine private Innerlichkeit gestalten dürfe, war ein Gericht 
über das Schaubudenwesen Hielschers. Luther ist nach Dehn der 
„Theologe des Kreuzes", dem Gott alles bedeutet und der Mensch 
nichts. Und da die Auffassung, daß man Gott nur im Wagnis 
des Klaubens, nicht aber realiter haben könne, das Kernstück 
lutherischer Lehre bildet, ist der Versuch Selschers, Luther in den 
Pantheismus hineinzuziehen, ein vollendeter Widersinn. Die Welt 
ist für den Protestanten Gottes nicht voll. Wie hatte also Luther 
den Staat, der von dieser Welt ist, heiligen oder gar ein „ewiges 
Reich" anerkennen sollen? Der Staat steht Lei ihm eindeutig 
unter dem Kreuz, er gehört mit der von Gott obgefallenen 
Menschheit zusammen und hat Funktionen üuszuübeu, die sich 
vom Evangelium her eine Begrenzung gefallen lassen müssen. So 
gewiß der Staat souverän ist, über die Mittel der Macht und 
der Gewalt verfügen muß und Anspruch aus die ihm eigentümliche 
Würde und Ehre hat — ebenso gewiß ist er nicht unumschränkt 
über die Menschen gesetzt, sondern hat ibnen, die ihm übergeben 
sind, zu dienen. „Herrschaft Zum Dienst" lautet die Formel für 
ihn; sie bestimmt den Ort des Staates und weist zugleich auf die 
Wächterrolle hin, die der Kirche ihm gegenüber zukomme. Die Fol 
gerungen aus diesen Geologischen Erkenntnissen wurden von Dehn 
ausdrücklich gezogen. Und zwar verurteilte er nicht nur bündig 
das Gerede vom „totalen Sbaat" und der „totalen Mobilmachung", 
sondern kennzeichnete auch sehr richtig die Leere solcher Aspim- 
tionem Im Staatsbegriff des modernen Nationalismus gibt sich, 
wie er betonte, nichts anderes kund als das Verlangen nach dem 
reinen Herrschaftsstaat, der von keinem übergeordneten 
göttlichen Gebot mehr getroffen wird. Hielschers- „Innerlichkeit" 
sowohl wie sein „ewiges Reich": im Wesen sind sie willkür 
liche und gigantische S e l L st s e h u n g e n vitaler 
Kräfte. Und die mystischen Schauer, mit denen der Erschauer 
des Reichs dieses umgibt, sollen in Wahrheit nur den Willen zuc 
Macht-einhüllen, der das Wahngebilde des „Reichs" emportreM. 
Er bedarf aber des Gewandes, weil er den Anblick seiner eigenen 
Kläglichkeit nicht ertrüge 
* 
Soweit die Theologen. - Ihre Kritik der imperialistischen 
Msion" Hielschers ist durch die profane Zu vervollständigem 
Die Wsage an die kirchliche Theologie spricht an sich noch keines 
wegs gegen eine große politische Konzeption, wäre vielmehr durch 
aus zu rechtfertigen, wenn diese Konzeption an die Stelle der theo 
logischen Gehalte solche setze, die den ivon je) geforderten revolutio 
nären Eingriff in unsere gesellschaftliche Wirklichkeit heute und hier 
gestattetem Das meinte wohl Dehn, als er feststellte, daß Hielscher 
die Ideen des Friedens und der Gerechtigkeit nirgends berücksich 
tige, und gegen die Oede seines Reichsbegriffs die kommunistische 
Lehre ausspielte, in der doch heilsgeschichtliche Erwartungen nach- 
klängen Zum Unterschied von einem Begriff wie B. dem der 
klassenlosen Gesellschaft, bei dem es sich nicht zuletzt auch um die 
aktuelle Transformation theologischer Fixierungen handelt,, ist 
in der Tat das „ewige Reich" (so gut wie das „dritte Reich") bar 
jeden wirklichen Inhalts. Es läßt sich nicht substantneren, es kommt 
aus dem Dunkel der Triebe und geht wieder ins Dunkel ein; trotz 
oder gerade wegen seines magischen Glanzes, der nur die Verblen 
deten blendet. ,Macht" und „Innerlichkeit": zwei formale, sinnleere 
Begriffe, die in der ihnen von Hielscher zudiktiertsn Isolierung über 
haupt keinen Bestand haLen. Denn, aber die Konstruktion des neuen 
Nationalismus, den strengen Bestimmungen der Theologen zufolge, 
Ausgeburten eines blinden Machtverlangens sind, so ist damit zu 
gleich ihr ideologischer Charatter getroffen. Indem .sie sich 
als Leerläufe enthüllen, die eine Sache weder haben noch meinem^ 
verraten sie ihre eigentliche Funktion: die der GlorifizieruM 
wisser Interessen. Es wäre nicht allzu schwer, , jene Bevölkerungs 
gruppen, Wirtschaftsformen und DaseinZweisen näher zu bezeichnen, 
die sich kraft der nationalistischen Ideologien wieder, in den Besitz 
der Macht bringen wollen. Doch die Erledigung dieser Aufgabe 
führte zu weit. Genug, wenn erwiesen ist, daß das „ewige Reich" 
Hielschers nichtH sonst darstellt als einen windigen UeLerbau, der 
einstürzt, kaum daß man ihn anrührt.' Die. DärchL des „Reichs" 
ist nur Macht, seine Innerlichkeit ein abstraktes Gehankending^ 
seine Mystik faktisch eine (unbewußte) Mystifikation. Nicht. ohne . 
Grund sagte Dehn einmal, daß ein Reich nur aus geschichtlicher 
Notwendigkeit entstehen könne. Durch ihre Gegenstandslosigkeit 
widerlegt die Schau Hielschers unfreiwilligerweise das historische 
Recht der von ihr vertretenen Interessen, 
8.
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        nbM Weise dem 6e- 
belegen und 
däcktniZ einxuverleiben. Diese Vukgabe sucht auch 
Deutscher Verlag, LerlimVD Zettsn 
wissenk^ 
Was aber will dosiert Lablloss Osspräebs, deren Bedeutung sieb 
,8ebM Linstbllung^^ 
die dokumentarische beschränkt-, 
die Verküb- 
tsbt nickt 
Runden^ .hat, kleinbürgerlich 
V 7 
nnEL-Ksts°..^rE^M" LIoeLs 
Lnupt 
durchaus' 
Und 
,ibretvmgen' 
anderen in die 6e- 
Reterhok, 
Varstellung detail- 
auk einmal' klar? 
(lleber- 
" reckt 
biograpbie;- 
ausdnicklieb 
geb. cAVA Z.W 
Roman-Ibilogis: 
Kritisch Tu treÜM^ Da- HisSe tendenziöse Mltung 
gleich. Lu ^nkang ^ man sie wenig 
stens rlümek elnkaM - - - 
der Kinder Zillen vorsiebtig 2U sein, sxöttiseb 2U 
tion Nilcbt vorVoWlr her 
untM kommt, wird in-17 
.sebiMGcbreibung MraWo^s 
llnä wer- 
tMen. Der Vand entbM nutobiograxbisebe Dr- 
ganzen muÜ sich kür dieses Vergehen eine seharke Rüge 
Varsss ov-Ro diondw, der als Deutnant bet einem v erst eben? Zoll ieb niebt dortbin geben, vm Oeksb 
Nn MmoireEsr^ nach dem andern kommt 
jet^t aus Rulllaud xu uns herüber. Die Funktion 
KMer IVerKe ist: jene groÜett' Dre^ 
historisch ^u werden beginnen, dokumentarisch r?u 
ein 
R uli" (Debe^ Aalpern. Neuer 
um einen Rericbt MeMMs, deh. die^ schildern, die ihnen manchmal inne- 
Rpisode'. nock Andere, die eine 
sein Ruck sielneivms willkürlich, kleinbürgerliek nennt. 
sonderbare Ironie will es nun, 
boinäbe wie ein Kommentap 
M vergangenen FübNkV. beoh^^ keineswegs 
Dsser,'vrelebes M ^evolutionären Dnt- 
vueklunZ sieb in der FbPjetDMon ber^ 
siert bat. 
in Oranienbäum vorging, sich überall 
grollen Rullland wiederholte: in 
Mir „Dtz.?chiehte de 
seinem Luch 
Rrkabrung beruhende/Vorstellung von seinem 7Vir 
ken vermitteln: 
„Was beiLt 
NaLebinenge^ebr-KoMmando in Dranienbaum Mebt, ist? 8oll ic^ 
Häüpt wendet er den Begrikk „Kleinbürger 
es ist der Lvmiteg'M 
,8 e.k w e r e 8 c h rI.t t tzW 
usw^ M handM sieb also uni eine-sW der^ Nensebewiki 
Rükrer die Bewegung kortlauk analytisch durch- 
dringt, während dieser als einer der Veilnebmer sie 
kragmentariseL und im Nacheinander ver 
gegenwärtigt. Dakür tritt bei ibm die RinLelkeit 
deutlieber heraus. Die vielen Kongresse, das Rrei- 
ben in der RarteiMutrals, das Hin und Lsr ^wis 
Leben den radikalen und opportunistischen Rich 
tungen, die bolschewistische Ltrategis während der 
Julidemonstration: alle von Vrotxki bswunderns- 
wert gestalteten ^bläute und Lamxkphasem geboren 
einer unbegrenzten Realität an, die in ^arasso^vs 
rein emxiriseb verkabrender ^utobiograxbis breit 
äuÜert er an/einer..stelle, „daü all das, was zeDt neuen bolschewistischen Rehrbeit entspricht, und 
cnmioü ist, sondern von 
Liblk (lerade dadure^M aber der europäische teil, en weist einmal dis Nabnung seiner Rrau, um 
v a.rum muk ieb gerade vmgen der beiden Kinder 
vorsiebtig sein? bind vie ist dieses ,vorsiebtig^ ru 
Ltrelna, ik K^allnoze- 8elo, in Zämara, in Rzaseksk 
und in Omsk." Dnd nickt anders wie Rrot^ki be 
urteilt Rarassow/aucb die Kerenski-Regierung und 
die Gründe kür die Dtdmltbäikeit den Loolition. 
Rrkabrungeu üwd Rerspektiven sind liier und dort 
annähernd dieselben^ nur dall jener als mner der 
innorungen eines aktiveL Rsvolutionskömpkers an hereingenommen wird. 80 schrankenlos, wie sieb 
die verworrenen Renate-, die der Nachtergreikung der Rr^ähler der Revolution bingibt, beschreibt er 
durch Mb DolscheMkb/^ auch die Dmpiris, die durch ibn hindurebgebt. Rin 
mäHkorm gehaltenen KcMdörungsN" als Roman auR WersanmilungM^ an den andern, und 
ÄkäVSsM wärs völlig vWebvt. Denn si's sind niebt./ selbst - gleichgültigd Begegnungen sind treulich 
Hut kunstlos geseMiebMi SonM notiert. Ran könnte nicht behaupten, dak diese 
dem eittgeLtandbnsrmLKM MEmmts ^bsiebte^ Ausgeburten eines chronologischen Oedäebtnisse 
die denen der b.cbtsn Gestaltung von vornherein immer sehr spannend wären, ^.ber sie sind ein um 
Widerstreiten: IIm gÄN^ /dLvpn abxusehen,. daÜ der scbätMares Raterial. 
Werfasser Oswiebt auk urkundliche Denauigkeit A 
.legt, so erklärt er iw Vorwort: „leb genierte mich 
Dickt, msinev eigens Rhrson Lls - LsobaebMgsahWkt Nicht nur kür den Historiker, sondern beinabs 
voM LtandMnkt unsepM. mehr noch kür den Rolitiker. Denn 'Rarassow repro- 
setst sieb niebt nur. in jeder kbyse der Revolution kabr Lu zagen und mieb selbst binter ibren Rheben 
rüekbaltlos ein, sondern bat aueb die unvergloieb- Lu verstecken? 2u vmbb naivem Verbreebertum 
liebe öbano6, die-UM8tür^endM Wor^ Retro-- kann docb ^nbäugliebkeit und Riebe lübren!" ^.us 
grad als Landelnd^^^ als- ^VugmEuge diesen NätMn. erkennt man rugleieb, daü er sieb 
aus nächster Käbe mitriußrleben. Feine Persönlichen aueb ^bvmrlicb einen Nangel an Heroismus vor- 
Erinnerungen VE^ändeln-sieb daniit.von .selber kann. Ls ist der an revolutionärer Lin- 
-MSN weit" auUZMteuM BeriekR Mne,s i e h t, den er im Ruch blollstellt und, Allerdings 
vmhnt-„ un .überhaupt reckt gut 
Mes Dur c k g a n g s s t adiu m der Revolution, 
iQ dem auch der entseklossens rbvolutionäre Kämp- 
ker nur mit Nüks die Ideologie von der saeklicb 
gekorderten ^nsiebt, die dema,gogisebe Rebauptung 
^kksuas» Urteil untersellsias» 
M. VMttsn Jucken 
äw E °ut 
^°k g° s^uktt äuk. r-ä» 
kinäe . Iutor«.E»t mt äw Lr-°L«- 
rirssmckün Revolutiou des- xmn ibm anFekeindeten 
1botr:ki liest. Was dieser Wieder und wieder ker- 
vorbebtt d^ ll"' die^ bMsckewhstikrck e Oktober-R evolu- 
E „8t«chM!-t ü-^rsr doutiMl. 
s^nd« . gellt -um 
L6MsI r ° lc j Sbrt, 
«r »durlmuxt virä/LuKer-V E-M 
Swm ° t. °' I^n ° in »Oumxks Ä°r 8sius ^uk8ed1a-eE 
-rr ma,un su»osrmu. 
Esr-Et ilrn »m ÄuIsL-^ ^l- kol§t- „Liv 
sisE ° miib, in sicL ^rl &amp;lt; iebtsr ° Ir&amp;gt;ä ^ iviauMst,»Mt 
8rin8Äs Oekülrl kW &amp;lt;lns LI i«t in idm. 
ri8 reäM un». sing i3E«-knkt -u 6sn 
Antworte „Dib ZchwLükMZeM dis^^weikeh die tis- KoMtcllatiönen, wie sie damals inRuüland berrseb- 
Isb VsrhweMungsaüsbrMhs, M der Mtwiek- ten^kebren auch in anderen Rändern wieder, und 
Rmg diMbr Raum kanden, sollen es ist daher wichtig, die Reinungen kennen «u- lep* 
zene tMHcben, MgsnschMen der .Moinbo^ neu, die in solcben ^eiten auksteigen und sieb bs- 
noch greller und schärfer unterstreichen, ohne kämpken. Re^onder's auskübrlieh verweilt Rarassow 
deren As. gebende VtzbsrwMdunK/b den Argumenten -der LoRalrevolutionärs und 
gekallen lassen Renin erklärt ibm, dall er das 
Wicktigste verseklaken kabeMesekuldigt ikn „groll- 
mäuliger LekwätLereien" usw — Debrigens Linden 
sick . auller dieser, sekr eharakteristiseben Denim 
ss äurells LuÄ/ rrotLis msäernsr xrwer 
olvird ebenso LPottiseb vermer - k V4 t . vr &amp;gt; e sei V ne „ , lso .. bak s. te 
8slns SpsMnMn »L äw LsvoMs»^ im 
Vsstsn uls „MinKMÜiow MolrkrMssi^eit" 
^LrsnämE M^Lnn^ewrM kw -u 
lseksn/ Im UsMnsM^^ 
lieb Ltalin durchaus Positiv'gereichnet. Rr tritt 
ein paarmal auk, immer mit der Risiko im Rund, 
immer als der unbeirrbare Lach der von 
RMin gMb-rteN MMlutiönL KuE dis De'- 
unä msLr u°ck mukr 
^mmt. 8° Ls 
-7 bkEIf 
immer ^&amp;gt;eck°r &amp;lt;mttE°Lt 
EI r°r-«^ 
LeaeseU^dtsn 
b«liwä4ttzn V,eitws^ ä-s sMstverst-nw 
- lieb aueb die Interventionsversu i ebe VandeveldtzZ, 
6&amp;gt;» vmlcusmon wer Ls rnv-, Ir - isän - ewLälers us^ v . 
vollstnnLs mvsnt-rErt. -m-. 
V ^^7 7" 
^r k-rtewn -um Lnsr unä -ur 
^^out. 
Wenn MrassE sieb rüekbliokend Kleinbürger 
lieber Neigungen berichtigt, so tut er das gevüL 
niebt deshalb, weiter et^a sein Verhalten sur 
Ramilis als unrevolMonär emM Im Oegen- 
gwMügrg an; ein Verkehren, das selber kleinbür- 
gerlicb Keilleu nMte, wenn es niebt einfach denk- 
kaul wäre,I-.Dnrel! seine Vndvsonnenbeit kommt es 
einmol -^u einem ^usammenstoll xuiscbvn ibm und 
lumin. Rr bat es verabsäumt, im Oranienbaumer 
Lovhst ein Exekutivkomitee 7M bilden, das der
        <pb n="6" />
        gewebe "zusammen. Ein Zylinderhut hat wichtige Aufgaben za 
bewältigen, und scheinbar zufällige Bildkonstellationen geben den 
Anstoß zu nachhaltigen Kurven und Mustern. Es ist aber ein ent 
scheidendes Merkmal jedes echten Filmwerks, daß in ihm die 
kleinsten Elemente eine tragende Rolle erhalten. Clairs Fähig- 
kert, sie auszubauen, hängt unstreitig mit seinem Flaneurtum zu 
sammen. Auch das Tongefüge beherrscht er in erstaunlichem Maß. 
Um von der.merkwürdigen Entgleisung eines Chorgesanges ab- 
zusehen, der immer wieder auftaucht und rein als Tondekora'ion 
wirkt, ist die Sprache überall treffend in die Situation hinemge- 
setzt. Diese wird nicht durch bis Worte geschaffen, sondern läßt 
sie aus sich erstehen, sodaß die Dialoge sich in Sprachbilder ver- 
wandeln,^ die MM anschauen kann. Das Liebesgeflüster ent 
wächst sichtbar wie eine Blüte der Umarmung der Küssenden. 
Volkserhebung. 
Der Luis-Lrenker-Film: „Der Rebell", der eine 
Cpispde aus dem Tiroler Freiheitskampf gegen Napoleon zeigt, 
ist auf jeden Fall großartig gemacht. Zugrunde liegt ihm eine ein 
fache, geschlossene, bildhafte Fabel. Ein junger Tiroler, der aus 
der Studentenzeit Heimkehrt, trifft sein Vaterhmrs als Trümmer 
haufen an, erschießt einen französischen Offizier und flieht in die 
Berge.. Es folgen bewegte Aktionen, in deren Verlauf der Rebell 
einen Bolksaufstand organisiert, der schließlich niedergeschlagen 
wird und mit seiner Exekution endigt. Die unentbehrliche Liebes 
geschichte ist geschickt eingearbeitet und drängt sich nicht vor. 
Der Hauptglanz strahlt natürlich von Trenker selber aus, 
der sich die Rolle des Rebellen auf den Leib geschrieben hat. Er 
hat sich noch nie so brillant und vielseitig entfallet. Als Reiter, 
Kletterer und Anführer vollbringt er QeistrMen, die sich denen 
von. Douglas Faibanks getrost an die Seihe stellen können. Die 
Freude, die man an ihnen hat, rührt wohl davon her, daß sie 
nicht einfach Bravourstückchen sind, sondern jeweils aus dem 
Zwang der Situation hervorgehen und überdies mit körperlichem 
Scharm ausgeführt werden. Reizend ist W Bällszene im JnnL- 
Lrucker Schloß. Trenker, der sich in bayrischer Offtziersuniform 
eingeschlichen hat, wird erkannt und muß sich auf gute Art davo.n- 
machen. Er bewerkstelligt seine Flucht dadurch, daß er die Gattin 
des Kommandierl-nd unter einem iP Augenblick erfundenen 
Vorwand aus dem Saal geleitet. Wie in dieser (bei der Premiere 
spontan LeklatM Episode, so gelingt es ihm durchweg, die Ein, 
heit von leiblicher Gewandtheit und Mistigem Elan zu verfilm- 
lichen. 
Wettn er auch der natürliche Mttelpunkt ist, spielt er sich 
doch nicht eigentlich in den Vordergl^nd hinein. Gewiß kargt.er 
keineswegs mit Flucht- und VerfolguMsszenen, in denen er allein 
auftreten und noch das Letzte aus sich fürs Publikum heraus 
holen darf. Aber über diesen Jagden, die trotz photsgmphischer 
Schönheiten ihn und uns durch ihre Länge ermüden, soll nicht 
vergessen werden, daß die von Trenker in Gemeinschaft mit Kurt 
Bernhardt geführte Regie das entscheidende Gewicht auf die 
Volksbewegung selber legt. Die ihr gewidmeten Szenenisind in 
der Tat.die.,.Achse^des.Films. .Man..muß.schon an die großen 
russischen Filme Zurückdenken, um eine Analogie für den Zug 
der Aufständischem zu finden. lEr ' ist iw eiE ' 
und gesteigert, die der Reflexion vorübergehend den Garaus Macht. 
Hat dieser Aufmarsch noch Vorbilder, so ist der Uebersall der 
Bauern auf die französische Armee., ein filmisches Ereignis, das, 
wenn ich mich nicht täusch^ . M einer bestimmlen 
Hinsicht hinter sich-läßt. Wie/reaM 
in manchen früheren KriegM gestaltet wördem ^ sie haben, 
niemals eine solche Unmittelbar erreicht. Die Wut der Ant er- - 
drückten und die Schrecken, die sie dem Feind. Zerptsn/.werden in 
diesem Film - Gegenwart. Man sieht und hört: die . Feuersalven, 
die aus geschützter Höhe auf die. im.Tal, Ziehende sranzosischr. 
Armee nieberprasseln; die donnernden Steinlawinen, die von den 
Tirolern auf die Zum Stürm angüsetzten Truppen herabgesandt 
werden; die mörderischen Geräusche eines beMMen Waldgefechts 
und die Bilder elementarer Vernichtung. Pserdtteiber, FelsWcke, 
TrompetenflgM Knäuel- kämpfenber Menschen, WafserW 
Bäume und verzerrte Gesichter fügen sich züm. entsetzlichen Chaos 
Zusammen. Es ist, darüber. besieht gar kein- Zwefl^ 
erstaunlichen. Konsequenz komponiert und . geht der Wirtlich kett 
bis in den letzten Schlupfwinkel nach. "" - 
Ich verzichte von - vornherein auf -dicim^ Kritik, (die 
außer den Längen noch 'einige ändere Schwächen -Zu- ?E 
nen hätte), um einen wesentlichen allgemein/n, M 
den Film desto stärker. Zu unterstreichen. Er-betrifft nicht- etwa) 
seine Kraßheit, sondern die Haltung, der diese entw^ 
herrlicht wird in deck Film die mythische Kraftf des Volkes, die 
sich in den Steinlawinen am deutlichsten s vergegenständlicht, der. 
von der Natur selber dikttertes^ gegen usurpaloriMe Ge 
walt. Indem aber Trenker diese . historische. . Episodei mit - einer 
Mnnfälliskeit ohnegleichen vorjübrt, suggeriert er dem Publfkum 
(absichttich oder - unabsichtlich)- -eine- - Gescküchtsaus-saffung, die sich 
jedenfalls. angesichts unserer aktuellen Zustände nicht behaupten ' 
kann.' Ihr natür^ Begriff" des" Volks' läßt sich ..so nicht Mehr 
realisieren, ihr Anruf des Mythischen hat die einstige Legitimität 
eingebüßt, und manches, was ihr noch als Ideal gilt, ist seines 
alten Schimmers entkleidet. Andere politische und gesellschaftiche 
Idyll, MslLseryeöung, KSarakter. 
ÄW S» Kracauer. 
l ch. , Berlm, im Januar. 
Das tanzende Paris. . 
Pop ein^ in höhere Regionen, in denen es um 
Probleme wie die/des laufenden Bandes und des Privateigentums 
ging hat fich R^ C l a i r in seinem jüngsten Film: „14- I u l i" 
mcher nach PaM heimgefunden. Ein Glück für ihn und für^uns;- 
tk mrlWre um/r den Dächern dieser Stadt, ist er wirklich Zu Hause. 
Er weiß , um ^)ie- Treppen und Winkel des Quartiers Bescheid, ist 
mn dtzr m itzr ansässigen^ nur ein SpeZMist 
vemaut un^ hat auch die Außenseiter von den Taschendieben an 
bis zu den Fremden gründlich erforscht Aus einer solchen Material- 
L^nnLms heraus läßt sich freilich immer neu schöpfen. 
Dsx Hilm hat eine Art von Fabel, an der aber wenig liegt. 
Ein TcKichauffeur urrd ein Blumenmädchen lieben sich, verleben 
den ^g des Nationalfestes zusammen und geraten dann aus« 
emanLer. Schuld daran ist die frühere Geliebte des Chauffeurs,.die 
ihn M zurückerobern möchte. Er wird durch sie in schlechte Gesell- 
gelockt- und brüht zu verkommen. Im kritischen Augenblick 
bLgcgnet er jedoch dem Blumenmädchen wieder, dem es inzwischen 
Luch nicht gut ergangen war. Endgültige Vereinigung der Lieben* 
sen. Es ist nicht schwer zu erkennen, daßr alle Schmollereien, Miß 
Verständnisse und Schwierigkeiten nur aus ihrer Liebe entstanden. 
Ddr Hauptzweck dieser locker gehaltenen Fabel ist ersichtlich 
der, einen günstigen Vorwand für Milieuschilderungen zu liefern.. 
Sie sind die eigentliche Essenz des Films. Mit der Leidenschaft des 
Flaneurs durchschwsist Rene Clair das Quartier, stellt Be 
obachtungen an, glossiert flüchtige Ereignisse, sammelt Gesichter 
und Szenen. Genau das, worüber die beschäftigten Leute hinweg- 
leben^M.-ch unerhört wichtig. Als musischer. 
Müßiggänger verweilt er in Eoncierge-Logen und bei spielenden 
Kindern/sol^ sonderbaren Erscheinung einer Bürgerfamilie 
lang mit den Blicken nach, entzückt sich am Gewühl der Tanzenden 
und schlürft genießerisch das . Bild emer Kneipe. Solcher unauf- 
MigerDm die den Schlenderer berauschen, ist der Film voll. 
Die —Beziehungen zwischen Zimmerinterieurs, Fassadenschildern 
und Straßenperspektiven werden in bezaubernden Improvisationen 
ausgekostet, und ein kleiner, von den Passanten kaum gewürdigter 
Blumenwagen erhält den Rang eines Stars. 
Die Frage ist, welche Bedeutungen Rene Clair seinen Objekten 
abgewinnt. Das Quartier ist für ihn ein Idyll, das er mit 
Liebe,. heiter-versöhnlichem Witz und ein bißchen Melancholie be 
trachtet. Auf Grund dieser Haltung ergeben sich ihm natürlich 
viele &amp;gt;eingängig^ Bestrickend sind Zum Beispiel die natur- 
geschichtlichen Studien über das Leben der Chauffeure und eine 
Monographie, die sich mit der Existenz von Porti.ersframn befaßt. 
Als eine besondere Entdeckung ist das vornehme Restaurant zu 
preisen: M in dem sich ein paar Amerikaner und 
Angehörige der Oberschicht furchtbar mopsen. Zum Bindeglied 
zwischen seiner Qede und dem mit ihr glänzend kontrastierten 
Straßentreiben wird ein älterer Gentleman, der im Suff d'.e ver 
gnüglichsten Streiche begeht. Er verirrt sich ins Orchester, handelt 
mit dem Blumenmädchen an usw. Wie im Spiel und ganz ohne 
Zwang vermischen sich alle diese Typen. Indem Clair sie illustr ert 
und kommentiert, verwandelt er sie Zugleich in lauter harmlose 
- Wesen. Der Suff ist gutartig, die Kriminellen sind ungefährlich 
und die Bosheit wirkt komisch. Kein Sturm von außen fährt in 
diesB geschlossene idyllische Reich. Wenn die Liebenden sich an der 
Haustür endlos küssen, schleichen die Spießbürger andächtig vorbei. 
Wer diese Harmonie ist zu früh angesetzt. Vielleicht durch den 
inhernat onalen Ersolg verführt, hört Clair an einem Punkt auf, 
von dem aus er erst recht weitem vorstoßen müßte. Statt die sur- 
rcalistischen Möglichkeitien zu verwirklichen, biegt er sie ab und 
benutzt Stilmittel, mit denen man Ernst machen müßte, zur Ver- 
niedlichung der Menschen und Sachen. Seine Liebe zum Klein 
bürger ist nicht tief genug, um ihn beim Schöpf zu packen und 
durchzurütteln, sein Witz gibt sich damit Zufrieden, rauhe Zustände 
zu glatten, und seine Melancholie ist nur der schwache Widerschein 
wissender. Schwermut. Nirgends weist der Film die Sprünge unter 
der Oberfläche auf, im Gegenteil, er überdeckt sie und verstopft 
sämtliche Poren. Das Dasein wird vorzeitig zur Arabeske, der 
Heiterkeit fehlt der Schauernder sie zu legitimieren vermöchte. Das 
heißt aber nichts, anderes, als daß die große Chance des Surrealis 
mus: !)lls Nahe uns zu entfremden und dem Bestehenden die ver 
traute Maske herunterzureißen — daß diese Chance hier mit leichter 
Hand vertan wird. In der Tat ist der Film K u n st g e w e r b e. 
So gewiß die Qualität seiner Einfälle, an denen er wahrhaftig 
reich ist, außer Zweifel steht, ebenso gewiß sind sie grundlos und 
vl-ne Abgrund. Sie geben sich das Spiel zu rasch gewonnen, sie 
sollren die Kleinbürgerwelt illuminieren, damit sie transparent 
wird, und benutzen sie fakt zum Zweck einer lieblichen Illu 
mination. Man merkt noch gerade, daß sie etwas meinen könnten; 
aber ehe sie es sagen, kehren sie schon um und erfüllen die mindere 
Funktion bloßen Scharmierens. 
Die kunstgewerbliche Verfluchung ist um so unerträglicher, als 
Clair wieder einmal beweist, über welches außerordentliche fil 
mische Talent er verfüct. Mit unvergleichlicher Virtuosität ge-z 
staltet er Bagatellen zu Motiven aus und fügt diese zumBild-
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        Lokomotive über der Irredrkchstraße. 
Von S. Kraeauer» 
Berlin, im Januar» 
Wenn man über die Friedrichstraße m der Richtung auf den 
Bahnhof zu geht, sieht man oft eins mächtige V-Zugslokomotive 
in der Höhe hattew Sie steht genau oberhalb der Stmßenmitte 
und gehört zu irgendeinem FernZug, der aus dem Westen kommt 
Wer nach dem Osten fahrt. Erregt sie das Aufsehen der Menge? 
Niemand blickt zu ihr hin. Cafes, Schaufensterauslagen, Frauen, 
AutöMatenbüfeLts, Schlagzeilen, Lichtreklamen, Schupos, Omni- 
bMe&amp;gt;. Varietephotos, Bettler alle diese Eindrücke zu ebener 
Erde beschlagnahmen den Passanten viel zu sehr, als daß er die 
Erscheinung am Horizont richtig zu fassen vermöchte. Schon die 
ersten Stockwerke in dieser Straße verflüchtigen sich: die Karyatiden 
an dßn Fassaden sind ohne Gegenüber, die Erker könnten aus 
Pappe sein und die Dächer entschwinden im Nichts. Kaum anders 
LMht es der Lokomotive. Obwohl sie mit ihrem hochgelagerten, 
^nggezogenen Leib, ihrem funkelnden Gestänge und ihren vielen 
roten Rädern wurKerbar anzuschauen ist, harrt sie doch verwaist 
Wer dem Gewimmel der Fuhrwerke und Menschen, das sich durch 
die Unterführung, ergießt. Ein fremder Gast, der so unbemerkt im 
nächtlichen Dunst eintrifft und fortschwebt, als sei er immer oder 
überhaupt nicht vorhanden. 
Welch ein Whaujpiel aber bietet die Friedrichstraße selber dem 
Mann auf der Lokomotive! Man muß sich vorstellen, daß er die 
Maschine vielleicht stundenlang durchs Dunkel geführt hat/Noch 
dröhnt die freie Strecke in ihm nach: Schienenstränge, die auf ihn 
Masen, Signale, Bahnwärterhäuschen, Wälder, Ackerflächen und 
Wiesen. Er ist an kleinen Stationen vorbeigefahren und hat in 
düsteren Bahnhofshallen den Zug für wenige Minuten zum Stehen 
gebracht. Güterzüge, Personenzüge, erleuchtete Stuben, Kirch 
türme, RAfe. Wer dieses Leben ist immer wieder von der Erde 
geschluckt worden und im Himmel vergangen. Städte: kurzfristige 
Unterbrechungen; Dörfer: zerstreute Grüppchen im Land. Von 
Dauer sind nur die Böschungen und Telegraphenstangen gewesen, 
die Bsdenmuster, die' endlosen Räume. Mitunter ist das Feld 
hinter dem Kesselfeuer zurückgewichen, das später von einem Fluß- 
lMf/Q.hgM worden ist. Karren und Wagen haben an dtzn Weg 
kreuzungen gewartet, Schornsteine das Gelände durchschnitten und 
KirKerhandchen emporgewinkt. Und stets von neuem das rMe 
.SMerwerden schwarzer Masten und dann ihr sofortiger Untergang. 
Hon dorther kommt der Mann auf der LokorMW. Na- einer 
WHd, auf der außer Erde und Himmel alle Dinge vor ihm flohen, 
HM er plötzlich über der Friedrichstraße, die ihrerseits Himmel 
und Erde verdrängt. Sie muß ihm als die Welfachse erscheinen, die 
sich schnurgerad und unermeßlich nach beiden Seiten hin dehnt. Mnu 
ihre Helle tilgt seine Erinnerungsbilder, ihr Gebraus übertönt das 
der Sttecke und ihr Betrieb ist sich selber genpg. Hier passiert man 
nicht eine DurchganMation, sondern weilt in der Mitte des 
LehMZ. Als ein fremder Gast blickt der Mann droben wie dar- 
ZMn Spalt in die Straße hinein. Sind auch seine an die Dunkel 
heit gewöhnten Augen noch außerstande, Einzelheiten zu unter 
scheiden, so erkennt er doch den Trubel, der die enge Häuserschlucht 
sprengt, nimmt den Glanz auf, der roter ist als die Räder seiner 
Maschine. Glanz und Truhe! vermischen sich ihm zu einem einzigen 
ausschweifenden Fest, das wie die Reihe der Bogenlampen keipen 
Anfang hat und kein Ende. Es nähert sich aus dem Hintergrund, 
umfaßt Arme und Reiche, Dirnen und Kavaliere und zieht sich, 
ein glühender Buchstabentaumel, an den Fassaden entlang bis Zu 
den Dächern. Dem Mann ist zumute, als habe er eine Tarnkappe 
auf und die Straße der Straßen woge über ihn weg. Eine Kette, 
die niemals abreißt. Ein Menschenhand, das sich unaufhörlich 
durch die flimmernde Luft Zwischen Acker und Acker entrollt. 
Fährt er weiter, so scheint ihm dis Nacht finsterer als je. Vor 
sich und hinter sich: überall sieht er eine lodernde Linie. Sie um- 
gaMlt ihn, ist bald nicht mehr in Zeit und Raum zu bannen 
und wird zum Gleichnis rötlichen Lebens. Auf der Friedrichstraße 
Hai niemand die Lokomotive bemerkt. 
Kräfte erfordern den Appell an,andere Kräfte. Das Unbehagen 
nun, das- der Film erMA entsteht offenbar dadurch, Häß-"er/eiN- 
historisches Geschehen nicht an - den nötigen historische Abstand 
rückt, sondern es, gerade umgekehrt, mit aller Macht dem Heuste- 
aufP ras s e n will. Die Nähe, die er den Ereignissen gibt-, pM- 
gewaltigt unser Bewußtsein, die Anstrengung, die er macht, um 
sie vollkommen Zu vergegenwärLiaen. beruht, auf einer Voraus 
setzung, -die nicht annehmbar ist. Es ich nicht der Mangel an Re 
alisierungskunst, der Uer" verletzte, sondern, im Gegenteil,-ihr 
Uebermaß, das gegen die bessere Einsicht verstößt. Daher auch hie 
Peinlichkeit der Kampfszenen. Sie bejahen naiv eine Wirklichkeit^ 
die von uns nur gebrochen erfahren werden kann und auD diesem 
Gründest unter keinen Umständen die aufreizend wirklichkeitsgetreue 
Wiedergabe vertrüge, die ihr tatsächlich zuteil wird. 
Präfide n L W a l d a m 
Gustav Wald-aus erste Filmrolle ist Zwar nur eine 
Nebenfigur, aber dafür ein Präsident. Der Pr'W'nt einer Dank, 
die offenbar von der Krise noch nichts gespürt hast.JHD 
scheinen zu florieren, ihre Düroraume stnch und die Er ¬ 
eignisse, die sich m Hr abspielen, märchenhaft. So arbeitet Zum 
Beispiel die Tochterdie es gar nicht noth HÄLe, 
als . kleine Angestellte im Oetchebsti und eins -kleiner AnWW 
bewahrt seinerseits auf wunderbare Weife die Bank vor großen 
Verlusten. Natürlich lieben und kriegen sich die Leiden'und-sind 
dann keine Angestellten .mehr. Nicht anders, geht es zu in. der 
Welt. Dennoch kann Man dem Film, der sich nach dem vonGustav 
Fröhlich herzhaft gespielten Glückspilz: „Ein. M a um mit 
Herz" nennt, nicht eigentlich Löst sein. Er erzeugt die Illusio 
nen ja mehr zi'm Spaß und wacht sie überdies durch ein. paar 
sympathische Einfälle nahezu wett. Der reizendste ist unstreitig 
die verblüffende Losung des/Problems, wie man sich in der Groß 
stadt einen Sonnabend-Nachmittag- lang kostenlos amüsieren- 
könne. Antwort: man, probiere in einer KochkunsL-AusM 
sämtliche Gratisgerichte durch und fahre später mit dem Autobus 
einer Siedlungsgesellschaft ins Grüne hinaus. Wer es schlau au - 
sängt, wird sich dort draußen gar nicht erst die Parzellen und 
Musterhäuschen zeigen lassen, sondern gleich auf den Zehenspitzen 
verduften. - / VZ / 
Doch die GeneralabsoluLion verdient der Wm allem um 
Waldaus^ willen, dessen ein^ der vor ¬ 
nehmen Gesinnung wie der Herzensgute entstammt. Es ist ein 
Glück, ihn erscheinen zu sehen und Zu beobachten, wie sich jem 
bezwingendes Wesen inmitten der Scherzchen behauptet. Indem 
er als Präsident auftritt, ist er nicht nur. der Präfldmt. sön^ 
auch der Mensch bzw.fSchauspieler Waldau, der sich Wer die ihm- 
zugedachts Rolle - innerlich ein wenig , mokiert. So ein Präsiden^ 
soll er sein! Aber da er sich nun einmal dazu entschlössen-Hat, due . 
Figur zu übernehmen, gängelt er sie mit souveräner Ironie durch 
den Film. Man merkt ihm an. daß er sich zum Präsidenten her- 
abläßt, glaubt zu spüren, daß er ihn fortwährend freundlich be 
gönnert. Er spielt also gewissermaßen doppelt: einmal als me 
Verkörperung der Filmgestalt und das andre Mal als der iyr 
überlegene Gestalter. Dem Filmmanuskr^ 
sident ein großer Herr und. ein liebevoller Vater sein, der alles 
versteht und alles verzeiht. Nun, Waldau entspricht natürlich dieser 
Vorschrift durchaus. Aber der eigenMche Zauber Spiels . 
ist, daß er darüber hinaus noch mehr gibt. .Wenn der Präsident 
etwa den kleinen Ancestellten von oben herunter absertigt, hat. 
man den Eindruck, als ob sich Walbau des Herrentums schäme, 
das er mimt. Der Grandseigneur, der er ist, desavouiert die An 
maßung des BankpräsidenteN im Verkehr mit- dem niederen Per 
sonal. Ueberall stellt er so die von Hm/vergegenwärtigte Figur 
unter Kontrolle, dämpft ihre Selbstgefälligkeit und chricht ihre 
Naivität. Und zwar vollzieht er diese Korrekturen mit Hilfe-einer 
verlegenen Schüchternheit/ die den. Repräsentanten, der sozialen 
Allmacht von vornherein und bändigt. Daß sie eine 
Kritik der Macht ist und dem unbeirrbaren Gefühl für menschliche 
Würde entspringt, zeigt sich in jenen Szenen, in denen der Prä 
sident sozusagen als Privatmann äuftritt. Besonders schön ist 
die Episode im Tanzcafe, wo er seiner Tochter und ihrem Freund, 
dem kleinen Angestellten begegnet. Hier entfaltet VMau Eigen 
schaften, deren sich gewöhnliche Präsidenten Zweifellos nicht oft 
rühmen können: eine , sanfte Schelmerei dem jungen Mann 
gegenüber und eine spate Innigkeit-beim Tanz mit der Tochter. 
Und immer, wenn er in der Rolle lächelt, ist es so, als lächle er 
auch über sie, als schenke er sein eigenes vielsagendes Lächeln 
der Rolle. Es kommt aus einem Dasein, das äus den Rollen 
nichts herausbolt, sondern etwas in sie chineintut. Dank seiner 
leisen Gewalt wird Waldau Zur selbstverständlichen Mitte des 
Films, an dessen Rand er sich befindet. Wenn er auftaucht, be 
herrscht er schon durch seine Anwesenheit die Szene, und ver 
schwindet er, so spielen die andern im Schatten. Er ist der 
wsbre Präsident des Films, und seine Existenz. ein gültiger 
Maßstab. v
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        ^lm«»»vlr Äer I«NK«» ^vnSrslio» 
korwulieren Brkakruvgsn 
mers Oeäiekts verraten 
Riebt okns Zustimmung 
BrosL von Dina 8taab, 
in Versen, Lkeoäor Rra- 
Kxrackkrakt unä ZubstanL. 
liest man äie erZAblenäs 
Berbsrt Osrtel, Molkgang 
kaulsen; mit Beteiligung äie Vignette: „Heines Im 
promptu im Lerbst" äsr krübvsrstorbensn Maris. Durss 
MtziLmann. Die einem unverökkentliokten Drama 
Lrnst RLtbgebers entnommene 8rsne rWiscden äuug- 
s-rbsitern entkalk einen knscbss Dialog. K r« 
lw MssbLäsuer Vsrlaz vsr "Msx, smsm vkues 
Dnternebmen, äas sieb vor LUem äes jungen Zekrikt- 
tums ANNEbmen Will, ist ein Umanaek: „äugtznä 
L n Wr ont vor äem D s d 6 n " sr- 
ZebienW (263 Leiten). Vür äie Berausgabe äisser 
ZW ^uttrag äse „Rotgemsinsebakt junger Autoren" 
verÖkkentlickteL ^ntbologie Zsiebnet Vrieb Otto 
Vunk verantWortlieb, äer in einem Zu Beginn abge- 
äruekten Vortrag: „Die DicKtung unä äis Politik" 
Einige programmatisebe OeäLnken äarlegt, äie leiäer 
nickt kolgsriebtig Zu Lnäs entWickelt Weräsn. Rucb- 
äsM er väwlM äsn Legrikk äsr unpolitiseben Dieb- 
tung Lbgslebnt bnt, gelangt er scbUeMcb äoed WIE- 
äer M Bestimmungen, äie jene» Vegrikk sanktionis- 
rsN. Vr verLllgemeivert äas BoMsebe so sebr, bis 
KS SEILEN LpEZikiscben sinn verlisrt, spielt äitz innere 
Kcbau gegen äie „LÄts soZiologiseker Vetracktung" 
AM USW- ^LtsUeblieb komWEL LUtzk IN äsr Lamnüung 
Gsäiebte unä Brosastücks Zu ibrem Beckt, äie Wsäer 
äirekt nocb mäirskt politiscb gemeint sinä. Lrots 
GssEr MeitbsrZigkeit äer ^.usWabl scbsint Was im 
Lreis äsr Mitarbeit niebt ganZ mit ikr einverstan- 
äen ZHWE86N LU SEM. Denn Otto Bsusobeltz bemerkt 
M EINEM Als MoLWvrt angtzbaugten Vriek an äsn 
Aerausgeber: „Ick sagte es Wvbl scbon, äaü äis 
8timnw EINES I'EÜS äsr NEUEN äugsnä nur verbalt- 
nismLÜig Wenig vernebmlieb ist in Ibrer Lammlung, 
ss ist äm jene äugsnä, äie in äsr DicKtung niebt nur 
sivs Mögliebkeit siebt, ikr psrsönliebss Olüek oäer 
Deiä mitZuteilen, Welebe äie Diebtüng nickt als Mittel 
Mist, äie IV »klicbkeit einseitig Zu sebiläern, partei- 
mäLig Zu bekämpfen oäer Zu verberrlieken, äis nickt 
sieb selbst unä ibren selbstisoben LWecksn äient, äis 
vislmebr, begnaäet unä auserWäblt, äsr reinen kick- 
tung ibres Debens Dienst Weibt." Der LatZ mag ver- 
Avscbauliebsn, Welcb ein abgeZogener Vegrikk von 
„reiner^ vicbtkunst noob immer in wancken Löpksv 
spukt. ^us LsusekslEk mWusr LrrädluvK, äis ALr 
nLM unZskonnt, WENN AueL äurekLm 6MZ0N3.1 ist, 
Utzkt LnnÄltzruä ksrvor, WAS MLN kLktisek untsr äisssr 
äwktsrisektzv Nsinksit M vErstskEn kat: äsn romum 
tiseksu MokLux in xssekütLttz LinntzndEttrkH, äm potz- 
ttsoktz VtzrWtzilE» ds! isolierttzn LselendtzstLnäE». 80 
Wirä äsr Rains äsr OioktLunst, äis im Ameksn äsr 
LrLsuntms Zu Ztsksn kätte, Zu pluektvsrsueLEn vor 
äsr LrLsvvtnis WiLdrauoLt. 
Osr Umännvk ist insoksrn rsokt ivZtrudtiv, Als 
Or äsn vsrLMsäsnstsn Apislartsn UWisoksn politi- 
LeksM DokEnntniK unä unpolitiseksr OarstsUunx ^nk- 
LakmE HSWäkrt. Rrstaunliok MnuA Wrsvrtzltz Lalttm- 
Zsn unä MektunZsn siok in Lm nsdEnsmLnäsr äoku- 
Wsntisrsn. RatürlieL ksiüt äsr sottals VinseLluG 
niekt. MniZs LsiträZs uppslliertzn in kotzsis unä 
kross- aus LoUsktivZMiü unä vsrrattzn mskr oäsr 
Winäsr äsutliok äis LinWtznäuntz Zum kroiEtariLt. 
-Lksr sis äränZsu siok ktzinssWHS-s in äsn Voräsr- 
grunä, sonäsrn WEnäsn von Innter ^suÜsrunAsn um- 
rinZt, äis länZst nickt so einäsutiZ auk äis 2sit reA- 
Uiorsm Linsr Msist äsn kAttkismus, sin nnärsr ds- 
r»kt sied kuk Ksorzs, sia ärittsr srwLknt Mr LLr- 
UcKLsit, ZaudsrkEit, OränunZ. Lrsrdts ^nstzkLuuvZ^n, 
äis tsilWEiss mit unseren ZssellsokEieLen VsrkÄt- 
nisssn nickt mskr korresponäisrsn, kerrseken im a!1- 
Ksmsmen noek vor. 80 muk es auok smn. vie Wer- 
Imkerten OrunävorstellunSen unä läsaltvpsu sinä Zu 
tisk eivKSWurZelt, als äaK sie okne Weiteres verWun- 
äeit Weräen könnten, unä LuLeräem äurekiLukt äer 
lunZs Nensck ZunLekst ZeWöknIicL äis vaKeinskorm 
krüKsrer Oesckiscktsr. Düker kleiken selkst soieks 
Autoren in äsn WeltunsekLulieken Lonventtonen ds- 
kLü§sn, äis äurck äis Lriss empirisek aus idven ksr- 
LusZsstoLsv Woräsn sinä. klärte DedenssekieksLis 
kMirsn nickt so sekr Zur Linsiekt in unsere ^ustLnäs 
als Zum psrsöniieken KekelltzntuM, Zur DleZis unä Zur 
IckkEtraektunZ. Das Inäiviäuum ist in äsn mmstM 
Deseprobsn AnkanZ unä Lnäs. Vs lebt sied in Os- 
äicktsv unä LssekreidunZen aus, ZpiexM sick in Luto 
bioZrupkiseken OsstaltunZen Wiäer unä sueKt sick 
äer Oekakren riuZsum Zu erWEkren. kw Dienst sEinsr 
portkskLuptuuZ Weräsn ZtimmunKsn über betont, Dn- 
KNeksMe biinä ins LruKmeks kineiNKsstEiKert unä 
innere Zituntionen sekWelZsrisck ausKekostek OsWiK 
kinäsn Liok neben äem ^usäruck ZeZenstLnäsioEM 
Ickiebens nuck Beispiels realistiscker VemükuvK. 
^bsr äis NskrZakl äer Veiträsss Zeugt äock von äsr 
ALKiOcmt, mit äer äie romantiseks» unä iätzLlistr-- 
seken Irnältionen WeitersckWingen. Dn-ä Wenn äer 
UmLnacd stWTs lekrt, so äies: änL man iknen nickt 
von nullen ker beikommen kann, sonäern sis äurck 
äie stete immanente ^nal^ss uwbiläs» muk. 
Vin paar bekanntere Rawen misoken sick mit 
vielen unbekannten, unä t^Meke Duredseknitts- 
leistungen ilberWisgen. Da es unmögliek ist, an Banä 
äer äurgeboteuen Ztücke besonäers Talents M 
älagoostirieren. seien auk gut Olück vsrsekieäevs Lei- 
trLgs kerLusgegrikken, äitz aus äem einen oäer an- 
äsren Orunä äas Interesse erregen. Mit äLbsi ist 
selbstverstLnäliok Haus Nann, äsr Asm ^isl äarin 
Erblickt, „als Inäiviäualist, niekts rexrLsentiersnä als 
äas eigene gottgsWollte Zckieksal, äurck Ztänäigs Ar 
beit, stLnäige Beraubung teilZukaben an äer gtzksim 
nisvoUen VorWsrtsbsWegung äer Nensokkeit, äsrsn 
Lnärwl man ebensoWob! äas Ooläens ^eitMsr Als 
äns Rickts nennen kavn.^ MvG läentikirisrunK, äis 
nun Wirk!ick sekr geksimnisvoll klingt. RrWsknens- 
Wert ksrner: ein ^bscknitt aus Vrnst Briek Rotks 
Roman: „Dis Nietskaserns^ unä sins 8kiZrs von 
OerKart Bokk ^Mer Zteinback unä Ukreä Osvsr
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        LLraeAnsr. 
Minimum einZuschränken. 
, /. 5eL&amp;lt;Ko^ ^/o 
Anmerkung über Usr!rät-Uyotographie. 
Berlin, Ende Januar. 
Eme in Berlin geZeigte Ausstellung guter Bildnis 
Photos bietet die Gelegenheit Zu einer grundsätzlichen Betrach 
tung über die Chancen phoLogmphischer Porträtkunst, Warum 
sind sehr viele Bildnisse, und gerade die sogenannt künstlerischen, 
so verkehrt? Ich denke an Porträts, wie man sie häufig hinter 
Glas und Rahmen an den Eingängen photoaraphischer Ateliers 
hängen sieht. Irgend ein renommierter Männerkopf taucht aus 
Mystischem Dunkel auf, oder eine beliebte Schauspielerin muß sich 
dämonisch gebärden. Gibt eine der normalen Ansichten nach den 
Begriffen der Beteiligten nicht genug her, so werden ungewohnte 
verewigt. Das Gesicht erscheint in kühnen Perspektiven, die etwas 
Bedeutendes ausdrücken sollen, die Kinn- oder StirnparLien er 
halten ein Uebergewicht, das sie rm AllLagsgebrauch vermutlich 
gar nicht besitzen, und Briüsnreflexe werden zum optischen Haupt 
element, In allen diesen Fällen handelt es sich immer um das 
gleiche Gebrechen. Es besteht darin, daß die Photographie nicht 
die zu porträtierende Physiognomie vergegenwärtigt, sondern sie 
als Mittel Zu Zwecken benutzt, die außerhalb des Objekts liegen. 
Welche photogvaphischm Möglichkeiten enthält der Kopf? Das ist 
hie Frage, die in solchen Bildnissen aufgeworfen und beantwortet 
wird» Mit anderen Worten: sie erstreben von vornherein weniger 
die Wiedergabe ihres Gegenstandes als die Vorführung sämtlicher 
Effekte, die aus ihm etwa herausgelockt werden können. Entschei 
dend find natürlich jene, hie dem Handwerk entsprechen: also Licht- 
und' Schattenwirkungen besonderer Art Wehe dein Typ, der Zu 
ihrer Ausgestaltung anZuregen vermag. Ohne Rücksicht auf die 
mit ihm vielleicht gesetzten Gehalte wird er bestrahlt oder ver 
finstert, und was dann von ihm übrig bleibt, ist eine SchwarZ 
Weiß-Komposition. Sie beschränkt sich oft genug nicht auf orna 
mentale Reize, sucht vielmehr, schlimmer noch, eine künstlerische 
„Auffassung" Zu dokumentieren. Tatsächlich setzen manche Bildnis 
photographen ihren Ehrgeiz darein, über das Technische hinaus 
auch Kunstwerke zu liefern und die Physiognomie gewissermaßen 
AU beseelen. Statt nun aber aus dem Objekt heraus eine ihm 
sachlich zugeordnete Auffassung Zu entwickeln, fügen sie ihm diese 
Zu wie eine Sauce. Ob es dem Kopf recht ist oder nicht: er muß 
sich von ihr übergießen lassen Hier wäre der Ort für einen sozio 
logischen Exkurs, der sich mit der in Zahlreichen Bildnisphoto 
graphien investierten Mentalität zu beschäftigen hätte. Diese Men 
talität weist Zweifellos einige typische Züge auf, die nicht so sehr 
den Porträtierten als den Porträtkünstlern eigen. Und Zwar führt 
deren unausgesprochene Mittelstellung Zwischen reproduzierender 
Technik und produzierender Kunst ganz von selber Zur Uebernahme 
gerade modischer Qualitäten. Wer nicht zur schaffenden Avantgarde 
gehört, muß die Neuheiten verwenden, die in der Luft liegen; vor 
ausgesetzt, daß er um jeden Preis Kunst machen will. Bestimmte 
seelische Haltungen drängen sich so in den Vordergrund, bestimmte 
Posen Lehren in Bildnissen -wieder, die durchaus verschiedene Gegen 
stände betreffen. Sie werden dem Besteller aufoktroyiert, der aller 
dings nicht selten Ursache hat, sich über eine solche schmückende 
Zutat Zu freuen. 
Die in der erwähnten Ausstellung befindlichen Bildnisse unter 
scheiden sich von den eben gekennzeichneten dadurch, daß sie ohne 
„Auffassung" sind. Welch ein Vorzug! Während nach dem üblichen 
pseudokünstlerischen Verfahren die Physiognomie Zu einem Lichter 
spiel wird oder gar hinter etlichen von ihr unabhängigen Meinun 
gen und Vorstellungen verschwindet, ist sie hier echter Selbstzweck. 
Der Photograph hat sich ersichtlich darum bemüht, ihre Eigentüm 
lichkeiten zu studieren und ihnen dann bildmaßige Geltung ZU 
verschaffen Er dankt zu Gunsten des Gegenstands er mög ¬ 
lichst charakteristisch zu vermitteln such^ deutlicher Beweis 
hierfür ist der Wegfall des Dekorativen^ das in der Regel sonst 
eine Hauptrolle spielt. Gehalt und Geste stimmen in diesen Bildern 
wie selbstverständlich miteinander üöerein. Statt daß das Gesicht 
in eine fremde Perspektive gezwungen würde, ergibt sich diese 
jeweils aus seinem Wesen; statt daß ein subjektiver Stilwille sich 
die Alleinherrschaft amnaßte, bedingt die Essenz der Porträtierten 
von sich aus den Stil. Die Profile entspringen keiner Laune, die 
Frontalansichten sind Erfordernisse des Stoffes tzm Einklang 
damit verfolgen auch die Licht- und Schattenmodellierungen nicht 
eigensüchtige Sonderziele, sondern erfüllen die Funktion, den Text 
des Gesichts Zu kommentieren. So verhält es sich wenigstens im 
Prinzip. Unstreitig sind Photographien dieser Art die einzigen, 
die Bildnisse heißen dürfen. Indem sie sich in die darzustellende 
Person hineindehnen, stoßen sie freilich auf eine Grenze, die allein 
der Maler Zu überschreiten vermag. Er kann kraft seiner aktiven 
Eingriffe das Urbild, das er vor Augen hat, wirklich objekti 
vieren; die Kamera dagegen, die nur passives Aufnahmeorgan ist, 
müßte sich in ihm Zuletzt verlieren. Da diese theoretische Konse 
quenz aber ausscheidet, rückt auch die gute Bildnisphotogwphie, 
die es ernst mit dem Gegenstand meint, in eine gefährliche Nähe 
zum Gemälde, dem sich die schlechte vorschnell angleichen will. 
Sache des photographischen Taktes ist es: jene unerläßlichen 
Stilisierungen, die gemäldeähnliche Wirkungen Zeitigen, auf ein 
sekisuM«» 555 
Lvtea). 66N umas 
äaH es äsn ^rositsrmaFLSN 
^i-aktion LassESstrit var; ksunLSwünst arS 
kebmäsnäs Uc&amp;gt;Ns,.äw 6sr klsmon vsrlamsntLrisehsn 
Oravuo in äsr revolutionären Ve^ekans ruirei. 
Im Uüekdliek bat; jene Npoebe ein äonpeltes Oe- 
siebt: sie ist rnm einen leil ein 8tüeb wesenlos 
^e^voräener VorKEbmbte unä rum anderen ^eiL 
das Uei-oenrMalter der Revolution, das noen un-! 
mittelbar in die OeLennart bineiaraßck. Der Zaris 
mus tritt im Lenulltsein der ibm drobeuden (re- 
kabr immer urovobatoriseber Le^en die Arbeiter- 
sebakt und ibrs legalen Or^anisationsversnebs 
ank. und die ^rbeitersebakt ibrerseits ^vird dureb 
den kortaesetrten Orueb von oben ?-n stets ernen- 
tem Widerstand ^ereiLt. Repressalien und Ktreibs 
erküRen diese dabre. va^isebsn oder riebti^er: 
niebt da2^iseben die vnma; denn je ernster südi 
die ^nseinandsrsstsun^dn rinsnitLen. desto dent- 
lisber entbüllt sie ibren sebeinnarlamentariscben 
Obarabter. Radaieiv selber stobt dnreb^eS im 
Nittelonnbt der Rreianisss. Rr snriebt nnd agiert 
in der Duma, der Rartsiinstruktion Ksmäll. rein 
un ^Ätations^seben. leitet die „Rraivda". vkle.^t 
die Verbindnn^ mit den ^rbsitsrmasssn, entkeltet 
eine vielseitige bonsnirative lätigbeit ns^v. Lein 
^dgeordnetenmandat ist ibm dabei nur ein unge 
nügender Lebnts. Wenn er verreist, begleiten ibn 
8vit^sl, nnd das legale Wirken vürd enk 8ebritt 
und "Iritt von der Rebörde ersebivert. Ven abruv- 
ten ^.bseblnü dieser parlamsntarissben Rankdabn 
bildet die Verbaktnng der bolsebdistiseben Ouma- 
Uitglieder bald naeb LriegsbegiVn. 
bliebt smletst ist Vadaie^vs Lueb ein lebrreieber 
Veitrag xur inneren Ossebiobte der Rar- 
t s i. Vor allem darum, v^eil es sieb eingebend mit 
den Vorgängen bekaüt, die rm der im Oktober 1913 
erkolgenden 8pa1tung der sorialdemokratiseben 
Rraktion kübrtsn. ver in der ^.rbeitersebakt da 
mals vieldekla^s Rrueb entsmingt der Uebsr- 
Lsugung der Volsebevükr, daü die Oegensät^e 
L^iseben ibnen und den Nensebe^iki sebon ru 
^veit gsdieben sind, um noeb unter einen Rut ge- 
braebt werden 2U können. Rin ivesentliebes Merk 
mal der tbeoretiseben Versebiedenbeit ist die der 
Organisationskorm. Während die mensebe^istiseben 
A rw b i g e e re o n rdn s e u te eb n en si , eb kü b bi ä e u n lig sie v b on d d ie er b R ol a s r e t, b e e i v M üsti e s m eb a e n n - 
von von verein als Runktionäre der Rartsi^entrale. 
„Diese Unterordnung, dieses streng Zentralisierte 
8.V8tsM varen die Uauntbedingung kür den Rrkolg 
der revolutionären Arbeit." Oerads die ^dsebnitte, 
g di l e isd v e o r n ^ d u e r n R e a n rt g e e i n küb B r e ü h n e g bu b n a g n e d n eln d . er sin R d rak b ti e o s n o s n m d i e t r - s ^ 
interessant. Hier teuebt aueb immer nie ^ der der 
us d v i e n e e s t dr e t n Z nm e a R n ie t t e r b r a i i t l b e k n b o üe t m nb e e it r rd e s i e t e a j s e tt dV e r e ^ n am e , g i e m , d D e a e r ! e u rtt k a n e t i e ill. e t s b ie iDb O in r e a u es l ne i/ r ü V D e e n Di r , r a ee t ik a u l t n n i a v g d l e e v en n r - 
sb Ad ue i e re bi b mlae eV bi i e t a o rld r u V t s uen ia rn e g db g atsje d M dR ^ eea as rsU llin R s V et r b em s M m r t kt r e s l^ e ii n e n lnse g oab s ^ms iin es l m l l d k e s , i g en a u dl ks eie üv r D n. ^ ak m stt r re at ik. .n k W ti.b 2 dm iu eb er rew nVö 6e te ie i es rg - - t- 
.. . g 
widmete Ranital lällt an 8pannung niebts 
nvo i m i Av i bmlsaeg b esn^se ü v b rs i gj . h, b N rain li gnto ^ ess k ( i, mi d t eUrntee i rnstü N tnz i u t sneg l 
u de e r ten Ro u l n in d ei) kü 7 ^ u t m de b n o k ls, s e e b i e n v e i r sti i s n e ti b m en en D K u e m n a n - t ^ n b is ge e o l r i d e - r 
^R d b i a e rrteew ö m e nn s gg e e b le r e e ign i e b enn u b n eu g Rntdz d en i r e e s e e bd r eenrb V ^ n rr i ee s n o v d o8 e leu n b k tia i o g dn u eä r nre2n il u l . us D8 tr au i er e eb r be t 
Vedeie^ böebst ensebaulieb die Düeken des 
Kma ü mssmene . s, den die Revolutionäre baben auskeebten
        <pb n="10" />
        rariseb dargestellt 
Metern von Albert 
und Brust Bakkner 
einander entwiedeln. Der 
Bauxtverdebr ein Drupp 
bildet, dommt Lunäebst in 
der die Arbeiter okkenbar 
dlinderjäbrige, dessen 
verwabrloster düngen 
einer Rubrik unter, in 
besonders rüeksiebtslos 
den im 
eigent 
im Br- 
Radten 
rauben 
Berlin"). Aber es ist wiebtig, daü äie Oekkentlieb^ 
dsit von äsn versebiedensten Veiten ber auk die 
Verbältnisse aukmerksam gemaebt wird, unter denen 
viele junge Nenseben, balbs Rinder noeb, deute 
leben und — verwabrlosen müssen. Denn wie soll 
ten änderungsbedürktige Zustände je gewandelt 
werden, wenn sie niebt ins allgemeine Bewußtsein 
drängen? Ibre Besebreibung erküllt rum mindesten 
den Zweed, Oegendräkte ru weeden. 
Am Beispiel seines Beiden Lebluedebier will 
Diaser . ein tvxisebes Lebiedsal vergegenwärtigen. 
Lebluedebier ist ein Rriegsjunge aus ärmliebem 
Rleinbürgermilieu, der sieb naeb einigen belang 
losen Verkeblungen der barten väterlieben Oewalt 
dureb die Bluebt ent^iebt. Run beginnt eine Bauk- 
babn, deren einzelne Btapxen sieb kolgeriebtig aus- 
worden ist; so in Dampels 
BrLiebungsbeim" und in den 
Oassirer-Verlag ersebienenen 
Damm („Betrogene dugend") 
(„lugend auk der DandstraÜs 
„Revolto im 
im Bruno 
Ltüed: 
beiden 
bebandelt werden. Delegentlieb einer spontanen 
Rrotestaktion gegen die dort berrsebenden dliß- 
stände kliegt aueb er auk die Ltraße und ist kortan 
Arbeitslos. Raeb dem Verlebt des Verkassers bat 
Lebluedebier sebon um diese Zeit ein Liemlieb 
klares Bewußtsein von seiner Lituation. Der Zwang 
der Verbältnisse, deren Rrodukt er ist, treibt ibn 
daLu, sieb dem okkirü ollen Denken ru widersetzen 
und manebe von den Debrern und Bastoren smp- 
kangenen Weisungen als Ideologien Lu durebsebauen. 
Line OeseHsebaktekritik, die sieb desto mebr ver- 
tiekt, je deutlieber er die Ausweglosigkeit seines 
Daseins erkennt. Dis (länge Lum Arbeitsamt sind 
vergeblieb, und der Bunger ist groß. In Leblueke- 
bier speiebert sieb eine Ilnmenge von Baß an, der 
2u rebelliseben Ausbrueben kübrt. Lie Lieben 6e- 
kängnisstraktzn und Lulet^t das BrLiebungsbeim 
naeb sieb, in dem sebleebt entlobnte und noeb 
seblsebter instruierte Debrer mit der Knuts regie 
ren. Das barbarisebe Br^iebungss^stem rukt eins 
Revolte der mißbandelten düngen bervor, die als 
Rotwebradtion aukLukassen ist und in 'eine ver- 
Lweikelte Orgie einmündst. Der Bmpörer Leblueke- 
bier wird von einer Kugel der eindringsnden Roli- 
Leisoldatsn 2u Dode geiroBen. 
Diese Oesebiebte einer turebibaren dngend ist 
niebt einlaeb repartiert, sondern Lum Roman aus ge 
staltet. Ds lobnt sieb, ibn abgelöst von seinem Inbalt 
Lu betraebten; verrät er doeb ein Dr^äblertalent, das 
um so aultälllger ist, als. der einundLwanLigjäbrigs 
Verfasser den vorgedruedten Angaben Lutolge selber 
aus der Bürsorgs bervorgegangen sein soll. Angesiebts 
solober Berdünkte wirbt sein Bueb doppelt erstaun- 
lieb (vorausgeset-Lt, daÜ man dle bliedersebritt niebt 
überarbeitet bat), biatürlieb bält sieb O-laser an sti- 
listisebs Vorbilder; aber er überrasebt dureb den 
bunstgereebtön Oebrauob der Argot-Ausdrüede, ge 
drängte Lebilderungsn, in denen dein ^Vort Lu viel 
ist, und gesebiebte Dinxelbeiten der Komposition. 
Ltard ist vor allem die LLene im Arbeitsamt: wie 
Lebluedebier dem dlelnen Angestellten gegenübersitLt 
und niebt weleben will. Leide bedroben einander; 
er gerade jenen Datsaebenebaradter ab, der 
Bueb veransobauliebten Vorgängen erst die 
liebs LtoMraR verliebe. Lind die Leonen 
Liebungsbsim Radten oder'auk (drund einiger 
stilisiert? Die vielen Oestaltungsmanöver 
dieser, weil er auk Unterstützung angewiesen ist, 
zener, weil er aus Angst vor Dntlassung deine Unter 
stützung gswäbren dart. Dureb die Art der' DrMb- 
lung erstellt die ganLe grotesde dämmerliebdeit des 
sinnlosen Duells, das bier unter dem Druod der 
soLialen Abbängigdelten ausgekoebten wird. Din- 
druedsvoll aueb die Osstaltung der Lingstunde durir 
vor der Revolte. Der Diredtor intoniert wiederbolt 
ein Died, obns daü die auksässigen düngen mit- 
sängsn, und srkäbrt dabei das Lebwinden seiner Auto 
rität. „Ds balk ibm niebt. ^Vir batten Nitleid, ia, 
aber wir batten das dritte Nal niebt mitsingen dün 
nen, selbst wenn wir gewollt batten. Und dieses 
dritte Nal sang dor Alte so kalseb und so laut, dsü 
es last wie ein Beulen dlang und sieb sebreedlieb 
einprägte. Mtten in der Ltropbe braeb er wieder ab. 
Dr stand auk. Lab uns an und ging. Br seblsiite über 
den Bot dureb das gelbe Daub der Bäume..Line 
tretende Besebreibung des Lusammenbruebs purer 
Naebt. 
Dieser Vegabungsproben ungeaebtet rüodt indes 
sen das Bueb gerade dureb die Romankorm in ein 
Lweikelbaktes Diebt. Dis Bauptlundtion der Auköeieb- 
nungen dann doeb nur die sein: ersebütternde Lebied- 
sale und Zustande im Interesse ibrer Aenderung mög- 
liebst wabrbeitsgetreu vorLulübren. Olaser dommt 
aus der Rürsorge und ist wobt von den meisten Er 
eignissen persönlieb betrokken gewesen; um so ober 
müüte er das entsebeidende Oewiebt auk die dodu- 
mentarisebe Wiedergabe der Datsaebsn legen. Der 
LtoB und die mit seiner Darbietung ru Reebt ver 
bundenen Absiebtsn drängen bier von sieb aus rur 
Reportage. Indem aber (Baser die romanbatte 6 s- 
staltung dem Wirdliobdeitsberiebt vor^iebt, sebwäebt 
Qeorg (61 a 8 er 8 Bueb: „Lebluedebier" 
(Agis-Verlag, Berlin-Wien. löO Leiten, geb. 3) 
bebandelt einen Ltokk^ der sebon wiederbolt lite- 
dem Gegenstand seine unbMweilelbare Realität und 
rwingen den Deser daM, Lwiseben saeblieber Deil- 
nabme und ästbetiseber Kontemplation bin und der 
2u pendeln. Dnd doeb wäre in diesem Ball niebts 
notwendiger gewesen, als das Aestbetisebe dem Be- 
riebtsmäüigen, das krei Oekormte dem RontroRisr- 
baren unterLuordnen. Denn das Bueb soll ja die 
OEentliobdmt aktivieren, blun versnobt Olaser ge- 
wiÜ, die Bmpörung über die Zustände auk dünstlerisebs 
Weise Lu wseden, und es ist aueb deineswegs su 
bestreiten, daÜ eins eebts episebe OsstaltunA die 
Nenssbsn unter Umständen naebbaltiger auiMrütteln 
vermag als ein DatLaebenprotodoll. Aber im 
„Lebluedebier" bandelt es sieb gar niebt um ein 
Romanwerd, dem eins eigene Wirdliebdeit inne- 
wobnts, sondern um das Bemüben, die Wirdliebdeit 
romanbakt Zu überböben. Drot^ des Dalentsi das Ola- 
ser beweist: eben dieses Bemüben beeinträebtigt 
seine Deistung. Ds verrät einen literariseben Oel- 
tungsdrang, der einer soleben Wirdliebdeit gegen 
über niebt bätte auldommen dürken. Das Nando, dem 
er entspringt, prägt sieb denn aueb innerbalb der 
Brnäblung deutlieb aus. 8is ist niebt krei von Aus- 
sebmüedungen und einer gewissen Bkkedtbaseberei, 
die sieb okt, dem Zweed des Buebes entgegen, in den 
Vordergrund sebmbt. Ltatt die Datsaeben spreeben Lu 
lassen, spriebt (Raser lieber selber. 80 dann das 
Bueb niebt seinen vollen I^utLwert entkalken. Bs wird 
sieb noeb Zeigen müssen, ob die Begabung des jungen 
Autors groL genug ist, um seiner kraZwürdigen Men 
talität niebt 2u erliegen. 
SLeUvr L«L1 
Von 8. XrLOAuer^
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        DuLderlum und Keroismus. 
Zu Zwei Filmen. 
Besprochen von S. Krakauer. 
Berlin, Anfang Februar. 
Wichtiges Experiment. 
Der Regisseur Paul Fejos, dessen Film: „Zwei junge 
Herzen^ einer der schönsten stummen Filme ist, die je gedreht 
worden sind, hat jetzt ein neues Werk inszeniert, das aus der Reihe 
der Wichen Tonfilme völlig herausfällt. Es heißt „Marie" und 
nennt sich selber eine Filmlegende. Diese Schöpfung ist unter 
allen Umständen ein kühnes und für die Entwicklung der Gattung 
wichtiges Experiment. Denn sie versucht nicht nur, den 
Tonfilm Zum Kunstwerk Zu verdichten, sondern möchte ihm auch 
die Jnternationalität des stummen Films zurückerobern. 
Zu Grunde gelegt ist die ungarische Legende vorn Dienst 
mädchen Alane, in der sich das Schicksal der geschundenen Kreatur 
verkörpert. Marie wird geplagt wie Aschenputtel, verführt und 
verlassen wie Gretchen und nach Eintritt der Schwangerschaft von 
der ganzen Dorfgesellschaft verfemt. Nur die Insassen eines Freu 
denhauses haben Erbarmen mit ihr. Hier kommt sie nieder, hier 
verhätscheln alle Mädchen ihr Kind. Aber auf eine Denunziation 
hin greift die Staatsgewalt ein und entreißt der armen Marie 
das Töchterchen, ohne das sie nicht sein kann. Sie verfällt dem 
Wahnsinn, irrt verspottet umher und stirbt. Nach ihrem Tod 
nimmt die sozialkritische Legende vollends märchenhafte Züge an. 
Erlöst von der Erdenpein, fährt Marie himmelwärts, putzt in der 
ewigen Seligkeit eine schimmernde Küche und bewahrt als Schutz 
engel ihre Tochter vor dem eigenen bitteren Los, 
Diese ergreifende Fabel gibt Fejos zwei wesentliche Chancen. 
Die eine: daß der Stoff einer freien filmischen Durchgestaltung 
auf halbem Wege entgegenkommt. Zum Unterschied von den meisten 
anderen Vorwürfen gestattet nämlich die Legende, alle Dinge von 
einer einzigen, inhaltlich erfüllten Perspektive aus Zu betrachten. 
Die Welt muß so erscheinen, wie Marie sie sieht, und der Blick, 
den sie, die Gequälte, auf ihre Umgebung richtet, ist kein belie 
biger Blick, sondern einer, der die Menschen und Zustände ent 
larvt. Indem nun Fejos diesem Blick bewußt folgt, verfährt er 
mit der Realität wie ein Dichter. Er nimmt alle Gestalten und 
Gegenstände gleichsam durch die Äugen Maries wahr und hebt so 
die konfuse Empirie in eine entschiedene Wirklichkeit. Seine ver 
wandelnde Kraft ist oft groß. Der Glockenturm, zu dem Marie 
aufsteht, wird mit Bedeutung imprägniert, das Standbild der 
Muttergottes scheint bewegt, und die Gesichter der Dienstherrschaft 
erhalten jene unpersönliche Härte, die ihrer sozialen Stellung 
entspricht. Der Verlassenheit Maries antwortet die Oede der Ob 
jekte. Die vorsintflutliche Eisenbahn führt aus der Welt heraus, 
die Häuser wirken wie Feinde. Nur im Bordell eigentlich, einer 
mtsehlichm Kleinstadt-Oase, tauen die Sachen und Figuren ein 
wenig auf. Das mechanische Klavier spielt sebsttätig muntere 
Disharmonien, der kalte. Lichterglanz erwärmt, und hinter der 
erstarrten Physiognomie der Inhaberin regt sich ein Mitgefühl, das 
sie spürbar verschönt. 
Auch von der Zweiten Chance macht Fejos einen guten Ge- 
Lmuch. Sie besteht darin, daß durch die Einfachheit und Sinn- 
Migkeil der Fabel die Sprache auf ein Minimum beschränkt 
werden kann. Wahrend Rens Clair den Dialog nach Möglichkeit 
als Element des musikalischen Tongefüges verwendet, läßt ihm 
Fejos, hierin realistischer, den Charakter des Sprechdialogs, 
drängt ihn aber fast ganz in den Hintergrund. Er bemüht sich, 
praktisch durchzüführen, was ich an dieser Stelle wieder und wieder 
aus ästhetischen Gründen fordern zu müssen glaubte. Tatsächlich 
sind alle W so entwickelt, daß das W o r t n a hez u 
e n t b e h r l ich wird. Und in jenen Fallen, in denen es doch ein 
tritt, erwachst sein Sinn ohne Schwierigkeit aus dem der Situation. 
(Umso unbegreiflicher, daß d^e paar Sätze, die herauskristalli 
sieren, in deutscher Sprache unterlegt worden sind.) Das hier 
gegebene Beispiel verdient die Nachfolge um so mehr, als Fejos 
aäch auf jede übertriebene oder sachlich unbegründete musikalische 
Illustration verzichtet. Er nutzt Geräusche und Tierstimmen aus 
und schaltet die Musik vorwiegend nur dort ein, wo sie von der 
Fabel bedingt ist. Man hört die Klänge eines Tanzfestes herüber 
wehen, das sich später vor aller Augen entfaltet. Ueberhaupt ist 
kaum je eine akustische Untermalung angesetzt, die ein bloßes 
Füllsel wäre und außerhalb des Films gelegene Quellen hätte. 
Dank dieser sinnvollen Oekonomie aber wird der Film erst richtig 
Zum^Fihn. Das heißt nichts anderes, als daß sein Hauptgewicht 
auf- den stummen Partien ruht. Gesten übernehmen tragende 
Funktionen, mimische Veränderungen, deren Verständnis an keine 
Sprachgrenze gebunden ist, bestimmen die der Handlung. In 
AnnabZlla hat Wos eine Darstellerin gefunden, die seine 
Absichten Zu realisieren vermag. Sie besitzt eine erstaunliche Fähig 
keit zu nuancieren, und wie sie das eine Mal ein Bild ausweg 
loser Trauer ist, so erstrahlt sie das andere Mal in der Glorie 
des Mütteralücks. 
Trotz solcher schwer zu überschätzender Qualitäten bleibt aber 
der Film weit hinter dem Ziel zurück, das Fejos ersichtlich vsrge- 
schwebt hat. Und zwar darum, weil das Werk schon von Geburt 
an mit einem Gebrechen behaftet ist. Erstrebt wird in ihm die Ver 
filmung einer Legende von so rein epischer Beschaffenheit, daß 
ihre Transportierung in die Filmsprache gar nicht gelingen kanm 
In der Legende spielt der chronologische Zeitablauf nur eine un 
wesentliche Rolle im Vergleich mit der legendären Zeit, die sich 
windschief zur chronologischen verhält. Diese episch wohl Zu ges 
stallende Zeit nun, die über Daten und Räume nach freiem Er^ 
messen verfügt, wird im Film oft bis zur Unerträglichkeit verzerrL. 
Um sie annähernd widerzuspiegeln, ist Fejos genötigt, fortwäh 
rend, zwischen langgezogenen Szenen und höchst summarisch verfah 
renden Auftritten zu wechseln. Manchmal steht der Uhrzeiger still, 
manchmal sind Monate oder Jahre ein Nichts. Was in der Legende 
Zur Einheit verwoben sein mag, erscheint eben im Film als ab 
ruptes Nacheinander. Diese Sprunghaftigkeit der Tempi, die ein 
starkes Unbehagen erzeugt, weist aber deutlich darauf hin, daß sich 
die Legende der Verfilmung widersetzt. Ihre Wahl wird dadurch 
noch problematischer, daß die legendäre Phantasie häufig der Vev- 
Lildlichung spottet. Sie ist im Himmel genau so wie auf der Erde 
zu Hause und kann sich in Reichen ergehen, die nie ein Auge erblickt. 
Daher muß der Filmregisseur notwendig scheitern, sobald er gewisse 
Sprachbilder optisch belegen will. Seine Feerien schmecken auch 
wirklich nach dem Atelier, seine Sterne sind künstlich, und die Erd 
kugel, auf die Marie niederschaut, ist ein Modell. Solche Illustra 
tionen sind Verfehlungen prinzipieller Art. Sie vernichten die 
Kraft des erzählten Märchens und kommen der Phantasie nicht zu 
Hilfe, sondern töten sie nur. Schließlich hat Fejos, vielleicht um 
einen abendfüllend Film herzustellen, die Maße im ganzen zu 
völlig genommen. Der Film erreicht eine Ausdehnung, der seine 
JHMe nicht gewachsen sind, In der knappen Legende beheimatet, 
werden sie sofort obdachlos, wenn man sie über die ihnen Zube 
stimmte absolute Länge hinaus streckt. 
Diese Einwande besagen selbstverständlich nichts gegen den 
außerordentlichen Wert, den der Film als Experiment hat. Die 
Filmschaffenden könnten viel von ihm lernen. 
Unterseeboot-Krieg. 
Krieg als Ereignis heroischer Pflichterfüllung: 
das ist das Thema des Ufa-Großfilm : „M orgenro t". Er ver 
anschaulicht auf Grund eines von Gerhard Menzel gestalteten 
Manuskripts eine Episode aus dem Unterseeboot-Krieg, deren 
wichtigste Szene die folgende ist Die Äerlebends Mannschaft des 
nach mehreren geglückten Unternehmungen vernichteten U-Boots 
sitzt im MALN Schiffsraum Zusammen und weiß, daß sie nur noch em 
paar Gründen Zu leben haben wird. Acht RetLungZappamte sind 
vorhanden, aber die Besatzung Zählt einschsießlich des Kapitän 
leutnants und des Oberleutnants Zehn Mann. Der Kommandant 
fordert die Mannschaft auf, sich Zu retten Sie erklärt, daß sie mit 
ihren Führe n zusammen sterben wolle. Erst der freiwillige Opfer 
tod des Oberleutnants und eines Matrosen — dieser ist ein Ein- 
U(ganger, jener hat eine (nur peripher angedeutete) unglückliche 
Webe — verpflichtet die übrigen Acht, fürs Vaterland weiterzulebem 
Die hier bewährte heroische Gesinnung wird im Verlauf der 
Handlung mit dem Verhalten der Heiniat konfrontiert. Der Film 
entwirft von ihr Schilderungen offizieller Art. Schuljugend stellt- 
sich Zum Empfang der Helden am Bahnhof alss, und der Bürger 
meister schwingt begeisterte Redem Entscheidend isi sich 
die Gesinnung der Front von der des Kleinstädtchens deutlich 
abhebt. Die Unterseeboot-Leute verwerfen den Heldenrummel ebenso 
bestimmt wie die Verzagtheit, die sich später der Gemüter zu Hause 
bemächtigt Ergänzt wird diese an der Bevölkerung des Hinter 
landes geübte Kritik durch die Mutter des KapM die 
dem Heroismus auf dre rechte Weise antwortet. Sie erklärt un 
gefähr: daß nach Siegen kein Grund zum ungebrochenen Jubilie 
ren vorliege, daß man auch immer der Opfer des Gegners 
km solle usw. (Ihre Worte wurden bei der Uraufführung am leb 
haftesten beklatscht.) Zu diesen an sich wohltuenden UbreKnnngsn 
wäre nur Zu bemerken, daß sie in eine reichlich - stilisierte Wieder 
gabe der wirklichen Verhältnisse eingefügt sind. Front und Heimat, 
haben in jenen Jahren faktisch anders ausgefthe^ es die Mal- 
Lypischsn Bilder des Films wahrhaLen möchten. 
Während nirgends ein Wort fällt, das dem Phänomen M 
Kriegs selber gilt, werden verschiedene SM 
den Geist heroischer Pflichterfüllung als einen GrundZug unseres 
Wesens ansprecheu. Der Kapitänleutnant sagt einmal, daß wir Zwar 
vielleicht nicht richtig Zu leben, aber dafür „fabelhaft" zu sterben 
verstünden. Und ein andermal bekennt er sich beinahe dankbar ZU 
einem Geschick, das der heldischen Haltung gemäß sei. Damit stimmt 
überein, daß in dem Film jede Frage nach dem Sinn des furcht 
baren Geschehens fehlt, das er Zeigt. Stumm wird es hingenom 
men, stumm abgewehrt oder herbeigeführt. Indem der Film so 
die heroische Weltanschauung verabsolutiert, entkräfte sie aber 
Zugleich. Denn echter Heroismus ist sich nicht Selbstzweck, sondern 
steht im Dienst des von der Erkenntnis gesetzten Ziels. Daher 
wäre es im nationalpädagogischen Interesse Zweifellos ratsamer, 
auf die Notwendigkeit einer Regelung unserer Angelegenheiten 
durch die Vernunft hinzuweisen, statt dem Heroischen ohne wei 
teres den Primat ZUZuerteilen. Vorausgesetzt, daß es darum geht, 
richtig zu leben , . . 
Der Film, der Zum Teil an Bord eines finnischen Unterseeboots
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        ^ÜÄLSQlLSr ^RLliSIL 
aus der soÄalen 
Herkommen immer, von neuem 
hergestellt ist, enthält eine Reihe hervorragender Aufnahmen und 
Szenen. Besonders gut ausgearbeitet sind die technischen Dinge: 
das tauchende Boot, das Zummmenspiel der Menschen und Appa 
rate im Schiffsinnern, der Vorgang der Zerstörungsaktionen. Eine 
saubere, exakte Leistung, die einen durchaus glaubhaften Eindruck 
erweckt und ganz unsentimental durchgebildet ist. Im Vergleich 
mit den militärischen Partien wirken die des Zivillebens ein 
wenig gestellt; aber das liegt wohl nicht so sehr an Rcgiemängeln 
als am Thema selber und der Auffassung, die man von ihm hat. 
Umrahmt wird die ganze Kriegsepisode von Bildern rollender 
Eisenbahnzüge. Lazarettzüge und Truppentransportzüge, die nns 
Feld fahren oder aus dem Feld kommen, kreuzen sich unaufhörlich." 
Sie sind ein Gleichnis des Krieges, symbolisieren M 
rufen Erinnerungen wach, die erschüttern. 
Rudolf Förster, den wir sonst nicht in Uniform zu sehen 
gewohnt sind, macht als Kapitänleutnant eine gute Figur; wenn 
man auch manchmal merkt, daß er sich nur verkleidet M. Die 
Mutter Adele Sandrocks spricht überzeugend; die Mannschaft 
ist echt; die Kleinstadtbürger sind wie Gespenster. Gewisse. Empfin 
dungen, die Förster und andere Darsteller bezeugen sollen, verwei 
gern sich hartnäckig dem Ausdruck. 
Rübe herab. Die Verwandtschaft besucht ibn Zwei 
mal in Raris, kompromittiert ihn und riebt ibn in 
ibren Rann. Ricbt so, als ob er aus freien ßtücken 
auk Diebs, Ltellung und Dinkluh verLiebtete; aber 
die Draäitionen des Oettoiuäsntums, die in seinem 
Innern kortleben, besiegen ^uletrt den ge^ßllscbakt- 
lieben Lbrgeir und die erotiscbs (Rut. Dr Lträubt 
sicb gegen die uralten Lrätte und kann ibrer 
Nacht doch nicbt wiäersteben. „Icb bjn ganr wie 
sie," sagt er ru ^uäe von den Olaubensgenossen 
aus Depbalonia. ,,Dü hast sie nicbt richtig gesehen, 
nicbt die Riebtigen gtzseben, die vom Oeist, die 
vermiscbt waren mit den anderen gestern abend... 
Und dann sind sie alle, die wahren und die an 
dern, ^euüersts, Olübenäe. Regreif doch. Win 
Dicbtenmlk. Dip Lull erstes Volk. Rei uns ist das 
Oroteske übertrieben grotesk... Mir sind das Volk 
des Debermalles. Das alte Volk des Geistes, 
scbmerrgekrönt, von königlichem MsKen und tiek 
enttäuscht. Das alte irre Volk, das allein wandert 
durch den Lturm und trägt seine klingende Rarke 
Vor Äern 
In der guten Debersetrung Merner Vergengruens 
ist äst autobiogrä^ 8 emjon R o - 
s 6. uff 6 1d L: „R ull 1 and vor dem 8 turm" 
erschienen, (Verlag Der Rücherhreis, Rerlin. 8., 
geb. 4.M)- ^6nn aucb wobl Heine unbedingte 
Notwendigkeit äeru vorlag, dieses Ruch bei uns 
einLukübren, so ist es doch insofern sehr interessant, 
als ss äurebaus unpolbisebe Drinnerungen an die 
IstLttzn äabre des Zarismus enthält. 8s1n Verfasser, 
Hin junger russischer Intellektueller, erwählt die 
harten Schicksale, die ihm auk äsm Zehub nach 
ZibirieN, während seiner dortigen NilitärLeit und 
später im Drieg widopkuhren. Drschütternd ist 
besonders der erste Reih äsr von der Deiäensfahrt 
durch äis russischen und sibirischen Oetängnisss 
handelt. Diese Rekiebte übst äas Deben äsr Dapd- 
streieher und Driminsllen, über äsn LchmutL in äsn 
Quartieren unä über wahllose Grausamkeiten unä 
Demütigungen ruken Dostojewskis „Nsmoiren au« 
einem Dotenüaus" M Oedächtnis Zurück Unä sinä 
eins einAgs Abrechnung mit äsm alten 8^stem. 
Nicht so,, als ob Rosenfeld sieh jemals ausärück- 
lieb mit der Revolution identificierte. Im Oegen- 
teft, er beschränkt sieb darauf, seine eigenen Dr- 
lebnisse in "einfacher 8prache cu schildern. obne 
irgenäeine Folgerung aus ibnen 2u Lieben, ^ber 
gerade äaäurcb, dall^ er nie'urteilt oder verall 
gemeinert, wird seine, Reportage cur ^nklage- 
scbrikt. 8ie gewahrt Dinbliek in Zustände, äis sieb 
selber riebten, verzeichnet das Ineinandergreiken 
tvpiseber Nillbräucbe Unä enthüllt äis Verzweiflung 
äer unteren Zehiebten. weniger belangvoll sinä 
die äem Nilitärdienst unä dem Lehütcengraben gs- 
widmeten Lapitel. ^her aucb sie vermitteln eins 
Reibe von Datsaeben, aus äepen einWanälrei ber° 
vergebt, varum sicb äie russisebs Revolution mit 
solcher L^angsläukigkeit entvickeln mukts. Lr. 
Din kurioseres Zuck als äer kranLösiscbs Roman 
„8 o 1a 1" von H. 1 bsrt 6 obsn (Rerljn, Drei 
Masken Verlag, 382 Zeiten, geb. 4.56) äürkte 
!m weiten Umkreis Zebverlieb 2u linäen sein, Dr 
ist ein Unikum. Mebt allein seiner Dabei negen, 
äis Lvüseben grieebiseben Dettöju unä kran- 
Losiscben ^ristokratenkÄmilien krause Zcbicksals- 
kääen seblingt, sonäsrn aucb äarum, ^eil sieb in 
seiner Destaltung alle mögliebsn Utilelements 
böebst unbefangen vermengen. Zeitenlange,, direkt 
von äovcs bsLOgene ^ssoLiationsketten verbinäen 
sieb mit 'Mortbäukungen, bei äenen Rabelais Rate 
gestanden bat, bergebraebte Zebiläerungen süälicber 
R.eiäenscbakten scblagsn vsbemsnt in eine Rrosa 
um, deren Optik und Rumor nicbt moderner sein- 
Könnten, und mitten im Zcb^ulst der Lolportage 
finden sicb Wieder und nieder berückende Ras- 
Zagen, äie unmittelbar an 8tenäbal. erinnern. Dieser 
NiScbMaseb der Dorwen und DimeusMen värs 
Aabrsebeinlieb uneMräglieb, v^enU er nicht äurcb 
einen abenteuerlieben OlanL verdeckt vmräe, der 
kämtlicbe Inbalts des Rucbes vis eine ^rt von 
Rasur einlmitlicb übeM Ds tut seiner Helle 
keinen Abbruch, äall er nicbt immer gan2 Luver- 
lässig ist. - / 
8olal, so beillt der Neid, entstammt der griecbi- 
bcben Insel Rbpbalonia, vm er äis RnabenLeit im 
ß'ebutL der vMäigen und unwürdigen Vertreter 
seiner weitverzweigten Damilip verbringt. Dr bat 
tiekDcbwarLe Raarp und ist ein Wunder an 8ebön- 
beit. Im Eer von 16 äabren verlällt er das 
Oettomilieu der sepbaräiscben äuäen, um mit der 
Drau des lranLösisMen Ronsuls, äie von so viel 
Lcbönbeit nicbt- unberübrt geblieben ist, naeb 
DlorenL 2u entklieben. Uun beginnt eine DaUkbabn, 
deren verwegene Lurven nur daraus ru erklären 
sind, äaü 8olals geistige und Körperliebe Däbig- 
keiten ibresgleieben suchen. 8eine sportliche Oe- 
wanätbeit überbietet die von Douglas Dairbanks, 
sein Mßsen ist nicht minder passioniert wie das 
äulien 8orels. „In Narseille bat er mehrere ^Vocben 
im Rotel du Douvre verbracht. Ratte auk dem Rett 
gelegen und dreihundert groüartig Oediehtp ge- 
Lcbrieben, die In einem Zebrank liegen blieben — 
um später einen anderen berübmt Lu machen./Die 
russische Dürstsn. die im Rotel wohnte, verfügte 
über einen fabelhaften Rüftenschwung, aber er war 
all dieser Drauenlippen und DrauenLungen müde .. . 
Dr hatte das Rotel und die schöne blonde, 
schmutzige Russin. verlasen, die ibn Aushalten 
wollte... Dr hatte im ^.lten Raten Orangen aus ge 
laden. Mt. rwei Italienern, Oipsfigurenverkäutern, 
Zusammen gesottene Zaubohnen gegessen und ihnen 
Rvmnen' des Aufruhrs vorgelesen, geschrieben' aut 
RachpApier.^ 'Dies während äes^ V^ ,^n' 
Dpisoden aus 8olaM späterem Dasein" waren M er 
wähnen: ein.. Raubübertall in Oent; ein Duell; 
der mit einem lägen im Cirkusder Din- 
tritt in die Rolitik und ein erfolgreiches diploma 
tisches Interme^o in Dondon; die romantische 
Duttührung seiner beliebten Auds von Naussane 
knapp vor ihrer RocbLeit. Dnd so weiten klärcben- 
hafte (Rücksfälle sind indessen durchaus nicht äie 
Regel. Denn wie 8olal äurch Dreuengunst unä 
lalent bis 2um ^eitungsbesitLer, ja bis MM Mini 
ster anßteigt, so sinkt er durch die Rindung aus
        <pb n="13" />
        äuoed dis drodusnds l&amp;gt;laedt 6er lladrduodsxto und 
seinen uostoridiod^a Orüllen^'odn und Versoio-nn^c:, 
^^do." Die sed^isvi^s I.6ß:ierun^, sas dsn si/w dor 
Helä LusLmmery.st^ ist nn^e^eieknet ^ebekiläert. 
Lein ^Mox oxt^ einEe^w^ ^n ' ^eräen, 
seine matfloss., UttDtlceit Lämpft mit dsm Un- 
^snden &amp;gt; aus" a Üeil der ^Nrre-rK, seine 
UaLtlosi^sit verstört die' Dnuer Letz' Liebe, 
. Lgip -- ?atdos ^vird dureb einen. Azwismus, 
untßrmiy.isrt, 6er ^aus utopisefisr ^rfimchiMsit 
koNiint, . dis" sZeb^-'niebt dEadrüsitsn. bann. Xm' 
Lnäe7/ekbenyb boinL,äbü er' Meb i^ben Wds 
und ckom-,'.- AelsA.,-.'.äsr - ^.orkchh.Emr' tzyMhetdZm inub, 
briebb mit. bßidM^'vied bnibeliseb, irrt ^srarMt 
dureb dis DraWst^onand ardoloke sieb, sein 
Xinä auk. dem. ^rm. ssÜis diittzebiKs ^nkerstebnnW-. 
ch^ns, dis-AMohän ^ärs LU missen ASMSseu.b 
^m besten ist unstreitig die ^ebilde- 
rnng der ^rieebisabsn duden. Die ibnen gewidmeten 
^bsebnitts besebwören eine ^ett beraub die uns 
unbekannt i^ MLr^ der Verfasser 
2u Dause. Dr gibt -den eigentüm'Iicben Zauber der 
Inse11andsebakt Medex, er gestaltet mit. kietät und 
itx die Bvpen,, die in ibr umgeben, ^ie verdienen 
wabrbaktig das -Vürgerreebt in der eurenäiseben 
Literatur. Dine wunderbare Digur ist 2um Leispiel 
Onbet Aaltiel, der weniger. aus dem Desebleebt der 
Lolal als aus.dem der Hebelme 2u stammen sebeint. 
Hn Jänneben, das gern im Kreis der Freunds 
pbantastisebe Oesebiebten er^äblt, seinen eigenen 
Uebertreibungen glaubt, die zivilisierte ^Velt wie 
eine Bildnis - duxebrelst und sebliMieb in der 
NaWreimat kalästm Kamni gegen die Traber 
lallt. Leins Lust au Abenteuern wetteifert mit der 
an Daubeleien, seine Lebläue ist nie um' einen 
Ausweg verlegen und seine Llägliebbeit ist eine 
NaKo ererdter Lraft. 0 Dartarin, von 
vuiebotte, Dulensmegel: si^ alle geboren 2u seinen 
Xbnen. - . - 
Dum. LebluA sei niebt binöUMkügen- vergeh 
daß- die deutsebe vebersetrung von Dram/ Kessel 
und. Daus Landers mustergültig besorgt worden ist. 
,-. ... ',. , - 
-/7' 
Berliner Mbeneknander. 
K«rü--Jki Sesla-Ball im Savoy -^- M-enscheK 
iRt tzoLeL 
BeEn§ im FeLrua-r. 
Soiree, des EMsrimentat-PsychologM und Herrschers A. M. 
Längsner» der sich mlch Kara-Jki nennt, was gleich viel ge^ 
iMmnisBöller klingt. Er spricht fließend ein gebrochenes Deutsch, 
so zwischen Ungarn und Amerika, mit noch ein paar anderen 
Einschlägen dazwischen. Kein Wunder; denn Kara-Mi hat, wie 
er im Programm erzählt, mit drei Automobilen eine über fünf- 
.jährige Weltreise gemacht, um die okkulte Wissenschaft aller 
Völker, ihre Psychologie, ihre Religionen usw. zu studieren. Allem 
in Britisch-Jndien, heißt es ebendort, sei er mehrere Jahre ge 
blieben; desgleichen in Siam und Straits Settlements; ferner 
in Sumatra, Singapore usw. Addierte man die Jahre Zusam 
men, so käme zweifellos eine ganz stattliche Summe heraus Aber 
vielleicht ist es schon eine Frucht von Kam-Jkis Studien, daß er 
trotz dieser langen Aufenthalte in den okkulten Gegenden die ganze 
Expedition in so kurzer Zeit zurückgelegt hat. Ihre Ergebnisse 
sind jedenfalls wunderbar. So findet der Forscher rein durch 
Gedankenübertragung versteckte Gegenstände, die nicht größer als 
eine Nadel Zu sein brauchen. Wenn sich der Erfolg nicht sofort 
emstellt, hat die Person, die ihn hinsühren soll, einfach nicht kon 
zentriert genug gedacht. Die Hauptattraktion bildet natürlich das. 
Hellsehen im engeren Sinn, da Kara-Jki auf Grund von ZetteD 
chen ausÄch die ihm während der Pause vom Publikum über 
geben werden. Jedes Zettelchen muß Tag, Stunde und Ort deS 
zu erratenden Ereignisses enthalten. Nachdem sich Kara-Jki mit 
Hilfe eines Pendels in einen sogenannten „neutralen^ Zustand 
gebracht hat, läßt er sich von einer VertWuensperson die Zettel- 
chen vorlesen, fitzt düster da und sieht hell. „Ich sehe eine Frau/ 
sagt er, „die gerade gestorben ist. Oder er ficht eine Gerichts- 
Mne, oder sonst etwas. Die Zettelschreiber bestätigen seine An 
gaben, froh darüber, nun endlich erfahren zu haben, was ihnen 
passiert ist. Meistens entläßt Kara-Jki sie mit einem unverbind 
lichen Trost für die Zukunft. Jene Frau hat keinen Selbstmord 
begangen, und der ErLschaftsproZeß wird gut ausgehen. Inter 
essanter als dieses Orakeln ist das Publikum, das alle Ver 
kündigungen begierig aufsau-gt. Es besteht vorwiegend aus den 
Vertretern jener Schichten, die heute leidenschaftlich ein Wunder 
erhoffen. AelterZ Prwatieren beschlagnahmen die Sitze, Herren 
und Damen aus MitLelstandskreisen drängen sich nach vorne aufs 
Podium. Sie fliehen aus der Verzweiflung in den Rausch, schie-- 
Len die Vernunft beiseite, die ste nur quält- und vertrauen sich 
einem Hellseher an, um selber nichts mehr hell sehen zu müssen. 
Niemals find so günstige Zeiten für Medizinmänner gewesen. Eine 
Traktatchenlust weht im Saal- und die Atmosphäre ist mit Glau 
bensdünsten gesättigt. Von solcher Bereitschaft getragen- hat 
Kara-Jki ein um so leichteres Spiel, als er die Empfänglichkeit 
der Menge noch durch eine richtig dosierte Mischung herrischer und 
schmeichlerischer Gesten zu steigern weiß. Zuckerbrot und Peitsche: 
das alte Rezept. Schade nur- daß Fragen, die sich aufs politische 
Gebiet erstrecken, ausdrücklich untersagt sind. Man hätte gar zu 
gern gehört, wohin der Weg geht und wie das Programm für 
die nächsten Jahre beschaffen ist Wer Kara-Jki denkt nicht daran, 
seinem in politischer Hinsicht so findigen Berufskollegen 
Hanussen nachZueifern, sondern grast lieber das Privatleben 
ab, das noch dazu den Vorzug hat, daß sich seine Befunde der 
allgemeinen Kontrolle entziehen. Der Weizen WHL ja auch hier, 
und wer öffentlich hsllstcht- kann sich nicht genug vorsehem 
In den Varietes haben sich sonderbare ZwischenforMen 
verfestigt. Man wacht regelmäßig Anleihen Leim Kabarett und 
Theater und . ergänzt die rein artistischen Nummern durch Lei- 
stuMen, die halb und halb literarisch und künstlerisch gewertet zu 
werden verlangen. Das neue S c a la - Programm zum Beispiel 
bietet einen Sketch mit Felix Bressart und die Conference von 
Werner Finck. Unter den Gründen, aus denen sich diese ver^ 
änderte Struktur des Programms erklärt, wären etwa zu nen 
nen: der durch den Druck unserer wirtschaftlichen und politischen 
Zustände vermehrte Drang des Publikums nach Abwechslung; die 
schwierige Lage der Theater; die Stoßkraft der Tendenz, die auf 
Demokratisierung gewisser, einst privilegierter Kunstgenüsse aö- 
Zielt. Oekanomische und ideologische Gründe greifen hier inein 
ander. Im großen und ganzen steht fest, daß das gemischte Variete 
Programm von heute ein getreuer Spiegel des sozialen Misch- 
prozesses ist, in dem wir uns befinden. Wie dieser noch des Ab 
schlusses harrt, so sind auch die Nummern-Kombinationen auf der 
Bühne einstweilen ein provisorisches Gemenge. Dem Uebergangs- 
charakter der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse ent 
spricht jedenfalls genau das Kunterbunt der Darbietungen, das 
die hierarchische Gliederung völlig vermissen läßt. Man könnte die 
Uebereinstimmung Zwischen dem Variete-Betrieb und der Situa 
tion der Besucher sogar speziftzieren. Die Zusammensetzung des 
Programms gleicht nänrlich haarscharf der des jetzigen miLLelstän- 
dischen Bewußtseins, das die aus einer nahezu proletarisierten 
Existenz erwachsenden Forderungen mit den Ansprüchen zu ver 
einigen sucht, die den bürgerlichen Traditionen entstammen. So muß 
es eine Vorführung bejahen, die das Selbstgefühl dadurch stärkt, 
daß sie in den Rahmen des Varietes Attraktionen einbezieht, die 
eigentlich in der gehobenen bürgerlichen Sphäre beheimatet sind. 
Dem Geltungsbedürfnis der sozial gefährdeten Zwischenschichten 
ist gerade diese Sprenkelung besonders gemäß. Allerdings bedeutet 
die Uebernahme kabarettistischer und theatralischer Leistungen ins 
Variete eben nur einen Kompromiß. Jene Leistungen werden ja 
nicht nur aus ihrer ursprünglichen Umgebung herausgerissen, 
sondern haben sich außerdem den Notwendigkeiten des Varietes 
anzupassen, dessen Voraussetzungen nicht die ihren sind. Es 
duldet zum Beispiel keinen Zweifel, daß eine Conference, die sich 
aus breite Variete-Publikum wendet, nicht so durchpamtiert sein 
kann wie die im intimen Kabarett. Vergröberungen sind unaus 
bleiblich und sie wirken um so peinlicher, als man dazu genötigt 
ist, sie mit den oft vollendet ausgearbeiteten artistischen Nummern 
zu konfrontieren. Was diese betrifft, so ist, von der Terssina 
abgesehen, Fred SanLorn der Glanz des Soala-Programms. 
Ein exzentrischer Londoner Xylophonist, der wie eine E. T. A. 
Hoffmann-Mgur mit seinen Klimperstöckchen über das Podium 
geistert. Auch das Instrument, auf dem er, ständig in Bewegung 
begriffen, blinkende Tonskalen erzeugt, ist aus den Fugen ge 
raten. Es bjrgt in seinem Innern Bananen, und manchmal ent- 
fäbrt ihm eine' Taste, die gesondert angeschlagen werden will. Roß 
und Reiter find nicht ganz Lei Sinnen und insofern ein wasch 
echtes Produkt unserer Tage. 
Die RoLfer-Bühnen such Zwar verkracht, aber aus den Ruinen 
sprießt noch immer das von den flüchtigen Brüdern erweckte Leben. 
Abend für Abend strömt das Publikum in die Tropfsteingrotte des . 
„Großen Schauspielhauses", um sich hier die Freude zu 
verschaffen, die es draußen nicht finden kann. Je unsicherer die 
Zeiten sind, desto begehrter ist vermutlich eine Operette wie: „Ball 
im Savo y".' Sie "beansprucht nicht, ein Dauerwert zu sein, den 
man unter den jetzigen Umstanden ja auch kaum zu realisieren ver 
möchte, sondern gleicht viel eher einer Injektion, die sofort in 
einen Zustand der Beschwingtheit versetzt. Die momentanen Reize, 
die ste ausübt, sind größtenteils der Inszenierung zu danken. Diese 
appelliert sehr geschickt an die M a s s e n g e f ü h l e des Publikums, 
die durch den amphitheatraUsch ausgebauten Zuschauerraum erst 
recht ins Bewußtsein gehoben werden. Das Ballett etwa besteht aus 
einer Reihe von Girls und Boys, die wie ein Gleichnis der Masse 
wirken. Sind die Lrüppchen auch nicht wie m Amerika eine Selbst 
darstellung der dem Mechanisierungsprozeß unterworfenen Massen,
        <pb n="14" />
        . ^.rLaLuer» 
Schilderungen des Hotelmilieus. 
Bälle werden jetzt nicht nur im ,,Hotel Savoh" auf der Bühne 
gefeiert. Auch in den wirklichen Hotels herrscht ein ziemlich aus 
gedehntes Balltreiben, das aus den Sälen in die Hallen und 
wieder Zurück in die Säle flutet. Ja, der Eindruck ist nicht abzu- 
weisen, daß sich*das gesellschaftliche Leben in oiesem Jahr stärker 
als im vergangenen entfaltet. Wenn man die glänzenden Bilder 
betrachtet, die es bietet, hat man durchaus das Gefühl, als gingen 
wir wieder einmal herrlichen Zeiten entgegen . . . Eine Kombina 
tion aus Hotelleben und gesellschaftlichem Ereignis ist die von der 
„Genossenschaft Deutscher Bühnenangeho eigen" verunstaltete Ur 
aufführung des Films: „Mensschen im Hotel" gewesen. 
Lauter Prominente im Parkett "und auf dem Balkon, und als 
Auftakt ein Bühnenteil unter Mitwirkung von Generalmusik 
direktor Lert, Willi Domgraf-Faßbänder und Frau 
Salvatini. Warum das chinesisch vermummte Laban-Ballett 
der Staatsoper so verkrampfte Bewegungen machen muß, ist nicht 
recht einzusehsn. Oder spiegelt es die Zuckungen unseres politi 
schen Lebens wider? Zu erwähnen wäre noch das Programm 
blatt, das ein kalligraphisches Wunder ist. Uebrigens ist es jetzt 
nachgerade Zur allgemeinen Sitte geworden, bedeutende Filme so 
festlich herauszubringen. Die Einladungskarte zum Cecil de 
Mille's Millionenfilm: „Im Zeichen des Kreuzes", dessen Premiere 
in diesen Tagen stattsindet, hat die Form einer römischen Urkunde 
und ist mit einem Siegel versehen, das durch seine Amtsmiene 
den Empfänger zunächst in Schrecken versetzt. In besonderen Fällen 
werden die Filme sogar von Mitgliedern der Reichsregierung aus 
der Taufe gehoben. Der Film: „Menschen im Hotel" ist, wie man 
weiß, nach dem gleichnamigen Roman von Vicki Baum gedreht 
worden und zeichnet sich durch eine Besetzung aus, deren Prominenz 
die bei seiner Berliner Uraufführung versammelte fast in den 
Schatten stellt. Scin Wert fällt aber auch in der Tat mit dem der 
darstellerischen Leistungen zusammen, die dank der Regie Goul« 
dings spielerisch gut niemand ergreifen. Denn die Handlung 
selber, die das grausame Nebeneinander im Hotel veranschaulichen 
möchte, verdicht sich nicht zu irgendeiner Gestaltung, sondern ist 
eine Mittlere Unterhaltungsware, der in der Hauptsache jene 
PuLMumsschichten Bchall spenden werden, die in den großen 
Hotels rvcht verkehren. Äennt man solche Hotels nicht von. innen, 
so hört man wenigstens gern etwas über sie, und wem liefe nicht 
ein angenehmes Gruseln über den Rücken, wenn er eine ange 
messene Zeit in der Gesellschaft einer russischen Tänzerin, eines 
aristokratischen Hoteldiebs, eines Generaldirektors usw. verbringen 
darf? Vor allem dann, wenn sich Zeigr, daß auch diese unnahbaren 
Hotelgäste nur arme, geplagte Menschen sind. Die Autorin hat die 
Bedürfnisse ihres Publikums richtig erfaßt. Allein das Star 
Ensemble erhebt den Film Zum Rang eines interessanten und 
wichtigen Dokuments. Greta Garbo als russische Tänzerin: 
seit sie vor Jahren, ebenfalls unter der Regie Gouldings, Anna 
Karenina verkörperte, hat sich die Natur und das Spiel -dieser 
einzigen Frau nicht mchr so voll und hinreißend dar gestellt.^ (Ich 
werde über sie noch gesondert berichten.) Ivan Erawfords ^teno- 
tvpistin ist die sehr exakt ausgeformte Figur eines durch den 
Existenzkampf abgebrühten Mädchens; John Barrymore, ein 
heruntergekommener Edelmann, dem trotz seiner Di.bstähle innere 
Sympathie gehört; Wallace Berry, ein Generaldirektor mit 
parvenuhasten und Läppischen Zügen. Das Zusammenspiel dieser 
ausgezeichneten Kräfte, aus dem eigentlich nur Lyonel Barry- 
mores viel zu aufdringlich gestalteter Buchhalter Kringelem 
herausfällt, zwingt zu starker innerer Beteiligung. Sie wird noch 
vertieft durch die Genauigkeit des Details und die hervorragenden 
"''seinen mal. 
B? liu. 
Ja der Technischen Hochschule CharloLtenburg sind seist . 
Ergebnisse des engeren Wettbewerbs zur Erlangung von Borste 
gen für das bei Bad Berka geplante Reichsehrenma l aus 
gestellt. Zur Beteiligung aufgefordert waren die Schöpfer der beim 
ersten Wettbewerb ausgezeichneten Entwürfe, über die wir hier 
seinerzeit berichtet haben (vgl. „Frankfurter Zeitung" vom 18. Juni 
1932). Im Preisrichterkollegium, dessen Zusammensetzung annähernd 
erhalten blieb, saß diesmal an Stelle eines ausgeschiedenen Herrn 
auch Pros. Schultze-Naumburg. 
Unter den drei preisgekrönten Entwürfen befindet sich der von 
Wackerle und Bieder (München) an der Spitze. Er unter 
scheidet sich von der Mehrzahl der Projekte dadurch, daß er die 
' große Waldlichtung, die in den meisten Fällen als eine Art natür- 
s licher Vorhof aufgefaßt wird, mit einer Architektur erfüllt. Treppen 
führen zu einer riesigen Plattform, auf der sich eine Gebäudekompo- 
- sition erhebt, die aus einem Glockenturm, einer Ehrenhalle und einem 
, Kriegerheim besteht. Diese architektonische Anlage, die sich von dem 
wichtigsten Blickpunkt aus als geschlossenes Ganzes darstellt, er 
möglicht zweifellos eine klare, wirkungsvolle Gruppierung der Be 
sucher. Unverkennbar ist auch, daß sie sich sowohl im Aeußern wie 
im Innern um Schlichtheit bemüht. Die Silhouette ist unpathetisch, 
die rechteckige Ehrenhalle ein einfacher, von einer Balkendecke über 
dachter Raum. Dennoch erregt der Entwurf gewisse Bedenken. Um 
davon abzusehen, daß er den Wald architektonisch kaum mitreden 
läßt, so wirkt er nicht eigentlich wie ein Ehrenmal, sondern eher 
wie ein Kloster. Rein durch die Anordnung der Bauten erinnert 
die Ehrenhalle an eine Kirche, und das Kriegerheim, dessen Zimmer 
um einen Mittelhof gelagert sind, an ein Wohngebäude für Mönche. 
Es fragt sich überhaupt, ob das Heim hier sinnvoll unterbracht 
ist; wenn auch manche Erwägungen für seine Einbeziehung sprechen 
mögen. Jedenfalls sollten Affoziationen ferngehaUen werden, die 
mit einem Ehrenmal unmittelbar nichts zu tun haben. 
Im Entwurf der Stuttgarter Professoren U. Janssen und 
H. Wetzel wird die Architektur auf ein Minimum beschränkt 
und der Bedeutung des Waldes bewußt untergeordnet. Auf der 
Lichtung ist am Schnittpunkt der drei in sie einmündenden Wege 
ein Glockenturm vorgesehen; ferner eine längliche, das abgestufte 
Naturgelände bekrönende Ehrenhalle; schließlich eine auf diese 
Halle ausgerichtete Zufchauertribüne. Von dem Hauptplatz aus 
geleiten kurze Waldwege zum „Merheiligsten", einem mit sym 
bolisch gemeinter Architektur susgestatteten Rondell, und zum 
Denkmal der „Mutter". Der Reiz dieses Projektes ist, daß es den 
Stimmungswert der Landschaft voll ausnutzt und jedes künstliche 
Pathos vermeidet. Die Ehrenhalle entfaltet sich unterhalb der 
Baumwipfel, und die Gegebenheiten des Terrains spielen.eine 
aktive Rolle. Allerdings bringt die architektonische Selbstbescheidung 
den Nachteil mit sich, daß das Ehrenmal gar zu sehr ins Idyll 
entgleitet. Nicht so, als ob eine pompöse Monumentalität zu 
fordern wäre; aber der Gedanke des Mals kann doch nur durch 
eine Gestaltung verkörpert werden, die sich vom natürlichen Hinter 
grund deutlich abgrenzt. Hier dagegen ist das Architektonische so 
aufgelockert, daß es fast schon als Nebenwerk erscheint. Es ist so 
zusagen in einen Naturpark zerstreut hineingesetzt, statt aus diesem 
gesammelt aufzusteigen. Daran ändert auch nichts die Tatsache, 
daß die Rundung, die sich das „Ällerheiligste" nennt, einen be 
sonderen architektonischen Akzent erhält. Im Gegenteil, durch die 
betonte Ausbildung dieses abseits gelegenen Punktes tritt der 
bloße Naturcharakter des zentralen Platzes nur desto stärker 
hervor. 
Am genauesten durchdacht ist entschieden das Projekt von Pros. 
Wilhelm Kreis (Dresden), das wirklich allen Notwendig 
keiten eines Reichsehrenma'ls gerecht Zu werden sucht. Unstreitig 
hat es einsn viel monumentaleren Zug als die Leiden andern 
Entwürfe, einen Hang zur ungebrochenen Großartigkeit, der zum 
mindesten fragwürdig ist. Die nun einmal gestellte Aufgabe drängt 
jedoch schon von sich aus Zu einer wuchtigen Lösung, und außer 
dem legst sich Kreis eine kluge Mäßigung auf. (Wir erkannten 
bereits Leim ersten Wettbewerb die von ihm geübte Zurückhaltung 
an.) Er gibt der Idee des Reichsehrenmals, was ihr gebührt, 
ohne darum in leere Phrasen zu verfallen. Das gelingt ihm zu 
nächst durch die straffe architektonische Organisation. Von einem 
Sammelplatz aus, der vor dem großen Freigelände liegt, zieht 
sich durch ein aus drei Kreuzen gebildetem Tor eine abgetreppte 
Waldschneise zum Ehrenhof hinan, der das Grabmal enthält, 
sechzehn schwere Pfeiler umgeben die Stätte, die der Mittelpunkt 
der Feiern ist. Erst der Rückweg von hier führt dann zum Frei 
gelände selber. Es ist als Ausklang der Wanderung gedacht und 
mit einer plastischen Gruppe geschmückt, die das Lied vom Kame 
raden versinnlichen soll. Dank dieser GesamtkompoW erreicht 
Kreis aber noch etwas anderes: die sonst nirgends so gut geglückte 
Verbindung von Monument und Natur. Der Kommende nähert 
sich auf einem architektonisch ausgeformten Weg dem Monument 
des Ehrenhofs; der Gehende wird allmählich wieder in die Natur 
entlassen. So untersteht er von Anfang bis zu Ende einer sinn 
reichen Leitung. Schließlich schweift Kreis dort, wo er monumen 
tal sein muß, nicht willkürlich aus, sondern hält sich nach Möglich 
keit an die vom Thema bedingten Symbole. Wie die Kameraden 
gruppe den Abschluß bildet, so bezeichnet ein Mauerrelief, das die 
so lassen sie sich doch ebenso wenig aus einzelnen Individuen zu 
sammensetzen. Man erhalt sie überhaupt nicht durch die Addition 
individueller Einheiten, sondern kann sie höchstens in kleinste Be 
standteile zerlegen, in Girl- und Boy-Atome, die aber für sich 
allein keinen Eigenwert haben. Wie ein ins Freundliche gewendetes 
Widerspiel der Massen treten diese LanZkompanien auf. Sie sind 
harmlose Kulissen und vollführen ein paar nette Pauschalbewe- 
Mngm, bei denen dem Publikum ganz leicht zumute wird. Wenn 
so die Welt wäre ... Das Glück erfahrt eine letzte Steigerung in 
der SchlußapoHeose, die eine einzige MasserwerLrüderung ist. Zur 
Feier Madeleines durchmißt das Ensemble den Zuschauerraum und 
verschmilzt so mit der nun vollends aktivierten wirklichen Masse 
des Publikums. Um sie anzusprechen, unterstreicht die Regie auch 
noch das Groteske. Aus den gleichen Gründen, aus denen sich 
das Variete dem Theater annähert, kommt das auf breite Konsu 
mentenschichten berechnete Theater dem Varietö entgegen Der 
Hauptakzent liegt nicht nur auf der bezaubernden Stimme und den 
schönen Toiletten Gitta A! pars, sondern auch auf dem Paar 
Rosy Barsony und Oscar Denes, deren Leistungen zum Teil 
artistische Solonummern sind. Ihre Grotesktänze, ihre komischen 
Zungenverrenkungen usw.: das alles sind Produktionen, die in der 
Scala nicht minder zu Hause wären wie im „Großen Schauspiel 
haus". Der Aktionsradius der Operette wird durch sie unstreitig 
erweitert. Die Groteske schlägt gewissermaßen die Brücke zwischen 
dem hergebrachten Operettenstil und jenem Stil, den die heutigen 
Zwischenschichten verlangen, deren Dasein sich tief in das der Massen 
hinein erstreckt. Sie haben ihre Sprache noch nickt gefunden und 
neigen eben darum zur ausdrucksvollen Stummheit der Groteske.
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        eine 
und 
nungen auk, 
Der „kleine 
Ltänäen von 
gelullt, unä 
Diedtreklame 
Kriegergräbern gezeigt. Einfache Kreuze stehen auf einem 
Hügel oder, von einem Zaun umhegt, unter einem Baum. Manche 
dieser schmucklosen Gebilde sind ganz in die Landschaft einge 
gangen; öder vielmehr: die Natur ist durch sie neu besti^ - 
worden. 
Blüsedkissen am Laminkeuer ganr von der XuÜen- 
-weit übgetrennt. Me die ^Vodnung. so ^ird aued äas 
schon beim ersten Wettbewerb gerühmt wurde, krankt daran, 
er eine monumentale Treppe enthält, die keinen richtigen 
schluß hat. 
Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung wird auch 
ergreifende Sammlung von Soldatenfriedhöfen 
entsodsiäeuästen Oestalt auk: als ngst . äer 
bürgerlieden Melt vor idrer eigenen Deere 
unä dem Binbrued äsr IVirklmdkeit. 
desiedert gegen diese lebt Bdilino mit sM 
rrnu Lsnristts unä äer 8odvLAerin LIinns äudin. 
Der DinunääreiüiLiädri^e äer äsn väterlieden Iteied- 
dum geerbt dat, v/irä als Itenrasentant eines Wüten, 
kraktlos M'vordenen Bürgertums gesediläert, das sied 
ädured tnausend 8KeedduttxLmmaaühnadmen 2U be^lvaaddrreen snuedt. 
Bs gedeidt dinier überladenen Bauskassadsn, äie lie 
Dollborde sinä, unä sedlägt seine Besidens in ^od- 
daß 
Ab- 
in denen jedes ^Vort gedämokt klingt. 
8alon" B — dilinns ist mit lauter Degen- 
. „ .. e . i . n .. e .. r aukrei^enäen . Vollkommendeit" 
kiele niedt äer störenäs. 8tradl einer 
ins Zimmer Mianes, so väre diese im 
Die einer soleden Bxisten^ notlenäig xugeordnete 
^-Ugst tritt eines lages überrasedend dervor. Bdilivn 
oeobaodtst um 8eine-Dker einen 8treit xliseden 
einem Nann unä einer Brau, äer damit enäet oder 
äoed enäen dann, äaü diese von idrem Bedränger in 
äsn Bluü gestürmt lird. Bettet äer 2usedauer äie 
Loäi-okts? Odus ru dslksu, Rukt er äuvou. O^s Lr- 
eiems dst mässssii äis äak sr rum srstsomLi 
siek seibsr MMllübsi-MstsIIt virä. „In ailsu xroüsii 
1914 ausmarschierenden Truppen darstellt, den Beginn des Aufstiegs 
zum Gmb. Kurzum, der Kreissche Entwurf ist ein reifes, klar 
aujfgebautes Projekt, das der immanenten Kritik standhält. Die 
Kritik, die gewiß an ihm geübt werden könnte, hätte von außen 
her zu erfolgen und sich auf die in diesem Projekt dokumentierte 
Auffassung der geschichtlichen Wirklichkeit zu beziehen; eine Auf 
fassung, die freilich durch den Plan eines Reichsehrenmals von 
vornherein mitgesetzt ist. 
Alle übrigen Vorschläge, auch die angekauften, bleiben hinter 
den 'drei genannten weit zurück. Einer, der vorn Verfasser des 
Tannenberg-Denkmals herrührt, trumpft mit einem gigantischen 
Standbild auf, das seine Beschauer in Liliputaner und die 
Bäume in Zwerggewächse verwandelte. In einem anderen Ent 
wurf wird ein Oircus rnaximus angeordnet, aus dessen Mitte 
eine Pyramide emporsteigt. Außer solchen nicht eben begründeten 
Formenspielen finden sich Projekte, die mit Symbolen hantieren, 
ohne sie sich einverleiben zu können. So ist in einer Ehrenhalle 
eine Riesenglocke untergebracht, die jede Minute anschlägt, um an 
die Gefallenen zu erinnern. Ein literarisches Apercu; denn die 
Glocke paßt nicht zum Raum. Der vorzüglich durchgearbeitete 
Entwurf Ernst Zinssers, der seiner anständigen Haltung wegen 
Dasein selber vor Beberkallen bedütet. „Die genaue 
Controlle seiner Belegungen... " deiüt es von Bdi°. 
livv, „datten aus idm einen rudigen, müden Kann 
idm; aber sein Veduten ist idm so teuer, äaÜ er . vor 
äsr. unterdrückten Deidensedakt .des Nädedens äis 
Bluedt ergreikd Versteeke sind dinreiedsnä vordan- 
dendenn „dank äer nütxlieden Bonventionen, aus 
denen das Dasein äer Bourgeoisie bestedt, kam nie- 
manä auk äen dsäanken, darüber ru Wreeden". 
v ^ o o n räs D n ri i e s d t. ri I e i d s«t L " ur e L i o n d e ei m ?^^?Eei^d^ Däedeln gut den i Dwn ä en, da A s n I oe M d mö t räeriseder ^ i ar." 
Feuilleton ist-it nk Lued vor (6usts.v Lisnsnden^ 
mehrkaed abgelandelte Idema dieses Bomans 
ist äis ^ngst. lind 2lar lsist Dreen sis in idrer 
^brsedieäensten ^Eioden verraten, äaü es 
dmr niedt um eine mäiviäuelle, ns^edolo^ised ^u er- 
^u^st L^edt, sondern um äie äes Dürers. 
Ä?? ^KDed remden Deuten," sa^t Oreen an 
AoUe ^on Ddidno, ,.iagte idm äie ^rmut ^nLlst 
sind die IVidersaeder dieses Neu- 
10 ibm als kuredtdare und kureN^^^^ 
eut^entreten, äured^ve^ Deute aus 
dem Volk, seien es Arbeiter oder Diebe. Der mit 
der Drau streitende Nann, äen Ddilinn dort tritk&amp;lt;- 
von rbsitsrn. äis idm sdLk 8sd 
niedt, . L . . . bsr als -is idn srkiis^-n . 
Z 
2u äsm »om»Lr „rreibxut-- von 7ui;suOrssm 
Von 8. XraoLrlsr. 
M Stiübt iä äi k as i r l k lsn it äl ä unK bsrso ^r k v ti ü x r t t . vmisii, 
8t»ckt«-mdt SS OtzMLäM, äis erst im llslbäunksl äir ^ , urek s , t- ä ü ^ü t S v r r ssn ä s is s Lv n xs s t t äs s s s 
^s,brss Vssivdt bskommsn " Oso StSätsii sntsprsoksa losiseks kinsinäslmt unä so übsrbsstimm? 
äis Usnseksr,. Im RLlbäunksI erksnnt kkilipp. vss sr Imvotsiir Ersiiä äsr Soekrsit°im?&amp;gt;&amp;gt;?'/ 
o O lk ssi ä e s k k t r ä s s.8 km äs ä s ure ^ k siÄ m m ok s t s v is u t. üis: äaÜ ssm n^ros m k i k t U L -v s v nr e ie in tt « s. äs.L sr bsiä ^s^srswißiulls 
s t G re l t i e e n de äe O r em in ein ä se e d r uk 8 t it v u e u r t Ä m e n dtet ^o^t Ke i n e u ä ^ e , 
. 4 ^ u e ^ d st de ^ id e e i s a o nd st e a r r e k D v o o r r m ä e r n än^e^ beg ^ r i ü t n e d , et d e i n e 
n ä m r ie o o d t d i t v en d . d u e r 8 r e ie d e a n s u t i l n e s d e ^ r / t n u en e n rs^^u ä v a e s ^ rd r u L t n a k u u e n n l t d n - 
- eine belastet da- ^ben gebunden. Die 
t i e d brle L eo -i eiri d ' äie sie xu Ddilinn D tr i eeisbeen u n t oenrt i oo dt 
rm . °-» Oan « - t 5 rs 8 b v t u . . r M is i t « ," Mrä einm V al ouL r ° n- ? ' ^ ä " s b r r ', id ^ r 
.-iWkt» ikr ast^lE Lut-rH»»« ^I&amp;gt;sns Ks.-L»t, 
- L , LEMuenmeu Mvs^t .AusHJurodD 
ein nnärss A-I, Msrt er vor einem 
dnä Lrmkts.soks LbMssdon 
f1^^!,^roloks unä krolstÄrisr iäentiMk r.u sein 
«s sinon ASMU ru äskinisrenäsn ss- 
ksilsodEiedsn Ort dnt. erdsllt nued aus äsm Vsr- 
dLltsn äsr rnmillsnmitxllsäsr, äs.s mit äsm lldllivvs 
tsilvsiss ukorsinstimmt. Ossssn »einer 8odn llodsrt 
Lokulksritzii 
und denkt an^esiedts der vielen Nessor und^ ! 
uuk dem l'ised mit Verlangen an den grolle ^0^1? 
len Bveisesaal und an die ein^ Di ? 
dem biederen Dökkel aus gleiedem ^^bbu 
kur äsn Modttiked'äL°vg.r"« 
m äsn virä von seiner 
?rmsn 0^ treidt sie -u einem 
»u??llbEtors°V^ 
roed, in der Mde ä^^Ds^o^^^' es naed Nend 
äa u s k t s d ieedm Din oaar ^ tee ^ inlen d erwe B itaenr k rkoin t - t 
sjg diese ^rmnt ^^^^^bioders Bemerkung. daL 
ug.„ 
^&amp;gt;^bn ckren M liebte und äaü 
? o l b O un bä . an B ke s n is s t m d d ie ge in löd d n e e r n be l d ü i r e d n e, ?r im i- 
VL
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        und dis Ober naeb idm 2ü sättigen, aber idrs ^ngst 
vor dem üsvüssen ist so groll, dall sis sied binterber 
Bürgsrliebkeit gestaltet;. also gibt esaued einen ^us- 
vveg aus idr. Dr bätts darin Lu besteden, daL der 
seiner socialen Lage bald und dalb innge^ordsns 
Vdilipp diese Lu Lnd.e Wollte und der Wirkliebkeit 
Antritt ge^adrte. die idm dureb „die andern" vor 
^ugen geküdrt v^ird. Md v^ärs ein soleder ^usv^eg 
niedt 2U realisieren, so verlangte doed dis ^nlags des 
Romans 2um mindesten- daL er sied als Mögliedkeit 
dardots. 8tatt aber diese von dsr Dsstaltung selber 
erdobens Vorderung 2U berüsksiedtigen, v^eiedt Dreen 
idr dedarrlied aus, Dr misodt geseUsebaktliebs Ver- 
bältnisss ins 8piel, von denen er naodder niedts 
msdr wissen vüll; er unterstreiedt dis Bodingtdeit 
der ^NMt Vdilipps und tut dann so, als sei sie 
rein seeiisedsr ^.rt. Dbarakteristised ist das Bild, 
das er von der 8s ins entMrkt. 8is srsodsint im 
Lued niedt als eine Bauptader der arbeitenden 8tadt, 
als eins deutlied begrenzte Masserstraüe, dis in be 
stimmter Riedtun^ vorlaukt, sondern ^vird rum Muk 
odns Lonturen. Öa er lmmer^ädrend in Uebel 2e- 
düllü ist, nimmt idn kdilinu sbenso^eniK vadr vüe 
die ^irkliedksit, dis idn sedreekt. ^as er am Ilker 
spürt, ist vielmodr einÄ^ und allein das Moüon 
des Masses. Au Robert s^ auod von der 
8sins: „8is klisLt rasedor als bin Nensod ^edt. ^Uss, 
v^as man dinsinvirkt, vsrsedvindet und vird von idr 
kortaetra^en. Idretlve^en bensdmen sied disss viebe 
so krsed." ' 
Das dsiLt aber niedts anderes, als daü Orsen, 
seiner Lonrsption enll?6L6N, kdillpp ins Versieb des 
Uvtbiseben Lurüeknimmt. in dem Maus und Ven- 
rietts von ^nkanx an sind, ds^ik malt er dis Au- 
stände dsr drei Vsrsonen KroÜartis aus. Vis Vision 
der odnmäedtiKsn Vlians, dis in Kräder Vinis von 
^drisnns Nesurat abstammen konnte; dis 8traÜon- 
KänM Vsnriettss; dis livessndakten AusammsndänKS 
Lvüsedsn dsr (^rundanMt kbilipps und der 8or^o, 
mit dsr er ssin Ossiobt im 8piSLsl studiert odsr seine 
Os^iebts2unabms verkokt: das alles ist mit einem 
eingeborenen Mssen um die -Nodsllisrarbeit gs- 
staltet, dis 8ebieksa1s und Reidensodaiten im Mate 
rial der 8se1s verriobtsm 6rssn ist ein 8perLallst kür 
mvtbisebs Lonkigurationem Rrsilieb ksbren in die 
sem nsusn Vuob manods Aügs aus seinen krübsrsn 
nieder; ^vis er übsrdaupt niedt immer der Oskadr 
eines gewissen Manierismus entgedt. Kuller den Au 
Ltandsgemälden sind aueb noeb dis 8edluÜkormoln kür 
dis beiden Rrauen 2u bestätigen, dis gan2 in ssin 
Rorrsebaktsgobiot geboren, ^ls mvtdised bestimmten 
'Wesen v^ird äbnsn ksins VrlÖsung Luteil. Ver abgs- 
rirkolte Weg. den Renriette in abergläubiseber ^ngst 
besedrsitet, muK im stummen lod münden, und eine 
Onads bsdeutst es sebon, ^vsnn idr auk idm, einer 
Ruktspisgelung gleied, daZ Olüek der adnungslossn 
Lindbsitsiabrs ersobsint. träumend erbliekt sie ver 
lorene Rreuden, da idr dis Tukünktigsn versagt sind, 
lind Vlians? 8is kindst LV-ar rmlstLt den Mut, sied 
auk den als Reigling entlarvten Vbilipp 2u stürren 
batten.. 80 vsrbarrts sis sinigs Vskunden.. glsieb 
einer Verbrseberin." DaL Vbilipp selber, den die 
^.ngst des Vürgsrs bedrückt, dem magisebsn Airkel 
niebt entrinnen kann, der dis Vrauen umkängt, ist die 
eigsntliebs 8eb^äebs dieses Romans. Mit einer Vsr- 
stoektbeit, dis niebt nur mvtbised, sondern aueb 
reaktionär genannt werden muL, weigert sieb Oreen. 
von einer soLial kundiertsN Dn^irkliedksit aus auk 
eine sorial kundisrts Wirkliebksit binLudeuten. 80 
bleibt der Vrivatisr Vbiliup e^ig ein unsrlöster Vri- 
vatisr, der lauter unmogllebs ^usklüedte maebt, statt 
sieb dureb die mögliebs Veränderung seiner LxistenL 
von der Vngst Lu bskreien. Dr suedt in einer unbalt- 
baren Lebenspbilosopbie Vrost -— dis 8eine als 
ölsiebnis eines vagen Bedürfnisses ?u leben! —: sr 
rebelliert räellos und töriebt gegen dis bürgsrllede 
8iebsrbsit; er spielt am Lnds mit 8e1bstmordgedan- 
ken, die Lbm die Illusion eines ^svls ge^väbren. 
Lursum. dsr Bürger Vbilipp vird sussbends 2u sinem 
msnsebliebsn VVraek, dessen untvpisebes Vsrbaltsn 
böebstens psvebologi'Süb interessiert und dis mit der 
Lürgerliebksit gesetzte ^ngst ksines'vsgs aukbsbt. 
Das ist die Raebs, die Oreen kür seinen Mangel an 
Brkenntniskrakt ereilt. 
einem tvranniseben OsMssen su mikkallsn^. bliebt 
minder unbedingt ist die Vvrannei, mit der dis biaed- 
kadron der Alton 8edi oksalsgottdeiten Bsnristte vsr- 
sklaven. 8is existiert in der ^ngst des ^b s r - 
glau b ens und vürd als „kleine egoistisebs und 
launenbakts Versen" dingsstellt, die sieb gegen las 
8oda1ton und Walten dor unbokannton Blsmentar- 
kräkte dureb 2 emoniells Vorkodrungsn 2u biedern 
dokkt. BeLsiednend kür sis ist, daL sie den Weg ^u 
idrem (Islisbtsn naed einem streng innogodaltonen 
Ritus 2urüoklegt, dor dis bösen Oeistor versedouedsn 
soll. „Die junge Vrau rannte aus dem Baustor, doeb 
trot2 ibrer Lils und dor späten 8tunds Zögerte sie 
koinen ^ugsnbliek. den Weg ein^usedlagon, den idr 
eine abergläubisede OeWodndeit vorsedrieb und der 
mit den geringsten, vom Aukall bestimmten Linrel- 
beitsn nun kür alle weiten sinem unabänderlieben 
0esst2 entspraed." 
Dured die ubormäLigo Mrentuierung der beiden 
grauen und ibrer ^engsts lenkt (^reen vom eigsnt- 
lieden Romantdsma ab; dureb dsn VsrÄebt dar- 
auk, die Rottungsedanes siedtbar 2U maeben, dis dem 
gepeinigten Vbilipp verblieb, läLt sr es vollends im 
8tieü. Dabei ist er bereits bis su einem ^vioütigen 
Dunkt vorgedrungen. blaebdem. Vbilipp den Orund 
seiner ^ngst erkannt bat, Mit idm ein, daL sr dis 
unbürgorlieden Moments, die seine Osgenspielsr 
„ipd, iadrelang summarised als ..die andern" be- 
Leiebnet, „mit dsr ganzen Vsraedtung, dis in die 
sem Ausdruck liegt". Im seiden ^ugenbliek bemerkt 
sr aber aued dis Däeberllebksit seines bisdsrigsn 
Verdaitens. „Dr v^ar niedt einmal den andern eben 
bürtig, und dsr dünge. dor idn Ausgeplündert datte, 
vmr msdr v^ert als sr." Vier,. genau dier ist dis 
vmbre ^edso des Romans. DMn ^vonn Vbilipp die 
nötigen V.olgerungon aus dieser seiner Binsiebt Löge, 
müLts sr von der ^ngst bekreit werden Können. Die kür gebrandmarkt bält. ..Leine Rreude lag auk idren 
^ngst, die idn besitzt, ist als ein Vbänomsn der Aügen, die in der Müdsal dor Lust sieb vsrdärtet
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        und Verhaltensweisen zu glänzen, die nicht a xriori mitgegeben, 
sondern nur durch die Eingliederung in die Gesellschaft und zahl 
reiche empirische Erfahrungen zu gewinnen sind, formt sie vor 
wiegend Bestände, die, unabhängig von äußeren Relationen, aus 
- einer so vollen Existenz wie der ihren unschwer heraufgeholt wer 
den können. Man erzählt sich, daß die Garbo ein sehr zurückge 
zogenes Leben führe. Zweifellos hält sie sich auch darum allein, 
weil sie gerade die Erlebnisse und Verwandlungen ausscheiden 
muß, die den zwischenmenschlichen Beziehungen zwangsläufig ent 
wachsen. Sie verschleißen das Gattungswesen in der Regel zum 
mehr oder minder typischen Exemplar. Welche andere Darstellerin 
vermöchte allerdings'eine Allgemeinheitsstufe zu erfüllen, die noch 
höher wäre als der Typus? Indem die Garbo sich von der Welt 
absondert, gehorcht sie vertrauensvoll den Anweisungen ihrer 
Natur. Diese produziert aus sich heraus und ohne fremdes Zutun 
alle Grundgefühle und wesentlichen Einstellungen des Frauen- 
lebens. Auf ihnen ruht denn auch der Hauptakzent ihres Spiels. 
Im Film: „Menschen im Hotel" etwa entfaltet sie sich dort am 
stärksten, wo sie über ihre Liebe jubiliert. Es ist gleichsam das 
Liebesglück an sich, das sie darbietet, ein Glück, das nicht erst 
durchs Medium der Erfahrung hindurchgegangen ist, sondern 
schleierlos erscheint. Wenn sie es in vielen Variationen vor Augen 
führt, sg hat man den Eindruck, daß sie nur bei sich selber einzu- 
kehren braucht, um den ganzen Stoff des Glücks anzutreffen. Sie 
greift in die Saiten ihres Wesens und bringt die eigene Existenz 
zum Tönen. Damit hängt der andere Eindruck zusammen, daß 
, sie auf den Höhepunkten immer monologisiert. Der Gegenspieler 
wird ihr zum Gegenstand, an dem sie sich entzündet, die Fabel 
schenkt ihr Gelegenheiten zum Einsatz, und der Raum, den sie der 
Zofe oder dem Geliebten teilt, gehört ihr tatsächlich allein. Dabei 
drängt sie sich keineswegs vor; ihr Sein vielmehr, dem sie jede 
Geste entnimmt, drängt von sich aus die Außenwelt zurück. Es 
ist so angelegt, daß sie nicht nur wie in diesem Film das Glück, 
- sondern auch den Schmerz, die Enttäuschung oder die sich opfernde 
Liebe verkörpern kann. Auf die Verbildlichung solcher fundamen ¬ 
, Laler Zustände, die nicht so sehr einem bestimmten Frauentyp als 
s der Frau überhaupt zugeordnet sind, konzentriert sich in Wahrheit 
ihr Spiel. 
Der Preis, den die Garbo für ihre Größe zahlt, ist hoch. In 
folge des außerordentlichen Allgemeinheitsgrades ihrer Formu- 
. lierungen läuft sie stets die Gefahr, dekorative Wirkungen hervor 
!' zurufen. Vor allem in einem Ensemble, das sich durch realistische 
' Leistungen auszeichnet. Im Vergleich mit ihnen scheint die der 
Garbo manchmal stilisiert zu sein; obwohl sie viel zu reich ist, 
/ um ihre Zuflucht bei seinsmäßig nicht unterbauten Stilisierungen 
/ M suchen/M den Gattungsbegriff bestimmen, 
vhne sich näher mit der Empirie einzulassen, erzielen jedoch schon 
ihrer Weite wegen leicht den Nebenefsekt des Dekorativen. Ein 
greifender ist, daß sich die Garbo, um ihren Gestaltungen die gene 
relle Gültigkeit zu wahren, unberührt erhalten muß. Das besagt, 
daß sie sich nicht ins gelebte Leben mischen darf, dessen Bindungen 
die Reinheit ihrer Existenz trübten. Die von ihr gewählte Abge 
schiedenheit verrät auch einen (freilich notwendigen) Mangel. Den am 
Dazwischen. Dadurch, daß die Garbo rein ihre Natur ausspielt, ver 
zichtet sie automatisch auf alle mimischen Prägungen, die nicht nur 
eine Natur, sondern auch ein durch zwischenmenschliche Beziehungen 
gemodeltes Dasein zur Voraussetzung haben. Die Wiedergabe der 
fraulichen Grundhaltungen schließt die von besonderen Haltungen 
aus, die sich erst als Frucht eines wirklichen Existenzkampfes er 
geben. Das Letzte kann man noch aus sich selber herausschlagen; 
das Vorletzte niemals. Bei der Darstellung ausgesprochener Typen 
oder zwischenschichtlicher Regungen wirkt die Garbo daher immer 
schwächer. Im Film: „Anna-Christie" spielt sie ein Mädchen, das 
am Anfang als Dirne auftritt; aber das Dirnenhafte bleibt un 
erfüllt und wird nur formal charakterisiert. Aehnlich blaß erscheint sie 
in jenen Szenen des Films: „Menschen im Hotel", die dem Froh 
locken der Liebe vorangehen. Sie hätte in ihnen den Kummer der 
alternden Tänzerin zu formen, deren Ruhm zu verwelken be 
ginnt. Doch das Gebärdenspiel, mit dessen Hilfe sie dieses mensch 
liche Stadium schildert, ist kaum mehr als eine Draperie, die 
längst nicht eng genug aufsitzt. Wie schematisch die betreffenden 
Posen sind, enthüllt sich durch ihre Konfrontation mit der Mimik 
Joan Crawfords, die den Typ der vorn Leben abgewetzten Steno 
typistin so realistisch durchbildet, daß nirgends ein Hohlraum ent 
steht. Hier, wo es sich darum handelt, empirische Züge heraus- 
zukristallisieren, ist die Garbo der Crawford gegenüber im Nachteil. 
Wer aber nähme diese ihre unausbleibliche Schwäche nicht gern 
mit in Kauf? Denn zur Entschädigung dafür, daß sie die Erfah 
rungswelt nicht widerzuspiegeln vermag, gestaltet sie die Welt 
des Allgemeinen, die durch sie erst Erfahrung wird. ' 
Kreta Karöo 
Eine Studie. 
Von S. Kraeauer. 
Berlin, im Februar. 
Wäre die Garbo nur schön, so ließe sich daraus das Wunder 
ihrer Weltgeltung nicht erklären. Gewiß ist ihre Schönheit schon 
ein seltenes Ereignis. Wie der hohe Wuchs mit dem Gesicht zu- 
sammenklingt, wie die Gesichtszüge selber sich Zueinander verhalten: 
das alles ist so richtig und genau angeordnet, daß keine Einzelheit 
auch nur um einen Millimeter verändert werden könnte. Aber es 
gibt andere Darstellerinnen (Lil Dagover zum Beispiel), denen 
ebenfalls das Attribut der Schönheit zukommt. Dennoch unter 
scheidet sich die Garbo bereits im Aeußeren von ihnen, und zwar 
durch die Art ihrer Schönheit. Diese verträgt nicht die geringste 
nähere Bestimmung. Weder ist sie lieblich, noch großartig, noch 
auch darf man sie als blendend bezeichnen. Sie hat keine Eigen 
schaften, sie ist Schönheit schlechthin. 
Vorausgesetzt, daß sich in der Erscheinung eines Menschen sein 
Wesen darstellt, so kann eine solche nicht zu differenzierende Schön 
heit nur aus Zwei Arten der Existenz Hinweisen. Die eine Möglich 
keit wäre die, daß sie den Zustand völliger Leere ausdrückt. Das 
heißt, es ist durchaus denkbar, daß das Schöne, dem alle charakte 
ristischen Merkmale fehlen, ein Sein ohne Gehalt vergegenwärtigt 
und die Harmonie nur eine Larve ist, hinter der sich nichts ver 
birgt. Schönheit und Dummheit paaren sich oft. Die andere, der 
hier gemeinten Schönheit eingeräumte Möglichkeit ist die, daß sie 
aus der Fülle stammt und eine komplette Natur anzeigt. So ver 
hält es sich in der Tat bei der Garbo. Ihr Spiel bestätigt, daß die 
Schönheit, über die sie verfügt, nicht in der Armut, sondern im 
Reichtum der Existenz gegründet ist. 
Die Natur, aus der sie schöpfen kann, ist nun keineswegs allein 
die elementare, jene, die in die Seele hineinwuchert und den Geist 
abstößt. Denn ginge es nur um sie, so müßte sich ja die Schönheit 
der Garbo schon specifizieren lassen. Sie wäre dann wild oder auch 
mütterlich, und die Garbo selber verkörperte ausschließlich das 
Weib. Nicht so, als ob sie dumpfer Natur ermangelte. Im Gegen 
teil, ihr Sein ist durchaus kreatürlich bedingt, und man spürt 
immer neu, daß es noch in der Erde wurzelt. Etwas Volkshaftes 
setzt sich in ihrem Spiel häufig durch. Entscheidend ist jedoch, daß 
es bei den Manifestationen der Natur im engeren Sinne nicht sein 
Bewenden hat. Was sich in der Garbo kundgibt, ist vielmehr die 
gebildete Natur. Eine, die den Geist annimmt und durchläßt, statt 
sich gegen ihn Zu empören, und sich überhaupt allen wirklichen 
Mächten öffnet, die an die Existenz des Menschen rühren. Sie läßt 
sich mit Klugheit vereinen und reicht aus dem Dunkel dämonischer 
Besessenheit in die Helle schwereloser Gefühle. Anders ausgedrückt: 
die Garbo ist nicht so sehr das Weib als die Frau. Und es ist ein 
einzigartiger Glücksfall, daß sich in ihr sämtliche Elemente des 
unbewußten und seiner bewußt gewordenen Daseins zusammen- 
ftnden, ohne daß eines von ihnen um der übrigen willen hätte ver 
kümmern müssen. Entstehen sonst gewöhnlich 'Konflikte, die zu einer 
einseitigen Lösung Zwingen, so herrscht hier ein unverkrampftes 
latentes Gleichgewicht, das jeweils verschiedene Lösungen ermög 
licht. Der exakte Widerschein dieses Gleichgewichts aber ist die 
Schönheit der Garbo, die bedeutungslos wäre, wenn sie nicht das 
Miteinander vieler Bedeutungen enthielte. 
Beinahe wunderbarer als eine derartige Mitgift ist der Ge 
brauch, der von ihr gemacht wird. Ihm und nicht dem vorhandenen 
Fundus an Schönheit und Natur verdankt die Garbo den Welt 
ruhm, den sie besitzt. Er ist daran geknüpft, daß sie mit einem 
großen Können und einer vielleicht noch größeren Jnstinktsicher- 
heit genau das verwirklicht hat, wozu ihre Anlagen sie vorbestim 
men: die Frau, die nichts anderes ist Frau. Das eigentliche 
Geheimnis der Garbo besteht eben darin, daß sie einen Typus 
versinnlicht, der gar kein Typus ist, sondern gewissermaßen die 
Gattung selber repräsentiert. Wahrhaftig, die Gestalt, zu der sie 
sich in ihren Filmen verdichtet, erreicht einen so hohen Allgemein- 
/heitsgrad, daß alle nur typischen Züge wie ausgelöscht sind. Bei 
/anderen Schauspielerinnen kann man gewöhnlich Herkünfte und 
Schicksale erraten, oder doch irgend welche besondere Kennzeichen 
und Gaben feststellen, die ihnen ein- für allemal eignen. Sie sind 
so und so beschaffene Frauen, und ihr Aktionsradius ist daher auch 
beschränkt. Die Garbo dagegen entzieht sich jeder solchen Fixierung. 
Ihr Alter verändert sich fortwährend, ihre Nationalität spielt keine 
Rolle, ihre Erscheinung wechselt vom Mädchen zum Kind und vom 
Kind Zur Dame hinüber. Ebenso wenig wie sie chargiert, hat sie 
eine spezielle Note, die sich in ihr Signalement eintragen ließe, 
Sie ist die Frau als solche und nichts außerdem. 
Das Allgemeine, Gattungsmäßige zu veranschaulichen, gelingt 
^er dadurch, daß sie vor allem jene Gehalte darstellt, sie 
Anstatt in Gebärden, Nuaneierungen
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        Ho/ 
Dis KLrKsrlivkS 
Ra«i»k rieK8KSi»vr»tiQii. 
DsrUrne äex kamMs Dsutked, ätzrsn De^ekMtd 
01L r r- s V s r 8 mnn » in ikrem Itomun: „W L 8 
v i r ä nus ä eins n U j uä s r n / k i tt?" HrKW^ 
Ist KvmdMssd xemeint (ÄsbensFtMe-VsMA Vsrlitz- 
222 Leiten. Osd. M..M 4.80). Dis86 ^LMrlm M uvis 
üw VeMZsm-rrr soldsr im Vorwort 8a§t, „medts vsitvk. 
Ab smu. KpisIsDäsr Lyit üdsr eine tztvns.Mö^ors 
LMNNS smu . - /' In äsr 4Ät tznt^irkt äsr Kom^n 
ein ^ustZMsdilä, än3 aus äsr Vorkrie§?2eit bis LUin 
«I E 1M2 M unä vor Msm äis LskieksÄls äsr 
dÄ r g.s n! r e k s n ^LebkrisZsZsvsrntion 
AmtÄM. Toms DurstHllunZ ist Mit sinor bestimmten 
DenäenL vsrduüäen. ' 
VM äsr RomM üls sslobsr ksinsn LunstWert 
Lnspruebt, sei Asieb von vyrvdsrsiy bemerkt. Die 
?röSL. ttzt ANAsssLiekt, äw äsr MmT-- 
nisss msistsn8( im -UobmuteriA steoksn xshIisbM. 
Dennssb spriebt äa^ tzueb äsn Dsser an. Dm Mnr 
ä^vou LbLUssben, äuL Als Vsstanä Luknubmo 
t^prssber Verbältvisss sms M un^iebtitzs Dnnk- 
tis^/ srWH, so bsrübrt 'es UsrAäV äürsL SsinD Dn- 
dskÄksRdM. Lis ist in äissem äLs ^sisksn GMsr 
lLutsrsn OssinnunZ, ärs äsn Atokk srostkE äurok» 
äno^M unä sieb KeebensebLkt über unsers ZituLtioa 
LdlsKM moMs. vor Moll ist nur eksn trüb/vor» 
seblunKsn unä Mb. 
Dis D^luns bMnnt üM 1900 VLtsr Wt, 
einem sdrLÄMSQ VorkrisMt^äsr sieb vom Arbeiter 
Num WÄrkxsu unä Millionär empor- 
urdmtst unä vLKrsnä ä-sr IMMon visäsr Luk äsn 
Uunä kommt. ^.uL ärsssn VorKSsubiobts sntviskslt 
srsL äann äis siZsnilieLs NanälunA äis soLort ;n 
OsIsn-ULet vorstöüt unä äsm sebvisritzsv Dsbsn äsr 
^amillbUMH^nä Alt. Dis VsrkÄsssriL but 68 vers^ün- 
äsn, ibrs MN^ev UMseLM so LussunÄMn, änK sitz 
kür äus Däsein äss notlsiäsnäKn MttslstAnäss tvirk- 
!isL sxsmMrisob sinä. Dnä inäsm sis ssins Vsr- 
trstsr vor ^uZsn kükrt, erklärt sie ruAsW äis Os- 
mMvsrknsWNA in äsr sied ein ^sil uvsGrsr dürrer. 
Uebsn äuUsnä bskinäst. Du ist Linra, äis äureb äsn 
LTistsn^kÄMpk vor äsr Zützit 3lt unä vbrbrLUsbt ^irä; 
äL ist 8mi, äis einen rsiebsn Oslisdtsu ÜLt, von äem 
Eb kür äis DamiÜs MLnedmal bt^as abkMt; äu 
mt MsL, äis noeb Lw IKüMsm ' in' StsUuns ' btsrdt,-' 
sis sieb dsvE äsn LrkoräsrniZStzL äsr Lsit 
8.LMM. Ois^igrrr äiEs MäLbsns ist bssonäE« in-' 
tsrsssMt. Wie Llsu, so Abt (oäer ßab) W Nunäsrts 
vo^^dlisksn^ E nNsn MöAWss 
AukMlverunZsWittsin äsn KsEsedtsn junKsn unä 
rnsedsn LinäruM M, srrisrsn suMsn. ^iebt LUk 
^rrünäsv äer ^okettsrie, Konäsrn um sieb Konkurs 
rsnrMZtz M schAtsv. ^..schHM Ny^" 
MSN. DrÄZsss Rs^ensr^»" ksiM Sß von äer Msz. im 
rkomLN, ^sis übt OzrmnLstik unä nimmt WirsNÄsnns, 
äis ikr nooL äis msisten OiMsts leistet unä iüx LZZG 
vrrkLeksVrrssbs ^reüykKM,- ffM' HMkAt,. ^LL.. sks. 
. .immer U-oeb.5nbMs.kt MÄiekt, od^obj cks mÄr As 
LV'M Munäsn M Lbsr sie ist, vsnn 
sis küt ikrs ^mmA8tik unä KcLeusonns mA keine 
^eit kinäst, r^o A-ennenioA Müäo.^ KMrliek vitä -W 
trotr^ äieesr ^n^treMAm^sn später rütetrt LÜFsb^ut. 
l L.rdHlt8lÖ8iZksit.rsv'Md'Ms Kekiek^nl äsr vier Drü^ 
äö^..äEn MLisWüFMÄM kMikvA^MlE-^MeLLL... 
äbrt ^eräd^^^ bsiäsn Morsn, äis stu- 
äiert kLdoA no^..Mkär einen trLäitionLWbunäsnsn 
. lnäiviäueUen/-XnktMä., Verrüfen, äst kis vpr äem 
AusbrMK äer" ds8Mw.MAo8en La^rei äre^Lürt er- 
äer ^-ü^äeüsr^'äürMn in ssweL LvMM äM 
/MMMMLM -'Zu- ' 
- vord^Tsn Äsr MägerH,. -N 
Vpkär Mnes' ./MWsiMTM^ss AM.- äsr ^HrsKs Mrüok^ 
DöliU^ ös8.MÄ6 kMsn ''äLs--VE-.8Ls- änä 
DederbieMuv^sn ä^r t^pi^ebsn DiskuZkionen un8»rßr 
^sit'-unT' v^rtolUen --njE rulstrt..My.^Lvs.Hk^ .tie^ 
Minun^ Äer- ^eMW«Mn ^m. M drmMu.. 
Dims- Enäst.Äeü^ ffMM MrKsMib^ 
Unä ist ^usAeiMä äis äÄ äis RiedAmU 
^insrMrFHrfteLMMWökMtM^ 
LBeWtiMvK' rtzren xyWy.eÜM HeZEkenr/^ 
läeslen erWriA ZiK Ü.ier um meür,^ M sied Gmt^ 
lMs-AMtzmänäerheMnKM äse KuokW.LMisebou äen. 
Ätspr^Münt^ äer/^-bekjeMn voK, 
LiekeA I;m4rnM/M«?tzs mru mums! Dak- 
i^NK Eält, VAZ beuts bösonäsrö MerkAniit v-sräen 
muü, äsUSL LSpMIiWni^obs VüMertum äsn ^orränA 
äa§ ivVäsr Wk äsn dchmuek äer VsrnuM 
. ssme, vextiektsn MD Der^ Ms-Ditt/. äer 
är äsA LMsr- AUZebtztev k sM- Zsxvn 
Mäs äs8 Vueüs von. sswem sinstjLsn läealsn 
r erner Äsr RässsnbÄL .vo^^ unä kür äis 
^ebtun^ äes mäitirerien Oe^ers .xMort ObsEs- 
risti^bn ist äis WksväsME.. "sirW- 'üysAyäustriÄ- 
äsn, äM ss ^is DosMss ^Mbsrlen^ erbest, ä.si' 
Es DGen ^isäev rn -Äis Loks ^EbMsM.?E 
LM. äsr sr . sie kernusMioE KMe:' Räsm' Dsus' 
sx maekinA AsieL, . 'VsrsokÄM äiE Ln^ 
äürZen snälieb einen deMMsm 
unter äer VeäinMNF, äLÜ Äer^ MUs. knrW 
VON' EAer.'MMsMtzn VstWKnnK-E'ÄbLutL^E ^sr-.. 
8M.Wt.589 mAkntVernunkt»- 
Näüi^v^ unä -rsödnlieükeit sn - äie Atolls vsrblsn 
äster äksiäsLsebnktän / M „ZetM?- Im jMi^bn' ä-U^on» 
Mek ^e^innM LÄ&amp;lt;M ^enäevLsn unÄ^iüZ^^s^^^ 
MtoaliMt ' '"' . ' -'- ' 
Düne änk Ms VnM m mn MpM svä tzlnMinästs, 
KlinÄi ss äoM mik emem ^s-M^en, OptiVismus AUS. 
Uax, äer srklärts DiMinZ äer ^nton^ Liebt äürek 
sein uv^edroebM'HHMedti MusMe 2u^ 
külle Kerbel. Vruäer M siner LNMiekts- 
reioben ^rlinäun§- vsrlMt, so HroKsrt er sM Ornkt 
MZsnen Ziu8ntLs8 sM künktiZW .LibbtzsMe^ M&amp;gt; 
spriekt äutokMs äer Lomun vMtrMnw- Hruu&amp;lt;j^ 
KEunA/ äak äL^A^ NM' äsr -KtrnKo 
vor roden ^.nMÄsEÄ rettet, .eins äüAn ist. In. äsr 
OestM ältzss^ rsälieMn. niuM,MW-.'.M einsn "MZ- 
vsrlevsnen Zünden Unnnss Hat äis Verkn^ 
Zeviü niebt nur äsn DeniM Äer k^milis Dsnt^ek, 
sonäsrn nuelr äis dsstM DiAsvSLbLk^ äsutseben 
Volkes verkörpsm " Dr . 
' VL8 von" V rK Dk HüLn LBMNsUSItzdMH7 «MüL-.. 
H r 8^1° x'kl'Wr s -xä k Ä ü" (VÄvorsLl - MrüIEKoü' 
SrnM, MrUmS8.27.8.b.--äs-T2ZHt2t -um svsL- 
7'tLNMKl GpLokm-üt, btzdANchsit in seiützx ^U8KLÜS -IHZA7 
üie 6re! KroLsn ^r,&amp;gt;xLL8&amp;lt;,dpü ^rlmläüä^r vsuMNrsüZ, 
DüAsnä UM ^?AnkrbiM. Der üWkLQbrsrvüs, KeKöü 
'k'yssM-MMs'Dsnä.WrrorKt.SsÄ -LUsu--aD-'MQV,' 
kUm L^tlV-.trutsrHSsLexts^ LPvtsen Ov r^L^ksydiaT^ 
H^erk LN Ä6QSQ- Den NLUptrLBW QtzüWtzu äis 
ü^QFSQ unä Klosr^püien äsr jru loElM v.ü?Lsüäsü' 
VLV.. kär LüL seeLsustsn DurbisUer sLrr untSr äerren 
äis 7 VübnsMÜüstlbr slvs dssyüäsrs BsrüsKsioktiAHü^ 
UükekLkr 85 PkOZtzNr. ülls? dMW ^oüri!W tLtiKHA LMW 
ÄU8 äem TbtzLtsrdDtried bsrvoi-ZbxLNKeQ 8iuä.) Ko^sir 
es'-Ärrü NW 'VrcMiQSüts .bMä6lt7 L^t'äsn im LesMon 
portrÄrisneL 8edM8ple!srü; M-Wery, .^rtldrsü . ü^&amp;lt; 
ein ^teckbrrsk dbiVsseden, äer ^WkuHkt Mer , LNrK 
Vsrv.'6üäuü88räMKkstr erteilt. LZsksQüLsieüLeL ^veräen 
lü äenr KisuLiSNrßQt Äis ÄollHnkLeUers Äis -HrSLs.^ Ms 
,kLDdH' ^U-USÜ/Uüä' äer^ ÜAA-rs, 'äis' MAskte^ Ms . 
bport8 unä-. äs?Uteibüsu- .7 ^uskMrUebH A.ärtz8SsüiMtz 
erLHKey. üyyk 'äsu 'Wert ' äS8.,7MLäe8-^IL ÄM8/ Hs« 
2^l8odsü äex LusüdsMen LKübUsr« 
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- 'P yä -i x '"D sU s l' L ! b ' Mx SdekktzäLktE . ÄtzH^ 
-. LrelvkrLkilüLbl'srttzs, lssr UnE' äsD' Mtckl: »,VM VUm 
Mä '8siüs7 WÄt" 'siüE ^.H s i s-L 8 k ! kw d bs t ' 
üist-ss o k" .vor,, äsr- vom ÜUK7 - ^UMbrAM-- M» 
Hybtzirisü soll (pboty^ivo-VerlLZ, Berlin. 1^0 Mlteüs 
ßsd. DoS). Ms" Mit äsr PeräüssÄds äss ^lmLnuebL 
veMuüäens" ^Üsiedt' ist: eins 5lM Norm eiu^uriebr.B0., 
.'vvN/ - äep. .d« - VlMrHupäo- u-üL7 MlryssLafksQäs Ldrs 
.. Uelnunsey urÄ/KeBsM Mützdeü kSnven. Wie 
Zeäer RLmmeldÜQä, so versiüiAt LUeü äieser eirm 
' Wnils verssbisäeü'^tzrtiAsü NLterluiL Gsbunspisisr, Btz- 
Mssärs üüä MwproäuLtzLtsA^^ v sieb vov 
idrem. 8tUOäMüird ÄUD über, dtztzonäery, unä LttsstzWblüs 
^utbäben äss Vilms; Bueblsuts erUrtsrn. Äus Leusur- 
pröNem, VMxM Äsr" VrALÄsution uÄä äsr WerdnvS 
unL äis kiüoteskü^^ 8ttUGtivü- Bis Mter äsr 
.»Msr Vi!m lebt - von 'äer- !äe«u Lus^m msoOesteMsü 
Neiträsss -voL. ÄSolt BuntL, NLLRS^ SroäüitL, -BE ÄLo«. 
r»M UK^° vskirsten errrsuiWsrvslsG vor^ltz^tzüä' äiK 
.4.ukka8surrx, ML nur äer Vilm^ NeMLüä ksde, äsr ^UK- 
Bsx Wir^Uek^drt^ sebüpky. In äisssm 8lüü LüSsrt sieb 
uuek äer Le^ksssur Q. W. BK-dst Ne8oüäsr8 er- 
^Lkneü ist sM Artikel: ,Füm uM Lultur" von Vr° 
Kuolano äs kso&amp;gt; äem Direktor äes lutervZäloüAlsrL 
. Instituts kür ^tzkrtilmM'Sserr Ln7'KoM. Pie ^uK^ÄkI'Äsr^ 
Lur Nit3,rdsit Lw ÄlwäNLsk KUkKetsräerteü OieLtsr 
unä BekriktstsÄer seLeint ItziM M LUkÄBsproäukt 20 
vsm^ «ertE'Mä- 
-vmrleidEsMyräsm. 7 . s. -., - 
In äidKeM'7ÄU8EWMANR'Mi.ÄÄSb suk ÄMMMuLrs 
.dßkt äer „ZNässutsMeü ^onsäsdeNe" LukmerkKÄM Us-- 
' masLt, ääs als SoMernümmsr: V er äsut s e U s 
?' iä m'" tzrsskwMN Ist.. Ls/driüM ^uksätLs von Bete? 
- Dorklsr,' Äim- Meim:AtzM7Nr^ Reust Ruso Dorrs.U;- 
Nämunä 8edopsp uvä ÄnäereQ. In iürer OssumiNeit 
^sdbQ äiese SeitrLxs, äervü munoLsr eins kritiseüs 
WUräisuuss vskäieüte, intsregsMiL ^ukseblüsse über 
äis kultursUs DeäeutuüK äss äeutAekerr Riims. L r»
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        E -^L 
Gin Bati-Kttm. 
Berlin, im Februar 
Dr. Friedrich Dalsheim und Baron von Pless en haben 
von ihrer Expedition nach der Insel Bali den Film: „Die 
Insel der Dämonen" mitgebracht, der eine sehr glückliche 
Mischung von Kultur- und Spielfilm darstellt. Schon immer sind 
wir der Meinung gewesen, daß eine solche Mischung zu fordern sei. 
Sie ist dem rein dokumentarischen Kultur-Film gegenüber dadurch 
im Vorteil, daß ste die Bilder nicht nur mehr oder minder zu 
fällig aneinanderreiht, sondern ste nach einem kontrollierbaren Leit- 
prinzip auseinander hervorgehen läßt. Freilich kommt alles darauf 
an, daß die Handlung, die als Ariadne-Faden dient, auch wirk 
lich durchs Labyrinth der fremden Welt führt. 
Um dieses Ziel Zu erreichen, haben die Verfasser des Films, 
denen sich noch der landeskundige Maler und Musiker Walter 
Spieß Zugesellt, die Fabel auf Grund von Erzählungen und 
Berichten der Eingeborenen gestaltet. Sie ist also nicht von außen 
herangetragen, entwickelt sich vielmehr aus dem Rohmaterial, das 
vergegenwärtigt werden soll. Ihr Verlauf ist ungefähr folgender. 
In einem balinesischen Dorf lebt eine alte Hexe, deren Sohn die 
Tochter eines Kaufmanns liebt. Dieser erleidet durch einen Hahnen 
kampf schwere Verluste, für die er das Unwesen der Hexe ver 
antwortlich macht. Nachdem ihr auch noch die Schuld für eine 
Sonnenfinsternis und ein großes Kindersterben aufgebürdet worden 
ist beschließt die Gemeinde auf Rat des Priesters, den Hexensohn 
zu einer wundertätigen Urwaldquelle zu schicken, deren Wasser das 
Dorf retten wird. Während einige Mädchen Traumtänze produ 
zieren, hat der Priester, der ins Urwaldwasser schaut, die Vision 
eines Kampfes zwischen dem guten Geist Barong und dem bösen 
Dämon Rangda. Der Dämon wird getötet, und im selben Augen 
blick stirbt auch seine Verkörperung, die Hexe. Ein Danksest bildet 
den Beschluß. 
Der Vorgang, der sich eirnnal annähernd so zugetragen haben 
soll, bietet die Gelegenheit, das Dorfleben auf Bali in weitem Um 
fang zu Zeigen. Seine Schilderung fällt um so wirklrchkeiLsLreuer 
aus, als die Darsteller durchweg Balinesen sind, die überdies im 
Film zum großen Teil ihre Alltagsrolle spielen. Der reizende 
kleine Entenjunge des Films etwa ist tatsächlich ein Entenjunge. 
Mit einer erstaunlichen Sicherheit, die offenbar die Frucht einer 
langen und intensiven Kollektivarbeit ist, veranschaulichen alle 
Personen die verschiedenen Zustände ihrer realen Existenz. Am 
interessantesten ist wohl die tonfilmisch ausgezeichnet gelungene 
Wiedergabe der Traumtänze. Man steht, wie die kindlichen Tänze 
rinnen rasch in Tranes geraten und zur Begleitung lsNöerLarer 
Mädchen- und Männerchore ihre genau abgemessenen Bewegungen 
vollführen. Der Hexenglaube ist durch die noch vorhandenen 
Mythischen Gemeinschaftskräfte hinreichend fundiert. Großartig 
sind auch dse Hahnenkawpfszenen, die. Episode im Urwald und 
eine nächtliche Tanzerei. Dabei haben es die Autoren zum Glück 
keineswegs darauf abgesehen, nur seltene Ereignisse darzübieten, 
sondern versuchen nach Möglichkeit das ganze, stark kultisch be 
stimmte Dasein zu erfassen. Markttreiben, Bebauung der Reis 
felder, Straßenbegegnungen und häusliche Existenz: das alles' 
ist seinem Rang entsprechend behandelt. 
Gute Montage und schöne Bilder, die durch die hervorragende 
Abstufung der Helligkeiten auffallen, erhöhen den Wert des Films 
und drangen seine paar schwächeren Stellen vollends in den 
Hintergrund ab. Die Szene des Kindersterbens zum Beispiel ist 
zu abrupt eingebaut. Kein eigentliches Gebrechen dagegen sind 
gewisse Längen, die sich mitunter zu bilden scheinen. Sie erklären 
sich nicht aus der ungebändigten Lust am Berichten, sondern rühren 
von der Mischform her, die hier mit Recht gewählt worden ist. 
Manche Abschnitte, die vielleicht für die Spielhandlung unnötig 
wären, sind als Bestandteile des Kulturfilms unerläßlich. Und 
umgekehrt haben einige Szenen, die den Spielfilm voran treiben, 
nur eure untergeordnete dokumentarische Bedeutung. Da aber auf 
beiden Partien: der kulturellen sowohl wie der spielerischen, der 
gleiche Akzent ruht, ist auch das Nebeneinander purer Beschrei 
bungen und betonter Handlungseffekte kaum zu vermeiden. 
Vermutlich wird sich die Bali-Kultur nicht mehr lange in ihrer 
jetzigen Unberührtheit erhalten können. Um so wichtiger ist ein 
solcher Film. Er verhindert, daß diese Kultur in Vergessenheit 
gerät und bewahrt gerade diejenigen ihrer Aeußerungsformen auf, 
die sich aus literarischen und künstlerischen Zeugnissen nur unzu 
reichend erschließen lassen. 8. LraeLusr.
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        Diesen bettet bitte niebt entkernen! 
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